VI/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 29 Sep 2023 18:51:24 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VI/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Sylvia Rivera https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sylvia-rivera/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sylvia-rivera/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:32:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=111770 Die Trans-Aktivistin Sylvia Rivera hat die US-Lesben- und Schwulenbewegung der 1970er-Jahre entscheidend mitgeprägt. Rivera wurde 1951 in New York geboren, ihre Eltern waren Migrant:innen aus Puerto Rico und Venezuela. Sie war an der Gründung der Gay Liberation Front beteiligt und Mitgründerin der Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries zur Unterstützung obdachloser Drag Queens und trans Personen. […]]]>

Die Trans-Aktivistin Sylvia Rivera hat die US-Lesben- und Schwulenbewegung der 1970er-Jahre entscheidend mitgeprägt. Rivera wurde 1951 in New York geboren, ihre Eltern waren Migrant:innen aus Puerto Rico und Venezuela. Sie war an der Gründung der Gay Liberation Front beteiligt und Mitgründerin der Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries zur Unterstützung obdachloser Drag Queens und trans Personen. Sie selbst verließ bereits mit zehn Jahren ihr Zuhause und schlug sich wohnungslos auf den Straßen New Yorks durch. Ihr ganzes Leben lang setzte sich Sylvia Rivera für die Rechte von Schwarzen trans Personen und trans Personen of Color ein, beklagte dabei immer wieder die fehlende Solidarität mit trans Personen in der LGBTIQ-Bewegung. Bereits 1963 lernte Rivera die Schwarze Aktivistin Marsha P. Johnson kennen, an deren Seite sie an den Stonewall-Riots beteiligt war. Es heißt sogar, sie habe sie ausgelöst: Nachdem Rivera von einem Schlagstock getroffen wurde, hat sie eine Flasche auf einen Polizisten geschleudert, was zum Aufstand geführt habe. skr

]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sylvia-rivera/feed/ 0
Der Soldat im Klassenzimmer https://ansch.4lima.de/der-soldat-im-klassenzimmer/ https://ansch.4lima.de/der-soldat-im-klassenzimmer/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:31:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=111774 Die Schlagzeilen zum Lehrkräftemangel in Österreich häufen sich. Beinahe täglich gibt es Medienberichte, die zeigen, wie düster es um die Bildung hierzulande steht. Bildungspolitik war in den vergangenen Jahren bestenfalls drittrangig und so bewegen wir uns zielgenau Richtung Bildungskatastrophe. Das weiß inzwischen endlich auch die Regierung und präsentiert deshalb stolz einen Plan, wie der Lehrkräftemangel […]]]>

Die Schlagzeilen zum Lehrkräftemangel in Österreich häufen sich. Beinahe täglich gibt es Medienberichte, die zeigen, wie düster es um die Bildung hierzulande steht. Bildungspolitik war in den vergangenen Jahren bestenfalls drittrangig und so bewegen wir uns zielgenau Richtung Bildungskatastrophe.

Das weiß inzwischen endlich auch die Regierung und präsentiert deshalb stolz einen Plan, wie der Lehrkräftemangel überbrückt werden soll. Das ÖVP-geführte Bildungs- und Verteidigungsministerium hat sich mit einer besonders kreativen Idee selbst übertroffen: Soldat*innen sollen als Quereinsteiger*innen an die Schulen kommen! Damit nicht genug: Bereits seit 2018 arbeitet das Bildungsministerium ganz fleißig an neuen Lehrplänen für AHS, Neue Mittelschulen und Volksschulen. Die Reform wurde im Jänner 2023 für vollbracht erklärt und sorgt seither für jede Menge Kritik, denn: Nicht nur sollen Soldat*innen aktiv als Lehrkräfte-Ersatz an Schulen zum Einsatz kommen, die neuen Lehrpläne sehen außerdem vor, dass dem Thema „Landesverteidigung“ mehr Aufmerksamkeit im Unterricht geschenkt werden soll. Die Österreichische Hochschüler*innenschaft sowie auch die SPÖ-nahe Aktion kritischer Schüler*innen befürchten eine „Militarisierung“ des Bildungssystems. Statt Landesverteidigung in den Fokus des Schulunterrichts zu rücken und Soldat*innen in den Quereinstieg zu schicken, sollten Themen wie Klimaschutz in den Lehrplänen mehr Beachtung bekommen und die Arbeitsbedingungen für Lehrende verbessert werden, so ÖH und AKS. Ganz ähnliche Forderungen hat auch der Aktionstag Bildung erhoben (siehe Kurzinterview auf Seite 7).

Doch die Forderungen und konkreten Lösungsansätze werden beharrlich ignoriert, stattdessen wird auf reine Symptombekämpfung gesetzt. Die Prioritäten der Regierung sind klar – wer will schon Schüler*innen, die gelernt haben, sich kritisch mit Gesellschaft und Zeitgeschehen auseinanderzusetzen. Dann lieber Bundesheer und Patriotismus im Unterricht. Der Aktionstag Bildung ist ein überparteilicher Streik, dem sich verschiedenste Organisationen und Vereine aus dem Bildungsbereich angeschlossen haben, um auf den Ernst der Lage im Bildungssystem aufmerksam zu machen. Dreißig Organisationen haben bildungspolitische Forderungen ausgearbeitet, die sich in bessere Arbeits- und Lernbedingungen für Lehrkräfte und Schüler*innen zusammenfassen lassen.

