IV/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 02 May 2024 07:54:56 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 zeitausgleich: Recht auf Urlaub! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-recht-auf-urlaub/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-recht-auf-urlaub/#respond Fri, 20 May 2022 09:42:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=71662 Illustration: Sabrina WegererKarin Stanger Gefälschte Diplomarbeiten, Korruptionsverdacht – Rücktrittsgründe in der Politik. Auf manche Rücktritte wartet man vergebens. Von einem Rücktritt wegen eines Urlaubs aber habe ich noch nie gehört. Anne Spiegel, die ehemalige Familienministerin in Deutschland, begründet ihn in ihrer Rücktrittsrede aber genau so: „Das war ein Fehler, dass wir auch so lange in Urlaub gefahren […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Karin Stanger

Gefälschte Diplomarbeiten, Korruptionsverdacht – Rücktrittsgründe in der Politik. Auf manche Rücktritte wartet man vergebens. Von einem Rücktritt wegen eines Urlaubs aber habe ich noch nie gehört. Anne Spiegel, die ehemalige Familienministerin in Deutschland, begründet ihn in ihrer Rücktrittsrede aber genau so: „Das war ein Fehler, dass wir auch so lange in Urlaub gefahren sind. Und dass wir in Urlaub gefahren sind. Und ich bitte für diesen Fehler um Entschuldigung.“

Da stellt es mir alle Haare auf. Gerade als Familienministerin solche Worte über die Lippen zu bringen, ist für mich völlig kurios. Wo kommen wir denn hin, wenn man sich für Urlaub entschuldigen muss? Denn ein Recht auf Urlaub hat jede*r! Das ist sogar im Artikel 24 der Menschenrechte festgeschrieben: „Jeder Mensch hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.“

Klar, wir kennen im Arbeitsrecht Zeiten für Urlaubssperren, beispielsweise in Saisonbetrieben. Es muss der Urlaub auch zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite ausgemacht werden. Oft spielt beim Urlaubszeitpunkt die Familie eine große Rolle. Genauso wie der Erholungsbedarf. Das ist immer eine Interessensabwägung.

Auf alle Fälle kann es doch kein Problem sein, dass eine Ministerin einen Urlaub macht. Noch dazu, wenn sie Kinder und einen Mann hat, der sich gerade von einem Schlaganfall erholt. Die Gleichzeitigkeit von Dingen – wie eine Flutkatastrophe und ein Familienurlaub – sind in dieser Welt immanent. Daraus Anne Spiegel einen Strick zu drehen, ist vermessen. Zudem: Der Kopf (eines Ministeriums) zu sein bedeutet, vorbereitet zu sein, sich ein gutes Team einzurichten, an das man delegiert, das einspringt und übernimmt. Gerade in einer Demokratie dürfen einzelne Personen nicht derart unverzichtbar sein, dass ein kurzfristiger Ausfall nicht möglich ist. Das ist nicht gesund. Weder für die Einzelperson noch für eine moderne Demokratie.

Karin Stanger ist Gewerkschafterin und lebt in Wien.

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„Trans Personen rulen einfach“ https://ansch.4lima.de/trans-personen-rulen-einfach/ https://ansch.4lima.de/trans-personen-rulen-einfach/#respond Fri, 20 May 2022 09:35:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=71656 Kerosin95 erschafft auf „Trans Agenda Dynastie“ eine queere Utopie. Von Barbara Fohringer „Keine cis hetero Typen sind erlaubt“, rappt Kerosin95 in „Bullshit Bingo 1.0“, dem zweiten Track der neuen EP. Die Richtung ist klar, wie es auch im titelgebenden Song „Trans Agenda Dynastie“ heißt: „Ich und meine trans* cuties feiern heut ein Fest.“ „Ich möchte […]]]>

Kerosin95 erschafft auf „Trans Agenda Dynastie“ eine queere Utopie. Von Barbara Fohringer

„Keine cis hetero Typen sind erlaubt“, rappt Kerosin95 in „Bullshit Bingo 1.0“, dem zweiten Track der neuen EP. Die Richtung ist klar, wie es auch im titelgebenden Song „Trans Agenda Dynastie“ heißt: „Ich und meine trans* cuties feiern heut ein Fest.“

„Ich möchte in meiner künstlerischen Bubble mit queeren und mit trans Personen zusammenarbeiten – gerade auch bei einer EP, die den Titel ‚Trans Agenda Dynastie‘ trägt. Ich wollte eine Utopie schaffen und die Message rüberbringen: Trans Personen rulen einfach“, erzählt Kerosin95 im an.schläge-Gespräch. Die EP hat zwar nur fünf Songs, deckt aber eine Vielfalt an Themen ab: Während die ersten beiden Tracks TERFs bzw. nervigen weißen hetero cis Dudes den Kampf ansagen, wird es bei „Puppy“ und „4ever“ (feat. Nenda) ruhiger und melodischer, bevor „Standort“ uns wieder zurück auf den Dancefloor schickt.

Zusammenarbeit. Seit 2019 gibt es Musik von Kerosin95 zu hören. Songs wie „Außen hart, innen flauschig“ oder „Nie wieder Gastro“ zeigten schnell, wohin die Reise geht: Eine Mischung aus Rap, Trap Beats und Anleihen von Pop bzw. Indie – und das in deutscher Sprache. 2021 folgte das Debütalbum, das schlicht mit „Volume 1“ betitelt wurde, und mit Songs wie „Heeey“, „Nie wieder fühlen“, „Futter“ oder „Shiver“ (feat. Mira Lu Kovacs) zu begeistern wusste. Bereits damals arbeitete Kerosin95 mit Producer Monophobe (Maximilian Walch) an einem Track, eine künstlerische Zusammenarbeit, die nun ihre Fortführung findet: „Es hat uns beiden sehr gefallen, daher dachte ich daran, wieder mit Max im Studio sein zu wollen.“ Überhaupt scheint Zusammenarbeit für Kerosin95 eine große Bedeutung zu haben. So war etwa Lena Kuzmich für die visuelle Gestaltung der EP zuständig: „Ich habe viel Material gesammelt, aber es ist schlussendlich Lena Kuzmichs Projekt, das ich dann mit meiner Musik aufgreife – so fühlt es sich zumindest für mich an.“ Nenda ist indes auf „Puppy“ zu hören, eine Allianz, die auf Social Media ihren Anfang nahm: „Ich habe Nenda über Instagram angefragt, denn dort bekomme ich – trotz aller Kritik, die ich an Plattformen wie dieser habe – sehr viel über FLINTA-Rapperinnen und -Artists mit.“ Die queere Bubble in Wien sei ohnehin überschaubar, so Kerosin95: „Wien ist einfach ein Dorf und daher bekommt man schnell mit, was andere coole Queers so machen.“

