V/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 07 Aug 2023 23:37:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Lucy Parsons https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lucy-parsons/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lucy-parsons/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:24:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=110465 Lucy Parsons (1851-1942) war eine US-amerikanische Sozialistin und Anarchistin. Obwohl sie eine der Wortführer:innen der Arbeiter:innenbewegung in den USA des 20. Jahrhunderts war, ist Parsons den meisten nur als Witwe des Anarchisten Albert Parsons bekannt. Die Aktivistin verfasste zahlreiche Zeitungsartikel, Pamphlete und Bücher, hielt Vorträge und organisierte Demonstrationen. Die Klassenfrage stand dabei immer im Zentrum […]]]>

Lucy Parsons (1851-1942) war eine US-amerikanische Sozialistin und Anarchistin. Obwohl sie eine der Wortführer:innen der Arbeiter:innenbewegung in den USA des 20. Jahrhunderts war, ist Parsons den meisten nur als Witwe des Anarchisten Albert Parsons bekannt. Die Aktivistin verfasste zahlreiche Zeitungsartikel, Pamphlete und Bücher, hielt Vorträge und organisierte Demonstrationen. Die Klassenfrage stand dabei immer im Zentrum ihrer Arbeit, Parsons solidarisierte sich stets mit wohnungslosen und migrierten Menschen. 1905 gründete sie die weltweite Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World) mit.

Obwohl Parsons als Tochter einer Schwarzen Sklavin geboren wurde, thematisierte sie die Ausbeutung afroamerikanischer Arbeiter*innen kaum. Ihre Überlegungen zur politischen Ökonomie sind dessen ungeachtet bis heute relevant. skr

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BATTY…busineis https://ansch.4lima.de/battybusineis/ https://ansch.4lima.de/battybusineis/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:19:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=110464 ]]>
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Anbaden zum Abgewöhnen https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/ https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:17:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=110381 Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth. Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, […]]]>

Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –
die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth.

Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, vorzugsweise nackt, inklusive Zurschaustellung des Genitals, wahlweise in erigiertem Zustand.

Mittwoch am späten Nachmittag: Zweieinhalb Stunden habe ich Zeit für mich, am frühen Abend muss ich zu Hause sein, um mein Kind wieder in Empfang zu nehmen. Gemeinsam mit einer Freundin will ich nur mal kurz ins Wasser hüpfen, den Sommer begrüßen, unsere Kinder sind bei ihren Vätern. Wir freuen uns über eine kurze Auszeit. Was wir hätten ahnen können: Eine Pause davon, ein sexualisiertes Objekt zu sein, ist uns nicht vergönnt.

Wir finden ein idyllisches Plätzchen gleich am Wasser. Außer uns nur eine weitere Sonnenanbeterin. Wir grüßen ihr freundlich zu, als wir in einiger Entfernung unsere Handtücher ins Gras legen, bevor wir in den See steigen.

Das Wasser reicht uns bis zum Nabel, unsere Beine werden von ein paar Pflanzen gestreichelt, das weiche Wasser der Lobau ist wärmer als gedacht und fühlt sich gut an. Zurück am Ufer, legen wir uns tropfend auf unsere Handtücher.

In unmittelbarer Nähe lässt sich ein Mann nieder, gefühlt ein bisschen nah, aber gerade nicht so nah, als dass wir ihn bitten, sich einen anderen Platz zu suchen. Schon zieht er sich nackt aus und präsentiert sich breitbeinig.

Wir üben uns darin, ihm so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken. Doch ich spüre, wie unser zuvor offenes, unbeschwertes Gespräch kippt, unsere Stimmen leiser werden, wie allmählich und unweigerlich ein Unwohlsein in uns aufsteigt, das sich genauso wenig ignorieren lässt wie der breitbeinige Typ neben uns.

„Jetzt kriegt er auch noch eine Erektion‘‘, bemerkt Lilith augenrollend und beschließt: „Komm, wir gehen!“ Sie springt auf und packt hastig ihre Sachen zusammen. Ich winde mich, in ein Handtuch gewickelt, aus meinem Badeanzug. Auch die Sonnenanbeterin hat er in die Flucht geschlagen.

„Unnötig!“, ruft Lilith in seine Richtung.
„Ein bisschen Spaß muss sein“, antwortet er.
In Windeseile hat sich mein Unwohlsein in eine bebende Wut verwandelt. Ich zittere, während ich auf einem Bein balancierend in meine Sandale schlüpfe.
„Wir sind nicht hier, damit Sie sich an uns aufgeilen!“, schreie ich ihn an. „Mein Körper gehört mir!“ Ich bin überrascht, dass mir dieser Spruch so spontan über die Lippen kommt.

Wir sitzen im Auto, atmen durch. In zwanzig Minuten müssen wir zurück in der Stadt sein, die Polizei zu rufen, geht sich nicht aus, außerdem hätten wir ihn filmen oder zumindest fotografieren müssen. Nacktbaden ist hier ja kein Strafdelikt. Nachdem ich vor ein paar Jahren am Wienerberg ähnliche Erfahrungen gemacht habe, gehe ich nicht mehr alleine baden.

Auf dem Rückweg erzählt mir Lilith von einem Vorfall sexueller Belästigung, den sie zur Anzeige gebracht hat. In einer fast leeren S-Bahn hat sich ein Typ einen runtergeholt. Als sie ihn ein paar Wochen später bei der Polizei aus einem Stapel dutzender Fotos identifiziert, sagt die Polizistin: „Ach der! Der tut nix!“

Ein bisschen Spaß darf also offenbar wirklich sein. Ich finde es allerdings gar nicht lustig, dass drei Frauen ihr erstes Badevergnügen des Jahres abbrechen müssen, weil das ein Mann spaßig findet. Noch weniger Verständnis habe ich dafür, dass die Polizei sexualisierte Gewalt, die von dem Spanner oder einem übergriffigen Typen in der S-Bahn ausgeht, als harmlose Bagatelle abtut.

Das nächste Mal, so beschließen wir auf der Heimfahrt, werden wir jeden Spanner sofort in seine Schranken weisen, sobald er uns nur einen Zentimeter zu nah kommt. I will grab him by his Spatzi. Ein bisschen Spaß muss sein. •

Laura Kroth arbeitet als Organisationsentwicklerin bei einer großen sozialen Trägerin, hat ein Kind und ist alleinerziehend. Eigentlich will sie die Revolution, ein Care-Streik scheint ihr dazu ein legitimes Mittel.

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Salzburger Herdprämie https://ansch.4lima.de/salzburger-herdpraemie/ https://ansch.4lima.de/salzburger-herdpraemie/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:16:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=110378 Trotz Überraschungserfolg der KPÖ regiert in Salzburg nun eine Koalition aus ÖVP und FPÖ – Angriffe auf Gleichstellung und reproduktive Rechte inklusive. Sophia Krauss hat bei Pamela Huck von Pro Choice Austria nachgefragt. Die Salzburger Regierung setzt auf eine rechtskonservative Frauenpolitik. Welche Inhalte finden Sie besonders alarmierend? Mit Blick auf die reproduktiven Rechte ist an […]]]>

Trotz Überraschungserfolg der KPÖ regiert in Salzburg nun eine Koalition aus ÖVP und FPÖ – Angriffe auf Gleichstellung und reproduktive Rechte inklusive. Sophia Krauss hat bei Pamela Huck von Pro Choice Austria nachgefragt.

Die Salzburger Regierung setzt auf eine rechtskonservative Frauenpolitik. Welche Inhalte finden Sie besonders alarmierend?

Mit Blick auf die reproduktiven Rechte ist an erster Stelle die geplante Kampagne zu nennen, die Adoption als „Alternative“ zum Schwangerschaftsabbruch darstellen soll. Das ist zutiefst sexistisch, stellt die Entscheidungsfähigkeit von Schwangeren in Frage und vermittelt, dass ein Abbruch etwas Schlechtes sei, für das „Alternativen“ gefunden werden müssten. Außerdem ist eine Studie vorgesehen, um die (längst erforschten) Gründe für Schwangerschaftsabbrüche zu erheben und das „Beratungsangebot anzupassen“. Hier gilt es, extrem wachsam zu sein. Derzeit ist vor einem Abbruch nur eine ärztliche Beratung vorgeschrieben. Wir müssen sicherstellen, dass psychosoziale Beratung auch in Zukunft freiwillig und anonym ist. Außerdem soll mit einer „Herdprämie“ der Verzicht auf öffentliche Kinderbetreuung abgegolten werden – ein großer Rückschritt für die finanzielle Unabhängigkeit von Müttern.

Welche Auswirkungen werden die geplanten Vorhaben auf Schwangere haben, die einen Abbruch in Salzburg durchführen wollen?

Im Detail wird es auf die konkrete Ausgestaltung der Vorhaben ankommen. Das Regierungsprogramm lässt hier viel Spielraum. Sicher ist, dass die geplanten Kampagnen den ohnehin schon hohen moralischen Druck, ungewollte Schwangerschaften fortzusetzen, weiter steigern. Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht egoistisch oder verwerflich, sondern ein normales medizinisches Verfahren, das sehr viele Menschen einmal oder mehrmals in ihrem Leben benötigen und das sie daher möglichst einfach und ohne Stigmatisierung in Anspruch nehmen können sollten.

