VIII/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 07 Dec 2022 14:34:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VIII/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-3/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-3/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:18:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=91535 ]]>
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Illustration: Alma Weber

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Endlich mal allein https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/ https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:06:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=91529 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur Zigarette gegriffen – obwohl sie jahrzehntelang stramme Nichtraucherinnen waren. Es scheint fast so, dass sich Frauen damit eine Pause erschleichen – zum Durchatmen quasi. Gut, mit „die Frauen“ bin eigentlich ich gemeint. Aber die einzige bin ich auch nicht, wirklich. Jedenfalls: Es fühlt sich manchmal wie ein erbärmlicher kleiner Ausbruch an, aus der Vernunft, dem Gesundheitsterror, den man in den eigenen vier Wänden immer wieder betreibt, aus dem Zwang, jede Minute halbwegs gut zu nutzen. Um stattdessen einfach dazusitzen, auf der eiskalten Stange einer Fahrradparkstation – der Blasenentzündung furchtlos ins Auge blickend. Einfach um ins Leere zu starren und zu pofeln.

Ungesund? Ja. Aber vertane Zeit ist das beileibe nicht. Sarah Diehl hat kürzlich mit „Die Freiheit, allein zu sein“ ein Buch vorgelegt, in dem sie elaboriert eine Lanze für diese Zeit, ganz für sich allein, bricht. Allein reisen, allein schlafen, allein in Ruhe denken und fühlen. Um zu finden, was richtig scheint, anstatt brav den Allgemeinplätzen des eigenen Milieus zu folgen. Doch der Wunsch nach diesem regelmäßigen Alleinsein wird für Menschen mit Kindern und/oder Partner:innen gern per se als Beweis angeführt, dass dieser Mensch nun endgültig vor den Trümmern der offenkundig falschen Lebensentscheidung „Familie“ stehe. Seltsam, denn wer sich abhetzt, um fast täglich gemeinsam mit der Family zu essen, sich stresst, um die „We Time“ einzuhalten, muss nicht den Verdacht fürchten, im falschen Leben gelandet zu sein. Deshalb sollten wir doch bitteschön nicht heimlich rauchen müssen, um regelmäßig allein sein zu dürfen. Wegen der Blasenentzündung wär’s.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard­“.

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Mutterseelenallein https://ansch.4lima.de/mutterseelenallein/ https://ansch.4lima.de/mutterseelenallein/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:01:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=91524 Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern stößt Ernestine Rosenberger regelmäßig an ihre Grenzen. Der Alltag Alleinerziehender offenbart die Baustellen der Gleichstellungs- und Frauenpolitik besonders deutlich. Von Stefanie Meier Neugierig hüpfen Josefin und Kathrina zur Begrüßung im Flur auf und ab. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. In der Küche bereitet Ernestine Rosenberger Kaffee zu. […]]]>

Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern stößt Ernestine Rosenberger regelmäßig an ihre Grenzen. Der Alltag Alleinerziehender offenbart die Baustellen der Gleichstellungs- und Frauenpolitik besonders deutlich. Von Stefanie Meier

Neugierig hüpfen Josefin und Kathrina zur Begrüßung im Flur auf und ab. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. In der Küche bereitet Ernestine Rosenberger Kaffee zu. Sie trägt kein Make-up, ihr dunkelbraunes Haar hat sie locker nach hinten gebunden. Während der Kaffee in die Tasse tropft, räumt sie den Frühstückstisch ab. Kathrina kommt in die Küche und klettert auf den Klappstuhl. In der einen Hand hält sie das Handy ihrer älteren Schwester. Heute dürfen die beiden Mädchen mit Papa video­telefonieren. „Die Kinder vermissen halt immer jemanden“, kommentiert Rosenberger. Vor fünf Jahren hat sie sich vom Vater der Töchter getrennt. Seither zieht sie ihre Kinder alleine groß. Wenn sie von ihrem Alltag, den Entbehrungen und ihrer Einsamkeit als Alleinerzieherin erzählt, tut sie das auf die gleiche Weise, mit der sie auch zu ihren Töchtern spricht: ruhig, reflektiert und humorvoll. Die ausgebildete Behindertenbetreuerin wählt dabei oft Fachbegriffe aus der Sozialarbeit. Worte wie Rahmenbedingungen, kulturelle und soziale Teilhabe, emotionale Stabilität und Ressourcen schaffen Distanz zur eigenen Situation.

Ein-Eltern-Familien. Rosenberger ist eine von 149.000 Alleinerzieher:innen, deren Kinder jünger als 25 Jahre sind. In 86 Prozent dieser Ein-Eltern-Familien sind es die Mütter, die sich um die Kinder kümmern. „Benachteiligungen von Alleinerziehenden“, so Doris Pettighofer, Geschäftsführerin der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende, „sind frauenpolitische Themen, bei denen sich die Gleichstellungsdefizite zeigen.“

Was bedeutet es, alleinerziehend zu sein? Tag für Tag stemmen Alleinerziehende die gesamte Care-Arbeit alleine. Sie gehen einkaufen und bereiten Mahlzeiten zu. Sie sorgen dafür, dass die Kinder pünktlich in der Schule oder im Kindergarten sind. Sie kümmern sich darum, dass die Kinder Zeit mit Freund:innen oder den Großeltern verbringen. Sie spenden Trost und teilen die Freude und den Kummer der Kinder. Vor allem aber müssen Alleinerziehende letztendlich jede Entscheidung alleine treffen – was laut Pettighofer besonders belastend sei. Das soziale Netz von Alleinerzieher:innen fängt zwar vieles auf, aber Pettighofer warnt, dass hier die unbezahlte Care-Arbeit wieder „voll zuschlägt“, weil alles, was über die institutionelle Kinderbetreuung hinausgeht, privat organisiert werden müsse. Und nicht jede:r kann oder will auf Unterstützung aus dem privaten Umfeld zurückgreifen. Es brauche daher dringend eine ergänzende Kinderbetreuung, die die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie verbessert und auch an den Randzeiten, im Krankheitsfall und am Wochenende zur Verfügung steht.

Urlaub in Anführungszeichen. Ernestine Rosenberger ist als Pflegekind in der Steiermark aufgewachsen und wohnt seit der Trennung vom Vater mit ihren Kindern in Eisenstadt. Hier können keine Tanten, Onkeln, Omas oder Opas im Notfall einspringen. In der Sozialforschung gilt sie damit als sozial isoliert. Ein Umstand, der bei Rosenberger vor einigen Jahren die „große Einsamkeit“ und später eine Depression zur Folge hatte. Auf die Frage, wie sie das alles alleine schaffe, antwortet sie mit einem bitteren Lachen: „Zuerst mit einer Depression, dann mit einer Therapie.“

Die Therapie kann sich Rosenberger nur leisten, weil ihre Pflegetante die Hälfte der Kosten übernimmt. Sie arbeitet dreißig Stunden. „Mehr als eine Waschmaschine“ hat sie nicht auf dem Konto, erzählt sie. Die Wohnung sei ihr eigentlich zu teuer. Aber den Kredit für eine günstigere Genossenschaftswohnung bekommt sie nicht. Als Alleinerzieherin sei sie „eine Gefahr für jede Bank.“

Mit ihren Kindern fährt sie im Sommer auf „Urlaub in Anführungszeichen“, dann besucht sie mit ihnen eine Freundin in Deutschland.

Rosenberger ist kein Ausnahmefall. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Alleinerziehenden ist armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die Soziologin Ulrike Zartler untersuchte 2011 die Herausforderungen von Alleinerziehenden und kam zu dem Ergebnis, dass vor allem geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede das Armutsrisiko erhöhen, insbesondere von Migrant:innen und Alleinerziehenden mit einem niedrigen Bildungsabschluss. Eine Studie des Sozialministeriums von 2021 zur Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von Ein-Eltern-Familien kommt zum selben Schluss und hält fest: „Die Ursachen für die hohe Armuts- und Deprivationsgefährdung von Alleinerziehenden […] haben sich seit der umfangreichen Studie von Zartler kaum geändert.“

Ein Grundübel. Kinder können mit Mutter und Vater aufwachsen, mit zwei Müttern oder zwei Vätern, in einer Patchworkfamilie, ganz ohne Eltern in einem Kinderheim oder eben mit nur einem Elternteil. Diese Vielfalt an Familienformen wird laut Pettighofer bei der Gesetzgebung nicht berücksichtigt. Als Beispiel nennt sie hier den Familienbonus, von dem die zusammenlebende Familie am meisten profitiert. Erst im Nachhinein wurde versucht, Verbesserungen für Alleinerziehende zu erwirken. Die aktuelle Familienpolitik bilde die finanzielle Mehrbelastung in Ein-Eltern-Familien nicht ab, „weil der Maßstab das Vater-Mutter-Kind-Modell ist. Das ist das Grundübel, dass man die Gleichstellung der Familienformen nicht hinkriegt“, kritisiert die Plattform.

