I/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 09 Mar 2023 20:58:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png I/2023 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Nina Simone https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-nina-simone/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-nina-simone/#respond Thu, 09 Mar 2023 20:58:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=101774 Am 21. Februar dieses Jahres wäre Nina Simone neunzig Jahre alt geworden. Die afroamerikanische Sängerin war nicht nur eine prägende Jazz- und Bluesmusikerin, sondern auch Bürgerrechtsaktivistin und eine Ikone der Black-Power-Bewegung der 1960er-Jahre. Simone begann bereits in jungen Jahren Klavier zu spielen und trat in der Kirche auf, später schloss sie ein Studium an der […]]]>

Am 21. Februar dieses Jahres wäre Nina Simone neunzig Jahre alt geworden. Die afroamerikanische Sängerin war nicht nur eine prägende Jazz- und Bluesmusikerin, sondern auch Bürgerrechtsaktivistin und eine Ikone der Black-Power-Bewegung der 1960er-Jahre.

Simone begann bereits in jungen Jahren Klavier zu spielen und trat in der Kirche auf, später schloss sie ein Studium an der renommierten Julliard School ab. Im Jahr 1964 führte sie vor einem weißen, bürgerlichen Publikum in der Carnegie Hall den Protestsong „Mississippi Goddam“ auf. Es war ihre Antwort auf die Morde dreier Bürgerrechtsaktivisten durch Mitglieder des Ku-Klux-Klans.

In ihren Texten thematisierte sie die Sklaverei ebenso wie die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung. Ihre Musik und ihr politisches Engagement inspirieren und empowern bis heute unzählige Menschen. phi

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ABC der schrulligen Frauen* https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-4/ https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-4/#respond Sun, 12 Feb 2023 19:49:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=99451 Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration) Shemi Saranangata fehlt es an Düften. Also nicht ihr, sondern ihrer Umwelt. Es gibt viel zu gucken, aber Shemis Nase ist fad. Deswegen hat sie immer ein Portfolio an kleinen Fläschchen und Flacons in einer Rolltasche aus Leinen dabei. Diese versprüht sie unauffällig: in Fahrstühlen und Fernsehstudios, am […]]]>

Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)

Shemi Saranangata fehlt es an Düften. Also nicht ihr, sondern ihrer Umwelt. Es gibt viel zu gucken, aber Shemis Nase ist fad. Deswegen hat sie immer ein Portfolio an kleinen Fläschchen und Flacons in einer Rolltasche aus Leinen dabei. Diese versprüht sie unauffällig: in Fahrstühlen und Fernsehstudios, am Spielplatz oder wenn eine Nachbarin, die sie zum Tee eingeladen hat, schnell etwas aus dem Nebenzimmer holt. Wasserlilie, Kardamom und Zeder gehören zur Grundausstattung. Wenn mehr Zeit bleibt, kommen Mandarine und Tonkabohne dazu. Im Winter macht Shemi manchmal, kurz vor Morgengrauen, Touren durch die Bezirke. Die Leute tun ihr einfach leid.

Tessa Marcado ist tierlieb. Das geht echt jedem am Nerv. Also ihre Auslegung davon. Wenn sie zum Abendessen einlädt, springen die Katzen auf den Tisch und spazieren gemütlich zwischen den Tellern herum. Und dann hauchen sie mit ihrem kleinen Mundgeruch-Hauch gegen die Gläser. Aber was soll’s, was Tessa kocht, schmeckt nun mal himmlisch, und ihre Porträtreihe von fünf Tierheim-Mitarbeiter:innen auf dem spätabendlichen Weg mit der U-Bahn nach Hause ist wirklich supergut.

Uma Eleni Anthopolous hat utopische Fantasien. Sie sieht in allem und jedem das Verbesserungspotenzial und den Das-was-man-daraus-noch-machen-kann-Wert. Das kommt manchmal gut, zum Beispiel beim Camping, wenn eine Freundin den Dosenöffner vergisst und Uma Eleni zuversichtlich zu Messer und Jutebeutel greift, um aus dem Wald Pilze und Beeren zu holen. In anderen Situationen ist es anders – liegt man etwa nach einem Unfall beim Synchron-Springschnurspringen mit beiden Armen und Beinen im Gips. Nein, Uma Eleni, mit dem Bauchtanz-Tutorial, das du schnell rausgesucht hast, bitte noch warten!

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Yetis Bacim https://ansch.4lima.de/yetis-bacim/ https://ansch.4lima.de/yetis-bacim/#respond Sun, 12 Feb 2023 19:08:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=99443 „Hilf mir, Schwester“, so die deutsche Übersetzung von „Yetis Bacim“, einem Verein, den Hanife Ada 2012 gründete. Im Rahmen der Initiative kämpft die Wienerin gegen häusliche Gewalt und setzt auf direkte Soforthilfe für Frauen, die in einer Gewaltbeziehung leben. Über ihre eigene Geschichte spricht Hanife Ada ganz offen: Viele Jahre lang misshandelte sie ihr Ehemann […]]]>

„Hilf mir, Schwester“, so die deutsche Übersetzung von „Yetis Bacim“, einem Verein, den Hanife Ada 2012 gründete. Im Rahmen der Initiative kämpft die Wienerin gegen häusliche Gewalt und setzt auf direkte Soforthilfe für Frauen, die in einer Gewaltbeziehung leben. Über ihre eigene Geschichte spricht Hanife Ada ganz offen: Viele Jahre lang misshandelte sie ihr Ehemann schwer, er kontrollierte ihren Alltag, vergewaltigte sie. Knapp überlebte sie einen versuchten Femizid und konnte sich schließlich zurück ins Leben kämpfen. 2022 wurde Hanife Ada von der „Presse“ als „Österreicherin des Jahres“ in der Kategorie „Humanitäres Engagement“ ausgezeichnet. Der Verein Yetis Bacim unterstützt Gewaltbetroffene unter anderem bei Behördenwegen und der Suche nach Notschlafstellen, mit Spenden und Erlösen aus Flohmärkten werden Betroffene direkt unterstützt. Die Notfallrufnummer +43 (0) 699 177 81 768 ist 24 Stunden erreichbar. the

www.yetisbacim.at

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Verkohlte Töpfe https://ansch.4lima.de/verkohlte-toepfe/ https://ansch.4lima.de/verkohlte-toepfe/#respond Sun, 12 Feb 2023 19:00:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=99439 Julischka Stengele Abgestorben, Winterzeit. Die Gefühle sind begraben, es herrscht emotionaler Frost. Stimmt auch nicht so ganz, denn dafür spüre ich zu genau: Es geht mir schlecht und zwar schon lange. Das erzählen mir unter anderem der beißende Rauch und die schwarzverkohlten Töpfe in meiner Küche. In den letzten paar Monaten habe ich so oft […]]]>

Julischka Stengele

Abgestorben, Winterzeit. Die Gefühle sind begraben, es herrscht emotionaler Frost. Stimmt auch nicht so ganz, denn dafür spüre ich zu genau: Es geht mir schlecht und zwar schon lange. Das erzählen mir unter anderem der beißende Rauch und die schwarzverkohlten Töpfe in meiner Küche. In den letzten paar Monaten habe ich so oft mein Essen anbrennen lassen wie vielleicht zuvor in meinem ganzen Leben zusammengenommen. Ach ja, mein Leben. Ich bin nicht auf der Höhe. Ich bin auf dem absteigenden Ast.

Midlife-crisis ist ein Wort, das so klingt, als müsste man es nicht ernst nehmen. Im Gegenteil, eher wie eine Bezeichnung für einen Zustand, den man belächelt. Zu lächeln habe ich momentan allerdings nicht besonders viel. Ich fühle mich wie ein liegengebliebenes Auto auf einem großen leeren Parkplatz außerhalb der Stadt, von dem nichts herunterführt, auf dem nichts blüht. Hier harre ich aus, in diesem dead end für Menschen in ihrer Lebensmitte, die kein Haus haben und auch keins mehr bauen werden. Der Zug für Mindestpension – abgefahren. Eigentumswohnung hier, Erbe dort, Anstellung, Kinder, Hund, Lebenspartnerschaft und Zukunftspläne – das haben andere gemacht. Wann das alles passiert ist? Ich habe ehrlich keine Ahnung.

Das Einzige, das bei mir weitergeht, ist die anhaltende Prekarität in jeder Säule meines Lebens. Die langen Finger der pandemischen Kralle rühren zusammen mit Armut, Alter, Einsamkeit und Krankheit jenes graue Gemisch an, mit dem sie jede Hoffnung auf Veränderung asphaltieren. Die vermeintlichen Perspektiven aus meinen Zwanzigern – fancy freelancer life, Bildungsaufstieg, #yolo, queere Wahlfamilie und alternative Fürsorgenetzwerke – wurden von der Realität der Vierziger längst überfahren.

