V/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 09 Aug 2021 14:37:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Dunkel, lang, dicht https://ansch.4lima.de/dunkel-lang-dicht/ https://ansch.4lima.de/dunkel-lang-dicht/#respond Sun, 27 Jun 2021 22:20:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=43281 Ob Unibrow, Achsel- oder Beinhaar: Trotz jahrzehntelanger feministischer ­Fürsprache und Bodypositivity bis in die Gilette-­Werbung ist beim Kampf mit den Körperhaaren kein Ende in Sicht. Von Sam Osborn und Julia Proksch Augenbrauen, Achseln, Beine, Bart. Wie viele unterschiedliche Phasen ich mit meinen Körperhaaren schon durchgemacht habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich habe relativ […]]]>

Ob Unibrow, Achsel- oder Beinhaar: Trotz jahrzehntelanger feministischer ­Fürsprache und Bodypositivity bis in die Gilette-­Werbung ist beim Kampf mit den Körperhaaren kein Ende in Sicht. Von Sam Osborn und Julia Proksch

Augenbrauen, Achseln, Beine, Bart. Wie viele unterschiedliche Phasen ich mit meinen Körperhaaren schon durchgemacht habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich habe relativ jung Körperbehaarung bekommen, aber erst relativ spät begonnen, sie zu entfernen. Mit dem ­Rasierer (pink, Einweg) konnte ich nie gut umgehen, ich verwendete ihn dennoch jahrelang. Mit der Pinzette schaffte ich es gerade mal, meine Unibrow zu trennen. Bald folgte die feministische Politisierung und alles spross wieder. Ich mochte die Pflegeleichtigkeit des Nichtrasierens, gleichzeitig ging damit ein gewisses Unbehagen einher: Finde ich mich selber noch schön mit behaarten Beinen, oder ist es nur ein politisches Statement?

Dann die selektive Entfernung, Achseln mal ja, mal nein, Beine nein, Augenbrauen jein, Bart gab’s noch nicht. Die Jahre vergehen, ich beschäftige mich wenig damit, in meinem Umfeld wird Körperbehaarung kaum mehr thematisiert, die meisten haben für sich einen guten Umgang gefunden – keineswegs alle den gleichen.

Erst mit meinem trans*Outing sind sie plötzlich wieder Thema, die alten Körperhaare. Als ich anfange, Hormone zu nehmen, werden meine Beinhaare länger und dichter. Langsam wächst auch mein Bart, zum ersten Mal seit Langem greife ich wieder zum Rasierer (schwarz, elektrisch). Plötzlich ist alles umgekehrt. Kann ich meine Haare am Bein jetzt mehr lieben, weil mich niemand mehr schief anschaut? Möchte ich jetzt erst recht meine Augenbrauen zupfen (lassen), um mit hegemonialer Männlichkeit zu brechen? Was passiert, wenn ich plötzlich mit Behaarung an Stellen zu kämpfen habe, die ich glatt viel lieber mochte?

Und dann auch noch die Wechselwirkungen! Während die Haare am ganzen Körper plötzlich auftauchen, verabschieden sich die dichten Locken auf dem Kopf. Höre ich mit dem Testo auf, kann ich den Haarverlust aufhalten, aber der Bart wird nie dichter, die Menstruation setzt wieder ein. Jetzt steht also meine Eitelkeit meiner Genderdysphorie gegenüber – in einem Kampf ohne Gewinnerin.

Sam Osborn lässt sich gern die Kopfhaare von anderen schneiden und kann es – trotz Lockdowns – leider immer noch nicht selber.

Jede soll und darf mit dem eigenen Körper und den Haaren machen, was sie möchte. Das zumindest gaukelt uns inzwischen die Werbung vor.

Selbst Kosmetikgroßkonzerne erfinden derzeit den Feminismus neu und rufen die Autonomie von Frauen bei den Schönheitsstandards aus. Auch in den Sozialen Medien präsentiert frau ihr Haar immer häufiger in schönster Natürlichkeit – niedliche, feine, blonde Härchen, die sich wie leichter Teint unter die Achsel schmiegen. Meine Körperbehaarung sah mit zwölf schon wilder aus. Dunkel, lang, dicht. Überall kamen sie hervorgeschossen. Meine Sozialisation ließ mir keine Wahl, schnell musste der Rasierer her. Ich merkte allerdings bald: Erstens macht mir das keinen Spaß, vor allem weil, zweitens, nach zwei Tagen alles wiederkommt. Ich will doch nicht viermal die Woche eine halbe Stunde in der Badewanne sitzen und mit meinen Beinhaaren kämpfen!

In der Fernsehwerbung sitzen sie auf der Kante der Badewanne (wie unbequem!) und rasieren ihre pfirsichfarbenen Beine, die allerdings paradoxerweise auch vor der Rasur schon superglatt und haarlos sind.

Diese Werbungen sind weiterhin die Norm, wohlgeformte schlanke Beine, glatt und lang und kein Ende in Sicht. Kein Wunder also, dass rund 98 Prozent der Frauen sich weiterhin rasieren – es wird einfach erwartet. Das machen die Blicke auf der Straße unmissverständlich deutlich, die Kommentare von Verwandten oder die Tinder-Dates, mit denen man sofort eine feministische Grundsatzdebatte führen muss.

Ich habe eigentlich keine Lust, meine kostbare Lebenszeit in die Sisyphusarbeit der Haarentfernung zu stecken. Aber jetzt ist es Sommer, es hat 35 Grad und ich bin zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich trage mein luftiges Schlabberkleid, in dem ich am liebsten den ganzen Sommer verbringen möchte, aber es reicht mir nur bis zu den Knien – darunter der Urwald.

Trotz zahlloser Empowerment-Gespräche mit meinen Freund:innen fühle ich mich al naturelle noch immer nicht wohl. Vor allem nicht beim Kellnern in hohen Schuhen und im kurzen Rock, wenn ich so die High Society mit unrasierten Beinen zum Tisch führen müsste. Nach all den Jahren und Auseinandersetzungen: Es bleibt ein haariges Thema.

Julia Proksch mag rasieren genauso wenig wie blöde Blicke.

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Richtung Regenbogen https://ansch.4lima.de/richtung-regenbogen/ https://ansch.4lima.de/richtung-regenbogen/#respond Sun, 27 Jun 2021 22:11:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=43277 Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens (Antonio Gramsci): Das hat meine Haltung der Welt gegenüber immer gut auf den Punkt gebracht. Ob Klimakatas­trophe oder Kurz & Kickl – egal wie schlimm sich die Dinge im Großen und Kleineren auch entwickelt haben, im Grunde war ich tief im Herzen immer fest überzeugt, dass wir das […]]]>

Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens (Antonio Gramsci): Das hat meine Haltung der Welt gegenüber immer gut auf den Punkt gebracht. Ob Klimakatas­trophe oder Kurz & Kickl – egal wie schlimm sich die Dinge im Großen und Kleineren auch entwickelt haben, im Grunde war ich tief im Herzen immer fest überzeugt, dass wir das Ruder schon noch herumreißen werden. Seit ich Kinder habe, ist mein Optimismus verbissener geworden, dahinter lauert die nackte Angst. In meinen dunkelsten Stunden male ich mir aus, wie mein Sohn und meine Tochter, längst elternlos auf sich allein gestellt, in ferner Zukunft um ihr nacktes Leben kämpfen. Brutale globale und lokale Verteilungskämpfe haben Rechts- und Sozialstaat zerstört, die Trumps, Putins, Orbáns und Erdoğans dieser Welt überall das Sagen. Und während sich eine kleine Elite auf künstliche Inseln (die tatsächlich schon geplant werden!) vor den Küsten der durch gestiegene Meeresspiegel untergegangenen Metropolen gerettet hat, kämpft der Rest der Menschheit in einer „Handmaid’s Tale“-artigen Apokalypse um Wasser und die wenigen Lebensmittel, die sich dem ausgedörrten Boden noch abtrotzen lassen.

Zugegeben: ein Worst-Case-Szenario. Aber der Best Case, die Umsetzung der Utopie eines guten Lebens für alle in einer sozial gerechten und ökologisch revolutionierten Welt mit bloß moderatem Temperaturanstieg, wird mit jedem ungenutzt verstrichenen Tag unwahrscheinlicher. Die Pandemie hat als Katalysator die paradoxe Gleichzeitigkeit gegenläufiger Entwicklungen, die sich bereits in den letzten Jahren erleben ließ, auf die Spitze getrieben. Dem globalen „rise of the strong men“, der immer krasseren Reichtumsverteilung und Umweltzerstörung standen zuletzt die mutmachenden erstarkenden feministischen Bewegungen und der Aktivismus für Klimagerechtigkeit gegenüber. Corona hat das alles in Windeseile verschärft, die Gewinne von Amazon ebenso wie die unbezahlte Arbeit von Frauen, den Pflegenotstand genau wie Arbeitslosigkeit und Verarmung. Zugleich hat das vergangene Jahr diese Missstände aber auch in greller Deutlichkeit sichtbar werden lassen und damit auch die Dringlichkeit, schnellstmöglich aktiv zu werden.

