IV/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 06 Jun 2023 12:14:58 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Kamla Bhasin https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-4/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-4/#respond Tue, 30 May 2023 02:26:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=110061 Kamla Bhasin, geboren am 24. April 1946 im heutigen Pakistan, gilt als eine der bekanntesten, wenn nicht als die bekannteste Feministin Südasiens. Nach ihren Studien in Indien und Deutschland zu Entwicklungssoziologie und Sozialarbeit sowie ihrem Engagement bei mehreren Hilfseinsätzen der UNO, gründete sie das feministische Netzwerk Sangat. Es unterstützt vor allem Frauen in ländlichen Regionen […]]]>

Kamla Bhasin, geboren am 24. April 1946 im heutigen Pakistan, gilt als eine der bekanntesten, wenn nicht als die bekannteste Feministin Südasiens. Nach ihren Studien in Indien und Deutschland zu Entwicklungssoziologie und Sozialarbeit sowie ihrem Engagement bei mehreren Hilfseinsätzen der UNO, gründete sie das feministische Netzwerk Sangat. Es unterstützt vor allem Frauen in ländlichen Regionen dabei, sich auszutauschen, zu vernetzen und zu organisieren. Im Zentrum von Kamla Bhasins Arbeit steht der Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Sie ist auch Autorin des Kinderbuchs „If Only Someone Had Broken The Silence“. Darin macht sie den Missbrauch von Kindern zum Thema. phi

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World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-5/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-5/#respond Fri, 26 May 2023 15:18:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=109822 ]]> https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-5/feed/ 0 Batty… Nächstenliebe https://ansch.4lima.de/batty-naechstenliebe/ https://ansch.4lima.de/batty-naechstenliebe/#respond Fri, 26 May 2023 15:17:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=109814 Illustration: Alma WeberNächstenliebe]]> Illustration: Alma Weber

Nächstenliebe

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So laut wir können! https://ansch.4lima.de/so-laut-wir-koennen/ https://ansch.4lima.de/so-laut-wir-koennen/#respond Fri, 26 May 2023 15:17:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=109785 Künstliche Intelligenz soll mehr Diversität bringen, etwa durch den Einsatz KI-generierter statt menschlicher Models. Beendet wird die Diskriminierung marginalisierter Körper dadurch aber nicht – im Gegenteil. Warum wir uns gegen den digitalen Schönheitsterror lautstark wehren müssen, erklärt Elisabeth Lechner. Algorithmen machen ihre Arbeit, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen auf Basis riesiger Datenmengen und […]]]>

Künstliche Intelligenz soll mehr Diversität bringen, etwa durch den Einsatz KI-generierter statt menschlicher Models. Beendet wird die Diskriminierung marginalisierter Körper dadurch aber nicht – im Gegenteil. Warum wir uns gegen den digitalen Schönheitsterror lautstark wehren müssen, erklärt Elisabeth Lechner.

Algorithmen machen ihre Arbeit, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen auf Basis riesiger Datenmengen und mathematischer Vorhersagemodelle, was wir in unseren Social-Media-Feeds angezeigt bekommen oder was uns beim Online-Shopping neben bereits ausgewählten Produkten noch gefallen könnte. Sie haben Einfluss auf unsere Gesundheit (von der bildgebenden Diagnostik in der Medizin bis hin zu FitBits und Wearables im Sport, die unsere Körperdaten erfassen) und entscheiden (mit) darüber, wer Unterstützung vom Staat bekommt (Spoiler: Frauen, Mütter, Menschen mit Behinderung und über Fünfzigjährige waren es beim viel diskutierten AMS-Algorithmus nicht).

Automated Equality? Obwohl die Grenzen zwischen digital und analog bereits seit Jahren immer mehr verschwimmen und computergenerierte Entscheidungen schon jetzt konkreten Einfluss auf unser Leben nehmen, waren die Wirkweisen dieser Anwendungen bisher nur Expert*innen und einem Fachpublikum bekannt. Doch im November 2022 hat Open AI den KI-Chatbot Chat GPT veröffentlicht, der durch Unmengen Daten und maschinelles Lernen auf Anfragen (sogenannte „Prompts“) von User*innen erstaunlich hochwertige Texte produzieren kann. Dazu kam der Aufruhr rund um den glitch-freien, superrealistischen TikTok-Filter „Bold Glamour“, der aus durchschnittlichen Selfies „alienhafte“ gleichförmige „Schönheit“ macht – seither ist das Thema nun auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Immer mehr Menschen probieren die neuen Anwendungen aus, erleben mit einer Mischung aus Neugier, Freude und Angst, was digital (Körper er-)leben heute bedeutet.