In der hänge ich jetzt hier fest, auf diesem Parkplatz, zusammen mit den stark limitierten Gestaltungsmöglichkeiten für mein eigenes Leben, und warte darauf, dass mich irgendwann vielleicht mal wieder jemand abholt.

Julischka Stengele ist Ü40, queer und Single, empfiehlt das aber niemandem.

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Please don’t stop caring https://ansch.4lima.de/please-dont-stop-caring/ https://ansch.4lima.de/please-dont-stop-caring/#respond Sun, 12 Feb 2023 18:57:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=99436 Illustration: Sabrina WegererSophia Foux Diese Kolumne ist einem Freund gewidmet, der seinem Leben im September letzten Jahres ein Ende gesetzt hat. Wobei „getötet worden ist“ vielleicht eine adäquatere Beschreibung wäre, denn wie kann es seine Entscheidungsfreiheit gewesen sein angesichts seiner Angst vor der Staatsgewalt, Abschiebung, Verfolgung, Terror und Folter, im Angesicht von Isolation und Verzweiflung? Der Tod […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Sophia Foux

Diese Kolumne ist einem Freund gewidmet, der seinem Leben im September letzten Jahres ein Ende gesetzt hat. Wobei „getötet worden ist“ vielleicht eine adäquatere Beschreibung wäre, denn wie kann es seine Entscheidungsfreiheit gewesen sein angesichts seiner Angst vor der Staatsgewalt, Abschiebung, Verfolgung, Terror und Folter, im Angesicht von Isolation und Verzweiflung?

Der Tod dieses Freundes markierte für mich den Beginn einer Abwärtsspirale im letzten Jahr. Ich wusste nicht, wie ich weitermachen sollte in dieser verabscheuenswerten Welt und wäre beinahe zerbrochen an einer Mischung aus rasendem Schmerz und mindestens ebenso rasender white guilt. In dieser schwierigen Zeit erlebte ich auch noch Enttäuschungen: Enge Bezugspersonen, denen ich vertraut hatte, schafften es nicht, sich so um mich zu kümmern, wie ich es gebraucht hätte. Der Tod ist immer noch ein Thema, mit dem viele Menschen nicht umgehen können. Es wäre sicher gut gewesen, mich mehr um mich selbst zu kümmern und weniger Fürsorge von anderen zu verlangen, aber das habe ich nicht geschafft.

Wo liegt die Grenze zwischen Verantwortung für sich selbst und Verantwortung für andere? Wo sollte die Grenze von Care liegen, wo ist Abgrenzung wichtig und das eigene Wohlbefinden zu priorisieren? Und wie können wir uns trotzdem besser umeinander kümmern in dieser prekären, bitterkalten Welt? Ich habe noch nicht mal im Ansatz eine Antwort. Für all jene, die nicht in die neoliberale, weiße Heteronorm passen, die gegen unterschiedliche Formen von Gewalt und Diskriminierung kämpfen, ist es oft schon übermäßig anstrengend, nur den Tag zu überstehen. Dennoch bin ich mir sicher: Was alleine oft unmöglich wirkt, ist als Kollektiv leichter schaffbar. Deshalb meine Bitte an euch: Please don’t stop caring, im doppelten Sinne. Hört nicht auf, euch umeinander zu kümmern und hört nicht auf, euch Sorgen zu machen um die Welt, um die Kämpfe anderer sowie um eure eigenen. Schaut bitte nicht weg. Diese Welt braucht so viel mehr Care.

Sophia Foux möchte sich in Selbstfürsorge und Selbstliebe üben und mehr radikale Sanftheit mit sich selbst und ihrem Umfeld leben.

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Kettensägen-­Barbie https://ansch.4lima.de/kettensaegen-barbie/ https://ansch.4lima.de/kettensaegen-barbie/#respond Sun, 12 Feb 2023 18:28:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=99428 Seit zehn Jahren verbreitet Johanna feministische Memes im Internet, Anahita Neghabat erstellte sie einige Jahre selber. Seitdem haben sich nicht nur Feminismus, sondern auch die Internet-Trends und Formate verändert. Sind Memes inzwischen überholt? Von Anna Lindemann Pinkfarbener Hintergrund, Foto in der Mitte, neongrüner Text: Im einheitlichen Design können Nutzer*innen der Musikstreaming-App Spotify am Ende jeden […]]]>

Seit zehn Jahren verbreitet Johanna feministische Memes im Internet, Anahita Neghabat erstellte sie einige Jahre selber. Seitdem haben sich nicht nur Feminismus, sondern auch die Internet-Trends und Formate verändert. Sind Memes inzwischen überholt? Von Anna Lindemann

Pinkfarbener Hintergrund, Foto in der Mitte, neongrüner Text: Im einheitlichen Design können Nutzer*innen der Musikstreaming-App Spotify am Ende jeden Jahres teilen, welche Songs, Bands und Genres sie in den vergangenen zwölf Monaten am häufigsten gehört haben. Auf den ersten Blick sieht der Post des Instagram-Accounts „feminismus24.de“ genau nach einem solchen Jahresrückblick aus – würde die Frau auf dem Foto sich nicht verzweifelt an die Schläfen fassen. „Du hast 174 Stunden damit verbracht, cis Männern dabei zuzuhören, wie sie dir Dinge erklären, die du bereits wusstest“, steht unter dem Foto auf Englisch.

Feminismus24.de ist ein feministischer Meme-Account auf Instagram. Regelmäßig werden dort Bilder wie der überarbeitete Jahresrückblick gepostet, rund 85.000 Abonnent*innen schauen sich das an. Dahinter steckt die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Johanna, die seit knapp zehn Jahren feministische Social-Media-Accounts betreibt und sich selbst als „Kuratorin“ bezeichnet. Sie erstellt die Memes nicht selbst, sondern durchforstet das Internet und teilt, was ihr gefällt – natürlich mit Angabe der Quelle.

Memes, das sind visuelle Beiträge, oft ergänzt durch einen Text, die sich im Internet verbreiten. In der Regel sind sie lustig, meist auch satirisch. Oft werden dafür Fotos oder einheitliche Designs aus dem Kontext gerissen – wie der Jahresrückblick von Spotify. Viele Nutzer*innen verbreiten den Inhalt dann, mit leichten Abwandlungen oder in neuen Kontexten. So entstehen Trends, die immer wieder von neuen abgelöst werden.

„Angefangen hat alles auf Facebook“, sagt sie und lacht. Johanna war damals Anfang zwanzig und begann sich mit feministischen Inhalten auseinanderzusetzen. Zunächst teilt sie Beiträge auf ihrem eigenen Profil: eine Mischung aus Bildern, Illustrationen und Artikeln, die sie interessierten. „Mehr aus einer Schnapsidee heraus habe ich dann meine eigene Facebook-Seite gegründet“, sagt sie im an.schläge-Interview. Für Johanna selbst waren Memes ein wichtiger Einstieg in den Feminismus: „Sie machen Feminismus leicht teilbar. Wer ein Meme teilt, kann sich leicht positionieren, ohne alles selber auszuformulieren.“

Radikaler Humor. „Am Anfang habe ich vor allem popfeministische Inhalte geteilt. Das war damals viel fluffiger als heute und die Forderungen waren meist flacher.“ Johanna spricht von einer Girl-Power-Ära, von Memes in Rosa-Tönen, die Frauen empowern sollten. Neben satirischen Inhalten wurden viele Phrasen-Posts geteilt: Grafiken mit oft recht seichten feministischen Slogan – „so Kram wie ‚The future is female‘.“ Daran sei für sie heute aber nichts mehr revolutionär.

Vieles hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert: Ihre Seite ist auf die Plattform Instagram umgezogen und verbreitet hauptsächlich politische Memes. Der Humor sei schwärzer und brutaler, die Ästhetik nicht mehr fluffig, sondern chaotisch, manchmal sogar bewusst hässlich. Zum Teil entstehe der Witz schon aus dem Widerspruch zwischen Stil und Inhalt.

Auf einem Beitrag hält zum Beispiel eine Barbie-Puppe eine Motorsäge in der Hand, darauf geschrieben steht nur: „Ich, wenn Männer“. Auf einem andern ist eine Polizeiuniform zu sehen, darunter der Kommentar: „How to get away with murder“.

