1/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 12 Feb 2025 08:27:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 1/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Zuversicht mit Zähnen und Klauen https://ansch.4lima.de/zuversicht-mit-zaehnen-und-klauen/ https://ansch.4lima.de/zuversicht-mit-zaehnen-und-klauen/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:07:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=124954 Wie die Hoffnung nicht aufgeben? Von Lea Susemichel Gäbe es ein Pendant zum ikonischen Obama-­Plakat, auf dem in großen Lettern „HOPE“ prangt, müsste unter Trumps Porträt „DESPAIR“ (Verzweiflung) stehen.Tiefe Hoffnungslosigkeit und das lähmende Gefühl von überwältigender Hilflosigkeit sind als erste Reaktion auf die politischen Ereignisse der Gegenwart wohl unausweichlich. Doch wie da nun möglichst schnell […]]]>

Wie die Hoffnung nicht aufgeben? Von Lea Susemichel

Gäbe es ein Pendant zum ikonischen Obama-­Plakat, auf dem in großen Lettern „HOPE“ prangt, müsste unter Trumps Porträt „DESPAIR“ (Verzweiflung) stehen.
Tiefe Hoffnungslosigkeit und das lähmende Gefühl von überwältigender Hilflosigkeit sind als erste Reaktion auf die politischen Ereignisse der Gegenwart wohl unausweichlich. Doch wie da nun möglichst schnell wieder rauskommen?
„Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“, hat der damit zuletzt viel zitierte Ernst Bloch geschrieben. Das stimmt wahrscheinlich, leider macht es diese Androhung nicht besser. Wer kann schon auf einen Appell hin Zuversicht mobilisieren? Hilfreicher ist da vielleicht Max Frisch: „Eine Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Allerdings: Der kommende Faschismus ist unbestreitbar eine Katastrophe. Der Ausweg besteht darin, sich eine Haltung zu erarbeiten, die als „strategischer Optimismus“ bezeichnet wird. „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ ist die Parole Antonio Gramscis, die deutlich macht, dass es tatsächlich strategisch eingesetzte Willensstärke braucht, um nicht zu verzweifeln, wenn die Zeiten derart dunkel sind. Die nüchterne Einsicht, dass die Lage objektiv schon mal besser war, ist freilich dennoch unerlässlich. Psychologische Studien legen nämlich nahe, dass die meisten Menschen sogar übertrieben optimistisch sind und positive Erwartungen an die Zukunft haben, selbst wenn das die gegenwärtige Situation nicht zulässt. Doch wenn faschistische Tyrannen gerade dabei sind, überall auf der Welt die Macht zu übernehmen, braucht es unbedingt eine realistische Einschätzung, wie ernst die Lage ist, um den akuten Handlungsbedarf zu erkennen. Etwas, das ÖVP, Republikaner:innen und all die anderen Steigbügelhalter weltweit offenbar versäumen.

SHE PERSISTED. Den eigenen Kampfgeist stärken, das lässt sich mit Beispielen mutig handelnder Frauen besser als mit bloßen Bonmots berühmter Männer. Etwa mit dem Beispiel der Bischöfin Mariann Edgar Budde, die beim Gottesdienst in Washington direkt in die verächtlich verzerrten Gesichter der Trump-Truppe hinein Kritik an seiner mitleidlosen Politik geäußert hat. Sie wird hoffentlich nur den Anfang gemacht haben. Wir erinnern uns: Auch in Trumps letzter Amtszeit waren es vor allem Politikerinnen, die Trump die Stirn boten, etwa Justizministerin Sally Yates, die sich der Umsetzung seines „Muslim Ban“ ­widersetzt hat. Oder Elizabeth Warren, die gegen die Nominierung von Jeff Sessions opponierte und deshalb mit „Nevertheless, she persisted“ in die Geschichte einging.
Es sind auch keineswegs nur individuelle Widerstandsakte Einzelner, die Zuversicht geben. Die feministische Bewegung hat durch ihre kollektive Stärke insbesondere im letzten Jahrzehnt so gewaltige Fortschritte erzielt, dass es langfristig hoffentlich einfach kein Zurück mehr gibt. Denn der gewaltige Backlash durch die „Broligarchy“ ist genau das: ein Gegenschlag. Und wie Susan Faludi schon 1991 in ihrem gleichnamigen Buch schrieb: „Der antifeministische Backlash wurde nicht durch den Kampf der Frauen um volle Gleichberechtigung ausgelöst, sondern durch die Tatsache, dass ihre Chancen gestiegen waren, diesen Kampf zu gewinnen. Es handelt sich um einen Präventivschlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt.“
Es ist ja nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Faschisten, Demagogen, Autokraten, Antifeministen und Despoten die Macht übernehmen. Und wir haben gesehen, dass sie auch wieder gestürzt werden können, oft sogar viel schneller als gedacht. Es lohnt sich, die historischen Kämpfe von Antifaschist:innen und die Strategien erfolgreicher sozialer Bewegungen zu studieren, um von ihnen zu lernen.
Die Gewissheit, schon so viel erreicht zu haben, kann dabei Ansporn sein, das Erreichte mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Wir dürfen dabei aber nicht den Fehler machen und bescheiden werden. Von den fanatischen Techno-Liberalen und Longtermisten wie Musk, deren Dystopien vor allem die fernere Zukunft im Blick haben, gibt es zumindest eine Sache zu lernen: Auch wenn es in der nahen Zukunft vor allem darum gehen wird, Errungenschaften zu verteidigen, sollten wir uns bitte nicht darauf beschränken. Auch die eigenen Visionen und Gegenentwürfe dieser anderen Welt, die selbstverständlich weiterhin möglich ist und das gute Leben für alle zum Ziel hat, dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Widerstand mag für viele von uns vorerst vielleicht nur im Kleinen und Lokalen möglich sein, aber: Think big!

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Sich ganz dem kollektiven Kampf widmen https://ansch.4lima.de/sich-ganz-dem-kollektiven-kampf-widmen/ https://ansch.4lima.de/sich-ganz-dem-kollektiven-kampf-widmen/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:05:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=124950 Die Straße bleibt ein wichtiger Widerstandsraum des „popularen Feminismus“, sagen Verónica Gago and Lucí Cavallero, die am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien zu Gast waren.Yola Pelliccia und Brigitte Theißl haben die feministischen Wissenschafterinnen und Aktivistinnen gefragt, was wir in Europa von der beeindruckend starken argentinischen Bewegung lernen können. an.schläge: Wir treffen uns […]]]>

Die Straße bleibt ein wichtiger Widerstandsraum des „popularen Feminismus“, sagen Verónica Gago and Lucí Cavallero, die am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien zu Gast waren.
Yola Pelliccia und Brigitte Theißl haben die feministischen Wissenschafterinnen und Aktivistinnen gefragt, was wir in Europa von der beeindruckend starken argentinischen Bewegung lernen können.

an.schläge: Wir treffen uns hier in Wien, wo vermutlich bald ein rechtsextremer Kanzler regiert. In den USA steht Trumps zweite Amtszeit bevor. In Argentinien zieht Javier Milei gegen den Feminismus ins Feld und hat das Frauenministerium abgeschafft. Glauben Sie, dass der hart erkämpfte feministische Fortschritt der vergangenen fünfzig Jahre gerade Stück für Stück abgewickelt wird?
Verónica Gago: In Argentinien konzentriert sich die Regierung von Javier Milei tatsächlich darauf, die Errungenschaften der feministischen Bewegung zu demontieren.
Einer der wichtigsten gewonnenen Kämpfe in Argentinien war zuletzt das Recht auf Abtreibung. Nun hat Milei das Recht zwar nicht abgeschafft, aber er streicht allen öffentlichen Einrichtungen, die Abbrüche anbieten, das Geld. Milei führt auch einen explizit abtreibungsfeindlichen Diskurs. All jene, die das grüne Tuch tragen, ein Symbol für den Kampf um die Abtreibung, bezeichnet er als „Mörder:innen“. Der Angriff erfolgt also auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Auch das Frauenministerium hat er aufgelöst und alle Programme, die sich reproduktiver Gesundheit und Gewaltschutz widmen, die Finanzierung gestrichen.

Javier Milei baut aktuell Argentinien radikal um – und wird weltweit dafür von neoliberalen Denker*innen gefeiert. Was bedeutet diese neoliberale Politik für die Arbeiter*innenklasse?
Lucí Cavallero: Die Armut in Argentinien ist innerhalb eines Jahres enorm angestiegen. Es kommt zu massiven Entlassungen, vor allem in der öffentlichen Verwaltung, aber auch in privaten Unternehmen. Das ist eine Geschwindigkeit, die wir nur als neoliberalen Schock bezeichnen können.
Ich glaube, dass der weltweite Jubel über seine Austeritätspolitik mit dieser Enthemmung und der Zurschaustellung von Gewalt zu tun hat.
V. G.: Ja, er demonstriert ein solches Ausmaß an Grausamkeit und eine Geschwindigkeit, dass es ein wahres Spektakel ist. Im vergangenen Jahr war Milei in Davos zu Gast, dort hat er versprochen, allen sozialen Kämpfen in Argentinien ein Ende zu setzen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen haben in Argentinien eine große Tradition. Umso wichtiger ist es für ihn, auf globaler Ebene zu zeigen, dass er diese Traditionen zerstören kann.

Inwiefern trifft der politische Wandel auch die Universitäten?
V. G.: Milei hat es auf die öffentlichen Universitäten abgesehen.
Eine der größten Demonstrationen im letzten Jahr war die für das Recht auf freie Bildung. Es gab Slogans wie „Wir sind Arbeiter und wir sind die öffentliche Universität“ oder „Meine Mutter war eine Hausangestellte“.
L. C.: Und wir kämpfen dafür, dass die Universität nicht zu einem Ort für die neoliberale Aneignung von etwas wird, das kollektiv produziert wird. Das ist ein täglicher Kampf.

Verónica, in einem Ihrer Aufsätze, „Acht Thesen zur feministischen Revolution“, schreiben Sie, dass die feministische Bewegung in Argentinien zwei besondere Merkmale hat: Sie ist eine Massenbewegung und sie ist radikal.
Wie radikal muss eine feministische Bewegung sein, die den neuen Faschismus bekämpft?

V. G.: Ich glaube, dass der Aufstieg der rechten Regierung in Argentinien eine Art Antwort auf diese Radikalität ist. Es gibt aber auch diese gemeinsamen Themen der globalen Rechten. Der Angriff auf Abtreibungsrechte, Anti-Trans-Rechte, das Verbot von Sexualerziehung in der Schule. Und für die feministische Bewegung ist es aktuell sehr schwierig, sich zu organisieren und zu mobilisieren, weil die Wirtschaftskrise unsere Möglichkeiten zur Organisierung einschränkt.
Nichtsdestotrotz hat die letzte Demonstration am 8. März in Argentinien eine Million Menschen mobilisiert.