KI-generierte Models. Immer mehr Menschen fragen sich aber auch: Welche Daten sind die Basis für algorithmische Entscheidungen? Ist künstliche Intelligenz gerecht? Und wer profitiert? Glaubt man den Firmen, die diese KI-Anwendungen auf den Markt bringen, stehen wir vor einer Revolution der Arbeitswelt, einem
„alles-wird-anders-iPhone-Moment“ für unser gesellschaftliches Miteinander, und auch vor einer schönen, neuen, diskriminierungsfreien Welt. Der amerikanische Jeans-Hersteller Levi’s beispielsweise möchte künftig „die Diversität seiner Kampagnen erhöhen“, indem diese nicht nur echte Menschen, sondern auch KI-generierte Models der Firma Lalaland.ai zeigen, „alle Hautfarben, Alter und Körpergrößen“ inklusive. In einer Welt, in der Schwarze Menschen und People of Color sich viel zu selten repräsentiert sehen, in der dicke Menschen und jene mit Behinderungen sich selbst vorstellen müssen, wie Kleidung an ihrem Körper wohl aussieht, klingt das erstmal nach einer guten Nachricht.

Kapitalistische Mogelpackung. Bei näherer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass dieser Fast Track zur Inklusion eine kapitalistische Mogelpackung ist. Die KI-generierten Models sind nicht wirklich divers – scheinbar graust es der KI, genau wie sie es von den eingespielten Datensets gelernt hat, vor Körperbehaarung, überschüssiger Haut, Falten und Narben, denn all diese Elemente unserer Körperlichkeit sucht man vergebens. Wir werden echte Vielfalt und Inklusion über solch einen Zeit und Kosten sparenden, Profite maximierenden Quick Fix nicht erreichen, der es Unternehmen wie Levi Strauss und Co. ermöglicht, Personal zu entlassen und auf Models, Make-Up-Artists und all die teuren, aufwändigen Anpassungen zu verzichten, die das bewusste Raumschaffen für vielfältige Körper nun mal erfordert. Kleidung in anderen Schnitten entwerfen? Make-Up in verschiedenen Schattierungen und Afro-Haar-Stylists für Schwarze Frauen und Women of Colour anbieten? Andere Sehgewohnheiten und Posen für dicke, queere und behinderte Körper erdenken und durchsetzen gegen Redaktionen, die immer noch dünne, weiße cis Frauen für heterosexuelle Männerblicke stylen? Fragen von gestern. Vielfalt liefert billig und schnell die KI!

Unzeigbar. Egal wie schön und optimiert die Bilder sind, die wir im Digitalen von- und miteinander teilen, ob wir uns nun konform mit den Vorstellungen der Schönheitsindustrie geben, indem wir lächelnde, durch den „Bold Glamour“-Filter gejagte Selfies erstellen; egal, ob wir versuchen, unser Gesicht mit teurer Schönheitsarbeit und Skalpellen (beim gerade angesagten „Buccal Fat Removal“ werden Teile der Wange „exzisiert“, also herausgeschnitten) dem digitalen Avatar anzupassen; egal, ob wir uns aktivistisch einbringen und mit „natürlichen“ Fotos von uns „für mehr Realness auf Instagram“ genau dagegen protestieren: Immer teilen wir diese Bilder auf Plattformen, die maximale Daten- und Profitakquise zum Ziel haben und nicht – wie in cyberfeministischen Utopien der 1990er-Jahre formuliert – einen möglichst transparenten, egalitären Zugang zum Internet für alle. In einer kapitalistischen, patriarchalen digitalen Umwelt, in der der Schönheitsdruck stetig zunimmt und sich intensiviert, bleibt der sichtbare, normschöne, weibliche Körper der kommerzialisierbare Körper; mit ihm werden Produkte und Dienstleistungen verkauft. Was abseits von Werbung und Klicks in der Aufmerksamkeitsökonomie „nicht funktioniert“ – das Eklige, das Abstoßende, das Hässliche, das Tropfende und schwer Kontrollierbare – bleibt auch im Digitalen unzeigbar. Wie die Doku „Coded Bias“ rund um MIT-Forscherin
Joy Buolamwini eindrucksvoll vor Augen führt: Marginalisierte Körper werden in allen Lebensbereichen über neueste, vermeintlich progressive Technologien weiterhin herabgesetzt, kontrolliert und ausgegrenzt.

Rohstoff für die Selbstoptimierung. Wo stehen wir also in Sachen digitaler Körperpolitiken im Jahr 2023? Müssen wir lautstark fordern, unser digitales Miteinander rechtlich neu zu regulieren und plattformkapitalistische Monopole zu zerschlagen? Eindringlich auf die psychologischen und gesellschaftlichen Folgen verzerrter Körperideale hinweisen und gegen schädliche Geschäftsmodelle auftreten? Ja, so laut wir können! Aber dabei dürfen wir nicht auf unsere gelebten Körper vergessen. Ohne sie wird die Schönheitsrevolution nicht erfolgreich sein. Wir führen unsere Leben in fühlenden Körpern, die Freude, Lust und Bewegung spüren, die Schmerz empfinden, krank oder schwanger werden und gerade in ihrer mit anderen geteilten Verletzlichkeit ein enormes Potenzial für politischen Protest entfalten. Auch wenn wir das oft nicht wahrhaben wollen, weil wir Verwundbarkeit und Sterblichkeit durch digitales Optimieren aus dem Blickfeld verbannen: Auch hinter KI-generierten Bildern stellen sich Fragen von Leiblichkeit und Körpern, die einer feministischen Kritik folgend mehr sein müssen als Projektionsflächen für Werbebotschaften und Rohstoff für die Selbstoptimierung gefilterter Realitäten. Gleichstellung wird also weiterhin nicht aus der Dose oder am KI-generierten Silbertablett einer Firma daherkommen. Sie muss – auch im Digitalen – weiterhin erkämpft werden, mit unseren schwitzenden, imperfekten, unendlich vielfältigen Körpern. •

