2/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 31 Mar 2025 06:09:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 2/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 In einem faschistischen Regime gibt es keinen Feminismus https://ansch.4lima.de/in-einem-faschistischen-regime-gibt-es-keinen-feminismus/ https://ansch.4lima.de/in-einem-faschistischen-regime-gibt-es-keinen-feminismus/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:41:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=126088 Hanna Perekhoda, Historikerin und Politikwissenschaftlerin an der Universität Lausanne, stammt aus Donezk, einer Stadt im Donbass in der Ostukraine. Laura Helene May hat mit ihr über die geopolitische Zeitenwende und feministische Solidarität mit der Ukraine gesprochen. an.schläge: Wir alle konnten den diplomatischen Eklat zwischen Wolodymyr Selensky und Donald Trump in Echtzeit verfolgen. Markiert das Ereignis […]]]>

Hanna Perekhoda, Historikerin und Politikwissenschaftlerin an der Universität Lausanne, stammt aus Donezk, einer Stadt im Donbass in der Ostukraine. Laura Helene May hat mit ihr über die geopolitische Zeitenwende und feministische Solidarität mit der Ukraine gesprochen.

an.schläge: Wir alle konnten den diplomatischen Eklat zwischen Wolodymyr Selensky und Donald Trump in Echtzeit verfolgen. Markiert das Ereignis den Beginn einer neuen Weltordnung?
Hanna Perekhoda: Das Treffen ist Ausdruck einer großen geopolitischen Verschiebung, die wir noch nicht ganz begreifen können. Die Vereinigten Staaten entfernen sich von ihrer traditionellen Rolle des Hegemons, der seine Dominanz durch Demokratie rechtfertigt. Sie geben die Politik des indirekten Imperialismus auf und kehren zu einem territorialen Annexions-Imperialismus zurück, wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen. Bei der jüngsten UNO-Generalversammlung haben die USA mit Russland, Weißrussland, Israel und Nord­korea gegen eine Resolution zum Ukraine-Krieg gestimmt. Könnte es eindeutiger sein?

Trump nähert sich Despoten an.
Die Entwicklung sollte nicht nur auf Trumps Charakter oder seine wirtschaftlichen Interessen zurückgeführt werden – das ist eine geopolitische Strategie, die JD Vance und Marco Rubio in Interviews der letzten Monate bereits angekündigt haben. Sie verfolgen die Theorie des Realismus in internationalen Beziehungen. Höchstes Ziel sind die eigenen Interessen, „America first“. Das ist keine Überraschung. China ist in ihren Augen der strategische Feind, also muss Russland weg von China und hin zu den USA bewegt werden. Fressen oder gefressen werden. Die Annexion der Krim 2014 wurde noch als Anomalie aufgefasst, doch es handelt sich um eine geopolitische Strategie, die die Souveränität von Nationalstaaten abseits imperialer Mächte infrage stellt.

Internationale Diplomatie, Vereinte Nationen, regelbasierte Weltordnung – alles Geschichte?
Es war nie eine regelbasierte Ordnung, weil sie immer von der Hegemonie einer einzigen Macht abhängig war. Jetzt zieht sich diese Macht einfach zurück und gibt ihre Rolle der Stabilisierung auf.

Wie wird die Macht in der neuen Welt verteilt?
Die Hauptakteure sind Russland, China und die Vereinigten Staaten. Alle drei wollen Gesellschaften durchsetzen, in denen die Möglichkeit menschlicher Freiheit nicht existiert. Aus ihrer Sicht sind demokratische Staaten von Natur aus unfähig, äußeren Bedrohungen zu widerstehen, weil sie intern gespalten sind und ihnen ein einheitlicher politischer Wille fehlt.

Europa rüstet auf – Feministinnen haben jahrzehntelang für Frieden und Abrüstung gekämpft. Widersprechen Waffenlieferungen linkem Pazifismus und feministischer Außenpolitik?
Es gibt eine simple Wahrheit, die alle Feminist*innen einsehen: Wenn man Missbrauch beobachtet und dem Opfer keine Unterstützung bietet, hilft das dem Angreifer. Tatenlosigkeit gegenüber Aggression ist keine Neutralität – es ist Kompliz*innenschaft. Pazifistische Parolen sind zwar emotional überzeugend, aber sie funktionieren nur, bis ein Killer zu Ihnen nach Hause kommt. Wenn Sie unter dem Nato-­Schutzschild leben, können Sie Fragen von Leben und Tod auslagern oder ignorieren. Aber wenn Sie ein Messer an der Kehle haben, können Sie nur sterben oder kämpfen. Die Sicherung des Friedens erfordert mehr als moralisches Getue. Es gibt ein Manifest ukrainischer Feministinnen zu diesem Thema mit dem Titel: „Recht auf Widerstand“. Sie wollen keinen Frieden um jeden Preis. Russische Besatzung ist kein Frieden, in einem faschistischen Regime gibt es keinen Feminismus.

Muss Europas Linke eine neue Haltung gegenüber Waffenindustrie und Sicherheitspolitik finden?
Wenn linke Parteien als gesellschaftliche Kraft relevant bleiben wollen, müssen sie eine klare Haltung zur Verteidigungsstrategie entwickeln. Sonst sind sie nur ein Club aus realitätsfernen Leuten, die ihre Anti-Mainstream-Identität behaupten. Russland hat den größten europäischen Staat überfallen und finanziert offen rechtsextreme und faschistische Kräfte weltweit. Ebenso die USA. Man kann das Sicherheitsproblem weiterhin gänzlich leugnen, aber dann werden Konservative die Diskussion dominieren und die Linke als realitätsfremd darstellen – und sie hätten nicht Unrecht. Verteidigungspolitik muss nicht rechtsgerichtet sein. Sie sollte nicht durch Kürzungen bei Renten oder im Gesundheitswesen finanziert werden. Sie kann durch Steuergerechtigkeit, ein hartes Vorgehen gegen Offshore-Steuer­oasen und die Stärkung der Energie- und Cybersicherheit gewährleistet werden.

Ist Pazifismus ein Privileg?
In meiner idealen Welt gibt es auch keine Rifles und Raketen. Doch rechtsextreme Kräfte rüsten auf und drohen offen mit der Zerstörung demokratischer Gesellschaften.

Wer soll Europas Verteidigung und Hilfe für die Ukraine zahlen?
Es gibt drei Möglichkeiten: Erstens Geld für nationale Sozialsysteme kürzen – das ist gefährlich und falsch. Soziale Unsicherheit stärkt antidemokratische Populisten und Faschisten. Zweitens könnten Steuern für Superreiche und Konzerne erhöht werden. Dafür bedarf es jedoch einer Koordination, um Kapitalflucht zu verhindern. Trumps Ankündigung goldener Visa für Superreiche bedeutet, dass er sich bereits auf ein solches Szenario vorbereitet. Es gibt aber eine dritte Lösung. Rund 300 Milliarden Euro russische Vermögenswerte wurden eingefroren. Diese könnte man konfiszieren und zur Finanzierung der Verteidigung der Ukraine und auch der europäischen Sicherheit verwenden. Russland würde so tatsächlich für das Verbrechen der Aggression und die Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen und die Last der Verteidigung würde nicht allein den europäischen Bürgern auferlegt.

