an.schläge 2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 07 Dec 2022 14:34:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2022 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-3/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-3/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:18:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=91535 ]]>
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Illustration: Alma Weber

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Endlich mal allein https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/ https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:06:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=91529 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur Zigarette gegriffen – obwohl sie jahrzehntelang stramme Nichtraucherinnen waren. Es scheint fast so, dass sich Frauen damit eine Pause erschleichen – zum Durchatmen quasi. Gut, mit „die Frauen“ bin eigentlich ich gemeint. Aber die einzige bin ich auch nicht, wirklich. Jedenfalls: Es fühlt sich manchmal wie ein erbärmlicher kleiner Ausbruch an, aus der Vernunft, dem Gesundheitsterror, den man in den eigenen vier Wänden immer wieder betreibt, aus dem Zwang, jede Minute halbwegs gut zu nutzen. Um stattdessen einfach dazusitzen, auf der eiskalten Stange einer Fahrradparkstation – der Blasenentzündung furchtlos ins Auge blickend. Einfach um ins Leere zu starren und zu pofeln.

Ungesund? Ja. Aber vertane Zeit ist das beileibe nicht. Sarah Diehl hat kürzlich mit „Die Freiheit, allein zu sein“ ein Buch vorgelegt, in dem sie elaboriert eine Lanze für diese Zeit, ganz für sich allein, bricht. Allein reisen, allein schlafen, allein in Ruhe denken und fühlen. Um zu finden, was richtig scheint, anstatt brav den Allgemeinplätzen des eigenen Milieus zu folgen. Doch der Wunsch nach diesem regelmäßigen Alleinsein wird für Menschen mit Kindern und/oder Partner:innen gern per se als Beweis angeführt, dass dieser Mensch nun endgültig vor den Trümmern der offenkundig falschen Lebensentscheidung „Familie“ stehe. Seltsam, denn wer sich abhetzt, um fast täglich gemeinsam mit der Family zu essen, sich stresst, um die „We Time“ einzuhalten, muss nicht den Verdacht fürchten, im falschen Leben gelandet zu sein. Deshalb sollten wir doch bitteschön nicht heimlich rauchen müssen, um regelmäßig allein sein zu dürfen. Wegen der Blasenentzündung wär’s.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard­“.

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Mutterseelenallein https://ansch.4lima.de/mutterseelenallein/ https://ansch.4lima.de/mutterseelenallein/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:01:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=91524 Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern stößt Ernestine Rosenberger regelmäßig an ihre Grenzen. Der Alltag Alleinerziehender offenbart die Baustellen der Gleichstellungs- und Frauenpolitik besonders deutlich. Von Stefanie Meier Neugierig hüpfen Josefin und Kathrina zur Begrüßung im Flur auf und ab. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. In der Küche bereitet Ernestine Rosenberger Kaffee zu. […]]]>

Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern stößt Ernestine Rosenberger regelmäßig an ihre Grenzen. Der Alltag Alleinerziehender offenbart die Baustellen der Gleichstellungs- und Frauenpolitik besonders deutlich. Von Stefanie Meier

Neugierig hüpfen Josefin und Kathrina zur Begrüßung im Flur auf und ab. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. In der Küche bereitet Ernestine Rosenberger Kaffee zu. Sie trägt kein Make-up, ihr dunkelbraunes Haar hat sie locker nach hinten gebunden. Während der Kaffee in die Tasse tropft, räumt sie den Frühstückstisch ab. Kathrina kommt in die Küche und klettert auf den Klappstuhl. In der einen Hand hält sie das Handy ihrer älteren Schwester. Heute dürfen die beiden Mädchen mit Papa video­telefonieren. „Die Kinder vermissen halt immer jemanden“, kommentiert Rosenberger. Vor fünf Jahren hat sie sich vom Vater der Töchter getrennt. Seither zieht sie ihre Kinder alleine groß. Wenn sie von ihrem Alltag, den Entbehrungen und ihrer Einsamkeit als Alleinerzieherin erzählt, tut sie das auf die gleiche Weise, mit der sie auch zu ihren Töchtern spricht: ruhig, reflektiert und humorvoll. Die ausgebildete Behindertenbetreuerin wählt dabei oft Fachbegriffe aus der Sozialarbeit. Worte wie Rahmenbedingungen, kulturelle und soziale Teilhabe, emotionale Stabilität und Ressourcen schaffen Distanz zur eigenen Situation.

Ein-Eltern-Familien. Rosenberger ist eine von 149.000 Alleinerzieher:innen, deren Kinder jünger als 25 Jahre sind. In 86 Prozent dieser Ein-Eltern-Familien sind es die Mütter, die sich um die Kinder kümmern. „Benachteiligungen von Alleinerziehenden“, so Doris Pettighofer, Geschäftsführerin der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende, „sind frauenpolitische Themen, bei denen sich die Gleichstellungsdefizite zeigen.“

Was bedeutet es, alleinerziehend zu sein? Tag für Tag stemmen Alleinerziehende die gesamte Care-Arbeit alleine. Sie gehen einkaufen und bereiten Mahlzeiten zu. Sie sorgen dafür, dass die Kinder pünktlich in der Schule oder im Kindergarten sind. Sie kümmern sich darum, dass die Kinder Zeit mit Freund:innen oder den Großeltern verbringen. Sie spenden Trost und teilen die Freude und den Kummer der Kinder. Vor allem aber müssen Alleinerziehende letztendlich jede Entscheidung alleine treffen – was laut Pettighofer besonders belastend sei. Das soziale Netz von Alleinerzieher:innen fängt zwar vieles auf, aber Pettighofer warnt, dass hier die unbezahlte Care-Arbeit wieder „voll zuschlägt“, weil alles, was über die institutionelle Kinderbetreuung hinausgeht, privat organisiert werden müsse. Und nicht jede:r kann oder will auf Unterstützung aus dem privaten Umfeld zurückgreifen. Es brauche daher dringend eine ergänzende Kinderbetreuung, die die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie verbessert und auch an den Randzeiten, im Krankheitsfall und am Wochenende zur Verfügung steht.

Urlaub in Anführungszeichen. Ernestine Rosenberger ist als Pflegekind in der Steiermark aufgewachsen und wohnt seit der Trennung vom Vater mit ihren Kindern in Eisenstadt. Hier können keine Tanten, Onkeln, Omas oder Opas im Notfall einspringen. In der Sozialforschung gilt sie damit als sozial isoliert. Ein Umstand, der bei Rosenberger vor einigen Jahren die „große Einsamkeit“ und später eine Depression zur Folge hatte. Auf die Frage, wie sie das alles alleine schaffe, antwortet sie mit einem bitteren Lachen: „Zuerst mit einer Depression, dann mit einer Therapie.“

Die Therapie kann sich Rosenberger nur leisten, weil ihre Pflegetante die Hälfte der Kosten übernimmt. Sie arbeitet dreißig Stunden. „Mehr als eine Waschmaschine“ hat sie nicht auf dem Konto, erzählt sie. Die Wohnung sei ihr eigentlich zu teuer. Aber den Kredit für eine günstigere Genossenschaftswohnung bekommt sie nicht. Als Alleinerzieherin sei sie „eine Gefahr für jede Bank.“

Mit ihren Kindern fährt sie im Sommer auf „Urlaub in Anführungszeichen“, dann besucht sie mit ihnen eine Freundin in Deutschland.

Rosenberger ist kein Ausnahmefall. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Alleinerziehenden ist armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die Soziologin Ulrike Zartler untersuchte 2011 die Herausforderungen von Alleinerziehenden und kam zu dem Ergebnis, dass vor allem geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede das Armutsrisiko erhöhen, insbesondere von Migrant:innen und Alleinerziehenden mit einem niedrigen Bildungsabschluss. Eine Studie des Sozialministeriums von 2021 zur Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von Ein-Eltern-Familien kommt zum selben Schluss und hält fest: „Die Ursachen für die hohe Armuts- und Deprivationsgefährdung von Alleinerziehenden […] haben sich seit der umfangreichen Studie von Zartler kaum geändert.“

Ein Grundübel. Kinder können mit Mutter und Vater aufwachsen, mit zwei Müttern oder zwei Vätern, in einer Patchworkfamilie, ganz ohne Eltern in einem Kinderheim oder eben mit nur einem Elternteil. Diese Vielfalt an Familienformen wird laut Pettighofer bei der Gesetzgebung nicht berücksichtigt. Als Beispiel nennt sie hier den Familienbonus, von dem die zusammenlebende Familie am meisten profitiert. Erst im Nachhinein wurde versucht, Verbesserungen für Alleinerziehende zu erwirken. Die aktuelle Familienpolitik bilde die finanzielle Mehrbelastung in Ein-Eltern-Familien nicht ab, „weil der Maßstab das Vater-Mutter-Kind-Modell ist. Das ist das Grundübel, dass man die Gleichstellung der Familienformen nicht hinkriegt“, kritisiert die Plattform.

Keine Zeit. Der permanente Stress, die alleinige Verantwortung, finanzielle Sorgen und womöglich auch noch Sorgerechtsstreitigkeiten führen nicht selten zu psychischen Belastungen, Erschöpfung und Burnout. Zeit für sich selbst oder die eigene Gesundheit bleibt Müttern ohnehin zu wenig, Alleinerziehenden sowieso. Der Mediziner und Journalist Jakob Simmank, der zu Einsamkeit forscht, schlägt deshalb vor, die Wochenarbeitszeit generell auf 32 Stunden zu reduzieren. Das würde die Sorgearbeit aufwerten und das enge Zeitkorsett derjenigen lockern, die sie leisten. Pettighofer sieht darin auch eine gute Möglichkeit, die Mehrfachbelastung zu reduzieren.

Ernestine Rosenberger wäre damit definitiv geholfen, sie müsste dann auch nicht mehr ständig Einsamkeit und Erholungsbedürfnis gegeneinander abwägen. Denn immer wieder bringt sie ihre Erschöpfung dazu, ihr Sozialleben hintanzustellen: „Es ist immer eine Plus-Minus-Rechnung. Ich weiß, die nächsten Wochen werden anstrengend. Ich werde keine Zeit haben, etwas für mich zu machen oder jemanden zu treffen. Dann möchte ich lieber im Bett bleiben, aber unter dem Strich fehlt mir das Ausgehen dann.“ Die 30-Jährige hat in Eisenstadt mittlerweile Freund:innen gefunden, einige sind selbst Alleinerzieherinnen. Man versteht und unterstützt sich. Dass sie sich in Eisenstadt zuhause fühlt und die „Einsamkeit eine Spur weniger ist“, dazu trägt auch die Eisverkäuferin bei, die ihre Töchter nicht nur nach der Lieblingseissorte fragt, sondern auch ihre Namen kennt.

Stefanie Meier fragt sich als Sozio­login, welche Menschen und Geschichten hinter Zahlen und Daten stecken und schreibt als freie Journalistin darüber.

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Verlorene Solidarität https://ansch.4lima.de/verlorene-solidaritaet/ https://ansch.4lima.de/verlorene-solidaritaet/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:56:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=91520 Für Menschen, die der Hochrisiko-Gruppe angehören, ist die Pandemie nicht vorbei. Sie fordern eine Maskenpflicht – was auch andere vor Long Covid schützen könnte. Von Anika Haider „Die Pandemie ist vorbei“, verkündete US-Präsident Biden Ende September medienwirksam in einem Interview mit CBS News. Und auch österreichische und deutsche Regierungsmitglieder sprechen vermehrt über die Gegenwart als […]]]>

Für Menschen, die der Hochrisiko-Gruppe angehören, ist die Pandemie nicht vorbei. Sie fordern eine Maskenpflicht – was auch andere vor Long Covid schützen könnte. Von Anika Haider

„Die Pandemie ist vorbei“, verkündete US-Präsident Biden Ende September medienwirksam in einem Interview mit CBS News. Und auch österreichische und deutsche Regierungsmitglieder sprechen vermehrt über die Gegenwart als eine Zeit „nach Corona“, sagen Maskenpflicht und andere Maßnahmen sukzessive ab.

Die Überzeugung, dass wir die Sache hinter uns haben, scheint sich auch in der Mehrheitsbevölkerung durchgesetzt zu haben. Masken werden nur noch selten getragen. Dass die Pandemie ganz und gar nicht vorbei ist, wissen vor allem jene, die Corona von Anfang an besonders ernst nehmen mussten: jene Menschen nämlich, die aus unterschiedlichen Gründen der Hochrisiko-Gruppe angehören.

Unter dem Hashtag #NichtnurimHeim machen auf Twitter chronisch Kranke, Menschen mit Behinderungen und Angehörige von Mitgliedern der Risikogruppe – die sich eben nicht nur im Altersheim finden – darauf aufmerksam, dass die Pandemie keineswegs ein Ende genommen hat, wohl aber die Solidarität.

Keine Kraft zu husten. Eine von ihnen ist Veronika, die sowohl auf Twitter als auch in ihrem Blog ihre Erfahrungen teilt. Schon seit dem Kleinkindalter sitzt sie aufgrund einer angeborenen Muskelschwäche im Rollstuhl. Eine symptomatische Covid-Erkrankung wäre für sie lebensgefährlich, denn Veronika hat keine Kraft, um eigenständig zu husten.

„Beim Ausbruch der Pandemie war die Solidaritätswelle hoch. Da haben sich fast alle bemüht.“ Doch schon im Sommer 2020 begannen vermehrt Rufe laut zu werden, die Risikogruppe solle „zurückstecken“, man wolle nicht mehr so viel Rücksicht nehmen müssen. Veronika bekam das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, „auf die viele Menschen auch verzichten könnten“.

Insbesondere auf Social Media ist Veronika ständig mit behindertenfeindlichen Diskriminierungen konfrontiert. „Den Hinweis, meine Eltern hätten mich „lieber verrecken lassen sollen“ bekomme ich mittlerweile ein- bis zweimal die Woche in mein Postfach gespült.“ Und das, obwohl Veronika selbst nie aggressive Anfeindungen gepostet hat.

Gemeinsamer Kampf. Die Möglichkeit, sich via Social Media zu Wort zu melden, möchte sie sich dennoch keinesfalls nehmen lassen. „Das ist der einzige Ort, wo ich noch sichtbar sein kann. Ich kann momentan nicht rausgehen und demonstrieren, ich kann mich nicht irgendwo anketten“, erklärt sie. „Aber ich kann versuchen, den wenigen Leuten, dich ich so erreichen kann, meine Geschichte zu erzählen.“ Das Internet ist für Veronika schon lange ein zweites Zuhause. „Und das ist das letzte, was ich noch verteidigen möchte.“ Auch aufgrund der Community, die Veronika auf Twitter gefunden hat, ist das Medium für sie so wichtig geworden. „Absolut beeindruckend“ sei die Vernetzung, die dort in den letzten Jahren zwischen Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Erkrankungen passiert ist. Corona hätte viel mehr Zusammenhalt zwischen diesen Gruppen geschaffen. „Uns ist allen klar geworden, dass wir alleine nicht weiterkommen.“

Der Hashtag #NichtnurimHeim zeigt die Diversität der Gruppe. Appelle zur Solidarität, die dort geteilt werden, fordern zum Tragen von Masken auf. Für Veronika eine niederschwellige Maßnahme, die viel bringt. „Eine allgemeine Maskenpflicht wäre mein Wunschtraum.“ Von ihren Mitmenschen wünscht sie sich vor allem, „dass dieses Gejammer aufhört, nur weil man eine Maske tragen muss, während andere seit Jahren nicht mehr das Haus verlassen können.“ Menschen in der Risikogruppe seien alle bereit, selbst ganz massive Einschnitte in Kauf zu nehmen, erklärt sie. „Aber ganz ohne, dass andere auch mithelfen, geht es nicht.“

Long Covid kann alle treffen. Dass Vorsicht auch den Menschen außerhalb der Risikogruppe zugutekommt, zeigt sich insbesondere an der steigenden Zahl an Long-Covid-Patient*innen, die oft keinerlei Vorerkrankungen hatten. Das britische nationale Statistikinstitut geht davon aus, dass zehn bis zwanzig Prozent der Covid-Erkrankten betroffen sind. Eine davon ist Sandra, die früher Leistungssportlerin war und nun an schwerem Long Covid leidet. „Ich dachte immer, mich kann sowas nicht treffen. Ich bin ja gesund“, erzählt die ehemalige Football-Nationalspielerin. Doch insbesondere seit ihrer zweiten Infektion leidet Sandra unter starken körperlichen und auch psychischen Beeinträchtigungen. Müdigkeits- und Schwächeanfälle, Konzentrationsschwierigkeiten, der klassische Brain Fog – die Symptome kommen und gehen, so wie bei vielen anderen Long-Covid-Betroffenen, unvorhersehbar.