Die „Ni Una Menos“-Bewegung hat weit über Argentinien und Lateinamerika hinaus enorme Schlagkraft entwickelt, die Radikalität und die Leidenschaft hat Feministinnen weltweit inspiriert. Was können wir in Europa von der Bewegung lernen?
L. C.: Ich denke, es liegt vor allem daran, dass Feminismus nicht nur in einer Art „­Ghetto“ passiert, sondern immer Allianzen mit anderen Bewegungen sucht.
Es ist ein „popularer“ Feminismus, der an vielen Orten gleichzeitig stattfindet, an den Universitäten, an den Arbeitsplätzen, in den Schulen, in den Krankenhäusern.
Hinter der Kampagne für das Recht auf Abtreibung steht zum Beispiel ein Netzwerk von Lehrer*innen und Krankenhausangestellten. In den vergangenen zwanzig Jahren ist hier sehr viel Aufbauarbeit passiert. Es gibt keinen Weg, eine Massenbewegung zu schaffen, ohne hart dafür zu arbeiten. Du kommst nicht umhin, dich zu engagieren und viel Energie dem kollektiven Kampf zu widmen. Ein Kampf, der dir keine individuellen Vorteile bringen wird. Das ist also die wichtigste Lektion: Eine Massenbewegung entsteht nur dann, wenn du einen Teil deines Lebens dafür opferst. V. G.: Auch die generationenübergreifende Dimension der Bewegung ist sehr wichtig. Wenn man zum Beispiel die Kampagne für das Recht auf sichere, legale und kostenlose Abtreibung betrachtet, gibt es Aktivist*innen, die in den 80er-Jahren begonnen haben, sich zu engagieren. Auch das nationale Treffen von Frauen, Lesben und Transpersonen in Argentinien ist einzigartig. Das ist ein nationales Treffen, das jedes Jahr in einer anderen Provinz stattfindet.
Es gibt also eine Schule des Feminismus über einen langen Zeitraum hinweg.
Dadurch haben diese verschiedenen Generationen ihre Erfahrungen zusammengebracht und vermitteln sie anderen. Auch internationale Netzwerke sind für uns enorm wichtig. Das gibt uns viel Energie, es bestehen enge Verbindungen nach Chile, Mexiko, Ecuador, Brasilien, aber auch Spanien und Italien. Das ist auch eine Quelle der Stärke.

Was brauchen feministische Bewegungen angesichts des globalen Rechtsrucks jetzt – woraus können wir Kraft und Hoffnung schöpfen?
L. C.: Es ist enorm wichtig, dass wir aus dem täglichen Leben Politik machen. Es geht um sämtliche Fragen unseres Alltags, um Arbeit, Beziehungen, den Zugang zu Wohnraum.
Und wir müssen auch an Orten politisieren, die die Rechten, manchmal aber auch die traditionellen Linken gering schätzen. Das kann zum Beispiel ein Krankenhaus sein oder eine Schule – Orte, an denen viele Menschen politisiert werden.
V. G.: Ich denke es ist auch wichtig, die Mobilisierung auf der Straße als Ort der kollektiven Stärke aufrechtzuerhalten – und das trotz der Tatsache, dass wir zumindest in Argentinien mit Repression und Formen der Kriminalisierung von Protest konfrontiert sind. Aber in Argentinien gelingt es der extremen Rechten nicht, die Straße zu erobern, die Menschen zu mobilisieren, die Straße bleibt unser Raum. Und es braucht diese kollektive Energie.

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Der Fortschritt ist nicht immer linear https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/ https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:00:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=124957 Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert. an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte […]]]>

Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert.

an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?
In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“ schreiben Sie, dass Menschen mit dem Zustand der Welt zwar oft unzufrieden sind, aber Alternativen ablehnen, weil sie „in der Realität“ vermeintlich nicht machbar sind. Wie lässt sich das ändern?
Utopist:innen haben immer Feinde, weil sie Menschen mit Reichtum und Privilegien herausfordern. Im Fall von Jesus von Nazareth forderte er das Römische Reich heraus. Buddha stellte das traditionelle hinduistische Kastensystem infrage. Menschen wie Flora Tristan, Karl Marx und Friedrich Engels stellten die bürgerliche Autorität und den Kapitalismus infrage. Utopist:innen träumen oft von einer Lebensweise, die jene Gesellschaftsstrukturen untergräbt, die den Reichtum und die Privilegien einer bestimmten Elite stützen. Und natürlich schlagen diese Eliten zurück. Sie wehren sich mit dystopischen Visionen von der Zukunft. Sie versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Welt schlechter statt besser wird, wenn sie sich erheben und versuchen, die Dinge zu ändern. Wir wehren uns, indem wir uns weigern, ihnen zu glauben.

Warum sind gerade Patrilinearität und Patrilokalität so große Probleme, die jede feministische Utopie unbedingt überwinden muss?
Das Patriarchat manifestiert sich in konkreten Praktiken wie der Patrilinearität (Rückverfolgung der Abstammung durch den Vater) und der Patrilokalität (der Mann gilt immer als Haushaltsvorstand, dessen Beruf oder Geburtszugehörigkeit über den Wohnort eines Ehepaars bestimmt). Diese Praktiken schaffen Familienbeziehungen, die zwei Dinge ermöglichen: erstens den generationenübergreifenden Transfer von Reichtum und Privilegien von Vätern auf ihre legitimen Kinder. Und zweitens eine Welt, in der die Geburt und Erziehung der nächsten Generation von Steuerzahler:innen, Verbraucher:innen und Bürger:innen kostenlos erfolgt, und zwar größtenteils durch Frauen im privaten Bereich. Das Patriarchat ist ein System, das sich so entwickelt hat, damit die extreme Ungleichheit in der Gesellschaft über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden kann.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich stark auf kollektive Formen des Zusammenlebens und der gemeinsamen Kindererziehung. Warum hat sich die Isolation von Menschen und Kleinfamilien historisch so stark durchgesetzt, obwohl so viel für die Vergemeinschaftung spricht? Wie könnten vor allem Frauen von der Vergemeinschaftung der Sorgearbeit und der Abschaffung des Privateigentums profitieren?
Man darf nicht vergessen, dass historisch gesehen viele Mütter bei der Geburt ihres Kindes sterben. Aus einer evolutionären anthropologischen Perspektive betrachtet, wären wir als Spezies ausgestorben, wenn wir unsere Kinder nicht gemeinsam aufgezogen hätten (Stichwort „cooperative breeding“). Wir wissen, dass die gesellschaftlich erzwungene universelle Monogamie im antiken Griechenland entstand und sich in Gesellschaften verbreitete, die den Ackerbau entwickelten. Aber heute glauben viele Menschen, dass die ausschließliche Betreuung durch zwei Elternteile sowohl „normal“ als auch natürlich ist. In Wirklichkeit dient die Isolierung der Kernfamilie dazu, die Ungleichheit aufrechtzuerhalten und die gesamte gesellschaftlich reproduktive Arbeit in den privaten Bereich zu verlagern. Der Kapitalismus als System beruht auf einer Familien­struktur, in der Frauen als Teil ihrer „natürlichen“ Rolle als Mutter Kinder gebären und aufziehen. Der beste Weg, Frauen dazu zu bringen, diese Arbeit zu machen, ist zu sagen, „Ihr macht das aus Liebe“. Die Idealisierung der Kernfamilie ist ein Weg, Frauen dazu zu bringen, keine Entschädigung oder Anerkennung für die gesellschaftlich sehr wichtige Reproduktionsarbeit zu verlangen, die sie zu Hause leisten. Die Vergesellschaftung dieser Arbeit würde nicht nur die Frauen von der patriarchalischen Ausbeutung befreien, sondern auch den Kindern zugutekommen, die in einer Gemeinschaft von liebenden und unterstützenden Erwachsenen aufwachsen würden.

Das ist auch die Bilanz Ihres Buchs „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Sozialistische Gesellschaftsformen haben in der Geschichte die Situation der Frauen verbessert, so Ihr Befund.
Ja, trotz der vielen Schattenseiten des real existierenden Sozialismus des 20. Jahrhunderts in Osteuropa (Reisebeschränkungen, Mangel an Konsumgütern und Geheimpolizei) genossen die Frauen in diesen Ländern mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit und Autonomie als ihre Altersgenossen im Westen während derselben Epoche.

Sie schreiben, dass das sogenannte Blue-Sky-Denken in der Produktentwicklung und im Geoengineering wünschenswert ist, aber nicht in Bezug auf die Gesellschaft. Warum koppeln wir technische Visionen und Innovationen von sozialen Fragen des guten Lebens ab, obwohl wir sehen können, dass dies sehr schnell sehr dystopisch werden kann? Elon Musk ist aktuell ja das beste Beispiel.
Unsere Gesellschaften sind zu Orten geworden, an denen nur noch Milliardäre große Träume haben. Normale Menschen mit normalem Einkommen dürfen immer nur normale Gedanken haben. Den Milliardären geht es in der Regel nur darum, ihren Reichtum zu erhalten oder zu mehren, also ist Innovation in Ordnung, solange sie dem Zweck dient, ihren Gewinn zu vergrößern. Aber große Ideen zur Schaffung einer gerechteren, ausgewogeneren und nachhaltigeren Welt stellen oft ihren Reichtum und ihre Privilegien infrage, und deshalb werden sie alles tun, um sie zu verhindern.

Selbst wenn Träume nicht wahr werden, erweitern sie unsere Vorstellung von dem, was möglich ist, und verändern so den Horizont dessen, was wir praktisch erreichen können, schreiben Sie. Warum spielt es sich trotzdem so oft im sogenannten Overton-Fenster ab, also im vermeintlich „realistischen Rahmen“?
Wenn wir den Bereich des Denkbaren und Möglichen erweitern, kommen wir auf dem Weg zu einer besseren Zukunft weiter, als wenn wir uns ein begrenztes und „machbares“ Ziel setzen. Einzelne machbare Schritte in Richtung Veränderung sind in praktischer Hinsicht wichtig, aber wir brauchen immer auch Träume, weil sie uns helfen, unsere Kreativität zu entfesseln.

Sie verweisen auf eine wachsende Zahl von Neo-Utopien, Bücher, die eine positive Zukunft und einen politischen und wirtschaftlichen Wandel visualisieren. Haben Sie trotz des weltweiten Rechtsrucks und der ­Gegenreaktion, die wir erleben, die Hoffnung, dass sie sich durchsetzen werden? Sie leben in den USA, wie halten Sie an dieser Hoffnung fest?
Ich habe immer Hoffnung, weil ich versuche, jeden Tag zu hoffen. Der Fortschritt ist nicht immer linear. Es gibt immer Momente des Rückschritts und der Gegenreaktion. Aber ich glaube, dass der Rückschlag, den wir jetzt erleben, eine echte Reaktion auf die utopische ­Vision ist, die während der Pandemie möglich war. Die Welt blieb stehen. Die Umwelt erholte sich. Die Regierungen verschenkten Geld. Die Menschen arbeiteten von zu Hause aus nach ihren eigenen Zeitplänen. Die Eltern hatten mehr Zeit für ihre Kinder. Die Menschen teilten ihre Zeit und ihre Ressourcen. Wir kamen als ein Planet zusammen, um ein tödliches Virus zu besiegen. Diese Dinge öffneten den Menschen die Augen für eine ganz andere Art von Möglichkeiten für die Zukunft. Die gegenwärtige Gegenreaktion versucht, uns alle vergessen zu lassen, dass wir alle gemeinsam dafür verantwortlich sind, die Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen.

Kristen R. Ghodsee, geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania. 2019 erschien „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“.

