VI/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 03 Sep 2021 10:09:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VI/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Nie wieder hinter der Theke https://ansch.4lima.de/nie-wieder-hinter-der-theke/ https://ansch.4lima.de/nie-wieder-hinter-der-theke/#respond Fri, 03 Sep 2021 09:44:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=47314 Seit Ende des Lockdowns klagen Gastronomie und Tourismus besonders laut über fehlendes Personal. Zeit, über prekäre Arbeitsbedingungen zu sprechen, statt arbeitslose Menschen zu schikanieren, findet Alisa Vengerova. Ich gehöre zu jenen Menschen, die vor der Pandemie in der Gastronomie gearbeitet haben und jetzt nicht mehr in ihren Job zurückkehren werden. Vollzeit arbeiten mit einem geringfügigen […]]]>

Seit Ende des Lockdowns klagen Gastronomie und Tourismus besonders laut über fehlendes Personal. Zeit, über prekäre Arbeitsbedingungen zu sprechen, statt arbeitslose Menschen zu schikanieren, findet Alisa Vengerova.

Ich gehöre zu jenen Menschen, die vor der Pandemie in der Gastronomie gearbeitet haben und jetzt nicht mehr in ihren Job zurückkehren werden. Vollzeit arbeiten mit einem geringfügigen Vertrag und unbezahlte Überstunden sind seit jeher Alltag in Gastro-Jobs. Insbesondere bei Frauen kommt oft noch herablassende Behandlung und sexuelle Belästigung hinzu. Im Wissen, dass Kellnerinnen immer freundlich sein müssen, überschreiten viele Gäste jegliche Grenzen. Frauen in der Gastronomie werden oft reduziert auf lächelnde Tablett-Trägerinnen, die gehorsam und freundlich zu sein haben.

Durch die Krise spitzten sich die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen weiter zu. Personal wurde trotz Kurzarbeitsregelungen ohne Aussicht auf Wiedereinstellung vor die Tür gesetzt. Wegen des niedrigen offiziellen Gehalts erhielten viele Kellner:innen oder Küchenhilfen kaum Arbeitslosengeld.

Jetzt, wo Cafés, Restaurants und Hotels wieder geöffnet haben, fehlt vielen Betrieben das nötige Personal. Dass so viele ehemalige Mitarbeiter:innen der Branche den Rücken gekehrt haben, verwundert kaum. Die Angst vor schlechten Arbeitsbedingungen ist groß – fast die Hälfte aller Tourismus-Mitarbeiter:innen haben sich während der Pandemie beruflich umorientiert. Die Tourismusbranche beklagt indes mit großem medialen Echo, sie würde trotz Rekordarbeitslosigkeit keine Arbeitswilligen finden. Als ehemalige Gastro-Angestellte kann ich dazu nur sagen: Die Lösung wäre so einfach. Zahlt den Leuten einen vernünftigen Lohn.

Aber davon ist in der aktuellen Debatte wenig zu hören. Anstatt die Frage zu stellen, warum wohl niemand mehr in der Gastronomie arbeiten will, statt bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu fordern, werden arbeitslose Menschen oft pauschal als faul dargestellt. „Viele Arbeitslose liegen entspannt in der sozialen Hängematte“, verlautbarte Mario Pulker, Obmann der Gastronomie in der Wirtschaftskammer, im „Kurier“. Was als Hilferuf getarnt daherkommt, ist im Grunde nichts anderes als eine Kampagne gegen Erwerbsarbeitslose.

Und diese Kampagne fällt bei der Volkspartei auf fruchtbaren ­Boden. Arbeitsminister Kocher möchte mit Verschärfungen der Zumutbarkeitsbestimmungen und niedrigerem Arbeitslosengeld Menschen in unattraktive und schlecht bezahlte Jobs zwingen. Die brutalen Schikanen, zu denen das AMS berechtigt ist, sollen also mit besonderer Härte durchgesetzt werden. Etwa indem das AMS für das Nichtwahrnehmen von (häufig völlig sinnlosen) Schulungsterminen oder das Ablehnen von Jobs – seien sie noch so mies – das Arbeitslosengeld streicht. 

Die Regierung erfüllt so die Wünsche der Unternehmer:innen und lässt die Arbeitenden für die Krise zahlen. Nachdem Konzerne in der Krise Milliarden an Hilfsgeldern bekommen haben und mit Maßnahmen wie Kurzarbeit unterstützt wurden, sollen jetzt Menschen mit Kontrollen und Strafen in miese Jobs gezwungen werden – ein Klassenkampf von oben. 

Und das geht nicht nur die Beschäftigten in der Gastronomie etwas an. Denn der Druck auf Arbeitslose bedeutet in letzter Konsequenz auch mehr Druck auf alle Arbeitnehmer:innen. Prekäre Arbeitsbedingungen werden einzementiert und ein Niedriglohnsektor nach deutschem Vorbild etabliert, mit dessen Gehaltsniveau man kaum mehr über die Runden kommt. Mindestlöhne im neoliberalen Kapitalismus sind nicht hoch genug, um ein menschenwürdiges Leben zu sichern, sondern so gering, wie der Markt es erlaubt. Billige Arbeitsplätze bringen mehr Profit – wenn wir Arbeitenden uns nicht dagegen wehren, werden die Löhne noch weiter sinken. Mit den Grünen im Schlepptau verwirklicht die ÖVP, woran sie seit über dreißig Jahren Regierungs­beteiligung unermüdlich arbeitet: ihren Feldzug gegen die Lohnabhängigen. Trotz dieser Politik können Kurz, Kocher und Co komfortabel auf eine rechte Mehrheit in diesem Land bauen. Allerhöchste Zeit, sich zu organisieren und erbitterten Widerstand zu leisten.

Alisa Vengerova ist Bundessprecherin von Junge Linke und hat ­jahrelang in der Gastronomie gearbeitet.

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Queer friendly heißt Sicherheit https://ansch.4lima.de/queer-friendly-heisst-sicherheit/ https://ansch.4lima.de/queer-friendly-heisst-sicherheit/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:58:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=47308 Der Lockdown stellte für viele LGBTIQ-Personen eine große Bedrohung dar. Vor allem für jene, die von ihren Familien diskriminiert oder gar bedroht werden und für die durch Corona plötzlich wichtige Zufluchtsorte wegfielen. Die Familie ist für viele Menschen eben kein sicherer Ort. Deshalb sind queerfreundliche Schutzräume so ungeheuer wichtig. Aber auch Repräsentation und Sichtbarkeit sind […]]]>

Der Lockdown stellte für viele LGBTIQ-Personen eine große Bedrohung dar. Vor allem für jene, die von ihren Familien diskriminiert oder gar bedroht werden und für die durch Corona plötzlich wichtige Zufluchtsorte wegfielen. Die Familie ist für viele Menschen eben kein sicherer Ort. Deshalb sind queerfreundliche Schutzräume so ungeheuer wichtig. Aber auch Repräsentation und Sichtbarkeit sind elementar, um die Gleichstellung in der Gesellschaft voranzutreiben. Corona hat aber nicht nur Räume verschlossen, die Pandemie hat auch queere Lebensweisen unsichtbarer gemacht. Hinzu kommt eine angespannte Grundstimmung in der Bevölkerung, die ein Nährboden für Gewalt ist. Das spiegelt sich in den zunehmenden Anfeindungen und Gewalttaten gegenüber LGBTIQ-Personen europaweit wider. Dieser Hass gehört zum Alltag vieler Queers. Für mich und für viele andere, die nicht in Heterobeziehungen leben und/oder nicht der binären Geschlechterordnung angehören, ist die Auszeichnung „queer friendly“ also von zentraler Bedeutung. Wir planen unseren Alltag danach, googeln die Orte, die wir besuchen wollen, damit wir uns nicht in Gefahr begeben. Denn der öffentliche Raum ist weit davon entfernt, sicher zu sein. Das Wissen darum ist unser täglicher Begleiter, wenn wir zum Beispiel überlegen, ob ein Kuss und eine liebevolle Geste Partner*innen in Gefahr bringen könnten. Oder wenn wir uns vor dem Kleiderschrank die Frage stellen: Habe ich heute genug Energie und fühle mich stark genug, um mich so anzuziehen, wie ich mich am wohlsten fühle? Queerfreundlich heißt, dass wir willkommen sind. So wie wir sind, mit denen, die wir lieben, queer friendly bedeutet Sicherheit.

Leicht vergisst man, dass homosexuelle Liebe in 15 Ländern mit dem Tod bestraft wird. In mindestens 45 Staaten wurden homosexuelle Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung im vergangenen Jahr getötet. Einer dieser Menschen ist Sara Hegazi, die 2017 verhaftet wurde, weil sie auf einem Konzert eine Regenbogenflagge hochhielt. Die ägyptische LGBTIQ-Aktivistin wurde in der Haft gefoltert und nahm sich nach ihrer Entlassung und Flucht nach Kanada 2020 das Leben. In einem dieser Länder, in denen Homosexuelle öffentlich gesteinigt werden, ist meine Freundin aufgewachsen. Im vermeintlich sicheren Hafen Europa ist sie momentan mehrmals wöchentlich mit Anfeindungen, Beschimpfungen und Gewaltandrohungen im öffentlichen Raum konfrontiert. Die gesetzlichen Verschärfungen und die Hetze gegen LGBTIQ-Personen, beispielsweise in Ungarn, befördern diesen Alltagshass auch anderswo. Zumindest hat die EU nun ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn eingeleitet. Trotzdem fühlen sich viele durch diese politischen Entwicklungen in ihrem Hass und ihrer Verachtung bestätigt. Denn es geht bei diesem Gesetz, das die Repräsentation von queerem Leben und Lieben in Büchern, Filmen, Medien oder auch in der Werbung verbietet, eben darum, LGBTIQ-Personen zu stigmatisieren.