Neben den körperlichen Auswirkungen der Krankheit machen Sandra auch die finanziellen Folgen und der bürokratische Aufwand, den Long Covid mit sich bringt, sehr zu schaffen. Nur wenige Wochen nach dem Beginn der Symptome verlor sie ihren Job, weil die Dauer ihres Krankenstandes nicht absehbar war. Für den Bezug von Arbeitslosengeld muss sie nun regelmäßig das Fortbestehen ihrer Krankheit nachweisen und sich immer wieder rechtfertigen. Von medizinischem Personal erlebte sie regelmäßig Schikanen, ihre Symptome wurden lange nicht ernst genommen, Long Covid als Diagnose erst spät anerkannt. Auch die Reha, die Sandra nach langer Prozedur von der Krankenkassa bewilligt bekommen hat, war eigentlich auf eine Therapie von Depression ausgerichtet „Das war völlig kontraproduktiv“, erzählt Sandra. „Ich musste jedes Mal darum kämpfen, eine Pause machen zu dürfen, obwohl ich permanent erschöpft war.“ Bei Long Covid könnten sich durch Überforderung auch Ermüdungserscheinungen chronifizieren.

Sandra wünscht sich vor allem, dass Long Covid gesellschaftlich als Krankheit anerkannt wird. Gerade bei Behörden und medizinischen Einrichtungen sei das oft noch nicht der Fall. Es brauche unbedingt ausreichend und bessere Therapiemöglichkeiten. Long Covid sei als gesamtgesellschaftliches Problem aber auch auf politischer Ebene zu lösen: „Wenn sich der Staat nicht damit beschäftigt, wird es eine Welle an Menschen geben, die chronisch krank sind und keine staatliche Unterstützung erfahren.“

Mit den gesamtgesellschaftlichen Folgen von Corona setzt sich auch die Public Health Expertin und Mitgründerin der Initiative Gesundes Österreich (IGÖ), Beatriz Villegas Sierra, auseinander. Zusammen mit anderen Expert*innen und Beschäftigten im Bildungsbereich rief sie mit der IGÖ ein Projekt ins Leben, das sich vorrangig um Aufklärung über Corona, seine Folgen und potenzielle Maßnahmen bemüht.

Praktische Eigenverantwortung. Die fehlenden Informationen in der Bevölkerung seien vor allem ein Versagen der Politik. „Wir wollen Menschen zum eigenständigen Denken und verantwortungsvollen Handeln bringen. Doch wir fordern auch von der Politik ein, uns bei dieser Aufgabe, nach monatelanger systematischer Desinformation, zu unterstützen.“ Die Pandemie werde von der Regierung nicht ernst genommen, das geringe Ausmaß an aufrechten Maßnahmen sei verantwortungslos. Auch das Narrativ der „Eigenverantwortung“ kritisiert Villegas Sierra vehement, diese Strategie sei nämlich vor allem „praktisch für die Politik, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen“. Besonders dramatisch ist es Villegas Sierra zufolge, dass Long Covid und andere Folgeschäden im Diskurs weitgehend ausgeblendet würden. „Tausende chronisch kranke Menschen zusätzlich werden in Zukunft nicht im System versorgt werden können. Das System ist jetzt schon am Anschlag, es kracht an allen Ecken und Enden“, warnt sie. Hoffnung auf eine Herdenimmunität darf man sich laut Villegas Sierra nicht machen, auch die Forderung, Vulnerable „wegzusperren“, sei abwegig: „Das kann gar nicht funktionieren, zumal Vulnerable in allen Altersklassen vertreten, Teil unserer Familien und Teil unserer Gesellschaft sind.“

Auch Sierra bekräftigt: „Das Allerschlimmste an dieser Pandemie ist jedoch, dass die Solidarität verloren gegangen ist.“ Doch auch das sei vorrangig ein Thema der Politik. „Wenn es ein Gesundheitsminister nicht schafft, zu sagen: „Denken wir bitte an unsere vulnerablen Mitbürger*innen“, dann sei das erschreckend und „geht am Kern seiner Aufgabe gänzlich vorbei“.

Die Hoffnung, dass sich die Solidarität noch durchsetzen könnte, hat zumindest Veronika noch nicht aufgegeben. „Ich denke, unsere einzige Chance ist es, den Leuten unsere Geschichten zu erzählen. Die sachliche Ebene, Statistiken, der Appell an die Vernunft, das interessiert niemanden. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Gesellschaft verstehen muss, um wen und um was es geht. Und das sind konkrete Schicksale.“ 

Anika Haider möchte mit ihrer journalistischen Arbeit dazu beitragen, Stimmen Gehör zu verschaffen, die oft überhört werden.

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Wir dürfen sie nicht vergessen. Sie fehlt. https://ansch.4lima.de/wir-duerfen-sie-nicht-vergessen-sie-fehlt/ https://ansch.4lima.de/wir-duerfen-sie-nicht-vergessen-sie-fehlt/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:30:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=91512 Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung. Natalia Hurst und Elizabeth Martínez von der Bewegung Ni Una Menos Austria wollen auf allen Ebenen gegen geschlechtsbezogene Gewalt aktiv werden. Interview: Naomi Lobnig Als Reaktion auf eine Serie brutaler Femizide gründete sich 2015 in Argentinien die Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“). Bald breitete sich die […]]]>

Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung. Natalia Hurst und Elizabeth Martínez von der Bewegung Ni Una Menos Austria wollen auf allen Ebenen gegen geschlechtsbezogene Gewalt aktiv werden. Interview: Naomi Lobnig

Als Reaktion auf eine Serie brutaler Femizide gründete sich 2015 in Argentinien die Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“). Bald breitete sich die Protestbewegung gegen sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt an FLINTA auf andere lateinamerikanische Länder und darüber hinaus aus. Seit 2017 möchte Ni Una Menos Austria diese Form des intersektionalen und dekolonialen Feminismus auch nach Österreich tragen.

an.schläge: Wie sieht der Aktivismus von Ni Una Menos konkret aus?

Elizabeth Martínez: Wir versuchen, auf allen Ebenen etwas zu bewegen. Wir sitzen nicht nur in irgendwelchen Konferenzen und erzählen, welches Verständnis wir von Feminismus haben. Wir versuchen, diese Themen im Alltag sichtbar zu machen und in der Praxis Veränderungen anzustoßen. Wenn ich mit Freund*innen rede, wenn ich Fragen stelle, löst das etwas in den Köpfen aus.

Natalia Hurst: Am Anfang haben wir Workshops gemacht. Wir wollten die Gewalt an FLINTA sichtbar machen und melden. Gleichzeitig brauchten wir einen Ort, um zuzuhören, um Themen zu besprechen und dabei zu stricken, zu tanzen oder zu singen. Es fördert die Kommunikation, wenn man etwas zusammen macht. Leider ist das mit der Pandemie weggefallen. Grundsätzlich versuchen wir, viermal im Jahr Events auszurufen: Am 28. September 2021, dem Internationalen Tag für sichere Abtreibung, haben wir eine Performance-Demo für sichere Abtreibung organisiert. Am Tag gegen Gewalt an Mädchen und Frauen, haben wir vor der Pandemie gemeinsam mit LEFÖ, Take Back The Streets, Rhythms of Resistance und Feminist Killjoy unsere erste Demo Dinámica (Anm.: eine Form des multidisziplinären Demonstrierens) und das erste „Ni Una Menos“-Graffiti am Yppenplatz in Wien gemacht. Jetzt gibt es dort ein bleibendes Graffiti, das alle Femizide zählt. Am 8. März, dem feministischen Kampftag, haben wir dank der Gruppe Maracatú Nossa Luz Tanz und Trommeln in die Demo integriert. Durch den Tanz gelingt es, den Körper nicht mehr als Objekt, sondern als eigenes Territorium zu genießen. Und dann gibt es noch den Geburtstag der Bewegung Ni Una Menos am 3. Juni. Zusätzlich finden offene Austauschtreffen statt. Dieses Jahr war es schwierig; die Pandemie hat die Dynamik ein bisschen unterbrochen.

Welche politischen Forderungen habt ihr?

E. M.: Wir wollen nicht, dass die Opfer im Schatten bleiben und dann ein zweites Mal durch die Medien zu Opfern werden. In Lateinamerika werden die Opfer zumindest genannt, jedes Mal, wenn etwas passiert. Das finden wir wichtig, weil sonst die Betroffenen im Schatten bleiben. Hier in Österreich sind sie namenlos – man weiß nur, was passiert ist, wo und wann. Aber es ist wichtig, dass wir uns an die Namen erinnern, weil wir sonst nur eine Zahl haben, Femizid Nummer 20, 21, 22. Wir wollen ihnen ihre Namen geben.

N. H.: Wir fordern, dass der Begriff Femizid in Österreich als politische Kategorie wahrgenommen und anerkannt wird. Femizide passieren nicht nur in Argentinien oder in Mexiko. Sie finden hier statt. Gewalt an Frauen ist kein Naturgesetz, sondern ein Thema unserer Kultur, das wir anklagen wollen.

Wir verstehen, dass das System patriarchal ist. Wir wissen, dass sich das System radikal verändern muss. Wir brauchen Feminist*innen in den Institutionen, an den entscheidenden Orten. Es braucht einen Dialog in der ganzen Gesellschaft zu dem Thema – im Kindergarten ebenso wie im Parlament. Es gibt die Debatte, ob Aktivismus zusammen mit Parteien funktionieren kann, aber wir glauben, dass sich die Dinge auf parlamentarischer Ebene bewegen müssen.

Auf den Demos von Claim the Space (Anm.: Claim the Space ist ein autonomes feministisches Bündnis, bestehend aus unterschiedlichen Personen und Kollektiven) ist viel Wut spürbar. Claim the Space ist während der Pandemie entstanden, auch wegen der Femizide. Die Stille war so laut in der Pandemie, man musste etwas machen. Die Bewegung hat viel dazu beigetragen, den Begriff Femizid zu den Österreicher*innen zu bringen. Bis dahin war der Begriff hauptsächlich Migrant*innen und Akademiker*innen vorbehalten.

Welche Unterschiede oder Ähnlichkeiten gibt es hinsichtlich der Streikkultur in Argentinien oder Mexiko?

E. M.: In Lateinamerika sind Femizide und Gewalt auch deshalb generell sichtbarer, weil die Frauen lauter sind. Sie gehen auf die Straße. Sie gehen wütend auf die Straße. Eine Demo gegen Femizide ist keine Party, kein Frauenfest. Wir sind auf der Straße, weil eine von uns fehlt. Hier in Österreich, so wie ich das wahrnehme, wissen Frauen zwar, dass Sachen passieren und dass es politisch korrekt ist, an den Demos teilzunehmen, aber sie haben nicht so viel Wut, wenn sie auf die Straße gehen. Ich meine das nicht böse, aber ich denke, diese Wut fehlt noch ein bisschen.

Wie geht ihr damit um, ständig mit diesen gewaltvollen Themen konfrontiert zu werden?

E. M.: Man muss einen Weg finden, um nicht verrückt zu werden. Ich persönlich fühle mich an manchen Orten unsicher, weil ich sie mit anderen Situationen verbinde. Vielleicht habe ich gerade über mehrere Femizide in unterschiedlichen Ländern gelesen – dann denke ich daran, dass das überall passieren kann. Man muss einen Weg finden, um all das zu verarbeiten. Wir sollten uns in solchen Situationen an die Idee von Ni Una Menos halten und uns sagen: Sie fehlt, aber ich bin für sie da und nehme ihre Stimme. Deswegen schreien wir. Wenn mir etwas passiert, weiß ich, dass mein Frauennetz für mich da ist.

N. H.: Die Gruppe gibt uns Ressourcen, um zu reagieren, die wir sonst nicht hätten.

Wie wird in Österreich mit geschlechtsspezifischer Gewalt umgegangen?

N. H.: Es gibt keine echte Wahrnehmung dieses Problems auf staatlicher Ebene. Wir wollen Raum und Zeit für die Femizid-Opfer schaffen, weil sie sonst unsichtbar bleiben. Und wenn wir dem Thema Frauengewalt das Tabu nehmen, wird auch leichter sichtbar, welche anderen Opfer von Gewalt es in der Gesellschaft gibt. Man darf weder von Frauengewalt wegschauen noch von Menschenhandel noch von moderner Sklaverei.

Gibt es Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern?

E. M.: Ich würde sagen, Lateinamerika ist da schon weiter. Zum Beispiel ist in Mexiko der explizite Tatbestand Femizid ein Grund, dass Menschen ins Gefängnis gehen. Das fehlt in Österreich noch. Nicht nur in Österreich. In ganz Europa fehlt die Anerkennung von Femizid als Straftat.

N. H.: Wir wissen zum Beispiel aus Spanien, dass im Fall eines Femizids dieser Begriff auch in den Nachrichten verwendet wird. In Österreich ist in manchen Medien noch immer von einem „Liebesdrama“ die Rede. Sie folgen damit einem patriarchalen Narrativ. Er hat sie getötet, weil er sie so liebte. Er hat sie vergewaltigt, weil sie einen Rock anhatte. Ein „Verbrechen aus Leidenschaft“ entlastet die Täter. Die Bezeichnung Femizid lässt die Tat eindeutig als Hate Crime erkennbar werden, das wird auch schwerer bestraft.

Nach jedem Femizid gibt es eine Kundgebung am Karlsplatz. Welche Kraft haben solche Aktionen?

N. H.: Auf den Claim-the-Space-Demonstrationen schreien wir jeden Femizid, der in diesem Jahr begangen wurde. Da gibt es viel Wut und viel Trauer. Manche fragen, ob man das nicht ein bisschen weniger traurig machen kann, aber es geht nicht „lustiger“. Es ist einfach eine Katastrophe. All diese Frauen sind nicht mehr da und es gibt keinen Grund dafür, nicht traurig oder wütend zu sein. Mittlerweile hat sich daraus eine eigene Dynamik entwickelt. An verschiedenen Orten und Plätzen, in unterschiedlichen Demonstrationen gegen Femizide schreien alle „Ni una menos“, weil es zu einem Schrei gegen Gewalt geworden ist …

E. M.: … und auch, um uns daran zu erinnern, dass eine von uns fehlt. Wir gedenken der Frau, die am 29. April 2021 ermordet wurde. Wir dürfen sie nicht vergessen. Sie fehlt. Und dann die nächste und die nächste und die nächste. Wenn man dort ist und hört, wie viele Frauen fehlen, ist es wirklich erschreckend. Gleichzeitig denkt man, das könnte ich sein oder meine Schwester oder meine Freundin. Deswegen stehen wir hier und erinnern uns, dass sie fehlen und dass so etwas nicht passieren darf. Nirgendwo, nie. 

