III/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 09 May 2023 06:15:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png III/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Ein ganzes Haus https://ansch.4lima.de/ein-ganzes-haus/ https://ansch.4lima.de/ein-ganzes-haus/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:41:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=105382 Julischka Stengele Die Kolumne zwingt mich zu fragen: Was gibt es gerade für Themen mit Körperbezug in meinem Leben? Welchen Bezug habe ich gerade zu meinem Körper? Ist er präsent in meinem Bewusstsein und wenn ja, wie? Als lebendige, fühlende Masse, als funktionale Arbeitsmaschine, ein Gehäuse, das meinen Geist beherbergt und meinem Willen unterworfen ist, […]]]>

Julischka Stengele

Die Kolumne zwingt mich zu fragen: Was gibt es gerade für Themen mit Körperbezug in meinem Leben? Welchen Bezug habe ich gerade zu meinem Körper? Ist er präsent in meinem Bewusstsein und wenn ja, wie? Als lebendige, fühlende Masse, als funktionale Arbeitsmaschine, ein Gehäuse, das meinen Geist beherbergt und meinem Willen unterworfen ist, als lustvoll-empfindsames Netzwerk, als Problem, das schmerzt und krankt und so viel, zu viel Fürsorgeaufwand benötigt? Seufz.

Immer wieder braucht er Treibstoff, dieser Körper, muss gefüttert und bewässert werden, schön regelmäßig, aber bitte mit den richtigen Sachen, sonst meldet sich die Gastritis. Im Alltagsstress, den ganzen Tag unterwegs und schon wieder nicht geschafft irgendwas vorzukochen? Irgendwas schnell am Weg mitgenommen, gegessen, was verfügbar war? Gefällt dem Magen gar nicht, unverzeihlich, Rebellion. Oberkörper hochlagern beim Schlafen, das gefällt ihm. Die Wirbelsäule ist dagegen. Die will’s am liebsten flach. Und weich, aber bitte nicht zu sehr, weil Unterstützung braucht sie schon auch. Aber bitte auch nicht zu fest, weil zu viel Druck, das hält sie gar nicht aus. Die Muskeln stimmen gleich mit ein in diesen Chor. Die wollen überhaupt jede Menge: In die Länge gezogen und geschmeidig gemacht werden, aber auch gekräftigt und trainiert, am besten dreimal die Woche. Geht sich’s nicht aus, sind sie urschnell beleidigt und ziehen sich zurück. Dann darf man wieder von vorne anfangen. Und der Fuß, der jammert, dass er so viel arbeiten muss (und da hat er eh recht) und dann entlastet man ihn und dann lässt er zu locker, weil er nix zu tun hat und wie man’s macht, es passt nicht. Also die Einlagen anpassen gehen und die Geldbörse leeren. Die Zähne dagegen, am anderen Ende, die sind fein leise. Hätten gern Vorzugsbehandlung mit Seide, am besten täglich. Sagen sie dir aber immer erst beim Zahnarzt und dann der große Schock. Und immer wieder frag ich mich, ich bin doch nur ein einzelner Mensch und muss mich kümmern um ein ganzes Haus, wie geht sich das bitte aus?

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien.

]]>
https://ansch.4lima.de/ein-ganzes-haus/feed/ 0
Jährlich grüßt das Murmeltier https://ansch.4lima.de/jaehrlich-gruesst-das-murmeltier/ https://ansch.4lima.de/jaehrlich-gruesst-das-murmeltier/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:32:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=105374 Inge Chen Einmal pro Jahr sind alle angeblich feministisch oder zumindest für Frauenrechte. Auch im Europaparlament. Und so kam es, dass zur Veranstaltung „Alle für Geschlechtergerechtigkeit“ eingeladen wurde. Unter diesem Motto sollte mittags über die Rolle von Männern diskutiert werden. Mensch würde meinen, dass eine geschlechtersensible Einladungspolitik zumindest am 8. März selbstverständlich sein sollte. Der Hauptredner […]]]>

Inge Chen

Einmal pro Jahr sind alle angeblich feministisch oder zumindest für Frauenrechte. Auch im Europaparlament. Und so kam es, dass zur Veranstaltung „Alle für Geschlechtergerechtigkeit“ eingeladen wurde. Unter diesem Motto sollte mittags über die Rolle von Männern diskutiert werden. Mensch würde meinen, dass eine geschlechtersensible Einladungspolitik zumindest am 8. März selbstverständlich sein sollte. Der Hauptredner war jedoch ein Mann und auch alle anderen Redner waren, mit Ausnahme der EP-Präsidentin Roberta Metsola, Männer. 

Das offizielle Video des Europaparlaments vom Frauen-Ausschuss zeigte folgende Bilder: Frauen, die arbeiten, während ein Vorsitzender (!) (Robert Biedron, er folgte letztes Jahr der Österreicherin Evelyn Regner) spricht und politische Forderungen für Frauen stellt. Ja, richtig gelesen: Der Vorsitzende des Frauen-Ausschusses ist ein Mann. Ebenso wie der Vorsitzende der High-Level-Group zu Gender.  

Das I-Tüpfelchen ist ein Mail einer EP-Gewerkschaftsgruppe, die allen Frauen zum Frauentag gratuliert und sich bemüßigt fühlt, alle Männer zu loben, die Frauen unterstützen. Was? Kein Wort zur Unterstützung von feministischen Streiks oder gar eine politische Forderung. Assistent*innen von EU-Abgeordneten haben übrigens gar kein Recht auf Streik. Wir sollen uns anscheinend mit unserer Arbeitssituation abfinden. 

Ein anderes Event lädt zur Feier des Tages zum Sekttrinken ein. Ich frage mich, was wir feiern angesichts dieses schlichtweg reaktionären Verständnisses vom 8. März. Seriously, I’m tired.

Es gibt aber auch die kleinen Lichtblicke: Kolleg*innen, die trotz fehlender Arbeitsrechte im Europaparlament streiken. Menschen, die inmitten der EU-Bubble trotz Schneeregen den Schuman-Kreisverkehr für 15 Minuten mit dem Rad lahmlegen und eine spontane Critical Mass bilden. Soli-Aktionen für die Frauen und Mädchen im Iran. Und eine riesige feministische Demonstration durch Brüssel zum krönenden Abschluss.  

Inge Chen ist Pressesprecherin des Grünen EU-Abgeordneten Thomas Waitz und hat am 8. März wie jedes Jahr gestreikt. 

]]>
https://ansch.4lima.de/jaehrlich-gruesst-das-murmeltier/feed/ 0
„Lieber keinen Schnitzler-Monolog“ https://ansch.4lima.de/lieber-keinen-schnitzler-monolog/ https://ansch.4lima.de/lieber-keinen-schnitzler-monolog/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:15:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=105369 Zeynep Buyraç ist das erste Ensemblemitglied an der Burg mit türkischen Wurzeln. Warum das immer noch erwähnenswert ist und wie prekär die Arbeit als freie Schauspielerin für Menschen mit Migrationsgeschichte ist, hat Andrea Heinz von ihr erfahren. Sie sei, liest man im Wikipedia-Eintrag über Zeynep Buyraç gleich im zweiten Satz, die erste türkischstämmige Burgschauspielerin. Seit […]]]>

Zeynep Buyraç ist das erste Ensemblemitglied an der Burg mit türkischen Wurzeln. Warum das immer noch erwähnenswert ist und wie prekär die Arbeit als freie Schauspielerin für Menschen mit Migrationsgeschichte ist, hat Andrea Heinz von ihr erfahren.