Elisabeth Lechner ist Kulturwissenschafterin und Autorin des Buchs „Riot Don’t Diet – Aufstand der widerspenstigen Körper“, in dem sie Diskriminierung aufgrund des Äußeren auseinandernimmt und eine intersektionale, feministische Schönheitsrevolution anzettelt.

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heimspiel: leben mit kindern https://ansch.4lima.de/heimspiel-leben-mit-kindern/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-leben-mit-kindern/#respond Fri, 26 May 2023 15:16:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=109811 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Zurück in die 50er-Jahre. Ich hasse Autofahren. Das ist angesichts der Klimakatastrophe und des längst überfälligen Umbruchs der Automobilindustrie nun wirklich kein Problem. Es ist auch ziemlich 1980er zu glauben, man müsse sich eines liberal-feministischen Ansatzes wegen mit allem beschäftigen, was unzähligen Männern unfassbar wichtig ist. Allein, um in sämtlichen Bereichen des Hirnverbrannten […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Zurück in die 50er-Jahre.

Ich hasse Autofahren. Das ist angesichts der Klimakatastrophe und des längst überfälligen Umbruchs der Automobilindustrie nun wirklich kein Problem. Es ist auch ziemlich 1980er zu glauben, man müsse sich eines liberal-feministischen Ansatzes wegen mit allem beschäftigen, was unzähligen Männern unfassbar wichtig ist. Allein, um in sämtlichen Bereichen des Hirnverbrannten gleichziehen zu können. Eine Frau, und – huch! – eine schlechte Autofahrerin? Wenig ist mir egaler.

Aber Auto haben wir eines. Einen Hybrid, sei zu meiner Ehrenrettung gesagt. Dass das nicht meine Idee war, muss ich wohl nicht dazusagen. Fahren? Wenn es nicht unbedingt sein muss: lieber nicht. Das entgeht der Anwesenden im Kindersitz natürlich nicht: Mama ist meistens Beifahrerin, Papa meistens der am Steuer. Meine Güte, es gibt schlimmere Schieflagen bei Hetero-Paaren. Alles cool. Jedenfalls bis die Sechsjährige ein Gespräch darüber beginnt. Ob ich denn einen Führerschein habe, fragt sie auf dem Nachhauseweg, zu Fuß. Ja, habe ich. Dass ich trotzdem kaum fahre, gell? Wieder ja, ich mags einfach nicht. Ihre Conclusio: Sie macht keinen Führerschein. Voll okay, so meine noch zurückgelehnte Reaktion. Fall erledigt? Nun ja, nicht ganz. Ich such mir einen Mann mit Führerschein – der soll mich dann herumführen, präsentiert sie mir ihr Mobilitätskonzept.

Was folgt, ist ein widersprüchliches Dahinstottern meinerseits, im Schweiße meines Angesichts. Zwischen klimafreundlichem Anti-Führerschein-Diskurs und Ablehnung dieses 50er-Jahre-Modells, dass ich ihr – zumindest beim Autofahren – vorlebe.

Hm, vielleicht doch nicht so gescheit, wenn du dich da von einem Mann abhängig machst, oder? Wie wäre es außerdem mit einem autofreien Leben zu zweit? Und überhaupt, muss ja auch nicht ein Mann sein, schaust einfach mal, hm? Die Vorschläge für Alternativen sollen locker daherkommen, tun sie offenbar nicht. Zu gestresst klingt das alles wohl. Das darf doch wohl ich selbst entscheiden, faucht sich mich schließlich an, das bestimme ich, nicht du! Tja, mit Choice-Feminismus kennt sie sich zumindest schon ganz gut aus.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“.

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Die Wut in die Welt https://ansch.4lima.de/die-wut-in-die-welt/ https://ansch.4lima.de/die-wut-in-die-welt/#respond Fri, 26 May 2023 15:16:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=109804 Golnar Shahyar verbindet verschiedenste Traditionen zwischen Jazz, Kammermusik, Pop, nordwest-afrikanischer Folklore und Mikroton-Musik – und ist Aktivistin für die feministische Revolution im Iran. Von Sonja Eismann „Bitte sagt meiner Mutter, dass sie keine Tochter mehr hat“ ist eine der Parolen der feministischen Revolution im Iran. Protestierende rufen sie immer wieder, um daran zu erinnern, dass […]]]>

Golnar Shahyar verbindet verschiedenste Traditionen zwischen Jazz, Kammermusik, Pop, nordwest-afrikanischer Folklore und Mikroton-Musik – und ist Aktivistin für die feministische Revolution im Iran. Von Sonja Eismann