Website: https://osterreichnum.wordpress.com/
Instagram: https://instagram.com/niunamenos.austria

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„Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“ https://ansch.4lima.de/hundertprozentige-sicherheit-kann-es-nicht-geben/ https://ansch.4lima.de/hundertprozentige-sicherheit-kann-es-nicht-geben/#respond Thu, 01 Dec 2022 12:23:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=91508 Wie finden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen eigentlich ins Frauenhaus? Und bekommen dort auch trans Frauen und non-binäre Personen Platz? Brigitte Theißl hat bei Elisabeth Cinatl, Psychotherapeutin und Vorstandsvorsitzende des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, nachgefragt. Wie sieht die Infrastruktur an Frauenhäusern in Österreich aus? Wo fehlt es konkret an Mitteln und Einrichtungen? Es gibt Bedarf […]]]>

Wie finden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen eigentlich ins Frauenhaus? Und bekommen dort auch trans Frauen und non-binäre Personen Platz? Brigitte Theißl hat bei Elisabeth Cinatl, Psychotherapeutin und Vorstandsvorsitzende des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, nachgefragt.

Wie sieht die Infrastruktur an Frauenhäusern in Österreich aus? Wo fehlt es konkret an Mitteln und Einrichtungen?

Es gibt Bedarf an zusätzlichen Frauenhausplätzen – dabei muss man regional genau hinschauen. Bei uns in Niederösterreich ist zum Beispiel das Waldviertel ein absolut unterversorgtes Gebiet. Dort ist es für Frauen nicht möglich, einfach nach St. Pölten zu fahren, dafür ist die Anbindung zu schlecht. Ein großes Problem sind aktuell auch Übergangswohnungen. Angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt ist es enorm schwierig, günstige Mietwohnungen zu finden. Nach einem Aufenthalt im Frauenhaus wäre es für eine Stabilisierung wichtig, zumindest vorübergehend eine Wohnung zu haben – und das ohne den Druck, 800 oder 900 Euro im Monat für die Miete aufbringen zu müssen.

Wie finden Betroffene von häuslicher Gewalt den Weg ins Frauenhaus, wenn sie vielleicht noch gar nie von diesem Angebot gehört haben?

Auf ganz unterschiedlichen Wegen. Für Frauenhäuser ist Vernetzung enorm wichtig, um das Angebot bekannt zu machen. Behörden und Ämter müssen informiert sein, denn viele Frauen docken etwa beim Sozialamt oder dem AMS an. Auch Ärzt*innen, Gynäkolog*innen, Apotheker*innen sind wichtige Multiplikator*innen. Nicht zuletzt braucht es mediale Berichterstattung.

Wo liegen die Grenzen beim Schutz, den ein Frauenhaus bieten kann, gerade wenn Betroffene vor potenziell gefährlichen Tätern geflüchtet sind?

Das ist ein wichtiger Punkt. Frauenhäuser bieten Schutz, aber eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Die Bewohnerinnen des Frauenhauses sind schließlich nicht eingeschlossen, sie leben ihr Leben weiter, gehen zur Arbeit, bringen Kinder in die Schule oder den Kindergarten. Das sind meist Wege, die auch die gewalttätigen (Ex-)Partner kennen. Einen gewissen Schutz bietet die Anonymität der Frauenhaus-Adresse, doch auch diese kann nicht völlig geheim gehalten werden. In den Häusern selbst treffen wir natürlich Sicherheitsvorkehrungen. Darüber hinaus führen wir Gefährlichkeitseinschätzungen mit den Frauen durch, um ein Gefühl für den Gewalttäter zu bekommen. Das ist ein wichtiges Tool. In Wiener Neustadt liegt das Frauenhaus abseits stark frequentierter Wege. Wenn eine Frau in einer Hochrisikosituation ist, bedeutet dies auch, dass auch wir als Mitarbeiterinnen noch wachsamer sein und Maßnahmen ergreifen müssen. Dies bedeutet dann, dass jede Mitarbeiterin, die bei Dunkelheit aus dem Dienst geht, mit einer Kollegin telefoniert, bis sie im Auto oder weiter vom Frauenhaus entfernt ist. So kann im Notfall rasch die Polizei verständigt werden. Trotz all dieser Maßnahmen besteht immer ein Restrisiko.

Wie sieht der Umgang mit trans Personen aus? Finden sie ohne Hürden Platz in Frauenhäusern?

In den Dachverbänden gibt es zu diesem Thema durchaus Diskussionen, ich kann nur für unser Haus sprechen. Es ist enorm wichtig, dass transidente und non-binäre Personen einen Zufluchtsort haben, wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Zugleich sind viele trans Personen auch von anderen Diskriminierungs- und Gewaltformen betroffen. Dementsprechend braucht es aus meiner Sicht auch spezielle Expertise in den Häusern, um die Betroffenen angemessen betreuen zu können. Ich finde es ehrlicher zu sagen: Wir nehmen trans Personen nicht auf, weil wir zu wenig Expertise haben. Und die Person wird dann weitervermittelt. Ich arbeite auch als Psychotherapeutin mit trans Personen in unterschiedlichen Phasen der Transition. Wie eine Person gelesen wird, speziell trans Frauen, führt zu bestimmten Reaktionen, auch das gilt es zu bedenken. Ich bin jetzt wenig konkret, weil es wichtig ist, auf jeden Fall individuell einzugehen.

Kann es also auch passieren, dass trans Frauen keinen Frauenhausplatz finden?

Hier kann ich für unser Haus sprechen – und ich denke auch für andere: Wenn eine betroffene Frau vor der Tür steht, dann wird sie aufgenommen. Frau heißt in diesem Fall: Eine Frau, die sich als solche definiert.

Wo beginnt aus Ihrer Sicht Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt?

Der beginnt mit Geschlechterstereotypen, die es aufzuweichen gilt. Bei finanzieller Selbstbestimmung, gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Das alles gehört dazu. Und es beginnt beim Alltagssexismus, den jede Frau erlebt. Da sind wir noch lange nicht dort, wo wir hin­wollen. 

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Der Prozess https://ansch.4lima.de/der-prozess/ https://ansch.4lima.de/der-prozess/#comments Thu, 01 Dec 2022 12:18:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=91505 Daphne wurde von ihrem Ex-Partner geschlagen und vergewaltigt, vor Gericht wird er freigesprochen. Er ist einer von vielen. Warum ist das so? Die Rekonstruktion eines Vergewaltigungsprozesses. Von Anna Lindemann Insgesamt waren es neun Monate. Sie lernen sich im November kennen, kurze Zeit später zieht er bei ihr ein. Es sei schwer zu sagen, wann genau […]]]>

Daphne wurde von ihrem Ex-Partner geschlagen und vergewaltigt, vor Gericht wird er freigesprochen. Er ist einer von vielen. Warum ist das so? Die Rekonstruktion eines Vergewaltigungsprozesses. Von Anna Lindemann

Insgesamt waren es neun Monate. Sie lernen sich im November kennen, kurze Zeit später zieht er bei ihr ein. Es sei schwer zu sagen, wann genau die Gewalt losging, sagt Daphne. Von Anfang an war er sehr besitzergreifend, zu ihren Freundinnen hat sie schon in dieser Zeit weniger Kontakt. Nach etwa drei Monaten bricht er immer öfter in heftige Wutanfälle aus, irgendwann drängt er sie zum Oralsex. Gegen Ende der Beziehung fängt er an, sie zu schlagen. Sie erzählt niemandem davon.

Es dauert noch zwei Monate, dann trennt sie sich – insgesamt dreimal, bis er es akzeptiert. Fast hätte sie es nicht geschafft, nachdem er sie immer wieder überredet hat, bei ihm zu bleiben. Als er die Wohnung endlich verlässt, packt Daphne gemeinsam mit ihrer Mutter seine Sachen zusammen und bleibt die nächsten Nächte bei ihr. Erst dann kann Daphne ihrer Mutter die Wahrheit anvertrauen, später auch ihren Freundinnen, dann der Polizei: Ihr Ex-Partner hat sie bedroht, geschlagen und vergewaltigt.

Ein Jahr später sitzt Daphne in der ungewöhnlich warmen Oktobersonne in einem Wiener Café und trinkt einen Chai. Sie hat ihre Haare hochgesteckt und sitzt aufrecht auf ihrem Stuhl. Ihre Hände sind auf dem Tisch verschränkt. Zwei Anzeigen, zwei Gerichtsprozesse und zwei niederschmetternde Urteilsverkündungen hat sie in den vergangenen zwölf Monaten mitgemacht. Ihr Ex-Partner wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen. Daphne ist wütend.

Sie erzählt der Reihe nach. Nach der Trennung hört ihr Ex-Partner nicht auf, sie zu kontaktieren. Irgendwann fängt er an, auch ihre Freundinnen anzurufen. Er wolle Daphne umbringen, droht er am Telefon. Daraufhin geht sie zur Polizei.

Sie hat Fotos von ihren blauen Flecken und Aufnahmen von seinen Ausrastern. Während der Beziehung habe sie angefangen, die Gewalt zu dokumentieren. Ob sie damals schon Beweise sammeln wollte? „Vielleicht. Ich habe das aber auch getan, um alles selbst zu verarbeiten und um meinen Erinnerungen im Nachhinein zu vertrauen.“ Daphne spricht von „Gaslighting“, ihre Wahrnehmungen seien von ihrem Ex-Partner manipuliert, sie sei tief verunsichert worden.

In einer Studie aus dem Jahr 2011 – aktuellere Forschung gibt es zu dem Thema in Österreich nicht – geben knapp dreißig Prozent der Frauen an, sexuelle Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben. In Deutschland gibt es dazu keine konkreten Zahlen.

Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 8.490 Fälle von Vergewaltigung erfasst. Schaut man auch auf andere Delikte wie sexuelle Nötigung oder Missbrauch, dann sind es insgesamt rund 104.000 Fälle. Und das umfasst nur diejenigen, die der Polizei gemeldet wurden.

Daphne zeigt zuerst nur die Drohungen und Körperverletzungen an. Als der Polizeibeamte konkret nach Vergewaltigung fragt, antwortet sie: „Das kann ich schwer sagen.“ Sie hatte das Gefühl, der sexuelle Übergriff sei nicht schlimm genug, weil er nichts Handfestes sei – so wie die dokumentierten Drohungen und Körperverletzungen. Und sie war eben in einer Beziehung mit diesem Menschen, der sie missbraucht hat. Da sei eine Bindung gewesen, sie habe ihn anfänglich nicht in zusätzliche Schwierigkeiten bringen wollen.

Vergewaltigungen werden oft nicht angezeigt. „Eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen kann tausend verschiedene Gründe haben“, sagt Ursula Kussyk. Sie ist Leiterin der Frauenberatungsstelle Notruf bei sexueller Gewalt in Wien und begleitet Opfer sexueller Gewalt seit dreißig Jahren durch Rechtsprozesse. Oft sei es die Scham, die Frauen von einer Anzeige abhält. „In einer aufrechten Partnerschaft ist es noch schwieriger, zur Polizei zu gehen. Da gibt es vielleicht den Anspruch, dass man einander liebt und selber ja auch ein Sexualleben haben will. Da verschwimmen schnell die Grenzen, was in Ordnung ist und was nicht mehr.“

Laut der Prävalenzstudie aus dem Jahr 2011 zeigen weniger als zehn Prozent der betroffenen Frauen eine Vergewaltigung an. Ob die Zahlen so stimmen, sei aber schwer nachprüfbar, sagt Kussyk. Die Schätzungen variieren stark und seien letztlich Spekulation. Die Frauenberaterin geht jedenfalls von einer hohen Dunkel­ziffer aus.

Kussyk hat selbst erlebt, dass viele Frauen sexuelle Gewalt bei einer Anzeige nicht erwähnen. „Körperliche Gewalt ist manchmal einfacher anzuzeigen, da gibt es oft mehr Beweise“, sagt die Frauenberaterin. „Ich kann es sehr gut verstehen, wenn Frauen dann sagen, sie ersparen sich die Anzeige wegen Vergewaltigung.“

Nachdem Daphne das erste Mal Anzeige erstattet hat, vereinbart sie einen Termin bei der Frauenberatung. „Dort wurde mir klarer, dass ich in meiner Beziehung tatsächlich sexuell missbraucht wurde“, sagt Daphne. „Ich habe mich dann zum ersten Mal richtig mit dem beschäftigt, was passiert ist. Ich habe alles akribisch aufgeschrieben und mit meiner Beraterin besprochen.“

Vorbereitung auf den Prozess. Die Beratungsstellen sind Anlaufstellen für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Kussyk und ihr Team bieten dort Anzeigeberatung und Prozessbegleitung an und vermitteln ihre Klientinnen weiter, um psychologische Unterstützung zu erhalten. „In erster Linie hören wir Frauen zu, wir informieren sie und unterstützen sie bei einem Rechtsprozess. Die Strafverfahren an sich sind aber außerhalb unserer Kontrolle.“ Oft rät Kussyk deshalb von einer Anzeige ab. „Nach einem sexuellen Übergriff ist es extrem wichtig, dass die betroffene Frau das Gefühl bekommt, wieder die Kontrolle zu haben. Ein Strafverfahren ist ein Prozess, in dem sie genau das nicht hat.“

Kussyk will Frauen gründlich auf das vorbereiten, was sie erwartet. „Als Zeugin ist die Frau zur Aussage verpflichtet, im Notfall kann sie dazu gezwungen werden.“ Außerdem bestehe immer auch die Gefahr, dass die Frau am Ende selbst wegen Verleumdung angezeigt wird. „Ich habe Frauen begleitet, die das erlebt haben. Das ist eine Belastung, die man sich nur schwer vorstellen kann.“ In etwa zehn bis 15 Prozent der Fälle sei mit einer solchen Verleumdungsklage zu rechnen, sagt Dr. Christine Kolbitsch. Sie arbeitet als Anwältin in einer Kanzlei für Familienrecht und vertritt seit dreißig Jahren Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben.

Daphne entscheidet sich nach ihren Terminen in der Beratungs­stelle trotzdem, nochmals zur Polizei zu gehen. Etwa einen Monat nachdem sie die erste Anzeige erstattet hat, sitzt sie dort einer Beamtin gegenüber, die zum Thema sexuelle Gewalt geschult ist. Den Termin hat ihre Frauenberaterin vereinbart. Daphne fühlt sich dieses Mal ernst genommen und zeigt die Vergewaltigung an.

Nach einer Anzeige entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob das Ermittlungsverfahren eingestellt wird oder es zu einer Anklage kommt. „In etwa fünfzig Prozent der Fälle kommt es zu einer Hauptverhandlung“, sagt Kolbitsch. Ein Verfahren dauert mindestens ein Jahr, im schlimmsten Fall können es auch zwei sein. „Man weiß zum Beispiel nie, ob es noch zu einem Berufungsverfahren kommt oder ein Zeuge nicht auffindbar ist“, so die Anwältin.

In Daphnes Fall entscheidet die Staatsanwaltschaft schnell, dass es zu einer Verhandlung kommt. Rund zwei Monate später – es ist inzwischen Dezember – steht sie das erste Mal vor Gericht. Ihr stehen zwei Prozesse bevor, ihre beiden Anzeigen werden getrennt voneinander verhandelt.

