II/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 21 Mar 2022 10:15:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png II/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Frauen und Mädchen: Hinten anstellen https://ansch.4lima.de/frauen-und-maedchen-hinten-anstellen/ https://ansch.4lima.de/frauen-und-maedchen-hinten-anstellen/#comments Thu, 10 Mar 2022 10:29:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=64632 Aktuelle Berichte zeigen: Der Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe ist in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten katastrophal. Weibliche Betroffene sind dabei noch unsichtbarer, weiß Doris Reisinger. Seit vielen Jahren ist die katholische Kirche mit Missbrauchsfällen in den Schlagzeilen. Seit den 1980ern hat sich wenig getan. Es ist immer dasselbe: Betroffene sprechen, Medien berichten, Kirchenverantwortliche versuchen, […]]]>

Aktuelle Berichte zeigen: Der Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe ist in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten katastrophal. Weibliche Betroffene sind dabei noch unsichtbarer, weiß Doris Reisinger.

Seit vielen Jahren ist die katholische Kirche mit Missbrauchsfällen in den Schlagzeilen. Seit den 1980ern hat sich wenig getan. Es ist immer dasselbe: Betroffene sprechen, Medien berichten, Kirchenverantwortliche versuchen, mit Floskeln wie „Einzelfall“, „Zuhören“, „Lernkurve“ oder „Reformen“ die Öffentlichkeit zu beruhigen. Erst wenn der Druck sehr groß wird, geben sie Gutachten in Auftrag, um danach erneut von „Lernkurven“ und „Reformen“ zu sprechen: das Ritornello der sogenannten Missbrauchskrise.

Anfangs gelang es der Kirchenleitung noch, das Ganze als US-amerikanisches Problem darzustellen. Mit der Causa Groër Mitte der 1990er wurde das im deutschsprachigen Raum schwieriger. Als dann 2010 Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg, in Ettal, in der Mehrerau, in Kremsmünster und in immer mehr anderen Einrichtungen, Klöstern und Pfarren bekannt wurden, wurde endgültig sichtbar, dass die Fälle und der katastrophale kirchliche Umgang damit kein amerikanisches, sondern ein institutionelles Phänomen sind.

Aber bis heute hält das Narrativ eines rein männlichen Phänomens. Täterinnen sind ebenso wenig auf dem Schirm wie weibliche Opfer. Die spezifischen Erfahrungen, Risiken, Perspektiven und Traumata von Frauen werden bis heute weitgehend übersehen: von der katholischen Kirche ebenso wie von Medien und Wissenschaftler*innen, die das Thema bearbeiten. Dabei waren und sind sie und ihre Geschichten die ganze Zeit über präsent.

Frauen wie Barbara Blaine, die in den 1990ern zu einer der wichtigsten Führungsfiguren der US-amerikanischen Betroffenenszene wurde, waren unter den Pionier*innen der Vernetzung und Betroffenenarbeit. Frauen wie Maura O’Donohue, die Hunderte Fälle sexualisierter Gewalt gegen Ordensfrauen dokumentierte, wurden zu wichtigen Aufklärerinnen. Frauen wie Noella de Souza erklären im Globalen Süden öffentlich ihre Solidarität mit betroffenen Frauen und gehen damit ein hohes Risiko ein.

Aber es ist, als gäbe es sie nicht. Sie werden nicht nur von der Kirche und den männlichen Klerikern an ihrer Spitze nicht beachtet. Dabei sind ein Drittel aller minderjährigen Betroffenen Mädchen, rund ein Drittel der befragten Ordensschwestern berichten von sexuellen Traumata, und sexuelle Kontakte zwischen Priestern und Frauen sind oft nur scheinbar einvernehmlich: Priester missbrauchen das Vertrauen und die Notlage von Frauen, die eigentlich Rat und Hilfe suchen. Sie sexualisieren Seelsorgebeziehungen, anstatt zu helfen.

Missbrauchsverläufe sind für Mädchen und Frauen oft anders. Täter framen ihre Taten als „normale“ heterosexuelle Liebesbeziehung. Sie arbeiten mit der Figur der Verführerin (und nutzen dafür biblische Texte). Sexistische und misogyne Dynamiken, die in der katholischen Kirche tief verankert sind, tragen dazu bei, dass gerade weibliche Betroffene nicht ernst genommen werden, ihnen nicht geglaubt wird oder sie selbst beschuldigt und verleumdet werden. Bei Frauen wüsste man eben nie, schrieb ein Kleriker in Köln an seinen Vorgesetzten.

Nicht zuletzt leben betroffene Mädchen und Frauen mit dem Risiko, schwanger zu werden. Die Angst davor, die Scham für die ungewollte Schwangerschaft oder für die (oft vom Täter erzwungene) Abtreibung, ist ganz ihre: in den Augen der Gesellschaft, ihrer Familie und der Kirche. „Just don’t get pregnant because your father will kill you“, sagte eine Mutter in Texas, als ihre zwölfjährige Tochter ihr anvertraute, dass ein Priester sie penetriert hatte. Solange die Empathie mit gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen in unseren Gesellschaften nicht größer ist, werden sie sich auch in der Kirche hinten anstellen müssen.

Doris Reisinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der katholisch-theologischen Fakultät der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, forscht u. a. zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

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ABC DER SCHRULLIGEN FRAUEN* https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-2/ https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen-2/#respond Thu, 10 Mar 2022 10:24:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=64627 Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)]]>

Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)