Grund für diese Verschiebung sei auch, dass oft eine neue Generation die Memes macht: „Gen Z ist in einer Zeit aufgewachsen, in der Feminismus selbstverständlich Teil von populärer Internetkultur ist. Gleichzeitig ist die Welt viel bedrohlicher, wenn man heute zwanzig ist“, sagt Johanna. Memes würden immer auf zeitpolitisches Geschehen reagieren. Da reiche bloßes Empowerment nicht mehr aus. „Diese Leichtigkeit kann heute keiner mehr ertragen.“ Themen sind heute stattdessen Kapitalismuskritik, non-binäre Perspektiven und Wut auf das Patriarchat.

Schnelllebigkeit erschwert den Anschluss. Niedrigschwellig seien Memes deshalb aber nur noch selten. Das Internet sei so schnelllebig, ständig gebe es neue Trends, die sich auf alte beziehen. Um an dem Diskurs teilzuhaben, brauche es Vorwissen über feministische Forderungen und Internetkultur. Schlecht ist das aber nicht unbedingt, findet Johanna. „Als ich angefangen habe, wollte ich viel mehr aufklären als heute. Es war wirklich mein größtes Anliegen, dass ich niemanden mehr abschrecke und Feminismus nicht mit so viel Hass unter die Leute bringe“, sagt sie. „Inzwischen ist mir das egal. Man muss auch manchmal sauer sein.“

Wütend ist auch Anahita Neghabat, und zwar auf die österreichische Politik. Sie hat Sozialanthropologie studiert und forscht zu Meme­kultur. Bekannt wurde sie mit ihrer eigenen Instagram-Seite „Ibizia_austrian_memes“, die sie 2019 startete. Seit der Ibiza-Affäre kritisiert sie dort mit eigenen Memes Innenpolitik – und macht mit Satire auf Missstände aufmerksam, wie sie es sagt. Mehr als 22.000 Menschen folgen ihr.

Satire sei eine präzise Form der Informationsaufbereitung, sagt Anahita. Man könne eine Sache aus einem komplexen Zusammenhang herausnehmen und überspitzen. „Mit Memes über Krisen und Unterdrückung zu lachen, ist eine Form der Selbstermächtigung und Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn ich ein Meme erstelle, dann setze ich mich selbst in Verbindung zu den Dingen.“ Ihre Perspektive sei deshalb immer: intersektional feministisch, machtkritisch, antirassistisch.

Über ein Jahr hinweg hat Anahita drei bis vier Stunden am Tag Memes erstellt und ihre Seite verwaltet – unbezahlt. Irgendwann wurde der Druck so hoch, sich zu jedem politischen Ereignis zu äußern, dass sie mit den regelmäßigen Postings aufhörte, erzählt sie. Vor allem die Kommentarspalten zu betreuen, sei auslaugend gewesen.

Stattdessen bietet sie seit einiger Zeit Workshops an, in denen sie gemeinsam mit Teilnehmer*innen Memes erstellt.

Anahita versteht Memes auch als politische Bildung und aktivistische Arbeit. Denn sie funktionieren als Werkzeug, um Diskriminierungserfahrungen und politische Entwicklungen zu verarbeiten und zu kritisieren, wie sie sagt. Mit ihrem Account erreiche sie auch viele Menschen außerhalb ihrer Bubble.

Was Memes allerdings konkret bewirken, lasse sich nicht so einfach feststellen. „Die gleiche Frage kann man auch über einen informativen Flyer stellen. Memes sind erstmal ein Medium – und das kann auf viele Arten und Weisen verwendet werden.“ Auf jeden Fall seien sie eine mögliche Basis für andere Formen von Widerstand.

Memes mit Ablaufdatum? Sowohl Johanna als auch Anahita haben noch vor zwei Jahren deutlich mehr gepostet als heute. Es scheint, als haben sie die Hochphase ihrer Seiten hinter sich gelassen. Gilt das generell für Meme-­Accounts? „Memes sind eigentlich noch immer überall“, sagt Anahita. Aber eine entscheidende Sache habe sich verändert. „TikTok-Videos und Reels auf Instagram sind deutlich wichtiger geworden.“

Johanna beobachtet eine ähnliche Entwicklung. Stressen lässt sich Johanna davon aber nicht. Ihr sei ohnehin die Energie etwas ausgegangen, so eine Seite zu betreiben, sei einfach wahnsinnig viel Arbeit. „Ich freue mich, dass eine neue Generation die feministische Meme-Kultur bestimmt“, sagt Johanna. Zeit, das Zepter weiterzureichen. 

Anna Lindemann ist freie Journalistin und verbringt viel Zeit auf Instagram.

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„Es wäre Zeit für eine ­entschiedene Frauen­bewegung“ https://ansch.4lima.de/es-waere-zeit-fuer-eine-entschiedene-frauenbewegung/ https://ansch.4lima.de/es-waere-zeit-fuer-eine-entschiedene-frauenbewegung/#respond Sun, 12 Feb 2023 18:10:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=99423 Die renommierte Scheidungsanwältin Helene Klaar steht der geplanten Reform des Familienrechts kritisch gegenüber – und legt Frauen die zweite Strophe der Internationalen ans Herz. Andrea Czak, Vorsitzende des Vereins Feministischer Alleinerzieherinnen, hat sie zum Gespräch getroffen. an.schläge: Die österreichische Regierung plant aktuell eine Novelle des Kindschafts- und Unterhaltsrechts. Sie haben Ihr Jus-Studium noch vor der […]]]>

Die renommierte Scheidungsanwältin Helene Klaar steht der geplanten Reform des Familienrechts kritisch gegenüber – und legt Frauen die zweite Strophe der Internationalen ans Herz. Andrea Czak, Vorsitzende des Vereins Feministischer Alleinerzieherinnen, hat sie zum Gespräch getroffen.

an.schläge: Die österreichische Regierung plant aktuell eine Novelle des Kindschafts- und Unterhaltsrechts. Sie haben Ihr Jus-Studium noch vor der großen Familienrechtsreform von 1977 abgeschlossen. Wie waren Ehe und Familie zu dieser Zeit gesetzlich geregelt?

Helene Klaar: Wir hatten das patriarchalische Ehe- und Familienrecht aus dem Jahr 1811. Der Vater war berechtigt und verpflichtet, das Kind gesetzlich zu vertreten und sein Vermögen zu verwalten. Pflege und Erziehung oblag der Mutter und das ist grundsätzlich auch nach einer Scheidung so geblieben. Die gesetzliche Vertretung blieb aber beim Vater, wenn dieser keine schwerwiegende Verfehlung begangen hatte. Frauen, die sich keinen Anwalt leisten konnten, mussten damit leben, dass sie für jeden Pass­antrag und jeden Lehrvertrag ihrer Kinder die Zustimmung des Ex-Ehemanns brauchten. Man hat damals Frauen schlicht nicht zugetraut, z. B. einen Bausparvertrag für ihr Kind abzuschließen, auch wenn die Frau vielleicht bei einer Bank oder Bausparkasse berufstätig war und täglich Kunden beim Abschluss solcher Verträge beraten hat.

Nicht alle Väter haben ihre Entscheidungsgewalt im Sinne ihrer Kinder ausgeübt.

Mir hat einmal eine Juristin von ihrer damaligen Tätigkeit im Lehrlingsreferat der Arbeiterkammer erzählt. Da saß sie tagelang und hat Väter angerufen, deren Kinder einen Lehrvertrag abschließen wollten – meist hat der Vater nicht zugestimmt. Denn dann hätte er immer noch ein bisschen Unterhalt neben der Lehrlingsentschädigung zahlen müssen. Diese Väter wollten, dass das Kind sofort arbeiten geht, damit sie keinen Unterhalt mehr zahlen müssen.

„Es darf nie mehr ein Zurück hinter die Reform geben“, hat Johanna Dohnal später gesagt.

Ich habe immer beobachten können, dass die Alleinerzieherinnen überlastet sind, besonders wenn eine Frau berufstätig ist und sogar mehrere Kinder in ihrem Haushalt betreut. Die in der Früh alle versorgt und in Schulen und Kindergärten ausliefert, dann arbeiten geht, die Kinder wieder einsammelt, mit ihnen einkaufen geht, kocht, die Hausaufgaben überwacht, schaut, dass sich alle waschen und für den nächsten Tag wieder ein frisches Gewand haben. Wenn die Mutter am Abend ins Bett sinkt, hofft sie bloß noch, dass sie um sechs Uhr früh den Wecker hört. Diese Mutter schreibt keine Briefe an Abgeordnete. Die Väter hingegen, die die Kinder alle 14 Tage am Sonntag gesehen haben, die hatten unendlich viel Tagesfreizeit. Die haben sich in Vereinen zusammengerottet und beklagt, dass die Frauen die ganze Macht hätten.

