VI/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 13 Oct 2022 20:54:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VI/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Simone de Beauvoir https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-simone-de-beauvoir/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-simone-de-beauvoir/#respond Thu, 13 Oct 2022 20:53:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=85535 Lange hat sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, für die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts war sie dennoch eine der wichtigsten Vordenkerinnen. Simone de Beauvoir (1908 – 1986) wuchs in einer katholischen Familie auf, studierte Philosophie und schrieb unter anderem den ikonischen Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Nicht biologische […]]]>

Lange hat sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, für die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts war sie dennoch eine der wichtigsten Vordenkerinnen. Simone de Beauvoir (1908 – 1986) wuchs in einer katholischen Familie auf, studierte Philosophie und schrieb unter anderem den ikonischen Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Nicht biologische Gegebenheiten bestimmen, wer und was eine Frau ist, sondern gesellschaftliche Strukturen. Beauvoir begründet so die Unterscheidung von sex und gender in der feministischen Theorie und argumentiert, dass Frauen als das „Andere“ des Männlichen, als „das andere Geschlecht“, so der Titel ihres einflussreichen Werkes, konstruiert werden. Aktiv setzte sie sich erst in späteren Jahren für Frauenrechte ein, vor allem auch für das Recht auf Abtreibung. Ihr gesamtes Leben war geprägt von freier Liebe, intellektueller Selbstverwirklichung und eigenem Emanzipationsstreben. ali

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ABC der schrulligen Frauen* https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-3/ https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-3/#respond Fri, 02 Sep 2022 11:15:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=80248 Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)]]>

Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)

Petra Stab spuckt. Man kann es nicht anders sagen. Sie ist ein herzensguter Mensch, denkt immer zuerst an die anderen und steckt alle eigenen Bedürfnisse, Bildungsprojekte und Sexualphantasien zu Gunsten anderer Lebewesen zurück. Nicht nur in Zeiten von Krisen. Vielleicht ist die feuchte Aussprache ihr Weg für seelisches Gleichgewicht.
Quest V. Hausner ist häufig verwirrt. Ihre Freund:innen spricht sie dauernd mit falschem Vornamen an, sie verwechselt, wer was erzählt hat. Namen von Kindern und Stofftieren. Sogar Herzensbrüche, kritische Allergene und wer bei welchem Thema zu weinen beginnt, bringt sie durcheinander. Als unaufmerksam gelten will Quest aber nicht. Deswegen lernt sie gerade … Massage und will über Rücken und Nacken ihre Lieben zurückerobern.
Ruuti Ramone geht irgendwie komisch. Sie stößt immer an anderen an, versehentlich, und verwickelt sie dann in Gespräche. Oh, tschuldigung! Oh, das tut mir wirklich leid! Oh, die Lasche von Ihren Klettverschlussschuhen ist aufgegangen! Oh, Ihr Manteletikett schaut heraus, einen Moment! Halboffene Rucksäcke, halbherzig angebissene Käsesemmeln – Ruuti findet immer eine Gelegenheit um dezent anzudocken. Nach geglücktem Kontakt macht sich Ruuti eine Notiz.
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Der Tod ist der beste Orgasmus https://ansch.4lima.de/der-tod-ist-der-beste-orgasmus/ https://ansch.4lima.de/der-tod-ist-der-beste-orgasmus/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:49:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=80243 Illustration: Sabrina WegererMichèle Thoma Diese tröstliche Botschaft verhieß Lotte Ingrisch, Gespenster­expertin, Jenseitsforscherin und Verfasserin von Büchern wie „Der Himmel ist lustig“ oder „Geisterknigge“ mir schon 2007. Das Interview in ihrem Zuhause in der Hofburg dauerte Stunden, aber was ist schon Zeit? Gibt es sie überhaupt, und gibt es uns überhaupt, und wenn, wie oft, und wo und […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Michèle Thoma

Diese tröstliche Botschaft verhieß Lotte Ingrisch, Gespenster­expertin, Jenseitsforscherin und Verfasserin von Büchern wie „Der Himmel ist lustig“ oder „Geisterknigge“ mir schon 2007. Das Interview in ihrem Zuhause in der Hofburg dauerte Stunden, aber was ist schon Zeit? Gibt es sie überhaupt, und gibt es uns überhaupt, und wenn, wie oft, und wo und wann? Unsere gerade aktuellen Verkörperungen hatten sich bei einer Tafel Schokolade in einem düsteren Raum mit wenig rustikalem Mobiliar installiert, Katzen huschten herum. Die stellte sie mir einzeln vor, auch die längst verblichenen, einige von ihnen kamen immer noch auf Besuch. So wie ihre Freund*innen und Bekannten, längst waren sie in anderen Dimensionen unterwegs, aber immer gern gesehene Gäste. Sie kamen einfach so hereingeschneit, hereingespukt, wie es ihnen passte, wenn Lotte Ingrisch es sich wie jeden Abend gemütlich bei Schoko­lade und Rotwein machte. Sie waren immer willkommen. Einsam war Lotte Ingrisch nie.

Sie diskriminierte auch Naturwesen nicht und plädierte für den Artenschutz von Gespenstern. Ihren verstorbenen Mann, den Komponisten Gottfried von Einem, hatte sie schon zu Lebzeiten Bärenfräulein genannt. Alle Zustände und Identitäten waren ihr fließend. Physik, Philosophie, tiefste Einsichten und weiteste Aussichten servierte sie in einer beinahe kindlichen und poetisch-witzigen Sprache: Bewusstseinserweiterung und -erheiterung! Lustig ist der Jenseits-Trip zwar nicht immer, praktische Tipps gibt die Expertin, wie man traurige „Tote“ aufmuntert und selber „tot“ sein trainiert. Der wirkliche Horror aber war für die Sterberechtlerin unerlöst an Schläuchen und Kabeln zu hängen, der lebendige Tod in Pflegeheimen, der die meisten Alten erwartet.

Lotte Ingrisch war quicklebendig, aber konnte den Tod kaum erwarten.

„An etwas Schönes denken, tief ausatmen und loslassen!“, lautete einer ihrer Sterbetipps. Warum auch nicht, wartete doch der Orgasmus des Lebens!

Nach wenigen Tagen im Spital ist die 94-Jährige „gestorben“. Endlich auf Reisen!