Keine Zeit. Der permanente Stress, die alleinige Verantwortung, finanzielle Sorgen und womöglich auch noch Sorgerechtsstreitigkeiten führen nicht selten zu psychischen Belastungen, Erschöpfung und Burnout. Zeit für sich selbst oder die eigene Gesundheit bleibt Müttern ohnehin zu wenig, Alleinerziehenden sowieso. Der Mediziner und Journalist Jakob Simmank, der zu Einsamkeit forscht, schlägt deshalb vor, die Wochenarbeitszeit generell auf 32 Stunden zu reduzieren. Das würde die Sorgearbeit aufwerten und das enge Zeitkorsett derjenigen lockern, die sie leisten. Pettighofer sieht darin auch eine gute Möglichkeit, die Mehrfachbelastung zu reduzieren.

Ernestine Rosenberger wäre damit definitiv geholfen, sie müsste dann auch nicht mehr ständig Einsamkeit und Erholungsbedürfnis gegeneinander abwägen. Denn immer wieder bringt sie ihre Erschöpfung dazu, ihr Sozialleben hintanzustellen: „Es ist immer eine Plus-Minus-Rechnung. Ich weiß, die nächsten Wochen werden anstrengend. Ich werde keine Zeit haben, etwas für mich zu machen oder jemanden zu treffen. Dann möchte ich lieber im Bett bleiben, aber unter dem Strich fehlt mir das Ausgehen dann.“ Die 30-Jährige hat in Eisenstadt mittlerweile Freund:innen gefunden, einige sind selbst Alleinerzieherinnen. Man versteht und unterstützt sich. Dass sie sich in Eisenstadt zuhause fühlt und die „Einsamkeit eine Spur weniger ist“, dazu trägt auch die Eisverkäuferin bei, die ihre Töchter nicht nur nach der Lieblingseissorte fragt, sondern auch ihre Namen kennt.

Stefanie Meier fragt sich als Sozio­login, welche Menschen und Geschichten hinter Zahlen und Daten stecken und schreibt als freie Journalistin darüber.

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Verlorene Solidarität https://ansch.4lima.de/verlorene-solidaritaet/ https://ansch.4lima.de/verlorene-solidaritaet/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:56:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=91520 Für Menschen, die der Hochrisiko-Gruppe angehören, ist die Pandemie nicht vorbei. Sie fordern eine Maskenpflicht – was auch andere vor Long Covid schützen könnte. Von Anika Haider „Die Pandemie ist vorbei“, verkündete US-Präsident Biden Ende September medienwirksam in einem Interview mit CBS News. Und auch österreichische und deutsche Regierungsmitglieder sprechen vermehrt über die Gegenwart als […]]]>

Für Menschen, die der Hochrisiko-Gruppe angehören, ist die Pandemie nicht vorbei. Sie fordern eine Maskenpflicht – was auch andere vor Long Covid schützen könnte. Von Anika Haider

„Die Pandemie ist vorbei“, verkündete US-Präsident Biden Ende September medienwirksam in einem Interview mit CBS News. Und auch österreichische und deutsche Regierungsmitglieder sprechen vermehrt über die Gegenwart als eine Zeit „nach Corona“, sagen Maskenpflicht und andere Maßnahmen sukzessive ab.

Die Überzeugung, dass wir die Sache hinter uns haben, scheint sich auch in der Mehrheitsbevölkerung durchgesetzt zu haben. Masken werden nur noch selten getragen. Dass die Pandemie ganz und gar nicht vorbei ist, wissen vor allem jene, die Corona von Anfang an besonders ernst nehmen mussten: jene Menschen nämlich, die aus unterschiedlichen Gründen der Hochrisiko-Gruppe angehören.

Unter dem Hashtag #NichtnurimHeim machen auf Twitter chronisch Kranke, Menschen mit Behinderungen und Angehörige von Mitgliedern der Risikogruppe – die sich eben nicht nur im Altersheim finden – darauf aufmerksam, dass die Pandemie keineswegs ein Ende genommen hat, wohl aber die Solidarität.

Keine Kraft zu husten. Eine von ihnen ist Veronika, die sowohl auf Twitter als auch in ihrem Blog ihre Erfahrungen teilt. Schon seit dem Kleinkindalter sitzt sie aufgrund einer angeborenen Muskelschwäche im Rollstuhl. Eine symptomatische Covid-Erkrankung wäre für sie lebensgefährlich, denn Veronika hat keine Kraft, um eigenständig zu husten.

„Beim Ausbruch der Pandemie war die Solidaritätswelle hoch. Da haben sich fast alle bemüht.“ Doch schon im Sommer 2020 begannen vermehrt Rufe laut zu werden, die Risikogruppe solle „zurückstecken“, man wolle nicht mehr so viel Rücksicht nehmen müssen. Veronika bekam das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, „auf die viele Menschen auch verzichten könnten“.

Insbesondere auf Social Media ist Veronika ständig mit behindertenfeindlichen Diskriminierungen konfrontiert. „Den Hinweis, meine Eltern hätten mich „lieber verrecken lassen sollen“ bekomme ich mittlerweile ein- bis zweimal die Woche in mein Postfach gespült.“ Und das, obwohl Veronika selbst nie aggressive Anfeindungen gepostet hat.

Gemeinsamer Kampf. Die Möglichkeit, sich via Social Media zu Wort zu melden, möchte sie sich dennoch keinesfalls nehmen lassen. „Das ist der einzige Ort, wo ich noch sichtbar sein kann. Ich kann momentan nicht rausgehen und demonstrieren, ich kann mich nicht irgendwo anketten“, erklärt sie. „Aber ich kann versuchen, den wenigen Leuten, dich ich so erreichen kann, meine Geschichte zu erzählen.“ Das Internet ist für Veronika schon lange ein zweites Zuhause. „Und das ist das letzte, was ich noch verteidigen möchte.“ Auch aufgrund der Community, die Veronika auf Twitter gefunden hat, ist das Medium für sie so wichtig geworden. „Absolut beeindruckend“ sei die Vernetzung, die dort in den letzten Jahren zwischen Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Erkrankungen passiert ist. Corona hätte viel mehr Zusammenhalt zwischen diesen Gruppen geschaffen. „Uns ist allen klar geworden, dass wir alleine nicht weiterkommen.“

Der Hashtag #NichtnurimHeim zeigt die Diversität der Gruppe. Appelle zur Solidarität, die dort geteilt werden, fordern zum Tragen von Masken auf. Für Veronika eine niederschwellige Maßnahme, die viel bringt. „Eine allgemeine Maskenpflicht wäre mein Wunschtraum.“ Von ihren Mitmenschen wünscht sie sich vor allem, „dass dieses Gejammer aufhört, nur weil man eine Maske tragen muss, während andere seit Jahren nicht mehr das Haus verlassen können.“ Menschen in der Risikogruppe seien alle bereit, selbst ganz massive Einschnitte in Kauf zu nehmen, erklärt sie. „Aber ganz ohne, dass andere auch mithelfen, geht es nicht.“

Long Covid kann alle treffen. Dass Vorsicht auch den Menschen außerhalb der Risikogruppe zugutekommt, zeigt sich insbesondere an der steigenden Zahl an Long-Covid-Patient*innen, die oft keinerlei Vorerkrankungen hatten. Das britische nationale Statistikinstitut geht davon aus, dass zehn bis zwanzig Prozent der Covid-Erkrankten betroffen sind. Eine davon ist Sandra, die früher Leistungssportlerin war und nun an schwerem Long Covid leidet. „Ich dachte immer, mich kann sowas nicht treffen. Ich bin ja gesund“, erzählt die ehemalige Football-Nationalspielerin. Doch insbesondere seit ihrer zweiten Infektion leidet Sandra unter starken körperlichen und auch psychischen Beeinträchtigungen. Müdigkeits- und Schwächeanfälle, Konzentrationsschwierigkeiten, der klassische Brain Fog – die Symptome kommen und gehen, so wie bei vielen anderen Long-Covid-Betroffenen, unvorhersehbar.