Obwohl Österreich laut Gay Travel Index auf Platz vier des Rankings der homofreundlichsten Länder liegt, nehmen auch hier die homo- und transfeindlichen Übergriffe zu, das zeigt ein Bericht der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation SoHo. Darin heißt es, dass die Bedrohungen, Beschimpfungen und Körperverletzungen in einem äußerst besorgniserregenden, für Österreich bisher ungekannten Ausmaß zunehmen. Insbesondere rund um die Pride Parade 2021 kam es zu entsprechenden Vorfällen. So wurde in Bregenz aus einer Schreckschusspistole gefeuert, in Wien wurde ein LGBTIQ-feindliches Transparent entrollt und in Klagenfurt kam es zu Beschimpfungen und Spuck-Attacken.

Der öffentliche Raum ist also auch hierzulande queerfeindlich – und das muss sich ändern. Hier ist auch die Politik gefordert. Es sind auch unsere Straßen! Wir waren zwar die letzten anderthalb Jahre weniger sichtbar, aber wir waren nie weg und haben ein Recht auf einen sicheren öffentlichen Raum. Immer und überall! Passt aufeinander auf und holt euch eure Straßen zurück! •

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Feminist Superheroines: Marcela Lagarde y de los Ríos https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marcela-lagarde-y-de-los-rios/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marcela-lagarde-y-de-los-rios/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:55:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=47304 Marcela Lagarde y de los Ríos, geboren 1948 in Mexico City, ist eine einflussreiche Anthropologin und feministische Aktivistin. Von 2003 bis 2006 war sie Abgeordnete der Partido de la Revolución Democrática im mexikanischen Kongress und setzte sich dort gegen Gewalt an Frauen ein. Sie leitete auch eine Kommission gegen die exorbitant hohe Zahl an Femiziden […]]]>

Marcela Lagarde y de los Ríos, geboren 1948 in Mexico City, ist eine einflussreiche Anthropologin und feministische Aktivistin. Von 2003 bis 2006 war sie Abgeordnete der Partido de la Revolución Democrática im mexikanischen Kongress und setzte sich dort gegen Gewalt an Frauen ein. Sie leitete auch eine Kommission gegen die exorbitant hohe Zahl an Femiziden in Mexiko.

Lagarde wird außerdem zugeschrieben, den Begriff „Femizid“ im wissenschaftlichen Diskurs Lateinamerikas geprägt zu haben. Bei der Übersetzung von Diana Russels Buch „Femicide: The Politics Of Woman Killing“ ins Spanische erweiterte Lagarde den Begriff mit einer Silbe zu „Feminicidio“. Sie macht den mexikanischen Staat direkt für die vielen Femizide verantwortlich, weil er das Leben von Frauen nicht ausreichend schützt.

In ihrem Buch „El feminismo en mi vida“ („Der Feminismus in meinem Leben“), in dem sie sich nicht nur mit Feminicidio, sondern auch mit Menschenrechten, Liebe und kultureller Diversität beschäftigt, plädiert sie für eine „feministische Linke“. beba

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Ziemlich befriedigende Sache https://ansch.4lima.de/ziemlich-befriedigende-sache/ https://ansch.4lima.de/ziemlich-befriedigende-sache/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:52:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=47300 In der Mini-Serie „Loving Her“ brilliert Banafshe Hourmazdi als lesbische Titelheldin, die Fleabags kleine Schwester sein könnte. Von Maxi Braun Eine Frau steht in einem kleinen Club auf der Bühne und haucht eine balladige Version von Britney Spears Popsong „Toxic“ ins Mikrofon. Im Publikum beobachtet sie eine Frau mit leuchtenden Augen und lächelt sie an. […]]]>

In der Mini-Serie „Loving Her“ brilliert Banafshe Hourmazdi als lesbische Titelheldin, die Fleabags kleine Schwester sein könnte. Von Maxi Braun

Eine Frau steht in einem kleinen Club auf der Bühne und haucht eine balladige Version von Britney Spears Popsong „Toxic“ ins Mikrofon. Im Publikum beobachtet sie eine Frau mit leuchtenden Augen und lächelt sie an. Ihrem begehrenden Blick folgen wir zurück zur Sängerin. Während diese zärtlich von einem „poison paradise“ singt, verlieren wir uns in einer Nahaufnahme ihres Gesichts, ihrer Lippen, in ihrem hypnotischen Blick, der nur auf uns gerichtet zu sein scheint. Hanna, die Frau aus dem Publikum, ist völlig verknallt in die Sängerin und wir schmelzen mit ihr dahin.

Es sind Szenen wie diese, mit denen die Mini-Serie „Loving Her“ das Verlangen, das Kribbeln im Bauch und die flirrende Erotik so greifbar macht. Die Serie basiert auf dem niederländischen Vorbild „Anne+“ und ist die erste deutsche TV-Serie, in der eine lesbische Beziehung im Mittelpunkt steht. Ich-Erzählerin Hanna (Banafshe Hourmazdi) hat gerade ihr Literaturstudium in Berlin abgeschlossen. Kurz vor ihrem Wegzug aus der geliebten Wahlheimat läuft sie ihrer ersten großen Jugendliebe Franzi (Lena Klenke, zuletzt mit „How To Sell Drugs Online (Fast)“ bei Netflix) über den Weg. Diese Begegnung ist Anlass für Hanna, die letzten Jahre und Affären Revue passieren zu lassen, die in sechs komprimierten Episoden erzählt werden.

Mit Hanna mitzufiebern fällt leicht. Sie ist cool, draufgängerisch und streitlustig, dann wieder nachdenklich, völlig verpeilt und eine ­Loserin. Bewusst wird darauf verzichtet, eine naheliegende Einwanderungsgeschichte aufzugreifen. Die im Ruhrpott aufgewachsene, deutsch-iranische Schauspielerin Banafshe Hourmazdi („Futur Drei“) ist einfach Hanna, fertig. Folgerichtig steht auch ihre Homosexualität nicht im Vordergrund, das Drama ergibt sich aus den Figurenkonstellationen und dem alltäglichen, zwischenmenschlichen Wahnsinn.

Queere Superpower. Regisseurin Leonie Krippendorff hat für das Drehbuch mit der lesbischen Autorin Marlene Melchior kollaboriert, und auch im Cast finden sich viele homosexuelle Schauspielerinnen. Karin Hanczewski, die im Februar 2021 die Kampagne #ActOut im „SZ-Magazin“ initiierte, bei der sich 185 Schauspieler*innen für mehr Akzeptanz von LGBTQI in Gesellschaft, TV- und Filmbranche outeten, spielt ebenso mit wie die Unterzeichnerinnen Eva Meckbach und Lea Willkowsky. Ausnahmslos alle sind in ihren Rollen fabelhaft. Die queere Superpower und feministische Komplizinnenschaft vor und hinter der Kamera dürfte einer der Gründe für die Selbstverständlichkeit sein, mit der die lesbischen Geschichten erzählt werden. Gleichzeitig kann jede*r mit den eigenen Erfahrungen daran andocken, die Themen der einzelnen Folgen sind nah am Leben und universell. Zwar ist das Setting die akademische Blase und das Student*innenleben, aber „Loving Her“ will auch keine knallharte Milieustudie sein. Haltung beweist die Serie trotzdem, indem Themen wie Angst vor dem Coming-out, toxische Beziehungen oder Alltagsroutine als Liebeskiller plausibel aufgegriffen werden.

Megahot. Dazu kommt der Look von Bildgestalterin Lotta Kilian. Auf den Straßen Berlins bei Tag und Nacht, im Club oder in der WG – alle Einstellungen wirken auf gute Art hip und einladend warm. Sexszenen gibt es einige, allesamt sind sie „megahot“ inszeniert, um es mit Hannas Worten zu sagen. Ob im kuscheligen Liebesnest oder beim stürmischen Quickie in der schummrigen Clubtoilette: Sexualität wird hier als leidenschaftlich, genussvoll und von gegenseitigem Respekt geprägt dargestellt und als das gezeigt, was sie im Idealfall für alle Beteiligten jedweder sexuellen Orientierung ist: eine ziemlich befriedigende Sache.

Ein ähnlich wohliges Gefühl hinterlässt auch das Bingewatching von „Loving Her“. Ohne Ernst und Schwermut, die für deutsche Produktionen so typisch sind, dafür mit recht diverser Besetzung und Humor, verwebt die Mini-Serie ihre Episoden am Ende zu einer lustigen und berührenden Coming-of-Age-Geschichte. Leonie Krippendorff hat eine spielerische, saucoole und witzige Momentaufnahme geschaffen, mit einer grandiosen Protagonistin, die Fleabags kleine, lesbische Schwester sein könnte. •

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Dauerbrenner Körperhass https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerperhass/ https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerperhass/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:47:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=47296 Die überarbeitete Neuauflage von Susie Orbachs Klassiker „Bodies“ macht deutlich: Die Beziehung zu unseren Körpern ist trotz Body-Positivity eine feindliche. Von Beate Hausbichler Susie Orbach erzählt Körpergeschichten. Geschichten von persönlichen und frühkindlichen Erfahrungen, die das Verhältnis zu unserem Körper prägen. Gleichzeitig sind es Geschichten von verschiedensten Gesellschaften und deren Umgang mit Körpern, denn auch sie […]]]>

Die überarbeitete Neuauflage von Susie Orbachs Klassiker „Bodies“ macht deutlich: Die Beziehung zu unseren Körpern ist trotz Body-Positivity eine feindliche. Von Beate Hausbichler

Susie Orbach erzählt Körpergeschichten. Geschichten von persönlichen und frühkindlichen Erfahrungen, die das Verhältnis zu unserem Körper prägen. Gleichzeitig sind es Geschichten von verschiedensten Gesellschaften und deren Umgang mit Körpern, denn auch sie sind maßgeblich an dieser Prägung beteiligt, der wir kaum entkommen können.