Dass Krisen immer auch Chancen sind, ist eine Platti­tüde, die nicht nur abgedroschen, sondern angesichts von Millionen Toten auch ziemlich zynisch ist. Ergreifen sollten wir die Chance freilich trotzdem. Denn die Pandemie hat nicht nur die Fragilität von Normalität sichtbar gemacht, sondern auch gezeigt, wie schnell tiefgreifende politische Maßnahmen umgesetzt werden können, wenn die Situation es erfordert. Die Herausforderung der Stunde besteht nun darin, unmissverständlich klarzumachen, dass nicht nur ­Corona ein Notstand ist, sondern auch die imperiale Lebensweise, wie die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen die Ausbeutung von Mensch und Natur durch den globalen Kapitalismus nennen. Und dass es auf Messers Schneide steht, ob wir auf die Katastrophe zusteuern oder kollektiv eine andere Welt erschaffen. Die immer noch möglich ist! Uns daran auch selbst unermüdlich zu erinnern, ist wohl die ebenso schwierige Aufgabe, die wir vor uns haben. Um diese neue Welt Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es nämlich nicht nur Widerstand, sondern konkrete Strategie­entwicklung und politisches Organizing. Es braucht aber vor allem neue Erzählungen und emanzipatorische Verheißungen, die genug Strahlkraft haben, um Momentum zu erzeugen. Motivierende Entwicklungen, die sich dafür aufgreifen lassen, gibt es durchaus, z. B. das historische und hoffentlich wegweisende Gerichtsurteil gegen den Ölkonzern Shell, der seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um netto 45 Prozent senken muss. Shell sei zum Klimaschutz verpflichtet, lautet das Urteil, und das gelte nicht allein für das eigene Unternehmen, sondern auch für Zulieferer:innen und Endabnehmer:innen.

Außerdem haben sich die G7-Staaten zum ersten Mal auf eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent für internationale Konzerne geeinigt. Auch wenn man mit Attac unbedingt kritisieren muss, dass dieser Steuersatz zu niedrig ist und ärmere Staaten benachteiligt: Es ist ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung. Den Weg unbeirrt immer weiter zu gehen, wird sicher kein Spaziergang. Aber am Ende wartet der Regenbogen.

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Batty https://ansch.4lima.de/batty-8/ https://ansch.4lima.de/batty-8/#respond Sun, 27 Jun 2021 22:02:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=43267 ]]>
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Feminist Superheroines: Gloria Steinem https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-gloria-steinem/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-gloria-steinem/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:58:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=43263 Gloria Steinem ist US-amerikanische Autorin, Journalistin und Aktivistin. 1934 in Ohio geboren, studierte sie Politik am Smith College. Danach verbrachte sie zwei Jahre in Indien, wo die gewaltfreie Protestbewegung in der Tradition Gandhis ihren politischen Aktivismus prägte. Steinem ist eine Gallionsfigur der US-Frauenrechtsbewegung, was immer wieder auch für Kritik an der medialen Inszenierung einer weißen, […]]]>

Gloria Steinem ist US-amerikanische Autorin, Journalistin und Aktivistin. 1934 in Ohio geboren, studierte sie Politik am Smith College. Danach verbrachte sie zwei Jahre in Indien, wo die gewaltfreie Protestbewegung in der Tradition Gandhis ihren politischen Aktivismus prägte. Steinem ist eine Gallionsfigur der US-Frauenrechtsbewegung, was immer wieder auch für Kritik an der medialen Inszenierung einer weißen, fotogenen feministischen „Anführerin“ sorgte. Steinem ist Mitgründerin des US-amerikanischen feministischen Magazins „Ms.“, das zeitweise in einer Auflage von einer halben Million erschien. Sie war am Aufbau mehrerer feministischer Kollektive und Organisationen beteiligt, schrieb für diverse Medien und veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt „The Truth Will Set You Free, But First It Will Piss You Off!“ (2019). Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen wurde ihr 2014 von US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom verliehen. la

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Tell me more https://ansch.4lima.de/tell-me-more/ https://ansch.4lima.de/tell-me-more/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:55:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=43259 R’n’B-Fans müssen für herzzerreißende Liebeslieder nicht länger in die USA oder nach Großbritannien schauen – souveräner R’n’B kommt aktuell von der in Wien lebenden New­comerin Adaolisa. Von ­Dalia ­Ahmed Der deutschsprachige R’n’B wird ganz groß, das wird uns immer und immer wieder versprochen. Er war ja auch schon mal im Mainstream angelangt. In den späten 90ern und […]]]>

R’n’B-Fans müssen für herzzerreißende Liebeslieder nicht länger in die USA oder nach Großbritannien schauen – souveräner R’n’B kommt aktuell von der in Wien lebenden New­comerin Adaolisa. Von ­Dalia ­Ahmed

Der deutschsprachige R’n’B wird ganz groß, das wird uns immer und immer wieder versprochen. Er war ja auch schon mal im Mainstream angelangt. In den späten 90ern und frühen 2000ern lief die Kollabo zwischen Joy Denalane und Freundeskreis „Mit dir“ im Discman heiß, und auch die Formation Söhne Mannheims um den inzwischen auf arge Abwege geratenen Xavier Naidoo war eine Fixgröße am Pop-Firmament.

Aktuell kommt das alles wieder. Artists wie Rola, Mashanda oder Eli Preiss machen authentischen, wunderschönen R’n’B auf Deutsch. Die in Wien lebende Künstlerin Adaolisa beweist uns aber gerade, dass heimisch produzierter R’n’B auch auf Englisch extrem gut klingen kann.

Adaolisa macht Tracks, die problemlos auf einem Mixtape oder einer Playlist direkt neben neuen Releases von SZA, Summer Walker oder Ari Lennox gelistet werden können.

„Durch meinen Vater, der mein Zuhause immer mit Musik gefüllt hat, bin ich mit den Stimmen von Brenda Fassie, Michael Jackson, Anastasia, Lionel Richie, Fela Kuti und Luther Vandross aufgewachsen“, erzählt Adaolisa im an.schläge-Interview.

Adaolisa ist in Johannesburg geboren und aufgewachsen, nach einem Zwischenstopp in Salzburg mit ihren aus Österreich und Nigeria stammenden Eltern lebt und arbeitet sie nun in Wien. Die Musik, die ihr Vater in ihrer Jugend durchs Haus schallen ließ, hat die Musikerin entscheidend geprägt. Denn die Basis von Adaolisas Sound ist die Liebe zum geschmeidigen und doch kraftvollen R’n’B. Bittersüße Lovesongs, bei denen man sich in den besungenen Schmerz lehnt, um gestärkt am anderen Ende des Songs auszusteigen. „Ich konzentriere mich auf das Songwriting, die Melodienfindung und das Texten. Ab und zu produziere ich aber auch selbst mit.“

Mit dem Musikmachen und der Auseinandersetzung damit hat Adaolisa schon als Kind begonnen. Sie sang mit ihrer Mutter und tanzte mit ihrem Vater zu den Platten von Fela Kuti. Nach der Matura schloss sie sich mit ihrem Schulkollegen und Produzenten, Johannes Madl aka Hansi Kabinett, zusammen, um gemeinsam an Adaolisas Sound zu schleifen. Einem Sound, der auf dem R’n’B-Fundament aufbauend Afropop, Trap und mehr aufnimmt. „Durch meine verschiedenen kulturellen Hintergründe versuche ich als Afro-Österreicherin in meiner Musik verschiedene Genres wie R’n’B, HipHop, Pop, Afrofunk und Neo-Soul zu kombinieren“, sagt sie.

Auf der ersten Adaolisa-Single „Bae Privileges“, die 2019 erschien, stellte sie den nervigen Ex singend bloß und schloss mit ihm ab, alles über einem bassigen und doch leichtfüßigen Beat mit Xylophon-Einbindung. Und auch die nächsten Releases waren alle Bops, die von smooth und spaßig bis melancholisch und frustriert das gesamte Liebesgeschichten- und Beziehungsdramen-Spektrum abdeckten.