ÖVP und FPÖ könnten laut Umfragen in Österreich auch auf Bundesebene eine Regierung bilden. Welches Signal setzt Salzburg für den Bund und wie können Feminist*innen jetzt aktiv werden?

Wer ÖVP wählt, bekommt die FPÖ dazu, das sollte spätestens jetzt allen klar sein. Außerdem ist die Strategie offenbar, reproduktive Rechte nicht pauschal anzugreifen, sondern scheibchenweise abzutragen. Als Feminist*innen müssen wir uns dessen bewusst sein und dürfen keinerlei Einschränkungen zulassen, mögen sie auch noch so klein wirken. Mehr noch: Der Status quo ist bei Weitem nicht gut genug, deshalb müssen wir einfordern, was uns beim Schwangerschaftsabbruch zusteht: flächendeckende Versorgung, volle Kostenübernahme und vollständige Entkriminalisierung.

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Wir glauben euch https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/ https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:13:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=110379 Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und […]]]>

Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und gab damit auch anderen mutmaßlich Betroffenen eine Stimme.

Die Vorwürfe gegen die Band, ihr Umfeld und besonders Lindemann wiegen schwer: Bei Konzerten der Band sollen Mitarbeiter*innen zahlreiche junge Frauen gezielt für Sex mit Lindemann rekrutiert haben. Auch Drogen oder K.O.-Tropfen könnten im Spiel gewesen sein, was Lindemanns Anwälte in einer Aussendung als „ausnahmslos unwahr“ bezeichnen. Die Berichte über nicht-konsensuale sexuelle Handlungen häufen sich.

Misogyne Inhalte hat Lindemann zumindest in den vergangenen Jahren ganz offen publiziert. Gedichte über einen Ich-Erzähler, der sich an schlafenden Frauen vergeht, ihnen Rohypnol in ihren Wein tropft, „kein Erbarmen“ hat, wenn diese „leise ‚Nein’ hauchten“.

In einem seiner Musikvideos schleppt Tillmann bewusstlose Frauen durch Backstagebereiche und singt dazu „alle Frauen, alles meins“, in sein Werk reiht sich auch ein gewalttätiger Porno ein, in dem offenbar keine professionellen Pornodarstellerinnen zu sehen sind. Mit Frauen könne er nur befreundet sein, wenn er sie vorher „gepoppt“ habe, erzählte er dem „Playboy“. Die Aufführung seines nicht-jugendfreien Solo-Projekts „Lindemann“ im Februar 2020 im Wiener Gasometer beendete Lindemann mit dem Screening eines Clips, der den Musiker zeigt, wie er in einen Raum unter der Bühne verschwindet und dort groben Sex mit zwei jungen Frauen hat – unterlegt mit komödiantisch anmutender Klaviermusik.

Auch wenn bisher Lindemann im Zentrum der Berichterstattung steht, ist klar, dass eine ganze Maschinerie dieses System am Laufen gehalten haben muss. Von Streit um eine Frau mit Gitarrist Kruspe berichtet etwa der „Spiegel“, von Backstage-Assistenten und der „Schlampenparade“, wie die zum Teil gerade einmal 18-Jährigen intern genannt würden. Dass die Frauen Backstage eingeschüchtert und unter Druck gesetzt würden, davon erzählte auch Influencerin Kayla Shyx auf YouTube.

Die Berichterstattung setzte aber auch eine andere, allzu bekannte Maschinerie in Gang: Tagelang versuchten Menschen, Shelby Lynn als psychisch krank darzustellen und ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, viele traumatisierte Betroffene vertrauen sich nur anonym Reporter*innen an – aus Angst vor der Welle an Aggression, die sonst über sie hereinbrechen würde. Statt Verantwortung zu übernehmen, engagierte Rammstein die Anwaltskanzlei Schertz-Bergmann, die schon den wegen sexualisierter Gewalt angezeigten Comedian Luke Mockridge vertrat und nun Klagsdrohungen verteilt.

Was der Begriff Rape Culture meint, demonstrieren indes jene Kommentator*innen, die sich auf Selbstverantwortung von Betroffenen berufen. Wer Backstage zu Rammstein gehe, müsse schon wissen, worauf sie sich da einlasse. Sexualisierte Gewalt, die zum größten Teil von cis Männern ausgeht, in einer diskursiven Verdrehung zu einem Frauenproblem zu machen, ist eine zentrale Strategie des Patriarchats. Sie beschämt Betroffene und bildet das Schmieröl in einem System, das Täter schützt.

Entsprechend entspannt zeigt sich auch Till Lindemann, der beim Konzert in München Anfang Juni sagte, auch dieses Unwetter werde vorbeiziehen. Vielleicht hat er recht. Standing Ovations für Johnny Depp in Cannes, Comeback-Pläne von Marilyn Manson und Musiker, die K.O.-Tropfen auf der Bühne verwitzeln und unter dem Deckmantel der Provokation männliche Gewalt feiern, schüren wenig Hoffnung auf nachhaltige Änderungen. Auch im patriarchal-kapitalistisch geprägten Musikbusiness zählt am Ende vor allem eines: Cash. Marken wie Rammstein sind geradezu Gelddruckmaschinen.

Und doch: Der Widerstand gegen ein patriarchales System des Machtmissbrauchs ist nicht mehr aufzuhalten. Dutzende Investigativ-Journalist*innen arbeiten noch immer am Fall, viele von ihnen akribisch und unter strenger Einhaltung des Opferschutzes. Feminist*innen solidarisieren sich und schicken jene Botschaft an Betroffene, die es so dringend braucht: Wir glauben euch. Rammstein mag nur ein Fall in einem System sein, das Machtmissbrauch und misogyne Übergriffe normalisiert. Doch mit jedem neuen Fall wird es schwieriger, ihm ein bloßes Schulterzucken entgegenzusetzen. Der Mut von Shelby Lynn kann dafür als Symbol gelesen werden. •

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Dauerbrenner Körper https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerper/ https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerper/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:10:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=110376 Die intensive Beschäftigung mit dem Körper ist etwas, das sich für mich schon länger mehr nach Belastung als nach Befreiung anfühlt. Mindestens aber langweilt und ermüdet es mich. Egal ob im negativen (#bodyshaming) oder im positiven Sinne (#bodypositivity), ich will einfach, dass der Körper, mein Körper, unsere Körper keine so zentrale Rolle spielen. Im Gegenteil, […]]]>

Die intensive Beschäftigung mit dem Körper ist etwas, das sich für mich schon länger mehr nach Belastung als nach Befreiung anfühlt. Mindestens aber langweilt und ermüdet es mich. Egal ob im negativen (#bodyshaming) oder im positiven Sinne (#bodypositivity), ich will einfach, dass der Körper, mein Körper, unsere Körper keine so zentrale Rolle spielen. Im Gegenteil, ich will, dass es scheißegal ist, wie mein Körper aussieht.

Die Überbetonung des Körpers und all dessen, was er ist, nicht ist, was er erlebt, wie er sein kann, soll oder darf, in queeren, feministischen, aktivistischen, künstlerischen und akademischen Kreisen, ist das andere Ende des Pendulums der Hyper­fixierung auf den zu reglementierenden Körper in Unterdrückungssystemen. Wann pendeln wir uns ein und entspannen uns in neutraler Gleichmut?

Ehrlich, Leute, ich will nicht ständig meinen Körper oder die von anderen thematisieren. Erst recht nicht will ich dauernd darüber reden, wie unterdrückt wir alle sind. Ich will mich nicht selbst kleinhalten, mich auf meinen Körper und meine Diskriminierungserfahrungen reduzieren. Und ich will nicht, dass andere das mit mir tun. Weil es einengend ist, fad – und auch belastend. Aber egal, wie sehr ich versuche, dagegen zu steuern: Dem zu entkommen, ist schwer. Vor 15 Jahren, als ich mich als Künstlerin am eigenen Leib mit diesen Themen auseinandersetzte, hat sich niemand für meine Arbeit interessiert.

Heute interessiert sich niemand für meine anderen Themen. Nahezu alle Buchungsanfragen, die ich erhalte, egal ob für Vorträge, Workshops, Performances, Ausstellungen, Interviews, Filme – alle wollen, dass ich mich über Körperideale, Schönheit und Dickendiskriminierung äußere. Mediale Aufmerksamkeit, z. B. auf Instagram, erhalte ich auch von Menschen, die mich persönlich kennen und/oder mir seit Jahren folgen, oft nur dann, wenn ich meinen (nackten) Körper poste. Für all meine anderen Beiträge drückt kaum wer ein Like ab.

Ich bin also weiterhin mein Körper und werde dafür gehasst oder gefeiert. Die glückliche Gleichmut, sie bleibt ein Traum.

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien.

