I/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 07 Feb 2022 11:36:21 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png I/2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Outside the binary: Ezra Furman https://ansch.4lima.de/outside-the-binary-ezra-furman/ https://ansch.4lima.de/outside-the-binary-ezra-furman/#respond Wed, 02 Feb 2022 17:21:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=61971 Von Carli Fridolin Biller]]>

Von Carli Fridolin Biller

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Radikale Pausenlosigkeit https://ansch.4lima.de/radikale-pausenlosigkeit/ https://ansch.4lima.de/radikale-pausenlosigkeit/#respond Wed, 02 Feb 2022 17:14:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=61966 Die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach hat einen Bestseller über die Erschöpfung der Frauen geschrieben. Höchste Zeit, uns als Gesellschaft dieses Problems anzunehmen. Von Lea Dora Illmer Eigentlich wollte Franziska Schutzbach dieses Buch schon viel früher schreiben. Aber sie war zu erschöpft. Eine Folge von „pausenloser Beanspruchung“ ist die Entfremdung. „Erschöpft zu sein heißt, sich […]]]>

Die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach hat einen Bestseller über die Erschöpfung der Frauen geschrieben. Höchste Zeit, uns als Gesellschaft dieses Problems anzunehmen. Von Lea Dora Illmer

Eigentlich wollte Franziska Schutzbach dieses Buch schon viel früher schreiben. Aber sie war zu erschöpft. Eine Folge von „pausenloser Beanspruchung“ ist die Entfremdung. „Erschöpft zu sein heißt, sich selbst fern zu sein“, allein und vereinzelt. Dazu kommen Schuldgefühle. Wir führen die Erschöpfung fälschlicherweise auf ein Unvermögen zurück und suchen die Schuld dafür bei uns. Die Autorin hält dagegen: Die Erschöpfung, so die Kernaussage ihres Buches, ist nicht etwa ein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches; kein Zufall, sondern unausweichlich. Frauen bzw. FINTA sind ihr systematisch ausgesetzt. Sieben thematische Essays rund um sexuelle Verfügbarkeit, Selbstvertrauen, Misogynie und Antifeminismus, Körperscham, Mutterschaft, emotionale Arbeit sowie Sorge- und Kümmerarbeit zeigen sorgfältig und detailreich auf, wie es dazu kommt.

Schutzbach erkundet das Phänomen der Erschöpfung als „kollektives Leiden“, als geteilte Geschichte. Das beginne damit, Gefühle ernst zu nehmen, denn sie seien politisch. Wir müssten Erschöpfung und Überforderung wertschätzen, statt sie zu bekämpfen. Als Erfahrungen anerkennen, die eine kritische Gesellschaftsanalyse ermöglichen. Schutzbach ist sich bewusst, dass sie mit diesem Vorhaben nicht die Erste oder Einzige ist. Denn Erschöpfung entstehe auch dadurch, dass Teile der Geschichte, insbesondere feministisches Wissen, immer wieder aktiv vergessen werden. Generationen von Feminist*innen ­verwenden folglich viel Kraft darauf, Wissen zu suchen, um ihre Erfahrungen einzuordnen. In diesem Sinne fungiert Schutzbachs Werk als Archiv, um dieses Wissen verfügbar zu machen.

Um Erschöpfung und ihre Quellen erkennen und artikulieren zu können, brauchen wir ein Vokabular. Schutzbach stattet uns damit aus, etwa mit dem Konzept der „Allzuständigkeit“ oder „radikalen Pausenlosigkeit“. Das Eingestehen von Erschöpfung fällt aber nicht nur der (fehlenden) Sprache wegen schwer, es gibt noch einen Grund: die Glücksdoktrin. Sogenannte negative Emotionen haben eine Entwertung erfahren und sollen unter Verschluss gehalten werden, gleichzeitig gibt es den Zwang zum positiven Denken, ja zum Glücklichsein. Krisen, Zweifel und das Scheitern sind nur dann erlaubt, wenn daraus irgendwann ein Nutzen gezogen werden kann. Das erleben Mütter auf besondere Weise, denn sie werden nicht nur für ihr eigenes Glück, sondern auch für das ihrer Kinder zur Verantwortung gezogen. Das Kind sei zur moralischen Instanz geworden für die weibliche Erfolgsbiografie, stellt Schutzbach fest. Obwohl Elternsein „entgrenzt und entgrenzend“ ist, werden Mütter isoliert und mit der Verantwortung alleingelassen. Die Kleinfamilie ist „zu klein für das ‚Projekt Kind‘“.

Die Erschöpfung der Frauen ist die Basis unseres Wirtschaftssystems, so eine zentrale Einsicht des Buches. Soll sie überwunden werden, müssen wir Sorgearbeit aufwerten – sie gehört ins Zentrum unserer Gesellschaft und Ökonomie.

„Denken ist ein Gemeinschaftsprozess“, betont Schutzbach in der Danksagung. Das wird während des gesamten Buches deutlich. Sie zeichnet – vornehmlich weibliche – Genealogien auf, nennt Vordenker*innen, holt O-Töne ein, um die eigene Perspektive zu ergänzen. „Die Erschöpfung der Frauen“ ist ein polemischer Titel, es gibt die Frauen nicht. Eigentlich erzählt sie von erschöpften Müttern, Mädchen, Schwarzen und weißen Frauen, Migrant*innen, trans Frauen, dicken, dünnen, lesbischen, queeren Frauen und non-binären Menschen. Das ist anspruchsvoll. Aber es gelingt erstaunlich gut. Wohl auch, weil Schutzbach Lücken und Leerstellen mutig anspricht. Sie macht sich stark für eine feministische Politik mit Widersprüchen, dafür, Spannungsfelder auszuhalten. Wie etwa dasjenige zwischen der „fortdauernden Notwendigkeit, über ‚Frauen‘ zu sprechen, und der Skepsis gegenüber normierender Zweigeschlechtlichkeit“.