Sie sei, liest man im Wikipedia-Eintrag über Zeynep Buyraç gleich im zweiten Satz, die erste türkischstämmige Burgschauspielerin. Seit Februar 2023 ist die 1982 in Istanbul geborene Buyraç Ensemblemitglied an der größten und bedeutendsten Sprechtheaterbühne im deutschsprachigen Raum. Wie viel sich hinter dieser Formulierung verbirgt, erschließt sich, wenn man mit ihr über ihre Geschichte spricht. „Ich persönlich empfinde mein Engagement am Burgtheater nicht als ‚Erfolg‘, sondern vielmehr als Gewinn für beide Seiten. Denn sowohl das Burgtheater als auch ich als Schauspielerin profitieren von der gemeinsamen Arbeit. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe“, sagt sie im an.schläge-Interview selbstbewusst. Buyraç, die ihr Abitur an der Deutschen Schule Istanbul ablegte und neben einer Tanzausbildung auch ein Schauspielstudium am Konservatorium der Stadt Wien absolvierte, ist seit zwanzig Jahren als Schauspielerin im deutschsprachigen Raum tätig. In der Garage X in Wien spielte sie die Sibel in Gegen die Wand, „vermutlich ein Meilenstein in Wien, was Diversität auf der Bühne betrifft“. Ihr Debüt an der Burg gab sie Anfang 2022 in Robert Ickes hochgelobter Schnitzler-Überschreibung Die Ärztin: „Ein unglaublich intelligenter und relevanter Abend und eine Arbeit, durch die sich die Menschen dieser Stadt in einer Institution wie dem Burgtheater willkommen fühlen können, die bis jetzt vielleicht das Gefühl hatten, dass ihre Identitäten und Geschichten für die österreichische Theaterwelt nicht wichtig genug sind“. Daneben spielte sie etwa am Theater Regensburg oder dem Landestheater Linz, aber auch im Tatort und Fernsehserien wie den Vorstadtweibern. Von außen betrachtet glaubt man gerne, so jemand müsste es geschafft haben. Nicht zuletzt Rassismus- und #MeToo-Fälle der letzten Zeit haben aber gezeigt: So glamourös die Branche oft wirken mag, so prekär sind ihre Arbeitsbedingungen – sowohl finanziell als auch was verknöcherte Hierarchien und Machtmissbrauch betrifft. Für Buyraç ist das Engagement am Burgtheater das erste feste an einem Haus. Bis dahin durchgehalten zu haben, ist eine erstaunliche Leistung. Es sei „der größte Erfolg, als freischaffende Schauspielerin zwei Jahrzehnte lang in diesem Beruf tätig gewesen zu sein. Ich erinnere mich an Vorsprechen, bei denen mir angeraten worden ist, meinen Namen zu ändern. Oder dass ich lieber keinen Schnitzler-Monolog zum Vorsprechen vorbereiten solle.“

Es sollte einfach nicht mehr der Rede wert sein, wo eine Burgschauspielerin geboren wurde und was ihre Muttersprache ist. Aber so weit sind wir noch lange nicht. „Der seit Jahren herrschende politisch-gesellschaftliche Zustand in Österreich zwingt mich dazu, über mein Migrant*innen-Dasein zu reden. Auch in meinem Beruf. Ich erinnere mich an etliche Situationen jenseits von Alltagsrassismus, in denen ich mir Gedanken darüber machen musste, ob ein Haus sich die Mühe machen wird, mich zu engagieren, da ich damals mit meinem türkischen Pass für jede Anstellung eine Arbeitserlaubnis brauchte. Abgesehen von den bürokratischen Hürden arbeite ich nicht in meiner Muttersprache – in einem Beruf, in dem Sprache eins der wichtigsten Werkzeuge ist. Das Wording ‚erste türkischstämmige Burgschauspielerin‘ reduziert also keineswegs meine schauspielerischen Fähigkeiten auf meine Herkunft, sondern macht sie für sensible Augen und Ohren vielleicht sogar noch sichtbarer. Und Sichtbarkeit ist schluss­endlich das Ziel – es ist nicht nur an die Branche adressiert, sondern hauptsächlich an junge Menschen mit ähnlichen Einwanderungsgeschichten. Ich oute mich jederzeit wieder gerne als ‚Türkin‘, wenn es diesen Menschen Mut macht. Wenn sie sich dadurch gesehen und ernst genommen fühlen. Denn es gibt nun mal auf den Bühnen und vor den Fernsehkameras Österreichs nur eine Handvoll Menschen mit ‚Migrationsdefizit‘. Also werden wir darüber reden müssen, bis die zehnte türkischstämmige Schauspielerin am Burgtheater ist.“ 

Andrea Heinz lebt als Literaturwissenschafterin und freie Autorin in Wien. 

]]>
https://ansch.4lima.de/lieber-keinen-schnitzler-monolog/feed/ 0
Soziale Mobilität gibt es kaum https://ansch.4lima.de/soziale-mobilitaet-gibt-es-kaum/ https://ansch.4lima.de/soziale-mobilitaet-gibt-es-kaum/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:11:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=105364 Daniela Brodesser schreibt über ihr Leben als Armutsbetroffene und macht dabei sichtbar, dass Armut kein Schicksal ist, sondern politisch gemacht wird. Von Naomi Lobnig Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, der im Frühjahr 2022 von Anni aka @Finkulasa ins Leben gerufen wurde, teilen Menschen, wie es für sie ist oder war, in Armut zu leben. Auch Daniela […]]]>

Daniela Brodesser schreibt über ihr Leben als Armutsbetroffene und macht dabei sichtbar, dass Armut kein Schicksal ist, sondern politisch gemacht wird. Von Naomi Lobnig

Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, der im Frühjahr 2022 von Anni aka @Finkulasa ins Leben gerufen wurde, teilen Menschen, wie es für sie ist oder war, in Armut zu leben. Auch Daniela Brodessers Aktivismus begann auf Twitter: zuerst noch unter dem Pseudonym @grauemaus und später dann unter ihrem Klarnamen @danibrodesser. Mittlerweile folgen der Armutsaktivistin, Kolumnistin, Bankkauffrau und Mutter von vier Kindern mehrere tausende Menschen, sie wird für Interviews angefragt, hält Reden, nimmt an Konferenzen teil und ist längst zu einer wichtigen Stimme im Kampf gegen Armut geworden. Aktuelle Statistiken zu Armut sprechen für sich: 17 Prozent der Bevölkerung in Österreich, das sind konkret 1.519.000 Menschen, sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Angesichts der aktuellen Teuerungen, die Lebenserhaltungskosten in die Höhe getrieben haben, liegt die Zahl jener, die ihr Leben nicht mehr problemlos bestreiten können, jedoch deutlich höher.