Michèle Thoma empfindet keine Vorfreude beim Gedanken an das Hinscheiden.

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„Der Feminismus braucht auch trans Menschen“ https://ansch.4lima.de/der-feminismus-braucht-auch-trans-menschen/ https://ansch.4lima.de/der-feminismus-braucht-auch-trans-menschen/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:40:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=80237 Ein „gewaltiges Werk und absolut überzeugend“, urteilt Judith Butler: Shon Faye hat ein aufrüttelndes Buch über die Lebensrealitäten von trans Menschen geschrieben, das eindringlich für Solidarität innerhalb der LGBTIAQ*-Bewegung plädiert. Von Naomi Lobnig Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Faye, die sich in LGBTIAQ*-Organisationen für die Rechte von trans Personen einsetzt und als Redakteurin tätig […]]]>

Ein „gewaltiges Werk und absolut überzeugend“, urteilt Judith Butler: Shon Faye hat ein aufrüttelndes Buch über die Lebensrealitäten von trans Menschen geschrieben, das eindringlich für Solidarität innerhalb der LGBTIAQ*-Bewegung plädiert. Von Naomi Lobnig

Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Faye, die sich in LGBTIAQ*-Organisationen für die Rechte von trans Personen einsetzt und als Redakteurin tätig ist, will gängige Perspektiven umdrehen: „Trans Personen werden entmenschlicht und auf ein Gesprächsthema oder abstraktes Problem reduziert: eine ‚Frage‘, über die endlos diskutiert und debattiert werden kann. Wenn die Medien über die ‚Transgender-Frage‘ sprechen wollen, heißt das, wie sich herausgestellt hat, dass sie über ihre Probleme mit uns reden wollen und nicht über die Herausforderungen, vor denen wir stehen“, schreibt sie. Letzteres bildet das zentrale Anliegen des aufrüttelnden Buches, das die vielfältigen Lebensrealitäten von trans Personen in den Mittelpunkt stellt.

Fayes Zugang ist ein analytischer, der die Leser*innen dennoch bis zur letzten Seite fesselt. Sie zitiert zahlreiche aktuelle Studien und stellt transspezifische Organisationen und Community-Projekte vor. In persönlichen Gesprächen und Interviews kommen Betroffene selbst zu Wort. Faye widmet sich dabei sonst unterbeleuchteten, aber dafür umso wichtigeren Themen: Bildung, Wohnungslosigkeit, häusliche und sexualisierte Gewalt, Altern und Pflege, körperliche Selbstbestimmung und Gesundheitsvorsorge, Sexarbeit sowie staatliche Diskriminierung. All diese Themen betreffen selbstverständlich nicht nur trans Personen und auch nicht alle trans Personen gleichermaßen. Viel zu oft würden jedoch mehrfach diskriminierte Personen, wie wohnungslose oder unter prekären Umständen lebende trans Personen und trans Sexarbeiter*innen, unsichtbar gemacht.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Rolle der Medien. Ihrem eigenen journalistischen Werdegang geschuldet, nimmt Faye kritisch die derzeitige, vor allem negative mediale Berichterstattung über trans Personen in den Blick. Die zitierten Wortmeldungen vieler Journalist*innen erschrecken – und erinnern nicht zuletzt auch an Beiträge in österreichischen Medien.

Kursierende Mythen und Vorurteile gegenüber trans Menschen dekonstruiert Faye radikal. Anhand konkreter Gesetzeslagen, aktueller Statistiken und persönlicher Erfahrungsberichte wird aufgezeigt, wie in transfeindlichen Debatten konsequent übertrieben und gelogen wird und dabei Einzelfälle instrumentalisiert werden, um transfeindlich Stimmung zu machen.

Faye geht es dabei jedoch keinesfalls darum, Spaltungen zu verstärken und trans Personen als homogene Gruppe zu beschreiben. Stattdessen werden die gemeinsamen unterdrückenden Erfahrungen mit anderen marginalisierten Gruppen wie PoCs, Migrant*innen und Menschen mit Behinderungen betont. Es geht um den gemeinsamen Kampf, der letztendlich die Befreiung aller Menschen zum Ziel hat.

„Nicht nur trans Menschen brauchen den Feminismus, sondern der Feminismus braucht auch trans Menschen.“ Faye verweist auf die notwendige Solidarität untereinander, die sich auf die gemeinsamen Erfahrungen von trans Personen, cis Frauen und LGB-Personen stützt. So bedient sich beispielsweise – historisch und gegenwärtig – die homo- und transfeindliche Berichterstattung ähnlicher pathologisierender und abwertender Argumentationsweisen. Und wie beim Recht auf Abtreibung geht es auch bei der Gesundheitsvorsorge von trans Personen um körperliche Selbstbestimmung – und letztlich aller Personen weltweit. Sie alle eint die Betroffenheit von struktureller Unterdrückung und Gewalt.

„Gemeinsam muss ein LGBTIQ*-Bündnis, in dessen Zentrum Klassenbewusstsein und Antirassismus stehen, seine Radikalität zurückerlangen und erneuert den Widerstand gegen Kapitalismus und Patriarchat betonen. Interne Machtkämpfe und innere Spaltung liegen im Interesse der Rechten, von denen wir unterdrückt werden. […] Im Kern haben Frauenfeindlichkeit, Homofeindlichkeit und Transfeindlichkeit viel gemeinsam. Aus Sicht des Patriarchats liegen wir bei der Gender-Performance alle falsch.“ •

Shon Faye: Die Transgender-Frage. Ein Aufruf zu mehr Gerechtigkeit.
Übersetzung aus dem Englischen von Jayrôme C. Robinet und Claudia Voit
hanserblau 2022, 25 Euro

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Stunden im Hotel https://ansch.4lima.de/stunden-im-hotel/ https://ansch.4lima.de/stunden-im-hotel/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:32:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=80233 Eine Komödie über eine ältere Frau, die sich die Dienste eines jungen Sexarbeiters kauft – hat das die Welt gebraucht? Ja, sie hat! Emma Thompson und Daryl McCormack liefern in „Good Luck to You, Leo Grande“ unter der Regie von Sophie Hyde eine Anleitung zur sexuellen Befreiung. Julia Pühringer hat Hyde auf der Berlinale getroffen. […]]]>

Eine Komödie über eine ältere Frau, die sich die Dienste eines jungen Sexarbeiters kauft – hat das die Welt gebraucht? Ja, sie hat! Emma Thompson und Daryl McCormack liefern in „Good Luck to You, Leo Grande“ unter der Regie von Sophie Hyde eine Anleitung zur sexuellen Befreiung. Julia Pühringer hat Hyde auf der Berlinale getroffen.