Wenn man nachliest, was die in ihren Positionspapieren schreiben! Sie beklagen die Familienrechtsreform, aber da ist keine Rede von „Wir wollen unsere Kinder waschen, ihre Nase schnäuzen, sie frisieren, für sie kochen und ihr Gewand bügeln! Mich wundert, warum es nicht einen Aufschrei gab, dass diese Männer für alle sprechen durften. Es gab und gibt ja durchaus andere Väter, warum haben die sich vereinnahmen lassen von diesen Typen?

Auch die Frauenorganisationen haben die reale Gefahr ein bisschen verschlafen, die von diesen selbsternannten Väterrechtlern ausgegangen ist, und zu wenig mobilisiert. Man muss Errungenschaften ununterbrochen verteidigen.

Die Familienrechtsreform 1978 im Bereich des Kindschaftsrechts war ein wirklicher Befreiungsakt für die Frauen. Die Reform hat keineswegs vorgesehen, dass Kinder zwangsläufig bei ihren Müttern leben müssen, sondern, dass nach der Scheidung das Kind im Haushalt eines der Elternteile betreut werden soll. Der Elternteil, der das Kind in seinem Haushalt betreute, bekam nach einer Scheidung die gesamte Obsorge mit allen Rechten und Pflichten. Dass dann in mehr als neunzig Prozent die Mütter obsorgeberechtigt waren, empfinde ich als Versagen der Väter und nicht als einen Fehler des Gesetzes.

Sie vertreten Mütter – und Väter – bei Scheidungen vor Gericht. Wie haben Sie die Zeit nach der Reform als Anwältin erlebt?

Ich war im Jahre 1978 dreißig Jahre alt, war seit zwei Jahren selbstständige Rechtsanwältin und eine große Freundin der Emanzipation von Frauen und Männern. Ich war fest davon überzeugt, dass zwanzig Jahre danach, also noch vor der Jahrtausendwende, bei einer Scheidung in etwa gleich viele Kinder bei ihren Vätern leben werden wie bei ihren Müttern. Ich habe mir z. B. vorgestellt, dass doch alle Lehrer die Obsorge für ihre Kinder übernehmen könnten, weil eine Frau, die vielleicht Sekretärin in einem Industriebetrieb ist, mit damals vier oder schon fünf Wochen Urlaub, nie die gleichen Möglichkeiten hat, ein Kind zu betreuen. Zu meiner negativen Überraschung war der Wunsch der Väter, dass Kinder in ihrem Haushalt leben, sehr bescheiden. Ich habe ganz wenig Fälle mit Vätern gehabt, die ihre Kinder in ihrem Haushalt betreuen wollten, und jeden einzelnen Mann, der sich für die Obsorge entschieden hat, habe ich an die Brust genommen und gehätschelt.

Die meisten, die sich verweigert haben, haben tatsächlich berufliche Gründe angeführt. Aber warum lässt sich denn der Beruf von ­Frauen mit der Kinderbetreuung vereinbaren? Weil die Frauen beruflich zurückstecken, damit sie sich kümmern können. Solche Opfer bringen Frauen eben selbstverständlich und einem Mann ist das wahrscheinlich nicht zuzumuten. Daher haben Männer bessere Versicherungsverläufe, höhere Pensionen und die Frauen landen in der Altersarmut.

Viele der Forderungen der Aktion „Recht des Kindes auf beide Elternteile“, eine Initiative von Väterrechtlern in den Achtzigern, wurden 2013 umgesetzt – jedoch nicht alle.

Es war nicht erst das KindNamRÄG 2013 – der eigentliche Sündenfall war die Reform aus dem Jahr 2001 unter Schwarz-Blau. Die Kinder haben nach wie vor bei den Müttern gelebt, wurden von ihnen betreut, aber die rechtliche Vertretung durfte auch der Vater in gleicher Weise haben, sofern die Mutter zugestimmt hat. Und natürlich haben die Mütter danach jedes finanzielle Zugeständnis gemacht, wenn der Mann dadurch bereit war, auf die Obsorge zu verzichten. Im Jahr 2013 hieß es dann, dass die Mütter immer noch viel zu viel Macht hätten, weil sie sich gegen die Obsorge beider Eltern aussprechen konnten.

Seither sind es die Gerichte, die entscheiden, ob beide Elternteile die Obsorge bekommen. Es waren die Psycholog:innen, die mit dem Totschlagargument „Wenn der Vater keine Rechte hat, verliert er das Interesse an dem Kind und wenn der Vater das Interesse verliert, dann ist das ganz furchtbar schädlich für das Kind“ argumentiert haben. Und daher ist die Obsorge beider Eltern vermeintlich immer im Interesse des Kindes – außer der Vater frühstückt kleine Kinder oder ist gewalttätig oder hat ein Kind sexuell missbraucht. Gewalttätigkeit gegen die Mutter ist letztlich zu exkulpieren.

Sie waren in den Arbeitsgruppen zum neuen Kindschafts- und Unterhaltsrecht des Justizministeriums eingebunden. Wird die Novelle Verbesserungen für Kinder und Mütter bringen?

Mir gefällt an der Reform sehr wenig. Zu sagen, eine elterliche Verantwortung, die kann man nicht loswerden, die kann einem nicht entzogen werden, weil die hat man immer, das gefällt mir natürlich. Aber das ändert nichts daran, dass nicht alle Elternteile ihrer elterlichen Verantwortung gerecht werden. Also muss der Elternteil, der sich seinen Aufgaben stellt und das Kind betreut, vom Gesetzgeber unterstützt werden. Oft sind gerade Fragen der Kindererziehung der Grund für Zerwürfnisse und Trennungen. Dass dann den Eltern nach einer Scheidung etwas gelingen soll, was ihnen bei aufrechter Ehe nicht gelungen ist, diese idealistische Erwartung darf der Gesetzgeber eigentlich nicht pflegen. Zu sagen: „Trennt die Elternebene von der Paarebene“ ist ein frommer Wunsch, aber unrealistisch.

Es wird ja stolz als ein Erfolg der Reform 2013 verkauft, dass die gemeinsame Obsorge sich bestens bewährt, weil so wenig Folgestreitigkeiten entstehen. Die entstehen deshalb nicht, weil eine Frau, die einmal dieses langwierige und demütigende Verfahren erlebt hat, nie wieder zu Gericht geht.

Noch ärger als das geplante Kindschaftsrecht sind aber die vorgesehenen Regelungen zum Kindesunterhalt. Es wurden jetzt die Regelbedarfssätze erhöht aufgrund der letzten Kinderkostenanalyse. Das ist großartig. Aber was nicht dazu gesagt wird, ist, dass kein Vater mehr Unterhalt in voller Höhe zahlen wird. Den muss ja nur jemand zahlen, der nicht einmal ein Drittel betreut. Und nach Wunsch des Kindschaftsrechts soll ja jeder Vater mindestens 35 Prozent betreuen.

Die letzten Deppen, die noch vollen Unterhalt zahlen werden müssen, sind Schichtarbeiter oder LKW-Fernfahrer, denn bei denen sehe ich beim besten Willen nicht, wie die auch nur zu einem Drittel ihre Kinder betreuen sollen. Das neue Gesetz wird also eine schöne Handlungsanleitung für glückliche Ehen der gehobenen Stände.

Die Novelle hat jenseits von dem, worüber wir reden, wie z. B. die Verkürzung der Unterhaltspflicht, noch sehr viele unsympathische Details, die man erst beim zweiten oder dritten Mal lesen wahrnimmt. Ich zitiere immer sehr gerne die zweite Strophe der Internationale, die da sagt: „Es rettet euch kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.“ Es wäre Zeit für eine entschiedene Frauenbewegung. Zeit, dass die Frauen aufwachen und erkennen, dass niemand für sie eintritt, wenn sie es nicht selbst tun. 

Andrea Czak ist Gründerin und geschäftsführende Obfrau des Vereins Feministische Alleinerzieherinnen – FEM.A.

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Sattelt die Seepferdchen, wir ziehen ins Geschlecht! https://ansch.4lima.de/sattelt-die-seepferdchen-wir-ziehen-ins-geschlecht/ https://ansch.4lima.de/sattelt-die-seepferdchen-wir-ziehen-ins-geschlecht/#respond Sun, 12 Feb 2023 17:23:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=99419 Transsein und Kinder haben. Von Ravna Marin Siever Mutterschaft ist eine aufgeladene Idee. Trans Personen sprengen sie, wenn sie sich weigern, sie auszufüllen, aber auch, wenn sie sie ausfüllen wollen. Denn Mutterschaft ist eng verknüpft mit einer biologistischen Vorstellung von Weiblichkeit und Frausein. Der erfolgreich zur Reproduktion genutzte Uterus ist Geschlechtsmerkmal wie auch Auszeichnung: Mutterschaft […]]]>

Transsein und Kinder haben. Von Ravna Marin Siever

Mutterschaft ist eine aufgeladene Idee. Trans Personen sprengen sie, wenn sie sich weigern, sie auszufüllen, aber auch, wenn sie sie ausfüllen wollen. Denn Mutterschaft ist eng verknüpft mit einer biologistischen Vorstellung von Weiblichkeit und Frausein. Der erfolgreich zur Reproduktion genutzte Uterus ist Geschlechtsmerkmal wie auch Auszeichnung: Mutterschaft ist die scheinbar höchste Entwicklungsstufe der Frau, Geschlecht wird dabei natürlich binär gedacht. Wer ein Kind gebiert, wird zur Mutter. Rechtlich, sozial: Es gibt kein Entkommen. Nur wenige Länder verzichten darauf, beides gleichzusetzen.

