an.schläge 2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 10 Dec 2024 17:21:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2024 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Kein feministisches Märchen https://ansch.4lima.de/kein-feministisches-maerchen/ https://ansch.4lima.de/kein-feministisches-maerchen/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:19:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=121581 Es ist die schlimmste aller Möglichkeiten, aber wir sollten sie zumindest in Betracht ziehen: Was, wenn es an den Wähler:innen selbst liegt? Die lieber den verurteilten Sexualstraftäter Trump wählen als eine Frau, noch dazu eine Schwarze. Die lieber die Demokratie abwählen und einen Autokraten an die Macht, als in „Wokistan“ zu leben, wo womöglich auch […]]]>

Es ist die schlimmste aller Möglichkeiten, aber wir sollten sie zumindest in Betracht ziehen: Was, wenn es an den Wähler:innen selbst liegt? Die lieber den verurteilten Sexualstraftäter Trump wählen als eine Frau, noch dazu eine Schwarze. Die lieber die Demokratie abwählen und einen Autokraten an die Macht, als in „Wokistan“ zu leben, wo womöglich auch illegalisierte Migrant:innen und trans Personen unter dem Schutz unantastbarer Menschenrechte leben dürfen. An gewissen- und skrupellosen Wähler:innen, die ihr Schicksal lieber einem schwindligen Haufen dahergelaufener Broligarchen und Frauenhasser anvertrauen, die Kritikerinnen als Bitches beschimpfen und in Gewehrläufe blicken lassen wollen. Statt ihren Kandidaten als das zu sehen, was er per Definition unbestreitbar ist: ein Faschist. Und die nach dem Wahlsieg „Your body, my choice. Forever“ triumphieren, wie der Rechtsextreme Trump-Buddy Nick Fuentes, der mit diesem Tweet viral ging.

Was wäre das nur für ein feministisches Märchen gewesen! Frauen haben endlich die Schnauze voll und wählen ihre erste Präsidentin, die der Welt damit ein für alle Mal beweist, dass man mit einem Wahlkampf, der das Recht auf Abtreibung nicht nur offensiv zum Thema macht, sondern es sogar ins Zentrum stellt, tatsächlich Wahlen gewinnen kann. Das haben wir doch immer gesagt!

Schwarze Frauen hätten diesen Traum mit überwältigender Mehrheit wahr gemacht, sie wählten zu über neunzig Prozent Kamala Harris. Weiße Frauen hingegen stimmten mehrheitlich (53 Prozent) für Trump – und damit gegen ihre eigenen, sogar überlebenswichtigen, Interessen. Schließlich sterben auch sie an unterlassener Hilfeleistung in medizinischen Notfällen aufgrund restriktiver Abtreibungsgesetze.

Wie lässt sich das Unfassbare erklären? „It’s the economy, stupid“, heißt es wieder reflex­artig. Inflation und Lebensmittelpreise seien eben wahlentscheidend gewesen, nicht „Identitätspolitik“. Eine Nachwahlanalyse, die wir schon von Hillary Clintons Niederlage kennen. „Es sollte nicht überraschen, dass eine demokratische Partei, die die Arbeiterklasse im Stich gelassen hat, feststellen muss, dass die Arbeiterklasse sie im Stich gelassen hat“, wütet Bernie Sanders genau wie damals. Maureen Dowd schreibt in der „New York Times“, Harris habe den kolossalen Fehler gemacht, eine milliardenschwere Kampagne mit Prominenten wie Beyoncé zu führen, während viele der von ihr umworbenen Wähler:innen aus der Arbeiter:innenklasse sich nicht einmal eine Anzahlung für ein Haus leisten könnten. „Der Durchschnittsbürger“ würde daraus den Schluss ziehen, dass Harris nicht „versteht, was ich durchmache“, so ihre Conclusio. Das mag durchaus stimmen. Aber wieso sollten wir davon ausgehen, dass der Goldtower-Großkotz Trump in dieser Hinsicht glaubwürdiger ist? Trump, der unverhohlen für eine Politik steht, die diesem Durchschnittsbürger auch noch das letzte Hemd nehmen wird? Es wurde nach der Wahl viel über „Vibecession“ diskutiert. Der Begriff beschreibt die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen ökonomischen Lage und der subjektiven, negativ verzerrten Einschätzung. Denn de facto befinden sich die USA in der besten Wirtschaftslage seit langer Zeit, beachtliche achtzig Prozent der Reallöhne sind zuletzt gestiegen. Joe Biden hat die profilierteste anti-neoliberale Politik seit Jahrzehnten gemacht und von seinem „American Rescue Plan“ profitierten nicht in erster Linie die Konzerne, sondern vor allem die Arbeiter:innenklasse.

Die Not vieler Menschen, die sich den Einkauf nicht mehr leisten können, ist deshalb selbstverständlich nicht weniger real. Doch wenn es beim Aufstieg rechtspopulistischer Demagogen, den wir global erleben, wirklich um glaubhafte Arbeiter:innenpolitik ginge, die man den „liberalen Eliten“ nicht abnimmt, wieso gewinnt dann in Österreich gottverdammt nochmal Herbert Kickl (erschreckenderweise diesmal auch bei den Frauen) und nicht Andi Babler, der so sehr Bernie Sanders ist, wie man es in Österreich eben sein kann?

„Die amerikanische Bevölkerung ist wütend“, argumentiert Sanders und zeigt Verständnis. Schwarze ­Frauen jedoch, die am meisten Grund zur Wut haben, wählten Harris. Warum? Weil es eben nicht nur die Wut der Deklassierten ist, sondern auch die schreckliche Wut einer ultrarechten, weißen Männlichkeitsideologie, die mit einer gigantischen Social-Media-Propagandaschlacht angeheizt wurde und offenbar auch bei vielen Wählerinnen ideologisch verfängt. Sie müssen wir endlich als eigenes Wahlmotiv ernst nehmen. Ihr müssen wir entschlossen entgegentreten.

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Feminist Classics https://ansch.4lima.de/feminist-classics/ https://ansch.4lima.de/feminist-classics/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:15:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=121579 Paris Paloma: LabourFeministische Hymnen machen im besten Fall gute Laune und versprühen Kampfgeist – aber auch deprimierende Zeiten verlangen nach einem Soundtrack. Kaum verwunderlich also, dass in den Tagen nach der US-Wahl der Song „Labour“ von Paris Paloma auf TikTok – erneut – viral ging. In ihrem 2023 veröffentlichten Track besingt die britische Singer-Songwriterin die […]]]>

Paris Paloma: Labour
Feministische Hymnen machen im besten Fall gute Laune und versprühen Kampfgeist – aber auch deprimierende Zeiten verlangen nach einem Soundtrack. Kaum verwunderlich also, dass in den Tagen nach der US-Wahl der Song „Labour“ von Paris Paloma auf TikTok – erneut – viral ging. In ihrem 2023 veröffentlichten Track besingt die britische Singer-Songwriterin die zermürbende Care-Arbeit, die im Patriarchat auf den Schultern der Frauen lastet. „All day, every day, therapist, mother, maid. Nymph then a virgin, nurse then a servant“, singt Paloma. Und weiter: „24/7, baby machine, so he can live out his picket fence dreams.“ Auf Spotify erreichte der Song nach dem Release im vergangenen Jahr eine Million Streams innerhalb von 24 Stunden. Dass „Labour“ aktuell an Brisanz gewinne, erschüttere sie, sagt die Musikerin in einem Social-Media-Video. Der Song hat schon jetzt das Zeug zum Klassiker, auf YouTube finden sich Konzertmitschnitte mit einem Chor hunderter Frauen – Gänsehaut-Garantie!
Brigitte Theißl

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„Kein selbstverständlicher Teil“ https://ansch.4lima.de/kein-selbst/ https://ansch.4lima.de/kein-selbst/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:11:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=121577 Vor 60 Jahren warb Österreich sogenannte Gastarbeiter*innen aus der Türkei an, überwiegend waren es Männer. Anna Painer hat mit Zeynep Arslan gesprochen, die eine Ringveranstaltung an der Uni Wien zum Thema organisiert hat. Was lässt sich aus einer Genderperspektive zum Anwerbeabkommen sagen? Rückblickend lässt sich sagen, dass die migrantisch-weibliche* Arbeitskraft viel zu wenig Beachtung gefunden […]]]>

Vor 60 Jahren warb Österreich sogenannte Gastarbeiter*innen aus der Türkei an, überwiegend waren es Männer. Anna Painer hat mit Zeynep Arslan gesprochen, die eine Ringveranstaltung an der Uni Wien zum Thema organisiert hat.

Was lässt sich aus einer Genderperspektive zum Anwerbeabkommen sagen?

Rückblickend lässt sich sagen, dass die migrantisch-weibliche* Arbeitskraft viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Viele Frauen haben ihre neugeborenen Kinder zurückgelassen und sind ihren Männern gefolgt. Deutschkurse gab es keine und viele Frauen waren finanziell abhängig von ihren Männern. Anlaufstellen bei Gewalt fehlten – für alle in Österreich lebenden Frauen. Frauen erleben im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt Benachteiligung. Frauen mit geringen Deutschkenntnissen werden häufig in eine Schattenwirtschaft gedrängt. Insgesamt ist die Lage ­heute deutlich komplexer, weil es mittlerweile sehr unterschiedliche Bildungsniveaus und Migrationsursachen gibt. Auf jeden Fall sind wir weit davon entfernt, dass diese Migrationsgeschichte als ein selbstverständlicher Teil der österreichischen Geschichte akzeptiert wird.

Wie hat das Anwerbeabkommen die türkeistämmige Community in Österreich geprägt?

Die Menschen haben mit ihrer Arbeitskraft einen enormen Beitrag für den wirtschaftlichen Aufschwung geleistet. Insbesondere Bevölkerungsgruppen, die zu den Minderheiten in der Türkei gehören, haben in Österreich eine liberal-demokratische Bildung genossen, die ihnen Diskriminierungen aufgrund ihrer Minderheitenposition ersparte. Umso mehr sind gerade sie besorgt, wenn die österreichische Politik in ihren außenpolitischen Beziehungen mit der Türkei wenig sensibel agiert. Während die ersten Generationen nach der Pensionierung wieder in ihre Herkunftsorte zurückkehren, wollen sie, dass ihre Nachfahr*innen als gleichwertiger Teil der österreichischen Gesellschaft wahrgenommen werden und sie in Sicherheit wissen. Gerade der hohe Anteil an Pflichtschulabsolvent*innen in der türkeistämmigen Community macht deutlich, wie stark Bildung in Österreich strukturell vererbt wird.

Hat Österreich mit Blick auf Arbeitsmigration aus Fehlern gelernt? Was braucht es für die Zukunft?

Die Diskussionen, die in den 1970ern geführt wurden, sind immer noch aktuell. Österreich war immer schon ein Einwanderungsland – aber das wird so nicht akzeptiert. Die Frage, wie lange Personen(-gruppen) als „die Migrant*innen“ gelesen werden können, stellt sich bis heute, doch für die statistische Darstellung der Ungleichheitsverhältnisse braucht es Daten. Und es braucht in jedem Fall Räume für kritisch-reflektierte Diskussionen. Am Ende des Tages geht es um ein Zusammenleben in Würde, um Chancengerechtigkeit und Gleichbehandlung.

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Feminist Superheroine: Maria Berner https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-maria-berner/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-maria-berner/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:08:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=121575 Maria Berner war eine Gewerkschafterin und antifaschistische Widerstandskämpferin. Geboren 1904 in Wien in eine sozialdemokratische Arbeiter*innenfamilie, arbeitete sie zunächst als Hausangestellte und wurde später Betriebsrätin bei den Österreichischen Heilmittelwerkstätten. Nachdem im Austrofaschismus freie Gewerkschaften verboten wurden, schloss sie sich dem kommunistischen Widerstand an und war u. a. in der „Roten Hilfe“ aktiv. Berner wurde 1939 […]]]>

Maria Berner war eine Gewerkschafterin und antifaschistische Widerstandskämpferin. Geboren 1904 in Wien in eine sozialdemokratische Arbeiter*innenfamilie, arbeitete sie zunächst als Hausangestellte und wurde später Betriebsrätin bei den Österreichischen Heilmittelwerkstätten. Nachdem im Austrofaschismus freie Gewerkschaften verboten wurden, schloss sie sich dem kommunistischen Widerstand an und war u. a. in der „Roten Hilfe“ aktiv. Berner wurde 1939 verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, danach überstellte sie das Regime ins Konzen­trationslager Ravensbrück. Auch dort leistete sie mit Genossinnen wie Anna Hand und Ilse Hunger Widerstand. Gemeinsam gelang es ihnen, mehrere KZ-Häftlinge zu retten. 1945 konnte Berner aus dem KZ fliehen, zurück in Wien war sie für das Frauenreferat der KPÖ tätig. Im Jahr 2000 verstarb Maria Berner, sie ist auf dem Zentralfriedhof Wien in einem gemeinsamen Grab mit ihrer Lebensgefährtin Anna Hand begraben. [AnPa]

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Kleine Gesten https://ansch.4lima.de/kleine-gesten/ https://ansch.4lima.de/kleine-gesten/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:05:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=121573 In meinem Leben mit Behinderung beschäftigt mich das Gefühl, durch meine Krankheit nicht nur körperlich, sondern auch sozial eingeschränkt zu sein.Und damit meine ich jetzt nicht wegen der mangelnden Barrierefreiheit, die mich oft daran hindert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Vielmehr fühle ich mich durch meine körperlichen Lähmungen oft um eine zentrale Komponente des zwischenmenschlichen Miteinanders […]]]>

In meinem Leben mit Behinderung beschäftigt mich das Gefühl, durch meine Krankheit nicht nur körperlich, sondern auch sozial eingeschränkt zu sein.
Und damit meine ich jetzt nicht wegen der mangelnden Barrierefreiheit, die mich oft daran hindert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Vielmehr fühle ich mich durch meine körperlichen Lähmungen oft um eine zentrale Komponente des zwischenmenschlichen Miteinanders gebracht.
Seit 16 Jahren sitze ich aufgrund meiner ALS-Erkrankung im Rollstuhl. Auch meine Arme, Hände und Finger kann ich inzwischen nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Dadurch sind gewisse Dinge, die andere vielleicht für selbstverständlich halten und die wesentlich dazu beitragen, sich in sozialen Situationen wohl, unbefangen, selbstbestimmt, authentisch und vor allem auf Augenhöhe zu fühlen, für mich nicht oder nur schwer umsetzbar. Zwischen stehenden Körpern auf halber Höhe sitzend und zur bewegten Interaktion kaum fähig, fühle ich mich oft starr und distanziert – und befürchte, auch so wahrgenommen zu werden.
Denn häufig bin ich diejenige, die keine herzliche Begrüßung mit ausgebreiteten Armen anbietet – weil ich meine Arme nicht heben kann. Es kommt vor, dass ich mich an einer lebhaften Unterhaltung nicht beteilige, weil sie hinter mir stattfindet und ich mich nicht umdrehen kann. Jemandem aktiv entgegenzukommen oder meinen Körper zuzuwenden, um Interesse oder Offenheit zu zeigen, ist unmöglich, weil ich mich im Rollstuhl nicht aus eigener Kraft bewegen kann. Ich kann mich auch nicht von Menschen abwenden oder den Abstand vergrößern, wenn mir danach ist. Jemanden tröstend in den Arm zu nehmen oder nach einer Hand zu greifen, um wortlos Mitgefühl auszudrücken: Fehlanzeige.
Weder kann ich mit anderen feierlich anstoßen noch beim Abschied freundlich zurückwinken. Und selbst eine Berührung während des Gesprächs oder ein freundschaftliches Schulterklopfen bleiben mir verwehrt.
Manchmal, wenn ich andere Menschen genau diese Dinge tun sehe, beneide ich sie um deren Leichtigkeit. Meine eigene Situation zeigt mir, wie bedeutend kleine Gesten im sozialen Umgang sein können – weil sie so viel von der Persönlichkeit eines Menschen nach außen tragen.