Dreißig Jahre schlechter Sex sind genug, findet Nancy Stokes (Emma Thompson). Sie ist Witwe, im Bett gab es immer nur einen Mann – ihren Mann. Besonders aufregend war das nicht. Ihre Orgasmen waren allesamt vorgetäuscht, sie hat sich dabei an ihm orientiert und es wäre ein absolutes Trauerspiel, wenn die dazugehörige Filmszene nicht so unfassbar komisch wäre.

Die alte Lehrerin springt also über ihren Schatten und bucht sich einen jungen Mann, Leo (Daryl McCormack). Der soll mit ihr ein paar gängige Positionen im Bett durchprobieren – doch eigentlich muss er ihr etwas ganz anderes vermitteln: Sex ist etwas, das gemeinsam passiert. Alles kann, nichts muss. Kein Stress, kein Druck.

Nancy hat viele Fragen an Leo und dabei ist sie es, die schnell einmal ein paar Grenzen überschreitet. Warum machst du das? Wurdest du missbraucht? Wie alt war dein ältester Kunde? Kriegst du überhaupt einen hoch bei mir? (Okay, das formuliert sie anders.) Und was sagt deine Mutter dazu?

Nancy kann nicht aus ihrer Lehrerinnenhaut. So muss zuerst einmal Nancy beigebracht bekommen, Grenzen zu respektieren. Und dann lernen die beiden einander tatsächlich ein bisschen kennen. Und ja, danach sind beide klüger. Das mag zwar etwas altbacken klingen, im Kino ist es jedoch tatsächlich einer der lustigsten und auch liebevollsten Filme des Jahres. Das liegt vor allem an Emma Thompson und Daryl McCormack, die miteinander im Hotelzimmer echte Chemie entwickeln und bei ihren Versuchen, Nancy zur sexuellen Erweckung zu verhelfen, ein Body-Comedy-Dreamteam sind, während sie zugleich große emotionale Wahrheiten erzählen. „Good Luck to You, Leo Grande” ist der Originaltitel, weil sich beide Figuren Glück im Leben wünschen, manchmal durchaus ironisch. Das Drehbuch stammt von Katy Brand, Regie führte die australische Regisseurin Sophie Hyde, deren Film „52 Tuesdays“ über eine Mutter-Tochter-Beziehung während der Transition der Mutter 2014 bei der Berlinale den „Gläsernen Bären“ als bester Spielfilm in der Kategorie Generation 14plus erhielt.

an.schläge: Ihre Protagonistin hat wenig Ahnung von Sex. Die Schulbildung hatte da lange große Lücken – wie war das bei Ihnen?

Sophie Hyde: Ehrlich, daran hat sich noch immer nicht viel geändert. Wissen Sie, was mir meine 16-jährige Tochter erzählt? In der Sexualkunde in Australien reden sie zwar ausführlich über masturbierende junge Männer, aber weibliche Lust kommt noch immer nicht vor. Wir stecken da noch mitten in den 1990er-Jahren. Das ist genau der Punkt im Film: Die Protagonistin erkennt, was ihr Körper für wunderbare Dinge machen kann, sie bekommt Wertschätzung für ihren Körper, statt sich damit zu befassen, wie er für jemand anderen aussieht.

Der Film hat eine ungemeine Leichtigkeit und hält gleichzeitig genau die richtige Balance mit dem Drama. Wie haben Sie diese Tonalität gefunden?

Emma Thompson hat gleich zu Beginn gesagt: Wir müssen „funny funny funny“ sein, richtig lustig. Wir wussten, wir müssen diese Leichtigkeit im Tonfall hinbekommen. Natürlich darf es auch andere Tonalitäten geben und klar, wir zeigen auch eine ­emotionale Tiefe. Aber es geht letztlich darum, sich dabei wohlzufühlen, laut zu lachen, und eben zu erforschen, was für lustige und eigenwillige Lebewesen wir sind. Es war uns wichtig, dass das Publikum Freude hat und Genuss erlebt. Man darf dann nicht zu ernst werden. Gleichzeitig hatten wir natürlich eine bestimmte Absicht beim Erzählen der Geschichte und dafür brauchte es auch Momente der Ruhe, in denen man richtig auf den Boden der Tatsachen kommt und all die Gefühle spüren konnte, um die es in unserer Geschichte geht.

Gab es eine Art Choreografie für die Bettszenen? Sie wirken manchmal wie ein Mittelding aus Ballett und Körper-Komödie.

Wir haben da tatsächlich sehr eng zusammengearbeitet. Wir hatten eine Woche Zeit miteinander, in der wir unsere Körper erforscht, Bewegungen ausprobiert haben, auch wie sich Körper gegenseitig blockieren – solche Dinge. Wir hatten eine eigene Bewegungsregie, das ist ein alter Freund von mir, er arbeitet als Tänzer und Choreograf. Der hat eine ­großartige Session gehalten, bei der alle sehr viel Spaß hatten, da ging es auch um die eine Tanzszene, bei der es uns total wichtig war, dass sie nicht wirkt, als hätte sie eine Choreografie, sondern als ob die beiden eher ­spielerisch herumblödeln. Das hat natürlich eine große Rolle gespielt, der Tanz ­zwischen den beiden Figuren und der Kamera im Raum und auch dem Licht, da ist sehr viel Energie hineinge­flossen.

Gab es filmische Inspirationen?

Es war jedenfalls nicht so, dass wir Referenzfilme gehabt hätten oder den Film in Reaktion auf andere Filme gemacht haben. Es ging also nicht darum, etwas Existierendes umzudrehen: „Wir machen einen Film über eine Frau mit einem gewissen Alter und einen viel jüngeren Mann“. Wir wollten einfach etwas auf den Punkt bringen und nicht auf einen anderen Film reagieren. Wir wollten Dinge auf der Leinwand sehen, die dort – wie ich zumindest finde – absolut fehlen. Und ich bin mir sicher, ich bin damit nicht alleine.

