3/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 28 May 2025 10:22:39 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 3/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Queerfeindliche Querfront https://ansch.4lima.de/queerfeindliche-querfront/ https://ansch.4lima.de/queerfeindliche-querfront/#respond Mon, 26 May 2025 09:27:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=127504 Zwanzig Personen verhaftete die Polizei Ende März in ganz Österreich – es war ein Großeinsatz gegen die Hasskriminalität. Die mutmaßlichen Täter:innen, Teil eines neonazistischen Netzwerks, lockten schwule Männer über Fake-Accounts zu vermeintlich romantischen Treffen, quälten, beraubten und erniedrigten sie. „Wir haben es nicht mit zufälligen Einzeltäter*innen zu tun, sondern mit einem strukturellen Problem der Gewalt […]]]>

Zwanzig Personen verhaftete die Polizei Ende März in ganz Österreich – es war ein Großeinsatz gegen die Hasskriminalität. Die mutmaßlichen Täter:innen, Teil eines neonazistischen Netzwerks, lockten schwule Männer über Fake-Accounts zu vermeintlich romantischen Treffen, quälten, beraubten und erniedrigten sie. „Wir haben es nicht mit zufälligen Einzeltäter*innen zu tun, sondern mit einem strukturellen Problem der Gewalt gegen LGBTQIA+-Menschen“, kommentierte Mariam Vedadinejad, Aktivistin bei Queeramnesty, die erschütternde Eskalation homofeindlicher Gewalt.
Straftaten gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Menschen sind zuletzt auch in Deutschland gestiegen: Insgesamt 1.785 Fälle erfasste das Bundeskriminalamt im Jahr 2023.
Hass und Hetze gegen LGBTQs, ganz besonders gegen trans Menschen, ist inzwischen zur Erfolgsstrategie rechter Parteien und Meinungsmacher:innen mutiert.
„Ungarn schreibt Normalität in Verfassung fest“, so feierte etwa die FPÖ das „Aus für den Regenbogen-Wahn“ im Nachbarland, wo im April erneut Tausende auf die Straße gingen, um gegen das Pride-Verbot der Regierung Orbán zu demonstrieren.

Dort, wo einst plumper Antifeminismus die politische Rhetorik dominierte, sind heute Genderismus und „Auswüchse der Transgender-Ideologie“ die Schreckgespenster des rechten Kulturkampfs. Das macht ihn anschlussfähig für besorgte Eltern und das ARD-Hauptabendprogramm – aber auch sogenannte genderkritische Feminist:innen scheinen zunehmend jegliche Berührungsängste zu verlieren.
Als Mitte April der Supreme Court in London urteilte, dass das britische Gleichstellungsgesetz allein biologische Frauen schütze und trans Frauen somit ausgeschlossen werden, feierten das nicht bloß MAGA-Influencer:innen wie Arielle Scarcella. Auch Radikalfeministinnen weltweit jubelten – allen voran J.K. Rowling in Macker-Pose auf der Luxusyacht. Als die Heritage Foundation, Ideen-Schmiede des „Project 2025“, 2019 zum Anti-Transgender-Panel lud, fanden sich dort Vertreterinnen der radikalenfeministischen „Women’s Liberation Front“ ein. Auch in Großbritannien grenzt die „LGB Alliance“ ganz bewusst trans Menschen aus und wurde bereits von zahlreichen queeren Organisationen als „hate group“ gelabelt.
Rechte Parteien setzen längst gezielt auf Schwule und Lesben, die die eigene geordnete bürgerliche Existenz vor sich hertragen und Sexualität als Privatsache abtun. Eine Strategie, die Rechtsextremismus­expertin Judith Goetz im an.schläge-Interview (siehe an.schläge VI/2024) auch bei der AfD verortete: Alice Weidel als lesbische, verheiratete Frau, die nicht queer, sondern eine von den Guten, den „Normalen“ ist. Das übergeordnete Ziel der Rechten ist freilich ein anderes: Der Hass auf die queeren Abweichler und die „Trans-Ideologie“ dient als Werkzeug für die Wiedererrichtung der patriarchalen Ordnung, in der strikte Zweigeschlechtlichkeit vorherrscht und der gebärfähige Frauenkörper verfügbar gehalten wird. Auf dem Weg dorthin wird langsam die Temperatur erhöht. Wo immer der Faschismus die Macht ergreift, richtet er sich zuerst gegen verletzliche Minderheiten, die nicht mit der Solidarität einer breiten Gesellschaft rechnen können. Trans Menschen sind weltweit Verfolgung, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt, sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und Armut betroffen. In den USA verdoppelten sich die Morde an trans Personen allein zwischen 2017 und 2021, ein Großteil der Opfer sind Schwarze trans Frauen.

Kämpfe für die Rechte von LGBTIQs sind nicht bloß Kämpfe um öffentliche Toiletten und Pronomen, sie sind Kämpfe für elementare Menschenrechte und Würde, für soziale Gerechtigkeit und eine solidarische Gesellschaft – an der ein weißer, queerfeindlicher Feminismus offenbar kein Interesse hat.

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neuland: Habibi, es reicht https://ansch.4lima.de/neuland-habibi-es-reicht/ https://ansch.4lima.de/neuland-habibi-es-reicht/#respond Mon, 26 May 2025 09:22:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=127500 „Deutsch ist Pflicht, Habibi.“ So stand es auf einem Wahlplakat. Offiziell. Gedruckt. Abgesegnet. Irgendwo zwischen Hipness und Härte. Zwischen „Schau, wie locker wir sind“ und „Wir meinen das todernst“. Plakatiert für die Wien-Wahl von der Wiener Volkspartei, die wieder einmal die FPÖ rechts überholen will. Ein Satz, der gefallen will – aber nur trifft. Und […]]]>

