II/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 20 Apr 2024 09:31:10 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png II/2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 vorgestellt: Abonnentin https://ansch.4lima.de/vorgestellt-abonnentin/ https://ansch.4lima.de/vorgestellt-abonnentin/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:26:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=116443 Pamela Huck
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Mein feministischer Buchtipp:
Amia Srinivasan, „The Right to Sex“ – ein reißerischer Titel für ein intelligentes Buch.

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Feminist Superheroine: Toni Morrison https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-toni-morrison/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-toni-morrison/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:25:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=116450 Als Jahrhundertautorin prägte Toni Morrison die Entwicklung afro-amerikanischer feministischer Literatur maßgeblich. Geboren 1931 in eine proletarische Familie in Ohio, USA, studierte sie später Anglistik und arbeitete nach ihrem Studium an der Howard University als Dozentin für englische Literatur. 1970 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „The Bluest Eye“, der von der Lebensrealität eines afro-amerikanischen Mädchens handelt. […]]]>

Als Jahrhundertautorin prägte Toni Morrison die Entwicklung afro-amerikanischer feministischer Literatur maßgeblich. Geboren 1931 in eine proletarische Familie in Ohio, USA, studierte sie später Anglistik und arbeitete nach ihrem Studium an der Howard University als Dozentin für englische Literatur. 1970 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „The Bluest Eye“, der von der Lebensrealität eines afro-amerikanischen Mädchens handelt. Morrisons Literatur stellt stets Schwarze weibliche Geschichten ins Zentrum, die von der intersektionalen Unterdrückung, die Schwarze Frauen erleben, erzählen. Sie gehörte damit zu den ersten Autor*innen überhaupt, die Schwarze Geschichte und Realität literarisch erfahrbar machten. 1993 erhielt sie als erste afro-amerikanische Frau den Nobelpreis für Literatur und schrieb auch damit Schwarze feministische Geschichte. [syra]

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Die Oma wird’s schon schaukeln! https://ansch.4lima.de/die-oma-wirds-schon-schaukeln/ https://ansch.4lima.de/die-oma-wirds-schon-schaukeln/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:25:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=116447 »Die halten mich auf Trab!«, stößt sie, freudig dem Nachnachwuchs hinterherhechelnd, hervor. Eh so vü liab, die Enkerln! Vielleicht widmet sie sich ihnen bald ganz, ganz und gar, mit Haut, Haar und allem andern, den Knochen und den Nerven, die jetzt leider manchmal so gegenwärtig sind. Der Herr Bundeskanzler hat es geträumt. Viel schöner als […]]]>

»Die halten mich auf Trab!«, stößt sie, freudig dem Nachnachwuchs hinterherhechelnd, hervor. Eh so vü liab, die Enkerln! Vielleicht widmet sie sich ihnen bald ganz, ganz und gar, mit Haut, Haar und allem andern, den Knochen und den Nerven, die jetzt leider manchmal so gegenwärtig sind. Der Herr Bundeskanzler hat es geträumt. Viel schöner als so eine Fremdlingsbetreuung! Karenz-Oma! Wie proaktiv das klingt! Wie systemrelevant!

Sie hat eh schon Übung, einmal mindestens schon hat sie ewig lang den Haushalt geschmissen statt hingeschmissen und viel Lego gespielt und Sandkuchen gebacken und Kreatives getrieben mit den Lieben, Karenz hieß der Zustand, sie war immer die Zuständige. Kann das also eh! Zwar hat ihre Nicht-Karriere da einen Knick bekommen und sie einen Knacks, nein, stimmt nicht, nur ein kleiner Scherz unter alten Freundinnen, aber was sind schon Geld und Ruhm? Verglichen mit dem trauten Glück der Herde am Herd?

Sie ist ja dann schon geübt, auch und v. a. im Zurückstecken, damit andere vorpreschen können. Oder müssen. Und was braucht man denn noch in dem Alter? Bestimmt keine Karriere, die leuchtenden Kinderaugen wiegen das auf. Die Kassa-Brille ist eh a schee, und sie wird doch nicht so eine Ego-Alte sein, nichts als Weinwandern und Vietnam-Reisen und Abhängen mit den Freundinnen im Kopf?

Viele alte Dramen sind zwar in PennSion und kriegen dann wohl nix, aber wer denkt schon an den schnöden Mammon, ist Kinderlachen nicht unbezahlbar? Oder sie sind nicht in PennSion und werden es auch nie sein, weil sie einst auf den verwegenen Gedanken kamen, „bei den Kindern“ zu bleiben. Weil sie nicht nur Kinder kriegen und haben wollten, sondern sogar mit ihnen sein wollten. Sie hatten das Unbezahlbare gewählt und das wurde ihnen heimgezahlt. Aber trotzdem, sie sind doch Profis, könnten sie nicht noch mal ran?

Hat so eine Großmutter nicht ein Herz wie ein Bergwerk? Irgendeine muss ja zuständig sein für Fläschchen, Bäuerchen und Windeln. Bis dass der Herzinfarkt sie in die Windeln prackt.

MICHÈLE THOMA, ü70, ist nicht in Pension und wird es nie sein. Sie hat ja nicht gearbeitet. Nur vier Kinder groß-„gezogen“!

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Der Preis von #MeToo https://ansch.4lima.de/der-preis-von-metoo/ https://ansch.4lima.de/der-preis-von-metoo/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:24:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=116439 Wie teuer kommen uns Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe? Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens, hat JULIA PÜHRINGER herausgefunden. Corona-Krise: So teuer war die Pandemie bisher wirklich«, „Depressionen verursachten 2004 Kosten in Höhe von 118 Milliarden Euro“ – aufgeregte Headlines über nicht funktionierende Menschen. Lässt sich auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in Zahlen ausdrücken? In der Erhebung […]]]>

Wie teuer kommen uns Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe? Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens, hat JULIA PÜHRINGER herausgefunden.