Denn die großen Baustellen unseres Bildungssystems sind offensichtlich. Lehrkräfte sind mit der Klassengröße überfordert und werden mit sämtlichen psychosozialen Problemen im Schulalltag allein gelassen. Vor allem Jung­lehrer*innen bleiben wegen des stressigen Arbeitsalltags oft nicht lange an den Schulen. Die Neuanstellungen kommen den Pensionierungen nicht hinterher. Gerade MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) müssen zunehmend von Quereinsteiger*innen unterrichtet werden, weil der Mangel an qualifizierten Lehrkräften so groß ist. Und das strukturell größte Problem: Bereits nach der Volksschule wird über den weiteren Bildungsweg und -erfolg der Kinder entschieden. Die Entscheidung, ob ein Kind reif fürs Gymnasium ist oder „auf die Mittelschule muss“, erfolgt sehr häufig entlang klassistischen, rassistischen und ableistischen Diskriminierungslinien. Bildung wird in Österreich vererbt – maturieren und studieren können in erster Linie die Kinder von Eltern, die es zuvor schon durften. Migrantische und nicht-weiße Schüler*innen und Lehrkräfte beklagen sich über den Rassismus, der an Österreichs Schulen tief verwurzelt ist. So viel lässt sich vorhersagen: Marschiert das Bundesheer wie geplant auch in die Bildungseinrichtungen ein, wird das mit der rassistischen Diskriminierung dort sicher nicht besser werden.  •

]]>
https://ansch.4lima.de/der-soldat-im-klassenzimmer/feed/ 0
Neurodiversität: existiert https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/ https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:31:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=111781 Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer „Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum […]]]>

Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer

„Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum stärker verwendet wird.“ Hartl berät bei „8ung“ neurodivergente Menschen. „Neurodiversität ist eine Bereicherung für die Gesellschaft. Manche dieser neurologischen Varianten bringen aber für die Menschen, die davon betroffen sind, große Schwierigkeiten mit sich.“

Neurologische Vielfalt anerkennen. Laut aktuellen Studien sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent. Der Begriff kommt aus der Community: Die mehrfach neurodivergente Neurodiversitäts-Aktivistin Kassiane Asasumasu hat ihn im Jahr 2000 geprägt. Er soll alle Menschen inkludieren, die neurologisch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, also nicht neurotypisch sind. Darunter fallen beispielsweise Autist*innen, Menschen mit ADHS, Dyslexie, Tourette, Epilepsie, Parkinson oder psychischen Erkrankungen. Die Bandbreite neurodivergenter Menschen ist groß, es können unterschiedliche Charakteristiken, Erfahrungen und Bedarfe im Vordergrund stehen. Manche neurodivergente Menschen benötigen viel Unterstützung im Alltag, andere können sich stärker anpassen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Barrieren stoßen in einer neurotypischen Welt, die mit ihren Anforderungen, Erwartungshaltungen und Sinneseindrücken für neurodivergente Menschen oft sehr herausfordernd ist. Seit den 1990er-Jahren kämpft die von Autist*innen initiierte Neurodiversitäts-Bewegung für die Rechte von behinderten Menschen, für Entstigmatisierung, Antidiskriminierung und Gleichberechtigung, für das Anerkennen neurologischer Vielfalt. Den Begriff „Neurodiversity“ hat vor 25 Jahren die Autistin und Soziologin Judy Singer eingeführt. ­Mittlerweile sind neurodivergente Personen sichtbarer geworden: in den Medien ebenso wie in der Forschung. Promis wie Paris Hilton oder Hannah Gadsby haben sich als neurodivergent geoutet. Auf Instagram und TikTok klären Aktivist*innen darüber auf, was es bedeutet, mit ADHS zu leben oder autistisch zu sein. Manche Elternteile erfahren durch die Autismus- oder ADHS-Diagnose ihres Kindes, dass sie selbst ebenso in diese Spektren fallen: Autismus und ADHS haben eine starke genetische Komponente.

Sexistischer Bias. Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-​Diagnosen insbesondere bei ­Frauen. Ging man in der geschlechtlich binären Forschung bislang von einer Geschlechtsverteilung von 4:1 aus, so ist mittlerweile klar: Autismus und ADHS waren bei Mädchen/Frauen unterdiagnostiziert, und das lange vorherrschende weiße, männliche Bild von ADHS und Autismus – „der Zappelphilipp“, „der empathielose Autist“ – hat die Realität noch nie adäquat beschrieben. „Gerade bei Frauen ist es wichtig, genau hinzuschauen“, sagt Hartl. „Es gibt immer noch viele Fachleute, die auf neurodivergente Menschen spezialisiert sind, aber bei bestimmten Charakteristiken ADHS oder Autismus ausschließen.“ Jahrzehntelang hatte die Autismus- und ADHS-Forschung vorwiegend Männer im Blick, wodurch auch die Diagnosekriterien einen Bias haben. Autist*innen und Menschen mit ADHS, deren Charakteristiken sich anders zeigen bzw. die sich stark an eine neurotypische Welt anpassen, werden dadurch oft erst spät diagnostiziert.