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Ein bisschen Regenbogen https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-regenbogen/ https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-regenbogen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:08:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=110368 Im Netz tobt eine Debatte um sogenanntes „Queerbaiting“. Die Kritik an der schnöden Marketingstrategie ist mehr als angebracht – den Begriff inflationär zu verwenden, kann aber nach hinten losgehen. Von Brigitte Theißl. Zwischen Jane Rizzoli und Maura Isles stimmt die Chemie. Die schlagfertige Kommissarin und die Gerichtsmedizinerin aus einer Bostoner Upper-Class-Familie bilden in der US-amerikanischen […]]]>

Im Netz tobt eine Debatte um sogenanntes „Queerbaiting“. Die Kritik an der schnöden Marketingstrategie ist mehr als angebracht – den Begriff inflationär zu verwenden, kann aber nach hinten losgehen. Von Brigitte Theißl.

Zwischen Jane Rizzoli und Maura Isles stimmt die Chemie. Die schlagfertige Kommissarin und die Gerichtsmedizinerin aus einer Bostoner Upper-Class-Familie bilden in der US-amerikanischen Krimi-Serie ein weibliches Buddy-Team, wie es im TV immer noch selten zu sehen ist. „Rizzoli & Isles“ ist aber auch auf jener Liste zu finden, die besonders unverschämte Beispiele von Queerbaiting auflistet. Der Begriff, der sich ab 2010 im Netz verbreitete, kritisiert vorrangig eine Marketingstrategie. So werden etwa in Serien queere Charaktere oder Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg angedeutet und damit ein queeres – zahlungskräftiges – Publikum vor die Bildschirme gelockt. Das erzählerische Versprechen bleibt jedoch ein leeres. Mehr noch: Konkret darauf angesprochen verwitzeln Darstellerinnen oder Produzentinnen das queere Marketing sogar oder weisen entsprechende Spekulationen strikt zurück. So auch bei „Rizzoli & Isles“, die auf einem Werbeposter spielerisch mit Handschellen aneinander gekettet zu sehen waren – Showrunner Janet Tamaro zeigte sich in Interviews hingegen „amüsiert“ über die „Lesben-Theorie“.

Queere Vorbilder. Mit dem Start von Netflix und anderen Streaming-Plattformen ist die Anzahl queerer Charaktere in Serien inzwischen geradezu explodiert. Fans müssen sich nicht länger mit zaghaft angedeuteter Zuneigung oder queeren Charakteren begnügen, die kurz nach ihrem Auftauchen ein tragisches Schicksal ereilt. Autor*innen entwerfen vielmehr komplexe Geschichten und würdigen queere Beziehungen in allen ihren Facetten. „Es braucht dringend Sichtbarkeit für queere Lebensrealitäten, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene, die mitten in ihrer Identitätsfindung stecken“, sagt Anton Cornelia Wittmann von der HOSI Salzburg. Wittmann ist in der regionalen Jugendarbeit aktiv und weiß, wie schwierig es für viele queere Jugendliche ist, ein positives Selbstbild zu entwickeln. „‚Schwul‘ ist immer noch ein mächtiges Schimpfwort“, sagt Wittmann im an.schläge-Gespräch. Umso wichtiger sei es, dass Medien nicht auf überzeichnete und stereotype Darstellungen zurückgreifen, sondern queere Charaktere in all ihrer Vielfalt zeigen.

Eine Partnerin für Elsa. Trotz aktueller Erfolgsserien wie „Euphoria“ (siehe S. 16) ist die Debatte um Queerbaiting keineswegs verschwunden. So steht etwa der Disney-Konzern ganz besonders in der Kritik: Seine weltweit vermarkteten Superheld*innen-Blockbuster kommen gänzlich ohne queere Charaktere aus, aber in Animationsfilmen wie „Luca“ und „Frozen“ werde Queerbaiting betrieben.
Elsa, Heldin der „Frozen“-Reihe, inspiriert nicht nur Buben dazu, im Prinzessinnenkleid den Kinder-Superhit „Let it go“ zu schmettern, Elsa wird auch als queere Figur gefeiert. Und das, obwohl sie in „Frozen“ schlicht kein Interesse an Liebesbeziehungen zeigt. Dass sie aber auch nicht offen hetero ist, lässt Raum, sich einen ersten lesbischen Disney-Charakter zu entwerfen. 2016 trendete der Hashtag #GiveElsaaGirlfriend auf Twitter – erfolglos: Das erhoffte Coming-out blieb in „Frozen 2“ aus. Millioneneinnahmen stünden für den Disney-Konzern, der seine Filme auch in autoritären Staaten wie China verkaufen will, immer an erster Stelle, so Kritiker*innen. Dass die Konzernverantwortlichen sich zu politischen Statements durchringen können, zeigt aktuell die öffentliche Schlacht zwischen Disney und Gouverneur Ron DeSantis. Disney hatte das menschenverachtende „Don’t say gay“-Gesetz in Florida kritisiert, das Schulunterricht über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität verbietet.

Gatekeeping. Der Vorwurf des Queerbaitings beschränkt sich indes nicht auf fiktionale Figuren, er trifft auch ganz reale Popstars. Als Billie Eilish sich in ihrem Video zu „Lost Cause“ mit mehreren jungen Frauen auf dem Bett räkelte und auf Instagram ein Posting mit der Caption „I love girls“ versah, debattierten Fans, ob dies als Coming-out des Superstars zu lesen sei oder Eilish schamloses Queerbaiting betreibe. Doch Künstler*innen Queerbaiting zu unterstellen, sei gefährlich und eine neue Art des Gatekeepings, entgegnen Kritiker*innen. Immer mehr junge Menschen würden ihr Geschlecht und ihre sexuelle Identität als fluid erleben – ihnen ein Label aufzuzwingen, schränke sie dabei ein. Auftritte von Billie Eilish oder Taylor Swift heben sich zudem klar von der Fetischisierung lesbischer Sexulität für den männlichen Blick ab, die in den Nuller-Jahren noch fröhlich zelebriert wurde. So inszenierte sich das russische Duo t.A.T.u. in seiner Hit-Single „All the things she said“ als lesbisches Paar im Schulmädchen-Outfit, Sängerin Julia Volkova fiel wenig später mit homofeindlichen Aussagen im russischen TV auf. Ebenso für Aufregung sorgte der Kuss zwischen Madonna und Britney Spears bei den MTV-Awards 2003, der Saalgäste wie Justin Timberlake sichtlich („sexy!“) begeisterte.

Alle lieben Harry. Im Mittelpunkt heftiger Queerbaiting-Debatten stand zuletzt auch ein weiterer Superstar der Generation Z: Harry Styles. Das ehemalige One-Direction-Mitglied hat sichtlich Freude daran, mit seinen Outfits Geschlechtergrenzen zu verwischen, Styles tritt mit Perlohrring und als Meerjungfrau auf und war als erster Mann solo auf dem Cover der Vogue zu sehen – im bodenlangen Kleid. Wer nach Informationen zu seiner sexuellen Orientierung sucht, findet online nicht bloß versprengte Spekulationen, sondern Stunden an Videomaterial. Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Als sich 2010 die Casting-Boyband One Direction gründete, dichteten Fans Styles und seinem Bandkollegen Louis Tomlison eine heimliche Liebesbeziehung an: Fan Fiction, die sich zu einer aggressiven Verschwörungstheorie namens Larry Stylinson auswuchs und deren Anhänger („Larries“) noch heute aktiv sind. Während Tomlison die unterstellte Beziehung stets abstritt und negative Auswirkungen auf die Beziehung zu seiner Freundin beklagte, äußerte sich Harry Styles nie dazu. Auf seinen Solo-Konzerten schwingt Styles häufig die Pride-Flagge, im 2022 erschienenen Film „My Policeman“ verkörperte er den Polizisten Tom Burgess, der in den 1950er-Jahren eine heimliche und illegale Liebesbeziehung mit einem Mann führt. Im realen Leben sind in der Dating-History von Styles jedoch nur cis Frauen zu finden – allen voran Supermodels wie Kendall Jenner, Emily Ratajkowski und Camille Rowe. Queerbaiting also, so auch die Kritik an Styles. Darauf angesprochen sagte Harry in einem Interview mit dem „Rolling Stone“, dass er selbst nie eine Beziehung öffentlich gemacht habe, sondern bloß Paparazzi-Fotos von ihm und Frauen existierten.