Corona-Krise: So teuer war die Pandemie bisher wirklich«, „Depressionen verursachten 2004 Kosten in Höhe von 118 Milliarden Euro“ – aufgeregte Headlines über nicht funktionierende Menschen. Lässt sich auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in Zahlen ausdrücken? In der Erhebung „Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und andere Formen von interpersoneller Gewalt“ aus dem Jahr 2021 der Statistik Austria liegt der Prozentsatz von Frauen in Österreich (zwischen 18 und 74 Jahren), die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben, bei rund 27 Prozent.

Was sind die Folgen? Frauen, die Übergriffe melden, wechseln oft selbst den Arbeitsplatz und nehmen dafür ein niedrigeres Gehalt in Kauf. In der Mitteilung der EU-Kommission zur „Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020–2025“ wird vermerkt: Auch wenn es mehr Hochschulabsolventinnen als Hochschulabsolventen gibt, bleiben Frauen in höher bezahlten Berufen unterrepräsentiert und im Niedriglohnsektor überrepräsentiert – „was unter anderem auf diskriminierende gesellschaftliche Normen und Stereotypen in Bezug auf die Fähigkeiten von Frauen und Männern sowie die Unterbewertung der Arbeit von Frauen zurückzuführen ist“. Österreich gehört mit 18,8 Prozent (Eurostat-Berechnung 2021) immer noch zu den EU-Ländern mit dem größten Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. „Nur ein Drittel des Gender Pay Gaps“, so ist auf der Website des Bundeskanzleramtes zu lesen, „kann aufgrund von Merkmalen wie Branche, Beruf, Alter, Dauer der Unternehmenszugehörigkeit und Arbeitszeitausmaß erklärt werden“.

Ganz so rätselhaft scheint die Sache nicht zu sein: Eine im „Quarterly Journal of Economics“ veröffentlichte Studie führt ungefähr ein Zehntel des Gender-Pay-Gaps auf sexuelle Belästigung zurück.

DO IT YOURSELF. Kein Wunder, dass der Ansatz, Frauen zu beruflichen Kampfmaschinen auszubilden, damit sie auch im Patriarchat „alles schaffen“ können, nicht ausreicht. „Es heißt immer, Frauen sollen besser verhandeln, dann haben sie aber Verschwiegenheitsklauseln in den Verträgen“, so Katharina Mader, Chefökonomin des Momentum-Instituts. Und die Frauen sind dann auch noch „selber schuld, dass es nicht besser wird“.

„The economic costs of sexual harassment in the workplace“ hat der Wirtschaftsprüfer Deloitte 2019 für Australien berechnet – mit den Kosten für Erkrankungen, die dadurch für das Management fehlende Zeit sowie fehlende Produktivität, Abwesenheiten (28 Prozent) und steigender Fluktuation von Mitarbeiter*innen (32 Prozent der Kosten!). Denn auch Mitarbeitende, die nicht selbst betroffen sind, verlassen Firmen, in denen sie Übergriffe beobachtet haben. Nicht nur verlieren betroffene Individuen Gehalt (sieben Prozent), sondern Arbeitgeber*innen Produktivität (siebzig Prozent) und der Staat dadurch Steuern (23 Prozent). Allein für 2018 hat Deloitte die Kosten für verminderte Produktivität wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit 2,62 Milliarden Dollar beziffert. Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung reduzieren also das Bruttoinlandsprodukt (BIP), eine Maßzahl für die wirtschaftliche Leistung eines Landes.

In „The Cost of Sexism“ belegt die Oxford-Ökonomin Linda Scott klare Zusammenhänge zwischen Geschlechtergerechtigkeit und steigenden Einkommen und Lebensstandards. „Es ist nicht so, dass wohlhabende Nationen sich leisten können, ihre Frauen zu befreien, sondern dass die Befreiung der Frauen sie wohlhabend gemacht hat.“

Alyssa Schneebaum, Ökonomin und Assistenzprofessorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, verweist auf die Forschung von Alice Wu, die 2017 mit ihrer Arbeit über das Online-Forum „Econ Job Market Rumors“ deutlich machte, wie stark Sexismen in der Wirtschaftswelt eingeschrieben sind. „Wenn man über eine Frau schreibt, schreibt man „sexy“ und „breasts“. Und wenn man über einen Ökonomen schreibt, verwendet man „macro economist“ und „journal“, erzählt Schneebaum. Kein gutes Umfeld für Gender-Themen. „Wie viel Wissen verlieren wir dadurch als Gesellschaft, weil wir es nicht relevant finden?“, fragt sich Schneebaum. Vor einigen Jahren hat sie berechnet, was es ausmachen würde, würden wir die unbezahlte Arbeit von Frauen bezahlen: stolze dreißig Prozent des BIP.

VON DEN TÖPFEN FERNHALTEN. Sind Sexismus, Belästigung und Machtmissbrauch nicht auch einfach ein effizientes Werkzeug, um Frauen vom Arbeitsplatz zu drängen? Sara Hassan, Autor:in, Trainer:in und Moderator:in mit Schwerpunkt Machtmissbrauch und Co-Autorin des Guides „Grauzonen gibt es nicht“ über die Muster sexueller Belästigung, sieht es so: „Wir reden die ganze Zeit darüber, als wäre alles ein Missverständnis und als wäre das alles eine schlüpfrige Angelegenheit. Aber letztlich geht es um die Verteilung von Ressourcen. Darum, dass man versucht, gewisse Menschen, Frauen, Minderheiten, alle, die es nicht „verdienen“, fernzuhalten von den Töpfen, auf die gewisse Leute aka weiße cis Männer, ein gottgegebenes historisches Anrecht formuliert haben. Und jetzt drängen andere Menschen auf den Arbeitsmarkt. Das sind Frauen, das sind Minderheiten, das queere Personen, das sind Schwarze Personen, die historisch dort nicht waren, und machen ihnen das streitig.“ Belästigung wird auch als Strafmechanismus eingesetzt. Betroffene, die solche Fälle melden, werden schnell zu Störenfrieden erklärt.