In dieser ersten Verhandlung geht es um ihre Vorwürfe der körperlichen Gewalt und der Drohung. Die Bilder ihrer blauen Flecken und eine Sprachaufnahme aus der Beziehung, in der ihr Ex-Partner droht, sie zu töten, sollen das beweisen. Können sie aber nicht, urteilt die Richterin. Im Urteil liest Daphne später, die Beweise seien unzulässig. „Die Drohung ist zu wenig konkret“, steht dort geschrieben. Ihr Ex-Partner wird freigesprochen.

„Bei meinem ersten Termin hatte ich das Gefühl, unter die Lupe genommen zu werden“, sagt Daphne. Sie glaubt, sich beweisen zu müssen, fast so, als wäre sie selbst angezeigt worden. Sie ist kein Einzelfall. Dass es in den Prozessen mehr um die Opfer als um die Täter geht, sei nicht ungewöhnlich. „In den Verhandlungen beobachte ich immer wieder Victim Blaming, das hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Anwältin Kolbitsch. „Das ist unglaublich frustrierend.“

Während Daphne von der Gerichtsverhandlung erzählt, steht sie auf und schüttelt ihre Arme und Beine aus. „Es ist doch ganz schön aufwühlend, über alles zu sprechen“, sagt sie. Eine Pause machen oder gar das Gespräch abbrechen will sie aber nicht. „Wenn ich die Wahrheit ausspreche, dann kann ich weniger verdrängen.“

Fast alle Täter werden freigesprochen. Mehr als neun Monate dauert es, bis es zur Verhandlung im zweiten Prozess kommt. Dieses Mal lautet der Vorwurf: Vergewaltigung. Der Richter ist verständnisvoll, nach der Anhörung sagt er zu Daphne: „Ich glaube Ihnen.“ Trotzdem wird ihr Ex-Partner auch in diesem Fall freigesprochen. Im Urteil steht: „Zum Teil schilderte die Zeugin, sie habe die Taten ‚einfach über sich ergehen lassen‘. Insofern ist bereits unklar, ob der objektive Tatbestand erfüllt ist.“

Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden vor Gericht oft angezweifelt, wenn Frauen mit dem Täter in einer Beziehung sind. Das habe sicherlich auch etwas mit unserem Bild von Beziehungen zu tun: „Es hat lange gedauert, bis Vergewaltigungen in Beziehungen überhaupt ein Straftatbestand waren“, sagt Kolbitsch. Oft mangele es aber auch an Beweisen.

Ihre Frauenberaterin versucht, Daphne nach der Urteilsverkündung das Gefühl zu geben, alles getan zu haben, was sie hätte tun können, erzählt sie. Dass Sexualstraftäter verurteilt werden, sei einfach unwahrscheinlich. Aber Daphne will sich damit nicht abfinden: „Da läuft etwas falsch. Das betrifft nicht nur mich, das ist ein größeres Problem.“ Denn was in so einem Prozess passiere – von der Anklage bis zum Urteil – davon würden viel zu wenig Menschen etwas mitbekommen: „Deshalb will ich drüber sprechen.“

Statistiken aus dem BMI zeigen, dass im Jahr 2020 in Österreich nur 10,4 Prozent der angezeigten Vergewaltiger verurteilt wurden. In den Jahren davor sah es nur marginal besser aus. Warum ist das so? „Die Gesetze sind da, natürlich kann man immer wieder an ihnen schrauben, aber wo sich wirklich was tun muss, ist bei den Einstellungen der Menschen, die mit den Gesetzen arbeiten“, sagt Kussyk.

Frauenfeindliche Stereotypen seien in der Justiz genauso vorhanden wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Noch immer würden Vergewaltigungsmythen umhergeistern: Die Frau habe das gewollt, verdient oder gar erfunden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Das ist natürlich völlig aus der Luft gegriffen. Wir brauchen auf jeden Fall mehr Aufklärung“, sagt Kussyk.

Das sieht auch Kolbitsch so: „Die Gesetze an sich sind schon gut, aber es hapert an der Umsetzung. Richterinnen und Richter sind oft nur juristisch ausgebildet, haben aber nicht die nötige psychologische Sensibilisierung.“ Ein großes Problem sei, dass Richter*innen die Täterstrategien oft nicht kennen und deshalb nicht durchschauen. „Da braucht es dringend Schulungen und einiges an Erfahrung.“

Außerdem müsse mehr Geld für Forschung in die Hand genommen werden. „Es braucht mehr Daten zu gesellschaftlichen Einstellungen und ihren Veränderungen“, sagt Kussyk. Vor allem aber müsse Frauen geglaubt werden. „Viel zu oft wird ihnen nicht zugehört.“

In der Wut steckt Kraft. Die Frauen, die zu Kussyk in die Beratung kommen, haben alle individuelle Geschichten. Einige erleben sexuelle Gewalt in ihrer Beziehung, so wie Daphne. Viele wurden von Bekannten oder auch von fremden Männern vergewaltigt. Sie alle aber verbindet eine Traumatisierung. „Oft fühlen sich die Frauen schuldig, schämen sich, haben Probleme mit ihrer Sexualität und ihrem Körper“, sagt die Frauenberaterin.

So auch Daphne: „Ich merke, dass ich den Zugriff auf meine eigene Sexualität verloren habe. Die ist wie eingefroren“, sagt sie. Einmal hat sie wieder versucht, mit einem Mann zu schlafen. Schnell wurde sie ängstlich und begann zu zittern. Angst will sie aber nicht mehr haben. „Wenn mich Männer auf der Straße anstarren oder ansprechen, dann werde ich wütend. Und das ist gut, denn in Wut steckt so viel Kraft. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen wütend werden.“ •

Anna Lindemann studiert Sozialwissenschaften in Berlin und schreibt als freie Journalistin – am liebsten über feministische Themen.

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USA: Abtreibung selbst in die Hand nehmen https://ansch.4lima.de/usa-abtreibung-selbst-in-die-hand-nehmen/ https://ansch.4lima.de/usa-abtreibung-selbst-in-die-hand-nehmen/#comments Thu, 01 Dec 2022 12:10:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=91501 In großen Teilen der USA sind Schwanger­schafts­abbrüche fast völlig verboten. Organisationen, die diskret Abtreibungspillen versenden, helfen. Von Lisa Wölfl „Ich habe vor ein paar Tagen herausgefunden, dass ich schwanger bin“, schreibt eine US-amerikanische Userin auf der Plattform Reddit. Erst hatte sie einen Arzttermin vereinbart, dann entschieden, dass sie die Schwangerschaft abbrechen will. Das ist in […]]]>

In großen Teilen der USA sind Schwanger­schafts­abbrüche fast völlig verboten. Organisationen, die diskret Abtreibungspillen versenden, helfen. Von Lisa Wölfl

„Ich habe vor ein paar Tagen herausgefunden, dass ich schwanger bin“, schreibt eine US-amerikanische Userin auf der Plattform Reddit. Erst hatte sie einen Arzttermin vereinbart, dann entschieden, dass sie die Schwangerschaft abbrechen will. Das ist in ihrem Bundesstaat aber verboten. Sie fragt nach Rat: Soll sie den Termin absagen? Behaupten, sie habe eine Fehlgeburt gehabt? „Ich habe Angst, angezeigt zu werden.“

Im Juni 2022 kippte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Grundsatzentscheidung Roe v. Wade, die bundesweit ein Recht auf Abtreibung einräumte. Bundesstaaten mit konservativen Regierungen haben seitdem den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen stark eingeschränkt.

In zwölf Staaten ist Abtreibung mittlerweile fast völlig verboten. Texas etwa stellt alle Abbrüche unter Strafe, außer das Leben der Schwangeren ist in Gefahr. Andere Ausnahmen, etwa bei Vergewaltigung, gibt es nicht. Weitere fünf Bundesstaaten haben eine Frist von sechs Wochen festgelegt, in der ein Abbruch straffrei möglich ist. Ein Zeitraum, in dem viele die Schwangerschaft noch gar nicht bemerken.

Strenge Gesetze und drohende Strafen zwingen ungewollt Schwangere dazu, lange Wege auf sich zu nehmen oder eine Abtreibung selbst durchzuführen. Selbstabtreibungen können durchaus effektiv und sicher sein, doch häufiger wird auf potenziell gefährliche Methoden zurückgegriffen.

Abtreibungspillen auf Twitter und Ebay. „Manche haben gesagt, ich bin wahrscheinlich die einzige Person, mit der sie jemals darüber sprechen werden“, sagt Melissa Madera, Co-Autorin einer Studie zu Abtreibung via Telemedizin, im Interview via Zoom. Seit neun Jahren beschäftigt sie sich mit Schwangerschaftsabbrüchen. Ihre Motivation? „Ich wollte andere Menschen treffen, die Abtreibungen gehabt haben“, sagt sie.

Eine der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist, wie schwierig es ist, schnell an seriöse Informationen zu kommen, sagt Madera. Befragte erzählten, dass sie nicht sicher waren, welchen Seiten sie vertrauen konnten. „Manche haben gesagt, sie hätten Tabletten auf Ebay gefunden“, sagt Madera.

Unseriöse Angebote für Abtreibungspillen gibt es in sozialen Netzwerken zuhauf. Verschiedene User*innen mit generischen Profilbildern bieten etwa auf Twitter Abtreibungspillen an. Die Posting-Texte sind ident, Informationen über Medikamente, Versand und Kosten gibt es keine.

Nachfrage nach Abtreibungspillen. Wo der Staat ungewollt Schwangere im Stich lässt, springen Non-Profit-Organisationen wie Aid Access ein. Die Organisation verschickt seit 2018 Tabletten zur medikamentösen Abtreibung in alle US-Bundesstaaten. Ihren Sitz hat sie in Österreich.

Gründerin von Aid Access ist die niederländische Ärztin und Aktivistin Rebecca Gomperts. Sie ist eine der wichtigsten Stimmen im Kampf um Zugang zu Abtreibungen weltweit, gründete mehrere Organisationen, führte Abbrüche in internationalen Gewässern durch und half dabei, Drohnen mit Abtreibungspillen nach Nordirland zu schicken.

Im Jahr 2019 forderte die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA Gomperts auf, das Versenden von Medikamenten über Aid Access einzustellen. „Ich werde nicht aufhören, Frauen zu helfen, die meine Hilfe brauchen“, erwiderte sie damals gegenüber NBC News.

Der Dienst von Aid Access ist nun wichtiger denn je. Die Nachfrage nach Medikamenten zur selbstständig durchgeführten Abtreibung ist nach dem Fall von Roe deutlich gestiegen. Ersten Studien zufolge gab es nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs 160 Prozent mehr Anfragen an Aid Access als im Vergleichszeitraum. Zum größten Zuwachs an Anfragen kam es in Bundesstaaten mit Abtreibungsverboten.

Rezepte aus Europa, Tabletten aus Indien. Dort, wo Abbrüche und Telemedizin legal sind, verschickt Aid Access innerhalb der USA. Das kann bis zu fünf Werktage dauern. Betroffene in Bundesstaaten, die Abtreibung zur Straftat gemacht haben, bekommen die Tabletten von europäischen Ärzt*innen verschrieben und aus Indien zugeschickt. Wer es sich leisten kann, zahlt dafür bis zu 105 Dollar – und damit deutlich weniger als Abbrüche durch das Gesundheitssystem kosten. Bei finanziellen Problemen hilft die Organisation und es gibt die Pillen für weniger Geld oder sogar kostenlos.

Gerade bei medikamentösen Abtreibungen ist Zeit von entscheidender Bedeutung. Die Tabletten sollen in den ersten zehn Wochen der Schwangerschaft eingenommen werden. Der Versand dauert laut eigenen Angaben zwischen einer und drei Wochen. Das Warten ist für viele psychisch belastend.

Geheimhaltung. Wie zufrieden Betroffene mit dem Dienst der Organisation dennoch sind, zeigt eine neue Studie. Forscher*innen haben dafür achtzig Personen befragt, die im Jahr 2019 mithilfe von Aid Access eine medikamentöse Abtreibung hatten. Manche erzählten von Wartezeiten bis zu fünf Wochen. Alle Befragten konnten den Abbruch dennoch durchführen und berichten von ihren Erfahrungen als durchwegs positiv.

Zum Befragungszeitpunkt waren Abtreibungen noch bundesweit erlaubt. Die Gründe, sich trotzdem für eine medikamentöse Abtreibung zu entscheiden, waren vielfältig.

Befragte gaben etwa an, dass die Organisation oder Finanzierung einer Abtreibung in einer Klinik unmöglich schienen. Einzelne mussten die Abtreibung vor Familie und Ehemann geheim halten.

Die 24-jährige Angela aus Florida begründet ihre Entscheidung so: „Ich bin ein privater Mensch. Ich wollte nicht, dass es andere wissen. Ich wollte mich selbst darum kümmern. Mir gefiel, dass ich es zu Hause machen konnte, alles planen, mein Umfeld aussuchen. Das war wichtig für mich, meinen Ehemann dabei zu haben, in jedem Moment.“ *

Ineffektive, gefährliche Methoden. Betrügerische Websites machen einen im Grunde sicheren und einfachen Vorgang zum Spießrutenlauf. Auch deshalb greifen viele auf gefährliche Methoden zurück, um eine Schwangerschaft abzubrechen.

Etwa sieben Prozent aller Frauen in den USA versuchen im Laufe ihres Lebens, eine Schwangerschaft selbst abzubrechen. Am häufigsten kommen Kräuter (38 Prozent) und Medikamente (29 Prozent), die nicht für Abbrüche zugelassen sind, zum Einsatz. „Personen erzählen auch, dass sie sich in den Bauch geschlagen oder Objekte in die Vagina eingeführt haben“, sagt Lauren Ralph, Autorin der Studie zur Prävalenz von Selbstabtreibungen.

„Ich war ziemlich verzweifelt damals. Ich habe gelesen, wenn du von bestimmten Kräutern viel isst, dass es dabei hilft, eine Abtreibung zu verursachen. Ich habe das tatsächlich probiert, verrückt, wie es klingt, und es hat natürlich nicht funktioniert. Ich habe versucht, mir selbst in den Bauch zu boxen. Ich habe einen Freundin gebeten, mich zu treten“, berichtet Kendra, 29, aus Missouri .*

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Zugang zu Abtreibungen in Kliniken auch vor dem Fall von Roe eingeschränkt war. „Wir müssen darüber reden, wer besonders stark von den Abtreibungsverboten betroffen sein wird“, sagt Ralph. „Junge Frauen, Women of Color und arme Frauen.“ Diese Frauen würden schon in ihrem gesamten Leben Diskriminierungen im Gesundheitssystem erleben.

Trotzdem sind sich die Expertinnen Madera und Ralph einig, dass die Situation um einiges besser ist als in den Zeiten, in denen der Kleiderhaken das Symbol für gefährliche illegale Abtreibungen wurde. „Wir haben die Technologie, die Medikamente und die Informationen“, sagt Madera. „So sind Selbstabtreibungen sicher.“ 

Lisa Wölfl ist Journalistin und Podcasterin in den USA.