Neben den körperlichen Auswirkungen der Krankheit machen Sandra auch die finanziellen Folgen und der bürokratische Aufwand, den Long Covid mit sich bringt, sehr zu schaffen. Nur wenige Wochen nach dem Beginn der Symptome verlor sie ihren Job, weil die Dauer ihres Krankenstandes nicht absehbar war. Für den Bezug von Arbeitslosengeld muss sie nun regelmäßig das Fortbestehen ihrer Krankheit nachweisen und sich immer wieder rechtfertigen. Von medizinischem Personal erlebte sie regelmäßig Schikanen, ihre Symptome wurden lange nicht ernst genommen, Long Covid als Diagnose erst spät anerkannt. Auch die Reha, die Sandra nach langer Prozedur von der Krankenkassa bewilligt bekommen hat, war eigentlich auf eine Therapie von Depression ausgerichtet „Das war völlig kontraproduktiv“, erzählt Sandra. „Ich musste jedes Mal darum kämpfen, eine Pause machen zu dürfen, obwohl ich permanent erschöpft war.“ Bei Long Covid könnten sich durch Überforderung auch Ermüdungserscheinungen chronifizieren.

Sandra wünscht sich vor allem, dass Long Covid gesellschaftlich als Krankheit anerkannt wird. Gerade bei Behörden und medizinischen Einrichtungen sei das oft noch nicht der Fall. Es brauche unbedingt ausreichend und bessere Therapiemöglichkeiten. Long Covid sei als gesamtgesellschaftliches Problem aber auch auf politischer Ebene zu lösen: „Wenn sich der Staat nicht damit beschäftigt, wird es eine Welle an Menschen geben, die chronisch krank sind und keine staatliche Unterstützung erfahren.“

Mit den gesamtgesellschaftlichen Folgen von Corona setzt sich auch die Public Health Expertin und Mitgründerin der Initiative Gesundes Österreich (IGÖ), Beatriz Villegas Sierra, auseinander. Zusammen mit anderen Expert*innen und Beschäftigten im Bildungsbereich rief sie mit der IGÖ ein Projekt ins Leben, das sich vorrangig um Aufklärung über Corona, seine Folgen und potenzielle Maßnahmen bemüht.

Praktische Eigenverantwortung. Die fehlenden Informationen in der Bevölkerung seien vor allem ein Versagen der Politik. „Wir wollen Menschen zum eigenständigen Denken und verantwortungsvollen Handeln bringen. Doch wir fordern auch von der Politik ein, uns bei dieser Aufgabe, nach monatelanger systematischer Desinformation, zu unterstützen.“ Die Pandemie werde von der Regierung nicht ernst genommen, das geringe Ausmaß an aufrechten Maßnahmen sei verantwortungslos. Auch das Narrativ der „Eigenverantwortung“ kritisiert Villegas Sierra vehement, diese Strategie sei nämlich vor allem „praktisch für die Politik, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen“. Besonders dramatisch ist es Villegas Sierra zufolge, dass Long Covid und andere Folgeschäden im Diskurs weitgehend ausgeblendet würden. „Tausende chronisch kranke Menschen zusätzlich werden in Zukunft nicht im System versorgt werden können. Das System ist jetzt schon am Anschlag, es kracht an allen Ecken und Enden“, warnt sie. Hoffnung auf eine Herdenimmunität darf man sich laut Villegas Sierra nicht machen, auch die Forderung, Vulnerable „wegzusperren“, sei abwegig: „Das kann gar nicht funktionieren, zumal Vulnerable in allen Altersklassen vertreten, Teil unserer Familien und Teil unserer Gesellschaft sind.“

Auch Sierra bekräftigt: „Das Allerschlimmste an dieser Pandemie ist jedoch, dass die Solidarität verloren gegangen ist.“ Doch auch das sei vorrangig ein Thema der Politik. „Wenn es ein Gesundheitsminister nicht schafft, zu sagen: „Denken wir bitte an unsere vulnerablen Mitbürger*innen“, dann sei das erschreckend und „geht am Kern seiner Aufgabe gänzlich vorbei“.

Die Hoffnung, dass sich die Solidarität noch durchsetzen könnte, hat zumindest Veronika noch nicht aufgegeben. „Ich denke, unsere einzige Chance ist es, den Leuten unsere Geschichten zu erzählen. Die sachliche Ebene, Statistiken, der Appell an die Vernunft, das interessiert niemanden. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Gesellschaft verstehen muss, um wen und um was es geht. Und das sind konkrete Schicksale.“ 

Anika Haider möchte mit ihrer journalistischen Arbeit dazu beitragen, Stimmen Gehör zu verschaffen, die oft überhört werden.

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Wir dürfen sie nicht vergessen. Sie fehlt. https://ansch.4lima.de/wir-duerfen-sie-nicht-vergessen-sie-fehlt/ https://ansch.4lima.de/wir-duerfen-sie-nicht-vergessen-sie-fehlt/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:30:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=91512 Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung. Natalia Hurst und Elizabeth Martínez von der Bewegung Ni Una Menos Austria wollen auf allen Ebenen gegen geschlechtsbezogene Gewalt aktiv werden. Interview: Naomi Lobnig Als Reaktion auf eine Serie brutaler Femizide gründete sich 2015 in Argentinien die Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“). Bald breitete sich die […]]]>

Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung. Natalia Hurst und Elizabeth Martínez von der Bewegung Ni Una Menos Austria wollen auf allen Ebenen gegen geschlechtsbezogene Gewalt aktiv werden. Interview: Naomi Lobnig

Als Reaktion auf eine Serie brutaler Femizide gründete sich 2015 in Argentinien die Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“). Bald breitete sich die Protestbewegung gegen sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt an FLINTA auf andere lateinamerikanische Länder und darüber hinaus aus. Seit 2017 möchte Ni Una Menos Austria diese Form des intersektionalen und dekolonialen Feminismus auch nach Österreich tragen.

an.schläge: Wie sieht der Aktivismus von Ni Una Menos konkret aus?

Elizabeth Martínez: Wir versuchen, auf allen Ebenen etwas zu bewegen. Wir sitzen nicht nur in irgendwelchen Konferenzen und erzählen, welches Verständnis wir von Feminismus haben. Wir versuchen, diese Themen im Alltag sichtbar zu machen und in der Praxis Veränderungen anzustoßen. Wenn ich mit Freund*innen rede, wenn ich Fragen stelle, löst das etwas in den Köpfen aus.

Natalia Hurst: Am Anfang haben wir Workshops gemacht. Wir wollten die Gewalt an FLINTA sichtbar machen und melden. Gleichzeitig brauchten wir einen Ort, um zuzuhören, um Themen zu besprechen und dabei zu stricken, zu tanzen oder zu singen. Es fördert die Kommunikation, wenn man etwas zusammen macht. Leider ist das mit der Pandemie weggefallen. Grundsätzlich versuchen wir, viermal im Jahr Events auszurufen: Am 28. September 2021, dem Internationalen Tag für sichere Abtreibung, haben wir eine Performance-Demo für sichere Abtreibung organisiert. Am Tag gegen Gewalt an Mädchen und Frauen, haben wir vor der Pandemie gemeinsam mit LEFÖ, Take Back The Streets, Rhythms of Resistance und Feminist Killjoy unsere erste Demo Dinámica (Anm.: eine Form des multidisziplinären Demonstrierens) und das erste „Ni Una Menos“-Graffiti am Yppenplatz in Wien gemacht. Jetzt gibt es dort ein bleibendes Graffiti, das alle Femizide zählt. Am 8. März, dem feministischen Kampftag, haben wir dank der Gruppe Maracatú Nossa Luz Tanz und Trommeln in die Demo integriert. Durch den Tanz gelingt es, den Körper nicht mehr als Objekt, sondern als eigenes Territorium zu genießen. Und dann gibt es noch den Geburtstag der Bewegung Ni Una Menos am 3. Juni. Zusätzlich finden offene Austauschtreffen statt. Dieses Jahr war es schwierig; die Pandemie hat die Dynamik ein bisschen unterbrochen.

Welche politischen Forderungen habt ihr?

E. M.: Wir wollen nicht, dass die Opfer im Schatten bleiben und dann ein zweites Mal durch die Medien zu Opfern werden. In Lateinamerika werden die Opfer zumindest genannt, jedes Mal, wenn etwas passiert. Das finden wir wichtig, weil sonst die Betroffenen im Schatten bleiben. Hier in Österreich sind sie namenlos – man weiß nur, was passiert ist, wo und wann. Aber es ist wichtig, dass wir uns an die Namen erinnern, weil wir sonst nur eine Zahl haben, Femizid Nummer 20, 21, 22. Wir wollen ihnen ihre Namen geben.

N. H.: Wir fordern, dass der Begriff Femizid in Österreich als politische Kategorie wahrgenommen und anerkannt wird. Femizide passieren nicht nur in Argentinien oder in Mexiko. Sie finden hier statt. Gewalt an Frauen ist kein Naturgesetz, sondern ein Thema unserer Kultur, das wir anklagen wollen.