Auch ich stehe als „Mutter“ in den Geburtsurkunden meiner Kinder. Ich sage über mich selbst manchmal: Funktional bin ich die Mutter. In meiner Lebenspraxis bin ich es nicht. Meine Kinder sprechen über mich nicht als Mutter, sondern als Elter. Die soziale Funktion, die dem Mutterbegriff innewohnt, erfülle ich, aber ich habe keine Lust, die geschlechtlichen Zuschreibungen und patriarchalen Altlasten dieses Begriffs mit mir herumzutragen.

Doch selbst trans Männer, die ihre Wehen durch ihren Vollbart hindurch schreien, werden vermuttert. Das in den Medien derzeit präsenteste Beispiel für einen Vater, der sein Kind geboren hat, ist wohl Freddy McConnell, der im Film „Seahorse“ sein Schwangerwerden, Schwangersein und Gebären durch Jeanie Finlay hat dokumentieren lassen (zu beziehen über https://seahorsefilm.com/).

Viele, die mit Kindern leben oder arbeiten, kennen das Buch „Herr Seepferdchen“ von Eric Carle: Bei den Seepferdchen tragen die „Männchen“ die Babys aus bzw. die befruchteten Eier eine Weile mit sich herum. „Seahorse Dads“ ist darum im englischen Sprachraum ein geläufiger Begriff für Väter, die ihre Kinder selbst geboren haben.

Da leider viele Menschen davon ausgehen, sie hätten einen Anspruch darauf, zu erfahren, wer wann was in wen gesteckt hat, um ein Kind hervorzubringen, benutze ich für mich selbst manchmal auch den Begriff „Gebärelter“. Ein ungelenker Versuch, mir in meiner „Mutter-Sprache“ Raum zu verschaffen, aber dennoch nicht alle sozialen Erwartungen zu enttäuschen. Im englischen Sprachraum ist inzwischen die neutrale Variante „birthing parent“ einigermaßen etabliert. Ich spreche auch von stillenden Personen, von Menschenmilch, vom Stillen mit Brust, Flasche oder Brusternährungsset.

Solche Bezeichnungen alarmieren TERFs und Rechte, die sofort vor einer drohenden Abschaffung von Mutterschaft warnen. Aber niemand will einer Person ihre Sprache und ihre individuellen Formulierungen nehmen. Es geht um inklusive(re) Formulierungen zum Beispiel in offiziellen Dokumenten oder bei der Sensibilisierung von Menschen, die mit Menschen arbeiten, für die das relevant sein könnte.

Meine Partnerin ist Mutter eines Kindes. Sie ist eine Frau, sie hat ein Kind und erfüllt überdies auch die soziale Rolle als Mutter. Die gleichen Menschen, die behaupten, der Begriff Mutter solle abgeschafft werden, behaupten auch, dass sie ein Vater sei, keine Mutter, nur weil ihre genetische Beteiligung am Kind Sperma-Form hatte.

Elternschaft hat so viele Gesichter – leibliche und angenommene Kinder, verstorbene und lebende, selbst gezeugt, ärztlich unterstützt, durch Penis-in-Vagina, Spritze in Becher, Tiefkühlsperma in Eizelle entstandene, behaltene und abgegebene Kinder.

Mutterschaft und auch die Mütter selbst würden davon profitieren, wenn sich das Konzept aus der übermächtigen Vergeschlechtlichung vieler Eigenschaften und Tätigkeiten, die Eltern haben und ausführen sollen, endlich löst. Und wenn es übergeht in eine simple Bezeichnung für Menschen, die sich mit diesem Begriff wohlfühlen. Denn das Kümmern, das Pflegen, das Lieben, das Beim-Großwerden-Begleiten – all das sind Fähigkeiten, die nicht nur eine Mutter hat.

Ravna Marin Siever bloggt auf queErziehung.blog. Buchveröffentlichung: „Was wird es denn? Ein Kind! Wie geschlechtsoffene Erziehung gelingt“, Beltz 2022

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„Nicht mehr wie ein Mensch gefühlt“ https://ansch.4lima.de/nicht-mehr-wie-ein-mensch-gefuehlt/ https://ansch.4lima.de/nicht-mehr-wie-ein-mensch-gefuehlt/#respond Sun, 12 Feb 2023 17:07:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=99410 Mütter sind aufopfernd und lieben ihre Kinder bedingungslos, so die allgemeine Erwartung. Aber was, wenn die negativen Gefühle überwiegen? Verena Kettner hat Erfahrungsberichte von überforderten Müttern protokolliert. „Die Liebe zum eigenen Kind ist bedingungslos“; „wenn du das Baby erstmal in den Armen hältst, bist du der glücklichste Mensch der Welt“; „natürlich wirst du es mögen, […]]]>

Mütter sind aufopfernd und lieben ihre Kinder bedingungslos, so die allgemeine Erwartung. Aber was, wenn die negativen Gefühle überwiegen? Verena Kettner hat Erfahrungsberichte von überforderten Müttern protokolliert.

„Die Liebe zum eigenen Kind ist bedingungslos“; „wenn du das Baby erstmal in den Armen hältst, bist du der glücklichste Mensch der Welt“; „natürlich wirst du es mögen, es ist ja dein eigenes Kind.“ Solche Sätze bekommen (werdende) Mütter in Variationen unausweichlich zu hören. Schließlich sind die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an sie nicht nur bezüglich der Fürsorgearbeit riesig, auch bedingungslose Liebe und Glücksgefühle scheinen zum Muttersein dazuzugehören. Wer anders empfindet, erlebt das deswegen oft als persönliche Schuld und schlimmes Versagen.

„Ich brauche eine Pause. Was hab‘ ich mir denn dabei gedacht, ein Kind zu kriegen, wenn ich es nicht mal schaffe, einen Vormittag mit ihm gemeinsam zu sein? My Body – My Choice – My Burden“, schreibt Lee 1 ins Tagebuch. Lees Kind ist zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt und das Gefühl der Überforderung ist omnipräsent.

Auch für Carmen und Mathilda, deren Kinder aktuell eineinhalb und zweieinhalb Jahre alt sind, ist das Überforderungsgefühl allgegenwärtig, es nährt sich aus Erschöpfung, Wut und Angst.

Die Nacht ist zu viel. „Wenn ich meinen Sohn am Abend hingelegt habe, hatte ich immer Angst, dass er sofort wieder aufwacht, dass ich wieder nicht schlafen kann, wieder stillen muss, wickeln muss, für ihn da sein muss“, erzählt Carmen. „Man ist eh schon fertig, die Nacht ist dann einfach zu viel.“ Was sie auch spürt, ist Ärger. Nicht so sehr ihrem Kind gegenüber, sondern all den Stimmen von außen, die ihr einreden wollen, dass dieses Kind das Beste sei, was ihr je passiert ist, die Zeit jetzt die schönste Zeit ihres Lebens sein muss und sie jede Sekunde genießen sollte. „Mir ging es mies nach der Geburt“, meint Carmen. „Ich war müde, ich war fertig und es hat mich so geärgert, dass niemand darüber spricht, wie scheiße es einer eigentlich bei und nach der Geburt gehen kann.“ Auch mit dem Klischee der bedingungslosen Mutterliebe räumt sie auf: „Wie sollte das auf einmal die größte Liebe meines Lebens sein? Ich kenn‘ das Ding ja noch gar nicht“. Die Unmöglichkeit, über diese Gefühle zu sprechen, aus Schuldgefühlen sowie aus Angst davor, als „Rabenmutter“ verurteilt zu werden, machte ihre Isolation und Einsamkeit noch schlimmer.