Fuck the business. Für „Heartstopper“-Darsteller Kit Connor hatte der Queerbaiting-Vorwurf drastische Folgen. Connor spielt in der Netflix-Verfilmung einen bisexuellen Jugendlichen, in den sozialen Medien sei deshalb großer Druck auf ihn ausgeübt worden. „Ich bin bi. Herzlichen Glückwunsch, dass ihr einen 18-Jährigen dazu gezwungen habt, sich selbst zu outen. Ich glaube, manche von euch haben den Sinn der Serie nicht verstanden. Bye“, twitterte er daraufhin. „Für queere Personen muss es immer ein selbstbestimmtes Coming-out geben“, sagt Anton Cornelia Wittmann. Menschen, die öffentlich sehr straight auftreten würden, würden nie zu ihrer sexuellen Identität befragt, während jegliche Ambivalenz bohrende Fragen nach sich ziehe. „Das Problem im PopBusiness liegt vielleicht auch ganz woanders“, sagt Wittmann. Offen queere Musiker*innen wie Sam Smith würden zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, während jene Stars, die ein Label für ihre sexuelle Orientierung verweigern, regelmäßig die Schlagzeilen dominierten. So zeigte sich auch der Schwarze schwule Künstler Billy Porter enttäuscht darüber, dass ausgerechnet Harry Styles als erster Mann im Kleid auf dem Vogue-Titel zu sehen war. Porter selbst schreitet regelmäßig in Kleid und High Heels über den roten Teppich – Mode, die für ihn höchst politisch sei. „Ich sehe da aber nicht einzelne Personen in der Verantwortung“, sagt Anton Cornelia Wittmann. Ein ganzes System müsse sich vielmehr ändern – und queere Künstler*innen nicht länger diskriminieren.

Fuck homofeindliche Männlichkeit. Shootingstar Bad Bunny, der mit Reggaeton und Latin-Rap die Streaming-Charts dominiert und dem ebenso Queerbaiting vorgeworfen wird, bekennt sich in Interviews als Anhänger eines fluiden Verständnisses von sexueller Identität. „Das macht mich nicht aus. Am Ende des Tages weiß ich nicht, ob ich in zwanzig Jahren einen Mann mögen werde. Das weiß man im Leben nie. Aber im Moment bin ich heterosexuell und ich mag Frauen“, sagte er 2020 der „Los Angeles Times“. Bei den MTV Video Music Awards 2022 performte er seinen Song „Titi Me Pregunto“ und küsste sowohl eine Background-Tänzerin als auch einen Tänzer. In einem Genre, das traditionell mit frauenfeindlichen Lyrics auffällt, haben die Aussagen des 29-jährigen Puerto-Ricaners besonders Gewicht – auch gegen Sexismus und Gewalt an Frauen spricht sich Bad Bunny regelmäßig aus.

Männlichkeit, die sich nicht länger über die Abgrenzung zu Homosexualität definiert, kann nur als politischer Gewinn verstanden werden – allem vermeintlichen Queerbaiting zum Trotz.

Brigitte Theißl ist für euch in diverse Rabbitholes auf Reddit getaucht und hat Darlene Connor in „Roseanne“ immer schon als queeren Charakter gelesen.

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Ich möchte nichts brechen https://ansch.4lima.de/ich-moechte-nichts-brechen/ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-nichts-brechen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:05:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=110366 Eine Art Hexenkessel wollte Kim de l’Horizon mit dem gefeierten „Blutbuch“ schaffen. Ein Gespräch über queere Literatur, fluides Schreiben und die Angst auf dem Nachhauseweg. Von Nele Posthausen. an.schläge: Was bedeutet Queerness beim Schreiben, was ist ein queerer Text? Kim de l’Horizon: Queerness beschreibt immer auch das Verhältnis zu dem, das eben nicht queer ist, […]]]>

Eine Art Hexenkessel wollte Kim de l’Horizon mit dem gefeierten „Blutbuch“ schaffen. Ein Gespräch über queere Literatur, fluides Schreiben und die Angst auf dem Nachhauseweg. Von Nele Posthausen.

an.schläge: Was bedeutet Queerness beim Schreiben, was ist ein queerer Text?

Kim de l’Horizon: Queerness beschreibt immer auch das Verhältnis zu dem, das eben nicht queer ist, das im selbst ernannten Zentrum steht. Ich denke diese Begriffe sehr räumlich: Das Queere ist das Schräge, das Straighte das Gerade. In Bezug aufs Schreiben heißt das also: Was stellt sich schräg in der Rechteckigkeit der Gesellschaft? Welche Formen tanzen aus der Reihe, sind gleichzeitig disruptiv, störend, aber tanzen dabei auch, haben und geben Freude? Mich interessieren auch Fragen von queerer Zeitlichkeit. Dass beispielsweise in anderen Zeiten queere Figuren, Szenen oder queeres Begehren beschrieben wurden und das gar nicht so ein Riesending war. Zum Beispiel in einem queeren DDR-Roman, den ich unlängst entdeckt habe. Ich glaube, dass sich heute verschiedene Zeiten überlappen. Es gab in den letzten Jahren große Öffnungen und zugleich ist da auch eine reaktionäre Bewegung, ein Backlash.

Das „Blutbuch“ bricht in vielerlei Hinsicht mit der Textsorte Roman. Es ist fragmentiert und durchaus anstrengend zu lesen.

Ich habe zehn Jahre an dem Schreiben gearbeitet, das dann in „Blutbuch“ mündete. Mein Bild, wie ein echter Roman auszusehen hat, war das eines Gefäßes. Du füllst einen Inhalt rein, aber die Form gibt es schon und die muss auch so bleiben. Ich habe schnell gemerkt, dass das für mich nicht funktioniert. Also habe ich eine Form von Schreiben versucht, die sich aus sich selbst heraus zum Erscheinen bringt. Romane werden oft nur ex negativo definiert: Ein Roman ist keine Novelle, es ist kein Drama, keine Lyrik – aber was ein Roman tatsächlich ist, das bleibt schwammig. Und dennoch gibt es ein klares Gefühl, das sich einstellt, wenn wir einen Text lesen. Es sagt uns, ob das ein Roman ist oder nicht. Mit diesem und gegen dieses Gefühl habe ich geschrieben.

Du sprichst selbst von der „écriture fluide“.

Das ist ein Begriff, unter dem ich diese Form des Schreibens zu fassen versuche. Es gibt die „écriture feminine“ von der feministischen Theoretikerin Hélène Cixous in Abgrenzung zum Male Gaze und der männlichen, phallischen Form des Schreibens. Das war mir aber zu binär. Als sei „das Feminine“ etwas, das Frauen machen oder sind. Ich habe mich in einem Schreiben versucht, das Formen durchfließt. Das Buch hat verschiedene Teile, die auch verschiedenen Gattungen zugeordnet werden können. Das soll – auch wenn es etwas anstrengend ist – etwas Flüssiges haben, das einen benetzt oder anzieht. Etwas, das die Körper in andere Zustände bringt.

Inwiefern setzt du dich mit essentialistischen Perspektiven im Schreiben auseinander?

Ich setze mich kritisch mit differenzfeministischen Diskursen auseinander. Wie Judith Butler es in „Gender Trouble“ kritisiert hat: Die Feminismen der zweiten Welle nehmen meist eine Umkehrung der Vorzeichen vor. Aber da gibt es immer noch eine Opposition, in der das eine besser sein muss als das andere. Mich interessiert vielmehr: Wie kommen wir aus den Oppositionen und der Binarität heraus? Dabei ist mir das Fluide so wichtig, weil ich nichts brechen möchte. Politische Brüche funktionieren selten. Ich möchte etwas umspülen, vielleicht wie ein Fluss einen umspült und unmerklich abschleift.

Du stellst jedem Kapitel Zitate voran. Mal ist es Donna Haraway, mal ist es Sam Smith. Warum sind dir diese Referenzen wichtig?

Das sind für mich wie Zaubersprüche, die einen Ton für die jeweiligen Kapitel vorgegeben haben. Ich sehe das Blutbuch als eine Form von Hexenkessel, in den ich Sachen reingeschmissen habe oder sich Dinge auch selbst reingeschmissen haben. In wissenschaftlichen Arbeiten gibt mensch die Referenzen an, beim literarischen Schreiben bleibt oft unsichtbar, was alles hineingeflossen ist. Das führt zu diesem Genie-Begriff, bei dem die schreibende Person scheinbar alles aus sich selbst geschöpft hätte. Ich wollte zeigen: Von all diesen Leuten habe ich Dinge geklaut. Dabei war mir die Verbindung von theoretischen Elementen und Popkultur wichtig.

Wofür steht diese Verbindung?

Ich möchte Hierarchien entgegenarbeiten. Das Akademische tut so, als hätte es einen gültigen Anspruch auf Wahrheit, während Literatur immer Fiktion ist. Wer also „wahre“ Texte produziert, ist klar. Vom klassischen Feuilleton-Publikum wird Literatur ernst genommen, popkulturelle Texte aber nicht. Ich wollte zeigen, dass das verschiedene Formen von Wissen sind, die zwar in der Gesellschaft ­hierarchisiert werden, aber die ich nebeneinanderstellen und sich auf Augenhöhe begegnen lassen will. Das war wichtig für die Zitate, aber auch für die Figur der Meer, die nicht studieren konnte, sich aber doch eine Form von Wissen angeeignet hat.

Die Figur ist Teil einer autofiktionalen Erzählung. Inwiefern ist das „auto“ oder das „ich“ für dich wichtig in einem queeren Text?