Zukunftspläne. Die Arbeit an der EP habe ungefähr sechs bis neun Monate gedauert, auch live wird es die neuen Songs bald zu hören geben. Über die künftigen Auftritte mit dem neu zusammengestellten Ensemble heißt es von Kerosin95: „Ich bin super excited. Es gibt eine größere Besetzung mit vielen neuen Musiker*innen.“ Künftig will Kerosin95 „weiterhin Musik releasen, Konzerte spielen und mit vielen queeren und trans Personen arbeiten“; neuer Merch sei ebenso bald verfügbar. Angesprochen auf die österreichische Musiklandschaft erinnert Kerosin95 an eine Aussage von Farce über den Unterschied zwischen Industrie und Szene: „Ich finde die Industrie langweilig, aber die Szene großartig.“ Kerosin95 selbst wurde dank elterlicher Unterstützung viel Musikunterricht ermöglicht, daher erinnert Kerosin95 auch an die Privilegien, die mit dem Musikschaffen zusammenhängen. Angesprochen auf den Fokus manch vergangener Medienberichte sagt Kerosin95: „Ich werde oft auf das Thema Wut angesprochen, da ich anfangs einmal das Wort ‚Wut‘ gedroppt habe und seither geht es in unglaublich vielen Interviews um ‚Kerosin95 und die Wut‘. Es geht in den Songs und beim Projekt Kerosin95 um mein Überleben als trans Person, um meine Lebensrealität und um mich als Person, die die ganze Zeit zum Politikum gemacht wird. Ich will einfach nur existieren und Musik machen.“ •

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Hochstapler*innen in Bewegung https://ansch.4lima.de/hochstaplerinnen-in-bewegung/ https://ansch.4lima.de/hochstaplerinnen-in-bewegung/#respond Fri, 20 May 2022 09:32:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=71651 Feministischer Aktivismus soll den Perfektionsdruck auf FLINT-Personen abschaffen – in unseren Kämpfen ist er trotzdem da. Von Alex Klages Solange Aktionen geplant, Vorträge gehalten, Kampagnen durchgeführt und Texte veröffentlicht werden, fühlt sich unser Aktivismus gut und „sinnvoll“ an – wir sehen, dass wir etwas schaffen. Doch welche FLINT-Person (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans Personen) kennt […]]]>

Feministischer Aktivismus soll den Perfektionsdruck auf FLINT-Personen abschaffen – in unseren Kämpfen ist er trotzdem da. Von Alex Klages

Solange Aktionen geplant, Vorträge gehalten, Kampagnen durchgeführt und Texte veröffentlicht werden, fühlt sich unser Aktivismus gut und „sinnvoll“ an – wir sehen, dass wir etwas schaffen. Doch welche FLINT-Person (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans Personen) kennt sie nicht: die Selbstzweifel, ausreichend informiert zu sein, um zu einem Thema sprechen zu „dürfen“. Die Sorge, nicht erfahren genug zu sein, um diesen Workshop zu geben oder zu einem Thema zu schreiben. Auch mir geht beim Tippen dieser Zeilen durch den Kopf, ob meine Gedanken überhaupt interessant/neu/durchdacht genug sind, um euch zu interessieren. Nicht, dass nicht auch Männer Angst vor Redebeiträgen oder Unsicherheiten bezüglich Veröffentlichungen haben. Doch die eigene aktivistische Kompetenz und das Wissen, etwas zu sagen zu haben, steht in meiner Erfahrung für FLINT- Personen und ihre politischen Gruppen wesentlich stärker in Frage.

Mithalten können. Als besonders hartes Pflaster habe ich den Aktivismus empfunden, in dem es um Aktionen auf der Straße wie Demos und Blockaden ging – Aktionsformen, in denen als männlich geltende Verhaltensweisen (hart sein, Bescheid wissen, kämpfen) besondere Anerkennung erfahren. Ähnlich wie es Freund*innen aus männerdominierten Berufen erzählen, hatte ich oft das bedrückende Gefühl, dass wir uns als feministische Bezugsgruppe am Verteidigen von Räumen, dem Verhindern von Naziaufmärschen oder Abschiebungen beteiligen können, obwohl wir FLINT sind. Der Bannerdrop vom Hochhaus muss uns auf jeden Fall gelingen, sonst sind wir nicht irgendeine Bezugsgruppe, sondern die feministische Bezugsgruppe, die die krasse Aktion nicht hinbekommen hat.

In solchen Momenten hat es sich angefühlt, als müssten wir nicht nur für uns selbst, sondern im Namen aller anderen feministischen Bezugsgruppen beweisen, dass wir „mithalten“ können – was wir auch konnten. Nicht, dass uns irgendein Macker jemals offen gesagt hätte, dass er uns nichts zutraut – aber so ist es ja mit verinnerlichten Machtverhältnissen: Sie treiben von innen ihr Unwesen. Man muss uns nicht sagen, dass wir Hochstapler*innen sind, damit wir uns wie welche fühlen.

Die patriarchale Selbstbewertung ist wie eine innere Beobachter*in, die immer mitläuft, um sich dann in Gefühlen der Unsicherheit und der Selbstabwertung niederzuschlagen. Das fällt auf den fruchtbaren Boden kapitalistischer Werte wie Individualismus, Leistungsdenken und die Abwertung emotionaler Themen, die unsere innere Antreiber*in ohnehin schon auf Hochtouren laufen lassen.

Denn trotz Gegenmaßnahmen wie Konsensprinzip und Emorunde finden sich neoliberale Arbeitsweisen in vielen linken Gruppen wieder: Klar eingegrenzte „Orga-Themen“ werden priorisiert und im Plenum nacheinander „abgearbeitet“ – weniger eingegrenzte emotionale Themen werden häufig nach hinten verschoben oder in private Beziehungen ausgelagert, da sie die „eigentliche“ Arbeit stören. Ähnlich wie am Arbeitsplatz haben wir das Gefühl, wir müssen unsere Mitgliedschaft in einer Gruppe fortlaufend durch produktive und sichtbare Beiträge unter Beweis stellen, um Teil einer Gruppe sein zu dürfen.

Auf diese Doppelbelastung durch kapitalistischen Leistungsdruck zusammen mit der patriarchalen Abwertung unserer Leistungen reagieren wir beispielsweise mit penibler Vorbereitung als Absicherung gegen mögliches Scheitern. Oft sind es deshalb die feministischen Gruppen, die alles dreimal durchgesprochen und für alle Fälle auch noch einen Backup-Plan haben. Feminist*innen bereiten ihre Redebeiträge und Demos besser vor, ihre Workshops sind super konzipiert. Oft leider begleitet von einer Bescheidenheit und Zweifeln darüber, was denn hätte besser laufen können. So als könnten wir unsere Schutzschilde nicht einfach mal runternehmen und sagen: Das haben wir richtig gut gemacht!

Kleber Sorgearbeit. Dass sich FLINT, getrieben von dauernden Selbstzweifeln, besonders anstrengen müssen, um dieselbe Anerkennung für ihre Arbeit zu bekommen wie Männer, ähnelt auffällig den Mechanismen der gegenderten Arbeitsteilung in Beruf und Familie in der gesamten Gesellschaft. Die enge Verknüpfung zwischen der Sichtbarkeit von Arbeit in Form eines „Outputs“ und ihrem „Wert“ kommt wie in der Kleinfamilie auch im feministischen Aktivismus zum Tragen: Emotions- und prozess­orientierte Politarbeit (sozusagen die „Hausarbeit und das Kümmern“ des Aktivismus) findet im Hintergrund statt. In aktivistischen Kreisen, wie eben auch im sogenannten „Mainstream“ (von dem sich Aktivist*innen gerne abgrenzen), erfährt sie wenig bis keine Anerkennung. Manchmal gilt sie gar als „spaltend“, insbesondere wenn sie Hierarchien in Gruppen kritisiert. Ganz im Sinne herrschender Geschlechterverhältnisse und damit einhergehender kapitalistischer Trennung von produktiver und reproduktiver Sphäre, wird diese Arbeit auch hier überproportional oft von FLINT-Personen geleistet – und/oder diesen von anderen zugewiesen. Für den aktivistischen Selbstwert und ein Gefühl von Sinnhaftigkeit „lohnt“ es sich allerdings mehr, auf einem Podium zu sprechen, ein Haus zu besetzen oder ja, auch einen Artikel für die an.schläge zu schreiben, als sich um ein Gruppenwochenende zu kümmern, in der Awareness-Crew zu sein oder eine Konfliktmoderation zu organisieren.