Frühe Hilfe. Mathilda hat das Schweigen gebrochen. Seit einiger Zeit besucht sie regelmäßig eine Selbsthilfegruppe für Mütter mit postnataler Depression. Das Netzwerk „Frühe Hilfen Österreich“ hat ihr den Kontakt zur Gruppe vermittelt und unterstütze sie durch monatliche Hausbesuche und weitere Hilfsangebote. Seit Mathilda sich mit anderen Müttern ehrlich über ihre Gefühle austauschen kann, geht es ihr viel besser: „Ich hätte viel eher bei den Frühen Hilfen anrufen sollen. Ich kann nur jede Mutter ermutigen, sich diese Hilfe auch zu holen.“ Mathilda zählt sich zwar zu den wenigen Mütter, die nicht unter einem Geburtstrauma leiden, doch während der Schwangerschaft und den Monaten danach geht sie durch die Hölle. Ihre Gynäkologin rät ihr, während Schwangerschaft und Stillzeit die Medikation gegen ihre Angststörung auszusetzen, um dem Kind nicht zu schaden. Inzwischen hat sie erfahren, dass das in dieser Form gar nicht notwendig gewesen wäre. Doch Mathilda befolgte den Rat und kämpft danach mit Gefühlen von Einsamkeit, Angst, Wut und Abneigung gegenüber ihrem Kind, die nach der Geburt immer schlimmer werden. „Es gab einen Moment“, erzählt Mathilda, „wo ich mich aktiv davon abhalten musste, den Körper meines Kindes einfach zu zerquetschen. Natürlich ist es ein Unterschied, einen Gedanken zu haben oder ihm auch zu folgen. Aber in dem Moment konnte ich einfach nicht mehr.“ In der Zeit nach der Geburt gab es eine Phase, die Mathilda rückblickend als psychotisch beschreibt. Als ihr Sohn sie beim Wickeln an den Haaren zieht, wird eine traumatische Erfahrung sexueller Gewalt getriggert. Die Schuldgefühle wegen der aufkommenden Abneigungsgefühle ihrem Sohn gegenüber lösen Suizidgedanken aus. Da sie bereits Therapieerfahrung hat, erkennt sie die Anzeichen und kann sich schnell Hilfe holen: Sie ruft bei den Frühen Hilfen an und beginnt eine neue Therapie.

Das fehlende Dorf. Mathilda hatte vor allem mit zwei Problemfeldern zu kämpfen. Erstens gibt es viel zu wenig Unterstützung auf allen Ebenen für Mütter. Das ganze Dorf, das es sprichwörtlich braucht, um Kinder zu erziehen, fehlt. Zweitens fühlte Mathilda sich seit Beginn der Schwangerschaft überhaupt nicht mehr als Person wahrgenommen. Plötzlich dreht sich alles nur noch um das Wohlergehen des Kindes, ihre eigenen Bedürfnisse interessieren niemanden mehr. „Ich habe mich nicht mehr so wirklich wie ein Mensch gefühlt“, sagt Mathilda. Den Ärger, den sie immer wieder gegenüber ihrem Sohn verspürt, erkennt sie mittlerweile als Ärger auf die absurden Erwartungen der Gesellschaft: „Wenn ich wütend bin, weil er schreit und etwas braucht und ich habe schon wieder nicht gesaugt und das Bett nicht gemacht, dann ärgere ich mich ja eigentlich nicht über ihn, sondern darüber, dass ich das alles einfach nicht schaffen kann.“ Ihre Erfahrungen, so schwierig und schmerzhaft sie sind, beschreibt Mathilda teilweise auch als heilend. Da auch sie mit einer Mutter aufwuchs, die viel mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt war, diese allerdings nicht reflektierte und viel auf ihr Kind projizierte, weiß sie, wie es sich als Kind anfühlt, nicht die Liebe zu bekommen, die es braucht.

„Natürlich geht mir mein Kind manchmal auf die Nerven. Meine Tochter ist ein Mensch mit netten und mit eher nicht so netten Eigenschaften“, erzählt Fritzi. „Manchmal, wenn sie sich echt gemein oder scheiße verhält, bin ich halt schon auch ein bisschen abgetörnt von ihr. Und das ist okay so, ich mag ja auch nicht alles an meinen Partner*innen oder Freund*innen.“ Den Umstand zu akzeptieren, das eigene Kind auch mal nicht zu mögen, stellt für Fritzi eine Möglichkeit dar, ihm auch als eigenständigem Menschen zu ­begegnen.

„Ich will trotz Kind arbeiten“, schreibt Lee. „Ich wünsche mir, dass ich deshalb kein schlechtes Gewissen habe. Ich will keine neo-traditionelle Kleinfamilie reproduzieren. Zu lange in der Heteronormativität und ich kacke ab. Ich brauche queere Zusammenhänge. Ich verbringe gerne Zeit mit meinem Kind, halte es aber nicht lange aus. Ich frage mich, wie andere Menschen das schaffen: Einen ganzen Tag mit einem Kleinkind allein sein, ohne zu verzweifeln!?“ 

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„Die IS-Kämpfer hatten vor uns bewaffneten Frauen Angst“ https://ansch.4lima.de/die-is-kaempfer-hatten-vor-uns-bewaffnetenfrauen-angst/ https://ansch.4lima.de/die-is-kaempfer-hatten-vor-uns-bewaffnetenfrauen-angst/#respond Sun, 12 Feb 2023 17:01:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=99406 Zilan hat gegen den IS gekämpft. Heute lebt sie in Nordostsyrien. Die Region wird immer wieder von türkischen Drohnen angegriffen, auch in den vergangenen Monaten. Ein Besuch bei einer Kommandantin der kurdischen Frauenverteidigungseinheit YPJ. Von Linda Peikert Die Sonne knallt auf den sandfarbenen Lehmboden. Es hat über vierzig Grad. Die Landschaft ist flach, am Horizont sind […]]]>

Zilan hat gegen den IS gekämpft. Heute lebt sie in Nordostsyrien. Die Region wird immer wieder von türkischen Drohnen angegriffen, auch in den vergangenen Monaten. Ein Besuch bei einer Kommandantin der kurdischen Frauenverteidigungseinheit YPJ. Von Linda Peikert

Die Sonne knallt auf den sandfarbenen Lehmboden. Es hat über vierzig Grad. Die Landschaft ist flach, am Horizont sind hier und da ein paar einstöckige Häuschen zu sehen, die mit der Landschaft farblich verschmelzen. Zilan sitzt auf einer Terrasse, die mit Schilfrohren vor der heißen Sonne abgeschirmt ist.

Sie wohnt hier gemeinsam mit anderen jungen Frauen der kurdischen Frauenverteidigungseinheit YPJ. In dem kleinen Häuschen werden die Räume gemeinschaftlich genutzt. An den Wänden hängen Plakate gefallener Kämpferinnen und Kämpfer der YPJ und YPG.

Auf der Terrasse wird schwarzer Tee in kleinen Gläsern serviert. Zilans dunkles, volles Haar hat sie zu einem Knoten zusammengebunden. „Ich habe vieles gesehen. Und deshalb bleibt mir auch nichts anderes, als hier weiter für die Freiheit der Kurd*innen zu kämpfen“, sagt sie bestimmt.

Kurdische Identität. Zilan ist Kurdin und wuchs bis zu ihrem elften Lebensjahr im Süden der Türkei auf. Dann zog sie mit ihrer Familie in eine deutsche Großstadt. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, hatte einen Job, einen Partner, ein gutes Leben. Ihre kurdische Identität hatte für sie immer eine wichtige Bedeutung und war positiv besetzt – obwohl sie es deshalb nicht immer leicht hatte. Sie erzählt von Diskriminierung und Schlägen in ihrer Schulzeit in der Türkei; von einer Lehrerin in Deutschland, die ihr verboten hat, ein Referat über Kurdistan zu halten; von einem türkischstämmigen Patienten, der sie während ihrer Arbeit in einer Praxis angegriffen hatte. Mit Anfang zwanzig fasst sie den Entschluss: Sie will nach Kobanê, in die kurdische Stadt Nordsyriens, aus der ihre Großeltern stammen. Als sie dort Anfang 2011 ankommt, herrscht Aufbruchstimmung. Die kurdische Bevölkerung im Norden Syriens beginnt sich gegen das restriktive, aber vom arabischen Frühling geschwächte System aufzulehnen. Zilan arbeitet auch dort als Krankenpflegerin, fühlt sich zu Hause. Sie hat Verbindungen zu kurdischen Aktivist*innen, die sich gegen Präsidenten Assad organisieren.