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Feminismus fördern! https://ansch.4lima.de/feminismus-foerdern/ https://ansch.4lima.de/feminismus-foerdern/#respond Thu, 01 Dec 2022 11:59:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=91470 Papier, Porto, Druck: Die Preise explodieren. Das ist insbesondere für Non-Profit-Medien existenziell bedrohlich – auch für an.schläge. Seit die Frauenministerin von der ÖVP gestellt wird, ist uns bekanntlich die wichtige Förderung durch das Frauenministerium weggebrochen. Begründet wird dies mit einem Fokus auf Gewaltprävention, der auch unbedingt nötig ist in einem Land, das bei den Femiziden […]]]>

Papier, Porto, Druck: Die Preise explodieren. Das ist insbesondere für Non-Profit-Medien existenziell bedrohlich – auch für an.schläge. Seit die Frauenministerin von der ÖVP gestellt wird, ist uns bekanntlich die wichtige Förderung durch das Frauenministerium weggebrochen. Begründet wird dies mit einem Fokus auf Gewaltprävention, der auch unbedingt nötig ist in einem Land, das bei den Femiziden im europäischen Spitzenfeld liegt.

Allerdings wird von der Frauenministerin geflissentlich ignoriert, dass Gewaltschutz nicht erst dann beginnt, wenn die (oft tödliche) Gewalt bereits passiert ist. Ganz im Gegenteil: Sinnvolle Gewaltprävention analysiert die Ursachen von Männergewalt und Machtmissbrauch, um das Übel an der Wurzel zu packen – so wie wir das in unserem aktuellen Themenschwerpunkt tun. Auch feministischer Journalismus ist aktiver Gewaltschutz. Er klärt auf und sensibilisiert, er bestärkt und wirkt so vor allem präventiv.

Doch die Förderkürzungen betreffen nicht nur feministischen Journalismus: Generell wird engagierte, emanzipatorische Medienarbeit in Österreich von der Politik ausgehungert. Entsprechend groß waren die Hoffnungen, die viele Non-Profit-Medien in die Reformen durch die „Medienförderung neu“ gesetzt hatten. Und obwohl die Neuerungen, die auf Transparenz und Qualität abzielen, zu begrüßen sind: Aufgrund der Förderkriterien werden die meisten der nicht-kommerziellen Medien leider ausgeschlossen bleiben – etwa aufgrund der geforderten Vollzeitanstellungen. Sichere journalistische Arbeitsplätze sollten selbstverständlich gefördert werden, für Non-Profit-Medien sind Vollzeitanstellungen und eine Bezahlung nach dem Journalismus-KV aufgrund der finanziellen Rahmenbedingen jedoch oft schlichtweg nicht möglich. Deshalb muss ihre spezifische Situation unbedingt bei der Medienförderung berücksichtigt werden.

Denn diese Medien, die in großem Ausmaß durch ehrenamtliche Arbeit gestützt werden, sind demokratiepolitisch unverzichtbar. Sie bieten mit geringen Ressourcen professionellen Journalismus, der Themen und Perspektiven einbringt, die in traditionellen Medien weiterhin oft fehlen. So beleuchten an.schläge seit vierzig Jahren sämtliche Themen konsequent aus einer feministischen Perspektive und sorgen so dafür, dass feministische Kritik allmählich auch in den medialen Male- und Mainstream vordringt. Medien wie an.schläge leisten zudem nicht nur journalistische Pionierarbeit, sondern auch unschätzbar wichtige Ausbildungsarbeit. Angehende Journalistinnen können bei uns niederschwellig erste journalistische Schritte tun, viele unserer ehemaligen Praktikantinnen und freien Mitarbeiterinnen arbeiten heute in den großen Medienhäusern des deutschsprachigen Raums und bringen dort ihre Perspektiven ein.

Alternative (Print-)Medien sind meist auf die sehr niedrig dotierte Publizistikförderung oder nicht spezifisch auf Medien ausgerichtete Förderungen angewiesen – die jederzeit wegfallen kann, wie das Beispiel Okto TV in Wien zeigt. Größere Investitionen in die Infrastruktur und Personal sind so – trotz steigender Abonnent*innenzahlen und Spenden – völlig unmöglich. Aufgrund ihrer kritischen Haltung sind sie oft wenig attraktiv für Anzeigenschaltung und profitieren auch nicht von üppigen öffentlichen Inseraten, die seit vielen Jahren eine Medienförderung durch die Hintertür darstellen – fernab jeglicher Qualitätskriterien.

Statt auf „Bubenurlaube“ und politische „Bro-Kultur“ setzen progressive alternative Medien seit jeher auf Machtkritik und die Förderung von Frauen und marginalisierter Menschen – die im österreichischen Journalismus viel zu kurz kommt!

Wir fordern daher die Regierung auf, eine Lösung nicht nur für an.schläge, sondern für alle emanzipatorischen Non-Profit-Medien zu finden, um die über Jahrzehnte erfolgreich aufgebauten Strukturen zu sichern und auch engagierte Neugründungen zu ermöglichen.

Wer an.schläge unterstützen und so feministischen Journalismus langfristig absichern möchte, schließt am besten ein Jahresabo ab. Unser Feminismus lässt sich auch prima verschenken: Zu jedem Unterstützungsabo gibt es bis Weihnachten (24.12.) gratis eine schicke an.schläge-Tasche oder unsere Plakatserie dazu. Save the world with feminism! 

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Feminist Superheroines: Masih Alinejad https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-masih-alinejad/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-masih-alinejad/#respond Thu, 01 Dec 2022 11:42:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=91458 1994, vor fast dreißig Jahren, wird Masih Alinejad (1979) im Iran festgenommen, weil sie die Regierung öffentlich kritisierte. Seither hat sie nicht damit aufgehört. 2009 geht sie ins Exil, arbeitet zunächst in Großbritannien, dann in den USA als Journalistin. Immer wieder klagt sie das menschenverachtende Mullah-Regime an und fordert ein Ende der Unterdrückung von Frauen. […]]]>

1994, vor fast dreißig Jahren, wird Masih Alinejad (1979) im Iran festgenommen, weil sie die Regierung öffentlich kritisierte. Seither hat sie nicht damit aufgehört. 2009 geht sie ins Exil, arbeitet zunächst in Großbritannien, dann in den USA als Journalistin. Immer wieder klagt sie das menschenverachtende Mullah-Regime an und fordert ein Ende der Unterdrückung von Frauen. In ihrem Buch „Der Wind in meinen Haaren“ schreibt sie: „Mädchen werden dazu erzogen, ihren Kopf gesenkt zu halten.“ Mit verschiedenen Kampagnen setze sie sich deshalb gegen den Hijab-Zwang ein. 2014 postet sie auf Facebook ein Bild von sich im Iran ohne Kopftuch. Tausende Frauen tun es ihr daraufhin gleich. Es gibt jedoch auch Kritik an ihrer Person. Mit ihrem Fokus auf das Kopftuchverbot spiele sie rechter Islamfeindlichkeit in die Hände. Sie selbst gibt jedoch an, nicht grundsätzlich gegen das Tragen eines Hijabs zu sein. Ihn zu tragen müsse aber eine freie und individuelle Entscheidung sein. ali

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World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-2/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-2/#respond Thu, 13 Oct 2022 22:27:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=85600 ]]>
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„Auch Nacktheit ist ein Kostüm“ https://ansch.4lima.de/auch-nacktheit-ist-ein-kostuem/ https://ansch.4lima.de/auch-nacktheit-ist-ein-kostuem/#respond Thu, 13 Oct 2022 22:13:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=85596 Die Shows von Florentina Holzinger werden in der internationalen Theater- und Performanceszene gefeiert. Clementine Engler hat die Choreografin während des ImPulsTanz in Wien getroffen und mit ihr über Ballett-Tradition, nackte Körper und Publikumsreaktionen gesprochen. Nicht grundlos werden Holzingers Vorführungen, die immer schnell ausverkauft sind, mit Altersbeschränkung und Triggerwarnung angekündigt, denn garantiert fließen jede Menge Blut […]]]>

Die Shows von Florentina Holzinger werden in der internationalen Theater- und Performanceszene gefeiert. Clementine Engler hat die Choreografin während des ImPulsTanz in Wien getroffen und mit ihr über Ballett-Tradition, nackte Körper und Publikumsreaktionen gesprochen.

Nicht grundlos werden Holzingers Vorführungen, die immer schnell ausverkauft sind, mit Altersbeschränkung und Triggerwarnung angekündigt, denn garantiert fließen jede Menge Blut und Körperausscheidungen. Auch selbstverletzende und sexuelle Handlungen werden explizit gezeigt.

Gemeinsam mit ihrem Team inszeniert die Wiener Choreografin aus­ufernde Shows, die vor wenig haltmachen. Schwierige Themen scheinen mit reichlich Humor verdaulich. Ihr Selbstanspruch ist es, immer neue Disziplinen zu lernen: Kampfsport, Zirkus, Stunts, Side- und Talentshow­einlagen. Unterhaltungsformen, die zumeist als profan abgetan werden, holt Holzinger auf die klassische Theaterbühne. Und während die Performer*innen in jeder Vorstellung physische Höchstleistungen erbringen, durchlebt das Publikum ein Wechselbad der Gefühle – von Faszination zu Schönheit zu Ekel und von Angst zu Freude.

an.schläge: Du arbeitest mit vielfältigen Referenzen. Wünscht du dir, dass diese verstanden werden oder reicht es, wenn sich manche einfach gut unterhalten fühlen?

Florentina Holzinger: Das ist alles voll okay für mich. Wir haben auch masturbierende Männer in unserem Publikum und selbst das ist okay für mich. Ich will mein Publikum nicht kontrollieren. Wir gehen in unseren Shows in ein Experiment, bei dem das Publikum Teil ist. Performance-­Arbeit hat in diesem Sinne das Potenzial, Aufschluss über Menschen, über eine Gesellschaft zu geben. Eine Publikumsreaktion erzählt unglaublich viel, auch darüber, was eigene Aktionen auslösen können. Ich habe überhaupt keine Naivität in Bezug auf Nacktheit. Manche finden das einfach geil, andere finden, dass das Hochkultur ist. Wenn meine Shows unterhalten, umso besser. Ich schau mir auch lieber eine Show in Vegas an als minimalistische Performance. Geht zwar auch, aber Unterhaltung dient als Verführungsmoment, die Menschen hineinlockt, um sich dann mit komplizierteren Themen zu beschäftigen. Den Mechanismus nutzen wir.

Warum performt ihr nackt?

Darauf gibt’s zigtausend Antworten. Die dummen: Es ist am billigsten und ich interessiere mich nicht für ­Fashion. Mich interessiert der Körper als Material, die Haut, das Fleisch. Anziehsachen lenken mich ab, bedecken Sachen, auch Inhalte. Aber auch Nacktheit ist ein Kostüm. Ich arbeite mich sehr stark an dem Thema ab, an dem erotischen Potential von Performance, der visuellen Erfahrung von weiblich gelesenen Körpern, dem sexualisierten Körper, an Blickpolitiken. Wir wollen den Körper bei der Arbeit zeigen.

Und es ist auch eine ästhetische Entscheidung. Wir beziehen uns viel auf Tanzgeschichte, Theatergeschichte, Kunstgeschichte. Jede*r kennt diese barocken Bilder von nackten Frauen im musealen Kontext. Für unsere kommende Show arbeiten wir intensiv mit Wasser. Und da finden sich immer wieder diese Badenden. Warum sollte ich die plötzlich in Speedos ­darstellen?

Beim diesjährigen ImPulsTanz Wien warst du mit „TANZ – eine sylphidische Träumerei in Stunts“ vertreten. Der Titel verrät bereits einen Genremix, der deiner künstlerischen Handschrift entspricht. Wie bringst du das klassische Ballett „La Sylphide“ und die Stuntshow zusammen?

Die romantischen Ballette des 19. Jahrhunderts können auch schon als Action-Ballette verstanden werden. Damals fanden es die Leute voll geil, komplexe Mechanismen zu entwickeln, wie eine Unterbühne unter der sichtbaren Bühne, um Sachen zu versenken und zu katapultieren. Oder Systeme, um die Ballerinas schweben zu lassen. In Folge kam es natürlich zu vielen Unfällen. Tatsächlich waren das Stuntshows, auch wenn sie nicht so benannt wurden.

Diese Mechanismen sollten eine Illusion erzeugen und waren für die populären Themen der Romantik – Feenwesen und andere nicht-menschliche Kreaturen – sehr interessant. Für mich das Faszinierende am Theater: Wie kann eine gewisse Magie eingefangen werden? Wie können die Feenwesen ein Leben bekommen? Wie kann ein Ballett-Unterricht als Training verstanden werden, das nicht gegen den Körper arbeitet, sondern für eine*n nützlich ist?

Eine Szene in „Tanz“ stellt einen klassischen Ballett-Unterricht nach. Die 80-jährige Beatrice Cordua performt als Lehrerin, drillt, diszipliniert und wird sexuell übergriffig. Zeitgleich zur Uraufführung wurden Missstände an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper öffentlich, die dem sehr nahekommen.

Die meisten Erfahrungen aus meiner eigenen Tanzpraxis in Schul- und Akademiesituationen würden sich hervorragend eignen, um Szenen zu entwerfen, die wie ärgste Parodien wirken. Natürlich überspitzen wir und lassen es in eine pornografische Richtung entgleisen. Aber solche Sachen passieren im Kern schon. Das bleibt oft sehr verschwommen. In der Unterrichts­szene wollten wir die Kompliziertheit darstellen. Die Schüler*innen stellen keine klischeehaften Opfer dar, wir wollten die Umkehrung in etwas Empowerndes schaffen und untersuchen, wo innerhalb des rigiden Trainings, dem sich die Schüler*innen unterwerfen, trotzdem Spaß am Körper entstehen kann.

Deine frühen Produktionen sind in Zusammenarbeit mit dem Choreografen Vincent Riebeek entstanden. Seit einiger Zeit arbeitest du mit einem rein weiblich gelesenem Cast. Warum diese Entscheidung?

Ich wollt mich speziell mit dem weiblich gelesenen Körper auseinandersetzen. In all diesen Shows – „Recovery“, „Apollon“ und „Tanz“ – spielt die Ballett-Tradition eine zentrale Rolle. Ich wollte Körper inszenieren, die diese spezifische Erfahrung gemacht haben, die diese Erfahrung mitbringen. Und die habe ich in diesem Cast gefunden. Ich weiß nicht, ob ich für einen cis Mann bereit wäre. Gleichzeitig bin ich es aber auch leid, immer in die Frauen-Schublade gesteckt zu werden. Mir ist es wichtig mit Leuten zu arbeiten, die zu einem Thema Unterschiedliches sagen können. Das ist aktuell nicht mehr dezidiert geschlechtsabhängig.

Medien rezipieren dich häufig als extrem, provokant, pornografisch. Sind das Zuschreibungen, mit denen du dich identifizieren kannst?

Ich bin vom Tanz- ins Theaterpublikum reingerutscht. Dadurch hat sich viel in der Rezeption verändert. Die Arbeit mit Vincent war wohl am trashigsten, da haben wir die derbsten Kommentare bekommen. Da gab’s noch keine Reputation im Sinne: „Das kann schon ernstgenommenes Theater sein und bekommt ‚beste Regie‘ bei so einem Old-School-Theater-Preis.“ Eigentlich kommt es aber darauf an, wer darüber schreibt. Im Tanz sind die Leute informierter, im Theater fehlt das Vokabular, für das, was wir tun. Dann rutscht viel in die Richtung: „Da kacken sie auf der Bühne!“ Die Frage, wo gehören wir dazu, war schon immer ein Ding. Ich verstehe mich definitiv als Choreografin und nicht als Regisseurin. In einem Theaterkontext können wir trotzdem existieren. Generell habe ich mir schon früh angewöhnt, die Labels an mir abperlen zu lassen. Als Künstler*in ist die unterschätzte Position die beste. Wenn Leute sagen, das ist Trash, dann gibt es nur einen Weg – nach oben.