Allerdings wandelt sich sowohl der Umgang von Eltern und Einfluss­personen mit Kindern als auch das gesellschaftliche Umfeld, weshalb die Analyse unseres Verhältnisses zum Körper immer wieder einer Aktualisierung bedarf. Die erste Ausgabe von Susie Orbachs „Bodies“ erschien 2009, nun ist gut zehn Jahre später eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage erschienen, in der sie ihre langjährigen Beobachtungen zum Körperbewusstsein in den Kontext neuer medialer und gesellschafts­politischer Entwicklungen stellt.

Eines steht schnell fest: Leichter haben wir es mit unseren Körpern heute sicher nicht. Obwohl wir inzwischen im Großen und Ganzen durchschauen, dass riesige Industrien und die Globalisierung von Schönheitsidealen hinter unserem hyperkritischen Blick auf Körper stehen, nehmen wir trotzdem den weit verbreiteten Körperhass vorwiegend auf unsere Schultern. „Unsere Tragödie ist es, dass wir diese Sozialpathologie individuell und privat erleben“, schreibt Orbach.

Als Susie Orbach als Psychotherapeutin begann, nahm sie die Ess- und Körperbildstörungen der Menschen, die zu ihr kamen, als ein „fernes Grollen von Körperunsicherheiten“ wahr. Heute, über vierzig Jahre später, sind diese Leiden für derart viele Menschen so selbstverständlicher Teil des Alltags, dass sie den Körper der Gegenwart als nichts Geringeres als den Gegenstand eines Krieges beschreibt. Übertrieben?

Wer niemanden kennt, der mit seinem Körper zu kämpfen hat und ihn meistens als verbesserungswürdig und mangelhaft betrachtet, oder das auch von sich selbst nicht sagen kann, kann das behaupten. Doch da wird es kaum jemanden geben, vor allem nicht unter Frauen.

Die ständige Berieselung mit Kommentaren über Körper und seine angeblichen Mängel seien der Ausdruck einer Kultur, die seit der Industrialisierung körperliche Enteignung betreibe, schreibt Orbach. Der Körper wurde zum Arbeitsfeld, auf dem neoliberaler Machbarkeitswahn und Kontrollfantasien ausagiert werden.

Es ist beeindruckend, wie Susie Orbach in diesem Buch die alte, aber stabile cartesianische säuberliche Trennung von Körper und Geist auseinanderkletzelt. Angesichts der Tiefen, in die sie dabei vordringt, wirken die gut gemeinten Body-Positivity-Gesten auf Instagram oder TikTok und die kommerziellen Kampagnen unter diesem Banner fast ein bisschen lächerlich. Ja, sogar kontraproduktiv: Es verkennt die Komplexität des Körperbewusstseins. Hinzu kommt, dass das kaputte Verhältnis zu unserem Körper sich auch von der verbreiteten Vorstellung von absoluter Machbarkeit und Performance nährt. Denn angesichts neuer Technologien sehen wir einen schier unendlich erweiterbaren Handlungsspielraum vor uns. Und durch die digitale Bilderflut wird die ständige Darstellung der Körper Dreh- und Angelpunkt eines entfremdeten Körperbewusstseins – was allein zählt, ist der Blick von außen, des Anderen.

Die im Buch dargelegten Fallgeschichten aus Orbachs Praxis zeigen auch ihre interessante Haltung zu Körperanpassungen, etwa bei trans­identen Menschen. Sie kritisiert einerseits postmoderne Theorien, die Körper in erster Linie als fließende und symbolische Konstrukte beschreiben. Diese seien zwar spielerisch-produktive Ansätze – allerdings keine Hilfe für jene, die an einer fehlenden Übereinstimmung mit ihrem Körper leiden. Denn letztlich würden wir nach körperlicher Stabilität suchen, nach einem verlässlichen Zuhause, das nicht ständig Ort von Aushandlungen, Kontrolle und Optimierung ist. Demnach müssten wir aber laut Orbach den Körper sowohl als Ort der Selbstdefinition als auch als physische Gegebenheit begreifen. Und das ist wohl eine der größten Herausforderungen – aber definitiv ein Weg, um die quälende Unsicherheit mit unseren Körpern zu lindern. •

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Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit https://ansch.4lima.de/freiheit-gleichheit-schwesterlichkeit/ https://ansch.4lima.de/freiheit-gleichheit-schwesterlichkeit/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:41:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=47292 „Die Revolution hat ein weibliches Gesicht“, das zeigt die Philosophin und Professorin Olga Shparaga eindrücklich in ihrem gleichnamigen neuen Buch. Mit Michaela Geboltsberger hat sie über die Beteiligung von Frauen bei den Protesten in Belarus gesprochen. Die Revolution in Belarus begann im August 2020 in Minsk, nachdem ­Alexander Lukaschenko, der das Land seit 1994 autoritär […]]]>

„Die Revolution hat ein weibliches Gesicht“, das zeigt die Philosophin und Professorin Olga Shparaga eindrücklich in ihrem gleichnamigen neuen Buch. Mit Michaela Geboltsberger hat sie über die Beteiligung von Frauen bei den Protesten in Belarus gesprochen.

Die Revolution in Belarus begann im August 2020 in Minsk, nachdem ­Alexander Lukaschenko, der das Land seit 1994 autoritär regiert, Wahlmani­pulation vorgeworfen worden war. Monatelang gab es Massenproteste für demokratische Wahlen. Ein Jahr danach ist Lukaschenko weiterhin an der Macht. Die Flucht der olympischen Sprinterin Kristina Timanowskaja ist nur ein Beispiel für die massiven und immer brutaleren Repressionen, denen nicht alleine die Opposition, sondern inzwischen große Teile der Gesellschaft in Belarus ausgesetzt sind.

an.schläge: Wie beurteilen Sie die jüngsten Entwicklungen in Belarus?

Olga Shparaga: Die Flucht der olympischen Leichtathletin Kristina Timanowskaja, die Verhaftung von ­Roman Protasevich, der Tod von Witali Schischow und viele andere schreckliche Ereignisse zeigen, wie weit die Repressionen und die Gewalt gehen. Bis heute ist es der Protestbewegung nicht gelungen, ihre Forderungen nach politischer Freiheit durchzusetzen. Das Regime antwortet mit brutaler Härte. Wir wissen aber, dass die Revolution noch nicht vorbei ist, auch wenn Lukaschenko das gerne glauben machen möchte. Die Gesellschaft hat sich verändert und dieser Wandel ist unumkehrbar. Denn die Protestierenden sind sich einig: Es gibt kein ­Zurück mehr.

Frauen spielen bis heute bei den Protesten eine wichtige Rolle, das zeigen Sie eindrücklich in Ihrem Buch. War die Revolution also auch eine feministische?

Ja. Einerseits spielte die MeToo-­Bewegung eine wichtige Rolle bei den feministischen Protesten, die internationale Bewegung hatte auch in Belarus große gesellschaftliche Resonanz. Zudem gab es bereits seit 2001 Versuche, ein Gesetz gegen häusliche Gewalt in Belarus zu verabschieden, um Frauen zu schützen. Im Jahr 2018 gab es einen neuen Vorstoß, dieses Gesetzesvorhaben endlich umzusetzen. Es wurde jedoch von Lukaschenko verhindert, bis heute gibt es in Belarus also kein Gesetz gegen häusliche ­Gewalt.
Feministische Gruppen sahen in den Protesten nach der Präsidentschaftswahl 2020 eine Möglichkeit, diesem Gesetzesentwurf wieder zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Die Revolution war ein Anstoß, um in die Öffentlichkeit zu treten und feministische Forderungen generell voran­zutreiben. Denn obwohl Frauen in Belarus gut ausgebildet sind, sind sie im Berufsleben weiter stark benachteiligt.

Die Massenproteste in Belarus waren von Anfang an von feministischen Aktionen begleitet, es gab Solidarisierungsketten, Frauenmärsche und zahlreiche Veranstaltungen, auch auf lokaler Ebene. Viele feministische Aktivistinnen beteiligten sich daran, um die Themen Gender-Equality und Frauenrechte in den öffentlichen Diskurs zu bringen, während sich immer mehr Frauen den Protesten gegen die Regierung anschlossen.

Bei den Frauenmärschen, die ab August 2020 stattfanden, gab es Plakate mit der Aufschrift „Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit“. Wie veränderte sich das Frauenbild mit der Revolution?