Jitti Truett mag es kurz. Kurze Röcke, kurze Konfliktgespräche, allgemein den Kurznachrichtendienst. Sie arbeitet in der Sicherheitsbranche, sagt sie. Wenn man Näheres wissen will, gibt sie sich kurz angebunden. Kurz gesagt: Dann verschwindet sie. Bei uns hat jede eine eigene Theorie, was Jitti wirklich macht und wer Jitti in Wirklichkeit ist. Aber wer braucht schon Hintergrund, wenn jemand so gute Witze erzählt?
Kinoa Rachnitz hätte es besser verdient. Seit der Schließung ihrer Werkstatt für DIY-Mühlen durch das Gesundheitsamt geht es bergab. Noch vor dem ersten Kaffee isst sie zwei Mars. Die Software für ihren Onlineshop hat sie seit Wochen nicht mehr aktualisiert und Zähne putzt sie nur mehr auf Anweisung. Zum Glück ist Kinoa nicht alleine: Ihre besten Freund:innen Grete, Gersti und Jack – ebenfalls unternehmerisch veranlagt – wollen sich mit ihr zusammentun.
Lolly Amalie Hirschschläger hat den Dreh raus. Wenn sie etwas findet, das ihr so nicht gefällt, dreht sie es einfach um. Sie dreht ihre schnarchenden Kinder im Schlaf. Im Beisl verdreht sie depperte Sprüche. Auf der Bank ist es einfach: Ein paar Striche von oben nach unten, und schon steht überall Plus. Bevor sie zu grübeln beginnt, macht sie einen Handstand, auch auf der Straße und im Büro. Das geht: Lolly trägt stets einen Sport-BH.
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„Kinder sind der Politik einfach scheißegal“ https://ansch.4lima.de/kinder-sind-der-politik-einfach-scheissegal/ https://ansch.4lima.de/kinder-sind-der-politik-einfach-scheissegal/#respond Thu, 10 Mar 2022 10:16:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=64623 ManuEla Ritz und Simbi Schwarz sind Mutter und Tochter. Gemeinsam haben sie ein Buch gegen die Diskriminierung von Kindern durch Erwachsene geschrieben. Lea Susemichel hat mit den beiden über Adultismus und Kindheit als Konstrukt gesprochen. an.schläge: Simbi, in eurem gemeinsamen Buch beklagst du, dass alle Adultismus-Definitionen von Erwachsenen stammen würden. Deshalb hast du mit elf […]]]>

ManuEla Ritz und Simbi Schwarz sind Mutter und Tochter. Gemeinsam haben sie ein Buch gegen die Diskriminierung von Kindern durch Erwachsene geschrieben. Lea Susemichel hat mit den beiden über Adultismus und Kindheit als Konstrukt gesprochen.

an.schläge: Simbi, in eurem gemeinsamen Buch beklagst du, dass alle Adultismus-Definitionen von Erwachsenen stammen würden. Deshalb hast du mit elf Jahren eine eigene formuliert: „Adultismus ist, wenn Größere Kinder absichtlich runtermachen und sie die ganze Zeit auch damit aufziehen, dass sie halt kleiner sind. Und vielleicht sagen sie dann auch, dass sie nicht so gut sind wie sie.“ Ist das eure Adultismus-Definition?

Simbi Schwarz: Ja. Kindern werden bestimmte Fähigkeiten und Verantwortung abgesprochen, nur weil sie Kinder sind.

ManuEla Ritz: Wir verwenden beide auch gern die Definition von Adam Fletcher. „Wenn eine Entscheidung ausschließlich auf der Grundlage des Alters getroffen wird anstatt aufgrund der Fähigkeiten eines Menschen, ist das Diskriminierung. Eine Sprache, die ausschließt, verharmlost oder junge Menschen kleinmacht, ist Diskriminierung. Gesetze, die benutzt werden, um Menschen aufgrund ihres Alters zu bestrafen, sind diskriminierend. Jedwedes Verhalten und jede Einstellung, die routinemäßig jungen Menschen gegenüber voreingenommen ist, nur weil sie jung sind, ist Diskriminierung.“

Inwieweit spielt Intersektionalität bei Adultismus eine Rolle? Sind Mädchen anders von Adultismus betroffen als Jungen? Children of Color anders als weiße Kinder?

S. S.: Beim Geschlecht sehe ich gar nicht so viele Unterschiede, aber eine dunklere Hautfarbe oder Behinderung führen oft noch stärker dazu, dass Kindern Fähigkeiten abgesprochen werden. Der Satz „Du sprichst aber gut Deutsch“ gegenüber einem Kind mit dunklerer Haut ist so ein Beispiel. Oder dass man Kindern mit Behinderung einfach hilft, statt sie zu fragen und ihnen Hilfe anzubieten.

M. R.: Adultismus funktioniert ja so: Ich sehe dein Alter und behandle dich deshalb anders, als ich mit einer erwachsenen Person umgehen würde. Das erleben die allermeisten Kinder. Dieses Belächelt-Werden, Nicht-beachtet-, Nicht-ernst-genommen-Werden.
Bei Intersektionalität legen sich nun verschiedene Layer übereinander. Das heißt, die allermeisten Kinder erleben Adultismus und manche Kinder machen noch Diskriminierungserfahrungen, die über Adultismus hinausgehen.

Aber es gibt doch geschlechtsspezifische Unterschiede? Mädchen werden z. B. viel früher dazu verdonnert, im Haushalt zu helfen, als Jungen oder dazu, kleinere Geschwister zu betreuen.

M. R.: Ja, aber das ist Sexismus, der eben auch Mädchen betrifft. Und Adultismus befördert, dass ich ihn durchsetzen kann, dass ich dir sagen kann, was du tun musst. Von Sexismus sind Frauen später immer noch betroffen, aber dann zumindest nicht mehr von Adultismus. Diese Schwelle hast du noch nicht erreicht, Simbi, oder?

Darf ich fragen, wie alt du bist, Simbi?

S. S.: 19, fast zwanzig.

M. R.: Das z. B. war jetzt ein klassisch adultistischer Akt. Warum fragen wir nur Kinder nach ihrem Alter, ­warum fragen wir Erwachsene nicht? Und was ändert sich durch die Antwort? Die Frage nach dem Alter ist das Äquivalent zur rassistischen Frage „Wo kommst du her?“.

Habt ihr euch auch historisch mit dem Entstehen von Adultismus beschäftigt? Seit wann gibt es Adultismus?

M. R.: Kindheit ist ja ein Konstrukt, das nach Historiker Philippe Ariès im 16./17. Jahrhundert entstanden ist. Aber ich weiß nicht, ob Adultismus tatsächlich erst aufgetaucht ist, als es auch den Begriff und das Konzept Kindheit gab. Da hätte ich manchmal gerne eine Zeitmaschine, um das zu erforschen. Was sich schon sagen lässt, ist, dass sich der Adultismus durch bestimmte Entwicklungen, z. B. durch die Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention, ändert. Die Kinderrechte und die 68er-Bewegung haben beispielsweise ein Nachdenken über körperliche Sanktionen eingeleitet. Der Begriff Adultismus ist in den USA in den 1980ern zum ersten Mal aufgetaucht. Und als ich vor zwanzig Jahren angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, gab es im deutschsprachigen Raum noch nichts dazu.