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Bomben unters Bett https://ansch.4lima.de/bomben-unters-bett/ https://ansch.4lima.de/bomben-unters-bett/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:57:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=124959 Viele Frauen haben in Österreich und Europa Widerstand gegen den Faschismus geleistet. Ihre Namen gehören noch immer nicht zum Allgemeinwissen. Dabei bestärkt das Wissen um ihre Solidarität und ihren radikalen Mut nicht nur in Zeiten wie diesen ungemein. Von Julia Pühringer La Dinamitera« war der Spitzname von Rosario Sánchez Mora (1919-2008) – weil sie so […]]]>

Viele Frauen haben in Österreich und Europa Widerstand gegen den Faschismus geleistet. Ihre Namen gehören noch immer nicht zum Allgemeinwissen. Dabei bestärkt das Wissen um ihre Solidarität und ihren radikalen Mut nicht nur in Zeiten wie diesen ungemein. Von Julia Pühringer

La Dinamitera« war der Spitzname von Rosario Sánchez Mora (1919-2008) – weil sie so verdammt gut Bomben bauen konnte im Kampf gegen Franco in Spanien. Nachzulesen ist ihre Geschichte in Ingrid Strobls Kultbuch „Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“. „Ich bin nicht an die Front gekommen, um mit einem Putzlumpen in der Hand zu krepieren“, wird Sánchez Mora zitiert. Sie hat sich den zugeteilten „Frauenaufgaben“ im Widerstand verweigert, wie auch die Anarchistinnen der „Mujeres Libres“, die im Spanischen Bürgerkrieg ihre Mitkämpfer wissen ließen, dass sie den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Privaten bereits während des Widerstands gegen den Faschismus zu führen gedachten. Strobl hat in den 1980er-Jahren viele Widerstandskämpferinnen noch selbst interviewt. Sie wurde, nachdem sie sich als vertrauenswürdig erwies, weitergereicht.

IN DIE LUFT SPRENGEN. Strobl hat als erste formuliert, warum so wenig über die Widerstandskämpferinnen bekannt war – übrigens auch in Deutschland und Österreich: Es lag einerseits an ihrem Geschlecht, aber auch daran, dass viele außerdem Jüdinnen und Kommunistinnen waren. Und so mancher Widerstandskämpfer fand seine Kolleginnen in seinem Buch nicht erwähnenswert. Dabei waren sie ungemein radikal: Strobl erzählt von Hannie Schaft, dem „Mädchen mit den roten Haaren“, die gemeinsam mit Truus und Freddie Oversteegen aus den Niederladen auf die Erschießung von SD-Offizieren spezialisiert waren. In Warschau waren junge Frauen im Widerstand aktiv, die so gefährlich waren, dass es den Befehl gab, sie nicht mehr zu verhaften, sondern sie sofort zu ­erschießen, „da sie immer wieder noch in der letzten Sekunde eine Handgranate zündeten und damit nicht nur sich selbst, sondern auch den, der sie festnehmen wollte, in die Luft sprengten“. Strobl erzählt von „der kleinen Wanda mit den blonden Zöpfen“, Nuita Tejtelbojm, die, von grinsenden Wachen ins Gestapo-Gebäude in Warschau eingelassen, ins Büro des Offiziers marschierte, ihn erschoss und wieder verschwand. Ihre Abteilung sprengte auch Bahnlinien, um den Nachschub an die Ostfront zu unterbinden. Filmreif und abenteuerlich klingen viele dieser Geschichten und man fragt sich, warum es die dazugehörigen Filme nicht gibt.
Es ist die unglaubliche Geschichte vom Widerstand gegen Wilhelm Kube, einem der „berüchtigtsten Schlächter in den besetzten sowjetischen Gebieten“, der gern junge ­Frauen im Hauspersonal hatte: Es war die Partisanin Halina Mazanik, die von Mitgliedern des Untergrunds eine Bombe übernahm, unter sein Bett legte und „damit einen der sadistischsten Mörder des Besatzungsregimes tötete“. Sie wurde später stellvertretende Direktorin der Hauptbibliothek der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus. Das Buch ist voll grauenerregender Berichte von Massakern, Folter, Mord und Kollektivstrafen, aber auch voll von unfassbarem Mut.

FRAUENGESCHICHTEN SICHTBAR MACHEN. Es sind zumeist Frauen, die diese Geschichten von Widerstandskämpferinnen weitererzählen, nicht nur in Büchern. Susanne Zanke verfilmte mit geringem Budget in „Eine Minute dunkel macht uns nicht blind“ 1987 die Geschichte von Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, deren Rolle im kommunistischen Widerstand neben ihrer Erfindung der „Frankfurter Küche“ zu oft in den Hintergrund rückt. Sie war freiwillig nach Wien zurückgekehrt und wurde dort verraten und inhaftiert. In „Küchengespräche mit Rebellinnen“ haben Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik und Lisbeth N. Trallori die Geschichten der Widerstandskämpferinnen Rosl Grossmann-Breuer, Anni Haider, Agnes Primocic und Johanna Sadolschek-Zala zusammengetragen. Ein eindrückliches Dokument ist auch die gleichnamige Filmadaption der Regisseurin Susanne Zanke aus dem Jahr 1981, die sieben Berichte aus Marie-Thérèse Kerschbaumers „Der weibliche Name des Widerstands“ beleuchtet. Berger, Holzinger, Podgornik und Trallori sind auch Autorinnen des bahnbrechenden Werks „Der Himmel ist blau. Kann sein“ über Frauen im Widerstand in Österreich zwischen 1938 und 1945, das Akte des Widerstands in ihrer ganzen Bandbreite abbildet.

WIDERSTAND IM ALLTAG. Agnes Primocic hat mit anderen Frauen 1934 in der Tabakfabrik in Hallein gestreikt und war später federführend bei der Befreiung von politischen Häftlingen. Grete Mikosch ließ sich arbeitsunfähig schreiben, um nicht für die Nazis arbeiten zu müssen, dann „hab ich noch mehr Zeit gehabt, unseren versteckten Freund zu betreuen“.
Hedwig Leitner-Bodenstein erschien aus Protest im Negligé mit Lockenwicklern in den Haaren zum Fahnenhissen – auch das: ein widerständiger Akt. Es sind Geschichten von Kameradinnenschaft in der Haft, von erfolgreicher Sabotage von Kriegsaufträgen, vom Verschwindenlassen von Akten in ­Eigeninitiative, von mutigen Betriebsrätinnen und konspirativ verfassten und verteilten Flugblättern, auch von Folter, „Nachtver­hören“, von Partisaninnen im Wald, von Flucht, Hinrichtungen und Lager.
„Wenn man ein Ziel hat, in einer Bewegung ist und weiß, was man will, verliert sich die Angst. Angst lähmt doch furchtbar. Aber wenn du mitwirkst und versuchst, Hindernisse zu überwinden, ist die Angst nicht so groß. Die Empörung wird zu einer Energiequelle“, sagt im Buch Irma Schwager, die in Frankreich „Mädelarbeit“ gemacht hat. Es ging darum, deutsche Soldaten auszuspionieren und ihnen die Kriegszuversicht zu nehmen.
Das Buch „Widerstand und Zivilcourage“ über widerständige Frauen in Oberösterreich sortiert nach den Tätigkeiten der Praxis: „Hinterfragen, kritisieren, zuwiderhandeln“ heißt das Kapitel über Alltagswiderstand, „Mobilisieren, überzeugen, zurückschlagen“ jenes über den organisierten Widerstand, „Einstehen, entziehen“ über den religiösen Widerstand von Christinnen und Zeuginnen Jehovas sowie „Überleben, widersetzen“ über den Widerstand von Verfolgten. Die Autorinnen betonen, „wie wichtig eine kritische Haltung und couragiertes Handeln auch in der Gegenwart für eine stabile und vielstimme Demokratie sind“, erzählen von Frauen, die Geflüchtete versteckten, den Widerstand mit Nahrungsmitteln versorgten, aus Mitgefühl genauso handelten wie aus religiöser Überzeugung. Besonders beschämend ist, wie wenige der kämpferischen Frauen später unter das Opferfürsorgegesetz fielen und keine Entschädigung für ihren Kampf erhielten.

ALLE KÖNNEN WIDERSTAND. Was eint all diese widerständigen Frauen? Was lässt sich von ihnen lernen, auch in einer Demokratie? Viele waren in Verbänden organisiert, vor allem bei der KPÖ und der SPÖ. Auch heute gilt es, Strukturen zu unterstützen: Das kann als Betriebsrätin genauso sein wie bei einem Frauenbuchclub, einer Parteiorganisation, einem Verein. Keine von ihnen hat auf eine Erlaubnis gewartet, um sich zu engagieren. In prekären Zeiten bedeutet schon Schweigen Zustimmung. Machtlos fühlt sich, wer nichts tut – und Mut ist ein Muskel, den man trainieren kann. „Es war essenziell, nicht aufzugeben. Wenn du Widerstand geleistet hast, warst du schon Siegerin. Du hattest bereits gewonnen“, schrieb Madeleine Riffaud, die französische Widerstandskämpferin, die nach dem Krieg Journalistin und Kriegsberichterstatterin wurde und 2024 hundertjährig verstarb, in einem Porträt in den „New York Times“. ­Gemeinsam mit drei weiteren Menschen hatte sie u. a. 1944 einen Zug der Wehrmacht in einem Tunnel von der Lokomotive getrennt, achtzig Soldaten mussten sich ergeben.
Immerhin hat Widerstandskämpferin Resi Pesendorfer jetzt einen Platz im Zentrum von Bad Ischl und viele andere Widerstandskämpferinnen ein Denkmal auf dem Linzer OK-Platz.

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Rache hat einen sehr lustvollen Aspekt https://ansch.4lima.de/rache-hat-einen-sehr-lustvollen-aspekt/ https://ansch.4lima.de/rache-hat-einen-sehr-lustvollen-aspekt/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:30:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=124961 Der Faschismus steht vor der Tür, für den Straßenkampf sind Feminist:innen aber schlecht gerüstet. Filmemacherin Katharina Mückstein und an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel im Gespräch über Selbstverteidigung und Rachegelüste. Lea Susemichel: Ich möchte gerne mit einem Zitat der französischen Philosophin Elsa Dorlin einsteigen, die ein Buch über Selbstverteidigung geschrieben hat: „Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, ist das […]]]>

Der Faschismus steht vor der Tür, für den Straßenkampf sind Feminist:innen aber schlecht gerüstet. Filmemacherin Katharina Mückstein und an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel im Gespräch über Selbstverteidigung und Rachegelüste.

Lea Susemichel: Ich möchte gerne mit einem Zitat der französischen Philosophin Elsa Dorlin einsteigen, die ein Buch über Selbstverteidigung geschrieben hat: „Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, ist das ausschließliche Privileg einer herrschenden Minderheit“. Allen anderen Menschen, sagt Dorlin, würde jede Verteidigung, selbst die mit dem Ziel, am Leben zu bleiben, als Angriff ausgelegt. Sie zeigt das eindringlich am Fall Rodney King von 1991. Vor Gericht wurde der Videobeweis des brutalen Polizeiübergriffs auf King in ­Einzelbilder isoliert, seine Abwehrgesten wurden dabei zu Aggressionshandlungen umgedeutet. Gilt dieses Verteidigungstabu auch für Frauen?
Katharina Mückstein: Ja, das ist auch stark vergeschlechtlicht, siehe die Trope von der „Angry Black Woman“ oder unabhängig von Race auch die der hysterischen Frau. Frauen wird Aggression und Gegenwehr verboten, indem man sie pathologisiert oder abwertet. Diese Pathologisierung ist sehr wirkungsvoll und steckt in weiblicher Sozialisation von Anfang an drin. Wenn wir unsere Aggressionen ausleben, werden wir dafür gemaßregelt oder abgewertet. Wahrscheinlich werden uns dadurch unsere Selbstverteidigungsinstinkte schon sehr früh regelrecht abtrainiert.

