V/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 02 Sep 2024 11:21:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Hilde Pank: UN VERSEHRT / IN JURED https://ansch.4lima.de/hilde-pank-un-versehrt-in-jured/ https://ansch.4lima.de/hilde-pank-un-versehrt-in-jured/#respond Sat, 06 Jul 2024 12:19:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=119262 Unter dem Titel „un_versehrt” hat die Fotografin Hilde Pank eine Fotoserie über fünf Personen angefertigt. Sie zeigt Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen und ihre Prothesen oder Orthesen.Den Bildern wohnt eine universelle Frage inne: Was gilt als Makel, was ist schön? Die Bilder selbst artikulieren einen zurückhaltend neugierigen Blick, rücken ins Licht, was allzu oft verborgen […]]]>

Unter dem Titel „un_versehrt” hat die Fotografin Hilde Pank eine Fotoserie über fünf Personen angefertigt. Sie zeigt Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen und ihre Prothesen oder Orthesen.
Den Bildern wohnt eine universelle Frage inne: Was gilt als Makel, was ist schön? Die Bilder selbst artikulieren einen zurückhaltend neugierigen Blick, rücken ins Licht, was allzu oft verborgen bleibt, und laden zum Betrachten ein. Es darf ausgiebig geschaut werden. Dabei rückt weder die Fotografin den Porträtierten zu Leibe, noch überfallen die Fotografien ihr Gegenüber.

Die Grenze zwischen körperlicher Unversehrtheit und Behinderung verläuft nicht linear. Sie mäandert wie ein Bachlauf. Die Fotoserie kann insofern verstanden werden als Beitrag zur Etablierung inklusiver kultureller Repräsentationen, die Menschen mit Behinderung berücksichtigen und ihre Präsenz willkommen heißen, ohne ihnen vorschnell einen Platz zuzuweisen.

Die gesamte Fotoserie findest du hier:
https://www.hildepank.de/photography/2020-un-versehrt/

Hilde Pank, geboren in Eisenach und aufgewachsen in Potsdam, ist Absolventin der Bauhaus Universität Weimar, wo sie sich vor allem auf Buchgestaltung und Fotografie fokussierte, lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin seit einigen Jahren in Halle (Saale). Das Projekt wurde im Rahmen eines Arbeitsstipendiums im Jahr 2020 von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt gefördert.

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Ich bin eine Frau, kein Mann https://ansch.4lima.de/ich-bin-eine-frau-kein-mann/ https://ansch.4lima.de/ich-bin-eine-frau-kein-mann/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:22:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=118756 Eugenija Geiers Lebensweg bringt sie von einem süd-sibirischen Dorf zu den Zeugen Jehovas im Schwabenland. Heute kämpft die Aktivistin gegen Trans- und Behinderten­feindlichkeit. Von Julia Belzig Ein knalliges Kanariengelb hat das Pulloverkleid, das Eugenija Geier sich zum Fototermin ausgesucht hat. Fröhlich lächelt sie in die Kamera, zwischendurch hilft ihr eine Pflegeassistentin beim Ausziehen ihrer plüschigen […]]]>

Eugenija Geiers Lebensweg bringt sie von einem süd-sibirischen Dorf zu den Zeugen Jehovas im Schwabenland. Heute kämpft die Aktivistin gegen Trans- und Behinderten­feindlichkeit. Von Julia Belzig

Ein knalliges Kanariengelb hat das Pulloverkleid, das Eugenija Geier sich zum Fototermin ausgesucht hat. Fröhlich lächelt sie in die Kamera, zwischendurch hilft ihr eine Pflegeassistentin beim Ausziehen ihrer plüschigen rosa Jacke. Für die meisten Menschen ist es eine Selbstverständlichkeit, sich selbst an- und auszuziehen. Für Eugenija nur einer von vielen Bereichen, in denen sie nicht über die Selbstständigkeit verfügt, die sie gerne hätte.

Alltäglich sind die physischen Barrieren, die für das ungeübte Auge unsichtbar sind: Da ist die schwer bewegbare Stahltür, die nach ihrem Einzug in den vermeintlich barrierefreien Häuserkomplex eingebaut wurde. Der unbenutzbare Aufzug bei der U-Bahn, der lange nicht repariert wurde. Und der teure Rollstuhl, an dem häufig etwas kaputt ist.

Eine ständige Herausforderung in ihrem Alltag ist die große Abhängigkeit von anderen Menschen. Zweimal täglich kommt jemand aus einem Pflegeteam, um bei ihr zu putzen, zu kochen und ihr beim Anziehen zu helfen. So ergeben sich Abhängigkeitsbeziehungen, in denen sich Probleme durch ihre Behinderung und ihre Transidentität überlappen. Zum Beispiel, wenn sich ihre Assistenten weigern, sie zu rasieren. Warum, ist nicht klar. Vielleicht ist es ihnen zu intim, vermutet Sebastian, der mit Eugenija als Sozialpädagoge zusammenarbeitet.

WIE EINE ZWEITE PUBERTAT. Die Frage nach ihrer Geschlechtsidentität wurde nach Eugenijas Umzug nach Berlin vor sechs Jahren immer dringlicher. Sebastian erinnert sich noch gut an die ersten Gespräche. Angefangen hat alles mit einem langen Mantel. Schon lange vor ihrer Transition wollte Eugenija schöne Frauenkleidung anziehen. Oft fragte sie ihren Wegbegleiter Sebastian, ob das normal ist; zeigte sich unglücklich, dass sie sich so seltsam fühlt. Irgendwann traut sich die 43-Jährige, ihre Gedanken zu teilen: „Ich bin eine Frau, kein Mann.“

Und so beginnt ihre Transition, Eugenija geht zur Psychotherapie und bekommt Hormone. Die Vornamens- und Personenstands­änderung verläuft problemlos. Nachdem all das geschafft ist, beginnt der schöne Teil. Eine unglaublich aufregende Zeit in Eugenijas Leben, wie eine zweite Pubertät. Sie trifft ihre Freund*innen und geht viel aus. Der Berliner Club „Schwuzz“ wird ein wichtiger Ankerpunkt – ein Ort, um andere queere Menschen zu treffen. Man sieht ihr die Veränderung auch an: Statt graubraunen Tönen leuchten die neuen Klamotten von Eugenija in knalligen Farben. An ihrem Rollstuhl hängt immer eine Stofftasche in den Farben des Regenbogens.

Die Stimme von ihrem Talker ändert sie von einer männlichen zu einer weiblichen. Ein Talker ist eine elektronische Kommunikationshilfe, wie ein Tablet oder iPad, das über eine Kamera mit Eugenijas Augen verbunden ist. Diese bewegt sie über Symbole, Buchstaben und Zahlen, die dann vom Talker versprachlicht werden. Einige Wörter sind fest eingespeichert, wie das Symbol eines dunkelhaarigen Mannes mit Bart – es steht für Sebastian. Auch die Buchstaben „ZJ“ für Zeugen Jehovas – dazu später mehr.

Die Stimme spricht recht roboterhaft für Eugenija aus, was sie zu sagen hat. Es dauert einen Moment, bis aus den einzelnen Wörtern ein Satz entsteht. In einer Welt, in der alles immer schneller wird, erfordert es Nachsicht und Geduld. Doch die Leute haben nicht immer Zeit, Eugenija zuzuhören. Und auch sie selbst hat nicht immer Geduld mit dem Computer. Dazu kommt, dass die Technik viel Geld kostet. Bei Sonnenschein funktioniert die Augensteuerung nicht, außerdem hat Eugenija Angst, dass das Tablet bei Bordsteinen aus der Halterung bricht. Deshalb ist es draußen nicht mit dabei und kommt nur in den Innenräumen zum Einsatz.

SCHWIERIGER START INS LEBEN. Eugenijas Leben beginnt in Russland. Bei ihrer Geburt in einem südsibirischen Dorf führen Probleme mit der Nabelschnur zu einem Sauerstoffmangel. Eugenija kommt als vermeintliche Totgeburt zur Welt, 45 Minuten lang wird sie wiederbelebt. Teile ihres Gehirns erleiden dabei irreparable Schäden.

