VII/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 22 Oct 2021 16:55:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VII/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Die Geister, die ich rief https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/ https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/#respond Wed, 13 Oct 2021 14:07:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=51329 Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer […]]]>

Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux

Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer sich kurz nach einer – kurzen – Beziehung wieder in die hetero Tinder/Bumble/OkCupid-Welt haut, stellt schnell fest: Die Leute, mit denen man vor sechs Monaten geschrieben hat, sind noch da. Die, mit denen man vor sechs Jahren geschrieben hat, sind auch noch immer oder wieder da. Man selbst ja auch. Damn. Es ist für mono­game Menschen wie ein Memory-Spiel, bei dem sich keine Paare finden lassen. Ich bin also ein einzelnes Stück Karton. Dating-Stories werden zu Geistergeschichten, denn das plötzliche, Ghosting genannte, Verschwinden aus Konversationen ist an der Tagesordnung. Was man sich dabei nicht eingesteht: Man wird selbst langsam zum Geist – oder zum Monster. Denn wenn mal eine Woche ohne Date vergeht, fühlt man sich schon schlecht und lechzt nach Bestätigung.

Dabei gibt es so viel Auswahl, auch im App-Game. Dank Bumble können jetzt auch Heteromänner feministischer daten, dort kann nur die Frau den ersten Kontakt starten. Doch hat man(n) natürlich nebenher auch Tinder und der Klick von der einen in die andere App macht nicht feministischer – maximal schreibfauler. Auf Tinder bouldern alle, steigen auf Berge, lieben Pizza und stehen auf #goodvibesonly und 420 (Kiffercode, Anm.). Austauschbar, wie wir alle in diesem Spiel. In der Corona-Zeit gingen alle spazieren. Was an eine Folge „Bridgerton“ erinnerte, hatte den Nachteil, dass dir auf jedem Date im Park das Date von voriger Woche begegnete, mit dem es nicht klappen wollte – er ebenfalls mit einem neuen Date im Schlepptau. Eigentlich könnte man es kurz machen und jede halbe Stunde tauschen. Langsam bin ich ein zerfleddertes Stück Karton, aber jetzt in Bars. Vielleicht. Denn wenn sich ein Typ nach einer Woche Ghosting wieder meldet und dich auf ein – bereits gebuchtes – Hotelzimmer fürs erste Date einlädt, kannst du sicher sein, dass eine andere abgesprungen ist. Wenn du Nein zum Hotel sagst und stattdessen eine Bar vorschlägst, kannst du dir sicher sein, dass er wieder verschwindet und es bei der nächsten versucht. Er spielt ja auch nur Memory.

Vanessa Spanbauer will Dating eigentlich hinter sich lassen und den einen coolen Typen finden – bis dahin verschwendet sie ihre Zeit.

Queeres Onlinedating hat allerlei Tücken. Es beginnt schon bei der ­Frage: Welche App?! Ich habe mich vor Jahren für OkCupid und Tinder entschieden, da die beiden Apps in meinem Wohnort einen relativ großen Nutzer*innenpool hatten und ich die Hoffnung, dort mehr als nur die zehn immer selben Queers zu treffen. OkCupid hat sich schnell als sehr geeignet herausgestellt, um Queers zu treffen, die auch politisch mit mir auf einer Wellenlänge sind. Das einzige Problem dabei: Die Szene in meiner Stadt ist nicht so groß. Die Wahrscheinlichkeit, dieselben Personen zu matchen, die ich auch in Plena, auf Demos und in Seminaren sehe, dafür umso mehr. Das kann zwar auch ganz nett sein, aber manchmal will ich dann doch neue Gesichter sehen und ohne eine Geschichte à la „Wer aus meinem Umkreis hat schon wen ge­datet“ im Hinterkopf in eine Begegnung gehen. Bleibt also noch Tinder. Eigentlich eine ganz furchtbare App. Es ist schwierig einzuschätzen, durch wie viele Dirndlfotos, Unicorn-hunting Heteropaare, perfekt inszenierte Yogafotos am Strand bei Sonnenuntergang, „heteroflexible“ Frauen, die gerne „mal eine neue spannende Erfahrung“ machen möchten, und pathetische Kalendersprüche als Profilbeschreibung ich im Durchschnitt swipen muss, um dann eine tatsächlich queere und eventuell auch ganz cool klingende Person zu finden. Wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintritt, gilt eine goldene Regel: unbedingt zuerst schreiben! Wer darauf wartet, dass die andere Person den ersten Schritt macht, bleibt garantiert allein. Das funktioniert vielleicht im Hetero­dating und auf Grindr, nicht aber unter lauter Grenzen respektierenden FLINTA*-Personen, die eigentlich keine Zeit zum Daten haben, weil sie zu beschäftigt damit sind, das kapitalistische Heteropatriarchat zu stürzen. Spannenderweise habe ich aber dennoch vor allem auf Tinder liebe Menschen kennengelernt, die zu wichtigen Freund*innen und Gspusis in meinem Leben geworden sind. Selbst hier gibt es sie also, die Widersprüchlichkeit.

Sophia Foux hätte gerne eine exklusive Dating-App für queere FLINTA*-Personen, die nicht ohnehin im eigenen Umfeld sind.

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„Ich habe mich totgestellt“ https://ansch.4lima.de/ich-habe-mich-totgestellt/ https://ansch.4lima.de/ich-habe-mich-totgestellt/#respond Wed, 13 Oct 2021 14:03:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=51325 Das Wiener Duo Bosna überzeugt auf seiner Debüt-EP „You Know Too Much“ mit rauen und zugleich melodischen Stücken. Alicia Emil Huppenkothen hat mit Pete Prison IV über das Herausfordern von Hörgewohnheiten, toxische Männlichkeit und rassistische Projektionen gesprochen. an.schläge: Ursprünglich startete Bosna als ein akustisches Noise-Soloprojekt von dir, seit 2019 bilden du als Gitarrist*in und Sänger*in […]]]>

Das Wiener Duo Bosna überzeugt auf seiner Debüt-EP „You Know Too Much“ mit rauen und zugleich melodischen Stücken. Alicia Emil Huppenkothen hat mit Pete Prison IV über das Herausfordern von Hörgewohnheiten, toxische Männlichkeit und rassistische Projektionen gesprochen.

an.schläge: Ursprünglich startete Bosna als ein akustisches Noise-Soloprojekt von dir, seit 2019 bilden du als Gitarrist*in und Sänger*in gemeinsam mit Sticky Lenz an den Drums und Vocals ein Duo. Im Juni habt ihr den Release eurer Debüt-EP „You Know Too Much“ im Fluc gefeiert. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Pete Prison IV: Es ist weniger eine direkte Anklage als ein sarkastischer Spruch. Ich adressiere ihn an Menschen, die alles besser zu wissen glauben, und wollte auf zynische Weise ausdrücken, dass sie mit ihrer Klugscheißerei einpacken können. Vor allem: Wer hat Zugang zu Bildung und Wissen? Wer nimmt sich die Räume, um dieses Wissen wieder und wieder zu reproduzieren?

Ihr selbst beschreibt euren Sound als „hypnotische Loops und verdunkelte, dichte Gitarrenscapes, kombiniert mit melancholischen Vocals“. Im Opener der EP, „Miasma“, singst du: „We all end up rolling in mud like cold, cold turkey.“ Das klingt recht geheimnisvoll.