Schutzbach macht klar: Die Erschöpfung der Frauen geht alle etwas an. Als geteilte Erfahrung vermag sie es, uns in eine Beziehung zueinander zu bringen und politische Kräfte zu mobilisieren. Nur so lassen sich gesellschaftliche Strukturen verändern. •

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit

Droemer Knaur 2021, 18,95 Euro

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„Sie warten, bis es stirbt“ https://ansch.4lima.de/sie-warten-bis-es-stirbt/ https://ansch.4lima.de/sie-warten-bis-es-stirbt/#respond Wed, 02 Feb 2022 17:10:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=61962 Strikte Abtreibungsgesetze gefährden das Leben ­aller Schwangeren – das zeigen Fälle aus Polen und Italien. Fundamentalist*innen schert das wenig. Von Brigitte Theißl Izabela ist im fünften Monat schwanger, als sie im vergangenen September in ein Krankenhaus in Pszczyna eingeliefert wird. Die 30-Jährige hat viel zu früh Fruchtwasser verloren, ihr Zustand verschlechtert sich rapide. „Das Baby […]]]>

Strikte Abtreibungsgesetze gefährden das Leben ­aller Schwangeren – das zeigen Fälle aus Polen und Italien. Fundamentalist*innen schert das wenig. Von Brigitte Theißl

Izabela ist im fünften Monat schwanger, als sie im vergangenen September in ein Krankenhaus in Pszczyna eingeliefert wird. Die 30-Jährige hat viel zu früh Fruchtwasser verloren, ihr Zustand verschlechtert sich rapide. „Das Baby wiegt 485 Gramm. Dank des Abtreibungsgesetzes muss ich mich jetzt hinlegen. Und sie können nichts tun. Sie warten, bis es stirbt oder etwas beginnt, und wenn nicht, muss ich eine Sepsis befürchten“, schreibt sie nachts per SMS an ihre Mutter, wie der polnische Sender TVN24 berichtet. „Sie hatte große Angst“, erzählt Mutter Barbara im Interview. Wenig später verstirbt Izabela auf dem Weg in den Operationssaal, wo der lebensrettende Kaiserschnitt hätte stattfinden sollen. Obwohl der Fötus nicht überlebensfähig war, hatten die Ärzt*innen seinen Tod abgewartet. „Es kommt eben vor, dass Frauen bei der Geburt ihres Kindes sterben“, so der zynische Kommentar von Marek Suski von der PiS.

Der Fall Izabela S. löste wütende Proteste im ganzen Land aus. Zehntausende Menschen gingen im November auf die Straße. „Keine Einzige mehr – Marsch für Iza“, so der Leitspruch der Demonstrationen, die sich in über siebzig Orten quer durch Polen formierten. Das Handeln der Ärzt*innen ist direkt auf das polnische Abtreibungsgesetz zurückzuführen, sind Kritiker*innen überzeugt. Erst vor einem Jahr war eines der strengsten Gesetze Europas erneut verschärft worden: So wurde die medizinische Indikation gestrichen, selbst schwer fehlgebildete Föten dürfen nicht länger abgetrieben werden. Entsprechend könnten auch die diensthabenden Ärzt*innen im Fall Izabela S. strafrechtliche Konsequenzen gefürchtet haben. Wie die polnische Organisation Strajk Kobiet kurz vor Redaktionsschluss berichtete, starb Ende Jänner auch Agnieszka T. an einer Sepsis, weil man ihr einen Schwangerschaftsabbruch verweigerte. Sie hinterlässt drei Kinder.

Fundamentalistische Erfolge. Seit Jahren kämpfen in Polen Pro-Choice-Aktivist*innen für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung – ihr Gegner ist ein äußerst mächtiger. Hinter der rechten PiS-Regierung steht eine finanz- wie vernetzungsstarke Lobby, die ihre katholisch-fundamentalistische Agenda regelmäßig in Gesetzesvorlagen gießt (siehe an.schläge III/2021).

Kaum ein anderes Thema demonstriert so eindrücklich, wie fragil feministische Errungenschaften sind. Nicht nur in Polen nehmen Rechte und christliche Fundamentalist*innen gezielt Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren zum Schwangerschaftsabbruch und nutzen ihn – ebenso wie Debatten um die Sterbehilfe oder Sexarbeit – als Vehikel, um ihre LGBTIQ- und frauenfeindliche Agenda voranzutreiben.

Strikte Beschränkungen des Schwangerschaftsabbruchs sowie Versorgungslücken gefährden indes nicht nur das Leben von ungewollt Schwangeren, sondern auch das von allen Schwangeren, bei denen es gesundheitliche Komplikationen gibt. Izabela S. ist kein Einzelfall. 2016 starb Valentina Milluzzo im sizilianischen Catania an einer Blutvergiftung. Die 32-Jährige erlitt eine Fehlgeburt ihrer Zwillinge in der 19. Schwangerschaftswoche, eine lebensrettende Abtreibung verweigerten die diensthabenden Ärzt*innen. „Solange es lebt, werde ich nicht intervenieren“, so die Begründung, berichtete der Anwalt der Familie. Die Ärzt*innen widersprechen der Darstellung, 2019 startete ein Prozess wegen Totschlags.

Obwohl ein Schwangerschaftsabbruch in Italien bis Ende der zwölften Woche straffrei ist, verweigern im katholisch geprägten Staat eine große Mehrheit der Ärzt*innen aus Gewissensgründen ihre Arbeit. In Sizilien sind es ganze 87 Prozent, Molise im Süden und Trentino-Südtirol stehen mit über neunzig Prozent an der Spitze.

Hürden und Versorgungslücken. Dass die Möglichkeit des straffreien Abbruchs keine flächendeckende Versorgung sichert, zeigt auch das Beispiel Deutschland. Im katholisch geprägten Süden sei es gerade in Kleinstädten und Dörfern besonders schwierig, eine entsprechende Praxis zu finden, so Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte in Deutschland, im Interview mit „Deutschlandfunk Kultur“. Vielerorts müssen ungewollt Schwangere lange Reisen auf sich nehmen. Seit 2003 ist die Zahl der Praxen und Kliniken, die in Deutschland Abbrüche durchführen, um ganze 46 Prozent gesunken. Ein drastischer Nachwuchsmangel steht bevor, im Medizinstudium wird der Schwangerschaftsabbruch kaum thematisiert. Auch dass radikale Abtreibungsgegnerinnen Ärztinnen wie Kristina Hänel drangsalieren und vor Kliniken demonstrieren, dürfte auf viele Mediziner*innen abschreckend wirken.

Der hürdenreiche Weg zum Schwangerschaftsabbruch birgt indes weitere gesundheitliche Risiken, wie Autorin Sibel Schick auf Instagram und bei „nd Online“ berichtete. Wenige Tage vor der in Deutschland verpflichtenden Konfliktberatung erkrankte Schick an einer Lungenarterienembolie. Da sie im ersten Trimester schwanger war, wollten die Ärzt*innen im Krankenhaus sie wegen der Strahlungsbelastung nicht untersuchen. Dass Schick plante abzutreiben, spielte keine Rolle – sie könne es sich schließen anders überlegen und dann klagen. Er nach vier Tagen fanden die Mediziner*innen eine rechtlich sichere Untersuchungsmethode – die Diagnose beidseitige Lungenarterien­embolie wurde gestellt. „Was, wenn ich jetzt sterbe? Und was, dass ich abtreiben werde? Das hat keine Rolle gespielt. Meine Stimme wurde nicht gehört, ich hatte das Gefühl, dass eine Lebensgefahr in Kauf genommen wurde“, schreibt Schick auf Instagram.

