III/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 18 Apr 2022 15:38:16 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png III/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 World’s Worst Feminist. https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist/#respond Mon, 18 Apr 2022 15:18:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=68653 ]]>
]]>
https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist/feed/ 0
positionswechsel: Sprachlos https://ansch.4lima.de/positionswechsel-sprachlos/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-sprachlos/#respond Mon, 18 Apr 2022 15:13:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=68648 Mona Elvert Ich stehe auf Dirty Talk – theoretisch. In meiner Vorstellung ist es wahnsinnig hot, beim Sex von meinem Partner zu hören, was ihn gerade anmacht: Wie ich aussehe, wie ich rieche, wie ich mich anfühle. Dass ich schwitze, dass ich laut bin, dass meine Vulva tropft. Und auch ich stöhne meinem Partner ins […]]]>

Mona Elvert

Ich stehe auf Dirty Talk – theoretisch. In meiner Vorstellung ist es wahnsinnig hot, beim Sex von meinem Partner zu hören, was ihn gerade anmacht: Wie ich aussehe, wie ich rieche, wie ich mich anfühle. Dass ich schwitze, dass ich laut bin, dass meine Vulva tropft. Und auch ich stöhne meinem Partner ins Ohr, was ich an ihm heiß finde und was ich als nächstes will.

In Wirklichkeit bin ich beim Sex oft sprachlos. Als Mädchen und Frau habe ich gelernt, mich für meine Lust, meine Wünsche und Fantasien zu schämen. An starken Tagen schaffe ich es, mich davon zu befreien. Aber wenn ich dann beschreiben will, was ich genau möchte, fallen mir nur Wörter ein, die ich nicht benutzen will. Zwischen ihnen stecke ich fest. Es gibt technische oder medizinische Begriffe, die sich viel zu steril für meinen Sex anfühlen: Niemand soll mich fragen, ob er sein „Glied einführen“ darf, cringe! Und es gibt viele Worte, die ich erniedrigend, respektlos und eklig finde. Fotze. Titten. Die Sprache, die ich habe, kommt aus den einzigen Bereichen, in denen diese verschämte Gesellschaft mir Worte für Sex gegeben hat: aus dem Biounterricht und aus den frauenfeindlichen Pornos, die ich als Teenie heimlich anschaute. Dazwischen klafft eine riesige Lücke. Mir fehlt ein Vokabular, das ich mag. Das aufregend und verrucht ist; liebevoll, aber nicht kitschig.

Also habe ich neulich meinen Mut zusammengenommen und mit meinem Freund darüber gesprochen. Ich wollte mit ihm unseren eigenen Sexwortschatz kreieren und habe erzählt, welche Worte ich mag und welche nicht. Er hat mir zugehört, ohne selbst viel zu sagen. Seitdem sagt er mir beim Sex Dinge, die mich wahnsinnig heiß machen. Ich aber bin weiterhin sprachlos. Denn er hat mir nie rückgemeldet, wie er meine Wörter findet und welche er selbst mag. Ihm fällt es seit unserem Gespräch leichter, Wörter einfach auszuprobieren. Aber meine Scham ist so groß, dass ich erst mehr Feedback brauche, bevor ich mich sicher fühle. Danke, weibliche Sozialisation! Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich werde ein neues Gespräch anstoßen.

Mona Elvert freut sich über anonyme Leser*innenbriefe mit Empfehlungen für den schönsten Dirty Talk: tinyurl.com/2p997n72

]]>
https://ansch.4lima.de/positionswechsel-sprachlos/feed/ 0
leib & leben: Machtkampf um meine Würde https://ansch.4lima.de/leib-leben-machtkampf-um-meine-wuerde/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-machtkampf-um-meine-wuerde/#respond Mon, 18 Apr 2022 15:08:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=68644 Julischka Stengele Eine fremde Stadt. Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf die Linie, die mich zu meinem Ausflugsziel bringen soll. Ich sitze einfach da und ruhe meinen müden Körper aus. Mehr hat es an diesem Tag nicht gebraucht, um einen Gewaltkreislauf in Gang zu bringen. Nur meine bloße Existenz, wieder einmal. Die drei […]]]>

Julischka Stengele

Eine fremde Stadt. Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf die Linie, die mich zu meinem Ausflugsziel bringen soll. Ich sitze einfach da und ruhe meinen müden Körper aus. Mehr hat es an diesem Tag nicht gebraucht, um einen Gewaltkreislauf in Gang zu bringen. Nur meine bloße Existenz, wieder einmal.

Die drei jungen Erwachsenen, die schamlos eine plumpe Beleidigung nach der anderen in mein Gesicht abfeuern und sich vor Lachen über meinen dicken Körper kaum halten können, stehen zwei Meter von mir entfernt. Es ist so unverfroren, so nah und anhaltend, dass ich es nicht länger über mich ergehen lassen will und die Konfrontation suche.

In der Regel habe ich bei Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Die Täter rechnen oft nicht mit Gegenwind. Durch mein aktives, selbstbewusstes Verhalten sind sie meist schnell entwaffnet und treten eingeschüchtert den Rückzug an.

An diesem Tag aber ging der Schuss nach hinten los. Meine spontane Verteidigung ist aggressiv, ich antworte auf ihre Gewalt mit Gegengewalt. Sie lassen sich nicht davon beeindrucken. Beide Seiten erhöhen ihre Einsätze. Worte steigern sich zu ein paar Handgreiflichkeiten. Die Situation löst sich nicht auf, niemand räumt das Feld. Ich fühle mich hilflos in diesem Machtkampf um meine Würde und verbringe die letzten Minuten unter anhaltenden Beleidigungen schweigend damit, ihnen mit meiner körperlichen Präsenz unangenehm zu sein. Wenigstens das.

Der Bus, in den die drei einsteigen, bringt keine Erlösung, sondern eine weitere Eskalation. Einer versetzt mir von drinnen unter lautem Gebrüll zwei heftige Tritte in den Bauch. Dann schließen sich die Türen.

Ich verbleibe mit einem seltsamen Gefühls­cocktail. Es ist mir nicht gelungen, meine Demütigung zu unterbinden. Ich bin traurig und unzufrieden über den verlorenen Kampf. Das angekratzte Ego schmerzt mehr als der Fußtritt.

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien. Sie weiß jetzt, dass es für Gruppen eine andere Strategie braucht als für Einzelpersonen. Sie ist es müde, zu wiederholen, dass #fatliberation nicht heißt: „Bikinis für alle“, sondern Gewaltprävention auf allen Ebenen.

]]>
https://ansch.4lima.de/leib-leben-machtkampf-um-meine-wuerde/feed/ 0
Fehldiagnosen, Verharmlosungen, Übergriffe https://ansch.4lima.de/fehldiagnosen-verharmlosungen-uebergriffe/ https://ansch.4lima.de/fehldiagnosen-verharmlosungen-uebergriffe/#respond Mon, 18 Apr 2022 15:04:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=68640 Der Twitter-Hashtag #frauenbeimarzt sorgte Anfang des Jahres für Aufruhr. Tatsächlich bringt er bloß einen Bruchteil der schlimmen Erfahrungen ans Licht, die viele bei ärztlichen Behandlungen machen. Wie organisieren sich Feminist*innen dagegen? Von Lea Dora Illmer „Und die Medien bestimmen, wie ich ausseh. Und die Ärzte, sie bestimmen, wann ich draufgeh“, rappt Juju auf ihrem Debütalbum. […]]]>

Der Twitter-Hashtag #frauenbeimarzt sorgte Anfang des Jahres für Aufruhr. Tatsächlich bringt er bloß einen Bruchteil der schlimmen Erfahrungen ans Licht, die viele bei ärztlichen Behandlungen machen. Wie organisieren sich Feminist*innen dagegen? Von Lea Dora Illmer

„Und die Medien bestimmen, wie ich ausseh. Und die Ärzte, sie bestimmen, wann ich draufgeh“, rappt Juju auf ihrem Debütalbum. So polemisch diese Zeilen auf den ersten Blick erscheinen mögen: Sie sind wohl zutreffender, als uns lieb ist.