Inwiefern hat die Beschäftigung mit Adultismus eure Beziehung als Mutter und Tochter geprägt?

S. S.: Es gibt natürlich keinen vollständig adultismusfreien Raum, aber meine Mama hat mich und meinen Bruder nie adultistisch behandelt. Was für mich dabei besonders wichtig war, dass sie mich oft gefragt hat, wenn sie etwas nicht wusste, dass sie mir damit das Gefühl gegeben hat, dass sie auch etwas von mir lernen kann.

Ihr sprecht von „Kritischem Erwachsensein“. Was ist damit gemeint?

M. R.: Das ist wie bei Antirassismusarbeit und Critical Whiteness: Weiße müssen unbedingt auch kritisch über ihr Weißsein nachdenken, wenn sie Rassismus bekämpfen wollen. Wenn wir als Erwachsene über Adultismus sprechen und uns das System anschauen, muss uns Erwachsenen klar sein, dass wir dieses System am Laufen halten. Das heißt, wir müssen uns mit uns selbst auseinandersetzen. Nur so kann ich diesem System machtkritisch begegnen, um als Mutter oder als Pädagogin adultistisches Denken und Handeln auszuhebeln.

Was muss ich dafür konkret tun? Welches Verhalten sollte ich ändern?

M. R.: Indem ich Kinder z. B. anders anspreche, ein anderes Miteinander lebe. In meinem Buchteil formuliere ich dreißig konkrete Schritte für ein kritisches Erwachsensein.

S. S.: Sie sind sogar alle Simbi-­approved!

Für mich als Mutter ist es am schwierigsten, die Balance zu finden zwischen der Selbstbestimmtheit meiner Kinder und ihrem Schutz, also der Pflicht, sie manchmal auch gegen ihren Willen vor etwas zu beschützen. Bei einem heranrasenden Auto lässt sich das noch leicht entscheiden, meist ist es aber deutlich komplizierter.

S. S.: Ich unterscheide dafür zwei Arten von Regeln: Tu-Regeln und Veränderungsregeln. Tu-Regeln dienen oft dem Schutz – die Regel, dass Kinder sich die Zähne putzen müssen, schützt vor Karies. Eine Veränderungsregel wäre, einem sehr quirligen, aufgedrehten Kind zu sagen: „Jetzt sei doch endlich mal still, benimm dich nicht immer so.“ Das führt dazu, dass das Kind sich nicht richtig fühlt. Um die beiden auseinanderzuhalten, kann man sich immer fragen, ob man gut begründen kann, warum man von Kindern etwas verlangt.

M. R.: Oft haben ja Verbote mit den eigenen Grenzen zu tun. Deshalb sollten Erwachsene sich fragen: Was sind meine Befürchtungen? Haben sie mit Glaubenssätzen zu tun, die mir beigebracht wurden, die aber eigentlich zu hinterfragen sind? Ein Beispiel: Simbi hat sich ein Buch gewünscht, das mir für ihr Alter damals viel zu blutrünstig schien. Simbi hat dann eine Lösung gefunden: Wir haben einen Vertrag gemacht, dass sie sofort aufhört zu lesen, wenn es ihr zu gruselig wird.

Und was müsste sich auf (gesellschafts-)politischer Ebene ändern, um Kindern und Jugendlichen mehr Partizipationsmöglichkeiten zu geben? Damit sie in der Pandemie mehr Mitspracherecht haben oder auch bei der Klimapolitik, deren Konsequenzen sie ja mehr betreffen als alle anderen Generationen.

M. R.: Gerade bei der Klimapolitik ist es ja so offensichtlich, wie adultistisch unser System ist. Bezeichnend fand ich dabei auch, wie über Greta Thunberg gesprochen wurde, wie sie runtergemacht wurde. Es ist toll, dass sie auf all den Podien sprechen darf und sie hat viel bewirkt, aber das ändert leider nichts daran, dass die Stimme eines Kindes eben nicht dasselbe Gewicht hat wie die von Trump oder Putin.

Mir fällt es schwer, über große gesellschaftliche Lösungen nachzudenken. Mein Ansatz ist, dass wir alle zu kritischen Erwachsenen werden und uns als Eltern, als Erzieher:innen, als Lehrer:innen um Veränderungen bemühen sollten. Das wäre ein großartiger Schneeballeffekt, der vieles auch auf gesellschaftlicher Ebene verändern könnte.

S. S.: Ich finde es furchtbar traurig, dass sich auch während der Corona-Pandemie so deutlich gezeigt hat, dass Kinder der Politik einfach scheißegal sind. Natürlich bekommt der Bundestag eine Belüftungsanlage, aber die Schulen bekommen keine. Die Schulen werden spät oder gar nicht geschlossen, obwohl das An­steckungsrisiko so hoch ist. Es wird so oft einfach über uns bestimmt und niemand kommt auf die Idee, junge Menschen zu fragen. Deshalb ist mein Appell an alle: nachfragen, zuhören und sich das dann auch wirklich zu Herzen zu nehmen. •

ManuEla Ritz engagiert sich seit zwanzig Jahren gegen Adultismus: als Mutter, im Rahmen von Vorträgen, Performances und Workshops sowie als Autorin.

Simbi Schwarz hat bereits als Kind begonnen, Workshops zu teamen, und vertritt bis heute eine starke junge Stimme im Kampf gegen die Ungerechtigkeiten zwischen Jung und Alt.

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„Voll die Streberin, aber stabil“ https://ansch.4lima.de/voll-die-streberin-aber-stabil/ https://ansch.4lima.de/voll-die-streberin-aber-stabil/#respond Thu, 10 Mar 2022 09:48:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=64619 Unser Schulsystem verstärkt soziale Ungerechtigkeit, statt sie auszuhebeln. Höchste Zeit für einen Systemwechsel, findet Lehrerin Maria Lodjn. Das erste Semester ist zu Ende. Kaum habe ich drei Schritte aus dem Schultor gemacht, halten mir vier SchülerIinnen ihre Schulnachricht unter die Nase. Soweit ich es ohne Brille erkennen kann, sind es gute Zeugnisse, und in den […]]]>

Unser Schulsystem verstärkt soziale Ungerechtigkeit, statt sie auszuhebeln. Höchste Zeit für einen Systemwechsel, findet Lehrerin Maria Lodjn.