Die Zahlen schockieren, aber Daniela Brodesser weiß, dass es vor allem persönliche Geschichten sind, die Menschen erreichen. In ihrem Buchdebüt „Armut“, das soeben in der essayistischen Sachbuchreihe „übermorgen“ bei Kremayr & Scheriau erschienen ist, erzählt Daniela Brodesser von ihrem Leben in einer „typischen Durchschnittsfamilie“ und wie sie aufgrund einer Folge von Ereignissen – Burnout, Jobverlust, Krankheitsfälle etc. – in die Armut gerutscht ist. „Vor sechs Jahren habe ich das Wort ‚armutsbetroffen‘ nie für uns verwendet. Das sind nicht wir. Nicht in dieser Schublade“, schreibt sie. „Bis ich offen sagen konnte, ‚Ja, ich bin armutsbetroffen‘, war es ein langer Prozess, der von vielen Höhen und Tiefen begleitet war, sehr viel Überwindung gekostet hat, aber auch damit zu tun hatte, zu lernen und zu begreifen, was soziale Ungleichheit ist.“ Daniela Brodesser macht deutlich, dass Armut ein systemisches Problem ist, indem sie ihr Einzelschicksal immer wieder in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen setzt. Armut kann alle betreffen. Trotzdem sind armutsbetroffene Menschen immer noch mit Vorurteilen, mit Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert. Das führt zu Scham, Isolation, sozialer Entfremdung, bis hin zu physischen und psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen. Armut macht also auch krank. Aus dem Teufelskreis aus Scham und Beschämung finden Menschen nur schwer wieder heraus. Daniela Brodesser hat all das selbst erlebt: von „gut gemeinten“ Ratschlägen seitens Nachbar*innen, über Pädagog*innen, die ihr vorhalten, mit ihrem Geld nicht haushalten zu können, bis hin zu Ärzt*innen, die ihre Beschwerden nicht ernst nehmen. Sie zeigt auf, wie sich das Leben als armutsbetroffene Person gestaltet und wie umfassend die Auswirkungen sind. Auch wenn Daniela Brodesser der Weg aus der Armut gelungen ist, macht sie deutlich, dass sie eine Ausnahme ist. „Soziale Mobilität gibt es kaum“, kritisiert sie. „Die Mär von ‚hart erkämpft‘ ist genau das: ein Märchen.“

Das Buch gibt all jenen, die so oft nicht gehört werden, eine Stimme. Es schärft das Bewusstsein dafür, was Armut eigentlich bedeutet, und nimmt die Politik in die Verantwortung. Wie sieht ein nachhaltiger Weg aus der Armut aus? Welche Maßnahmen braucht es? Was ist nötig, um ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen? Wie können eigene Privilegien genützt werden, um Verbündete*r im Kampf gegen Armut zu werden? „Es ist an der Zeit, die Debatte endlich in eine andere Richtung zu bewegen. Weg von Schuldzuweisungen an Betroffene. Hin zum Aufzeigen, warum Menschen in Armut leben, warum sie keine oder nur prekäre Jobs finden, warum sie wegen Erkrankungen arm sind und warum sie wegen Armut krank werden. Hin zum Aufklären darüber, dass ein Ende der Generalvorurteile nicht ein Ende der Zivilisation bedeuten würde, sondern den Beginn einer ernsthaften Arbeit an nachhaltiger Armutsbekämpfung.“ Daniela Brodessers Buch liefert einen wichtigen Beitrag hierfür. •

Daniela Brodesser: Armut
Kremayr & Scheriau 2022, 20 Euro

]]>
https://ansch.4lima.de/soziale-mobilitaet-gibt-es-kaum/feed/ 0
Touchdown und Teamgeist https://ansch.4lima.de/touchdown-und-teamgeist/ https://ansch.4lima.de/touchdown-und-teamgeist/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:05:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=105357 Frauen-Football läuft in Österreich unter dem Radar. Völlig zu Unrecht, wie ein Besuch bei den Vienna Vikings Ladies zeigt. Von Brigitte Theißl und Anika Haider Auf dem Weg zum Training der Vienna Vikings Ladies liegt die Temperatur knapp über null Grad, es ist ein dunkler Montagabend Ende Jänner. „Hier in Simmering ist es immer noch […]]]>

Frauen-Football läuft in Österreich unter dem Radar. Völlig zu Unrecht, wie ein Besuch bei den Vienna Vikings Ladies zeigt. Von Brigitte Theißl und Anika Haider

Auf dem Weg zum Training der Vienna Vikings Ladies liegt die Temperatur knapp über null Grad, es ist ein dunkler Montagabend Ende Jänner. „Hier in Simmering ist es immer noch ein bisschen kälter“, sagt Conny. Auf der Sportanlage der Vienna Vikings im 11. Bezirk, unweit des Simmeringer Friedhofs, haben sich rund zehn Frauen eingefunden. Kraftraum, Spielfeld und Kabinen teilen sich die Viking Ladies mit den Männerteams. Während der beiden Pandemie-Jahre sind ­einige Spielerinnen verloren gegangen, früher hätten hier regelmäßig bis zu dreißig Spielerinnen trainiert. „Oft haben wir gar nicht genug Leute, um Spielzüge zu trainieren“, sagt Susie. Ressourcen fehlen an allen Enden und Ecken, der Stimmung im Team tut das kaum Abbruch. „Du steckst so viel in diesen Sport und das Team, es ist schwer, wieder davon loszukommen“, formuliert es Conny.

Randsportart. Obwohl wie in nahezu jeder Sportart auch im American Football die Männer besser aufgestellt sind, hat es Football hierzulande insgesamt schwer. Österreicher*innen lieben Skifahren und Fußball, Highlights wie die Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel oder UEFA-Europameisterschaften verfolgen regelmäßig Hunderttausende. Schon im Volksschulalter treten viele dem lokalen Fußballverein bei, 125.000 Kinder und Jugendliche trainieren laut Zahlen des ÖFB aktuell in Nachwuchsmannschaften. American Football und auch andere US-amerikanische Sportarten boomen zwar, doch die Zahlen sprechen für sich: Laut American Football Bund Österreich waren 2020 7.300 Athlet*innen in 42 American- und 40 Flag-Football-Vereinen aktiv. Flag Football, eine Variante des American Footballs, ist im Kommen: Bei der laufbetonten und passlastigen Sportart stehen sich nur fünf Spieler*innen eines Teams gegenüber, Körperkontakt ist dabei verboten.

Den Fans hat American Football einiges zu bieten: Die körperbetonte und auch taktisch anspruchsvolle Disziplin liefert oft spannende und vor allem abwechslungsreiche Partien. Anders als beim Flag Football gibt es viel Körperkontakt: Etwa, wenn bei einem oft brutal wirkenden Tackle die Gegnerin zu Boden gebracht wird. Wer zum ersten Mal ein Spiel verfolgt, kann jedoch vom Geschehen auf dem Platz schnell überfordert sein – American Football hat ein komplexes Regelwerk. Das Grundprinzip des Spiels ist dennoch schnell erklärt: Zwei Mannschaften zu je elf Spieler*innen treten in vier Quarters zu je 15 Minuten gegeneinander an und versuchen mit dem Ball das Ende der gegnerischen Spielhälfte zu erreichen. Wer die meisten Punkte erzielt, gewinnt, ein Unentschieden gibt es in manchen Ligen im Gegensatz zum Fußball nicht. Ganze sechs Punkte gibt es für den berühmten Touchdown, ein Field Goal zählt drei Punkte. Eine Besonderheit: Offense und Defense, also Angriff und Verteidigung einer Mannschaft, stehen nie gemeinsam auf dem Spielfeld – und werden auch von eigenen Spezialist*innen trainiert.

Körperliche Vielfalt. „Das Beste am Football ist, dass so unterschiedliche Typen darin Platz haben“, sagt Martina Beisteiner aus dem Trainer*innen-Team der Vikings Ladies. Einen genormten athletischen Körper gibt es beim Football nicht, kleine, wendige Menschen sind ebenso gefragt wie große kräftige, die vor allem in der Verteidigung zum Einsatz kommen. „Teamgeist, Smartness, Kraft, Schnelligkeit und Härte“ seien gefragt, ist auf der Website der Vikings zu lesen.