„Bitte sagt meiner Mutter, dass sie keine Tochter mehr hat“ ist eine der Parolen der feministischen Revolution im Iran. Protestierende rufen sie immer wieder, um daran zu erinnern, dass die Angst vor den Kanonen, Panzern und Gewehren des Regimes jetzt keine Macht mehr über sie hat. Dass sie sogar ihr eigenes Leben riskieren, um für die Freiheit anderer zu kämpfen. Die Musikerin Golnar Shahyar hat diese Zeilen in einen Song gegossen. Es ist ein Song, den alle, die ihn jemals gehört haben, schwerlich wieder vergessen werden. In einer Live-Aufnahme aus dem Jazzclub Porgy & Bess in Wien, wo die 1985 in Teheran geborene Multi-Instrumentalistin und Sängerin seit 2008 lebt, sieht man Golnar am Flügel sitzen. Sie beginnt, auf Farsi, mit der ruhigen Aufforderung, das Recht auf Zärtlichkeit, auf das Küssen zurückzuerobern – um sich dann immer lauter, immer leidenschaftlicher bis zu der revolutionären Vision zu steigern, dass der Iran von all den protestierenden Mädchen und Jungen, von den Müttern und Vätern von Baluchistan bis Kurdistan zurückerobert werden wird. Und wie sie da singt, mit erhobenem Kopf und von Schmerz und Hoffnung gleichzeitig gezeichnetem Gesicht, scheint sie wirklich mit der Kraft der Stimmen aller Demonstrierenden gemeinsam zu singen, ihre Wut in die gesamte Welt zu tragen. Als könnte sie mit der Intensität ihres Gesangs die Wände des Gefängnisses, in das sich der Iran verwandelt hat, zum Einsturz bringen.

Auch im Interview ist Shahyar, die bis zu ihrem 17. Lebensjahr in Teheran lebte und dann nach einigen Jahren in Kanada mit 23 zum Musikstudium nach Wien kam, deutlich anzumerken, wie sehr allein das Sprechen über dieses Lied sie bewegt. Denn neben ihrer unfassbar umtriebigen Tätigkeit als Musikerin – sie ist neben ihrer Solokarriere in mehreren Bands wie Choub und Gabbeh aktiv und hat schon an prestigereichen Orten wie der Royal Festival Hall oder dem Wiener Musikverein performt – sieht sie sich immer auch als Aktivistin, die mit ihrer Kunst den Anliegen von Marginalisierten eine Stimme geben will. Das hat sicherlich auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, denn an eine Karriere als Sängerin war im Iran, wo Frauen das öffentliche Singen verboten ist, nicht zu denken. „Ich komme aus einer iranischen Mittelklassefamilie, wo es damals ganz normal war, die Töchter Musikinstrumente lernen zu lassen. Ich habe mich für Klavier, meine Schwester für Geige entschieden, wir waren auch in einer Orff-Gruppe. Ich hatte schon immer diese tiefe Sehnsucht danach zu singen, aber diese Vision war für mich im Iran unmöglich. Ich halte Singen nach wie vor für einen inhärent politischen Akt, und für mich sind Kunst und Politik ohnehin nie zu trennen. Natürlich braucht es für konkreten politischen Aktivismus noch ein anderes Level von Engagement. Für mich war das durch meine Familiengeschichte gegeben, wo immer schon viel politisch diskutiert und analysiert wurde. Die Folgen der islamischen Revolution haben meine Familie von Grund auf erschüttert und wir haben einige Mitglieder verloren“, erzählt Shahyar im an.schläge-Gespräch.

Ihr Leben auf drei Kontinenten, ihr stetes Unterwegssein hat nicht nur den vielfältigen musikalischen Stil der Komponistin und Performerin geprägt, es ist der Motor für ihr Schaffen. Denn Musik ist für sie immer Sprache, und all die verschiedenen Einflüsse, von denen sie nach eigener Aussage nie genug bekommen kann, erweitern kontinuierlich ihr Vokabular. Kein Wunder, dass Shahyars Musik in kein vorgefertigtes Genre passt und dadurch vollkommen einzigartig wirkt: Sie ist genauso vom klassischen europäischen Kanon und seiner Kammermusik geprägt wie von Musiken aus dem nordwestlichen Afrika, von alten iranischen Revolutionsliedern wie von Folklore und MTV, von Jazzimprovisation ebenso wie von mikrotonaler oder elektronischer Musik. Die Energie, die aus ihren Kompositionen sprudelt, setzt sich auch in ihrem Leben fort. Entsprechend energisch fordert sie auch, dass die weltweite Unterstützung für die feministische Revolution im Iran auf keinen Fall abreißen darf: „Wir im Westen müssen unser Bewusstsein und unsere Augen für diesen völlig neuen Feminismus aus dem Iran öffnen. Denn er ist auf ganz neue Weise intersektional und dabei auch auf fürsorgliche Weise mütterlich – wir alle können davon lernen.“ •

Sonja Eismann lebt als Mitherausgeberin des „Missy Magazine“ in Berlin und ist immer noch überwältigt von Golnar Shahyars Power – und von der iranischen feministischen Revolution, für die weltweit erstmalig alle Genders gemeinsam kämpfen.