Am 14. Januar 2022 postete die Twitter-Userin Joanalistin einen Aufruf: „Ich würde gerne sichtbar machen, welche sexualisierten oder erniedrigenden Erfahrungen Frauen bei ihren Arztbesuchen erlebt haben. #frauenbeimarzt“

Über 1.300 Menschen, größtenteils Frauen, kamen dem Aufruf nach. Sie berichteten von Fehldiagnosen und Verharmlosungen, von Grenzüberschreitungen und Übergriffen.

Sich durch die Tweets zu klicken, ist belastend. Sei es, weil sie wütend oder ohnmächtig machen, oder weil wir uns darin wiederfinden. Eine Patientin beschreibt starke Schmerzen im Bauch. Die Reaktion des Arztes: „Was wird das bei Frauen wohl sein? Leg dich halt ins Bett und nimm Schmerzmittel.“ Einige Tage später platzt ihr Blinddarm. Eine andere verspürt Schmerzen nach einer Darmspiegelung mit Adenom-Entfernung. Sie muss über 24 Stunden warten, bevor sie untersucht und ein Loch im Darm entdeckt wird. In ihrer Akte steht vermerkt: „Panikattacke, hysterisch“. Manche Erlebnisse sind subtiler: „Nicht hören. Indirekt belächeln. Eigentlich ignorieren. Sehr viel Man­s­plaining. Mir erklären, wie ich (meine Schmerzen oder Gefühle) zu fühlen habe“, erzählt eine Userin.

Forschungslücke. All diesen Fällen ist gemein, dass die Aussagen von Frauen über ihre Beschwerden und Gefühle nicht oder zu wenig ernst genommen werden. Der sogenannte „Gender Pain Gap“ benennt diese Tatsache. Die Schmerzen von Frauen werden in der westlichen Medizin von ärztlichen Fachpersonen heruntergespielt, nicht (ausreichend) behandelt, als unvermeidbarer Bestandteil des „Frauseins“ angesehen oder gar geleugnet. Das belegte bereits 2001 die Studie der University of Maryland „The Girl Who Cried Pain: A Bias Against Women in the Treatment of Pain“. Im Rahmen der sich seither ganz allmählich etablierenden Gender Medizin wird zum Umgang und der Behandlung von Schmerzen – auch in Bezug auf race und Klasse sowie mit intersektionalem Blickwinkel – geforscht. Rassismus in der Medizin ist im deutschsprachigen Raum erst seit wenigen Jahren ein gesellschaftliches Thema. Es fehlt jedoch auch hier an Zahlen, die Forschungslage ist dürftig. Aktivistische Initiativen, etwa das Bundesfachnetz Gesundheit und Rassismus oder Wir sind auch Wien leisten (über-)lebenswichtige Aufklärungs- und Netzwerkarbeit. Was #frauenbeimarzt klarmachen konnte: In der (ärztlichen) Praxis angekommen sind diese Erkenntnisse noch lange nicht.

Anzüglichkeiten & Übergriffe. Anzügliche Kommentare, fragwürdige Behandlungsmethoden und offenkundige Übergriffe – eine Vielzahl der Tweets berichten auch von sexueller Gewalt. Frauen und genderqueere Menschen, die nicht der Norm und dem Normkörper entsprechen, also nicht weiß, cis, hetero, able-bodied und dünn sind, sind dieser offensichtlich besonders ausgesetzt. Auch hier gilt: Es gibt dazu viel zu wenig Forschung. In Deutschland, Österreich und der Schweiz fehlt es bereits an Zahlen zu Lesbengesundheit. „Ganz ehrlich: Wir wissen noch nicht einmal, wie viele Lesben es in der Schweiz genau gibt“, konstatiert etwa Alessandra Widmer, die Leiterin der LOS (Lesbenorganisation Schweiz) auf an.schläge-Nachfrage. Die LOS wisse zwar, dass es bei der gesundheitlichen Versorgung von Lesben, bisexuellen und queeren Frauen große Probleme gibt, „aber erst 2021 wurden in der Schweiz überhaupt repräsentative Zahlen zur Gesundheit von LGBT-Personen erhoben.“ Die Tweets unter #frauenbeimarzt berichten auch von Fatshaming und Ableismus. Joanalistin schreibt dazu später: „Eine besonders perfide Kategorie ist der Missbrauch von Frauen mit Behinderungen, die mir ihre Erfahrungen nur via DM schrieben, weil so schrecklich.“

Victim Blaiming. Der Auslöser für Joanalistins Frage nach sexualisierten Erfahrungen bei Arztbesuchen war ein Fall aus Wien, bei dem ein Orthopäde nach einem sexuellen Übergriff auf die Patientin freigesprochen wurde. Eine Frage, die im Zuge von #frauenbeimarzt immer wieder auftaucht: Warum kam es nicht zur Anzeige? Auch die Österreichische Ärztekammer betont auf an.schläge-Nachfrage, dass in den vergangenen Jahren nur wenige Beschwerden wegen sexualisierten Übergriffen oder sexistischer Kommentare bekannt gemacht wurden: „Im Sinne eines optimalen und unbeschwerten Behandlungserlebnisses kann nur geraten werden, die entsprechenden Meldemöglichkeiten zu nutzen.“ Aber was, wenn dazu das Vertrauen fehlt?

Sophie Hansal, ab April Geschäftsleiterin und Koordinatorin des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, weist auf an.schläge-Anfrage darauf hin, dass es zahlreiche Gründe gäbe, keine Anzeige zu erstatten. „Patient*innen sind auf die Betreuung durch Ärzt*innen angewiesen – in so einer Situation der Abhängigkeit ist es schwer, sich zur Wehr zu setzen.“ Viele fühlten sich überfordert oder könnten die Situation
nicht gleich einschätzen. „Gerade im ländlichen Raum haben Frauen außerdem manchmal gar keine Auswahlmöglichkeiten in Bezug darauf, welche Kassenärzt*innen sie besuchen“, das gelte besonders für Fachärzt*innen. Die Frage nach der Anzeige geht Hansal zufolge deswegen am Thema vorbei und schiebe die Verantwortung wieder den Betroffenen zu.

Hilfe zur Selbsthilfe. Das Sammeln, Teilen und Sichtbarmachen von Erfahrungen ist eine bewährte feministische Praxis. „Initiativen wie #frauenbeimarzt dienten dazu, strukturelle Gewalt und Herrschaftsverhältnisse ans Licht zu bringen“, betont Sophie Hansal. „Solche Kampagnen können ganz wichtige Signale sein für Personen, die Übergriffe erlebt haben: Es ist nie zu spät über Gewalt oder Diskriminierungserfahrungen zu reden.“ Feministische Gesundheitsbewegungen weisen seit den 1970er-Jahren darauf hin, wie wichtig und bestärkend der Erfahrungsaustausch – damals noch vornehmlich unter Frauen – sein kann. Julia Bonn und Inga Zimprich von der Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe (FGRG) sammeln seit 2015 Wissen aus der Gesundheitsbewegung in West-Berlin. In der sogenannten Frauengesundheitsbewegung entstanden auch die „Hilfe zur Selbsthilfe“, Selbsthilfegruppen und Selbstuntersuchungen. Ein Ziel davon war es, sich Wissen über den eigenen Körper anzueignen, um den ärztlichen Fachpersonen und Hierarchien weniger ausgeliefert zu sein.