Die Vikings Ladies sind kein Profi-Team, sämtliche Spielerinnen betreiben den Sport in ihrer Freizeit – auch die Trainer*innen arbeiten ehrenamtlich. Entsprechend niederschwellig ist auch ein Einstieg möglich. Interessierte können ab 14 Jahren zu einem Probetraining kommen, Vorkenntnisse braucht es keine. Teamspielerin Susie ist erst mit dreißig Jahren bei den Vikings eingestiegen – zumindest bis zum 40. Geburtstag ist es durchaus möglich, auf dem Feld zu stehen. Nur wenige im Team spielen schon seit Kindertagen Football, Cilia etwa turnte im Verein, auch ehemalige Fußballerinnen sind unter den Vikings. Die Saison mit Bewerbsspielen beginnt für die Vikings Ladies erst im Herbst, trainiert werden Fitness, Taktik und Koordination aber das ganze Jahr über, auch in der Off-Season.

Rekordmeister. Österreichweit sind aktuell drei Frauenmannschaften aktiv, die Vienna Vikings können einen beachtlichen Erfolg vorweisen: 2022 räumten sie bereits zum 20. Mal in Folge den österreichischen Meistertitel ab – ein Rekord, der seinesgleichen sucht. Im Finale im November bezwang das Team die Telfs Patriots Ladies aus Tirol mit einem sagenhaften 48:0-Sieg. Grund zum Feiern gibt es bei den Vikings Ladies also regelmäßig, hinter den Siegen steckt aber kein großzügiger Mäzen, sondern jede Menge Arbeit.

Do-it-yourself ist das Grundprinzip im Verein: Die Ausrüstung muss ebenso wie Transporte und Reisen zu Auswärtsspielen selbst organisiert werden, auch das Marketing stemmen die Vikings Ladies selbst. Da Frauen-Football international wenig Aufmerksamkeit bekommt, ist es äußerst schwierig, Sponsoren an Land zu ziehen – oft läuft die Suche über den Bekanntenkreis. Auch das österreichische Frauen-Nationalteam liegt derzeit auf Eis, die letzte Europameisterschaft wurde 2019 bestritten.

Eingeschworene Gemeinschaft. „Der Teamgeist bei uns ist aber wirklich unglaublich“, sagt Conny. Dieser Zusammenhalt ist es auch, der die Spielerinnen am Ball hält – denn der Hobbysport ist ein enormer Zeitfresser. Professionellere Strukturen finden sich in den skandinavischen Ländern, in Schweden konnte sich Quarterback Conny auch einen persönlichen Traum erfüllen. Die ehemalige Bürokauffrau spielte dort eine Saison und sammelte wertvolle Erfahrungen für die Heimmannschaft.

Trotz heftigen Körpereinsatzes sei die Verletzungsrate gering, erzählen die Spielerinnen. Passiert doch etwas, gibt es praktischerweise mehrere Physiotherapeutinnen im Team. Wie jede Mannschaft haben aber auch die Vienna Vikings Ladies eine legendäre Geschichte parat: Als Quarterback Conny sich in einem Bewerbsspiel den Finger ausrenkte, lief sie an den Spielfeldrand, ließ sich den Finger wieder einrenken und setzte das Spiel fort. „Man gibt eben alles für das Team“, sagt Conny lachend. 

Brigitte Theißl durfte auf dem Feld mit Quarterback Conny und Trainer Cameron Frickey ein paar Bälle werfen und würde ihre Kinder sofort zum Training schicken.

Anika Haider kann auch nach dem professionellen Coaching keinen Football geradeaus werfen, angefixt, ein neues Hobby aufzunehmen, wurde sie trotzdem.

Wer interessiert ist, ein Probetraining zu absolvieren, meldet sich unter: ladies@viennavikings.com. Auch auf Social Media sind die Vienna Vikings zu finden:
www.facebook.com/ViennaVikingsLadies
www.instagram.com/
viennavikingsladies

]]>
https://ansch.4lima.de/touchdown-und-teamgeist/feed/ 0
Viel Lust auf Sex https://ansch.4lima.de/viel-lust-auf-sex/ https://ansch.4lima.de/viel-lust-auf-sex/#respond Thu, 06 Apr 2023 14:53:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=105349 Ältere Frauen werden unsichtbar gemacht, ihre Sexualität erst recht. Verena Kettner hat mit Gabriele Schweiger und Christa Wagner über Lust und neue sexuelle Freiheiten im Alter gesprochen. „Fuckability“, wörtlich übersetzt die „Fickbarkeit“, ist in unserer patriarchalen Gesellschaft einer der wichtigsten Werte, über die eine Frau verfügen kann. Ihre sexuelle Attraktivität macht einen großen Teil ihres […]]]>

Ältere Frauen werden unsichtbar gemacht, ihre Sexualität erst recht. Verena Kettner hat mit Gabriele Schweiger und Christa Wagner über Lust und neue sexuelle Freiheiten im Alter gesprochen.

„Fuckability“, wörtlich übersetzt die „Fickbarkeit“, ist in unserer patriarchalen Gesellschaft einer der wichtigsten Werte, über die eine Frau verfügen kann. Ihre sexuelle Attraktivität macht einen großen Teil ihres Kapitals aus – ob sie das nun will oder nicht. Ältere Frauen hingegen verlieren dieses Kapital. Manche Frauen berichten davon, bereits mit vierzig diese Form der Anerkennung verloren zu haben – „wenn die Blicke dann auf einmal weg sind“ –, andere erleben die Veränderung erst mit sechzig. Fest steht, dass die klassische Schönheitsnorm sehr eng mit Jugendlichkeit verknüpft ist und ältere Frauen nicht nur als nicht mehr sexuell begehrenswert gelten, sondern am besten bitte auch überhaupt keinen Sex mehr haben sollten. Obwohl ältere Frauen auf Pornoplattformen eine sehr begehrte Kategorie sind, gilt Sex im Alter im realen Leben als Tabuthema, das oft sogar mit Ekel assoziiert ist. Wobei es hier selbstverständlich den typischen Unterschied in der Bewertung von Frauen und Männern gibt: Wenn ältere Männer sexuell aktiv sind, unterstreicht das ihr Image als „Lebemann“ und wird durchaus positiv wahrgenommen. Ältere Frauen werden hingegen für ihre sexuellen Aktivitäten verurteilt – das „gehört sich nicht“.

Bei manchen Frauen führt dieses Stigma dazu, dass sie sich schämen, ihre Lust auszuleben. Bei anderen lässt die Libido nach. Doch es gibt auch Erzählungen von Frauen, die ihre Sexualität ganz anders wahrnehmen und im Alter nochmal sehr viel mehr Freude und Lockerheit empfinden.

Unkomplizierter Sex. Gabriele Schweiger kennt sich mit weiblicher Sexualität im Alter aus. Bereits 2010 produzierte sie den Dokumentarfilm „Die Lust der Frauen“, in dem fünf ältere Frauen über ihr Sexleben berichten. Das Thema hat Gabriele Schweiger überhaupt erst zum Film gebracht, da Sex immer einen hohen Stellenwert in ihrem Leben hatte und sie bereits früh anfing, darüber nachzudenken, was der Alterungsprozess mit weiblicher Sexualität anstellt – bzw. was die Gesellschaft damit anstellt. In den dreizehn Jahren, die seither vergangen sind, habe sich leider wenig getan: „Dass ältere Frauen Lust empfinden und Sex haben, ist immer noch genauso verpönt.“ Mittlerweile zählt Gabriele Schweiger sich selbst zur Gruppe der „älteren Frauen“, sie ist nun Anfang sechzig. Vor drei Jahren hat sie ihre letzte Partnerschaft beendet. Da sie mittlerweile überhaupt keine Lust mehr habe, sich mit fürsorgebedürftigen Männern herumzuärgern, die ihre Bedürfnisse und Emotionen nicht artikulieren können, ist es vor allem unkomplizierter Sex, den sie sucht. In ihrer Altersgruppe sei das aber gar nicht so einfach, berichtet Schweiger, und auf junge Männer stehe sie leider gar nicht. Online-Dating bietet eine Möglichkeit, um Sexpartner kennenzulernen, aber auch hier werden ältere Frauen diskriminiert: Auf Tinder beispielsweise müssen sie mehr für ihre Profile bezahlen als jüngere Altersgruppen.