Der Begriff „Miasma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa „schlechter Hauch“ oder „schlechte Luft“. Das Lied basiert auf meinen eigenen Krankheitserfahrungen und thematisiert auch den kalten Entzug von Medikamenten, einen „Cold Turkey“, wie man ihn aus dem Drogenmillieu kennt. Es geht aber auch um den Entzug von sozialer Nähe. In dieser Gesellschaft müssen wir immer funktionieren – wenn man aber krank ist, fällt die Funktionalität aus und man wird isoliert. Es kommt schon vor, dass Leute eine*n besuchen, aber irgendwann werden die Besuche immer weniger und es bleibt nur der Kampf mit sich selber und der Krankheit.

Ein anderes Stück, „Tanzverbot“, spielt mit Rhythmen und vereint Jazziges mit noisigen Arrangements. Auf Textebene werden Themen wie toxische Männlichkeit aufgemacht, an einer Stelle heißt es: „My male friends, they never stand up for me, they rather do some male bonding behind doors secretly.“

Hier wird vieles verarbeitet, das sehr persönlich ist. Die Liedzeile beruht auf mehreren Erfahrungen, die ich mit weißen cis Freunden hatte, die mich in bestimmten Situationen im Stich gelassen haben. Das wollte ich in der Musik aufarbeiten. Bei Liveperformances benutze ich für dieses Lied meistens ein Telefon, das zu einem Mikrofon umgebaut worden ist – es ist ein Auskotzen in das Mikrofontelefon ­hinein.

Das Lied wird zuerst im 4/4-Takt gespielt, der jazzige Part in zwei unterschiedlichen 7/8-Takten. Das ist für mich eine Ausdrucksmöglichkeit dafür, dass nicht immer alles straight sein muss. Ich finde, es ist auch sehr dem westlichen Gehör angepasst, dass man immer nur im 4/4-Takt spielt. Wenn man z. B. in diverse afrikanische Musiktraditionen schaut, gibt es ganz viele unterschiedliche Polyrhythmen. Ich wollte mich mehr mit anderen Formen der Rhythmik befassen, damit experimentieren und unsere Hörgewohnheiten herausfordern.

Apropos Hör- und auch Sehgewohnheiten: In „Schijndood“ – zu Deutsch: Scheintod – geht es um das Nicht-Auffallen und Unsichtbarsein. Welche Geschichte gibt es zu diesem Lied?

Bei rassistischen Übergriffen auf mich gab es oft Situationen, in denen ich mich totgestellt, also nicht auf die Gewalt reagiert habe. So wie sich manche Tiere totstellen, wenn sie in Gefahr sind. Das war eine Art Schutzmechanismus, den ich lange Zeit verwendet habe. Irgendwann wollte ich das aber nicht mehr. Oft sind asiatische Personen mit diesen Stereotypen konfrontiert: immer fleißig, still und angepasst, quasi unsichtbar. Damit wollte ich brechen, ich wollte mich aus dieser Schutzhülle herausbegeben.

Rassifizierte Menschen und Körper auf Bühnen werden ja immer mit Bedeutung aufgeladen, sind nie einfach „nur“ Musiker*innen. Wie gehst du mit Projektionen auf dich als asiatische Person um?

Interessanterweise ist mir das mit Bosna noch nicht passiert, sehr wohl aber in meinem alten Bandprojekt Mekongg, wo ich zusammen mit zwei weißen cis Männern gespielt habe. Da sind nach den Konzerten Kommentare über mich gefallen, vor allem weiße Männer haben mit meinen Bandkollegen über mich gesprochen. Mein Umgang damit war aber immer situationsabhängig. Meistens hatte ich keine Lust, mich auf diese Gespräche einzulassen, weil ich sie als sinnlos empfunden habe. Dann habe ich entweder den Raum verlassen oder versucht, diese Situationen zu meiden. Es entstanden dadurch jedoch viele Probleme innerhalb der Band, die letzten Endes zur Trennung geführt haben.

Das heißt, bei Bosna fühlst du dich sicherer?

Ja, definitiv. Es ist wichtig, dass ich mit Personen in einer Band bin, denen ich auch auf politischer und menschlicher Ebene vertrauen kann. Es geht ja nicht nur um die Geschichten, die ich erzähle, sondern auch um eine bestimmte Sichtbarkeit: Wer stellt sich auf die Bühne, wer erzählt da ­welche Storys? Wenn das nicht verstanden wird, funktioniert das Zusammen­arbeiten in der Band nicht.

Welche Orte sind euch für eure Auftritte wichtig? Habt ihr ein bestimmtes Publikum vor Augen?

Ich spiele gern in selbstorganisierten Räumen, letztes Mal waren wir z. B. in Graz im Café Wolf. Das hat einen Charme, man ist dem Publikum sehr nahe. Es ist eine sehr intime Situation, das gefällt mir schon gut. Aber oft kann man sich das Publikum gar nicht aussuchen. Ich finde es immer interessant, wer zu unseren Konzerten kommt. Es ist mir aber auch wichtig, dass wir nicht nur bei queerfeministischen Veranstaltungen auftreten, weil das – da spreche ich nur für mich – nicht der Grund ist, warum ich musiziere, ich spiele nicht nur für eine bestimmte „Szene“. Es ist wichtig, seine eigene Komfortzone, seine Bubble, zu verlassen.

Neben Bosna betreibst du als akustischer Dark-Folk-Liedermacher ­Vereter weiterhin ein Soloprojekt. Was genießt du im Gegensatz dazu an der gemeinsamen Arbeit als Duo?

Ich mag vor allem das Live-Spielen mit Sticky Lenz. Und ich mag diese Energie, die wir miteinander haben. Wir schauen aufeinander, das gefällt mir. Wir sind musikalisch sehr unterschiedlich, aber es funktioniert trotzdem gut. Das ergibt eine spannende Kombination. •
Alicia Emil Huppenkothen ist Sprachkunststudent*in in Wien.

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Orte der Fürsorge https://ansch.4lima.de/orte-der-fuersorge/ https://ansch.4lima.de/orte-der-fuersorge/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:50:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=51315 Rechte und religiöse Fundamentalist*innen sind entsetzt: Die Gender-Ideologie will die Grundlage unserer Gesellschaft zerstören, die Kleinfamilie! Und sie haben ausnahmsweise recht. Von Carolin Wiedemann „Abolish the family“ heißt es in feministischen Schriften vor allem im englischsprachigen Raum immer häufiger: „Schafft die Familie ab“. Junge Theoretiker*innen greifen die Utopien der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder auf, […]]]>

Rechte und religiöse Fundamentalist*innen sind entsetzt: Die Gender-Ideologie will die Grundlage unserer Gesellschaft zerstören, die Kleinfamilie! Und sie haben ausnahmsweise recht. Von Carolin Wiedemann

„Abolish the family“ heißt es in feministischen Schriften vor allem im englischsprachigen Raum immer häufiger: „Schafft die Familie ab“. Junge Theoretiker*innen greifen die Utopien der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder auf, von Autorinnen wie Marge Piercy und Ursula K. Le Guin, die in ihren Science-Fiction-­Romanen anarchistisch-kommunistische Gemeinschaften jenseits der Kleinfamilien entworfen haben. Sophie Lewis ficht mit ihrem Buch „Full Surrogacy Now“, das letztes Jahr im renommierten Verso-Verlag erschien, das Dogma der Abstammung an, das Kleinfamilien zusammenhalte, und setzt ihm „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“ entgegen. Und M. E. O’Briens Werk „To Abolish the Family“ fordert bereits im Titel die Abschaffung der Familie. Das Ziel der radikalen Familienabsage ist dabei vor allem die Kritik an jenen gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich in der Kleinfamilie immer wieder reproduzieren: Die Kleinfamilie institutionalisiert die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat im Nationalstaat.