Auf dem Totenbett. Wie (ungewollt) Schwangere zum zynischen Spielball politischer Kräfte werden, demonstrierten zuletzt mehrere US-Bundesstaaten. Seit dem 1. September vergangenen Jahres gilt in Texas das strengste Abtreibungsgesetz der USA. Nicht nur ist ein Abbruch damit ab der sechsten Woche („Herzschlaggesetz“) verboten, auch wurde eine Jagd auf Beteiligte an Abtreibungen ausgerufen. Privatpersonen sind dazu angehalten, Verdächtige wie medizinisches Personal, Sozialarbeiter*innen oder sogar Taxifahrer*innen anzuklagen. Bei einer Verurteilung winkt eine Belohnung von 10.000 Dollar.

„Roe v. Wade liegt auf dem Sterbebett“, schreibt ein Journalist auf „Vox.com“. Es ist jenes Grundsatzurteil des Obersten Gerichts von 1973, das das Recht von ungewollt Schwangeren auf eine Abtreibung schützt. Doch schon im Juni wird ein Urteil erwartet, das Roe v. Wade endgültig aushebeln könnte: Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization. Der Fall dreht sich um ein Gesetz in Mississippi, das den Schwangerschaftsabbruch ab der 15. Woche verbietet und damit Roe v. Wade widerspricht. Während der mündlichen Verhandlung im Dezember signalisierte die konservative Mehrheit des Gerichts deutlich, dass sie das Gesetz beibehalten will, so Beobachter*innen. In diesem Fall wäre Roe v. Wade Geschichte. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Öffentlichkeit vollständig versteht, was auf dem Spiel steht“, so Fatima Goss Graves, Präsidentin und CEO des National Women’s Law Center, im Interview mit der „Huffington Post“.

Bundesstaaten könnten fortan den Schwangerschaftsabbruch selbsttätig ohne jegliche Einschränkungen regeln – ein Albtraum für ungewollt Schwangere in konservativen Staaten. Zwölf Staaten wie Idaho und Ohio haben laut Guttmacher Institut bereits sogenannte trigger laws vorbereitet, die Abtreibung (fast) vollständig verbieten werdcen, sollte das Grundsatz­urteil fallen. Verbote, die besonders Einkommensarme treffen, die weniger mobil sind.

Am 22. Jänner, dem Jahrestag von Roe v. Wade, halten Pro-Choice-Organisationen traditionell Kundgebungen ab. In diesem Jahr sind sie spannungsgeladen wie kaum jemals zuvor. „Es muss der Beginn eines gesellschafts­erschütternden Kampfes sein, um den Angriff auf die Abtreibungsrechte abzuwehren“, macht Aktivistin Sun­sara Taylor deutlich, was auf dem Spiel steht. •

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So eng wie nur möglich https://ansch.4lima.de/so-eng-wie-nur-moeglich/ https://ansch.4lima.de/so-eng-wie-nur-moeglich/#respond Wed, 02 Feb 2022 17:01:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=61958 Rhonda D’Vine vom Verein Venib über die „Genderklage“, die sich gegen die Ungleichbehandlung beim Geschlechtseintrag richtet. Interview: Lea Susemichel an.schläge: 2018 hat der Verfassungsgerichtshof entschieden, dass es alternative Geschlechtseinträge braucht, 2020 wurden die neuen Geschlechtseinträge „inter“, „divers“, „offen“ und „kein Eintrag“ geschaffen. Was ist das Problem damit, worin besteht die Kritik? Rhonda D’Vine: Es gibt […]]]>

Rhonda D’Vine vom Verein Venib über die „Genderklage“, die sich gegen die Ungleichbehandlung beim Geschlechtseintrag richtet. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: 2018 hat der Verfassungsgerichtshof entschieden, dass es alternative Geschlechtseinträge braucht, 2020 wurden die neuen Geschlechtseinträge „inter“, „divers“, „offen“ und „kein Eintrag“ geschaffen. Was ist das Problem damit, worin besteht die Kritik?

Rhonda D’Vine: Es gibt keine direkte Kritik am Entscheid des Verfassungsgerichtshofs, sondern an der mangelhaften Umsetzung durch die Erlässe der Minister. Der Verfassungsgerichtshof hat festgestellt, dass die Ablehnung eines Geschlechtseintrags, der nicht auf weiblich oder männlich lautet, nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar ist. Die Minister haben sich dann entschlossen, diesen Entscheid so eng wie nur möglich zu fassen, im Erlass von Kickl ebenso wie im folgenden durch Nehammer. Demnach können trans Personen lediglich von einem binären Geschlecht zum anderen wechseln und nur inter* Personen stehen die alternativen Geschlechtseinträge offen, sonst niemandem.

Der Fokus liege weiterhin auf körperlichen Merkmalen, wird von der Initiative Genderklage kritisiert. Inwiefern?

Der Erlass des Ministeriums wurde eben sehr eng geschnürt: Es wird ein „einschlägiges medizinisches Gutachten“ gefordert. Das bedeutet eine Stigmatisierung und gegebenenfalls Retraumatisierung von inter* Personen, die seit der Geburt bereits ständig medizinisch begutachtet werden und sich erklären müssen. Des Weiteren führt es faktisch zu einer Ungleichbehandlung, da das einschlägige Gutachten eine inter* Diagnose verlangt und dadurch alle anderen Personen ausschließt.

Inwiefern sind trans Personen davon betroffen? Was ist in Österreich für sie derzeit erforderlich, um den Geschlechtseintrag zu ändern?

Der letzte große Schritt für endo trans Personen (endo sind alle Personen, die nicht inter* sind, Anm. d. Red.) fand 2009 statt, als der verpflichtende genitale Operationszwang wegfiel. Seither ist ein therapeutisches Gutachten notwendig, um den Personenstand ändern zu können. Allerdings lediglich zwischen weiblich und männlich – die durch den Erlass des Verfassungsgerichtshofs möglich gemachten alternativen Geschlechtseinträge sind aktuell ausschließlich inter* Personen zugänglich.

Wie zuversichtlich seid ihr, dass die Genderklage erfolgreich sein wird?

Aktuell wartet die Kläger*in der Genderklage auf den ersten Gerichtstermin des Landesverwaltungsgerichts Wien. Dieser wurde bereits dreimal wegen Krankheit der Richterin und des Anwalts verschoben.

Wir sind aber zuversichtlich, dass die Klage Erfolg haben kann, um diese Ungleichbehandlung zu beenden. Es gibt eine breite zivilgesellschaftliche Unterstützung der Klage und auch einige Parteien unterstützen sie aktiv – uns ist es allerdings wichtig klarzustellen, dass die Klage nicht aus einer Parteiinitiative heraus entstanden ist. Die Oppositionsparteien haben es über den Petitionsausschuss versucht, was aber an den Mehrheiten scheiterte. Die Regierung hat kein Interesse: Die Grünen wollen sich nicht gegen die Koalitionspartnerin positionieren. Die ÖVP könnte die Situation im Alleingang verbessern, wenn sie nur wollte. Würde der Innenminister morgen entscheiden, die Weisung bezüglich des Personenstands zu ändern, hätten wir übermorgen neue Dokumente. •

Venib (Verein Nicht-Binär) tritt für die Rechte von Menschen ein, die sich nicht (ausschließlich) dem binären Zweigeschlechtermodell zuordnen.