Das erste Semester ist zu Ende. Kaum habe ich drei Schritte aus dem Schultor gemacht, halten mir vier SchülerIinnen ihre Schulnachricht unter die Nase. Soweit ich es ohne Brille erkennen kann, sind es gute Zeugnisse, und in den Gesichtern der Einzelnen spiegeln sich Stolz und Freude wider. Lediglich eine Schülerin erzählt mir, dass sie drei Nichtgenügend hat und gerade überlegt, wie sie das ihren Eltern beibringen soll. Sie wirkt bedrückt, hat allem Anschein nach Schwierigkeiten, die Euphorie der anderen nachzuempfinden. Diese Szene bestätigt mir wie schon so oft, dass die Anzahl derer, die tatsächlich „nicht wollen“, an meiner Mittelschule verschwindend klein ist. Wenn also die meisten tatsächlich in diesem System bestehen wollen, warum schaffen sie in weiterer Konsequenz nicht den von ihnen und ihren Eltern ersehnten Bildungsaufstieg? Die Antwort ist simpel. Bildungsgerechtigkeit ist in Österreich ein Schlagwort, mehr nicht.

Danijela. Nachdem ich mich aus der Schüler*innentraube gelöst habe und ein paar Schritte weitergehe, stupst mich Danijela zaghaft an. „Ich hab alles Einser. Eh immer schon, auch in der Volksschule“, sagt sie. Obwohl ich diese Frage nicht stellen will, schießt sie aus mir heraus. „Warum gehst du eigentlich nicht ins Gymnasium?“ Kaum habe ich es ausgesprochen, verfluche ich mich. Weil ich mit dieser Frage Danijelas Zeugnis abwerte. Weil diese frühe Selektion auch in mir Spuren hinterlassen hat. Weil ich weiß und spüre, dass die Mittelschule trotz vieler kosmetischer Korrekturen immer noch nur die Mittelschule ist. „Wäre zu stressig. Meine Brüder hatten ja auch immer gute Noten und waren hier an der Schule“, erklärt sie lapidar und wünscht mir schöne Ferien. „Zu stressig“ steht als Synonym dafür, dass sich weder Danijela noch ihre Eltern das Abenteuer Gymnasium zutrauen. Aladin El-Mafaalani bezeichnet in seinem Buch „Mythos Bildung“ diese Haltung als den primären Herkunftseffekt. Eltern, die nicht selbst im Gymnasium waren, entscheiden sich trotz AHS-Empfehlung der Volksschullehrer*innen oft für den Besuch einer Mittelschule. Es dominiert die Angst, ihr Kind nicht so unterstützen zu können, wie es vom System Schule in Österreich erwartet wird. Wer sollte mit dem Kind dann z. B. Mathe üben? Schließlich waren sie, die Eltern, nicht im Gymnasium und können daher die stille Grundvoraussetzung der elterlichen Mitarbeit nicht erfüllen. Aber auch die finanzielle Situation spielt eine Rolle. Würden sich die Eltern Nachhilfe leisten können? Wer soll teure Auslandsreisen, Skikurse, Projektwochen und das Schulmaterial bezahlen? Das Nach-unten-Abweichen ist nachvollziehbar. Dieses Phänomen wird von Arbeiter*innenfamilien laut El-Mafaalani weitaus öfter praktiziert als in Akademiker*innenfamilien. Bei Letzteren überwiegt die Einstellung, dass man alles mobilisieren wird, was es zum Überstieg ins oder zum Verbleib am Gymnasium braucht.

Aber auch in der Mittelschule wird das schulische Versagen des Nachwuchses den Eltern, im Speziellen den Müttern, zur Last gelegt.

„Dann muss sich die Mutter mit dem Kind hinsetzen und üben.“ Solche Aussagen höre ich fast täglich.
„Kein Wunder, dass XY in der Schule nicht klarkommt. Die Mutter ist völlig unfähig.“
„Die Mutter ist ja ohnehin nur zu Hause. Wieso lernt die nicht mit dem Kind?“

Das System Schule gibt die Verantwortung für Misserfolge an Kinder und deren Mütter ab.

Milena. Milena ist das jüngste Kind einer Großfamilie. Die meisten ihrer Geschwister sind an meiner Schule gewesen. Bei Milena sollte alles anders werden. Bei ihr musste der Bildungsaufstieg gelingen. Keine Zweifel daran ließ ihr makelloses Zeugnis. Eine ihrer Schwestern, die ich unterrichte, war irre stolz auf sie. „Voll die Streberin, aber schon stabil“, erklärte Naila. Das war im Schuljahr 2020/21. Dann kam wieder einmal ein Lockdown. Milena konnte in dieser Zeit nicht mithalten, verlor sich und den Anschluss. Schon vor den großen Ferien erzählte mir Naila, dass Milena zwei Nichtgenügend im Zeugnis hatte. Dass es urschwer dort sei und niemand helfen könne. Seit diesem Schuljahr besucht Milena eine Mittelschule. Neulich hat die jetzige Klassenvorständin die Eltern angerufen und gesagt, dass Milena definitiv aufs Gymnasium gehört. „Wissen Sie, Frau Lodjn, die im Gymnasium waren auch nicht sehr höflich zu ihr und meinen Eltern“, berichtet mir Naila.

Die Eltern müssen, so die Erwartungshaltung, verdammt dankbar sein, dass das „migrantische Kind“ auf ein Gymnasium gehen darf. Fordern oder nachfragen kommt da ganz schlecht an. Im besten Fall dürfen sich die Eltern noch anhören, dass dieses Kind sich schon bitte doppelt anstrengen muss.