Warum gehen die europäischen Behörden diesen Schritt nicht?
Sie befürchten, einen Präzedenzfall zu schaffen. Wenn sie anerkennen, dass es einen Platz für Moral und Ethik in der Wirtschaft und in der Politik gibt, bringen sie das ganze System in Schwierigkeiten.

Ausgerechnet Europa soll Imperialismus und Kapitalismus infrage stellen? Viele sehen den Ukraine-Krieg auch als Folge der europäischen Expansionspläne in Form der Nato-Osterweiterung.
Ich hatte die Hoffnung, dass zumindest Feminist*innen nach Selenskys Treffen mit Trump diesen klassischen Fall des Victim-Blamings erkennen.

Die Annäherung der Ukraine an Europa dient als Rechtfertigung für Gewalt wie der kurze Rock bei einer Vergewaltigung? Nur dass die Ukraine nicht einmal einen kurzen Rock anhatte. Die Leute analysieren nie die empirischen Daten über das tatsächliche Machtgleichgewicht zwischen Russland und der Nato. Osteuropäische Länder traten dem Bündnis nach Ende der Sowjetunion bei, weil Russland ihnen mit Invasion drohte. Insbesondere den baltischen Staaten. Doch die Nato ist nur flächenmäßig auf der Karte größer geworden, die Truppenstärke der Nato nimmt seit dreißig Jahren ab.

Russland hat sich nie von der Nato bedroht gefühlt?
Putins Regime war von Anfang an sehr deutlich. Sie fühlen sich nicht militärisch von der Nato bedroht, sondern vom westlichen „Gesellschaftsprojekt“. Putin ist davon überzeugt, dass die liberalen Eliten des Westens Russland von innen heraus zerstören wollen, indem sie die „Ideologien“ der Menschenrechte, des Feminismus und der „Schwulenfreundlichkeit“ fördern. Er betrachtet die Welt durch diese Brille und ist ehrlich davon überzeugt, dass jede Revolution und Emanzipationsbewegung auf der Welt im Grunde eine westliche Verschwörung gegen Russland ist.

Die Ukraine kämpft seit drei Jahren gegen den russischen Angriff. Wie wirkt sich der Krieg auf die Geschlechterverhältnisse im Land aus?
Der Krieg verhärtet Geschlechterungleichheiten auf mehreren Ebenen. Der Großteil der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder in finanziell prekären Situationen. Menschenhandel ist ein großes Problem. Frauen, die in der Ukraine geblieben sind, tragen dort das ganze Gewicht sozialer Reproduktion. Während Männer großteils an der Front kämpfen, halten Frauen die Gesellschaft mit ihrer Care-Arbeit am Laufen. Selbst die Armee ist von Frauen abhängig, die sich um die Versorgung, aber auch um Nachschub von Geld und Equipment kümmern.

Frauen spielen also eine wichtige Rolle im ukrainischen Widerstand?
Nicht nur im häuslichen Rahmen, sondern auch an der Front. Inzwischen sind rund 15 Prozent der ukrainischen Kämpfer*innen weiblich.

Im Gegensatz zu Männern kämpfen Frauen in der Ukraine freiwillig. Auch in Deutschland wird aktuell über die Wiedereinführung der Wehrpflicht auch für Frauen beraten.
Es gibt ein wachsendes Rekrutierungsproblem. Die Ukraine ist eine normale, individualistische, postmoderne und schnell alternde europäische Gesellschaft. Dies wirft schwerwiegende ethische Fragen auf, insbesondere die Spannung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Manche Männer fragen sich, warum nur sie dieses Opfer bringen sollen. Was bedeutet es, Teil einer Gesellschaft zu sein, die sich selbst verteidigt? Sollten auch Frauen in Kriegszeiten eingezogen werden? Es gibt keine einfachen Antworten; die Ukrainer*innen stehen täglich vor diesen Dilemmata.

Gleichberechtigung in Kriegszeiten ist auch mit Blick auf die Reproduktion ein großes Thema.
Besonders in Russland wird antifeministische und transfeindliche Politik genutzt, um nationalistische Gefühle zu schüren. Krieg ist einer der offensichtlichsten Gründe, warum Länder wie Russland sich auf die Einschränkung reproduktiver und sexueller Freiheiten stürzen. Länder im Krieg brauchen Soldaten, und Soldaten wachsen nicht auf Bäumen, sie werden nicht in Fabriken hergestellt. Dafür braucht man Frauen. Feminismus und LGBTQ-Bewegungen sind aus dieser Perspektive eine direkte Bedrohung nationaler Souveränität. In der Ukraine treibt das offizielle Bekenntnis des Staates, „europäisch“ zu werden, sowohl Regierung als auch Gesellschaft zu einer stärkeren Akzeptanz von Feminismus und LGBTQ-Identitäten. Die Kriegsdynamik verstärkt jedoch auch einen Gegentrend zum Kriegstraditionalismus mit seinen starren Geschlechterrollen. Tatsächlich verdeutlicht die Erfahrung der Ukraine die Spannungen und Widersprüche, mit denen jede postnationale, postmoderne westliche Gesellschaft im Falle einer militärischen Aggression konfrontiert wäre.

Hanna Perekhoda ist aktiv im „European Network for Solidarity with Ukraine“ und bei Sozialnyj Ruch, einer sozialistischen ukrainischen Arbeiter*innen-Organisation.
Laura Helene May hat Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Zeitgeschichte studiert. Sie lebt als freie Journalistin in Buenos Aires und berichtet über Protest, Feminismus, Ressourcen, Ideologie und Geopolitik.

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Ware Kriminalfälle https://ansch.4lima.de/ware-kriminalfaelle/ https://ansch.4lima.de/ware-kriminalfaelle/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:30:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=126090 Vor allem Frauen lieben True Crime. Beruht der gewaltige Erfolg des Genres allein auf sensationalistischer Schaulust? Oder dient es vielleicht sogar der Gewaltprävention? Von SOPHIA KRAUSS »Die Fähigkeit, zum Täter zu werden, liegt in jedem Einzelnen«, sagt Sabine Rückert im Interview mit dem „Deutschlandfunk“. Rückert war lange Gerichtsreporterin, schließlich stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“ und ist […]]]>

Vor allem Frauen lieben True Crime. Beruht der gewaltige Erfolg des Genres allein auf sensationalistischer Schaulust? Oder dient es vielleicht sogar der Gewaltprävention? Von SOPHIA KRAUSS