Rhonda D’Vine ist trans Aktivistin, Poetry Slammerin und im Vorstand von Venib.

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In die falsche Gesellschaft geboren https://ansch.4lima.de/in-die-falsche-gesellschaft-geboren/ https://ansch.4lima.de/in-die-falsche-gesellschaft-geboren/#comments Wed, 02 Feb 2022 16:56:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=61954 Trans Kinder brauchen Eltern und ein gesellschaftliches Umfeld, das sie unterstützt und anerkennt. Aber sicher keine Panikmache vor „Vertransung“. Von Ravna Marin Siever Trans Personen mussten lange darum kämpfen, nicht mehr psychopathologisiert zu werden. Kaum zwei Jahre ist es her, dass die WHO endlich anerkannt hat, dass es sich bei Transidentität nicht um eine psychische […]]]>

Trans Kinder brauchen Eltern und ein gesellschaftliches Umfeld, das sie unterstützt und anerkennt. Aber sicher keine Panikmache vor „Vertransung“. Von Ravna Marin Siever

Trans Personen mussten lange darum kämpfen, nicht mehr psychopathologisiert zu werden. Kaum zwei Jahre ist es her, dass die WHO endlich anerkannt hat, dass es sich bei Transidentität nicht um eine psychische Störung handelt. Doch während auf der einen Seite Akzeptanz und Repräsentation zunehmen, ist auf der anderen Seite weiterhin von einer vermeintlichen „Geschlechterideologie“ die Rede, die den Kindern „ihr natürliches Geschlecht aberziehen“ würde. Der Lebensrealität von trans Kindern entspricht das nicht.

Liebevolle Begleitung. Ricarda z. B. war sieben, als ich sie kennenlernte. Damals war sie noch nicht out. Als sie sich mit neun Jahren vor ihren Mamas outete, erfuhr sie sogleich die Unterstützung, die jedes trans Kind bekommen sollte: Ihr neuer Name und die von ihr gewünschte Anrede wurden sofort genutzt. Ihre Mamas fragten nach, welche Form von Begleitung sie sich wünsche. Jeder Transitionsschritt richtete sich nach Ricardas Wünschen und ihrem Tempo, so z. B. die Veränderungen des Aussehens oder der Outingprozess im Umfeld. Inzwischen ist sie zwölf Jahre alt und nimmt Pubertätsblocker, um die in ihrem Körper veranlagte testosterongeprägte Pubertät noch nicht zu beginnen. Wenn sie so weit ist, möchte sie eine Ersatztherapie mit den passenden Hormonen beginnen. In ihrer Schule und ihrem Umfeld ist sie allen als Mädchen, als Ricarda, bekannt.

Es könnte so einfach sein … Die meisten trans Kinder, die offen als solche leben können, sind glückliche Kinder. Sie haben unterstützende Bezugspersonen wie Ricarda. Doch bei vielen fehlt das geborgene Zuhause. Sie leben unsichtbar, haben oft keine Sprache für sich selbst. Woher sollten sie auch?

Dabei könnte es so einfach sein: Bis Kinder ein Bewusstsein für ihr eigenes Geschlecht entwickeln, dauert es etwa zwei Jahre, oft länger. Wir könnten ihnen bis dahin einfach alles offenhalten, sie mit Menschen aller Geschlechter zusammenbringen, ihnen Rollenvorbilder für Menschen aller Art zeigen und ihnen ermöglichen, ihr eigenes Geschlecht zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen. Aber leider werden Kinder in die falsche Gesellschaft geboren.

Genitalbeschau. Spätestens, wenn Kinder zur Welt kommen, sehen sich Erwachsene ihre Genitalien an und stecken die Neugeborenen in eine von drei Kategorien: „Mädchen“, „Junge“ oder „inter“. Kinder mit uneindeutigen Genitalien werden allerdings meist nicht einfach als „inter“ akzeptiert, sondern mit Zwangsoperationen und Hormontherapien in eine der beiden anderen Kategorien gezwungen. Betroffene machen sich gegen diese Praxis stark und haben erste Erfolge erzielt – doch es bleibt viel
zu tun.

Der Genitalbeschau folgt also ein Sprechakt – dem Kind wird ein Geschlecht zugewiesen. Was danach passiert, ist ein Hineinpressen in mal mehr, mal weniger enge Schablonen. Zwar folgen glücklicherweise immer weniger Menschen, die mit Kindern leben oder arbeiten, heute noch den alten Erziehungsmethoden à la „Du bist ein Junge/Mädchen, deshalb musst du Folgendes sein und tun“. Dennoch haben die Bilder, die über Geschlecht in unzähligen Kindermedien fortexistieren und die in Erwachsenenköpfen (re-)produziert werden, nach wie vor immensen Einfluss auf unsere Kinder. Denn diese Bilder sind zutiefst misogyn und sexistisch. Immergleiche stark-sein-müssende Superhelden, die weibliche Charaktere aus misslichen Lagen befreien, Mädchen, deren Interessen sich auf Hübschsein und Pferde beschränken, und allerlei andere Geschlechter­stereotype tummeln sich weiterhin in Kinderbüchern, -serien und -video­spielen.

Kinder, die trans oder nicht-binär sind, deren Geschlecht also nicht oder nicht vollständig mit dem übereinstimmt, was ihnen bei der Geburt per Genitalorakel prophezeit wurde, haben aber auch sonst keine guten Startbedingungen in unserer Gesellschaft.

Immer mehr Kinder sprechen selbst … Erfreulicherweise gibt es zunehmend mehr Kinder, die für sich selbst formulieren, dass sie trans oder nicht-binär sind. Doch die steigende Zahl geouteter trans Kinder wird von transfeindlichen Menschen gerne instrumentalisiert, um die Angst vor einer „Vertransung“ von Kindern zu schüren. Allerdings ist es höchst unwahrscheinlich, dass plötzlich mehr Kinder trans und/oder nicht-binär sind. Viel naheliegender ist, dass durch die allmählich steigende Repräsentation mehr Kinder die Möglichkeit haben, ihre eigene Identität zu erfassen und auszudrücken. Je nachdem, welche Kriterien angelegt werden und wie die Daten erhoben werden, bewegt sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die trans sind, zwischen zwei und zehn Prozent aller Kinder.

Eltern und andere Menschen, die mit Kindern leben und arbeiten, machen sich oft Sorgen, dass Kinder sich in etwas „verrennen“. Wenn ein Kind, das bei der Geburt zu einem Jungen erklärt wurde, sagt, es sei ein Junge, so wird das nicht hinterfragt. Wenn das gleiche Kind sagt, es sei kein Junge, so wird ihm jedoch oft nicht geglaubt: Das Ganze wird als Spiel abgetan oder als Phase. Dass wir einem Kind im ersten Fall Glauben schenken, im anderen aber höchstens dann, wenn es diese Aussage beständig und über einen langen Zeitraum wiederholt, beruht auf einem tief verankerten transfeindlichen gesellschaftlichen Denkmuster.

