IV/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 28 May 2024 15:36:16 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Die Welt braucht feministischen Journalismus https://ansch.4lima.de/die-welt-braucht-feministischen-journalismus/ https://ansch.4lima.de/die-welt-braucht-feministischen-journalismus/#respond Mon, 27 May 2024 19:22:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=118231 Ich kann es mir nicht mehr leisten« – bei Abo-Kündigungen ist das derzeit ein sehr häufig angegebener Grund. Die Folgen der Teuerung treffen viele hart und bei Abos wird gespart, wenn sonst nur noch wenig Spielraum bleibt. Uns trifft die Inflation damit doppelt – durch gestiegene Papier- und Energiepreise, aber inzwischen auch durch mehr Abbestellungen. […]]]>

Ich kann es mir nicht mehr leisten« – bei Abo-Kündigungen ist das derzeit ein sehr häufig angegebener Grund. Die Folgen der Teuerung treffen viele hart und bei Abos wird gespart, wenn sonst nur noch wenig Spielraum bleibt. Uns trifft die Inflation damit doppelt – durch gestiegene Papier- und Energiepreise, aber inzwischen auch durch mehr Abbestellungen. Mit 2024 mussten wir schweren Herzens auch den mühsam aufgebauten Vertrieb in (Bahnhofs-)Buchhandlungen einstellen, weil die Kosten dafür nicht mehr tragbar waren. Unsere Heftverkäufe gehen also noch weiter zurück. Unsere finanzielle Lage wird immer bedrohlicher, wir brauchen dringend eure Unterstützung.

Das könnt ihr tun, indem ihr ein an.schläge-Abo abschließt und somit unsere Arbeit langfristig absichert. Für alle, denen das finanziell möglich ist, haben wir ein spezielles Unterstützungsabo in drei attraktiven Varianten – ihr könnt es mit wenigen Klicks auf unserer Website kaufen: das ­Solidarity-Abo um 55 Euro, das Sisterhood-Abo um 75 Euro und das Superheroine-Abo um 100 Euro – zum Superheroine-Abo gibt’s noch unsere schicke an.schläge-Tasche gratis dazu!

Wer schon ein Abo hat, kann zur Abo-Patin werden: Wir verteilen Abos um an (ehemalige) Leser*innen, die sparen müssen. an.schläge-Abos eignen sich auch wunderbar als Geschenk.

Denn klar ist: Es braucht feministische Medien wie an.schläge dringend! Mitte April veröffentlichte die UNO einen erschreckenden Bericht: Frauenrechte werden weltweit zunehmend eingeschränkt. „Nach jahrzehntelangen Fortschritten gab es in letzter Zeit einen Rückschritt bei sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten“, ist im Bericht zu lesen.

Feministischer Fortschritt ist alles andere als ein Selbstläufer. Auch für die Europawahl im Juni werden Erfolge rechter Parteien prognostiziert, die auf rassistische und patriarchale Rezepte setzen. Und: Überall dort, wo Autokraten regieren, ist auch die Pressefreiheit in Gefahr. Österreich hat schon jetzt Nachholbedarf. Im aktuellen Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen ist es auf Platz 32 abgerutscht – das bisher schlechteste Ergebnis. In diesem Jahr wurde erstmals die Förderung von Qualitätsjournalismus ausgeschüttet – vier Millionen Euro, insgesamt ein Fünftel der Fördersumme, ging an die größten Boulevardmedien im Land.

Bei an.schläge hingegen wurde schon mit dem Antritt der ersten Regierung Kurz 2018 der Rotstift angesetzt: Die Förderung aus dem Frauenministerium von damals rund 23.000 Euro haben wir verloren – und seither auch nicht wieder erhalten. Und das, obwohl an.schläge einen wichtigen Beitrag für die gesamte deutschsprachige Medienlandschaft leistet, Frauen und Queers fördert und sichtbar macht und somit kritischen Qualitätsjournalismus liefert, der anderswo nicht passiert.

Zwei Drittel der Coverstorys in österreichischen Tageszeitungen schreiben immer noch Männer – zu diesem Ergebnis kam eine Auszählung des Projekts „Kobuk“ im Februar. Gerade in Krisenzeiten sind Männer als Experten und Kommentatoren noch dominanter als sonst. Wir brauchen eure Unterstützung, um – kämpferisch wie eh und je – dagegenzuhalten! Save the world with feminism!