Milenas vermeintliches Versagen basiert auf einem Systemversagen. Während der diversen Lockdowns waren Kinder, die wenig Unterstützung von zu Hause hatten, mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Corona hat die ohnehin bestehenden sozialen Ungleichheiten bei Kindern mit Migrationsbiografie weiter verstärkt.

Ayse. Ayse erfüllte alle Klischees der typischen Mittelschülerin. Aus der Volksschule hatte sie ein Zeugnis mit drei Vieren in Mathematik, Deutsch und Sachunterricht mitgebracht. Wenn im Mai die neuen Schülerinnen auf dem Papier den Klassen zugeordnet werden, verleihen Kolleginnen jenen mit mindestens zwei Vieren das Prädikat dumm, faul und/oder schwach. Mit dieser Last, von der Ayse nichts wissen konnte, begann ihre Laufbahn an der Mittelschule. Niemand fragte sich, was die Ursache dieser Zensuren war. Typisch für einen Großteil der Lehrer*innen, wie auch El-Mafaalani schreibt. Man ist blind für die sozialen Rahmenbedingungen, aber nicht für deren Folgen. Ich habe und hatte das Glück, Ayse wachsen zu sehen. Sie ist ein empathisches, kluges und extrem reflektiertes Mädchen. Sie ist eine der wunderbarsten Schüler*innen, die mir jemals begegnet sind. Und sie hat blitzschnell durchschaut, dass sie von Kolleg*innen für schwach gehalten wird und wurde. „Frau Lodjn, glauben Sie wirklich, dass ich schwach bin? Ehrlich, ich habe meine ganze Familie zum Impfen überredet. Sie sind nur geimpft, weil ich als Erste dort war. Ist das schwach oder stark?“ Diese Frage stellt sie, als wir im Schulhof Zeit zum Plaudern haben. In unserem ungerechten Bildungssystem steht Ayse auf der Verlierer*innenseite, weil auch sie eine Migrationsbiografie hat und ein Mädchen ist.

Gender Gap. Mädchen sind von den Ungerechtigkeiten des Bildungssystems wesentlich stärker betroffen als Jungen. Jungen wird ein Bildungsaufstieg eher zugetraut. Sollte es nichts mit dem Aufstieg werden, dann können sie zur Not in den immer noch besser bezahlten, männlich dominierten Berufen Fuß fassen. Auch im Kollegium, wo der Frauenanteil hoch ist und sich so manche den Begriff Feministin auf ihre Fahnen schreiben, werden immer noch starke Jungs gebraucht, die die Kartons mit Schulbüchern durchs Schulhaus schleppen. Beim Aufbau eines Beamers werden die männlichen Klassenkollegen angesprochen. Der Werklehrer baut mit den Buben ein Regalsystem für den Werkraum, während die Mädchen Laubsägearbeiten anmalen.

Die sozialen Ungleichheiten, die von unserem Schulsystem erwiesenermaßen verstärkt werden, treffen Mädchen und junge Frauen mit doppelter Härte. Sollte in den nächsten Jahren wider Erwarten Bildungsgerechtigkeit keine leere Worthülse bleiben, dann muss dieser Aspekt zwingend berücksichtigt werden. Danijela, Ayse und Milena, die stellvertretend für eine Generation Mädchen stehen, haben sich jede Menge Aufmerksamkeit verdient. •

Maria Lodjn unterrichtet seit fast 30 Jahren an unterschiedlichen Mittelschulen in Wien. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin ist sie freie Autorin und Theaterpädagogin.

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Macht ihr doch mal was Sinnvolles! https://ansch.4lima.de/macht-ihr-doch-mal-was-sinnvolles/ https://ansch.4lima.de/macht-ihr-doch-mal-was-sinnvolles/#respond Thu, 10 Mar 2022 09:35:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=64612 Die Ignoranz Erwachsener droht den Planeten zu zerstören, warnt Amina Guggenbichler. Immer wieder rennen Klimaaktivist*innen mit dem Kopf gegen die Wand. Ihnen gegenüber stehen dabei meistens Erwachsene über dreißig, die das Zepter der Macht in der Hand haben und täglich über das Morgen von Kindern und Jugendlichen entscheiden. Wie auf einer ausgerauchten Zigarette trampeln die […]]]>

Die Ignoranz Erwachsener droht den Planeten zu zerstören, warnt Amina Guggenbichler.

Immer wieder rennen Klimaaktivist*innen mit dem Kopf gegen die Wand. Ihnen gegenüber stehen dabei meistens Erwachsene über dreißig, die das Zepter der Macht in der Hand haben und täglich über das Morgen von Kindern und Jugendlichen entscheiden. Wie auf einer ausgerauchten Zigarette trampeln die Erwachsenen dabei auf einem herum und missachten die Anliegen der jüngeren Generation. Egal ob Ängste, Sorgen, Fakten oder Meinungen: Kindern, Jugendlichen, Schüler*innen oder Studierenden wird schon aus Prinzip nicht zugehört. „Gehts mal arbeiten und machts was Gscheits!“, rufen sie uns hinterher, wenn wir zu Tausenden auf die Straße gehen und mit Megaphonen und Plakaten versuchen, sichtbar zu werden. Es scheint, als hätte unsere Elterngeneration eine riesige, dicke Ziegelmauer um sich herum aufgebaut. Sie leben ganz nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“.