„Schwein des Monats“. Erfahrungen wurden aber nicht nur ausgetauscht und gesammelt, sondern auch publiziert. So sollten schwer zugängliche Informationen verfügbar gemacht, Ärzt*innen empfohlen oder vor ihnen gewarnt werden. Das Feministische Frauengesundheitszentrum Berlin (FFGZ) führte beispielsweise eine Kartei, die Ärzt*innen listete, bei denen schlechte Erfahrungen gemacht wurden. In der Selbsthilfezeitschrift Clio, ebenfalls vom FFGZ herausgegeben, wurde in der Rubrik „Schwein des Monats“ jeweils ein übergriffiger oder sexistischer Arzt gekürt.

Das Selbsthilfebuch „Hexengeflüster“, das die Gründerinnen des FFGZ 1975 publizierten, thematisierte etwa „Verbrechen gegen Frauen in der Gynäkologie“. „Von Frauen ihre gynäkologische Geschichte zu hören, ist immer erschütternd und bringt die kalte Wut in uns hoch. (…) Wir sind entschlossen, mit allen Frauen, die sich dafür einsetzen wollen, Informationen über diese Mißbräuche zu sammeln“, ist darin zu lesen. Die Überlegungen von damals erinnern an jene, die Joanalistin zu ihrem Tweet veranlasst haben.

Die Frauengesundheitsbewegung setzte auf zwei Strategien: Das Publikmachen von Erfahrungen und das Teilen und Verbreiten von Wissen und Informationen – seien es Adressen, Kosten, Rechte, Wissen über unsere Körper. Aktivistische Initiativen wie Gynformation oder Queermed knüpfen daran an. Beide haben die händisch geführten Karteien der 70er dahingehend weiterentwickelt, dass nicht mehr bloß auf Sexismus gegen Frauen geachtet, sondern auch auf andere Diskriminierungskategorien und deren Verschränkungen eingegangen wird. Die Ausschlüsse von damals werden heute thematisiert. Was bleibt, ist der Fokus auf subjektive Erfahrungen und der immer noch revolutionäre Ansatz, diese ernst zu nehmen.

Radikal widerständig. Julia Bonn verweist auch auf „Advocacy“, eine aus der Gesundheitsbewegung in den USA stammenden Praxis. Beim Ärzt*innenbesuch setzt man auf eine Begleitperson. Julia erklärt: „Eine Person, die mich daran erinnert, Fragen zu stellen“, aber auch helfen kann bei diskriminierender Ansprache und Behandlung in der Ärzt*in-Patient*in-Situation. Im besten Fall könnten einige Übergriffe so verhindert werden.

Die widerständigen Praxen von damals erscheinen aus heutiger Sicht radikal. Ob öffentliches Denunzieren von Ärzt*innen oder Ratgeber wie „Wege zu Wissen und Wohlstand oder: Lieber krankfeiern als gesund schuften!“, die beim Simulieren von Krankheiten helfen sollten. Darin heißt es: „Gesundheit gibt es nicht in diesem System“. Angesichts von Initiativen wie #frauenbeimarzt, die tatsächlich nur einen Bruchteil von Erfahrungen sichtbar machen, wäre ein bisschen mehr Radikalität wohl wieder angebracht. •

Lea Dora Illmer studiert Philosophie und Gender Studies. Sie forscht in ihrer Masterarbeit zur sogenannten Frauengesundheitsbewegung in der Schweiz.

]]>
https://ansch.4lima.de/fehldiagnosen-verharmlosungen-uebergriffe/feed/ 0
Feminist Anger https://ansch.4lima.de/feminist-anger/ https://ansch.4lima.de/feminist-anger/#respond Mon, 18 Apr 2022 14:53:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=68631 Anfang der 1990er-Jahre sorgte das Roadmovie „Thelma & Louise“ vor der atemberaubenden Kulisse Utahs noch für Furore: Zwei Frauen, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen und auf der Flucht vor der Polizei mal eben eine Tankstelle überfallen? Skandalös und männerhassend. Umso mehr Freude machte es einem Millionen-Publikum dabei zuzusehen, wie Geena Davis ihrem […]]]>

Anfang der 1990er-Jahre sorgte das Roadmovie „Thelma & Louise“ vor der atemberaubenden Kulisse Utahs noch für Furore: Zwei Frauen, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen und auf der Flucht vor der Polizei mal eben eine Tankstelle überfallen? Skandalös und männerhassend. Umso mehr Freude machte es einem Millionen-Publikum dabei zuzusehen, wie Geena Davis ihrem Macker im trauten Heim den Laufpass gibt und der neu entdeckten Wut freien Lauf lässt.

Wir haben euch eine kleine Auswahl feministischer Klassiker und aktueller Filme und Serien zusammengestellt – jede Menge ungenierter Wut und Rachegelüste inklusive.

Außerdem: Power Tracks für jede Playlist und Bücher, die den gesellschaftlichen Wutverhältnissen feministisch auf den Grund gehen. ­Sharing is caring!

MUSIK
Barbra Streisand/Donna Summer: No More Tears (Enough is Enough)
Beyoncé: Don’t Hurt Yourself
Bikini Kill: Feels Blind
Helen Reddy: I Am Woman
Nina Simone: Mississippi Goddam
Kelis: I hate you so much right now
Kerosin 95: Trans Agenda Dynastie, Futter, Nie ­wieder Gastro uvm.
Lady Gaga: Born This Way
Le Tigre: TKO
Lily Allen: Fuck you
Marina: Man’s World
Pink: So What
Ruby Ibarra: Us
Tori Amos: Precious Things
Missy Elliott: She’s a Bitch

FILME & SERIEN
Bar Bahar (2017)
Enough (2002)
Hard Candy (2005)
Little Fires Everywhere (2020)
Promising Young Woman (2021)
Thelma & Louise (1991)

BÜCHER
Audre Lorde: Sister Outsider
Lilly Dancyger: Burn It Down: Women ­Writing About Anger – plus Spotify-Playlist!
Lydia Haider: Und wie wir hassen!
Julia Reifenberger: Girls with Guns
Soraya Chemaly: „Speak out!: Die Kraft weiblicher Wut“
Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike & Anna und die Wut

]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-anger/feed/ 0
Gewaltige ­Sprachlosigkeit https://ansch.4lima.de/gewaltige-sprachlosigkeit/ https://ansch.4lima.de/gewaltige-sprachlosigkeit/#respond Mon, 18 Apr 2022 14:48:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=68627 Männerberater Alexander Haydn unterstützt gewalttätige Männer dabei, mit aggressiven Verhaltensmustern zu brechen. Ein Gespräch über väterliches Schulterklopfen und die Erfolgsquote von Anti-Gewalt-Trainings. Von Brigitte Theißl an.schläge: Sie sind als Psychotherapeut und Coach sowohl in der Täterarbeit als auch der Männerberatung tätig. Welche Rolle spielt das Thema Wut in Ihrer Arbeit? Alexander Haydn: Die Wut ist […]]]>

Männerberater Alexander Haydn unterstützt gewalttätige Männer dabei, mit aggressiven Verhaltensmustern zu brechen. Ein Gespräch über väterliches Schulterklopfen und die Erfolgsquote von Anti-Gewalt-Trainings. Von Brigitte Theißl

an.schläge: Sie sind als Psychotherapeut und Coach sowohl in der Täterarbeit als auch der Männerberatung tätig. Welche Rolle spielt das Thema Wut in Ihrer Arbeit?