»Die Fähigkeit, zum Täter zu werden, liegt in jedem Einzelnen«, sagt Sabine Rückert im Interview mit dem „Deutschlandfunk“. Rückert war lange Gerichtsreporterin, schließlich stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“ und ist heute eine der erfolgreichsten Podcaster*innen Deutschlands: Seit 2018 ist sie die Stimme von „Zeit“-Verbrechen und erreicht pro Folge 1,28 Millionen Hörer*innen.
True Crime boomt. Überall, ob in ­Literatur oder auf Netflix, geht es heute um wahre Kriminalgeschichten. Doch insbesondere mit dem Aufstieg der Podcast-Industrie konnte sich das Genre immer gewinnbringender durchsetzen:
2023 drehten sich 18 Prozent der hundert weltweit meistgehörten Podcasts um wahre Kriminalfälle. Einige sehen das kritisch. Der „Weisse Ring“, der Betroffene von Kriminalität unterstützt, schreibt polemisch: „‚Wahre Verbrechen‘ sind für Medien ‚Ware Verbrechen‘“.
Eingefleischte Fans können inzwischen Jutebeutel und Tassen mit „Zeit“-Verbrechen-­Print bestellen, während sie Rückerts Gesprächen mit Kriminaljournalist*innen lauschen. Diese sind oft von dem Wunsch motiviert, verstehen zu wollen: Was hat Täter*innen dazu bewegt, eine grausame Tat zu begehen? Ist die Fähigkeit zum Bösen vielleicht in uns allen angelegt? Und kann sie durch Kontextualisierung zumindest rational nachvollziehbar werden? Es ist ein Fokus auf die Täter*innenperspektive, den auch der Weisse Ring kritisiert: Betroffene werden oftmals gar nicht in Rechercheprozesse miteinbezogen. Einige erleben eine Retraumatisierung, wenn sie plötzlich und unvorbereitet in den Medien auf die Geschichte der eigenen Gewalterfahrung stoßen. US-amerikanische Studien belegen außerdem: Die Geschichten rassifizierter Betroffener werden noch weniger erzählt, denn aufgrund rassistischer Stereotype eignen sie sich nicht als Opfer in einer voyeuristischen Dramaturgie für die Dominanzgesellschaft. Diese Täter*innenperspektive lockt den Großteil des Publikums an, so Corinna Perchtold-Stefan von der Uni Graz, deren Team rund sechshundert Personen zu ihrem True-Crime-Konsum befragte: „75 ­Prozent führten an, die Psychologie hinter den schrecklichen Taten verstehen zu wollen.“ Die Mehrheit dieser Konsument*innen sind dabei Frauen, auch weltweit: Ihr durchschnittlicher True-Crime-Konsum lag in der Grazer Studie bei sieben Stunden pro Woche, der von Männern bei rund vier. Zwar widersprach der Großteil der meist weiblichen Teilnehmenden einer australischen Studie der radikalen Aussage, sie hörten True Crime, um zu erfahren, was ihnen als Opfer passieren könnte. Trotzdem dürfte das weibliche Interesse an True-Crime-Formaten auch den Aspekt der „Safety Work“ beinhalten, so die US-Forscherin Laura Vitis. Schließlich belegten andere Studien, dass die Themen Sicherheit und Gewaltbetroffenheit eine große Rolle beim True-Crime-Konsum von Frauen spielen. Mit Safety Work ist die Arbeit gemeint, die Frauen leisten, um zu verhindern, dass ihnen Gewalt widerfährt: Sie lernen, bestimmte Umgebungen zu meiden oder in bestimmten Kontexten offensichtliche Zeichen von Weiblichkeit zu minimieren. Und ich denke, dass dieses Konzept wohl auch auf trans* Männer und nicht-binäre Personen erweitert werden muss. Safety Work ist allgegenwärtig, arbeitsintensiv – und bleibt unerkannt, wenn Gewalt erfolgreich verhindert werden kann. Sie wird oft routinemäßig geleistet, weil die eigene Geschlechtsidentität als inhärent unsicher empfunden wird. Zu Recht, schließlich wurden im Jahr 2024 alleine in Österreich 27 Frauen von Männern aus ihrem unmittelbaren Umfeld ermordet.
Auch Valerie L. erlebte jahrelang Gewalt durch den Partner. Sie steht im Mittelpunkt der allerersten „Zeit“-Verbrechen-Folge. Zu Beginn des Podcasts wird darauf hingewiesen, dass Intimbeziehungen statistisch gesehen am gefährlichsten für Frauen sind. Valerie L.s Schicksal unterscheidet sich jedoch drastisch von dem der meisten Betroffenen: Sie bezahlte einen Auftragskiller und ließ ihren gewalttätigen Ehemann schließlich umbringen. Weit wahrscheinlicher wäre es gewesen, wenn sie selbst Opfer eines Femizids und nicht zum hollywoodreifen Racheengel geworden wäre.
Hat Rückert Recht und kann jede*r von uns unter bestimmten Einflüssen Täter*in werden? Eine Antwort auf diese Frage darf nicht ausklammern, dass patriarchale Strukturen dazu führen, dass Männer wesentlich häufiger Gewalt ausüben als Frauen. Das macht auch True Crime immer wieder zum Thema. Häufiger jedoch gleitet das Genre leider ab in die sensationalistische Jagd vermeintlicher Einzelschicksale.

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Demokratische Digitalisierung https://ansch.4lima.de/demokratische-digitalisierung/ https://ansch.4lima.de/demokratische-digitalisierung/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:25:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=126094 Ob es um den Energiehunger, die Enteignung von geistigem Eigentum oder andere ethische Fragen geht – bei der Nutzung von KI gibt es viele Probleme. Lea Susemichel hat die Expertin Barbara Wimmer gefragt, wie wir es besser machen können. an.schläge: Inzwischen ist evident, dass Algorithmen rassistische und sexistische Stereotype reproduzieren. Wie ließe sich hier gegen­steuern?Barbara […]]]>

Ob es um den Energiehunger, die Enteignung von geistigem Eigentum oder andere ethische Fragen geht – bei der Nutzung von KI gibt es viele Probleme. Lea Susemichel hat die Expertin Barbara Wimmer gefragt, wie wir es besser machen können.

an.schläge: Inzwischen ist evident, dass Algorithmen rassistische und sexistische Stereotype reproduzieren. Wie ließe sich hier gegen­steuern?
Barbara Wimmer: Die KI-Systeme wurden mit historischen Daten trainiert, die oft bestehende Ungleichheiten und gesellschaftliche Vorurteile widerspiegeln. Wenn diese Daten nicht sorgfältig gefiltert werden, können die Algorithmen systematische Diskriminierung lernen und sogar verstärken. Gegensteuern ließe sich dadurch, dass die Datenbasis sorgfältig geprüft wird, um bestehende Verzerrungen zu minimieren. Diverse Entwickler*innen-Teams helfen dabei sicher mehr als ein reiner Boys-Club.

Offenbar gab es Vorfälle, bei denen KI-Modelle wie Opus-3 und ChatGPT gelogen haben, um nicht ausgeschaltet zu werden. Was ist dabei genau passiert? Wie der Dystopie von der „Evil AI“ vorbeugen, die die Weltherrschaft an sich und uns alle in den Abgrund reißt?
Die Gefahr, dass Menschen KI nutzen, um sich Macht oder Kontrolle anzueignen, ist aktuell auf jeden Fall größer, als dass eine KI die Weltherrschaft an sich reißt. Aber: Ja, das mit dem „Lügen“ ist wirklich passiert. Es bedeutet aber nicht, dass diese KI-Modelle ein Bewusstsein entwickelt haben. Sie haben auch nicht klassisch „gelogen“, sondern lediglich innerhalb ihrer programmierten Logik gehandelt. Diese Modelle wurden darauf trainiert, „um jeden Preis“ ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Genau das haben sie eben etwas zu wörtlich genommen. Das Beispiel zeigt, dass es ­extrem wichtig ist, dass wir den KIs mit unseren Befehlen klare Grenzen kommunizieren und bereits bei der Entwicklung ethische Leitlinien einbauen.