Auch Katharina Mader bestätigt: „Betroffene reden immer erst dann, wenn das Arbeitsverhältnis zu Ende ist“ – sprich, wenn es zu spät ist für Veränderungen beim Arbeitgeber. „Eigentlich bräuchte es viel mehr Druck in den aufrechten Arbeitsverhältnissen“, so Mader. Gleichzeitig: „Das Arbeitsrecht, das Gleichbehandlungsgesetz, das ist oftmals viel, viel progressiver als wir sind“, so Hassan. „Da steht beispielsweise drin, Belästigung ist verschuldensunabhängig. Das bedeutet, die Motivation von Belästigungen ist uns komplett egal. Betroffene müssen nicht sichtbar machen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist, das würde ihnen eine zusätzliche Last aufbürden.“ Aber: Das allein reicht noch nicht.

„Ohne radikale Umverteilung von Ressourcen wird es nicht gehen, dass Machtmissbrauch aufhört“, macht Hassan deutlich.

SCHADENERSATZ FORDERN. Bianca Schrittwieser, Leiterin der Abteilung Arbeitsrecht in der Arbeiterkammer Wien, berichtet, dass sich seit der #MeToo-Bewegung „viel mehr Frauen an die Rechtsberatung wenden“. Auch in ihrer Erfahrung sind Übergriffe kein Einzelfall, sondern ein Verlauf: „Bei jenen, die wir vor Gericht vertreten haben, ist de facto die Belästigung oft von Beginn des Arbeitsverhältnisses an da. Das kann schon beim Vorstellungsgespräch begonnen haben.“ Auch sie sieht dieselbe Auswirkung: Ganz viele Betroffene haben das Arbeitsverhältnis beendet. Immerhin: Bei den Fällen, die vor Gericht endeten, „wurde in achtzig Prozent der Fälle die Leistung eines Schadenersatzes erreicht“, so Schrittwieser. Das gibt Hoffnung.

Die Betroffenen waren zwischen 16 und sechzig Jahre alt. Die erschreckende Erkenntnis: Junge Menschen sind ganz häufig von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen, etwa Lehrlinge oder Praktikantinnen. „Sie steigen grad ins Berufsleben ein und die erste Erfahrung, die sie machen, sind Belästigungen“, so Schrittwieser. Allen Betroffenen hätte nach eigener Aussage geholfen, „dass es im Unternehmen ein Schutzkonzept gibt, dass im Vorhinein klar ist, dass das Unternehmen gegen sexuelle Belästigung auftritt, dass das nicht toleriert wird und es auch Ansprechpersonen gibt“.

Wie ist es um die Fürsorgepflicht bestellt? „Die tritt dann ein, wenn der Dienstgeber von der sexuellen Belästigung erfährt. Dann muss er reagieren. Und wenn er nicht reagiert, dann haftet er so, als wenn er selbst belästigen würde“, so Schrittwieser. Heuer will man sich die ökonomische Perspektive genauer anschauen. „Was richtet man da eigentlich für einen Schaden an?“ Schrittwieser betont: „Wir wissen zu wenig über die, die belästigen.“ Die Erkenntnis: Sexismus ist eine chronische gesellschaftliche Krankheit mit hohen menschlichen und wirtschaftlichen Folgekosten, die viel genauer erforscht und bekämpft werden muss.

JULIA PÜHRINGER ist Journalistin und Filmkritikerin.

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Aus der Welt https://ansch.4lima.de/aus-der-welt/ https://ansch.4lima.de/aus-der-welt/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:24:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=116445 „Des Teufels Bad“ widmet sich dem wenig beachteten Phänomen des „mittelbaren Suizids“, den Frauen in der Neuzeit begingen. Ein zutiefst bewegender Historienfilm über das bäuerliche Leben, Depression und Einsamkeit. Von CLEMENTINE ENGLER Ich wollte weg sein aus der Welt«, begründete Ewa Lizlfellner ihre Tat, für die sie hingerichtet werden sollte. An ihre Geschichte ist der […]]]>

„Des Teufels Bad“ widmet sich dem wenig beachteten Phänomen des „mittelbaren Suizids“, den Frauen in der Neuzeit begingen. Ein zutiefst bewegender Historienfilm über das bäuerliche Leben, Depression und Einsamkeit. Von CLEMENTINE ENGLER

Ich wollte weg sein aus der Welt«, begründete Ewa Lizlfellner ihre Tat, für die sie hingerichtet werden sollte. An ihre Geschichte ist der Film „Des Teufels Bad“ von Veronika Franz und Severin Fiala angelehnt, der kürzlich auf der Berlinale seine Premiere feierte. Ausgehend von den Erkenntnissen der Historikerin Kathy Stuart thematisiert das Regie-Duo ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte, das bisher unbeleuchtet blieb.

Die Oberösterreicherin Lizlfellner teilt das schreckliche Schicksal zahlreicher Frauen, die im 17. und 18. Jahrhundert, eine Epoche strengen christlichen Glaubens, als einzigen Ausweg den „mittelbaren Suizid“ sahen. Mithilfe von Morden wollen sie ihr Leben beenden. Bevor sie hingerichtet wurden, war es ihnen erlaubt, Beichte über ihre schrecklichen Taten abzulegen, um so von Sünden befreit in den Himmel zu kommen. Suizid hingegen galt damals als schlimmste aller Sünden, der Zutritt ins Himmelreich wäre auf immer versperrt geblieben. In „des Teufels Bad“, so hieß es im Volksmund, befanden sich diejenigen, die unter einer Depression litten, die bis zur Todessehnsucht führen konnte.