Bianca Riedmann reflektiert als @bibi_wheelchair_traveller auch über die sozialen Aspekte ihrer Behinderung.

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Rechter Grusel auf allen Ebenen https://ansch.4lima.de/rechter-grusel-auf-allen-ebenen/ https://ansch.4lima.de/rechter-grusel-auf-allen-ebenen/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:57:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=121569 Drei Menschen mit schwarzer Brille, im Hintergrund EuropaflaggeIch stehe ja nicht so auf Gruselfilme, das Leben ist schaurig genug. Durch ein rechts-konservativ bis rechtsextrem dominiertes EU-Parlament zu laufen, löst in mir ein mehr als mulmiges Gefühl aus: „Arbeitet die Person, die sich vor mir in der Kantine anstellt, für rechtsextreme Abgeordnete?“Täglich sehen wir die Veränderungen: keine Plenarwoche mehr ohne Migrationsdebatte, und plötzlich […]]]> Drei Menschen mit schwarzer Brille, im Hintergrund Europaflagge

Ich stehe ja nicht so auf Gruselfilme, das Leben ist schaurig genug. Durch ein rechts-konservativ bis rechtsextrem dominiertes EU-Parlament zu laufen, löst in mir ein mehr als mulmiges Gefühl aus: „Arbeitet die Person, die sich vor mir in der Kantine anstellt, für rechtsextreme Abgeordnete?“
Täglich sehen wir die Veränderungen: keine Plenarwoche mehr ohne Migrationsdebatte, und plötzlich ist es salonfähig, dass die angeblich pro-europäische Fraktion Europäische Volkspartei (ÖVP inklusive) für Änderungsanträge von Rechtsextremen stimmt. Die AfD jubelt offen darüber. Der rechtsextreme Diskurs ist auch im EP voll und ganz angekommen. Auch im Rat und in der Kommission liegt einiges im Argen. Im Oktober haben die europäischen Staats- und Regierungschef*innen beim Gipfel wieder einmal das Wording zu Migration verschärft und fordern Abschiebeabkommen und Aufnahmelager in Drittstaaten. Davor schlägt Ursula von der Leyen schnell mal ein neues Abschiebegesetz vor, obwohl der rechtlich bedenkliche Migrationspakt, der mit Ach und Krach im Frühjahr gerade erst beschlossen wurde, noch nicht mal umgesetzt wurde.
Im November werden die neuen EU-Kommissar*innen angehört und gewählt. Unter ihnen: der Italiener Raffaele Fitto, Georgia Melonis Kandidat für die EU-Kommission, der große Chancen hat, einer der sechs Vize-Präsident*innen der Kommission zu werden. Vizepräsident bedeutet größeres Portfolio und in dem Fall Einfluss auf Regional- und Agrarförderungsgelder. Einst EU-Abgeordneter der Konservativen, gehört Fitto nun Melonis Fratelli d’Italia an. Ein Skandal, sollte mensch meinen.
Interessieren tut es fast niemanden. Auch in Österreich hat man sich wieder der üblichen innenpolitischen Nabelschau zugewandt und schaut bis zur nächsten EU-Wahl nicht über den österreichischen Tellerrand. EU was?

Inge Chen hat period.Brussels mitbegründet und arbeitet als Pressesprecherin für den grünen EU Abgeordneten Thomas Waitz.

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Die Gebärmaschinerie https://ansch.4lima.de/die-gebaermaschinerie/ https://ansch.4lima.de/die-gebaermaschinerie/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:43:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=121565 Dammrisse, Inkontinenz von Stuhl und Harn, Einrisse in der Beckenbodenmuskulatur: Viele Frauen werden nach der Geburt schlecht nachversorgt. Darüber gesprochen wird selten, die Patientinnen damit oft alleingelassen. Von Julia Pühringer Regina K. (Name von der Redaktion geändert) ist Physiotherapeutin. Sie betreut Frauen nach einer Geburt: Sie kommt dort zum Einsatz, wo das System versagt hat. […]]]>

Dammrisse, Inkontinenz von Stuhl und Harn, Einrisse in der Beckenbodenmuskulatur: Viele Frauen werden nach der Geburt schlecht nachversorgt. Darüber gesprochen wird selten, die Patientinnen damit oft alleingelassen. Von Julia Pühringer

Regina K. (Name von der Redaktion geändert) ist Physiotherapeutin. Sie betreut Frauen nach einer Geburt: Sie kommt dort zum Einsatz, wo das System versagt hat. Ihre Klientinnen kommen mit Diagnosen in die Praxis, über deren Bedeutung sie nie aufgeklärt wurden, oft haben sie bei der Geburt Schlimmes erlebt. Vielen fehlen die Worte, um zu beschreiben, was während der Geburt passiert ist und wie es ihnen geht. Häufig zieht Regina eine Psychotherapeutin hinzu. Sie erklärt alles, was sie tut, Schritt für Schritt, bittet für jede einzelne Berührung um Erlaubnis.
Es greift ein System des Beschönigens und Verschweigens. Gesellschaftlich aufrechterhaltene Trugbilder von perfekten vaginalen Geburten, wunderbaren Stillbeziehungen und binnen Tagen wundersam verheilenden Frauen­körpern sorgen dafür, dass sich viele Mütter als Versagerinnen wahrnehmen: Nur bei ihnen scheint nicht zu funktionieren, was die Natur doch so schön und glücklich machend eingerichtet hat. „Es kann sich physiologisch nicht ausgehen, was von Müttern erwartet und auf Instagram propagiert wird: eine ausgeschlafene, fröhliche Frau mit flachem Bauch, an deren Körper und Seele sowohl Schwangerschaft als auch Geburt und die darauffolgende komplette Lebensumstellung völlig spurlos vorübergegangen sind“, sagt Regina.

IN FLIPFLOPS AUF DEN GROSSGLOCKNER. Viele Frauen wissen nicht, was bei einer vaginalen Geburt auf sie zukommen kann. Auch im Geburtsvorbereitungskurs werden mögliche Komplikationen selten thematisiert. „Vor jeder Operation werden Patient:innen aufgeklärt. Niemand würde einer Operation zustimmen, ohne die Risiken zu kennen oder abgewogen zu haben. Vor jeder Bergtour informiert man sich über die Route, mögliche Schwierigkeiten und entscheidet danach. So sollte es bei Geburten auch sein. Man muss sein persönliches Risiko kennen, um darauf reagieren und die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Es wäre die Aufgabe von Ärzt:innen und Hebammen, sachlich, unaufgeregt und ehrlich mit den Schwangeren zu kommunizieren“, so beschreibt eine Patientin von Regina, was sie gebraucht hätte. „So wie es jetzt läuft, ist es so, als würde man in Flipflops auf den Großglockner gehen“, bleibt Regina bei der Metapher.

„FREU DICH DOCH!“ „Es gibt ein Tabu, darüber zu reden, dass etwas scheiße läuft, dass der Körper nicht funktioniert und dass es Frauen deshalb auch einfach sehr schlecht geht“, sagt Regina. Bei ihr sitzen die Patientinnen dann mit Tränen in den Augen in der Praxis. „Dammriss 3“ steht auf ihrem Befund. Ab dem dritten Grad ist beim Dammriss, einer Verletzung des Bereichs zwischen Scheidenrückseite und Darmausgang, der anale Schließmuskel teilweise oder ganz gerissen. Es braucht Mut, davon zu erzählen. Vom herabwürdigenden Erlebnis, in der Öffentlichkeit plötzlich Stuhl an ihren Beinen entlangrinnen zu spüren und ihn auch zu riechen. Von der Hilflosigkeit. Dabei hätte die dazu führende Verletzung manchmal verhindert werden können. Bei Faktoren wie einem Kindsgewicht über vier Kilogramm steigt das Risiko für Dammverletzungen. „Das Gewicht meiner Tochter wurde falsch eingeschätzt. Bei dem Gewicht hätte man mich über das Risiko einer natürlichen Geburt aufklären und zumindest einen Kaiserschnitt ‚anbieten‘ müssen“, erzählt eine von Reginas Patientinnen. Der Ablauf der Geburt hat sie verstört und traumatisiert zurückgelassen. Sie spricht von einer „Schockstarre“, dem „Gefühl des Ausgeliefertseins“. Auch das Umfeld reagiert oft mit Unverständnis. „Freu dich doch!“, heißt es dann.
Diese Vereinzelung kennt Regina aus ihrer Praxis gut. Die Tabuisierung des Themas verhindert zusätzlich, dass sich Frauen austauschen oder auch Rechenschaft vom Krankenhaus fordern. Dafür, sich zur Wehr zu setzen, lässt ihnen ihre aktuelle Lebenssituation meist nicht die Kraft. Selbst wenn Patientinnen, um sich Klarheit zu verschaffen, den Geburtsbericht anfordern, steht oft nicht darin, was sie erlebt haben. Da fehlt dann beispielsweise die Anwendung des Kristeller-Griffs, bei dem Druck auf den Bauch ausgeübt wird, um das Kind herauszudrücken. Er wird inzwischen nicht mehr empfohlen, aber immer noch angewendet. Ein mündlich bestätigter Dammriss vierten Grades ist im Protokoll plötzlich nur mehr „3b“. Wenn Fehler passieren, werden sie oft nicht protokolliert. „Es existiert nicht, dass man einen Fehler macht“, erzählte ihr eine Gynäkologin aus dem Krankenhaus. „Und wenn, dann dürfen wir es unter gar keinen Umständen zugeben.“ Eine Patientin bekommt vom zugezogenen Gutachter, der gar nicht vom Fach ist, zu hören: „Glauben Sie wirklich, dass ein Kollege von mir einen Fehler gemacht hat?“

AUF BIEGEN UND BRECHEN. Was muss sich ändern? „Im Grunde beginnt das im Kindergarten. Schon Mädchen müssen Begriffe für ihre Sexualorgane haben. Das ist eine wichtige Prophylaxe generell. Frauen müssen ihren Körper richtig wahrnehmen können“, sagt Regina. „Wir müssen über den Vorgang der Geburt ehrlich reden, damit Frauen informiert Entscheidungen treffen können.“ Sie rät werdenden Eltern, sich selbst schlau zu machen, mit einer umfassenden Aufklärung dürfe man nicht rechnen.
Ein weiteres Problem: „Wir pressen diesen biologisch komplexen Vorgang, der auf verschiedene Weisen ablaufen kann und seine eigene Zeit braucht, in eine rigorose Struktur, der er sich auf Biegen und Brechen anzupassen hat.“ „Ich hatte das Gefühl, eine Nummer zu sein, die nach Zeitplan ein Kind gebären soll“, erzählt eine Patientin. „Mir hat der Arzt, der sich nicht einmal vorgestellt hat, zuerst in die Vagina gegriffen, bevor er mir überhaupt ins Gesicht geschaut hat“, erzählte eine andere. Krankenhäuser haben zudem einen streng hierarchischen Aufbau, an dem die, die oben sind, gerne festhalten, auch aus finanziellen Gründen. Wünschenswert wären interdisziplinäre Führungsteams. „Im Mittelpunkt muss die Frau stehen, schon in der Schwangerschaft, und so betreut werden, wie sie es braucht, da gehören die Hebammen dazu, die Ärzt:innen, die Physiotherapeut:innen, auch die Psycholog:innen und die Pflege natürlich“, fasst es Regina zusammen.
Stattdessen werden Personen, die Missstände aufzeigen und ansprechen, bedroht. Ohne Fehlerkultur und genaue Dokumentation ist keine Veränderung in der Praxis möglich. Auch eine gewisse Abstumpfung den Gebärenden und ihrer Schmerzen gegenüber macht sich bemerkbar – anders kann dieses System gar nicht aufrechterhalten werden.

„WIE BEIM FLEISCHHAUER.“ Zum Tragen kommt auch die ständige Abwertung des weiblichen Körpers. Es ist nicht selbstverständlich, dass auf die korrekte anatomische Rekonstruktion des Körpers von Müttern überhaupt Wert gelegt wird – als hätte es keine Bedeutung, dass Frauen mit ihrem Körper, ihren Vulven, weiterhin Freude und Wohlbefinden empfinden wollen. Regina hat auch schon schief zusammengenähte Vulvalippen in ihrer Praxis erlebt. Andere Patientinnen haben starke Schmerzen, weil Muskeln oder Schleimhaut nicht gut vernäht wurden. Einmal hat sie sich bei einer vaginalen Untersuchung gestochen, weil sich noch ein Nadelfragment im Körper der Patientin befand. Oder es wurde so viel Nahtmaterial verwendet, dass die Gleitfähigkeit des Gewebes nicht mehr gegeben war. „Es ist wie beim Fleischhauer“, sagt sie, wenn sie sich erinnert. „Dass dieser wichtige und große Moment in so einer Weise abläuft, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.“

Lektüreempfehlung:
Martina Lenzen-Schulte:
„Untenrum Offen: Der Beckenboden nach der Geburt. Verharmlost – ignoriert – tabuisiert“

Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich: kontinenzgesellschaft.at

Berichte über den früheren Umgang mit Frauen in Krankenhäusern, gesammelt von Wiener Feministinnen der 70er-Jahre,
finden sich im Sammelband

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Die Schwesternlücke https://ansch.4lima.de/die-schwesternluecke/ https://ansch.4lima.de/die-schwesternluecke/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:34:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=121561 Warum wurde zur Beziehung zwischen Schwestern bisher so wenig geforscht? Und was braucht es, damit feministische Schwesterlichkeit gelingt? Darüber hat Lea Susemichel mit der Psychoanalytikerin Anita Dietrich Neunkirchner gesprochen. an.schläge: Sie sprechen von einer „Schwestern­lücke“ in der Forschung – sowohl in der Sozial­wissenschaft als auch in der Psychoanalyse. Wie erklären Sie diese? Anita Dietrich-Neunkirchner: Sowohl […]]]>

Warum wurde zur Beziehung zwischen Schwestern bisher so wenig geforscht? Und was braucht es, damit feministische Schwesterlichkeit gelingt? Darüber hat Lea Susemichel mit der Psychoanalytikerin Anita Dietrich Neunkirchner gesprochen.

an.schläge: Sie sprechen von einer „Schwestern­lücke“ in der Forschung – sowohl in der Sozial­wissenschaft als auch in der Psychoanalyse. Wie erklären Sie diese?

Anita Dietrich-Neunkirchner: Sowohl die Psychoanalyse als auch der Feminismus, zwei Denktraditionen, die mich stark geprägt haben, entstanden um 1900. Freud behandelte damals bürgerliche Frauen, die aufgrund der repressiven Sexualmoral und der patriarchalen Unterdrückung körperliche Symptome entwickelten. In seiner Forschung über die Psyche dieser Frauen profitierte Freud also letztlich vom Patriarchat. Als ich mich kritisch an seinen Weiblichkeitstheorien abgearbeitet habe, stieß ich auf das, was ich die „Schwesternlücke“ nenne. Die psychoanalytische Gemeinschaft folgt Freud bis heute in vielem blind und hat sich deswegen auch nicht viel mit dem Thema Schwesterlichkeit beschäftigt.