Neben den Themen, den spielerischen Beats und ihrer satten Stimme ist aber vor allem Adaolisas Story­telling der Star ihrer Musik. Adaolisa beschreibt ihre Gefühle auf eine reflektierte Art, klagt den Fuckboi relatable an und streut authentisch R’n’B- und Popkultur-Referenzen ein. So trägt in einer der – wenigen deutschsprachigen – Textzeilen im Song „In deiner Hand“ der Teufel nicht mehr Prada, sondern Kanye-West-Sneaker.

Adaolisas Sound ist frisch, entspannt, öffnet Projektionsflächen und beweist, dass hier ein fix fertiger R’n’B-Star vor uns steht. Wer mir nicht glaubt, wird dann im November schon sehen, wenn Adaolisa ihre Debüt-EP „Banana Island“ veröffentlicht. „Banana Island“ wird, so Adaolisa, „eine musikalische Erzählung von vier Tagträumen. Das lyrische Ich durchlebt die Gezeiten der Liebe, das Kommen und Gehen von Gefühlen.“ Das wird ganz groß!

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 Bildschirm-Umarmung https://ansch.4lima.de/%e2%80%89bildschirm-umarmung/ https://ansch.4lima.de/%e2%80%89bildschirm-umarmung/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:35:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=43256 Wohlfühl-Castingshows und Dokus über Pflegekräfte: Das Privatfernsehen läutet das langsame Sterben der TV-Demütigungsformate ein. Wird die Entwicklung nachhaltig sein? Von Nadia Shehadeh Die deutschsprachige TV-Landschaft – vor allem der privaten Sender – verwechselte lange Zeit Menschenfeindlichkeit mit guter Unterhaltung: Castingshows, die statt auf Talent auf die Demütigung von Kandidat_innen setzten. Klassistische Familien- und Frauentausch-Formate, die […]]]>

Wohlfühl-Castingshows und Dokus über Pflegekräfte: Das Privatfernsehen läutet das langsame Sterben der TV-Demütigungsformate ein. Wird die Entwicklung nachhaltig sein? Von Nadia Shehadeh

Die deutschsprachige TV-Landschaft – vor allem der privaten Sender – verwechselte lange Zeit Menschenfeindlichkeit mit guter Unterhaltung: Castingshows, die statt auf Talent auf die Demütigung von Kandidat_innen setzten. Klassistische Familien- und Frauentausch-Formate, die auf Kosten von Deklassierten – und deren Kindern – jahrelang Top-Quoten erzielten. Comedians, die anscheinend nicht nur auf der Bühne, sondern wahrscheinlich auch in ihren privaten Beziehungen ekelhaft sexistisch und frauenfeindlich waren.

Doch nun zeichnet sich ein Umbruch ab: Etablierte Publikumsgaranten sorgten zuletzt wiederholt für Schlagzeilen und heftige Debatten, nicht nur die Zuschauer_innen begehren durch konsequentes Abschalten auf. In einem aufsehenerregenden Instagram-Post prangerte der deutsche Sänger und Unternehmer Ikke Hüftgold die menschenverachtenden Zustände der Sat.1-Produktion „Plötzlich arm, plötzlich reich“ an – die Realityshow wurde letztendlich sogar abgesetzt. Doch meinen es die TV-Sender wirklich ernst, wenn sie problematische Formate und Figuren in ihren Sendungen ersetzen oder gar aus dem Programm streichen? Oder handelt es sich nur um kosmetische Maßnahmen?

Ausbeutungs-TV. „Ich verstoße hiermit gegen eine Vertragsklausel, die mich unter Androhung einer Geld­strafe zum Schweigen zwingt. Diese Klauseln sind bei Produktionsverträgen üblich, damit u. a. so etwas wie heute nicht an die Öffentlichkeit gelangt“, schloss Ikke Hüftgold Ende Mai sein wort- und beinahe auch tränenreiches Video-Statement auf ­Instagram ab. Hüftgold rechnete harsch mit Sat.1 und einer für den Sender tätigen Produktionsfirma ab und schilderte detailliert, wie eine sozial benachteiligte Familie mit anscheinend schwer traumatisierten Kindern für ein bekanntes Unterhaltungsformat eingespannt werden sollte. Was er auf den Tisch legt, wiegt schwer: Gefährdung von Kindeswohl, Ausbeutung von Kindern (Dreharbeiten mit zehn Stunden Arbeitszeit auch für sie pro Tag), Missachtung der seelischen Gesundheit aller Teilnehmenden. Kurz: Aus menschlichem Elend werde nur Kapital geschlagen, die Folgen für die Beteiligten seien komplett egal, nur die Quote zähle. Das Video ist glaubwürdig, die Empathie und die Empörung sind echt. Allein man fragt sich: Warum hat es nach all den Jahren Elendsfernsehen, an dem immer wieder Stars und Sternchen beteiligt waren, so lange gedauert, bis jemand mit Rang und Namen endlich rebelliert?

Zumal das Statement von Hüftgold zu untermauern scheint, was derartige Formate lange vermuten ließen: dass sie weder respekt- noch rücksichtsvoll sind, sondern voyeuristisch Vorurteile bedienen und die Diskriminierung von Menschen ökonomisch und ideologisch ausbeuten. Schließlich operieren Produktionsfirmen mit einer ganzen Apparatur bildungsbürgerlicher Kreativer, die sich diese Formate des „Trash-TV“ nicht nur ausdenken, sondern auch mit entsprechenden Teilnehmer_innen befüllen. Insbesondere Mütter werden als vermeintlich faul und verantwortungslos vorgeführt, haarklein inspiziert die Fernsehkamera den Kühlschrankinhalt oder zoomt auf die Zigarettenpackung auf dem Wohnzimmertisch. Wenn Bessergestellte Zivilisation und Ordnung in schäbige Verhältnisse bringen, während „die Armen“ aufblühen und ein bisschen dazulernen, nachdem sie die Luft des „besseren Lebens“ geschnuppert haben, ist das die neoliberale Moral von der Geschichte: nämlich dass die Armen unfähig und die Wohlhabenden kompetent und inspirierend sind.

Missverstanden. Nach ähnlichem Vorbild operierten viele der vermeintlichen Talentshows, die sich in weiten Teilen der Sendung nicht nur auf das Können von Bewerber_innen konzentrierten, sondern viel zu oft menschliche Tragödien zwischen Singsang und Vorsprechen fokussierten. So war es das Markenzeichen von „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) mit Dieter Bohlen an der Spitze, mit den Träumen der eher Talentfreien zu spielen, um sie als Witzfiguren zur besten Sendezeit bloßzustellen. Menderes Bağcı, der mit seinem schrägen Gesang und unbeholfenen Auftritten jahrelang immer wieder zum Vorsingen gebeten wurde, mutierte am Ende zwar zu einem Prominenten (später sogar Dschungelkönig in „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“), konnte aber bis heute nicht raus aus der tragischen Rolle des Königs der Verlierer – auch wenn er mit seiner Beharrlichkeit und seiner zwischenzeitlich immens großen Fangemeinde bewies, dass er durchaus solide Entertainerqualitäten hat.

Bohlen, der für seine widerwärtigen und wiederholt sexistischen Sprüche in den „DSDS“-Castings tatsächlich von vielen als ehrlicher Juror mit Humor und Herz missverstanden wurde, ist mittlerweile nicht mehr Teil der „DSDS“-Jury. Auch dieser Entschluss wird als Zeichen dafür gehandelt, dass das Publikum keinen Bock mehr auf das klassische Demütigungsfernsehen habe. Schließlich schwanden in den letzten Jahren nicht nur die Quoten, sondern auch die Zahlen der Plattenverkäufe der Stars der Sendung, die immer mehr wie Beiwerk neben den anderen menschlichen Dramödien wirkten. Bei RTL wurde nicht nur die „DSDS“-Jury, sondern auch in der Führungsetage umgebaut, Unterhaltungschef Kai Sturm kündigte „Veränderung und Weiterentwicklung“ an. Ebenso wie Konkurrent ProSieben will der Sender zudem künftig den News-Bereich ausbauen.

Neue Zeiten. Stattdessen preschten Formate vor, die wie Vorboten eines neuen, frischen und vor allem herrlich harmlosen Zeitalters der TV-Unterhaltung anmuten: „Das große Backen“ etwa, in dem die Juror_innen mit Lob und wertschätzenden Worten nicht hinterm Berg halten und zudem die Wettbewerbsteilnehmer_innen erfrischend divers gecastet werden. Eine der Finalist_innen der letzten Staffel etwa trug Hijab, und ihre Art, „halal“ (also etwa ohne Gelatine) zu backen, wurde in keiner Folge durch den Kakao gezogen, sondern einfach respektiert. Die beiden Haupt­abend-Stars Joko und Klaas wiederum sorgten Anfang April für ein gewaltiges Medien-Echo, als sie für ProSieben stundenlang die Schicht einer Pflegekraft aus Münster dokumentierten. Als „großes Ausrufezeichen zum Thema Pflegenotstand“ wurde das siebenstündige Special geadelt – selbst der TV-Sender Arte kommentierte diesen Coup mit „standing ovations“.