Anders als das typische Historiendrama lenkt der Film einen naturalistischen Blick auf den bäuerlichen Alltag. Das Leben in armen Verhältnissen ist geprägt von einer Rauheit, die durch die Allgegenwart des Todes, durch Tierkadaver und menschliche Leichen anschaulich wird. Der Film ist inspiriert von Lizlfellners Schicksal, die im Film Agnes (Anja Plaschg) heißt und in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberösterreich lebt. Nach ihrer Hochzeit wünscht sich die tiefreligiöse Frau nichts sehnlicher als ein Kind. Sie möchte ihrem Ehemann Wolf (David Scheid) eine gute Frau sein, scheint sich jedoch von Anfang an fremd zu fühlen in ihrem neuen Leben. Das Steinhaus, in dem sie wohnen, ist genauso kalt wie die Menschen, die sie umgeben. Dazu kommt die ständige vernichtende Kritik der Schwiegermutter (Maria Hofstätter). Die hochsensible Agnes fängt an, daran zu zweifeln, dass sie jemals genügen könne. Ein innerer Kampf mit ihren eigenen Dämonen beginnt, den Anja Plaschg mit ihrem großartigen Schauspiel fein nuanciert vermittelt. Aber auch die Bildsprache und der Sound tragen eindrücklich zu dieser Vermittlung bei.

Warme Sonnenstrahlen fluten die bewegten Bilder der Hochzeit, in denen Agnes glücklich lachend in Großaufnahmen zu sehen ist. Doch bald breiten sich Finsternis und Nebel aus und zeigen die innere Veränderung an. Agnes beginnt sich immer mehr zu fürchten in ihrem neuen Zuhause. Wenn sie sich im Gestrüpp verheddert, im Schlamm des Sees stecken bleibt oder panisch durch Höhlengänge kriecht, macht die Kamera (für die es auf der Berlinale den silbernen Bären gab) das klaustrophobische Gefühl in ihr erfahrbar. Agnes zieht sich immer mehr in die Einsamkeit zurück und richtet ihre Wut gegen sich selbst. Der Sound von Soap&Skin dringt tief in den Körper und untermalt ihre innerliche Beklemmung und die Selbstzweifel.

Alles in „Des Teufels Bad“ ist darauf ausgelegt, den innerlichen Kampf von Agnes spürbar zu machen, der sie schlussendlich zu einer grausamen Entscheidung bewegt.

Als Zuschauer*in kann man sich dem nicht entziehen. Das macht den Film besonders wertvoll, denn Depression ist für Menschen, die nicht darunter leiden, oft schwer nachvollziehbar. Oft fehlt jedes Verständnis, wenn Betroffene nicht funktionieren können. In Franz und Fialas Film geht es also auch um Schwächen und Fehler, um das Scheitern an Leistungsansprüchen. Damit gelingt die Brücke zur Gegenwart.

„Des Teufels Bad“ ist ein Film, der von den großen menschlichen Emotionen erzählt. Von Ängsten, Verletzlichkeit, Abgründen, aber auch von Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen.

CLEMENTINE ENGLER hat sich komplett einnehmen lassen von der Atmosphäre, die „Des Teufels Bad“ so einzigartig macht.

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Normalisierung von Unmenschlichkeit https://ansch.4lima.de/normalisierung-von-unmenschlichkeit/ https://ansch.4lima.de/normalisierung-von-unmenschlichkeit/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:23:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=116456 Alle reden von „Remigration“. Doch die demokratische Öffentlichkeit darf nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und solche Begriffe normalisieren. Von NATASCHA STROBL Seit dem Vernetzungstreffen von hochrangigen AfD-Politikern und Neonazis vergangenen November in Potsdam, bei dem Pläne zur Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland gewälzt wurden, ist ein Begriff in aller Munde: „Remigration“. Den […]]]>

Alle reden von „Remigration“. Doch die demokratische Öffentlichkeit darf nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und solche Begriffe normalisieren. Von NATASCHA STROBL

Seit dem Vernetzungstreffen von hochrangigen AfD-Politikern und Neonazis vergangenen November in Potsdam, bei dem Pläne zur Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland gewälzt wurden, ist ein Begriff in aller Munde: „Remigration“.

Den Begriff haben allerdings nicht die Neuen Rechten erfunden, er hat vielmehr in den Sozialwissenschaften eine feste Bedeutung und wird vor allem in der Biografieforschung verwendet. Er bezeichnet den Vorgang der freiwilligen Rückkehr in ein Heimatland, nachdem man aus diesem zuvor migriert war. Entscheidend ist, dass er einen individuellen Vorgang in einer Biografie bezeichnet. Es geht also nicht um die Rückkehr in ein Land, aus dem zwar die Vorfahren stammen, aus dem man aber nicht selbst stammt. Zentral ist außerdem, dass es hierbei um eine persönliche und freiwillige Lebensentscheidung geht. Die Gründe für diese Rückkehr können höchst unterschiedlich sein und von Heimweh, ökonomischen Überlegungen bis hin zu Diskriminierung oder familiären Gründen reichen. Dieser Begriff wird nun von der Neuen Rechten zu etwas anderem umgedeutet: der staatlich forcierten Rückkehr. Er wird zum Oberbegriff für eine Reihe an staatlichen Zwangsmaßnahmen. Einerseits meint er Abschiebungen, die unter bestimmten Voraussetzungen schon jetzt vom Gesetz gedeckt sind und die bekanntlich auch jetzt schon stattfinden. Gemeint ist mit Remigration nun aber auch die erzwungene Rückkehr von Menschen mit aufrechtem Aufenthaltstitel oder gar Staatsbürgerschaft. Neben den legalen Abschiebungen sollen nämlich auch Ausweisungen aufgrund von „kultureller Ferne“ oder „Unerwünschtheit“ möglich sein, fantasieren Rechtsextreme.

Im Nachgang der Enthüllungen von „Correctiv“ gab es Versuche, „Remigration“ mit Abschiebungen synonym zu setzen. Für diese Abschiebungen gibt es unterschiedliche Kriterien, vor allem aber sind es mangelnde Fluchtgründe (oder was ein Gericht als solche befindet). Die Umdeutung von Remigration ist aber ein bewusst weiter gefasster Begriff.