Obwohl Freud selbst ja viele Schwestern hatte.
Ja, genau das fand ich so faszinierend. Freud hatte fünf Schwestern und lebte 28 Jahre seines Lebens mit mindestens einer Schwester im Haushalt, Schwestern sind aber in seiner Theorie kaum vorgekommen. Auf den 6.000 Seiten seiner gesammelten Werke gibt es etwa 300 Verweise auf den Vater, 250 auf die Mutter und fünfzig auf Brüder oder Geschwister – aber nur 13 auf Schwestern. Und nur eine einzige Erwähnung bezieht sich auf die Beziehung zwischen den Schwestern selbst, ansonsten geht es immer um deren Bezug zu Eltern oder Brüdern. Die klassische Psychoanalyse konzentrierte sich hauptsächlich auf vertikale Beziehungen, also die zwischen Eltern und Kind. Diese Perspektive passt in ein patriarchales System und blendet die horizontale Ebene – die Beziehung zwischen Geschwistern – aus. Mädchen waren in diesem System besonders wenig wert, noch weniger als die reproduktive Frau.

Geschwisterbeziehungen zählen zu den längsten Bindungen, die Menschen in ihrem Leben haben. Sie erwähnen, dass die Geschwisterforschung dennoch ein junges Feld ist. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse dieser Disziplin?
Nicht die Geschwisterbeziehungen sind die längsten Beziehungen des Lebens, sondern die Schwesternbeziehungen! Schließlich leben Frauen statistisch gesehen länger. Die Geschwisterforschung begann mit Alfred Adler, dessen tiefenpsychologische Ansätze diese Beziehungen ernster nahmen als die Psychoanalyse. Bei Adler stehen oft Minderwertigkeitsgefühle im Zentrum – der Zweitgeborene möchte den Erstgeborenen übertreffen, von „seinem Thron stoßen“ etc. Sozialwissenschaftliche Studien haben die Geburtsreihenfolge stark betont, was mittlerweile jedoch kritisiert wird. Der Geburtsrang – also ob jemand das erste, zweite oder dritte Kind ist – ist nur einer von vielen Faktoren. Viel entscheidender ist, dass jedes Kind quasi in eine andere Familie hineingeboren wird, da die Umstände sich über die Zeit verändern. Die Eltern werden älter, entwickeln sich weiter und die familiären Rahmenbedingungen auch. Großeltern sterben, es gibt mehr Geschwister. Zudem prägen das Geschlecht und die damit verbundenen, unbewussten Erwartungen durch die Eltern die Geschwisterdynamik. Die Rolle, die ein Kind in der Familie einnimmt, hängt somit von vielen Faktoren ab und ist komplex.

Was lässt sich aus psychoanalytischer Sicht über Geschwisterbeziehungen sagen? Wie prägend sind sie?
Sehr prägend. Eine große Rolle spielt aber auch dabei das elterliche Unbewusste, in dem alle Erfahrungen gespeichert sind. Eltern hatten selbst Geschwister – oder auch nicht, vielleicht haben sie welche vermisst. Und das Unbewusste ist immer auch ein kultureller Speicher, selbst das Frauenbild des Großvaters spielt noch mit hinein. Dieses ganze unbewusste Konglomerat wird durch die sinnlich-körperliche Interaktion mit dem Baby übertragen. Wie unterscheidet sich die Körperpflege? Welche Begriffe werden für die Vulva oder die Klitoris verwendet, im Unterschied zu den vielen Namen für den Penis? Da gibt es große Unterschiede. Dadurch gebe ich meinen Kindern unausgesprochen Vorstellungen zu Weiblichkeit und damit auch zu Schwesterlichkeit weiter.

Juliet Mitchells Theorie in ihrem Buch „Siblings“ gefällt mir sehr gut. Wie gehen die Eltern mit den Aggressionen ihrer Kinder um? Dürfen diese Aggressionen sein?
Nur wenn das Geschwisterkind erlebt, dass es hassen darf, kann es das Geschwisterchen auch lieben. Wenn Aggression immer unterdrückt wird, führt das zu innerem Leiden, was besonders auf Frauen zutrifft, die ihre Aggressionen oft unterdrücken müssen.

Sind Schwesternbeziehungen häufig von Neid und Rivalität geprägt?
Rivalität ist etwas ganz Normales – jede:r will einzigartig und besser sein. Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern gibt es jedoch weniger Differenzen, was zu ständigen Vergleichen führt und Rivalität anfacht. Wichtig ist, dass Eltern die Unterschiede zwischen den Kindern fördern. Der Versuch, alle gleich zu behandeln, kann das Gegenteil bewirken. Eltern sollten z. B. darauf achten, nicht jedem Kind dasselbe zu schenken, sondern stattdessen auf individuelle Bedürfnisse einzugehen.

Studien zeigen, dass Menschen mit Schwestern glücklicher sind. Woran liegt das?
Daran, dass Schwestern als Frauen oft darauf sozialisiert sind, Gefühle zuzulassen, zu kommunizieren, auf andere einzugehen und sich zu kümmern. Die Schwester gleicht Defizite in der Familie aus, sie ist oft der Kitt in Familien­strukturen, pflegt die Eltern, hält den Kontakt und die Beziehungen am Laufen.

Gerade der großen Schwester wird oft auch viel Sorgearbeit aufgehalst, bei entsprechendem Altersabstand nimmt sie sogar manchmal die Rolle einer zweiten Mutter ein. Wie unterscheidet sich die Beziehung zwischen Schwestern von der zwischen Bruder und Schwester?
Jeder Bruder kann froh sein, wenn er eine Schwester hat, die das macht und auch später seine Defizite ausgleicht. Schwestern selbst profitieren vor allem im Alter voneinander, da sie auf gemeinsame Erlebnisse zurückblicken und sich in Notsituationen gegenseitig unterstützen können. Sie teilen in der Regel dieselbe Sozialisation, können darauf aufbauen und die Beziehung wieder aufnehmen, selbst wenn sich ihre Lebenswege zwischendurch getrennt hatten. Studien zeigen, dass Frauen, die ihre Schwester in der Nähe haben, fitter und gesünder sind.

Das feministische Konzept der Sisterhood war immer überfrachtet mit Wunschfantasien an eine harmonische, solidarische Schwesternbeziehung. In Wahrheit wurden damit auch viele Konfliktlinien zugedeckt, wie etwa die Kritik von Schwarzen Feministinnen deutlich gemacht hat. Wird Schwesternschaft idealisiert, gerade unter Feministinnen?
Wenn ich mit feministischer Solidarität nur ein gemeinsames Ziel verfolge und die einzige Ausrichtung ein gemeinsamer „Außenfeind“ ist, dann wird diese Solidarität nicht von Dauer sein. Es braucht etwas, das ich als „Affection“ bezeichnen würde – eine zärtliche Bindung zwischen Frauen, eine Form von schwesterlicher Zärtlichkeit, aus der alle Beteiligten auch Genuss ziehen. So wird verhindert, dass Konflikte überhandnehmen. Psychoanalytisch gesehen schwingt dabei immer auch eine homosexuelle, homoerotische Ebene mit, die sublimiert wird. Diese Ebene ist auch in Männerbünden und Männerfreundschaften vorhanden, wird dort jedoch noch stärker tabuisiert. Das entspricht Freuds These, dass wir alle bisexuell sind und dabei jeweils das eine oder andere mehr oder weniger stark sublimieren.

Aber was ist mit der Idealisierung?
Ja, die gibt es, und sie ist problematisch. Aggression gehört dazu, es braucht auch die Auseinandersetzung. Nach Freud gibt es zwei grundlegende Triebe: Sexualität und Aggression. Der eine führt zur libidinösen Bindung, der andere zu Differenz. Beides brauchen wir, sowohl in Liebesbeziehungen als auch im Konzept der Schwesterlichkeit.

Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches über die biografischen Gründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Woher kam Ihre Sehnsucht nach einer Schwester und wie haben Sie sie sich erfüllt später im Leben?
Ich bin mit einem älteren Bruder aufgewachsen und habe mir immer eine Schwester gewünscht, mit der ich mich austauschen kann, von „gleich zu gleich“. Ich hatte also ein romantisches Schwesternbild. Es gab aber zumindest zwei soziale Schwestern, die von meiner Mutter und Großmutter als Tagesmütter mit aufgezogen wurden. Dadurch kannte ich eine Nähe, die ich auch später mit Frauen gesucht habe. Ich war viel in feministischen Frauengruppen aktiv und habe mit anderen Frauen den Verein „selbstlaut“ gegen Kindesmissbrauch gegründet. Dabei haben wir auch gemerkt, wie wichtig es ist, Konflikte auszutragen. Auch bei Frauenpaaren, zu denen ich geforscht habe, hat sich gezeigt: Konflikte müssen angesprochen werden, sonst bleibt auch eine Arbeitsbeziehung nicht stabil. Es reicht nicht aus, nur ein gemeinsames Thema zu haben.

In Ihrer Studie „Symbolische Schwesternschaft“ haben Sie beforscht, wie Schwesternschaft Frauen im späteren Berufsleben durch Übertragungsbeziehungen beeinflusst.
Ja, aufgrund meiner eigenen Beziehungen habe ich mich sehr für Arbeitsbeziehungen zwischen Frauen interessiert und wollte dem Klischee entgegentreten, dass Frauen immer konkurrieren und rivalisieren. Ich habe mehrstündige Tiefeninterviews mit Frauen geführt, die seit mehr als zehn Jahren erfolgreich ein Unternehmen auf gleicher Hierarchieebene gemeinsam leiten – also auf eine „schwesterliche“ Weise. Die Forschungsfrage war, was diese Partnerschaften erfolgreich macht und welche unbewussten Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Was waren dabei die wichtigsten Erkenntnisse?
Ein Schlüssel zum Erfolg ist bei allen die Wertschätzung der Unterschiede. In den getrennt voneinander geführten Interviews kam heraus, dass jede Frau bei der anderen Eigenschaften schätzt, die sie selbst nicht hat. Fürsorge und Empathie spielen zudem eine zentrale Rolle. Es handelte sich bei all diesen Beziehungen um eine Mischung aus „schwesterlichen“ und „mütterlichen“ Übertragungsphänomenen. Allen Interviewpartnerinnen gemeinsam war auch, dass sie eher problematische Beziehungen zu ihrer Mutter hatten. Es war in ihrer Kindheit eine Sehnsucht nach Fürsorge und einer empathischen Beziehung unerfüllt geblieben. Die „Berufsschwester“ hat also immer auch eine mütterliche Funktion übernommen.
Es zeigte sich auch, dass bei diesen „Schwesternpaaren“ meist eine der Frauen ein romantisches Schwesternbild hatte, wie ich selbst. Das waren oft diejenigen, die keine Schwester hatten. Die andere hingegen hatte oft ein konflikthaftes Schwesternbild, weil sie sich durch ihre Geschwister nicht gesehen und nicht wichtig genommen gefühlt hatten. Die Arbeitsbeziehung bot also immer auch eine Möglichkeit zur Korrektur früherer, schwieriger Geschwistererfahrungen.
Und diese Beziehungen gingen über die reine Berufspartnerschaft hinaus, es entwickelte sich eine fast familiäre, schwesterliche Verbundenheit. Eine der Frauen hat im Interview zu mir gesagt: „Ich wüsste nicht, was passieren könnte, dass ich den Kontakt zu ihr abbreche. Selbst wenn sie die FPÖ wählen würde – dann würde ich denken, dass sie umnachtet ist oder eine psychische Erkrankung hat. Aber ich würde trotzdem nicht die Beziehung beenden!“

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Magische Schwestern https://ansch.4lima.de/magische-schwestern/ https://ansch.4lima.de/magische-schwestern/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:09:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=121558 Die Liebe zwischen Schwestern ist oft groß. Die Popkultur hingegen dämonisiert Schwesternpaare gerne – oder inszeniert sie als Objekte der Schaulust. Von Sonja Eismann Willst du einen Schneemann bauen? Los, komm und spiel mit mir!« Die fünfjährige Anna klopft aufgekratzt an die Zimmertür ihrer drei Jahre älteren Schwester Elsa. Sie möchte mit ihr Zeit verbringen, […]]]>

Die Liebe zwischen Schwestern ist oft groß. Die Popkultur hingegen dämonisiert Schwesternpaare gerne – oder inszeniert sie als Objekte der Schaulust. Von Sonja Eismann

Willst du einen Schneemann bauen? Los, komm und spiel mit mir!« Die fünfjährige Anna klopft aufgekratzt an die Zimmertür ihrer drei Jahre älteren Schwester Elsa. Sie möchte mit ihr Zeit verbringen, wie früher, als sie noch wie „Pech und Schwefel“ waren. Doch Anna kommt nicht. Weil sie mit ihren unbeherrschbaren Kräften die kleine Schwester verletzen, ja, sogar töten könnte.
„Hallo Danny. Komm und spiel mit uns. Für immer. Und immer. Und immer.“ Die Zwillinge Alexa und Alexie Grady, Hand in Hand und in adretten Kleidchen, erscheinen am Ende eines schummrigen Hotelflurs. Sie flüstern wie unheilvolle Sirenen auf den kleinen Danny ein, der sie entsetzt von seinem Dreirad aus beobachtet. Im nächsten Moment liegen sie erschlagen in einer Blutlache vor ihm.
Diese beiden ikonischen Popkulturmomente umreißen die Extreme des Spektrums, innerhalb dessen Schwesternschaft gedacht wird: Als beschützende, gigantische Liebe, die mit keiner anderen Beziehung im Leben vergleichbar ist. Und als unheimliche, undurchdringliche Geheimverbindung, die Tod und Verderben bringt. Doch egal, ob es sich um die Feier der Schwesternliebe in den Disney-Animationsfilmen „Frozen“ oder um die vom eigenen Vater ermordeten Grady-Twins aus Stanley Kubricks Horrorklassiker „The Shining“ handelt, die Verwandtschaft zwischen weiblichen Geschwistern scheint vor allem eins zu sein: magisch.

DOMINANZ DER BRÜDER. Dabei hat Schwesternschaft historisch – im Patriarchat kaum überraschend – sowohl kulturell wie rechtlich immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Wir kennen viele Gebrüder wie die Grimms oder die Humboldts, doch berühmte Schwestern wie die Schriftstellerinnen Charlotte, Emily und Anne Brontë oder die feministische Autorin Virginia Woolf und die Malerin Vanessa Bell (von denen viele Menschen wahrscheinlich nicht einmal wissen, dass sie Geschwister waren), sind im kollektiven Gedächtnis kaum verankert. Denn das Konzept der Brüderlichkeit, das sich bereits in der Stoa der griechischen Antike findet und auch in der Bibel immer wieder eingefordert wird, soll(te) mal wieder, wie das generische Maskulinum in der Sprache, alle „mitmeinen“. So ist es z. B. in Deutschland, im Gegensatz zu Österreich, wo lautstark um die Inklusion der „Töchter“ in die National­hymne gestritten wurde, nie zu einem Eklat um die Zeilen „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland / Danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand!“ gekommen. Schon klar, Väter bekommen Söhne, die werden Brüder und machen unter sich die Nation aus. Dass eine der einflussreichsten extrem rechten Politikerinnen der EU einer Partei mit dem Namen „Fratelli d’Italia“, also Brüder Italiens, vorsteht, erscheint da so absurd wie folgerichtig.