Feststeht: Zumindest teilweise wandelt sich die Fernsehlandschaft zum Besseren – auch weil Zuschauer_innen mehr Streaming-Alternativen und Kritik auf Social Media einen völlig neuen Impact haben. Das Anklage-Video von Ikke Hüftgold wurde auf Instagram inzwischen mehr als sieben Millionen Mal abgerufen – eine Quote, von der manch ein Sender nur träumen kann. Hüftgold wird geahnt haben, dass Sat.1 sich bei dieser Strahlkraft mit strafrechtlichen Konsequenzen eher zurückhalten wird, um weitere Shitstorms zu vermeiden.

Ein Selbstläufer ist die Entwicklung dennoch keineswegs – gerade öffentlich-rechtliche Sender fielen zuletzt durch gegenläufige Entscheidungen auf. Mehr Sendezeit trotz harscher Kritik an ihren rassistischen, antisemitischen und sexistischen Witzen etwa bekam die umstrittene Comedienne Lisa Eckhart – da Kolleg_innen mit eigenen Fernsehformaten die große „Cancel Culture“ witterten, gegen die es sich zu wehren galt. Und da waren weitere absurde Formate, die mit Recht harsch kritisiert wurden: etwa die WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“, in der fünf weiße Prominente (u. a. Thomas Gottschalk und Big­-Brother-Urgestein Jürgen Milski) sich bräsig fragten, „was man denn überhaupt noch sagen darf“. Spoiler: Sie sagten alles, von N-Wort bis Z-Wort, und wunderten sich dann über den Shitstorm im Anschluss. Und dennoch: Dass gerade Formate, die auf Respekt und Wohlfühlatmosphäre setzen, bei einem jungen Publikum punkten, gibt Anlass zur Hoffnung. Die Tage für ­Typen der Marke Dieter Bohlen könnten endgültig angezählt sein.

Nadia Shehadeh ist Soziologin und Bloggerin, schreibt seit Jahren zu den Themenschwerpunkten Pop, Feminismus und Rassismus – und schaut gerne Fernsehen.

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Gefangen in der Binarität https://ansch.4lima.de/gefangen-in-der-binaritaet/ https://ansch.4lima.de/gefangen-in-der-binaritaet/#comments Sun, 27 Jun 2021 21:30:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=43252 Bei Bewerbungen, beim Erstellen neuer Social-Media-­Accounts oder beim Shoppen von Katzenfutter – in ­Onlineformularen ist die Angabe des Geschlechts meist zwingend nötig. Menschen außerhalb der Kategorien Frau und Mann sind dabei nur selten vorgesehen, wieKatta Spiel bemängelt. Interview: Helga Hansen an.schläge: In Ihrer Forschung untersuchen Sie marginalisierte Perspektiven auf Technik, z. B. wie Geschlechtsidentitäten in […]]]>

Bei Bewerbungen, beim Erstellen neuer Social-Media-­Accounts oder beim Shoppen von Katzenfutter – in ­Onlineformularen ist die Angabe des Geschlechts meist zwingend nötig. Menschen außerhalb der Kategorien Frau und Mann sind dabei nur selten vorgesehen, wie
Katta Spiel bemängelt. Interview: Helga Hansen

an.schläge: In Ihrer Forschung untersuchen Sie marginalisierte Perspektiven auf Technik, z. B. wie Geschlechtsidentitäten in Software abgebildet werden. Warum ist die Geschlechtsabfrage in so vielen ­Formularen Standard?

Katta Spiel: Sie sprechen hier nicht nur meine Forschung, sondern auch meinen Alltag an. Ich verstehe oft gar nicht, warum jemand wissen muss, welches Geschlecht ich habe, nur weil ich gerade Katzenfutter bestelle, Zug fahren oder meine Wohnung ­anmelden will. Im Zweifelsfall denke ich mir immer, dass es eine Art Gewohnheit ist.

In meinem Informatikstudium habe ich gelernt: Wenn ich eine Person in einer Datenbank modelliere, hat diese Person bestimmte Attribute, und Geschlecht gehört da halt dazu. Geschlecht sei so schön einfach, hieß es, weil der Datentyp dafür ein sogenannter Boolean ist. Der kann nur zwei Werte annehmen und braucht deshalb besonders wenig Speicherplatz. So zieht sich das als impliziter Standard durch, weil angenommen wird, dass Leute diese Information haben wollen – auch wegen einer „korrekten, höflichen“ Anrede im Parteienverkehr. Wobei ich persönlich genau jene limitierende Auswahl, die nicht mein legales Geschlecht berücksichtigt, als inkorrekt und unhöflich empfinde.

Mit der Änderung Ihres Geschlechtseintrags auf „divers“ haben Sie begonnen, Firmen und Institutionen zu kontaktieren, wenn Sie auf deren Seiten Ihr Geschlecht nicht korrekt angeben konnen. Wie sah die beste Reaktion aus?

Es gab unglaublich viele negative Reaktionen. Die Arbeit war emotional und mental extrem anstrengend für mich, es gab mitunter direkte Anfeindungen und Drohungen. Dass viele mein Anschreiben lediglich ignoriert haben, war vergleichsweise noch angenehm.

Die beste Reaktion gab es von einem kleinen Wiener Spielzeugladen, der auf Lego spezialisiert ist: brick­store.at. Nach einer Stunde hat mir der Inhaber zurückgemeldet, dass es ihm sehr leidtut, das übersehen zu haben, und er es schon umgestellt hat. Das war so herrlich unkompliziert, wie ich es mir anfangs auch vorgestellt hatte.

Was bedeutet es für Menschen ­außerhalb der Binarität, wenn sie die Abfrage nicht richtig beantworten können?

Wenn mal eine Abfrage nicht okay ist, wäre das nicht so tragisch. Aber das ist es ja nicht. Es wird dir wiederholt gesagt: „Du bist nicht Teil der Gesellschaft.“ Du stehst draußen, bist immer irgendwie „anders“, und wenn du überhaupt erwähnt wirst, dann eher als Nachtrag. Wenn das ständig der Fall ist, hat das schon psychische Auswirkungen.

Es kann auch richtig gefährlich werden. Einmal bin ich z. B. mit dem Zug gefahren. Da stand ein Geschlecht auf meinem Ticket und der Schaffner fing lautstark an, mit mir zu diskutieren, ob ich wirklich die Person sei, auf die das Ticket ausgestellt war. Das Geschlecht hat tatsächlich nicht gestimmt, es gab ja nur eine binäre Auswahlmöglichkeit. Ich habe also versucht, ihn wieder runterzubringen und leiser zu reden, um das zu erklären.

Es war mir nicht nur extrem unangenehm, in einem vollen Zug mein Geschlecht rechtfertigen zu müssen, hinter mir saß auch eine Gruppe Nazis, so klassisch mit rasiertem Kopf und Thor-Steinar-Klamotten. Ich habe mir dann schnell einen anderen Platz im Zug gesucht, weil sich das echt nicht mehr sicher angefühlt hat.

Ein anderes Mal hätte ich beinahe einen Flug verpasst, weil mein Eintrag im einen System stimmte und im anderen nicht vorgesehen war. Das Problem ist also nicht das eine Mal, bei dem ich auf einer Website mein Geschlecht nicht angeben kann, es sind die konkreten Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Obwohl es den Eintrag „divers“ inzwischen seit einigen Jahren in Österreich und Deutschland gibt, wird er oft vergessen. Welche Maßnahmen sind nötig, um dies zu ändern?

Was es leider noch länger brauchen wird, ist das kontinuierliche Einfordern. Das ist anstrengend und manchmal auch gefährlich. Denn dadurch, dass ich auf ein Problem aufmerksam gemacht habe, wurde ich oft zum ­Problem. Aber mehr Sichtbarkeit, insbesondere unaufgeregte Sichtbarkeit, hilft. Die entsteht ganz beiläufig, wenn Internetformulare einfach mal mehrere Optionen haben. Das ist eine kleine Erinnerungshilfe für alle, die sonst kaum Berührungspunkte mit dem Thema haben. Außerdem ist es wichtig, um ein entsprechendes Vokabular etablieren zu können. „Divers“ ist ein Begriff, der für alles offen ist. Selber hätte ich ihn mir nicht ausgesucht, aber er öffnet einen Raum. Und der steht dann Leuten zur Verfügung, die ihn für sich entdecken.
Wann macht es eigentlich Sinn für Plattformen und Institutionen, das Geschlecht abzufragen?
Ich weiß es nicht. Insbesondere, wenn wir von einem modernen Geschlechterverständnis ausgehen, das maßgeblich selbstbestimmt ist, frage ich mich, wer das warum wirklich wissen muss. Ich finde, das ist eine hochpersönliche Information, die strengeren Datenschutzbestimmungen unterliegen sollte. Aber effektiv ist mir bewusst, dass vieles in unserer Gesellschaft zumindest von binären Geschlechtsvorstellungen strukturiert wird.