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Rage & Horror https://ansch.4lima.de/rage-horror/ https://ansch.4lima.de/rage-horror/#respond Mon, 27 May 2024 18:36:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=118209 In den vorgeblichen Genreklassikern eines männlich dominierten Kanons sind Frauen oft die (nackten) Opfer. Ein Gespräch mit Horrorfilmregisseurin Jennifer Reeder über ihren Film „Perpetrator“ und Horror als zutiefst weibliches Genre. Von Julia Pühringer Der diesjährige Filmschwerpunkt zur Wut beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln feiert den heiligen weiblichen Zorn als durchaus adäquate Antwort auf den aktuellen Dauerzustand […]]]>

In den vorgeblichen Genreklassikern eines männlich dominierten Kanons sind Frauen oft die (nackten) Opfer. Ein Gespräch mit Horrorfilmregisseurin Jennifer Reeder über ihren Film „Perpetrator“ und Horror als zutiefst weibliches Genre. Von Julia Pühringer

Der diesjährige Filmschwerpunkt zur Wut beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln feiert den heiligen weiblichen Zorn als durchaus adäquate Antwort auf den aktuellen Dauerzustand der Krise.

Zu sehen waren großartige Filme wie der mitreißende Menstruations-Body-Horror „Tiger Stripes“ von Amanda Nell Eu, „Prevenge“ von Alice Lowe, die Motorradgang-Königin in „Dry Ground Burning“ von Joana Pimenta und Adirley Queirós. Auch Klassiker wie „Nine to Five“ sind fast unangenehm tagesaktuell. Ein Panel verhandelte „Rage & Horror als feministische Strategie“, einen praktischen Selbstverteidigungskurs gegen Zombies und Slasher gab es auch – der feministische Kampf braucht Praxis und Humor.

an.schläge: Wut war das Thema des diesjährigen Festivals. Mit der weiblichen Wut und ihrer Kraft beginnt ja viel Gutes.
Jennifer Reeder: Wir leben in einer Welt, die möchte, dass Frauen einfach nur Körper sind. Alles, was wir tun, um diese Vorstellung zu stören, ist toll. Wut und Zorn kann alles ändern: Immer wieder haben Frauen auf der ganzen Welt unglaublich viel verändert, viel mobilisiert. Man sieht ja, was gerade in den USA mit den ­reproduktiven Rechten passiert. Das sind Typen, die die Klitoris nicht finden, aber sie wollen unsere Körper regulieren – da geht es einfach nur um Kontrolle. Wut macht uns sichtbar.

Im Grunde ist doch Horror ein zutiefst weibliches Genre, oder?
Wenn man sich unser Leben anschaut: Von sehr früh an haben wir eine robuste und konstante Beziehung zu Blut und unseren Körpern. Die sind doch ständig „Body-gore“. Und tatsächlich haben wir Horror erfunden – wenn ich an Mary Shelley denke, sie war 19, als sie Frankenstein geschrieben hat. Auch „Jane Eyre“, „Wuthering Heights“, Schauerliteratur, all das haben Frauen geschrieben basierend auf ihren eigenen Erfahrungen. Im Horrorfilm selbst kommen sie aber nicht so oft vor, es gibt so viele Horrorfilmfans, die Filme lieben, in denen sie nicht vorkommen, junge Frauen, besonders auch junge Women of Color.

Feministischer Horror hat da die Perspektive stark verändert.
Ich habe mich damit sehr bewusst beschäftigt, auch in „Perpetrator“. Es gibt schon sehr aufgeladene Bilder, wie die Mädchen, die sich unter dem Bett verstecken, gerade etwas Fürchterliches durchgemacht haben – aber ich möchte keine Bilder produzieren, die jemanden retraumatisieren oder triggern, oder die Gewalt gegen Frauen sexualisieren.

Sie zeigen auch weibliche Solidarität – im Horror werden Frauenfiguren ja sonst eher vereinzelt.
Wir helfen einander, wenn Männer glauben, wir sind boshaft oder kleinlich oder im Wettbewerb. Mir ist es immer wichtig, die weibliche Solidarität zu betonen, weil ich sie auch in meinem Leben habe, und zwar über die Grenzen von race und Klasse hinweg.