Erst in der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft etablierte sich jene starre Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit, die Menschen in zwei vermeintlich wesenhaft unterschiedene Gruppen einteilt und eine heterosexuelle Paarbeziehung und Formen der sexistischen Arbeitsteilung als natürlich erscheinen lässt. Seitdem ein jeder Mann sich als Lohnarbeiter verdingen durfte, durfte er auch heiraten, also eine Frau haben. Diese wiederum hatte selbst kaum Rechte, durfte bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht wählen und nichts ihr Eigen nennen, sie war abhängig vom Mann und zur unbezahlten Haushaltsarbeit und Kindererziehung gezwungen (was nicht bedeutete, dass sie nicht auch selbst daneben oft lohnarbeiten musste).

Moderner Bürger. Diese Familienform und die ihr zugrunde liegende heteronormative Struktur einer komplementären Geschlechterbeziehung bestimmte die Grenzziehung zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre sowie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die genauso gegensätzlich und komplementär konstruiert wurden wie das Männliche und das Weibliche. So wurde klar, wie erstens ein Staatsbürger – der neue, moderne Bürger – zu sein hat: ein Subjekt mit vermeintlich männlichen Eigenschaften. Und zweitens wie die Sphäre des Öffentlichen beschaffen sein soll: ein Raum, der für ebenjene Subjekte bestimmt war, die fähig sein sollten, sich selbst zu disziplinieren, rational, also profitorientiert zu regieren und über andere zu verfügen.

Heute können zwar auch Frauen „Karriere“ machen, während sie die Kinderaufsicht an Au-Pairs und die Pflege der Alten an andere ausgebeutete Arbeiter*innen delegieren (wovon wieder über achtzig Prozent Frauen sind). Dennoch steht die patriarchal organisierte Kleinfamilie gesamtgesellschaftlich nach wie vor kaum zur Debatte.

Der vermeintlich moderne Staat fördert sie weiterhin mit steuerlichen Vergünstigungen. Gruppen von Menschen, Wohngemeinschaften oder Freund*innenkreise können in Deutschland beispielsweise kein „Ehegattensplitting“ beanspruchen, das bei der Berechnung der Einkommensteuer das Modell der „Zuverdienerin“ fördert. Und Kündigungsschutz gilt für verheiratete Menschen eher als für jene, die auf dem Papier alleinstehend sind – eine Heirat wird fast überall noch als Basis für die patriarchale Kleinfamilie, für die Produktion künftiger „heimischer“ Arbeitskräfte gewertet. Sie ist die Keimzelle des konkurrenzorientierten Nationalstaats und in ihr setzt sich die binär-hierarchische Ordnung der Menschen fort, genau wie die Zweiteilung des Raums.

Privatisiertes Leid. Das Draußen ist bitter und das Drinnen auch. Jede vierte Frau in Deutschland erlebt häusliche Gewalt. Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge wurden 2017 weltweit rund 87.000 Frauen getötet – deutlich mehr als die Hälfte von ihrem (Ex-)Partner oder von Familienangehörigen. Und die Mehrheit der Frauen macht immer noch unbezahlt alle Hausarbeit, selbst wenn „der Mann kein Ernährer mehr ist“, wie die Forscherinnen Sarah Speck und Cornelia Koppetsch belegen. Schon 1972 schrieb die feministische Autorin Mariarosa Dalla-Costa in ihrem Buch „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“, das Kapital sei „nicht bereit, die Stellung der Hausfrau als Dreh- und Angelpunkt der Kleinfamilie aufzugeben“. Doch Leid in der heterosexuellen, monogamen Kleinfamilie darf kein Thema sein, es ist „privat“, jede*r sucht die Schuld bei sich selbst. So schämt sich die Frau, deren Partner cholerisch ist, sie zum Sex drängt, der nur ihn befriedigt; so schämt sich das Kind, das die Eltern fürchtet, unter der Sprachlosigkeit zwischen den beiden Menschen leidet, die vermeintlich mit ihm verbunden sind. Das strukturelle Problem des Patriarchats wird privatisiert.

Was wäre, wenn alle Kinder in Krippen aufwachsen, von klein auf, fragen Jules Joanne Gleeson und Kate Doyle Griffiths in ihrem Essay „Kinderkommunismus“. Könnten diese Krippen die Basis einer neuen solidarischeren Gesellschaft sein? Auch die Philosophin Bini Adamczak skizziert in „Beziehungsweise Revolution“ ähnliche Ideen. In ihren Visionen könnten etwa große demokratische und anti­autoritäre Institutionen, in denen Kinder aufgezogen würden, Orte der Fürsorge werden, einer Liebe, die Menschen nicht in Identitäten unterscheidet, sie nicht festlegt, sondern in der gemeinsamen Entdeckung ihrer je individuellen, aber auch kollektiven Vermögen fördert.

Umeinander sorgen. Die Schriften spiegeln die Wünsche vieler und offenbaren auch, dass etwas in Bewegung ist – Familienkritik ist nicht nur Theorie: Queerfeminist*innen kämpfen für eine Welt, in der sich die Menschen umeinander sorgen, und dafür entwickeln sie Formen des Zusammenlebens jenseits von Mutter-­Vater-Kind. Schon die 1968er-Bewegung suchte nach neuen kollektiven Wohnformen, die meisten Projekte blieben aber zu individualistisch. So setzte sich die Objektifizierung derjenigen, die darin als Frauen galten, sowie die Abwertung der Reproduktionsarbeit fort, patriaarchale Muster und Strukturen blieben unangetastet.

In queeren Communitys und feministischen Wohnprojekten handeln die Menschen aus, wer wie für wen sorgen kann – jenseits von Verbindungen über Gene und Geld. Dabei geht es sowohl darum, reproduktive Arbeiten als gesellschaftlich zu organisierende Angelegenheiten sichtbar zu machen, um die sexistische Verteilung und Abwertung dieser Tätigkeiten aufzubrechen, als auch darum, Beziehungs- und Erziehungsformen, etwa die Monogamie, die Sexpartner*innen und Kinder zum Eigentum macht, als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung zu verstehen, wie Felicita Reuschling schreibt.

Die Abschaffung der Kleinfamilie zu fordern, heißt also nicht, Menschen wieder neue Modelle als natürlich vorzugeben. Sondern Beziehungsweisen zu vervielfältigen, wider die Grausamkeit des Patriarchats, und die vermeintlich natürliche Binarität, die das Geschlechterverhältnis wie auch die Gesellschaft strukturiert, aufzubrechen. •

Carolin Wiedemann ist ­Soziologin und Journalistin in Berlin. Vor Kurzem erschien ihr Buch „Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats“ (Matthes & Seitz 2021).