Eine zentrale Kritik lautet, dass KI nur durch die Enteignung von geistigem Eigentum in globalem Ausmaß entwickelt werden konnte. Und dass sie zur Enteignung unzähliger Menschen führen wird, deren Jobs künftig unnötig werden. Wie sähe eine gerechte Lösung aus?
Ja, KI basiert auf Daten, die von Menschen geschaffen wurden. Kunstwerke, Texte, Bilder: All das wurde großteils ohne Zustimmung und Vergütung zum Training von KIs verwendet. Das geschah wissentlich. Es laufen hierzu aktuell einige Musterprozesse in den USA. Natürlich sollten Urheber*innen fair dafür bezahlt werden, sei es über Lizenzgebühren, Tantiemen oder Gewinnbeteiligung. Bezüglich der Wegrationalisierung von Jobs, die es auf jeden Fall geben wird, könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen, das durch KI-Gewinne finanziert wird, eine Lösung sein. Oder: Unternehmen, die Arbeitsplätze durch KI ersetzen, könnten dazu verpflichtet werden, in die soziale Absicherung der Betroffenen zu investieren.

Der Stromhunger der großen Rechenzentren führt in den USA schon zu steigenden Energiepreisen und dazu, dass jetzt schon über eigene kleine Atomkraftwerke nachgedacht wird. Müsste die Nutzung nicht schon alleine deshalb eingeschränkt werden?
Der Energieverbrauch von KI ist tatsächlich ein massives Problem. Hier bräuchte es mehr Forschung zur Frage, wie sich KI energieeffizienter machen lässt. Wie schaffen wir es, dass KI weniger Ressourcen benötigt, die Modelle aber genauso leistungsfähig bleiben? Reicht das alles nicht aus, müsste man darüber nachdenken, die Nutzung stärker zu regulieren. Brauchen wir wirklich für jede Kochrezeptabfrage eine energiehungrige KI?

Nicht erst Elon Musks Unterstützung für Rechtsextreme weltweit und Mark Zuckerbergs Einknicken vor Trump machen deutlich: Es braucht unbedingt unabhängige soziale Medien. Was wäre dafür zu tun? Ist z. B. Bluesky eine gute Alternative?
Elon Musk hofiert Rechtsextreme auf X. Mark Zuckerberg knickt aus Profitgier gegenüber Trump ein und lässt es zu, dass Frauen auf Facebook künftig als „Haushaltsgegenstände“ bezeichnet werden dürfen: Das zeigt in der Tat, dass solche Plattformen nicht in die Hände einiger weniger Milliardäre gehören. Unabhängige soziale Medien, die Diversität und Inklusion leben und durch keine Algorithmen gesteuert sind, die Hass und Wut fördern, könnten eine echte Alternative zu den Tech-Giganten sein. Es liegt aber an uns Nutzer*innen, umzusteigen: „JA, ich will mich für eine demokratischere digitale Zukunft einsetzen!“ Bluesky und Mastodon sind als dezentrale Plattformen gute technische Alternativen.

Einige Kritiker:innen mahnen, die vermeintliche Unausweichlichkeit von immer ­weitreichenderer Digitalisierung zu hinterfragen. Sollten wir auf eine entsprechende Selbstbeschränkung setzen? Oder wäre eine nach ethischen Richtlinien gestaltete, faire und inklusive Digitalisierung sinnvoller?
Technologie sollte niemals zum Selbstzweck geschaffen werden, sondern nur um uns Menschen zu dienen. Insofern: Ja, wir müssen die Digitalisierung aktiv mitgestalten. Die wichtigste Frage dabei: Welche Probleme wollen wir damit lösen? Eine unreflektierte Digitalisierung, die nur auf Wachstum um jeden Preis setzt, ist kein Fortschritt. Die Gestaltung darf nicht nur in den Händen von Tech-Konzernen liegen. Marginalisierte Gruppen werden in digitalen Prozessen besonders oft übersehen, und insgesamt bräuchte es wesentlich mehr Inklusion.

Bei der Weiterentwicklung von KI geht es derzeit in erster Linie um schnelle Kommerzialisierbarkeit, nicht um den langfristigen gesellschaftlichen Nutzen. Wie sähe denn eine Utopie aus, die bei der Weiterentwicklung von KI stattdessen das Gemeinwohl im Sinn hat?
Wir dürfen nicht denselben Fehler wie bei Social Media machen und es zulassen, dass ausschließlich dieselben profitorientierten US-Konzerne KI gestalten. Stellen wir uns vor, KI wäre ein öffentliches Gut: Regierungen, Bildungsinstitutionen und NGOs könnten sie nutzen, um Herausforderungen wie den Klimawandel oder soziale Ungleichheit zu bewältigen. Die Entwicklung würde öffentlich finanziert und Transparenz wäre nicht nur ein Schlagwort. Gewinne, die durch KI entstehen, würden fair an alle verteilt. Automatisierte Arbeitsprozesse würden zu einer Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn führen. Rassistische oder sexistische Muster würden durch die KI nicht verstärkt werden, sondern diese würde dazu beitragen, die Vorurteile zu überwinden. All das wäre – mit einem radikalen Paradigmenwechsel – möglich.

Barbara Wimmer ist preisgekrönte Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragende aus Wien. Sie widmet sie sich vor allem den gesellschaftlichen Folgen, die durch neue Technologien entstehen, sowie der zunehmenden Vernetzung aller Dinge.

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Harter Sex https://ansch.4lima.de/harter-sex/ https://ansch.4lima.de/harter-sex/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:19:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=126096 Strangulation beim Sex ist ein popkulturelles Phänomen. Eine Einordnung zwischen weiblicher Unterwerfung und Entstigmatisierung von Lust bleibt kompliziert. Von Sophia Krauss Als ich zum ersten Mal mit einem Mann schlief, war ich fünfzehn. Obwohl ich nie zum Orgasmus kam, schlief ich weiter mit ihm. Manchmal täuschte ich einen Höhepunkt vor. Nach einigen Wochen fragte ich, […]]]>

Strangulation beim Sex ist ein popkulturelles Phänomen. Eine Einordnung zwischen weiblicher Unterwerfung und Entstigmatisierung von Lust bleibt kompliziert. Von Sophia Krauss

Als ich zum ersten Mal mit einem Mann schlief, war ich fünfzehn. Obwohl ich nie zum Orgasmus kam, schlief ich weiter mit ihm. Manchmal täuschte ich einen Höhepunkt vor. Nach einigen Wochen fragte ich, ob er mir während des Sex ins Gesicht schlagen könne. Er tat es und es machte mich an. Trotzdem bin ich nicht gekommen.
Diese frühe Episode meines erwachenden Begehrens hat mich immer verwirrt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Pornofilm gesehen. Heute wäre es einfach, mein Verhalten als jugendliche Nachahmung weiblicher Unterwürfigkeit auf PornHub zu deuten. Doch dem war nicht so.