Auch deshalb sind wir im Horror zu Hause: Die Beschissenheit der Welt überrascht Frauen nie. Auch der Horror des eigenen Körpers: Mit dem eigenen Körper einen Menschen wachsen zu lassen. Eine Geburt. Das ist ja unvorstellbar im Grunde.
Ich sage das auch oft. Ich habe drei Söhne geboren und Schwangerschaft ist eine wilde Sache. Eine Geburt ist heftig, egal ob vaginal oder per Kaiserschnitt, das ist doch Horror, blutig, eine Sauerei. Man drückt einen Menschen aus sich ­heraus. Auch die körperliche Veränderung an sich ist wild.

Penetration spielt eine wichtige Rolle im Film, aber anders als sonst.
Ja, das hat mir Spaß gemacht. Es gibt diese Eingänge in den Körper im Film, ich wollte, dass die wie Arschlöcher ausschauen. Und dann hat mir der Make-up-Effekt-Typ vom Team einfach zwölf zur Auswahl gegeben. Er war da knochentrocken, er lebt davon, fleischige Dinge zu bauen.

Es gibt so viele unterschiedliche Arten von Blut in Ihrem Film!
Wir haben unterschiedliche Arten von Blut gebraucht im Film, so klumpiges Blut wie am dritten Tag der Menstruation, dann sehr sauberes, flüssiges Blut, das musste essbar sein, dann noch sehr helles, rotes Blut. Wir hatten eigene Blutrezepte, weil wir kein hohes Budget für Blut hatten. Als wir dann im Winter in Chicago gedreht haben, ist uns das Blut so auf den Boden geklumpt, weil es zu kalt war, das war schon fast wie eine Placenta, ich musste dann jemanden losschicken, um das Blut aufzuwärmen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ihrer Kamerafrau Sevdije Kastrati gestaltet?
Ich wusste von Beginn an, dass ich mit einer Frau zusammenarbeiten will, mit einer weiblichen Linse sozusagen. Ihre Geschichte ist sehr beeindruckend: Sie war Krankenpflegerin in Ausbildung im Kosovo, als der Jugoslawienkrieg ausbrach, sie hat eine Kamera gekauft, um zu dokumentieren, was um sie herum geschieht – auch ihre Mutter und ihre Schwester sind im Krieg gestorben. Sie hat dann einfach nie mehr aufgehört, zu filmen und ist nach L.A. gegangen. Sie trifft sehr gewagte Entscheidungen, ich mag das. Gemeinsam haben wir das Farbschema entwickelt, sie hat mich sofort verstanden. Wir haben uns auf diese sehr dunkelblauen und senfgelben Töne geeinigt, die Farben von Wunden, wo das Rot des Blutes richtig herausleuchtet. Wir haben auch viel über Framing gesprochen, den Bildausschnitt, ganz besonders, wenn es um unsere Hauptdarstellerin Kiah McKirnan geht, sie spielt Jonny und ist eine Woman of Color.

Wie sind Sie auf Alicia Silverstone gekommen? Sie spielt eine Art mütterliche Femme fatale.
Wir waren lange an ihr dran – in „Clueless“ hat sie diesen ikonografischen Teenager gespielt. Und „Clueless“ ist ein Film von Dauer, was womöglich auch damit zu tun hat, dass eine Frau Regie geführt hat, Amy Heckerling. Meine Vorlage war Catherine Deneuve in „The Hunger“. Sie ist auf eine Weise unsterblich, zeitlos. Alicia hat dann alle Deneuve-Filme angeschaut, sie ist super belesen, eine Aktivistin, eine Feministin – sie hat immerhin als Teenager Hollywood überlebt. Und sie hat noch nie so eine Figur gespielt.

Haben Sie Vorbilder?
Ich liebe so Dinge wie „Rebecca“ von Hitchcock, der Lieblingsfilm meiner Mutter, Daphne du Maurier hat den Roman geschrieben. „Carrie“ von Brian De Palma. Mädchen in der Umkleidekabine in Slow Motion, ich steh auf sowas, es ist so doof und so ekelig und so großartig gleichzeitig. Das ist wie sehr viel Eis essen. Als ich dieses starke Teenager-Mädchen gesehen habe, die alles niederbrennt, im rosa Kleid, blutbedeckt, da habe ich mich nicht gefürchtet, das hat in mir etwas berührt, bevor ich Worte dafür hatte. Oh, und „Jeanne Dielman“ von Chantal Akerman, diese sehr zurückhaltende Art, zu erzählen, und die stille Wut dieser Frau, die in ihrem Leben gefangen ist.