Die Hauptfigur wird erst im vierten Teil „Kim“ genannt. Vorher ist sie namenlos. Ich bin an einer Aufweichung und Destabilisierung von Identität interessiert. So wichtig identitätspolitische Diskurse sind, so skeptisch bin ich gegenüber einer Dynamik, die Identitäten allzu sehr verfestigt. Grundsätzlich ist es zentral, sich sprechend im Geflecht von Macht und Sprache zu positionieren. In der Politik und Wissenschaft finde ich es wichtig und richtig, auch mal Sätze mit „Ich als [Identität der sprechenden Person]“ zu beginnen. Allerdings braucht es auch Räume und Sprachen, die diese Identitäten verunsichern – damit sie nicht wieder essentialisiert werden. Deswegen ist das Blutbuch und ganz konkret die Biografie, die von mir im Buch steht, eine Form von Identität erschreiben.

Du hast als erster Autorin überhaupt sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis 2022 für einen Debütroman erhalten. Du wirst als queere Person gefeiert. Und gleichzeitig erlebst auch du im Alltag einen Backlash gegen queere Politiken.

Das ist, als würdest du ständig in zwei Filmen laufen. Als hättest du gleichzeitig eine Star-Rolle und die Rolle des geschlagenen Hundes. Ich habe viele Lesungen abgesagt, weil das Reisen so wahnsinnig anstrengend ist. Mich unterwegs sicher zu fühlen, ist fast unmöglich. Oft wenn ich Zug fahre, performe ich mich maskuliner, damit ich sicher bin. Dann gehe ich auf Bühnen und will mich so zeigen, wie ich mich schön fühle, und werde dafür meist gefeiert. Das ist so absurd. Ich glaube, das machen viele queere, trans Menschen in der Öffentlichkeit. Alok Vaid-Menon sagt: „Nobody asks me how I get home”. In den Shows wird Alok hochgejubelt, aber wie kommt Alok nach Hause? Das ist total gefährlich.

Welche Rolle spielt die Liebe in deiner Arbeit?

In einem Projekt, das ich gerade andenke, möchte ich über Liebe schreiben. Aber auch über das Gefähr­liche und das Übergriffige an Liebe. Greta Gerwig hat eine Figur in „Lady Bird“ sagen lassen, dass Aufmerksamkeit auch eine Form von Liebe sei. Das war eine Erfahrung, die ich mit dem Schreiben von Blutbuch gemacht habe. Auch wenn ich die Figuren teilweise als übergriffig, kalt und hart beschrieben habe, musste ich sie lieben lernen. Wenn nur Hass deine Motivation ist, um über eine Figur zu schreiben, dann wird sie eindimensional. Wenn zum Beispiel alte weiße hetero cis Männer zu Klischees werden, dann verändern wir nichts. Wie Butler sagte: Dann drehen wir nur die Vorzeichen um. Aber wir bleiben im Schatten des Phallus. Sich mal auszukotzen über gewisse Menschen kann gut und wichtig sein. Damit wir etwas richtig ernst nehmen können, müssen wir aber Wege finden, es auch zu lieben. Auch wenn das die schwierigsten Wege sind. •

Nele Posthausen ist Journalistin, studiert Gender Studies und besitzt eine große Neugier für postmoderne Wissensformen.

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„Ich bin arm und ich werde arm bleiben.“ https://ansch.4lima.de/ich-bin-arm-und-ich-werde-arm-bleiben/ https://ansch.4lima.de/ich-bin-arm-und-ich-werde-arm-bleiben/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:02:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=110355 Janina Lütt (46) ist alleinerziehende Mutter, seit zwanzig Jahren depressiv und genau so lange armutsbetroffen. Auf Twitter und in einer Kolumne im „Freitag“ schreibt sie darüber, wie es ist, unter der Armutsgrenze zu leben. Anna Lindemann hat mir ihr über Inflation, Stigmatisierung und ihren Aktivismus gesprochen. an.schläge: Sie gehören zu den knapp 17,3 Millionen Menschen […]]]>

Janina Lütt (46) ist alleinerziehende Mutter, seit zwanzig Jahren depressiv und genau so lange armutsbetroffen. Auf Twitter und in einer Kolumne im „Freitag“ schreibt sie darüber, wie es ist, unter der Armutsgrenze zu leben. Anna Lindemann hat mir ihr über Inflation, Stigmatisierung und ihren Aktivismus gesprochen.

an.schläge: Sie gehören zu den knapp 17,3 Millionen Menschen in Deutschland, die unter der Armutsgrenze leben. Wie sind Sie in diese Situation gerutscht?

Janina Lütt: Ich bin gelernte Erzieherin und habe meinen Job eigentlich sehr gerne gemacht. Ich wurde aber schwer gemobbt und bin sehr krank geworden, körperlich und psychisch. Die Depressionen bin ich bis ­heute nicht los und werde wohl auch nie wieder gesund sein.

Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen sprechen Sie auch öffentlich über Ihre Armut.

Ja, das war ein riesiger Schritt für mich. Ich habe ganz schön gezittert beim ersten Mal, hatte Angst, und war gleichzeitig unheimlich erleichtert. Es fühlte sich an wie ein Outing.

Wie schwierig ist es für Sie, jeden Monat finanziell über die Runden zu kommen?

Ich beziehe unbefristete Rente bei voller Erwerbsminderung, die wird aufgestockt auf den normalen Bürgergeldsatz, also 502 Euro. Für mein Kind bekomme ich 348 Euro. Ich habe außerdem einen Überziehungsrahmen, Gott sei Dank. Meine Bank erlaubt mir, bis zu 200 Euro ins Minus zu gehen und das hat mir im wahrsten Sinne des Wortes schon oft mein Leben gerettet. Ohne dem wäre ich vielleicht auf der Straße gelandet, wenn zum Beispiel unvorhersehbare ­Rechnungen kommen oder ich Geld für Medikamente ausgeben muss. Ansonsten geht das meiste Geld für Lebensmittel drauf, gesunde Ernährung hat bei mir die höchste Priorität.

Wie haben die Energiekrise und die Teuerung Ihre Situation verändert?

Die höheren Gaspreise hat zum Glück das Sozialamt übernommen, insgesamt sind es trotzdem rund fünfzig Euro mehr für Energie, die mir jeden Monat fehlen. Am krassesten haut aber die Inflation bei den Lebensmitteln rein. Da mache ich dann zugunsten meines Kindes Abstriche und esse manchmal schlechter als sie. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Quark gekauft habe. Immerhin esse ich lieber Frischkäse als Butter, diese Preiskrise ist an mir vorbeigegangen. Ansonsten kaufe ich, was im Angebot ist, und mehr Tiefkühlware als vorher. Ich bin jetzt auf jeden Fall ein größeres Umweltschwein, weil die billigen Beeren nun mal aus Marokko kommen. Aber ich will eben was Frisches im Haus haben.

Sie sind alleinerziehende Mutter. Was bedeutet die Armut für Ihr Kind?

Ich versuche, mir gegenüber meiner Tochter möglichst wenig anmerken zu lassen. Ich habe ihr erklärt, dass wir arm sind, aber gesagt, dass wir das Wichtigste haben: ein Dach überm Kopf, Essen und uns beide. Natürlich bekommt sie aber mit, dass ich seit gut einem Jahr öfter auf Demos ­fahre. Da fragt sie dann, warum ich jetzt schon wieder gegen Nazis protestieren muss.

Sie schreiben sowohl auf Twitter als auch in einer Kolumne im „Freitag“ über Ihren Alltag als Armutsbetroffene. Was hat sich dadurch ­verändert?

Ich habe mich bis letztes Jahr geschämt, arm zu sein. Seit ich erwachsen bin, habe ich versucht, meine Armut zu verstecken. Ich habe sehr auf meine Kleidung geachtet, damit nicht auffällt, dass sie gebraucht ist, und ich habe mir Ausreden ausgedacht, wenn Leute auf einen Kaffee gehen wollten. Jetzt sage ich: „Nein, ich bin armutsbetroffen und ich kann das nicht bezahlen.“ Es ist eine richtige Befreiung. Und ich fühle mich weniger alleine. Arme Leute führen immer ihren eigenen Überlebenskampf, da ist man oft gefangen in seiner kleinen Blase und kann sich nicht vorstellen, dass es anderen auch so geht. Jetzt ist Armut sichtbarer, wir sind vernetzter.

Warum ist das wichtig?