Alexander Haydn: Die Wut ist ein zentrales Element in der Arbeit mit Gefährdern und mit Tätern. Ich arbeite ja als forensischer Therapeut in Justizanstalten mit verurteilten Straftätern, aber in der Männerberatung auch ambulant mit Männern, die gewalttätig waren. Und Wut ist als Emotion ganz eng mit Gewalt verbunden. Es gibt durchaus auch Menschen, die Gewalt ausüben, ohne Wut zu empfinden. In der Psychotherapie spricht man von psychopathischen oder antisozialen Menschen, die Gewalt als Instrument benutzen – aber das bleibt die Ausnahme. In der Regel geht das Gefühl Wut einer Gewalthandlung voraus, sie ist der Vorbote für das, was da kommt.

Frauen- und Gewaltschutzorganisationen beklagen seit vielen Jahren fehlende Ressourcen in der Gewaltprävention und im Opferschutz. Seit vergangenem Jahr gibt es nun eine verpflichtende Beratung für Täter, die ein Betretungsverbot bekommen haben.

Ja, diese verpflichtende Beratung umfasst sechs Stunden. Man muss vielleicht zuerst wissen, dass häusliche Gewalt in den meisten Fällen nicht strafrechtlich verfolgt wird. Wenn Gewalttäter ein polizeiliches Betretungsverbot erhalten, müssen sie ihre Schlüssel abgeben und dürfen die gemeinsame Wohnung 14 Tage lang nicht betreten. Im jetzt verpflichtenden Beratungssetting wird den Tätern – es gibt auch Täterinnen – anschließend erklärt, dass es in Österreich verboten ist, seine Partnerin oder Kinder zu schlagen oder eine andere Form der Gewalt auszuüben. Außerdem erfolgt eine Risikoeinschätzung, dafür gibt es Prognoseinstrumente, die künftige Gewalttaten im jeweiligen Kontext voraussehen. Dass sich jahrelang etablierte Muster nicht in sechs Stunden bewältigen lassen, ist allen Beteiligten klar. Das ist in der Männerberatung auch unsere größte Kritik an der 3. Gewaltschutznovelle. Es gibt diese Beratung, aber für Hochrisikotäter folgen keine weiteren verpflichtenden Maßnahmen, etwa ein Anti-Gewalttraining, wie wir es in der Männerberatung Wien anbieten. Immerhin wurden in Österreich 2020 rund 12.000 Betretungsverbote ausgesprochen und wir gehen davon aus, dass – je nach Definition – bis zu einem Drittel davon Hochrisikofälle sind. Hier bräuchte es dringend entsprechende Maßnahmen.

Wo setzen Sie in einem solchen Anti-Gewalttraining an? Wie lässt sich die vielleicht jahrzehntelang eingeübte Verbindung von Wutempfinden und Gewaltausübung wieder trennen?

Wir begleiten die Männer wirklich über einen längeren Zeitraum, im ­Anti-Gewalttraining sind sie ein Jahr bei uns und besuchen wöchentlich Gruppensitzungen. Wir arbeiten mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen an einem Verlernen der Gewaltmuster. Es ist zum Beispiel ganz wichtig, körperliche Abläufe zu verstehen und auf Frühwarnsignale zu achten. Dass es eben nicht zu dem Punkt kommt, wo es kein Zurück mehr gibt, der Punkt, wo das rationale Denken aussetzt.

Am Ende des Tages kann man davon ausgehen, dass jemand, der wirklich motiviert und reflektiert ist, verstanden hat, wie sein System funktioniert. Und wie er verhindern kann, dass er gewalttätig wird. Natürlich gibt es immer Männer, die trotzdem weiterhin Gewalt ausüben. Aber verschiedene internationale Statistiken belegen, dass Täter ohne ein Anti-Gewalt-Training ein um fünfzig Prozent höheres Risiko dafür haben.

Verspüren die Männer, die in Ihre Trainings kommen, einen Leidensdruck?

Ja, natürlich, auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Zu männlicher Gewalttätigkeit gibt es keinen universellen Zugang, das ist immer ein individueller Mix aus biografischen Erlebnissen, intellektuellen Schwächen, insbesondere in der Kommunikation, und Impulsverhalten, das angeboren ist oder auch durch Erlebnisse modelliert wurde.

Und je nachdem gibt es einen sehr hohen Leidensdruck, aber leider erst hinterher. Wir versuchen eben zu vermitteln, wie die Männer frühzeitig aus den Gewaltkreisläufen aussteigen können. Darüber zu sprechen, ist der einfachste Weg – und ein sehr effizienter.

Schwächen in der Kommunikation sind also ein wesentlicher Faktor?

Gerade in Hetero-Paarbeziehungen sind Frauen in der Regel kommunikativ besser aufgestellt. Für Männer war es meist nicht so wichtig, sich über die Sprache ausdrücken. Wenn es dann in einem Beziehungsstreit Sprachlosigkeit gibt, wenn der Mann nicht mehr weiß, was er sagen soll, dann ist das unangenehm, peinlich, schambehaftet. Die Wut mündet dann in Gewalt – nämlich aus der Sprachlosigkeit heraus. Das soll das Verhalten nicht entschuldigen, aber das ist der Mechanismus. Und wenn jemand im Verhaltenstraining versteht, dass das sein Schwachpunkt ist, kann er gezielt daran arbeiten, ein anderes Muster einzuüben. Kommunikation ist überhaupt ein ganz wichtiger Faktor in der Gewaltprävention.

Geschlechterunterschiede zeigen sich sehr früh. Studien belegen, dass sich bei Buben viele Gefühle in Wut übersetzen, etwa Scham oder Schmerz, während Mädchen viel eher differenzieren.

Absolut. Nehmen wir ein klassisches Beispiel her: Sie sitzen in einer Sandkiste in einem Wiener Park. Ein Bursche spielt mit einem Bagger, ein anderes Kind kommt daher und nimmt ihm den Bagger weg. Der Bursche reißt ihn wieder an sich und bekommt dafür ein Schulterklopfen von seinem Vater: Gut gemacht, lass dir nur nichts gefallen! Selber Park, ein junges Mädchen sitzt auf der Schaukel, ein anderes Mädchen schubst sie runter. Das Mädchen läuft weinend zur Mutter zurück, diese tröstet das Kind und sagt: Schau, da drüben beim Klettergerüst können wir auch spielen. Das sind stereotype Muster, wie Burschen und Mädchen in ihrer Sozialisation geprägt werden. Bei Buben sind es aggressivere und gewalttätigere Muster, die Raum greifen, statt auf Partizipation und Fürsorge zu setzen. Im Dachverband Männerarbeit propagieren wir die Caring Masculinity: Dass Männer sich eben nicht über Konkurrenz definieren, sondern über Kooperation, dass sie fürsorgliche Tätigkeiten übernehmen, Zeit mit ihrer Familie verbringen. Es gilt gesellschaftlich dem Bild entgegenzuarbeiten, dass Männer keine Gefühle haben, nicht weinen, keinen Schmerz zeigen – und für alles eine Lösung haben. Auch in der Täterarbeit ist es eine wichtige Aufgabe, patriarchalen Strukturen etwas entgegenzusetzen. Hier gibt es in Österreich sehr viel Nachholbedarf.

Anders gefragt: Was riskieren Männer denn in unserer patriarchalen Gesellschaft, wenn sie sich verletzlich statt wütend zeigen?