„Deutsch ist Pflicht, Habibi.“ So stand es auf einem Wahlplakat. Offiziell. Gedruckt. Abgesegnet. Irgendwo zwischen Hipness und Härte. Zwischen „Schau, wie locker wir sind“ und „Wir meinen das todernst“. Plakatiert für die Wien-Wahl von der Wiener Volkspartei, die wieder einmal die FPÖ rechts überholen will. Ein Satz, der gefallen will – aber nur trifft. Und zwar genau die, die eh nie wirklich adressiert sind, aber immer angesprochen werden.
Und wir? Wir schauen kurz hin. Und dann wieder weg. Weil wir’s kennen. Weil wir’s schon hundertmal gesehen haben. Weil der Wahlkampf wieder da ist – mit seinen Reizwörtern, seinen Worthülsen, seinen alten Tricks. Weil es wieder nicht um Lösungen geht, sondern um Lautstärke. Um Bilder. Um Macht.
Deshalb folgt hier keine Analyse. Keine Empörung. Keine satirische Brechung. Keine moralische Bewertung, keine kluge Pointe. Nur ein Gedanke: Vielleicht müssen wir uns nicht jedes Mal neu aufreiben, wenn sich politisch eh alles wiederholt. Vielleicht dürfen wir auch einfach mal kurz raus aus diesem immergleichen Kreisverkehr der Krisen.
Der Asphalt dampft leicht nach dem ersten Regen, und irgendwo fällt Kirschblütenstaub auf das Display eines Smartphones, das niemand mehr anschaut. Ein Kind zählt Ameisen, mit ernster Miene und ausgestrecktem Finger, als würde jede von ihnen eine Geschichte erzählen. Eine alte Frau trägt frische Minze nach Hause, fest eingewickelt in Zeitungspapier, das nach Markt duftet. Ein Fenster steht offen. Die Gardine bewegt sich sacht im Wind. Drinnen läuft eine türkische Serie. Jemand lacht – laut, warm, schön vertraut. Vielleicht reicht das nicht. Vielleicht ist es naiv. Aber es erinnert daran, dass das Leben mehr ist als seine Parolen. Und was das Wahlplakat betrifft: Sprache ist nicht das Problem – Rassismus ist eines.

Fatima Kandil beobachtet Wahlkämpfe und Kirschblüten mit derselben Mischung aus Müdigkeit und Hoffnung.

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Lesbenparadiese https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/ https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/#respond Mon, 26 May 2025 09:14:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=127496 Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso […]]]>

Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel

Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso das so ist. Es sind Allianzen mit anderen weiblichen Tieren, durch die Bonoboweibchen ihre Macht sichern können, obwohl die Männchen stärker und physisch überlegen sind. „Weibchen unterstützen andere Weibchen, unabhängig davon, wie nah sie sich sonst innerhalb der Gruppe stehen und auch unabhängig davon, welche Gruppenzugehörigkeit sie haben“, so die Bilanz der Wissenschaftler:innen.
Auch die Autorin und Comiczeichnerin Ulli Lust, die sich 2009 mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ im Graphic-Novel-Genre einen Namen machte, widmet sich in ihrer neuesten Veröffentlichung „Die Frau als Mensch“ u. a. den Bonobo-Gemeinschaften. Im Grunde seien es „Lesbenparadiese“, die Äffinnen würden einander sogar beim Sex vorziehen. Gruppenvergewaltigungen oder Säuglingstötungen, wie sie beispielsweise bei den Schimpansen vorkommen, gibt es bei den Bonobos nicht, dafür Bisswunden und verletzte Penisse bei Männchen, die sich nicht unterordnen.
Ähnlich wie bei den Bonobos sei es wohl auch bei vielen unserer Vorfahr:innen gewesen, zeigt Lust in ihrem detailreich illustrierten Buch. Die Menschheitsgeschichte sei von Matriarchaten und gleichberechtigten Gesellschaften geprägt. Unser Bild vom Steinzeitmenschen als bärtigem Wilden mit Keule, und die Mär von den aggressiven Jägern und den häuslichen Sammlerinnen verdanken wir der androzentrischen und von Männern dominierten Geschichtsschreibung, die von der patriarchalen Gegenwart fälschlich auf die Vergangenheit schloss.
Es sind kleine Figuren wie die der berühmten Venus von Willendorf, die Zeugnis davon ablegen, dass stattdessen Frauen gehuldigt wurden. Und zwar über die allerlängste Zeit. Das Gebiet, in dem sich diese Figurinen finden, erstreckt sich über den halben Globus und über einen Zeitraum von 30.000 Jahren. Es ist die auf 43.000 bis 35.000 v. Chr. datierte Venus vom Hohlefels, die prägend für die Kunst der folgenden dreißigtausend Jahre werden wird. Sie ist das erste Zeugnis einer ikonischen Frauenfigur, die ohne Scham Brüste, Bauch und Vulva präsentiert.
Dass diese selbstbewusste Geste später im Kunstkanon der europäischen Kulturgeschichte männlichen Figuren wie Michelangelos David vorbehalten war, während nackte Göttinnen kauernd ihre Blöße verstecken mussten, hat der Autorin seit frühester Kindheit Rätsel aufgegeben, wie sie im autobiografisch grundierten Kapitel „Scham“ schreibt. Denn schon als Mädchen habe sie angesichts des schutzlos baumelnden Genitals spontan „Penismitleid“ empfunden.

Ulli Lust schreibt keine stringente, feministische Frühgeschichte der Menschheit, sondern springt in den in sich geschlossenen Kapiteln von Menschenknochen zu Menstruationsblut oder der Bedeutung der aus Ocker gewonnenen Farbe Rot. Und sie springt auch in die Gegenwart, wenn sie sich den perfektionierten Jagdkünsten der Khoisan-Buschleute in Botswana und ihrer Vertreibung aus der Khalahari widmet. Trotz Gerichtsbeschluss, wonach die Umsiedlungen rechtswidrig waren, müssen sie dort nun um Jagdrechte und den Zugang zu Wasser kämpfen – während es gleichzeitig Bewilligungen für Safari-Tourismus und Rohstoffabbau gibt.
Zentrales Thema der lesenswerten Graphic Novel ist nicht nur die These, dass es jahrtausendelang die Darstellung einer weiblichen Figur war, die den Menschen an sich repräsentierte. Mit Verweis auf die Forschungen der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy zeigt Lust außerdem, dass es insbesondere die Fähigkeit zu Empathie ist, die den „ultrasozialen“ Menschen erfolgreicher gemacht hat als andere Primaten. Die Menschheitsgeschichte ist demzufolge also gar nicht von Konkurrenz und Aggression geprägt, sondern von Solidarität, so wie sie von freigiebigen Wildbeuter-Gemeinschaften bis heute gelebt wird. Und von den Bonoboweibchen.

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Wir müssen besser werden https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/ https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/#respond Mon, 26 May 2025 09:09:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=127492 Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann. Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf […]]]>

Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann.

Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf Kuratoren, die ihr sagten, ihre Kunst schüre „Angst vor anderen Kulturen“. Und es wird auch bei den Wiener Festwochen gespielt werden. SOPHIA KRAUSS hat mit ihr gesprochen.

an.schläge: In deinem Theaterstück greifst du ähnliche Themen wie in deinen Filmen auf. Was hat die weiblichen Hauptfiguren in „Weisse Witwe“, die Königin Aliah und ihre Tochter, inspiriert? Sie wirken manchmal eher wie eine Satire gegenwärtiger Kulturkämpfe und nicht wie realistische Figuren.
Kurdwin Ayub: Die Königin Aliah ist das Sinnbild althergebrachter rassistischer Erzählungen. Sie ist die Angst der europäischen Gesellschaft vor der Zukunft ihrer Welt – in Form der muslimischen Frau. Aliah personifiziert all das, wovor sich diese Gesellschaft fürchtet: eine männermordende, bauchtanzende, orientalistisch überzeichnete Muslima. Ihre Tochter hingegen steht sinnbildlich für die Gegenwart junger migrantischer Frauen der Gen Z. Sie wollen mit rassistischen Klischees und Vorurteilen brechen. Und doch können auch sie sich nicht gänzlich dem europäischen Blick entziehen. Denn viele dieser antirassistischen Phrasen und Trends – und ich sage ganz bewusst Trends – spiegeln trotzdem die Sichtweise der europäischen Dominanzgesellschaft wider. Und akzeptieren oft nur eine bestimmte Darstellung von BIPoCs. Vielleicht ist also auch Aliahs Tochter ein orientalistisches Bild des Westens, nur auf eine neue Weise. Man merkt, es bleibt kompliziert.

An einigen Stellen im Stück wird eine weiße Linke kritisiert, die sich davor scheut, Kritik an marginalisierten Gruppen zu üben. Auch wenn diese von Betroffenen selbst kommt, erfährt sie oft wenig Solidarität. Hast du damit auch eigene Erfahrungen gemacht?
Deswegen ist das Stück entstanden. Ich komme aus Simmering. Simmering ist ein Wiener Randbezirk – und rechts. Ich habe immer Alltagsrassismus erlebt und komme dann in eine linke Kultur-Bubble, der ich mich natürlich auch selbst zuordnen würde. In den letzten Jahren fiel mir jedoch immer mehr eine Strömung auf, die Personen mit Migrationshintergrund diktiert, wie sie zu sein haben oder welche Kunst sie machen dürfen und welche nicht. Diese Haltungen kommen auch von rassifizierten Personen, und nicht nur von weißen Linken. Ich finde, dass es kein Diktat geben sollte, was Kunst darf. Es entstehen immer mehr Werke von BIPoCs, die exakt jene Kunst machen, die sich der weiße Kulturbetrieb von ihnen wünscht – von ihnen verlangt. Ich finde das tragisch. Mir fällt dabei auf, dass Festivaljurys oft aus weißen Europäerinnen bestehen, die Preise besonders divers vergeben wollen, und wählen dann aus, welche Kunst sie besonders „klischeebefreit“ finden. Und so bestimmen also wieder weiße Europäerinnen, was die „richtige“ Kunst ist: Sie entscheiden, welche migrantische Kunst klischeebefreit und welche problematisch ist. Man muss aber akzeptieren, dass all diese Menschen ihre Geschichten auf ihre Weisen erzählen wollen.

Beeinflusst auch deine kurdische Herkunft deine Kunst und deine Auseinandersetzung mit den Themen Islam, Patriarchat und Rassismus?
Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. In der postkolonialen Theorie wurde Ghandi viel diskutiert. Von Aktivisten, die nicht nur die britische Kolonialwelt verurteilt und Unabhängigkeit gefordert haben, hört man hingegen kaum. Es wurde schließlich auch gegen das Kastensystem und die Ungleichheiten in der indischen Gesellschaft angekämpft. All diese Kämpfe werden heute oft vergessen. Es ist unglaublich wichtig, weiße Vorherrschaft zu kritisieren. Aber es gibt auch Schuld und Ausbeutung im Osten. In arabischen Filmen und Serien werden Kurd*innen immer noch als Vergewaltiger und Kriminelle dargestellt, Ungleichheit gibt es nicht nur im Westen. Ich selbst würde mich jedoch weder als Kurdin noch als Österreicherin identifizieren, mir fehlt die kulturelle Verbundenheit. Ich setze mich vielleicht gerade deshalb mit all diesen Widersprüchen aus­einander, weil mir die Identifikation mit jeder dieser Gruppen fehlt.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du deine eigene Bubble aufwühlen willst. Du willst weg von dem Anspruch, das Kunst niemanden verletzen darf. War das auch bei „Weisse Witwe“ dein Ziel und hast du es erreicht?
Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass man auch solche Stimmen wie meine hören muss. Ich bin keine Mainstreamkünstlerin. Ich weiß, wer meine Zielgruppe ist, und diese ist kein Querschnitt der deutschen oder österreichischen Gesellschaft. Wir alle leben in Bubbles – und ich habe auch nicht den Anspruch, meine linke Kultur-Bubble fertig zu machen. Ich bin selbst Teil dieser. Aber ich finde es ziemlich schade, nur Kunst zu machen, bei der sich das Publikum auf die Schulter klopft und sich danach sagt: „Wir sind alle gute Menschen. Wir alle haben gute Moralvorstellungen – und das Stück hat das bewiesen.“ Wir müssen besser werden.

Deine Werke behandeln dabei auch immer Themen voller politischer Sprengkraft, gerade in Zeiten eines globalen rassistischen Backlash. Siehst du hier eine eigene aktivistische Verantwortung?
Ich passe stark auf, was aus meinen Filmen oder meinem Stück aus dem Kontext entrissen wird und an die Öffentlichkeit kommt. Bei „Weisse Witwe“ gibt es nur einige Passagen, die in der Presse und im Fernsehen besprochen werden dürfen. Ich will nicht, dass meine Ideen verkürzt und verdreht werden. Wo ich kann, versuche ich Einfluss darauf zu nehmen, welche Headlines entstehen. Oft gibt es reißerische Darstellungen meiner Kunst – komplett aus dem Kontext gerissen. Bei meinem letzten Film MOND will ich z. B. nicht, dass sich Rezensionen nur um die Rolle von Frauen im arabischen Raum drehen. Auch bei meinem Theaterstück achte ich darauf, sensibel mit dem Thema Islam umzugehen. Ich überlege mir sehr genau, was ich wie inszeniere. In dem geschützten Raum eines Theaters oder Kinos sieht man ein ganzes Werk und es wirkt auf einen. Einzelne Stellen, die aus ihrem Kontext entfernt sind, können missverstanden werden. Und ich möchte nicht, dass meine Werke auf effekthascherisches Clickbait heruntergebrochen werden.