In Belarus begann ein immer größerer Teil der Gesellschaft, sich aktivistisch zu betätigen und öffentlich sichtbar zu werden: Personen aus unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Gruppen gingen gemeinsam auf die Straße. Man kann von einer gesellschaftlichen Emanzipation sprechen. Dabei veränderte sich vor ­allem auch die Selbstwahrnehmung der ­Protestierenden, von einer passiven Bürger:innenposition in Richtung politische Mitbestimmung und Demokratie. Diese Veränderung war sicherlich auch dem weiblichen Dreierteam der politischen Opposition geschuldet, den drei Frauen, die gegen Lukaschenko zur Präsidentschaftswahl angetreten waren: Maria Kolesnikowa, Veronika Zepkalo und Swetlana Tichanowskaja hatten – bevor sie die politische Führung der Opposition übernahmen – keinerlei politische Ämter inne. Sie alle traten ihre politischen Funktionen an, nachdem die männlichen Spitzenkandidaten entweder nicht zur Präsidentschaftswahl zugelassen oder inhaftiert worden waren. Im gemeinsamen Kampf gegen das Regime schlossen sie sich zur Dreierspitze zusammen. Das war eine wichtige Form des Empowerments, viele Frauen aus unterschiedlichen Milieus hatten nun endlich weibliche Vorbilder bekommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt war die Diversität der Gesellschaft. Lukaschenko verbreitete den Mythos einer homogenen Gesellschaft, in der ihn die Mehrheit unterstützte. Und plötzlich schlossen sich die unterschiedlichsten Gruppen zusammen und beteiligten sich an den Protesten. Es gab ein hohes Maß an Solidarität zwischen den Gruppen. Die Bevölkerung bekannte sich zu ihrem Pluralismus.

Inwieweit solidarisierten sich auch die Männer mit den Frauen?

Erstens waren Männer begeistert von den weiblichen Protesten. Sie wurden von den Aktionen der Frauen im öffentlichen Raum mitgerissen und mir scheint, dass Frauen dadurch auch eine höhere Wertschätzung im familiären Umfeld bekommen haben. Im Zuge meiner Tätigkeit bei der FemGruppe des Koordinierungsrates (eine Gruppe aktiver Feministinnen, die sich während der Proteste gebildet hat, um sich für Gendergerechtigkeit in Belarus einzusetzen, Anm. d. Red.) kann ich beobachten, dass sich nun mehr Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen befreien. Das heißt, dass sich das neue Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit als Politikerinnen und Aktivistinnen auch im Privaten widerspiegelt. Zweitens hat die gesamte Gesellschaft sozusagen eine feministische Sprache benutzt, um die Gewalttätigkeit des Staates zu thematisieren und sich gegen diese zusammenzuschließen. Auch darin zeigt sich meiner Meinung nach die Solidarisierung von Männern mit Frauen. Ihre Solidarisierung war ein wichtiges Instrument, um geschlossen gegen das staatliche Regime aufzutreten, und führte zu einem enormen Empowerment von Frauen. Frauen wollen nun nicht länger Gewalt dulden – weder staatliche noch familiäre.

Die Gesellschaft hat sich seit 1994 – in der fast 27-jährigen Amtszeit ­Lukaschenkos, während das politische System des Autoritarismus erstarkte – verändert, pluralisiert und ist auch empathischer geworden. In Belarus gibt es keinen politischen Pluralismus, keine unabhängigen politischen Institutionen und keine echte Opposition. Diese Dichotomie eines starren politischen Systems einerseits und einer sich emanzipierenden Gesellschaft andererseits war sicherlich ein Grund für den Ausbruch der Revolution.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft von Belarus aus, was ist Ihre Vision?

Die Leute haben sich gegen Lukaschenko vereinigt, sie haben sich gegen Autoritarismus und für Demokratie entschieden. Es haben sich unterschiedliche Bürger:innen solidarisiert, ohne sich zu homogenisieren. Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus dem Arbeiter:innen- und aus dem bürgerlichen Milieu, Frauen, Studierende, Personen aus der LGBTQI-Community haben sich zusammengeschlossen durch ihr gemeinsames politisches Ziel, um die autoritäre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Im Prozess der Revolution gab es eine große Offenheit und ich sehe diese Diversität als Voraussetzung für eine friedliche, offene und demokratische Gesellschaft der Zukunft. •

Michaela Geboltsberger ist Kuratorin und arbeitet als Geschäfts­führerin der IG Architektur in Wien. Gemeinsam mit dem Verein tranzit.at hat sie das Projekt „Solidarity Belarus“ ins Leben gerufen.

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„Armut ist keine soziale Hängematte“ https://ansch.4lima.de/armut-ist-keine-soziale-haengematte/ https://ansch.4lima.de/armut-ist-keine-soziale-haengematte/#comments Thu, 02 Sep 2021 08:34:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=47280 Daniela Brodesser kämpft gegen die Beschämung von Armutsbetroffenen und gegen eine Politik, die Armut erzeugt. Ein Gespräch mit Brigitte Theißl über kräftezehrende Elternabende, Herzrhythmusstörungen und die Kraft der Vernetzung. an.schläge: Sie setzen sich als Aktivistin gegen Armut und Beschämung ein, auf Twitter berichten Sie auch offen über Ihre eigene Armuts­erfahrung. Was hat Sie ermutigt, diesen […]]]>

Daniela Brodesser kämpft gegen die Beschämung von Armutsbetroffenen und gegen eine Politik, die Armut erzeugt. Ein Gespräch mit Brigitte Theißl über kräftezehrende Elternabende, Herzrhythmusstörungen und die Kraft der Vernetzung.

an.schläge: Sie setzen sich als Aktivistin gegen Armut und Beschämung ein, auf Twitter berichten Sie auch offen über Ihre eigene Armuts­erfahrung. Was hat Sie ermutigt, diesen Schritt zu gehen?

Daniela Brodesser: Im Grunde war es Frustration. Ich war damals mehrfach geringfügig beschäftigt und habe auf Leistungen wie Arbeitslosengeld keinen Anspruch gehabt, mein Mann war freier Dienstnehmer. In manchen Monaten hat er 800 Euro, dann wieder 1000 Euro verdient – und wir sind sechs Personen. Wir haben auf einem umgebauten Bauernhof im Mühlviertel gewohnt, Anonymität gab es dort keine. Damit wir die Miete ­verringern konnten, habe ich bei unserem Vermieter gekocht, geputzt, Schulaufgaben mit seinen Kindern gemacht. Mit der Bezahlung der Betriebs­kostenabrechnung waren wir aber im Rückstand. Und genau in diesen Sommerferien habe ich mir erlaubt, einmal mit den Kindern ins Freibad zu gehen, 4,20 Euro hat der Eintritt gekostet. Als wir abends zurückgekommen sind, stand dort der Vermieter mit den Nachbar*innen und hat mich vor allen niedergemacht. Was ich mir einbilde, mein Geld fürs Freibad rauszuschmeißen, wenn ich doch mit den Betriebskosten im Rückstand bin. ­Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Dieses Erlebnis hat motiviert, den Ärger öffentlich zu machen?

Ja, ich hatte zu diesem Zeitpunkt wirklich schon viel Beschämung und Demütigungen erlebt, aber das war ein einschneidendes Erlebnis. Zuerst habe ich mich nur mehr in der ­Wohnung verbarrikadiert. Ich wusste, das ganze Dorf redet über mich. Aber dann habe ich auf Twitter einfach den Frust rausgeschrieben. Daraus hat sich eine Dynamik entwickelt, viele Menschen haben sich bei mir gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. Aber auch Nicht-Betroffene, die meinten: So habe ich Armut überhaupt noch nie gesehen. Dadurch ist mein Account gewachsen. Abgesehen von den üblichen Trollen und den Neoliberalen gab es sehr viel Wertschätzung. Das stärkt das Selbstbewusstsein, ich hatte wieder die Kraft, mich selbst anders zu sehen. Dass ich nicht die Versagerin bin, wie es mir eingeredet wurde.

Viele Armutsbetroffene berichten von Scham und Beschämung – was bewirkt diese Beschämung?

Rückzug. Es ist ein schleichender Prozess, die Erfahrungen reihen sich aneinander. Ob es Elternabende in der Schule sind, ob du an der Kassa stehst und dir fehlen wirklich die letzten fünf Cent, damit du den Einkauf noch zahlen kannst. Heute passiert mir das auch, dass ich an der Kassa stehe und meine Karte geht nicht. Aber dann fahre ich einfach zum Bankomaten, hebe das Geld ab und komme wieder zurück. Damals habe ich alles stehen lassen und bin wochenlang nicht mehr in das Geschäft gegangen. Ich habe schon von vielen Familien gehört, dass sie nicht mehr zu Elternabenden gehen, weil sie sich bei der Abstimmung über die Projektwoche nicht sagen trauen: Sorry, das Geld dafür haben wir nicht. Mein Sohn zum Beispiel hatte am Montag in der Früh immer Bauchweh, er wollte nicht in die Schule. Weil im typischen ­Morgenkreis haben andere von ihrem Ski-Kurzurlaub berichtet, und er war im Wald.

Letztendlich habe ich auch durch die Bestärkung auf Twitter gelernt, mich gegen Beschämung zu wehren. Wenn die Leute sagen: Dann sollen sie sich halt eine Arbeit suchen, dann habe ich Zahlen, Statistiken, Argumente bei der Hand. Aber wenn du in dieser Beschämung drinnen bist, hast du nicht die Kraft, dir dieses Wissen anzueignen. In Österreich sind ca. 17 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, die meisten von ihnen sind unsichtbar. Sie wollen nicht gesehen werden, eben wegen dieser Vorurteile und der Beschämung. Und vor allem glaubst du irgendwann selber, du bist diese Versagerin und du bemühst dich zu wenig – du übernimmst die Vorurteile von außen. Es wäre so wichtig, dass alle Betroffenen Zugang zu den Informationen haben und wissen, dass es eben nicht daran liegt, dass die Anreize fehlen, sondern dass Armut ein strukturelles Problem ist. Armut ist alles andere als eine soziale Hängematte.