Wir verstehen, dass das System patriarchal ist. Wir wissen, dass sich das System radikal verändern muss. Wir brauchen Feminist*innen in den Institutionen, an den entscheidenden Orten. Es braucht einen Dialog in der ganzen Gesellschaft zu dem Thema – im Kindergarten ebenso wie im Parlament. Es gibt die Debatte, ob Aktivismus zusammen mit Parteien funktionieren kann, aber wir glauben, dass sich die Dinge auf parlamentarischer Ebene bewegen müssen.

Auf den Demos von Claim the Space (Anm.: Claim the Space ist ein autonomes feministisches Bündnis, bestehend aus unterschiedlichen Personen und Kollektiven) ist viel Wut spürbar. Claim the Space ist während der Pandemie entstanden, auch wegen der Femizide. Die Stille war so laut in der Pandemie, man musste etwas machen. Die Bewegung hat viel dazu beigetragen, den Begriff Femizid zu den Österreicher*innen zu bringen. Bis dahin war der Begriff hauptsächlich Migrant*innen und Akademiker*innen vorbehalten.

Welche Unterschiede oder Ähnlichkeiten gibt es hinsichtlich der Streikkultur in Argentinien oder Mexiko?

E. M.: In Lateinamerika sind Femizide und Gewalt auch deshalb generell sichtbarer, weil die Frauen lauter sind. Sie gehen auf die Straße. Sie gehen wütend auf die Straße. Eine Demo gegen Femizide ist keine Party, kein Frauenfest. Wir sind auf der Straße, weil eine von uns fehlt. Hier in Österreich, so wie ich das wahrnehme, wissen Frauen zwar, dass Sachen passieren und dass es politisch korrekt ist, an den Demos teilzunehmen, aber sie haben nicht so viel Wut, wenn sie auf die Straße gehen. Ich meine das nicht böse, aber ich denke, diese Wut fehlt noch ein bisschen.

Wie geht ihr damit um, ständig mit diesen gewaltvollen Themen konfrontiert zu werden?

E. M.: Man muss einen Weg finden, um nicht verrückt zu werden. Ich persönlich fühle mich an manchen Orten unsicher, weil ich sie mit anderen Situationen verbinde. Vielleicht habe ich gerade über mehrere Femizide in unterschiedlichen Ländern gelesen – dann denke ich daran, dass das überall passieren kann. Man muss einen Weg finden, um all das zu verarbeiten. Wir sollten uns in solchen Situationen an die Idee von Ni Una Menos halten und uns sagen: Sie fehlt, aber ich bin für sie da und nehme ihre Stimme. Deswegen schreien wir. Wenn mir etwas passiert, weiß ich, dass mein Frauennetz für mich da ist.

N. H.: Die Gruppe gibt uns Ressourcen, um zu reagieren, die wir sonst nicht hätten.

Wie wird in Österreich mit geschlechtsspezifischer Gewalt umgegangen?

N. H.: Es gibt keine echte Wahrnehmung dieses Problems auf staatlicher Ebene. Wir wollen Raum und Zeit für die Femizid-Opfer schaffen, weil sie sonst unsichtbar bleiben. Und wenn wir dem Thema Frauengewalt das Tabu nehmen, wird auch leichter sichtbar, welche anderen Opfer von Gewalt es in der Gesellschaft gibt. Man darf weder von Frauengewalt wegschauen noch von Menschenhandel noch von moderner Sklaverei.

Gibt es Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern?

E. M.: Ich würde sagen, Lateinamerika ist da schon weiter. Zum Beispiel ist in Mexiko der explizite Tatbestand Femizid ein Grund, dass Menschen ins Gefängnis gehen. Das fehlt in Österreich noch. Nicht nur in Österreich. In ganz Europa fehlt die Anerkennung von Femizid als Straftat.

N. H.: Wir wissen zum Beispiel aus Spanien, dass im Fall eines Femizids dieser Begriff auch in den Nachrichten verwendet wird. In Österreich ist in manchen Medien noch immer von einem „Liebesdrama“ die Rede. Sie folgen damit einem patriarchalen Narrativ. Er hat sie getötet, weil er sie so liebte. Er hat sie vergewaltigt, weil sie einen Rock anhatte. Ein „Verbrechen aus Leidenschaft“ entlastet die Täter. Die Bezeichnung Femizid lässt die Tat eindeutig als Hate Crime erkennbar werden, das wird auch schwerer bestraft.

Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung am Karlsplatz. Welche Kraft haben solche Aktionen?

N. H.: Auf den Claim-the-Space-Demonstrationen schreien wir jeden Femizid, der in diesem Jahr begangen wurde. Da gibt es viel Wut und viel Trauer. Manche fragen, ob man das nicht ein bisschen weniger traurig machen kann, aber es geht nicht „lustiger“. Es ist einfach eine Katastrophe. All diese Frauen sind nicht mehr da und es gibt keinen Grund dafür, nicht traurig oder wütend zu sein. Mittlerweile hat sich daraus eine eigene Dynamik entwickelt. An verschiedenen Orten und Plätzen, in unterschiedlichen Demonstrationen gegen Femizide schreien alle „Ni una menos“, weil es zu einem Schrei gegen Gewalt geworden ist …

E. M.: … und auch, um uns daran zu erinnern, dass eine von uns fehlt. Wir gedenken der Frau, die am 29. April 2021 ermordet wurde. Wir dürfen sie nicht vergessen. Sie fehlt. Und dann die nächste und die nächste und die nächste. Wenn man dort ist und hört, wie viele Frauen fehlen, ist es wirklich erschreckend. Gleichzeitig denkt man, das könnte ich sein oder meine Schwester oder meine Freundin. Deswegen stehen wir hier und erinnern uns, dass sie fehlen und dass so etwas nicht passieren darf. Nirgendwo, nie. 

Website: https://osterreichnum.wordpress.com/
Instagram: https://instagram.com/niunamenos.austria

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„Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“ https://ansch.4lima.de/hundertprozentige-sicherheit-kann-es-nicht-geben/ https://ansch.4lima.de/hundertprozentige-sicherheit-kann-es-nicht-geben/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:23:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=91508 Wie finden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen eigentlich ins Frauenhaus? Und bekommen dort auch trans Frauen und non-binäre Personen Platz? Brigitte Theißl hat bei Elisabeth Cinatl, Psychotherapeutin und Vorstandsvorsitzende des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, nachgefragt. Wie sieht die Infrastruktur an Frauenhäusern in Österreich aus? Wo fehlt es konkret an Mitteln und Einrichtungen? Es gibt Bedarf […]]]>

Wie finden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen eigentlich ins Frauenhaus? Und bekommen dort auch trans Frauen und non-binäre Personen Platz? Brigitte Theißl hat bei Elisabeth Cinatl, Psychotherapeutin und Vorstandsvorsitzende des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, nachgefragt.

Wie sieht die Infrastruktur an Frauenhäusern in Österreich aus? Wo fehlt es konkret an Mitteln und Einrichtungen?

Es gibt Bedarf an zusätzlichen Frauenhausplätzen – dabei muss man regional genau hinschauen. Bei uns in Niederösterreich ist zum Beispiel das Waldviertel ein absolut unterversorgtes Gebiet. Dort ist es für Frauen nicht möglich, einfach nach St. Pölten zu fahren, dafür ist die Anbindung zu schlecht. Ein großes Problem sind aktuell auch Übergangswohnungen. Angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt ist es enorm schwierig, günstige Mietwohnungen zu finden. Nach einem Aufenthalt im Frauenhaus wäre es für eine Stabilisierung wichtig, zumindest vorübergehend eine Wohnung zu haben – und das ohne den Druck, 800 oder 900 Euro im Monat für die Miete aufbringen zu müssen.

Wie finden Betroffene von häuslicher Gewalt den Weg ins Frauenhaus, wenn sie vielleicht noch gar nie von diesem Angebot gehört haben?

Auf ganz unterschiedlichen Wegen. Für Frauenhäuser ist Vernetzung enorm wichtig, um das Angebot bekannt zu machen. Behörden und Ämter müssen informiert sein, denn viele Frauen docken etwa beim Sozialamt oder dem AMS an. Auch Ärzt*innen, Gynäkolog*innen, Apotheker*innen sind wichtige Multiplikator*innen. Nicht zuletzt braucht es mediale Berichterstattung.

Wo liegen die Grenzen beim Schutz, den ein Frauenhaus bieten kann, gerade wenn Betroffene vor potenziell gefährlichen Tätern geflüchtet sind?