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Selbstzweck & Selbstverwirklichung https://ansch.4lima.de/selbstzweck-und-selbstverwirklichung/ https://ansch.4lima.de/selbstzweck-und-selbstverwirklichung/#respond Mon, 26 May 2025 09:00:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=127488 Gebären oder nicht – diese Frage stellt sich die Autorin seit ihrer Kindheit. Von SOPHIA KRAUSS »Alle meine Freundinnen, die Kinder haben, gehen durch die Hölle. Ich kenne niemanden, der heutzutage Kinder hat und glücklich ist«, sagt Popstar Chappell Roan bei ihrem Auftritt im Hype-Podcast „Call Her Daddy“ ungerührt. Ihr Statement reiht sich ein in […]]]>

Gebären oder nicht – diese Frage stellt sich die Autorin seit ihrer Kindheit. Von SOPHIA KRAUSS

»Alle meine Freundinnen, die Kinder haben, gehen durch die Hölle. Ich kenne niemanden, der heutzutage Kinder hat und glücklich ist«, sagt Popstar Chappell Roan bei ihrem Auftritt im Hype-Podcast „Call Her Daddy“ ungerührt. Ihr Statement reiht sich ein in eine lange hitzig geführte Debatte, die aktuell auch auf Social Media boomt. Es ist eine Diskussion rund um die doch sehr intime Frage, ob man gebären will oder nicht, Kinder großziehen will oder nicht – eine Diskussion über das Für und Wider von Elternschaft im Allgemeinen und Mutterschaft im Besonderen. Ich selbst bin erst Mitte zwanzig, trotzdem drängten sich mir diese Fragen seit meiner frühen Kindheit auf – und immer wieder stieß ich auf neue Antworten. Für diesen Text sprach ich mit Freundinnen und habe mich dabei der existenziellen Frage angenähert: gebären oder nicht?
Meine Recherche beginnt bei meiner Mutter. Ich frage sie: „Wann hast du entschieden, Kinder zu bekommen?“ Sie wuchs in einem katholisch geprägten Dorf in Bayern auf. „Dein Vater und ich hatten eine schöne Zeit“, sagt sie, „wir haben ein Haus gebaut, Familie geplant. Und wenn man einmal den Wunsch verspürt, Kinder zu bekommen, dann wägt man nicht mehr ab. Ich dachte damals, mit diesem Mann werde ich mein Leben verbringen, er wird der Vater meiner Kinder.“ Irgendwann wurde sie von diesem Mann verlassen. Sie war fortan alleinerziehend, ihr Leben war geprägt von prekären Lohnarbeitsverhältnissen und nie enden wollender Care-Arbeit. So wie meiner Mutter geht es vielen alleinerziehenden Frauen. Im Jahr 2023 war mehr als jeder dritte Ein-Eltern-Haushalt in Wien, bei denen es sich zumeist um Mütter mit ihren Kindern handelt, armutsgefährdet. Familien in Ein-Eltern-Haushalten stellen die am meisten armutsbetroffene Personengruppe in Österreich dar, die Problematik hat sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft. Wenn ich mich selbst frage, ob ich einmal Kinder haben möchte, lässt sich die Antwort niemals von meiner Erfahrung als Tochter einer alleinerziehenden Mutter trennen, die in Armut und emotionale Selbstaufgabe gedrängt wurde. Auch meine Freundin Sophia wuchs bei einer alleinerziehenden Mutter auf: „Ich habe früh überlegt, ob ich Kinder haben möchte. Die Antwort war immer: Nein. Ich hatte meine Mutter vor Augen. Ich will nicht mein eigenes Leben opfern müssen, um meine Kinder großziehen und ihnen ein gutes Leben garantieren zu können. Ich will nicht, dass all meine Wünsche und Träume sekundär und andere Menschen immer wichtiger sein werden als ich selbst. Dass meine Mutter so alleine war mit unserer Erziehung, ist vielleicht einer der prägendsten Gründe, warum ich heute keine Kinder will. Manchmal denke ich mir trotzdem, ich wäre gerne so eine coole Mutter, wie meine es war.“

Wenig Forschung. Warum sich Personen, die schwanger werden können, gegen Kinder entscheiden, ist bislang wenig erforscht. 2023 publizierten Forscherinnen der Dualen Hochschule in Gera eine Studie zu gewollter Kinderlosigkeit, bei der rund 1.100 cis Frauen interviewt wurden. Die Studienergebnisse lassen hierbei jedoch nicht die These zu, dass die Rollenmodelle der Herkunftsfamilie einen Einfluss auf den ausbleibenden Kinderwunsch haben. Es lässt sich zudem erkennen, dass etwa drei Viertel der gewollt kinderlosen Frauen ihr Aufwachsen in der eigenen Herkunftsfamilie als glücklich bis sehr glücklich bewerteten. Die Ursachen für die gewünschte Kinderlosigkeit lagen stattdessen für achtzig Prozent der Befragten in den größeren Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, für 73 Prozent in der Freiheit von Verantwortung und für 64 Prozent in den finanziellen Vorteilen.
Sophie, die vor zwei Jahren Mutter wurde, berichtet von dem großen Druck, ihr eigenes Leben, ihre eigenen Wünsche, ihre Bildung, ihren Beruf und ihr Kind miteinander zu vereinbaren. „Das ist mein größtes Problem.“ Und es ist immer noch ein weibliches: Allgemein haben Frauen in Deutschland im Jahr 2022 pro Woche durchschnittlich rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit geleistet als Männer. Frauen mit Kindern leisteten in der Woche knapp 39 Stunden unbezahlte Arbeit.