„Ich glaube, vielen ist es gar nicht klar, wie viel Menschen wie Eugenija aufholen müssen“ erklärt Sebastian. Denn es ist etwas ganz anderes, wenn die Behinderung die Folge einer Krankheit oder eines Unfalls ist, wenn man viele Dinge vorher konnte und ein anderes Leben geführt hat. Was bei neun von zehn Betroffenen der Fall ist. Menschen, die mit einer Behinderung geboren wurden, sind innerhalb der Community eine Minderheit. In Deutschland leben laut der Bundeszentrale für politische Bildung knapp acht Millionen Menschen, die schwerbehindert sind. Nur 3,3 Prozent von ihnen sind mit dieser Behinderung auf die Welt gekommen.

Über ihr Leben in Russland erzählt Eugenija nur wenig. Das Leben dort ist besonders hart mit einer schweren Behinderung. Im Winter ist es kalt, minus 45 Grad. Es ist kompliziert, aus dem Haus zu kommen, besonders wenn man nicht laufen kann. Und es gibt keine geeignete Schule für sie. Deshalb zieht die Familie, als sie vierzehn ist, aus Südsibirien ins – wie sie sagt – „Schwabenländle“. In Deutschland geht sie auf eine Schule für Menschen mit Behinderungen und findet viele Freund*innen, es geht ihr gut. Doch ihre Jugend ist holprig: Eugenija wohnt vorübergehend bei ihrer Tante, die Mitglied bei den Zeugen Jehovas ist. Bis zum Tod der Tante bleibt Eugenija mit ihr in dieser in Deutschland anerkannten Glaubensgemeinschaft, die rund 200.000 Mitglieder zählt. Sie alle unterwerfen sich strengen Vorschriften, auch vorehelicher Sex, Homo- und Transsexualität sind tabu. Es ist ein schwieriger Lebensabschnitt, geprägt von Verboten und vielen ungeklärten Fragen. Denn bei den Zeugen Jehovas wird das Thema Sexualität insgesamt unterdrückt, die Bedürfnisse der Menschen werden kontrolliert, Lust verteufelt. Eugenija erinnert sich an Situationen, in denen sie „sündigte“. Durch die strengen Regeln und die sehr autoritäre religiöse Lebensweise wird jede freie Willensentfaltung erschwert. So zumindest erklärt sich Wegbegleiter Sebastian die Unsicherheit Eugenijas. Die für sich erst herausfinden musste, was sie fühlen darf, und die es ungeheuer viel Kraft gekostet haben muss, einzufordern, sie selbst sein zu dürfen.

AUF DER BUHNE. Doch auch heute stößt sie immer wieder an Grenzen. Aber ihr Leben ist auch mit vielen schönen Dingen ausgefüllt. Zum einen ist da ihre Katze Maja, mit grauem Fell und gelben Augen. Das Tier bringt Leben in die Bude. Während unseres Gesprächs klatscht Eugenija immer wieder in die Hände und stößt einen hohen Schrei aus, sobald Maja auftaucht. Einmal die Woche fährt Eugenija zum Rollisport. Außerdem ist sie aktiv beim Bündnis „behindert und verrückt feiern – pride parade“, das einmal im Jahr eine Demonstration für Menschen mit Behinderung organisiert. Sie setzt sich für mehr Sichtbarkeit und Gleichberechtigung von Menschen ein, die trans und/oder behindert sind und macht auf Diskriminierungen aufmerksam. Beim letzten Mal, im Sommer 2023, hielt sie eine Rede vor Hunderten Teilnehmenden. Mit Sebastian hat sie an dem Beitrag gearbeitet, der Talker liest sie bei der Veranstaltung vor. Als Referentin informiert Eugenija auf Fachtagungen über Unterstützende Kommunikation über ihre Art, sich mit der Sprachassistenz auszudrücken und macht Führungen im Humboldtforum für andere schwerbehinderte Menschen.

Mit dem Umzug nach Berlin und der Transition ist Ruhe in Eugenijas Leben gekehrt. Zumindest einige große Fragen sind geklärt. Sie sucht nun mehr und mehr die Öffentlichkeit: Denn Eugenija will ihre Geschichte erzählen.

Julia Belzig ist freie Journalistin aus Berlin. Für dieses Porträt hat sie sich im letzten Jahr mehrmals mit Eugenija getroffen, um ihren Lebensalltag zu verstehen.

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Willenskraft und Bärenspray https://ansch.4lima.de/willenskraft-und-baerenspray/ https://ansch.4lima.de/willenskraft-und-baerenspray/#comments Tue, 18 Jun 2024 10:22:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=118764 Betania Bardeleben in der Nähe von Luxor, Ägypten.Ist Alleinreisen für Frauen gefährlich? Betania Bardeleben war auf dem Fahrrad von Ägypten bis nach Wien unterwegs und stellt sich diese Frage immer wieder. Schon seit Stunden bin ich allein auf der Schotterstraße in den Bergen Nordkurdistans unterwegs. Ich bin vor Morgengrauen gestartet, um ein paar Stunden ohne sengende Sonne zu genießen. Außer dem Wind […]]]> Betania Bardeleben in der Nähe von Luxor, Ägypten.

Ist Alleinreisen für Frauen gefährlich? Betania Bardeleben war auf dem Fahrrad von Ägypten bis nach Wien unterwegs und stellt sich diese Frage immer wieder.

Schon seit Stunden bin ich allein auf der Schotterstraße in den Bergen Nordkurdistans unterwegs. Ich bin vor Morgengrauen gestartet, um ein paar Stunden ohne sengende Sonne zu genießen. Außer dem Wind ist alles um mich herum ruhig. Nichts bewegt sich. Schließlich höre ich hinter mir einen Motor, der langsam lauter wird. Ich drehe mich beim Fahren um und sehe, dass sich ein Auto genähert hat. Die zwei Männer darin schauen mich ausdruckslos an und fahren mehrere Minuten langsam hinter mir. Komm schon, fahr vorbei, denke ich mir. Ich will mich auf die steile Bergstraße und die physische Anstrengung konzentrieren. In der kargen Natur zu fahren kann sehr meditativ sein. Die hundert, tausend Kilometer, die ich auf dem Fahrrad ­zurücklege, sollen Spaß machen. Stattdessen bin ich ständig damit beschäftigt, mir Sorgen um meine Sicherheit zu machen. Zu dem Zeitpunkt bin ich bereits vier Monate lang unterwegs, gestartet war ich in Ägypten. Doch erst seit einer Woche ist mein früherer Reisepartner nicht mehr dabei und ich bin – als Frau – allein unterwegs.

Ich habe kein Messer und keinen Pfefferspray dabei. Ich war schon oft allein mit dem Rucksack unterwegs und bin dabei auch getrampt, aber fühlte mich dabei nie unsicher. In keiner Reisesituation habe ich die Bedrohlichkeit von männlich gelesenen Personen so zu spüren bekommen wie auf dieser Fahrradreise. Was bedeutet ein gesundes Gefahrenbewusstsein, wenn man sich nicht von der Angst vor Männern einschränken lassen möchte?

UMWEGE UND KLARE GRENZEN. An einem anderen Tag rufen mir Männer von einer abgelegenen Tankstelle aus etwas auf Türkisch zu. Ich verstehe, dass ich zu ihnen ins dunkle Tankstellenbüro kommen und Tee trinken soll. Ich ignoriere sie, woraufhin sie lauter und verärgerter rufen und mir schwerfällig hinterhertraben. Aber auf dem Rad bin ich schneller. Nach dieser Begegnung entscheide ich mich, einen vierzig Kilometer langen Umweg über eine viel befahrene Autobahn zu nehmen, um zu einem größeren Ort zu kommen. Nur, um nicht zelten zu müssen. Um in einem Zimmer zu schlafen, das man abschließen kann. Diese Entscheidung fühlt sich an wie Versagen und den ganzen Abend denke ich an die Begegnungen, die ich mir durch diese Entscheidung entgehen lasse.

Ist Alleinreisen für Frauen nicht viel zu gefährlich? Sara Qui kann diese Fragen nicht mehr hören. Die Spanierin mit chinesischen Wurzeln ist im April 2022 von ihrer Heimatstadt Saragossa aus in Richtung China gestartet und seitdem allein mit dem Rad unterwegs. Frauen, Männer, Kinder aller Länder fragen: Hast du keine Angst? „Ich kann nicht anders, als etwas traurig zu werden, wenn sie mich das fragen. Natürlich habe ich Ängste und ich habe auch meine Vorurteile. Ich versuche, aufmerksam zu sein, die Ängste zu reflektieren. Wir sind alle von Natur aus risikoscheu“, sagt sie.