Mehr Spaß am Sex. Abgesehen von den Männern, die durch ihre Defizite in Sachen Kommunikationen und Emotionen das Beziehungs- und auch Sexleben verkomplizieren, ist Gabriele Schweiger mit ihrer Sexualität sehr zufrieden. Sie hat sogar mehr Spaß am Sex als früher: „Natürlich, der Körper verändert sich, da muss man halt damit klarkommen, dass die Brüste nicht mehr so straff und überall Dellen sind. Aber dieses Annehmen des eigenen Körpers nimmt mir auch viel von so einem absurden Leistungs- und Performancedruck“. Auch die über die Jahre gewonnene Selbstsicherheit macht es ihr mittlerweile leichter, ihre Bedürfnisse beim Sex klarer wahrzunehmen und zu kommunizieren und weniger darauf zu achten, nur dem Partner zu gefallen. Es geht ihr nicht mehr darum, irgendeinen „Mann zu halten“, sondern ihre Lust voll auszuleben. Auch körperlich könnte Gabriele Schweiger nicht behaupten, dass ihre Lust abnehmen würde: „Manchmal bin ich einfach geil, das wird auch nicht weniger. Und ich werde dann auch feucht, das hat sich ebenfalls nicht verändert.“ Die über die Jahre gewonnene Selbstsicherheit und auch Unabhängigkeit ermöglichte Gabriele Schweiger auch, ihrem sexuellen Interesse an Frauen mehr nachzugehen. Aber wieder sei es schwierig, passende Sexpartnerinnen zu finden: „Die meisten lesbischen Frauen in meinem Alter sind wahrscheinlich in fixen Beziehungen und Orte für queeres Dating in Wien für Frauen ab sechzig sind mir leider nicht bekannt.“ Hinzu kommt noch eine wohlbegründete Angst vor Biphobie, die auch in der queeren Szene auftritt und die Angst davor, als bisexuelle ältere Frau von lesbischen Frauen nicht begehrt zu werden.

Der beste Sex des Lebens. Christa Wagner ist 78 Jahre alt und lebt im Burgenland. Obwohl ihr Leben auf dem Land sich sehr von Gabrieles Stadtleben unterscheidet, hat sie eine ähnliche Einstellung zu ihrer Sexualität. Für Christa war die Menopause eine große Befreiung, weil sie danach Sex endlich ohne die ständige Angst vor ungewollter Schwangerschaft genießen konnte. Auch sie hat sehr viel Lust auf Sex, aber sehr wenig Lust auf einen Mann, um den sie sich ständig kümmern muss. Momentan führt sie eine Fernbeziehung mit einem um einige Jahre jüngeren Mann. Jedes Jahr verbringt Christa zwei Monate bei ihm und hat den besten Sex ihres Lebens, „weil bei uns auch einfach die Kommunikationsbasis stimmt. Wir können über alles reden“. Obwohl es nicht immer einfach für Christa ist, zehn Monate ohne ihn zu verbringen, findet sie die Fernbeziehung in Ordnung, da sie sich in der gemeinsamen Zeit richtig ausleben kann: „Es braucht immer ein bisschen Anlaufzeit, aber dann treiben wir es manchmal dreimal am Tag!“ Obwohl Christa in einem sehr kleinen Dorf lebt, wo alle Menschen einander kennen, wird sie nie darauf angesprochen, dass sie sehr offen mit ihrer Sexualität umgeht und auch über ihre Beziehung zu einem jüngeren Mann spricht. Gelästert würde eher hinter verschlossenen Türen. Selten gäbe es Anfeindungen, aber auch das pralle an ihr ab. Schließlich verdanke sie dieser sexuellen Befreiung auch ihre neue Lebensfreude – und die will sie sich auf gar keinen Fall wieder nehmen lassen. 

Verena Kettner hat bisher nicht so viel über das Altern nachgedacht, findet die Aussicht darauf nun aber gar nicht so übel.

]]>
https://ansch.4lima.de/viel-lust-auf-sex/feed/ 0
Die unsichtbare Oma https://ansch.4lima.de/die-unsichtbare-oma/ https://ansch.4lima.de/die-unsichtbare-oma/#respond Thu, 06 Apr 2023 14:46:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=105344 Großeltern sind für viele Mütter und Väter unentbehrlich bei der Kinderbetreuung, weil es an anderen Angeboten fehlt. Was aber, wenn die Oma darauf gar keine Lust hat? Eine Großmutter packt aus – und eine Ökonomin erklärt, was in der Care-Arbeit anders laufen muss. Von Anna Lindemann Manchmal geht Birgit mit ihren beiden Enkeln auf den […]]]>

Großeltern sind für viele Mütter und Väter unentbehrlich bei der Kinderbetreuung, weil es an anderen Angeboten fehlt. Was aber, wenn die Oma darauf gar keine Lust hat? Eine Großmutter packt aus – und eine Ökonomin erklärt, was in der Care-Arbeit anders laufen muss. Von Anna Lindemann

Manchmal geht Birgit mit ihren beiden Enkeln auf den Spielplatz und steht dort neben anderen Großmüttern, die ausgelaugt ins Leere schauen, während die Kinder schaukeln, rutschen, im Sand spielen. Das könne sie gut verstehen, erzählt sie am Telefon, als sie zwischen der Enkelbetreuung endlich Zeit für ein Gespräch findet. Auch sie fühle sich oft so: ausgelaugt und erschöpft. „Darüber jammern will dann aber niemand.“ Von den anderen Omas heiße es immer nur, wie toll es sei, Enkelkinder zu haben.

Birgit heißt eigentlich anders, möchte hier aber lieber anonym bleiben. Sie ist 71 Jahre alt und hat in ihrem Leben vier Kinder großgezogen, ihr Mann hat immer gearbeitet. Selbst berufstätig war die Seniorin nie, doch immer, wenn es ging, hat sie Texte geschrieben und damit etwas Geld verdient. Das will sie auch jetzt tun: „Ich träume davon, zu schreiben, zu lesen, mit meinen enkellosen Freundinnen in den Heurigen zu sitzen.“

Die Realität sehe aber oft anders aus. „Viel meiner Zeit wird von meinen beiden Enkeln beschlagnahmt, auf die ich regelmäßig aufpasse“, sagt Birgit und betont gleich im nächsten Satz: „Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich liebe meine Enkel.“ Beneiden würde sie ihre Freundinnen auch nicht darum, keine Großmütter zu sein. „Aber manchmal ist es mit der Betreuung einfach zu viel. Ich komme an meine Grenzen.“

Acht bis neun Stunden wöchentlich. In Deutschland passen Großeltern wöchentlich im Schnitt zwischen acht und neun Stunden auf ihre Enkel im Krippenalter auf, bei etwas älteren Kindern sind es sechs bis sieben Stunden. Gemessen hat das eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), an der auch die Ökonomin Mara Barschkett mitgearbeitet hat. „In unserer Studie unterscheiden wir oft nicht zwischen Großvätern und Großmüttern. Klar ist aber: Wenn es um Notfallbetreuung geht, dann springen die Omas öfter ein als die Opas“, so die Ökonomin. Aus der Forschung wisse man außerdem, dass Großmütter insgesamt mehr Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen.