Das ist ein wichtiger Punkt. Frauenhäuser bieten Schutz, aber eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Die Bewohnerinnen des Frauenhauses sind schließlich nicht eingeschlossen, sie leben ihr Leben weiter, gehen zur Arbeit, bringen Kinder in die Schule oder den Kindergarten. Das sind meist Wege, die auch die gewalttätigen (Ex-)Partner kennen. Einen gewissen Schutz bietet die Anonymität der Frauenhaus-Adresse, doch auch diese kann nicht völlig geheim gehalten werden. In den Häusern selbst treffen wir natürlich Sicherheitsvorkehrungen. Darüber hinaus führen wir Gefährlichkeitseinschätzungen mit den Frauen durch, um ein Gefühl für den Gewalttäter zu bekommen. Das ist ein wichtiges Tool. In Wiener Neustadt liegt das Frauenhaus abseits stark frequentierter Wege. Wenn eine Frau in einer Hochrisikosituation ist, bedeutet dies auch, dass auch wir als Mitarbeiterinnen noch wachsamer sein und Maßnahmen ergreifen müssen. Dies bedeutet dann, dass jede Mitarbeiterin, die bei Dunkelheit aus dem Dienst geht, mit einer Kollegin telefoniert, bis sie im Auto oder weiter vom Frauenhaus entfernt ist. So kann im Notfall rasch die Polizei verständigt werden. Trotz all dieser Maßnahmen besteht immer ein Restrisiko.

Wie sieht der Umgang mit trans Personen aus? Finden sie ohne Hürden Platz in Frauenhäusern?

In den Dachverbänden gibt es zu diesem Thema durchaus Diskussionen, ich kann nur für unser Haus sprechen. Es ist enorm wichtig, dass transidente und non-binäre Personen einen Zufluchtsort haben, wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Zugleich sind viele trans Personen auch von anderen Diskriminierungs- und Gewaltformen betroffen. Dementsprechend braucht es aus meiner Sicht auch spezielle Expertise in den Häusern, um die Betroffenen angemessen betreuen zu können. Ich finde es ehrlicher zu sagen: Wir nehmen trans Personen nicht auf, weil wir zu wenig Expertise haben. Und die Person wird dann weitervermittelt. Ich arbeite auch als Psychotherapeutin mit trans Personen in unterschiedlichen Phasen der Transition. Wie eine Person gelesen wird, speziell trans Frauen, führt zu bestimmten Reaktionen, auch das gilt es zu bedenken. Ich bin jetzt wenig konkret, weil es wichtig ist, auf jeden Fall individuell einzugehen.

Kann es also auch passieren, dass trans Frauen keinen Frauenhausplatz finden?

Hier kann ich für unser Haus sprechen – und ich denke auch für andere: Wenn eine betroffene Frau vor der Tür steht, dann wird sie aufgenommen. Frau heißt in diesem Fall: Eine Frau, die sich als solche definiert.

Wo beginnt aus Ihrer Sicht Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt?

Der beginnt mit Geschlechterstereotypen, die es aufzuweichen gilt. Bei finanzieller Selbstbestimmung, gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Das alles gehört dazu. Und es beginnt beim Alltagssexismus, den jede Frau erlebt. Da sind wir noch lange nicht dort, wo wir hin­wollen. 

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Der Prozess https://ansch.4lima.de/der-prozess/ https://ansch.4lima.de/der-prozess/#comments Thu, 01 Dec 2022 12:18:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=91505 Daphne wurde von ihrem Ex-Partner geschlagen und vergewaltigt, vor Gericht wird er freigesprochen. Er ist einer von vielen. Warum ist das so? Die Rekonstruktion eines Vergewaltigungsprozesses. Von Anna Lindemann Insgesamt waren es neun Monate. Sie lernen sich im November kennen, kurze Zeit später zieht er bei ihr ein. Es sei schwer zu sagen, wann genau […]]]>

Daphne wurde von ihrem Ex-Partner geschlagen und vergewaltigt, vor Gericht wird er freigesprochen. Er ist einer von vielen. Warum ist das so? Die Rekonstruktion eines Vergewaltigungsprozesses. Von Anna Lindemann

Insgesamt waren es neun Monate. Sie lernen sich im November kennen, kurze Zeit später zieht er bei ihr ein. Es sei schwer zu sagen, wann genau die Gewalt losging, sagt Daphne. Von Anfang an war er sehr besitzergreifend, zu ihren Freundinnen hat sie schon in dieser Zeit weniger Kontakt. Nach etwa drei Monaten bricht er immer öfter in heftige Wutanfälle aus, irgendwann drängt er sie zum Oralsex. Gegen Ende der Beziehung fängt er an, sie zu schlagen. Sie erzählt niemandem davon.

Es dauert noch zwei Monate, dann trennt sie sich – insgesamt dreimal, bis er es akzeptiert. Fast hätte sie es nicht geschafft, nachdem er sie immer wieder überredet hat, bei ihm zu bleiben. Als er die Wohnung endlich verlässt, packt Daphne gemeinsam mit ihrer Mutter seine Sachen zusammen und bleibt die nächsten Nächte bei ihr. Erst dann kann Daphne ihrer Mutter die Wahrheit anvertrauen, später auch ihren Freundinnen, dann der Polizei: Ihr Ex-Partner hat sie bedroht, geschlagen und vergewaltigt.

Ein Jahr später sitzt Daphne in der ungewöhnlich warmen Oktobersonne in einem Wiener Café und trinkt einen Chai. Sie hat ihre Haare hochgesteckt und sitzt aufrecht auf ihrem Stuhl. Ihre Hände sind auf dem Tisch verschränkt. Zwei Anzeigen, zwei Gerichtsprozesse und zwei niederschmetternde Urteilsverkündungen hat sie in den vergangenen zwölf Monaten mitgemacht. Ihr Ex-Partner wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen. Daphne ist wütend.

Sie erzählt der Reihe nach. Nach der Trennung hört ihr Ex-Partner nicht auf, sie zu kontaktieren. Irgendwann fängt er an, auch ihre Freundinnen anzurufen. Er wolle Daphne umbringen, droht er am Telefon. Daraufhin geht sie zur Polizei.

Sie hat Fotos von ihren blauen Flecken und Aufnahmen von seinen Ausrastern. Während der Beziehung habe sie angefangen, die Gewalt zu dokumentieren. Ob sie damals schon Beweise sammeln wollte? „Vielleicht. Ich habe das aber auch getan, um alles selbst zu verarbeiten und um meinen Erinnerungen im Nachhinein zu vertrauen.“ Daphne spricht von „Gaslighting“, ihre Wahrnehmungen seien von ihrem Ex-Partner manipuliert, sie sei tief verunsichert worden.

In einer Studie aus dem Jahr 2011 – aktuellere Forschung gibt es zu dem Thema in Österreich nicht – geben knapp dreißig Prozent der Frauen an, sexuelle Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben. In Deutschland gibt es dazu keine konkreten Zahlen.

Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 8.490 Fälle von Vergewaltigung erfasst. Schaut man auch auf andere Delikte wie sexuelle Nötigung oder Missbrauch, dann sind es insgesamt rund 104.000 Fälle. Und das umfasst nur diejenigen, die der Polizei gemeldet wurden.

Daphne zeigt zuerst nur die Drohungen und Körperverletzungen an. Als der Polizeibeamte konkret nach Vergewaltigung fragt, antwortet sie: „Das kann ich schwer sagen.“ Sie hatte das Gefühl, der sexuelle Übergriff sei nicht schlimm genug, weil er nichts Handfestes sei – so wie die dokumentierten Drohungen und Körperverletzungen. Und sie war eben in einer Beziehung mit diesem Menschen, der sie missbraucht hat. Da sei eine Bindung gewesen, sie habe ihn anfänglich nicht in zusätzliche Schwierigkeiten bringen wollen.

Vergewaltigungen werden oft nicht angezeigt. „Eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen kann tausend verschiedene Gründe haben“, sagt Ursula Kussyk. Sie ist Leiterin der Frauenberatungsstelle Notruf bei sexueller Gewalt in Wien und begleitet Opfer sexueller Gewalt seit dreißig Jahren durch Rechtsprozesse. Oft sei es die Scham, die Frauen von einer Anzeige abhält. „In einer aufrechten Partnerschaft ist es noch schwieriger, zur Polizei zu gehen. Da gibt es vielleicht den Anspruch, dass man einander liebt und selber ja auch ein Sexualleben haben will. Da verschwimmen schnell die Grenzen, was in Ordnung ist und was nicht mehr.“

Laut der Prävalenzstudie aus dem Jahr 2011 zeigen weniger als zehn Prozent der betroffenen Frauen eine Vergewaltigung an. Ob die Zahlen so stimmen, sei aber schwer nachprüfbar, sagt Kussyk. Die Schätzungen variieren stark und seien letztlich Spekulation. Die Frauenberaterin geht jedenfalls von einer hohen Dunkel­ziffer aus.