L. S.: Weibliche Gegenwehr wird ja nicht nur stigmatisiert, sondern auch sanktioniert. Es gibt eine „Arte“-Reportage über „Gattenmörderinnen“ in Rumänien, wo hunderte Frauen im Gefängnis sitzen, weil sie ihre Männer umgebracht haben, von denen sie und oft auch ihre Kinder zuvor jahrelang misshandelt wurden. Die Urteile lauteten auf Mord, nicht auf Selbstverteidigung.
Und während weiße Frauen oft so inszeniert und politisch instrumentalisiert werden, dass sie männliche Beschützerinstinkte mobilisieren, werden Schwarze, queere oder anderweitig als deviant eingestufte Frauengruppen wie Sexarbeiterinnen oft als gefährlich und marodierend gebrandmarkt. Diese Dämonisierung weiblicher Wehrhaftigkeit zeigt sich historisch auch am Beispiel der „Tricoteuses“ während der französischen Revolution. Weil sich diese Revolutionärinnen für ihr Recht auf Bewaffnung, genau wie die Männer, eingesetzt und eine Frauenarmee gegründet haben, sind sie als mordlustige Monster in die Geschichte eingegangen.
Auch die Suffragetten haben Zentren errichtet, in denen Selbstverteidigung unterrichtet wurde, um Frauen im Kampfsport auszubilden. Bei ihren Aktionen haben sie auf zum Teil sehr lustige Überraschungstaktiken gesetzt. Sie haben z. B. den Polizisten die Hosenträger abgeschnitten, um sie so außer Gefecht zu setzen.
K. M.: Ich suche schon lange nach Bildern von gefährlichen Frauen bzw. weiblich gelesenen Personen. Ich möchte gerne sehen, wie jemand sich vor ihnen fürchtet, wie Männer sich fürchten! Als Filmemacherin bin ich immer auf der Suche nach solchen mächtigen Bildern und mächtigen Figuren. Aber die muss man wirklich suchen, weil sie immer wieder aus der Geschichte und auch aus der Bildgeschichte gelöscht wurden.
Diese Bilder sind so selten, dass mir beim Anschauen des Films „The Woman King“ die ganze Zeit die Tränen gekommen sind. So etwas habe ich noch nie auf einer Leinwand gesehen: Schwarze, bewaffnete Heldinnen, in dieser Größe, in dieser Glorifizierung. Aber leider hat er sehr wenig Publikum gehabt, offenbar scheint das nicht so gut zu gehen.
L. S.: Ganz genau so ging es mir bei „Wonder Woman“! Mir liefen bei den Kampfszenen tatsächlich ständig die Tränen. Obwohl es aus feministischer Perspektive viel Kritikwürdiges gab, war es tatsächlich der erste Film meines Lebens, in dem eine Kämpferin im Zentrum stand und so uneingeschränkt gefeiert wurde. In meiner Jugend gab es nur Prinzessin Leia aus Star Wars, die sich – im Bikini bekleidet – ausnahmsweise einmal selbst befreien durfte und ihren Peiniger mit der Kette erwürgt, mit der er sie gefangen hielt. Sonst gab es fast nichts, Frauen mussten immer und ausnahmslos untätig warten, bis sie von ihren Rettern befreit wurden. „Wonder Woman“ hat mich deshalb so derart aufgewühlt, dass ich meine damals noch viel zu kleine Tochter am liebsten sofort ins Kino geschleppt hätte.
Während Action-Filme mit Männern, die rumballern, allgegenwärtig sind, werden die seltenen Beispiele, in denen Gewalt von Frauen heroisiert und glorifiziert wird, schnell als gewaltverherrlichend problematisiert. Dasselbe passiert, wenn Feministinnen Bilder von Frauen mit Waffen cool finden, etwa von kurdischen Kämpferinnen.
K. M.: Ja, aber diese Bilder und die Möglichkeit zur Identifikation steht uns allen zu. Da ist moralisieren unangebracht. Es geht ja darum, dass wir – nicht nur als Kinder, sondern ein Leben lang – dieses Spiel mit Identität brauchen, um uns überhaupt Dinge vorstellen zu können. Wir müssen spüren, wie es sein könnte, jemand anderes zu sein, um eben diese ­Aspekte in uns selbst zu entdecken. Ich merke das zum Beispiel beim Kampfsporttraining: Wenn ich andere Frauen und genderqueere Leute sehe, die richtig gut und hart kämpfen, dann resoniert das in meinem Körper. Ich kann mir dann vorstellen, dass mein Körper das auch draufhat.
L. S.: Es gibt ja diesen schönen Satz, wonach Männer froh sein können, dass Feministinnen nur Gerechtigkeit wollen, und nicht Rache.
K. M.: Rache hat ja einen sehr lustvollen Aspekt. Ich denke, dass wir uns zumindest solche Fantasien erlauben oder auch Rache in Aktion bringen sollten. Um dem Patriarchat gefährlicher zu werden, wäre es wichtig, dass wir auch unsere Wut und unsere Rachegelüste spüren und miteinander teilen.
L. S.: Ist es nicht erstaunlich, dass es in der Realität nicht mehr Frauen gab, die Rache geübt haben? Dass es nicht mehr Aktionen wie das SCUM-Manifest von Valerie Solanas gab, in dem zur Vernichtung aller Männer aufgerufen wurde?
K. M.: Diese Frage treibt mich schon lange um. In meinem Film „Feminism WTF“ stelle ich sie ja aus dem Off: Warum gibt es keine Gegengewalt? Es ist doch wirklich erstaunlich, dass es so was wie feministischen Terrorismus gegen das Patriarchat quasi nicht gab! Wie ist es möglich, dass Freundinnen von einem Femizid-Opfer nie losgehen und Selbstjustiz üben? Dabei sind meine Fragen natürlich nicht fordernd oder an Einzelpersonen gerichtet gemeint. Mir ist klar, dass es eben aus der Sozialisation zur Wehrlosigkeit kommt, aber ich wünsche mir, dass wir die in uns selbst und in unseren queerfeministischen Organisationen bekämpfen.
L. S.: Ein zentraler Einwand gegen gewaltsame Militanz ist ja, dass Widerstand gewaltlos sein sollte, auch weil Gewalt immer Gewalt provoziert. Am Beispiel Klimaaktivismus wird allerdings sichtbar, dass selbst gewaltfreie Militanz wie Straßenblockaden oder Suppenaktionen im Museum, bei denen letztlich kein Schaden entsteht, als radikale „Aggression“ verhandelt wird, die Leute nur abschreckt und der Sache nicht dienlich ist – weshalb sich die Letzte Generation in Österreich ja auch aufgelöst hat. Das führt zurück zum Eingangszitat: Sogar Selbstverteidigung wird zu unangemessener Gewalt umgedeutet.
K. M.: Wir müssen zunächst mal unterscheiden zwischen politischem Aktivismus und dem Schutz unserer Körper bzw. unseres Lebens. Bei Aktivismus können wir diskutieren, wie gewaltvoll oder gewaltfrei Protest oder Aktion sein sollen. Ich persönlich wünsche mir sicherlich mehr Kante, als immer die andere Backe hinzuhalten. Beim Selbstschutz hingegen stellt sich die Frage nicht, welche gesellschaftspolitische Wirkung er hat. Dabei würde ich das Thema Schutz und Selbstverteidigung lieber von der individuellen auf die kollektive Ebene verlegen.
Einen Selbstverteidigungskurs zu machen ist natürlich total legitim und gut, es ist wichtig, die eigene körperliche Wirksamkeit zu erfahren. Aber der eigentliche relevante feministische Gedanke ist für mich: Was könnte denn Selbstverteidigung im Kollektiv bedeuten? Wie kann ich für andere einstehen, wie können wir uns gegenseitig schützen? Da sollten wir radikaler werden. Wir führen dieses Gespräch wahrscheinlich ein paar Tage, bevor die FPÖ dieses Land regieren wird. Wir wissen, was das für Feministinnen, Queers und rassifizierte Leute und unsere Organisationen bedeuten wird. Ich glaube, dass wir uns dringlich die Frage stellen müssen, wie wir uns und andere vor Angriffen schützen können.

Katharina Mückstein ist Filmregisseurin und Drehbuchautorin, ihr neuer Film beschäftigt sich mit feministischer Militanz. Sie ist Teil eines Projekts zur Stärkung kollektiver Selbstverteidigungsstrukturen.

Lea Susemichel ist Autorin und leitende Redakteurin der an.schläge und fragt sich immer schon, warum Frauen eigentlich nicht ständig Amok laufen.

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Herz, Hirn & Hände https://ansch.4lima.de/herz-hirn-haende/ https://ansch.4lima.de/herz-hirn-haende/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:26:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=124963 Was macht antirassistische Praxis aus? Von Berena Yogarajah Erst letztes Jahr waren wir uns noch einig: Remigrationsfantasien der AfD? Nicht mit uns! Nun konkurrieren die starken Männer (und Frauen) dieser Welt um die größte Empathielosigkeit. Das Projekt „Gemeinsames Europäisches Asylsystem“ (GEA) und Asyl-Abschaffungspläne werden Realität, der Aufrüstungswahn greift um sich und Krieg wird normalisiert. Das […]]]>

Was macht antirassistische Praxis aus? Von Berena Yogarajah

Erst letztes Jahr waren wir uns noch einig: Remigrationsfantasien der AfD? Nicht mit uns! Nun konkurrieren die starken Männer (und Frauen) dieser Welt um die größte Empathielosigkeit. Das Projekt „Gemeinsames Europäisches Asylsystem“ (GEA) und Asyl-Abschaffungspläne werden Realität, der Aufrüstungswahn greift um sich und Krieg wird normalisiert. Das Selbstbestimmungsgesetz steht neben dem „Genderverbot“ in Bayern, die Skandalisierung von Femiziden den Kürzungen in der Frauenarbeit gegenüber. Der Ruf nach einer progressiven Migrationspolitik hat wenig Resonanz erzeugt, die antirassistischen Früchte, die wir zu ernten träumten, hängen dieser Tage nicht sehr tief. Was können wir dagegen tun?
Zwei Strategien antirassistischer Praxis sind essenziell: Die Unterstützung von Betroffenen rassistischer Gewalt und die Politisierung dieser Fälle. Außerdem die Praxis, nationale Gesetzgebung im Alltag kreativ zu unterlaufen.
Das Verhärten verweigern. Zu Ersterem: Mouhamed Lamine Dramé starb im Sommer 2022 in der Dortmunder Nordstadt durch Schüsse der Polizei, während er in einer psychischen Akutbelastung war. Die politische Arbeit, die dort seither geschieht, steht stellvertretend für die spontane Solidaritätsarbeit an vielen Orten: Schnell haben sich Menschen zusammengeschlossen, auf den Fall aufmerksam gemacht und haben den Fall skandalisiert. Dank der Arbeit des Solidaritätskreises und solidarischer Aktivistinnen wissen wir um den Fall, gibt es eine Einbindung der Familie von Mouhamed, konnten wir den Gerichtsprozess auch aus der Ferne verfolgen. Dank dieser Arbeit gibt es sowohl unabhängiges als auch parteiliches Wissen, statt nur die Per­spektive von Polizei und problematische Presseberichte. Sie haben eine kritische Gegenöffentlichkeit geschaffen, das Chaos inhaltlich analysiert, eingebettet und politisch gedeutet. Es wurde eingeladen, geschleppt, gekocht, betreut, geschrieben, kontaktiert. Die Unterstützerinnen haben sich verweigert, zu erkalten oder sich zu verhärten. Trauer, Empörung, Wut, Verzweiflung – sie haben diese Gefühle zugelassen und uns allen die Möglichkeit geboten, sie gemeinsam mit ihnen zu bearbeiten: Wir lassen einander nicht allein!
Bei dieser Art der Arbeit sind es häufig wenige Menschen, die Herzen, Hirnschmalz und Hände hingeben in Solidarität. Das ist nicht nur altruistische Zwischenmenschlichkeit, sie haben die Kontinuitäten, den Kontext und die ermöglichenden Bedingungen herausgearbeitet und den Faden, den andere zu knüpfen begonnen haben, nicht losgelassen. Das ist ein politischer Kampf, nicht „bloße Unterstützungsarbeit“.
Neue Fälle von Terror und Gewalt, von Verletzung und Erniedrigung werden darauf aufbauen können, was andere schon gesagt und getan, erschaffen und hinterlassen haben. Natürlich geht es um Mouhamed und darum, dass diese Morde nicht hingenommen werden können, aber es ging immer auch um so viel mehr. Das ist wichtig, um die politischen Begriffe von „Erinnern“ und „Gedenken“, wie sie im Kontext von antisemitischer und rassistischer Gewalt auftauchen, nicht ihres kämpferischen Inhalts zu entleeren. Es wird gekämpft, um die Würde der Menschen hochzuhalten. Es ist wichtig, nicht damit aufzuhören, Unrecht zu betrauern. Aber gekämpft wird auch um eine materielle Veränderung der Verhältnisse, ein Verstehen des Geschehenen und seiner Kontinuitäten und Konjunkturen, ein Verbünden über Generationen des Terrors und der Gegenwehr hinweg, um gegen die Verhältnisse zu kämpfen, die eng mit den Taten verwoben sind.