In einem eher konservativ geprägten Land wie Österreich sehe es wahrscheinlich ähnlich aus. Dabei komme es durchaus vor, dass Großeltern überlastet sind: „Vor allem dann, wenn sie das Gefühl haben, ohne sie läuft es nicht und es besteht ein Zwang, Betreuung zu übernehmen“, sagt Barschkett im Gespräch mit an.schläge.

Birgit ist sicherlich nicht die einzige Oma, die ihre Enkel manchmal gerne weniger sehen würde. Offen zugeben wollen das aber die wenigsten, das weiß auch die Seniorin. Dabei geht es nicht nur darum, dass Großmütter körperlich überlastet sind. „Omas werden mit jeder Generation fitter, teilweise stecken sie aufgrund des hohen Rentenalters selber noch im Arbeitsleben“, sagt Barschkett.

Vielmehr scheint es älteren Frauen darum zu gehen, ihre Zeit selber gestalten zu wollen. Auf dem Elternblog „Stadt Land Mama“ gibt eine Großmutter zu: „Ich lasse mir mein Leben nicht von den Kindern und Enkeln diktieren oder terminieren. Ich habe noch ein eigenes, aktives Leben, das ich gerne leben möchte.“ Und auch Birgit sagt: „Ich habe schon meine Kinder großgezogen und würde mich nun selbst gerne mehr in den Mittelpunkt stellen.“

Viele Eltern erwarten allerdings etwas anderes – zum Teil sind sie auch darauf angewiesen, insbesondere Alleinerziehende. „Die Zeit, die Großeltern mit ihren Enkeln verbringen, hat sich trotz der Kita-Erweiterung in den vergangenen Jahren nicht groß verringert“, sagt Barschkett. Vor allem zu Randzeiten – nach Kita-Schluss und vor dem Feierabend – würden Omas und Opas häufig einspringen, da die Betreuung anders nicht zu organisieren sei. Großeltern sind vor allem für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit von Müttern mit sehr jungen Kindern oft unentbehrlich. Das sei eine Verantwortung, die Großeltern nicht haben sollten, findet die Ökonomin.

Druck von Müttern. Birgit trägt sie trotzdem. Sie beschreibt den großen Druck, den sie empfindet – und eine Erwartungshaltung, die auch ihre Töchter an sie haben. „In den Vorstellungen meiner Kinder bin ich die, die immer da ist und alles auffangen kann, die kein eigenes Leben hat. Ich bin aber nicht so eine. Ich kann und will das nicht.“

In Internetforen sind es vor allem Mütter, die darüber klagen, wenn ihre Mütter wiederum kein ­Interesse am Oma-Sein haben. Und auch die DIW-Studie zeigt: Passen Großeltern gar nicht oder nur selten auf ihre Enkel auf, erhoffen sich die Eltern der Kinder oft eine größere Einbindung. Birgit hält dagegen, dass die Arbeit, die Großeltern leisten, oft als selbstverständlich gilt und deshalb nicht ausreichend anerkannt wird.

Das sei nicht richtig so, sagt Barschkett. „Wenn Großeltern viel unbezahlte Care-Arbeit leisten, sollte das auch wahrgenommen werden.“ Aber wie? Ein Ansatzpunkt seien finanzielle Unterstützungen von Großeltern, die Betreuung übernehmen, zum Beispiel in Form eines „Großelterngelds“. Auch über „Großelternzeit“ werde immer mal wieder diskutiert. Diese ­Ideen seien allerdings nicht unproblematisch, sagt Barschkett. „Die Vorschläge könnten den Großeltern auch eine Last auferlegen und sie vielleicht zu stark in die Verantwortung ziehen.“

Stattdessen fordert sie mehr institutionelle Betreuung: „Wir brauchen noch immer viel mehr Kitaplätze und Ganztagsschulen.“ Außerdem müsse es flexiblere Arbeitsmodelle geben, so dass Eltern ihre Familie und Erwerbstätigkeit besser vereinbaren können.

Rollenerwartungen. Das reiche allerdings nicht – denn eine Ursache des Problems hat mit unseren Rollenbildern von Männern und Frauen zu tun. „In unserer Gesellschaft sind es nach wie vor Frauen, die den Großteil unbezahlter Care-Arbeit übernehmen“, sagt Barschkett.

Selbst wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, kümmern sich die Mütter mehr um ihre Kinder als die Väter. Sie sind es außerdem, die oft den Großteil der Elternzeit übernehmen. Die Großelternstudie des DIWs zeigt außerdem: Mütter sind es, deren Zufriedenheit deutlicher wächst, wenn die Omas und Opas bei der Betreuung unter die Arme greifen können. Bei Vätern hingegen, deren Belastung meist moderater ist, ist das nicht so deutlich messbar.

Es würde also unter Umständen auch den Großeltern zugutekommen, wenn die Sorgearbeit unter den Eltern gerechter aufgeteilt wird, sagt Barschkett. Denn die Zeit, die Omas und Opas mit ihren Enkelkindern verbringen, sollte kein Ersatz für institutionelle Betreuungsmöglichkeiten sein, also nichts, worauf Eltern angewiesen sind. „Dann kann die gemeinsame Zeit etwas sein, wovon alle profitieren.“ Das wünscht sich auch Birgit. Oma sei sie gerne – nicht aber „eine unsichtbare Diensthabende“. •

Anna Lindemann ist Sozialwissenschaftlerin und Enkelin – aus dem Bekanntenkreis ihrer Oma ­wollte aber niemand über das Thema sprechen.

]]>
https://ansch.4lima.de/die-unsichtbare-oma/feed/ 0
INFLATION: „Angst, Druck, Frustration“ https://ansch.4lima.de/inflation-angst-druck-frustration/ https://ansch.4lima.de/inflation-angst-druck-frustration/#respond Thu, 06 Apr 2023 14:35:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=105338 Wir haben zwei feministische Ökonominnen zu den Folgen der Teuerung befragt. Wie sollte eine solidarische Geldpolitik aussehen? Die Teuerung wird weitreichende gesellschaftliche Folgen haben, ist Gabriele Michalitsch überzeugt. Lea Susemichel hat bei der Ökonomin und Politikwissenschafterin nachgefragt, warum ein Teuerungsausgleich den Falschen nutzt und welche Maßnahmen es stattdessen bräuchte. an.schläge: Im Februar lag die Inflation […]]]>

Wir haben zwei feministische Ökonominnen zu den Folgen der Teuerung befragt. Wie sollte eine solidarische Geldpolitik aussehen?

Die Teuerung wird weitreichende gesellschaftliche Folgen haben, ist Gabriele Michalitsch überzeugt. Lea Susemichel hat bei der Ökonomin und Politikwissenschafterin nachgefragt, warum ein Teuerungsausgleich den Falschen nutzt und welche Maßnahmen es stattdessen bräuchte.

an.schläge: Im Februar lag die Inflation in Österreich bei 10,9 Prozent, Lebensmittel haben sich enorm verteuert. Was sind die sozialen und politischen Folgen der Preissteigerungen?