In dieser Verwendung handelt es sich klar um einen Kampfbegriff der extremen Rechten. Die Verwendung von pseudowissenschaftlichem Vokabular soll Seriosität vortäuschen. Dasselbe hat man schon beim Begriff „Ethnopluralismus“ versucht. Gemeint ist damit das Phantasma aus ethnisch reinen Kulturen, die ohne jede „Vermischung“ koexistieren. Ein wahnwitziges Konzept, das es in der Menschheitsgeschichte nie gab. Neben „Ethnopluralismus“ und „Remigration“ gehört auch „der große Austausch“ zu den erfolgreichen Begriffsschöpfungen der letzten Jahre. Damit wird ein bewusst gesteuerter Austausch imaginiert, der von dunklen Eliten betrieben würde. Damit verwandt ist auch die Um- und Neudeutung des „Great Reset“ in der Corona-Pandemie, wonach unter dem Deckmantel von Corona eine politische Elite tiefgreifende Veränderungen durchsetzen wolle. Mit „Remigration“ wird erneut versucht, einen Begriff in den demokratischen Diskurs einzubringen, der mit einer Demokratie nicht vereinbar ist. Denn er ist ein Euphemismus für Vertreibung und ethnische Säuberungen. Medien und die demokratische Öffentlichkeit dürfen nicht den Fehler begehen, diesen Begriff als gewöhnliche Bezeichnung zu verwenden und so zu einem diskutierbaren Konzept zu machen. Stattdessen müssen sie den Begriff einordnen und erklären und höchstens unter Anführungsstrichen verwenden. Sonst droht dasselbe wie mit den zuvor erwähnten Begriffen: Die Alltagssprache wird mehr und mehr von rechtsextremer Sprache durchsetzt. Auch so macht man ein autoritäres System möglich.

NATASCHA STROBL ist Politikwissenschafterin und Publizistin.

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Archiv der Einsamkeit https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/ https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:22:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=116434 NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsameinsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten? Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer […]]]>

NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsam
einsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten?

Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer einsam ist bzw. wer „auf dem Weg ist, einsam zu werden“. Es ist nach wie vor tabuisiert, als „vereinsamt“ zu gelten. Die alten Erzählungen von der „einsamen Jungfrau“ oder so ein Mist haben sehr viel mit vordefinierten Lebenswegen und Entscheidungen zu tun, die aus meiner Sicht zu hinterfragen und aufzubrechen sind.

Der Autor Daniel Schreiber sagt z. B. in seinem Essay „Allein“, dass die „Einsamkeitsepidemie“ oft von konservativen Kräften beschworen wird, um nostalgische Bilder von der klassischen Kernfamilie zu propagieren. Und das ist aus queerer Perspektive sehr relevant, wenn wir uns anschauen, wo allerorts Queerfeindlichkeit auch durch solche Argumente in die Regierungsprogramme reinreklamiert wird. Auch während der Pandemie wurde genau definiert, wer dein „engster Kreis“ sein darf. Daher ist es umso wichtiger, eine Vielfalt an Lebensmodellen ökonomisch zu fördern und auch rechtlich stärker abzusichern, wie z. B. gemeinschaftliche Initiativen oder Co-Housing-Projekte.

Im Stück „Lonely For You!“ habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das Thema von einer ganz anderen Seite zu betrachten und eine Form von Leichtigkeit und Verspieltheit in der Umsetzung zu finden. Während meiner Recherchearbeit habe ich mit vielen Menschen gesprochen und sie gefragt, ob sie einen bestimmten Song gerne hören, wenn sie sich besonders einsam fühlen. Daraus hat sich so eine Art Musikarchiv der Einsamkeit geformt. Das Show-Format mit musikalischen Referenzen aus TV- und Popgeschichte ist im Grunde ein Zelebrieren des Zustandes, wenn wir alleine irgendwo sitzen und immer wieder denselben Song anhören.

Einige Feministinnen haben das Alleinsein in Büchern und Essays zuletzt als sehr befreiend und emanzipatorisch gefeiert und klar von Einsamkeit abgegrenzt. Inwiefern spielt diese Unterscheidung auch in deinem Stück eine Rolle?

Ja, ich denke eine Unterscheidung zwischen dem Gefühl der Vereinsamung und dem emanzipatorischen Akt des frei gewählten Alleinseins ist total wichtig, weil sowohl die Gründe dafür als auch das Erleben eine sehr unterschiedliche Beschaffenheit haben. Nicht zu vergessen den Zustand der sozialen Isolation, der oftmals strukturell bedingt ist und bewiesenermaßen krank machen kann.

Mir kommt es allerdings so vor, als ob alle drei Zustände ineinander verwoben sind und auch gleichzeitig fühlbar werden können. Es kann z. B. sein, dass man sich seit geraumer Zeit extrem einsam fühlt, aber trotzdem alle Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen, bewusst boykottiert. Es gibt Menschen, die immer in Gesellschaft sein müssen, aber das Gefühl der Isoliertheit nie ablegen können – diese Zwischenräume und Widersprüche interessieren mich inhaltlich und künstlerisch.

Erfahrung von Einsamkeit hat viel mit Marginalisierung zu tun. Welche Menschen haben ein besonders hohes Risiko, zu vereinsamen, und inwiefern ist der Zusammenhang von Diskriminierungserfahrung und Einsamkeit Thema deines Stückes?