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„Ich bin weder besonders tech-utopischnoch tech-dystopisch“ https://ansch.4lima.de/ich-bin-weder-besonders-tech-utopischnoch-tech-dystopisch/ https://ansch.4lima.de/ich-bin-weder-besonders-tech-utopischnoch-tech-dystopisch/#respond Fri, 26 May 2023 15:15:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=109797 Die Bilder für unseren Schwerpunkt wurden von der KI Bluewillow erstellt. Die Qualität von KI-generierten Bildern hat sich innerhalb kürzester Zeit gewaltig verbessert. Die polisitischen Folgen sind kaum abschätzbar, schon jetzt ist oft nicht mehr unterscheidbar, was eine echte Foto- bzw. Video-Aufnahme und was computergeneriert ist. Die Vorurteile, die diesen KIs algorithmisch einprogrammiert wurden lassen sich leider nicht beheben. Wie die Bildstrecke zeigt, (re-)produziert BlueWillow ohne Ausnahme Stereotype. Andere Bild-KIs sind zwar schon ein bisschen weiter und filtern ihre Resultate mit Algorithmen, um so für ein bisschen mehr Diversität zu sorgen. Doch die Diskriminierung ist den Daten tief eingeschrieben, mit denen sie alle gefüttert werden. Die Bildergebnisse spiegeln das nur: Weiße Männer sind CEOs, Women of Color machen Care-Work, ein Liebespaar besteht aus Mann und Frau.]]>

Sarah Ciston ist Künstlerin, Wissenschafterin und kritische Programmiererin und versucht die Welt der künstlichen Intelligenz intersektionaler zu gestalten. Anika Haider hat nachgefragt, warum die Technik ein „Intersectional AI Toolkit“ braucht.

an.schläge: Du hast ursprünglich kreatives Schreiben studiert. Warum hast du zu programmieren begonnen?
Sarah Ciston: Ich wollte schon immer Texte schreiben, die über die Textform hinausgehen. Bücher machen, die nicht in Bücher passen. Ich begann zu programmieren, weil ich nach anderen Kunstformen suchte. Anfangs gab es kaum Menschen, an denen ich mir ein Beispiel hätte nehmen können, und ich scheiterte oft. Doch die Faszination für das Thema, also für die Beziehung, die wir zu Technik haben und wie sehr diese die Beziehungen ändert, die wir Menschen zueinander haben, war so groß, dass ich dranblieb.

Hatte dein Unbehagen auch damit zu tun, wie hetero-cis-männlich-dominiert die Branche ist?
Ja, bestimmt. Aber diese Annahme ist eigentlich falsch. Das Narrativ hat sich auf diese spezielle Geschichte verengt. Das sind die Typen, die das Geld haben, die das ganze Interesse auf sich ziehen und über die all die Geschichten erzählt werden. Es wird oft so dargestellt, als wären sie die einzigen, die etwas von Technik verstehen. Aber es gibt auch viele queere Menschen und Frauen in der Tech-Branche. Global gesehen sind in verschiedenen Arbeitsbereichen Menschen in der Mehrheit, die keine weißen Silicon-Valley-Tech-Bros sind.

Willst du diese Fehlwahrnehmung mit dem „Intersectional AI Toolkit“ ändern?
Ja, genau. Als ich begonnen habe, mehr in der Tech-Branche zu arbeiten, merkte ich schnell, dass das alles doch gar nicht so schwer ist, wie gedacht. Es gibt einen immensen Hype um diese Systeme und wie sie funktionieren und eine sehr einschränkende Sicht darauf, für wen sie gemacht sind. Doch auch wenn das gerne verschleiert wird: Man kann diese Technologien auch ohne obskure Sprache erklären und ohne mathematische Begriffe. Es gäbe durchaus Wege, um viele Menschen in die Auseinandersetzung einzubeziehen. Mich interessiert, wie wir die Technologie mit und für mehr Menschen erweitern oder neu denken können.

Warum ist ein diverseres Spektrum an Menschen in der Tech-Branche so wichtig?
Ich denke, dass die Art und Weise, wie Technik derzeit funktioniert, einigen Menschen aktiv schadet. Ihre Perspektiven einzubeziehen, kann dabei helfen, das zu ändern. Wir sollten das Wissen, das über Themen wie Gleichheit und Partizipation, Fairness und Zugänglichkeit außerhalb digitaler Systeme gesammelt wurde, auch in die technische Entwicklung einbeziehen. Das ist aus ethischer Perspektive richtig, aber es wird auch die Technik für alle besser machen.

Wie soll das „Intersectional AI Toolkit“ funktionieren?
Es ist ein lebendes Dokument, ein ständiger „Work in Progress“ und für Menschen gedacht, die sich für AI interessieren, sich aber ausgeschlossen fühlen. Für sie habe ich einige Zines, also kleine Magazine gemacht, die ausgedruckt und – ganz analog – weitergegeben werden können. Sie sind eine Einführung in verschiedene Aspekte von AI und Intersektionalität. Die Zines kann man auch anpassen oder eigene gestalten. So soll ein Ort für verschiedene Menschen geschaffen werden, um über AI ins Gespräch zu kommen.