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Das tun, was wir wirklich wollen https://ansch.4lima.de/das-tun-was-wir-wirklich-wollen/ https://ansch.4lima.de/das-tun-was-wir-wirklich-wollen/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:44:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=51311 Könnte ein Roboter deine Arbeit erledigen? Eine Frage, die Ottonie von Roeder und Viktoria Lea Heinrich in ihrem künstlerischen Versuchslabor gestellt haben. Clementine Engler hat mit den beiden über die Zukunft der Arbeit und das Potenzial von Automatisierungen gesprochen. an.schläge: In eurem Projekt „From ­Labour to Work – IDRV meets Post-Labouratory“, das im ­Rahmen der […]]]>

Könnte ein Roboter deine Arbeit erledigen? Eine Frage, die Ottonie von Roeder und Viktoria Lea Heinrich in ihrem künstlerischen Versuchslabor gestellt haben. Clementine Engler hat mit den beiden über die Zukunft der Arbeit und das Potenzial von Automatisierungen gesprochen.

an.schläge: In eurem Projekt „From ­Labour to Work – IDRV meets Post-Labouratory“, das im ­Rahmen der Vienna Design Week 2018 stattfand, habt ihr über die Automatisierung von Arbeitsprozessen nachgedacht. Wie könnte die „Neue Arbeit“ aussehen?

Viktoria Lea Heinrich: Die Theorien des österreichisch-US-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zur „Neuen Arbeit“ sind seit Jahren zentral für die Auseinandersetzung mit zukünftigen Arbeitsweisen des Institute of Design Research Vienna (­IDRV), dessen Teil ich 2018 war. Die „Neue Arbeit“ sollte sich zusammensetzen aus einem Drittel Erwerbsarbeit, einem Drittel Selbstversorgung und einem Drittel das tun, was wir wirklich tun wollen. In unserer Zusammenarbeit während der Vienna Design Week haben Ottonie und ich uns ebenfalls auf Bergmanns Konzepte bezogen.

Ottonie von Roeder: Wenn Menschen nach ihren langfristigen Wünschen befragt werden, dann fällt es ihnen schwer, sich gedanklich von ihrer Arbeit zu lösen. Eine gesellschaftliche Krankheit, meint Bergmann. Meine Idee war es, einen Ort zum Umlernen zu gestalten, denn gesellschaftlicher Wandel passiert nicht von allein und überfordert oftmals. Im Post-Labouratory können Menschen mit der Hilfe von Ingenieur:innen, Designer:innen, aber auch Psycholog:innen und Sozialwissenschaftler:innen eine Automatisierung für ihre eigene Arbeit entwickeln. Sie selbst sind die Gestalter:innen, und die Objekte der Automatisierung werden zu ihren Lehrlingen. Ein wichtiger Teil des Gestaltungsprozesses ist die Auseinandersetzung mit der neu gewonnenen Zeit durch Automatisierung. Spekulative Fragen waren der Leitfaden für den gedanklichen Prozess: Was wäre, wenn ein Roboter deine Arbeit ausführen könnte? Was würdest du tun, wenn du nicht mehr für ein Einkommen arbeiten müsstest? Und wie würde die Automatisierung deiner Arbeit aussehen?

Welchen Wert besitzt Arbeit in ­unserer Gesellschaft?

VH: Arbeit oder das, was wir heute unter dem Begriff verstehen – Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung –, ist ein ganz essenzieller Teil unseres gesellschaftlichen Lebens. Erst durch unsere Arbeit gelten wir als vermeintlich vollwertiger Teil der Gesellschaft. Arbeit ist identitätsstiftend. Ein simples Beispiel dafür ist die Frage: Was möchtest du mal werden? Oder was machst du? Gleichzeitig gibt es Ansätze jenseits von Vollbeschäftigung und Lohnarbeit, die Mitgestaltung fordern, die nach dem Sinn oder Motivation einer Tätigkeit fragen.

OvR: Wir tendieren dazu, Arbeit auf die Erwerbsarbeit zu reduzieren. Das heißt, all jene Arbeit, die drumherum geschieht und anders motiviert ist, wird häufig nicht als Arbeit wahrgenommen. In unserem jetzigen System zahlen wir Steuern für unser Einkommen aus Erwerbsarbeit. Dadurch tragen wir finanziell zu unserer Gemeinschaft bei. Die Tatsache, dass Erwerbsarbeit so eine wichtige Rolle für unseren Platz in der Gesellschaft spielt, hat in der Vergangenheit beispielsweise dazu geführt, dass Frauen für das Recht, arbeiten gehen zu dürfen, gekämpft haben. Damals und auch heute ist es wichtig, dass jede:r die Möglichkeit bekommt zu arbeiten. Erwerbsarbeit sollte allerdings nicht die einzige Möglichkeit sein, wie wir uns als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrnehmen.

Unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit, die hauptsächlich von Frauen verrichtet wird, ist ein Grundpfeiler des Kapitalismus. Wie sollte diese Form der Arbeit neu bewertet werden?

OvR: Für mich ist die Entlohnung der bisher unbezahlten Tätigkeiten eine Entwicklung in die falsche Richtung. Wir sollten uns davon lösen, Arbeit über finanzielle Grundabsicherung zu bewerten, und stattdessen jede Tätigkeit gleichermaßen wertschätzen. Bezahlung sollte unabhängig von der Tätigkeit geschehen. Das ist meines Erachtens genau die Falle des Kapitalismus, aus der wir uns befreien sollten.

Selbstbedienungskassen im Supermarkt oder Onlinebanking, viele Arbeitsprozesse werden bereits automatisiert. Aber damit ist für viele auch die Angst verbunden, den Job zu verlieren. Wie beurteilt ihr diese Ambivalenz?

OvR: Insgesamt ist es wichtig, die ­Potenziale zu sehen, aber sich nicht blenden zu lassen. Essenziell ist für mich die feministische Forderung nach Mitbestimmung und Teilhabe. Automatisierung darf kein Prozess sein, der uns von oben herab übergestülpt wird. Arbeitnehmer:innen müssen aktiv mitsprechen dürfen, wie sich ihr Arbeitsplatz verändert. Wir wollen mit unserem Projekt zeigen, dass technologischer Wandel gesellschaftlich gestaltbar sein kann und Automatisierung positiv besetzen.

Natürlich gibt es Tätigkeiten, die für unsere Gesellschaft wichtig sind, die einfach passieren müssen, die sich aber (teilweise) nicht automatisieren lassen – z. B. in der Pflege. Hier geht es nicht nur um die praktische Versorgung, sondern auch um Fürsorge, die für uns Menschen ganz wichtig ist. Dabei kann Automatisierung höchstens als Unterstützung dienen. Solche Tätigkeiten brauchen aber zwangsläufig eine andere Wertigkeit.