„ES WIRD ALLES GUT“. Die Südtirolerin Anna Palmann ist auf einer ihrer Solotouren von ihrer Heimat aus bis nach Georgien geradelt. „Es ist ein Balanceakt zwischen auf der Hut sein und sich trauen. Wenn ich jemanden frage, ob ich im Garten zelten kann, werde ich oft nach Hause eingeladen. Das nehme ich nur an, wenn es auch Frauen im Haushalt gibt. Allein reisen ist schon anders, wenn man kein Mann ist. Beim Trampen am Bein berührt und nach einem Kuss gefragt zu werden, kann schon mal passieren. Da sagt man einfach nein und fertig. Man darf diesen Personen nicht erlauben, sich abschrecken oder traumatisieren zu lassen.“

In manchen Ländern nutzte es, zu behaupten, sie sei verheiratet und einen „Ehering“ am Finger zu tragen. In Ostafrika hat das wenig gebracht. „Da hieß es dann: I don’t care, give me sex“, erzählt Anna. Ihre Abweisung wurde aber respektiert. „Abgesehen von den Gedanken um meine Sicherheit empfand ich das Fahrradfahren als empowernd. Mehr als das Autostoppen, weil man vollkommen unabhängig ist und nicht als hilflos wahrgenommen wird“, findet sie.

Vielleicht bekomme auch ich als Fahrradreisende Respekt, wenn ich erzähle, dass ich den Weg von Ägypten bis hierher aus eigener Kraft gefahren bin. Vielleicht schüchtere ich Männer so ein, vielleicht nicht. Aber ich werde definitiv anders angeschaut.

Auch Hannah Birke ist mit dem Rad unterwegs, von Berlin aus in die Osttürkei. Wenn Hannah abends durch Dörfer in der Balkanregion fährt, in denen nur betrunkene Männer auf der Straße sind, kommen Gefühle des Ausgeliefertseins hoch. Dann versucht sie so zu tun, als ob sie ein Mann wäre. „Wenn hinter mir ein Auto langsam gefahren ist, habe ich mich aufgeplustert und bin gefahren wie ein Mann“, sagt sie grinsend. Nachts im Zelt versucht sie sich einzureden, ihre Ängste seien unberechtigt. „Ich hab mir Ohrstöpsel in die Ohren getan, um keinen Mucks mehr zu hören, alles still zu machen. Mir gesagt: Rational betrachtet gibt es keine Gefahr und Angst ist irrational.“ Dazu überredet sie sich, um den Schlaf nicht den Sorgen zu opfern. Sie will daran glauben, dass alles gut wird.

EINEN GANG RUNTERSCHALTEN. Sich allein auf den Weg zu machen, lohnt sich jedenfalls. Für einige Zeit konnte ich mich so der Schnelllebigkeit der Welt und ihrem Produktivitätsdrang entziehen. Immer noch werden Frauen eher bemitleidet, wenn sie Zeit allein verbringen.

Ich litt viele Jahre lang unter Essstörungen und kann immer noch nicht behaupten, ganz davon weg zu sein. Bewegung und Schreiben wurden für mich zu dem, was einer Therapie am nächsten kam. Diese lange Fahrradtour war perfekt für mich. Nach einigen Wochen auf dem Rad bekam ich erstmals in meinem Leben meine Periode verlässlich jeden Monat. Es tat gut, den ganzen Tag in frischer Luft in Bewegung zu sein und zu staunen, was mein Körper kann, ohne ihn für sein Äußeres zu bewerten. Die Gefühle und Begegnungen des Tages festzuhalten und Zeit zu haben, das Erlebte zu reflektieren. Endlich wieder zu lernen, intuitiv zu essen. Mit jedem Kilometer und Höhenmeter die Kraft des eigenen Willens zu spüren. Die Befriedigung, seine zwei Outfits abends mit der Hand zu waschen. Das Rad selbst zu reparieren. Ein Feuer zu machen, wenn es nachts kalt wird. Endlich wieder durchzuschlafen. Das tat gut.

Es ist ein riesiges Privileg, alleine reisen zu können, die nötigen Mittel und den Reisepass dafür zu haben. Die Gründe, um eine Solotour zu starten, mögen individualistisch motiviert sein. Aber ich stelle schnell den entscheidenden Vorteil des Fahrrads fest: Menschen wollen einem nahekommen. Sie sehen eine Geschichte, sehen die Situation, sind offen für Gespräche und laden in ihre Häuser ein, kommen auf einen zu. Auf diese Weise kann man unabhängig reisen, ohne sich den Leuten aufzudrängen.

Keine Angst zu haben kann helfen, Vorurteile abzubauen. So wurde mir riesiges Vertrauen entgegengebracht. Auch unterwegs mit meinem männlichen Partner durften wir im Raum neben den Kindern der Familie schlafen. Obwohl wir die Menschen nicht kannten. Durch die Nähe zu den Leuten lernten wir ihren Alltag und ihr Leben auch in abgeschiedenen Gemeinschaften kennen und begegneten Menschen, deren Wege sich sonst nicht mit dem unseren gekreuzt hätten. Der ganze Weg nach Hause bis Wien war gepflastert mit unerwartet schönen menschlichen Begegnungen. Etwas Schlimmes ist nie passiert.

Es gibt allerdings Ängste, die durchaus angebracht sind. Entgegen der viralen #ManOrBear-Umfrage, wonach die überwiegende Mehrheit der befragten Frauen lieber mit einem Bären als einem Mann nachts alleine im Wald wäre, meint Hannah: „Die Straßenhunde und in manchen Gebieten die Bären sind eine reale Gefahr. Da ist Wegrennen sinnlos.“ Wer also plant, eine Soloreise zu starten – packt euch Bärenspray ein.

Betania Bardeleben studierte Kultur- und Sozialanthropologie und Türkisch-Deutsch Sozialwissenschaften in Wien, Ankara und Berlin und lebt heute als freie Journalistin und Yogalehrerin wieder in Wien.

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Queerer Neon-Noir https://ansch.4lima.de/queerer-neon-noir/ https://ansch.4lima.de/queerer-neon-noir/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:21:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=118766 A match made in heaven: Kristen Stewart und Katy O’Brian lösen in Rose Glass’ genialem Retro-Bodybuilding-Thriller „Love Lies Bleeding“ alle Versprechen des Trailers auf gloriose Weise ein. Von Julia Pühringer Irgendwann in den 1980er-Jahren in einem Scheißkaff in Nevada: Lou (Kristen Stewart) hackelt in einem Fitnessstudio, hier wird auf der Leinwand geschwitzt, dass man es […]]]>

A match made in heaven: Kristen Stewart und Katy O’Brian lösen in Rose Glass’ genialem Retro-Bodybuilding-Thriller „Love Lies Bleeding“ alle Versprechen des Trailers auf gloriose Weise ein. Von Julia Pühringer

Irgendwann in den 1980er-Jahren in einem Scheißkaff in Nevada: Lou (Kristen Stewart) hackelt in einem Fitnessstudio, hier wird auf der Leinwand geschwitzt, dass man es förmlich riechen kann, Gummimatten und alter Teppichboden inklusive. „Only Losers Quit“ steht da an der Wand, und „Pain is Weakness Leaving the Body“. Lou räumt ungerührt das verstopfte Klo aus, sichtlich nicht zum ersten Mal, sie vercheckt nebenbei Anabolika. Abends beim Rauchen und Biertrinken hört sie Nikotin-Entwöhnungskassetten, während sich das Fertigessen in der Mikrowelle dreht, füttert die Katze, masturbiert einsam auf der Couch.

Ihr Vater, Lou Sr. (Ed Harris top als grindig-gefährlicher Superfiesling mit Glatze und Matte aus der Hölle) ist Chef eines Schießplatzes und eines illegalen Waffenimperiums. „Er ist ein Arschloch. Wir reden nicht miteinander“, sagt Lou. Ausgerechnet bei Lou Sr. hat Jackie (Katy O’Brian, „The Mandalorian“) angeheuert, ehemaliges Farmgirl aus Oklahoma, jetzt auf dem Weg zu einem Bodybuilding-­Contest in Las Vegas.