Im hegemonialen Weltbild dient Gewalt zur Durchsetzung von Macht und Kontrolle. Wenn Männer in so einem Weltbild leben und sich verletzlich zeigen, dann fällt diese Kontrolle weg – und das erzeugt Instabilität. Er merkt, dass er nicht mehr die Zügel in der Hand hat. Und auch in dieser Situation ist es ganz wichtig, Männer zu bestärken, aufzufangen, zu beraten. Es muss normal werden, dass man sich Hilfe holt. Nicht nur in puncto Gewalt, auch etwa zu den Themen Kinder­erziehung oder Vatersein. Viele Kinder, die mit einer negativ besetzten Vaterfigur aufwachsen, sind mit der eigenen Vaterrolle überfordert. Woher soll ich auch wissen, wie ich mich verhalten soll? Da sind wir jetzt nicht mehr bei der Wut und bei der Täterarbeit, aber das sind alles wichtige Puzzlesteine. Nur wenn wir an vielen Schrauben drehen, wird es uns gelingen, männliche Gewalttätigkeit zurückzudrängen. •

]]>
https://ansch.4lima.de/gewaltige-sprachlosigkeit/feed/ 0
Die rote Bärin https://ansch.4lima.de/die-rote-baerin/ https://ansch.4lima.de/die-rote-baerin/#comments Mon, 18 Apr 2022 14:41:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=68619 Die Wut hat ein Geschlecht: Während Zorn bei Männern mit Entschlossenheit und Stärke assoziiert wird, wurden wütende Frauen dämonisiert. Vermutlich aus Angst, dass die Wut ihre Wehrhaftigkeit befeuern könnte. Von Lea Susemichel Die Wut ist ein roter Panda, zumindest in Pixars neuem Animationsfilm „Turning Red“. Als Symbol für Pubertät und Periode steht der Pandabär, in den […]]]>

Die Wut hat ein Geschlecht: Während Zorn bei Männern mit Entschlossenheit und Stärke assoziiert wird, wurden wütende Frauen dämonisiert. Vermutlich aus Angst, dass die Wut ihre Wehrhaftigkeit befeuern könnte. Von Lea Susemichel

Die Wut ist ein roter Panda, zumindest in Pixars neuem Animationsfilm „Turning Red“. Als Symbol für Pubertät und Periode steht der Pandabär, in den sich die 13-jährige Mei Lee immer wieder verwandelt, zudem für alle großen Gefühle, die das Mädchen plötzlich überkommen und die sich schwer kontrollieren lassen.

Im Reigen der Basisemotionen, zu denen auch Ekel, Angst, Trauer, Scham, Schuld und Freude gehören, wird vor allem die rasende Wut mit Kontrollverlust assoziiert, dem Eindruck, zu einem „wilden Tier“ zu werden (das selten so flauschig ist wie der Bär aus „Turning Red“). Dass Zorn im Unterschied zu anderen, durchaus auch als überwältigend erlebten Gefühlen schnell zur Zerstörungswut werden und mit Gewalt und Grenzverletzung einhergehen kann, macht ihn vielleicht zur beunruhigendsten und bedrohlichsten aller Emotionen – vor allem für andere. Aufgrund dieser sozialen Unverträglichkeit ist Wut wohl auch das sozial verpönteste und am stärksten sanktionierte Gefühl. Doch obwohl es in erster Linie Männer sind, deren Wutausbrüche wir fürchten müssen – ob als Gewalttäter zu Hause oder als kriegstreibende „Strong Men“ in der Weltpolitik –, ist es stattdessen die weibliche Wut, die unter Verschluss gehalten wird. Die wütende Frau wurde im Laufe der Geschichte als hysterisch pathologisiert, sie wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt und als abschreckender Archetyp der Megäre und Furie geächtet.

Selbst als hypersexualisierte, schaurig-schöne Rachegöttin, verkörpert in den Figuren oft voyeuristischer Rape-Revenge-Movies oder der Kaninchen mordenden Glenn Close in „Eine verhängnisvolle Affäre“, dient sie nur als abschreckendes Beispiel für Frauen, von denen man besser die Finger lässt.

Gerechter Zorn. Mit weitreichenden Folgen: So gelten aggressive Männer bis heute eher als durchsetzungsfähig und stark, wütende Frauen hingegen als hysterisch, irrational oder prämenstruell. Völlig unbeeindruckt von dem Umstand, dass unbestritten sie es sind, die allen Grund haben, wütend zu sein, wird der gerechte Zorn weiterhin nur Männern zugebilligt. Männliche Wut, sofern sie sich nicht als gewaltvolle Raserei oder als Ausbruch des „Wutbürgers“ äußert, wird nobilitiert. Sie wird als angemessen beurteilt, wenn nicht gar moralisch idealisiert, zumindest aber als zielführend wahrgenommen. Bei Frauen gilt es stattdessen als Charakterfehler, sichtbar sauer zu sein – was übrigens auch Hillary Clinton erfuhr, die im Wahlkampf dauerlächelnd gegen das Stigma der „Angry Woman“ mit dem „Resting Bitch Face“ ankämpfen musste.

„Eine wütende Frau verliert an Status, ganz gleich in welcher Position sie ist“, so fasst die Psychologin Victoria L. Brescoll die Ergebnisse ihrer 2008 im Journal „Psychological Science“ veröffentlichten Studie „Can an Angry Woman Get Ahead?“ zusammen. Männern hingegen würde nach Wutausbrüchen sogar mehr Status und Kompetenz zugesprochen, sie passen gut zu männlichem Dominanzgebaren und Durchsetzungsvermögen.

Weibliche Wut. Kein Wunder also, dass sich Frauen nach Wutausbrüchen häufiger schämen als Männer, wie auch eine Studie der University of California zeigt. Was die Autorin Leslie Jamison in ihrem gleichnamigen Essay als „I don’t get angry. I get sad“ beschreibt, ist also eine geschlechtstypische Bewältigungsstrategie, bei der die eigene Wut verleugnet, zu Trauer umgedeutet, autoaggressiv nach innen gerichtet oder auf passiv-aggressive, subtil sadistische Formen der Auslebung ausgewichen wird. Trauer als passives Gefühl, das Verletzlichkeit signalisiert, ist akzeptiert. Laut Leslie Jamison ist Uma Thurmans Statement zum Fall Weinstein beispielhaft für den gesellschaftlichen Umgang mit weiblicher Wut. Denn paradoxerweise wurde Thurmans Äußerung („Ich rede erst, wenn ich nicht mehr wütend bin“) als authentische Wut-Reaktion gefeiert, obwohl sie eigentlich eine typisch weibliche Selbstbeschränkung darstellte.

Diese Selbstdisziplinierung erklärt vielleicht auch, warum es trotz der langen brutalen Geschichte patriarchaler Unterdrückung so erstaunlich wenige Radikalisierungen mit Ausrastern wie dem Attentat von Valerie Solanas gab. Ganz egal, ob sie nun – worüber gestritten wird – als Feministin auf Andy Warhol schoss oder bloß als frustrierte Künstlerin, die er zuvor miserabel entlohnt hatte.

Die Disziplinierung – der Männer es womöglich auch zu verdanken haben, dass Frauen nur Gerechtigkeit wollen und nicht Rache, wie ein feministisches Bonmot lautet – ist oft alternativlos. Schließlich arbeiten Frauen häufig in Berufen und Positionen, die es ihnen schlicht nicht erlauben, ihrem Ärger Luft zu machen, ohne den Job zu riskieren. Egal, ob als Kellnerin oder an der Kassa: Freundlich bleiben gehört zur Job-Description – und zu der einer liebevollen Mutter sowieso.