Das österreichische Sozialsystem ist stark auf die Teilnahme am Erwerbsarbeitsmarkt ausgerichtet. Wo sehen Sie die größten Lücken in der sozialen Sicherung?

Erstens bei der neuen Sozialhilfe, die federführend von der ÖVP umgesetzt wurde. Wir in Oberösterreich waren ja eines der ersten Bundesländer, die sie umgesetzt haben – schwarz-blaue Regierung. Zum Beispiel wird bei der Sozialhilfe jetzt die Wohnbeihilfe gegengerechnet. Wenn du Wohnbeihilfe bekommst, bekommst du also dementsprechend weniger Sozialhilfe. Man darf nicht mehr dazuverdienen, und das sind aber genau die Cent, die die Menschen noch über Wasser gehalten haben. Und es ist alles an die Erwerbsarbeit geknüpft, aber auch da gibt es große Lücken, etwa bei den freien Dienstnehmer*innen. Ein riesiges Problem bei der Sozialhilfe sind auch mehrfach geringfügig Beschäftigte, was vor allem Frauen betrifft. Die Arbeitslosenversicherung müsstest du selbst bezahlen und das kann sich niemand leisten. Auch die Höhe der Sozialhilfe ist deutlich zu niedrig. Die Armutsgefährdungsschwelle heißt ja nicht umsonst so. Alles, was drunter ist, ist ein Teufelskreis.

Über Online-Netzwerke organisieren Sie auch Akuthilfe für Menschen in finanziellen Schwierigkeiten. Wie funktioniert das?

Das läuft recht spontan ab, Menschen melden sich bei mir, in Deutschland leite ich die Anfragen an das Netzwerk „@SorgeWeniger“ weiter. In Österreich kümmere ich mich selbst um die Vernetzung, es gibt immer wunderbare Menschen, die aushelfen, sie spenden einfach direkt an die Personen oder es läuft über mich, wenn die Betroffenen ihre Daten nicht weitergeben wollen. Vor Kurzem konnten wir sogar eine Wohnungsdelogierung verhindern, eine Anwältin hat kostenlos ausgeholfen.

Gibt es auch negative Reaktionen, Menschen, die bevormundend auftreten?

Das hat mir persönlich noch nie jemand geschrieben, aber ich kenne es aus verschiedenen Kommentaren. Ich bin zum Beispiel die Letzte, die sagt: Da hast du 120 Euro, damit du über die Runden kommst, aber du kriegst es nur in Lebensmittelgutscheinen, weil du darfst dir nichts anderes kaufen. Armutsbetroffene wissen sowieso, wofür sie als Erstes Geld ausgeben müssen. Wenn sie sich dann noch eine Packung Tschick leisten, dann ist es so. Ich kenne diese Bevormundung ja selber. Und dieses Rechtfertigen, es klingt banal, aber es ist enorm kräftezehrend. Als Armutsbetroffene checkt man immer ab: Was braucht man für Lebensmittel, was braucht man für die Kinder, und du selber stehst immer als Letzte in der Reihe.

Armut macht krank – das zeigen verschiedene Studien. Wie können konkrete Auswirkungen aussehen?

Der Dauerstress während der Armut hat bei mir selbst Herzrhythmus­störungen verursacht. Ich habe über zwei Jahre lang einen viel zu hohen Adrenalinspiegel gehabt. Solange ich armutsbetroffen war, hat mich mein damaliger Hausarzt nicht wirklich ernst genommen. So nach dem Motto: Wovon willst du denn einen Stress haben? Erst später habe ich eine Haus­ärztin gefunden, die sich die Daten von den letzten Jahren angeschaut hat. Ihre erste Reaktion war: Klar, das bewirkt Armut. Das ist ja auch nachgewiesen. Es hat so unglaublich gutgetan, endlich einmal ernst genommen zu werden. Und das passiert so vielen Armutsbetroffenen, einfach nicht ernst genommen zu werden von Ärzt*innen.

Ihr nächstes Projekt ist ein Tiny House, in dem Armutsbetroffene Urlaub machen können. Was steckt hinter der Idee?

Der Anlass war ein trauriger, mein Schwager ist an Krebs verstorben. Wir hatten die Möglichkeit, auf seinem Grundstück einen Container zu einem Tiny House umzubauen.

Und dorthin möchte ich Leute einladen, die es sich nicht leisten können, mal zwei, drei Tage auszuspannen. Ich weiß einfach, wie es uns jahrelang gegangen ist, es war nicht möglich, ein Wochenende wegzufahren. Selbst wenn wir die Übernachtungskosten hätten stemmen können, wären sich die Zugtickets nie ausgegangen. Deshalb werde ich auch einen Moneypool einrichten, damit den Menschen die Zugtickets bezahlt werden können. Mir ist auch wichtig, das Haus richtig schön einzurichten, damit sich die Menschen wohlfühlen können, einmal loslassen und entspannen. Ich freue mich riesig darauf. •

Daniela Brodesser ist Mutter von vier Kindern zwischen zwölf und 24 und verheiratet. Sie hält Vorträge über Armutssensibilisierung, ist Jurymitglied beim Journalistenpreis „von unten“ und Mitwirkende beim Volksbegehren „Arbeitslosengeld rauf“. ar-mut.com

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„Menschen über den eigenen Körper sprechen lassen“ https://ansch.4lima.de/menschen-ueber-den-eigenen-koerper-sprechen-lassen/ https://ansch.4lima.de/menschen-ueber-den-eigenen-koerper-sprechen-lassen/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:24:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=47270 Die Sozialmedizinerin Gabriele Dennert erklärt, warum bei einem akuten Herzinfarkt zwar keine Zeit für Geschlechtertheorien bleibt, die Medizin unterschiedliche Diskriminierungsfaktoren aber dennoch unbedingt berücksichtigen sollte. Interview: Bettina Enzenhofer an.schläge: Gender-Medizin berücksichtigt Krankheitsunterschiede zwischen Frauen und Männern, beispielsweise kann sich ein Herzinfarkt bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern. Könnte das auch zu Verallgemeinerungen führen? Es unterscheiden […]]]>

Die Sozialmedizinerin Gabriele Dennert erklärt, warum bei einem akuten Herzinfarkt zwar keine Zeit für Geschlechtertheorien bleibt, die Medizin unterschiedliche Diskriminierungsfaktoren aber dennoch unbedingt berücksichtigen sollte. Interview: Bettina Enzenhofer

an.schläge: Gender-Medizin berücksichtigt Krankheitsunterschiede zwischen Frauen und Männern, beispielsweise kann sich ein Herzinfarkt bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern. Könnte das auch zu Verallgemeinerungen führen? Es unterscheiden sich ja nicht zwingend alle Frauen von allen Männern in der Symptomatik.

Gabriele Dennert: Ja, das ist ein Grundproblem in der Medizin. In der medizinischen Sozialisation wird man auf das schnelle Bilden von Kategorien trainiert, gerade wenn es um Diag­nosen von Notfällen geht. Kommt ­jemand zur Tür rein, Schweiß auf der Stirn, greift sich an die Brust, hat Schmerzen: Herzinfarkt. Es ist zweifellos wichtig, dass es so läuft. Aber ganz ehrlich: Ich habe mal fast einen Herzinfarkt bei einer Frau übersehen, weil ich eben so sozialisiert worden bin. Sie hatte Magenschmerzen. Erst als wir das EKG dranhatten, haben wir den Herzinfarkt gesehen. Deshalb ist es ein Fortschritt, wenn in der Ausbildung eine zweite Fallvignette dazukommt. In der Medizin muss man Komplexität reduzieren, man kann in einer Notfallsituation keine Geschlechtertheorien diskutieren. Aber: Die meiste Versorgung ist kein Notfall!

Wie Ärzt*innen Menschen adressieren oder welche Vorannahmen sie haben, zum Beispiel dass die Patient*innen cis, hetero etc. sind, ist auch keine Notfallsituation.

Diese Vorannahmen gehören zu den größten Problemen. Und dann treten an manchen Stellen Irritationen auf. Zum Beispiel Männer mit Transitionsgeschichte in der frauenärztlichen bzw. gynäkologischen Versorgung: Der Name „frauenärztlich“ drückt ja schon aus, dass sie eigentlich nicht zur Zielgruppe gehören. Das hat nichts mit einem Notfall zu tun, sondern mit struktureller Diskriminierung.

Stichwort Corona: Hirnvenenthrombosen nach einer Corona-Impfung treten häufiger bei Frauen auf, Herzmuskelentzündungen häufiger bei Männern. Wie lässt sich das erklären?

An manchen Stellen gibt es dafür eine biologische Erklärung, bei Herzmuskelentzündungen möglicherweise auch eine soziale. Ich breche es mal runter: Das Immunsystem funktioniert bei Frauen und Männern unterschiedlich. Manche Autoimmun­erkrankungen zum Beispiel betreffen häufiger Frauen. Bei den Vektor-Impfstoffen war damit zu rechnen, dass es bei Frauen häufiger zu Blutgerinnungsstörungen kommt. Das ist der Fall. Und ein ganz schwerwiegender Ausdruck einer solchen Gerinnungsstörung sind Hirnvenenthrombosen, die gravierende Auswirkungen haben.

Warum kommt Long Covid häufiger bei Frauen vor?