Ein Schlag ins Gesicht eines übergriffigen Fitnessstudiogastes später und es ist Liebe auf den ersten Blick: Lou und Jackie, Jackie, ihre fein geäderten Muckis, Lou und ihre Anabolika. Aber wir sind hier in Neo-Noir-Country, nachts leuchtet es neongrün und neonrot unter dem Sternenhimmel und das verheißt nichts Gutes, das wissen wir aus dem Kino, auch wenn in diesem Genre so gut wie nie lesbische Paare vorkommen, die sich nicht ein Mann ausgedacht hat.

Hier lebt auch Lous Schwester Beth (Jena Malone) mit dem Frauenschläger JJ (Dave Franco mit Vokuhila und Goldrandbrille). Jackie hat mit ihm gevögelt. Das macht Lou rasend. Denn sie lebt im Grunde nur mehr deshalb hier, um zu verhindern, dass JJ Beth irgendwann totschlägt. Als er wieder einmal völlig ausrastet, ist es das eine Mal zu viel. Zum Glück weiß Lou, wo ihr Vater seine Leichen vergraben hat. Doch leider lassen sich die beiden innerfamiliären Probleme nicht so leicht auf einen Streich lösen, auch nicht, wenn das FBI schon länger viele Fragen hat. Und dann wäre da auch noch Lous On-Off-Exfreundin Daisy (Anna Baryshnikov) mit Stalkerinnen-Tendenzen.

Ein pulsierender Soundtrack mit 80er-Perlen von Nona Hendryx’ „Transformation“ bis „Nice Mover“ von Gina x Performance, sagenhafte Retro-Outfits vom Fledermaus­ärmel-Blouson bis zu den kurzen Shorts und Tennissocken, zwei sensationelle Heldinnen, die nicht zuletzt vom Fame ihrer Darstellerinnen leben. Kristen Stewart gilt längst als queere und feministische Schauspielikone, mit der lesbischen Schauspielerin und Martial Artist Katy O’Brian ist ihr Love-Interest kongenial besetzt – der Cast von zwei Schauspielerinnen, die sich öffentlich kein Blatt vor den Mund nehmen, steht dem Image des Films ganz wunderbar.

Bereits im Horrorfilm „Saint Maud“ über eine in Glaubensfragen überambitionierte Palliativ-Pflegerin bewies die britische Regisseurin Rose Glass Sinn für Verknappung und Heftigkeit. Auch hier schon kooperierte sie mit dem amerikanischen US-Produktionshaus und Filmverleih A 24, der eher jüngeres und ungewöhnliches Kino propagiert und hinter Produktionen wie „Everything Everywhere All At Once“, Kelly Reichards „First Cow“, Lulu Wangs „The Farewell“, aber auch Kult-Horrorfilmen wie „Midsommar“ steht. Diesmal liefert Rose Glass eine herrliche unguilty pleasure, spielt mit Co-Drehbuchautorin Weronika Tofilska mit vielen Klischees des 90er-Neo-Noirs und dreht am Ende die Lautstärke mit viel Spaß an der Freude und an weiteren Genre-Anleihen auf elf.

Julia Pühringer ist Journalistin und schreibt unter anderem über bewegte Bilder.

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Gönn dir ein bisschen Masturbation https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/ https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:20:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=118762 Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt. Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. […]]]>

Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt.

Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. Du grinst in dich hinein und öffnest schnell die Seite deines liebsten Erotikgeschichten-Anbieters.

Deine Hand gleitet zwischen deine Beine, während die keuchende Stimme des Sprechers säuselt, wie geil ihn deine „feuchte Spalte“ macht und wie gerne er in deine „heiße Mitte stoßen“ möchte. Extrem erregt kommst du innerhalb weniger Minuten. Jetzt kannst du voller Energie in deinen Arbeitstag starten. Zufrieden ziehst du deine Hose hoch.
Kennst du das? Nein? Wir auch nicht.

MEDITIEREN UND MASTURBIEREN. Weibliche Masturbation ist mittlerweile ein Lifestyle-Produkt geworden. Heute versucht sich unter anderen das Berliner Start-up femtasy am Female Empowerment qua Orgasmus – für ein monatliches Audio-Porno-Abo für 13,99 Euro. Es ist die weltweit erste Streaming-Plattform für erotische Audioaufnahmen speziell für Frauen. Gegründet wurde femtasy 2018 von Nina Julie Lepique und ihrem Partner Michael Holzner. Bereits zwei Jahre später zählte Lepique zu den deutschen „Forbes 30 under 30“. Unter den Investor*innen tummeln sich Bekanntheiten wie die Influencerin Diana zur Löwen, die femtasy regelmäßig auf all ihren Kanälen bewirbt.

Es scheint, als ob das einstige ­Tabuthema der weiblichen Selbstbefriedigung durch neonpinke Designerdildos und Hochglanz-­Apps wie femtasy aus der Schmuddelecke geholt wurde – und mittlerweile zum Milliardengeschäft geworden ist. Dieses Geschäft hat heute auch nicht mehr vorrangig etwas mit Lust, Begehren und Erotik zu tun. Der Markt hat Porno schon fast hinter sich gelassen, stattdessen wird jetzt in „Sexual Wellness“ investiert. Im 21. Jahrhundert kann Sex endlich eingespeist werden in einen Wellnessmarkt, der vorgibt, Gesundheit zu fördern, Produktivität zu steigern und Individuen mit „Selbstmanagement-Strategien“ auszustatten. Drogerien verkaufen Sprays, die vaginaler Trockenheit entgegenwirken, und Tabletten zur Libido-Maximierung. In Magazinen wird mit dem gesundheitlichen Nutzen von allerlei Sex-Toys geworben, die bei der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden hilfreich sein können und oft hunderte von Euros kosten. Weibliche Lust wird so zum vermarktbaren Self-Care-Akt.

Das Marktforschungsunternehmen The Insight Partner prognostiziert, dass die Sexual-­Wellness-Branche bis zum Jahr 2028 auf einen Marktwert von über achtzig Milliarden Dollar anwachsen wird.

„FEMININE“ LUST. Natürlich birgt diese Entwicklung auch Positives für alle, deren Orgasmen bislang kaum Beachtung fanden. Endlich gibt es ausreichende Forschung und massenhaft Hilfsmittel, um Menschen mit Vulva zum Kommen zu bringen. Es ist auch gerechtfertigt, für erotische Streamingdienste Geld zu verlangen, Mitarbeitende müssen – im besten Fall fair – entlohnt werden. ­Kostenlose Online-Pornoseiten wurden in den letzten Jahren zu Recht kritisiert. Erst 2020 veröffentlichte die „New York Times“ eine ausführliche Recherche unter dem Titel „The Children of Pornhub“: Viele der damals noch unregulierten Inhalte des kanadischen Streamingdienstes zeigten sexuellen Missbrauch und Ausbeutung, auch von Minderjährigen. Ganze zehn Millionen Videos mussten daraufhin gelöscht werden.

femtasy hingegen produziert seine Inhalte selbst, mit der Hilfe von freiberuflichen Schauspieler*innen und Autorinnen. Man hört ihnen beim Stöhnen zu oder beim Erzählen zwanzigminütiger Geschichten. Es gibt queere Inhalte ebenso wie BDSM. Das Design der Seite ist dabei steril, schlicht, stylish. Kein einziges primäres Geschlechtsteil ist zu sehen. Weibliche Lust sei schließlich nicht so visuell wie männliche. Und dann gibt es noch lange Anleitungen zur Selbstbefriedigung. Die meisten von ihnen klingen mit ihren sanften Stimmen, langsamem Tempo und der hinterlegten Lounge-Musik mehr nach Meditationsretreat als nach Sex. Eine Abonnentin berichtet in ihrer Rezension auf YouTube, dass sie die Inhalte auch oft nur zum Entspannen höre.

Nach längerem Scrollen und Lauschen fragen wir uns: Werden hier nicht doch regressive Klischees bedient, die eigentlich gar nicht so viel mit der Ermächtigung weiblicher und queerer Lust zu tun haben?