Julia Pühringer ist Journalistin und schreibt unter anderem über bewegte Bilder.

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Lecken, testen, tracken https://ansch.4lima.de/lecken-testen-tracken/ https://ansch.4lima.de/lecken-testen-tracken/#respond Mon, 27 May 2024 18:27:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=118207 Sexuell übertragbare Erkrankungen erleben ein ungewolltes Comeback in Europa. Für die Prävention von Syphilis und Co braucht es neue Strategien. Von Verena Kettner Anna* fühlt sich wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als ihre Hautärztin ihr den Grund für die roten, juckenden Punkte auf ihrem Körper nennt: Skabies, umgangssprachlich auch Krätze genannt, ein Parasitenbefall der Haut […]]]>

Sexuell übertragbare Erkrankungen erleben ein ungewolltes Comeback in Europa. Für die Prävention von Syphilis und Co braucht es neue Strategien. Von Verena Kettner

Anna* fühlt sich wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als ihre Hautärztin ihr den Grund für die roten, juckenden Punkte auf ihrem Körper nennt: Skabies, umgangssprachlich auch Krätze genannt, ein Parasitenbefall der Haut durch Milben. Sie wird durch intensiven Hautkontakt übertragen und ist in Europa momentan wieder stark auf dem Vormarsch. Was für Anna, ihr Polykül1 und ihre WG folgt, sind wochenlanges exzessives Wäsche­waschen und Putzen sowie das Eincremen mit antiparasitischer Salbe, um die Weiterverbreitung zu stoppen. Anna versucht auch zu rekonstruieren, mit wem sie in den letzten Wochen intensiven Hautkontakt hatte. Sie fühlt sich ein bisschen wie während der Corona-­Lockdowns, nur dass die Nachverfolgung der Kontakte hier privat erfolgt. Es ist anstrengend, sie fühlt sich schuldig und schämt sich. Ihr ist klar: Ein besseres System muss her, um so etwas in Zukunft besser zu handhaben.

Krätze ist nicht die einzige Krankheit, deren Auftreten momentan stark ansteigt, vor allem STIs (Sexually Transmitted Infections) rücken wieder in den Fokus. Alarmierende 17 Millionen Fälle sexuell übertragbarer Erkrankungen bilden den historischen Höchststand in Europa, warnt eine im Herbst 2023 publizierte Studie der WHO. Die Zahl der Syphilis-­Erkrankungen stieg zwischen 2010 und 2019 um satte 87 Prozent, im selben Zeitraum wurden auch doppelt so viele HIV-Diagnosen neu gestellt wie in den Jahrzehnten zuvor. Österreich fällt außerdem durch Höchstwerte bei ­Gonorrhö- und Chlamydien-Infektionen negativ auf. Besonders bitter: Die UN hatte mit der „Agenda 2030“ das Ziel formuliert, alle sexuell übertragbare Erkrankungen bis 2030 so weit zurückzudrängen, dass sie keine Bedrohung mehr für die Weltgesundheit darstellen. Insbesondere mit Blick auf Österreich ist die Entwicklung allerdings nicht überraschend – und sie ist auch nicht auf Dating-Apps zurückzuführen, die es Menschen ermöglichen, schnell und unverbindlich Sex zu haben, wie es österreichische Tageszeitungen suggerieren.

Zu wenig Aufklärung. Die Hauptursache für den starken Anstieg sei ein zunehmendes Hochrisikoverhalten bei sexuellen Kontakten, vor allem mit wechselnden Sexualpartner*innen, heißt es in einer Artikelreihe basierend auf den Ergebnissen der WHO-Studie. Die erhöhte Risikobereitschaft ließe sich vor allem dadurch erklären, dass viele STIs ­mittlerweile sehr gut behandelbar sind und deswegen ihren Schrecken verloren hätten. Bei unkomplizierten und früh entdeckten Erkrankungen lassen sich sowohl Syphilis als auch ­Gonorrhö und Chlamydien gut mit Antibiotika behandeln. Um eine Ansteckung mit HIV zu vermeiden, können HIV-negative Menschen ein Medikament zur sogenannten Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) in Tablettenform einnehmen, außerdem ist auch eine Infektion mit HIV in Österreich gezielt und gut therapierbar.