„HAPPINESS IS A FEMININE PARTNER“. Dank feministischer Perspektiven wissen wir heute zum Glück: Dass etwas nicht repräsentiert wurde, heißt nicht, dass es nicht existiert hat. Und so war höchstwahrscheinlich schon in vergangenen Jahrhunderten wahr, was eine Studie an der Pennsylvania State University unter der Leitung von Susan McHale dieses Jahr herausgefunden hat: nicht nur, dass die Bindungen zwischen Geschwistern zu den prägendsten in menschlichen Biografien zählen, sondern dass die zwischen Schwestern besonders positiv sind: „Happiness is a feminine partner“. Dass die „Frozen“-Filme zum ersten Mal die zentrale Bindungs- und damit auch Liebesgeschichte zwischen zwei mutigen Schwestern – und nicht etwa zwischen strahlendem Prinz und zu rettendem Aschenputtel – stattfinden ließen, hat sicherlich zu ihrem phänomenalen Erfolg beigetragen. Ein Großteil der Mädchen der Gen Z und Alpha ist von der schwesterlichen Lovestory zwischen Anna und Elsa geprägt und hat damit eine völlig andere Blaupause zur Verfügung als frühere Generationen, die die Hardcore-Misogynie der Grimm-Märchen mit ihren mörderischen, missgünstigen Stiefmüttern und -schwestern (Stichwort Aschenputtel) im angezuckerten Disneyformat ertragen mussten.
Denn während Schwesternschaft früher häufig als oberflächliches Getratsche oder als Rivalität um Attraktivität und (männliche) Aufmerksamkeit dargestellt wurde – wie etwa in dem Hollywood-Film „What Ever Happened to Baby Jane?“, in dem Bette Davis als vergessener, gealterter Kinderstar Jane und Joan Craw­ford als ihre immer noch erfolgreiche Schwester Blanche sich gegenseitig umbringen wollen – multiplizieren erfolgreiche Schwestern-­Stars ihre Strahlkraft heute gegenseitig. Die Kardash­ians und die Jenners, die Hadids, Beyoncé und Solange Knowles, Serena und Venus Williams sind Power-Packages, die trotz mitunter öffentlich ausgetragener Streits demonstrieren, dass Blut eben doch dicker ist als Wasser – und gemeinsam alle noch heller glänzen.

STARSCHWESTERN. Trotzdem ist die Sichtweise auf berühmte Schwestern heute immer noch eine andere als die auf Brüder. Denn auch wenn ihre Beziehungen untereinander nicht mehr durch einen sexistischen Male Gaze verzerrt sind, der ihnen wie bei „Baby Jane“ unterstellt, sie seien vor Neid aufeinander zerfressen, sorgt dennoch eine andere Form des Male Gaze für die höhere Aufmerksamkeit im Gegensatz zu Brüder-Stars. Denn weibliche Celebritys sind nach wie vor stärker Objekte der Schaulust und heizen durch glamouröses Aussehen Sehnsüchte an. Dabei bricht sich hier eine Besonderheit Bahn, die für den Kapitalismus ganz besonders im Zeitalter des Massenkonsums und der bildbasierten Medien charakteristisch ist: Das Prinzip der Serialität führt dazu, dass die Ähnlichkeit der Starschwestern, die, zynisch gesprochen, in gewisser Weise dasselbe Produkt in mehrfacher, variierender Ausführung bieten, zu einem gesteigerten Marktwert führt: more of the same. Das zeigt sich schon früh bei der angeblich ersten deutschen Girlgroup, den Jacob Sisters, die 1958 von Sachsen in die BRD übersiedelten und ab Ende der 1950er-Jahre erste Erfolge als Schlager-Quartett feierten. In Aufnahmen alter Fernsehauftritte sieht man sie in exakt gleichen Outfits mit identischen blond gefärbten, toupierten Frisuren ihre humorvollen Lieder präsentieren und versteht die Faszination, die dadurch auf die Zusehenden übertragen werden soll: viermal die Gleiche, aber nicht Dasselbe.

„WE ARE FAMILY“. Die Geschichte der Popkultur ist voll von Schwesternbands wie den Pointer Sisters, den Shangri-Las, den Bobbettes, den Shaggs oder, in jüngerer Zeit, First Aid Kit oder Blond. Eine von ihnen, Sister Sledge, schuf 1979 mit dem Stück „We are Family“, in dem solidarische Schwesternschaft auf einer familiären wie auch symbolischen Ebene besungen wurde, gleich noch eine Hymne der Frauenbewegung.
Eine besondere Bedeutung kommt hier Bands von Zwillingsschwestern wie Ibeyi, Tegan & Sara oder Doctorella zu, weil vor allem weibliche Zwillinge medial eine noch größere Sogkraft haben. Ähnlichkeit bzw. Vergleich- und Verwechselbarkeit scheinen hier auf die Spitze getrieben. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, warum Stars wie die Olsen-Twins, die Content-Creators Lena und Lisa oder auch die Kessler-Zwillinge eine solche Anziehung ausüben. Denn in der Logik kapitalistischer Schaulust ist eine normschöne Person wertvoll, zwei Versionen potenzieren diesen Wert jedoch.

SCHWESTERNLIEBE. Instinktiv würde man vermuten, dass diese Schaulust besonders auch im Bereich der Pornografie zum Tragen kommt. Interessanterweise scheint hier das Genre des „Twincest“ – abgeleitet vom in den letzten Jahren stark nachgefragten „Incest“-Thema, bei dem auf der Suche nach immer neuen Tabubrüchen Suchbegriffe wie „Mother“ oder „Stepdaughter“ benutzt werden – fest in männlicher Hand zu sein. Vor einigen Jahren verursachten die tschechischen Zwillingsbrüder Elijah und Milo Peters in der schwulen Pornoszene Aufruhr, als sie nicht nur für die Kamera Oral- und Analsex aneinander performten, sondern auch angaben, privat als Liebespaar zu leben. Ähnlich prominente Fälle von weiblichen Zwillingen sind bis jetzt nicht bekannt – vielleicht, weil der Schock einer penilen Penetration mehr Aufmerksamkeit verspricht.
Der grausamen Realität von häufig als „Inzest“ bezeichneter sexueller Gewalt gegen Kinder in der Familie stellt sich die französische Autorin Neige Sinno in ihrem fulminanten, autobiografischen Roman „Trauriger Tiger“ entgegen: Um ihre kleine Schwester davor zu bewahren, wie sie selbst von ihrem Stiefvater vergewaltigt zu werden, entscheidet sie sich dafür, den Täter anzuzeigen und einen öffentlichen Prozess gegen ihn zu führen. Und beweist damit, wie groß und heroisch die in der Vergangenheit oft beschwiegene oder als trivial belächelte Schwesternliebe sein kann.

Sonja Eismann ist Missy Herausgeberin und lebt mit ihrem Partner und den zwei gemeinsamen Töchtern in Berlin und ist sehr froh, die enge schwesterliche Bindung auch in der Praxis erleben zu dürfen.

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Es gibt kein ruhiges Hinterland https://ansch.4lima.de/es-gibt-kein-ruhiges-hinterland/ https://ansch.4lima.de/es-gibt-kein-ruhiges-hinterland/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:00:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=121556 Nicht nur die Wahlergebnisse in Ostdeutschland machen Angst. Rechtsextreme haben in Ostdeutschland starke Strukturen aufgebaut und bringen den antifaschistischen Widerstand in immer größere Bedrängnis. Sophia Krauss Rechts sein ist heute wieder cool«, sagt Eva. „Viele Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern, vielleicht erst 14 Jahre alt, kleiden sich, als wären sie aus der Zeit gefallen: Springerstiefel und Mittelscheitel. […]]]>

Nicht nur die Wahlergebnisse in Ostdeutschland machen Angst. Rechtsextreme haben in Ostdeutschland starke Strukturen aufgebaut und bringen den antifaschistischen Widerstand in immer größere Bedrängnis. Sophia Krauss

Rechts sein ist heute wieder cool«, sagt Eva. „Viele Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern, vielleicht erst 14 Jahre alt, kleiden sich, als wären sie aus der Zeit gefallen: Springerstiefel und Mittelscheitel. Es ist die Gegenposition.“
Der Vergleich mit den „Baseballschlägerjahren“, der Zeit rassistischer Gewalteskalation in den Nachwendejahren, liegt für die 26-jährige Aktivistin nahe: „Viele ältere Genoss*innen fühlen sich an diese Zeit erinnert. Das liegt vor allem an der immer stärkeren Sichtbarkeit rechter Jugendlicher.“ Eine Beobachtung, die mit den diesjährigen Umfragen zu den Landtagswahlen übereinstimmt: Demnach sind 97 Prozent der Thüringer-AfD-Wählenden der Meinung, die AfD spreche aus, „was in den anderen Parteien nicht gesagt werden darf“.
Die Landtagswahlen in Ostdeutschland sollten zu einem Triumph für die AfD werden: In Thüringen, Sachsen und Brandenburg wurde die AfD stärkste oder zweitstärkste Kraft und gewann überall mindestens knapp dreißig Prozent der Wähler*innenstimmen. Ein großer Teil der deutschen Gesellschaft will also von einer Partei vertreten werden, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Beobachtungsfall eingestuft wird. 2019 urteilte ein Gericht, dass Björn Höcke, Thüringer AfD-Vorstand, öffentlich als „Faschist“ bezeichnet werden darf. Nichtsdestotrotz gaben 74 Prozent der AfD-Wählenden 2024 in Thüringen an, zufrieden mit seiner politischen Arbeit zu sein.

„DER OSTEN“. Was folgte, war ein begründeter Aufschrei – und die Wiederbelebung einer alten Debatte über den „Problemfall“ Osten. Schon kurz nach dem Mauerfall während der sogenannten „Baseballschlägerjahre“ war er zum Inbegriff rechter Gewalt geworden und ist es bis heute geblieben. Damals, im jüngst wiedervereinigten Deutschland, das schon damals geprägt war von rechtspopulistischen Migrationsdebatten, entstanden in den neuen Bundesländern gewaltbereite Neonazi-Strukturen. Migrant:innen wurden Opfer von Pogromen und tödlichen Hetzjagden, wie in ­Eberswalde, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen. Die jüngsten Wahlergebnisse werden nun als Teil spezifisch ostdeutscher Kontinuitäten verstanden – als würden Rassismus und Antisemitismus verschwinden, sobald man die Grenze von Thüringen nach Hessen überquert. Dabei wählten auch in Hessen 2024 eine halbe Million Menschen die AfD. Zwar ist Ostdeutschland tatsächlich eine Hochburg der „Neuen Rechten“ mit einer DDR-Geschichte der Verdrängung der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit, Rassismus und Ressentiments blieben aber nach 1945 in ganz Deutschland bestehen, bis hinein in die gesellschaftliche Mitte.
Was in der Berichterstattung über die politischen Verhältnisse im Osten außerdem oft untergeht, ist der anhaltende antifaschistische Widerstand. Dabei kämpfen viele Menschen tagtäglich gegen das Erstarken rechter Politik an und sind dabei wachsenden Repressionen, Kriminalisierung und körperlicher Gewalt ausgesetzt.

MESSER UND PFEFFERSPRAY. Eva berichtet im an.schläge-Interview von einem Brandanschlag auf das „B Sieben“, einer queeren Bar in ihrer Heimatstadt Rostock Anfang November. Es ist der jüngste offene Angriff auf queeres Leben in Ostdeutschland. Bereits während der diesjährigen Pride-Paraden im Sommer kam es immer wieder zu Anfeindungen, Störaktionen und Gegendemonstrationen durch die rechte Szene. Eva erzählt: „Jüngere Queers aus den Rostocker Randbezirken kommen mit Pfeffersprays und Butterfly-Messern zur Pride, weil ihnen das Gewaltpotential klar ist.“ Claudi arbeitet ehrenamtlich für das Polylux-Netzwerk, das die kritische Zivilgesellschaft im Osten stärken will. Sie berichtet Ähnliches: „Die Bedrohungssituation im queeren Kontext von CSDs und Pride-Veranstaltungen verschärft sich, gerade abseits der Großstädte. Die Verflechtungen von Neonazis, rechtsextremen Parteien und anderen Gruppen, z. B. aus der Corona-Leugner-Szene, haben sich im Verlauf der Pandemie ausgebreitet und radikalisiert.“
Und auch gegen Politiker*innen und Mitarbeiter*innen von Parteien gibt es Hass und ­Hetze. „Wahlkämpfer*innen vieler Parteien wurden in diesem Wahljahr zum Teil heftig bedroht und angegriffen. Wegen dieser akuten Bedrohung haben viele Aktivist*innen mittlerweile Angst, sich öffentlich zu äußern. Es werden Autoreifen zerstochen, Hass- und Schmutzkampagnen gefahren, Scheiben eingeworfen.“ All jene, die sich vor allem im ländlichen Raum in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gegen Menschenfeindlichkeit eingesetzt haben, sollen zum Verstummen gebracht werden. „Immer weniger Aktivist*innen sind mit immer größeren Herausforderungen konfrontiert“, sagt Claudi.
Und trotzdem gibt es Widerstand: Nachdem das „B Sieben“ angegriffen wurde, konnten 1.500 Antifaschist*innen und Queers mobilisiert werden, die auf einer Demonstration ein Zeichen gegen die Gewalt setzten – darunter Eva.

ANTIFASCHISTISCHER WIDERSTAND. Claudi engagiert sich als ehrenamtliches Mitglied des Polylux-Netzwerks seit 2019 für antifaschistische Strukturen im Osten. Hier werden Spendengelder gesammelt, die an zivilgesellschaftliche Projekte, Gruppen und Orte umverteilt werden. Denn rechter Raumgewinn und Politik üben immer mehr Druck auf linke Basisarbeit aus. Man kürzt Fördermittel oder entzieht diese gleich ganz. „Ressourcen und Sicherheitslage von linkem Aktivismus haben sich seit 2019 erwartbar verschlechtert“, sagt Claudi. „Dafür braucht es keine AfD in Regierungsverantwortung. Auf kommunaler Ebene beeinflusst die AfD schon als Opposition konkret politische Entscheidungen. Das geht von der Asylberatung, über transkulturelle Begegnungszentren, der sozialpsychologischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen bis hin zu Projekten zur Stärkung von Zivilcourage im ländlichen Raum. Solche Institutionen und Projekte sind leider nicht immer gesetzlich verankert. Sie sind also komplett von der politischen Lage abhängig und sehr angreifbar.“
Die Anfragen seien dementsprechend innerhalb der letzten fünf Jahre enorm gestiegen, ein riesiger Aufwand für eine ehrenamtliche Struktur. Dennoch wissen Claudi und ihre Kolleg*innen, wie wichtig ihre Arbeit ist – die ostdeutsche Zivilgesellschaft ist angewiesen auf Projekte wie diese: „Heute sind fast alle Angebote, die sich um Arbeit mit Geflüchteten kümmern, extrem bedroht, ebenso wie all jene, die auf eine offene Gesellschaft abzielen.“ Und 97 Prozent der AfD-Wähler*innen aus Thüringen finden es schließlich gut, dass die AfD „den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen stärker begrenzen will“.