Als ob sich ausschließlich männliches Begehren im Mainstream-Porno wiederfindet, der von oft verstörenden, schnellen Bildern voller Sperma und großen Brüsten lebt. Als ob die Lust von Frauen nicht mit drastischen und opulenten Videos vereinbar wäre und diese nur durch zärtliche Stimmen und cleane Start-up-Ästhetik erregt würde. Allein die Annahme, dass Frauen Audio-Porno Videoformaten vorziehen, wie femtasy behauptet, scheint wenig schlüssig – oder ist zumindest eine unterkomplexe Zuschreibung von Stereotypen.

FEMINISTISCH WICHSEN. Wie schafft man es aber, die Komplexität weiblicher Lust abzubilden? Im Widerstreit mit antipornografischen Gruppen ­machten sex-positive Feminist*innen dies schon in den USA der Achtzigerjahre vor. Während der sogenannten Sex Wars machten sie weibliche, queere und lesbische Lust sichtbar – auch pornografisch. Dies hatte damals jedoch wenig mit dem Forbes-Magazin oder Diana zur Löwen zu tun. Im Jahr 1984 erschien in San Francisco das erste Erotikmagazin, das von Frauen herausgegeben wurde. Unter dem Titel „On Our Backs“ wurde die Zeitschrift bis 2006 publiziert und beschäftigte sich vornehmlich mit lesbischer Erotik. Schon in der ersten Ausgabe featurte man die Bandbreite des queerfeministischen Undergrounds: Butch- und Femme-Feministinnen, BDSM-„Leatherdykes“, Sexarbeiterinnen, Marxistinnen, Punkmusikerinnen, feministische Theoretiker*innen. Weibliche Lust war hier nicht das Produkt eines neoliberalen Selbstverbesserungsprogramms. Stattdessen war sie aufmüpfig und von politischer Bedeutung im ständigen Kampf gegen Geschlechterrollen.

Natürlich braucht es Alternativen zu kostenlosem Mainstream-Porn. Auch heute gibt es immer wieder erotische Publikationen, die Sex und Körper in ihrer Diversität zeigen, die sexy und kritisch zugleich sind, wie das Schweizer Projekt „Queer Sex – whatever the fuck you want!“. Auf 160 Seiten finden sich hier Fotografien nackter Körper, unterschiedlicher Menschen beim Sex und Gangbang, mit Umschnalldildos oder im Lederoutfit. Dazwischen queere Sex-Education und erotische Geschichten.

Schließlich wollen auch viele weibliche und queere Augen hotte Bilder sehen. Manche von uns erregen auch die standardisierten Aufnahmen der Mainstream-Pornografie. Einige freuen sich hingegen über Anbieter wie femtasy und lassen all ihren Fantasien gerne zu Sex-Erzählungen freien Lauf. Eine dezidierte Einteilung in männliche und weibliche Lust scheint hingegen längst überholt. Deshalb: Porno sollte bitte fair produziert und Solo-Sex nicht zum Lifestyle-Hack degradiert werden.

Sophia Krauss und Verena Kettner masturbieren persönlich lieber weiterhin ohne Audio–Anleitung.

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»DDR von unten« statt Verklärung https://ansch.4lima.de/ddr-von-unten-statt-verklaerung/ https://ansch.4lima.de/ddr-von-unten-statt-verklaerung/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:20:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=118768 Die Debatte um den Osten liegt voll im Trend. So auch das Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-90“ von Katja Hoyer, die in England lebt. Sie ist Jahrgang 1985 und Kind eines NVA-Offiziers, der wohl zwei (!) Tage im Knast saß. Katja Hoyer will uns die DDR neu erklären. Leider bedeuten […]]]>

Die Debatte um den Osten liegt voll im Trend. So auch das Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-90“ von Katja Hoyer, die in England lebt. Sie ist Jahrgang 1985 und Kind eines NVA-Offiziers, der wohl zwei (!) Tage im Knast saß. Katja Hoyer will uns die DDR neu erklären. Leider bedeuten solche Neuerzählungen meist eine Beschönigung der Verhältnisse in der DDR, auch Hoyer muss sich Kritik an der Auswahl der Zeitzeug*innen und den Leerstellen im Buch gefallen lassen sowie den Fehlern, die ihr Historiker*innen nachgewiesen haben. Dank Marketings ist das Buch trotzdem ein Bestseller. Man sollte sich lieber den neuen Film „Schleimkeim – Otze und die DDR von unten“ ansehen, dort ist zu erfahren, wie die Staatsmacht zum Beispiel mit dem Punkmusiker Dieter „Otze“ Ehrlich umging. Wer erfahren will, wie die Punks mittels Musik dem Staat trotzten, greift am besten zum Buch „Tanz den Kommunismus“.

In der Linken habe ich einiges zu dem Thema erlebt. Eine Frau, die die DDR nur als kleines Kind erlebt hat und dazu auch noch im Ostberliner Nikolaiviertel – dem DDR-Vorzeigeviertel – aufgewachsen ist, sagte mir einmal: „Was hast du gegen die DDR? Mir hat sie nicht geschadet.“ In einer Kulturkneipe wurde uns ein Dokumentarfilm gezeigt, in dem die privilegierten DEFA-Filmleute genüsslich das Scheitern von proletarischen Übersiedler*innen im Westen vorführen, diese finden keine Wohnung und keine Arbeit. Man stelle sich solch eine Lächerlichmachung bei Migrant*innen vor? Einmal war ich während einer Feier empört, als wieder alle DDR-Übersiedler*innen als „Konsumidioten“ bezeichnet wurden. Sein Leben lang innerhalb einer Mauer verbringen zu müssen, wird hingegen normalisiert. Der Höhepunkt aber war, als ich im Zug einem Westlinken meine lange, komplizierte Geschichte mit Ausreiseantrag und Übersiedlung erzählte. Im Westen studierte ich dann zwar, war aber zunächst mit Kind in der Wohnungslosigkeit gelandet. Nachdem er sich alles angehört hatte, reagierte er eiskalt: Wir DDR-Übersiedler*innen seien doch privilegiert gewesen, hätten die deutsche Staatsbürgerschaft und Sozialleistungen bekommen. Warum übernehmen Linke die Sichtweise der DDR-Privilegierten und nicht die der Unterdrückten?

Anne Seeck hat 27 Jahre die DDR erlebt und wird von Linken des Öfteren als Antikommunistin gebrandmarkt.

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Vulva Riot https://ansch.4lima.de/vulva-riot/ https://ansch.4lima.de/vulva-riot/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:19:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=118770 Meine Vulva brennt mal wieder. Sie juckt auch und ohne Wundsalbe kann ich weder pinkeln, ohne vor Schmerz zusammenzuzucken, noch eine Unterhose tragen. Jede Berührung ist eine zu viel. Ich weiß, was mein Gynäkologe dazu sagen wird: Candidose (also Scheidenpilz). Oder bakterielle Vaginose (also eine bakterielle Infektion). Oder überhaupt am besten: Vulvovaginale Candidose. In dem […]]]>

Meine Vulva brennt mal wieder. Sie juckt auch und ohne Wundsalbe kann ich weder pinkeln, ohne vor Schmerz zusammenzuzucken, noch eine Unterhose tragen. Jede Berührung ist eine zu viel. Ich weiß, was mein Gynäkologe dazu sagen wird: Candidose (also Scheidenpilz). Oder bakterielle Vaginose (also eine bakterielle Infektion). Oder überhaupt am besten: Vulvovaginale Candidose. In dem Fall feiern die Bakterien und Pilze eine fette Party miteinander und es tut einfach scheiße weh. Ich leide bereits seit Jahren unter diesen chronischen vaginalen Entzündungen. Es hat Jahre gedauert, bis ich überhaupt herausgefunden habe, dass diese Erkrankungen chronisch sein können und dass meine Symptomatik gar nicht so selten vorkommt. Meine Verzweiflung hat mich zu einem Privat-Gynäkologen geführt, der „Spezialist“ auf diesem Gebiet ist. Tatsächlich hat mir seine Langzeittherapie besser geholfen als all die Cremes und Mittelchen zuvor – aber auch nur bis zu einem gewissen Grad. Anstatt alle zwei Monate habe ich jetzt nur noch jedes halbe Jahr Beschwerden. Besagter Gynäkologe bekommt von mir allerdings auch für jede Ordination beinahe 200 Euro. Ich kann auch gar nicht mehr zählen, wie viel Geld ich bereits für Probiotika ausgegeben habe, um nach all den hochdosierten Antimykotika und Antibiotika meine Flora wieder einigermaßen aufzubauen. Mittlerweile habe ich die Nase gestrichen voll von der androzentrischen Medizin, die es nicht für wichtig genug erachtet, mehr Ressourcen in die Forschung zu stecken und ganzheitliche, sinnvolle Lösungen für „frauenspezifische“ Probleme zu finden. Denn zusätzlich zu den Kosten nervt auch die Abgabe der Verantwortung an die betroffenen Personen: Hätte ich nicht mal wieder zu viele wechselnde Sexpartner*innen gehabt, wäre meine Flora vielleicht in Ordnung. Hätte ich nicht vergessen, meine Unterhosen immer mit neunzig Grad zu waschen, keinen Zucker zu essen, nie zu rauchen, keinen Kaffee und keinen Alkohol zu trinken und niemals in die Sauna oder einen Pool zu gehen, wäre meine Flora vielleicht ebenfalls in Ordnung. Ich will aber auch noch leben. Gebt mir eine Alternative!