Dass politische Arbeit, die Beziehungen, Emotionales und Prozesse in den Fokus stellt, wenig Sichtbarkeit und Anerkennung bekommt, ist nicht nur schade, sondern ein Problem. Denn die „Polit-Reproarbeit“ sorgt dafür, dass wichtige Gruppenprozesse weiterlaufen, dass Menschen nicht aus emotionalen Gründen aussteigen, dass Räume wenigstens ein bisschen sicherer werden. Die Sorgearbeit ist sozusagen der „Kleber“ vieler politischer Gruppen.

Es ist völlig legitim, für das, was man tut, Anerkennung zu wollen. Deshalb ist es seit Ewigkeiten ein Anliegen feministischer Bewegungen, Care-Arbeit aufzuwerten und sich im Kleinen gegenseitig zu bestätigen. Es ist schön zu sehen, dass es in vielen feministischen Gruppen üblich ist, sich selbst und untereinander für Care-Arbeit wertzuschätzen. Gleichzeitig ist das eine zusätzliche Anstrengung – noch mehr „Arbeit“ – weil es ein hoher Anspruch ist, gesellschaftlich geringgeschätzten „Emokram“ immer wieder genauso wichtig zu finden wie den sichtbaren Output, der von vornherein mehr wert ist im Kapitalismus. Die Zwickmühle, dass wir es nie gut genug machen, begleitet auch den Aktivismus, mit dem wir diese abschaffen wollen.

Im Kollektiv. Kapitalistische und patriarchale Muster im Denken und Fühlen reproduzieren sich also auch in unseren Kämpfen. Eine tiefere Auseinandersetzung damit, wie Leistungsdruck und die Geringschätzung von Care-Arbeit unsere Politarbeit strukturieren, ist und bleibt eine Her­ausforderung für links-aktivistische Kreise.

Insbesondere für feministische Zusammenhänge ist es wichtig, die hohen Ansprüche an uns selbst und unsere politische Arbeit als eine Art „verständliche Selbstverteidigung“ gegen patriarchale Kritik und die Abwertung von Care-Arbeit zu begreifen, anstatt als einen Hinweis auf einen Mangel an Kompetenz oder Wissen. Wir sind keine Hochstapler*innen. Wenn wir weniger hart zu uns selbst und unseren Mit-Aktivist*innen sind, können wir uns und anderen den Raum zum Ausprobieren und Experimentieren geben, den es braucht, um kollektive Umgangsweisen mit diesen Themen zu finden. Wenn wir uns darauf verlassen können, dass wir uns gegenseitig genauso ehrlich und solidarisch kritisieren, wie wir uns feiern und uns auffangen, sind wir auf einem guten Weg. •

Alex Klages arbeitet als Psycholog*in, politische Bildner*in und Prozessbegleiter*in für politische Gruppen in Berlin. Themen sind die Entprivatisierung von Care-Arbeit, psychische Krise und Aktivismus sowie die Frage danach, wie wir politische Arbeit auf psychoemotionaler Ebene nachhaltiger gestalten können. www.alexklages.net

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Überlebenskampf https://ansch.4lima.de/ueberlebenskampf/ https://ansch.4lima.de/ueberlebenskampf/#respond Fri, 20 May 2022 09:22:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=71639 Wie geht 8. März in einem Land mit einer der höchsten Femizidraten der Welt? Anika Haider war am Internationalen Frauentag in Mexiko City unterwegs. Violett gekleidete Frauen prägen das Straßenbild schon am Weg zum Platz des „Engels der Unabhängigkeit“, dem Startpunkt des diesjährigen Protestmarschs. Viele haben bunte Schilder oder Blumen dabei, ihre Gesichter sind mit […]]]>

Wie geht 8. März in einem Land mit einer der höchsten Femizidraten der Welt? Anika Haider war am Internationalen Frauentag in Mexiko City unterwegs.

Violett gekleidete Frauen prägen das Straßenbild schon am Weg zum Platz des „Engels der Unabhängigkeit“, dem Startpunkt des diesjährigen Protestmarschs. Viele haben bunte Schilder oder Blumen dabei, ihre Gesichter sind mit Glitzer bemalt. Andere sind mit Spraydosen ausgestattet, tragen Masken und Skibrillen.

„Ich bin hier, weil ich lebe, und weil ich nicht weiß, wie lange noch“ oder „Wir kämpfen für die, die es nicht mehr können“ ist auf Plakaten zu lesen, auf Kreuzen die Namen von Angehörigen, die Opfer eines Femizids wurden. Den 8. März in Mexiko City prägt ein Narrativ: der Kampf ums Überleben.

Veränderung von unten. Elf Frauen werden in Mexiko täglich von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Die allermeisten dieser Femizide bleiben ohne Konsequenzen, werden seit Jahrzehnten institutionell mit Gleichgültigkeit behandelt. Auch der seit 2018 amtierende Präsident Andrés Manuel López Obrador veranlasste entgegen seiner Wahlversprechen keine wirksamen Maßnahmen gegen die steigenden Femizidraten. Immer wieder äußerte er sich verharmlosend oder realitätsverleugnend.

Das Vertrauen in Politik und System haben viele der Demonstrant*innen offensichtlich verloren. „Das Patriarchat wird nicht fallen, wir werden es niederreißen“, heißt es auf Plakaten. Der Konsens unter den 75.000 Demonstrierenden an diesem 8. März ist klar: Veränderung muss selbst in die Hand genommen werden. Auf ihrem Weg zum zentralen „Zócalo“-Platz schreien sie Parolen, singen, tanzen, trommeln. Dazwischen finden Performances statt, bei denen sich Frauen auf den Boden legen und ihre Umrisse aufgesprüht werden.

„So große Proteste wie in den letzten zwei Jahren gab es davor nicht“, erzählt Erin, die beim Kollektiv „Pandilla Violette“ aktiv ist. „Hier sieht man, wie viel Macht wir eigentlich haben. Es ist schön zu sehen, dass man in diesem Kampf nicht allein ist.“

Die „violette Bande“ arbeitet vor allem über Soziale Medien, wo Aufklärungsarbeit geleistet und Femizide öffentlich gemacht werden. „Es ist ja einfach zu sagen, dass in Mexiko jeden Tag elf Frauen umgebracht werden“, sagt Erin. „Wir möchten aufzeigen, dass das Menschen sind und nicht nur Zahlen. Und dass es alles andere als normal ist.“ Der Boom Sozialer Netzwerke während der Pandemie hat, so Erin, stark zur Informationsverbreitung beigetragen, auch die Kanäle ihres Kollektivs werden viel mehr genutzt als noch vor zwei Jahren. Die feministische Bewegung sei größer und diverser geworden und hat einiges erreicht: Abtreibungen wurden entkriminalisiert, Gesetze gegen sexuelle Gewalt verabschiedet, Menstruationsprodukte steuerbefreit.