„ORGANISIERT EUCH!“ Claudi bleibt trotzdem realistisch: „Projekte wie Polylux können nur einen kleinen Teil leisten. Wir können Mieten für queere Räume übernehmen, linke Festivals oder Veranstaltungen fördern und eingeworfene Scheiben bezahlen.“ Eine ganze Gesellschaft können sie nicht verändern. So ruft Claudi kritische Medien dazu auf, die politische Verantwortlichkeit einzufordern. Schließlich bauten viele rechtsextreme Akteur*innen – auch aus dem Westen und aus Österreich – während der letzten dreißig Jahre im Osten ungestört stabile Strukturen auf. „Aus jugendlichen Neonazis wurden militante Vereinigungen. Man hat sie machen lassen, nicht ernst genommen, war sicherlich zuweilen auch einverstanden. Schon in der DDR gab es eine unterschätzte Neonazi-Szene. Nach der Entleerung gesellschaftspolitischer Räume 1990 haben rechte Strukturen Lücken gefüllt, für die sich der bundesdeutsche Staat nicht zuständig sehen wollte – egal unter welcher Regierung.“
Claudi bittet um praktische, antifaschistische Unterstützung: „Fragt, was gebraucht wird, sprecht Menschen Mut zu, bietet konkrete Unterstützung an.“ Auch Eva schließt sich an: „Leute müssen sich interessieren. Gerade sind alle betroffen von Trumps Wahlsieg, obwohl wir uns in Deutschland selbst bereits in einer ähnlichen Situation befinden. Die AfD gewinnt den Osten immer weiter für sich. Rechte Gewalt steigt. Es ist jetzt die Zeit, sich wirklich zu organisieren – und es geht um Geld für linke Strukturen.“

Sophia KRAUSS ist in Westdeutschland aufgewachsen und hofft, dass ihr Claudis und Evas Aufruf ernst nehmt, z. B. via
www.polylux.network
IBAN für Spenden:
DE19 8306 5408 0004 1674 06

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Weiter widerständig https://ansch.4lima.de/weiter-widerstaendig/ https://ansch.4lima.de/weiter-widerstaendig/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:46:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=120612 Der Wahlsieg kam nicht überraschend. Monatelang führte die FPÖ die Umfragen an, bis Herbert Kickl schließlich gelang, was seinem großen Vorbild Jörg Haider verwehrt geblieben war: Platz eins in Österreich für die rechtsextreme Partei, wenige Tage nachdem mehrere freiheitliche Kandidaten bei einem Begräbnis zusammenkamen, auf dem das SS-„Treuelied“ gesungen wurde. Im Jahr 2000 noch hatten […]]]>

Der Wahlsieg kam nicht überraschend. Monatelang führte die FPÖ die Umfragen an, bis Herbert Kickl schließlich gelang, was seinem großen Vorbild Jörg Haider verwehrt geblieben war: Platz eins in Österreich für die rechtsextreme Partei, wenige Tage nachdem mehrere freiheitliche Kandidaten bei einem Begräbnis zusammenkamen, auf dem das SS-„Treuelied“ gesungen wurde. Im Jahr 2000 noch hatten die restlichen 14 EU-Staaten mit Sanktionen darauf reagiert, dass ÖVP-Kanzler Schüssel die Rechtsaußen-Partei in die Regierung holte, 2024 schickten Viktor Orbán, Alice Weidel, Marine Le Pen, Andrej Babiš, Geert Wilders und Matteo Salvini Glückwünsche an Herbert Kickl, der „Volkskanzler“ werden will. Eine rechte Normalität, die nur jene mit einem Schulterzucken kommentieren können, die nichts zu befürchten haben, wenn Rechtsextreme regieren und hetzen. Feministinnen und Antifaschist:innen, alle jene, die gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und Homo- und Transfeindlichkeit kämpfen, haben wie so oft nur eine Wahl: nicht in Resignation zu verfallen und den Kampf aufzunehmen für eine solidarische, eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft, für die Utopie einer besseren Zukunft oder dem, was davon noch übrig ist.

Es könnte sich diesmal ausgehen, eine Regierung ohne die FPÖ, sofern die Volkspartei nicht wie schon unter Wolfgang Schüssel und Sebastian Kurz einen Schritt auf die Freiheitlichen zugeht. Die Großindustrie und die Wirtschaft hätten „keinerlei Neigung, eine Partei in der Koalition zu begrüßen, die für Vermögens- oder Erbschaftssteuern eintritt“, so sagte es der ehemalige, von Sebastian Kurz ins Aus gedrängte ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner nach der Nationalratswahl dem „Standard“. Die Forderung nach einer Erbschafts- und Vermögenssteuer, die Ingrid Robeyns im an.schläge-Interview nicht nur als grundvernünftig, sondern unerlässlich beschreibt, scheint für manche Konservative die weitaus größere Bedrohung zu sein als Rechtsextreme, die wenig übrig haben für Pressefreiheit und die Menschenrechtskonvention. Andreas Babler ist das größere Schreckgespenst als ein Herbert Kickl. Seit Jahrzehnten schon bewirtschaften Neokonservative einen Konkurrenzkampf unter Menschen, die nicht zu den Vermögenden zählen und trotz kräftezehrender Arbeit in Schulen, Krankenhäusern und Lieferdiensten oder in der eigenen Familie auch nicht den Leistungsträger:innen zugerechnet werden. Bezeichnend, dass halb Österreich sich im Sommer über eine neunköpfige syrische Familie empörte, die 4.600 Euro Mindestsicherung in Wien bezieht. Ein Dach über dem Kopf zu haben, seine Kinder mit dem Notwendigsten zu versorgen und teilhaben zu können an einer Gesellschaft scheint Menschen nicht mehr vergönnt zu sein, wenn das ein Stückchen solidarische Umverteilung bedeutet. Die Wut ist verbraucht, wenn das Moment Institut berichtet, dass die reichsten fünf Prozent der Haushalte in Österreich mehr als die Hälfte des privaten Nettovermögens besitzen. Oder Ingrid Robeyns in ihrem Buch über die Begrenzung von Reichtum ausrechnet, dass eine Person, die 45 Jahre lang fünfzig Stunden pro Woche arbeitet, einen Stundenlohn von fast zwei Millionen Dollar erhalten müsste, um so viel Vermögen wie Elon Musk anzuhäufen. Tatsächlich ist die Verteilungsfrage gemeinsam mit der Klimakrise die größte politische Herausforderung unserer Zeit, in der die Besitzenden und jene, die nichts haben, immer weiter auseinanderdriften und Frauen als unbezahlte Care-Arbeiterinnen das ganz besonders trifft. Feministische, solidarische, antirassistische, klimapolitische Kämpfe: Es braucht sie dringender denn je.

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Feminist Superheroine: Ruth Charlotte Ellis https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-charlotte-ellis/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-charlotte-ellis/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:46:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=120609 Die Aktivistin Ruth Charlotte Ellis wurde 1899 in Springfield, Illinois geboren. Sie engagierte sich ihr Leben lang für die Schwarze und die LGBTQ+-Community. Ihr Leben war von großen Umbrüchen und gesellschaftlichen Kämpfen geprägt, wie dem Springfield Riot 1908, bei dem ein rassistischer Mob Afroamerikaner*innen attackierte und ermordete. Auch die Detroit Riots 1967, die mit einer […]]]>

Die Aktivistin Ruth Charlotte Ellis wurde 1899 in Springfield, Illinois geboren. Sie engagierte sich ihr Leben lang für die Schwarze und die LGBTQ+-Community. Ihr Leben war von großen Umbrüchen und gesellschaftlichen Kämpfen geprägt, wie dem Springfield Riot 1908, bei dem ein rassistischer Mob Afroamerikaner*innen attackierte und ermordete. Auch die Detroit Riots 1967, die mit einer ­Polizeirazzia ­begannen und 43 Todesopfer forderten, fielen in ihre Lebzeiten. Bereits mit 16 Jahren outete sie sich als lesbisch, mit Cecilie ‚Babe‘ Franklin lebte sie über dreißig Jahre in einer Liebesbeziehung. Die beiden zogen nach Detroit, wo Ellis als erste Schwarze Frau ihre eigene Druckerei eröffnete. Ellis’ und Franklins Haus wurde zu einem Zufluchtsort für junge, vor allem Schwarze, queere Menschen. 2000 verstarb sie im Alter von 101 Jahren. Yvonne Welbon hat ihr mit dem Dokumentarfilm „Living with Pride: Ruth C. Ellis @ 100“ ein filmisches Denkmal gesetzt.

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Wir brauchen neue Männlichkeiten https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-neue-maennlichkeiten/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-neue-maennlichkeiten/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:46:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=120625 Wenn ich lese, dass ein Typ wie Elon Musk über seine trans Tochter sagt, dass sie für ihn gestorben sei, dann könnte ich kotzen. Wenn ich lese, welche menschenfeindliche Scheiße der deutsche Comedian Luke Mockridge über die Paralympics verbreitet, dann könnte ich ebenso kotzen. Wenn ich sehe, wie Herbert Kickl süffisant von den Wahlplakaten grinst, […]]]>

Wenn ich lese, dass ein Typ wie Elon Musk über seine trans Tochter sagt, dass sie für ihn gestorben sei, dann könnte ich kotzen. Wenn ich lese, welche menschenfeindliche Scheiße der deutsche Comedian Luke Mockridge über die Paralympics verbreitet, dann könnte ich ebenso kotzen. Wenn ich sehe, wie Herbert Kickl süffisant von den Wahlplakaten grinst, dann kann ich eigentlich gar nicht mehr aufhören zu kotzen. Diese drei Namen können durch eine lange Liste weiterer Namen ersetzt werden: Trump. Putin. Merz. You name it.

Vor ein paar Monaten habe ich mit zwei Freundinnen eine Signal-Gruppe gegründet. Eigentlich nur, um in Kontakt zu bleiben, aber diese Gruppen benötigen einen Namen. Worauf wir uns alle einigen konnten, war MzM: Männer zum Mond. Was in einer lustigen gemeinsamen Nacht als Erheiterung diente – MzM könnte eine Partei sein! Oder eine Riot Grrrl Punk-Band! – fühle ich immer noch und das Lachen ist mir vergangen. Männer zum Mond schießen, in diesen Zeiten gar nicht die übelste Idee. Jaja, selbstverständlich #notallmen. Es geht mir auch gar nicht um die Männer, sondern um diese hegemoniale Form der Männlichkeit, die dafür sorgt, dass kleine Jungs ihre Gefühle nicht fühlen dürfen. Eine Form von Männlichkeit, die Stärke und Überlegenheit als wichtigste Ziele propagiert und Vernunft und Emotion als widersprüchliches Gegensatzpaar versteht. Ich glaube tatsächlich daran, dass die Welt weniger gewaltvoll und fürsorglicher wäre ohne diese Form von Männlichkeit. Tatsächlich gibt es gerade einige transmaskuline Personen in meinem näheren Umfeld, die versuchen, ihre Männlichkeiten anders zu gestalten. Es kann aber nicht eine Handvoll Personen, die sowieso schon gesellschaftlich benachteiligt sind, diese Arbeit übernehmen. Eltern, bitte erzieht eure Kinder zu empathischen und liebevollen Menschen! Männer, bitte reflektiert und verlernt eure Männlichkeiten!

Sophia Foux schreibt dies als letzte Kolumne und verabschiedet sich mit dem utopischen Wunsch nach mehr Empathie, Solidarität und Zärtlichkeit in der Welt.

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Unlocked https://ansch.4lima.de/unlocked/ https://ansch.4lima.de/unlocked/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=120623 Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT. Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich […]]]>

Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT.

Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich in jeder kleinen oder noch so unauffällig scheinenden Situation auch politische Systeme und unsere Gesellschaft wider.“ Wenn jemand als weiblich gelesene Person auf die Straße geht und Menschen diese Person z. B. nicht durchlassen, ihr nicht ausweichen, „dann mag das wirken wie eine Feinheit, aber das ist es nicht. Man spürt immer eine gewisse Rolle, die einem zugeschrieben wird, eine Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit.“ Und selbst, wenn man zu Hause chillt oder sich in einem sicheren Raum bewegt, wird diese kollektive Erfahrung spürbar.

In ihrer Arbeit als Tänzerin und Performerin legt Iris Omari Ansong den Finger in genau diese Wunde: „Meine aktive Arbeit besteht darin, diese Unterdrückungen und Repressionen wegzunehmen und aufzubrechen“, sagt sie. „Es geht darum, sich Dinge zu erlauben und zurückzuholen“, und zwar ganz konkret, physisch, körperlich. Im Laufe ihres Studiums der zeitgenössischen Tanzpädagogik in Wien, während eines Auslandssemesters in Istanbul, begann sie sich an tänzerische Traditionen und Bewegungen heranzutasten, die sie bis dahin unbewusst von sich ferngehalten hatte: „Ich habe in Lucille Aires‘ Tanzklassen begonnen, Female Dancehall und Afro House zu tanzen, und die Begegnung mit ihr war ein unlocking moment“, erzählt sie und lacht. Sie hat sich dort, wie sie erzählt, eine ganze tänzerische Ausdruckswelt zurückerobert.

In ihrem letzten Projekt „BUNX – dripping in the jelly of the black atlantic“ zelebrierte sie diese Erfahrung zusammen mit Andrea Vezga Acevedo, mirabella paidamwoyo* dziruni und Yours Izundu auf der Bühne: In einer kraftvollen Performance, einem regelrecht „verkörperten Manifest“, forderten die Tänzer*innen ihre physische Freiheit, ihre Sinnlichkeit und Sexualität zurück. Im Mittelpunkt stand das Twerking als Tanzform, mit der alle vier regelmäßig arbeiten – eine Praxis mit langer Geschichte: „Die Bezeichnung ‚Twerk‘ ist noch recht jung“, sagt Iris Omari Ansong. „Man findet diese Art von Hüftbewegungen viel in afrikanischen und afrodiasporischen Kontexten seit Generationen. Twerk ist eine Tanzform mit einer langen Geschichte und Verbindung zu afrodiasporischen Traditionen. Gleichzeitig ist es eine Schwarze Tanzform der Gegenwart.“ Wenn sie Twerk unterrichtet, erzählt sie weiter, „gehen die Leute jedes Mal mit einem Strahlen aus der Tanzstunde. Diese Erfahrung macht was mit einem – sowohl der Tanz an sich als auch die Entscheidung, eine sensual oder sexual Seite von sich zuzulassen, in einem Raum, in dem man sich sicher fühlt. Das ist sehr empowernd und emanzipierend.“ In BUNX verbanden die Performer*innen ihre geteilten Erfahrungen, Verletzungen und Kämpfe auf Grundlage der Idee des Black Atlantic: „Ein Konzept, eine Methode, ein Tool, das davon ausgeht, dass es eine Kultur gibt, die afrikanisch, amerikanisch, karibisch und europäisch zugleich ist“, sagt Iris Omari Ansong, „verbunden durch die Route des trans­atlantischen Sklavenhandels – eine Kultur, die all das umfasst und gleichzeitig ist.“ Das daraus entstandene Black Atlantic Thinking reflektiert verschiedene diasporische Perspektiven und ist wirkungsvoll: „Es verschafft mir einen Zugang zu schweren Themen, kollektiven Traumata, Schmerz, aber auch Hoffnung“, sagt Iris Omari Ansong.

Als Schwarze Person, die im mehrheitlich weißen Österreich Kunst macht, sei ihr besonders wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die migrantische Kulturszene wächst – und dass sowohl Ausführende als auch das Publikum von der Vorstellung wegkommen müssen, dass es sich bei PoC- und Schwarzen Künstler*innen um eine „Minderheit“ handle: „Dieses Minderheitendenken hat so etwas Kleinmachendes“, sagt sie, „dabei haben wir es mit der globalen Mehrheit zu tun.“

Aus BUNX ist dementsprechend ein Verein hervorgegangen, gegründet von Iris Omari Ansong und Andrea Vezga Acevedo, „weil wir unbedingt in diesem Team weiter zusammenarbeiten wollen“: Milk and Thorns ist der sprechende Name – Milch und Dornen. Nährendes und Schützendes. Der Titel beschreibt eine reale Utopie: einen Ort, an dem Menschen ihre volle individuelle, kollektive und körperliche Kraft entdecken und entfalten können.

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Safe in the City? https://ansch.4lima.de/safe-in-the-city/ https://ansch.4lima.de/safe-in-the-city/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=120617 Obwohl für Frauen die eigenen vier Wände am gefährlichsten sind, fürchten sie meist Parks oder Unterführungen. SONJA GAEDICKE über die patriarchalen Strukturen hinter der „urbanen Angst“. Öffentliche Räume wurden mit den Verstädterungstendenzen im 18. Jahrhundert als Räume konstruiert, die für Frauen nicht sicher sind. Seit der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015/16, die international für Schlagzeilen sorgte, […]]]>

Obwohl für Frauen die eigenen vier Wände am gefährlichsten sind, fürchten sie meist Parks oder Unterführungen. SONJA GAEDICKE über die patriarchalen Strukturen hinter der „urbanen Angst“.