Kussyk hat selbst erlebt, dass viele Frauen sexuelle Gewalt bei einer Anzeige nicht erwähnen. „Körperliche Gewalt ist manchmal einfacher anzuzeigen, da gibt es oft mehr Beweise“, sagt die Frauenberaterin. „Ich kann es sehr gut verstehen, wenn Frauen dann sagen, sie ersparen sich die Anzeige wegen Vergewaltigung.“

Nachdem Daphne das erste Mal Anzeige erstattet hat, vereinbart sie einen Termin bei der Frauenberatung. „Dort wurde mir klarer, dass ich in meiner Beziehung tatsächlich sexuell missbraucht wurde“, sagt Daphne. „Ich habe mich dann zum ersten Mal richtig mit dem beschäftigt, was passiert ist. Ich habe alles akribisch aufgeschrieben und mit meiner Beraterin besprochen.“

Vorbereitung auf den Prozess. Die Beratungsstellen sind Anlaufstellen für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Kussyk und ihr Team bieten dort Anzeigeberatung und Prozessbegleitung an und vermitteln ihre Klientinnen weiter, um psychologische Unterstützung zu erhalten. „In erster Linie hören wir Frauen zu, wir informieren sie und unterstützen sie bei einem Rechtsprozess. Die Strafverfahren an sich sind aber außerhalb unserer Kontrolle.“ Oft rät Kussyk deshalb von einer Anzeige ab. „Nach einem sexuellen Übergriff ist es extrem wichtig, dass die betroffene Frau das Gefühl bekommt, wieder die Kontrolle zu haben. Ein Strafverfahren ist ein Prozess, in dem sie genau das nicht hat.“

Kussyk will Frauen gründlich auf das vorbereiten, was sie erwartet. „Als Zeugin ist die Frau zur Aussage verpflichtet, im Notfall kann sie dazu gezwungen werden.“ Außerdem bestehe immer auch die Gefahr, dass die Frau am Ende selbst wegen Verleumdung angezeigt wird. „Ich habe Frauen begleitet, die das erlebt haben. Das ist eine Belastung, die man sich nur schwer vorstellen kann.“ In etwa zehn bis 15 Prozent der Fälle sei mit einer solchen Verleumdungsklage zu rechnen, sagt Dr. Christine Kolbitsch. Sie arbeitet als Anwältin in einer Kanzlei für Familienrecht und vertritt seit dreißig Jahren Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben.

Daphne entscheidet sich nach ihren Terminen in der Beratungs­stelle trotzdem, nochmals zur Polizei zu gehen. Etwa einen Monat nachdem sie die erste Anzeige erstattet hat, sitzt sie dort einer Beamtin gegenüber, die zum Thema sexuelle Gewalt geschult ist. Den Termin hat ihre Frauenberaterin vereinbart. Daphne fühlt sich dieses Mal ernst genommen und zeigt die Vergewaltigung an.

Nach einer Anzeige entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob das Ermittlungsverfahren eingestellt wird oder es zu einer Anklage kommt. „In etwa fünfzig Prozent der Fälle kommt es zu einer Hauptverhandlung“, sagt Kolbitsch. Ein Verfahren dauert mindestens ein Jahr, im schlimmsten Fall können es auch zwei sein. „Man weiß zum Beispiel nie, ob es noch zu einem Berufungsverfahren kommt oder ein Zeuge nicht auffindbar ist“, so die Anwältin.

In Daphnes Fall entscheidet die Staatsanwaltschaft schnell, dass es zu einer Verhandlung kommt. Rund zwei Monate später – es ist inzwischen Dezember – steht sie das erste Mal vor Gericht. Ihr stehen zwei Prozesse bevor, ihre beiden Anzeigen werden getrennt voneinander verhandelt.

In dieser ersten Verhandlung geht es um ihre Vorwürfe der körperlichen Gewalt und der Drohung. Die Bilder ihrer blauen Flecken und eine Sprachaufnahme aus der Beziehung, in der ihr Ex-Partner droht, sie zu töten, sollen das beweisen. Können sie aber nicht, urteilt die Richterin. Im Urteil liest Daphne später, die Beweise seien unzulässig. „Die Drohung ist zu wenig konkret“, steht dort geschrieben. Ihr Ex-Partner wird freigesprochen.

„Bei meinem ersten Termin hatte ich das Gefühl, unter die Lupe genommen zu werden“, sagt Daphne. Sie glaubt, sich beweisen zu müssen, fast so, als wäre sie selbst angezeigt worden. Sie ist kein Einzelfall. Dass es in den Prozessen mehr um die Opfer als um die Täter geht, sei nicht ungewöhnlich. „In den Verhandlungen beobachte ich immer wieder Victim Blaming, das hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Anwältin Kolbitsch. „Das ist unglaublich frustrierend.“

Während Daphne von der Gerichtsverhandlung erzählt, steht sie auf und schüttelt ihre Arme und Beine aus. „Es ist doch ganz schön aufwühlend, über alles zu sprechen“, sagt sie. Eine Pause machen oder gar das Gespräch abbrechen will sie aber nicht. „Wenn ich die Wahrheit ausspreche, dann kann ich weniger verdrängen.“

Fast alle Täter werden freigesprochen. Mehr als neun Monate dauert es, bis es zur Verhandlung im zweiten Prozess kommt. Dieses Mal lautet der Vorwurf: Vergewaltigung. Der Richter ist verständnisvoll, nach der Anhörung sagt er zu Daphne: „Ich glaube Ihnen.“ Trotzdem wird ihr Ex-Partner auch in diesem Fall freigesprochen. Im Urteil steht: „Zum Teil schilderte die Zeugin, sie habe die Taten ‚einfach über sich ergehen lassen‘. Insofern ist bereits unklar, ob der objektive Tatbestand erfüllt ist.“

Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden vor Gericht oft angezweifelt, wenn Frauen mit dem Täter in einer Beziehung sind. Das habe sicherlich auch etwas mit unserem Bild von Beziehungen zu tun: „Es hat lange gedauert, bis Vergewaltigungen in Beziehungen überhaupt ein Straftatbestand waren“, sagt Kolbitsch. Oft mangele es aber auch an Beweisen.

Ihre Frauenberaterin versucht, Daphne nach der Urteilsverkündung das Gefühl zu geben, alles getan zu haben, was sie hätte tun können, erzählt sie. Dass Sexualstraftäter verurteilt werden, sei einfach unwahrscheinlich. Aber Daphne will sich damit nicht abfinden: „Da läuft etwas falsch. Das betrifft nicht nur mich, das ist ein größeres Problem.“ Denn was in so einem Prozess passiere – von der Anklage bis zum Urteil – davon würden viel zu wenig Menschen etwas mitbekommen: „Deshalb will ich drüber sprechen.“

Statistiken aus dem BMI zeigen, dass im Jahr 2020 in Österreich nur 10,4 Prozent der angezeigten Vergewaltiger verurteilt wurden. In den Jahren davor sah es nur marginal besser aus. Warum ist das so? „Die Gesetze sind da, natürlich kann man immer wieder an ihnen schrauben, aber wo sich wirklich was tun muss, ist bei den Einstellungen der Menschen, die mit den Gesetzen arbeiten“, sagt Kussyk.

Frauenfeindliche Stereotypen seien in der Justiz genauso vorhanden wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Noch immer würden Vergewaltigungsmythen umhergeistern: Die Frau habe das gewollt, verdient oder gar erfunden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Das ist natürlich völlig aus der Luft gegriffen. Wir brauchen auf jeden Fall mehr Aufklärung“, sagt Kussyk.

Das sieht auch Kolbitsch so: „Die Gesetze an sich sind schon gut, aber es hapert an der Umsetzung. Richterinnen und Richter sind oft nur juristisch ausgebildet, haben aber nicht die nötige psychologische Sensibilisierung.“ Ein großes Problem sei, dass Richter*innen die Täterstrategien oft nicht kennen und deshalb nicht durchschauen. „Da braucht es dringend Schulungen und einiges an Erfahrung.“

Außerdem müsse mehr Geld für Forschung in die Hand genommen werden. „Es braucht mehr Daten zu gesellschaftlichen Einstellungen und ihren Veränderungen“, sagt Kussyk. Vor allem aber müsse Frauen geglaubt werden. „Viel zu oft wird ihnen nicht zugehört.“

In der Wut steckt Kraft. Die Frauen, die zu Kussyk in die Beratung kommen, haben alle individuelle Geschichten. Einige erleben sexuelle Gewalt in ihrer Beziehung, so wie Daphne. Viele wurden von Bekannten oder auch von fremden Männern vergewaltigt. Sie alle aber verbindet eine Traumatisierung. „Oft fühlen sich die Frauen schuldig, schämen sich, haben Probleme mit ihrer Sexualität und ihrem Körper“, sagt die Frauenberaterin.