Bittersüße Erfolge, findet Erin: „Wir bewegen uns immer noch in einer feindseligen Umgebung.“ Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt und Femizide stiegen nämlich weiter, für Opfer häuslicher Gewalt spitzte sich die Lage während der Pandemie zu. „Wir kämpfen auch konstant gegen ein politisches System, in dem diese Morde geduldet werden und das einen konservativen Präsidenten hat, dem die Menschenrechte in Wahrheit egal sind“, macht Erin ihrer Kritik an der politischen Führung Luft. „Regeln wie das Recht auf Abtreibung wurden nicht umgesetzt, weil die Politik das wollte, sondern weil Feministinnen wie wir jahrelang dafür gekämpft haben.“

Radikalisierungsschub. Je näher die Demonstrant*innen dem „Zócalo“-Platz kommen, desto radikaler zeigt sich der Protest. Wände werden mit Venussymbolen und Parolen besprüht, Scheiben eingeschlagen. In der Mitte eines Kreisverkehrs streckt eine metallene Frauensilhouette ihre Faust in die Luft – sie wurde wenige Tage zuvor von einem feministischen Kollektiv auf einem leeren Sockel installiert (leer, da die Statue von Christoph Kolumbus 2020 im Zuge von Antikolonialsierungsbewegungen entfernt wurde).

Begleitet wird der Demonstrationszug von hunderten fast ausschließlich weiblichen Polizist*innen. Einige von ihnen tragen Blumen, die sie als Zeichen der Anerkennung von Demonstrierenden überreicht bekommen haben. Doch das Verhältnis zwischen Demonstrant*innen und Polizei zeigt sich nicht überall so solidarisch. Zäune aus schweren Metallplatten umgeben Sehenswürdigkeiten und Regierungsgebäude in der Innenstadt. Auf der Straße, die Richtung Hauptplatz führt, wird einer davon durch die Menge getragen, das Haus dahinter mit feministischen Parolen besprüht.

Vor allem der Regierungssitz „Palacio Nacional“ ist Ziel vieler Protestierender. Hier wurde mit großen weißen Buchstaben „Mexiko Femizid“ auf den Zaun gesprüht. Die Protestierenden treten darauf ein, versuchen, ihn zu überwinden oder mit ausgerissenen Metallpfosten umzurammen. Die Polizist*innen dahinter antworten mit Pfefferspray.

Die feministische Bewegung in Mexiko hat in den letzten Jahren einen Radikalisierungsschub erfahren, der mit der „Glitzerrevolution“ im August 2019 begann. Dem Bekanntwerden eines sexuellen Übergriffs auf eine Jugendliche durch vier Polizisten folgten damals Großdemonstrationen. Bei einer davon wurde ein Sack rosa Glitzer auf einen Sicherheitsminister der Hauptstadt geworfen.

Die Proteste, die folgten, waren radikaler als zuvor und öfter durch zivilen Ungehorsam und Interventionen im öffentlichen Raum geprägt. Das Hinterlassen physischer Zeichen soll den Staat mit der Frage konfrontieren, was er für wichtiger hält: Wahrzeichen und Gebäude oder das Leben seiner Einwohnerinnen, so die Botschaft des Kollektivs „Restauradoras con Glitter“.

Weiterleben. Ein besonders invasives Projekt findet sich wenige Straßen vom Protestzentrum am Zócalo entfernt. Was einst das Büro der nationalen Menschenrechtskonvention war, nennt sich heute „Casa Okupa Kuba“ und ist seit September 2020 von einem feministischen Kollektiv des sogenannten „Bloque Negro“, also des „Schwarzen Blocks“ besetzt. Es dient als anarchistisches Zentrum und Zufluchtsort für Frauen und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt wurden.

Eine der Bewohner*innen ist Uve. Sie stammt aus der Stadt Juarez in Chihuahua, die in den 1990er-Jahren traurige Berühmtheit erlangte – hunderte Frauen jährlich wurden dort entführt und ermordet. „Wenn man in so einer Stadt aufwächst, weiß man einfach, dass sich in diesem Land etwas verändern muss“, erklärt Uve, warum sie sich dem Bloque Negro angeschlossen hat. „Ein Leben, in dem man keine Angst haben muss, umgebracht zu werden, weil man eine Frau ist – das ist alles, was wir möchten.“

Vor zwei Jahren wurden erstmals Schuldige der Morde in Juarez vor Gericht gestellt. Doch noch immer verschwinden in der Grenzstadt regelmäßig Frauen, und die Femizidrate im ganzen Land steigt ebenso wie Anzeigen häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe. „Wenn politische Maßnahmen nicht funktionieren, muss man anscheinend etwas anderes machen. Das hier ist etwas anderes“, erklärt Uve die Hausbesetzung. „Ich denke, wie radikal ein Protest sein muss, hängt von seinen Zielen ab. Unser Ziel ist unser Überleben.“ Bei ihren Aktionen gehe es nicht darum, Gewalt ausüben zu wollen, im Gegenteil: „Alle unsere Aktionen basieren auf einer tiefen Liebe zum Leben.“

Stärker im Kollektiv. Als Uve sich dem Bloque Negro anschloss, hatte sie nur wenige Erwartungen. „Das Einzige, was ich wusste, ist, dass es mir besser geht, wenn ich von anderen Frauen umgeben bin.“ Das Leben im Kollektiv helfe ihr, mit der schmerzvollen Realität umzugehen. „Hier kann man über seine Sorgen sprechen und sie gemeinsam konfrontieren.“

Vor allem möchten die Feminist*innen mit ihrer Besetzung jedoch ein Zeichen setzen. „Wir übernehmen den Platz, den politische Autoritäten einnehmen, die ihre Arbeit nicht machen. Das ist ein sehr starkes Symbol. Es bedeutet, dass die elitäre politische Klasse, die in diesem Land etabliert ist, gehen muss.“ Doch laut Uve herrscht in mexikanischen Medien Schweigen über die Besetzung. Nationale Nachrichten berichten kaum über Projekte wie dieses. „Wenn sie nicht darüber reden, existieren sie nicht.“ Dass die Politik sich für ihre Interessen einsetzen würde, glaubt Uve mittlerweile nicht mehr. Auf die Frage, was ihre Forderungen an die Regierung seien, antwortet sie: „Nichts. Man kann von denen nichts fordern.“ Die Politiker*innen seien nicht am Wohl der Bevölkerung interessiert, zu elitär sei die politische Klasse, fehlend die Verbindung zwischen Politik und Bevölkerung. „Wir wollen gar keine Regierung“, sagt sie lachend. Die Hoffnung hat Uve trotzdem nicht aufgegeben. „Sag deinen Leser*innen, dass wir Frauen in Mexiko uns wehren. Wir werden für unsere Leben kämpfen.“ •

Anika Haider hat in ganz Mexiko verschiedene feministische Bewegungen kennengelernt – ein unschlagbarer Kampfgeist und Solidaritätsgedanke eint sie alle.

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Online-Aktivismus –das aktivistische Potenzial Sozialer Medien https://ansch.4lima.de/online-aktivismus-das-aktivistische-potenzial-sozialer-medien/ https://ansch.4lima.de/online-aktivismus-das-aktivistische-potenzial-sozialer-medien/#respond Fri, 20 May 2022 09:01:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=71632 Warum entscheiden sich immer mehr Menschen dazu, ihren Aktivismus ins Internet zu verlegen? Wir haben sieben Aktivist*innen gefragt, was sie motiviert und welche Gefahren der Online-Aktivismus birgt. Hami@hamidala_ auf Instagram Für mich haben Soziale Medien eine wichtige Bedeutung, denn sie sind eine gute Möglichkeit für gesellschaftliche und politische Teilhabe. Insbesondere für marginalisierte Menschen wie mich, […]]]>

Warum entscheiden sich immer mehr Menschen dazu, ihren Aktivismus ins Internet zu verlegen? Wir haben sieben Aktivist*innen gefragt, was sie motiviert und welche Gefahren der Online-Aktivismus birgt.