Wutmonster. Die Dämonisierung weiblicher Wut gilt in noch stärkerem Ausmaß für Schwarze Frauen und Women of Color. So dient das herabwürdigende Klischee von der „Angry Black Woman“ nicht selten dazu, antirassistischen Protest zu diskreditieren. Und Aktivist:innen wird ganz generell häufig der Vorwurf gemacht, bloß „wütende Identitätspolitik“ zu betreiben. „Tone Policing“ wird diese Strategie genannt, bei der die formulierte Kritik mit dem Hinweis auf den Tonfall vom Tisch gewischt wird.

Diese Einübung in den geschlechtsspezifischen Gefühlsausdruck beginnt früh. Das Wüten des „Wutmonsters“, mit dessen Besänftigung sich zahllose Kinderbücher befassen, wird schon bei kleinen Jungs eher toleriert als bei Mädchen („Boys will be Boys“). Auch deshalb verfügen letztere früher über eine differenzierte Gefühlspalette, während Buben oft einfach jede negative Emotion wie Schmerz oder Scham mit einer Wut­reaktion abreagieren.

Das nicht tun zu dürfen und die Wut stattdessen runterschlucken zu müssen, kann handfeste gesundheitliche Konsequenzen haben. Ob hoher Blutdruck, Gastritis, Kopfschmerzen, Depressionen oder Angsterkrankungen: Es gibt viele physische und psychische Erkrankungen, die im Verdacht stehen, mit unartikulierter Wut zusammenzuhängen. Und entsprechend häufig sind Frauen von den Folgen dieses emotionalen Stresses betroffen.

Wutkraft & Wutkammer. Angesichts der vielen negativen Folgen unterdrückter Wut liegt es nahe, auf das befreiende Potenzial hemmungslosen Wütens zu setzen. Untermauert wird das von Studien wie „The Anger Advantage”, die zeigen, dass es langfristig dem persönlichen Wohlbefinden dient, wenn Wut als Alarmsignal ernstgenommen wird, das uns anzeigt, dass wir unser Leben ändern sollten. Ob bei der Urschrei-Therapie, im Wutkraft-Seminar oder in der Wutkammer, in der alles kurz und klein geschlagen werden darf: Das Ausleben angestauter Wut soll befreiend wirken. Eine These, die auch die Fülle an Ratgeberliteratur mit Titeln wie „Wut ist gut“ oder „Was deine Wut dir sagen will“ erfolgreich vermarktet. Der Grat zwischen Selbstbefreiung und Selbst­optimierung, bei der das richtige Ausmaß aggressiven Auftretens beim Bewerbungsgespräch für den nötigen Pfeffer sorgen soll, ist allerdings schmal.

Doch auch die Menge an Neuerscheinungen, die Wut als neue feministische Superpower entdeckt, ist beachtlich. Büchern wie „Speak out!: Die Kraft weiblicher Wut“ von Soraya Chemaly lässt sich jedoch nicht vorwerfen, dass es darin nur um das individuelle Fortkommen gehe. Sie verhandeln immer das politische Potenzial weiblicher Wut und zielen aufs große Ganze statt nur auf die eigene Psychohygiene. Was freilich nicht heißen soll, dass das persönliche „Anger Management“ nicht auch wichtig wäre. Doch auch Bewegungen wie #MeToo oder Ni una menos sind Kristallisationspunkte kollektiver Empörung. Allerdings hat die Bewegungsforschung Emotionen lange vernachlässigt, auch wenn deren mobilisierende Wirkung offensichtlich ist. Schließlich geht es bei Protest oft um große Gefühle: Um das Begehren nach einer besseren Welt, um tief empfundenes Unrecht oder eine leidenschaftlich verteidigte politische Utopie. Die historische Protestforschung habe den „emotional turn“ jedoch nicht vollzogen und unterliege einem „rationalistischen Vorurteil“, kritisiert auch der Historiker Christian Koller. Infolgedessen werde die Entstehung sozialer Bewegungen als weitgehend emotionslose Geschichte beschrieben. Dass etwa kollektive Wut nicht selten der Anlass für Spontankundgebungen ist, würde zwar konstatiert, aber analytisch nicht weiter berücksichtigt.

Mixed feeling. Für die Schwarze Feministin Audre Lorde hingegen ist Wut über die Verhältnisse (die sie von destruktivem Hass abgrenzt) ein wichtiger Katalysator. In ihrem berühmten Aufsatz „The Uses of Anger“ zeigt Lordes eindringliche Argumentation, dass Wut, die sich in ihrem Fall nicht nur gegen institutionalisierten Rassismus, sondern auch gegen die Dominanz und Ignoranz weißer Feministinnen richtet, ein wichtiges Vehikel der Befreiung sein kann. Sie sei eine Emotion, die ihr beim Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit unschätzbare Dienste geleistet habe: „Jede Frau hat ein reiches Arsenal an Wut, damit kann sie gegen ebenjene individuelle und strukturelle Unterdrückung angehen, die die Wut hervorgerufen hat. Zielgerichtete Wut setzt Kraft und Energie frei, die dem Fortschritt und der Veränderung dienen.“

Es ist kein destruktives Wüten, von dem Lorde schreibt, das verbrannte Erde hinterlässt und Beziehungen beendet. Sondern diese Wut zielt darauf ab, ungleiche Beziehungen gleichberechtigt zu machen. „Wer darauf besteht, gehört zu werden, besteht darauf, in einer Beziehung (…) zu stehen“, schreibt auch Pia Klemp in ihrer Wutschrift. (Vgl. auch S. 18)

Diese Art Wut hat wahrscheinlich mehr mit Liebe (zu einer Sache) als mit Hass (auf ein System) zu tun, um emanzipatorisch transformativ wirken zu können. Als „mixed feeling“ will sie Veränderung erreichen und nicht Verachtung zum Ausdruck bringen. Anders als dem Zorn rechter Wutbürger geht es ihr nicht um Ressentiment, sondern um Respekt, nicht um die Sicherung von Privilegien, sondern um das Erkämpfen von Partizipation.

Bei aller Legitimität des gerechten Zorns darf dieser sich jedoch nicht um die Anstrengung drücken, einen probaten und produktiven Ausdruck zu suchen. Auf solche Art entfesselt, kann das Wüten der roten Bärin vielleicht wirklich viel voranbringen. •

]]>
https://ansch.4lima.de/die-rote-baerin/feed/ 2
Schockgefroren? https://ansch.4lima.de/schockgefroren/ https://ansch.4lima.de/schockgefroren/#respond Mon, 18 Apr 2022 14:33:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=68615 Dem Militarisierungsschub, den der Ukraine-Krieg brachte, muss sich feministische Außenpolitik entschlossen entgegensetzen. Von Anika Oettler Am 24. Februar 2022 starteten die russischen Streitkräfte die Invasion der Ukraine. Die öffentliche Debatte über den Angriffskrieg konzentriert sich seither auf die Frage, wie Großmächte oder Militärbündnisse ihre Einflusszonen absichern und ihre Sicherheits­interessen angesichts imperialer Obsession verteidigen können. Die vom […]]]>

Dem Militarisierungsschub, den der Ukraine-Krieg brachte, muss sich feministische Außenpolitik entschlossen entgegensetzen. Von Anika Oettler

Am 24. Februar 2022 starteten die russischen Streitkräfte die Invasion der Ukraine. Die öffentliche Debatte über den Angriffskrieg konzentriert sich seither auf die Frage, wie Großmächte oder Militärbündnisse ihre Einflusszonen absichern und ihre Sicherheits­interessen angesichts imperialer Obsession verteidigen können. Die vom deutschen Kanzler Scholz beschworene Zeitenwende ist eine überraschend schnelle Diskurswende, die eine ungeahnte Renaissance militärischen Denkens einläutete. Angesichts des beängstigenden Eskalationspotentials schien die Befassung mit Verteidigungsfähigkeit und Aufrüstung ein notwendiger Schritt zu sein, der die Werte der Friedenslogik zunächst ausschaltete. Von feministischen Anliegen ganz zu schweigen.