ADHS. Lia S. hat lange ausgeschlossen, ADHS zu haben. Als sie ihre Psychiaterin eines Tages fragte, ob sie sich auf ADHS testen lassen würde, war S. bereits Ende dreißig. Erst dann habe sie nachgelesen, wie unterschiedlich sich ADHS bei Frauen zeigen kann, erzählt Lia S. ADHS steht für eine „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. Als klassische Charakteristiken gelten Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, doch diese können sich bei jeder Person unterschiedlich zeigen und im Laufe des Lebens verändern. Menschen mit ADHS können in Bereichen wie Zeitmanagement, Aufmerksamkeitsdauer oder Handlungsdurchführung eingeschränkt sein, wissen das jedoch vor der Diagnose nicht und suchen oft die Schuld bei sich – hören sie doch auch von ihrem Umfeld, sie müssten sich nur mehr anstrengen, dann ginge das schon. Laut Studien zeigt sich ADHS bei Mädchen bzw. Frauen oft ohne die klassisch nach außen gerichtete Hyper­aktivität, wodurch sie weniger auffallen. So auch bei Lia S. „Ich bin sehr intelligent, sprachlich begabt, verstehe schwierige ­Theorien“, erzählt S. „Gleichzeitig bin ich in meinem Leben immer hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben. In der Schule war ich in manchen Fächern die Beste, in anderen bin ich durchgefallen.“

Lia S. heißt in Wirklichkeit anders. Da ADHS so negativ besetzt sei, habe sie nur ihren engsten Freund*innen von ihrer ADHS-Dia­gnose erzählt. Entgegen der Vorurteile seien aber viele Menschen mit ADHS sehr sensibel und feinfühlig, kreativ und begeisterungsfähig. Wer so viel Input bekomme, könne auch viel Output geben und für andere da sein, habe im Berufsleben gute Ideen und wertvolle Kontakte. „ADHS ist wie ein Karussell, 500.000 Gedanken auf einmal“, sagt Lia S. „Ganz ADHS-klassisch ist bei mir zum Beispiel, dass ich nie etwas fertigbringen kann. Ich fange viele Dinge an, weil mir die Konzentration auf nur eine Sache fehlt, die kann mein Hirn nicht herstellen. Außer, wenn ich im Hyperfokus bin: Dann konzentriere ich mich nur noch darauf, arbeite stundenlang an einem Text.“ Aber: „Ich priorisiere dann falsch, weil ich den einen Anruf, der nur drei Minuten gedauert hätte und der heute dringend gewesen wäre, nicht mache.“ Auch Ordnung falle ihr schwer – in der Wohnung, in der Organisation von Aufgaben, generell im Leben. Sie verliere schnell die Geduld, werde leicht wütend, vor allem auf sich selbst, erzählt S. Anders als bei vielen Menschen mit ADHS sei das Halten von Freundschaften für sie aber kein Problem – im Gegenteil, sie brauche viel Input von verschiedenen Menschen und habe auffallend viele Freundschaften. „Ich habe viel Energie und schaffe sehr viel. Aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo ich zusammenfalle – typisch für ADHS. Dass man sich letztlich wieder verkalkuliert und über seine eigenen Grenzen geht.“

Verschränkungen. Menschen mit ADHS und Autist*innen bekommen oft eine Reihe anderer Diagnosen, bevor sie erfahren, dass sie (auch) neurodivergent sind: Depression, Angststörung, Borderline. Selbst wenn diese Diagnosen korrekt sein sollten – oft genug sind sie es nicht – erklären sie nur einen Teil der individuellen Schwierigkeiten. Lia S. lebt schon lange mit Depressionen, die auch durch Antidepressiva nicht besser wurden. „Bei mir sind Trauma, ADHS und Depression miteinander verschränkt. Es kann sein, dass meine Depression besser wird, weil ich nun weiß, dass ich ADHS habe. Dadurch kann ich einfacher zugeben, dass ich in manchen Bereichen konkrete Unterstützung benötige“, erzählt S. „Oft heißt es, ADHS sei eine Modediagnose. Aber es geht darum, dass man etwas verbessern will.“ Für S. ist es wichtig, mit dem Konzept von Neurodiversität alle Menschen, deren Gehirne ganz unterschiedlich funktionieren, zu inkludieren. Gleichzeitig sieht sie für ihr eigenes Leben den Begriff der „Störung“ ebenso als passend: „Ich fühle mich in meinem Leben durch ADHS gestört, mein Leben ist ein Wahnsinn, es ist mir oft zu viel.“ Genauso wie bei ihrer körperlichen Behinderung gelte auch für ADHS: „Ich will das nicht wegwischen und so tun, als wäre es ganz normal – es gibt Menschen, die leben mit nichts von alldem. Ich will die Besonderheit, damit zu leben, differenzieren können.“
Es gibt viele Überlappungen unter neurodivergenten Gruppen und mit weiteren Minderheiten: Beispielsweise haben Menschen mit ADHS häufig auch Tics, Dyslexie oder Dyspraxie (motorische Schwierigkeiten); Autist*innen haben öfter Dyspraxie als Nicht-Autist*innen; auch Dyslexie und Dyskalkulie (Schwierigkeiten beim Rechnen) treten oft gemeinsam auf. Autist*innen sind häufiger trans/nicht-binär/agender, lesbisch, schwul, bi- oder asexuell als Nicht-Autist*innen – auch dazu gibt es ­mittlerweile Studien, wenn auch noch keine Erklärung. Eine Hypothese ist, dass sich queere und neurodivergente Personen weniger an sozialen Normen orientieren. Nicht nur die heteronormative Welt kann gequeert werden, sondern auch die neurotypische, so Nick Walker. Die queere, autistische Psychologin verwendet dafür den Begriff „neuroqueer(en)“ – ein Konzept, das Praxis und Identität gleichermaßen sein kann.