KOLLEKTIVES LERNEN. Diese Form der antirassistischen Solidarität kommt nicht aus dem Nichts: An den Morden des NSU zeigte sich deutlich, dass Angriffe auf migrantisches Leben, von Antifaschistinnen quasi unbemerkt, möglich waren. Die Forderung nach „Kein 10. Opfer!“ wurde von migrantischen Communitys im Mai 2006 in Kassel organisiert und artikuliert – fünf Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU. Fünf Jahre, in denen es kaum antifaschistische Solidarität mit „Kein 10. Opfer!“ gab. Doch es gab das kollektive Lernen, dass jeder Angriff unsere Augen, Ohren und Hände braucht, als auch das Wissen darum, dass die Gegenöffentlichkeit selbst gemacht werden muss, dass der Druck selbst organisiert werden muss, dass es keinen Verlass gibt auf den Staat und dass wir diese Geschichten erhalten müssen, damit wir das Rad nicht jedes Mal neu erfinden, sondern die Kämpfe aufeinander aufbauen können. Es ist das Wissen darum, dass die gerichtlichen Prozesse einem Kampf zwischen David und Goliath gleichen, dass nur dann von Zuständigen ganz genau hingeguckt wird, wenn wir sie nicht einfach schalten und walten lassen. Für die zweite Strategie, dem kreativen Unterlaufen von Gesetzgebung, ist die Bezahlkarte ein gutes Beispiel. Durch ihre Einführung wurden Asylsuchende schikaniert, eingeschränkt und benachteiligt. Es handelt sich dabei um eine Art Guthabenkarte ohne zugehöriges Konto, mit der nur ein sehr geringer Betrag Bargeld abgehoben werden kann. Das Bezahlen mit dieser Karte wird jedoch nicht überall akzeptiert, günstiges Einkaufen ist erschwert, Geldtransfers, Vertragsabschlüsse und Onlinekäufe sind nicht möglich, auch für die Teilhabe an Sport und Kultur bietet sie keine Lösung. Schnell wurde überlegt, wie die Gesetzgebung umgangen werden kann: Asylsuchende kaufen mit ihrer Bezahlkarte Gutscheine im Supermarkt und können diese an Tauschorten gegen Bargeld einwechseln. Eine konkrete Praxis, die entstigmatisiert und auf bedürfnisorientierte Teilhabe abzielt – ganz im Sinne einer solidarischen Stadt, einer Stadt in der alle gleiche Rechte und Zugänge haben, unabhängig von ihren Papieren. „Solidarische Städte“ organisieren auf diese und viele andere Arten Widerstand, um illegalisierten Menschen Zuflucht zu bieten und ihnen zu sozialen Rechten zu verhelfen, die ihnen von der nationalen Politik verwehrt wird. Zivilgesellschaftliche Organisationen, manchmal aber auch kommunale Politikerinnen und Behörden erschaffen dadurch eine antirassistische Realität vorbei am nationalstaatlichen Soll: Im Bürger*innenasyl werden Menschen versteckt, damit sie nicht abgeschoben werden; mit anonymen Krankenscheinen können Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch versorgt werden; mit städtischen und kommunalen Identitätskarten werden Menschen Grundrechte zuteil, die ihnen sonst verwehrt bleiben und mit dem Nichtbearbeiten von Akten werden Abschiebungen verhindert. Wenn wir nicht verhindern können, dass eine rassistische Gesetzgebung verabschiedet wird, können wir so zumindest darauf hinarbeiten, ihre Wirksamkeit zu reduzieren oder auszuhebeln.
Behalten wir dabei die Bruchstellen der organisierten Traurigkeit der Herrschenden im Blick und treten zur richtigen Zeit mit geballter Kraft rein. Bis dahin lasst uns die nötigen Bedingungen dafür schaffen und möglichst gut füreinander sorgen.

Berena Yogarajah ist Aktivistin in antirassistischen Kämpfen.

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Dann eben ohne Männer https://ansch.4lima.de/dann-eben-ohne-maenner/ https://ansch.4lima.de/dann-eben-ohne-maenner/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:21:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=124965 Ein Leben als Hetero-Frau, ganz ohne romantische Beziehungen? Für immer mehr junge Frauen ein erstrebenswertes Modell. Haben Bewegungen wie 4B und Decentering Men Zukunft? Von Brigitte Theißl Männer gehen Partnerschaften ein, weil sie sich die kostenlose Arbeit von Frauen einverleiben wollen. Frauen gehen Partnerschaften ein, weil uns beigebracht wurde, nach romantischer Liebe zu streben – […]]]>

Ein Leben als Hetero-Frau, ganz ohne romantische Beziehungen? Für immer mehr junge Frauen ein erstrebenswertes Modell. Haben Bewegungen wie 4B und Decentering Men Zukunft? Von Brigitte Theißl

Männer gehen Partnerschaften ein, weil sie sich die kostenlose Arbeit von Frauen einverleiben wollen. Frauen gehen Partnerschaften ein, weil uns beigebracht wurde, nach romantischer Liebe zu streben – um jeden Preis.« In ihren Videos kommt Ashley rasch zum Punkt. @Professionalsassatron nennt sie sich auf TikTok, oder auch: Your Boyfriend’s Worst Nightmare. Wer über ihr Profil scrollt, könnte meinen, auf der Seite einer Influencerin gelandet zu sein, wie es sie zu Tausenden im Netz gibt: Ashley zeigt sich im Fitnessstudio, präsentiert ihre Skincare-Routine – vor allem aber liefert sie scharfe Analysen über Beziehungen zu Männern, die sie selbst aus ihrem Leben verbannt hat, und geht auch mit Frauen hart ins Gericht, die „enabler“ sind, also über das sexistische Verhalten von Männern einfach hinwegsehen.
Ashleys erfolgreichste Videos wurden bereits über eine Million Mal angesehen, rund 140.000 Menschen folgen ihr auf TikTok.

DECENTERING MEN. Männern abzuschwören, oder sie zumindest nicht länger in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen („decentering men“), ist auf Social Media längst kein Nischenprogramm mehr. Hunderttausende Videos finden sich unter Hashtags wie #decentermen oder #allmen, es sind überwiegend junge Frauen, die offenbar die Nase voll haben vom Konzept der heteronormativen Zweierbeziehung.
Auch Bettina Zehetner, im Vorstand und Mitarbeiterin bei Frauen* beraten Frauen, kennt solche Schilderungen aus der Beratungspraxis. „Da gibt es zum Beispiel Frauen, die sich in einen Mann verliebt haben, und nachdem sie zusammengezogen sind oder ein Kind bekommen haben, hat sich dann das Besitzdenken des Partners gezeigt“, erzählt Zehetner im an.schläge-Gespräch. Oft würden sich die Frauen allein gelassen fühlen: mit der Hausarbeit und der Kindererziehung, mit der Verantwortung für die Familie. „Sie sollen sich um das Funktionieren der Beziehung bemühen und sich dann auch noch um sein Wohlergehen kümmern, so erleben es viele Frauen“, sagt Zehetner.

RESSOURCE FRAU. Die ungleich verteilte, unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern belegen unzählige Studien – auch in Österreich. So zeigte die aktuelle Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria, dass Frauen immer noch zwei Stunden pro Tag mehr aufwenden für Hausarbeiten und Kindererziehung, für Pflege oder freiwilliges Engagement. Seit vielen Jahrzehnten schon erklären Feministinnen, dass diese Arbeitsteilung kein Zufall oder gar biologisches Schicksal ist, sondern tief verankert im Kapitalismus und im Patriarchat. In einem neuen „Geschlechtervertrag“ wurden Frauen „zu Müttern, Ehefrauen, Töchtern und Witwen“, den Männern wurde der „Zugriff auf die Körper und die Arbeit sowohl der Frauen als auch der Kinder ermöglicht“, so skizziert die italienische Feministin Silvia Federici in „Caliban und die Hexe“ den europäischen Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Frauen „wurden zum grundlegendsten Produktionsmittel und zu einem öffentlichen Gut“, die ihnen zugeschriebene Arbeit abgewertet. Umso dringlicher fordern feministische Ökonominnen eine neue Care-Ökonomie ein, die die unerlässliche Reproduktionsarbeit ins Zentrum des Wirtschaftens stellt.

4B AUF TIKTOK. Sich auf individueller Ebene nicht länger für das Wohlergehen aller Familienmitglieder verantwortlich zu fühlen, ist indes für Frauen oft harte Arbeit. Dazu tragen nicht nur rigide Geschlechterregime, sondern auch neue Formen der neoliberalen Selbstoptimierung bei. Zur besten Version des Ich gehört auch eine glückliche Partnerschaft, in der nicht über den Abwasch gestritten wird. Und auch im bedürfnisorientierten Muttersein ganz aufzugehen passt perfekt in jedes Instagram-Profil. Selbst der postmoderne Feminismus der Nuller-Jahre schlug sich ungern mit den ermüdenden Debatten um unbezahlte Reproduktionsarbeit herum – umso bemerkenswerter also, dass so viele junge Frauen plötzlich freimütig von schmutziger Wäsche und gescheiterten Beziehungen berichten. Jedes TikTok-Video, jedes Reddit-Posting sendet nicht zuletzt die Botschaft: Nicht du persönlich hast versagt, sondern Care-Arbeit auf Frauen abzuladen und sie nicht einmal wertzuschätzen, hat im Patriarchat System. Eine besonders radikale Bewegung formierte sich zuletzt in Südkorea, wo Frauen unter dem Schlagwort „4B“ Beziehungen, Sex, Ehen und Kinder mit Männern ablehnen, laut eigenen Angaben haben sich rund 4.000 Frauen der Gruppe angeschlossen. 4B wehrt sich gegen die patriarchale Kontrolle, die in Südkorea besonders brutale Formen angenommen hat. Frauen heimlich auf öffentlichen Toiletten oder in der U-Bahn zu filmen, ist dort ein florierendes Geschäft, berichtet Vox.com. 2016 erstellte die Regierung eine „Geburtenlandkarte“, die Gebiete mit besonders vielen Frauen im „gebärfähigen Alter“ sichtbar machte. „Sie zählten die fruchtbaren Frauen wie das Vieh“, formulierte es eine feministische Bloggerin. Nach der Wiederwahl Donald Trumps, der besonders stark von Männern unterstützt wurde, schwappte die Bewegung in die Vereinigten Staaten – und trifft dort auf eine völlig andere, individualisierte Tradition des Feminismus.