Sophia Foux träumt von kompetenten, kassen– finanzierten, verständnisvollen und sexpositiven Gynäkolog*innen und ist mehr als offen für Empfehlungen.

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Alles neu? https://ansch.4lima.de/alles-neu/ https://ansch.4lima.de/alles-neu/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:19:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=118754 In Ungarn macht ein ehemaliger Günstling der Fidesz-Regierung Viktor Orbán Konkurrenz. Frauen verspricht er „mehr Respekt“. Kann er wirklich etwas verändern?Von Lisa Erzsa WEIL Es ist der 5. Mai 2024, Muttertag in Ungarn. In der ost-ungarischen Stadt Debrecen hat sich der Hauptplatz mit hunderten Menschen gefüllt. Sie schwenken die rot-weiß-grüne Nationalflagge. Als Péter Magyar auf […]]]>

In Ungarn macht ein ehemaliger Günstling der Fidesz-Regierung Viktor Orbán Konkurrenz. Frauen verspricht er „mehr Respekt“. Kann er wirklich etwas verändern?
Von Lisa Erzsa WEIL

Es ist der 5. Mai 2024, Muttertag in Ungarn. In der ost-ungarischen Stadt Debrecen hat sich der Hauptplatz mit hunderten Menschen gefüllt. Sie schwenken die rot-weiß-grüne Nationalflagge. Als Péter Magyar auf die Bühne tritt, jubelt das Publikum. Er winkt, zieht seine Sonnenbrille ab und beginnt seine Rede. Magyar ist seit Wochen im ganzen Land unterwegs, um die Ungar*innen von seiner politischen Vision zu überzeugen. „Ich will ein neues, friedliches, modernes, lebenswertes Ungarn – und mehr Respekt den Frauen“, ruft der 43-jährige Jurist auf dem Muttertags­event in Debrecen.

„Wir veranstalten keine politischen Demonstrationen am Muttertag“, sagt hingegen der langjährige Ex-Bürgermeister Debrecens, Fidesz-Politiker Lajos Kósa. „Stattdessen sollte Müttern an diesem Tag mit Blumen gratuliert werden.“ Debrecen ist eine der vielen Fidesz-­Hochburgen in Ungarn. Und der Muttertag ist hierzulande wie der Frauentag traditionell eine Gelegenheit, um Frauen mit Rosen und Pralinen zu beschenken.

Würde es für die ungarischen Frauen unter Magyar mehr geben als Schokolade und Blumen?

In seiner Rede verspricht der Oppositionspolitiker u. a. gerechtere Renten für Frauen, Unterstützung bei der Rückkehr von Müttern ins Berufsleben sowie mehr Geburtskliniken. Ärzt*innenmangel hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass einige Geburtskliniken in Ungarn zeitweise oder dauerhaft schließen mussten. Ein Grund dafür ist der Braindrain der letzten Jahre: Schätzungen zufolge sind 300.000 bis 400.000 Ungar*innen in Länder wie Österreich, Deutschland, Großbritannien und nach Skandinavien abgewandert.

„Frauen sollten so viele oder wenige Kinder bekommen, wie sie möchten“, betont Magyar, selbst Vater von drei Kindern, in Debrecen. „Das sollten sie frei entscheiden dürfen, doch dafür brauchen sie finanzielle Sicherheit, eine bezahlbare Wohnung, eine Perspektive.“ Konkreter wird der Politiker nicht, sein Wahlprogramm sucht man derzeit noch vergebens. Erst im April hat sich der 43-jährige Jurist der Partei Tisza angeschlossen, um für die Europawahl zu kandidieren. Nun liegen seine Umfragewerte zwischen 18 und 26 Prozent. Wie erklärt sich sein Erfolg?

SYSTEM ORBAN. Das Phänomen Péter Magyar als neuer oppositioneller Akteur kommt scheinbar aus dem Nichts. Bekannt war er den meisten Ungar*innen bisher als (inzwischen Ex-)Ehemann der ehemaligen Justizministerin Judit Varga (Fidesz).

2023 legte Varga ihr Amt als Justizministerin nieder. Der Grund: Die Begnadigung des Helfershelfers eines pädophilen Missbrauchs­täters, der als Leiter des Waisenhauses von Bicske jahrelang minderjährige männliche Schutzbefohlene sexuell missbrauchte.

Zuvor hatte sich die rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz immer wieder den Kinderschutz auf die Fahne geschrieben: „Wir müssen die Kinder schützen“ – unter diesem Slogan verschickte die ungarische Regierung 2022 eine Volksbefragung. Minderjährige müssten vor der „LGBTQ-Lobby“ beschützt werden, die auch die EU förderte. Zuvor war ein „Kinderschutz-Gesetz“ verabschiedet worden, das einen Zusammenhang zwischen pädophiler Täterschaft und sexueller Orientierung herstellte, indem es Kinder vor Inhalten schützen wolle, die eine „Geschlechtsumwandlung oder Homosexualität fördern oder zeigen“.

Auch aufgrund solcher politischer Entscheidungen stellte der Begnadigungsfall für viele Menschen in Ungarn eine Zäsur dar. Die Glaubwürdigkeit der Regierung ist ins Wanken geraten. Im Februar gingen in Budapest Zehntausende bei Demonstrationen auf die Straße. Seit 2010 regiert Ministerpräsident Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei und in Koalition mit der christlich-konservativen KDNP Ungarn, seine Politik richtet sich gegen Minderheiten, gegen die Freiheit der Medien und gegen Geflüchtete – sie hat das Land nachhaltig verändert. Das Europäische Parlament bezeichnet Ungarn als „hybrides Regime der Wahlautokratie“.

Der größte Protest gegen das System Orbán wurde zuletzt von ungarischen Influencern organisiert, darunter Edina Pottyondy. Sie ist feministische Stand-up-Comedian, politische Aktivistin und war zuvor Mitglied der liberalen Partei Momentum. In wöchentlichen YouTube-Videos kommentiert sie die Ereignisse in Ungarn. Der Begnadigungsfall zeige endgültig, dass der ungarische Staat versagt habe, so Pottyondy auf dem Budapester Protest.

AGGRESSOR ODER HEILAND? Auch Magyar nutzte die Gunst der Stunde, um Kritik an Orbán zu üben: Er verfasste zunächst einen viel beachteten Facebook-Post, in dem er die Vetternwirtschaft in Ungarn kritisierte und seinen Rücktritt von allen staatlichen Positionen bekanntgab. Außerdem gab Magyar Interviews, hielt Reden in der ungarischen Hauptstadt und wurde Stück für Stück zur öffentlichen Figur. Ein Insider, der nun auspackt: Das machte auch enttäuschte Fidesz-Wähler*innen neugierig.

Die ungarische Regierung versuchte zunächst, Magyar zu ignorieren. Noch im Februar hatte Magyar keine Pläne, als Oppositionspolitiker anzutreten. Dann jedoch machte er heimliche Aufnahmen öffentlich, die seine Ex-Frau der Vetternwirtschaft bezichtigen. Varga reagierte, beschuldigte Magyar der häuslichen Gewalt. Und für die Ungar*innen stellt sich seitdem die Frage: Aggressor oder Heiland, Nutznießer oder Hoffnungsträger – wer ist Magyar? Und wie mit Vargas Anschuldigungen umgehen?