Für junge Menschen ist es nicht einfach, politisch aktiv zu sein, da sie seit Jahren belächelt, ignoriert und nicht ernst genommen werden. Besonders, wenn es sich um so ein abstraktes Thema wie die Klimakrise handelt. Die Fakten sind da und die Zeit läuft davon. Kinder und Jugendliche organisieren seit Jahren Proteste, bloß um am Ende als „zu radikal“ oder auch als „zu naiv“ beleidigt zu werden. Es fehle ihnen an Reife, Erfahrung und Expertise, heißt es. Doch woher nehmen sich die Erwachsenen eigentlich das Recht, über die Köpfe der Jüngeren hinweg zu entscheiden, ohne sie in ihr Handeln miteinzubeziehen, besonders wenn ihre Entscheidungen drastische Auswirkungen auf die Zukunft einer ganzen Generation haben. Der Konflikt zwischen Alt und Jung hat sogar einen Platz im Duden gefunden und wird als „Adultismus“ bezeichnet. Damit ist der Machtmissbrauch älterer Menschen gegenüber Kindern und Jugendlichen gemeint. Wird er uns am Ende das Leben kosten? Es ist wirklich schwer zu sagen, wie es weitergehen soll, besonders in einer Welt, in der sich Konzernchef*innen und Politiker*innen auf ihren Chefsesseln ausruhen und sich vor Lösungen verstecken. Immer wieder müssen wir Bilder ertragen, in denen Klimaaktivist*innen massiver Repression ausgesetzt sind und belächelt werden. Junge FLINTA Personen und BIPoC oft ganz besonders. Sie erleben Benachteiligung und Ignoranz auf mehreren Ebenen und werden weder gesehen noch gehört. Es ist an der Zeit, dass unsere Elterngeneration offen für Neues ist und wissenschaftlich fundierte Fakten nicht weiter ignoriert werden. Es sind Kinder und Jugendliche, die den Ernst der Lage und die Dringlichkeit der Klimakrise erkannt haben und spätestens jetzt gehört werden müssen, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Sie machen etwas Sinnvolles, während Erwachsene weiterhin schamlos Greenwashing betreiben, ein Plastiksackerlverbot aussprechen und Geld kassieren. Doch um der Vision eines klimaneutralen Österreichs, eines klimaneutralen Europas und einer klimagerechten Welt tatsächlich näher zu kommen, muss jüngeren Menschen auch endlich Glauben und Vertrauen geschenkt werden. Denn sie sind diejenigen, die die Konsequenzen am Ende des Tages tragen werden. Bis wir der Vorstellung einer klimagerechten Welt gerecht werden, müssen Kinder, Schüler*innen und Studierende wohl weiterhin dabei zuschauen, wie große Konzerne Abgase in die Welt stoßen, Erdöl gepumpt wird und versucht wird, ein kaputtes Wirtschaftssystem zu „retten“.

Wann sehen Entscheidungsträger*innen und Menschen mit Verantwortung endlich das große Ganze und die Gefahr, der wir uns mit großen Schritten nähern? Solange Erwachsene nur Flausen im Kopf haben und meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, müssen wir weiter für Gehör und Sichtbarkeit kämpfen. Daher nutzen junge Menschen jede freie Minute für Protest, stehen weiterhin auf, sind weiterhin laut und halten ihre Schilder in die Luft. Denn die Angst vor morgen wird nur noch größer und die Sorge, eines Tages nicht mehr in einer heilen Welt aufzuwachen, immer realer. So stelle ich mir meine Zukunft nicht vor! •

Amina Guggenbichler ist zwanzig Jahre alt, Sozialarbeiterin und Aktivistin bei Fridays for Future.

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Feministische Querfront https://ansch.4lima.de/feministische-querfront/ https://ansch.4lima.de/feministische-querfront/#respond Thu, 10 Mar 2022 09:28:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=64605 Feministische Impfgegner*innen gehen in der Pandemie gefährliche Bündnisse mit reaktionären Kräften ein. Eine Analyse von Meret Siemen und Judith Goetz Rund fünfhundert Personen sammelten sich Anfang letzten Jahres in Berlin zu einem sogenannten „Multikulturellen Frauenmarsch“, um gegen den Faschismus zu trommeln. Dabei war auch die Rede von „natürlicher Immunität“, „Finanzkartellen“ und einem erfundenen Virus, das […]]]>

Feministische Impfgegner*innen gehen in der Pandemie gefährliche Bündnisse mit reaktionären Kräften ein. Eine Analyse von Meret Siemen und Judith Goetz

Rund fünfhundert Personen sammelten sich Anfang letzten Jahres in Berlin zu einem sogenannten „Multikulturellen Frauenmarsch“, um gegen den Faschismus zu trommeln. Dabei war auch die Rede von „natürlicher Immunität“, „Finanzkartellen“ und einem erfundenen Virus, das die Gesellschaft spalte. Das Schweizer Kollektiv „Feministischer Lookdown“, dem auch die feministische Intersektionalitätstheoretikerin Tove Soiland angehört und das sich selbst als „links, feministisch und antirassistisch“ begreift, sammelt indes auf seiner gleichnamigen Website bunte Beiträge zu Care-Notstand, Medienmanipulation und „Profiteuren der Angst“. Darunter Aufrufe, sich nicht impfen zu lassen, und simple Verharmlosungen des Coronavirus.

In Wien wiederum nahm im Jänner 2022 die ehemalige Bundessprecherin der Grünen, Madeleine Petrovic, gemeinsam mit bekannten (rechtsaffinen) Corona-Verharmloser*innen an mehreren Anti-Covid-19-Maßnahmen-Demonstrationen wie z. B. „Gegen Impfzwang und digitale Überwachung“ teil und stimmte dort als Rednerin in den seit zwei Jahren verbreiteten verschwörungsmythischen Tenor ein. Sie teilte die Bühne u. a. mit Andreas Sönnichsen, der zuvor schon Pressekonferenzen mit der FPÖ abgehalten hatte und sich in Bayern bei der Partei „Die Basis“ engagiert, deren Kanzlerkandidat u. a. durch die Rede von einem „KZ für Ungeimpfte“ aufgefallen war. Beworben wurde die Wiener Demonstration auch von Autonomen Feministinnen. Sie taten sich hierzulande auf feministischen E-Mail-Listen und durch ihr Engagement in entsprechend fragwürdigen Kontexten als Maßnahmengegnerinnen und Impfkritikerinnen hervor. Kaum verwunderlich, dass auch sie bei der besagten Demonstration mitmarschierten und Flugblätter verteilten. Haben wir es aktuell also mit einer feministischen Querfront zu tun?

Neues Virus, alte Leier. Die Redakteurin der „Streifzüge“, Maria Wölflingseder, schreibt in einem Sammelband mit dem reißerischen Titel „Herrschaft ohne Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand“, erschienen 2021 im in der Kritik stehenden Promedia Verlag, von einer „kollektiven Amnesie“ der Linken, denen angesichts der Gefahren einer sogenannten Pharmaindustrialisierung „jegliches Verständnis für historische Kontinuität“ fehle. Historische Kontinuität besitzen vor allem die unbehaglichen Überschneidungen ökofeministischer mit verschwörungsmythischer Impfkritik. Wölflingseder ist sich nicht zu schade, von der „Verfolgung“ Ungeimpfter zu sprechen, und spitzt damit ein Motiv zu, das impfkritische Feminist*innen, linke Querfront und Corona-Leugner*innen teilen: die Berufung auf ihre vermeintliche Betroffenheit von Ausgrenzung und Stigmatisierung. Ein, häufig antisemitisch aufgeladenes, Narrativ, das so alt ist wie die Impfkritik – die wiederum so alt ist wie die Impfung selbst.