Egoismus. Sophia sagt: „Vielleicht ist es egoistisch, so sehr an sich selbst zu denken.“ Clara meint: „Ich weiß nicht, ob ich Kinder bekommen will, denn ich liebe mein Leben so wie es gerade ist, dafür habe ich lange gebraucht. Die Chance, dass mein Leben durch ein Kind ein schlechteres wird, existiert. Und ehrlich gesagt, finde ich beides auf seine jeweils eigene Art egoistisch: Kinder zu bekommen oder eben nicht.“ Die Autorin Sheila Heti formuliert in ihrem Roman „Mutterschaft“ ähnliches: Vielleicht ist eben auch der Wunsch nach eigenen Kindern ein egoistischer, denn in ihm steckt das Bedürfnis, der Welt seinen Stempel aufzudrücken, sie nach seinem Bild zu formen. Auch Frauen müsse es möglich sein, zum reinen Selbstzweck zu existieren, schreibt Heti. Trotzdem hadert sie: „Manchmal bin ich überzeugt davon, dass ein Kind allem, was ich tue, Tiefe und Bedeutung geben wird.“ Beiden Entscheidungen, die für oder gegen Elternschaft, liegt der egoistische Wunsch nach Selbstverwirklichung inne. Die eine kommt nur ohne Kinder aus. Auch die Sängerin Charli XCX verhandelt diese Gefühle in „I think about it all the time“: „Should I stop my birth control? ‚Cause my career feels so small in the existential scheme of it all.” Oft übt auch das familiäre Umfeld großen Druck aus – eigene Kinder seien doch notwendiger Teil eines jeden Lebensentwurfs. Sophia sagt: „Meine Großeltern sind aus allen Wolken gefallen, als ich meinte, dass ich keine Kinder will. Sie sagten dann, dass sich das sicher noch ändern werde.“

A baby might be mine. Charli XCX singt: „I finally met my baby. And a baby might be mine.“ Wie auch schon bei meiner Mutter spielt auch hier die romantische Paarbeziehung eine fundamentale Rolle, wenn man sich für oder gegen Elternschaft entscheidet. Meine Mutter verliebte sich damals eben nicht nur in einen Partner, sondern auch in den potenziellen Vater ihrer Kinder. Manchmal denke auch ich, dass es eines der romantischsten Gefühle sein muss, mit einem anderen Menschen ein Kind zeugen zu wollen – und erkenne unerwartet meine Mutter in mir. Sheila Heti schreibt in ihrem Roman viel über die Beziehung zu einem Mann, und wie die romantische Liebe und ihre Gedanken über Mutterschaft miteinander interagieren: „Wie erotisch ich es fand, ein Kind auszutragen, das zur Hälfte von ihm wäre.“ Und doch muss partnerinnenschaftliche Liebe nicht zwangsläufig zu Kindern führen. Die Studie aus Gera belegt, dass es gewollt kinderlosen Frauen keinesfalls an Partnerinnen mangelt. Sie entschieden sich vielmehr aufgrund der hohen Zufriedenheit in jenen Paarbeziehungen gegen Kinder. Clara sagt: „Mein jetziger Partner wäre eine unglaublich tolle Elternperson. Aber ich will einfach kein Kind in einer klassischen heteronormativen Familie großziehen. Und ich glaube ehrlich gesagt, man denkt sich immer: So werde ich bestimmt nicht, und am Ende wird man dann genau so.“ Mara ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass wir in queeren und feministischen Communities Heterobeziehungen so stark hinterfragen. Und dazu gehört vielleicht auch, stärker zu hinterfragen, ob man in diesen Heterobeziehungen Kinder haben will.“

In eine Welt wie diese? Fast alle meine Freundinnen beschäftigt auch die Frage: „Sollte man in eine Welt wie diese Kinder gebären?“ Laut der Studie aus Gera entscheiden sich z. B. fünfzig Prozent der Befragten aus umweltbezogenen Gründen gegen Kinder. Viele meiner Freundinnen und ich selbst sind dabei vergleichsweise privilegiert, oftmals weiß, überwiegend cis, akademisiert, wir leben in europäischen Großstädten. Trotzdem sagt Vinya: „Ich möchte kein Leben erschaffen, wenn es in einer so schlechten Welt leben muss. Was ist mit dem eskalierenden Faschismus? Und trotzdem würde ich niemanden vom Kinderkriegen abhalten wollen. Wenn wir eine lebenswerte Welt erkämpft haben, dann muss ja auch jemand in dieser Utopie leben.“
Und ja, vielleicht wird es einmal eine Welt geben, in der Chappell Roans Freund*innen glückliche Mütter sein können. Bis es so weit ist, werde ich es wiederum mit Sheila Heti halten, die in einem Interview mit ihrer eigenen Mutter sagte, dass ihr Leben vermutlich mit oder ohne Kinder ein glückliches sein könnte.
Allerdings gilt leider auch, was meine Freundin Clara sagt: „Ich habe jedenfalls krasse Angst, diese Entscheidung – wie sie auch ausfallen mag – eines Tages zu bereuen.“

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Solomütter https://ansch.4lima.de/solomuetter/ https://ansch.4lima.de/solomuetter/#respond Mon, 26 May 2025 08:48:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=127482 Immer mehr Menschen wollen ihren Kinderwunsch auch ohne Partner*in umsetzen. Solomüttern werden dabei viele Steine in den Weg gelegt. Es ist verrückt«, sagt Sabrina Mondini, während sie ihr einjähriges Kind vor dem Bauch trägt. „Einerseits erlebe ich die Solomutterschaft als emanzipatorischen Akt: Ich habe mich für etwas entschieden, das ich mir sehr gewünscht habe – […]]]>

Immer mehr Menschen wollen ihren Kinderwunsch auch ohne Partner*in umsetzen. Solomüttern werden dabei viele Steine in den Weg gelegt.