Wenn es sein muss, dass das Geschlecht abgefragt wird, finde ich es wichtig, mindestens eine nicht-binäre Option anzubieten („inter“, „divers“, „offen“ etc.), die Möglichkeit zu geben, die Angabe zu verweigern, und ein freies Textfeld für jene anzubieten, die sich im angegebenen Angebot nicht wiederfinden. Und es braucht die Möglichkeit, das im Zweifelsfall einfach ändern zu können. Das macht es vom Datentyp schwieriger, aber bildet die Geschlechterrealität eher ab.

Gibt es weitere Beispiele in Software und Technik, bei der Sie sich das Einbinden von nicht-binären Geschlechtsidentitäten wünschen?

Wir haben längst nicht so viel Zeit oder Platz, dass ich das alles aufzählen kann! Letztlich ist alles, bei dem Körper mit reinspielen – sei es nun explizit oder implizit –, von Normvorstellungen geprägt, die sich auf marginalisierte Personen negativ auswirken. Um kurz konkreter zu werden: Warum sind viele Fitness­tracker so binär ausgelegt, dass ich sie nicht benutzen kann? Warum gibt es in vielen Spielen keine Avatare, die so aussehen wie ich? Das betrifft nicht nur nicht-binäre Menschen, sondern auch Menschen mit Behinderungen oder Bevölkerungsgruppen, die rassifiziert werden. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass Technologien zukünftig anders gestaltet werden, dass diese Tendenzen reflektiert werden und so mehr Möglichkeiten zulassen, die Vielfalt dessen abzubilden, was Menschsein ausmacht. 

Katta Spiel forscht an der Technischen Uni Wien an der Schnittstelle von Informatik, Design und Kritischer Theorie und schreibt auf katta.mere.st.

Helga Hansen ist Redakteurin bei einer Technikzeitschrift und verknüpft gern Feminismus mit Technikfragen.

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Wir drehen uns im Arbeitskreis https://ansch.4lima.de/wir-drehen-uns-im-arbeitskreis/ https://ansch.4lima.de/wir-drehen-uns-im-arbeitskreis/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:21:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=43242 An Universitäten kämpft der „Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen“ – ehrenamtlich – gegen Diskriminierung. Julia Pühringer im Gespräch mit Sabine Weißensteiner 1 über gefürchtete Gremien und unerschrockene Täter. Was geschieht, wenn sich Betroffene beim Arbeitskreis für Gleichbehandlung an einer Universität melden? „Viele haben Angst vor negativen Konsequenzen, empfinden Scham, Ohnmacht, Schuldgefühle und Selbstzweifel“, da spricht Sabine Weißensteiner aus […]]]>

An Universitäten kämpft der „Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen“ – ehrenamtlich – gegen Diskriminierung. Julia Pühringer im Gespräch mit Sabine Weißensteiner 1 über gefürchtete Gremien und unerschrockene Täter.

Was geschieht, wenn sich Betroffene beim Arbeitskreis für Gleichbehandlung an einer Universität melden? „Viele haben Angst vor negativen Konsequenzen, empfinden Scham, Ohnmacht, Schuldgefühle und Selbstzweifel“, da spricht Sabine Weißensteiner aus Erfahrung. Seit über zehn Jahren ist sie im Arbeitskreis tätig. Und es stimmt: Letztlich müssen als Konsequenz ausgerechnet eher die Opfer von Übergriffen ihr Verhalten verändern und sich einschränken, und auch die Aufarbeitung lastet letztendlich auf ihren Schultern.

an.schläge: Auf der Seite des Arbeitskreises für Gleichberechtigung (AKG) einer österreichischen Universität ist zu lesen: „Die tatsächlichen Möglichkeiten werden besprochen“ – das klingt wenig ermutigend. Was sind denn die „tatsächlichen Möglichkeiten“?

Sabine Weißensteiner: Es hängt von der Universität ab, wie ernst der AKG genommen wird. Er ist schon ein gefürchtetes Gremium – natürlich mehr bei den Männern als den Frauen. Man will nicht vom AKG angesprochen oder in den AKG gerufen werden. Als Mitglied im Arbeitskreis ist es jedenfalls sehr wichtig, dass man Entschlossenheit zeigt, sonst wird man ständig an die Wand gefahren. Was der AKG unbedingt braucht, ist Rückendeckung vom Rektorat. An unserer Uni ist das glücklicherweise der Fall. Der Grundsatz muss lauten: „Bei uns gibt es das nicht“, und nicht: „Na schauen wir uns das einmal an, vielleicht war das ja gar nicht so schlimm.“

Wie ist der Arbeitskreis besetzt?

Drittelparitätisch, also Professor:innen, Mittelbaukurie und Studierende zu gleichen Anteilen. Es ist tatsächlich nicht einfach, Mitarbeiter:innen in den AKG zu holen. Die Tätigkeit ist unbezahlt, also ehrenamtlich, wie sämtliche Gremienarbeit an Universitäten. Man kann sich damit nicht profilieren, viele wollen sich nicht damit herumschlagen, es kommt auch im Lebenslauf nicht fesch daher. Es ist nicht leicht, Leute zu finden – wer hat überhaupt die Kompetenzen, das Feingefühl, das Interesse. Außerdem ist es wichtig, dass der AKG niederschwellig ist und sehr offen. Das beginnt ganz simpel: Der AKG muss gut zu finden sein. Aber dabei nicht so zu finden, dass alle sehen können, wenn man zur Tür reingeht: Aha, die geht zum AKG.

Wie läuft das ab, wenn sich jemand bei Ihnen meldet?

Wir führen das erste Gespräch, klären vorher ab, ob wir mitschreiben und den Namen verwenden dürfen. Es gilt absolute Geheimhaltung. Dann gehe ich ins Rektorat und sage, dass es Handlungsbedarf gibt. Wir stellen den Kontakt zum Gewaltschutzzentrum her, bieten an, gemeinsam hinzugehen, manche wollen das, manche nicht. Wir arbeiten eng mit dem Gewaltschutzzentrum zusammen, mit Juristinnen, die ganz genau wissen, wie das funktioniert, wenn es zur Anzeige kommt. Wenn das Gewaltschutzzentrum mit dem Opfer zur Polizei geht, ist das etwas ganz anderes, als wenn das Opfer allein geht. Das ist auch der Grund, warum wir nie die Polizei rufen.

Wie lange begleitet man dann ein Opfer?

Die Fälle sind so individuell, dass man auch individuelle Lösungen finden muss. Ich habe Studierende auch schon über Jahre begleitet, eine Betroffene ist noch immer nicht an die Uni zurückgekommen. Man versucht dann auch mit anderen Universitäten zusammenzuarbeiten. Aber der Mut zum Reden, der Mut, einen Vorfall zu melden, ist ein wahnsinniger Kraftaufwand für die Betroffenen. Selbst bei einer Verurteilung ist das schon vorgekommen: Die Täter gehen ihrem Studium weiter nach, während die Opfer ihnen traumatisiert aus dem Weg gehen. Dann wohnen auch alle in derselben Stadt, treffen sich bei denselben Veranstaltungen. Der Radius der Opfer wird total eng.

Reicht denn der Arbeitskreis oder bräuchte es noch andere Werkzeuge?

Bei manchen Dingen hat man eine schlechte Handhabe. Man kann z. B. dem Täter Hausverbot geben, darf aber Studierende nicht am Studium hindern. Das ist ein heikler Punkt.
Im Grunde wäre wünschenswert, dass sämtliche Lehrende von der Volksschule bis zu den Universitätslehrenden zu einer Ausbildung verpflichtet werden, wie man in der Lehre mit bestimmten Themen umgeht. Wir machen zum Teil auch solche Veranstaltungen. Viele wissen gar nicht, was Rassismus ist oder wo Mobbing schon anfängt, nämlich auch bei jenen, die zuschauen und nichts sagen.

Stehen die Unis auch in Austausch?