Was sind Ihre filmischen Lieblings-­Sexszenen? Als Feministin tut man sich da erfahrungsgemäß schwer.

Ja, das stimmt, aber grundsätzlich liebe ich Sexszenen. Absurderweise fällt mir jetzt die aus „8 Mile“ ein. Das ist eine wirklich großartige Sexszene. Und dabei ziehen sich die beiden noch nicht einmal aus. Und es gibt eine Serie namens „Looking“, vielleicht kennen Sie die. Ich mag die Sexszenen darin sehr, weil sie tatsächlich Teil der Geschichte sind. Die Story geht ­weiter. Mir ist das als sehr ungewöhnlich aufgefallen, als ich das erste Mal in die Serie reingeschaut hab. Sexszenen waren sonst eher so, dass dann ein Schnitt auf den Kamin kam, weg von den Körpern, und das war’s. •

Julia Pühringer schreibt für ­diverse Medien über Bewegtbild.

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„Das ist mir passiert“ https://ansch.4lima.de/das-ist-mir-passiert/ https://ansch.4lima.de/das-ist-mir-passiert/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:19:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=80228 Was können Unternehmen tun, um Übergriffe im Arbeitsalltag zu verhindern? Bekenntnisse reichen nicht aus, weiß Ursula Kussyk, Geschäftsleiterin der Frauenberatungsstelle Notruf bei sexueller Gewalt. Ein Gespräch über #MeToo und Monster, die keine sind. Von Kathrin Reisinger an.schläge: Was ist überhaupt ein Übergriff und wer bestimmt, ob es einer ist? Ursula Kussyk: Ganz eindeutig die betroffene […]]]>

Was können Unternehmen tun, um Übergriffe im Arbeitsalltag zu verhindern? Bekenntnisse reichen nicht aus, weiß Ursula Kussyk, Geschäftsleiterin der Frauenberatungsstelle Notruf bei sexueller Gewalt. Ein Gespräch über #MeToo und Monster, die keine sind. Von Kathrin Reisinger

an.schläge: Was ist überhaupt ein Übergriff und wer bestimmt, ob es einer ist?

Ursula Kussyk: Ganz eindeutig die betroffene Person, die betroffene Frau, das betroffene Mädchen. Das Gesetz hat eine ganz enge Definition, die festlegt, was ein Übergriff ist – und das ist für die Betroffene oft eine Enttäuschung. Gesetze im Strafrecht beschreiben spezifische Handlungen und legen bestimmte Umstände fest. Nur in diesem Rahmen sind Handlungen strafbar, verbale und nonverbale Belästigungen sexualisierter Art ohne Körperkontakt lassen sich nach § 218 jedoch nicht strafrechtlich verfolgen. Sehr wohl kann man aber arbeitsrechtlich gegen solche Belästigungen vorgehen. Oft stellt sich jedoch heraus, dass es nichts bringen wird, eine Anzeige zu machen, weil das keine Straftat ist. Eine Anzeige ist nur dann sinnvoll, wenn es wirklich der Wunsch und das Bedürfnis ist, mit dem Erlebten umzugehen, ohne die Erwartung zu haben, dass der Täter verurteilt wird. In den meisten Fällen wird das Verfahren nämlich eingestellt.

In der #MeToo-Debatte sind speziell Übergriffe im Arbeitsleben ins Licht gerückt. Was macht eigentlich ein sicheres Arbeitsumfeld aus?

Das Unternehmen muss aktiv eine antisexistische Haltung einnehmen, die sich klar gegen Gewalt an Frauen positioniert. Diese muss auf allen Ebenen in die Unternehmenskultur implementiert werden.

Und wie kann das konkret in der Praxis aussehen?

Nichts zu tun, ist am schlechtesten. Es braucht ein Konzept und wirklich den Willen etwas zu verändern. Es kann nicht alles immer sofort super laufen. Das sind Prozesse, die dauern. Wichtig ist aber, wirklich offen zu sein und darüber zu sprechen. Es braucht ein Klima, in dem die Mitarbeiter*innen keine Angst haben müssen, Dinge anzusprechen. In dem man auch Fehler besprechen kann und Lob eine Selbstverständlichkeit ist. Wo gemeinsam erarbeitet wird, wie ein wertschätzender Umgang aussehen kann. Das gehört für mich alles zusammen.

Braucht es auch innerhalb von Betrieben eine Definition, was Übergriffe bzw. unerwünschtes Verhalten ausmachen?

Ja, es ist wichtig, unterschiedliche Szenarien zu besprechen, weil es nicht immer einen physischen Übergriff gibt. Es muss gemeinsam überlegt werden: Wie stehen wir dazu? Wo fängt eine Grenzüberschreitung an? Was ist demütigend und herabwürdigend?

Ich finde, es ist wichtig zu kommunizieren, dass alle davon profitieren. Nur zu sagen ‚Wir schützen die Frauen‘ ist zu wenig! Man muss den Männern klarmachen bzw. sollten das feministische Männer anderen Männern klarmachen, dass ein antisexistisches Klima besonders auch für sie von Vorteil ist. Alle würden wir davon profitieren. Es ist übrigens für Männer auch nicht immer von Vorteil, sich an patriarchalen Mustern zu orientieren.

Wenn ich in meinem Arbeitsumfeld beobachte, dass Übergriffe passieren, wie verhalte ich mich dann am besten?

Man muss es ernst nehmen, es darf nicht verschwiegen werden. Was dann konkret passiert, das müssen sich alle Einrichtungen selbst überlegen. Aus ihrer Kultur, aus ihrer Geschichte und aus ihrer Struktur heraus. Wichtig ist, dass niemand damit alleine bleibt und dass es auf jeden Fall Ansprechpartner*innen dafür gibt. Wenn es das nicht gibt, sollte man sich an eine externe Beratungsstelle wenden. Dort kann ich dann besprechen, was passiert ist, wie es mir geht und was ich möchte. Alleine damit zu bleiben ist immer furchtbar, sowohl als Zeugin als auch als Betroffene.

Woran liegt es, dass Betroffene sich nicht melden?