Es ist verrückt«, sagt Sabrina Mondini, während sie ihr einjähriges Kind vor dem Bauch trägt. „Einerseits erlebe ich die Solomutterschaft als emanzipatorischen Akt: Ich habe mich für etwas entschieden, das ich mir sehr gewünscht habe – und ich hatte die Möglichkeit, es zu verwirklichen.“ Das Baby, dessen alleinige Erziehungsberechtigte Sabrina Mondini ist, schlummert zufrieden in der Trage. „Andererseits hat mich diese Entscheidung in eine Situation gebracht, in der ich stark benachteiligt bin – sowohl finanziell als auch aufgrund gesellschaftlicher Diskriminierung“, fährt sie fort. „Ich lebe nun ein Minderheiten-Familienmodell, das viele Menschen nicht kennen oder nicht für unterstützenswert halten.“

EINELTERNFAMILIE. Sabrina Mondini versteht sich als Solomutter – und folgt dabei der Definition, die auch der Verein Solomütter Deutschland nutzt: Eine Person entscheidet sich aktiv dafür, ein Kind zu bekommen – und zwar weder in einer Partnerinnenschaft noch in einer Co-Elternschaft. Darüber hinaus unterscheiden sich Solomütter von Alleinerziehenden durch eine Familienplanung, die unabhängig von weiteren Personen verwirklicht wurde, auch wenn die Lebensrealitäten sich mitunter ähneln. Für die meisten Solomütter ist dieser Weg nicht die erste Wahl, erzählt Sabrina Mondini, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses. Er erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage: Möchte ich ein Kind – und bin ich bereit, eine Einelternfamilie zu gründen, die von heteronormativen Familienmodellen abweicht? Ist die Entscheidung gefallen, bedeutet das keineswegs, dass der darauffolgende Weg vorgezeichnet und ohne Hürden ist – im Gegenteil. Für Menschen mit Uterus stellt sich nun die Frage, wie sie schwanger werden.

In Deutschland ermöglichen immer mehr Bundesländer Alleinstehenden den Zugang zu Kinderwunschkliniken. Dennoch bleibt die finanzielle Hürde hoch: Während verheiratete heterosexuelle Paare staatliche Unterstützung für Kinderwunschbehandlungen erhalten, sind queere und unverheiratete Paare oft auf komplizierte, schwer zugängliche Förderprogramme angewiesen. Für Solomütter ist die Lage besonders schwierig: Sie müssen sämtliche Kosten – von der Behandlung über Medikamente bis zur Samenspende – selbst tragen, ohne Aussicht auf Erstattung durch Krankenkassen oder Finanzämter. Besonders betroffen sind Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen wie Endometriose, die oft intensivere Behandlungen benötigen – und damit noch höhere Kosten zu stemmen haben. Unabhängig davon, ob eine Kinderwunschklinik aufgesucht wird oder die Befruchtung anderweitig erfolgt, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, um schwanger zu werden: mittels einer anonymen Samenspende über eine Samenbank oder einer privaten Spende. Beide Wege bergen eigene Herausforderungen.

Bei einer „anonymen Samenspende“ bleibt die Identität des Spenders gegenüber der Empfängerin anonym. Dennoch haben Kinder, die auf diesem Weg gezeugt wurden, das Recht, ihre genetische Herkunft zu ­erfahren. Dieses Recht ist seit dem 1. Juli 2018 in Deutschland im Samenspenderregistergesetz (SaRegG) verankert: Ab dem 16. Lebensjahr können betroffene Kinder Auskunft über die Identität des Spenders erhalten. Damit soll ihr Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gewahrt bleiben, während die Anonymität des Spenders gegenüber der Empfängerin bestehen bleibt. Auch in Österreich haben durch Samenspende gezeugte Kinder das Recht, die Identität des Spenders zu erfahren – dort bereits ab dem 15. Lebensjahr.

RECHTLICHE RISIKEN. Ein zweiter Weg zur Solomutterschaft ist die private ­Samenspende – entweder durch Bekannte oder vermittelt über eine Plattform. Dabei vereinbaren die Beteiligten individuell, welche Rolle der Spender spielen soll. Diese Option ist kostengünstiger und oft auch leichter zu realisieren, da Klinikbehandlungen und Spendersamen teuer sind und privat finanziert werden müssen. Doch sie birgt auch rechtliche Risiken – etwa im Umgang mit Behörden oder bei späteren Unterhaltsfragen. Die Gefühle aller Beteiligten – Mutter, Spender und Kind – können sich im Laufe der Zeit ändern, was dazu führen kann, dass frühere Absprachen angefochten oder für ungültig erklärt werden. Ein weiteres Problem ist die Unterhaltspflicht: Ist der Samenspender bekannt, könnten Ämter verlangen, dass er anstelle staatlicher Unterstützung für den Kindesunterhalt aufkommt. Notarielle Vereinbarungen, in denen er auf Rechte und Pflichten verzichtet, bieten dabei keine rechtliche Sicherheit.

NICHT MEHR, NICHT WENIGER. Als Solomutter bewegt man sich, wie queere Familien auch, ohnehin in einem System, das heteronormative Elternschaft nicht nur privilegiert, sondern gar nichts anderes anerkennt: Kinder haben zwei gegengeschlechtliche Eltern, nicht mehr, nicht weniger. Das entspricht weder der Lebensrealität von Solomüttern noch von queeren Familien oder Patchwork-Konstellationen. Für Solomütter bedeutet diese Nicht-Anerkennung ihres Familienmodells beispielsweise, dass ihnen auch die staatliche finanzielle Unterstützung vorenthalten wird, die Alleinerziehende bekommen. Sabrina Mondini erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr eine Behördenmitarbeitende sagte, sie solle sich darüber nicht so ärgern. „Ich hätte das doch von Anfang an gewusst; jetzt müsse nicht die Gemeinschaft für mein privates Glück zahlen.“

So haben Solomütter beispielsweise im Gegensatz zu Alleinerziehenden in Deutschland keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Alleinerziehende, bei denen der Vater bekannt ist, können diesen vom Staat beantragen, der in Vorlage tritt, wenn der Vater nicht zahlt. In der Praxis bekommt der Staat den gewährten Unterhaltsvorschuss nur selten zurück. Solomüttern wird diese Unterstützung trotzdem verwehrt, schließlich könne es der Staat von niemandem zurückfordern. Eine zentrale Forderung von Solomüttern – und anderen sozial- und familienpolitisch Engagierten – ist deshalb, finanzielle Unterstützung stärker an die Kinder selbst zu binden, statt sie an bestimmte Familienkonstellationen oder den rechtlichen Status der Eltern zu knüpfen.

Doch auch unabhängig davon gilt es, für die Anerkennung von Solomutterschaft und -elternschaft als selbstbestimmte Familie zu kämpfen. „Es ist eine richtige Community und die Hilfsbereitschaft ist groß“, erklärt Sabrina Mondini. „Aber es gibt noch viel Potenzial für mehr Unterstützung und Vernetzung, besonders durch selbstorganisierte Initiativen und Gemeinschaften“, fügt sie hinzu.