In der düsteren Situation nach Kriegsbeginn ist eine doppelte Stille aufgefallen: die Stille der feministischen Friedensforscher:innen und das Stillschweigen über feministische Außenpolitik. Besonders irritierend war die öffentliche Zurückhaltung der NATO, die seit 2012 eine „Spezielle Repräsentantin für Frauen, Frieden und Sicherheit“ beschäftigt. Die Tweets von Irene Fellin sind überschaubar. Was bedeutet diese Stille?

Feministische Außenpolitik. Der Begriff der feministischen Außenpolitik hat Konjunktur. Hinter diesem Konzept steht eine jahrzehntelange transnationale Geschichte feministischer Bewegungen mit vielen Meilensteinen der Normentwicklung. Neben der 1981 in Kraft getretenen UN-Frauenrechtskonvention (CEDAW) sind die UN-Resolution 1325 und eine Reihe von Nachfolgeresolutionen besonders relevant. Dabei geht es einerseits um den Schutz vor sexueller und gender-basierter Gewalt in Konfliktsituationen, andererseits aber auch um die gendersensible Ausrichtung von Sicherheitspolitik und die Repräsentation von Frauen in Friedensprozessen. An diese Normen knüpft die Praxis der feministischen Außenpolitik an, zu der sich Schweden 2014 bekannt hat und die seitdem in Ländern wie Neuseeland, Frankreich, Mexiko und Kanada als ein zumindest flankierendes außenpolitisches Paradigma eingeführt wurde. Auch die deutsche Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag die drei Grundprinzipien der feministischen Außenpolitik festgehalten: Rechte, Repräsentanz, Ressourcen: Das bedeutet, dass Sicherheits- und Außenpolitik auf die Menschenrechte, insbesondere die Rechte von Frauen und Mädchen, ausgerichtet werden soll. Die Repräsentation von Frauen auf allen Ebenen der sicherheitsrelevanten Politik soll erhöht werden und finanzielle außenpolitische Ressourcen sollen so kanalisiert werden, dass mehr Geschlechtergerechtigkeit erreicht wird.

Welt ohne Krieg. Das Einbringen geschlechtsspezifischer Perspektiven hat in den letzten Jahrzehnten Impulse in der Friedensforschung gesetzt und insbesondere die Bedeutung von inklusiven und nachhaltigen Prozessen der Konfliktbearbeitung deutlich gemacht. In vielen Ländern haben feministische Bewegungen skandalisiert, dass Entscheidungen zu bewaffneten Auseinandersetzungen in aller Regel von Männern getroffen werden und dass das Töten, Foltern und Vergewaltigen Verbrechen sind, die weitestgehend von Männern verübt werden. Ausgehend von der Forderung, den Kampf gegen sexualisierte Gewalt in Konflikt- und Postkonfliktsituationen ganz oben auf die friedenspolitische Agenda zu setzen, hat sich ein breiter Katalog an Ansätzen entwickelt, um strukturelle Gewaltursachen zu beseitigen und die Grundlage für eine Welt ohne Kriege zu legen. Dazu gehören der Kampf gegen toxische, militarisierte Männlichkeitsbilder ebenso wie die rechtliche Verankerung von Diversität und gendersensible Reformen im Agrar- oder Sicherheitssektor. Ein großer Teil dieser breitgefächerten Agenda wurde in und für Länder des globalen Südens entwickelt. Langfristige und inklusive Transformationen sollen die Grundlage für einen nachhaltigen Frieden schaffen. Damit bewegt sich auch die „Women, Peace, and Security“-Agenda in einem Rahmen, den Victoria Hesford als „feminist time“ bezeichnet hat. Ein Krieg hingegen lässt die Perspektive langfristiger Lösungen verblassen und aktiviert die „time of nation“.

Was wir in den letzten Wochen beobachtet haben, ist das plötzliche Umschalten der politischen und medialen Debatten in einen Notfallmodus, der langfristige Perspektiven des gesellschaftlichen Wandels nicht mehr zu denken vermag und sich auf den Status quo der Großmächtepolitik konzentriert. Für die geflohenen und gebliebenen Ukrainer:innen geht es zudem um einen nationalen anti-imperialistischen Überlebenskampf, der die Errungenschaften feministischer und LGBTIQ-Bewegungen zu ersticken droht. In dieser Situation waren auch feministische Friedensforscher:innen zunächst in einer Schockstarre. Waren die Prinzipien der feministischen Außenpolitik zu naiv angesichts des Angriffswillens Putins?

Erste feministische Reaktionen. Die Schockstarre beginnt sich allmählich zu lösen und feministische Positionen werden sichtbarer. Cornelius Adebahr und Barbara Mittelhammer illustrieren dabei das grundsätzliche Dilemma, dass es mitten im Krieg eigentlich schon zu spät ist für eine feministische Perspektive. Diese müsse Priorität werden, „wenn die Waffen endlich wieder schweigen“, schreiben sie. Dass bereits gegenwärtig feministische Außenpolitik ins Spiel gebracht werden muss, fordert hingegen die NATO-Expertin Katharine A. M. Wright. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Rhetorik und Realität der Gender-Agenda der NATO weit auseinanderklaffen, fordert sie ein dezidiertes Engagement der Gender-Beraterinnen und -repräsentantinnen der NATO. Drittens – und dies kommt in vielen Debatten um den Angriffskrieg viel zu kurz – hat der Konflikt eine gefährliche ideologische Komponente. In seinem Beitrag „Putin’s Anti-Gay War on Ukraine“ in der Boston Review befasst sich Emil Edenborg mit dem antifeministischen und homofeindlichen ideologischen Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine, bei dem es aus der Sicht Putins darum geht, die „traditionellen Werte“ zu verteidigen und die Degenerierung und Zersetzung des russischen Volkes zu verhindern.

Im Westen nur Gender-Rhetorik? Hat feministische Außenpolitik in der realpolitischen Zeitenwende ihre Bedeutung verloren? Gerade jetzt muss unter Beweis gestellt werden, dass feministische Außenpolitik weder eine essenzialistische Glorifizierung vermeintlich friedliebender Frauen noch eine nebulöse femonationalistische Angelegenheit ist, bei der nationalistische Ideologien mit ausgewählten feministischen Ideen verbunden werden. Warum positionieren sich die NATO-Staaten nicht viel deutlicher mit einer gender-responsiven Agenda, die Teil ihres institutionellen Selbstverständnisses sein müsste? Dies dürfte vor allem auf innenpolitische Dynamiken überall dort zurückzuführen sein, wo Antifeminismus und „Anti-Genderismus“ in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung erfahren haben und derzeit die Strukturlogik des patriarchalen Schutzes dominiert. Gerade auch angesichts dieser Gesamtsituation muss es nun darum gehen, gegen langfristige Militarisierung und Aufrüstung zu argumentieren. Auch sind Repräsentanz, Rechte und Ressourcen im Spiel. Es geht darum, weiter zu denken, Staatsfinanzen zukunftssicher zu gestalten und Politik auf menschliche Sicherheit hin auszurichten. •

Anika Oettler ist Professorin für Soziologie in Marburg. Sie lebt im Marburger Umland und hält sich (eigentlich) viel in Kolumbien auf. @AnikaOettler

]]>
https://ansch.4lima.de/schockgefroren/feed/ 0
Vom stillen Krieg https://ansch.4lima.de/vom-stillen-krieg/ https://ansch.4lima.de/vom-stillen-krieg/#comments Mon, 18 Apr 2022 14:28:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=68601 Ich weiß, wie es ist, in einem Land zu leben, das von Sanktionen betroffen ist. Meine Mutter war im Irak der Neunzigerjahre auf Spenden ausländischer Verwandter angewiesen, um uns Kinder ernähren und unsere Familie über Wasser halten zu können. Wir wissen genau, was mit einer isolierten Gesellschaft passiert, in der nicht nur die Menschen, sondern […]]]>

Ich weiß, wie es ist, in einem Land zu leben, das von Sanktionen betroffen ist. Meine Mutter war im Irak der Neunzigerjahre auf Spenden ausländischer Verwandter angewiesen, um uns Kinder ernähren und unsere Familie über Wasser halten zu können.