VH: Es braucht einen Paradigmenwechsel, wie Automatisierung bewertet, aber auch wie Arbeit definiert wird. Automatisierung wird oft als (politisches) Druckmittel in Form eines Schreckgespensts instrumentalisiert und das ist höchst problematisch. Ich sehe nicht, dass ein Roboter einen Menschen ersetzen kann. Ganz im Gegenteil: Sinnvoll wäre eine Art von Kooperation zwischen Mensch und Technologie – Automatisierung als Werkzeug. Wir nutzen Design, um diese Utopie zu denken und zu gestalten.

In eurem temporären Büro konnte hinterfragt werden, welche Teile einer Arbeit in Zukunft ausgeführt werden wollen. Wie lässt sich Arbeit differenzieren?

VH: Im Englischen ist es einfacher, verschiedene Arbeitsformen zu unterscheiden, als das in der deutschen Sprache möglich ist. Hannah Arendt hat theoretisch zwischen „labour“ und „work“ differenziert.

OvR: Ich verstehe Arendts Unterscheidung so, dass zu „labour“ jene Tätigkeiten gehören, die aus einer extrinsischen Motivation heraus getan werden. Ein einfaches Beispiel ist Erwerb, das Arbeiten, um Geld zu verdienen. Weiters können gesellschaftliche Erwartungen oder die kulturelle Erziehung solche extrinsischen Motivatoren sein. „Work“ hingegen wird aus einer intrinsischen Motivation heraus ausgeübt. Das hat viel mit Kreativität und Kollaboration zu tun, der Wunsch, etwas Nachhaltiges auf der Welt zu hinterlassen. Entscheidend ist nicht nur die Tätigkeit, sondern vielmehr die Rahmenbedingungen: Für wen wird gearbeitet? Für welchen Lohn? Wofür und mit wem? Besteht ein Zwang oder freie Entscheidung? „Labour“ und „work“ lassen sich auch nicht vollständig voneinander trennen. Das ist ein utopischer Gedanke. Egal, wie viel Freude eine Tätigkeit macht, jede Arbeit besteht aus beidem. Unser Projekt hatte zum Ziel, durch die Automatisierung der „Labour“­-Anteile einer Tätigkeit so viel Raum für work zu gewinnen wie möglich.

Lässt sich eine Utopie ohne ­„Labour“-Arbeit imaginieren?

OvR: Ein Design-Festival besucht ein eher privilegiertes Klientel. Unser Projekt kann deshalb nicht repräsentativ für die Gesellschaft stehen. Dennoch war interessant zu beobachten, wie die Besucher:innen, die aus dem Kulturbereich kommen oder sich explizit dafür interessieren, tendenziell von dem künstlerischen Ansatz angeregt waren, aber es ihnen schwerfiel, Automatisierung auf ihre eigenen Tätigkeiten zu beziehen. Zuerst wurde oft klischeehaft an monotone Arbeitsprozesse gedacht.

VH: Viele haben gesagt, dass sie Hausarbeiten z. B. an einen Putzroboter abgeben würden. Die Automatisierung von wenig komplexen Tätigkeiten oder aber organisatorischer und struktureller Arbeit ist vorstellbar. Sonst fehlt die Imagination in der Arbeitsverteilung und das Verständnis, was Arbeit sein kann. Hier wird die Hierarchie schon mitgedacht.

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen – steht euer Projekt in Verbindung zu solchen gesellschaftlichen Debatten?

OvR: Unsere Ergebnisse decken sich größtenteils mit den Umfragen von Initiativen zum Grundeinkommen. Viele Menschen sagen, dass sie tendenziell mehr Bildung wollen, mehr Lernen. Bei mehr Freiheit im Arbeits­alltag könnte das integriert werden. Mehr Zeit mit Familie und Freund:innen. Mehr Freizeitaktivitäten, mehr Reisen. Den Erfahrungshorizont erweitern.

Eine überraschende Erkenntnis aus den Projekten mit zeitintensiverem Austausch ist, dass die aktuelle Tätigkeit der Personen häufig Teil ihrer Zukunftsbeschreibung war. Z. B. hat sich eine Putzhilfe eine Weltreise vorgestellt, das Putzen als Tätigkeit kam allerdings trotzdem vor. Das fand ich sehr schön, weil es durch die veränderten Bedingungen eine neue Wertigkeit bekommen hat. Unser Konzept funktioniert nicht ohne eine Umgestaltung der Art und Weise, wie wir unser Leben finanzieren. •

Viktoria Lea Heinrich ist Designwissenschaftlerin am Archiv der ehemaligen Hochschule für Gestaltung Ulm.

Ottonie von Roeder ist selbstständig als Designerin im Feld zwischen kritischer und spekulativer Gestaltung, Designforschung und -vermittlung in Leipzig tätig.

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Ich sehe eine helle, eine große Zukunft https://ansch.4lima.de/ich-sehe-eine-helle-eine-grosse-zukunft/ https://ansch.4lima.de/ich-sehe-eine-helle-eine-grosse-zukunft/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:37:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=51307 Wir haben alle die Pflicht, die Welt zu retten, sagt Clara Porák  „Es ist schon frech, dass sie einfach bauen“, sagt Luise* und lacht ein bisschen nervös. Sie sitzt neben mir auf der Baustelle der Stadtstraße in Wien. Heute werden wir das erste Mal gemeinsam unter den Baggern übernachten, denn diese und vier weitere Baustellen […]]]>

Wir haben alle die Pflicht, die Welt zu retten, sagt Clara Porák 

„Es ist schon frech, dass sie einfach bauen“, sagt Luise* und lacht ein bisschen nervös. Sie sitzt neben mir auf der Baustelle der Stadtstraße in Wien.

Heute werden wir das erste Mal gemeinsam unter den Baggern übernachten, denn diese und vier weitere Baustellen wurden von Aktivisti:nnen besetzt, um gegen den Bau einer Straße mitten in der Klimakrise zu protestieren. Straßen bringen noch mehr motorisierten Verkehr. Wir wissen: Das können wir uns nicht leisten. Deshalb hängt über den Baggern jetzt unser Banner.

„Wann sind wir nur solche Rebellinnen geworden?“, frage ich, während wir nebeneinander auf unseren Isomatten liegen. „Ich komme mir gar nicht rebellisch vor, sagt Luise. „Weil ich so sicher weiß, dass wir Recht haben.“

Ich nicke. Wir wissen, dass wir recht haben. Daher kommt meine Wut. Wut ist aber nicht das richtige Wort. Nicht mehr. Wütend war ich mit 17, als ich begonnen habe, mich für Klimaschutz zu engagieren. Jetzt bin ich 23 und mir relativ sicher, wahnsinnig zu sein. Ich bin bereit auf einer besetzten Baustelle zu übernachten, mich auf einer Straße anzuketten und im Polizeirevier darauf zu warten, dass man mich wieder gehen lässt. Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass meine Zukunft eine Katastrophe sein soll.

Ich sehe keine Zukunft der Autobahnen. Keine, in der Konzerne sich gegen die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Ich sehe eine helle, eine große Zukunft. Eine Welt, in der wir Bäume pflanzen, statt Straßen zu bauen. In der wir wissen, dass es keine Ausbeutung gibt. In der wir vielleicht nicht alles haben, das wir uns wünschen könnten, aber alles, das wir brauchen. In der wir vergessen haben, dass es Grenzen gibt. In der Gewalt eine Randerscheinung ist und nicht die Regel. Eine Welt, in der ich sicher bin. In der alle Menschen sicher sind. Ich sehe sie so deutlich vor mir, dass es wehtut, wenn ich aus dem Fenster sehe.