Im Austausch mit anderen Solomüttern hat sie das Gefühl, endlich verstanden zu werden. „Für Solomütter sind Themen wie Veränderungen in der Partnerschaft nach der Geburt eines Kindes oder die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit eher unwichtig“, sagt Mondini. „Dafür beschäftigen uns die große Verantwortung, etwa, wenn viele anstrengende ­Nächte aufeinanderfolgen, die alleine bewältigt werden müssen, oder das Kind krank ist und intensivere Betreuung erfordert.“ Ihr Alltag unterscheidet sich ansonsten nur unwesentlich von anderen Eltern; die Bedürfnisse der Kinder prägen das Leben: Essen, Schlaf, Spiel, Bewegung, Gesundheit, Entwicklung und ganz viel Interaktion. Darüber tauscht sich Sabrina Mondini gern auch mit anderen Eltern aus, unabhängig von der Familienkonstellation.

Denn Solomutterschaft bedeutet natürlich nicht, permanent alleine mit dem Kind zu sein: Sabrina Mondini hat einen großen Freund*innenkreis, die regelmäßig Zeit mit ihr und dem Kind verbringen, ebenso wie liebevolle Eltern, die verzückt vom Enkelkind sind. „Als mein Kind da war, war die Freude enorm“, erzählt sie. „Ab dann ging es darum, dem kleinen Menschen zu geben, was er braucht: Liebe und Nähe von mir und ein stabiles und tragfähiges Umfeld“, sagt Mondini, während ihr Baby immer noch friedlich vor ihrem Bauch schläft.

Merle Groneweg ist politische Ökonomin und Autorin.

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Feminist Superheroine: Ruth Bleier https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-bleier/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-bleier/#respond Mon, 26 May 2025 08:34:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=127478 Ruth Bleier (1923-1988) war eine US-amerikanische Professorin für Neurophysiologie und feministische Aktivistin. Ihr bahnbrechendes Werk zeigt auf, dass wissenschaftliche Forschung stark von Geschlechterklischees, also Gender-Bias, geprägt ist. Bleier arbeitete zunächst als Ärztin, ihre Beteiligung am Civil Rights Movement brachte ihr in der McCarthy-Ära jedoch ein Berufsverbot ein. Nach einem Studium der Neuroanatomie wechselte sie schließlich […]]]>

Ruth Bleier (1923-1988) war eine US-amerikanische Professorin für Neurophysiologie und feministische Aktivistin. Ihr bahnbrechendes Werk zeigt auf, dass wissenschaftliche Forschung stark von Geschlechterklischees, also Gender-Bias, geprägt ist. Bleier arbeitete zunächst als Ärztin, ihre Beteiligung am Civil Rights Movement brachte ihr in der McCarthy-Ära jedoch ein Berufsverbot ein. Nach einem Studium der Neuroanatomie wechselte sie schließlich an die University of Wisconsin und entwickelte sich zur angesehenen Spezialistin für Gehirnanatomie. Darüber hinaus setzte sie sich an der Universität für Gleichberechtigung und die Etablierung der Women’s Studies ein. Nach ihrem lesbischen Coming-out engagierte sie sich bis zu ihrem Tod mit ihrer Lebensgefährtin Elizabeth Karlin u. a. für das Recht auf Abtreibung. [fne]

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Proteste allein werden nicht reichen https://ansch.4lima.de/proteste-allein-werden-nicht-reichen/ https://ansch.4lima.de/proteste-allein-werden-nicht-reichen/#respond Sat, 24 May 2025 07:57:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=127448 Die in Großbritannien geborene, jüdische Journalistin und Autorin Natasha Lennard lebt in Brooklyn, New York, und hat schon zu Trumps erster Amtszeit vor einer faschistischen Konjunktur gewarnt. Irem Demirci hat sie zum Gespräch getroffen. an.schläge: Sie sind Autorin zahlreicher Essays, in denen Sie sich mit „nicht-faschistischem“ Leben auseinandersetzen. Sprich damit, wie ein Leben außerhalb faschistischer […]]]>

Die in Großbritannien geborene, jüdische Journalistin und Autorin Natasha Lennard lebt in Brooklyn, New York, und hat schon zu Trumps erster Amtszeit vor einer faschistischen Konjunktur gewarnt. Irem Demirci hat sie zum Gespräch getroffen.

an.schläge: Sie sind Autorin zahlreicher Essays, in denen Sie sich mit „nicht-faschistischem“ Leben auseinandersetzen. Sprich damit, wie ein Leben außerhalb faschistischer Rahmenbedingungen aussehen kann. Inwiefern spiegelt die aktuelle politische Situation in den USA die Themen Ihrer Bücher wider?
Natasha Lennard: Ich habe diesen Essay-Band zwischen 2017 und 2021 geschrieben, also von der ersten Amtszeit Trumps bis zu Beginn der ersten Amtszeit Bidens. Und meine These ist heute wie damals, dass wir uns in einer faschistischen Konjunktur befinden. Ich begreife Faschismus als ein Konglomerat aus Prozessen und Aktivitäten und nicht als einen klar abgrenzbaren Zustand, in dem wir uns als Gesellschaft befinden oder nicht. Ein weiteres zentrales Problem ist, dass es aktuell keine in­stitutionelle Opposition zu Trump gibt – weder in der Regierung und auch kaum in den Gerichten. Und trotzdem müssen wir uns an dem, was wir haben, festhalten, wenn wir dieser Art der Machtübernahme durch Trump, die sich möglicherweise auch in kommenden Generationen fortsetzen wird, wirklich etwas entgegensetzen wollen. Die Etablierung einer ernstzunehmenden Opposition allein wird das Problem nicht lösen. Es gilt, an den faschistischen Strukturen anzusetzen, die schon vor Trump in Amerika verankert waren, und sie zu bekämpfen. Strukturen, die Deportationen, Massenverhaftungen, fehlende Gesundheitsversorgung und das Verweigern von medizinischer Versorgung für trans Personen überhaupt erst möglich machen. Trump loszuwerden ist nicht unsere einzige Herausforderung, auch wenn es eine zentrale Aufgabe ist. Aber um tatsächlich zu verhindern, dass sich das alles wiederholen kann, müssen wir die Strukturen und Institutionen in den Blick nehmen, die sich in Dienst nehmen lassen, um People of Colour, Frauen, reproduktive Rechte, trans Menschen und Immigrant:innen anzugreifen.