Was fehlt dir in der aktuellen Diskussion um AI-Ethik am meisten?
Diskussionen sollten über dieses gut/schlecht, voreingenommen/nicht-voreingenommen hinausgehen. Wir sollten uns eher fragen: Wie kann man das System ändern? Wie können wir andere Ziele definieren? Wie können wir langsamer werden? Das Problem ist, dass die Auseinandersetzungen nach den Regeln jener, die gerade an der Macht sind, passieren und einem ständigen Wettrennen untergeordnet sind. Es wäre spannend, zu sehen, was möglich wäre, wenn sich alles verlangsamen würde und sich die Diskussionen erweitern könnten.

Kann AI auf dem Weg hin zu einer besseren Gesellschaft helfen?
Ja, ich glaube, dass das möglich ist. Es wird, so wie mit jeder Technologie, immer gewisse Spannungen geben – zwischen dem, wie wir sie gerne verwenden würden, und wie sie tatsächlich verwendet wird. Ich bin weder besonders tech-utopisch noch tech-dystopisch. Aber es wird hoffentlich immer Menschen geben, die die Technologien innovativ nutzen und sich Machtstrukturen widersetzen. Ich bin jedenfalls sehr begeistert von all den künstlerischen, subversiven und queeren Ansätzen, die versuchen, die bestehenden Paradigmen infrage zu stellen. •

Anika Haider ist von der queerfeministischen Coding-Bewegung fasziniert und würde jetzt am liebsten auch Hackerin werden.

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Deckmantel Kinderschutz https://ansch.4lima.de/deckmantel-kinderschutz/ https://ansch.4lima.de/deckmantel-kinderschutz/#respond Fri, 26 May 2023 15:14:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=109826 Wenn eine Dragqueen öffentlich aus einem Kinderbuch vorliest, dann ist das eine höchst gefährliche Angelegenheit für zarte Kinderseelen, gegen die unbedingt Sturm gelaufen werden muss. Was wie eine Parodie klingt, ist leider keine. Mitte April trafen in Wien an einem Sonntagmorgen rechtsextreme Demonstrant*innen und zum Glück eine große Überzahl Gegendemonstrant*innen, getrennt durch eine noch größere […]]]>

Wenn eine Dragqueen öffentlich aus einem Kinderbuch vorliest, dann ist das eine höchst gefährliche Angelegenheit für zarte Kinderseelen, gegen die unbedingt Sturm gelaufen werden muss.

Was wie eine Parodie klingt, ist leider keine. Mitte April trafen in Wien an einem Sonntagmorgen rechtsextreme Demonstrant*innen und zum Glück eine große Überzahl Gegendemonstrant*innen, getrennt durch eine noch größere Vielzahl von Polizist*innen, vor dem queeren Zentrum Türkis Rosa Lila Villa aufeinander. Dort fand eine Kinderbuchlesung statt, performt von einer Dragqueen. Es war nicht die erste Lesung in diesem Jahr, die von der rechtsextremistischen Gruppe der Identitären gestört wurde.

Nicht nur auf der Straße wird gegen Drag gehetzt: Im Parlament fordert die FPÖ gar ein Verbot solcher Events. Angriffe auf queeres Leben häufen sich nicht nur in Österreich: In Texas, USA, gibt es momentan Versuche, queere Bücher zu verbieten. Der Bundesstaat Tennessee will alle Drag-Performances abschaffen. Im österreichischen Nachbarstaat Ungarn wird der Verkauf queerer Kinderbücher eingeschränkt und im Parlament über ihr komplettes Verbot debattiert. Diese Hetze bleibt nicht folgenlos: In Bratislava wurden im vergangenen Herbst zwei Menschen vor einer queeren Bar erschossen, in Münster wurde ein trans Mann auf dem Christopher Street Day zu Tode geprügelt.

Queerfeindlichkeit ist kein neues Motiv rechter Bewegungen. In der sogenannten „Verteidigung“ der heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie treffen sich rechte, fundamentalistisch-christliche und bürgerlich-konservative Ideologien immer schon. Dass zuletzt Kinderbücher bzw. Veranstaltungen für Kinder vermehrt angegriffen werden, ist aufgrund dieser ideologischen Überschneidungen nicht verwunderlich. Beim vermeintlichen „Kinderschutz“ sind sich das rechtsextreme und das konservative Lager schnell einig. Der Protest richte sich ja nicht gegen queere Menschen an sich, heißt es dann, sondern bloß gegen die „Frühsexualisierung“ der Kinder. Abgesehen davon, dass genau jene FPÖ, die sich nun so sehr um die Kinder sorgt, während ihrer Regierungszeit mit der ÖVP munter daran werkelte, die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder zu kürzen, ist auch die „Frühsexualisierung“ nichts anderes als ein strategischer Schwindel. Bei Drag geht es um den radikalen Ausdruck der eigenen Identität, nicht um Sexualität. Für Kinder sind Dragqueens einfach bunte und außergewöhnlich aussehende Menschen, die genauso Freude, Angst oder Verwirrung auslösen können wie alle anderen ungewohnt auftretenden Menschen, beispielsweise Clowninnen oder Polizist*innen in Kampfmontur.