Dafür bin ich keine Expertin, ich verfolge nur den Fachdiskurs. Es scheint verschiedene Aspekte zu geben. Das eine ist: Man weiß noch gar nicht, was Long Covid eigentlich ist. Man ringt noch mit einer Definition, nämlich das Vorhandensein einer bestimmten Symptomatik mit einem bestimmten Abstand zur eigentlichen Infektion. Es gibt zum Beispiel Fatigue Syndrome, die kennen wir auch nach Infektionskrankheiten oder Krebs. Fatigue wurde in der Medizin lange vernachlässigt und erhält nun mehr Aufmerksamkeit. Aber es ist nicht klar, wo diese Symptomatik herkommt. Ist es neurologisch, spielt auch Psychosomatik eine Rolle? Dass immunologische Vorgänge eine Rolle spielen, leuchtet mir aus der Fachdiskussion ein, und insofern würde es auch einleuchten, dass es über die Geschlechter nicht gleich verteilt ist. Hier scheint mir noch einiges ungeklärt im Moment. Oft werden Erkrankungen, die Frauen häufig betreffen, in der Forschung total vernachlässigt. Das scheint mir diesmal nicht der Punkt zu sein.

Die meisten medizinischen Statistiken weisen nur Frauen und Männer aus. Thematisiert die Gender-Medizin Menschen, die nicht-binär sind?

In der offiziellen Gender-Medizin, in Lehrbüchern kann ich kaum Repräsentation von Menschen erkennen, deren Selbstbezeichnung nicht-­binär ist. Da ist noch ein Weg zu gehen. Wer in dieser Diskussion übrigens fehlt, sind Lesben, die sich nicht als Frauen bezeichnen, jedoch auch nicht als non-binär, wie zum Beispiel Butch-Identitäten.

Sie haben lange die Website lesbengesundheit.de betrieben. In Frauengesundheitsberichten steht mitunter, dass lesbische und bisexuelle Gesundheit untererforscht ist, aber weiter passiert nichts. Warum?

Sexismus meets Lesbenfeindlichkeit? Ich arbeite mit Ulrike Boehmer an dem Buch „LGBT And Cancer In The Global Context“. Man sieht in etlichen Beiträgen, dass die Datenlage international sehr marginal ist, auch in Deutschland gibt es erschütternd wenig Daten zu Krebs und LGBTs – und wenn, dann sicherlich nicht für Lesben. Hier wirken mehrere Marginalisierungsmechanismen zusammen. Auch die Gender-Medizin denkt oft sehr heterozentrisch. Es gibt eine internalisierte Lesbenfeindlichkeit, übrigens auch bei Lesben, und es ist nicht karrierefördernd, zu so einem Thema zu arbeiten.

Sie leiten das Projekt InTraHealth, in dem Sie zu Hürden und Diskriminierungserfahrungen von trans und inter Personen in der allgemeinen Gesundheitsversorgung geforscht haben. Was haben Sie heraus­gefunden?

Wir haben eine Befragung gemacht und gesehen: Es gibt Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung. Diese führt zu einer verringerten Inanspruchnahme, auch bei Gewalterfahrungen, bei Unfällen, bei körperlichen und psychischen Erkrankungen. Diskriminierung gibt es auf unterschiedlichen Ebenen, das ist für inter und trans Personen sehr unterschiedlich. Die befragten inter Personen hatten meist sehr früh Kontakt mit der Versorgung, die ist sehr negativ verlaufen und in Erinnerung geblieben. Der eigene Körper wurde in der medizinischen Versorgung in normative Vorgaben eingeordnet oder hat Irrita­tion ausgelöst, weil er nicht in diese binären Vorgaben passte. Das zieht sich durch die gesamte Biografie, inter Personen antizipieren: „Jedes Mal, wenn ich hingehe, wird es so sein.“ Trans Personen in Deutschland empfinden die Zwangskontakte als negativ, die sie im Rahmen der Transition benötigen, zum Beispiel mit Gutachter*innen oder Krankenkassen. Zusätzlich erleben sie zum Teil Diskriminierung bei der medizinischen Versorgung. Das kann dazu führen, dass auch außerhalb der Transition Kontakte vermieden werden, wie zum Beispiel Teilnahme an gynäkologischen Früherkennungsuntersuchungen oder auch bei Allgemeinärzt*innen.

Wie könnte die allgemeine Gesundheitsversorgung für trans und inter Personen verbessert werden?

Wir widmen uns der Fortbildung und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, wie man akzeptierend mit Menschen umgehen kann. Das sind oft Standarddinge: möglichst wenig Vorannahmen treffen, Menschen zum Beispiel erst mal über sich und den eigenen Körper sprechen lassen, bevor man mit einer Diagnose kommt.

Darüber hinaus gibt es die Ebene der dahinterliegenden Strukturen, zum Beispiel fehlende Normwerte bei Blutproben von inter Personen oder Personen, die eine Hormonsubstitutionstherapie machen. Diese Normwerte gibt es nur für Männer und Frauen.

Sie haben zu Embodiment in Zeiten der Pandemie geforscht. Was bedeutet das?

Im Kern geht es um die Frage: Wie schreiben sich soziale Verhältnisse in den Körper ein? Das ist Embodiment. Und was verändert sich in Zeiten von Pandemien mit diesem Embodiment? Am Beginn der Pandemie war ja viel die Rede davon, dass niemand immun sei und wir alle im gleichen Boot säßen. Dabei war von Anfang an klar: Nein, wir sitzen nicht alle im gleichen Boot. Dieses Virus tickt wie alle anderen Erkrankungen: Es richtet sich extrem nach sozialen Ungleichheiten. Am Anfang waren es die internationalen, privilegierten Gruppen, die dieses Virus über die Welt verbreitet haben, und dann haben die sich in ihren Gated Communities verschanzt. Die weniger privilegierten Leute sterben häufiger. Man sieht diese sozialen Ungleichheiten überall, zwischen den Ländern und innerhalb von Ländern. Und dann wurde darauf reagiert, zum Beispiel mit Sonderimpfaktionen in Stadtteilen mit hoher Bevölkerungsdichte.

Das Virus ist aber nur ein Punkt in der Pandemie. Viele andere Punkte sind: Was passiert durch die Maßnahmen? Was macht das mit Gesundheit? Wie verkörpert sich plötzlich ein Armutsrisiko in der eigenen Gesundheit? Und wie kann man damit umgehen? Wir sehen auch, dass Antisemitismus und Rassismus stark zugenommen haben. Die Zuschreibungen, dass in der Pandemie die Gefahr von anderen Körpern ausgeht, sind enorm anschlussfähig. •

Gabriele Dennert ist Professorin für Sozialmedizin und Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der FH Dortmund.

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Noch immer werden Frauen in der medizinischen Forschung vernachlässigt – und auch ihre Schmerzen werden weniger ernst genommen. Die Folge sind frustrierende Leidensgeschichten. Von Ruth Eisenreich

Als Martina H. im März 2017 die Schmerzambulanz verlässt, ist sie erleichtert. Die Höllenschmerzen, die sie seit acht Monaten quälen, sind zwar noch da, und sie werden nicht so bald verschwinden. Martina H. weiß auch noch immer nicht ganz sicher, woher sie kommen. Aber die Ärztin in der Ambulanz hat immerhin einen Verdacht. Sie kam darauf, weil sie ihr zugehört hat, sie ernst genommen hat. In den Monaten davor hat H. oft das Gegenteil erlebt.

Mindestens zehn Ärzten und Ärztinnen hat die damals 40-Jährige in dieser Zeit von ihren Beschwerden erzählt: dass ihre Beine seit Sommer 2016 ständig schmerzen; dass Schmerzmittel nicht helfen; dass sie nur mit winzigen Schritten gehen kann, weil die Beine so krampfen; dass sie kaum noch schläft, weil selbst die Berührung der Bettdecke Schmerzen auslöst. Sie habe immer dazugesagt, dass sie kurz vor Beginn der Beschwerden eine Gürtelrose hatte.

Martina H. erzählt, was sie bei ihrer Suche nach Hilfe von der Ärzteschaft zu hören bekam. „Sie schauen doch eh gut aus.“ „Warum wollen Sie Fahrrad fahren? Sie sind eh schlank.“ „In Ihrem Alter sind Frauenkörper einfach nicht mehr so belastbar.“ „Mir schlafen auch die Beine ein, wenn ich lange in derselben Position sitze.“ „Werden Sie doch nicht gleich hysterisch.“

Die Ärztin in der Schmerzambulanz, die sie ernst nahm und schließlich herausfand, was mit ihren Beinen nicht stimmte, habe ihr das Leben gerettet, sagt Martina H. „Ich habe damals schon überlegt, wenn ich nicht herausfinde, wie ich mit dem Schmerz umgehen kann“, sie zögert, bevor sie weiterspricht, „bringe ich mich um.“

Martina H.s Krankheitsverlauf war eher untypisch. Aber dass schon leichte Berührungen Schmerzen auslösten, dass die Schmerzmittel nicht halfen, die vorangegangene Gürtelrose: Das hätte all die Fachleute durchaus auf die richtige Spur bringen können. Hätten die Mediziner*innen ihr aufmerksamer zugehört, ihren Aussagen mehr vertraut, sie hätten Martina H.s Qualen vermutlich abkürzen können.

Das Problem liegt nicht nur bei den Ärzt*innen selbst. Es liegt in einem Gesundheitssystem, in dem Frauen weltweit Medikamente einnehmen, die nur an Männern getestet wurden, und in dem Geschlechterklischees dazu führen, dass Schmerzen von Frauen oft nicht ernst genommen, ihre Krankheiten nicht erkannt werden. Das Problem zieht sich durch alle Ebenen der Medizin, von der Forschung an Zellkulturen über klinische Studien bis hin zu Lehrbüchern.