Einsamkeitserfahrungen und soziale Isolation haben sehr viel mit den Lebensumständen zu tun, in denen wir uns befinden. Strukturelle Ausschlussmechanismen wie Armut und Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankung, Depressionen, Gewalt- oder Suchterfahrungen, Rassismus und Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung können erwiesenermaßen dazu führen, dass Menschen zurückgezogen leben und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Was uns im Stück aber am meisten beschäftigt, ist die Tatsache, dass Einsamkeit auf gewisse Weise vor niemandem Halt macht. Natürlich ist es leichter für jene, Auswege und Vermeidungsstrategien zu finden, die ausreichend finanzielle Mittel haben. Aber Einsamkeit kennt kein Alter, keine Religion und keinen bestimmten Ort, an dem sie zuschlägt. Es ist eine tiefe menschliche Erfahrung, die die meisten von uns machen, auch aufgrund der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben und der wir uns nur sehr schwer entziehen können.

Einsamkeit hat jede Menge geschlechtsspezifische Implikationen. Bei Frauen ist sie stark stigmatisiert, bei Männern wird sie als Autonomie und Unabhängigkeit gefeiert, angefangen mit der Figur des Lonesome Cowboys. Brauchen wir auch ein weibliches „Walden“?

Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen, wir brauchen geschlechterunspezifische
Einsamkeitsheld*innen. Ich denke das Stigma und die Scham, die einsame Menschen in Zeiten des Spätkapitalismus begleitet, gehen über binäre geschlechtsspezifische Unterscheidungen hinaus. Im Stück wird mit Klischees eher gespielt und sie werden gequeert. Ich bin im Laufe meiner Arbeit bereits auf viele weibliche Rolemodels gestoßen, die das Alleinsein und die kreative Kraft, die darin steckt, kultiviert haben. Angefangen bei der Schriftstellerin Sumana Roy und ihrem Buch „Wie ich ein Baum wurde“, über viele Künstler*innen, die sich in ihrem Schaffensprozess monatelang
zurückziehen, bis hin zu Eartha Kitt, die ihre Einsamkeit in ihren Songs verarbeitet hat. Aber wenn wir von Einsamkeit sprechen, geht es gleichzeitig immer um Gemeinschaft. Deswegen mache ich dieses Stück. Um mich mit meinen eigenen Ängsten zu konfrontieren, die in der Einsamkeit hochkommen und mit der Panik vor dem Gedanken, am Ende meines Lebens ganz allein zu sein. Ich denke, ich bin auf der Suche nach Formen der Gemeinschaft.

Du willst mit deinem Stück den Fokus auch auf queere Utopien gegen Einsamkeit richten. Wie können die aussehen?

Das finden wir gerade heraus, aber für mich sind der Prozess und die kreative Arbeit mit Freund*innen und Weggefährt*innen bereits Teil dessen. Ich liebe es, mich mit älteren und jüngeren Queers über Einsamkeitserfahrungen und Vorstellungen von Familie auszutauschen. Das zu teilen, darüber zu reflektieren und die Wünsche, die daraus entstehen, weiterzuspinnen, ist ziemlich schön. Der Beziehungsstatus einer Person sagt z. B. viel weniger darüber aus, ob eine Person einsam ist oder nicht, als wir glauben. Die Kernfrage von „Lonely For You!“ ist daher, wie wir leben und
lieben wollen. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Alleinesein gut für das Leben in Gemeinschaft ist. Diesen Gedanken mag ich sehr.

LEA SUSEMICHEL ist mit Partner, zwei Kindern & zwei Katzen in einer Wohnung mit vielen Durchgangszimmern nur selten einsam. Sie freut sich deshalb meist übers Alleinsein.

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Frauenfeindlichkeit im Netz https://ansch.4lima.de/frauenfeindlichkeit-im-netz/ https://ansch.4lima.de/frauenfeindlichkeit-im-netz/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:22:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=116453 Als Alexandra Föderl-Schmid, die stellvertretende Chefredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ und ehemalige Chefredakteurin des „Standard“, Anfang Februar lebend unter einer Innbrücke in Braunau gefunden wird, ist die Erleichterung groß. Der Schock über das, was sich in den Tagen zuvor ereignet hatte, sitzt jedoch tief. Ende des vergangenen Jahres beauftragt das rechtspopulistische Portal „Nius“ rund um Ex-Bild-Chef […]]]>

Als Alexandra Föderl-Schmid, die stellvertretende Chefredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ und ehemalige Chefredakteurin des „Standard“, Anfang Februar lebend unter einer Innbrücke in Braunau gefunden wird, ist die Erleichterung groß. Der Schock über das, was sich in den Tagen zuvor ereignet hatte, sitzt jedoch tief.

Ende des vergangenen Jahres beauftragt das rechtspopulistische Portal „Nius“ rund um Ex-Bild-Chef Julian Reichelt den selbsternannten Plagiatsjäger Stefan Werber mit der Überprüfung von Föderl-Schmids Doktorarbeit sowie ihren journalistischen Texten. Noch bevor die Prüfung abgeschlossen ist, veröffentlicht „Nius“ den vernichtenden Zwischenstand unter der reißerischen Überschrift „Plagiats-Skandal bei der SZ: In manchen Absätzen stammt nur das Gendern von Vize-Chefin Föderl-Schmid“. Das Portal steht schon länger in der Kritik, bewusst Methoden der Desinformation anzuwenden und so ein verzerrtes Bild zu zeichnen. Mit ihren in dieser Drastik haltlosen Vorwürfen schüren Weber und Reichelt Hass, der sich binnen Stunden in den Sozialen Medien zu einem tobenden Sturm entwickelt. Auf Föderl-Schmid prasselt eine Welle an Hasskommentaren nieder, sie wird diffamiert, herabgewürdigt und entmenschlicht.