Autismus. Fünfzig bis siebzig Prozent der Autist*innen haben ADHS. Imoan Kinshasa hat beide Diagnosen spät und nach vielen ­Fehldiagnosen bekommen. „Ich bin ultragut in medizinischen Sachen, das ist mein Spezialinteresse. Aber als Frau wird das nicht als Spezialinteresse erkannt“, erzählt die angehende Krankenschwester. Studien zeigen neben dem sexistischen Bias in der Autismus- und ADHS-Diagnostik auch einen rassistischen Bias: Schwarze Menschen, indigene Menschen und People of Color sind unterdiagnostiziert. „Schwarz zu sein, macht es nicht einfacher, als neurodivergent diagnostiziert zu werden. Wenn schon die blonde, blauäugige, konventionelle Durchschnittsfrau keine Diagnose bekommt – was soll ich dann machen, ich habe erst recht keine bekommen“, berichtet Kinshasa. Im Rückblick sei Autismus bereits in ihren Schulzeugnissen sichtbar, doch erst durch TikTok-Videos von Autist*innen habe sie verstanden: „Das bin doch ich, ich mache das auch so.“ Autismus ist ein Spektrum: Bereiche wie Kommunikation, Verhaltensweisen, Wahrnehmung und Interessen können bei jeder autistischen Person unterschiedlich ausgeprägt sein. So unterschiedlich, dass Autist*innen gern die Aussage zitieren: „Kennst du eine autistische Person, dann kennst du eine autistische Person.“ „Autismus macht mich in Bereichen wie der Kommunikation schwach, oder es stört mich gerade ein bestimmter Stoff auf der Haut und lenkt mich ab. Aber in vielen Bereichen macht mich Autismus stärker: Ich sehe Details und erkenne Muster, die andere nicht sehen. Ich höre sehr gut zu. Ich kann Aufgaben superschnell und perfekt erledigen. Aber ich muss mich vielleicht zwei Wochen auf ein Telefonat vorbereiten. Das macht niemanden besser oder schlechter, sondern einfach anders. Und ich finde, das ist zu akzeptieren“, sagt Imoan Kinshasa. Doch autistische Menschen würden oft unterschätzt. Sie selbst habe früher Ableismus internalisiert und dachte, sie könne als Autistin mit ADHS nicht als Krankenschwester arbeiten. „Aber gerade in der Medizin ist es hilfreich, dass ich in einem bestimmten Ablauf keinen Punkt auslasse. Die Protokolle habe ich alle im Kopf.“ Schwierig sei aber oft, soziale Kontexte zu verstehen, was zu Missverständnissen führt.

Barrieren abbauen. „Wenn ich anderen sage, dass ich autistisch bin und ADHS habe, ist das kein Grund, mich zu bemitleiden. Es ist kein Krebs im Endstadium. Es ist nur ein Hinweis, dass man überlegt, wie man mit mir umgeht. Dass man zum Beispiel bei Aktivitäten überlegt, warum ich nicht bei der Gruppe sitze und sagt: Das ist okay, sie braucht ihre Pause, sie ist Autistin“, so Imoan Kinshasa. Seit der Diagnose sei sie ein freierer Mensch, müsse weniger maskieren, sich also weniger an neurotypische Menschen anpassen. Auch Michaela Hartl erlebt in ihrer Praxis, dass die meisten nach ihrer Diagnose erleichtert sind. Viele ihrer Klient*innen hätten durch die Anstrengung, im System zu funktionieren, und durch das oft jahrzehntelange Maskieren ein autistisches oder ADHS-Burnout. Ihr Rat: „Es geht nicht darum, einen Menschen zum Beispiel mit allen anderen Autist*innen in eine Autismus-Schublade zu stecken. Sondern zu fragen, was anderen Autist*innen geholfen hat, sich besser entfalten zu können.“ •

Bettina Enzenhofer schreibt als freie Journalistin über Gesundheitsthemen und hat das feministische Online-Gesundheitsmagazin Our Bodies gegründet: ourbodies.at

]]>
https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/feed/ 0
neuland: hidden playlist https://ansch.4lima.de/neuland-hidden-playlist/ https://ansch.4lima.de/neuland-hidden-playlist/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:30:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=111784 Illustration: Sabrina WegererAls Teenager ist einem alles peinlich. Die Eltern zum Beispiel, wenn der Vater am Strand einen Badeslip trägt, statt – wie alle anderen Männer – Badeshorts. Auch das eigene Aussehen war mir lange unangenehm, ein Klassiker der Teenagerprobleme. In meinem Fall gehörte aber auch die Musik dazu, die ich in der Öffentlichkeit nur heimlich hörte. […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Als Teenager ist einem alles peinlich. Die Eltern zum Beispiel, wenn der Vater am Strand einen Badeslip trägt, statt – wie alle anderen Männer – Badeshorts. Auch das eigene Aussehen war mir lange unangenehm, ein Klassiker der Teenagerprobleme.