Hami
@hamidala_ auf Instagram

Für mich haben Soziale Medien eine wichtige Bedeutung, denn sie sind eine gute Möglichkeit für gesellschaftliche und politische Teilhabe. Insbesondere für marginalisierte Menschen wie mich, deren Stimmen sonst nicht gehört werden.

Öffentliche Diskurse wurden lange Zeit von Menschen in Politik und Medien bestimmt. Diese Menschen gehören oftmals zur weißen Mehrheitsgesellschaft, sind cis Personen ohne Behinderung. Mithilfe Sozialer Medien haben marginalisierte Personen die Möglichkeit, ihre Lebensrealitäten aufzuzeigen und öffentliche Diskurse mitzugestalten. Und das ist auch gut so. Außerdem kann ich mich außerhalb meiner lokalen Grenzen mit Menschen vernetzen, die eine ähnliche Lebensrealität haben wie ich. Das finde ich unglaublich empowernd.

Ich habe allerdings Schwierigkeiten damit, mich selbst als Aktivistin zu bezeichnen. Ich setze mich für bestimmte Themen ein, weil ich keine Wahl habe. Meine Migrationsgeschichte und der Fakt, dass ich ein rassifizierter Mensch bin, machen mich unfreiwillig aktivistisch. Deshalb erzähle ich meine Geschichte, und wenn das andere dazu ermutigt, ihre eigenen Geschichten zu teilen, dann freut mich das.

Ich finde es schwierig, dass auf Social Media Erwartungshaltungen an Menschen gerichtet werden, die sie als einzelne Personen unmöglich erfüllen können. Ich weiß, dass ich mit meiner Reichweite viele Menschen erreiche, und der Verantwortung bin ich mir auch bewusst. Dennoch sehe ich mich nur als eine Stimme von vielen. Wenn wir echte Veränderung wollen, dann müssen viele Menschen ihre Stimmen nutzen.

Wer die Möglichkeit hat, auf die Straße zu gehen, sollte das auch tun – und auch solidarisch denen gegenüber sein, die diese Möglichkeit eben nicht haben. Online-Diskurse können sehr schnelllebig sein. Ein wichtiges Thema löst das andere ab, man geht eigentlich nie so richtig in die Tiefe. So arbeitet man sich an tagespolitischen Ereignissen ab, anstatt das große Ganze zu sehen.

Berfin
@berfin.marx auf Instagram

Soziale Netzwerke sind ein guter Ort, um Themen zu behandeln, die von etablierten Medien weitgehend ignoriert werden. Als George Floyd in den USA von einem Polizisten ermordet wurde, konnte man sehr gut beobachten, dass es in erster Linie Online-Aktivist*innen waren, die dem Thema eine so große Plattform ermöglicht haben. Millionen Menschen haben sich international organisiert und gegen rassistische Polizeigewalt demonstriert. Die sozialen Medien haben der „Black Lives Matter“-Bewegung eine Reichweite ermöglicht, die sie durch Mainstream-Medien niemals bekommen hätten. Marginalisierte Personen haben die Möglichkeit, Druck auszuüben und ihren Perspektiven Gehör zu verschaffen.

Aktivist*innen können sich vernetzen, nicht nur lokal, sondern international. So können ganze Netzwerke, Organisationen und Bewegungen entstehen. Ich versuche, meine Reichweite auf Social Media vor allem dafür zu nutzen, mein akademisches Wissen aus dem Studium einfach, kurz und zugänglich für meine Follower aufzubereiten und sie so in Themen wie Klassismus, Feminismus und Antirassismus einzuführen.

Allerdings muss Content auf Instagram, Tik Tok und Co oft kurz und prägnant gestaltet werden, um mit der schnelllebigen Funktionsweise der Plattformen mithalten zu können. Für eine intensivere Auseinandersetzung reicht ein Insta-​Post allein oft nicht.

Quellenangaben sind wichtig, um transparent zu machen, woher die Infos kommen, auf die ich Bezug nehme. Und um interessierten Follower*innen die Möglichkeit zu geben, sich näher mit den Themen auseinanderzusetzen. Das ist auch zentral im Kampf gegen Fake News, die sich auf Social Media rasant verbreiten.

S. Kerschhaggl
@sussgottin auf Instagram

Meine Politisierung hat im Internet begonnen. Ich bin online auf Menschen gestoßen, die in ihrem Denken linker, feministischer und antirassistischer waren als ich. In meiner Jugend hatte ich zu vielen Themen eine Meinung, die ich aus heutiger Sicht sehr problematisch finde. Von Feminismus habe ich nicht viel gehalten, stattdessen habe ich mich oft auf der Seite von „Männerrechtlern“ positioniert. Ganz, ganz übel. Nach Wien zu ziehen und im Internet unterwegs zu sein waren für mich der Einstieg ins Linkssein.

Bildungsarbeit und Awareness-Arbeit ist über das Internet am allerbesten zu machen. Du kannst dich auch vor eine Uni stellen und versuchen auf dein Thema aufmerksam zu machen, aber wie viele bleiben da stehen, um dir zuzuhören?

Mit kurzen Beiträgen im Internet lassen sich schneller mehr Menschen erreichen. Da beginnt auch schon das Problem: Erklärende Online-Beiträge müssen vereinfacht und kurz gehalten werden, weil sonst kaum jemand die Lust hat, sich das anzusehen.

Ich kann mich an einen meiner am besten recherchierten Beiträge erinnern. Das war eine Zusammenfassung einer Seminararbeit und hatte weitaus mehr Text als meine üblichen Beiträge. Und obwohl er so gut recherchiert war, hat sich niemand den Beitrag angesehen. Er war einfach zu lang und zu komplex, um als Insta-Beitrag gut anzukommen.

Es sind nun mal kapitalistische Plattformen. Wir können sie nutzen, um linke, feministische Inhalte zu teilen. Aber damit sie auch ankommen, gelesen und geteilt werden, müssen wir nach deren Regeln spielen. Der Content muss auch den ästhetischen Ansprüchen der Plattformen gerecht werden. Ein guter Post ist ästhetisch, einfach zu verstehen und schnell zu lesen. Ansonsten wird er von den Algorithmen der Plattformen nicht gepusht.

Camila
@redefineracism auf Instagram

Was mich dazu motiviert hat, Online-Aktivismus zu starten? Ich kann es nicht eindeutig beantworten. Im Vordergrund stehen aber Diskriminierungserfahrungen, die ich insbesondere mit Rassismus machen musste.

Ich habe immer schon den Drang verspürt mich politisch zu engagieren, zu organisieren und mich zu vernetzen. Aber ich habe dafür nie den richtigen Rahmen oder den Raum dafür gefunden. Für mich ist Social Media ein selbstbestimmter Raum, den ich für mich selbst gestalten kann. Letztendlich war ich immer schon ein Mensch mit vielen Ideen im Kopf. Ich möchte sie umsetzen, ohne dabei in einer Institution von anderen Personen oder Hierarchien abhängig zu sein. Vermutlich war es neben der Diskriminierungserfahrung also auch meine Kreativität, die mich dazu bewegt hat, online aktiv zu werden.