Ich sehe, wie anders meine Stadt sein könnte. Ich sehe schmale Straßen, gemacht für das Leben. Mit hohen Bäumen und wenigen Autos, mit Fahrrädern und Kreidezeichnungen, mit Bänken und Platz für Feste. Ich sehe Wohnungen, die so gebaut sind, dass sie uns einladen zu teilen, was wir haben. Unsere Werkzeuge und unsere Möbel, unser Essen und unsere Zeit. Ich sehe Pflanzen an jeder Ecke, Tiere, die wir als Teil unserer Gemeinschaft betrachten. Politik, die von uns gemacht wird, mit uns, für uns. Ich sehe eine Gemeinschaft, in der alle die gleichen Rechte haben. Menschen, die gemeinsam kochen und Gemüse anbauen, Feste feiern und abends, wenn die Sonne untergeht, Gitarre spielen. Die Zeit haben und Platz haben und Mut haben.

Ich sehe mich barfuß an einem Hochbeet stehen. Ich sehe, wie ich meinen Kindern nachwinke, wie sie auf einen Baum klettern, barfuß durch die Straßen jagen. Ich sehe, wie sie Drachen steigen lassen und abends ein Lagerfeuer mit dem ganzen Wohnblock machen. Ich sehe uns so leicht und so glücklich, so sicher und frei.

Das ist vermutlich nicht für jeden die Utopie. Die eine Utopie kann es auch nicht geben, sondern nur jede Menge davon. Wir müssen die finden, die für uns Sinn macht, und daran arbeiten, dass sie zu unserer Wirklichkeit wird.

In einer Zukunft, in der wir das Schlimmste der Klimakrise abwenden, gibt es noch immer Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt. Die Welt wird wohl nie so sein, wie ich sie mir wünsche. Aber wir werden dann die Gelegenheit haben, für Veränderungen einzustehen. Ich finde, das ist eine Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Ich wache auf der Baustelle auf. Ich habe kurz geschlafen, aber ich habe das Gefühl, sehr viel Kraft zu haben. Ich packe meinen Schlafsack ein, die Sonne geht gerade auf. Ich weiß, dass ich nur ein Mensch bin. Ich allein werde die Welt nicht verändern. Aber ich glaube, ich habe ein Recht, ja sogar eine Pflicht, es zu versuchen. Und ich möchte es versuchen. •

Clara Porák ist freie Journalistin und Klimaaktivistin in Wien. Sie ist Teil der inklusiven Redaktion andererseits und Mitbegründerin des Netzwerkes Klimajournalismus.

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The future is now https://ansch.4lima.de/the-future-is-now/ https://ansch.4lima.de/the-future-is-now/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:15:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=51303 Im Mai, 17 Jahre nach dem letzten Europäischen Konvent, startete ein europaweiter Beteiligungsprozess, um über die EU und ihre Zukunft zu sprechen. Es geht um die ganz großen Fragen und dringend notwendige Reformen. Mitreden sollen dabei möglichst auch die, die das sonst nicht tun. Auf der mehrsprachigen Onlineplattform futureu.europa.eu kann über zehn Themengebiete wie Klima, […]]]>

Im Mai, 17 Jahre nach dem letzten Europäischen Konvent, startete ein europaweiter Beteiligungsprozess, um über die EU und ihre Zukunft zu sprechen. Es geht um die ganz großen Fragen und dringend notwendige Reformen. Mitreden sollen dabei möglichst auch die, die das sonst nicht tun. Auf der mehrsprachigen Onlineplattform futureu.europa.eu kann über zehn Themengebiete wie Klima, Migration oder Digitalisierung diskutiert werden, daneben gibt es zahlreiche Online- und Offlineveranstaltungen sowie Plenarsitzungen. Hier treffen 108 Bürger*innen, 108 Mitglieder des Europäischen Parlaments, 54 Vertreter*innen des Rats, drei Repräsentant*innen der EU-Kommission und noch einmal 108 Vertreter*innen der nationalen Parlamente aufeinander. Dieses Plenum steht auch im Zentrum der Konferenz.

Was die ohnehin ambitionierte Ausgangslage nicht weniger kompliziert macht, sind Versuche einiger Regierungen, das Mandat der Konferenz möglichst vage zu halten – mit dem Ziel, Vertragsänderungen zu verhindern und das EU-Parlament auszubremsen. Hinzu kommen die naturgemäß mühsamen Personaldebatten, wer Präsident*in wird und wie viele es braucht.

Nicht wenige üben scharfe Kritik an der Zukunftskonferenz: Sie koste viel Geld und operiere ohne ein konkretes Ziel. Vor allem aber würde die zweckoptimistische Stimmung trügen: Fast alle Redner*innen der Institutionen und Regierungen betonten im Plenum den Willen zu umfassenden Reformen. Wäre man sich jedoch tatsächlich so einig, hätte man schon viel mehr tun können. Es spießt sich in der europäischen Diskussion zwar oft an kleinen Details, aber immer öfter auch an den Grundüberzeugungen.

Dass die am lautesten sein sollen, die normalerweise nicht über die EU reden, bleibt ein hehres wie realitätsfernes Ziel. Denn abseits von Alpbach und anderen elitären Diskussionsveranstaltungen haben die meisten wohl nichts von der Konferenz zur Zukunft Europas gehört.

Bis Frühjahr 2022 ist noch Zeit, das zu ändern. Erfolgreich wird die Konferenz jedenfalls nur, wenn die Ideen der Bürger*innen tatsächlich aufgegriffen werden und sie sich so im besten Fall zur Blaupause für partizipative Entscheidungsprozesse in der EU mausert.

www.futureu.europa.eu

Katharina Steinwendtner war zuletzt Pressesprecherin der SPÖ-Abgeordneten im Europaparlament sowie Co-Organisatorin von Period und lebt nun wieder in Wien.

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Jede einzelne erhobene Stimme https://ansch.4lima.de/jede-einzelne-erhobene-stimme/ https://ansch.4lima.de/jede-einzelne-erhobene-stimme/#respond Wed, 13 Oct 2021 12:29:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=51297 Frauen haben unter den Taliban auf einen Schlag erneut all ihre ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren, berichtet Medienaktivistin Mobina Saei aus Afghanistan. Lea Susemichel hat mit ihr über das Terrorregime und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft gesprochen. Auch wenn die radikalislamischen Taliban nach ihrer erneuten Machtübernahme im August zunächst beteuert hatten, die Rechte von […]]]>

Frauen haben unter den Taliban auf einen Schlag erneut all ihre ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren, berichtet Medienaktivistin Mobina Saei aus Afghanistan. Lea Susemichel hat mit ihr über das Terrorregime und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft gesprochen.