In meinem Fall gehörte aber auch die Musik dazu, die ich in der Öffentlichkeit nur heimlich hörte. In Dauerschleife klang aus meinen Kopfhörern Pop aus Tokyo und Seoul – aber wehe, jemand bekam davon Wind. Sobald ich in die Nähe des Schulhofs kam, drehte ich die Musik leise.

Zehn Jahre später könnte ich mich fragen, was meine Musik von jener der anderen unterschied, doch die Antwort liegt auf der Hand: sehr wenig. Ich hörte japanische Singer-Songwriter, die ein Liebeslied nach dem anderen raushauten, sie waren Japans Taylor Swifts und ­Rihannas. Ich hörte koreanische Männerbands, die in ihren Musik­videos Tänze aufführten, und reiste bis nach Paris, um auf ihren Konzerten zu kreischen – wie es andere bei Coldplay taten. Aber alles, was nicht der amerikanischen oder deutschen Mainstreamproduktion angehörte, wurde bespöttelt. Und das wollte ich in der Schule um jeden Preis vermeiden: Ich hatte keine Lust, den Stempel der Außenseiterin zu haben.

Seit meinem Schulabschluss sind zehn Jahre vergangen, ein bisschen ist ost-asiatischer Kitsch auch in Europa angekommen. Angefangen mit „Gangnam Style“ hat koreanische Popmusik auch dank TikTok an Popularität gewonnen, ganz vorn mit dabei sind BTS und Blackpink. Wirklich Mainstream ist ihre Musik in Europa trotzdem nicht. Heartthrobs sind Jungs wie jene von BTS für die meisten auch nicht, dafür sind sie für nicht-asiatische Augen nicht „männlich genug“ – als gäbe es eine globale Definition der Männlichkeit. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, auch beim Pop. Aber nicht, wenn der Unterschied lediglich in Sprache und Aussehen liegt.

Shoko Bethke ist Kolumnistin von neuland und Nachrichtenchefin bei der taz Tageszeitung. Außerdem schreibt sie als freie Autorin für weitere Medien.

]]>
https://ansch.4lima.de/neuland-hidden-playlist/feed/ 0
BATTY… gaga https://ansch.4lima.de/batty-gaga/ https://ansch.4lima.de/batty-gaga/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:29:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=111794 ]]> ]]> https://ansch.4lima.de/batty-gaga/feed/ 0 Plastik-Hype https://ansch.4lima.de/plastik-hype/ https://ansch.4lima.de/plastik-hype/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:29:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=111800 An „Barbie“ kommt aktuell niemand vorbei: Schon jetzt ist der Blockbuster an den Kinokassen der erfolgreichste Film einer Regisseurin aller Zeiten. Aber ist „Barbie“ auch feministisch? Lea Susemichel und Brigitte Theißl, die beiden leitenden an.schläge-Redakteurinnen, sind sich da nicht einig. Okay, mal ehrlich: Dass „Barbie“ ein mit 145 Millionen Dollar aufgepumpter Werbefilm für Mattel ist, […]]]>

An „Barbie“ kommt aktuell niemand vorbei: Schon jetzt ist der Blockbuster an den Kinokassen der erfolgreichste Film einer Regisseurin aller Zeiten. Aber ist „Barbie“ auch feministisch? Lea Susemichel und Brigitte Theißl, die beiden leitenden an.schläge-Redakteurinnen, sind sich da nicht einig.

Okay, mal ehrlich: Dass „Barbie“ ein mit 145 Millionen Dollar aufgepumpter Werbefilm für Mattel ist, lässt sich nicht einfach beiseite wischen. Ein Barbie-Drama in Spielfilmlänge, das die Kritik an der normschönen Plastikwelt gleich mitliefert – so gerissen spielt der Late-Stage Capitalism seine Trümpfe aus. „Barbie – The Movie“ hätte aber auch so ausfallen können, wie es sich die zornig schäumenden Fundis (Männerhass! Feministisches Propagandawerk!) wünschen: Eine öde Barbie-Reise durchs Wunderland, die auf ein Traualtar-Finale vor der Kulisse des Malibu Beach hinausläuft.
Was Produzentin Margot Robbie und Regisseurin Greta Gerwig da abgeliefert haben, ist aber tatsächlich ein feministischer Film, eine mal zuckersüße, mal beißende Satire – für ein erwachsenes Publikum. In Barbieland herrscht eine Art Matriarchat, Barbies werkeln auf der Baustelle und im Oval Office, Accessoire Ken bekommt erst durch Barbies Blick Relevanz – und muss sich im Alltag mit, nun ja, „Beach“ ­begnügen. Seine Emanzipation hin zur eigenständigen Persönlichkeit punktet mit Musical-Einlage und einer ganzen Palette an popkulturellen Referenzen, Abrechnung mit der Incel-Macker-Online-Welt inklusive.