Gabriele Michalitsch: Soziale Spaltungen vertiefen sich weiter und die Grundlagen von Demokratie werden weiter ausgehöhlt, wodurch sich autoritäre Tendenzen letztlich verstärken. Warum? Weil die Inflation bei Miete, Energie und Lebensmitteln besonders ausgeprägt ist, trifft sie die ärmeren Menschen deutlich stärker als die Reichen, die ja nur einen geringen Teil ihres Einkommens für das Lebensnotwendige ausgeben. Soziale Ungleichheit und Armut nehmen also zu, wie sich zum Beispiel auch an der stark gestiegenen Zahl von Privatkonkursen oder den enorm erhöhten Lebensmittelausgaben der Caritas zeigt. Wenn nicht mal mehr ein Mindestmaß an Gleichheit gegeben ist, wenn immer mehr Menschen sozial ausgeschlossen werden und damit auch an basalen politischen Prozessen nicht mehr teilhaben können, weil sie sich etwa keine Zeitung oder kein Internet mehr leisten können, dann schwindet die Demokratie. Allein die Bedrohung, sozial an den Rand gedrängt zu werden – und die geht weit in die sogenannte Mittelschicht hinein –, erzeugt Angst, Druck, Frustration, was wieder­um leicht in Aggression mündet. Es führt zu Enttäuschung gegenüber einem System, in dem die Betroffenen scheinbar nicht zählen, und zu Gleichgültigkeit gegenüber Demokratie. Die politischen Kräfte, die diesen destruktiven Affekten ein Ventil bieten und etwa gegen Asylwerber*innen oder Muslim*innen oder welche Gruppe auch immer kanalisieren, werden Zulauf haben. Wir kennen solche Tendenzen seit langem, sie werden sich verstärken, radikalisieren und gegen das demokratische System wenden.

Wer profitiert von Inflation? Und welche geschlechtsspezifischen Aspekte gibt es?

Weil die Preiserhöhungen von vielen Unternehmen über ihren Kostensteigerungen liegen, profitieren natürlich etliche Unternehmen, ganz besonders Energieversorger. Denken Sie nur an den Verbund, der seinen Gewinn 2022 gegenüber dem Vorjahr auf rund 1,7 Milliarden verdoppelt hat. Es gibt Sonderdividenden für ­Aktionäre. ­Heuer soll der Gewinn sogar noch höher ausfallen. Trotz Übergewinnsteuer. Das liegt natürlich auch daran, dass die österreichische Variante der Besteuerung von Übergewinnen weit hinter der von den EU-Möglichkeiten zurückbleibt. Der gesamte Unternehmenssektor profitiert außerdem von den sinkenden Reallöhnen. Und nicht zuletzt werden Unternehmen mit etwa neun Milliarden gestützt. Ohne Gegenleistung werden damit Zuschüsse von bis zu vier Millionen Euro pro Unternehmen vergeben.

Die geschlechtsspezifischen Aspekte liegen darin, dass Frauen sehr wenig Kapital haben und folglich kaum etwas von gestiegenen Unternehmensprofiten. Im Gegenteil, Frauen sind oft Geringverdienerinnen und überproportional armutsgefährdet, besonders als Pensionistinnen. Damit trifft sie die Inflation aber stärker als Bezieher hoher Einkommen. Und als primär für den Haushalt Verantwortliche müssen sie die geringere Kaufkraft durch Anpassungen des Kaufverhaltens und mehr Eigenleistungen ausgleichen – also mehr unbezahlte Arbeit.

Sie kritisieren den Teuerungsausgleich. Warum?

Wie schon ausgeführt: Der „Teuerungsausgleich“ ist schlicht eine Subvention für Profite. Zwar stützen die diversen Ausgleichsmaßnahmen das unterste Einkommensdezil deutlich und begünstigen die unteren Einkommensgruppen insgesamt relativ stärker als die oberen, aber ist ein Teuerungsausgleich für das oberste Einkommensdrittel sozial notwendig und ökonomisch sinnvoll? Wie ist zu verstehen, dass Unternehmen zumindest partiell von der Teuerung profitieren und zugleich enorme finanzielle Unterstützung bekommen? Und am Ende bleibt die alles entscheidende Frage: Wer bezahlt? Den größten Teil, insgesamt etwa zwei Drittel der Bundessteuern zahlen die Beschäftigten über die Einkommensteuer und die Konsument*innen über die Umsatzsteuer, während die Unternehmen über die Körperschaftsteuer nur etwa zehn Prozent beitragen. Mit der schrittweisen Senkung der ­Körperschaftsteuer seit Jahresbeginn wird sich dieser Beitrag weiter verringern, sodass die Erwerbstätigen, aber letztlich auch Arbeitslose oder Pensionist*innen, nicht nur ihren eigenen Teuerungsausgleich, sondern auch den für Unternehmen bezahlen.

Warum sind Zinserhöhungen das falsche Mittel gegen die Inflation?

Zinserhöhungen verteuern Kredite. Damit drücken sie auf die Nachfrage. Zunächst kommen alle unter Druck, die Kredite mit flexiblem Zinssatz haben. Für Unternehmen verteuern sich Investitionen, also wird weniger investiert und das drückt weiter auf die Konjunktur. Wir haben folglich wie zuletzt in der Ölkrise der 1970er-Jahre Stagflation zu erwarten, also fehlendes Wirtschaftswachstum samt steigender Arbeitslosigkeit bei hohen Inflationsraten. Außerdem bringen die Zinserhöhungen Instabilität in den Finanzsektor, weil mit den steigenden Zinsen der Kurs der alten Anleihen fällt und das bedeutet Verluste für die Banken, die diese Anleihen in großer Zahl halten. Wir können das ja gerade beobachten, zuerst der Kollaps der Silicon Valley Bank und dann die Credit Suisse. Wie schon 2008 wird mit enormer – vorerst nur Schweizer – Staatshilfe eine als systemrelevant geltende Bank gerettet. Am Ende zahlen wieder die Steuerzahler*innen. Das ­nächste Problem besteht darin, dass die Staatsschulden teurer werden. Nun ist der öffentliche Schuldenstand im Zuge der Pandemie allgemein massiv gestiegen – und im Zuge der aktuellen Aufrüstung steigt er weiter. Ich fürchte also eine neue Welle radikaler Austeritätspolitik, die das Sozialsystem weiter schwächt, soziale Polarisierung verstärkt und schließlich auch Autoritarismus. Besonders hart wird es wohl wieder einmal für die ärmsten Länder, die die gestiegenen Zinsen nicht tragen können. Dann wird es sogenannte Rettungsprogramme des IWF geben, mit denen die Reste des öffentlichen Sektors zerstört werden. Es wird also wieder die Ärmsten der Armen besonders treffen.

Welche konkreten politischen Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach am sinnvollsten, um die Preissteigerungen zu stoppen?

Preisobergrenzen für die Grundnahrungsmittel und Energie und Mietpreisdeckel. Die Energiepreise sind zwischenzeitlich wieder stark gesunken, aber abgesehen von einigen Appellen, die Vergünstigungen an die Verbraucher*innen weiterzugeben, geschieht nichts. Hier bräuchte es viel stärkere regulatorische Eingriffe. EU-weit wurde zum Beispiel gerade der Strommarkt re-reguliert, aber das fatale Merit-Order-Prinzip, nach dem der teuerste Anbieter den Preis bestimmt, wurde nicht angetastet. Die Regulation orientiert sich an den Interessen der jeweiligen Unternehmen, das müsste sich grundlegend ändern. Und selbstverständlich muss man auch die grundsätzliche Frage stellen, wie weit menschliche Existenzgrundlagen Gegenstand von Profit sein sollen, wie weit Energieversorgung oder Wohnraum sozialisiert werden muss. Es braucht insgesamt eine solidarische Politik, die sich am Leben ausrichtet.  