Wie unterscheidet sich ein „Nicht-Faschismus“, wie Sie ihn definieren, von einem Anti-Faschismus?
Ich denke, dass wir beides anstreben sollten. Ich spreche von „nicht-faschistisch“ in Anlehnung an Michel Foucault, der sagte, dass es praktisch unmöglich sei, in einem politischen System wie diesem, in dem Kapitalismus und Grenzregimes dominieren, völlig anti-faschistisch zu agieren. Die Lösung des Problems besteht also nicht rein in der Beseitigung Trumps oder eines anderen faschistischen Machthabers. Vielmehr sollten wir auch bei uns selbst und unseren eigenen Glaubenssätzen ansetzen und wachsam gegenüber Mikro-Faschismen sein, wie es Foucault nennt, gegen gewaltsame Auswüchse des Kapitalismus und Grenzregime. Ich glaube, diese Gewohnheiten in den Alltag zu integrieren, ist essenziell. Man muss sich bewusst sein, dass es nicht allein darum geht, einen faschistischen Machthaber zu beseitigen, sondern darum, alle Formen von Gewalt in den Blick zu nehmen.

Rechte und rechtskonservative Medien in den USA hofieren die Regierung Trump – aber auch liberale Medien wie die „New York Times“ haben Probleme damit, klar zu benennen, was hier geschieht. Wie nehmen Sie die Berichterstattung wahr?
Es gab und gibt definitiv ein großes Versagen der Medien – der etablierten und auch der kleinen Online-Medien. Ich würde sagen, dass Fox News ein gutes Beispiel dafür ist, weil es praktisch ein faschistisches Organ ist – und das schon seit Langem. Aber auch die „New York Times“ genießt nach wie vor den Status der „Zeitung schlechthin“. Sie hat eine große Verantwortung, wenn es darum geht, zu entscheiden, was als normal angesehen wird. Das hat Trumps zweite Amtszeit mit ermöglicht. Teilweise hatte Trump leichtes Spiel, indem simplifizierende Antworten verbreitet wurden. Etwa, wenn es um seine Pläne geht, internationale Studierende abzuschieben, insbesondere solche, die im Zusammenhang mit der Pro-Palästina-Bewegung stehen. Die Medien verfolgen eine Strategie, die man auch bei der demokratischen Partei beobachten kann. Also: „Was tun wir als Demokraten, wenn ein Thema als nicht populär angesehen wird? Wir verkaufen Meinungen als Fakten.“ Etwa, dass Migration etwas Schlechtes sei und die Massen uns überfordern. Das vermittelt den Eindruck, dass weltweit am meisten Migration an der Grenze von Mexiko in die USA stattfindet und wir nicht die Ressourcen dafür hätten. Dabei schafft es in Wirklichkeit nur ein Bruchteil der Menschen auf der Flucht überhaupt in den Globalen Norden. Die Medien haben sich nicht darum bemüht, mit diesem Narrativ zu brechen.

Wie kann man in einem System, das Sie als ungerecht beschreiben, trotzdem für Gerechtigkeit kämpfen?
Wir lernen, mit Widersprüchen umzugehen und auch in Systemen, die nicht auf Gerechtigkeit ausgelegt sind, Ungleichheiten zu bekämpfen. Wir können nicht ignorieren, wie gewaltsam das amerikanische Justizsystem und die Geschichte des Gefängnisses in den USA sind. Und dass wir viele Rechte, die wir brauchen, um uns dagegen zu schützen, noch erkämpfen müssen. Ob ich glaube, dass Gerichtshöfe darauf ausgelegt sind, People of Colour, arme Leute, Immigrant:innen oder nicht-binäre Menschen zu schützen? Nein. Aber deshalb erst gar nicht vor Gericht zu ziehen, um ihre Rechte zu erkämpfen, ist definitiv auch keine Lösung und würde alles, was bisher erreicht wurde und von Trump vehement bekämpft wird, negieren.

Es ist kaum zu glauben, dass Trump nun erst etwas länger als über hundert Tage im Amt ist. Vieles liegt noch vor uns.
Das ist wirklich erschreckend. Erst rund hundert Tage sind vergangen und es ist nicht zu leugnen, wie kräftezehrend sie bereits waren. Aber genau das ist Teil der Taktik Trumps und seiner Administration. Sie folgen dem Ansatz von Trumps ehemaligem Berater Steve Bannon: „Flooding the zone with shit.“ Zum Teil rächt sich das auch schon jetzt, weil sie mit so viel Widerstand konfrontiert werden, etwa von den Gerichtshöfen. Und sie haben reichlich viele Fehler begangen. Trotzdem verfolgen sie ein Ziel: zu überfordern, eine Welle an Verordnungen zu beschließen und Forderungen zu stellen, erwartend, dass die Menschen nicht alles auf einmal abwehren können.

In Europa hören wir viel über Trumps politische Dominanz anstatt über den Widerstand gegen ihn. Nehmen Sie vor allem politische Erschöpfung wahr oder regt und stärkt sich der Widerstand?
Wenn man sich nur die demokratische Partei in Washington oder die demokratischen Gouverneure ansieht, wirkt es so, als gäbe es gar keinen oder nur sehr zaghaften Widerstand. Ich finde es nicht schlecht, dass Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez durch die USA touren. Es wird die Massendeportationen nicht stoppen, aber es wird die Leute animieren, zu protestieren. Ich glaube, ohne vereinte Gewerkschaften, ohne das Drohen mit Massenprotesten kriegen wir das nicht hin. Aber das benötigt natürlich viel Organisation. Das geht nicht über Nacht. Diese Abschiebungsmaschinerie gibt es schon seit Clinton. Proteste allein werden nicht reichen. Aber ich denke, wir sehen gerade, wie Menschen aus dem Umfeld der Betroffenen aktiv werden. Menschen müssen ihre Nachbar:innen schützen, die keine Dokumente haben und sich auf den Ernstfall ­vorbereiten. Wir sehen, dass diese Entwicklung stärker wird und ich hoffe, sie wird sich fortsetzen.

İrem Demirci (sie/ihr) studiert Politikwissenschaften in Wien. Ihre Arbeiten wurden bereits in verschiedenen Magazinen veröffentlicht. Sie hat einen Podcast über feministische Friedens- und Sicherheitspolitik moderiert und produziert. Außerdem schreibt sie Lyrik. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit (post-)migrantischer Perspektive, feministischer Theorie, Sozialer Ungleichheit, Widerstand und Wut auseinander. 

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