So auch Daphne: „Ich merke, dass ich den Zugriff auf meine eigene Sexualität verloren habe. Die ist wie eingefroren“, sagt sie. Einmal hat sie wieder versucht, mit einem Mann zu schlafen. Schnell wurde sie ängstlich und begann zu zittern. Angst will sie aber nicht mehr haben. „Wenn mich Männer auf der Straße anstarren oder ansprechen, dann werde ich wütend. Und das ist gut, denn in Wut steckt so viel Kraft. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen wütend werden.“ •

Anna Lindemann studiert Sozialwissenschaften in Berlin und schreibt als freie Journalistin – am liebsten über feministische Themen.

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USA: Abtreibung selbst in die Hand nehmen https://ansch.4lima.de/usa-abtreibung-selbst-in-die-hand-nehmen/ https://ansch.4lima.de/usa-abtreibung-selbst-in-die-hand-nehmen/#comments Thu, 01 Dec 2022 12:10:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=91501 In großen Teilen der USA sind Schwanger­schafts­abbrüche fast völlig verboten. Organisationen, die diskret Abtreibungspillen versenden, helfen. Von Lisa Wölfl „Ich habe vor ein paar Tagen herausgefunden, dass ich schwanger bin“, schreibt eine US-amerikanische Userin auf der Plattform Reddit. Erst hatte sie einen Arzttermin vereinbart, dann entschieden, dass sie die Schwangerschaft abbrechen will. Das ist in […]]]>

In großen Teilen der USA sind Schwanger­schafts­abbrüche fast völlig verboten. Organisationen, die diskret Abtreibungspillen versenden, helfen. Von Lisa Wölfl

„Ich habe vor ein paar Tagen herausgefunden, dass ich schwanger bin“, schreibt eine US-amerikanische Userin auf der Plattform Reddit. Erst hatte sie einen Arzttermin vereinbart, dann entschieden, dass sie die Schwangerschaft abbrechen will. Das ist in ihrem Bundesstaat aber verboten. Sie fragt nach Rat: Soll sie den Termin absagen? Behaupten, sie habe eine Fehlgeburt gehabt? „Ich habe Angst, angezeigt zu werden.“

Im Juni 2022 kippte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Grundsatzentscheidung Roe v. Wade, die bundesweit ein Recht auf Abtreibung einräumte. Bundesstaaten mit konservativen Regierungen haben seitdem den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen stark eingeschränkt.

In zwölf Staaten ist Abtreibung mittlerweile fast völlig verboten. Texas etwa stellt alle Abbrüche unter Strafe, außer das Leben der Schwangeren ist in Gefahr. Andere Ausnahmen, etwa bei Vergewaltigung, gibt es nicht. Weitere fünf Bundesstaaten haben eine Frist von sechs Wochen festgelegt, in der ein Abbruch straffrei möglich ist. Ein Zeitraum, in dem viele die Schwangerschaft noch gar nicht bemerken.

Strenge Gesetze und drohende Strafen zwingen ungewollt Schwangere dazu, lange Wege auf sich zu nehmen oder eine Abtreibung selbst durchzuführen. Selbstabtreibungen können durchaus effektiv und sicher sein, doch häufiger wird auf potenziell gefährliche Methoden zurückgegriffen.

Abtreibungspillen auf Twitter und Ebay. „Manche haben gesagt, ich bin wahrscheinlich die einzige Person, mit der sie jemals darüber sprechen werden“, sagt Melissa Madera, Co-Autorin einer Studie zu Abtreibung via Telemedizin, im Interview via Zoom. Seit neun Jahren beschäftigt sie sich mit Schwangerschaftsabbrüchen. Ihre Motivation? „Ich wollte andere Menschen treffen, die Abtreibungen gehabt haben“, sagt sie.

Eine der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist, wie schwierig es ist, schnell an seriöse Informationen zu kommen, sagt Madera. Befragte erzählten, dass sie nicht sicher waren, welchen Seiten sie vertrauen konnten. „Manche haben gesagt, sie hätten Tabletten auf Ebay gefunden“, sagt Madera.

Unseriöse Angebote für Abtreibungspillen gibt es in sozialen Netzwerken zuhauf. Verschiedene User*innen mit generischen Profilbildern bieten etwa auf Twitter Abtreibungspillen an. Die Posting-Texte sind ident, Informationen über Medikamente, Versand und Kosten gibt es keine.

Nachfrage nach Abtreibungspillen. Wo der Staat ungewollt Schwangere im Stich lässt, springen Non-Profit-Organisationen wie Aid Access ein. Die Organisation verschickt seit 2018 Tabletten zur medikamentösen Abtreibung in alle US-Bundesstaaten. Ihren Sitz hat sie in Österreich.

Gründerin von Aid Access ist die niederländische Ärztin und Aktivistin Rebecca Gomperts. Sie ist eine der wichtigsten Stimmen im Kampf um Zugang zu Abtreibungen weltweit, gründete mehrere Organisationen, führte Abbrüche in internationalen Gewässern durch und half dabei, Drohnen mit Abtreibungspillen nach Nordirland zu schicken.

Im Jahr 2019 forderte die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA Gomperts auf, das Versenden von Medikamenten über Aid Access einzustellen. „Ich werde nicht aufhören, Frauen zu helfen, die meine Hilfe brauchen“, erwiderte sie damals gegenüber NBC News.

Der Dienst von Aid Access ist nun wichtiger denn je. Die Nachfrage nach Medikamenten zur selbstständig durchgeführten Abtreibung ist nach dem Fall von Roe deutlich gestiegen. Ersten Studien zufolge gab es nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs 160 Prozent mehr Anfragen an Aid Access als im Vergleichszeitraum. Zum größten Zuwachs an Anfragen kam es in Bundesstaaten mit Abtreibungsverboten.

Rezepte aus Europa, Tabletten aus Indien. Dort, wo Abbrüche und Telemedizin legal sind, verschickt Aid Access innerhalb der USA. Das kann bis zu fünf Werktage dauern. Betroffene in Bundesstaaten, die Abtreibung zur Straftat gemacht haben, bekommen die Tabletten von europäischen Ärzt*innen verschrieben und aus Indien zugeschickt. Wer es sich leisten kann, zahlt dafür bis zu 105 Dollar – und damit deutlich weniger als Abbrüche durch das Gesundheitssystem kosten. Bei finanziellen Problemen hilft die Organisation und es gibt die Pillen für weniger Geld oder sogar kostenlos.

Gerade bei medikamentösen Abtreibungen ist Zeit von entscheidender Bedeutung. Die Tabletten sollen in den ersten zehn Wochen der Schwangerschaft eingenommen werden. Der Versand dauert laut eigenen Angaben zwischen einer und drei Wochen. Das Warten ist für viele psychisch belastend.

Geheimhaltung. Wie zufrieden Betroffene mit dem Dienst der Organisation dennoch sind, zeigt eine neue Studie. Forscher*innen haben dafür achtzig Personen befragt, die im Jahr 2019 mithilfe von Aid Access eine medikamentöse Abtreibung hatten. Manche erzählten von Wartezeiten bis zu fünf Wochen. Alle Befragten konnten den Abbruch dennoch durchführen und berichten von ihren Erfahrungen als durchwegs positiv.

Zum Befragungszeitpunkt waren Abtreibungen noch bundesweit erlaubt. Die Gründe, sich trotzdem für eine medikamentöse Abtreibung zu entscheiden, waren vielfältig.

Befragte gaben etwa an, dass die Organisation oder Finanzierung einer Abtreibung in einer Klinik unmöglich schienen. Einzelne mussten die Abtreibung vor Familie und Ehemann geheim halten.

Die 24-jährige Angela aus Florida begründet ihre Entscheidung so: „Ich bin ein privater Mensch. Ich wollte nicht, dass es andere wissen. Ich wollte mich selbst darum kümmern. Mir gefiel, dass ich es zu Hause machen konnte, alles planen, mein Umfeld aussuchen. Das war wichtig für mich, meinen Ehemann dabei zu haben, in jedem Moment.“ *

Ineffektive, gefährliche Methoden. Betrügerische Websites machen einen im Grunde sicheren und einfachen Vorgang zum Spießrutenlauf. Auch deshalb greifen viele auf gefährliche Methoden zurück, um eine Schwangerschaft abzubrechen.

Etwa sieben Prozent aller Frauen in den USA versuchen im Laufe ihres Lebens, eine Schwangerschaft selbst abzubrechen. Am häufigsten kommen Kräuter (38 Prozent) und Medikamente (29 Prozent), die nicht für Abbrüche zugelassen sind, zum Einsatz. „Personen erzählen auch, dass sie sich in den Bauch geschlagen oder Objekte in die Vagina eingeführt haben“, sagt Lauren Ralph, Autorin der Studie zur Prävalenz von Selbstabtreibungen.