Diese Dynamik verdankt sich der spezifischen DNA Sozialer Medien. Eine aktuelle Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigt, dass Frauen auf allen untersuchten Plattformen und in allen Ländern, die Personengruppe sind, die am häufigsten Opfer von Hasspostings wird. Hetze gegenüber Frauen beinhaltet fast immer gewaltvolle Sprache, Mobbing und Belästigung sowie auch konkrete Aufstachelung zu sexueller Gewalt. Die Misogynie im Netz spiegelt den alltäglichen gesellschaftlichen Frauenhass in verdichteter Form wider. Die digitale und die reale Welt sind dabei eng verbunden. Häufig beginnen Radikalisierungsprozesse in einschlägigen Onlineforen, in denen Maskulinisten frauenfeindliches Gedankengut verbreiten. Immer wieder übersetzt sich das in brutale Gewalttaten in der realen Welt, wie etwa 2021 bei dem Attentat eines 22-Jährigen im britischen Plymouth, der insgesamt fünf Menschen erschoss. Im Nachhinein wurde seine schreckliche Gewalttat mit der Incel-Bewegung in Verbindung gebracht. Kurz vor dem Attentat postete er noch in den Sozialen Medien: „Frauen sind arrogant und unfassbar anmaßend“.

Auch Jasmina Kuhnke kennt digitale Gewalt, die online vom misogynen Mob ausgeht. Was Hass betrifft, sei sie ein Elfmeter ohne Torwart: Schwarz, Frau, Mutter, sagte sie dem „Spiegel“. Die Autorin engagiert sich gegen Rassismus und hat auf Twitter mehr als 133.000 Follower. Besonders Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und ihre Reichweite für emanzipatorische Anliegen nutzen, sind Konservativen und Rechtsextremen ein Dorn im Auge. Hasskommentare und Shitstorms werden von ihnen im Netz als Machtinstrument verwendet, um Frauen systematisch zum Schweigen zu bringen. Nachdem Kuhnke Morddrohungen erhielt und sogar die Adresse ihres Hauses von Nazis im Netz öffentlich gemacht wurde, musste sie mit ihrer Familie umziehen. Es sei zu ständigen Schikanen gekommen – Lieferdienste und Boten klingelten an ihrer Tür und brachten Zeug, das sie nie bestellt hatte.

Gesellschaftlicher Wandel wird von einer Zunahme von Hetzjagden im Netz begleitet, es kommt zu einer zunehmenden Polarisierung und Pauschalisierung. Der Spielraum für Diskurs wird immer kleiner. Die Opfer von Hass und Hetze dienen als Stellvertreter*innen eines politischen Spektrums, das der eigenen Überzeugung diametral entgegensteht und deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Der Dauerkrisenmodus, in dem wir uns befinden, lässt Emotionen überhandnehmen, vor allem Hass. Mehr Transparenz und klare gesetzliche Richtlinien, wie es die FRA fordert, um einen sicheren digitalen Raum für alle zu gewährleisten, sind also dringend nötig.

Frauenhasser und all jene Akteur*innen, die Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat aushöhlen wollen, haben schließlich neue, mächtige Werkzeuge in der Hand. Elon Musk wird das nicht für uns regeln.

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Frauen, die ganz für sich alleine sind – und das auch noch genießen – stören die patriarchale Ordnung. Ihre Freude am Alleinsein sollten sie sich trotzdem nicht nehmen lassen. Von BRIGITTE THEISSL

Frauen wird in jeglicher Hinsicht Angst gemacht vor dem Alleinsein«, sagt Sarah Diehl.

Diehl hat dem Alleinsein ein ganzes Buch gewidmet, 2022 erschien „Die Freiheit, alleinzu sein“. „Im Grunde ist es ein Weiterdenken meines vorigen Buchs, in dem die Kinderlosigkeit von Frauen im Zentrum steht“, erzählt die Autorin im an.schläge-Gespräch. In „Die Uhr, die nicht tickt“ räumte Diehl mit dem Mythos auf, dass Frauen zwangsläufig einen Kinderwunsch hätten und nur im Muttersein ihr wahres Lebensglück finden würden.

Selbst gewählt als Single und dann auch noch ohne Kinder zu leben oder bloß allein auf Reisen zu gehen: Für Frauen ist das im Patriarchat nicht vorgesehen. „Frauen müssen zuallererst für andere da sein“, so formuliert es Sarah Diehl. Ihnen würde eine „Selbstlosigkeit und Bedürfnislosigkeit“ geradezu anerzogen. Wertvoll fühlen sie sich erst dann, wenn sie sich kümmern: um den Partner oder die Partnerin, Kinder, Pflegebedürftige, Freund*innen. Die bestärkende Erfahrung, allein und ganz bei sich zu sein, sich freizumachen von den Erwartungen anderer, ginge vielen Frauen damit unwiederbringlich verloren.

WENIGER EINSAM. Die weibliche Hinwendung zu anderen bringt allerdings durchaus auch Vorteile. Studien zeigen, dass Frauen sich seltener einsam fühlen. Das BCC Loneliness Experiment etwa, das Daten zu über 46.000 Menschen in 237 Ländern liefert, weist dementsprechend junge Männer als jene Gruppe aus, die am häufigsten von Einsamkeit berichtet. Auch Menschen in individualistischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder den USA verspüren mehr Einsamkeit als in Gesellschaften, in denen das Kollektiv eine große Rolle spielt. Insgesamt würden Frauen von den sozialen Netzwerken profitieren, die sie sich sozialisationsbedingt eher aufbauen als Männer, so die Studienautor*innen. Auch eine deutsche Studie aus dem Jahre 2019, die speziell die zweite Lebenshälfte in den Fokus nimmt, weist Männer mittleren Alters als
einsamer aus. Der Geschlechterunterschied schrumpft mit steigendem Alter allerdings. Im hohen Alter schließlich seien Frauen sogar einsamer als Männer – allerdings haben sie durchschnittlich auch eine höhere Lebenserwartung und übernehmen häufiger die Pflege des eigenen Partners.

TÜR ZU. Dass schon eine ungestörte heiße Dusche ein wahrer Luxus sein kann, dazu lassen sich im Netz zahlreiche Mum-Memes finden. Sie erzählen von Müttern, die Ansprechpartnerinnen in jeder Lebenssituation sind – und sich selbst eine geschlossene Klotür hart erkämpfen müssen. Umso lauter warnen Gleichstellungsexpert*innen vor dem Homeoffice, das
gerade für Frauen mit Betreuungspflichten so attraktiv erscheint: Statt sich mühsam durch den Feierabendverkehr zu kämpfen, kann das Kind schon früher aus der Krippe abgeholt werden, während des Online-Meetings läuft die Waschmaschine.