Aus dem gewaltigen Budget hat Gerwig definitiv das Beste rausgeholt, den Oscar für die beste Ausstattung dürften die Macher:innen wohl schon fix in der Tasche haben. Herausragend machen Gerwigs Filme aber wie so oft ein ganz banaler Umstand. Die Regisseurin schafft es doch tatsächlich, ebenso spannende wie herzerwärmende Geschichten über Frauen (und ihre Freundinnen) zu erzählen und kommt dabei ganz ohne die ewige Suche nach dem (Hetero-)Liebesglück aus – im Hollywood der 2020er-Jahre immer noch erschreckend revolutionär. Wenn America Ferrera alias Gloria in ihrem jetzt schon berühmten Monolog übers Frausein bei Kinobesucherinnen für feuchte Augen sorgt, mag das im Großen und Ganzen ein neoliberaler Feminismus sein, den Barbie uns da verkauft. Vielleicht sollten wir von einem „Barbie“-Blockbuster aber auch keine Revolution erwarten. Sondern es einfach feiern, dass verdammt viele Frauen sich durch diesen Film offenbar gesehen fühlen. Brigitte Theißl

_____________________________________________

Barbie ist böse. Punkt. Meine Mutter weigerte sich nicht nur kategorisch, mir eine zu kaufen, sondern entsorgte auch das Weihnachtspaket meiner Tante Ruth aus Kalifornien – darin eine Crystal-Barbie im Leuchtkleid – ohne mit der Wimper zu zucken. Ich habe diese Familien­tradition eiskalt fortgesetzt. Meine Tochter hat sich vielleicht nur deshalb nie für Barbies interessiert, weil sie sich sicher sein konnte, dass sie sich nichts eingehandelt hätte als oldschool-radikalfeministische Empörung über Körpermaße, mit denen ein Mensch gar nicht lebensfähig wäre. Bei Barbie bin ich so militant wie meine Mama.

Popfeministische Subversionssehnsüchte my ass! Kinder können nicht mit ironischer Distanz mit Barbies spielen. Sie können sie vollkritzeln und ihnen Beine ausreißen, an Herz und Hirn wird ihnen das blonde Plastik dennoch gehen.
Der Barbie-Film zeigt überdeutlich, dass Ironisierung übel nach hinten losgehen kann. Sein Erfolg wirkt eben nicht gegen die Fetischisierung der Barbie und allem, wofür das Dreamhouse in Pantone 219 steht. Er fördert diesen Fetisch gewaltig.
In der Barbie-Biografie feministischer Fans mag es die Nostalgie zärtlicher Verachtung für diesen Spielzeug gewordenen Sexismus geben. Doch im Blockbuster vereindeutigt sich die angekündigte Ambivalenz unversehens zu einer Liebeserklärung an Barbie, in der die Kritik sehr kleinlaut bleibt und am Ende Kens Krise im Mittelpunkt steht.

Selbst die urkomische Kate McKinnon als „Weird Barbie” (die übrigens soeben als neue Barbiepuppe gelauncht wurde, kannste dir nicht ausdenken) ist machtlos gegen den Fluch neoliberaler Kooptation. Der Turbokapitalismus frisst seine Kritikerinnen. Mattel kann nun also ganz zurückgelehnt selbst das feministische Abarbeiten an seinem Produkt kapitalisieren. Das Feminist-Washing bringt ihm Credibility, ohne dass der zweitgrößte Spielzeugkonzern der Welt dafür auch nur das Geringste an seiner Unternehmenspolitik ändern muss. Viele naschen dabei am Milliardengeschäft mit und verkaufen, wie das Modelabel Zara, eigene Barbie-Kollektionen. Barbie ist böse. Punkt. Lea Susemichel •

]]>
https://ansch.4lima.de/plastik-hype/feed/ 0
FILMLÖWIN https://ansch.4lima.de/filmloewin/ https://ansch.4lima.de/filmloewin/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:27:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=111803 Die FILMLÖWIN empfiehlt:„Past Lives“ Was wäre gewesen, wenn? Denken wir an eine alte, unerfüllte oder einfach durch äußere Umstände verunmöglichte Liebe zurück, lässt sich diese Frage schon mal stellen. In Celine Songs berührendem Debütfilm sind es Nora und Hae Sung, deren Leben nach der Auswanderung von Noras Familie getrennt wird. Als Zwölfjährige zieht Nora von […]]]>

Die FILMLÖWIN empfiehlt:
„Past Lives“

Was wäre gewesen, wenn? Denken wir an eine alte, unerfüllte oder einfach durch äußere Umstände verunmöglichte Liebe zurück, lässt sich diese Frage schon mal stellen. In Celine Songs berührendem Debütfilm sind es Nora und Hae Sung, deren Leben nach der Auswanderung von Noras Familie getrennt wird. Als Zwölfjährige zieht Nora von Seoul nach Toronto, erst viele Jahre später treffen die beiden online wieder aufeinander, bevor der Kontakt erneut abbricht. Doch eines Tages beschließt Hae Sung nach New York zu reisen, um seine alte Liebe wiederzusehen. Nora ist inzwischen glücklich verheiratet. Doch die Begegnung mit Hae Sung wird zu einer emotionalen Reise in die vertraute Vergangenheit. Was die meisten Geschichten zu einem Love-Triangle-Eifersuchtsdrama machen würde, inszeniert Celine Song in „Past Lives“ als offene, herzerwärmende Ausverhandlung der Gefühle aller drei Personen und ihrer sehr unterschiedlichen Positionen. Die Sensibilität seiner Figuren und ihr bedachter Umgang miteinander bildet die große Stärke des Films. Nora und ihr Mann Arthur leisten in ihrer Beziehung beide viel emotionale Arbeit. Sie nehmen Verunsicherung nicht als Schwäche wahr, sondern betrachten sie als Anlass zum offenen Gespräch und zeigen den Mut, sich gegenseitig zu vertrauen.