Die US-Journalistin Maya Dusenbery hat für ihr 2018 erschienenes Buch „Doing Harm“ mit Ärzt*innen und betroffenen Frauen gesprochen und Dutzende Studien gewälzt. Sie definiert darin zwei „Lücken“, die Frauen immens schaden: den „Knowledge-­Gap“, die Wissenslücke, und den „Trust- Gap“, die Vertrauenslücke.

Die Wissenslücke bedeutet: Wir wissen viel weniger über Frauen- als über Männerkörper. Nicht weil der Frauenkörper so viel komplizierter wäre, sondern weil er weniger erforscht wurde.

Test an Männern, Verabreichung an Frauen. Nach dem Skandal um das Beruhigungsmittel Contergan, das in den 1950er-Jahren zu Fehlbildungen bei Tausenden Neugeborenen führte, verschärfte die für Medikamentenzulassungen zuständige US-Behörde FDA die Regeln für Arzneimitteltests. Sie wollte verhindern, dass durch Tests an schwangeren Frauen Ungeborene geschädigt würden. Aber statt etwa vorzuschreiben, dass Frauen vor einer Teilnahme nach einer möglichen Schwangerschaft gefragt und über die Risiken aufgeklärt werden, schloss die FDA Frauen im gebärfähigen Alter komplett von klinischen Studien aus. Die Ironie: Gegen einen Fall wie Contergan hätte ein solches Verbot gar nicht geholfen, denn die betroffenen Frauen nahmen Contergan nicht im Zuge einer Studie, sondern nach seiner Zulassung. In den nächsten Jahrzehnten wurde es dennoch zur Regel, Medikamente an Männern zu testen und sie dann Frauen zu verabreichen. Bis heute machen Frauen nur einen kleinen Teil der Versuchspersonen in medizinischen Studien aus, und nur die wenigsten Studien werden auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin ausgewertet.

Dusenbery beschreibt bizarre Auswüchse, zum Beispiel eine Studie von 1986 zum Einfluss von Übergewicht auf Brust- und Gebärmutterkrebs, die ohne eine einzige weibliche Teilnehmerin auskam. Und nicht nur Frauen werden in der medizinischen Forschung oft übergangen, sondern auch weibliche Mäuse und Ratten und sogar weibliche Zellen in der Petrischale. Sabine Oertelt-Prigione ist Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld und der niederländischen Radboud-Universität, zuvor hat sie am 2003 gegründeten Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité geforscht, dem ersten Institut im deutschsprachigen Raum. Fragt man sie, warum die Medizin erst in den letzten zwei, drei Jahrzehnten begann, auf die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerkörpern zu achten, antwortet sie trocken: „Weil erst mal Frauen sterben mussten.“ Der Erkenntnisprozess begann in der Kardiologie. „Bis Ende der 1990er-­Jahre dachte man, junge Frauen könnten keine Herzinfarkte haben“, sagt Oertelt-Prigione. „Dann sah man: Doch, sie haben Herzinfarkte, und sie sterben öfter daran als Männer.“ Häufigere Fehldiagnosen. Es zeigte sich, dass Herzinfarkte bei Frauen später erkannt werden, weil sie öfter atypische Symptome haben als Männer und seltener die klassischen in den Arm ausstrahlenden Brustschmerzen; und es zeigte sich auch, dass viele Medikamente bei Frauen mehr Nebenwirkungen haben, entweder weil ihre Wirkstoffe unterschiedlich abgebaut werden oder weil sie für Frauen schlicht zu hoch dosiert sind. Eine Studie aus dem Jahr 2000 untersuchte die Krankengeschichten von Menschen mit akuten Herzdurchblutungsstörungen. 2,2 Prozent von ihnen waren in der Notaufnahme falsch diagnostiziert und nach Hause geschickt worden – bei Frauen unter 55 lag die Rate dreimal so hoch.

Bei anderen Erkrankungen zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Asthma etwa, sagt Oertelt-Prigione, werde bei Mädchen später diagnostiziert als bei Buben, weil sie seltener die pfeifenden Laute beim Atmen von sich gäben, sondern oft nur einen trockenen Husten hätten. Die Rheuma-Erkrankung Morbus Bechterew galt lange als Männerkrankheit – heute vermuten manche Experten, dass sie bei beiden Geschlechtern gleich häufig auftritt, bei Frauen aber oft unerkannt blieb. Bei ihnen verläuft die charakteristische Versteifung der Wirbelsäule langsamer, dafür haben sie häufiger Entzündungen in den Knie- oder Hüftgelenken.

Umgekehrt sei die Situation bei Autoimmunerkrankungen, etwa bei Lupus erythematodes, sagt Sabine Oertelt-Prigione. „Davon sind tatsächlich mehr Frauen betroffen, aber Männer werden auch seltener und später diagnostiziert, weil sie oft keine roten Backen haben und ihre Finger nicht auf Kälte reagieren.“ Das sei doppelt problematisch, weil Auto­immunerkrankungen bei Männern meist schneller voranschritten als bei Frauen. Auch Osteoporose werde bei Männern oft nicht erkannt, dabei betreffe sie immerhin jeden dritten Mann über siebzig. Bei solchen Fehl­diagnosen spielten neben atypischen Symptomen auch die Bilder eine Rolle, die Ärztinnen und Ärzte aus dem Medizinstudium mitnähmen, sagt Oertelt-Prigione: „Autoimmunerkrankungen oder Osteoporose hat in den Lehrbüchern fast immer eine Frau, einen Herzinfarkt ein Mann.“

Maya Dusenbery nennt dieses Problem den „knowledge-mediated bias“, eine „Wissensverzerrung“: Das Bewusstsein, dass eine bestimmte Krankheit bei einem Geschlecht häufiger vorkommt, könne sich so weit verselbstständigen, dass die Krankheit beim anderen Geschlecht gar nicht mehr erkannt werde. Dusen­bery schildert etwa den Fall einer Frau, die unter der „Männerkrankheit“ Cluster-Kopfschmerz litt und der von Neurologen erklärt wurde, die Symptome, die sie beschreibe, könne sie gar nicht haben.

Eingebildete Schmerzen. Aber auch das, was Autorin Dusenbery den „Trust-Gap“ nennt, die Vertrauenslücke, spielt eine wichtige Rolle: Wir trauen Frauen weniger als Männern, wenn sie von ihren Beschwerden berichten. In einer Online-Umfrage 2014 unter 2400 Frauen mit Fibromyalgie, Migräne und anderen chronischen Schmerzen gaben 45 Prozent der Befragten an, mindestens einmal von einem Arzt gehört zu haben, sie bildeten sich ihre Schmerzen nur ein, und mehr als der Hälfte war gesagt worden: „Sie sehen gut aus, es muss Ihnen besser gehen.“ Für eine Anfang 2019 veröffentlichte Studie der Universität Yale zeigten Forscher*innen 264 Erwachsenen ein Video, in dem jemand einem kleinen Kind in den Finger sticht. Einer Hälfte wurde das Kind als Samuel präsentiert, der anderen als Samantha. Die Versuchspersonen, besonders die Frauen unter ihnen, stuften „Samuels“ Schmerzen als stärker ein als „Samanthas“.

Die Vertrauenslücke ist es, die auch Martina H. zu schaffen machte. „Die meisten Ärzte haben mich behandelt wie eine Hochstaplerin“, sagt sie. In der Schmerzambulanz wurde bei ihr schließlich eine Post-­Zoster-Neuralgie diagnostiziert, ein Nervenschmerz, der als Folge einer Gürtelrose auftreten kann. Es ist eine Krankheit, die man nicht auf Röntgenbildern oder in Blutwerten erkennt. Man diagnostiziert sie, indem man bestimmte Medikamente, bei Martina H. waren es Anti-Epileptika, verschreibt – helfen die, ist die Diagnose bestätigt. Um überhaupt so weit zu kommen, müssen Ärzt*innen den Patient*innen allerdings glauben, dass ihre Schmerzen real sind, auch wenn diese sich nicht in Laborbefunden widerspiegeln. Daran scheiterte Martina H.: „Es gab nur meine Aussage, und die war nichts wert.“ Das Geschlecht der Behandelnden habe bei all dem genauso wenig eine Rolle gespielt wie die Frage, ob es ein Kassen- oder ein Wahlarzt war. Gerade Aussagen zu ihrem Äußeren seien meist von Frauen gekommen.

Irgendwann begann H., ihren Freund zu Arztterminen mitzunehmen – und war verblüfft, welchen Unterschied das machte. „Ich sage, dass ich Schmerzen habe, es kommt eine blöde Meldung zurück“, erzählt sie. „Dann wiederholt mein Freund, was ich gesagt habe, und die Ärztin sagt: Aha, ja, verstehe.“

Martina H. erinnert sich noch daran, wie die Sonne durch die Fenster im Treppenhaus schien, als sie im Frühling 2017 das erste Mal wieder von ihrer Wohnung im dritten Stock ins Erdgeschoß hinunterging, ohne sich am Geländer festzuhalten, ohne nach jedem Treppenabsatz eine Pause zu machen, ohne Schmerzen. Eineinhalb weitere Jahre sollte es dauern, bis sie ihre Medikamente absetzen konnte. Eine Anfälligkeit für Schmerzen und Krämpfe in den Beinen wird möglicherweise für immer bleiben. •

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Die Lohnlücke tut sich zwischen Müttern und kinderlosen Frauen ­mitunter weiter auf als zwischen Frauen und Männern. ­Ausgerechnet bei Bewerbungsrunden um Teilzeitstellen werden Mütter gerne ­aussortiert. Von Cornelia Grobner

„Würdet ihr die Kinder im Lebenslauf erwähnen?“ Die Frage sorgt – nicht zum ersten Mal – für Diskussionen in der Freund*innenrunde. Schreit das nicht regelrecht nach unerwarteten Ausfalltagen und chronischer Inflexibilität? Einerseits. Andererseits: Würde eine vermeintlich kinderlose Bewerberin Mitte dreißig nicht automatisch als Mutter in spe eingestuft werden – drohende Karenzausfallzeiten inklusive? Möglicherweise könnte ein prophylaktischer Hinweis auf die abgeschlossene Familienplanung im Anschreiben Bedenken auf Arbeitgeber*innenseite zerstreuen? Das Gespräch dreht sich im Kreis.