Viele Thesen der vermeintlich fortschrittlichen Impfkritiker*innen decken sich wortwörtlich mit den schier endlosen Artikelserien einschlägiger Verschwörungsmedien von KenFM über „Rubikon“ bis hin zum rechtsextremen „Compact-Magazin“. So scheinen die Feindbilder „Corona-Diktatur“, „Bill-Gates-Komplott“ oder „Pharmalobby“ den Betreiber*innen von rechten und klar verschwörungsmythischen Infokanälen auch viele Klicks von Feminist*innen zu bescheren.

Friede, Freiheit, Abwehrkräfte. Es besteht wohl feministischer Konsens darüber, dass Misstrauen gegenüber Medizin und Gesundheitssystem grundsätzlich angebracht ist. Dieses Misstrauen ist dem tradierten Androzentrismus in Forschung und medizinischer Wissenschaft geschuldet. Die strukturelle Benachteiligung durch vergeschlechtlichte Wissenschaft und Medizin verursacht zwar wirklich ganz konkretes Leiden – in ihrem Schatten jedoch gedeihen Esoterik und Quacksalberei als Zufluchtsorte jenseits rational-männlicher und vermeintlich künstlicher „Medizin-Technik“. Sie bieten Einfallstore für reaktionäre Ideologien auch in feministischen Erzählungen. Klassische Männerdomänen wurden bereits in den frühen Frauenbewegungen boykottiert, um Platz für Selbstfindung, die Suche nach „weiblicher Identität“ jenseits patriarchaler Zuschreibungen und der menschenfeindlichen Konsequenzen der „profitgetriebenen, technologischen Massenindustrie“ zu schaffen – üblicherweise waren damit Atomkraft, Kriege, Imperialismus und Gentechnologien gemeint. Frieden, Fürsorge und Naturbewahrung lauteten die Grundsätze, die ökofeministische, aber eben auch esoterische Kämpfe miteinander verbanden.

Doch der propagierte Individualismus der aktuellen Impfkritiker*innen birgt in einer ohnehin schon neoliberalen Gesellschaft keine emanzipatorischen Momente. Denn die konkreten Antworten auf die Covid-Pandemie beschränken sich auf die Rücknahme der Maßnahmen und die Rückkehr zu einer idealisierten Normalität, in der jede*r für die eigene Gesundheit selbst verantwortlich ist, was häufig auch mit sozialdarwinistischen Theorien argumentiert wird.

Kollektive feministische Antworten auf die Pandemie, die Verletzbarkeit in den Vordergrund rücken, wären also längst überfällig. Die Impfkritik, etwa der Autonomen Feministinnen, klingt aber nach reflexartiger Opposition, die ihre Handlungen auf „den Staat“ ausrichtet und primär das Gegenteil möchte von dem, was er ge- oder verbietet. Dabei hat auch die feministische Kritik an der Impfkritik eine lange Tradition. So finden sich etwa bereits in der feministischen Berliner Zeitschrift „Schwarze Botin“ in den 1970er-/1980er-Jahren Polemiken, die auf gefährliche Schnittmengen von Narrativen der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, Grünen und Ökofeministinnen mit völkischen Weiblichkeitsfantasien hinwiesen. Inzwischen gibt es zahlreiche queer-, trans- und cyberfeministische Diskurse, die Vorstellungen von vollständiger Gesundheit und Immunität grundlegend dekonstruieren.

Die „virozentrische“ Linke. Und trotzdem tut sich die liberale bis radikale Linke zu Pandemiezeiten erstaunlich schwer, dieses Problem zu adressieren und selbstkritisch zu bleiben. Da sich bei den wöchentlichen Protesten der Corona-Maßnahmengegner*innen in Österreich rechtsextreme bis rechtsoffen-esoterische Positionen finden, wurden kurzerhand alle Teilnehmer*innen zum Feindbild erklärt. Andererseits musste, wer sich nicht auf die Regierenden verlassen wollte, seit dem Frühjahr 2020 selbst Ideen solidarischer Pandemiebekämpfung aus dem Ärmel schütteln, auf die eigene Gesundheit und die der anderen achten und dabei mit Isolation, Unsicherheiten und Ängsten umgehen.

Die eigenen Privilegien kritisch zu reflektieren, sich um sich selbst und andere zu kümmern und empathisch auf das Leiden der anderen zu blicken, erweist sich dabei als deutlich mühsamer, als mit simplen Schuldzuweisungen in Opposition zu gehen. Viele feministische Kämpfe drehen sich ja um die Sichtbarkeit marginalisierter Positionen – aber niemand hatte damit gerechnet, dass wir einmal für die Anerkennung eines Virus kämpfen müssen. Außerdem könnten wir auch dafür eintreten, dass jede Person aus freien Stücken, unter Abwägung der Interessen aller Mitmenschen, unter Berücksichtigung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper und der ungleich verteilten Versehr- und Verletzbarkeit aller Körper, zu dem informierten Schluss kommen kann, sich impfen zu lassen – aus Rücksicht auf diejenigen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Unabhängig davon, ob das nun von einer Regierung gefordert wird oder nicht. •

Meret Siemen studiert Philosophie und engagiert sich in feministischen Zusammenhängen in Wien.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin, Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit, des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus sowie der European Feminist Platform.