Neben all den Vorteilen sehe ich auch Nachteile, etwa die Abhängigkeit von den jeweiligen Plattformen und ihren Funktionsweisen. Aber auch die Härte, in der Shitstorms online ausfallen können. Leider kommen diese dann nicht nur von ignoranten Menschen oder Gegenbewegungen, sondern ab und an auch aus der eigenen Bubble. Wenn Menschen sich auf den Plattformen toxisch verhalten, kann das beängstigend sein.

Trotz allem – die Arbeit auf Social Media macht mir Spaß. Sie erfüllt mich und ich kann mich mit tollen Menschen vernetzen und austauschen. Vor allem habe ich das Gefühl, dass der Aktivismus wirklich etwas in der Welt bewirken und verändern kann.

Julia
@trinksaufmich auf Instagram

Ich bin tatsächlich schon sehr lange online unterwegs und versuche dort über Feminismus und LGBTQ-Themen aufzuklären. Lange war mir gar nicht bewusst, dass man das, was ich tue, auch als Aktivismus bezeichnen könnte. Ich habe schon mit 15 angefangen meine Meinung zu politischen Themen im Internet zu teilen – natürlich nicht mit dem Wissen, das ich heute habe. Es war mir einfach immer schon wichtig, meine Meinung äußern zu können, da bieten sich Soziale Medien an.

Vor ein paar Jahren hat mich ein Mädchen beim Feiern angesprochen. Sie hat mir erzählt, wie schön sie die Beziehung zwischen meiner Freundin Ebru und mir findet und gefragt, wie wir uns denn beide geoutet hätten. Wir haben uns an diesem Abend lange unterhalten. Irgendwann hat sie sich selbst bei ihren Eltern geoutet und mir danach geschrieben, dass ihr unser Gespräch dabei geholfen hat, diesen Schritt zu gehen. Und das war der Moment, der mich dazu motiviert hat, online übers Queersein, über meine Beziehung zu sprechen. Die Idee war es einfach, sichtbar zu sein und dadurch anderen Queers zu helfen.

Dafür eignen sich Plattformen wie Twitter und Instagram perfekt, weil ich meinen Content von zu Hause aus ganz einfach machen kann und damit viele Menschen schnell erreiche.

Andererseits ist es so, dass die Plattformen aktivistischen Content eigentlich nicht so gerne sehen. Es ist ärgerlich zu wissen, dass Instagram und Tik Tok Aktivist*innen stark einschränken, sobald sie bestimmte Themen ansprechen, oder dass Frauen sich nicht so freizügig wie Männer zeigen können. Andererseits genügt es, wenn ich bloß eine Person mit meinen Inhalten dazu bringen kann, sich mehr mit feministischen Inhalten auseinanderzusetzen.

Sophia
@die_millennial auf Instagram

Ich habe mit Instagram-Aktivismus angefangen, als ich gerade im Ausland war. Und Instagram war da meine Möglichkeit. Ich wollte ausprobieren, ob es mir überhaupt Spaß macht, Content auf Instagram zu produzieren und ob das auch funktioniert.

Viele Menschen haben aus verschiedensten Gründen nicht die Ressourcen, sich offline aktivistisch einzusetzen. Sei es aufgrund von psychischer Erkrankung und Behinderung, oder weil sie Menschen pflegen oder Kinder haben. Für sie ist es oft nicht möglich, an Demos teilzunehmen. Online können sie trotzdem sichtbar werden und Diskurse mitgestalten.

Deshalb regt es mich auch auf, wenn Aktivismus auf Social Media pauschal kritisiert und runtergemacht wird. Das wird dem Ganzen nicht gerecht.

Ich selbst komme aus einem ziemlich kleinen Dorf und war gefühlt die einzige queere Person dort, von der ich wusste. Im Internet wurde ich dann politisiert und konnte mir eine große Community aufbauen und sehr viel dazulernen. Soziale Medien geben meiner Stimme also einen Raum – und ich profitiere auch finanziell davon. Einerseits arbeite ich journalistisch, da hilft mir so eine Reichweite sehr. Andererseits gehe ich auch Werbekooperationen ein. Das heißt ich verdiene mit Social Media auch Geld.

Hier muss ich mir auch selbst die Frage stellen: Inwiefern wird aktivistischer Content verwässert und monetarisiert? Ich denke und hoffe, dass ich den Bogen aktuell gut spanne, aber es bleibt eine Frage, mit der ich mich laufend auseinandersetzen muss.

Kim
@antiflirting2 und
@viel.leicht auf Instagram

Ich bin Internet-Aktivistin, weil ich die Macht von Social Media erkenne und nutzen möchte. Ich selbst habe vor allem durch Social Media zu politischen Themen gefunden. Online habe ich Aktivist*innen gesehen, die ihre Wut in Social Media und auch Offline-Aktivismus stecken. Dieses Ventil, um meiner Wut Ausdruck zu verleihen, hatte mir immer gefehlt. Ich möchte meine Plattform vor allem dafür nutzen, marginalisierten Personen eine Stimme zu geben. Dafür eignen sich Social-Media-Plattformen gut.

Allerdings ist es auch so, dass bestimmte Inhalte von den Plattformen selbst zensiert werden. Shadowbanning ist dabei ein großes Problem, weil vor allem Inhalte aktivistischer Personen in ihrer Reichweite eingeschränkt und vom Algorithmus verborgen werden.

Das ist oft frustrierend. Antiflirting, die Instagram- Seite, die ich mache, wurde einmal komplett gelöscht und wir mussten völlig von vorne anfangen. Es ist ernüchternd zu sehen, wem die Stimme von den Plattformen gegeben wird, und wem sie genommen wird.

Internet-Aktivist*innen werden außerdem oft belächelt oder ihnen wird der Aktivismus sogar abgesprochen. Natürlich werden ein paar Info-Posts allein die Welt nicht verändern und auf zehn Instagram-Slides kann man ein Thema nicht in all seiner Tiefe behandeln. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich mich auch ohne Social Media politisiert hätte. Social Media hat die Politisierung auf jeden Fall beschleunigt. Und das ist bei vielen Menschen so.

Ich habe auf meinem privaten Account über 6.000 Follower – so viele Menschen würde ich auf der Straße niemals erreichen. Auf Social Media geht das, und man kann diese Reichweite nutzen, um aufzuklären. Vielleicht notwendigerweise etwas oberflächlich und nur zur Einführung in die Thematik. Aber die Mischung macht’s. Auf Social Media kann man die Menschen begeistern und mit ins Boot holen, und hoffentlich organisieren sie sich dann selbst.

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„Die Kleinfamilie war immer schon eine Lüge“ https://ansch.4lima.de/die-kleinfamilie-war-immer-schon-eine-luege/ https://ansch.4lima.de/die-kleinfamilie-war-immer-schon-eine-luege/#respond Fri, 20 May 2022 08:49:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=71628 In ihrem neuen Buch schreibt Autor*in und Aktivist*in Laurie Penny über den antifeministischen Backlash und eine sexuelle Revolution, die nicht aufzuhalten ist. Verena Kettner hat sie in Wien zum Gespräch getroffen. an.schläge: Aus einer feministischen Perspektive zu schreiben bedeutet auch auf andere Formen von Wissen, beispielsweise auf verkörpertes Wissen oder Erfahrungen, zurückzugreifen. Welche Rolle spielt […]]]>

In ihrem neuen Buch schreibt Autor*in und Aktivist*in Laurie Penny über den antifeministischen Backlash und eine sexuelle Revolution, die nicht aufzuhalten ist. Verena Kettner hat sie in Wien zum Gespräch getroffen.

an.schläge: Aus einer feministischen Perspektive zu schreiben bedeutet auch auf andere Formen von Wissen, beispielsweise auf verkörpertes Wissen oder Erfahrungen, zurückzugreifen. Welche Rolle spielt Ihr Aktivismus in Ihren Büchern?