Wir wissen genau, was mit einer isolierten Gesellschaft passiert, in der nicht nur die Menschen, sondern zwangsläufig auch jede progressive Bewegung ausgehungert wird, bis nur noch Not und Verzweiflung übrig sind.

Die Welt ist zu Recht empört über Putins Angriffskrieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung, und versucht mit Spenden, Demonstrationen und eben auch mithilfe von Sanktionen ihre Solidarität mit der Ukraine auszudrücken. Seit Tag eins des Krieges steht für den Westen fest: Sanktionen gegen Russland müssen in aller Härte her. Eine andere Lösung, den Krieg aufzuhalten, gäbe es nicht. Wie es der russischen Zivilbevölkerung ergeht, die mit den Sanktionen (über)leben muss, wird vollkommen vernachlässigt. Doch die gesellschaftlichen Folgen wirtschaftlicher Sanktionen sind verheerend.

Im Jahr 1990 annektiert der Irak unter Saddam Hussein das benachbarte Kuweit, woraufhin die Vereinten Nationen Wirtschaftssanktionen gegen die irakische Zivilbevölkerung verhängen. Diese Sanktionen sollten die härtesten in der bisherigen Geschichte werden und dauerten in einigen Teilen weit über zwölf Jahre. Zum Höhepunkt des Embargos fallen beinahe hundert Prozent der Ex- und Importe aus. Die Mittelschicht verarmt und durchschnittliche Monatsgehälter reichen gerade einmal für zwei Dutzend Eier aus. Viele Lebensmittel, Medikamente, Verhütungsmittel, medizinisches Equipment und Menstruationsprodukte gibt es für die breite Bevölkerung nicht mehr. Die Erfüllung von Grundbedürfnissen wird zum Privileg.

Das „Ärzteblatt“ berichtet, dass zu Zeiten des Irak-Embargos täglich 250 Menschen durch die direkten Folgen der Sanktionen sterben, 32 Prozent der Kinder an chronischer Unterernährung leiden und jedes achte Kind das fünfte Lebensjahr nicht erreicht.

McDonald‘s, Pepsi, Shell und Co, über dreihundert Unternehmen haben bereits angekündigt, ihre Beziehungen mit Russland zu kappen und ihre Standorte dort zu schließen – das könnte auch aus einer Erzählung meiner Eltern aus den frühen Neunzigern stammen. Ausländische Firmen ziehen weg und hinterlassen ein Chaos aus Armut und Perspektivenlosigkeit.

Sprachlos verfolge ich das euphorische Verlangen nach immer härteren Sanktionen, das so viele erfasst hat: Das Katapult-Magazin teilt einen Beitrag auf Instagram, in dem es deutsche Unternehmen aufzählt, die weiterhin Geschäfte mit Russland machen. Dort lese ich diesen unglaublichen Satz: „Auch Fresenius beliefert Russland weiterhin mit Medizinprodukten und hat sich dagegen entschieden, seine etwa 1.000 Dialysezentren zu schließen.“ Von einem Tag auf den anderen könnten tausend Dialysezentren schließen – die Folgen wären unvorstellbar. Doch genau das wird offenbar gefordert.

Während des Embargos gegen den Irak betrafen die Sanktionen auch medizinisches Equipment und Medikamente. Betäubende Mittel zur Narkotisierung von Patient*innen wurden aufgrund von mangelnder Verfügbarkeit nur gegen hohe Bezahlung ausgegeben. Ärmere mussten ihre Behandlungen oft ohne Narkose durch­stehen.

Ausgerechnet die vulnerabelsten Menschen und die marginalisierten Gruppen einer Gesellschaft zahlen stets den Preis für einen Krieg, den sie nicht angefangen haben. Menschen der Unter- und Mittelschicht sowie andere von struktureller Diskriminierung betroffene Personen werden von den Sanktionen mit aller Wucht getroffen. Putin und seine Oligarchen werden einen Weg finden, sich über Wasser zu halten, genauso wie damals auch Saddam Hussein und sein engster Kreis. Wie wäre es also zur Abwechslung mal mit treffsicheren Sanktionen, die gezielt nur die Reichen und Mächtigen zur Verantwortung ziehen?

Gerade jetzt müssen wir auf die Stimmen derer hören, die Krieg, Flucht und Sanktionen erlebt haben. Das trifft nicht nur auf den Irak zu. Auch Menschen aus dem Yemen, Gaza, Iran und Kuba können wertvolle Erfahrungen teilen. Wer härtere Sanktionen gegen Russland fordert, sollte ihnen unbedingt vorher zuhören. •

]]>
https://ansch.4lima.de/vom-stillen-krieg/feed/ 1
Feminist Superheroines: Audre Lorde https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-audre-lorde/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-audre-lorde/#respond Mon, 18 Apr 2022 14:25:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=68593 „Ich bin Schwarz, lesbisch, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter“, so die berühmte Selbstbezeichnung der einflussreichen feministischen Aktivistin und Autorin Audre Lorde (1934–1992). Ihre Texte prägten feministische Theorie und Bewegung ab den 1960ern bis in die Gegenwart. 1934 in Harlem, New York, als Tochter karibischer Immigrant*innen geboren, begann sie bereits mit vier Jahren zu lesen und bald […]]]>

„Ich bin Schwarz, lesbisch, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter“, so die berühmte Selbstbezeichnung der einflussreichen feministischen Aktivistin und Autorin Audre Lorde (1934–1992). Ihre Texte prägten feministische Theorie und Bewegung ab den 1960ern bis in die Gegenwart.

1934 in Harlem, New York, als Tochter karibischer Immigrant*innen geboren, begann sie bereits mit vier Jahren zu lesen und bald auch Gedichte zu schreiben. Lorde unterrichtete an verschiedenen Universitäten, in den 1980er-Jahren war sie an der Gründung einer Einrichtung für Betroffene sexueller Übergriffe und häuslicher Gewalt beteiligt. In ihren Schriften kritisierte sie einen bürgerlichen, weißen Feminismus und wurde mit ihrer Lyrik und ihren biografisch geprägten Texten zu einer Ikone nicht nur des queeren, Schwarzen Feminismus. Während ihrer Berliner Jahre beeinflusste sie auch die deutsche Frauenbewegung wesentlich und initiierte die Vernetzung afrodeutscher Feministinnen. „Die Werkzeuge der Herrschenden werden das Haus der Herrschenden niemals einreißen“, lautete ihr legendäres, revolutionäres Credo. ahn

]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-audre-lorde/feed/ 0