Geschlecht ist Teil eines Wissens über sich selbst, ein Zugehörigkeitsgefühl – oder ein Unzuhörigkeitsgefühl – zu Rollen, Funktionen und der Art und Weise des Wahrgenommen­werdens in unserem sozialen Gefüge. Ein Kind, das im Missklang mit den Erwartungen des Umfelds an sich lebt, leidet. Dabei muss Geschlecht gar keine Konstante sein, keine unveränderliche Wahrheit über einen Menschen. Geschlecht ist fluide und kann in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich ausgeprägt sein. Das ist allerdings für viele Menschen weiterhin schwer zu verstehen und zu akzeptieren.

… und geben das Tempo vor! Outet sich ein Kind als trans, passiert – entgegen den Horrorszenarien, die einige zeichnen – nichts von jetzt auf gleich. Insbesondere Operationen und Hormongaben sind nicht einfach so verfügbar. Ganz im Gegenteil: Die Hürden für diese Maßnahmen sind oft so hoch, dass sie immenses, vermeidbares Leiden verursachen können. Statt kompetenter, informierter und zugewandter medizinischer und wenn gewünscht psychotherapeutischer Begleitung erfahren trans Personen, insbesondere trans Kinder, immer wieder Zurückweisung und Gatekeeping. Selbstbestimmung wird ihnen häufig abgesprochen, und andere, oft unqualifizierte, voreingenommene und mit dem Kind nicht vertraute Personen dürfen viel zu viel mitbestimmen, welche Optionen dem Kind zur Verfügung stehen. Hormonblocker und Hormone führen zudem nur sehr allmählich zu Veränderungen – werden sie abgesetzt, verschwinden die meisten Veränderungen nach und nach wieder. Operiert wird kein im Wachstum befindliches Kind mal eben „auf die Schnelle“. Auch andere Schritte, die trans Kinder vielleicht setzen wollen, wie Frisur, Kleidung, Namen, Pronomen zu ändern usw., werden meist sehr viel bedachter getan, als Menschen, die nur am Rande des Geschehens sind, unterstellen.

Glück gehabt? Trans Kinder müssen das Glück haben, in ein Umfeld geboren zu werden, das sie unterstützt. Sie müssen das Glück haben, Erwachsene an ihrer Seite zu haben, die für sie gegen ein transfeindliches System und eine diskriminierende Gesellschaft ankämpfen. Haben sie dieses Glück nicht, so werden sie häufig krank. Depressionen und Angststörungen sind nur einige der möglichen Folgen fehlender Unterstützung. Deshalb: protect trans kids – schützt trans Kinder.

Ich habe Ricarda gefragt, was sie den Menschen, die diesen Artikel lesen, über trans Kinder gern mit auf den Weg geben würde. Ihre Antwort: „Wenn man einem Kind das Leben erleichtern kann, indem man es einfach akzeptiert und unterstützt, dann soll man das tun.“ •

Ravna Marin Siever (@zesyra) spricht und schreibt über geschlechtsoffene Erziehung, geschlechtliche Vielfalt, Aufklärung und trans Elternschaft. Sien erstes Buch „Was wird es denn? Ein Kind! – Wie geschlechtsoffene Erziehung gelingt“ erscheint im März 2022 im Beltz Verlag.

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Mein gutes Leben https://ansch.4lima.de/mein-gutes-leben/ https://ansch.4lima.de/mein-gutes-leben/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:50:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=61949 Von Fluff Viele Geschichten über Transgeschlechtlichkeit fangen mit Spiegeln an. Oder beinhalten Spiegel. Es wird danach gefragt, ob wir uns darin sehen oder nicht sehen (nein, wir sind keine Vampire, es geht eher um „sich selbst erkennen“), ob wir Veränderungen genießen oder unseren Körper beängstigend finden. Wie weit uns Operationen verändert haben oder Hormontherapien oder […]]]>

Von Fluff

Viele Geschichten über Transgeschlechtlichkeit fangen mit Spiegeln an. Oder beinhalten Spiegel. Es wird danach gefragt, ob wir uns darin sehen oder nicht sehen (nein, wir sind keine Vampire, es geht eher um „sich selbst erkennen“), ob wir Veränderungen genießen oder unseren Körper beängstigend finden.
Wie weit uns Operationen verändert haben oder Hormontherapien oder (die zu uns passende) Kleidung.

Ich stehe vor keinem Spiegel.

Ich brauche keine Reflexion, um zu wissen, wer ich bin. Selbst mit geschlossenen Augen spüre ich die Grenzen meines Körpers. Das ist neu. Früher fühlte es sich an, als würde ich mich auflösen.
Jetzt fühlt es sich an, als wäre ich ein pulsierender Springbrunnen.
Eine Champagnerflasche voll kleiner Bläschen.

Meine Haut ist empfindlicher geworden, die Klitoris wächst spürbar. Ich bilde mir ein, das Muskelwachstum zu fühlen. Ich bin dehnbar geblieben und stärker geworden.
Yoga-Posen kann ich ohne Mühe länger halten. Ich genieße dieses Körpergefühl. Das ist mein Körper, zum ersten Mal in meinem Leben. „Du bist aufgeblüht“, höre ich öfter. So fühlt es sich auch an. Als wäre da eine Knospe aufgebrochen und entwickelt sich. Es ist eine langsame Veränderung, beinahe unmerklich, aber schlussendlich gibt es eine wunderschöne Blüte.
Meine Blütenblätter entfalten sich, ich wachse.

Meine Stimme ist tiefer geworden. Sie ist die erste Veränderung, die anderen Menschen aufgefallen ist. Ich bekomme mittlerweile viele Komplimente für meine Stimme (und habe immer noch keinen Podcast). Ich höre mich gerne sprechen, mittlerweile.
Alles ist „mittlerweile“, als ob da ein ganz neuer Mensch mit eigenen Vorlieben aus mir herauskäme. Gleichzeitig wachse ich in diesen Menschen hinein, finde meine Grenzen und Bedürfnisse neu.

„Wer bin ich?“, ist eine begleitende Frage, wie in jeder Pubertät. „Wie soll ich mich fühlen?“, kommt direkt hinterher. Es ist nicht alles rosa Zuckerwatte und Glitzer. Aber es gibt eine Mitte.
Wie im Taipei 101, dem einst höchsten Wolkenkratzer der Welt, dessen Stabilität durch eine Stahlkugel im Inneren garantiert wird, während er sich wie ein Bambusrohr im Sturm biegen kann, gibt es in mir neuerdings eine Stabilität, eine Balance, die vorher nicht da war. Das ist Geschlechtseuphorie? Dieses „Richtigsein“? Krass!