Öffentliche Räume wurden mit den Verstädterungstendenzen im 18. Jahrhundert als Räume konstruiert, die für Frauen nicht sicher sind. Seit der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015/16, die international für Schlagzeilen sorgte, hat sich diese Debatte intensiviert. Häufig verlaufen die Diskussionen dabei nach einem ganz bestimmten Schema.

Die Angst weißer, weiblich gelesener Personen1 der Dominanzgesellschaft rückt in den Vordergrund, als Gefahrenquelle werden migrantisierte Männer identifiziert. Und auch der Ruf nach politischen Lösungen ist stets derselbe: verstärkte Polizeipräsenz und verschärfte Asylgesetze sowie städtebauliche Maßnahmen wie die Installation von mehr Straßenlaternen und Überwachungskameras. Ein Narrativ, das rechtspopulistischen Parteien wie FPÖ und AfD in die Karten spielt, meist von den sogenannten bürgerlichen Parteien mitgetragen wird und strukturelle Ursachen sexualisierter Gewalt und anderer Delikte außen vor lässt.

Um das Phänomen des urbanen Angst­raums und Konzepte von Sicherheit in ihrer Vielschichtigkeit verstehen und diskutieren zu können, ohne dabei in vereinfachende, rechtspopulistische Narrative zu verfallen, braucht es eine (queer-)feministische Perspektive.

Und das beginnt schon bei unserer Vorstellung von Raum. Der Begriff geht auf die Kultivierung von Land zurück, also auf menschliche Handlungen, die einen Raum überhaupt erst entstehen lassen. Menschen können also durch ihre Handlungen Räume herstellen. Das gilt jedoch nicht für alle in demselben Ausmaß. Auch etwas vermeintlich Neutrales wie ein Raum ist sozial strukturiert, das heißt, je nach Geschlecht, Alter, Race, Klasse, körperlichen und geistigen Fähigkeiten verfügen wir über mehr oder weniger Ressourcen und Macht, um Räume entstehen zu lassen.

IN DER EIGENEN WOHNUNG. Aktuellen Studien zufolge ist die Kriminalitätsfurcht von Personen, die sich als weiblich identifizieren, etwas höher als bei Personen, die sich als männlich identifizieren, obwohl letztere eher von Kriminalität betroffen sind. Frauen sind aber fast dreimal so häufig von sexualisierter Gewalt betroffen als Männer – und auch ihre Angst davor ist größer. Und während Männer eher im öffentlichen Raum von körperlicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind, ist es für Frauen bei beiden Gewaltformen zu siebzig Prozent die eigene Wohnung. Bei den Tätern handelt es sich häufig um (Ex-)Partner. Obwohl also die eigenen vier Wände und nahestehende Personen statistisch gesehen am gefährlichsten sind, verlagert sich die Angst von Frauen stärker auf den öffentlichen Raum und auf sich dort aufhaltende fremde Männer. Dieses Phänomen bezeichnet die Geografin Hille Koskela als Angstparadoxon. Bei genauerem Hinsehen ist diese Verlagerung der Angst auf den öffentlichen Raum und auf fremde Männer gar nicht so paradox, denn Angst entsteht nicht nur als Reaktion auf direkte Gewalterfahrungen. Angst passiert uns nicht einfach, sie wird sozial konstruiert. Elterliche Warnungen, Gerüchte, mediale Berichterstattung, Hinweise zur Verbrechensvorbeugung – all diese Dinge beeinflussen, was wir als gefährlich einschätzen und wovor wir lernen, Angst zu haben. Und es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass elterliche Warnungen gegenüber Mädchen anders ausfallen als gegenüber Buben.

STRANGER DANGER. Da insbesondere weiblich gelesene Personen im öffentlichen Raum regelmäßig sexuelle Belästigungen und verschiedene Formen sexualisierter Gewalt erfahren – von Cat Calling bis Grapschen –, verstärkt sich die Angst vor Vergewaltigung. Die Projektion der Angst auf fremde Männer wird in der Stadtforschung unter dem Begriff Stranger Danger zusammengefasst und durch Medienberichte reproduziert. Häufig wird eher über Übergriffe, die von Fremden ausgehen, berichtet, als über intime Gewalt und Femizide in Partnerinnenschaften. Somit werden patriarchale Institutionen wie die heterosexuelle Kernfamilie als sicher konstruiert, obwohl sie es oftmals nicht sind.

Frauen lernen also eher, welche Räume es wann zu meiden gilt, anstatt wo und wann sie auf gefährliche Personen treffen könnten. Da die Anwesenheit von Männern in der eigenen Umgebung von Frauen oftmals nicht kontrolliert werden kann, sie außerdem nicht in einem Zustand ständiger Angst leben und Männer nicht per se als Täter abgestempelt werden können, verlagern Frauen ihre Angst auf bestimmte Räume. Parks, Straßen, Unterführungen oder Parkhäuser werden so zu typischen Angsträumen.

URBANE ANGST. Die Folgen dieser urbanen Angst sind vielschichtig und einschneidend. So haben Forscher*innen herausgefunden, dass manche Frauen permanent Sicherheitsstrategien überlegen oder anwenden, wenn sie beispielsweise nachts alleine unterwegs sind – vom Schlüsselbund in der Hand über die Nutzung von Begleitapps wie WayGuard bis hin zum Inkaufnehmen von Umwegen. Auch konstantes Unwohlsein, das zu Stress und zu gesundheitlichen Folgen führen kann, geht oftmals mit urbaner Angst einher. Sogar ökonomische Folgen kann die urbane Angst haben, denn wenn der Heimweg zu Fuß zu gefährlich erscheint, steige ich vielleicht doch eher in ein Taxi. Diese Einschränkungen beschreibt die Geografin Leslie Kern als ein indirektes, aber sehr effektives Programm sozialer Kontrolle, denn die sozial verstärkte Angst hält Frauen davon ab, sich den öffentlichen Raum vollständig anzueignen.

SOZIALE SICHERHEIT STATT INDIVIDUALISIERUNG. Diese und ähnliche Sicherheitsstrategien schieben die Verantwortung für die eigene Unversehrtheit den Frauen zu. Anstatt dass Männer Kurse besuchen, in denen sie lernen, wie sie keine Täter werden und sich mit toxischen und hegemonialen Männlichkeitsbildern auseinandersetzen, gehen Frauen in Selbstverteidigungskurse. Sicherheit wird hier – einer neoliberalen Logik folgend – zu einem individuellen Problem, das individuell gelöst werden soll. Eine weitere individualistische Vorstellung von Sicherheit basiert auf einer Vorstellung von Schutz, die von einer asymmetrischen und meist vergeschlechtlichten Beziehung zwischen den männlichen Beschützenden und den weiblichen Beschützten ausgeht. Der Sozialwissenschaftler Daniel Loick unterscheidet zudem zwischen einem polizeilichen und einem sozialen Verständnis von Sicherheit, die beide in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, weil der Ausbau der Polizei und der Gefängnisse auf Kosten von sozialer Absicherung und Angeboten der Sozialen Arbeit gehen kann. Die Stärkung der Polizei kann demnach mit einer Abnahme von (sozialer) Sicherheit einhergehen. Dies kann dazu führen, dass Personen in Armut leben müssen, womit dann wiederum ein Anstieg an Diebstahl und anderen Delikten einhergehen kann. Im Zusammenhang mit Angstraum-Diskursen sollte danach gefragt werden, wessen Sicherheit von Bedeutung ist, wessen Angst ernst genommen wird und wessen Sicherheit und Angst unsichtbar bleibt.

In Anlehnung an die Soziologin Renate Ruhne ist es sinnvoll, einen Perspektivwechsel von einer Gewaltproblematik hin zu einer Machtproblematik zu vollziehen, statt rassistische und sexistische Angstraum-Diskurse zu reproduzieren. Die zentralen Fragen, die sich daraus ergeben, lauten: Wer gestaltet den öffentlichen Raum? Und wer hat keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten?

Das verbreitete Verständnis von Angsträumen als öffentliche Räume, die besonders gefährlich für Frauen sind, muss aufgebrochen werden, da diese Erzählung die Angst verdeckt, die andere Menschen an öffentlichen Räumen haben können und die Gefahr verschleiert, die im privaten Raum für Frauen liegt.

Sonja Gaedicke (sie/ihr) ist Soziologin und Geschlechterforscherin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Hochschule Köln. Ihre Dissertation erscheint voraussichtlich im Dezember 2024 im transcript Verlag unter dem Titel „Urbane Angsträume — Eine Situationsanalyse zur diskursiven Konstruktion“.

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Das Großerklärer-Phänomen https://ansch.4lima.de/das-grosserklaerer-phaenomen/ https://ansch.4lima.de/das-grosserklaerer-phaenomen/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=120619 Cis Typen analysieren lieber die ganze Welt, anstatt in Therapie zu gehen. Warum nur? Von NELLI TÜGEL Die Sache ist die: Beweisen kann ich es nicht. Aber aus jahrelanger Erfahrung als Zeitungsredakteurin weiß ich von einem Phänomen zu berichten, ich nenne es das Großerklärer-Phänomen. Und das geht so: Wenn Großereignisse passieren, besonders solche mit geopolitischen […]]]>

Cis Typen analysieren lieber die ganze Welt, anstatt in Therapie zu gehen. Warum nur? Von NELLI TÜGEL

Die Sache ist die: Beweisen kann ich es nicht. Aber aus jahrelanger Erfahrung als Zeitungsredakteurin weiß ich von einem Phänomen zu berichten, ich nenne es das Großerklärer-Phänomen. Und das geht so: Wenn Großereignisse passieren, besonders solche mit geopolitischen Auswirkungen, dann lassen die von cis Männern verfassten, meist entsprechend ausführlichen Großerklärungen nicht lange auf sich warten. Je gewaltiger das Ereignis, desto besser. Je mehr Unsicherheiten es für die von ihm getroffenen Menschen produziert, desto sicherer wird der Großerklärer in seiner Analyse. Ein Kriegsausbruch, den kaum jemand vorhergesehen hat? Kein Problem für Winfried; umstandslos hat er Prognosen zur Hand – und sich selbst verziehen, noch wenige Tage zuvor das genaue Gegenteil dessen, was passiert ist, behauptet zu haben. Eine weltweite Pandemie, die alles auf den Kopf stellt? Schon kommen Ronald, Mario und Thomas mit einer ganzen Reihe von Thesen darüber um die Ecke, wie sich die Welt nun verändern werde. Klimawandel? Andreas weiß, was zu tun ist und hat praktischerweise auch schon ein Buch dazu verfasst.

Wichtig ist nur, größtenteils im Abstrakten, im „Großen“ eben zu verbleiben, und sich mit den konkreten Folgen all dieser Schrecklichkeiten möglichst wenig zu befassen.
Die wiederum betreffen oft (das heißt auch, klar, nicht immer) überdurchschnittlich stark Frauen. Nun bin ich nicht der Meinung, dass Betroffene exklusives Äußerungsrecht haben sollten zu Sachverhalten, die sie zu solchen machen. Und versteht mich bitte nicht falsch: Es gibt einige tolle Texte von cis Männern, die ich dem Großerklärer-Genre zuordnen würde, ein paar meiner Lieblingsklassiker gehören dazu. Doch am Typus des Großerklärers lässt sich nun einmal auch ein bemerkenswerter Widerspruch beobachten: Um die „großen Linien“ des Weltgeschehens erkennen und anderen erklären zu können, ist offenbar eine gewisse Distanz zu den in Rede stehenden Politiken, Kriegen und Krisen nötig. Als etwa zu Beginn der Corona-Pandemie viele Frauen noch damit kämpften, im neuen Alltag mit Kita-, Schulschließungen und Isolation klarzukommen oder aber für andere konkrete Hilfe zu organisieren, waren die ersten männlichen Long-Thinkpieces über die „neue Lage“ längst publiziert.

In diesem Beispiel steckt freilich schon ein Teil der Erklärung: Cis Typen haben im Durchschnitt mehr freie Zeit zu Verfügung, auch dann, wenn sie Väter und berufstätig sind, denn der Gender-Care-Gap ist nun einmal Realität. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die in das Großerklärer-Phänomen einfließen. So sind Frauen unterm Strich zurückhaltender, wenn es um die Analyse und Bewertung sich überschlagender Ereignisse von unabsehbarer Tragweite geht – sie verweisen dann gerne darauf, nicht genug zu wissen, um sich zu äußern. Und selbst Expertinnen winken häufiger ab, wollen sich lieber (noch) nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Cis Typen dagegen haben, mutmaßlich durch Sozialisation bedingt, seltener und weniger Hemmungen, schnell mal einen rauszuhauen – ein Grund dafür, dass auch auf Meinungsplätzen solcher Medien, die halbwegs paritätisch besetzte Redaktionen haben, ein Männerüberhang existiert.

Zweitens bietet das Großerklärerdasein die Möglichkeit, sich selbst gegenüber so etwas wie Kontrolle zu simulieren in einer unübersichtlichen und beängstigenden Welt. Das finde ich im Übrigen absolut nachvollziehbar, ich hab’s sogar selbst schon ausprobiert – also mithilfe großer Thesen die Gedanken an existenzielle Unsicherheiten auf Abstand zu halten. Sprich: Who am I to judge.

Die Sache ist nur: Beweisen lässt es sich nicht. Aber meiner Erfahrung nach kann der gemeine Großerklärer eines ganz schlecht: sich eingestehen, auch mal geirrt zu haben und daraus eine gewisse Demut entwickeln. Darum sind Zeitungen, Bücher und das Internet voll mit einigen guten und vielen furchtbar falschliegenden Großerklärungen. Unsere turbulenten Zeiten arbeiten dem Großerklärer hier zu: Denn was interessiert ihn sein Gerede von gestern, wenn heute schon die nächste Krise auf Einordnung wartet.

Nelli Tügel arbeitet als Journalistin und lebt in Berlin.

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Mal nicht das ­Einhorn sein https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/ https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=120621 Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.Von EVA ROTTENSTEINER Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf […]]]>

Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.
Von EVA ROTTENSTEINER

Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf im Patriarchat übertragen. Viele Frauen* mit Behinderungen haben jedoch weder materielle Sicherheit noch ein eigenes Zimmer, etwa wenn sie in Heimen oder WGs leben. Auch im übertragenen Sinne fehlen Räume, in denen sie sich politisch vernetzen können. Das will der Verein FmB, die Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen, ändern. Es ist der bislang einzige unabhängige politische Zusammenschluss von Frauen* mit Behinderungen in Österreich. „Wenn nicht wir, dann macht es keiner“, so der Gedanke der Gründerinnen Heidemarie Egger, Julia Moser und Eva-Maria Fink.

Safer Spaces ohne Selbsterhöhung. Auch Schwarze Feministinnen wie bell hooks betonten die Bedeutung von Safer Spaces gegen rassistische und sexistische Unterdrückung und zur Förderung kollektiver Resilienz. Gerade jene Mitglieder, die beruflich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kämpfen, schätzen den geschützten Raum: „Auch mal darüber reden, was schwerfällt und mal nicht die starke Person sein zu müssen, weil man sonst nicht ernst genommen wird oder es Bewunderung regnet.“ Übertriebene Komplimente und Bewunderung für ganz normale Handlungen erleben Menschen mit Behinderungen häufig. „Inspiration Porn“ nannte das die verstorbene behinderte Aktivistin und Komikerin Stella Young. Dabei störe weniger die Bewunderung, schließlich ist es ein Kraftakt, in einer ableistischen Welt zu navigieren. Was aber mitschwingt: „Behindert zu sein muss miserabel sein, zum Glück bin ich normal.“ „Bei FmB können wir uns gut ohne Selbsterhöhung untereinander bewundern“, sagt Egger.