Das Thema spaltet auch feministische Meinungsträger*innen in Ungarn. „Es ist ein Dilemma“, so YouTuberin Pottyondy. „Manche sagen, Magyar sei ein narzisstischer Missbrauchstäter. Andere halten ihn für unsere letzte Hoffnung. Ich glaube, es gibt eine Gleichzeitigkeit. Diese Standpunkte schließen sich überhaupt nicht aus.“ Magyars Ex-Frau Varga bezichtigt linksgerichtete Frauenrechtsorganisationen derweil der selektiven Empathie.

Die Journalistin und Psychologin Domi Milanovich schreibt darüber in einem Meinungsartikel: „Judit Varga sagt, sie sei stolz darauf, Justizministerin in der Regierung von Viktor Orbán gewesen zu sein. Sie war die Ministerin, die 2019 die Debatte über das Inkrafttreten der Istanbul-Konvention als ,politische Hysterie‘ bezeichnete. Gleichzeitig erklärte sie, dass die Situation der Frauen in Ungarn am besten sei, sie müssten sich nicht zwischen Familie und Arbeit entscheiden, und die Regierung unternehme auch etwas gegen häusliche Gewalt“. Milanovich merkt an, dass ihr Mitgefühl tatsächlich selektiv sei. Sie behalte es denjenigen Frauen vor, die von der ungarischen Regierung kleingehalten und im Stich gelassen wurden.

„Mit Frauenthemen beschäftige ich mich nicht“, ist ein berühmt gewordener Satz von Ministerpräsident Orbán aus dem Jahr 2017. Seit dem Rücktritt von Justizministerin Varga wird das Kabinett des Regierungschefs nur von Männern besetzt. „In der ungarischen Öffentlichkeit wird wenig über diese Themen gesprochen“, erklärt Fanni Csernus, Beraterin für Gleichstellungsfragen bei Amnesty International Ungarn. Im Schnitt würden Frauen in Ungarn 17 bis 18 Prozent weniger verdienen als Männer. Statistiken zeigen, dass Frauen dabei öfter Ausbildungen abschließen, jedoch in schlechter bezahlten Jobs im Bildungs- und Sozialbereich arbeiten.

2020 verkündete die ungarische Regierung, die 2014 unterzeichnete Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen nicht zu ratifizieren. „Derzeit wird in Ungarn jede Woche eine Frau von ihrem Partner, Ex-Partner oder Missbraucher ermordet“, berichtet die ungarische Frauenrechtlerin Rita Antoni. Auch Frauenhäuser gebe es nicht genügend. Die Ratifizierung der Istanbul-Konvention sei wichtig, um häuslicher Gewalt vorzubeugen, die Ursachen auszumachen und Kinder zu schützen.

Wie viel Magyar in Sachen Frauenrechte in Ungarn vorhat zu leisten, bleibt abzuwarten. Nach Bekanntwerden des Begnadigungsskandals und dem Aufstieg Magyars als Oppositionspolitiker hat die Fidesz-Regierung an Ansehen verloren. Dennoch führt die Partei von Premier Orbán weiter die Umfragen an und fährt gleichzeitig eine öffentliche Verleumdungskampagne gegen Magyar. „Péter Magyar ist gerade wie ein Rorschach-Test“, so Pottyondys Deutung. „Die Leute sehen in ihm, was sie sehen wollen, aushalten können oder wovor sie Angst haben.“

Die deutsch–ungarische Journalistin Lisa Erzsa WEIL lebt und arbeitet derzeit als Redakteurin in Berlin. Knapp zehn Jahre lang war sie in Budapest als freie Journalistin, Übersetzerin und Autorin tätig.

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Feminist Superheroine: Milly Witkop-Rocker https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-milly-witkop-rocker/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-milly-witkop-rocker/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:18:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=118772 Milly Witkop-Rocker, geboren 1877 in Slotopol in der Ukraine, war eine Autorin, Antifaschistin und Anarcha-Feministin. 1894 zog sie nach London, lernt dort ihren Lebensgefährten Rudolf Rocker kennen und wurde Teil der sozialrevolutionären Arbeiterbewegung. Sie bekam einen Sohn und wurde Mitherausgeberin jiddisch-anarchistischer Zeitungen. Aufgrund ihrer Antikriegshaltung wurde sie für zwei Jahre inhaftiert. 1918 ging sie nach […]]]>

Milly Witkop-Rocker, geboren 1877 in Slotopol in der Ukraine, war eine Autorin, Antifaschistin und Anarcha-Feministin. 1894 zog sie nach London, lernt dort ihren Lebensgefährten Rudolf Rocker kennen und wurde Teil der sozialrevolutionären Arbeiterbewegung. Sie bekam einen Sohn und wurde Mitherausgeberin jiddisch-anarchistischer Zeitungen. Aufgrund ihrer Antikriegshaltung wurde sie für zwei Jahre inhaftiert. 1918 ging sie nach Berlin. Dort begründete sie den Syndikalistischen Frauenbund mit, um Frauenrechte als notwendigen Teil der Befreiung von Unterdrückungsverhältnissen sichtbar zu machen. Zeitlebens setzte sie sich auch gegen Rassismus und Antisemitismus ein. Nach dem Reichstagsbrand flüchtete sie in die USA und war dort weiter politisch aktiv, etwa um die Arbeit der Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg zu fördern. 1955 verstarb sie in New York. [born]

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Angst vor dem Einkauf https://ansch.4lima.de/angst-vor-dem-einkauf/ https://ansch.4lima.de/angst-vor-dem-einkauf/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:18:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=118774 1,1 Millionen Menschen sind in Österreich von Ernährungsarmut betroffen. Aber was bedeutet das konkret? Daniela Brodesser hat die Nase voll von übergriffigen Belehrungen und klärt auf. Was mich regelmäßig in Rage versetzt? Wenn Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und ein funktionierendes soziales Netzwerk haben, Armutsbetroffenen erklären, wie, was, wann und wo sie einkaufen und […]]]>

1,1 Millionen Menschen sind in Österreich von Ernährungsarmut betroffen. Aber was bedeutet das konkret? Daniela Brodesser hat die Nase voll von übergriffigen Belehrungen und klärt auf.

Was mich regelmäßig in Rage versetzt? Wenn Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und ein funktionierendes soziales Netzwerk haben, Armutsbetroffenen erklären, wie, was, wann und wo sie einkaufen und kochen sollten.

Kaum erscheint in den Medien ein Bericht zu Armut und Ernährung, schon erklären uns die ersten Kolumnist:innen, man könne sich selbst unter der Armutsgrenze lebend billigst und gesund ernähren. Ausgewogenheit? So hohe Ansprüche sollen Betroffene bitte nicht stellen. Sie sollen froh sein, genug am Teller zu haben, wenn sie schon von uns „gesponsert“ werden. So direkt wagt das (fast) niemand zu sagen, doch es kommt so an – und das ist gewollt. Ich werde einen Satz niemals vergessen, als ich wirklich keine Ahnung mehr hatte, wie ich bis zum Monatsende noch genug für meine Familie kochen könnte: „Dann gibt es für die Kinder halt nur Bohnen oder Nudeln mit Ketchup, oder wollen Sie auch noch wählerisch sein?“. Das ist inzwischen acht Jahre her, aber es hat sich eingebrannt.

Kürzlich ist der Bericht zu Ernährungsarmut in Österreich erschienen und er ist, um es gelinde auszudrücken, aufrüttelnd. Mehr als 1,1 Millionen Menschen in diesem Land sind von Ernährungsarmut betroffen, 420.000 davon sogar von schwerer Ernährungsarmut. In einem der wohlhabendsten Länder Europas. Erschreckend viele Menschen können mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen. Von „Das kann nicht stimmen, immerhin gibt es Sozialmärkte, also kann jede:r Lebensmittel kaufen“ bis hin zu „Das liegt nur daran, dass diese Menschen nicht kochen können oder ihr Geld für Unwichtiges ausgeben“ war an Reaktionen alles dabei.