„Die beste Rache ist ein gutes Leben“, hat mir eine gute Freundin geraten, als ich voll Verzweiflung darüber war, dass ich als trans Person attackiert wurde. Dass Menschen sich nicht einmal meine Argumente anhören wollten, weil ich als trans Person ohnehin keine Expertise hätte – worin auch immer.
Seitdem ist das mein Leitspruch geworden. Ein gutes Leben. Mein gutes Leben. Meine Existenz zu ­zelebrieren. •

Fluff ist autistisches Bildungs­referentix, freies Journalistix und queere Kunstperformance in ­Dauerausstellung.

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„Es braucht immer einen spektakulären Mordfall“ https://ansch.4lima.de/es-braucht-immer-einen-spektakulaeren-mordfall/ https://ansch.4lima.de/es-braucht-immer-einen-spektakulaeren-mordfall/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:41:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=61945 Österreich verzeichnet seit dem vergangenen Jahr eine Welle an Femiziden. Was läuft falsch im Gewaltschutz? Betina Aumair hat bei Isabel Haider, Forscherin am Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien, nachgefragt. an.schläge: Mehr als zwei Frauen pro Monat wurden in Österreich im vergangenen Jahr durchschnittlich getötet, meist von ihren (Ex-)Partnern. Widmet sich die österreichische […]]]>

Österreich verzeichnet seit dem vergangenen Jahr eine Welle an Femiziden. Was läuft falsch im Gewaltschutz? Betina Aumair hat bei Isabel Haider, Forscherin am Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien, nachgefragt.

an.schläge: Mehr als zwei Frauen pro Monat wurden in Österreich im vergangenen Jahr durchschnittlich getötet, meist von ihren (Ex-)Partnern. Widmet sich die österreichische Politik dem Problem ausreichend?

Isabel Haider: Das Thema kommt ­zunehmend auch in der Politik an, allerdings werden die Geschlechtsbezüge im Diskurs ganz stark ausgespart. Selbst im Frauenministerium wird dieser Aspekt nicht besprochen. Ein Frauenministerium, das Feminismus nicht als Arbeitsgrundlage verwendet und von dem keine feministischen Impulse kommen, verantwortet mit, dass das Ziel, Geschlechtsbezüge bei der Gewaltprävention und bei der Bekämpfung miteinzubeziehen, im Grunde genommen verfehlt wird.

Aus meiner Sicht fehlt in der Politik ein holistisches Konzept, ein Aktionsplan, der auf mehreren Ebenen ansetzt. Man könnte die Istanbul-Konvention zum Vorbild nehmen und schauen, welche Bildungsmaßnahmen es braucht für die Sensibilisierung der Gesellschaft oder was getan werden kann, um das Strafverfolgungssystem zu verbessern. In Österreich wird im Grunde nur reagiert. Es braucht immer einen besonders spektakulären Mordfall, der dann zumindest bestimmte Maßnahmen auslöst. Wenn es um einen Mordfall geht, bei dem eine Waffe benutzt wurde, dann schrauben wir an den Waffengesetzen oder an den Gesetzen, die dafür sorgen, dass bei Annäherungsverboten und Wegweisungen automatisch ein Waffenverbot ausgesprochen wird. Es wird nicht überlegt, was wir längerfristig brauchen, damit wir dem Ganzen auch professionell begegnen können.

Warum gibt es in Österreich so viele Frauenmorde?

Kriminalstatistiken zwischen Ländern sind oft nicht so leicht vergleichbar. Es gibt große Unterschiede, z. B. ob Frauenmorde insgesamt gezählt werden oder Morde, die einen Geschlechtsbezug haben. In Österreich werden in den Statistiken nicht einmal Intimbeziehungsmorde erfasst, es wird derzeit generell mit ungenauen Kategorien gearbeitet. Das erschwert es, ländervergleichende Analysen durchzu­führen.

Und es ist noch eine andere Annäherung möglich, nämlich der Vergleich der höheren Zahl von weiblichen Opfern gegenüber der männlicher Opfer in Österreich. Hierzulande wird davon gesprochen, dass Österreich ein sicheres Land sei und die Mordkriminalität jährlich zurückgeht. Das stimmt. Was aber nicht zurückgeht, ist die geschlechtsbezogene Gewalt gegen Frauen, also die häusliche Gewalt und die Morde in Intimbeziehungen.

Sie kritisieren die Kategorien, mit denen hierzulande gearbeitet wird, wie ist denn die Datenlage in Österreich in Bezug auf Femizide?

Geschlechtsbezogene Gewalt gegen Frauen wird als Kategorie gar nicht erfasst, da bei uns Kriminalstatistiken an einzelne Delikte anknüpfen – und der Femizid ist kein eigenes Delikt. Das Kriminalitätsphänomen können wir somit im Grunde nicht einordnen. Wir haben Statistiken zu Körperverletzungen oder zu gefährlichen Drohungen, aber innerhalb dieser Delikte können wir nicht abgrenzen, wie hoch der Anteil daran in Bezug auf die geschlechtsbezogene Gewalt an Frauen ist.

Andere Statistiken, mit denen wir uns der Thematik am ehesten annähern können, sind solche, die aus den jährlichen Tätigkeitsberichten von Opferschutzeinrichtungen gewonnen werden. Daneben gibt es eine punktuell veröffentlichte polizeiliche Statistik zu Wegweisungen und Annäherungsverboten. Beide betreffen häusliche Gewalt. Diese überschneidet sich zwar mit geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen, aber die Bereiche sind nicht deckungsgleich. Gewalt gegen Frauen passiert auch außerhalb der häuslichen Sphäre, häusliche Gewalt passiert auch gegen andere Menschen als Frauen. Präzise offizielle Statistiken können sie somit nicht ersetzen.

Welche Probleme entstehen dadurch – und gibt es internationale Beispiele, an denen sich Österreich orientieren könnte?

Es ist nicht mein Verständnis von transparenter Polizeiarbeit oder von transparentem Politikhandeln, bestimmte Informationen entweder nicht erheben zu lassen oder, wenn sie in einem gewissen Umfang gesammelt werden, sie nicht aufzubereiten und der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Das ist ja auch eine Forderung der Istanbul-Konvention, dass Statistiken zu Gewalt an Frauen veröffentlicht werden müssen. In anderen europäischen Ländern funktioniert das viel besser, z. B. in Spanien und Großbritannien, wo laufend Analysen von geschlechtsbezogenen Mordfällen gegen Frauen erfolgen, und zwar durch unterschiedlichste Stellen, die auch eng zusammenarbeiten. In Österreich gibt es weder eine Institutionalisierung der Zusammenarbeit von staatlicher Seite und Opferschutzeinrichtungen, noch gibt es ein einheitliches System. Das wäre aber wichtig, weil es für Transparenz sorgen würde und für mehr Handlungssicherheit.

Der Begriff Femizide hat hierzulande für Diskussionen gesorgt. Woher stammt er?