PORNO & POPKULTUR. Heute, zehn Jahre später, ist das, was man gemeinhin „harten Sex“ nennt, längst Popkultur. Harter Sex ist definiert als Sex, der aggressiv, aber konsensuell ist. So rappt die Berlinerin Ikkimel in ihrem Chart-Hit „Deutschland“, den sie im Sommer letzten Jahres gemeinsam mit Ski Aggu veröffentlichte: „Und wenn er lieb ist, darf er auf meinen Arsch schlagen. Steh‘ auf blaue Flecken, außer auf der Wahlkarte.“ Der Track dreht sich um Partys, Drogen – und natürlich um harten Sex. Darunter fallen sexuelle Praktiken wie Haare-Ziehen, Schlagen oder Würgen. Nicht zuletzt der Erfolg von „Shades of Grey“ hat BDSM aus der Schmuddelecke geholt, obwohl die stereotype Rollenverteilung und auch die gewaltvoll und manipulativen Sexszenen in Filmen und Büchen für viel Kritik sorgten.
Strangulation beim Sex, das sogenannte „Choking“, erfreut sich neuerdings besonderer Beliebtheit. So ging US-Musiker Jack Harlow 2023 auf TikTok mit dem Song „Lovin‘ On Me“ viral. Hier heißt es: „I’m vanilla, baby. I’ll choke you, but I ain’t no killer, baby.“ In der Pilotfolge der HBO-Hit-Serie „Euphoria“ wird eine High-School-Schülerin beim Sex gewürgt und auch in der kontroversen TV-Produktion „The Idol“ wird Hauptdarstellerin Lily-Rose Depp mit einem Gürtel gechokt. Laut einer Umfrage an einer US-amerikanischen Universität, an der 5.000 Studierende teilnahmen, gaben knapp zwei Drittel aller weiblichen Studentinnen an, schon einmal von einem Partner während dem Sex gewürgt worden zu sein. Vierzig Prozent von ihnen waren zwischen 12 und 17 Jahren alt, als dies das erste Mal passierte.
Die Journalistin Peggy Orenstein nennt diese Entwicklung in ihrem Essay für die „New York Times“ „The Troubling Trend in Teenage Sex“ und bezieht sich dabei v. a. auf Sexualitätsforscherin Debby Herbenick. Choking birgt schließlich erhebliche gesundheitliche Risiken: Auch eine kurzzeitige Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn kann zu dauerhaften Schäden wie Schlaganfällen oder kognitiven Beeinträchtigungen führen. Die MRTs von Studentinnen, die wiederholt gechokt wurden, wiesen im Vergleich mit einer Kontrollgruppe öfter Entzündungsreaktionen auf, die mit einem erhöhten Risiko für später auftretende psychische Erkrankungen verbunden sind. Bei der Bewältigung einfacher Gedächtnisaufgaben mussten ihre Gehirne weitaus härter arbeiten und mehr Gehirnregionen aktivieren, um die gleiche Genauigkeit zu erreichen. Die meisten der Studentinnen, die beim Sex gewürgt worden waren, gaben außerdem an, dass ihre Sexpartner*innen sie nie oder nur manchmal fragten, bevor sie ihnen an den Hals griffen. Viele waren später auch nicht mehr in der Lage, ihre Zustimmung zu widerrufen, da sie keine Luft mehr bekamen oder nicht mehr sprechen konnten. Wie Peggy Orenstein schreibt, raten viele BDSM-Praktizierende davon ab, Sexpartner*innen zu strangulieren. Doch Choking hat sich, wie harter Sex im Allgemeinen, längst aus den subkulturellen und queeren Räumen entfernt, in denen BDSM lange ausschließlich praktiziert wurde. Dies führt zwar zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz, birgt jedoch auch die Gefahr, dass riskante Sex-Praktiken ohne ausreichendes Wissen um Konsens, gesundheitliche Risiken und Nachbesprechungen von vielen jungen Menschen ausgelebt werden. Freund*innen, mit denen ich bei der Recherche für diesen Text gesprochen habe, berichten z. B.: „Ich habe das Gefühl, dass BDSM-Sex immer mehr zu einem Standard wird, der einfach vorausgesetzt wird. Ich finde das auch ein bisschen beängstigend, weil ich nicht glaube, dass alle Menschen auf diese Art miteinander schlafen möchten.“

SELBSTBESTIMMTE LUST? Der Einzug von BDSM-Praktiken in den Mainstream hat dabei eine vergeschlechtlichte Dimension. Denn obwohl in Herbenicks Forschung alle Geschlechter und Sexualitäten davon berichten, Partner*innen beim Sex zu würgen oder selbst gewürgt zu werden, übernimmt niemand so oft den passiven Part in diesen Praktiken wie hetero- und bisexuelle Frauen. Während bei der Beteiligung an hartem Sex im Allgemeinen keine Geschlechterdifferenzen beobachtet werden können, sind diese deutlich sichtbar, wenn nach aktiver und passiver Beteiligung unterschieden wird. Bisherige Umfrage­daten belegen, dass harter Sex statistisch am häufigsten als Heterosex stattfindet, bei dem der Mann die aggressive, dominante Rolle einnimmt, während die Frau submissiv und devot ist und sich würgen, schlagen oder beleidigen lässt. Eine meiner Freund*innen reflektiert: „Als ich mich devot verhalten habe, hatte ich das Gefühl, dass es meinen Partnern mehr gefällt. Es brauchte viel Mut, auch die aktive Rolle einzunehmen. Aber mir hat es nicht mehr gefallen, sehr unreflektiert nur stereotypische Geschlechterrollen auszuleben – auch beim Sex.“ Doch wird man allen Facetten weiblicher und queerer Lust gerecht, wenn man sexuelle Unterwerfung und harten Sex pauschal des Sexismus beschuldigt? Die Diskussion solcher Fragen hat eine lange feministische Tradition, die in den sogenannten Sex Wars der ­Achtziger gipfelte. Gegen Radikalfeministinnen, die Pornografie als patriarchale Gewalt gegen Frauen labelten, positionierte sich ein „sexpositiver“ Feminismus, der in anti-pornografischen Haltungen eine Zensur der Sexualität sah, und für sich beanspruchte, für sexuelle Freiheit zu kämpfen. Aber besteht eigentlich ein nachgewiesener Zusammenhang zwischen Pornokonsum und dem Praktizieren von hartem Sex? Eine 2024 veröffentlichte australische Studie zeigt, dass junge Menschen vor allem durch Pornografie (34,8 Prozent) erstmals mit dem Thema Choking in Berührung kommen. Es fehlt jedoch an breit angelegter Forschung, die kausale Zusammenhänge zwischen Pornografie und Sexualverhalten ermittelt. Noch immer bewerten Wissenschaftler*innen diese unterschiedlich. Harter Sex wurde eben auch durch Mainstream-­Filme oder soziale Medien zum Bestandteil einer soziokulturellen Gemengelage, die unser Sexualverhalten insgesamt beeinflusst.