Es gibt einen politischen Willen, arme Leute arm zu halten. Unsere ganze Wirtschaft funktioniert so. Im Neoliberalismus braucht es Menschen, die im prekären Niedriglohnsektor arbeiten, es braucht Verlierer*innen. Wir sind die, auf die man zeigt und sagt: Guck mal, so willst du nicht enden, aber das passiert, wenn du nicht arbeitest. Dieser Haltung können wir zusammen etwas entgegensetzen und für uns einstehen. Dass das wichtig ist, sehe ich schon daran, dass mir oft gesagt wird, ich würde jammern. Dann denke ich: Junge, definiere jammern! Das sind einfach Fakten, das ist meine Lebensrealität, die ich zeige. Das klingt nach Stigmatisierung. Ja. Wer arm ist, wird stigmatisiert. Und das macht ganz viel mit der Psyche und dem Selbstbewusstsein. Man fühlt sich bestraft, ausgegrenzt, nicht zugehörig. Und einem wird ­ständig das Gefühl vermittelt, selbst dran Schuld zu haben. Überhaupt: Woran Bürgergeld-Empfänger*innen alles schuld sein sollen. Sogar daran, dass die Wirtschaft nicht wächst. Den Schuh will ich mir nicht anziehen und das sollte ohnehin keiner glauben. Es reicht schon, dass mir oft unterstellt wird, dass ich schlicht nicht arbeiten will.
Das alte Klischee, arbeitslose Menschen wären schlicht zu faul, um zu arbeiten.
Das ist eine absolute Beleidigung. Ich habe meinen Job als Erzieherin sehr gerne gemacht, aber ich bin dafür einfach zu krank. Leute, die nicht arbeiten, machen das aus Gründen. Ich glaube, ich kenne nur einen einzigen Menschen, der sagt, er könne ohne Arbeit leben. Menschen brauchen andere Menschen und sie brauchen etwas zu tun. Ohne sinnvolle Tätigkeit wird’s schwer im Leben.
Was muss politisch passieren?
Den Regelsatz hochsetzen, sodass am Ende des Monats noch genügend für Essen übrig ist. Ich brauche 200 Euro mehr im Monat. Und das 9-Euro-­Ticket wieder einführen. Politiker*innen sollten sich mehr mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Es ist peinlich, wenn sie in Talkshows sitzen und sich mit den tatsächlichen Sozialleistungen nicht auskennen.
Ansonsten würde ich mir von der Politik wünschen, dass sie ein anderes Menschenbild propagiert. Dazu gehört auch, zu verstehen, dass wir Armutsbetroffenen keine homogene ­Gruppe sind. Und dass man uns nicht gegeneinander ausspielen sollte. Ich will nicht Geflüchteten die Schuld für ­meine Armut geben.

All das wird schon seit langer Zeit gefordert, umgesetzt wurde wenig. Auch mit der Umstellung in Deutschland von Harz IV aufs Bürgergeld Anfang des Jahres ist der Regelsatz für Arbeitslose nicht erheblich gestiegen. Denken Sie, dass Sie für den Rest Ihres Lebens armutsbetroffen sein werden?

Das glaube ich nicht nur, das ist eine Tatsache. Ich habe zu wenig gearbeitet und ich kann jetzt nicht mehr arbeiten. Bis ich 65 bin, bekomme ich die Erwerbsrente, dann falle ich in die Altersarmut. Ich bin arm und ich werde arm bleiben.

Was ist Ihre größte Angst, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Ich bin eine Überlebenskünstlerin und ich habe ein soziales Netz, das sehr gut funktioniert. Vielen Armutsbetroffenen geht es anders. Die haben keine Menschen in ihrem Umfeld, die sie bei der Kinderbetreuung unterstützen oder ihnen das Gefühl von Teilhabe vermitteln. Meine größte Angst ist, dass meine Gesundheit nicht mehr mitmacht, dass ich zu depressiv werde und mein soziales Netz zusammenbricht.

Anna Lindemann ist Sozialwissenschaftlerin und freie Journalistin.

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Leiden an der Türkei https://ansch.4lima.de/leiden-an-der-tuerkei/ https://ansch.4lima.de/leiden-an-der-tuerkei/#respond Fri, 23 Jun 2023 05:53:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=110364 Was bedeutet das Wahlergebnis in der Türkei für widerständige Aktivist*innen und die Debatte in Österreich? Eine Analyse von Alev Korun. Diesmal war es knapp. So knapp, wie es seit 21 Jahren, seit Beginn der AKP-Herrschaft in der Türkei, noch nie war. Erstmals musste Parteivorsitzender Erdoğan in eine Stichwahl, die Stimmenmehrheit erreichte er mit nur kleinem […]]]>

Was bedeutet das Wahlergebnis in der Türkei für widerständige Aktivist*innen und die Debatte in Österreich? Eine Analyse von Alev Korun.

Diesmal war es knapp. So knapp, wie es seit 21 Jahren, seit Beginn der AKP-Herrschaft in der Türkei, noch nie war. Erstmals musste Parteivorsitzender Erdoğan in eine Stichwahl, die Stimmenmehrheit erreichte er mit nur kleinem Vorsprung von 52 Prozent.

Das Wahlergebnis lässt sich auf mehrere Weisen lesen. Trotz massivsten Einsatzes von staatlichen Mitteln für den Amtsinhaber, trotz gleichgeschalteter Medien und durchgeschalteter Reden von Erdoğan auf 24 Fernsehkanälen – während sein Her­ausforderer nur auf ­einem einzigen Sender zu sehen sein durfte –, trotz Verhaftungswellen von kurdischen und regimekritischen Aktivist:innen knapp vor der Wahl: Trotz alledem hat es gerade mal für 52 Prozent der Stimmen für Erdoğan gerreicht. Dass selbst die himmelschreiende Präsenz- und Machtschieflage zugunsten des Amts­inhabers keine haushohe Mehrheit zustande brachte, sondern eben bloß eine hauchdünne. Erdoğans Sieg lässt sich freilich auch anders interpretieren. Was muss noch passieren in einem Land, in dem kürzlich über 50.000 Menschen angesichts eines katastrophalen Erdbebenmanagements ihr Leben ließen, Millionen ihr Leben unter der Armutsgrenze fristen und täglich Frauen Opfer von Femiziden werden, die großteils ungeahndet bleiben, bevor diese Regierung endlich abgewählt wird?

Bittere Enttäuschung. Die Antworten auf das Warum sind komplex und haben mit der hundertjährigen Geschichte der Republik Türkei zu tun. Der Nationalismus und Rassismus, die dieses Jahrhundert entscheidend geprägt haben, können jederzeit politisch instrumentalisiert werden. Nicht nur, aber auch durch die AKP. Der Zuspruch von über fünf Prozent für den rechtsextremen dritten Kandidaten im ersten Wahlgang, Sinan Oğan, zeugt auch vom sich ständigen Überbieten von Ultra-Nationalismus und Rassismus in der türkischen Politik. Konsequenterweise hat Oğan für den zweiten Wahlgang eine Wahlempfehlung für Erdoğan abgegeben, trotz der verzweifelten – und beschämenden – Ankündigungen des Oppositionskandidaten Kılıçdaroğlu, als zukünftiger Präsident Millionen syrischer Geflüchteter aus der Türkei deportieren zu wollen. Ein sogenanntes „Schmied-Schmiedl-Spiel“, das wir aus Österreich sattsam kennen: Wenn alle einen auf FPÖ machen, wählen die Umworbenen erst recht die FPÖ und nicht ihren Abklatsch.
Das Ergebnis der Präsidentschaftswahl ist für die Hälfte der Bevölkerung eine gewaltige Enttäuschung. Schließlich schien der politische Umbruch erstmals seit 21 Jahren zum Greifen nah. Doch diese immerhin 25 Millionen Menschen können sich den „Luxus“ nicht leisten, ihre Freiheiten, ihre Grundrechte und den Willen, in einem Rechtsstaat zu leben, einfach aufzugeben – geht es doch um nicht weniger als ihr Leben. Was ist also in den nächsten Monaten und Jahren in der Türkei zu erwarten?

Gefährliche Kämpfe. Für die allermeisten oppositionellen Wähler:innen, die den erstarkenden Autoritarismus in der Türkei und das Ein-Mann-Regime ablehnen, geht der Kampf weiter. Es ist ein Kampf an vielen Fronten: gegen Femizide und für den Wiedereintritt des Landes in die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen; ein Kampf für Arbeitnehmer:innenrechte und gegen Arbeitsmorde auf Baustellen, in Fabriken und Bergwerken (von Arbeitsunfällen zu sprechen wäre angesichts der lebensgefährlichen Missachtung der Grundrechte von zehntausenden Arbeiter:innen purer Zynismus); ein Kampf gegen Rassismus gegen Kurd:innen sowie das wiederholte, jahrelange Einsperren von gewählten kurdischen Politiker:innen und für eine gleichberechtigte Staatsbürger:innenschaft.
Im Unterschied zu politischem Engagement in den allermeisten EU-Ländern sind das gefährliche Einsätze, bei denen immer die eigene Freiheit und körperliche Unversehrtheit riskiert wird. Etliche Oppositionspolitiker:innen inklusive der beiden ehemaligen Vorsitzenden der linksgerichteten kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdağ, sind seit sieben Jahren eingesperrt und werden trotz entsprechender Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht freigelassen. Mehrere zivilgesellschaftliche Aktivist:innen, die bei den Gezi-Protesten gegen die autoritäre und ultra-neoliberale Politik der AKP gewaltfrei demonstriert haben, sitzen ebenfalls seit Jahren hinter Gittern.