Der Begriff des Femizids wurde in den USA geprägt und 1976 erstmalig breit in der Öffentlichkeit verwendet. Damals schon diente er als politisch-aktivistischer Begriff, um auf die Problematik geschlechtsneutraler Mordstatistiken hinzuweisen und um für Tötungen an Frauen eine eigene Kategorie zu fordern, Russell betonte auch die misogynen Motive dahinter. Hier trennen sich aber die Wege zwischen Soziologie und Rechtswissenschaft. Gerade im Strafverfolgungssystem kann und muss im Grunde nur die Schuld des Täters beurteilt werden, eine etwaige Mitschuld der Gesellschaft kann das Strafverfolgungssystem nur bis zu einem gewissen Grad mitbeachten.

Gerade weil der Femizidbegriff auch die gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt umfasst, fehlt er in vielen Strafverfolgungssystemen. Abseits der Schuldbeurteilung einzelner Täter sollte das Konzept jedoch in das Verständnis von geschlechtsbezogener Gewalt und in die Kriminalprävention einfließen. Für die Medien ist er geeigneter, da Journalist*innen auch auf gesellschaftliche Aspekte eingehen können.

Ein Merkmal, auf das die Politik immer ein Augenmerk hat, ist die Herkunft der Täter. Macht das überhaupt einen Sinn?

Der Bericht zur Kriminalstatistik besteht zu mehr als fünfzig Prozent aus Auswertungen zur Nationalität. Es werden Rankings erstellt, welcher Staatsbürgerschaft die meisten Kriminalitätsdelikte zuzuordnen sind. Für bestimmte Kriminalitätsphänomene kann das durchaus relevant sein. Aber gerade bei geschlechtsbezogener Gewalt ist das Merkmal Nationalität nur von äußerst eingeschränktem Interesse. Wir wissen studienbasiert, dass diese Form von Kriminalität auf der ganzen Welt vorkommt, es gibt nicht bestimmte Nationalitäten, die sie vermehrt begehen. Ehrenmorde oder auch z. B. weibliche Genitalbeschneidungen und daran anschließende Todesfälle sind Manifestationsformen, die man in einen kulturellen Zusammenhang bringen kann. Aber gerade Intimbeziehungsmorde kommen global vor, in allen Kulturen. Sinnvoller ist es, Fälle nach Risikofaktoren zu analysieren, die sich u. a. aus den Lebensumständen der Täter ergeben können. Also inwiefern formen sich Gruppen, bei denen Merkmale zusammenkommen, die als Stressfaktoren oder Schutzbarrieren wirken könnten.

In Österreich allerdings werden Intimbeziehungsmorde, die durch ausländische Täter begangen wurden, als kulturell bedingt dargestellt. Bei jenen, die durch österreichische Täter begangen werden, wird die kulturelle Bedingtheit hingegen komplett ausgespart. Es gibt keinen politischen Diskurs dahingehend, welche patriarchalen Einstellungsmuster sowie systemischen und strukturellen Faktoren es in der österreichischen Gesellschaft gibt, die geschlechtsbezogene Tötungen an Frauen eventuell mitbeeinflussen.

Das sind aber alles gesellschaftliche Einflüsse, die man mitbesprechen muss. •

Betina Aumair ist Genderforscherin und Erwachsenenbildnerin und liest, schreibt und spricht am liebsten über Feminismus, Klassismus und Bildung.

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Umgedeutet https://ansch.4lima.de/umgedeutet/ https://ansch.4lima.de/umgedeutet/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:35:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=61941 Auf Corona-Demos werden feministische Slogans wie „My body, my choice“ von Impfgegner*innen vereinnahmt. Lea Dora Illmer hat mit der Politikwissenschaftlerin Judith Goetz darüber gesprochen, warum das nicht nur dreist, sondern auch gefährlich ist. Plötzlich findet sich mit „My body, my choice“ ein zentraler feministischer Slogan auf Schildern von Impfgegner*innen. Ist der Vergleich berechtigt? Auffällig ist […]]]>

Auf Corona-Demos werden feministische Slogans wie „My body, my choice“ von Impfgegner*innen vereinnahmt. Lea Dora Illmer hat mit der Politikwissenschaftlerin Judith Goetz darüber gesprochen, warum das nicht nur dreist, sondern auch gefährlich ist.

Plötzlich findet sich mit „My body, my choice“ ein zentraler feministischer Slogan auf Schildern von Impfgegner*innen. Ist der Vergleich berechtigt?

Auffällig ist aus feministischer Perspektive die Verteidigung körperlicher Souveränität, sobald es eben nicht ausschließlich um Frauen geht. Gerade in Bezug auf restriktive Abtreibungsgesetzgebungen haben dieselben Personen, die sich nun für körperliche Entscheidungsfreiheit einsetzen, oftmals kein Problem damit, wenn Frauen dieses Recht verwehrt wird. Der Vergleich hat also ganz und gar keine Berechtigung.

In der Umdeutung dieser Forderung kommen zudem gleich mehrere gefährliche Denkmuster zusammen: antikommunistische Ressentiments, wonach sich die Demokratie in eine Tyrannei bzw. Diktatur mit staatlich auferlegten Zwängen entwickelt; die antisemitische Vorstellung, dass okkulte Kräfte in den Hinterzimmern einen geheimen Plan mit der Impfung verfolgen; aber auch sozial­darwinistische Aspekte, wenn im Sinne eines „Survival of the fittest“ behauptet wird, das Virus könne gesunden Körpern nichts anhaben.

Inwiefern können Slogans und Parolen überhaupt einer Bewegung „gehören“?

Begriffe und Parolen haben zumeist eine Geschichte, die sich auch weiterentwickelt und auf aktuelle (feministische) Debatten reagiert. Das zeigt sich beispielsweise an der Parole „Abtreibung ist Frauenrecht“, die inzwischen auch in der Version „Abtreibung ist Menschenrecht“ zu hören ist, um alle Gender-Identitäten zu inkludieren. Dennoch sind entsprechende Entwicklungen nicht beliebig und gerade rechte Szenen sind dafür bekannt, die Umdeutung von Parolen und Begriffen gezielt als eine Normalisierungsstrategie ihres Gedankenguts einzusetzen.

Auch „Nein zu abtreibungsverseuchten Impfstoffen“ ist auf Plakaten zu lesen. Welche Bedeutung haben Corona-Demonstrationen für rechte Gruppierungen?