Das liegt oft am Arbeitsklima. Wenn ich das Gefühl habe, es hat keinen Sinn, einen Übergriff zu melden, oder es könnte sogar Nachteile für mich haben, dann werde ich mir gut überlegen, ob ich mich jemandem anvertraue. Im Unternehmen muss deshalb von vorneherein völlig klar sein: An wen wende ich mich? Wer wird informiert? Inwieweit kann ich mich anonym beraten lassen und mir dann überlegen, ob ich das öffentlich mache? Ist das möglich oder nicht, auch arbeitsrechtlich? Was sind meine Optionen?

Wenn ein Übergriff gemeldet wurde: Welche Informationen sollen dann innerhalb einer Gruppe weitergegeben werden?

Das Wichtigste ist: Ohne das Einverständnis der Betroffenen passiert nichts. Solche Erlebnisse lösen ein Gefühl der Hilflosigkeit aus und entziehen dir die Kontrolle. Um damit weiterleben und das verarbeiten zu können, ist es ganz wichtig, so viel Kon­trolle wie möglich ­wiederzuerlangen.

Man kann der Betroffenen nur Unterstützung anbieten und da sollten sehr klare Grenzen gewahrt werden. Man darf auch nichts versprechen, das man nicht halten kann.

Die Betroffene muss dann selbst entscheiden, ob sie die Angebote annehmen will oder nicht. Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht der richtige, vielleicht will sie das erst später. Aber auf jeden Fall hat sie das Recht zu sagen: Nein, ich will das nicht.

Gibt es Best-Practice-Beispiele? Betriebe, denen es sehr gut gelingt, mit Übergriffen umzugehen?

Sehr gut hat das Unternehmen dann reagiert, wenn genau das passiert, was wir vorher besprochen haben. Ich darf keine Namen nennen, aber es kommt durchaus vor, dass rasch reagiert und eine Lösung angeboten wird. Eine Versetzung beispielsweise, wenn das für alle okay ist. Täter wurden entlassen, auch das passiert.

Wie begegnet man Menschen, die sagen: „Von dem kann ich mir das aber nicht vorstellen“?

Es kann durchaus sein, dass ein Täter in anderen Kontexten anders wahrgenommen wird. Selbst in Fällen, wo wirklich jemand Frauen jahrelang vergewaltigt oder Mädchen sexuell missbraucht hat, hat man es nicht mit Monstern zu tun. Man erkennt auch nicht immer leicht, dass jemand gewalttätig ist.

Menschen können sehr böse Dinge tun und gleichzeitig nett, intelligent und charmant sein.

Viele fragen sich trotzdem: Warum habe ich das nicht erkannt?

Es kann sein, dass man es nicht erkennen konnte. Es kommt auch darauf an, in welchem Kontext ich mit der Person zu tun habe. Wenn ich jemanden als lustigen und netten Sportkollegen kenne, dann stehe ich nicht in derselben Abhängigkeit zu ihm wie beispielsweise seine Familie.

Es kommt auch darauf an, wo ich mich in der Hierarchie befinde?

Ja, oft wissen die Täter genau, wo sie sich etwas erlauben können und wo nicht. Auch Bullys etwa, die sich männliche Opfer aussuchen, wissen genau, wen sie attackieren und wen besser nicht. Es ist ja nicht so, dass sie diese Gewalttätigkeit einfach überkommt. Auch diese Menschen – so wie wir alle – entwickeln gewisse Strategien, um Dinge, die sie nicht preisgeben wollen, zu verdecken und zu verheimlichen.

Leistet die #MeToo-Debatte einen Beitrag dazu, das gesellschaftliche Klima zu verändern?

Ja natürlich! Sie hat natürlich Schattenseiten, aber es zum Thema machen, darüber reden, ist nie verkehrt. Wenn etwas verschwiegen wird, dann passiert überhaupt nichts.

Und die Schattenseiten?

Es gibt einen Backlash. Viele Frauen hatten das Gefühl: Jetzt kann ich endlich sagen, was mir widerfahren ist. Das waren natürlich sehr unterschiedliche Geschichten. Von „Er hat mir die Hand auf den Oberschenkel gelegt“ bis zur Vergewaltigung. Dann wurde behauptet, es würde alles gleichgesetzt, aber das stimmt natürlich nicht. Um mit etwas Positivem abzuschließen: Es hat sich in den letzten Jahrzehnten auf jeden Fall verändert, dass junge Frauen etwas als Übergriff identifizieren können. Da bin ich sehr froh und heimlich stolz, wenn Frauen in die Beratung kommen und ganz klar sagen: „Das ist mir passiert, das ist nicht okay und das ist ein Übergriff für mich.“

Was sich auch positiv verändert hat, sind die Reaktionen von Partner*innen und Freund*innen auf Erzählungen von sexuellen Über­griffen. •

Die Frauen*beratung Notruf bei sexueller Gewalt ist Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt. An die Beratungsstelle können sich alle Frauen und Mädchen sowie Personen, die sich als Frauen/Mädchen identifizieren bzw. als solche sozialisiert wurden, wenden. Das Angebot umfasst neben der Anzeigen- und Prozessberatung auch psychosoziale Beratung, Sozialservice und begleitete Weitervermittlung. Zudem informieren die Beraterinnen zu den therapeutischen Möglichkeiten und beraten in den Sprachen Deutsch, Englisch, Bosanski/Hrvatski/Srpski. Die Beratung ist anonym und kostenlos.

www.frauenberatung.at

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„Ist dir eigentlich klar, dass alle Bescheid wissen?“ https://ansch.4lima.de/ist-dir-eigentlich-klar-dass-alle-bescheid-wissen/ https://ansch.4lima.de/ist-dir-eigentlich-klar-dass-alle-bescheid-wissen/#comments Fri, 02 Sep 2022 10:09:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=80224 Die Filmregisseurin Katharina Mückstein hat eine Debatte zu #MeToo in der österreichischen Filmbranche losgetreten. Konsequenzen für die Täter gab es bisher nicht. Interview: Lea Susemichel an.schläge: Sie haben im Juni mit einem Instagram-Beitrag über eigene Erlebnisse eine große Welle an Erfahrungsberichten zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Kulturbetrieb ausgelöst. Hatten Sie mit dieser Resonanz gerechnet? […]]]>

Die Filmregisseurin Katharina Mückstein hat eine Debatte zu #MeToo in der österreichischen Filmbranche losgetreten. Konsequenzen für die Täter gab es bisher nicht. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: Sie haben im Juni mit einem Instagram-Beitrag über eigene Erlebnisse eine große Welle an Erfahrungsberichten zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Kulturbetrieb ausgelöst. Hatten Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Katharina Mückstein: Nein, absolut nicht. Die schiere Menge an Reaktionen, die aus allen Ecken der Film- und Unterhaltungsindustrie in Österreich und Deutschland kamen, hat mich überwältigt. Menschen haben mir nicht nur über den Account, sondern auch privat einiges anvertraut, mir zum Beispiel geschrieben, dass sie vergewaltigt wurden und noch nie mit jemandem darüber gesprochen haben. Ich war am Anfang nur noch damit beschäftigt, zu antworten, zu telefonieren oder Kontakte von Beratungsstellen weiterzugeben.