Dank der queeren Kämpfe und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte gehört stumpfe Homofeindlichkeit nicht mehr zum guten Ton in Österreich. Queerfeindlichkeit explizit und offen zu kommunizieren und zu leben, ist nicht mehr so anschlussfähig wie noch vor einigen Jahren. Deshalb eignet sich das Argument des „Kinderschutzes“ so hervorragend, um diesen Hass dennoch weiterhin ausleben zu können.

Ihn gibt es nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der bürgerlich-konservativen „Mitte“ der Gesellschaft – und wie die sogenannte Transdebatte zeigt, leider auch in der feministischen Szene. Selbst hier wird oft mit dem Vorwand argumentiert, Kinder vor falschen Entscheidungen, Verwirrung, Sexualisierung und Übergriffen schützen zu wollen.

Egal, aus welcher Richtung der Hass kommt, die Antwort muss immer dieselbe sein. Die Proteste vor der Türkis Rosa Lila Villa haben es erneut gezeigt: Die queere Community ist bunt und laut und stark. Wir lassen uns nicht einschüchtern. •

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„Alarmismus ist angebracht“ https://ansch.4lima.de/alarmismus-ist-angebracht/ https://ansch.4lima.de/alarmismus-ist-angebracht/#respond Fri, 26 May 2023 04:42:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=109778 Die Zeit, die Folgen der Klimakrise zu bremsen, wird immer knapper, politisch gibt es aktuell mehr Rückschläge als Erfolge. Wie kann eine Klimabewegung die Wende schaffen? Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben bei Aktivistin Lena Schilling nachgefragt. an.schläge: Deutschland hat mit der Unterstützung Österreichs in letzter Minute das umfassende Aus für den Verbrennungsmotor verhindert und […]]]>

Die Zeit, die Folgen der Klimakrise zu bremsen, wird immer knapper, politisch gibt es aktuell mehr Rückschläge als Erfolge. Wie kann eine Klimabewegung die Wende schaffen? Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben bei Aktivistin Lena Schilling nachgefragt.

an.schläge: Deutschland hat mit der Unterstützung Österreichs in letzter Minute das umfassende Aus für den Verbrennungsmotor verhindert und will auch auf E-Fuels setzen. Wie schwer ist dieser Rückschlag?

Lena Schilling: Die klimaschädliche Verkehrspolitik ist ein Mitgrund dafür, warum wir die Klimaziele nicht erreichen werden. Der Verkehr ist in Österreich der Sektor, in dem die Emissionen in den letzten dreißig Jahren am stärksten angestiegen sind. Jedes Jahr haben wir einen Höchststand an neu zugelassen Autos in Österreich, und das liegt nicht an der Unwilligkeit von Menschen, zur Lösung der Klimakrise beizutragen, sondern an politischen Entscheidungen. Zwischen 2000 und 2020 wurden 500 Kilometer an Schienen abgebaut und über 300 Kilometer Autobahnen zugebaut. Wenn Nehammer sagt, Österreich sei ein Autoland, dann nur, weil die ÖVP es dazu gemacht hat.

Wo sehen Sie angesichts solcher Rückschläge die zentralen Herausforderungen? Welche politischen Forderungen sollten klimapolitisch aktuell im Vordergrund stehen?
Solche Rückschläge dürfen nicht hingenommen werden! Wir müssen die Politiker*innen zur Verantwortung ziehen und öffentlich konfrontieren. Die Zeit des Appellierens ist vorbei! Ganz konkret gibt zwei Bereiche, in denen vorgestern schon notwendige Transformationen hätten passieren müssen, nämlich in der Frage der Mobilität und der Energie. Einerseits fehlen in Österreich dringend notwendige Gesetze wie das Klimaschutzgesetz und das Erneuerbare-Wärme-Gesetz, aber vor allem fehlt es an Transparenz darüber, wie unsere Klimaziele überhaupt eingehalten werden sollen. Wir hören seit Jahren schöne Worte und leere Versprechen, was fehlt, ist ein effektiver Plan.

Der politische Kampf um die Klimakrise ist vor allem auch ein Kommunikationskampf, in dem „die Klimakleber“ skandalisiert werden statt die Klimakatastrophe. Was lässt sich dem entgegensetzen? Geht es vor allem um gute PR und das richtige Framing, um politisch etwas bewirken zu können? Von den erschreckenden Fakten lassen sich viele offenbar nicht beeindrucken.