Auch wenn die radikalislamischen Taliban nach ihrer erneuten Machtübernahme im August zunächst beteuert hatten, die Rechte von Frauen diesmal achten zu wollen, besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass man ihnen glauben darf. Ihrem Kabinett gehört kein weibliches Mitglied an, in den wenigen Wochen seit der Machtergreifung wurden Geschlechtersegregation und Berufsverbote für Frauen durchgesetzt. Zuletzt wurde nun auch das Frauenministerium durch ein sogenanntes „Tugendministerium“ ersetzt, das der „Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters“ dienen soll. Eine Behörde dieses Namens war während des ersten Talibanregimes zwischen 1996 und 2001 für die Bestrafung von Frauen zuständig, die öffentlich ausgepeitscht, in einzelnen Fällen auch hingerichtet wurden.

Während der Talibanherrschaft zwischen 1996 und 2001 wurden Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt, sie durften nur vollverschleiert und in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. Es war ihnen verboten, einen Beruf auszuüben, Mädchen durften keine Schule besuchen, es gab lediglich illegale Untergrundschulen, in denen unter höchstem Risiko für Lehrende und Schülerinnen bezahlter Privatunterricht gegeben wurde.

an.schläge: Es gibt Meldungen, wonach die Internet- und Telefonverbindungen von kritischen Journalist:innen gekappt worden seien, es gibt auch immer wieder Angriffe auf Medienleute, viele von ihnen haben das Land verlassen, auch viele NGOs. Wie erleben Sie die gegenwärtige Situation? Was konkret hat sich im letzten Monat alles geändert, vor allem für Frauen?

Mobina Saei: Ich bin in Afghanistan geboren, ich habe mein ganzes Leben hier gelebt und habe auch schon die letzte Talibanherrschaft vor 2001 miterlebt. In nur einem Monat haben die Taliban erreicht, dass es im Land fast keine einzige weibliche Journalistin mehr gibt – mit verheerenden Folgen. 150 Medien, darunter auch Radio- und Fernsehsender, mussten ihre Arbeit bereits einstellen. In diesem einen Monat, seit die Taliban die Macht im ganzen Land zurückerobert haben, haben Mädchen und Frauen sämtliche Freiheiten und alle ihre ­Rechte verloren. Darunter auch das Recht zu arbeiten: Weder im privaten noch im öffentlichen Sektor soll es Frauen weiterhin erlaubt sein, einem Beruf nachzugehen. Frauen werden davon abgehalten, zu ihrer Arbeitsstelle zu gehen, Frauen und Mädchen sollen zu Hause bleiben. Auch im Bildungsbereich gab es sofort Einschränkungen, Frauen müssen an der Universität ihr Gesicht verhüllen, sie müssen im Niqab und getrennt von den Männern studieren. Wir Frauen haben auf einen Schlag all unsere ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren. Deshalb gehen Frauen auf die Straße, um zu demonstrieren. Doch auch dieses Recht wird ihnen von den Taliban verwehrt.

Hier sehen wir Bilder von Polizeigewalt bei Frauendemos, es soll sogar geschossen worden und ­mehrere Frauen sollen schwer verletzt worden sein. Es gibt auch Berichte, wonach Frauen, die sich widersetzen und weiterhin zu ihrer Arbeit gehen wollen, auf der Straße von den Taliban geschlagen werden. Können Sie das bestätigen?

Ja. Aufgrund meiner Tätigkeit als Medienaktivistin gehöre auch ich zu den Frauen, die unter Beobachtung der Taliban und anderer Terroristen stehen. Ich kann bestätigen, dass Frauen, die auf Demonstrationen ihre Stimmen gegen die Taliban erheben, geprügelt und verletzt wurden. Ich habe außerdem Informationen darüber, dass einige Frauen nach Demonstrationen inhaftiert wurden. Es wurde massiver Druck ausgeübt. Es sind in der Folge auch männliche Angehörige festgenommen und bedroht worden, sollten sie es nicht unterbinden, dass ihre Frauen und Töchter weiter Widerstand leisten.

Die Taliban sind mit einer anderen Gesellschaft konfrontiert als vor zwanzig Jahren, es gibt eine erstarkte Zivilgesellschaft, vor allem die Frauen haben inzwischen einiges zu verlieren. Gibt es eine starke feministische bzw. zivilgesellschaftliche Bewegung in Afghanistan, auch außerhalb der Metropolen?

Ja, die Zivilgesellschaft ist definitiv stärker geworden in den letzten zwanzig Jahren, Frauen haben in diesem Zeitraum wichtige Errungenschaften erkämpft. Dass es nun Proteste in vielen Provinzen gibt, zeugt von dieser Stärke der Bewegung.

Unter Hashtags wie #FreeAfganistan, #AfghanistanCutlure und #DoNotTouchMyClothes protestieren afghanische Frauen weltweit gegen das Regime und insbesondere auch gegen die neuen Verhüllungsvorschriften. Welche Hoffnungen setzen Sie in diese Form von Onlineprotest? Sind Sie optimistisch, dass er etwas bewirken kann?

Ich bin froh und dankbar für diesen Protest! Dafür, dass diese Frauen und Mädchen ihr Recht auf Selbstbestimmung und Selbstorganisation verteidigen, ganz gleich, ob es die Kleiderordnung betrifft oder andere Grundrechte. Sie repräsentieren die Stimmen von afghanischen Frauen rund um die Welt und tragen dazu bei, Aufmerksamkeit auf die aktuelle Situation in Afghanistan zu richten.

Ich bin optimistisch, dass diese Proteste in verschiedenen Teilen der Welt dazu beitragen können, langfristig auch die Situation von afghanischen Frauen hier im Land zu verbessern. Jede einzelne Stimme, die ein Mädchen oder eine Frau anderswo auf der Welt erhebt, bedeutet, dass sie ihre Regierung dort dazu zwingt, vor der Situation von afghanischen Frauen nicht die Augen zu verschließen.

Welche Unterstützung erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft? Die EU will ja in einen Dialog mit den Taliban treten. Soll man mit den Taliban verhandeln?

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist die Wahrheit: Die Welt hat Afghanistan im Stich gelassen und in dieser Lage völlig auf sich alleine gestellt zurückgelassen. Die internationale Gemeinschaft ist mitverantwortlich dafür, dass Frauen und Mädchen, ja alle Menschen in Afghanistan, ihre Rechte auf einen Schlag verloren haben. Sie hat sich schuldig gemacht. Sie muss jetzt ihren Einfluss geltend machen und Druck ausüben. Denn die Taliban können sich nicht an der Macht halten, wenn sie keine diplomatischen Beziehungen zu anderen Staaten aufbauen.

Wie soll dieser Druck konkret aussehen? Auf einer internationalen Afghanistan-Konferenz wurden aufgrund der zu erwartenden Hungersnot Hilfsgelder von rund einer Milliarde Euro beschlossen. Sollte diese humanitäre Hilfe an Bedingungen geknüpft werden?

Angesichts der gegenwärtigen Krise und der Hungersnot, von der viele Menschen und vor allem Kinder bedroht sind, darf die humanitäre Hilfe nicht zurückgehalten werden. Sie an Bedingungen zu knüpfen, würde vor allem die Bevölkerung treffen – nicht die Taliban. Stattdessen sollte der diplomatische Druck erhöht und unmissverständlich klargemacht werden, dass die neue Regierung nur anerkannt wird, wenn sie sich an klare Vereinbarungen hält und Bedingungen akzeptiert.

Soll die Einhaltung von Frauenrechten zu diesen Bedingungen gehören?