POLITISCHE LESBEN. Mit Männern keine romantischen und sexuellen Beziehungen einzugehen – selbst, wenn man sich zu ihnen hingezogen fühlt – ist indes keine neue feministische Idee. In den späten 1960er- und -70er-Jahren formulierten Radikalfeministinnen das Konzept des „politischen Lesbentums“. Denkerinnen wie Sheila Jeffreys stellten die Frage, ob nicht alle Feministinnen Lesben sein müssten, wenn sie ihre politische Haltung ernst nehmen würden. „Das heterosexuelle Paar ist die Grundeinheit männlicher Vorherrschaft“, so ist es im 1981 publizierten Papier „Love your enemy?“ zu lesen. Mit dem radikalfeministischen Denken der 70er- und 80er-Jahre ging freilich eine Totalablehnung von Pornografie und Sexarbeit einher, trans Frauen wurde häufig das Frausein abgesprochen, Frauenräume sollten exklusiv cis Frauen vorbehalten sein. Grund genug also für innerfeministische Kritik und feministische Strömungen, die sich bewusst vom Radikalfeminismus abgrenzten. Einzelne Denkerinnen wie Andrea Dworkin („Woman Hating“) wirkten lange gar als das Schreckbild der männerhassenden Emanze, von der es sich zu distanzieren galt – umso erstaunlicher, dass Dworkin ausgerechnet auf TikTok eine Renaissance erfährt. „Als ich das Patriarchat und die brutale Misogynie in vollem Umfang verstanden habe, war es für mich nicht mehr möglich, die Augen davor zu verschließen, es auszublenden“, sagt Jasmine Muller in einem Video zwischen Fitness- und Smoothie-Tipps und zitiert Andrea Dworkin. Über 300.000 Menschen haben ihre Analyse gesehen, „It makes you angry. I want to rip them apart“, hat eine Nutzerin darunter gepostet.

AUFBRUCH. Die neue – amerikanische – Version eines 4B-Feminismus hat freilich einen bitteren Beigeschmack. Auffallend viele weiße, gut situierte Frauen sind es, die auf Social Media dem Heteropatriarchat abschwören. Eine Klassenperspektive treibt die wenigsten um, „Decentering Men“-Workshops können inzwischen ebenso online gekauft werden wie allerhand Merchandise mit knackigen ­Sprüchen. Und dennoch: Gerade angesichts eines Comebacks der idealisierten Hausfrau („Tradwives“) könnte die Bewegung einen wichtigen Schritt raus aus der Romantisierungsfalle darstellen. „Ich glaube, das kann eine emanzipative Kraft entfalten“, sagt auch Bettina Zehetner. „Ich muss nicht unbedingt daten, ich muss nicht heiraten und Kinder kriegen. Ich kann auch so ein erfülltes Leben haben.“ Dass romantische Beziehungen für Männer wesentlich positivere Folgen haben als für Frauen, belegt inzwischen sogar die Wissenschaft. Psychologin Iris Wahring von der Humboldt-Universität in Berlin hat gemeinsam mit Kolleginnen die Ergebnisse von mehr als fünfzig Studien aus den vergangenen zwanzig Jahren analysiert, die Geschlechterunterschiede in heterosexuellen Beziehungen untersuchten. Ihre Conclusio: Männer profitieren sowohl gesundheitlich als auch emotional stärker von Partnerschaften als Frauen. Frauen wiederum initiieren deutlich öfter eine Trennung und verarbeiten sie auch leichter – auch wenn Hollywood uns gerne das Gegenteil erzählt. Für das Patriarchat und jämmerliche Online-Bros, die von einem Neofaschismus mit Gebärzwang träumen, sind das keine guten Nachrichten. „It’s too much, I can’t take it, there needs to be a change. It’s time for us to start getting revenge on the nerds“, formulierte es Rebecca Shaw Mitte Jänner im „Guardian”. Ihr Artikel erschien unter dem schönen Titel: „I knew one day I’d have to watch powerful men burn the world down – I just didn’t expect them to be such losers.“

Brigitte Theißl weiß, wie furchtbar TikTok ist. Die Videos von linken US-Feministinnen könnte sie sich trotzdem endlos reinziehen.

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Gutes Leben für alle? Ist möglich! https://ansch.4lima.de/gutes-leben-fuer-alle-ist-moeglich/ https://ansch.4lima.de/gutes-leben-fuer-alle-ist-moeglich/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:16:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=124967 Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander – doch Ökonom*innen haben Konzepte für eine neue Form des Wirtschaftens, die auch rechtspopulistischer Politik das Wasser abgräbt. Von Brigitte Theißl Grüne und SPD müssten sich „endlich von der Idee verabschieden, dass Neoliberalismus progressiv sein kann“, sagt Isabella Weber im „Der Freitag“-Interview. Die Ökonomin, aktuell […]]]>

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander – doch Ökonom*innen haben Konzepte für eine neue Form des Wirtschaftens, die auch rechtspopulistischer Politik das Wasser abgräbt. Von Brigitte Theißl

Grüne und SPD müssten sich „endlich von der Idee verabschieden, dass Neoliberalismus progressiv sein kann“, sagt Isabella Weber im „Der Freitag“-Interview. Die Ökonomin, aktuell u. a. Associate Professor of Economics an der University of Massachusetts Amherst, sorgte zuletzt mit ihrem proklamierten Konzept der „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“ für Schlagzeilen. Regierungen sollten Grundbedürfnisse wie Essen und Wohnen nicht einfach dem Markt überlassen – und so auch rechter Propaganda das Wasser abgraben. In den USA etwa sei die Inflation trotz erfolgreicher Ansätze der „Bidenomics“ unterschätzt worden – häufig werde mit Durchschnittwerten hantiert, statt sich die konkreten Auswirkungen auf einzelne Bevölkerungsgruppen anzusehen, so Weber im „Jacobin“. Gestiegene Preise für Essen, Verkehr, Energie und Wohnen treffen die Bevölkerung massiv – hier müsse der Staat lenkend eingreifen und die Grundbedürfnisse der Menschen absichern. Ihr Vorschlag strategischer Preiskontrollen als Waffe gegen die „Verkäuferinflation“ wurde von zahlreichen Ökonom:innen scharf kritisiert – inzwischen gibt es breites Interesse an Webers Ideen.

PREISKONTROLLEN. Preissetzung würde am Markt eben keineswegs stets rational erfolgen, so Weber, doch (neoliberale) Regierungen würden auf Geldtransfers statt Preiskontrollen setzen (so zuletzt auch Schwarz-Grün in Österreich). Progressive Parteien sollten stattdessen auf eine Mietpreisbremse sowie eine Energiepreisbremse setzen und die Netzentgelte senken. Auch den explodierenden Lebensmittelpreisen müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Es gelte, den Staat als „unternehmerischen Akteur, der ­Märkte im Interesse des Gemeinwohls gestaltet und mobilisiert“ zu betrachten, so Weber im „Freitag“. Als Positivbeispiel nennt sie Spanien, wo ein solcher Kurs der Umverteilungspolitik zu massivem Bodenverlust der Rechtsextremen geführt habe.

FAIRSORGEN. Konzepte für eine neue Form des Wirtschaftens haben auch feministische Ökonom*innen entwickelt. In Österreich hat etwa die Initiative „Femme Fiscale“ ein feministisches Konjunkturpaket entwickelt: „Investitionen in Kinderbetreuung, Bildung, Pflege und Gesundheit im Ausmaß von 12 Milliarden würden nicht nur die Situation von Frauen, sondern das Leben aller Menschen verbessern“, ist auf fairsorgen.at zu lesen. Die aktuelle Krisenpolitik würde Geschlechterverhältnisse weitgehend ignorieren, kritisiert Femme Fiscale. „Care“-Investitionen wie Kinderbetreuung, Bildung, Pflege und Gesundheit würden aber doppelt so viele Arbeitsplätze wie Investitionen in „Beton“ schaffen.

GLOBALE VERMÖGENSSTEUER. Auch die Forderung nach gerechter Besteuerung gewinnt zunehmend an Boden. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Jänner forderten runden 370 Millionärinnen und Milliardär*innen höhere Steuern auf große Vermögen – darunter auch Marlene Engelhorn. Überreichtum sei eine große Gefahr für die Demokratie, warnten die Vermögenden. „Unsere Erfahrung lehrt uns, dass die Superreichen mehr Mitspracherechte haben als alle anderen. Das ist die unbequeme Wahrheit“, schrieben sie in einem offenen Brief. Für eine gute Idee hält das auch Ingrid Robeyns, die mit ihrem Konzept des „Limitarismus“ – zuletzt im an.schläge-Interview – eine Begrenzung von Reichtum fordert, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, wovon schlussendlich alle profitieren würden. Starökonom Thomas Piketty wiederum sieht im neuen linken Wirtschaftsmagazin „Surplus“ hoffnungsreiche Entwicklungen im Globalen Süden. Aus Brasilien kam auf dem G20-Gipfel zuletzt etwa die Idee einer globalen Vermögenssteuer für Milliardär*innen. Und auch Indien könnte in den kommenden Jahren nach links rücken, der „Druck aus dem Globalen Süden für mehr Steuer- und Klimagerechtigkeit“ könnte „unaufhaltsam werden“, so Piketty. Nicht zuletzt müsse Europa, „Erfinder des Sozialstaats und der sozialdemokratischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts“ aktiv werden und das neue US-amerikanische Modell der Oligarchie mit aller Kraft bekämpfen.

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Widerstand mit Humor https://ansch.4lima.de/widerstand-mit-humor/ https://ansch.4lima.de/widerstand-mit-humor/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:12:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=124969 „Ein Tag ohne Frauen“ von Filmemacherin Hrafnhildur Gunnarsdóttir und Pamela Hogan beleuchtet die isländische Frauenbewegung und den 24. Oktober 1975 – der Tag, an dem neunzig Prozent aller Isländerinnen streikten und die Gesellschaft zum Stillstand brachten.Von Nina Süßmilch an.schläge: Ist Island der beste Ort, um eine Frau zu sein?Hrafnhildur Gunnarsdóttir: (lacht) Nun, das sagen die […]]]>

„Ein Tag ohne Frauen“ von Filmemacherin Hrafnhildur Gunnarsdóttir und Pamela Hogan beleuchtet die isländische Frauenbewegung und den 24. Oktober 1975 – der Tag, an dem neunzig Prozent aller Isländerinnen streikten und die Gesellschaft zum Stillstand brachten.
Von Nina Süßmilch

an.schläge: Ist Island der beste Ort, um eine Frau zu sein?
Hrafnhildur Gunnarsdóttir: (lacht) Nun, das sagen die Statistiken. Wenn Gleichberechtigung ein Indikator für das Glück der Menschen ist, dann ja. Aber natürlich gibt es alle möglichen anderen Dinge, die das Leben kompliziert machen, auch wir haben unsere Probleme. Tatsächlich haben sich die Zahlen endlich umgedreht, und jetzt sind Frauen in der Regierung in der Mehrheit, von den zwölf Minister:innen sind sieben Frauen und vier Männer. Und die Premierministerin ist eine Frau, die jüngste der Welt, geboren 1988.

Sie haben als junger Mensch mit Ihrer Mutter an dem Streik teilgenommen. Können Sie beschreiben, wie Sie diesen Tag als Kind erlebt haben?
Es war ein sehr einprägsames Ereignis. Reykjavík ist an einem normalen Tag oder auch bei Veranstaltungen nicht überfüllt. Diese Menge an Menschen ist nichts, was man an einem normalen Tag erleben würde. Das war wirklich beeindruckend. Ich erinnere mich auch daran, dass ich am nächsten Tag aufgewacht bin und dachte, okay, jetzt ist alles klar: Frauen werden gleichberechtigt mit Männern sein. Diese Erfahrung prägt mich, ich fühlte mich empowert.