Alle AKGs sind in Austausch, es gibt immer wieder Treffen, da berät man sich auch gegenseitig, klopft Fälle auf der juristischen Ebene durch. Einmal war auch der sogenannte Einzelunterricht Thema. Da gab es ja in Deutschland einen Skandal, wo der Professor an einer Schauspielschule „gezeigt“ hat, wie man eine Vergewaltigung wirklich spielt, das ist erst vor zwei Jahren publik geworden. Ich bin dafür, dass es keinen Einzelunterricht geben sollte, schon gar nicht in geschlossenen Räumen, das muss auch anders gehen. Selbst wenn es eine gewisse Körperlichkeit braucht, kann Nähe auch sachlich sein, man kann das sehr wohl unterscheiden.

Und wie verläuft in der Regel ein Gespräch mit einem Täter?

Die Reaktionen kann man sich eh vorstellen, die reichen von „Die fantasiert“ bis zu „Das ist alles gar nicht passiert“. Ich frage dann immer: „Welche Lösungen gäbe es denn jetzt für dich?“, und versuche, die Verleugnung zu ignorieren, eine Situation herzustellen, in der etwas geschehen muss. Ich erkläre auch, dass das Gespräch unter uns und in diesem Raum bleibt, aber dass Handlungen gesetzt werden für das Opfer. Kaum sagt man: „Wie gehen wir denn jetzt weiter vor?“, kommen plötzlich ganz andere Ansätze. „Es war gar nicht so schlimm“, das ist schon etwas anderes als „Es war gar nichts“.

Der Täter weiß ja oft, wer geredet hat. Wie geht man damit um?

Das ist natürlich schrecklich, auch wenn das Opfer anonym bleiben will. Denn die Täter wissen sehr wohl, wer ihre Opfer sind, und da gilt es, die Leute zu schützen. Das ist ganz schwierig. Es gibt auch Täter, die dann so seltsam herumfragen, weil es eben nicht bei einem Mal geblieben ist und es mehrere Opfer gibt, die etwas gesagt haben könnten. Nichtdestotrotz sind die Täter oft sehr unerschrocken. Sie wiegen sich in einer relativen Sicherheit, dass eh nicht viel passiert. Deshalb ist es auch enorm wichtig, da wirklich beharrlich zu sein. Wenn einmal publik wird, dass es Konsequenzen gibt – das verändert etwas.

Da hat schon auch #MeToo den Diskurs verändert, oder?

Es ist ein gewisses Tabu gefallen, auch wenn es noch immer schwer für die Opfer ist, darüber zu reden. Aber man weiß mittlerweile: Ja, ich kann darüber reden, ich bin nicht die Einzige und es liegt nicht an mir. 

Julia Pühringer, Journalistin und Filmkritikerin, beschäftigt sich u. a. mit Genderfragen im Film- und ­Serienbereich.

1Name geändert, Sabine Weißensteiner möchte zum Schutz ihrer Arbeit und der Opfer anonym ­bleiben.

Der „Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen“ ist seit 2002 rechtlich im österreichischen Universitätsgesetz verankert. „An jeder Universität ist vom Senat ein Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen einzurichten, dessen Aufgabe es ist, Diskriminierungen durch Universitäts­organe aufgrund des Geschlechts sowie aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexu­ellen Orientierung entgegenzuwirken und die Angehörigen und Organe der Universität in diesen Angelegenheiten zu beraten und zu unterstützen“, so steht es im Gesetz.

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Ein aufgeschnittenes Schwein https://ansch.4lima.de/ein-aufgeschnittenes-schwein/ https://ansch.4lima.de/ein-aufgeschnittenes-schwein/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:11:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=43225 Dank #MeToo wird sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz endlich als politisch relevantes Thema diskutiert. Doch Betroffene in schlecht bezahlten Berufen bleiben weiter unsichtbar. Von Lisa Wölfl Nadine sitzt im Büro, um ihren Dienstplan zu besprechen, als ihr Chef fragt: „Sind deine Titten echt?“ Ihre erste Reaktion: Selbstzweifel. „Ich habe erst gedacht, vielleicht habe ich ihn falsch […]]]>

Dank #MeToo wird sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz endlich als politisch relevantes Thema diskutiert. Doch Betroffene in schlecht bezahlten Berufen bleiben weiter unsichtbar. Von Lisa Wölfl

Nadine sitzt im Büro, um ihren Dienstplan zu besprechen, als ihr Chef fragt: „Sind deine Titten echt?“ Ihre erste Reaktion: Selbstzweifel. „Ich habe erst gedacht, vielleicht habe ich ihn falsch verstanden, weil mein Deutsch noch nicht perfekt ist.“

Wegen einer Allergie sind Nadines Augen zugeschwollen, der Chef schickt sie nach Hause in den Krankenstand. Über ihren Freund, der ebenfalls im Unternehmen arbeitet und in Hörweite steht, sagt der Chef: „Vielleicht hat er ihr wieder in die Augen gespritzt.“

Das sind nur zwei Vorfälle, die sich in Nadines Erinnerung eingebrannt haben. Zwei Jahre lang arbeitet die 22 Jahre alte Frau in einem Unternehmen, das Catering für Züge anbietet. Nadine ist nicht ihr echter Name. Sie möchte nicht von ehemaligen Kolleg:innen oder Vorgesetzten erkannt werden. Das Umfeld, das sie beschreibt, ist toxisch.

Da ist der eine Chef, der sie mit intimen Fragen sexuell belästigt. Der andere Vorgesetzte, der sie wochenlang dazu bringen will, mit ihm abendessen zu gehen, und nach mehrmaligem Nein unfreundlich wird, ihr nur noch die schlechten Routen zuteilt. Daneben die Fahrgäste, die immer wieder Grenzen überschreiten.

Jung, weiblich, mies bezahlt. Wegen der Pandemie muss sie die geplante Kündigung hinauszögern. Nadine hat Sorge, dass sie so schnell keinen anderen Job finden würde. Es ist ihr erster Job in Wien, ursprünglich kommt sie aus Brasilien. Dort lebt auch ihre Familie, die sie finanziell unterstützt. „Die Kolleginnen und Kollegen haben mir nicht beigestanden. Stattdessen wurde hinter meinem Rücken schlecht über mich gesprochen“, sagt sie.

Wer sich mit sexueller Belästigung beschäftigt, weiß: Nadine gehört praktisch zur Hochrisikogruppe für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Eine junge Frau ohne österreichische Staatsbürgerschaft, die erst seit ein paar Jahren hier wohnt, schlecht bezahlt in der Gastronomie arbeitet und von ihrem Job abhängig ist.

Andrea (Name geändert) ist heute 49 Jahre alt. Ihre Erfahrungen mit Belästigung am Arbeitsplatz liegen rund 25 Jahre zurück. Trotzdem – sie spürt die Scham und Hilflosigkeit heute noch. Als Studentin jobbte sie an der Rezeption eines Hotels. Der Hoteleigentümer kommentierte ihre Haarfarbe und fragte, ob sie denn auch rote Schamhaare habe.

„Ich habe nichts erwidert“, erzählt Andrea. Der Hotelbesitzer ist in Österreich gut vernetzt, er hat die Kontakte, er hat das Geld. „Ich habe mir gedacht, ich kann ohnehin nichts gegen ihn ausrichten. Er kam mir so mächtig vor.“

Es bleibt nicht bei der einen Erfahrung. Als Andrea im Service aushilft und in der Küche Teller holen möchte, hält der Chefkoch ihr ein aufgeschnittenes Schwein ins Gesicht: „Brauchst du einen Penis?“ Andrea läuft in den Keller und weint. „Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagt sie heute. „Ich fange an zu zittern, wenn ich nur darüber spreche.“

Es geht um Macht. „Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geht es meist um Macht“, sagt Melanie ­Kocsan, Juristin in der Abteilung Frauen und Familie bei der Arbeiterkammer Wien. Die meist männlichen Chefs und Kollegen würden ausloten, wie weit sie gehen können, ohne dass sich die Betroffene wehrt. Ehrliches Interesse an einer Verabredung bestehe in den allermeisten Fällen nicht. Kocsan hat jahrelang Betroffene aus allen Branchen arbeitsrechtlich beraten. „Belästigung gibt es überall“, sagt sie. „Auffällig ist aber immer wieder das Gastgewerbe und generell der Dienstleistungssektor.“

In einer Befragung der Arbeiterkammer Oberösterreich gaben 56 Prozent der Arbeitnehmerinnen an, bereits eine Form von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Dazu gehören abfällige Äußerungen vom Chef, Kollegen, die in den Ausschnitt starren, und körperliche Übergriffe.

Bald vier Jahre ist es her, dass die #MeToo-Bewegung die Schlagzeilen dominierte, im Mittelpunkt standen Berichte von Schauspieler:innen oder Regisseur:innen. Den Erfahrungen von Menschen wie Nadine und Andrea wurde medial wenig Beachtung geschenkt.