]]>
https://ansch.4lima.de/inflation-angst-druck-frustration/feed/ 0
Im Zweifel für den Zweifel https://ansch.4lima.de/im-zweifel-fuer-den-zweifel/ https://ansch.4lima.de/im-zweifel-fuer-den-zweifel/#respond Thu, 06 Apr 2023 14:24:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=105334 Sie kenne sich aus mit Typen wie Putin und wisse, was passiert, wenn man sie reizt, verkündete Alice Schwarzer bereits zu Beginn des Ukraine-Krieges. Ihre Conclusio: Bloß nicht provozieren, sonst komme es noch zum Atomschlag. Gerade aus feministischer Perspektive ist das eine heftige Ansage: Wir sollten Gewalttäter also lieber einfach gewähren lassen, denn Gegenwehr mache […]]]>

Sie kenne sich aus mit Typen wie Putin und wisse, was passiert, wenn man sie reizt, verkündete Alice Schwarzer bereits zu Beginn des Ukraine-Krieges. Ihre Conclusio: Bloß nicht provozieren, sonst komme es noch zum Atomschlag. Gerade aus feministischer Perspektive ist das eine heftige Ansage: Wir sollten Gewalttäter also lieber einfach gewähren lassen, denn Gegenwehr mache es womöglich nur schlimmer?

Bei der Verteidigung des „Manifests für Frieden“, das sie gemeinsam mit Schwarzer verfasst hat, ist auch Sahra Wagenknecht nicht zimperlich. Die Vergewaltigungen durch russische Soldaten seien eben „Teil des Krieges. Und das ist doch nicht nur in diesem Krieg so. Kriege sind immer mit Kriegsverbrechen verbunden“, sagt sie in einer ARD-Talkshow. Außerdem gäbe es die auch von ukrainischer Seite. Solch eine Relativierung sexueller Gewalt ist nicht nur dann erschreckend, wenn sie von der Linken-Politikerin Wagenknecht kommt, die bekanntlich große Probleme damit hat, russische Menschenrechtsverbrechen klar zu benennen und zu verurteilen. Auch wer aus tiefer antifaschistischer oder pazifistischer Überzeugung gegen deutsche Kriegsbeteiligung argumentiert, soll das doch bitte nicht mittels einer Verhöhnung von Opfern tun.

Doch offenbar versteigen sich viele lieber in völlig aberwitzige Argumentationen, statt das eigene Ringen um eine vertretbare Position einzugestehen oder die eigene Ratlosigkeit angesichts solcher Dilemmata zuzugeben. Der Ukraine-Krieg ist ein solches Dilemma: Wie lässt sich die Überzeugung, dass wir Menschen beistehen müssen, die sich gegen die russische Aggression wehren, mit der Gewissheit vereinbaren, dass jeder Krieg eine Katastrophe ist, die es unbedingt zu verhindern gilt? Dass deutsche Panzerlieferungen nie irgendwas besser gemacht haben? Dass sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegen auf unterschiedliche Weise brutal instrumentalisiert wird?

Weil es angesichts solcher Widersprüche schlicht keine einfachen Lösungen gibt, wären wir wohl besser beraten, „im Zweifel für den Zweifel“ (Tocotronic) zum linken Leitspruch zu machen. Denn wo und wie es endet, wenn jemand gar nicht mehr zweifelt, führen uns Figuren wie Schwarzer und Wagenknecht in karikaturesker Überzeichnung vor Augen. Entsprechend sind sie aber auch bloß Karikaturen eines linken Politikverständnisses, und es wäre fatal, von ihrer schrillen Show auf den Zustand der Linken zu schließen. Nur weil mediale Aufmerksamkeitsökonomien keine zweifelnde Ambivalenz mögen und Schrillheit bekanntlich belohnen, entsteht das Zerrbild, dass sich linke Politik auf keine gemeinsamen Visionen mehr einigen könne. Das stimmt aber einfach nicht. Ohne damit reale Interessenkonflikte und ideologische Gräben leugnen zu wollen: Eine linke Mehrheit kann sich durchaus gut darauf einigen, dass der Kampf um soziale Gleichheit und der um die Anerkennung von Differenz kein Widerspruch sind. Dass es also unbedingt auch die von Wagenknecht als woke „Lifestyle-Linke“ verspotteten Aktivist:innen braucht, um neben ökonomischer Ungleichheit auch strukturelle Gewalt und Diskriminierung zu überwinden. Genauso wie sich wohl die meisten Linken darauf verständigen können, dass wir diese Welt nicht werden retten können, wenn wir Klimapolitik und Sozialpolitik gegeneinander ausspielen, nur weil manche Angst davor haben mögen, dem eigenen Klientel Schnitzel und Auto zu verbieten. Wie der UNO-Weltklimarat dieser Tage erneut eindringlich klar gemacht hat: Wenn wir nicht sofort drastische Maßnahmen setzen, ist eine Eskalation der Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern.

Auch das ist klar: Statt nationalem Protektionismus von „inländischen“ Arbeiter:innen, brauchen wir eine transnationale Solidarität, die nichts weniger als globale Gerechtigkeit zum Ziel hat. Nirgendwo darf dabei weiterhin für die Chimäre des weißen Proletariers Politik gemacht werden, der am Fließband oder Hochofen steht, um Frau und Kinder zu ernähren. Die reale Arbeiterklasse ist divers, migrantisiert und weiblich. Wer für dieses Prekariat zukunftsfähige Politik machen will, muss bereit sein, überkommene Überzeugungen in Zweifel zu ziehen. Woran es dabei nicht den geringsten Zweifel geben darf: Eine andere Welt ist weiterhin möglich. Genau wie linke Solidarität, um gemeinsam für sie zu kämpfen. 

]]>
https://ansch.4lima.de/im-zweifel-fuer-den-zweifel/feed/ 0
Feminist Superheroines: Meena Keshwar Kamal https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-meena-keshwar-kamal/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-meena-keshwar-kamal/#respond Thu, 06 Apr 2023 14:20:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=105319 Meena Keshwar Kamal war eine revolutionäre afghanische Feministin. 1957 in Kabul in eine wohlhabende Familie geboren, war es ihr möglich, an der Universität Kabul Rechtswissenschaft zu studieren. Kamal war sich ihres Privilegs bewusst und lehnte die Monarchie sowie das Klassensystem und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten entschieden ab. Doch die Juristin kämpfte nicht nur für soziale […]]]>

Meena Keshwar Kamal war eine revolutionäre afghanische Feministin. 1957 in Kabul in eine wohlhabende Familie geboren, war es ihr möglich, an der Universität Kabul Rechtswissenschaft zu studieren. Kamal war sich ihres Privilegs bewusst und lehnte die Monarchie sowie das Klassensystem und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten entschieden ab. Doch die Juristin kämpfte nicht nur für soziale Gerechtigkeit. Sie setzte sich auch dafür ein, Frauenrechte ins Zentrum des Klassenkampfs zu stellen und die Geschlechterfrage nicht länger als Nebenwiderspruch zu betrachten. Mit nur zwanzig Jahren gründete sie die Frauenorganisation RAWA, mit der sie diskriminierten Frauen in Afghanistan eine Stimme geben wollte. 1987 wurde Kamal in Quetta, Pakistan, ermordet, wahrscheinlich von fundamentalistischen Kräften. Ihr Vermächtnis ist bis heute prägend für die afghanische Frauenbewegung. phi

]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-meena-keshwar-kamal/feed/ 0