Laurie Penny: Ich versuche immer, auch persönliche Erfahrung in meine Bücher zu bringen. Es ist bei allen Arten der Wissensproduktion sehr wichtig, sie in ihrem historischen und sozialen Kontext zu betrachten. Frauen wird beispielsweise beigebracht, ihre Erfahrungen nicht als Fakten zu interpretieren, sondern als Gefühle, die weniger wichtig ist. Wütende weiße Männer hingegen mussten nie lernen, Gefühle und Fakten auseinanderzuhalten, weshalb sie einerseits auf ihre Rationalität pochen können und andererseits ihre eigenen gefühlsgeleiteten Handlungen gar nicht als solche wahrnehmen. Diese unbeleuchteten Flecken aufzudecken ist Teil meines Schreibens und auch meines neuen Buches.

Glauben Sie, dass Emotionen wie Wut, wie wir sie beispielsweise in der #MeToo-Bewegung gesehen haben, feministische Bewegungen über einen längeren Zeitraum hinweg nähren können?

Ja, durchaus. Ich denke, dass Wut sehr mächtig sein kann. Die eigentliche Frage ist allerdings, was wir mit der Wut tun – und mit all den anderen Gefühlen wie Traurigkeit oder Verzweiflung. Und wo und wann kann auch Freude zugelassen werden in Bewegungen? Ich denke, dass Freude die Emotion ist, die momentan am wenigsten erforscht und diskutiert wird. Es wäre wichtig, auch ihr mehr Raum zuzugestehen. Was die Wut betrifft, wäre es falsch, alle Handlungen so zu setzen, wie sie sich aus dem Affekt heraus gerade richtig anfühlen. Wenn Wut aber mit einer gewissen Reflexion begegnet wird, kann sie mobilisierend wirken.

In einem Interview haben Sie die heteronormative Kleinfamilie einmal als „lächerliche Sache“ bezeichnet. Was macht sie so lächerlich?

Die nukleare heteronormative Familie ist eine historische Verkürzung. Sie ist schlichtweg Bullshit. Die soziale Norm der Zwei-Generationen-Familie, bestehend aus einem Mann, einer Frau und 1,5 Kindern, die in ihrem Eigentum zusammenleben, traf nur für etwa eineinhalb Dekaden auf die Mehrheit der angelsächsischen Bevölkerung zu, und das war direkt nach dem Krieg. In allen anderen Zeiten lebten die meisten Menschen ganz anders, beispielsweise in Mehrgenerationenhaushalten oder Single-Haushalten. Aber selbst in den 1950ern und 1960ern war diese Norm nur für weiße Haushalte Realität, die sich oft die Arbeitskraft von Schwarzen Frauen kauften, um das Bild der perfekten Kleinfamilie aufrechtzuerhalten. Die Erzählung der Kleinfamilie war also immer schon eine Lüge. Heute ist sie sogar noch schwieriger zu erreichen, wenn wir uns die aktuellen Löhne und Wohnungspreise ansehen.

Wie könnten Menschen auf andere Weise Familien bilden, zusammenleben und Fürsorge füreinander übernehmen?

Es müsste vor allem andere Möglichkeiten geben, verantwortungsvolle und fürsorgliche Beziehungen kulturell anzuerkennen, die nicht unbedingt romantisch sind. Andere Arten von Familie und Gemeinschaft müssten auch rechtlich abgesichert werden können. Ich bin ein großer Fan von feministischer Science-Fiction, vor allem von Ursula Le Guin. Sie schrieb eine Serie von zwölf Büchern, in denen ganz unterschiedliche Ideen stecken, wie Familie aussehen könnte. In „The Hanish Cycle“ gibt es zwar auch so etwas wie die Ehe, allerdings besteht eine Ehegemeinschaft aus zwei Männern und zwei Frauen, die alle romantische und sexuelle Beziehungen miteinander führen. In einem anderen Buch geht es viel um Vaterschaft, Väter werden auch Brüder der Mütter genannt, was zeigt, dass Eltern nicht unbedingt eine romantische Beziehung miteinander haben müssen. Weder Le Guin noch ich wollen damit sagen, dass wir Beziehungen diesen Ideen folgend leben sollten, aber dass wir es könnten, wenn wir wollten. Das finde ich das Faszinierende an Science-Fiction, sie öffnet Möglichkeiten.

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die sexuelle Revolution. Was ist denn das Neue daran und wie könnte sie besser funktionieren als 1968?

Die sexuelle Revolution von 1968 war vor allem eine der queeren sexuellen Befreiung und der neuen Reproduktionstechnologien, und natürlich auch eine Rebellion gegen die heteronormative Kleinfamilie. Das hauptsächliche Ziel davon war aber leider immer noch sexuelle Freiheit für Männer – Frauen sollten einfach mitmachen. Darauf folgten heftige Reaktionen der feministischen Bewegungen in den 1970er-Jahren. Mittlerweile sehen unsere Bewegungen und Forderungen anders aus, doch eine tatsächliche sexuelle Revolution benötigt ein stärkeres Hinterfragen der gesamtgesellschaftlichen Machtstruktur und des Kapitals. Ansonsten wird sich nicht viel verändern. Heute sehen wir uns mit einem großen rechten und antifeministischen Backlash konfrontiert. Dessen Akteur*innen verlautbaren, dass die sexuelle Revolution der 68er ein riesiger Fehler gewesen sei, dass wir zur monogamen Ehe zurückkehren sollten und dass Scham eine gute Sache sei. Gleichzeitig stecken wir aber schon lange mittendrin. Es ist wichtig zu sehen: Der verstärkte Angriff auf queere und sexuelle Befreiung sowie auf Frauenrechte kommt daher, dass unsere sexuellen sozialen Normen nicht mehr funktionieren und langsam durch neue ersetzt werden. Dagegen bäumen sich Patriarchat und Kapitalismus nochmals mit aller Kraft auf, aber sie haben diesen Kampf längst verloren.

In Ihrem Buch thematisieren Sie auch Sex und Konsens. Was ist aus Ihrer feministischen Perspektive denn guter Sex und welche Rahmenbedingungen brauchen wir, um ihn leben zu können?