Wir brauchen Aktionen, die diejenigen, die tatsächlich an den Krisen schuld sind, adressieren. Wir haben das gerade aktuell bei der European Gas Conference gesehen. Es gibt Lobbyisten von fossilen Großkonzernen, die hinter verschlossenen Türen, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, über die Zukunft der Energieversorgung diskutieren. Während sie unsere Zukunft verscherbeln wollten, haben hunderte Aktivist*innen die OMV blockiert, demonstriert und sogar das Dinner der Lobbyisten gesprengt. Nur deshalb gab es überhaupt eine Debatte darüber. Framing und Kommunikation sind leider essentielle Tools, um in medialen Debatten überhaupt durchzukommen. Davon können die Scientists for Future vermutlich ein Lied singen. Wenn seit über dreißig Jahren Wissenschafter*innen warnen, rufen und appellieren, fehlt uns nicht das Wissen, sondern der politische Wille.

Die Letzte Generation hat sehr viel Medienaufmerksamkeit bekommen – aber auch sehr viel Häme und Aggression. Klimaaktivist*innen taugen Konservativen zum idealen Feindbild, während die großen Demos von Fridays for Future freundlichen Applaus erhielten. Sind die Strategien der Letzten Generation vielleicht sogar kontraproduktiv für die Bewegung?
Das lässt sich nicht so einfach sagen. Ziviler Ungehorsam war schon immer ein wichtiges Mittel, um gesellschaftliche Errungenschaften zu erkämpfen. Erinnern wir uns an die Suffragetten, die Bilder nicht nur mit Tomatensuppe beschüttet, sondern zerhackt haben. Ich finde, die Frage ist: Wer wird durch die Aktionen adressiert und gegen wen richten sie sich? Die Chef-Blockierer kleben sich an ihre Sitze im Nationalrat, in der WKO und in der Industriellenvereinigung – sie müssen wir konfrontieren. Wir müssen Politik für die Vielen machen, gegen die Wenigen, die vom fossilen System profitieren, und wir müssen dabei die Menschen mitnehmen.

Was muss guter Klimajournalismus leisten? Wie viel Alarmismus braucht es? Oder sollte er besser lösungsorientiert und mutmachend sein?
Wo es um eine Krise in diesem Ausmaß geht, ist auch Alarmismus angebracht. Aber nicht, um den Menschen Angst zu machen, sondern um politischen Druck zu erzeugen. Noch ist viel zu gewinnen, aber nur, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse so verändern, dass nicht mehr der Profit der Konzerne das Ziel ist, sondern eine lebenswerte Zukunft für alle.

Die Grünen sind sowohl in Österreich als auch Deutschland längst etablierte Parteien und in der Regierung – die klimapolitischen Maßnahmen werden von Klimaaktivist*innen häufig als viel zu vorsichtig kritisiert. Braucht es eine eigene Klimapartei?

Ich weiß nicht, ob eine Partei die Lösung der Klimafrage ist. Wir brauchen Mehrheiten in einer Demokratie und müssen um Verschiebungen der Meinungen kämpfen. Es waren Bewegungen, die ausschlaggebend waren für Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag, bezahlten Urlaub oder sogar das Frauenwahlrecht.

Wie lassen sich aus Ihrer Sicht Klassenkämpfe und der Kampf gegen die Klimakatastrophe verbinden?

Die Klimakrise ist die soziale Frage unserer Zeit und damit auch die Frage eines Klassenkampfs. Die Reichsten tragen am meisten zur Klimakrise bei, während die Ärmsten am meisten unter der Krise leiden werden. Konkret haben wir bei der Energiekrise gesehen, was es heißt, wenn sich manche Menschen das Heizen nicht mehr leisten können. In Städten sind auch heute schon die dicht besiedelten Gebiete ohne genügend Grünflächen die Orte, an denen die Menschen am meisten unter Hitze leiden. Seit 2018 haben wir in Österreich mehr Hitzetote als Verkehrstote. Wer sich keine neue Dämmung der Wohnung oder eine Klimaanlage leisten kann, hat halt Pech gehabt. Deshalb müssen Umverteilung und Arbeitszeitverkürzung auch Forderungen der Klimabewegung sein. Aber vor allem müssen Erbschaftssteuern, Vermögenssteuern und Reichensteuern dazu genutzt werden, die ökosoziale Transformation auch zu finanzieren.

Auswirkungen des Klimawandels sind bereits spürbar und werden sich in den kommenden Jahrzehnten verstärken: Tun wir aktuell genug, um uns vor den unausweichlichen Folgen zu schützen?

Nein, das tun wir definitiv nicht. Wir werden unsere Klimaziele mit dem heutigen Kurs sicherlich nicht erreichen und steuern zur Zeit auf eine Welt mit drei bis vier Grad Erhitzung zu. Was das bedeutet, will ich mir gar nicht vorstellen. In aller Deutlichkeit wird das in einer humanitäre Katastrophe enden. Man kann das Gefühl bekommen, viele Politikerinnen richten gerade schon die Konten ein, um die Strafzahlungen wegen des Nichterfüllens der Klimaziele zu begleichen. Es gibt einen Klimagipfel nach dem anderen, aber Entscheidungsträger*innen auf der ganzen Welt sind nicht bereit zu tun, was notwendig wäre. •

Lena Schilling ist 22 Jahre alt, Klimaaktivistin, Sprecherin von LobauBleibt, Autorin und studiert Politikwissenschaften.

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