Holzingers aktuelle Show „Ophelia’s Got Talent“ ist seit Mitte September an der Volksbühne Berlin zu sehen und tourt ab 2023 durch weitere Städte.

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Fußball pur https://ansch.4lima.de/fussball-pur/ https://ansch.4lima.de/fussball-pur/#respond Thu, 13 Oct 2022 22:04:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=85588 Viktoria Schnaderbeck wird nicht nur von queeren Nachwuchs-Fußballerinnen verehrt. Die Ex-Kapitänin des Österreichischen Nationalteams hat mit Clara Gallistl über die Zukunft des Fußballs, lesbische Sichtbarkeit im Sport und Frauen im ÖFB gesprochen. „Ich will mich jetzt nicht in einen konservativen Haufen hineinziehen lassen“, sagt Viktoria Schnaderbeck. Erst vor Kurzem hat die ehemalige Kapitänin des österreichischen […]]]>

Viktoria Schnaderbeck wird nicht nur von queeren Nachwuchs-Fußballerinnen verehrt. Die Ex-Kapitänin des Österreichischen Nationalteams hat mit Clara Gallistl über die Zukunft des Fußballs, lesbische Sichtbarkeit im Sport und Frauen im ÖFB gesprochen.

„Ich will mich jetzt nicht in einen konservativen Haufen hineinziehen lassen“, sagt Viktoria Schnaderbeck. Erst vor Kurzem hat die ehemalige Kapitänin des österreichischen Fußball-Nationalteams das Ende ihrer Spielerinnenkarriere bekanntgeben und ist aus London zurück nach Österreich gezogen. Schnaderbeck hat es sich mit einem Cappuccino am Esstisch gemütlich gemacht, während ihre Verlobte Anna Markhus im Home-Office arbeitet und ihr Vater draußen den Rasen mäht.

Viktoria Schnaderbeck genießt ihre neue Unabhängigkeit, das spürt man sofort. Die Abwehrspielerin gehört zu jener Generation Profis, die den Frauen-Fußball in Österreich erfolgreich gemacht haben. Das Erreichen des Halbfinales bei der EM 2017 löste einen Hype aus, der dem Team um Trainerin Irene Fuhrmann bei der diesjährigen EM in England Rückenwind verschaffte. Nun steht die Qualifikation zur WM 2023 an.
Nach elf Jahren bei Bayern München und weiteren vier bei Arsenal London und Tottenham Hotspurs kennt Schnaderbeck den Druck und die Geschwindigkeit der deutschen und englischen Liga.

an.schläge: Wie würdest du das Kräfteverhältnis der europäischen Ligen beschreiben?

Viktoria Schnaderbeck: Die englische Liga ist sicher am attraktivsten. Zuschauermäßig wird sich da sehr viel tun nach der EM. Spielerisch haben Frankreich und Spanien vermutlich die besten Teams. Italien zieht nach. Deutschland und England haben die besten ausgeglichenen Ligen.

Welche Rolle spielt die österreichische Liga in Europa?

St. Pölten ist mit Abstand die beste Mannschaft. Sie haben sich in der Champions League etabliert. Dann ist das Gefälle relativ groß. Einzelne Mannschaften ziehen jetzt nach. Es ist schade, dass das so langsam geht. Wenn große Clubs wie Salzburg oder Rapid in die Liga einsteigen, ist das gut, weil diese Clubs eine bessere Infrastruktur und ein größeres Budget haben.

Der Austragungsort der beiden letzten Heimspiele des Nationalteams wurde international kritisiert. In Sport am Sonntag drückten Fans, Spielerinnen und sogar die englische Teamchefin ihre Enttäuschung darüber aus, dass in Wiener Neustadt gespielt wurde. Eine Frage der Wertschätzung?

Die Entscheidung über den Spielort beruht eher auf Vorurteilen als auf Fakten. Man wusste schon früh, dass das Spiel gegen England ein richtig cooles Spiel wird. Die Entscheidung zeigt mir, dass man nicht daran glaubt, dass die Frauen ein Stadion vollkriegen, dass wir ein attraktives Spiel leisten. Warum glaubt man, dass nicht 20.000 Leute ins Stadion kommen? Das basiert auf keinen Fakten und zeigt eine klare Haltung. Mit so einem Denken wirst du nie Veränderung erzielen.

Wie fühlt es sich an, wenn ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel sagt: „Wir schauen uns das einmal an?“

Wie viel Entwicklung muss denn noch passieren, damit wir in ein großes Stadion dürfen? Müssen wir zuerst Weltmeisterinnen werden? Bei so einer Aussage ist die unterschwellige Botschaft klar. Ich habe ein gutes Verhältnis zu Peter Schöttel und Bernhard Neuhold (Geschäftsführer ÖFB, Anm.). Da sind solche Entscheidungen schon enttäuschend. In der ganzen Mannschaft herrscht ein Gefühl der Frustration und Ärger. Man fühlt sich auch hilflos, weil man wenig Einfluss hat.

Die neue Kapitänin Carina Wenninger sagt, der Wunsch auf ein größeres, besser gelegenes Stadion wurde seitens der Mannschaft an den ÖFB herangetragen. Wie kann man sich die Kommunikation im ÖFB vorstellen? Hast du dich als Kapitänin mit David Alaba und Marko Arnautovic ausgetauscht, wenn es um den ÖFB ging? Wie eng ist die Zusammenarbeit des Nationalteams mit dem Männerteam?

In unseren Prämienverhandlungen waren wir aktiv im Austausch. Die Männer haben sich committed, zugunsten unserer Prämien auf einen Teil ihrer Mediengelder zu verzichten. Die Wege sind nicht lang und auch sehr persönlich. Es hat den Wunsch gegeben, marketingmäßig mehr gemeinsam zu machen, auch um das Eis zu brechen. Das ist aber nicht zustande gekommen, wäre aber natürlich super. Als Zeichen der Solidarität muss jetzt der nächste Schritt kommen. Der Druck für die Verantwortlichen ist ziemlich groß.

Durch Spielerinnen wie dich wird Queerness im Sport sichtbarer. Darüber freuen sich vor allem junge, lesbische Spielerinnen. Du wirst von manchen sogar als „Queer Icon“ bezeichnet.

Das freut mich natürlich sehr. Selber würde ich mich nie als „Icon“ bezeichnen, aber es freut mich, wenn sich junge Spielerinnen durch mich bestärkt fühlen.

Wie wichtig ist lesbische Sichtbarkeit im Profi-Fußball?

Erstens ist es wichtig, dass man sich selbst wohlfühlt. Als ich noch jung war, habe ich gemerkt, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Ich habe das aber lange nicht akzeptieren können. Es ist wichtig, dass man zu sich selbst steht. Das Zweite ist dann, wie man damit umgeht. Die einen sagen, ich möchte das nicht nach außen tragen. Die anderen sagen, ich möchte gerne ein Zeichen setzen. In meinem Fall ist das so und ich kenne auch viele Spielerinnen aus anderen Nationen, die sehr aktiv sind, was die Community betrifft.

Wie wirkt sich Homophobie auf Spieler:innen aus?

Das kann extrem hemmen. Wenn du vom Fußball oder von Daheim mitkriegst: Schwulsein ist schlecht, Anderssein ist schlecht, dann fühlt man sich als Versager und Außenseiter. Das hemmt die Entwicklung im Fußball, aber auch in anderen Bereichen.

Im Männerfußball ist Homophobie leider verbreitet. Ist das im Frauenfußball anders?

Es gibt tatsächlich sehr wenig. Die Fankultur ist im Frauenfußball anders. Die Geschichte der Hooligans gehört zu einer bestimmten Gruppe Menschen. Bei uns geht es immer um die Sache: den Fußball.

Ein Gedankenexperiment: Wenn bei deinem Heimatverein die eigenen Fans ein homophobes Spruchband hochziehen würden: Wie würdest du als Kapitänin reagieren?

Ich würde es melden, handeln und fordern, dass der Verein etwas unternimmt. Ich würde es in der Mannschaft ansprechen und eine Sportpsychologin dazu holen. Man muss sich als Verein klare Maßnahmen überlegen. So etwas darf nie toleriert werden.

Zurück zum österreichischen Fußball: Welches Potenzial ist durch die herausragende Leistung des Nationalteams entstanden?

Es gibt das Potenzial, aber es braucht Leute, die voll daran glauben. Nur eine Frauenmannschaft zu machen, reicht nicht. Das Schöne wäre, dass du nicht nur für den Sport etwas leisten, sondern auch gesellschaftlich ein Zeichen setzen kannst.

Für welches Jahr ist Equal Pay im Nationalteam realistisch?

Ich glaube, wenn es möglich ist, dann in den nächsten fünf Jahren. Unsere Erfolge sind derzeit konstant besser als die der Männer.

Rapid hat beschlossen, 2023 ein Frauenteam zu etablieren. Als Fan muss ich jetzt nochmal fragen: Welche Rolle könnte Rapid in der Bundesliga einnehmen?

Je mehr Mannschaften auf hohem Niveau in Österreich spielen, desto besser. Vereine wie Rapid und Salzburg haben eine etablierte Fankultur, stabile Strukturen, Partner. Für so jemanden ist es immer leichter, Frauen zu inkludieren. Wenn Austria gegen Rapid spielt, würde das viele Fans anziehen. Aus London weiß ich, dass Fans dann ins Stadion gehen, weil sie Arsenal-Fans sind, und nicht, weil sie Arsenal-Frauen-Fans sind. Da geht es um die Ehre.

LASK-Trainer Didi Kühbauer ist kürzlich mit einem frauenverachtenden Sager aufgefallen. 90minuten-Chefredakteur Georg Sander stellt einen Zusammenhang zwischen der machistischen Grundhaltung des Männerfußballs und der stagnierenden Anzahl der Kickerinnen in Österreich her. Siehst du das auch so?

Es hat nicht nur Einfluss auf die Spielerinnen, sondern auch auf die Fans. Die denken sich: Er hat recht, Mädchen sind so. Das wird dann gestreut in der Familie und im Freundeskreis. Die Trainer sehen ihre Verantwortung oft nicht.

Was muss sich am Männerfußball verändern?

Das System ist sehr korrupt. Es geht um Macht und Geld. Die Frage ist, ob die Fans hier weiter mitgehen wollen. Es braucht Leute, die ihre Verantwortung über den Fußball hinaus wahrnehmen. •

Clara Gallistl ist Strategin für Community Building und war zuletzt als Referentin im Staatssekretariat für Kunst und Kultur (BMKÖS) tätig. Privat setzt sie sich als Vorstandsmitglied der Queer Football Fans Österreich für Gleichstellung im Fußball ein. Der von ihr initiierte Mitgliederantrag zur Einsetzung eines SK Rapid Frauenteams erreichte bei den Rapid Mitgliedern 95% Zustimmung. Ab 2023 werden Frauen in Rapid-Trikots auflaufen.

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Don’t panic! https://ansch.4lima.de/dont-panic/ https://ansch.4lima.de/dont-panic/#respond Thu, 13 Oct 2022 21:32:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=85585 Wir müssen nur kurz das Patriarchat zerstören. Ein Kommentar von Marty Huber Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Gibt es nur zwei Geschlechter und wer braucht Schutz vor wem? So die heftig debattierten Fragen der letzten Monate. Dabei geht es jedoch nicht um eine „Debatte“, sondern um Menschenleben, auf deren Rücken politisches Kleingeld […]]]>

Wir müssen nur kurz das Patriarchat zerstören. Ein Kommentar von Marty Huber

Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Gibt es nur zwei Geschlechter und wer braucht Schutz vor wem? So die heftig debattierten Fragen der letzten Monate. Dabei geht es jedoch nicht um eine „Debatte“, sondern um Menschenleben, auf deren Rücken politisches Kleingeld gemacht werden soll. Es werden Ängste geschürt, Falschmeldungen mit verzerrten Statistiken belegt und das Ende von „Frauen“ postuliert. In schon lange nicht mehr dagewesener Intensität wird unter dem Deckmantel des Gewalt- und des Jugendschutzes essenzialistische Politik betrieben, die viele von uns schon von vor Jahrzehnten kennen und überwunden glaubten. Alte Vorwürfe werden neu hochgekocht: Jugendliche werden zu einem queeren Leben „verführt“ und cis Männer dringen in Frauenräume ein, indem sie sich als Frauen verkleiden.

Wenn wir den Feminismus weniger als Welle, sondern als Schraube begreifen, dann ist es kaum verwunderlich, wenn wir immer wieder mal das Gefühl haben, uns beim Bohren harter Bretter zwar vorwärts, aber auch irgendwie im Kreis zu drehen. Eine Naturalisierung der Geschlechterverhältnisse steht also wieder hoch im Kurs. Nicht nur von „wertekonservativer“ Seite, sondern insbesondere durch – nicht nur, aber mehrheitlich – weiße Feministinnen. Wir kennen diese Diskussionen nur zu gut, wenn es um das Erringen von Reproduktionsrechten für lesbische Paare oder die Öffnung der Ehe ging: „Das hat die Natur, das hat Gott nicht so vorgesehen!“ Die Grundfeste der Macht ließen sich mit künstlicher Befruchtung erschüttern, das Ende der Männer würde eingeläutet.

Warum gibt es dieses Beharren auf der Determiniertheit durch Biologie? In diesem hegemonialen Kampf um die Geschlechterverhältnisse gibt es wohl kaum eine radikalere Attacke als die Änderung der Geschlechtsidentität. „Selbstbestimmung“ steht auf den Fahnen, wohl auch Befreiung von der Gefangenschaft der zugeschriebenen Rollen, eben jenen Vorstellungen, die Männer als Profiteure und Frauen als Opfer des Patriarchats verfestigen.

Ja, nicht jede Emanzipation spielt sich im Feld der Geschlechtsidentität ab und nicht jede trans Person ist per se Revolutionär:in. Aber jede:r dieser Grenzgänger:innen verweist auf die Möglichkeit des ultimativen Versagens einer Geschlechterdoktrin.

Für die einen bedeutet dies eine Infragestellung ihrer eigenen Kompliz:innenschaft mit den Verhältnissen, andere wiederum vermuten nur eine weitere Finte des Patriarchats. Manchen bereitet es Angst, andere sehen ihr wohlgenährtes Weltverklärungsmodell, mit dem sie sich gewisse Felle der Macht an Land gezogen haben, wieder davonschwimmen. So liegt der Verdacht nahe, dass es etwa Alice Schwarzer in der Trans-„Debatte“ mehr um Diskursmacht als um Solidarität geht. Da ist es einfacher, die Verhältnisse zu reproduzieren und trans Frauen als Invasor:innen in geschlechtersegregierte Räume zu bezeichnen oder trans Männer als misogyne Verräter, die sich der Pflicht zum Frausein entzogen hätten. Plötzlich treten cis „Feministen“ auf den Plan, die in ihrem Leben noch nie etwas für ein Frauenhaus getan haben, um trans Frauen den Zutritt dort verbieten zu wollen. Sonst schweigen sie, bei den Witzen, die gemacht werden, bei den Übergriffen im Büro.

Dabei ist die Gewalt durch die Geschlechterverhältnisse eine dermaßen umfassende, dass wir angesichts der Übergriffe auf trans Personen und allen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen, innehalten und dem die Stirn bieten müssen, was uns alle kaputt macht.