SCHLECHTE FEMINISTIN? Anstatt nur bestimmte Praktiken zu kritisieren, müssen wir vielleicht fragen: Wie kann selbstbestimmte weibliche Lust möglich werden? Dazu kann vielleicht auch eine Lust an der ­Unterwerfung zählen. Das Problem bei Heterosex fängt schließlich nicht erst bei BDSM an. Immer noch gibt es den Gender-Orgasm-Gap. Männer kommen beim Sex häufiger als Frauen, was u. a. daran liegt, dass sich Heterosex typischerweise primär um den Koitus dreht und darum, wie die Frau den Mann am besten sexuell befriedigt.
Umfragedaten unter US-amerikanischen Studierenden haben gezeigt, dass der Anteil derjenigen, denen harter Sex „sehr gut“ gefällt, am höchsten unter den befragten trans* und nicht-binären Personen war (57 Prozent), gefolgt von cis-Frauen (42 Prozent). Trotzdem ist der Orgasm-Gap nicht verschwunden. Die eigene Sexualität inmitten von ungleichen Machtverhältnissen, fehlender Bildung, Scham und rätselhaftem Begehren zu ergründen, bleibt für viele Frauen und Queers schwierig. „Manchmal fühle ich mich wie eine schlechte Feministin, wenn ich BDSM genieße“, sagt eine andere Freundin. „Und gleichzeitig tun mir Männer sogar leid, weil ich mir denke: Ihr verpasst so viel, weil ihr eure Dominanz so oft nicht aufgeben könnt.“

Sophia Krauss findet, dass Lust an Unterwerfung immer mit feministischer Kritik zusammengedacht werden muss.

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Den Blick zurückwerfen https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/ https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:14:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=126098 Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird. an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn […]]]>

Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird.

an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn sie je nach Zeitgeist immer wieder neu erzählt wird. Und deswegen gäbe es jetzt auch eine Neuerzählung von Sisi als feministischer Galionsfigur. Tatsächlich war sie ja eigentlich Antifeministin, es gibt Statements von ihr, wonach Frauen sich nicht in politische Geschäfte einmischen sollten und sie selbst sich nicht für Politik interessiert. Wie wollen Sie die Figur erzählen?
Stefanie Reinsperger: Aus der Sicht einer Schauspielerin, die eine Figur spielt, wäre meine Antwort: Es gibt nicht nur zwei Seiten, es gibt sehr, sehr viele. Wenn ich an Rollen rangehe, versuche ich es mir, aber auch einem Publikum, nicht einfach zu machen. Elisabeth ist eine historische Figur, zu der alle eine Meinung haben. Für mich besteht der Kern des Stücks darin, dass Mareike sagt: Es gibt so viel, was auf diese geschichtliche Figur schon draufgepappt wurde, wir versuchen das jetzt eher abzutragen.
Fallwickl: Wir wollen sie eher aus Schubladen rausholen, als sie da jetzt wieder reinzustecken.

Sie beide haben Bücher über die Wut und das Wütendsein geschrieben. Welche Rolle spielt Wut in diesem Stück?
Fallwickl: Was hat eigentlich nicht mit Wut zu tun? Ich glaube, wenn ich schreibe, spielt Wut immer eine Rolle. Wut ist ein völlig legitimer Grund, etwas zu tun als Frau im Patriarchat, oder?
Reinsperger: Absolut. Für mich hat alles zumindest immer mit Spielwut zu tun. Als Schauspielerin ist dieses Auswüten auf einer Bühne mit einem fantastischen Text für mich immer ein toller Spielantrieb.

Ist Elisabeth eine wütende Figur?
Fallwickl: Ist sie wütend? Ja. Aber sie ist auch traurig und enttäuscht, alles. Ein Anliegen des Textes ist sicher, sie einfach menschlich zu zeigen. Man darf auch rausgehen nach diesem Theaterabend und anfangen, das zu erforschen. Was hat das in mir ausgelöst und warum?
Reinsperger: Wir proben ja erst seit einer Woche, da machst du etwas heute so und morgen so. Genauso, wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, sich dieser Figur textlich zu nähern, gibt es unendlich viele Möglichkeiten, etwas zu spielen. Diese Suche – sie ist ja das Tolle am Proben! Und das Tolle am Theater ist, dass es Fragen aufwirft und keine Antworten liefert, ich bin ja auch nicht gescheiter als irgendwer da im Publikum. Ich will vielmehr alle Menschen dazu ermutigen: Das, was du im Theater siehst und spürst und erfährst, das ist wahr! Eine ganz falsche Erwartung ans Theater ist: Ihr müsst auf alles Antworten haben und Lösungen anbieten.

Es gibt von Liv Strömquist die Graphic Novel „Im Spiegelsaal“, in der sie darlegt, dass Sisi verfolgt, regelrecht „tyrannisiert vom eigenen Bild“ war, von diesem ikonischen Bild mit dem Diadem im Haar, das wir alle kennen. Strömquist zeigt, wie rigide ihr Schönheitsregiment war, das quälende Prozedere mit den langen Haaren, die zur Gewichtsentlastung angebunden wurden, ihre Sportsucht, im Stück ist von „Schönheitssucht“ die Rede. Dieser Kampf gegen den eigenen Körper verhindert den Kampf gegen das Patriarchat: Lässt sich das auch für die Gegenwart noch so sagen?
Fallwickl: Ja, genau. Das Stück ist ein Versuch, diesen Blick auf sie zurückzuwerfen. Die ganze Zeit schreiben wir und drehen Filme über sie, machen sie auch gerne ein bisschen lächerlich mit ihrem Schlankheitswahn und dem Sportwahn und so weiter. Jetzt soll sie sich auch einmal hinstellen dürfen und das zurückwerfen und fragen: Und was ist mit euch? In welcher Form ist das denn heute irgendwie anders oder besser?

Stefanie Reinsperger, Sie sind immer wieder öffentlich gegen Bodyshaming und Gewichtsdiskriminierung aufgetreten. Hat Sie die Figur auch deswegen interessiert, weil es bei Elisabeth so stark um den Körper und seine Disziplinierung ging?
Reinsperger: Ich bin in allererster Linie Schauspielerin und freue mich, mich darin auch zu verlieren. Aber natürlich gibt es Themen oder Passagen, die sehr nah an einem dran sind, das Thema gehört dazu. Aber ich war selber überrascht beim Lesen, dass es auch ganz andere Themen sind, die mir nahegehen, man verändert sich ja auch, wird älter, blickt anders auf die Dinge.

Sehr selten wird ja die politische Wirksamkeit von Kunst so schön deutlich, wie bei dem Fall eines Salzburger Landespolitikers, der nach der Lektüre von „Die Wut, die bleibt“ tatsächlich seine Karriere beendet hat, um sich mehr um sein Kind kümmern zu können. Bei Ihnen beiden hat Ihre Arbeit immer auch mit gesellschaftspolitischem Engagement zu tun, also Dinge anstoßen und verändern zu wollen, oder?
Reinsperger: Ja, ohne den Glauben, dass Theater eine kathartische Wirkung hat, könnte ich gar nicht da rausgehen. Das ist für mich der Ur-Antrieb beim Theatermachen, um etwas laut zu machen, etwas darstellen und sich in den Dienst eines Themas, einer Figur, einer Sache zu stellen, eben mit dem Wesen, dem Körper und Mensch, der man so ist.
Fallwickl: Ich werde in Interviews oft gefragt, warum ich politische Literatur schreibe, warum ich es mir so schwer mache und den Lesenden auch. Erstens finde ich, das spricht allen ab, dass sie mündige, gesellschaftskritische Menschen sind. Es stimmt ja nicht, dass die Leute sich nicht für die eigenen Lebensumstände interessieren, weil die eh nur am Handy scrollen und Netflix schauen wollen. Sie sind da, sie hören zu und sie füllen alle unsere Säle.
Und ich finde es auch scheinheilig, dass bei allen, die was verändern wollen, alles sofort politisiert wird. Dabei ist jede patriarchale Erzählung genauso politisch! Die tut nichts anderes, als die gängigen Machtstrukturen zu zementieren in einer ewigen Reproduktion dieser Erzählmuster.