Aus medizinischer Perspektive mag das eine plausible Analyse sein, sie geht aber implizit davon aus, dass die Verantwortung für ausreichende Information und Prävention beim Individuum liegt. Fehlende Aufklärung über sexuell übertragbare Erkrankungen spielt dabei aber eine entscheidende Rolle. Wenn beispielsweise auf Ratgeber-Websites zu sexueller Gesundheit oder auch in Artikeln über HIV informiert wird, richten sich die Tipps meist hauptsächlich an schwule Männer bzw. wird über das Ansteckungsrisiko bei ­schwulem Sex geschrieben. Aber nicht nur schwule Männer haben gerne Analsex. Und nicht nur beim Analsex können Menschen sich mit HIV infizieren. Während es in den 1990er- und 2000er-Jahren zumindest staatliche Aufklärungskampagnen für die Risiken von HIV gab, wird mittlerweile im öffentlichen Gesundheitsdiskurs kaum mehr über die Erkrankung gesprochen. Das homofeindliche Stigma hingegen gibt es immer noch. Auch über andere sexuell übertragbare Erkrankungen gibt es sowohl zu wenig niederschwellig zugängliche Informationen als auch zu wenig aktuelle Forschung. In Österreichs Schulen beispielsweise ist Sexualpädagogik nicht im Lehrplan verankert, sie bleibt dem guten Willen der Lehrkräfte überlassen. Das Problem fehlender Information wäre hier sehr einfach zu lösen: Insbesondere für Schulklassen gibt es gute Angebote von externen Bildungseinrichtungen. Prävention ist teuer. Was bei der Rede vom „individuellen Hochrisikoverhalten“ außerdem gerne ausgeblendet wird:

Prävention ist teuer. Regelmäßige umfassende STI-Screenings werden in Österreich nicht von den Krankenkassen bezahlt. Ärztliche Überweisungen für kostenlose Tests gibt es nur bei konkreten Symptomen und Verdachtsfällen, was für das Verhindern einer Weiteransteckung oft zu spät ist. Eine empfehlenswerte und kostengünstige Adresse für Testungen auf die häufigsten STIs sowie kompetente Beratungen sind in einigen österreichischen Bundesländern die AIDS-Hilfen. Auch hier ist allerdings nicht möglich, sich beispielsweise auf verschiedene bakterielle oder Pilz-Infektionen testen zu lassen. Diese sind zwar weniger gefährlich, aber sehr unangenehm und ebenfalls ansteckend. Auch die Impfung gegen HPV ist für Personen über 21 Jahre nicht gratis. Dabei zählt HPV zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen, die meisten Menschen infizieren sich zumindest einmal im Leben. Auch die besten Präventionsmaßnahmen für direkten Sexualkontakt, Kondome und Lecktücher, sind teuer. Lecktücher können außerdem nicht in herkömmlichen Drogerien erworben werden, sondern müssen in Apotheken gekauft oder online bestellt werden. Kostenlose, regelmäßige STI-Screenings sowie gratis Dental Dams und Kondome wären eine erfolgversprechende Strategie, um die Zahl der Ansteckungen zu senken.

Wechselnde Partner*innen. Auch mehr wechselnde Sexualpartner*innen müssten dann nicht zum Problem werden. Zwar steigt selbstverständlich statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit jedem neuen sexuellen Kontakt. Aber sexuelle Kontakte sind eben nicht nur Statistiken, es sind Menschen, die achtsam miteinander umgehen können. Insbesondere bei konsensueller Nicht-Monogamie, also wenn Menschen mehrere romantische und sexuelle Beziehungen führen und alle Beteiligten darüber Bescheid wissen, bewährt sich die Praxis des regelmäßigen Testens.