Solidarische Achsen. Selbst unter schwierigsten Bedingungen und Drohungen von Verhaftung und Verfolgung leisten Millionen Menschen im Land Widerstand gegen die Beschneidung ihrer Menschenrechte. Sie trauen sich, ihre Meinung z. B. auf Social Media kundzutun und dafür sehr viel zu riskieren. Und sie brauchen die Solidarität jeder demokratisch gesinnten Person – egal aus welchem Land. Denn der Druck auf Frauen, LGBTIQ-­Personen, Kurd:innen und alle, die nicht mit dem Erdoğan-­Regime einverstanden sind, wird nicht kleiner werden.

Die Haltung, die fast alle EU-­Regierungschef:innen in den letzten Jahren gegenüber Erdoğan an den Tag gelegt haben, war hingegen bestimmt von der Sorge, der autokratische Präsident könnte mehr Geflüchtete in die EU durchlassen. Sich mit einem „EU-Türkei-Deal“ die angebliche Gunst Erdoğans in dieser Frage zu erkaufen, aber gleichzeitig bei jeder Gelegenheit von „europäischen Werten“ zu faseln, kann nur als verlogen bezeichnet werden. Auch diese Doppelzüngigkeit weiß Erdoğan bestens für seine politischen Ziele einzusetzen, wenn er die Verlogenheit des Westens anprangert und sich als Rächer des globalen Südens bzw. der islamischen Welt inszeniert.

Und in Österreich? Auch bei dieser Wahl hat die überdurchschnittlich hohe Unterstützung von über siebzig Prozent der in Österreich wahlberechtigten türkischen Staatsangehörigen die Öffentlichkeit überrascht, obwohl das ein wiederkehrendes Muster ist. Ein Ernstnehmen von in Österreich lebenden Türkeistämmigen würde bedeuten, ihre durchaus vielfältigen politischen Haltungen, also auch den Nationalismus und Rassismus von nicht wenigen, ernst zu nehmen: Dass sich viele über Rassismus und Ausgrenzung in Europa beschweren, dabei aber selbst Kurd:innen, Armenier:innen und andere „Minderheitenangehörige“ rassistisch diskriminieren und als Terrorist:innen abstempeln, muss skandalisiert werden. Das ist nicht schlagzeilentauglich, sondern Knochenarbeit. Der Lohn dafür sind oft Beschimpfungen auf Social Media als „Verräter:in“, „Nestbeschmutzer:in“ oder schlicht „Hure“. Inklusive der Androhung einer Festnahme beim nächsten Verwandtenbesuch in der Türkei bzw. gleich am Flughafen. Woher ich das so genau weiß? Aus jahrelanger eigener Erfahrung.

Wollen wir von der bloßen Empörung über die große Unterstützung einer Autokratie aus Öster­reich, Deutschland oder Belgien wegkommen, gibt es keine Alternative zur offenen Auseinandersetzung mit demokratie- und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, auch unter Türkeistämmigen.

Attraktiver Nationalismus. Es ist nicht bloß das Underdog-Sein im reichen Westen, das viele Menschen Erdoğan unterstützen lässt. Es gibt durchaus eine Nationalismusdividende, in deren Genuss zu kommen ihnen „das Jahrhundert der Türkei“ verspricht. Die Türkei als „Weltmacht“, in deren Licht auch sie höchstpersönlich sich sonnen und sich (mit) mächtig fühlen können. Diese Dividende verheißt, sich von Opfern von durchaus real erlebtem Rassismus in Täter:innen und Mächtige transformieren zu dürfen. Sie erleben dadurch eine persönliche Aufwertung, die sie nötig haben in einem Land, in dem ihre Geschichte als „Fehler“ bezeichnet wird (wie von Karl Nehammer, immerhin Bundeskanzler der Republik, als er über die Arbeitskräfteanwerbung in den 1960ern und ihre „Folgen“ spricht).
Und so wird auch deutlich, warum rechte Politiker:innen in Europa sich mit inszenierter Empörung über AKP-Wahlergebnisse begnügen, statt über unsere gemeinsame Demokratie zu diskutieren: Nationalismus ist auch in Österreich erfolgreich instrumentalisierbar. So wäscht eine Hand (von Erdoğan) die andere (von Nehammer) und beide Politiker können für ihre jeweiligen Parteien Emotionen mobilisieren.

Wir aber, die Bürger:innen, die an Demokratie glauben, müssen uns im wahrsten Sinn des Wortes zusammenstreiten. Auch wenn uns das keine Fotos in der Zeitung bringt wie für Nehammer, Kickl oder Erdoğan. •

Alev Korun ist Menschenrechtsaktivistin und ehemalige Nationalratsabgeordnete der Grünen.

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Alt werden, wie geht das? https://ansch.4lima.de/alt-werden-wie-geht-das/ https://ansch.4lima.de/alt-werden-wie-geht-das/#respond Fri, 23 Jun 2023 05:51:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=110374 Illustration: Sabrina WegererZum Thema Alter fallen mir immer wieder dieselben Sätze ein. Nervige Binsenweisheiten, aber sie bleiben hängen.„Altern ist nichts für Feiglinge“ soll uns darauf vorbereiten, dass es richtig hart werden könnte. Wir wissen zwar, dass wir alle irgendwann alt werden, trotzdem können wir es nicht so richtig glauben. Dass es tatsächlich auch uns selbst passieren wird. […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Zum Thema Alter fallen mir immer wieder dieselben Sätze ein. Nervige Binsenweisheiten, aber sie bleiben hängen.
„Altern ist nichts für Feiglinge“ soll uns darauf vorbereiten, dass es richtig hart werden könnte. Wir wissen zwar, dass wir alle irgendwann alt werden, trotzdem können wir es nicht so richtig glauben. Dass es tatsächlich auch uns selbst passieren wird.

Aber dann: Die Zeit verfliegt und plötzlich ist es auch für dich so weit. Das Ringen um die innere Akzeptanz von Lesebrille, Knieschmerzen, Arthrose, Haarausfall und Mundwinkelfalten beginnt. Da musst du durch. Eben, nichts für Feiglinge.
Der Spruch vom „Altern in Würde“ ist auch nicht ohne. Er lässt mich mit der vagen Vorstellung zurück, dass altern durchaus in Ordnung ist, also sein könnte.
Sofern wir uns altersgerecht verhalten. Und nicht mehr verlangen, nicht mehr fordern, nicht mehr wünschen und begehren als den Alten – und im Besonderen den alten Frauen – zugestanden wird.

Eine befreundete Schriftstellerin sagte mal: „Für Frauen gibt es kein Altern in Würde. Du kannst es nur falsch machen. Punkt.“
Klingt hart. Aber mit dem Verlust jugendlicher Attraktivität setzt automatisch die gesellschaftliche Abwertung älterer Frauen ein. Der hübsche Ausdruck Fuckability bringt es recht klar auf den Punkt. But don’t panic! Das heißt keinesfalls, dass niemand mehr mit euch ins Bett möchte. Es handelt sich eher um eine Art Platzverweis. Damit die alten Weiber nicht zu selbstbewusst werden.
Das offizielle künftige Rollenangebot hat Oma, Ehrenamt und Fürsorge für die noch älteren Eltern oder den Ehemann im Programm. Und sich mit allen Mitteln fit, gesund und in Form halten. Dem System nicht auf der Tasche liegen. Nicht sonderlich glamourös.

Es sei denn, du hast genug Geld. Es ist viel einfacher, in Würde zu altern, wenn du über ausreichend Kohle verfügst. Geld ist wirtschaftliche Macht und Menschen mit Macht werden respektiert und besser behandelt – egal wie sie aussehen.
Wie hoch ist noch mal die durchschnittliche Frauenpension in Österreich?
Gabi Schweiger setzt sich in ihren feministischen Dokumentarfilmen mit Rollenbildern, diversen Lebensrealitäten, Vulva, Penis und toxischer Männlichkeit auseinander.

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Meerjungfrauen und Menstruations-Apps https://ansch.4lima.de/meerjungfrauen-und-menstruations-apps/ https://ansch.4lima.de/meerjungfrauen-und-menstruations-apps/#respond Fri, 23 Jun 2023 05:47:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=110372 Wie queer sind Kinder- und Jugendbücher? Carla Heher kann von erfreulichen Entwicklungen berichten. „Heartstopper“, die Coming-of-Age-Graphic-Novel, die die Liebesgeschichte zweier Jungen erzählt, ist ein Bestseller. Dass eine queere Geschichte so erfolgreich ist, dass sie sogar von Netflix verfilmt wird, hätte ich mir 2013 kaum vorstellen können. Damals machte ich mich für die an.schläge auf die […]]]>

Wie queer sind Kinder- und Jugendbücher? Carla Heher kann von erfreulichen Entwicklungen berichten.