Ja, unbedingt. Es muss eine zentrale Bedingung sein, dass Frauenrechte in Afghanistan eingehalten werden! Und damit meine ich tatsächlich alle Rechte und Aspekte des Lebens von Mädchen und Frauen: das Recht darauf, am sozialen Leben teilzunehmen, ökonomische und politische Rechte, das Recht auf Bildung und Berufsausübung. •

Mobina Saei ist Vorsitzende der ­Organisation Nai (Supporting Open Media in Afghanistan).

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Vermisste weiße Frau https://ansch.4lima.de/vermisste-weisse-frau/ https://ansch.4lima.de/vermisste-weisse-frau/#respond Wed, 13 Oct 2021 12:17:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=51279 Nachdem die Leiche der vermissten YouTuberin Gabby Petito gefunden wurde, war klar, dass sie ermordet wurde, und von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt jede Spur. Warum ich das weiß? Weil mir meine Social-Media-Timeline stündliche Updates zum Fall Petito liefert. True Crime hat sich als massentaugliches Genre etabliert, Filme, Serien, Dokumentationen, Podcasts und Blogs – allerorts […]]]>

Nachdem die Leiche der vermissten YouTuberin Gabby Petito gefunden wurde, war klar, dass sie ermordet wurde, und von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt jede Spur. Warum ich das weiß? Weil mir meine Social-Media-Timeline stündliche Updates zum Fall Petito liefert.

True Crime hat sich als massentaugliches Genre etabliert, Filme, Serien, Dokumentationen, Podcasts und Blogs – allerorts werden Geschichten von real geschehenen Verbrechen einfach konsumierbar und unterhaltsam aufbereitet. Morde und Entführungen verdichten sich zu richtig guten Geschichten, dass hier reale Menschen und Schicksale involviert sind, rückt dabei in den Hintergrund.

Schon in meiner Kindheit lief „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ein Format, das ungelöste Fälle präsentierte und darauf abzielte, dass sich Zeug*innen melden. Doch erst als die US-Version „Unsolved Mysteries“ in meinem Netflix-Feed erschien, wurde mir klar, dass das alles keine Fiktion ist – reingekippt bin ich dennoch. Gut fühle ich mich dabei nicht, es ist schließlich das Leid anderer Menschen, das dem eigenen Entertainment dient – mit meinen moralischen Grundsätzen ist das kaum vereinbar. Trotzdem ziehen mich die Dokus an, Theorien zum neuesten Vermisstenfall bilden sich fast automatisch im Kopf. Das Genre funktioniert – leider zu gut.

Morde an Frauen stehen in True-Crime-Formaten besonders hoch im Kurs, doch es sind nicht jene Morde, die laufend in der eigenen Nachbarschaft passieren. Erst kürzlich erschütterte uns der Femizid an zwei Frauen in Wien, es waren bereits der 20. und 21. in diesem Jahr in Österreich. Bezeichnenderweise war zumindest eine von beiden in einem Verein für Frauenrechte tätig. Beide Frauen (und der Täter) hatten Wurzeln in Somalia. „Egal, kümmern wir uns um unsere Frauen“, so der rassistische Tenor in vielen Kommentarspalten, als sich herausstellte, dass die Opfer Schwarz waren. Wer die Opfer sind, spielt nicht zuletzt für das Medieninteresse eine entscheidende Rolle.

Während die Weltöffentlichkeit auf den Fall von Gabby Petito blickte, wurde auch der Mord an Sabina Nessa, einer Lehrerin und Woman of Color in London bekannt – er erhielt allerdings weit weniger Schlagzeilen. Morde und Vermisstenfälle von weißen Frauen sind für ­Medien weitaus interessanter als jene von BIPOC-Frauen. „Missing White Woman Syndrome“, so ein Begriff aus der Mediensoziologie, der beschreibt, dass im Falle von Vermissten über junge weiße Frauen aus der Mittelschicht überproportional berichtet wird. Weiße Frauen gelten in unserer Gesellschaft als unschuldig und schützenswerter, Gewaltverbrechen werden dementsprechend als weit tragischer wahrgenommen. In Wyoming, wo Gabby Petito verschwand, wurden im vergangenen Jahrzehnt auch 710 indigene Personen als vermisst gemeldet, wie ein Bericht der University of Wyoming zeigt – eine Meldung in den Medien ist das kaum jemals wert. Dass sie nach dreißig Tagen noch immer vermisst werden, ist doppelt so häufig der Fall wie bei weißen Personen.

Die Aufmerksamkeit für Verbrechen an jungen ­weißen Frauen hat aber auch eine weitere Schattenseite. Die Würde der Opfer wird verletzt und die Konsequenzen, die diese Art der Sensationsberichterstattung für die Hinterbliebenen hat, sind drastisch. Das Leben der Opfer wird in die Öffentlichkeit gezerrt und jede Kleinigkeit beäugt. Und viele Medien schlachten parallel auch noch die Geschichten der Täter aus, die ebenso faszinieren. Wir erfahren Details aus ihrer Kindheit, bekommen Einblicke in ihre Psyche geliefert und finden sie dadurch mitunter so spannend, dass sie beinahe als Helden und Vorbilder gefeiert werden – wir erinnern uns an Täterkulte wie jenen rund um den US-amerikanischen Serienmörder Ted Bundy.

Nachdem auch ich immer wieder auf eine True-­Crime-Serie hineinkippe, wird mir umso mehr bewusst, dass es eine kollektive Anstrengung braucht, um diese Formate einordnen und reflektieren zu können. Denn Morde an Frauen sind keine spannende Unterhaltung, sie sind Ausdruck brutaler patriarchaler wie rassistischer Strukturen. •

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Feminist Superheroines: Guadalupe Vázquez Luna https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-guadalupe-vazquez-luna/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-guadalupe-vazquez-luna/#respond Wed, 13 Oct 2021 12:13:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=51274 Guadalupe Vázquez Luna, besser bekannt als „Lupita“, wurde 1968 in Chiapas im Süden Mexikos geboren und ist Aktivistin und Stadträtin im National Indigenious Congress (CNI). Als erste weibliche Anführerin der christlichen pazifistischen Organisation las Abejas (die Bienen) tritt sie heute für die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos ein. Lupita ist eine der Überlebenden des Massakers […]]]>

Guadalupe Vázquez Luna, besser bekannt als „Lupita“, wurde 1968 in Chiapas im Süden Mexikos geboren und ist Aktivistin und Stadträtin im National Indigenious Congress (CNI). Als erste weibliche Anführerin der christlichen pazifistischen Organisation las Abejas (die Bienen) tritt sie heute für die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos ein.

Lupita ist eine der Überlebenden des Massakers von Acteal von 1997, bei dem paramilitärische Gruppen Aktivist:innen von las Abejas angriffen und 45 Menschen töteten, darunter fünf Brüder Lupitas, ihre Großmutter und ihre Eltern. Seitdem kämpft Lupita für die Rechte der indigenen Bevölkerung, die zu Tausenden aus ihrer Heimat vertrieben wurden und politische Gewalt, Entführungen und Enteignungen erfahren. Die alleinerziehende Mutter setzt sich vor allem für das Recht indigener Frauen auf Bildung ein und kämpft entschlossen gegen den Machismo. beba

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