Nach dem Krätze-Schock setzt sich auch Anna mit den Lieben in ihrem Polykül zusammen. Sie vereinbaren, dass jede Person sich alle sechs Monate bei der AIDS-Hilfe testen lässt. Falls Symptome auftreten oder es ungeschützten Sexualkontakt mit Personen außerhalb des Polyküls gibt, soll ein Test baldmöglichst erfolgen. Die Ergebnisse wollen sie dann jeweils auf einem Pirate Pad teilen, zu dem alle Zugriff haben. So ist es möglich, eine potenzielle Ansteckung zeitnah nachzuverfolgen und entsprechend zu handeln, vor allem, da nicht alle Personen im Polykül gleich viel Kontakt miteinander haben und im Alltag nicht unbedingt über ihr Sexualverhalten sprechen. Am Ende des Abends fühlt Anna sich erleichtert. Beim nächsten Verdachtsfall würde zumindest nicht mehr die gesamte Verantwortung auf ihr alleine lasten.

Verena Kettner findet geteilte Verantwortung mindestens genauso schön wie geteilte Lust.

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World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-8/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-8/#respond Mon, 27 May 2024 18:20:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=118213 ]]>
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Batty… zyklusromanze https://ansch.4lima.de/batty-zyklusromanze/ https://ansch.4lima.de/batty-zyklusromanze/#respond Mon, 27 May 2024 18:18:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=118211 ]]>
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Feminist Superheroine: Buchi Emecheta https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-buchi-emecheta/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-buchi-emecheta/#respond Mon, 27 May 2024 18:14:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=118217 Buchi Emecheta, geboren 1944 in Lagos und gestorben 2017 in London, wurde mit elf Jahren zwangsverlobt. Hochzeit und ihre erste Schwangerschaft folgten wenige Jahre darauf. Für das Studium ihres Mannes zog die Familie nach London. Buchi Emecheta begann zu schreiben, ihr Mann verbrannte das Manuskript ihres ersten Buchs „The Bride Price“. Sie trennte sich von […]]]>

Buchi Emecheta, geboren 1944 in Lagos und gestorben 2017 in London, wurde mit elf Jahren zwangsverlobt. Hochzeit und ihre erste Schwangerschaft folgten wenige Jahre darauf. Für das Studium ihres Mannes zog die Familie nach London. Buchi Emecheta begann zu schreiben, ihr Mann verbrannte das Manuskript ihres ersten Buchs „The Bride Price“. Sie trennte sich von ihm: Allein zog sie ihre fünf Kinder auf, studierte Soziologie mit Auszeichnung und schrieb weiter. Ihre teils stark autobiografisch geprägten Romane handeln von Sexismus in Nigeria und Rassismus in Großbritannien. Ihre starken Frauenfiguren kämpfen mit Armut und Unterdrückung und für weibliche Unabhängigkeit. Buchi Emecheta gründete mit ihrem Sohn den Ogwugwu Afor Verlag und gilt heute als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Nigerias.

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Dem Widerstand eine Stimme geben https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-eine-stimme-geben/ https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-eine-stimme-geben/#respond Mon, 27 May 2024 18:08:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=118205 Wir alle sollten ihre Namen kennen: Von Widerstandskämpferinnen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso und Milena Gröblacher, die sich gegen das NS-Regime stellten. Von Helena Verdel. Frauen haben aus vielfältigen Gründen gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft Widerstand geleistet – die einen aus politischer Überzeugung, andere, weil sie dem rassistischen Ideologem der Nationalsozialisten nicht folgen konnten. Frauen, die […]]]>

Wir alle sollten ihre Namen kennen: Von Widerstandskämpferinnen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso und Milena Gröblacher, die sich gegen das NS-Regime stellten. Von Helena Verdel.

Frauen haben aus vielfältigen Gründen gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft Widerstand geleistet – die einen aus politischer Überzeugung, andere, weil sie dem rassistischen Ideologem der Nationalsozialisten nicht folgen konnten. Frauen, die halbverhungerten Kriegsgefangenen ein Stück Brot zusteckten oder, noch schlimmer, sich in einen „Untermenschen“ verliebten, fanden sich in den Konzentrationslagern und Haftanstalten wieder, gemeinsam mit den Frauen, die bewusst die Entscheidung getroffen hatten, sich gegen das Regime zu stellen.