Aber was bedeutet Ernährungsarmut eigentlich im Alltag? Ich versuche es anhand der eigenen Erfahrung zu erklären: Als bei uns die finanziellen Mittel immer geringer wurden, waren die ersten Einsparungen jene Dinge, auf die man leicht verzichten kann, z. B. der Friseurbesuch oder Treffen in Cafés. Doch je länger die Armut andauert und je höher die Preise steigen, desto mehr muss man sich beim Grundlegendsten einschränken – bei den Lebensmitteln. Also beginnt man, zu Zeiten einkaufen zu gehen (meist abends), in denen Waren reduziert werden. Man kauft Reduziertes und nicht das, was die Kinder gerne möchten oder was gesund ist. Ich konnte nicht mehr entscheiden, ob Vollkorn oder normale Nudeln, Dinkelbrot oder Weizentoast. Du kaufst nach Preis, nicht nach Qualität. Genau hier beginnt die Ernährungsarmut. In manchen Monaten kommt man mit dieser Strategie bis zum Monatsende, in anderen jedoch, in denen unerwartete Ausgaben wie kaputte Kinderschuhe oder gestiegene Stromkosten zu stemmen sind, ist zur Monatsmitte Schluss mit Einkaufen. So war das bei uns und so geht es heute 1,1 Millionen Menschen.

Und ich habe keine Ahnung, wie die Betroffenen es schaffen, angesichts der Preisexplosion nicht zu verzweifeln. Der Preis von Billignudeln hat sich zum Teil verdoppelt, Obst und Gemüse ist fast nur noch in diesen Retterkisten leistbar. Und trotzdem wird diesen Menschen ausgerichtet, sie könnten doch gesund und billig kochen, wenn sie nur wollten!
Ernährungsarmut bedeutet übrigens nicht nur, zu wenig am Teller zu haben, sie hat auch massive Folgen für die Betroffenen. Menschen fehlt der ausreichende Zugang zu qualitativ hochwertiger und nahrhafter Nahrung. Dies kann verschiedene Konsequenzen haben: von gesundheitlichen Problemen über soziale Auswirkungen bis hin zur Beeinträchtigung von Bildung und Arbeitsfähigkeit.

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass es keine Vorwürfe und Zurechtweisungen braucht, keine Artikel und Kommentare, in denen wir wie kleine Kinder behandelt werden, die vermeintlich keine Ahnung vom Leben haben. Denn eines können Betroffene von Ernährungsarmut definitiv: mit sehr geringen finanziellen Mitteln so gut es geht ein Essen auf den Tisch zaubern. Es braucht vielmehr eine Anpassung von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld sowie vom Zugang zu Zuschüssen, damit Betroffene nicht täglich Angst haben müssen vor dem Einkauf. Denn sehr viele haben keinen Anspruch auf Unterstützung, sie wissen es nicht oder sind zu beschämt, um Hilfe zu beantragen. Es macht wütend, dass wir Betroffenen sagen, wie sie sich zu verhalten haben, anstatt dafür zu kämpfen, dass sie sich die grundlegendsten Dinge leisten können.

Daniela Brodesser ist Autorin und Aktivistin und setzt sich gegen Armut und Beschämung ein.

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Der Krieg der Schreier https://ansch.4lima.de/der-krieg-der-schreier/ https://ansch.4lima.de/der-krieg-der-schreier/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:17:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=118777 Am Ende bleiben die Fanatischen übrig. Ob auf Social Media oder auf Mailinglisten, die Diskussion dominieren meist jene mit den krassesten Positionen. Die Mehrheit der in ein Ohnmachtsschweigen gefallenen Mitlesenden sind sicher nicht der Meinung, dass die Hamas eine emanzipatorische Bewegung ist und der 7. Oktober ein Befreiungsschlag war. Sie glauben auch nicht, dass alle, […]]]>

Am Ende bleiben die Fanatischen übrig. Ob auf Social Media oder auf Mailinglisten, die Diskussion dominieren meist jene mit den krassesten Positionen. Die Mehrheit der in ein Ohnmachtsschweigen gefallenen Mitlesenden sind sicher nicht der Meinung, dass die Hamas eine emanzipatorische Bewegung ist und der 7. Oktober ein Befreiungsschlag war. Sie glauben auch nicht, dass alle, die vor Antisemitismus in der pro-palästinensischen Solidaritätsbewegung warnen, vom „German Guilt“ zerfressene Antideutsche sind, die von der internationalen Linken überall sonst in der Welt verlacht werden. Sie sind aber auch nicht überzeugt, dass der Krieg angesichts des Hamas-Terrors gerecht sei und auch die zivilen Todesopfer in Gaza im Grunde selbst schuld, hätten sie sich halt in Sicherheit gebracht. (Sinngemäß war vieles davon tatsächlich auf einer linken Mailingliste zu lesen – wie auf vielen anderen wahrscheinlich auch.) Das Gefährliche an diesen Diskurs-Dominierern – fast unnötig zu erwähnen, dass sie nahezu ausschließlich männlich sind – und ihrer Kriegsrhetorik: Sie lassen bei allen anderen ein Gefühl von Ausweglosigkeit und unüberwindbarem Antagonismus entstehen, das die realen Verhältnisse massiv verzerrt. Denn während sie sich bloß auf die immergleichen Trigger-Formulierungen des Gegners stürzen, ohne dabei je wirklich verstehen zu wollen oder gar aufeinander einzugehen, würden sich die sprachlos Gewordenen wohl mühelos auf das aktuell Wichtigste in diesem vermeintlich auf ewig unlösbaren Konflikt einigen können: dass dieser Krieg aufhören soll. Und sie würden wohl auch der friedenspolitischen Binsenweisheit zustimmen, dass es dafür weniger statt mehr Fanatismus braucht.

Doch genauso wie Netanjahu und die Hamas für ihre perfide Politisierung der Eskalationsspirale unweigerlich aufeinander angewiesen bleiben, braucht es die ständige Heraufbeschwörung der Frontstellung offenbar auch in der Linken, um die eigene Position immer wieder neu zu profilieren. Alle anderen, die wir den Terror der Hamas ebenso verurteilen wie die Kriegsverbrechen Netanjahus, verschwinden in diesem dröhnenden Entweder-oder. Doch es gibt das Sowohl-als-auch, das Empathie mit den Opfern des 7. Oktobers ebenso wie mit jenen der israelischen Angriffe erlaubt. Womöglich zu verhindern, dass es weltweit groß und mächtig werden kann, ist wohl der schlimmste Schaden, den diese Schlachten anrichten. Denn ihre radikalisierte Kriegslogik, die keinen Zweifel und inzwischen noch nicht mal Zuhören erlaubt, lässt alle anderen verstummen. „Ihre Perspektiven und ihre Ansichten sind nicht in den Medien, nicht auf den Demos und auch sonst nicht vertreten“, sagt Swetlana Nowoshenowa von den Palestinians and Jews for Peace in einem Interview mit der „Graswurzelrevolution“. Wie viele andere Solidaritätsbewegungen besteht auch sie aus einer Allianz aus palästinensischen und jüdischen Aktivisten*innen, die gemeinsam für ein Ende der Gewalt eintreten.

Im Vergleich mit der Aggressivität und dem Zynismus der dominierenden Debatten wirkt eine Haltung, die für Empathie und respektvolle Auseinandersetzung wirbt, so naiv wie Gänseblümchen in Gewehrläufen. Wenn sich deutsche Linke mittels akademischer Abhandlungen über die historische und etymologische Genese des „From the River to the sea“-Slogans zerfleischen, trägt das aus ihrer Sicht offenbar mehr zur Lösung des Nahostkonflikts bei als israelische Aktivist*innen, die Hilfsgüter für Gaza als humanitäre Schutzschilde begleiten (siehe Interview auf Seite 10).

Angesichts solcher Selbstgerechtigkeit nicht zu verstummen, dafür plädiert auch der soeben erschienene Sammelband „Trotzdem sprechen“, der Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven versammelt. Darin wird viel über die Sprachlosigkeit nachgedacht, die so viele seit Kriegsbeginn lähmt, aus Angst, niedergebrüllt zu werden. „Stammeln im Getöse“, nennt Paula-Irene Villa Braslavsky das in ihrem Beitrag. Doch wer nicht mal mehr um Worte ringt, überlässt den Schreiern das Feld. Und lässt den Trugschluss zu, dass sie den Zustand der Linken repräsentieren. Das tun sie nicht. Und angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist es unerlässlich, sich das vor Augen zu führen, um nicht den Mut zu verlieren. Die Fanatischen sind laut, aber wir anderen sind mehr.

Lena Gorelik, Miryam Schellbach, Mirjam Zadoff (Hg.): Trotzdem sprechen, Ullstein 2024

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