Wir sollten trauern um die ermordeten Frauen, trauern um Malte, der in einer queerfeindlichen Attacke erschlagen wurde, weil er als trans Mann mit seiner anderen, fürsorglichen Männlichkeit für andere eingetreten ist. Trauern auch um Nuradi, dem Täter, der seine Maskulinität nur im Kampf bestätigt sieht?

Alle müssen vor dieser Gewalt des Patriarchats geschützt werden, insbesondere heranwachsende Jungs. Kein „Boys will be boys“ mehr, sondern viele Generationen zärtlicher, fürsorglicher Männlichkeit, die mehr Emotionen zur Verfügung hat als Wut oder Depression. Die Gefahr geht nicht von trans Personen aus, sondern von biologistischen, reaktionären Festschreibungen, von denen cis Jungs massiv betroffen sind. Die Existenz von trans Personen erinnert uns in fundamentaler Art und Weise daran, dass eine andere, nicht-patriarchale Maskulinität möglich ist.

Marty Huber wurde in queer-feministischen-antirassistischen Kontexten alphabetisiert und arbeitet bei Queer Base – Welcome & Support for LGBTIQ Refugees.

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Das Ende des Kapitalismus? https://ansch.4lima.de/das-ende-des-kapitalismus/ https://ansch.4lima.de/das-ende-des-kapitalismus/#respond Thu, 13 Oct 2022 21:20:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=85582 Die Krise als Chance? Wieso der Kapitalismus immer schon krisenhaft war und wieso er sich nicht selbst abschafft, erklärt Verena Kettner. Am Anfang war die Hoffnung. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie gab es – nach dem ersten Schreck und Unglauben – in linken Kreisen tatsächlich so etwas wie eine zaghaftes Hoffen auf einen Neuanfang, auf eine […]]]>

Die Krise als Chance? Wieso der Kapitalismus immer schon krisenhaft war und wieso er sich nicht selbst abschafft, erklärt Verena Kettner.

Am Anfang war die Hoffnung. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie gab es – nach dem ersten Schreck und Unglauben – in linken Kreisen tatsächlich so etwas wie eine zaghaftes Hoffen auf einen Neuanfang, auf eine umfassende Veränderung des globalen Wirtschaftssystems. Dieser Hoffnungsschimmer baute auf den Solidaritätsbekundungen der Menschen auf, den kleinen Gefälligkeiten und Hilfeleistungen unter Nachbar*innen, einer größeren Aufmerksamkeit für feministisch ewig bearbeitete Themen wie Kinderbetreuung und Pflege, selbst Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen wurden plötzlich breiter diskutiert. Die politische Hilflosigkeit angesichts der Pandemie stellte eine Art Riss im kapitalistisch-neoliberalen Gesellschaftssystem dar, sie öffnete Möglichkeitsräume, die Funken utopischen Träumens zuließen. Covid-19 wurde dabei oft als sogenannte „Krise von außen“ wahrgenommen, die überraschend die bestehende ­Ordnung bedroht.

Krisen im Kapitalismus sind allerdings sehr selten auf Ursachen zurückzuführen, die außerhalb des kapitalistischen Systems selbst liegen (ein Gegenbeispiel wäre ein einschlagender Meteorit). Kapitalismus als Wirtschafts- sowie als Gesellschaftssystem basiert seit jeher auf Unterdrückung und Ausbeutung. So zeichnet die italienische Philosophin Silvia Federici in ihrem Werk „Caliban und die Hexe“ historisch nach, wie der Kapitalismus sich nur als welt­umspannendes System durchsetzen konnte, weil er sich insbesondere zwei Ressourcen aneignete: die Körper von Frauen für unbezahlte Reproduktionsarbeit und die kolonisierten Territorien für materielle Ressourcen und ausgebeutete Arbeitskraft. Nur dank dieser beiden Quellen lässt sich überhaupt Mehrwert produzieren, woran sich bis heute nichts geändert hat.

Krisen sind dem Kapitalismus, der auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen immer mehr produzieren will, also von Anfang an inhärent. Sie spiegeln im Grunde nur die ungleichen Verhältnisse wider, die der kapitalistische Status quo sind. Auch die Covid-19-Pandemie und vor allem ihre Bearbeitung waren so eine Krise: Das jahrzehntelange Ausbeuten der Natur und globalisierte komplexe Wirtschaftsbeziehungen führten zu günstigen Bedingungen für das Virus, um sich weltweit auszubreiten. Dennoch gehen viele linke Theorien davon aus, dass Krisenmomente immer auch Momente eines Bruchs, eventuell sogar einer Revolution sein können, da die Vormachtstellung der Herrschenden dann weniger abgesichert ist. Wenn es vorher bereits genügend widerständige Organisierung gab, um den Ärger der Menschen in Bahnen zu lenken, könnte das Krisenmoment für gesellschaftliche Transformation genutzt werden. Leider ist das meistens nicht der Fall. Der Neoliberalismus ist vielleicht besser als jedes ihm vorangehende Gesellschaftssystem in der Lage, Widersprüche zu vereinnahmen. Unterdrückende Verhältnisse sind im 21. Jahrhundert so vielfältig, dass es schwierig ist, „eine Masse“ zu bilden, die gemeinsam die Krise nutzt, um Revolution zu machen. Das marxistische Bild einer kollektiven Masse, die sich endlich wehrt, wenn die Verhältnisse nur irgendwann schlimm genug werden, ist nicht nur überholt, sondern auch aus einer privilegierten Perspektive gezeichnet. Die alltäglichen Verhältnisse sind bereits schlimm, schon lange für unterschiedliche (Minderheiten-)Gruppen von Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen. Es ist eine westliche, weiße, männliche, bürgerliche Ignoranz, die davon nicht bzw. weniger betroffen ist. Wir können nicht darauf warten, dass die Ausbeutungsverhältnisse sich noch mehr zuspitzen, damit es zu einem umfassenden Aufstand kommt. Stattdessen sollten wir die Krisenhaftigkeit unseres Alltags anerkennen und diese bekämpfen – alle von uns aus ihren Positionen heraus und mit ihren Möglichkeiten. Wir sollten weiterhin nach Gemeinsamkeiten suchen, um uns in manchen Kämpfen zusammenzuschließen, in manchen vielleicht auch getrennte Wege zu gehen. Vor allem sollten wir überall diesen Kampf führen, sowohl im Alltag und in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen als auch in organisierten Strukturen und Kollektiven. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama stellte 1989 die These auf, dass ein Ende der Geschichte wahrscheinlicher sei als ein Ende des Kapitalismus. Auch das ist eurozentristisches und universalistisches Denken, denn es gab örtliche und zeitliche Alternativen zum Kapitalismus und es kann diese auch wieder geben. Sie werden nur nicht aufgrund einer Krise vom Himmel fallen – sie müssen erkämpft werden. •

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Solidarische Pflege für alle https://ansch.4lima.de/solidarische-pflege-fuer-alle/ https://ansch.4lima.de/solidarische-pflege-fuer-alle/#respond Thu, 13 Oct 2022 21:11:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=85570 Wie soll die Pflege von alten Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Zukunft aussehen? Wie weit darf dafür Digitalisierung gehen? Fragen, denen sich Feministinnen dringend stellen müssen, meint Stefanie Wöhl. Mit der Covid-19-Pandemie drängte sich das Thema der (Alten-)Pflege der öffentlichen Debatte nahezu auf. Doch das liegt nicht allein an der Pandemiesituation und den […]]]>

Wie soll die Pflege von alten Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Zukunft aussehen? Wie weit darf dafür Digitalisierung gehen? Fragen, denen sich Feministinnen dringend stellen müssen, meint Stefanie Wöhl.

Mit der Covid-19-Pandemie drängte sich das Thema der (Alten-)Pflege der öffentlichen Debatte nahezu auf. Doch das liegt nicht allein an der Pandemiesituation und den speziellen Herausforderungen, die diese für die Pflege und Betreuung von älteren Menschen, Pflegebedürftigen und Kindern mit sich gebracht hat. Denn bereits vor der Pandemie stieg der Bedarf an Pflegekräften – ­unsere Bevölkerung wird immer älter. Der öffentliche Sektor in Österreich verfügt jedoch nicht über ausreichend Kapazitäten, um den hohen Bedarf an Pflegeleistungen aufzufangen. Der Fachkräftemangel verschärft die Situation zusätzlich.

Noch immer klafft die Geschlechterkluft in der Pflege gewaltig: Meist sind es Frauen unterschiedlicher Herkunft, die sowohl bezahlte als auch unbezahlte Pflegearbeit leisten. In Österreich sind es zu 75 Prozent Frauen, die unentgeltlich die private Pflege von Angehörigen leisten, da das Pflegegeld in ärmeren Haushalten bei Weitem nicht ausreicht, um eine Pflegekraft anzustellen. Dies trifft auch für Menschen zu, die über ein geringes Einkommen oder eine zu geringe Pension verfügen. Um diesen Bedarf in Privathaushalten ­abzufedern, wurde in Österreich 2007 die 24-Stunden-Pflege rechtlich eingeführt. Diese ermöglicht es, entweder als sogenannte Selbstständige in Österreich tätig zu sein oder angestellt bei einem Wohlfahrtsträger oder in einem Privathaushalt zu arbeiten. Auf die rechtlichen Probleme und persönlichen Risiken, die damit einhergehen, weist die IG24, eine Interessenvertretung von 24-Stunden-Betreuer:innen, unermüdlich hin. Denn die meisten 24-Stunden-Betreuer:innen sind als Selbstständige tätig und profitieren so nicht von einem Kollektivvertrag, haben keinen bezahlten Urlaub und keine geregelte Arbeitszeitregulierung. Sie sind hochgradig abhängig vom guten Willen der zahlenden Person.

Individualisierung und Ökonomisierung. Die Zeit, die Frauen als pflegende Angehörige für unbezahlte Pflegearbeit in Privathaushalten leisten, ist indes nach wie vor hoch. Mit der 24-Stunden-Betreuung werden Pflegeleistungen an Migrantinnen ausgelagert, was zu einer zusätzlichen Individualisierung in der Betreuung von Pflegebedürftigen führt und den rechtlichen Rahmen dieser Leistungen strapaziert. In der wissenschaftlichen Debatte wird zudem der Zeitfaktor betont, der bei privaten Pflegeanbietern und Vermittlungs-Agenturen in Deutschland z. B. besonders eng gesetzt ist, um das betriebswirtschaftlich orientierte Kosten-Nutzen-Verhältnis zu erfüllen. Diese sogenannte Taylorisierung der Pflegearbeit in der ambulanten Pflege geht einher mit einer Modularisierung der Pflegearbeit, in der bestimmte Leistungen in einem vorgegebenen Zeitrahmen erbracht werden sollen. Durch digitale Innovationen, wie das Eintragen von Pflegeleistungen auf mobilen Endgeräten mit kleinen Bildschirmen, fühlen sich Arbeitnehmer:innen zudem oft überfordert. Auch entspricht der reale Zeitbedarf nicht den engen Vorgaben, wie Interviews mit Pflegekräften zeigen, da pflegende Tätigkeiten mit Menschen schwer in effiziente Zeit-Schemata eingepasst werden können.

Digitaler Wandel. Neben diesen Entwicklungen steht der Arbeitsprozess der Pflege selbst vor einem grundlegenden technologischen Wandel durch Digitalisierung. Neben der digitalen Pflegedokumentation werden moderne Robotik sowie mobile Endgeräte auch für die Altenpflege eingesetzt. Smarte Sensoren sollen Unfälle reduzieren. Diese ­Technologien werden selten zusammen mit den Betroffenen bzw. Nutzer:nnen entwickelt, was jedoch eine Voraussetzung wäre, um Arbeitsprozesse tatsächlich zu erleichtern. Denn nur so könnten Tools als nützlich und nicht als Kontrolle oder als schwer zu bedienen erlebt werden. Zugleich können menschliche Betreuung und Fürsorge schlicht nicht digitalisiert oder rationalisiert werden. Die Digitalisierung im Pflegesektor stellt somit auch kein vergleichbares Investitionspotenzial für Staaten und Unternehmen dar – wie etwa der Dienstleistungs- oder Finanzsektor –, da hier Zeitressourcen nicht durch technologische Innovationen allein ersetzt werden können.

Durch den digitalen Wandel entstehen auch neue Herausforderungen, die sich auf die Beschäftigung von Pflegepersonal auswirken. Dies fängt bei den rechtlichen Voraussetzungen der neuen EU-weiten Datenschutzgrundverordnungen an, setzt sich im Außendienst fort, wo die Pflegenden auf Daten digital zugreifen müssen, und hört bei den zahlreichen neuen Apps zur Bewältigung der alltäglichen Arbeitsroutine noch lange nicht auf.

Digitale Endgeräte können zudem das Gespräch und die persönliche Zuwendung mit den Pflegebedürftigen nicht ersetzen, gerade die gegenwärtige Generation von älteren Pflegebedürftigen ist nicht darauf eingestellt, routiniert mit dem Smartphone umzugehen. Mitarbeiter:innen der mobilen Pflege betonen in Interviews immer wieder, dass die persönliche Rücksprache besonders wichtig sei – auch mit den Angehörigen. Dies kann nicht allein durch digitale Anwendungen ersetzt werden.

Interessanterweise hat die Pandemie auch zu einem Digitalisierungsschub innerhalb verschiedener (Pflege-)Einrichtungen beigetragen. Durch neue Herausforderungen wurden digitale Prozesse intern beschleunigt, die andernfalls so sicherlich nicht stattgefunden hätten.

Neue Kämpfe. Insofern stellt sich die Frage immer dringender, wie Pflege und Betreuung in Zukunft aussehen sollten. Dem Fachkräftemangel kann nicht allein durch eine bessere Entlohnung entgegengewirkt werden. Die Frage, wie Leben im Alter oder mit besonderen Bedürfnissen möglich ist und wie es jenseits betriebswirtschaftlicher Effizienzkriterien gestaltet werden kann, erfordert viel mehr ein Umdenken. Gerade im feministischen Umfeld existieren dafür schon jetzt verschiedene Modelle. So startete Femme Fiscale 2020 in Österreich eine Kampagne, die „Mehr für Care“ heißt, und die eine Wirtschaft fordert, „die für alle sorgt“.

Welche grundlegenden Bedürfnisse im Leben wichtig sind, hat die Pandemie mehr als deutlich aufgezeigt. Die Frage bleibt, wie sie weiterhin ins Zentrum nicht nur von sozialpolitischen Debatten gestellt werden können. Wir sehen ja, wie viel Geld auf einmal bereitgestellt werden kann, wenn internationale Krisen dies erfordern. Warum also warten, bis sich auch im Pflegealltag etwas ändert? Die Kampagne der IG24 hat wesentlich zu einer Sichtbarmachung von Arbeit in Privathaushalten beigetragen, wichtig wäre jetzt, diese politischen Bewegungen und Kämpfe zu verbinden – auch außerhalb der Pflege. So trifft auch der Lehrer:innenmangel und die prekäre Situation in den Krankenhäusern den Kern einer solidarischen Gesellschaft. Die aktuelle Energiekrise, die eine direkte Folge des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine ist, bietet hier neue Ansatzpunkte: Was in den Privathaushalten passiert, und somit unsere grundlegenden Bedürfnisse betrifft, muss zum öffentlichen Thema gemacht werden. Möglichst nicht nur von Feminist:innen. •

Stefanie Wöhl ist Politikwissenschafterin in Wien und interviewte Angestellte in der mobilen Pflege über ihre Arbeitssituation.