Frauen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso oder Milena Gröblacher haben nach 1945 maßgeblich dazu beigetragen, dass ihr Beitrag und jener ihrer Mitkämpfer*innen an der Befreiung nicht in Vergessenheit geriet, unabhängig davon, ob das dem politischen und publizistischen Mainstream als Thema gerade genehm war oder nicht.

„Ich war keine Heldin“. Antonia Bruha (1915-2006), Wiener Tschechin und Sozialistin, beginnt schon in der Zeit des Austrofaschismus damit, Widerstand zu leisten, indem sie illegale Zeitungen aus der Tschechoslowakei nach Österreich schmuggelt. Nach der Okkupation durch Hitlerdeutschland schließt sie sich einer tschechisch-sozialistischen Widerstandsgruppe an, sie schreibt und verteilt Flugblätter und beteiligt sich an Sabotageaktionen. 1941 fliegt die Gruppe auf, von hundert Festgenommenen überleben nur 31 Personen.

Antonia Bruha wird knapp drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter verhaftet und weiß lange nichts über den Verbleib ihres Kindes. Folter, Einzelhaft, die Ungewissheit über das Schicksal der Menschen, mit denen sie gekämpft hat, vor allem aber das Schicksal ihres Mannes und ihres Kindes trieben sie an den Rand der Verzweiflung. Erst als sie von einer Wärterin die Nachricht bekommt, dass ihr Mann frei und ihr Kind in Sicherheit ist, fasst sie wieder Mut. Nach einem Jahr Gefängnis wird sie in das KZ Ravensbrück überstellt. Auch dort, inmitten des tagtäglichen Grauens, bleibt sie politisch aktiv und engagiert sich im internationalen Lagerkomitee. Die Flucht gelingt ihr gemeinsam mit einer Genossin Ende April 1945 auf einem der Evakuierungsmärsche, auf dem zuletzt noch viele Frauen aufgrund von Hunger, Erschöpfung, oder weil sie zu Tode geprügelt oder erschossen wurden, umkamen. Nach dem Krieg schreibt sie das Erlebte nieder, um das Geschehene zu verarbeiten, aber auch um sich an die Menschen zu erinnern, mit denen sie Haft und Lager geteilt hatte. Diese Erinnerungen bilden die Grundlage für ihre 1984 im Europaverlag erschienene Biografie „Ich war keine Heldin“.

Antonia Bruha wird 1947 Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück und arbeitet später im 1963 gegründeten Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ehrenamtlich mit.

Das Bild geraderücken. Ebenfalls Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück war die im April fast hundertjährig verstorbene Käthe Sasso (1926-2024), eine Burgenlandkroatin, die in Wien aufgewachsen ist. Da beide Elternteile schon im Kampf gegen den Austrofaschismus aktiv waren – der Vater wurde 1935 für einige Zeit eingesperrt –, kommt sie schon sehr früh in Kontakt mit antifaschistischem und widerständigem Gedankengut. Sie muss auch miterleben, wie Freunde ihrer Eltern bald nach dem sogenannten Anschluss verhaftet werden und verschwinden. Für die Familien der Inhaftierten wird Geld gesammelt, es werden Flugblätter gegen den Krieg produziert. Als der Vater 1940 zur Wehrmacht einrücken muss und die Mutter 1941 nach schwerer Krankheit verstirbt, macht die 15-jährige Käthe einfach weiter. Doch der Gestapo gelingt es, einen Spitzel in ihre Gruppe einzuschleusen, Käthe Sasso wird im August 1942 verhaftet. Von Jänner 1943 bis zum 26. April 1944 sitzt sie im Landesgericht 1 ein, wo auch die Hinrichtungen stattfanden. Sie selbst bezeichnet diese Zeit in einem Interview als die schlimmste ihres Lebens, die vielen letzten Worte, die von den Verurteilten aus dem Parterre hinaufgeschrien werden in den vierten Stock, wo Käthe Sasso in der Jugendzelle einsaß, werden sie bis ins hohe Alter verfolgen. Nach dem Krieg ist es ihr ein Herzensanliegen, diesen Toten eine würdige Ruhestätte zu sichern. Verscharrt am Zentralfriedhof in der Gruppe 40 mussten sie allerdings bis 2013 warten, ehe ihnen dank der Bemühungen von Käthe Sasso und ihren Mitstreiter*innen endlich ein würdiges Gedenken durch die Stadt Wien zuteil wird. Das Areal wird zur Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Justiz umgewidmet. Käthe Sasso selbst entgeht der Hinrichtung, weil sie beim Prozess von allen Mitkämpfer*innen geschützt wurde. Doch wie für so viele andere hieß das nicht Freiheit, sondern Konzentrations­lager. Sie kommt zuerst in das Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf, im Herbst 1944 dann in das Frauenlager Ravensbrück. Nach dem Krieg muss sie erkennen, wie sehr die nationalsozialistische Propaganda nachwirkt und dass auch nach 1945 ehemalige KZ-Insass*innen als „arbeitsscheues Gesindel“ und „Verbrecher“ denunziert werden. Dieses Bild zurechtzurücken ist Käthe Sasso zeitlebens ein Anliegen.