Hat auch eine Vernetzung zwischen den Betroffenen stattgefunden?

Ja, nachdem mir so viele geschrieben haben, konnte ich Muster erkennen, selbst wenn keine Namen genannt wurden. Immer wieder wurden ganz ähnliche Dinge beschrieben. Einerseits sieht man daran, wie einfallslos Sexismus ist, andererseits wurde deutlich, dass es in der Branche einige Wiederholungstäter geben muss. Ich habe daraufhin die Betroffenen kontaktiert und ihnen gesagt, dass ich das Gefühl habe, diese Geschichte öfter gelesen zu haben. Und ob sie mir den Namen nennen möchten oder an Austausch mit anderen interessiert sind, die denselben Täter haben dürften. Ich bin dadurch zu einer Art Drehscheibe geworden und habe auch versucht, Journalistinnen und Betroffene miteinander zu connecten, wenn das gewünscht war.

Bis jetzt wurde allerdings kein Täter öffentlich geoutet.

Ja, darüber bin ich auch wütend. Es gab zwar eine große Welle, aber bisher hat kein einziger Mann die Konsequenzen getragen. Das Outen eines Täters ist juristisch sehr schwierig und auch für eine Journalistin sehr aufwendig. Alle wissen es, viele reden im Vertrauen miteinander, alle kennen Geschichten und Betroffene – und trotzdem kommt irgendwann der Punkt, an dem wir einfach nicht mehr wissen, was wir tun sollen.

Diesen Männern ist wahrscheinlich gar nicht klar, was über sie bekannt ist. Das Schweigen funktioniert so gut, dass die sich überhaupt keine Sorgen machen müssen. Man stellt sich das ja immer so vor, dass die irgendeine Form von Unrechtsbewusstsein haben und denken: „Oh, hoffentlich fliege ich nicht auf.“ Aber ich glaube, das ist oft überhaupt nicht der Fall.

Selbst wenn es keine juristischen Konsequenzen und keinen Schuldspruch gibt, wünschen sich viele Betroffene zumindest Gerechtigkeit in Form sozialer Sanktionierung. Die Typen sollen nicht mehr einfach so weitermachen können wie bisher. Warum funktioniert nicht mal das?

Die Sorge, einen Schaden davonzu­tragen und sanktioniert zu werden, tragen momentan die Betroffenen. Das habe ich auch an mir selbst bemerkt, jedes Mal, wenn ich zum Beispiel über meine Übergriffe spreche, rechne ich damit, dass mir das schadet. Es ist zu schwierig, etwas zu beweisen, es wird einem nicht geglaubt, es kostet wahnsinnig viel Geld, es dauert irre lang. Man fragt sich unweigerlich: Ist es das wirklich wert? Und diese Furcht überschattet selbst den Austausch unter Kolleginnen oder Freundinnen, weil es die Angst gibt, dass es juristische Probleme geben könnte, wenn man zum Beispiel etwas erzählt, das dann jemandem den Job kosten könnte. Aber wir sind ja weit davon entfernt, dass unser Sprechen solche Konsequenzen hätte.

Das Berichten über sexualisierte Gewalt ist auch für Journalistinnen eine Gratwanderung: Einerseits wollen wir uns auf strukturelle Probleme konzentrieren und keine sensationalistische Berichterstattung betreiben, die einzelne Taten voyeuristisch ausschlachtet, andererseits sollten die Täter natürlich benannt und zur Verantwortung gezogen werden. Brauchen wir ganz neue Strategien, um über Machtmissbrauch zu sprechen?

Ich habe in letzter Zeit öfter gedacht: Warum rufen wir eigentlich diesen Mann nicht an und sagen ihm: „Hör mal, ist dir eigentlich klar, dass alle Bescheid wissen?“

Generell glaube ich aber, dass jedes Sprechen etwas Progressives hat, alles kann Prozesse und Veränderung auslösen. Wir als Gesellschaft stehen allerdings nicht einmal am Anfang einer guten Gesprächskultur über sexualisierte Gewalt. Ich war zuletzt in vielen Gruppenkonstellationen, aber jedes Gespräch ist irgendwann chaotisch geworden, weil es bei jeder beteiligten Person ganz verschiedene Gesprächsbedürfnisse gibt. Wir alle müssen uns auf einer ganz persönlichen Ebene damit auseinandersetzen. Und es gibt bei diesem Thema keinen Safe Space. Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns eingestehen, dass wir viele Fehler machen werden, wenn wir beginnen, darüber zu reden. Verletzungen werden passieren und trotzdem werden wir sprechen. Und wir werden uns oft entschuldigen müssen. Und wir werden oft sagen müssen: Verdammt, wir sind noch nicht so weit, wie wir gerne wären.

Welche Verantwortung haben Institutionen wie die Filmakademie?

Es ist überall gleich, es gibt dieses System einer total elitären Ausbildungsstätte und du weißt einfach: Wenn ich es hier nicht aushalte, dann gibt es keinen anderen Ort, um den Beruf zu erlernen. Gleichzeitig bist du mit Lehrenden konfrontiert, die du als sehr wichtig einschätzt, besonders wenn du noch sehr jung bist: They can make you or break you. Und Leute werden tatsächlich gebrochen während dieser Ausbildungen.

In der Schauspielausbildung gibt es ja dieses Motiv des Brechens, das es angeblich braucht, um gute Schauspielkunst zu machen.