Es gibt im Stück Parallelsetzungen mit historischen Figuren und Personen, Rosa Parks und Gisèle Pelicot kommen z. B. vor. Die Analogie wird dabei immer über den Körper vollzogen, über „die liliengleichen Hände“, die Rosa Parks z. B. nicht hatte.
Fallwickl: Diese Parallelsetzungen zeigen: Es hat sich nie geändert. Es war immer dasselbe, egal wo, egal in welchem Jahrhundert, egal welche Frau. Ich will den Blick weiten, sodass es nicht nur dieser Spot auf Elisabeth ist, sondern sie sagen kann: Ich bin die eine Frau, die ihr dauernd anschaut, aber ich bin eigentlich alle Frauen und alle Frauen sind ich.
Es geht dabei nicht nur ums Körperliche, sondern auch darum, die Muse sein zu müssen, während die Männer die Genies sind, die über Jahrhunderte Reichtum, Erfolg und Ruhm auf sich versammeln, während es ja – ganz egal, in welchem Bereich, von Wissenschaft über Kunst bis hin zur Literatur – oft genug Frauen waren, die Ideen, Entdeckungen usw. geliefert haben. Daraus erwächst ja auch eine Wut hoffentlich.
Reinsperger: Ja, darum geht es im Kern, dass sie zurückblickt. Und vor allem ist das eine Elisabeth, die seit 127 Jahren verstorben ist und mit diesem Blick auf die Welt schaut. Die sagt: Ihr seid so dran gewöhnt, mich anzuschauen – heute schaue ich mal zurück.

Stefanie Reinsperger ist eine österreichische Film- und Theaterschauspielerin. Sie gehörte dem Berliner Ensemble an, kehrte 2024 aber ans Wiener Burgtheater zurück. 2022 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Ganz schön wütend“.
Mareike Fallwickl ist eine österreichische Autorin, deren 2022 erschienener Roman „Die Wut, die bleibt“ bereits als Theaterstück adaptiert wurde. Zuletzt von ihr erschienen: „Und alle so still“.

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Diskriminierungsschutz? Beseitigt! https://ansch.4lima.de/diskriminierungsschutz-beseitigt/ https://ansch.4lima.de/diskriminierungsschutz-beseitigt/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:07:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=126100 Vor Kurzem hat die neue Kommission ihr Arbeitsprogramm für die nächsten fünf Jahre vorgestellt. Alles heißt jetzt Clean statt Green, Simplifizierung statt Regulierung ist das Motto und Industrie, Wettbewerbsfähigkeit sowie Verteidigung stehen ganz oben.
Still und leise wurde dabei die Antidiskriminierungsrichtlinie aus dem Arbeitsprogramm gestrichen. Seit über 16 Jahren wurde um die EU-Richtlinie zur „Anwendung des Grundsatzes der Gleichbehandlung ungeachtet der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung“ gerungen. 2009 von der Kommission vorgeschlagen, sollte diese Richtlinie als „Horizontalrichtlinie“ sicherstellen, dass der rechtliche Schutz gegen Diskriminierung nun ausgeweitet und nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt bleiben würde. Die Richtlinie sollte dazu beitragen, eine Lücke im derzeitigen fragmentierten EU-Antidiskriminierungsrahmen zu schließen und den Grundsatz der Gleichbehandlung auf den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen zu erweitern.
Seit Jahren wartet das Europäische Parlament, dass die Mitgliedstaaten eine gemeinsame Position erarbeiten. Bisher blockierten allen voran Deutschland, Tschechien und Italien.
Keine Fortschritte – also lieber gleich beerdigen, ist nun die Devise der Kommission. Die Begründung: Der Vorschlag sei blockiert und es wären keine Fortschritte zu erwarten. Ob die Kommission einen neuen Vorschlag vorlegen wird, ist weiterhin unklar. Ein Rückschritt mit fataler Signalwirkung! Die EU hat aktuell mehr denn je den Auftrag und die Verpflichtung, Diskriminierung aktiv zu bekämpfen. Noch gibt es sechs Monate Zeit, Druck aufzubauen, um die Rücknahme rückgängig zu machen, denn erst dann tritt sie final in Kraft. Die EU muss sich aktiv für Gleichstellung und Vielfalt einsetzen – nicht nur mit schönen Worten, sondern mit verbindlichen Rechtsvorschriften und Rechtsanspruch für Betroffene.
Inge Chen ist Pressesprecherin des Grünen EU-Abgeordneten Thomas Waitz.

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Ich bin nicht ihre Mutter! https://ansch.4lima.de/ich-bin-nicht-ihre-mutter/ https://ansch.4lima.de/ich-bin-nicht-ihre-mutter/#comments Mon, 31 Mar 2025 05:06:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=126102 Mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit werde ich für die Mutter von Gleichaltrigen gehalten. Als mir das mit meiner besten Freundin auf dem Rummel passierte – sie ist vier Jahre älter als ich –, lachten wir laut. Doch wenn mir das mit meiner Partnerin – drei Jahre älter als ich – passiert, fühlen wir uns beide danach […]]]>

Mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit werde ich für die Mutter von Gleichaltrigen gehalten. Als mir das mit meiner besten Freundin auf dem Rummel passierte – sie ist vier Jahre älter als ich –, lachten wir laut. Doch wenn mir das mit meiner Partnerin – drei Jahre älter als ich – passiert, fühlen wir uns beide danach mindestens einen Tag lang schlecht. Der Unterschied zu meiner besten Freundin: Meine Partnerin und ich sind beide behindert und die Fehleinschätzung bekommt dadurch einen sehr unangenehmen Beigeschmack. Ihr sieht man die Behinderung auf den ersten Blick an, mir nicht. Wenn wir zusammen einkaufen gehen, werden wir von den Menschen als Person mit Assistenz wahrgenommen. Wenn wir Händchen halten, dann als Elternteil mit Kind. Das erklärte uns zumindest eine sich empört räuspernde Person, die extra vom Fahrrad abstieg, als wir uns neulich auf der Straße küssten. „Entschuldigung“, rief sie meiner überdurchschnittlich kleinen Partnerin zu, und als ihr dann auffiel, dass sie eine Erwachsene Mitte dreißig ist: „Ich dachte, Sie seien ein Kind!“ Die Mischung aus Schock und Überraschung in ihrem Blick tat weh. Was uns die Umwelt so immer widerspiegelt: Niemand nimmt uns als Paar wahr. Auch nicht, wenn wir uns demonstrativ romantisch verhalten. Dass zwei weiblich gelesene Menschen eine Liebesbeziehung führen, sprengt schon so manche Vorstellungskraft. Wenn dann noch Behinderung dazukommt, scheint jede andere Option wahrscheinlicher: Assistenz, Betreuung, Familie, Freund:innenschaft.
Der Ableismus in uns allen sitzt tief: Behinderung und chronische Erkrankung werden oft mit Unmündigkeit gleichgesetzt. Themen wie Liebe, Sex und Queerness haben da keinen Platz. Wenn zwei queere Crips wie wir also in der Öffentlichkeit knutschen, reagieren Menschen mit Verwunderung, Ablehnung und immer einem zweiten Blick. Die einzig passende Reaktion aber wäre: gar keine. Denn dass behinderte Queers im Stadtbild existieren, darf uns nicht überraschen.
Karolin Kolbe liebt ihre Wahlfamilie in Berlin ohne Elternteil von allen zu sein.