„Ich war ziemlich verzweifelt damals. Ich habe gelesen, wenn du von bestimmten Kräutern viel isst, dass es dabei hilft, eine Abtreibung zu verursachen. Ich habe das tatsächlich probiert, verrückt, wie es klingt, und es hat natürlich nicht funktioniert. Ich habe versucht, mir selbst in den Bauch zu boxen. Ich habe einen Freundin gebeten, mich zu treten“, berichtet Kendra, 29, aus Missouri .*

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Zugang zu Abtreibungen in Kliniken auch vor dem Fall von Roe eingeschränkt war. „Wir müssen darüber reden, wer besonders stark von den Abtreibungsverboten betroffen sein wird“, sagt Ralph. „Junge Frauen, Women of Color und arme Frauen.“ Diese Frauen würden schon in ihrem gesamten Leben Diskriminierungen im Gesundheitssystem erleben.

Trotzdem sind sich die Expertinnen Madera und Ralph einig, dass die Situation um einiges besser ist als in den Zeiten, in denen der Kleiderhaken das Symbol für gefährliche illegale Abtreibungen wurde. „Wir haben die Technologie, die Medikamente und die Informationen“, sagt Madera. „So sind Selbstabtreibungen sicher.“ 

Lisa Wölfl ist Journalistin und Podcasterin in den USA.

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Feminismus fördern! https://ansch.4lima.de/feminismus-foerdern/ https://ansch.4lima.de/feminismus-foerdern/#respond Thu, 01 Dec 2022 11:59:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=91470 Papier, Porto, Druck: Die Preise explodieren. Das ist insbesondere für Non-Profit-Medien existenziell bedrohlich – auch für an.schläge. Seit die Frauenministerin von der ÖVP gestellt wird, ist uns bekanntlich die wichtige Förderung durch das Frauenministerium weggebrochen. Begründet wird dies mit einem Fokus auf Gewaltprävention, der auch unbedingt nötig ist in einem Land, das bei den Femiziden […]]]>

Papier, Porto, Druck: Die Preise explodieren. Das ist insbesondere für Non-Profit-Medien existenziell bedrohlich – auch für an.schläge. Seit die Frauenministerin von der ÖVP gestellt wird, ist uns bekanntlich die wichtige Förderung durch das Frauenministerium weggebrochen. Begründet wird dies mit einem Fokus auf Gewaltprävention, der auch unbedingt nötig ist in einem Land, das bei den Femiziden im europäischen Spitzenfeld liegt.

Allerdings wird von der Frauenministerin geflissentlich ignoriert, dass Gewaltschutz nicht erst dann beginnt, wenn die (oft tödliche) Gewalt bereits passiert ist. Ganz im Gegenteil: Sinnvolle Gewaltprävention analysiert die Ursachen von Männergewalt und Machtmissbrauch, um das Übel an der Wurzel zu packen – so wie wir das in unserem aktuellen Themenschwerpunkt tun. Auch feministischer Journalismus ist aktiver Gewaltschutz. Er klärt auf und sensibilisiert, er bestärkt und wirkt so vor allem präventiv.

Doch die Förderkürzungen betreffen nicht nur feministischen Journalismus: Generell wird engagierte, emanzipatorische Medienarbeit in Österreich von der Politik ausgehungert. Entsprechend groß waren die Hoffnungen, die viele Non-Profit-Medien in die Reformen durch die „Medienförderung neu“ gesetzt hatten. Und obwohl die Neuerungen, die auf Transparenz und Qualität abzielen, zu begrüßen sind: Aufgrund der Förderkriterien werden die meisten der nicht-kommerziellen Medien leider ausgeschlossen bleiben – etwa aufgrund der geforderten Vollzeitanstellungen. Sichere journalistische Arbeitsplätze sollten selbstverständlich gefördert werden, für Non-Profit-Medien sind Vollzeitanstellungen und eine Bezahlung nach dem Journalismus-KV aufgrund der finanziellen Rahmenbedingen jedoch oft schlichtweg nicht möglich. Deshalb muss ihre spezifische Situation unbedingt bei der Medienförderung berücksichtigt werden.

Denn diese Medien, die in großem Ausmaß durch ehrenamtliche Arbeit gestützt werden, sind demokratiepolitisch unverzichtbar. Sie bieten mit geringen Ressourcen professionellen Journalismus, der Themen und Perspektiven einbringt, die in traditionellen Medien weiterhin oft fehlen. So beleuchten an.schläge seit vierzig Jahren sämtliche Themen konsequent aus einer feministischen Perspektive und sorgen so dafür, dass feministische Kritik allmählich auch in den medialen Male- und Mainstream vordringt. Medien wie an.schläge leisten zudem nicht nur journalistische Pionierarbeit, sondern auch unschätzbar wichtige Ausbildungsarbeit. Angehende Journalistinnen können bei uns niederschwellig erste journalistische Schritte tun, viele unserer ehemaligen Praktikantinnen und freien Mitarbeiterinnen arbeiten heute in den großen Medienhäusern des deutschsprachigen Raums und bringen dort ihre Perspektiven ein.

Alternative (Print-)Medien sind meist auf die sehr niedrig dotierte Publizistikförderung oder nicht spezifisch auf Medien ausgerichtete Förderungen angewiesen – die jederzeit wegfallen kann, wie das Beispiel Okto TV in Wien zeigt. Größere Investitionen in die Infrastruktur und Personal sind so – trotz steigender Abonnent*innenzahlen und Spenden – völlig unmöglich. Aufgrund ihrer kritischen Haltung sind sie oft wenig attraktiv für Anzeigenschaltung und profitieren auch nicht von üppigen öffentlichen Inseraten, die seit vielen Jahren eine Medienförderung durch die Hintertür darstellen – fernab jeglicher Qualitätskriterien.

Statt auf „Bubenurlaube“ und politische „Bro-Kultur“ setzen progressive alternative Medien seit jeher auf Machtkritik und die Förderung von Frauen und marginalisierter Menschen – die im österreichischen Journalismus viel zu kurz kommt!

Wir fordern daher die Regierung auf, eine Lösung nicht nur für an.schläge, sondern für alle emanzipatorischen Non-Profit-Medien zu finden, um die über Jahrzehnte erfolgreich aufgebauten Strukturen zu sichern und auch engagierte Neugründungen zu ermöglichen.

Wer an.schläge unterstützen und so feministischen Journalismus langfristig absichern möchte, schließt am besten ein Jahresabo ab. Unser Feminismus lässt sich auch prima verschenken: Zu jedem Unterstützungsabo gibt es bis Weihnachten (24.12.) gratis eine schicke an.schläge-Tasche oder unsere Plakatserie dazu. Save the world with feminism! 

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Feminist Superheroines: Masih Alinejad https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-masih-alinejad/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-masih-alinejad/#respond Thu, 01 Dec 2022 11:42:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=91458 1994, vor fast dreißig Jahren, wird Masih Alinejad (1979) im Iran festgenommen, weil sie die Regierung öffentlich kritisierte. Seither hat sie nicht damit aufgehört. 2009 geht sie ins Exil, arbeitet zunächst in Großbritannien, dann in den USA als Journalistin. Immer wieder klagt sie das menschenverachtende Mullah-Regime an und fordert ein Ende der Unterdrückung von Frauen. […]]]>

1994, vor fast dreißig Jahren, wird Masih Alinejad (1979) im Iran festgenommen, weil sie die Regierung öffentlich kritisierte. Seither hat sie nicht damit aufgehört. 2009 geht sie ins Exil, arbeitet zunächst in Großbritannien, dann in den USA als Journalistin. Immer wieder klagt sie das menschenverachtende Mullah-Regime an und fordert ein Ende der Unterdrückung von Frauen. In ihrem Buch „Der Wind in meinen Haaren“ schreibt sie: „Mädchen werden dazu erzogen, ihren Kopf gesenkt zu halten.“ Mit verschiedenen Kampagnen setze sie sich deshalb gegen den Hijab-Zwang ein. 2014 postet sie auf Facebook ein Bild von sich im Iran ohne Kopftuch. Tausende Frauen tun es ihr daraufhin gleich. Es gibt jedoch auch Kritik an ihrer Person. Mit ihrem Fokus auf das Kopftuchverbot spiele sie rechter Islamfeindlichkeit in die Hände. Sie selbst gibt jedoch an, nicht grundsätzlich gegen das Tragen eines Hijabs zu sein. Ihn zu tragen müsse aber eine freie und individuelle Entscheidung sein. ali

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