„Heartstopper“, die Coming-of-Age-Graphic-Novel, die die Liebesgeschichte zweier Jungen erzählt, ist ein Bestseller. Dass eine queere Geschichte so erfolgreich ist, dass sie sogar von Netflix verfilmt wird, hätte ich mir 2013 kaum vorstellen können. Damals machte ich mich für die an.schläge auf die mühsame Suche nach progressiven Kinderbüchern mit queerfeministischem Anspruch – und es war gar nicht so einfach, Werke zu finden, die sich kritisch mit Geschlechterrollen und -normen auseinandersetzen, Familienkonstellationen jenseits von Mutter-Vater-Kind thematisieren oder auch einfach nur Vielfalt darstellen. Zehn Jahre später sieht das zum Glück anders aus.

Vulva & Vulvina. Insbesondere bei Aufklärungsbüchern für Kinder und Jugendliche ist ein deutlicher Paradigmenwechsel erkennbar. Wurden Schwangerschaft, Geburt und Familie früher sehr (hetero-)normativ verhandelt, ist Vielfalt in vielen Neuerscheinungen Standard. Das zeigt sich bereits auf den ersten Blick durch Illustrationen, die Menschen mit unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen darstellen, etwa was Hauttöne, Körperformen und Geschlechter­stereotype betrifft. Doch auch das Thema Fortpflanzung wird abseits von Heterosexualität verhandelt und im Wochenbett kümmern sich nun auch Väter liebevoll um das Neugeborene. Transgeschlechtlichkeit und Nicht-Binarität werden ebenso thematisiert wie andere Aspekte der Sexualerziehung, die mindestens genauso wichtig sind wie Körperfunktionen: Gefühle (und der Umgang damit) sowie Konsens zum Beispiel. Immer häufiger liest man auch die korrekte Bezeichnung der Genitalien, nämlich Vulva für die äußerlich sichtbaren Bereiche und Vagina für den inneren Muskelschlauch. Im intersektionalen Aufklärungsbuch „Samira und die Sache mit den Babys“ greift die Autorin auf den neuen, emanzipatorischen Begriff „Vulvina“ zurück.

Die Macher_innen von „Lina die Entdeckerin“ (Achse), ein Kinderbuch über die Vulva, haben mit der ganzseitigen Abbildung einer Klitoris und der Beschreibung ihrer Funktionen ein Tabu gebrochen und neue Standards gesetzt. Das gilt auch für das sehr empfehlenswerte Aufklärungsbuch „Untenrum. Und wie sagst du?“ (Beltz & Gelberg) für Kinder schon ab vier Jahren. An eine ältere Zielgruppe, nämlich an Heranwachsende ab zwölf Jahren, richten sich „Selma, Küsse, Kuddelmuddel“ und „Yunus, Zocken, Liebeszeugs“ (beide Leykam Verlag), zwei Geschichten über Freund_innenschaft und die Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt.

Bücher, die sich mit Teilaspekten der Pubertät auseinandersetzen, sind eine hilfreiche Ergänzung. Gerade das Thema Menstruation kann auch erstmal ohne Sex und Schwangerwerdenkönnen auskommen, schließlich geht es in erster Linie darum, dass man jeden Monat blutet. Das aktuell inklusivste Buch darüber heißt „Mut zum Blut“ (Zuckersüß Verlag). Es rüstet für einen positiven und selbstbewussten Umgang mit der Menstruation und bestärkt Kinder und Jugendliche, mit ihren Gedanken und Gefühlen rund um die Periode offen umzugehen. Es liefert Infos rund um Hygieneprodukte und hilfreiche Hinweise zu (daten-)sicheren Menstruationsapps.

Auch zum Thema Queerness gibt es explizite und spannende Neuerscheinungen. „Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*“ (migo) ist ein Jugendsachbuch zum Thema Queerness. In zehn Kapiteln werden Themen rund um Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierung besprochen und die einschlägigen Begriffe verständlich und anschaulich erklärt. Es erläutert, mit welchen Formen von Diskriminierung queere Menschen hier und anderswo zu kämpfen haben oder wie ein Coming-out ablaufen könnte. Dazwischen gibt es immer wieder Mitmachseiten, die zur Reflexion anregen.

Märchen- und Bilderbücher. Queere und feministische Inhaltein Kinderbüchern beschränken sich erfreulicherweise nicht nur auf Sachbücher. Wer gerne Märchen vorliest, aber auf überkommene Rollenzuschreibungen
verzichten will, hat mittlerweile eine gute Auswahl. Die Idee, Märchen umzuschreiben und dabei etwa die Geschlechter der Hauptfiguren auszutauschen (Der Prinz auf der Erbse, Kein & Aber) oder mal die Prinzessinnen Karriere machen zu lassen (Power to the Princess, Carlsen) wurde bereits aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen. International für besonders viel Aufregung hat eine Publikation aus Ungarn gesorgt. Das von einer lesbischen Initiative herausgegebene Märchenbuch „Meseország mindenkié“ löste eine politische Debatte aus und wurde von der rechtskonservativen Regierung unter Victor Orban zum Anlass genommen, queerfeindliche Gesetzesreformen durchzusetzen. Die deutsche Übersetzung des Buchs, in dem unter anderem schwule Prinzen, eine Romnja Prinzessin und ein trans Reh eine Rolle spielen, wurde unter dem Titel „Märchenland für alle“ (DK Verlag) veröffentlicht.

Wem das Märchen-Genre auch feministisch modernisiert zu wenig bekömmlich ist und wer auf der Suche nach feinen Vorlese-Bilderbüchern ist, wird mittlerweile auch fündig, etwa mit „Julian ist eine Meerjungfrau“ (Knesebeck). Das bemerkenswerte Werk über Individualität und Akzeptanz mit einer Hauptfigur, die fernab von Geschlechterklischees agiert – und agieren darf –, ist ziemlich eingeschlagen. Die Geschichte über ein Kind, das sich als Meerjungfrau verkleidet und mit seiner Oma in kunstvollen und expressionistischen Kostümen an einer Mermaid-Parade teilnimmt, kommt mit wenig Text aus, umso stärker wirkt die Bildsprache der eindrucksvollen Illustrationen.
Ein niedliches Bilderbuch (nicht nur) über unerfüllten Geschwisterwunsch ist „Der beste Babysitter der Welt“ (Beltz & Gelberg). Hier wird der Hauptfigur kein Gender zugewiesen, das Nachbarsbaby heißt zwar Bruno, trägt aber eine Schleife am Kopf, und auch seine beiden Mamas repräsentieren eine Familienform abseits des Mainstreams.

Queer-feministische Jugendbücher. Auch queer-feministische Romane für Heranwachsende gibt es mitterweile einige. In der Graphic Novel „Regenbogentage“ (Klett Kinderbuch) geht es um die elfjährige Tuva und ihren Alltag mit Schule, sich wandelnder Freund_innenschaft und ihrem alleinerziehenden Papa. Gelungen ist nicht nur die ganze Geschichte, sondern auch die Tatsache, dass Tuva sich in ein Mädchen verliebt und das unaufgeregt und nicht problematisierend erzählt wird. Eine ebenso berührende Freundschafts- und Liebesgeschichte, in der ein trans Junge eine Rolle spielt, ist „Fred und ich“ (Beltz & Gelberg). Das Thema Geschlechtsidentität wird darin behutsam und gleichzeitig selbstverständlich miterzählt.

Für viel Aufregung in der Kinder- und Jugendliteraturwelt hat „Papierklavier“ (Beltz & Gelberg) gesorgt. 2021 hätte es, von einer unabhängigen Jury gewählt, den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewinnen sollen. Die zuständige Bischofskonferenz hat allerdings offenbar vorab einen Blick in das prachtvoll illustrierte Buch geworfen und ein Veto eingelegt. Warum konkret, blieb unklar, aber es gibt so einiges, das Bischöfen nicht gefallen könnte: Es geht um die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, um Armut, Klassenunterschiede, einen offenen Umgang mit Sexualität und Körpern und eine trans bzw. nicht-binäre Nebenfigur. Immerhin: Es gab eine Welle der Solidarität mit der Autorin und dem Verlag, zahlreiche Menschen haben sich hinter dieses Buch gestellt und nicht zuletzt durch diesen Skandal hat es die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Am Einfluss der katholischen Kirche auf die Kinder- und Jugendliteratur ändert das leider nichts. Ein queer-feministisches Pendant zu einem solchen Preis gibt es bislang nicht.
Gequeert wurde 2023 allerdings der deutsche Jugendliteraturpreis! „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“, ein kraftvoller Versroman, in dem es unter anderem um häusliche Gewalt und rassistische Polizeigewalt, aber auch um Freundinnenschaft, Familienzusammenhalt, Resilienz, Rollkunstlauf, erstes Verliebtsein, Begehren und um queere Ahninnen geht, ist dieses Jahr nominiert. Egal, ob das großartige Buch gewinnt oder nicht, es hat die Autorin Chantal-Fleur Sandjon als starke Schwarze queere Stimme in der deutschsprachigen
Jugendliteratur bekannt gemacht. •

Carla Heher ist Literaturvermittlerin, Kinderbuchinfluencerin, Volksschullehrerin und Vorleserin zweier Kinder.

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