Zwar merkt Kocsan bei ihrer Arbeit, dass seitdem auch in Österreich das Bewusstsein zugenommen hat, aber: „Die breite Auseinandersetzung mit #MeToo am Arbeitsplatz ist leider ausgeblieben.“ Denn gerade dort, wo die Arbeitsbedingungen eher schlecht sind, fehle die Auseinandersetzung damit.

Abhängigkeiten. Flavia Matei arbeitet ehrenamtlich in der IG24, der Selbstvertretung von 24-Stunden-Betreuer:innen in Österreich. Sexuelle Belästigung und Gewalt durch Klient:innen sei immer noch ein Tabuthema, sagt sie. „Für solche Situationen gibt es keine Regeln oder Handlungsanweisungen.“

Doch 24-Stunden-Betreuer:innen sind wahrscheinlich ganz besonders häufig sexueller Belästigung ausgesetzt, auch wenn detaillierte Erhebungen für diese Berufsgruppe fehlen. Eine Studie zeigt allerdings, wie häufig Übergriffe im Pflegebereich sind. 71,2 Prozent der Pflegerinnen und 46,9 Prozent der Pfleger werden mindestens einmal pro Jahr im Rahmen von intimer Pflege Opfer von Belästigung durch Patient:innen.

Die 24-Stunden-Betreuung ist ein freies Gewerbe. Das heißt: Wer in diesem Beruf arbeiten möchte, braucht keine Ausbildung, kein Zertifikat, keine formelle Qualifikation. Das bedeutet auch, dass Betreuerinnen nicht darin geschult werden, wie sie mit übergriffigen Situationen umgehen können.

Der Großteil der 24-Stunden-Betreuer:innen kommen aus der Slowakei und aus Rumänien, nur 1,3 Prozent aus Österreich. Häufig hindert die Sprachbarriere Betroffene daran, die eigenen Rechte durchzusetzen. Laut Matei unterschreiben Betreuer:innen ihren Vertrag oft erst in Österreich, stehen dabei unter Druck und können ihn nicht genau durchsehen.

Dazu kommt, dass die Betreuer:innen im Normalfall keinen eigenen Wohnsitz in Österreich haben, sie leben im Haus der Pflegebedürftigen. Mal in einem eigenen Zimmer, mal schlafen sie im selben Raum wie die betreute Person. Reichen sie Beschwerde ein, könnten sie kurzfristig nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihre Unterkunft verlieren. „Da besteht eine sehr starke Abhängigkeit“, sagt Matei.

24-Stunden-Betreuerinnen sind auf dem Papier selbstständige Ein-Personen-Unternehmen. Die Arbeiterkammer ist also nicht zuständig. Die Wirtschaftskammer hat wiederum keine spezialisierte Abteilung, um Betroffene von sexueller Belästigung oder Gewalt zu beraten. „Betreuerinnen können sich an niemanden wenden“, sagt Flavia Matei. „Wir haben erlebt, dass die Pflegeagenturen Nachrichten von Betroffenen ignorieren.“ Im besten Fall würde die Agentur einen neuen Platz für die Betreuerin suchen. „Das heißt: Eine andere muss den problematischen Platz übernehmen. Es ist ein Teufelskreis.“

Verantwortlichkeiten. Dasselbe belastende Erlebnis immer wieder wiederholen zu müssen, hält Menschen davon ab, vor Gericht zu ziehen. „Der Schadenersatz, der Betroffenen zugesprochen wird, ist auch immer noch zu niedrig“, sagt Melanie Kocsan von der AK. „Oft wird vor Gericht nicht viel mehr als der gesetzliche Mindestbetrag zugesprochen. Für 1000 Euro wollen sich das viele nicht antun.“

Sie sieht die Verantwortung für die Prävention von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bei den Arbeitgeber:innen und rät: darüber sprechen, sensibilisieren, Workshops anbieten. Und ganz klar signalisieren: Wer einen Fall meldet, wird unterstützt – wer belästigt, wird die Konsequenzen tragen. „Hilfreich ist auch eine unabhängige Meldestelle, entweder im Betrieb oder extern“, sagt Kocsan.

Betroffenen rät sie, die Vorfälle zu dokumentieren. Wenn die Belästigung von Kolleg:innen ausgeht, könne man mit einer Vertrauensperson oder dem Betriebsrat sprechen. Bei Chef:innen als Belästiger:innen ist es eine gute Idee, sich gleich an eine externe Beratungsstelle wie die Arbeiterkammer zu wenden.

Andrea sagt, mit ihrem heutigen Wissen hätte sie sich an eine Beratungsstelle gewandt. Nadine geht diesen Weg. Sie klagt ihren ehemaligen Arbeitgeber auf Schadenersatz, das Verfahren läuft. „Das Geld ist mir egal“, sagt sie, „Aber ich weiß, dass die Chefs das auch mit anderen Mitarbeiterinnen machen, und das muss endlich aufhören.“

Lisa Wölfl ist Journalistin, Podcaster­in und Moderatorin in Wien.

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Bad Boys https://ansch.4lima.de/bad-boys/ https://ansch.4lima.de/bad-boys/#respond Sun, 27 Jun 2021 20:59:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=43215 Jahrzehntelang nahmen wir das übergriffige Verhalten von Rockstars ­schulterzuckend hin. Bringt der Fall Marilyn Manson die Wende? Von Brigitte Theißl und Vanessa Spanbauer Hiding in plain sight: Jene englische Redewendung, die sich nur unzureichend ins Deutsche übersetzen lässt, beschreibt die Karriere Marilyn Mansons erschreckend treffend. „The name of my abuser is Brian Warner, also known […]]]>

Jahrzehntelang nahmen wir das übergriffige Verhalten von Rockstars ­schulterzuckend hin. Bringt der Fall Marilyn Manson die Wende? Von Brigitte Theißl und Vanessa Spanbauer

Hiding in plain sight: Jene englische Redewendung, die sich nur unzureichend ins Deutsche übersetzen lässt, beschreibt die Karriere Marilyn Mansons erschreckend treffend. „The name of my abuser is Brian Warner, also known to the world as Marilyn Manson“, postet Evan Rachel Wood im Februar auf Instragram. Bereits 2018 hatte die Schauspielerin bei einer Anhörung im Kongress über psychische Folter und Vergewaltigung berichtet – ohne jedoch den Namen des Täters zu nennen.
Ihr schonungsloser Bericht über die Gewaltbeziehung zu Manson motivierte nun auch weitere Opfer dazu, ihr Schweigen zu brechen. Die Vorwürfe der Frauen – darunter Schauspielerin Esmé Bianco und Model Sarah McNeilly – ähneln sich stark: Manson habe seine Partnerinnen vergewaltigt und beim Sex brutal verletzt, sie psychisch manipuliert und dabei u. a. Schlafentzug als wirksames Mittel eingesetzt. „Er kontrollierte jeden Aspekt meines Lebens“, erzählte Bianco kürzlich dem „People“-Magazin. Als er sie eines Nachts mit einer Axt durch das Haus jagte, war der Serienstar überzeugt: „Jetzt wird er mich töten.“

Geschichte der Gewalt. Auch Fans berichten von entwürdigender Fleischbeschau im Tourbus, junge Frauen seien gezielt für Manson ausgesucht worden, so der Bericht einer britischen Fotografin. Mansons Reaktion zielt indes auf jenes Image des „Schockrockers“ ab, das er selbst jahrzehntelang befeuerte: „Offensichtlich sind meine Kunst und mein Leben seit Langem Magneten für Kontroversen, aber diese jüngsten Behauptungen über mich sind schreckliche Verzerrungen der Realität“, schreibt er auf seinem Instagram-Profil.
Mit Goth-Make-up, BDSM-Outfits und satanischen Lyrics inszenierte sich Manson in den 90er-Jahren als Konservativen-Schreck und stieg so in die A-Liga der Rockstars auf. Nach seinem Auftritt in Michael Moores oscarprämierter Dokumentation „Bowling for Colombine“ schrieb man ihm auch intellektuelle Qualitäten zu: Seine verstörende Bühneninszenierung persifliere die US-amerikanische Konsumkultur mitsamt ihrer Bieder- und Scheinheiligkeit, so die popkulturelle Analyse. Mit seiner Frauenfeindlichkeit und der fehlenden Sensibilität für Grenzüberschreitungen hat Manson allerdings nie hinter dem Berg gehalten.
Bereits in seiner 1998 erschienenen Bestseller-Biografie „The Long Hard Road Out Of Hell“ beschreibt Brian Warner Attacken auf seine Mutter, weibliche Fans, denen er harten Alkohol untergejubelt hatte, und einen Übergriff auf eine bewusstlose junge Frau. Er träume regelmäßig davon, Evan Rachel Wood den Schädel einzuschlagen, sagte er in einem Interview nach der Trennung.