Für den Einzelfall lässt sich eine zufriedenstellende Antwort erwartungsgemäß nicht finden. Ein groß angelegtes wissenschaftliches Experiment des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) mit neuntausend fingierten Bewerbungen für Jobs im Bereich Buchhaltung und Backoffice an Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nähert sich 2019 einer Antwort zumindest auf statistischer Ebene an. Das Ergebnis ist ernüchternd. Demnach macht sich nicht nur Mutterschaft, sondern auch potenzielle Mutterschaft im Bewerbungsverfahren um Teilzeitstellen nicht gut. Am seltensten in die engere Auswahl kamen hierfür verheiratete Frauen ohne Kinder – mit einem suggerierten großen Schwangerschafts­risiko, am häufigsten verheiratete Frauen mit zwei älteren Kindern. Die gute Nachricht: Im Fall von Vollzeitjobs hatte Mutterschaft hingegen keine Auswirkungen auf die Rückmeldungen. Bewerberinnen mit und ohne Kinder erhielten gleichermaßen häufig positive Antworten. Das Interesse an einer Ganztagsstelle signalisiert offenbar, dass die Betreuung der Kinder organisiert und gesichert ist.

Motherhood-Penalty. Die Diskriminierung von Müttern auf dem Arbeitsmarkt hört allerdings nicht bei der Bewerbung auf. Motherhood-Penalty heißt der soziologisch geprägte Begriff, der dieses Phänomen beschreibt. Während Männer im Arbeitsleben von ihrer Elternschaft profitieren, solange sie keine (sichtbaren) Betreuungsaufgaben übernehmen, wirken sich Kinder für Frauen häufig nachteilig auf berufliche Chancen und Gehalt aus. Das Lohngefälle ist zwischen Müttern und Frauen ohne Kinder bisweilen größer als zwischen Frauen und Männern. In Deutschland und Österreich verdienen Mütter im Laufe ihres Berufslebens um dreißig bis vierzig Prozent weniger als kinderlose Frauen. Durchschnittlich. Denn freilich, Mütter in gut bezahlten Berufen können die Kinderbetreuung auslagern und damit die Motherhood-Penalty vermeiden. Demgegenüber kämpfen Mütter mit geringem Einkommen oftmals mit Jobunsicherheit und Betreuungs­lücken. Jahre beruflicher Instabilität senken in der Folge ihre späteren Bewerbungschancen und wirken sich auf das Gehalt aus.

Die polnischen Ökonominnen Ewa Cukrowska-Torzewska und Anna Matysiak haben sich die Situation europaweit angeschaut und vierzig Untersuchungen zum länderspezifischen Lohngefälle zwischen Müttern und kinderlosen Frauen verglichen. Ihr Resümee: Das Ausmaß der Gehaltslücken ist eng verknüpft mit den jeweiligen Elternzeitbestimmungen, dem Betreuungsangebot sowie der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Mutterrolle. „Der Mütter-Pay-Gap ist in jenen Ländern tendenziell geringer, in denen die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie entsprechend unterstützt wird“, so Cukrowska-Torzewska. In den skandinavischen Ländern, in Belgien und Frankreich hätten Mütter gegenüber kinderlosen Frauen fast keine Nachteile. „Die meiste Lohndiskriminierung erfahren Mütter in Mittel- und Osteuropa sowie im angelsächsischen Raum.“

Katharina Mader vom Institut für Heterodoxe Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien steht dem soziologischen Konzept „Motherhood-Penalty“ ambivalent gegenüber. „Nur ein Teil des Gender-Pay-Gaps kann über Mutterschaft erklärt werden. Außerdem gibt es auch so etwas wie die statistische Diskriminierung“, sagt Mader im an.schläge-Gespräch. Damit ist jene Diskriminierung von Frauen im Berufsleben gemeint, die auf der Annahme beruht, dass sie alle einmal Mütter werden – und dann ihre Arbeitszeiten reduzieren würden. Die Frage nach Kindern im Lebenslauf treibt Frauen also zu Recht um. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir mit einer feministischen Agenda wirklich weiterkommen, wenn wir uns zu sehr auf Mutterschaft als Erklärung für den Gender-Pay-Gap konzentrieren“, sagt Mader. Längere Arbeitszeitunterbrechungen aufgrund von Karenzzeiten und Teilzeitbeschäftigung mögen zwar mitverantwortlich dafür sein, aber es gebe eben noch andere Zusammenhänge, die nicht ausgeklammert werden dürften. Ein Beispiel dafür ist die horizontale und vertikale Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt, sprich, die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen auf verschiedene Branchen und Hierarchien.

Mutterschaft als Status of Choice. Bittere Realität ist jedoch, dass viele Arbeitgeber*innen die Kompetenz und Leistung von Müttern geringer einschätzen als jene von kinder­losen Frauen. Vor allem junge und alleinerziehende Mütter müssen mit schlechteren Bewertungen rechnen, weil sie als wenig flexibel wahrgenommen werden, als weniger unabhängig, weniger produktiv und weniger engagiert. So passiert es, dass gerade Frauen in hochqualifizierten Berufen aus der Karenzzeit zurückkehren und zwischenzeitlich informell degradiert wurden, nur mehr mit weniger wichtigen Projekten abgespeist oder bei Beförderungen „übersehen“ werden. Dazu kommen feindselige Mutmaßungen und abfällige Bemerkungen in der Kolleg*innenschaft über Pflegeurlaubstage und überpünktliche Feierabende. Der Applaus gilt vielfach jenen, die bis spätabends im Büro sitzen, und nicht etwa jenen, die womöglich Stunden vor den anderen schon da sind. Mutterschaft wird als Status of Choice wahrgenommen, als selbst gewähltes Schicksal – und entsprechend behandelt. Oder, anders formuliert: selber schuld.

Längst wird Motherhood-Penalty auch außerhalb klassischer Arbeitskontexte diskutiert. Im wissenschaftlichen Kontext wirken sich Kinder etwa schlecht auf die Anzahl an Publikationen von Müttern, jedoch nicht auf jene von Vätern aus. Betroffen sind vor allem Wissenschaftlerinnen, die sich vor der Geburt des ersten Kindes noch keinen Namen gemacht haben und eher am Anfang ihrer Karriere stehen, wie eine Studie von deutschen Soziologen 2020 zeigt. Gleichzeitig sind viele Nachwuchsförderungen und -stipendien an ein bestimmtes (junges) Alter geknüpft, das längere Ausfallzeiten durch Elternschaft nicht berücksichtigt.

Das betrifft auch Künstler*innen, z. B. bei subventionierten Gastaufenthalten, die selten Rücksicht darauf nehmen, dass sich Menschen mit Betreuungspflichten nicht einfach ein paar Wochen aus ihrem Alltagsleben ausklinken können. „Bei manchen Stipendien ist die Mitnahme von ­Kindern sogar konkret ausgeschlossen“, kritisiert die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz. Sie ist Teil des Writing-with-Care/Rage-Kollektivs, das sich für die Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Sorgearbeit einsetzt. „Ich kann nicht so leicht für mehrere Wochen oder Monate den Ort wechseln. Für das Überleben als Schriftsteller*in sind Residenzen und Aufenthaltsstipendien aber eigentlich entscheidend, und so werden Eltern und besonders Mütter ausgeschlossen.“

Pessimistische Aussichten. Mütter passen eben nicht ins Konzept. Zumindest nicht in ein patriarchal geprägtes Verständnis von Produktivität, Intellektualität und Kreativität. Dazu kommt eine Pandemie, in der die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen eklatant verstärkt wurde. „Auch wenn ich dem Begriff Motherhood-Penalty recht kritisch gegenüberstehe, so kriegt er in Corona-Zeiten schon eine neue Bedeutung“, meint jedenfalls Ökonomin Mader. „Mütter sind in den Augen von Arbeitgeber*innen sicherlich nochmals deutlich ,unattraktiver‘ geworden. Ob und wie wir das jemals wieder aufbrechen können, da bin ich ziemlich pessimistisch.“

Und was würde Mader selbst nun ihren Freund*innen raten – Kinder in den Lebenslauf, ja oder nein? „Ich bin immer dafür, Organisationsveränderungen anzustoßen, deshalb finde ich Kinder im Lebenslauf wichtig, damit klar ist, dass Dienstgeber*innen auf zu späte und zu spontane Meetings verzichten sollen, wenn sie wollen, dass ich dabei bin“, sagt sie. Aber: „Das muss nicht jederfraus Kampf sein. Wer Kulturveränderungen nicht anstoßen will oder aufgrund der Position ohnehin nicht kann, der würde ich raten, die Kinder nicht anzugeben. Einfach, um sich persönlich nicht schon von vornherein Diskriminierung auszu­setzen.“ •

Cornelia Grobner lebt und arbeitet als Journalistin in Wien.

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