Ja, dort ist es noch viel schlimmer. Deshalb muss eine Institution wie die Filmakademie, die viele Generationen schwer beschädigt hat, die Verantwortung übernehmen. Ich bin letztes Jahr mit ungefähr vierzig anderen aus dem Regieverband ausgetreten, weil es dort kein Bekenntnis zu Geschlechtergerechtigkeit gibt. Jetzt heißt es: Wir gründen eine Arbeitsgruppe, aber was immer fehlt, ist zuerst mal anzuerkennen, dass man über Jahrzehnte hinweg Menschen schwer beschädigt hat. Ich glaube, um irgendetwas Zukunftsweisendes machen zu können, muss man erst in die Vergangenheit und die Gegenwart schauen.

Als eine Ursache für Grenzüberschreitungen wird immer wieder auch das entgrenzte Arbeiten beim Film genannt, bei dem ganz selbstverständlich verlangt wird, dass alle „alles geben“.

Ich würde sagen, zwei Dinge sind schuld: Der Kapitalismus und das Patriarchat. Film kostet Geld, unheimlich viel Geld, das wird allen beim Film sofort vermittelt. Jede Minute kostet zigtausende Euros. Und deshalb herrscht immer Ausnahmezustand. Es gibt einen besonderen Kollektivvertrag, wir dürfen sechzig Wochenstunden arbeiten und auch noch Überstunden zusätzlich machen.

Das andere ist das Patriarchat, denn über die Kunst von Männern wird wahnsinnig viel gerechtfertigt. Da heißt es dann: Der Typ ist ein Künstler. Damit er seine Vision umsetzen kann, müssen alle anderen mitgehen, egal, was er jetzt braucht. Ich habe für einige Regisseure gearbeitet und die schlimmsten waren immer narzisstische Männer, die schon einen gewissen künstlerischen Erfolg haben, die faul und schlecht vorbereitet waren und ihr Handwerk nicht beherrschen.

Wenn dann zum Beispiel eine Sexszene gedreht werden soll, sagt der Regisseur zu den Schauspieler:innen: Na ja, dann zieht euch mal aus und bietet mir was an. Da gibt es keine Zeit für Vorbereitung. Und wenn du dann diejenige bist, die sagt, dass sie sich in einem Raum mit zehn Männern als einzige Frau nicht einfach so ausziehen will, bist du halt die Schwierige, die alles aufhält und dadurch viel Geld kostet.

Inzwischen wird zunehmend eine sogenannte „Intimicy Coordination“ gefordert, hilft das?

Ja, es gibt zum Glück jetzt auch schon in Österreich ausgebildete Intimacy Coordinators. Das ist unangenehm für „die alten Meister“, viele wehren sich und sagen: „Wo bleibt denn dann die Kunst, die Besonderheit des Moments!?“ Alles im Detail mit den Schauspieler:innen auf Augenhöhe in Anwesenheit einer Intimicy-Koordinatorin zu besprechen – das ist natürlich sehr mühsam für jemanden, der gewohnt ist, dass einfach alle das Maul halten und nach seiner ­Pfeife tanzen. Ich weiß, dass andere sich wahnsinnig aufregen und es total spießig und US-amerikanisch finden, aber ich bin sehr froh, dass es das jetzt gibt.

Ist es in so einer kleinen Szene wie in Österreich besonders schwierig, jemanden zu outen?

Ja, dass man immer wieder mit denselben Leuten arbeitet, dass alle miteinander verbunden, oft auch miteinander befreundet sind – das macht es sehr schwierig, sich unbeliebt zu machen, das hat böse Konsequenzen. Und wenn der Täter aus dem eigenen Freundeskreis kommt, wird es noch schwerer.

Ein weiteres österreichisches Spezifikum ist die Tradition des Autorenfilms, mit der Österreich international so erfolgreich war. Sie bringt diesen patriarchalen Status des Künstlergenies, das Drehbuch schreibt und Regie führt, mit sich. Diese Regisseure zu kritisieren, ist extrem schwierig, weil sie ja von allen Seiten anerkannt und verehrt werden. Wenn der Film in Venedig oder in Cannes im Wettbewerb läuft, fragt niemand, wie er entstanden ist und wer dafür gequält ­wurde. Doch eigentlich müssten Leute, die Steuergelder bekommen, um Filme zu machen – was für ein Privileg! –, dafür Sorge tragen, dass bei ihren Filmen niemand zu Schaden kommt. Man kann schließlich auch ­großartige Kunst machen, ohne ein Arschloch zu sein. •

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Die armen Frauen sterben https://ansch.4lima.de/die-armen-frauen-sterben/ https://ansch.4lima.de/die-armen-frauen-sterben/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:01:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=80220 „Jeden Tag schließen Kliniken im Süden und Mittleren Westen. Menschen suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit für einen Schwangerschaftsabbruch, nachdem bereits vereinbarte Termine abgesagt wurden. Genau in diesem Moment sitzt jemand mit einer nicht lebensfähigen Eileiterschwangerschaft in der Notaufnahme und fragt sich, wie lebensbedrohlich es erst werden muss, damit die notwendige Behandlung endlich durchgeführt wird“, fasst […]]]>

„Jeden Tag schließen Kliniken im Süden und Mittleren Westen. Menschen suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit für einen Schwangerschaftsabbruch, nachdem bereits vereinbarte Termine abgesagt wurden. Genau in diesem Moment sitzt jemand mit einer nicht lebensfähigen Eileiterschwangerschaft in der Notaufnahme und fragt sich, wie lebensbedrohlich es erst werden muss, damit die notwendige Behandlung endlich durchgeführt wird“, fasst Kimberly Inez McGuire, Geschäftsführerin der Pro-Choice-Organisation URGE, die dramatische Lage zusammen.

Entsprechende Horrormeldungen häufen sich, nachdem der Supreme Court Roe v. Wade Ende Juni gekippt hatte. Wenige Wochen nach diesem folgenschweren Urteil haben bereits elf Bundes­staaten im Süden und Mittleren Westen ein vollständiges Abtreibungsverbot erlassen oder die Möglichkeit eines Abbruchs auf die ersten sechs Schwangerschaftswochen beschränkt. 43 Kliniken haben bereits geschlossen, Abtreibungskliniken in Florida sind seither vollkommen überlastet.