Grausame Bilder. Doch dann gehen im August 2014 grausame Bilder um die ganze Welt: Die jihadistische Terrormiliz IS greift das größte Siedlungsgebiet der Jesid*innen im Nordirak an. Männer werden geköpft, Frauen sexuell ausgebeutet und verkauft, Kinder misshandelt. „Für mich war klar, dass ich hinfahren und helfen muss“, sagt Zilan. Wenige Monate später ist sie dort, lässt sich militärisch ausbilden und kämpft in der neu gegründeten, jesidischen Verteidigungseinheit. „Die Bilder aus Shengal gehen nicht mehr aus meinem Kopf“, sagt sie. Sie hat gegen IS-Terroristen gekämpft, IS-Kindersoldaten festgenommen. „Es war schrecklich, diese Kinder zu sehen“, sagt Zilan. Viele von den damals festgenommenen IS-Kindern und -Frauen leben heute im Lager Al-Hol in Nordostsyrien. Kinder hätten von der gleichen Ausbildungstortur berichtet: Erst hätten sie ein Tier köpfen und dann nächtelang mit dem abgeschlagenen Tierkopf im Arm schlafen müssen. Danach mussten sie dasselbe mit einem vom IS gefangen genommenen Menschen tun.

Neben dem aktiven Kampf gegen den IS und der Befreiung der Zivilist*innen mussten auch die Häuser gesichert werden, aus denen die Terroristen schon vertrieben waren. „Ich erinnere mich an ein Haus mit rutschigem Boden. Als wir die Taschenlampe anmachten, sahen wir, dass wir mitten in einer Blutlache standen“, sagt Zilan. „Neben meinem Fuß lag ein abgetrennter Kopf, ein Zimmer weiter hatten sich wohl mehrere Frauen zum Tee verabredet. Ihnen allen wurde der Kopf abgeschnitten.“ Bei einer dieser Häusersicherungen ging eine Mine hoch. Sie wurde schwer verletzt. Heute hat Zilan mehrere Metallplatten implantiert. Doch sie hört nicht auf. Möchte nicht zurück nach Deutschland. „All die schrecklichen Bilder geben mir mehr die Kraft, um weiterzumachen“, sagt sie. Der Kampf gegen die jihadistischen Feinde ist schwierig. Immer wieder findet sie Aufputschmittel und Testosteronspritzen in den Taschen der Terroristen. Sie sind skrupellos, fürchten den Tod nicht, schließlich soll er sie zu Gott bringen. Doch der ­eigene Glaube wird zum Fallstrick: Frauen gelten als „haram“, also unrein. Wer von einer Frau getötet wird, verliert sein Ticket in den Himmel. „Die IS-Kämpfer hatten vor uns bewaffneten Frauen Angst“, sagt Zilan und ein triumphierendes Lächeln umspielt ihre Lippen.

Zilan erinnert sich aber auch, dass viele der traditionell-jesidischen Familien ihre vom IS verschleppten Töchter erstmal nicht zurücknehmen wollten: Sie seien durch die IS-Männer „beschmutzt“. Auch die kurdisch-jesidischen Sicherheitseinheiten hatten Angst, dass die Familien andernfalls ihren eigenen Töchtern etwas antun könnten. „Wir haben die befreiten Frauen in Sicherheit gebracht und mit den Familien viel Aufklärungsarbeit geleistet, bis sie erkannt haben, dass ihre Töchter an den Übergriffen der Jihadisten keine Schuld tragen“, sagt Zilan. Es sei wichtig gewesen, nicht nur den IS zu besiegen, sondern auch die jesidische Frauenfeindlichkeit. Aber das sei den Einheiten gut gelungen, die Bildungsarbeit habe funktioniert.

2019 gilt der IS als besiegt, doch nun wird das nordsyrische Serekaniye von der Türkei angegriffen. Zilan entscheidet sich, nach Nordostsyrien zu gehen und der YPJ, der Frauenmilitäreinheit der selbstverwalteten Region Rojava, beizutreten. Heute ist sie Kommandantin.

„Wie kann das sein?“ Gegenwärtig sind drei Bezirke der ethnisch pluralen Selbstverwaltung in Nordostsyrien unter türkischer Besatzung. „Die Menschen in den besetzten Gebieten erleiden dasselbe wie unter der IS-Besatzung: Viele Frauen verschwinden, Menschen werden gefoltert und ermordet“, sagt Zilan und zeigt ein Foto auf ihrem Smartphone. Auf dem Bild ist eine Frau in rosafarbener Kleidung zu sehen, die mit einem Strick um den Hals aufgehängt wurde. Ihr Kopf fällt leblos nach vorne. „Das war letzte Woche in der türkisch besetzten Stadt Afrîn“, sagt Zilan und steckt das Handy wieder ein. In diesen Gebieten würde nicht nur das türkische Militär Gräueltaten verüben, auch der IS erstarke wieder. „Wir wissen zum Beispiel, dass bei einem großen Befreiungsversuch von IS-Gefangenen im Januar dieses Jahres die Angreifer aus den türkisch besetzten Gebieten kamen und nach der Operation dort wieder Unterschlupf gefunden haben“, sagt sie.

Eine weitere Herausforderung: Die Unterbringung tausender IS-Kämpfer. Viele von ihnen kommen nicht aus der Region, aber ihre Herkunftsländer nehmen sie nicht zurück. Seit 2017 wurden laut offiziellen Zahlen der Selbstverwaltung in Nordostsyrien gerade mal sieben männliche IS-Mitglieder zurückgenommen – alle von Indonesien. „Die überfüllten Gefängnisse sind wie eine Granate: Sie können jeden Moment explodieren und tausende gefährliche Jihadisten strömen heraus“, sagt sie. „Und die werden nicht nur hier im Nahen Osten bleiben, die gehen dann auch zurück in ihre Herkunftsländer in Europa“, fügt sie hinzu.

Vier Tage später: Drei Frauen werden bei einem türkischen Drohnenangriff getötet. Sie saßen im Auto, auf der Rückfahrt von einer Frauenkonferenz in der kurdischen Stadt Quamishlo. Alle drei gehörten zur Fraueneinheit YPJ, zwei von ihnen waren auf die Bekämpfung des IS-Terrors spezialisiert. Solche Angriffe passieren regelmäßig, fast täglich. Die Drohnen fliegen über die vier Meter hohe Grenzmauer, spähen ihr Ziel aus und töten dann auf Knopfdruck. „Eine der drei Freundinnen war gerade auf dem Weg hierher, um uns zu besuchen.“ Zilans Blick wird leer. „Ich verstehe das nicht“, sie drückt eine Zitrone über ihrer Teetasse aus, quetscht sie noch ein bisschen stärker zusammen. „Ich verstehe das nicht! Wie kann es sein, dass die Kurd*innen mit viel Verlust den IS bekämpft haben, womit sie der Weltgemeinschaft einen großen Gefallen getan haben – und jetzt?“ Sie richtet den Blick auf. „Jetzt tötet ein Nato-Staat genau diese mutigen Frauen und niemand tut etwas dagegen.“ 

Linda Peikert arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Feminismus, soziale Gerechtigkeit und Außenpolitik. Letztes Jahr war sie für eine Recherche über die Rolle der Frau in Nord- und Ostsyrien unterwegs. Nach dieser Reise ist auch ihr Podcast „Ihr Wille als Waffe” entstanden.

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Alltag im Krieg https://ansch.4lima.de/alltag-im-krieg/ https://ansch.4lima.de/alltag-im-krieg/#respond Sun, 12 Feb 2023 16:53:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=99403 Oleksandra Ochmann ist ukrainische Journalistin und wohnt in Kiew. Anna Lindemann hat nach­gefragt, warum sie in ihrer Heimatstadt geblieben ist und wie der Krieg seit einem Jahr ihr Leben bestimmt. Wie hat sich dein Alltag seit dem Kriegsbeginn verändert? Der Alltag lässt sich nicht mehr planen: Egal ob ich zur Bank, zum Friseur oder in […]]]>

Oleksandra Ochmann ist ukrainische Journalistin und wohnt in Kiew. Anna Lindemann hat nach­gefragt, warum sie in ihrer Heimatstadt geblieben ist und wie der Krieg seit einem Jahr ihr Leben bestimmt.

Wie hat sich dein Alltag seit dem Kriegsbeginn verändert?

Der Alltag lässt sich nicht mehr planen: Egal ob ich zur Bank, zum Friseur oder in den Supermarkt gehen will, jederzeit kann der Strom ausfallen oder das Wasser abgeschaltet werden. Ich muss immer auf Stromausfälle, Brände, Raketeneinschläge, Lebensmittel- und Wasserknappheit vorbereitet sein. Deshalb habe ich zuhause einen Vorrat an Lebensmitteln, Streichhölzern, Kerzen, Batterien, warmer Kleidung und Medikamenten, um zu überleben und im Notfall anderen helfen zu können. Solange ich nicht unterwegs bin, sind die großflächigen Stromausfälle nicht ganz so schlimm. Aber draußen im Straßenverkehr wird es richtig gefährlich, wenn die Ampeln nicht mehr funktionieren. Viele Menschen, die ich kenne, sind inzwischen aus der Ukraine geflohen, deshalb habe ich weniger Freund*innen in Kiew.