Viele rechte und fundamentalistische Gruppierungen haben erkannt, dass sich im Zuge der Covid-19-skeptischen Debatten neue Partizipationsfelder für sie eröffnen. Dabei werden Ängste bedient, z. B. dass die Impfung zu Unfruchtbarkeit oder Impotenz führe oder dem Fötus schade. Indem rechte Botschaften mit aktuellen Forderungen verbunden werden, lässt sich in Spektren punkten, sie sich weitgehend als unpolitisch verstehen. Gleichzeitig ermöglicht die Teilnahme den Rechten eine Selbstinszenierung als einfache Menschen mit Hausverstand sowie als Teil des „verärgerten Volks“. •

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Ein bisschen Krieg spielen https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-krieg-spielen/ https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-krieg-spielen/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:28:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=61937 Ein rot-weißes Logo mit dem Schriftzug „Unser Heer“ ist zu sehen, bevor die Kamera auf einen sechzigjährigen Mann in Offiziersuniform schwenkt. Erst Pokerface, dann strenger Blick. Gesprochen wird ruhig, aber bestimmt. „Bundesministerium Landesverteidigung“ ist im Hintergrund zu lesen, darunter prangt die Österreichfahne. Das war der Rahmen einer Pressekonferenz, die Generalmajor Rudolf Striedinger vor einem Jahr […]]]>

Ein rot-weißes Logo mit dem Schriftzug „Unser Heer“ ist zu sehen, bevor die Kamera auf einen sechzigjährigen Mann in Offiziersuniform schwenkt. Erst Pokerface, dann strenger Blick. Gesprochen wird ruhig, aber bestimmt. „Bundesministerium Landesverteidigung“ ist im Hintergrund zu lesen, darunter prangt die Österreichfahne. Das war der Rahmen einer Pressekonferenz, die Generalmajor Rudolf Striedinger vor einem Jahr zur österreichischen Strategie der Massentestung abhielt.

Dieser Generalmajor – stets deutlich erkennbar an Militäruniform oder sogar Tarnanzug – steht mittlerweile gemeinsam mit der Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit, Katharina Reich, an der Spitze von GECKO – der ­„Gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination“, die angesichts der neuen Herausforderungen durch die Omikron-Variante von der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde. Das österreichische Bundesheer bekommt somit eine noch größere Rolle in der Covid-Krisenbekämpfung, als es durch seinen Einsatz zur Sicherung kritischer Infra­struktur ohnehin schon hatte. Die öffentlichen Auftritte des Generalmajors werden mehr und lassen keinen Zweifel aufkommen an der von ihm und Bundeskanzler Karl Nehammer verkündeten Botschaft: Österreich befindet sich „im Krieg“ gegen das Coronavirus. Unser Alltag wird zum „Leben in der Lage“, so der militärische Ausdruck, den der Bundeskanzler wohl nicht zufällig verwendet.

Und solche Krisenzeiten verlangen nach „starken“ Führungspersönlichkeiten – an dieser Erzählung wird schon seit Beginn der Covid-19-Pandemie gesponnen. Während Staaten wie Neuseeland auf deeskalierenden Dialog und Empathie setzten, traten in Österreich stets „starke Männer“ vor die Kamera. Es galt der österreichischen Bevölkerung zu vermitteln, dass die Regierung die Lage unter Kontrolle hätte. Ex-Kanzler Sebastian Kurz performte dafür eine Manager-Männlichkeit, die auf wirtschaftlichen Idealen wie Effizienz und Selbstverantwortlichkeit aufbaut: effizient, rational, ernst, zielorientiert. Aalglatt. Das Krisenmanagement sei erfolgreich und könne durch das strikte Einhalten eines Kosten-Nutzen-Paradigmas die österreichische Wirtschaft und somit die gesamte Gesellschaft retten.

Mit Generalmajor Striedinger erfolgte nun ein Bruch, nicht nur bei der Krisenbewältigungsstrategie, sondern auch bezüglich der Repräsentation einer „starken Führungsperson“. Die Männlichkeit, die Striedinger – und zu einem gewissen Anteil auch der neue Bundeskanzler Nehammer – verkörpert, lässt sich nur als kriegerisch beschreiben. Omikron könnte die politische Ordnung gefährden, weshalb auf ein Ideal von Stärke, auf soldatische Tugenden zurückgegriffen wird: attackieren, zurückschlagen, den gemeinsamen Feind bekämpfen. „Impfen ist die strategische Waffe gegen das Virus. (…) Hier ist nicht Gewaltfreiheit angesagt“, so Striedinger bei einer Pressekonferenz.

Dass die sozialdarwinistische Idee der Durchseuchung als Krisenlösung nun ebenfalls wieder stärker diskutiert wird, scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein – denn auch die Vorstellung, dass nur die „Stärkeren“ überleben, ist Teil von militärischer Männlichkeit. Sozialdarwinistische Argumente schwangen auch unter Kanzler Kurz immer mit, doch im militärischen Abwehrkampf gegen das Virus treten sie deutlicher zutage. Die (symbolische) Waffengewalt gegen Sars-CoV-2 mag dabei auch als Strategie dienen, die Versäumnisse der vergangenen Monate zu überdecken: eine empathische Politik, die den Schutz der Gesundheit ebenso ins Zentrum stellt wie soziale Sicherheit und Zusammenhalt. Während häusliche Gewalt steigt und viele Frauen, die den Großteil der Care-Arbeit stemmen, sich am Rande ihrer Kräfte befinden, hat die Regierung Frauenpolitik schlicht aufs Abstellgleis verschoben. Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen steigen massiv, gesellschaftliche Ungleichheiten verschärfen sich. Herausforderungen, für die die Regierung dringend Strategien erarbeiten muss. Denn während wir Krieg gegen das Virus spielen, könnte ein großer Teil der Bevölkerung auf der Strecke bleiben. •

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Feminist Superheroines: Sara Ahmed https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sara-ahmed/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sara-ahmed/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:26:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=61918 „Feministische Arbeit ist oft Erinnerungsarbeit“, schreibt Sara Ahmed (*30. August 1969) in „Feministisch leben!“. Als feministische Autorin und Professorin der feminist, queer and race studies leistet auch sie vornehmlich Erinnerungsarbeit. Zitate, so Ahmed, sind Ziegelsteine, aus denen wir unsere Behausungen bauen. Deshalb entscheidet sie auch mal radikal: „Ich zitiere keine weißen Männer.“ Stattdessen stehen die […]]]>

„Feministische Arbeit ist oft Erinnerungsarbeit“, schreibt Sara Ahmed (*30. August 1969) in „Feministisch leben!“. Als feministische Autorin und Professorin der feminist, queer and race studies leistet auch sie vornehmlich Erinnerungsarbeit. Zitate, so Ahmed, sind Ziegelsteine, aus denen wir unsere Behausungen bauen. Deshalb entscheidet sie auch mal radikal: „Ich zitiere keine weißen Männer.“

Stattdessen stehen die Texte eines queeren Feminismus of Color bei ihr im Zentrum. Mit ihrem Blog „Feminist Killjoy“ und der gleichnamigen Figur erlangte sie international Bekanntheit. Damit beschreibt Ahmed Situationen, die jede:r Feminist:in kennt: Wir sitzen am Familientisch und verderben die Stimmung. Weil wir Probleme benennen, werden wir selbst zum Problem. So fassbar wie ihre Figuren und Metaphern ist auch ihre feministische Theorie. Sie schöpft aus dem Persönlichen und beginnt zu Hause: „Feminismus ist eine Hausaufgabe“, sagt Ahmed, er umfasst „Aufgaben an und in unserem Zu­hause“. ledo

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