Bianca Rauch

]]>
https://ansch.4lima.de/filmloewin/feed/ 0
Feminismus ist alles https://ansch.4lima.de/feminismus-ist-alles/ https://ansch.4lima.de/feminismus-ist-alles/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:26:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=111778 In Kuba organisieren sich feministische Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen – trotz staatlicher Repressionen. Eine Reportage von Linda Peikert. Am Himmel über Havanna ist keine Wolke zu erkennen. Es hat über dreißig Grad im Schatten, die Straßen der kubanischen Hauptstadt sind belebt. Ein Mann steht hinter einem mobilen Gemüsestand und verkauft Tomaten. Der Bäcker hat […]]]>

In Kuba organisieren sich feministische Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen – trotz staatlicher Repressionen. Eine Reportage von Linda Peikert.

Am Himmel über Havanna ist keine Wolke zu erkennen. Es hat über dreißig Grad im Schatten, die Straßen der kubanischen Hauptstadt sind belebt. Ein Mann steht hinter einem mobilen Gemüsestand und verkauft Tomaten. Der Bäcker hat geschlossen. Wie meistens ab Mittag ist Brot schon ausverkauft. Eine Frau schleppt einen Reissack, eine andere, mit Kind an der Hand, ruft ihr entgegen: „Wo gab es heute Reis?“

Eine häufig gestellte Frage, denn Essen, Medikamente und andere Dinge des täglichen Lebens sind oft Mangelware. Kuba steckt in einer schweren Krise. Viele sagen, es sei die schlimmste seit den 1990er-Jahren. Erst Corona, dann eine Verschärfung US-amerikanischer Sanktionen. Und auch der Tourismus hat sich seit der Pandemie nicht wieder erholt. Viele Restaurants sind so leer wie ihre Speisekarten. Seit der Machtübernahme durch Fidel Castro sind nicht mehr so viele Menschen Richtung USA geflüchtet.

Welle an Femiziden. Damarys Benavides hat leuchtend blaue Braids und ein mitreißendes Lachen. Sie kommt gerade von einem Musikvideodreh im Zentrum von Havanna. „Durch diese Welle des Feminismus, die uns in ganz Lateinamerika erreicht hat, habe ich festgestellt, wer ich sein möchte und gesehen, was Frauen alles erreichen können“, sagt Damarys. Daraufhin habe sie angefangen, Lieder und Gedichte zu feministischen Themen zu schreiben und bei feministischen Projekten mitzuarbeiten. „Frauen werden oft als Objekte wahrgenommen. Und es liegt an uns, uns zu verteidigen“, sagt die Rapperin entschlossen. Denn das sei dringend nötig. „Wir befinden uns momentan mitten in einer Welle von Femiziden, Missbrauch und Gewalt gegen Frauen“, berichtet Damarys.

So viel Gewalt gegen Frauen hätte es bisher nicht gegeben – oder man habe es eben nicht mitbekommen, weil nicht darüber berichtet wurde. Das sei schwierig zu beurteilen, denn Presse und Fernsehen werden von der kubanischen Regierung gesteuert. Seit der Pandemie gibt es jedoch Internetanschluss auf dem Inselstaat. Mit dem Internet komme auch Vernetzung. Die Stimme von Aktivist*innen oder unabhängigen Blogger*innen würden endlich gehört. Davor konnte man zwar mit einer Art Telefonkarte an öffentlichen Plätzen mit dem Smart­phone online gehen, aber das war teuer und aufwändig.

Über Gewalt gegen Frauen und Femizide wird heute in Sozialen Medien diskutiert. In den ersten elf Wochen dieses Jahres soll es in Kuba laut der Organisation Cubalex zu 19 Femiziden gekommen sein. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher, denn es sind nur feministische Aktivist*innen, die mit Hilfe von Angehörigen und unabhängigen Journalist*innen versuchen, die selbstrecherchierten Fakten zu publizieren und mit einer Statistik zu dokumentieren. Die kubanische Regierung hingegen spielt die Gewalt im eigenen Land herunter.

Vorsichtiger Aktivismus. „Wir Feministinnen versuchen Zufluchtsorte für die Betroffenen zu schaffen, aber vor allem brauchen wir ein explizites Gesetz, das Frauen besser vor Gewalt schützt“, sagt Damarys. Sie ist überzeugt, dass viele der Gewalttaten gegen Frauen verübt werden, weil die Männer keine Konsequenzen zu fürchten hätten. Sie und ihre Genossinnen schreiben Briefe an die Regierung oder organisieren Gesprächsrunden. Doch Aktivismus wie anderswo ist in Kuba undenkbar.