Alltägliche Misogynie. Als Howard Stern ihn 2002 nach der Trennung von Rose McGowan fragte, antwortete Manson, dass man eine Frau, die Analsex verweigere, nicht heiraten könne – seine neue Partnerin hingegen mache alles, was er wolle. Dass die Studio-Crew all das weglachte, mag an Stern liegen – aber auch am Status, den wir Popstars seit Jahrzehnten zubilligen. „Offene Frauenfeindlichkeit und sexuelle Rüpelhaftigkeit sind seit Langem in der Musikkultur verankert, sowohl bei den Künstlern als auch bei den Menschen in ihrem Umfeld und den Strukturen, in denen sie arbeiten“, formuliert es Barbara Ellen im „Guardian“.
Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, diese Formel galt stets nur für (mächtige) Männer und entschuldigte Backstage-Prügeleien ebenso wie Sex mit Minderjährigen. So hatten etwa – die bis heute gefeierten – David Bowie und Iggy Pop Affären mit Teenagern, Eagles-Sänger Don Henley wurde wegen „Verführung Minderjähriger“ verurteilt, nachdem zwei mit Drogen vollgepumpte Mädchen in seinem Haus verhaftet worden waren. Die Verurteilung kostete Henley nur die Strafe von 2500 Dollar, im Hit „Dirty Laundry“ beklagte er später sensationsgierige Journalist*innen.

Starstruck. Der oft große Altersunterschied zwischen Stars und ihren Fans ist in das Musikbusiness geradezu eingeschrieben. „Groupies“, meist sehr junge Frauen, die ihrem Idol nahekommen möchten, eine akzeptierte Kultur des Exzesses und eine ganze Entourage, die dazu engagiert wurde, Stars ihre Wünsche zu erfüllen, begünstigen ein Klima des Machtmissbrauchs. Rock ’n’ Roll ist dabei immer noch Männersache. Tontechniker, Bodyguards, Manager, die Bühnenaufbau-Crew und Roadies – die gesamte Crew auf Tour ist im Business meist männlich. Dass nach einer Show oft ausgewählte Frauen Backstage geladen werden und Drogen Teil des Spiels sind, erzählen viele, die das Business kennen.
Und auch hier ist eine Kultur des Schweigens (siehe S. 15) die Norm, wie der Fall Marilyn Manson erneut demonstriert: Mitarbeiter in seinem Umfeld erzählen mittlerweile von „Beobachtungen“, die britische Sängerin Ellie Rowsell wirft Manson vor, ihr bei einem Festival backstage unter den Rock gefilmt zu haben. „Das macht er dauernd“, sei die schulterzuckende Reaktion seines Managers gewesen.

„Die entscheidende Frage ist doch: Warum wird dieses Verhalten in der Musikindustrie gebilligt, warum ziehen die Labels keine Konsequenzen? Warum wiegt das Leben von Frauen – oder auch betroffenen Männern – nicht mehr, als viel Geld zu verdienen mit den großen Stars der Branche? Diese Frage sollte man den Manager*innen dieser Musiker stellen“, sagt Rosa Reitsamer, Professorin für Musiksoziologie auf an.schläge-Anfrage.
Zumindest bei Marilyn Manson reagierten Label und Management direkt nach Evan Rachel Woods Statement und kündigten den Vertrag mit dem Musiker. Seit die MeToo-Bewegung nachhaltig die Schlagzeilen dominierte, verschwinden Vorwürfe des jahrzehntelangen Machtmissbrauchs nicht mehr einfach so im Archiv.

It’s a man’s world. „Man kann schon sagen, dass die komplette Populärmusik-Branche ein ziemlich männlich dominiertes Feld ist. Es beginnt sich langsam zu wandeln, aber es sind noch kleine Schritte“, sagt Birgit Denk im an.schläge-Interview. Seit über dreißig Jahren ist die Sängerin im Geschäft. Anders als der überschaubare Wikipedia-Eintrag, der spärliche Informationen wie den Geburtsort Hainburg auflistet, würdigt sie Ö1-Online als „eine der wichtigsten weiblichen Vertreterinnen der aktuellen österreichischen Populärmusik-Szene“. Sich im Männer-Business zu behaupten, das mache eine enorme Anpassungsleistung nötig, erzählt Denk. „Es gab eigentlich nur zwei Möglichkeiten als Frau. Entweder man ist die sexy Oide oder man ist die burschikose Goschate – dem musste man sich unterwerfen.“ Denk boxte sich als „Goschate“ durch, Geschichten von Kolleginnen kennt sie unzählige: „Mädchen, ich bring dich groß raus“, das sei nicht nur ein Klischee, sondern Realität im Business. „Und das in einer Branche, wo man gesagt hat: wurscht, das ist Rock ’n’ Roll.“ Die Musikbranche sei anders, darauf einigte man sich unausgesprochen, erzählt Denk. „Dieses ,Wir sind Künstler und wir sind so frei, nicht konservativ.‘“
Erst seit Übergriffe und Machtmissbrauch breit in der Öffentlichkeit diskutiert werden, blicke man auch innerhalb der Branche zunehmend kritisch zurück, sagt Denk.Abhängigkeiten wiegen umso schwerer, je überschaubarer der Markt. Die MeToo-Bewegung und zahlreiche prominente Täter demonstrieren aber auch anschaulich, wie sehr jede einzelne Person gefragt ist, nicht länger nach den (falschen) Regeln zu spielen.
„Am Fall R. Kelly sieht man z. B. sehr gut, dass das Ganze nur funktioniert, weil viele Menschen das System stützen, es aufrechterhalten – und darunter sind auch Frauen“, sagt ­Musiksoziologin Rosa Reitsamer. Jahrzehntelang beutete der R’n’B-Superstar Minderjährige aus, verübte sexuelle und psychische Gewalt. Gezielt suchte er nach jungen Schwarzen Frauen aus der Arbeiter*innenklasse, deren Familien einem mächtigen Millionär wie Kelly wenig entgegenzusetzen hatten. Erst die mehrteilige Dokumentation „Surviving R. Kelly“ brachte den Fall erneut ins Rollen. „Es bedurfte eines sechsstündigen Fernsehereignisses, um das zu erreichen, was mehrere öffentliche Klagen, Bilder von sexuellem Kindesmissbrauch und ein Prozess (…) und die #MuteRKelly-Bewegung nicht schafften: das köchelnde öffentliche Unbehagen – oder, schlimmer noch, die vorsätzliche Blindheit – über das Verhalten des Sängers zum Sieden zu bringen“, schrieb der „Guardian“ im vergangenen Jahr. Kelly sitzt aktuell in Haft, im August startet sein bereits mehrfach verschobener Prozess.

Mächtige Worte. Auch im Fall Michael Jackson brachte erst ein Dokumentarfilm die Wende: „Leaving Neverland“, zehn Jahre nach dem Tod des King of Pop veröffentlicht, stieß den Superstar vom Sockel. In der rund vierstündigen Dokumentation erzählen Wade Robson und James Safechuck davon, wie Jackson sie als Kinder und im Jugendalter mit Aufmerksamkeit und Geschenken überhäufte, sie manipulierte, missbrauchte. Der einfühlsame Film fern jeder Sensationsgier zeigt eindrucksvoll, wie geschickt Jackson am eigenen Mythos arbeitete, der ihn unangreifbar machen sollte. Noch heute werden Robson und Safechuck von fanatischen Jackson-Fans belästigt, regelmäßig tritt Jacksons ehemaliger Anwalt in Talkshows auf, um die beiden durch den Dreck zu ziehen. Dabei führt „Leaving Neverland“ auch eindringlich vor Augen, warum die beiden Männer erst viele Jahre später öffentlich über ihre Erlebnisse sprachen: Scham, nagende Selbstzweifel und Schuldgefühle, die Angst davor, medial zerschmettert zu werden.
Den entscheidenden Ausschlag dafür, das Schweigen zu brechen, habe nicht nur die Geburt ihrer eigenen Söhne gebracht, es waren auch Auftritte anderer Betroffener. „Ich bin es leid, in Angst vor Vergeltung, Verleumdung oder Erpressung zu leben. Ich bin hier, um diesen gefährlichen Mann zu entlarven und die vielen Industrien zu benennen, die ihn ermöglicht haben, bevor er noch mehr Leben ruiniert. Ich stehe an der Seite der vielen Opfer, die nicht länger schweigen werden“, so formuliert es Evan Rachel Wood.

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