Für Frauen* mit Behinderungen sind aktivistische Räume, in denen es um ihre Rechte geht, oft mit Ausschlüssen verbunden. „Die typische Person, die Menschen mit Behinderungen vertritt, ist ein Mann mit Behinderungen zwischen vierzig und fünfzig“, sagt Egger. Man habe übersehen, sich als Bewegung mit Themen wie Sexismus oder Rassismus auseinanderzusetzen. Das zeige sich auch in einem fehlenden Verständnis für intersektionale Diskriminierung. Heidemarie Egger erklärt es so: „Wenn ich in meinem Alltag Abwertung erlebe, frage ich mich oft, ob ich die erlebe, weil ich eine Frau bin oder weil ich eine Behinderung habe oder wegen beidem kombiniert.“

Auch in feministischen Räumen fällt es oft schwer, sich in die Lebensrealität behinderter Frauen* hineinzuversetzen. Heidemarie Egger überrascht das nicht. Während Frauen* ohne Behinderungen etwa gleichen Lohn oder faire Aufteilung von Sorgearbeit fordern, kämpfen Frauen* mit Behinderungen nebenbei noch für die Basics: um einen Ausbildungsplatz, barrierefreie gynäkologische Untersuchungen oder einfach selbst entscheiden zu dürfen, wann man duscht. „Es ist anstrengend, immer das behinderte Einhorn zu sein, mit dem niemand relaten kann“, sagt Heidemarie Egger.

WERTVOLLE WERKZEUGE. Dazu kommen andere Barrieren. ÖGS-Dolmetschung, barrierefrei zugängliche Vernetzungslokale oder ein Austausch in Leichter Sprache muss oft erst eingefordert werden. „Barrierefreiheit wird als belastend wahrgenommen, als etwas, das man extra organisieren muss und wofür kein Budget eingeplant war“, erzählt Egger. Man wird schnell als mühsam abgestempelt oder gleich selbst zur Beauftragten für Barriere­freiheit.

Das kostet viel Kraft und Ressourcen, die man oft nicht hat. Auch Frauen* mit Behinderungen übernehmen zu Hause die meiste Sorgearbeit und müssen dazu noch ihre Behinderung managen. Je nach Behinderung oder chronischer Erkrankung bedeutet das etwa, Anträge für Finanzierungen stellen, das Persönliche-Assistenz-Team koordinieren, Therapietermine wahrnehmen, mit den begrenzten „Spoons“ (siehe Glossar) haushalten. FmB-Treffen finden nur in barrierearmen Gebäuden statt. Schriftdolmetschung und ÖGS wird nach Bedarf organisiert. „Barrierefrei heißt auch, Pausen zu machen und sich zu überlegen, wie man Gespräche in kleineren Runden fördert“, sagt Egger.

Durch erschwerte Zugänge zu feministischen Räumen bleibt auch der Zugang zu Strategien beschränkt. „Dabei böten gerade feministische Diskurse wertvolle Werkzeuge für Frauen* mit Behinderungen“, sagt Egger. Etwa könnten Bewältigungsstrategien von BIPoC-Frauen* für erlebte Mikroaggressionen im Alltag hilfreich sein: Wenn eine blinde Frau* mal wieder ohne ihre Zustimmung über die Straße gezerrt, eine Frau* mit Lernschwierigkeit mal wieder als einzige geduzt oder mal wieder nur mit der Begleitperson gesprochen wird.

EMPOWERMENT THROUGH WELLNESS. Ein Blick in Schwarze Geschichtsbücher zeigt die in Vergessenheit geratenen solidarischen Kontinuitäten zwischen Schwarzen Aktivist:innen und Menschen mit Behinderungen. Nach dem Leitsatz „Empowerment through Wellness“ entstanden im Rahmen des nationalen „Black Women’s Health Projects“ der 80er-Jahre unterstützende Räume für Schwarze Frauen* und Mädchen, in denen sie sich über gesundheitliche Herausforderungen austauschen konnten. Auch Frauen* mit Behinderungen erhielten hier Unterstützung durch die Gruppe. Außerdem wären das berühmte „504 Sit-in“ von 1977, bei dem behinderte Aktivist:innen für 25 Tage das Gebäude des US-Sozialministeriums in San Francisco besetzten und die Verankerung ihrer Rechte einforderten, ohne die tägliche Versorgung mit Suppe durch die Black Panthers nicht möglich gewesen. Auch bei FmB spürt man diese Solidarität und erzählt von dem wertvollen Austausch mit feministischen BIPoC-Gruppen.

VON CRIP-WISSEN PROFITIEREN. Feministische Diskurse wiederum könnten von Crip-Wissen profitieren, gerade in Bezug auf kollektive Fürsorge und solidarische Netzwerke. Menschen mit Behinderungen werden in unserer Leistungsgesellschaft vielfach als wirtschaftlich nicht verwertbar und somit als wertlose, verzichtbare Körper markiert. Noch immer brauchen Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Genehmigung, um die Matura machen zu dürfen. Vor allem jungen Menschen mit ­Lernschwierigkeiten bleibt oft einzig die Möglichkeit, in einer Werkstätte für ein kleines Taschengeld anstatt für Lohn zu arbeiten. Ein eigenes Zuhause außerhalb von Heimen können sie sich niemals leisten. Frauen* mit Behinderungen werden in ihrem Leben oft klein gemacht, erzählt Egger: „Vielen von uns wurde nie etwas zugetraut.

Es ist deshalb Teil der Vereins-DNA, einander Wertschätzung zu zeigen und ein bestärkendes Netzwerk zu sein.“ Bei FmB-Treffen steht die gegenseitige Unterstützung im Vordergrund, ob durch Tipps für Ämterkontakt, den Umgang mit Mobbing am Arbeitsplatz oder durch tröstende Worte, wenn der Arzt oder die Ärztin einem mal wieder nicht glaubt.

REVOLUTIONS BEGİN WITH REST. In einer Gesellschaft, die bestimmte Körper systematisch vernachlässigt, ist es eine Form des Widerstands, Gemeinschaften kollektiver Fürsorge zu schaffen. Auch bei FmB versuchen die drei Gründerinnen, eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. „Manchmal müssen wir Projekte absagen, weil uns doch die Ressourcen fehlen. Oft geht es sich mit all den Barrieren im Alltag nicht aus. Wir tragen das gemeinsam und versuchen, nachsichtig mit uns zu sein“, sagt Egger.

Mehrfachmarginalisierte Crips wie Frauen* mit Behinderungen brauchen barrierefreie Räume, die anerkennen, dass alle Menschen in ihrem Dasein aufeinander angewiesen sind und Bedürfnisse wie menschliche Fürsorge teilen. Und sie brauchen Räume, in denen man Pausen machen kann, wieder zu Kräften kommt, um sich Crip-Futures vorzustellen. Oder wie die queere, behinderte Autorin und Assistenzprofessorin für Gender und Sexuality Studies Shayda Kafai schreibt: „Revolutions begin with rest, with time to think, feel, and create our way into dreaming new realities.“

Eva Rottensteiner ist freie Autorin, sie schließt aktuell ihren Master in Politikwissenschaft und Gender Studies ab. Sie ist Mitglied beim Verein FmB.

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Klare Haltung über die Grenzen hinaus https://ansch.4lima.de/klare-haltung-ueber-die-grenzen-hinaus/ https://ansch.4lima.de/klare-haltung-ueber-die-grenzen-hinaus/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:38:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=120015 Es ist das Musikereignis der Superlative: Taylor Swifts „The Eras“-Tour. Der wohl größte Popstar unserer Zeit spielt Shows auf fünf Kontinenten. Auch in Wien hätte sie Anfang August an drei Abenden im Ernst-Happel-Stadium auftreten sollen. Doch es kam bekanntlich anders. Nach der Absage wegen Terrorgefahr sagte Österreichs Innenminister Karner: „Die Lage war ernst, die Lage […]]]>

Es ist das Musikereignis der Superlative: Taylor Swifts „The Eras“-Tour. Der wohl größte Popstar unserer Zeit spielt Shows auf fünf Kontinenten. Auch in Wien hätte sie Anfang August an drei Abenden im Ernst-Happel-Stadium auftreten sollen. Doch es kam bekanntlich anders.

Nach der Absage wegen Terrorgefahr sagte Österreichs Innenminister Karner: „Die Lage war ernst, die Lage ist ernst. Aber wir können auch feststellen: Eine Tragödie konnte verhindert werden.“ In den Nachwehen macht sich ein Unbehagen breit. Ja, eine Tragödie konnte vermutlich verhindert werden. Man kann davon ausgehen, dass einige der 60.000 Besucher*innen, die bei jeder Show erwartet wurden, das geplante Attentat des 19-Jährigen mit mutmaßlichen Verbindungen zur radikalislamischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nicht überlebt hätten. Doch um Terror dauerhaft abzuwehren, müssen jetzt Prävention und Bildungsarbeit folgen.

Wie kommt es dazu, dass sich junge Männer so drastisch islamistisch radikalisieren, dass sie anderen Menschen und sich selbst das Leben nehmen wollen? Einfache Begründungen zu finden, ist schwierig. Radikalisierungsprozesse sind ein Zusammenspiel komplexer Faktoren und können sehr unterschiedlich verlaufen, aber oft gibt es Ähnlichkeiten.

So stoßen Jugendliche z. B. immer öfter auf TikTok auf Videos muslimischer Prediger, die laut Piotr Suder von der Organisation Extremismus Prävention Online einen harmlos wirkenden Einstieg in immer extremistischeres Gedankengut darstellen. Die Betroffenen isolieren sich schleichend von anderen und wenden sich schließlich von der Gesellschaft und ihrem früheren Umfeld ab. Die Radikalisierung wird durch Krisenerfahrungen und Erfahrungen des persönlichen Scheiterns befördert. Oft wird sie aber auch bloß durch die Suche nach Sinn und Identität, also einem ganz normalen Prozess bei Jugendlichen, angetrieben. Extremistische Ideologien, die einen exklusiven Wahrheitsanspruch vorgeben und die Welt strikt in Gut und Böse einteilen, liefern klare Orientierung und erhöhen dabei auch noch das Selbstwertgefühl.

Doch ein wichtiger Push-Faktor wird in der Analyse oft übersehen: Auch gesellschaftliche Ausgrenzungserfahrungen machen Menschen anfällig für islamistische Propaganda. Das Erstarken islamistischer Einstellungen und Mobilisierungen in der post-migrantischen Gesellschaft werden also durch die wachsende islamfeindliche Stimmung durch rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie die FPÖ gerade begünstigt.

Vor der Nationalratswahl verspricht sich Kickls Partei noch mehr Wählerinnenstimmen durch rassistische Scheinlösungen gegen Islamismus. Dass die von ihnen mitverantworteten gesellschaftlichen Ressentiments gegen Muslim*innen Radikalisierungen noch verstärken, wird dabei geflissentlich ignoriert.

Doch soll der Kampf gegen den Islamismus Erfolg haben, muss er sich stattdessen auch klar gegen Islamfeindlichkeit positionieren. Und er muss berücksichtigen, dass islamistische Radikalisierung nicht an religiöse Sozialisierung oder Migrationsgeschichten geknüpft ist, was Figuren wie Pierre Vogel, ein islamistischer Prediger, der früher evangelisch war, unter Beweis stellen.

Statt plumper Hetze braucht es Radikalisierungsprävention. Dabei ist die Schule das wichtigste Handlungsfeld, in dem Jugendliche demokratische Kompetenzen vermittelt bekommen. Es braucht Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer*innen, die es ihnen ermöglichen, extremistische Propaganda aller Art zu erkennen und angemessen pädagogisch zu intervenieren. Die Präventionsforschung macht klar, wie wichtig dabei Respekt und Empathie gegenüber religiös eingestellten Jugendlichen sind.

Der Islam ist eine Religion, der Islamismus hingegen ist eine politische Ideologie. Als Feminist*innen müssen wir uns klar gegen diese gewaltvolle, anti-demokratische Ideologie positionieren und solidarisch mit ihren weltweiten Opfern sein, mit Frauen, Queers, ethnischen und religiösen Minderheiten wie Jüdinnen, Jesid*innen oder Kurd*innen. Denn eine klare Haltung gegen Islamismus darf nicht an den Grenzen der eigenen Gesellschaft enden. Seine Opfer sind auch die Menschen, die dem IS während seiner Terrorherrschaft in Syrien und Irak ausgeliefert waren. Es sind die Menschen, die vor den Mullahs aus dem Iran fliehen müssen, damit sie als Frauen über ihre eigene Kleidung bestimmen können. Eine klare Haltung gegen Islamismus muss deshalb auch beinhalten, sich gegen Abschiebungen nach Kabul oder Teheran zu positionieren. Eine klare Haltung gegen Islamismus bedeutet auch, das Recht auf Asyl nicht infrage zu stellen.

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Fürsorglich rechtsextrem https://ansch.4lima.de/fuersorglich-rechtsextrem/ https://ansch.4lima.de/fuersorglich-rechtsextrem/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:37:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=120019 Die Rechte feiert quer durch Europa Erfolge – an der Spitze der radikalen Parteien stehen immer öfter Frauen. Ist das ein Widerspruch? Von BRIGITTE THEISSL „Monsieur Macron ist der Kandidat der entfesselten Globalisierung und der sozialen Brutalität, der Kandidat eines Jeder gegen jeden.“ Die Attacke auf den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, den „kalten Business-Banker“, kommt […]]]>

Die Rechte feiert quer durch Europa Erfolge – an der Spitze der radikalen Parteien stehen immer öfter Frauen. Ist das ein Widerspruch? Von BRIGITTE THEISSL

„Monsieur Macron ist der Kandidat der entfesselten Globalisierung und der sozialen Brutalität, der Kandidat eines Jeder gegen jeden.“ Die Attacke auf den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, den „kalten Business-Banker“, kommt nicht von links. Es ist Marine Le Pen, die ihm im TV-Duell vor der Präsidentschaftswahl lächelnd gegenübersitzt. 21,3 Prozent wird sie im ersten Wahldurchgang 2017 erreichen und in die Stichwahl einziehen – in der schließlich Macron triumphiert. Die Mauer gegen rechts hält, auch 2024, als Konservative und Linke gemeinsam einen Sieg des Rassemblement National (RN) verhindern.

Für die einstige rechtsextreme Splitterpartei dennoch ein Erfolg. Der Aufstieg zur Massenpartei mit Anspruch aufs Präsidentenamt ist vor allem einer – mächtigen – Frau zu verdanken. Marine Le Pen, Tochter des berüchtigten Gründers Jean-Marie, führte die Partei von 2011 bis 2022, im Ringen um den Chefposten setzte sie sich gegen Bruno Gollnisch durch, ein Universitätsprofessor, der Antirassismus einst als „geistiges Aids“ bezeichnet hatte. Le Pen räumte intern auf und verordnete dem Front National einen neuen, gefälligeren Kurs – und setzt schließlich den eigenen Vater vor die Tür.

FüR FRAUEN ATTRAKTIV MACHEN. Wenn Marine Le Pen den neoliberalen Kurs Macrons kritisiert, hat sie freilich kein sozialistisches Frankreich im Sinne, das allen Bürger*innen ein Leben in Würde ermöglicht. „Franzosen zuerst“, so das Credo der Rechtspopulist*innen, die gebetsmühlenartig vor einer drohenden „Islamisierung“ warnen und verklausuliert vor dem „großen Austausch“ warnen. Für Typen wie Gollnisch ist aber kein Platz mehr in der Partei – Le Pen hat den RN modernisiert. „Marine Le Pen hat die sehr einfache Rechnung angestellt, dass sie die Macht in Frankreich nur erringen kann, wenn es ihr gelingt, die extreme Rechte von einem Männerclub in eine auch für Wählerinnen attraktive Partei zu verwandeln“, so formuliert es Politikwissenschafterin Dorit Geva in ihrem Aufsatz über „eine starke Frau“. Le Pen gelang es, den „Gender Voting Gap“ weitgehend zu schließen: Immer mehr Wählerinnen wandten sich dem RN zu.