Niemand sollte einer anderen Person vorschreiben oder auch nur beschreiben, was guter Sex ist. Guter Sex ist einfach Sex, den du genießt – und natürlich ist er auch immer konsensuell und alle deine involvierten Sex-Partner*innen sollten ihn ebenso genießen. Es gibt nichts „Falsches“ beim Sex unter diesen Bedingungen. Sex ist etwas sehr Weites und Veränderliches: Ich selbst bin beispielsweise nicht besonders kinky, aber dennoch habe ich schon einige wunderbare Nächte in Kink-Clubs genossen, einfach weil ich die Menschen und die Atmosphäre dort sehr anziehend fand. Also ja, guter Sex kann alles sein, was sich gut anfühlt und einvernehmlich ist. Aber schon diese beiden kleinen Dinge sind im heterosexuellen Mainstream-Sex von heute für viele Menschen nicht erreichbar. Momentan gilt alles bereits als guter Sex, wo keine Übergriffe und Vergewaltigungen vorkommen. Das sollten wir echt besser hinbekommen. Das müssen wir besser hinbekommen. •

Laurie Penny: Sexuelle Revolution. Rechter Backlash und feministische Zukunft
Edition Nautilus, 2022, 24.95 Euro

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In den Uterus regieren https://ansch.4lima.de/in-den-uterus-regieren/ https://ansch.4lima.de/in-den-uterus-regieren/#respond Fri, 20 May 2022 08:43:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=71623 „Ein Teil von mir denkt: Das ist eine verdammte Katastrophe. Aber der andere Teil von mir wusste, dass es passieren würde“, formuliert es Autorin und Aktivistin Mona Eltahawy im „Guardian“. Fünfzig Jahre habe die christliche Rechte darauf hingearbeitet, nun stehen sie kurz vor einem historischen Triumph: Wie ein Supreme-Court-Leak Anfang Mai zeigte, könnte das Grundsatzurteil […]]]>

„Ein Teil von mir denkt: Das ist eine verdammte Katastrophe. Aber der andere Teil von mir wusste, dass es passieren würde“, formuliert es Autorin und Aktivistin Mona Eltahawy im „Guardian“. Fünfzig Jahre habe die christliche Rechte darauf hingearbeitet, nun stehen sie kurz vor einem historischen Triumph: Wie ein Supreme-Court-Leak Anfang Mai zeigte, könnte das Grundsatzurteil Roe v. Wade und damit das geltende Abtreibungsrecht in den USA bald Geschichte sein. In zahlreichen republikanisch regierten Bundesstaaten warten restriktive Gesetze bereits auf ihre Umsetzung – Gesetze, die den Schwangerschaftsabbruch massiv einschränken oder gleich ganz verbieten würden.

Die USA ständen vor einem Schritt zurück in die Zeit der blutigen und lebensgefährlichen Hinterhof-Abtreibungen, wie es die – wütende – demokratische Senatorin Elizabeth Warren formulierte. Abtreibungsverbote, das wissen wir auch in Österreich, verhindern keine Abtreibungen, sie gefährden vielmehr die Gesundheit und das Leben ungewollt Schwangerer. Und diese Risiken sind keineswegs gleich verteilt: Entsprechende Gesetze werden in den USA ungewollt Schwangere aus der Arbeiter*innenklasse treffen, queere und Schwarze Frauen und Frauen of Color. All jene, die nicht über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen, die ihren Arbeitsplatz nicht einfach für mehrere Tage verlassen können, um in einen anderen Bundesstaat zu fliegen, stehen vor gewaltigen Hürden.

Von tatsächlicher reproduktiver Gerechtigkeit sind die USA schon jetzt weit entfernt, Rassismus und Klassismus sind in das lückenhafte Gesundheitssystem eingeschrieben.

Seit Jahren steigt die ohnehin hohe Müttersterblichkeit. Auf 100.000 Lebendgeburten kamen 2020 23.8 Todesfälle, die im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt standen, bei Schwarzen Frauen ist die Rate dreimal so hoch.

Der aktuelle Fall wirkt aber auch weit über die USA hinaus: Christlich-fundamentalistische und rechte Kräfte werden sich gestärkt sehen in ihrem Kreuzzug gegen Frauenrechte, ihre Netzwerke sind auch in Europa, in Österreich und Deutschland bestens verankert. Politisch darf das nicht länger kleingeredet werden: Am feministischen Kampf dafür, Schwangerschaftsabbrüche als normale Gesundheitsleistung zu etablieren, müssen alle jene mitwirken, die sich nicht in die Reihen der scheinheiligen „Pro Life“-Fraktion einordnen wollen.

Politisch existieren einige Baustellen. In Deutschland kommen Reformen trotz Aufbruchsstimmung in der Ampelkoalition nur schleppend voran, in Österreich interessiert sich die Regierung wenig dafür, dass der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch in vielen Bundesländern äußerst lückenhaft ist. Obwohl die Abtreibungspille Mifegyne mittlerweile auch von niedergelassenen Gynäko­log*innen abgegeben werden darf – ein wichtiger gesundheitspolitischer Schritt – habe sich die Versorgung in der Praxis kaum verbessert, recherchierte Eja Kapeller im vergangenen Sommer für den „Standard“. Statistische Erhebungen fehlen, der Absatz des Medikaments sei nicht gestiegen, teilte der Zulassungsinhaber mit. In Deutschland schlagen Ärztinnen schon lange Alarm: Junge Kolleginnen, die Schwangerschaftsabbrüche in der eigenen Praxis durchführen, würden fehlen. Selbst liberale Gesetze nützen wenig, wenn die gesundheitliche Versorgung ungewollt Schwangerer nicht auch in der Praxis sichergestellt wird.

Aber auch innerhalb feministischer Bewegungen muss mehr Bewusstseinsarbeit geleistet werden. In jeder Debatte zum Recht auf Abtreibung tauchen – vermutlich in bester Absicht geäußerte – Argumente auf, ein Schwangerschaftsabbruch sei stets eine unglaublich schwierige Entscheidung und ein einschneidendes Erlebnis. Kann sein – muss aber nicht. In der berühmten US-amerikanischen Turnaway-Studie gaben ganze 95 Prozent der Befragten fünf Jahre nach dem durchgeführten Eingriff an, dass die Abtreibung für sie die richtige Entscheidung gewesen sei. „Wir sind niemandem eine Erklärung oder einen Grund für unsere Abtreibung schuldig. Genauso wie wir drauf bestehen, das Szenario des ‚würdigen Opfers‘ bei sexuellen Übergriffen abzulehnen, müssen wir auch die ‚würdige Empfängerin‘ einer Abtreibung ablehnen“, twitterte Mona Eltahawy. •

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Feminist Superheroines: Milena Rudnyzka https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-milena-rudnyzka/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-milena-rudnyzka/#respond Fri, 20 May 2022 08:40:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=71611 Milena Rudnyzka (1892–1976) war eine Frauenrechtlerin und Autorin. Nach ihrem Studium in Wien lebte und arbeitete sie in Lwiw im damaligen Polen. 1929 wurde sie Vorsitzende der Union ukrainischer Frauen, gab die Zeitschrift „Zhinka“ (Frau) heraus und organisierte 1934 den ersten Ukrainischen Frauenkongress. Als Abgeordnete der Ukrainischen National-Demokratischen Allianz im polnischen Parlament kämpfte sie gegen […]]]>

Milena Rudnyzka (1892–1976) war eine Frauenrechtlerin und Autorin. Nach ihrem Studium in Wien lebte und arbeitete sie in Lwiw im damaligen Polen. 1929 wurde sie Vorsitzende der Union ukrainischer Frauen, gab die Zeitschrift „Zhinka“ (Frau) heraus und organisierte 1934 den ersten Ukrainischen Frauenkongress. Als Abgeordnete der Ukrainischen National-Demokratischen Allianz im polnischen Parlament kämpfte sie gegen die „Große Hungersnot“ („Holodomor“), die 1932/33 fast vier Millionen Ukrainer*innen das Leben kostete. 1939 ging sie ins Exil. Sie verfasste mehr als sechzig Publikationen zu Bildungs-, Kultur- und feministischen Themen, und 1958 das Buch „Fighting for the truth about the Great Famine“ als Antwort auf die sowjetische Leugnung des „Holodomor“. ahn

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