Ungewollt Schwangere müssen nun von manchen Orten aus mehrere Staatsgrenzen überqueren und viele hunderte Kilometer zurücklegen, um straffrei eine Abtreibung vornehmen zu können. Weil die damit verbundenen Kosten für viele mitunter unerschwinglich sind, rückt diese Möglichkeit für sie buchstäblich in unerreichbare Ferne. Feministische Initiativen organisieren Reisen und Kostenübernahmen, doch auch sie sind heillos überfordert.

„Reiche Frauen treiben ab, arme Frauen sterben”, lautet ein in Lateinamerika häufig skandierter Demo-Slogan. Auch wenn die Verbreitung des Abtreibungsmedikaments Misoprostol inzwischen zum Glück viele Todesfälle verhindern kann, führen illegale Abtreibungen überall auf der Welt weiterhin zu schweren gesundheitlichen Komplikationen und eben auch zum Tod.

Abtreibungsverbote treffen Schwangere, die unter Armut leiden, immer am härtesten. In den USA sind das bekanntlich überproportional oft Schwarze Menschen. „Schon jetzt ist die Müttersterblichkeit bei Schwarzen Frauen drei- bis viermal so hoch wie bei weißen Frauen, deshalb wird die eingeschränkte Abtreibungsversorgung das Leben Schwarzer Schwangerer unverhältnismäßig stark gefährden“, schreiben die Kongressabgeordneten ­Ayanna Pressley und Barbara Lee in einem offenen Brief. „Im Namen der mehr als 21 Millionen Schwarzen Frauen in Amerika“ fordern sie deshalb dazu auf, einen „nationalen Notstand“ auszurufen. Laut einer Studie würde das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs in den Vereinigten Staaten zu einem allgemeinen Anstieg der Müttersterblichkeit um 21 Prozent und bei Schwarzen sogar um ein ganzes Drittel führen. „Angesichts dieser Krise müssen wir dringend handeln, als ob Leben davon abhingen – denn das tun sie“, appelliert der Aufruf.

Das Urteil des Obersten Gerichtshofs wird von einer überwältigenden Mehrheit aller jungen US-Bürger:innen abgelehnt. Ganze 74 Prozent der 18- bis 34-Jährigen halten das Recht auf Abtreibung für existenziell wichtig. Ermutigend verlief auch ein Referendum im konservativen Kansas. Eine deutliche Mehrheit sprach sich dafür aus, das Abtreibungsrecht dort unangetastet zu lassen.

Der Backlash hat also durchaus das Potenzial, zur Politisierung vor allem der jungen Generation beizutragen. Das haben auch die Demokraten erkannt, die im Wahlkampf zentral auf dieses Thema setzen. Diese Politisierung ist bitter nötig, zumal die Furcht vor weiteren Grundsatzentscheidungen groß ist. Angesicht der neuen Kräfteverhältnisse im Supreme Court werden die reaktionären Angriffe gegen LGBTIQ-Rechte selbstbewusster, einschließlich der „same sex marriage“. „You better hope that they don’t come for you, Clarence“, wütete Whoopi Goldberg deshalb in Richtung des afroamerikanischen Richters Clarence Thomas. Sie spielt damit auf das Urteil Loving vs. Virginia an, mit dem erst 1967 die „interracial marriage” legalisiert wurde.

Doch parallel zum Erstarken der religiösen Rechten wächst tatsächlich auch der Widerstand. Feministische Medien in den USA verzeichnen seit dem Urteil Rekordzugriffe. „Im Moment sind die Menschen so wütend“, erklärt die feministische Journalistin Jessica Valenti gegenüber der „New York Times“. „Sie wollen einen Ort, der mit ihnen wütet“.

Wo und wie diese Wut gut investiert wäre, zeigt ein Blick nach Lateinamerika. Bis vor wenigen Jahren fand dort von den 6,5 Millionen jährlich durchgeführten Abtreibungen nur ein Viertel unter medizinisch sicheren Bedingungen statt. Das hat sich in kürzester Zeit geändert: „Marea Verde“, die „Grüne Flut“ hat in einem unglaublichen Siegeszug mittlerweile die Legalisierung (bzw. Entkriminalisierung) von Abtreibung in Argentinien, Kolumbien und Mexiko erkämpft, Chile dürfte bald folgen. •

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Feminist Superheroines: Lucía Sánchez Saornil https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lucia-sanchez-saornil/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lucia-sanchez-saornil/#respond Fri, 02 Sep 2022 09:58:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=80212 Lucía Sánchez Saornil (1895–1970) war eine spanische Schriftstellerin, anarchistische Aktivistin und Feministin. In eine arme Familie hineingeboren, arbeitete sie als Telefonistin und studierte nebenher Malerei. Ihre ersten Texte veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym in einer anarchistischen Poesiezeitschrift. Mit der Teilnahme an einem Streik gegen ihren Arbeitgeber begann ihr anarchistisch-antifaschistisches Engagement. Saornil kritisierte nicht nur die […]]]>

Lucía Sánchez Saornil (1895–1970) war eine spanische Schriftstellerin, anarchistische Aktivistin und Feministin. In eine arme Familie hineingeboren, arbeitete sie als Telefonistin und studierte nebenher Malerei. Ihre ersten Texte veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym in einer anarchistischen Poesiezeitschrift. Mit der Teilnahme an einem Streik gegen ihren Arbeitgeber begann ihr anarchistisch-antifaschistisches Engagement. Saornil kritisierte nicht nur die Geschlechterrollen in der damaligen spanischen Gesellschaft, sondern auch die Misogynie ihrer männlichen Mitstreiter. Kurz vor Beginn des Spanischen Bürgerkriegs gründete sie mit zwei anderen Frauen die anarchafeministische Organisation Mujeres Libres (‚freie Frauen‘), in der sich tausende Frauen gegen die Diktatur Francos stark machten. Nach dem Krieg musste Saornil mit ihrer Lebensgefährtin nach Frankreich emigrieren, später kehrten beide wieder nach Spanien zurück. Ihr politisches Engagement wie auch ihre Beziehung zu einer Frau musste Saornil jedoch Zeit ihres Lebens weiter geheim halten. nal

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