Welche Veränderungen fanden nach 1975 statt?
Vigdís Finnbogadóttir wurde 1980 zur Präsidentin gewählt. Sie war die erste Frau der Welt, die demokratisch zur Präsidentin gewählt wurde. Das war ein großer Moment in der Weltgeschichte. 1982 trat bei den Kommunalwahlen die Frauenpartei Kvennaframboði an, und plötzlich gab es einen enormen Zuwachs an Frauen in der Kommunalpolitik. Ein Jahr später kandidierte die Frauenpartei Kvennalistinn für die Parlamentswahlen, und alle anderen Parteien setzten Frauen auf ihre Listen, was 1983 zu einem enormen Anstieg des Frauenanteils im Alþingi, dem Parlament, führte. Von da an ging es Schritt für Schritt weiter, und es war nun ganz klar, dass sich die Dinge ändern konnten.

Wie intersektional war der Feminismus damals in Island? Umfasste er zum Beispiel auch lesbische Frauen?
Damals gab es noch keine Lesbengruppe. Die Schwulen- und Lesbenbewegung in Island begann sich um 1977 herum zu formieren, 1978 entstand die erste Organisation. Zum Zeitpunkt des Streiks gab es also noch keine ­queeren Gruppen. Eine Frau der „Red Stockings“ (Anm.: wichtigste Frauenorganisation Islands) erzählte mir eine fast tragische Geschichte. Irgendwann in den frühen 70er-Jahren rief eine Ausländerin in Sokkholt, dem Hauptsitz der Bewegung, an und fragte, ob sie mit der Lesbengruppe innerhalb der „Red Stockings“ vernetzt werden könne. Dagný Kristjánsdóttir, die ans Telefon gegangen war, antwortete: Ja, es gibt eine lesbische Frau, aber sie ist gerade in Kopenhagen.
Also, nein, leider waren sie nicht Teil der Bewegung.

Ist die Erinnerung an den 24. Oktober 1975 bis heute eine lebendige Erinnerung in der isländischen Gesellschaft? Hat sie immer noch Einfluss auf jüngere Menschen?
Auf jeden Fall. Einige Leute haben mich gefragt, warum dieser Tag kein nationaler Feiertag ist. Ich denke, es ist gut, dass er nicht gefeiert wird, denn dann würden die Menschen bald den wahren Grund für diesen Tag und das, woran er erinnert wird, vergessen. Die Bewegung wollte den Tag nicht regelmäßig begehen, sondern ihn nur dann erwähnen, wenn es nötig ist. Doch 2023 zum 48. Jahrestag gab es plötzlich aus dem Nichts diesen riesigen Protest, einen „freien Tag“. Die Gewerkschaften und verschiedene Institutionen beteiligten sich. Ich glaube, wir müssen die Erinnerung wachhalten. Es ist so, wie Vigdís es am Anfang des Films sagt: Man muss die Geschichte lebendig halten, sonst weiß man nicht mehr, woher man kommt.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Voraussetzungen für eine starke Protestbewegung?
Ich bin keine Expertin, aber ich würde sagen, das Wichtigste ist, sich über Parteigrenzen hinweg zu organisieren und zu versuchen, verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen politischen Zugehörigkeiten einzubeziehen, denn jede*r ist wichtig. Und wie im Film zu sehen ist, war der Einsatz von Humor ein wichtiger Bestandteil der isländischen Bewegung. Mit Humor ist es möglich, einen Teil der Absurdität unserer Erfahrungen als Frauen zu beleuchten, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Eine Aktion, die mir sehr gut gefallen hat, war, als einige Frauen in den Laden gingen, um Mehl oder Eier zu kaufen und sich weigerten, den vollen Preis zu zahlen und nur den prozentualen Anteil ihres Gehalts bezahlten, während die Männer den vollen Preis zahlten. Außerdem muss der Zeitpunkt richtig sein. Aber ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie man einen solchen Tag in einem Land organisieren sollte, das größer ist als Island. Und heute gibt es viele Ablenkungen oder, wie ich es nenne, Lärm. 1975 gab es in Island im Juli und an Donnerstagen kein Fernsehen und natürlich auch kein Internet.

Und was sind die wichtigsten Elemente eines Widerstands, der mit Streiks und Verweigerung kämpft?
Damals begannen die Menschen und die Frauen mit diesem Streik die Macht ihrer Arbeit und ihren Beitrag zur Gesellschaft zu verstehen. Niemand war sich wirklich bewusst, dass die Frauen die Gesellschaft zum Stillstand bringen können, indem sie sich weigern zu arbeiten, und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Die Frauen selbst haben ihren Wert, auch als wirtschaftliche Kraft, nicht wirklich erkannt. Ich denke also, dass die Arbeitsniederlegung sehr deutlich gemacht hat, wie stark und mächtig diese Art von Widerstand ist und wie viel Macht eine Bewegung haben kann, wenn alle zusammenkommen.

Da wir nicht mehr in den 1970er-Jahren leben und die meisten Länder größer sind, oft mit einer vielfältigeren Bevölkerung in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit und kulturellen Hintergrund: Was können andere Länder noch von dem isländischen Streik lernen?
Ich denke, es ist ein sehr ermutigendes Gefühl zu sehen, was passiert, wenn alle zusammenkommen und für Gleichheit kämpfen. Und der Film kann das hoffentlich zeigen und unterstreichen. Er wurde auch auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck gezeigt und erhielt den „Preis für den besten Dokumentarfilm“, der vom DGB-Bezirk Nord vergeben wird. Das gab mir die Möglichkeit, Mitglieder der Gewerkschaften in Lübeck und Umgebung zu treffen, was mich sehr gefreut hat. Diese Leute haben den Film und die Bedeutung des Streiks von 1975 wirklich verstanden. Ich denke, die Gewerkschaften sind eine Schlüsselinstitution, um so etwas wie einen Frauenstreik zu organisieren.

Nina Süßmilch ist L-MAG-Redakteurin, wollte schon immer mal nach Island reisen und hat bereits als Teenager für den Feminismus in ­Familienrunden gestritten.

„Ein Tag ohne Frauen“, Pamela Hogan
USA/ISL 2024, 71 min
Kinostart in Österreich: 7.3.2025

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Mehr Klimapopulismus! https://ansch.4lima.de/mehr-klimapopulismus/ https://ansch.4lima.de/mehr-klimapopulismus/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:50:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=124971 Die Linke hat die Politisierung von Verteilungskampf und Klimaschutz bisher den Rechten überlassen. Das muss sich ändern. Von Laura Helene May Steuern wir als Menschheit unserem Untergang entgegen? Die Welt ist gespalten, wenn es um Fragen des Klimas geht. Auf der einen Seite pochen Aktivist:innen von Fridays For Future, der Letzten Generation oder Extinction Rebellion […]]]>

Die Linke hat die Politisierung von Verteilungskampf und Klimaschutz bisher den Rechten überlassen. Das muss sich ändern. Von Laura Helene May

Steuern wir als Menschheit unserem Untergang entgegen? Die Welt ist gespalten, wenn es um Fragen des Klimas geht. Auf der einen Seite pochen Aktivist:innen von Fridays For Future, der Letzten Generation oder Extinction Rebellion auf schnelles Handeln und warnen vor apokalyptischen Endzeitszenarien als Folge der Erderhitzung. Auf der anderen Seite erstarken weltweit Rechtspopulist:innen, die trotz wissenschaftlichem Konsens den menschengemachten Klimawandel leugnen und Klimaschutzmaßnahmen abschaffen möchten bzw. bereits dabei sind, das zu tun.
2024 war weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1850. Erstmals lag die globale Durchschnittstemperatur laut Weltmeteorologieorganisation (WMO) rund 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens ist laut Max-Planck-Institut bereits faktisch gescheitert. Klimafatalisten sehen die Menschheit bereits am Abgrund, der Klimakollaps sei längst da. Die Folgen sind sichtbar: Überschwemmungen, Stürme, Dürre und Waldbrände treffen Regionen auf allen Kontinenten. Bei 26 von 29 untersuchten Naturkatastrophen 2024 war nach Angaben der WMO der Klimawandel mitverantwortlich. Bis zum Jahr 2050 könnten über 140 Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen werden, warnt die Welthungerhilfe. Die Zahlen sind alarmierend. Nicht erst seit gestern. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler:innen vor einem Klimakollaps durch den menschengemachten Klimawandel; seit Jahrzehnten ringt die internationale Gemeinschaft um Kompromisse und Maßnahmen.
Doch jeder Schritt Richtung Klimaschutz ist ein politischer Kampf und wird weitgehend unabhängig von wissenschaftlichen Fakten geführt. Viele Menschen fürchten sich vor CO2-Besteuerung, die ihr Benzin teurer macht oder vor hohen Heizkosten durch die Energiewende. Rechtspopulisten versprechen ihren Wähler:innen, sie gegen die sogenannte „Öko-Eliten“ zu verteidigen. Dabei stützt die Politik von rechtspopulistischen und libertären Parteien weltweit die Interessen von Arbeitgeber:innen, Industrie und Fossil-Lobby. Rechte Parteien wie die FPÖ versprechen Geringverdienenden Schutz vor dem Klimaschutz – das Verteilungsproblem der Klimakrise werden sie allenfalls verschlimmern. In den Koalitionsverhandlungen kündigte Schwarz-Blau bereits an, den Klimabonus in Österreich abschaffen zu wollen. Der Klima-Bonus wurde 2022 unter Schwarz-Grün gemeinsam mit der CO2-­Steuer genau dafür eingeführt, die finanzielle Last von Klimaschutz auf niedrige Einkommen auszugleichen. Donald Trump will in den USA die Nutzung fossiler Brennstoffe sogar fördern, während er gleichzeitig den Abbau des Sozialstaates plant.
Die Linke hat die politische Kommunikation zu Verteilungskampf und Klimaschutz bisher der Rechten überlassen. Deshalb werden Klima­schutzmaßnahmen als links-grüne Doktrin von oben wahrgenommen, die die Sorgen der einfachen Leute ignoriert. Das deutsche Wirtschaftsmagazin „Surplus“ fordert daher mehr „Klimapopulismus“. Klimapolitik müsse an das Verteilungsproblem gekoppelt werden. Populistische Erzählungen von „wir gegen die da oben“ könnten auch dem Klimaschutz dienen. Industrie und Superreiche müssten für die Klimakrise verantwortlich gemacht werden, fossile Profite müssten endlich politisiert werden. Während aktuell die Schuld für höhere Energiekosten auf Grüne projiziert wird, könnte klimapopulistische Politik die Ungleichheiten in der Verursachung der Klima­krise skandalisieren.
Das Erstarken rechter Parteien weltweit gefährdet den Kampf für mehr Klimaschutz.
Optimist:innen glauben, dass technologische Lösungen wie Geoengeneering (bewusste technologische Veränderungen des Klimasystems) oder Solar Radiation Management (technologische Beeinflussung der Sonneneinstrahlung auf die Erde) politische Versäumnisse beim Klimaschutz nachträglich ausbügeln könnten. Als vielversprechendste Technik scheint aktuell die sogenannte CO2-Speicherung zu sein, bei der Kohlenmonoxid im Meeresboden gespeichert wird, anstatt es in die Atmosphäre zu blasen, doch Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren die Technologie als bloße Scheinlösung.
Die Politik müsse den Ausbau erneuerbarer Energien und die Mobilitätswende schneller vorantreiben. Um das Erreichen der Kipppunkte im Klimasystem zu vermeiden, fordern Klima-NGOs schnelle Maßnahmen. Fridays for Future fordert für die Rettung unserer Ökosysteme ein Ende der Subventionen für fossile Energieträger.
Die Verantwortung für eine bessere Klimabilanz weltweit liegt neben der Industrie vor allem bei dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung, das so viele Treibhausgasemissionen verursacht wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels dürften pro Kopf jährlich nur 2,1 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf verursacht werden. Diese Grenze haben Superreiche 2025 bereits am 11. Januar erreicht.