Wie beeinflusst der Krieg deine Arbeit als Journalistin?

Der normale Berufsalltag ist gefährlicher und emotional viel schwieriger. Niemand sollte mit einer solchen Menge an verheerenden Geschichten, Leichen und Leid konfrontiert werden. Aber wer in der Ukraine berichtet, muss über Krieg berichten.

Warum bist du nicht geflohen?

Dafür habe ich mich nicht erst vor einem Jahr entschieden, sondern bereits 2014, als Russland den Donbass angegriffen hat. Damals habe ich in Deutschland studiert und hätte dortbleiben können. Aber ich wollte meinem Land helfen. Ich bin zwar keine Soldatin, aber immerhin Teil dieser Gesellschaft: Ich zahle hier Steuern und kann in meiner Nachbarschaft helfen. Außerdem konnte ich meinen Ehemann nicht allein lassen, dem es nicht erlaubt ist, das Land zu verlassen. Wenn ich kleine Kinder hätte, wäre ich vielleicht gegangen. So aber bleibe ich.

Was sind deine Zukunftspläne und -hoffnungen?

Ich möchte ein Buch über den Krieg zu Ende schreiben und meine Ausbildung zur psychologischen Beraterin abschließen, um Ukrainer*innen zu helfen, mit diesem Albtraum fertig zu werden. Am meisten hoffe ich natürlich, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt und wieder Frieden herrscht.

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Volle Taschen, leere Worte https://ansch.4lima.de/volle-taschen-leere-worte/ https://ansch.4lima.de/volle-taschen-leere-worte/#respond Sun, 12 Feb 2023 16:45:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=99399 „Ich habe mich fast nicht getraut, den Brief zu öffnen“, erzählt Andrea. Zwei Tage lang sei er ungeöffnet auf dem Küchentisch gelegen. Ihre monatliche Gas- und Stromrechnung hat sich 2023 nahezu verdoppelt. Doch beim Heizen einzusparen, fällt der Mindestpensionistin schwer. Ihre zugigen Altbaufenster hat sie bereits mit Decken ausgestopft, die hohen Räume sind schwer warm […]]]>

„Ich habe mich fast nicht getraut, den Brief zu öffnen“, erzählt Andrea. Zwei Tage lang sei er ungeöffnet auf dem Küchentisch gelegen. Ihre monatliche Gas- und Stromrechnung hat sich 2023 nahezu verdoppelt. Doch beim Heizen einzusparen, fällt der Mindestpensionistin schwer. Ihre zugigen Altbaufenster hat sie bereits mit Decken ausgestopft, die hohen Räume sind schwer warm zu halten. Zuhause trägt sie ohnehin meist dicke Pullover. Wenn sie das Thermostat noch weiter runterdreht, droht ein Schimmelbefall. Schon seit zwei Jahren sucht Andrea nach einer neuen Mietwohnung, doch der Wohnungsmarkt gibt nicht viel her für Menschen in ihrem Einkommenssegment. Neue Mietverträge sind außerdem meist befristet, ihren unbefristeten Vertrag kann sie nicht leichtfertig aufgeben. „Irgendwann hätte ich gern eine Badewanne und einen Balkon“, sagt sie.

Schon im April könnte auch Andreas Miete kräftig steigen. Dann werden in Österreich die Richtwerte aufgrund der Inflation um 8,6 Prozent angehoben, rund 300.000 Haushalte sind betroffen. Enormen Zulauf verzeichnen in diesem Winter auch die Wärmestuben der Caritas, wo Menschen sich aufwärmen können und eine kostenlose Mahlzeit bekommen. Da die Nachfrage steigt, hat die kirchliche Hilfsorganisation erstmals in Wien vier Wärmestuben nur für Frauen eingerichtet. Gerade sie sind oft von versteckter Wohnungslosigkeit betroffen und kommen vorübergehend bei Bekannten oder Angehörigen unter. Die Lage könnte sich bald weiter verschärfen.

„Zinshäuser stehen in Europa seit Jahrhunderten für Stabilität und sicheres Wachstum von privaten Vermögen“, ist indes auf der Website eines Investment-Unternehmens zu lesen. Wie groß das Wachstum von Vermögen tatsächlich ist, zeigt Oxfam in seinem Bericht zur sozialen Ungleichheit auf. „Die Reichen werden immer reicher“, so die Essenz von „Survival of the Richest“. Denn während es vielen Menschen flau im Magen wird, wenn sie an der Supermarktkassa Brot und Milch aufs Band legen, hat die Coronakrise „gigantische Vermögenszuwächse für Milliardär*innen“ gebracht. Es sind Zahlen, die nur schwer zu begreifen sind: Seit 2020 gingen 26 Billionen US-Dollar (63 Prozent) der ­Vermögenszuwächse an das reichste Prozent der Weltbevölkerung, während 99 Prozent sich den Rest teilen. Besonders drastisch fällt das Ungleichgewicht in Deutschland aus. Dort hat sich das reichste Prozent ganze 81 Prozent in die Taschen gesteckt.

Unter den Armutsbetroffenen indes sind Frauen überproportional vertreten: Sie machen fast sechzig Prozent der hungernden Weltbevölkerung aus, Altersarmut ist auch in reichen Industriestaaten weiblich. Insgesamt erleben wir die größte Zunahme der weltweiten Ungleichheit seit dem Zweiten Weltkrieg, berichtet Oxfam mit Verweis auf die Weltbank.

Zumindest auf die Krisenfolgen haben Regierungen vielerorts durchaus reagiert. In Österreich präsentierte Sozialminister Rauch erst kürzlich gemeinsam mit Hilfsorganisationen einen Wohnschirm, der vor Delogierungen schützen soll und in Notsituationen auch bei zu hohen Energiekosten einspringt (www.wohnschirm.at).

Maßnahmen, die angesichts der angespannten Lage ­geradezu unerlässlich erscheinen. Ebenso unerlässlich scheint es jedoch, auf lange Sicht nur noch in großen Dimensionen zu denken. Sozialpolitik darf nicht länger als Feuerwehr eines gewaltvoll ungerechten Systems dienen, das schon früh in Gewinner*innen und Verliererinnen unterteilt. Während Linke und Feministinnen mit ihrer Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen zumindest im Mainstream angekommen sind, gilt es, die obszöne Ungleichheit auch von der anderen Seite anzupacken. Absurd hohe Vermögen und Einkommen dürfen erst gar nicht entstehen. Dass es Milliardärinnen schlicht nicht geben sollte, dafür muss nicht erst Elon Musk den Beweis antreten. Die Hebel, die es dazu braucht, sind freilich vielfältig, die Kämpfe werden zähe sein. Doch mit dem Märchen vom Aufstieg durch Leistung lassen sich gerade junge Menschen nicht länger ködern. Und für den Kampf um radikale Umverteilung ­haben Feministinnen längst die Pläne in der Tasche. 

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Feminist Superheroines: Neus Català i Pallejà https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-neus-catala-i-palleja/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-neus-catala-i-palleja/#respond Sun, 12 Feb 2023 16:40:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=99381 Neus Català i Pallejà war eine antifaschistische Widerstandskämpferin, Kommunistin, Krankenschwester und letzte spanische Überlebende des KZ Ravensbrück. Neus Català wurde 1915 in eine Bauernfamilie geboren und kämpfte schon als Jugendliche für die Rechte von Frauen und gegen faschistische Ideologien. Nach dem spanischen Bürgerkrieg und dem Sieg des Franco-Regimes floh sie mit 180 Waisenkindern nach Frankreich, […]]]>

Neus Català i Pallejà war eine antifaschistische Widerstandskämpferin, Kommunistin, Krankenschwester und letzte spanische Überlebende des KZ Ravensbrück. Neus Català wurde 1915 in eine Bauernfamilie geboren und kämpfte schon als Jugendliche für die Rechte von Frauen und gegen faschistische Ideologien. Nach dem spanischen Bürgerkrieg und dem Sieg des Franco-Regimes floh sie mit 180 Waisenkindern nach Frankreich, um sie dort zu verstecken. 1942 wurde sie verhaftet und zunächst ins Lager von Compiègne deportiert, anschließend ins deutsche Konzentrationslager Ravensbrück. In Holleischen musste sie schließlich Zwangsarbeit in den Metallwerken leisten. Bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 sabotierte sie dort gemeinsam mit hunderten anderen Frauen die Waffenproduktion. Català i Pallejà überlebte und kämpfte von Frankreich aus gegen den spanischen Faschismus und für das Erinnern. Sie starb im April 2019. ali

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