Eine Demonstration anzumelden ist fast unmöglich, sogar eine Demo zum Weltfrauentag wurde nicht genehmigt. Politische Kampagnen und nichtstaatliche Organisationen, aber auch Treffen mit einer größeren Anzahl von Menschen sind in Kuba verboten. Doch Damarys glaubt dennoch an die Kraft des kubanischen Feminismus: „Es ist kein Kampf um Macht, Wirtschaft, Politik oder nur um Körper. Es geht um viel mehr: Feminismus ist alles. Wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, Frauen zu akzeptieren, das Geschlecht, das alle zur Welt bringt, wenn sie dem keinen Wert geben kann, verliert das Leben selbst an Wert“, sagt Damarys.

„Das ist gelogen“. In einer Erdgeschosswohnung in einem Wohnviertel Havannas sitzen Beatriz und Alejandra auf einem bunt gemusterten Sofa. Die zwei Freundinnen heißen eigentlich anders, aber sie haben Angst vor Repressionen durch die kubanische Regierung und möchten lieber anonym bleiben.

„Laut der kubanischen Regierung ist hier alles perfekt. In Kuba passiere Frauen nichts Schlimmes, heißt es, doch das ist gelogen“, sagt Alejandra. Die beiden Freundinnen sind um die dreißig. Lange sei ihnen beiden nicht bewusst gewesen, wie viel Gewalt es gegen Frauen in Kuba gebe. „Das Internet und Smartphones waren für uns ein Tor zur Welt“, sagt Alejandra. „Früher hatten wir weniger Angst. Wir haben nicht mitbekommen, was passiert. Das war von der Politik bestimmt so gewollt“, stimmt Beatriz zu. Seit der kubanischen ­Revolution hat sich die Situation der Frauen durchaus verbessert, räumen sie ein. Vor der Revolution haben viele Frauen als Hausangestellte gearbeitet und hatten kein Recht auf Schulbildung. Heute besuchen sie Universitäten, üben sämtliche Berufe aus. Auch die Gehälter wurden angeglichen: Gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Nach der Revolution wurden auch Schwangerschaftsabbrüche möglich, seit Mitte der 1960er sogar in staatlichen Krankenhäusern. Bereits 1960 wurde die Federación de Mujeres Cubanas gegründet, eine staatliche Organisation zur Gleichstellung und Emanzipierung der Kubanerinnen. „Aber ich sehe heute keine Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung“, kritisiert Beatriz.

Reformen. Zuletzt hat Präsident und Parteichef Miguel Díaz-Canel das kubanische Familiengesetz 2022 umfassend reformiert – als Reaktion auf den Druck feministischer und queerer Organisationen. Aber auch der Präsident selbst nannte die Reform einen überfälligen Schritt. Das neue Gesetz legalisierte nicht nur die gleichgeschlechtliche Ehe, auch Reformen beim Adoptionsrecht, die Legalisierung von Leihmutterschaft sowie künstlicher Befruchtung wurden umgesetzt. Den meisten Feministinnen reicht das jedoch längst nicht aus.
Für Beatriz und Alejandra kommt einiges zusammen: Die Gewalt gegen Frauen und Queers, aber auch die Krise, in der der Inselstaat steckt, seit sie sich erinnern können. Die Gehälter sind zu niedrig und reichen kaum für Miete und Essen. Oft leben sie von Tag zu Tag. Es fehlen Medikamente, die Regale in den Apotheken sind so leer wie die der Lebensmittelläden. „Ich habe keine Motivation mehr, in diesem Land etwas zu verändern und die Kraft aufzubringen, mich in einer feministischen Gruppe zu organisieren“, sagt Alejandra. „Ich konzentriere mich darauf, schnellstmöglich das Land zu verlassen.“

„Ich glaube dir.“ Beatriz hingegen ist in der Pandemie auf die feministische Gruppe „yo si te creo“ gestoßen. Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Ja, ich glaube dir“. Die Aktivistinnen setzen sich gegen psychische, sexuelle, physische Gewalt gegen Frauen ein. Auch diese Art der feministischen Arbeit konnte erst durch den besseren Zugang zum Internet eine breitere Öffentlichkeit erreichen.

Außerdem ist einiges in Bewegung geraten: Das oppositionelle Onlinemagazin „El Estornudo“ hat zahlreiche Zeuginnenaussagen gegen Sänger und Parteimitglied Fernando Bécquer gesammelt. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch. Wegen seines Status als Parteimitglied schien für viele eine Anzeige gegen Bécquer aussichtslos zu sein. „Ich war eine der Frauen, die ihn angezeigt haben“, sagt Beatriz. „Dieser Mann hat versucht, sich unter dem Mantel der Revolution und des Patriarchats zu verstecken, aber nicht mit uns.“ Den Schmerz darüber, was er ihr angetan hat, konnte die Anzeige nicht lindern. Aber es gebe ihre Hoffnung, dass sich Vergewaltiger in Zukunft nicht mehr in Sicherheit wiegen könnten. Bécquer wurde inzwischen zu fünf Jahren Haft verurteilt. •

Linda Peikert arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Feminismus, soziale Gerechtigkeit und Außenpolitik.

]]>
https://ansch.4lima.de/feminismus-ist-alles/feed/ 0
World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-6/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-6/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:26:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=111797 ]]>
]]>
https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-6/feed/ 0