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Feminist Superheroine: Flora Tristan https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-flora-tristan/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-flora-tristan/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:48:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=124973 Flora Tristan, geboren 1803 in Paris, war eine französisch-peruanische Frauenrechtlerin und Sozialistin. Ihr adeliger Vater verstirbt früh und lässt seine Familie mittellos zurück. Die 17-jährige Flora muss auf Geheiß ihrer Mutter eine Vernunftehe eingehen. Die Ehe ist von Gewalt und Missbrauch geprägt, schließlich flüchtet sie mit ihren drei Kindern.Zurück in Paris gewinnt sie den Streit […]]]>

Flora Tristan, geboren 1803 in Paris, war eine französisch-peruanische Frauenrechtlerin und Sozialistin. Ihr adeliger Vater verstirbt früh und lässt seine Familie mittellos zurück. Die 17-jährige Flora muss auf Geheiß ihrer Mutter eine Vernunftehe eingehen. Die Ehe ist von Gewalt und Missbrauch geprägt, schließlich flüchtet sie mit ihren drei Kindern.
Zurück in Paris gewinnt sie den Streit um das Sorgerecht für ihre Tochter Aline, ihr Ehemann verübt daraufhin einen Mordanschlag auf sie, den sie nur knapp überlebt.
Flora Tristan reist zur Familie ihres Vaters nach Peru und klagt dort „den Egoismus, den Zynismus und die Frivolität“ der „höheren Stände“ an. Sie verfasst zahlreiche Texte, unter anderem Reportagen über die Arbeitsverhältnisse in Fabriken. Immer engagiert sie sich dabei für die Rechte der Frauen und der Arbeiter*innenklasse und versucht ihren Feminismus und Sozialismus zu vereinen.
Im Alter von 41 Jahren erkrankt Flora Tristan an Typhus, 1844 stirbt sie in Bordeaux.
[YmP]

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“Ihr seid jetzt die Medien!” https://ansch.4lima.de/ihr-seid-jetzt-die-medien/ https://ansch.4lima.de/ihr-seid-jetzt-die-medien/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:46:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=124975 Von Brigitte Theißl & Lea Susemichel Der Mann, der seine Freude über die Machtergreifung mit einem von Herzen kommenden Hitlergruß zum Ausdruck gebracht hat, bringt auch ähnlich prägnant auf den Punkt, was als neue medienpolitische Parole rechtsextremer und neofaschistischer Regierungen weltweit gelten kann. „Ihr seid jetzt die Medien“, schärft Elon Musk den User:innen auf X […]]]>

Von Brigitte Theißl & Lea Susemichel

Der Mann, der seine Freude über die Machtergreifung mit einem von Herzen kommenden Hitlergruß zum Ausdruck gebracht hat, bringt auch ähnlich prägnant auf den Punkt, was als neue medienpolitische Parole rechtsextremer und neofaschistischer Regierungen weltweit gelten kann. „Ihr seid jetzt die Medien“, schärft Elon Musk den User:innen auf X immer wieder ein. Oder er teilt ein Bild mit der Message: „I am the media now“, dahinter geht das Gebäude der „New York Times“ in Flammen auf.
Der Bedeutungsverlust traditioneller Medien gegenüber Social Media ist tatsächlich gewaltig. Auch Google führt aktuell in neun EU-Ländern einen Test durch, bei dem die Suchergebnisse keine journalistischen Inhalte mehr enthalten sollen. Dabei soll erhoben werden, wie sich das auf die „Attraktivität“ der Google-Marke auswirkt. Reporter ohne Grenzen verurteilen das Vorgehen scharf.
Insbesondere Menschen der Generationen Z und Alpha beziehen ohnehin schon einen Großteil ihrer Informationen nicht mehr aus klassischen, sondern aus Sozialen Medien. Allerdings werden diese bekanntlich zunehmend zu Propagandamaschinen für rechtspopulistische Politik. Durch das Einstellen von Faktenchecks, wie es nun auch bei Meta beschlossen wurde, wird die Verbreitung von Hass und Desinformation explodieren.
Zumindest auf EU-Ebene soll der Digital Services Act mit klaren Richtlinien gegen Hassbotschaften und manipulative Algorithmen dagegenhalten, wir werden sehen, wie ernst das genommen wird. Das reicht aber nicht. Es braucht unbedingt auch eine Medienpolitik, die sich der demokratiepolitischen Bedeutung einer unabhängigen und pluralistischen Medienlandschaft bewusst ist und diese mit allen Mitteln verteidigt, unbedingt auch mit finanziellen Mitteln! Nicht zuletzt für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den die FPÖ lange schon ins Visier genommen hat und als Kanzlerpartei nun zu einem „Grundfunk“ zusammenkürzen, faktisch also zerstören möchte. In einer „Sie gegen uns“-Logik ist es den Rechten gelungen, den ORF als parteiischen „Staatsfunk“ zu brandmarken, den die Allgemeinheit nicht länger finanzieren soll. Ausgewogener Qualitätsjournalismus ist nicht im Sinne einer Partei, deren Wiener Spitzenkandidat Dominik Nepp den „Standard“ öffentlich als „Scheißblatt“ bezeichnet hat und dem er mit dem Entzug der Presseförderung droht. Aber auch eine weitere wichtige Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist rechten Playern in Österreich wie in Deutschland ein Dorn im Auge: Integrativ auf die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt zu wirken, ein Gegenmodell zu den Spartenkanälen zu sein, in denen Menschen nur in ihrer Meinung bestärkt und nie herausgefordert werden, und wo sie sich immer öfter radikalisieren.
Längst haben sich Rechte ihre eigenen Kanäle aufgebaut, künftig will die FPÖ auch parteinahe rechtsextreme Medien staatlich fördern, schon als Innenminister schaltete Herbert Kickl dort fleißig Inserate. Als Blaupause dient Ungarn, wo Viktor Orban den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aushöhlte und ganz auf Staatslinie brachte. „Der Schaden durch eine Zerstörung wäre nicht wiedergutzumachen“, so formuliert es der ORF-Redaktionsrat in einer Aussendung.
Nichts braucht die heimische und gesamteuropäische Medienpolitik aktuell dringender als konkrete Strategien, wie unabhängiger Qualitätsjournalismus abgesichert werden kann, der endlich als gemeinnütziges und demokratiepolitisch unverabschiedbares Gut anerkannt werden muss.
Nichts hassen die neuen Faschisten so sehr wie Feminismus, nichts bekämpfen sie leidenschaftlicher als kritische Medien. „Zu sagen, was ist“ (Rosa Luxemburg) und unbeirrt dagegenzuhalten, bleibt deshalb die wichtigste Aufgabe eines feministischen Magazins wie an.schläge. Wir dürfen uns auf keinen Fall daran gewöhnen, dass nun jeden Tag auch ein neuer antifeministischer Dammbruch passieren wird. Wir haben schon in der Vergangenheit Angriffe durch ÖVP und FPÖ erlebt, so versuchte ÖVP-Obmann Khol 1996 die Publizistikförderung für die an.schläge zu verhindern, 2001 legte die ÖVP eine Liste an Vereinen vor, die sich einem parlamentarischen Ausschuss zur Verwendung von Fördergeldern stellen sollte, doch die schwarz-blaue Regierung zerbrach. Auf erneute Angriffe sind wir vorbereitet, langfristig standhalten können wir – wie auch alle anderen unabhängigen Medien – aber nur mit eurer Unterstützung.

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In den eigenen vier Wänden https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/ https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:41:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=124977 Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion. Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. […]]]>

Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion.

Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. Damals hat mir meine Sportlehrerin vorgeschlagen, dass ich mich in einem Verein anmelden sollte, weil sie Potenzial in mir gesehen hat. Ich habe es meinen Eltern voller Aufregung erzählt, aber für sie kam nicht infrage, dass sie dafür monatlich eine für sie beträchtliche Summe hätten zahlen müssten. Das Geld war knapp bei uns.
Geld war dabei aber nur eine von vielen Hürden. Als große Schwester ist es oft meine Verantwortung, in der Familie auch spontan auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Obwohl ich ältere Brüder habe, ist es für meine Eltern trotzdem eine Selbstverständlichkeit, dass ich als Mädchen diese Aufgabe zu übernehmen habe.
Das ist der Grund dafür, dass ich regelmäßige Termine nur schwer einhalten kann. Wenn Geld kein Problem wäre, könnten meine Eltern einen Babysitter für meinen Bruder besorgen und mir somit den Wunsch nach einem Hobbyverein ermöglichen. Aber das ist unrealistisch.
Wenn Freund:innen mir von ihrem Klavierunterricht oder ihren Gymnastikvereinen erzählt haben, dachte ich oft, dass es einen gewaltigen Unterschied in unseren Lebens­realitäten gibt.
Meine Eltern sind nicht allein dafür verantwortlich, dass ich bestimmte Möglichkeiten als Kind und auch als Jugendliche nicht hatte. Es trifft sie nur eine Teilschuld. Es ist vor allem das System, in dem wir leben, das es mir und meiner Familie so schwer macht. Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, wird mir bewusst, dass sich wohl weiterhin viele andere Mädchen in meiner Geschichte wieder­erkennen.
Es sind vor allem migrantische Mädchen aus Arbeiterfamilien, die von ihrem Umfeld isoliert werden. Sie haben keine Hobbys, nichts, womit sie sich außerhalb der Schule beschäftigen können. Während die Jungs sich im Park treffen und Fußball spielen, müssen die Mädchen zu Hause Care-Arbeit leisten und ihre Wünsche zurückstellen.
Dabei arbeiten Kapitalismus und Patriarchat Hand in Hand. Reiche Familien können Sorgearbeit einfach auslagern. Sie fühlen sich fortschrittlich und emanzipiert, während die Arbeit auf unterbezahlte, meist migrantische Arbeiterinnen abgewälzt wird.
Für ärmere Familien bleibt die Sorgearbeit innerhalb der Familie. Mädchen übernehmen oft eine klassische Mutterrolle in der Familie. Es bleibt ihnen verwehrt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Für die Sorgearbeit verantwortlich zu sein, bedeutet oft, an das Haus gefesselt zu sein. Das Leben vieler migrantischer Mädchen spielt sich in der Schule oder in den eigenen vier Wänden ab.
Dadurch können sie weniger soziale Kontakte knüpfen, sich nur sehr eingeschränkt ausleben, körperlich ausprobieren und ihre Stärken und Schwächen kennenlernen. Sorge­arbeit macht aber auch müde – zu müde und erschöpft oft, um den eigenen Zielen und Wünschen nachgehen zu können.
Dass sie oft weniger Möglichkeiten haben, an Freizeitaktivitäten, Ausflügen oder anderen sozialen Veranstaltungen teilzunehmen, hat auch damit zu tun, dass es den Mädchen sehr schwer gemacht wird, Teil der Gesellschaft zu sein. Viele beherrschen die deutsche Sprache noch nicht so gut und fühlen sich deshalb unsicher. Was dazu führt, dass sie sich aus sozialen Aktivitäten zurückziehen, aus einem Mangel an Selbstwertgefühl oder Angst vor Ablehnung.
Ich wünsche mir, dass migrantische Mädchen mehr gefördert werden, um ihre Talente und Interessen zu entdecken. Es braucht mehr kostenlose Angebote wie Sportvereine oder Mentoring-Programme, die ihnen helfen, ihre Stärken zu entfalten, ohne dass die Familien finanziell belastet werden. Wichtig ist auch, dass es Menschen, vor allem Lehrkräfte, gibt, die an sie glauben und ihr Potenzial fördern.

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