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Feminist Superheroine: Martha Goddard https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-martha-goddard/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-martha-goddard/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:03:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=126104 Martha Goddard, 1941 in den USA geboren, war eine Anwältin, die maßgeblich an der Entwicklung des „Rape Kits“ mitgewirkt hat. Goddard arbeitete u. a. mit Überlebenden sexuellen Missbrauchs. Sie machte die Erfahrung, dass den Betroffenen oft nicht geglaubt wurde, auch weil die nach Übergriffen in Krankenhäusern gesammelten Beweise sehr lückenhaft waren. Ihre Erfindung zur Sammlung […]]]>

Martha Goddard, 1941 in den USA geboren, war eine Anwältin, die maßgeblich an der Entwicklung des „Rape Kits“ mitgewirkt hat. Goddard arbeitete u. a. mit Überlebenden sexuellen Missbrauchs. Sie machte die Erfahrung, dass den Betroffenen oft nicht geglaubt wurde, auch weil die nach Übergriffen in Krankenhäusern gesammelten Beweise sehr lückenhaft waren. Ihre Erfindung zur Sammlung von Beweismaterial bei Vergewaltigungsfällen wurde lange dem Hauptwachtmeister Louis Vitullo zugeschrieben. Recherchen der US-Journalistin Pagan Kennedy zeigten jedoch, dass die tatsächliche Erfinderin des Rape Kits Goddard war, die bisher nur als „Gehilfin“ Vitullos galt. Goddard schrieb mit ihrer Erfindung Forensik-Geschichte. [fne]

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Keine Ruhe vor dem Sturm https://ansch.4lima.de/keine-ruhe-vor-dem-sturm/ https://ansch.4lima.de/keine-ruhe-vor-dem-sturm/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:02:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=126106 Ein „Volkskanzler“ Kickl bleibt uns erspart. Es war gefühlt die erste gute politische Nachricht dieses Jahr. Stattdessen regiert seit Anfang März eine ÖVP-SPÖ-NEOS-Bundesregierung mit drei feministischen Ministerinnen und einem – Skandal! – linken Finanzminister. Auch in Deutschland wird die AfD nicht in der Regierung sitzen – noch nicht. Große Teile der Zivilgesellschaft beider Länder atmen […]]]>

Ein „Volkskanzler“ Kickl bleibt uns erspart. Es war gefühlt die erste gute politische Nachricht dieses Jahr. Stattdessen regiert seit Anfang März eine ÖVP-SPÖ-NEOS-Bundesregierung mit drei feministischen Ministerinnen und einem – Skandal! – linken Finanzminister. Auch in Deutschland wird die AfD nicht in der Regierung sitzen – noch nicht. Große Teile der Zivilgesellschaft beider Länder atmen auf. Nur dass das, was sich jetzt wie ein Happy(-ish) End anfühlt, leider keines ist. Es ist nicht einmal eine längere Atempause und auch nicht die große Ruhe vor dem Sturm. Die aktuellen politischen Verhältnisse sind bereits Teil des Sturms, der sich lange Jahre in der Mitte der Gesellschaft zusammengebraut hat und nur stärker werden wird. Denn auch wenn die neue Regierung keine Rechtsextremen in ihren Reihen hat, sind die Aussichten gerade auch angesichts des budgetären Sparzwangs alles andere als rosig: Es wird weiterhin keine Erbschafts- und Vermögenssteuer in Österreich geben, keine dringend nötige Gesamtschule, der Familiennachzug von Asylwerbenden soll komplett gestoppt werden. Laut Bundeskanzler Stocker ist es ganz egal, dass damit geltendes EU-Recht gebrochen wird: Austria first. Auch Merz, der im Wahlkampf mit rechtsextremen Forderungen punkten wollte und Sozialabbau forcieren will, fordert einen sogenannten Asylstopp, also Asylwerbende direkt an den Grenzen abzuweisen. Auch das wäre europarechtlich unzulässig. Was soll’s.
Was man auch nicht vergessen darf: Beinahe 29 Prozent in Österreich und beinahe 21 Prozent in Deutschland haben die FPÖ und AfD gewählt. Die allermeisten dieser Menschen werden in den nächsten Jahren ihre Meinungen wohl nicht ändern. Viel eher deuten politische Analysen und Wahlstatistiken darauf hin, dass sogar mehr Menschen in Zukunft rechts wählen werden. Vielleicht sind wir dieses Mal noch mit blauem Auge davongekommen. Zumindest sitzt kein Kickl oder Donald Trump an der Spitze der österreichischen oder deutschen Regierung. Minderheitenrechte werden nicht abgeschafft, die Sozialstruktur des Staates nicht demontiert. Trans Menschen dürfen beispielsweise noch immer ihren Geschlechtseintrag ändern – in den USA sollen sie hingegen nur noch jenes Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, in offiziellen Dokumenten stehen haben können. Auch der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen wird in Österreich in den kommenden Jahren wohl nicht eingeschränkt werden – eine Entkriminalisierung ist aber mit der Volkspartei nicht möglich. Es gibt immerhin noch keine Liste an Wörtern, die man in Forschungsanträgen und Behörden nicht mehr verwenden darf, wie in den USA, wo rund 200 Wörter, darunter „Frauen“, „weiblich“, „Minderheiten“ oder „Klimakrise“ künftig zu vermeiden sind.
Beispiele wie Bayern, Hessen und Niederösterreich („Genderverbot“) zeigen aber, dass die Strategien der neuen globalen Rechten längst auch hier angekommen sind. Transfeindlichkeit wird ohnehin salonfähig – auch in Österreich, auch in progressiven Kreisen.
Die Grundsteine für so viele Grausamkeiten, die in den nächsten fünf, zehn oder zwanzig Jahren auf uns zukommen werden, sind bereits gelegt. So greifen die Mechanismen der Spaltung auch in linken Kontexten immer mehr. Gemeinsam als großes, schlagkräftiges Bündnis Demonstrationen zu veranstalten, ist für linke Gruppierungen eine Unmöglichkeit geworden. Anstatt einer guten Portion Reibung, Diskurs und Debatte, die der kritischen Selbstreflexion und Weiterentwicklung helfen sollten, gibt es gegenseitiges Anschweigen, Canceln und die nächste Splittergruppe. Selbstverständlich sollten auch Linke Konflikte führen können und selbstverständlich muss daraus am Ende nicht immer eine harmonische Allianz entstehen. Dennoch sollten wir uns ab und an fragen, wer denn unsere Gegner*innen sind. Wir sollten wieder mehr miteinander reden, versuchen, einander zuzuhören und etwas mehr Wohlwollen füreinander aufbringen, bevor wir sämtliche Brücken zwischen uns niederbrennen. Denn die Strukturen, die wir dann in den nächsten Monaten und Jahren hoffentlich aufbauen können, werden wir dringend brauchen.

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