Während des ersten Coronapandemie-Jahres untersuchte Ökonomin Katharina Mader den Arbeitsalltag im Homeoffice und fand einen deutlichen Geschlechterunterschied: Frauen in Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren konnten schlechter von zu Hause arbeiten. 35 Prozent berichteten davon, ihre Arbeit daheim schlechter erledigen zu können, bei den Männern waren es nur 26 Prozent. Karl Mahrer, Obmann der Wiener ÖVP, erklärte Frauen im Zuge der Debatten ums Heimbüro sogar zum Wohnungsinventar: Im Homeoffice zu arbeiten sei schwierig, „denn daheim sind die Kinder, daheim ist die Frau, manchmal ist der Wohnzimmertisch voll, weil dort der Kuchen gebacken wird“, sagte er im Interview
mit der „Krone“.

Dass Männer zuallererst Anspruch auf den Küchen- oder Schreibtisch oder gar einen eigenen Hobbyraum haben, scheint immer noch selbstverständlich – ohne dass der männliche Territorialanspruch zur „Self Care“ erklärt wird. „Wenn Selbstfürsorge ein Thema ist, sind Frauen erst wieder in der Badewanne zu sehen – und machen sich also schick oder entspannen vom harten Familienalltag“, sagt Sarah Diehl. Jenes Alleinsein, für das Diehl in ihrem Buch eine Lanze bricht, sperrt sich mit aller Kraft gegen eine solche Selbstoptimierung. Und auch mit Egoismus oder Egozentrik habe sie wenig zu tun. „Wenn man allein ist, ist man befreit von dem Blick und Urteil eines anderen und kann schamlos etwas ausprobieren oder sich ungestört seinen Gedanken und Gefühlen hingeben“, schreibt Diehl.

IN DER DUNKLEN GASSE. Während das Alleinsein schon in den eigenen vier Wänden zum Spießrutenlauf werden kann, kommt es im öffentlichen Raum mit weiteren Fallstricken daher. Seit jeher ist der öffentliche Raum ein Angstraum für Frauen, was nicht nur ihr Sicherheitsgefühl, sondern auch ihre Bewegungsfreiheit einschränkt. Auch wenn Feministinnen
schon seit Jahrzehnten trommeln, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen sehr viel häufiger in der eigenen Partnerschaft passiert als nachts in der dunklen Gasse. Das mulmige Gefühl – es bleibt. Von ihren schlechten Erfahrungen beim Alleinreisen zu berichten, ist für Sarah Diehl entsprechend ambivalent. Auch sie hat schon Übergriffe überlebt. „Ich muss
aber sagen, dass mein Grundvertrauen in Menschen sehr viel größer geworden ist, seit ich allein reise. Die allermeisten Begegnungen sind schön und wohlwollend.“

Allein zu reisen, ist indes für viele Frauen auch 2024 undenkbar. Selbst ins Kino oder in eine Ausstellung würden viele niemals ohne eine Begleitung gehen. „Ich denke, das hat wirklich mit diesem Bild zu tun, dass eine Frau nicht begehrt wird, nicht gewollt ist, wenn sie alleine ist. Ob jetzt von potenziellen Partner*innen oder von Freund*innen“, sagt Diehl. Verschroben, einsam, ungewollt eben. Oder auch: verzweifelt. Etwa wenn Frauen alleine im Club feiern oder auf ein Bier gehen. Hollywood hat die Szene schon tausende Male durchgespielt. „Siehst du die Frau? Denkst du, die geht in eine Bar, um ihren Drink alleine zu genießen? Die ist auf der Suche!“, erklärt etwa Parade-Aufreißer Jakob in der Hit-Komödie
„Crazy, Stupid, Love“ seinem Schützling.

Frauen, die tatsächlich gerne alleine ihren Cocktail trinken oder tanzen würden, kennen es allzu gut: sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht mit einem Mann sprechen zu wollen. Und selbst jene, die auf der Suche nach Flirts sind, werden in der Regel abgewertet: Allein im sexy Outfit auf der Tanzfläche? Da muss es aber eine nötig haben.

VON EINSAM ZU GEMEINSAM. Positive Bilder von einsamen Frauen existieren auch außerhalb der Nachtclubs kaum. Dem männlichen Einsiedler, der zurückgezogen und zufrieden inmitten von Wäldern lebt oder sich als tougher Cowboy auf Heldenreise begibt, stehen bloß die alte Jungfer und die Hexe gegenüber. Nur nicht alleine enden, so die Botschaft an
Frauen. „Dabei ist es ja so interessant, dass die Kleinfamilie, die uns als Rezept gegen Einsamkeit verkauft wird, viele in die Einsamkeit treibt“, sagt Sarah Diehl. Denn auch in einer lieblosen Ehe oder als Mutter könne man – abgeschnitten von Freund*innen oder anderen engen Bezugspersonen – unglaublich einsam sein. So würden auch immer mehr Menschen
neue Formen von Gemeinschaft ausprobieren, die durch die politische Bevorzugung der Kleinfamilie aber verdrängt werden.

Sich eigenen Wünschen und Ressourcen im Alleinsein bewusst zu werden, kann dabei durchaus behilflich sein. So endet schließlich auch jede Heldenreise: An den Widrigkeiten und an der Freiheit im Alleinsein wächst der Held, seine gewonnenen Erkenntnisse trägt er zurück in die Gemeinschaft – damit auch andere daran wachsen können. Zeit, dass sich auch die Heldin auf den Weg macht.

BRIGITTE THEISSL kommt manchmal zu spät, weil sie vorher noch allein auf ihre Schlafzimmerdecke
starren musste.

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