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Die Angst vor dem Winter https://ansch.4lima.de/die-angst-vor-dem-winter/ https://ansch.4lima.de/die-angst-vor-dem-winter/#respond Thu, 13 Oct 2022 21:04:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=85565 Gas- und Strompreise schießen in die Höhe, auch Lebensmittel und Wohnen werden teurer. Immer mehr Menschen sind akut von Armut betroffen oder bedroht. Zwei Frauen erzählen, wie es ihnen damit geht. Von Anna Lindemann Auf ihrem Kontaktbild posiert Marcella Reyes mit ihrem Sohn im Arm vor einem See, beide lachen in die Kamera. Am Telefon […]]]>

Gas- und Strompreise schießen in die Höhe, auch Lebensmittel und Wohnen werden teurer. Immer mehr Menschen sind akut von Armut betroffen oder bedroht. Zwei Frauen erzählen, wie es ihnen damit geht. Von Anna Lindemann

Auf ihrem Kontaktbild posiert Marcella Reyes mit ihrem Sohn im Arm vor einem See, beide lachen in die Kamera. Am Telefon hingegen klingt sie nicht so unbeschwert. „Ich mache mir große Sorgen, dass ich mich wegen der steigenden Energie- und Wohnkosten verschulden muss“, sagt sie.

Gemeinsam mit ihrem acht Jahre alten Kind wohnt sie in einer Zweizimmerwohnung in Hamburg. Während ihr Sohn in der Schule ist, arbeitet sie als Kosmetikerin, nachmittags muss sie die Betreuung übernehmen. Alleinerziehend, Teilzeit angestellt im Niedriglohnsektor – und jetzt die Preissteigerungen. Trotz ihrer Anstellung kommt sie nur schwer über die Runden. Marcella Reyes und ihr Sohn sind akut von Armut bedroht.

Seit den massiven Preissteigerungen betrifft das immer mehr Menschen: Eine Analyse des Fiskalrats zeigt, dass aktuell rund 35 Prozent der österreichischen Haushalte ihre durchschnittlichen Konsumausgaben nicht mit ihrem monatlichen Einkommen finanzieren können. Das ist ein Anstieg um zehn Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Tatsächlich von Armut bedroht sind in Österreich derzeit etwa 14,7 Prozent, in Deutschland sind es sogar 15,8 Prozent der Bevölkerung.

Von Marcella Reyes‘ Einkommen bleibt am Ende des Monats nie viel übrig. Jetzt, wo teure Stromrechnungen, erhöhte Mietkosten und Lebensmittelpreise auf sie zukommen, muss sie jeden Cent umdrehen. „Ich habe überlegt, im Winter vielleicht nur einen unserer drei Heizkörper anzumachen“, sagt sie. Ob sie die Karatestunden ihres Sohnes noch bezahlen kann, weiß sie auch nicht. „Vielleicht muss er den Unterricht erstmal pausieren.“

Hohe Nachzahlungen. Für den Einkauf gibt Marcella Reyes fast zwanzig Euro mehr in der Woche aus, seit die Preise ansteigen. Ihre Miete wird ab Oktober um fünfzig Euro angehoben. Ihre Wohnung heizt sie nicht mit Gas, sondern mit einem Nachtspeicher über Strom. Die Rechnung dafür liegt schon jetzt bei 220 Euro. Im vergangenen Monat kam außerdem die Rechnung für eine Nachzahlung: 600 Euro sollte Marcella Reyes auf einen Schlag bezahlen. „Das konnte ich natürlich nicht, deshalb habe ich jetzt eine Ratenzahlung mit meinem Stromanbieter vereinbart.“

Gerne würde Reyes mehr Stunden arbeiten, aber das sei unmöglich: „Ich habe keine Familie hier und sonst niemanden, der die Betreuung von meinem Sohn übernehmen kann.“

In Österreich müssen Haushalte mit massiven Mehrkosten rechnen. Bei der Wien Energie sollen Kund*innen 85 Prozent mehr für Strom und 97 Prozent für Gas zahlen, wie der Anbieter mitteilt. Für durchschnittliche Haushalte bedeutet das 57 Euro monatlich mehr bei Strom und 108 Euro monatlich mehr bei Gas. Auch in Deutschland steigen die Kosten enorm. Im Vergleich zum Vorjahr ist der durchschnittliche kWh-Preis laut Vergleichsportal Verivox bereits um 38 Prozent gestiegen. Bei den Gaspreisen müssen Verbraucher*innen mit einem Anstieg von 75 Prozent rechnen. Dazu kommen die steigenden Preise bei Lebensmittel.

Kinder, Arbeitslose und alleinerziehende Eltern – in der Regel Frauen – seien besonders von Armut bedroht, sagt Martin Schenk. Er ist Sprecher der österreichischen Armutskonferenz, einem Netzwerk von mehr als vierzig sozialen Organisationen, die sich für Armutsbetroffene engagieren. Die Teuerungen machen auch ihm große Sorgen: „Ich befürchte, dass das Schlimmste noch kommt.“

Notwendige Reformen. Die Politik reagiert mit Entlastungspaketen auf die Teuerungen. In Österreich kommt die Strompreisbremse, die krasse Preisanstiege verhindern soll, auch in Deutschland soll ein Preisdeckel eingeführt werden. „Die Strompreisbremse ist eine sinnvolle Maßnahme, weil sie preisdämpfend wirkt“, sagt Schenk. Die Armutskonferenz fordert nun, die Idee zu einer sozialen und ökologischen Maßnahme weiterzuentwickeln. „Seit Jahren besprechen wir das unter dem Begriff ‚Energiegrundsicherung‘, die eine bestimmte Versorgung an Strom als Grundanspruch jedem Menschen zusichern würde. Darüber steigen die Kosten progressiv an“, meldet die Armutskonferenz in einer Aussendung.

In Deutschland war die Preisbremse Teil eines dritten Entlastungspakets, das die Regierung nach viel Kritik an ihren bisherigen Maßnahmen beschlossen hat. Zuvor hatte das deutsche Wirtschaftsministerium eine sogenannte Gasumlage umgesetzt. Entlastung bringt das aber nur für Unternehmen: Verbraucher:innen zahlen ab Oktober und bis März 2024 die Mehrkosten, die Energiekonzerne jetzt beim Gaseinkauf haben. Für jede verbrauchte Kilowattstunde sind das zusätzlich 2,419 Cent. Mehrkosten von 484 Euro pro Jahr für eine Familie mit einem Verbrauch von 20.000 kWh. Einige Energiekonzerne können sogar zusätzliche Gewinne verzeichnen.

Neben der Preisbremse bekommen Deutsche in Zukunft etwas mehr Kindergeld, auch in Österreich wird die Erhöhung des Familienbonus vorgezogen. Darüber hinaus gibt es Einmalzahlungen wie den österreichischen Klimabonus, um die akute finanzielle Mehrbelastung aufzufangen.

Diese kämen zwar direkt bei den Menschen an, seien aber nur kurzfristig wirksam, sagt Schenk. „Es ist ein Denkfehler, davon auszugehen, dass die Teuerung das ursprüngliche Problem ist, dem gegengelenkt werden muss. Die Probleme liegen tiefer: Die Sozialhilfe ist katastrophal und sie muss reformiert werden.“ Die Armutskonferenz fordert daher eine neue Mindestsicherung, die Existenz und Teilhabe garantiert.

Genug ist Genug. Das wünscht sich auch Rebecca. Sie ist Mitte zwanzig, studiert und macht sich nebenbei im Social-Media- und Marketing-Bereich selbstständig. Ein festes Einkommen hat sie nicht. Vor Kurzem ist sie aus ihrer Wohnung in Wien ausgezogen – eigentlich mit dem Plan, nach Berlin zu übersiedeln. Das kann sie sich nun aber nicht mehr leisten und ist deshalb auf unbestimmte Zeit bei ihrer Mutter in Oberösterreich untergekommen. „Wieder in die Großstadt zu ziehen, war mein allergrößter Traum. Das jetzt aufzuschieben, ist natürlich ein krasser Kompromiss“, erzählt sie am Telefon.

Auch für ihre Familie wird es nicht einfach sein, die Rechnungen zu bezahlen. Bei ihnen zuhause seien die Heizkosten jetzt schon um etwa hundert Prozent erhöht. „Ich mache mir natürlich Sorgen um meine Familie“, sagt Rebecca.

In Österreich haben die Gewerkschaften in vielen Städten zu Demonstrationen aufgerufen. Über 30.000 Menschen forderten dort ein Ende der Kostenexplosion, Rebecca war eine von ihnen. „So kann es nicht weitergehen“, sagt sie. Auch in Deutschland protestieren Tausende gegen die steigenden Preise. In den sozialen Medien startete im August eine Kampagne den Aufruf #GenugistGenug“. „Heizen oder Duschen dürfen kein Luxus sein“, schreiben sie auf ihrer Website. Und: „Wir werden nicht länger akzeptieren, dass die Menschen mit ihrem Geld nicht mehr bis zum Monatsende kommen.“

Dass die Preise wieder sinken werden, dass es mehr Unterstützung für armutsbetroffene Menschen gibt, das hofft auch Marcella Reyes. Schon in der Vergangenheit hatte sie finanzielle Probleme, phasenweise bezog sie Arbeitslosengeld. Noch immer geht sie regelmäßig zu einer staatlichen Beratungsstelle. „Ich habe Angst vor dem Winter. Niemals wieder möchte ich an diesen Punkt kommen, an dem ich nachts nicht schlafen kann, weil ich nicht weiß, wie ich meine Rechnungen bezahlen kann“, sagt sie. •

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Zuhause ist es nicht am schönsten https://ansch.4lima.de/zuhause-ist-es-nicht-am-schoensten/ https://ansch.4lima.de/zuhause-ist-es-nicht-am-schoensten/#respond Thu, 13 Oct 2022 20:58:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=85557 Unzählige Urlaubsfotos überfluteten in den vergangenen Monaten die sozialen Medien, wie jedes Jahr im Sommer. Mittlerweile sind die warmen Tage vorbei, die erste Lebkuchenware ist in den Supermärkten angekommen. In Alltagsgesprächen wird noch an den Sommerurlaub erinnert, die Frage „Wo warst du dieses Jahr?“ stellen viele ganz selbstverständlich. „Materielle Deprivation“ heißt einer von drei zentralen […]]]>

Unzählige Urlaubsfotos überfluteten in den vergangenen Monaten die sozialen Medien, wie jedes Jahr im Sommer. Mittlerweile sind die warmen Tage vorbei, die erste Lebkuchenware ist in den Supermärkten angekommen. In Alltagsgesprächen wird noch an den Sommerurlaub erinnert, die Frage „Wo warst du dieses Jahr?“ stellen viele ganz selbstverständlich.

„Materielle Deprivation“ heißt einer von drei zentralen Indikatoren zur Bestimmung von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung. Er umfasst das Fehlen finanzieller Mittel, um sich wesentliche Güter oder Lebensbereiche leisten zu können – dazu zählt auch, zumindest eine Woche Urlaub im Jahr machen zu können. Laut einer aktuellen Auswertung der EU („Gemeinschaftsstatistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen“), sind rund 17 Prozent der österreichischen Bevölkerung armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das sind 1.519.000 Menschen. Zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören Kinder, Alleinerziehende (über achtzig Prozent davon sind Frauen), Frauen im Alter, Langzeitarbeitslose, Personen in einem schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsverhältnis und Menschen ohne Staatsbürger*innenschaft.

Die Daten stammen aus dem Vorjahr, die Inflation verschärft neben den Langzeitfolgen der Pandemie die Situation angesichts explodierender Energiepreise, bei Nahrungsmitteln und in der Gastronomie für viele Haushalte erheblich. Im August stiegen die Verbraucherpreise um knapp zehn Prozent verglichen zum Vorjahr. Wie sich das auf das Reiseverhalten der Österreicher*innen auswirkt, ist statistisch noch nicht erfasst, es ist jedoch davon auszugehen, dass zukünftig mehr Menschen zuhause bleiben müssen.

„Zuhause ist es eh am schönsten“, könnten Zyniker*innen einwenden und auf den „Urlaub auf Balkonien“ verweisen. Aber abgesehen davon, dass armutsbetroffene Menschen weit seltener über Balkone oder gar eigene Gärten verfügen, fehlen ihnen zudem auch die Mittel für kostenintensive Freizeitunternehmungen wie Ausflüge und Schwimmbadbesuche. Der ungewollte Verzicht auf Urlaub hat deshalb viele negative Folgen. Psycholog*innen und Mediziner*innen verweisen darauf, dass der Stress­pegel im Urlaub signifikant sinkt und Wohlbefinden und Gesundheit profitieren. Reisen dient überdies nicht nur zur Erholung, sondern auch der Horizonterweiterung. Wer selten verreist, gilt als engstirnig und büßt soziales Ansehen ein.

Diese Erfahrung ist oft besonders schmerzlich. Sich den Urlaubsstandards der anderen zu entziehen, kann auf Plattformen wie Instagram, bei denen es generell viel um sozialen Vergleich geht, zur Herausforderung werden. Das ungefragte Senden von Urlaubsfotos von Freund*innen und Familie, das kollektive Erinnern an den Urlaub als Einstieg in das neue Schuljahr – all das kann das Selbstwertgefühl schädigen.

Um die Situation von armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen zu ändern, müssen die vielen strukturellen Ungerechtigkeiten sichtbar gemacht werden. Um die soziale Teilhabe aller Menschen zu ermöglichen, braucht es eine echte Umverteilung und nicht bloß kosmetische Maßnahmen wie Einmalzahlungen. Denn Armut wird nicht bloß toleriert, sie wird gemacht. Doch auch abseits der großen strukturellen Veränderungen, die politisch immer noch ein Minderheitenprogramm sind, können kleine Schritte mehr Teilhabe ermöglichen. Das 9-Euro-Ticket, mit dem der deutschlandweite Nah- und Regionalverkehr im Sommer preisgünstig genutzt werden konnte, hat gezeigt, wie einfach mehr Mobilität auch für Menschen mit wenig Einkommen Realität wird. Das Ticket sicherte keinen Urlaub, aber ermöglichte zumindest einen Wochenendausflug. Ein Anfang. •

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Feminist Superheroines: Simone de Beauvoir https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-simone-de-beauvoir/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-simone-de-beauvoir/#respond Thu, 13 Oct 2022 20:53:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=85535 Lange hat sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, für die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts war sie dennoch eine der wichtigsten Vordenkerinnen. Simone de Beauvoir (1908 – 1986) wuchs in einer katholischen Familie auf, studierte Philosophie und schrieb unter anderem den ikonischen Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Nicht biologische […]]]>

Lange hat sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, für die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts war sie dennoch eine der wichtigsten Vordenkerinnen. Simone de Beauvoir (1908 – 1986) wuchs in einer katholischen Familie auf, studierte Philosophie und schrieb unter anderem den ikonischen Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Nicht biologische Gegebenheiten bestimmen, wer und was eine Frau ist, sondern gesellschaftliche Strukturen. Beauvoir begründet so die Unterscheidung von sex und gender in der feministischen Theorie und argumentiert, dass Frauen als das „Andere“ des Männlichen, als „das andere Geschlecht“, so der Titel ihres einflussreichen Werkes, konstruiert werden. Aktiv setzte sie sich erst in späteren Jahren für Frauenrechte ein, vor allem auch für das Recht auf Abtreibung. Ihr gesamtes Leben war geprägt von freier Liebe, intellektueller Selbstverwirklichung und eigenem Emanzipationsstreben. ali

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