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Hochbegabt – oder einfach hochprivilegiert? https://ansch.4lima.de/hochbegabt-odereinfach-hochprivilegiert/ https://ansch.4lima.de/hochbegabt-odereinfach-hochprivilegiert/#respond Thu, 10 Mar 2022 09:21:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=64601 „Mein Kind ist schlecht in der Schule. Es bekommt schlechte Noten und ist wütend.“ Wann immer ein Satz wie dieser in diversen Facebook-Gruppen fällt, folgt unweigerlich bald die Antwort: „Hast du sie/ihn schon testen lassen? Sicher hochbegabt!“ Besonders beliebt ist diese Ferndiagnose in Gruppen mit vielen privilegierten – weißen, wohlhabenden und gebildeten – Müttern. Den […]]]>

„Mein Kind ist schlecht in der Schule. Es bekommt schlechte Noten und ist wütend.“ Wann immer ein Satz wie dieser in diversen Facebook-Gruppen fällt, folgt unweigerlich bald die Antwort: „Hast du sie/ihn schon testen lassen? Sicher hochbegabt!“ Besonders beliebt ist diese Ferndiagnose in Gruppen mit vielen privilegierten – weißen, wohlhabenden und gebildeten – Müttern. Den Tipp, dass das Kind vielleicht einfach ein wenig mehr lernen sollte, gibt es dort selten. Oder dass eine psychologische Begleitung wegen der Wut und Aggression vielleicht sinnvoll wäre. Um das gleich klarzustellen: Ich bezweifle nicht, dass es hochbegabte Kinder gibt. Allerdings frage ich mich, warum diese Kinder offenbar so überdurchschnittlich häufig in privilegierte Familien geboren werden, während diese Diagnose in ökonomisch benachteiligten Familien kaum bekannt zu sein scheint. Wie viele Kinder gehen in sogenannte „Brennpunktschulen“, die ebenfalls hochbegabt oder höchstbegabt sind? Kinder, die in prekären Verhältnissen aufwachsen. Kinder mit Migrationsbiografie. Kinder, von denen nur der Besuch einer Pflichtschule erwartet wird.

Der Ruf dieser Schulen verdankt sich meist der schlechten Schulleistung und dem Chaos in den Klassen. Wäre es möglich, dass die Kinder dort ganz einfach schlechte Noten schreiben und eine Wut in sich haben, weil niemand ihre Talente entdeckt? Vermutlich erlauben es ihre Lebensrealitäten nicht, solche Dinge testen zu lassen, möglicherweise wissen die Eltern nichts von den Möglichkeiten. Außerdem führen fehlende Sprachkenntnisse immer wieder dazu, dass Kinder als weniger begabt eingestuft werden, selbst wenn sie überdurchschnittlich intelligent sind.

Legasthenie, AD(H)S, Hochbegabung, Höchstbegabung – all das sind Diagnosen, die ständig gestellt werden. Vermutlich würden sie auch jene Kinder bekommen, die einfach nicht getestet werden. Wir wissen es nur nicht. Stattdessen werden sie als faul, laut, aggressiv, ungezogen, unkonzentriert oder gar wenig intelligent eingestuft. Einige dieser Kinder landen in einem System, das Sonderschule heißt – Schulen für Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf. Immer wieder erfahre ich, dass Kinder mit Migrationsbiografie dort landen, weil sich ihnen niemand annimmt und niemand sie fördert. Ich selbst habe noch keine Kinder, daher habe ich grundsätzlich Verständnis für Eltern, die für ihre Kinder das Bestmögliche wollen. Sicher muss es Kindern leichter gemacht werden, sich in diesem Bildungssystem wohlzufühlen (auch wenn es dringend reformiert gehört). Und sicher ist dabei eine gute Diagnostik hilfreich. Jedoch frage ich mich schon, was der beste Weg ist, um mit solchen Diagnosen umzugehen. Denn ich halte es für absolut okay, wenn ein Kind nicht lauter Einser in der Schule hat. Weniger gute Noten haben – zumindest in höheren Schulen – weniger Impact, als viele glauben. Schafft man die Matura, fragt einen in der Regel niemand mehr nach den Noten der anderen Jahre. Zumindest in Österreich macht der Notenschnitt keinen Unterschied für ein späteres Studium. Es würde den Kindern vermutlich mehr helfen, wenn sie auch mal einen Dreier oder Vierer heimbringen könnten, ohne dass das groß problematisiert wird. Relevant sind die Noten nur für einen Schulwechsel. Besonders der frühe Wechsel von Kindern zum Gymnasium oder zur Neuen Mittelschule verfestigt soziale Ungleichheit, es ist ein Problem, das wir mit einer Gesamtschule für alle Kinder anpacken könnten. Wir dürfen Kindern nicht so früh die Möglichkeit nehmen, ihre Potenziale und Talente zu entdecken. Es schmerzt mich, daran zu denken, wie viel Potenzial Kinder hätten, denen von Anfang an kaum Chancen gegeben werden. •

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Feminist Superheroines: Marie Jahoda https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marie-jahoda/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marie-jahoda/#respond Thu, 10 Mar 2022 09:18:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=64577 Marie Jahoda gilt als Grande Dame der Sozialdemokratie. Die Sozialpsychologin engagierte sich in der SPÖ, bei den revolutionären Sozialisten und als Frauenrechtlerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Studie über „Die Arbeitslosen im Marien­thal“, die die psychischen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit untersuchte und die Jahoda gemeinsam mit ihrem Mann Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel durchführte. […]]]>

Marie Jahoda gilt als Grande Dame der Sozialdemokratie. Die Sozialpsychologin engagierte sich in der SPÖ, bei den revolutionären Sozialisten und als Frauenrechtlerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Studie über „Die Arbeitslosen im Marien­thal“, die die psychischen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit untersuchte und die Jahoda gemeinsam mit ihrem Mann Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel durchführte.

Geboren 1907 in eine jüdische Familie in Wien, organisierte sie sich schon früh in sozialdemokratischen Jugendvereinen. Als 1934 unter dem Austrofaschismus die Sozialdemokratische Partei verboten wurde, arbeitete sie im Untergrund weiter. Nach ihrer Verhaftung 1937 wurde ihr deshalb die Staatsbürgerschaft aberkannt und sie musste Österreich verlassen. Im Exil in England und später in den USA engagierte sie sich weiterhin politisch und arbeitete an unterschiedlichen Universitäten. Bis ins hohe Alter beschäftigte sie sich mit dem Zusammenhang von psychologischen und sozialen Phänomenen, speziell mit den Wurzeln des Nationalismus. ahn

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