Kampf der Partisan*innen. Anders der Weg der Kärntner Sloweninnen. Auch sie lehnen das rassistische Weltbild der Nationalsozialisten ab, leisten jedoch zunächst keinen aktiven Widerstand. Erst als nach dem Überfall auf Jugoslawien 1941 alle slowenischen Institutionen verboten und geplündert werden und 1942 über 300 Familien verschleppt wurden, um ihre Bauernhöfe den sogenannten Optanten aus dem Kanaltal übergeben zu können, wird klar, dass Stillhalten für die slowenische Volksgruppe keine Überlebensstrategie ist. Die ersten Mitglieder der Befreiungsfront und die Partisan*innen in ihrem Gefolge treffen auf eine große Bereitschaft, sich dem Widerstand anzuschließen. Aber wer ist überhaupt noch auf den Höfen? Jugendliche, ältere Männer – die jungen waren zur Wehrmacht eingezogen worden – und vor allem Frauen. Sie sind es, die den Kämpfer*innen das Überleben im Untergrund in den Wäldern ermöglichen. So auch Milena Gröblacher (1921-1997) aus St. Kanzian, die sich im Herbst 1943 der Befreiungsfront anschließt. Sie sammelt Sanitätsmaterial, Bekleidung, organisiert Papier für die illegalen Drucksorten der Partisan*innen, verbreitet Flugblätter, sammelt Informationen über die Infrastruktur der Umgebung, überbringt Nachrichten, wenn Aktionen gegen die Partisan*innen geplant sind und ist vor allem ein wichtiges Bindeglied zwischen der illegalen Welt der Partisan*innen und ihren Unterstützer*innen.

Als ihre Freundin Lizika Ročičjak 1944 verhaftet, verhört und Anfang 1945 zu Tode verurteilt und hingerichtet wird, ist ihre Angst groß, dass auch ihr Widerstand der Gestapo bekannt wird. Doch die Freundin hält stand und Milena Gröblacher überlebt. Bei den Treffen mit den Partisan*innen werden aber nicht nur Aufgaben verteilt, sondern es wird auch politisch diskutiert. Zum ersten Mal werden Milena und ihre Genoss*innen als Menschen angesprochen, die ein Recht darauf haben, diese Welt mitzugestalten und ihre Stimme auch in der Öffentlichkeit zu erheben, etwas, das in ihrer patriarchalen katholischen Welt vorher undenkbar war. Ihre Stimme hat Milena Gröblacher auch nach dem Krieg weiter erhoben: als Vorsitzende des Slowenischen Frauenverbandes, der Nachfolgeorganisation der 1943 gegründeten Antifaschistischen Front der Frauen, für die Rechte der Frauen, für die Rechte der Kärntner Slowen*innen.

Das ist diesen drei Frauen und vielen anderen Frauen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben, gemeinsam: Sie haben nach dem Krieg über das Erlebte erzählt, in Schulen, bei Diskussionsveranstaltungen, Gedenkfeiern, in Büchern. Sie haben damit auch all jenen, die mit ihren Leben bezahlten, eine Stimme gegeben. Und sie haben Dokumente über diese Zeit gesammelt und so dafür gesorgt, dass die historische Forschung genug Material hat, damit es der Widerstand der Antifaschist*innen auch in die Geschichtsbücher schafft.

Helena Verdel ist eine österreichisch–slowenische Publizistin und Sachbuchautorin.

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