OHNE QUOTE. Frauen sind in rechten Parteien quer durch Europa längst keine Randfiguren mehr – das beweisen Giorgia Meloni, Alice Weidel oder auch Riikka Purra von den „Wahren Finnen“. Sie alle profitieren von tief verankerten, sexistischen Klischees: Frauen gelten als fürsorglicher, als empathischer – letztlich als harmloser. Radikale Rhetorik wird so verdaulicher und wählbarer. Zugleich verkörpern die Partei-Chefinnen aber auch männliche Eigenschaften – ohne die patriarchale Ordnung jemals infrage zu stellen. „Diese Parteien lehnen Quoten strikt ab, die Spitzenfrauen haben sich also nur mit Leistung durchgesetzt. Das ist ein ganz wichtiges Narrativ“, sagt Politikwissenschafter*in Judith Goetz im an.schläge-Interview. Die Strategie, Frauen gezielt in Positionen zu bringen, würden Rechtsextreme schon seit Jahrzehnten verfolgen. „Ein modernes, moderates Image macht es Wähler*innen leichter, die in den vergangenen Jahren noch gezweifelt haben. Frauen können sich außerdem als fürsorgende Mütter inszenieren, die für das Volk sorgen“, sagt Goetz.

MANN DES JAHRES. Ein Rezept, auf das auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni setzt. „Ich bin Giorgia. Ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin eine Christin“, so ihr berühmt gewordener Satz. Meloni ist Mutter – und eine Politikerin, die Konkurrent*innen aus dem Weg räumt. Schon im Studentenbund aktiv, wurde sie 2004 als erste Frau zur Präsidentin der Jugendorganisation der Alleanza Nazionale gewählt, jener Partei, die aus dem neofaschistischen Movimento Sociale Italiano hervorgegangen war. 2012 gründete sie gemeinsam mit zwei Kollegen die Fratelli d’Italia – und ließ rechte Platzhirsche wie Matteo Salvini von der Lega Nord bald alt aussehen. Meloni will Italien zu neuer Bedeutung verhelfen und spielt dabei gekonnt auf der Klaviatur des rechten, christlich-fundamentalistischen Kulturkampfs: Für die traditionelle Familie und gegen LGBTIQ-Rechte, für die Erhöhung der Geburtenrate und gegen die Liberalisierung von Abtreibung. „Wir kümmern uns um die Realität, nicht um Utopien“, so charakterisiert sie im Interview mit „Fox News“ den Unterschied zwischen Konservativen und Linken. Dass sie mit Feminismus nichts am Hut hat, beweist die Ministerpräsidentin bei jeder Gelegenheit: Meloni lehnt die weibliche Bezeichnung ab und will als „il presidente del consiglio“ angesprochen werden, die rechtskonservative Tageszeitung „Libero“ erhob sie 2023 zum „Mann des Jahres“.

Auch als „il presidente“ profitiert Meloni freilich von der „Normalisierung von Frauen in Spitzenfunktionen“, wie Judith Goetz es formuliert. Mächtige Frauen – allen voran konservative – werden heute weniger infrage gestellt. „In der Ära Merkel wurde noch viel stärker ihre Kleidung diskutiert, welche Emotionen sie zeigt – bei Meloni stehen die politischen Inhalte im Zentrum“, sagt die Politikwissenschafterin.

So beobachteten Medien jeden Schritt der zaghaften Annäherung Melonis an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – der Meloni am Ende doch die Stimme verweigerte. Mit ihrer Unterstützung der Ukraine und einem scheinbar gemäßigten Kurs errang die „Postfaschistin“ auf europäischer Bühne Anerkennung, bei der EU-Wahl im Juni triumphierten ihre Fratelli d’Italia.

HOMOSEXUELL, ABER NICHT QUEER. Grund zum Jubeln hatte auch Alice Weidel. Die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) landete bei der Europawahl hinter der CDU auf dem zweiten Platz. Ein beachtlicher Erfolg für die Parteivorsitzende, die im Jänner den Brexit als ein „Modell für Deutschland“ bezeichnet hatte.

Seit 2017 steht Weidel, die sich als wirtschaftsliberale Euro-Skeptikerin der Partei anschloss und strategisch nach rechts rückte, der AfD als Doppelspitze vor. Weidel führe die Bundestagsfraktion mit „harter Hand“, schrieb der „Spiegel“ 2018 – wer ihr nicht folgt, bekomme Ärger. Die ehemalige „Goldman Sachs“-Analystin macht keine Politik für den „kleinen Mann“, als ihr politisches Vorbild bezeichnete sie einst Margaret Thatcher. Intern hat Weidel alle Hände voll zu tun, den ultrarechten Flügel rund um den Faschisten Björn Höcke in Zaum zu halten, im Frühjahr kündigte der Rassemblement National der AfD die Zusammenarbeit auf: zu rechts, zu extrem.

Und dennoch: Alice Weidel verkörpert das moderne Gesicht der AfD.

Weidel ist nicht nur eine Frau – sie ist lesbisch, lebt mit ihrer aus Sri Lanka stammenden Partnerin zusammen. Gemeinsam haben sie zwei Söhne. „Die AfD will, dass sich die Familienpolitik des Bundes und der Länder am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern orientiert“, so steht es im Grundsatzprogramm. Wie passt das zusammen mit dem Lebensmodell der Vorsitzenden? „Ich denke, es ist wichtig, rechten Parteien nicht immer ihre Widersprüche vorzuwerfen, sondern mehr darauf zu achten, wie sie es schaffen, vermeintliche Widersprüche zu überbrücken“, sagt Judith Goetz.

Weidel selbst lehnt die Bezeichnung „queer“ ab, stellt Zweigeschlechtlichkeit und die Orientierung an der heterosexuellen Kleinfamilie nicht infrage. „Sie setzt sich nicht für Diskriminierungsschutz ein. Stattdessen wird in der rechten Szene die LGBTIQ-Szene häufig in Gut und Böse aufgespaltet“, sagt Goetz. Die „Guten“ hingegen würden Homosexualität als Privatangelegenheit betrachten und ein gemeinsames Feindbild pflegen: Homo- und queerfeindlich sind immer die (muslimischen) Anderen.

FRAUEN SCHÜTZEN. Eine Strategie, die alle rechten Parteien eint: Gewalt gegen Frauen, ob in den eigenen vier Wänden oder auf der Straße, wird stets auf Zugewanderte projiziert. Das konstruierte Wir, die Dominanzgesellschaft, hat nichts mit Patriarchat und Frauenunterdrückung am Hut, es sind die „heimischen“ Frauen, die vor dem Zugriff der Migrantisierten, vor einem Kopftuchzwang und männlicher Verachtung geschützt werden müssen. „Und Politikerinnen sind in diesem Fall als vermeintlich Betroffene wieder die authentischeren Sprecherinnen“, sagt Judith Goetz.

Eine rechte Partei, die hingegen schon seit Jahrzehnten ohne Spitzenfrauen auskommt, ist die FPÖ. „Sie ist bei Weitem nicht so modernisiert wie andere Rechte und auch stärker völkisch verankert. Die Partei ist so gefestigt, sie hat das offenbar gar nicht nötig“, sagt Goetz. Am 29. September wird in Österreich gewählt, seit Monaten führt die FPÖ die Umfragen an und könnte bald den ersten freiheitlichen Kanzler stellen. Anfang August überraschte die Partei, die Quoten strikt ablehnt, mit ihrer bundesweiten Wahlliste. Nach dem Reißverschlussprinzip folgt jedem Mann eine Frau. „Das Vorurteil, die FPÖ sei eine männerdominierte Partei, ist mit dieser Bundesliste endgültig Geschichte“, sagt Herbert Kickl.

Brigitte Theißl fragt sich, ob sie noch eine österreichische Bundeskanzlerin erleben wird, die keiner rechts(konservativen) Partei angehört.

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Der Film „Favoriten“ beobachtet feinfühlig den Alltag einer Lehrerin und ihrer Klasse an Wiens größter Volksschule. Zum Kinostart hat CLEMENTINE ENGLER mit ILKAY IDISKUT über ihren Beruf gesprochen und darüber, wie Chancengleichheit im Bildungssystem aussehen könnte.

Der zehnte Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern wird nicht erst nach den Messerattacken auf dem Reumannplatz auch als der gefährlichste bezeichnet. In Favoriten sprechen fast vierzig Prozent der Bewohner*innen Deutsch nicht als Muttersprache. Drei Jahre lang begleitete die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann in diesem multikulturellen Umfeld eine engagierte Lehrerin und ihre Volksschulklasse. Das Ergebnis ist der subtile und gleichzeitig tief berührende Dokumentarfilm „Favoriten“, der seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale feierte und danach die Diagonale eröffnete. Aus dem Blickwinkel der sieben- bis zehnjährigen Schüler*innen erzählt der Film von Ängsten und Wünschen, von Herausforderungen und Zusammenhalt. Trotz seiner konsequenten Zurückhaltung gelingt es dem Film, die gravierenden Probleme im österreichischen Bildungssystem deutlich sichtbar zu machen.

an.schläge: Welche Rolle spielen Volksschulen im Lebenslauf eines Menschen?

Ilkay Idiskut: Eine sehr wichtige. Ich glaube, diese Zeit prägt am meisten, denn hier werden die Grundsteine gelegt. Und wenn die nicht gut gelegt sind, können die Schüler*innen oft die nächsten Schritte ihres Bildungswegs nicht gut meistern. Es fehlt ihnen etwas Wesentliches. Das erkennen sie dann in der Mittelschule und im Gymnasium.

Wie sind Sie an die Volksschule in Favoriten gekommen?

Ich habe während meines Lehramtsstudiums im 13. Gemeindebezirk Hietzing an einer Volksschule begonnen. Damals gab es schon einen Personalmangel, daher kam die Jobzusage sehr schnell. Die Klasse war toll, aber im Vergleich zu meiner Schule in Favoriten auch komplett anders, weil in Hietzing alle Kinder Deutsch als Muttersprache hatten und zu Hause gefördert wurden. Genau genommen war es eine „Vorzeigeklasse“. Die Kinder haben Klavier und Violine gespielt, waren im Fußballverein oder beim Turnen. Die Eltern haben ihre Kinder in allem unterstützt, weshalb sie sehr viel konnten. Was wir dort in einer Stunde durchgenommen haben, würde in Favoriten niemals so funktionieren. Nach einem Jahr habe ich aus verschiedenen Gründen gewechselt und bin in Favoriten gelandet. Hier habe ich Kinder kennengelernt, die mehr Unterstützung von mir brauchen.

Sie reden viel über das aktuelle Weltgeschehen und damit verbundene Werte. Was möchten Sie den Kindern mitgeben?

Wir müssen einander respektieren, um Konflikte zu vermeiden. Ich begegne den Kindern auf Augenhöhe, um ihnen diesen Respekt zu vermitteln, und wünsche mir das im Gegenzug von ihnen, auch untereinander. Deshalb lasse ich sie aussprechen, egal ob ich ihre Meinung richtig finde oder nicht. Wenn ein Kind äußert, dass es Krieg gut findet, versuche ich, nicht negativ zu reagieren. Ich möchte niemanden bloßstellen, sonst könnte es passieren, dass sich das Kind mir nie wieder öffnet. So möchte ich ihnen ein respektvolles Miteinander beibringen und zeigen, wie man respektvoll diskutieren kann, egal ob das Gegenüber ein Kopftuch oder ein Kreuz um den Hals trägt, Schweinefleisch isst oder nicht. Diese Themen gibt es bei uns. Und wenn so Respekt geschaffen wird, kann es auch in der Gesellschaft funktionieren.

Der Film zeigt Missstände im Bildungssystem auf, mit denen Sie zu kämpfen haben. Was bräuchten insbesondere die Volksschulen?

Wir bräuchten mehr helfende Hände in den Schulen. Aufgrund des Personalmangels gibt es keine Lehrer*innen, die angestellt werden können. Unsere Schüler*innen verkehren sehr oft in ihrer eigenen Community. In Favoriten gibt es viele Geschäfte, in denen auf Türkisch eingekauft werden kann; das Gleiche gilt für bosnisch-kroatisch-serbisch-sprachige und arabischsprachige Kinder. Oft scheitert es daran, dass viele Kinder der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind. Deshalb brauchen wir muttersprachliche Personen in den Schulen, die gut Deutsch sprechen und sich um bestimmte Kinder kümmern. Außerdem müssen wir multiprofessionelle Teams an die Schulen holen, denn wir Lehrer*innen sind keine Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen oder Coaches. Wir sind für den Unterricht verantwortlich, aber aktuell machen wir viel mehr. Wir fühlen uns verpflichtet und dabei gehen Deutsch- oder Mathestunden verloren. Die Kinder müssen aber eine angemessene Bildung erhalten, um später als Erwachsene gute Jobchancen zu haben. Sonst kann das zu gesellschaftlichen Konflikten führen.

Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern auf Ihre Bildung?

Meine Eltern sind aus der Türkei und meine Muttersprache ist Türkisch. Während der Zeit der Gastarbeiter-Anwerbung ist mein Vater in Europa herumgereist und hat sich dann in Österreich niedergelassen. Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, ist meine Mutter nachgekommen. Meine Mutter hat uns oft vorgelesen – auf Türkisch und Deutsch. Meinem Vater war es immer wichtig, dass wir etwas erreichen. Er hat uns deshalb überall hingefahren, egal ob zur Schule oder später während meines Studiums zur weit entfernten Praxisschule. Er hat sich wirklich sehr bemüht.

Was muss sich grundsätzlich am Bildungssystem für mehr Chancengleichheit ändern?

Wir müssen in Österreich einiges verändern und moderner werden, statt hinterherzuhinken. Die Gesetze, auf denen unser Bildungssystem basiert, wurden vor sechzig Jahren verfasst. Es ist eine Tatsache, dass viele Kinder in Österreich mit vielen verschiedenen Sprachen leben. Das muss gesehen werden. Wir brauchen endlich besser durchdachte Konzepte, die gemeinsam mit Fachleuten erarbeitet werden, nicht mit Menschen, die noch nie in einer Volksschule waren. Die Kinder haben hier andere Bedürfnisse.

Wie könnte eine Veränderung konkret aussehen?

Ich bin für die Einführung einer Gesamtschule. Das Selektieren direkt nach der Volksschule halte ich für völlig falsch. Wenn zehnjährige Kinder auf die Mittelschule gehen, statt aufs Gymnasium, stempeln wir sie ab. Oft hängen die Schulnoten auch von den Leistungen der Eltern ab. Wenn mit den Kindern ordentlich gelernt wird, schaffen sie es eher aufs Gymnasium. Mit einem Gesamtschulansatz könnten die Klassen auch besser durchmischt werden. Ein weiteres generelles Problem ist die Klassengröße. Außerdem sollten die Deutschförderklassen für Kinder, die kein Deutsch sprechen, abgeschafft werden. Dort sitzen Kinder in völlig überfüllten Klassen, um Deutsch zu lernen, wobei manche alphabetisiert sind und andere nicht. Oft sind es Flüchtlingskinder. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, weil eigenes Personal eingesetzt wird, aber bei der Klassengröße eine gute Betreuung unmöglich ist.

Kinostart AT: 19. September 2024

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