III/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 02 May 2021 22:18:06 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png III/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Completely Herself https://ansch.4lima.de/completely-herself/ https://ansch.4lima.de/completely-herself/#respond Sun, 02 May 2021 20:50:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=37347 Die 20-jährige Britin Arlo Parks ist Schwarz, bisexuell und wortgewandt. Mit ihrem Coming-of-Age-Album „Collapsed In Sunbeams“ gilt sie als neue Indie-Pop-Hoffnung. Von Michaela Pichler Ein Post im Instagram-Feed, eine übers ganze Gesicht strahlende Arlo Parks vor einem Club in Westlondon. Es ist das denkmalgeschützte O2 Shepherds Bush Empire. Ein Musikort, der im Gedächtnis der Singer-Songwriterin […]]]>

Die 20-jährige Britin Arlo Parks ist Schwarz, bisexuell und wortgewandt. Mit ihrem Coming-of-Age-Album „Collapsed In Sunbeams“ gilt sie als neue Indie-Pop-Hoffnung. Von Michaela Pichler

Ein Post im Instagram-Feed, eine übers ganze Gesicht strahlende Arlo Parks vor einem Club in Westlondon. Es ist das denkmalgeschützte O2 Shepherds Bush Empire. Ein Musikort, der im Gedächtnis der Singer-Songwriterin einen besonderen Platz hat. Dort hat Parks zum ersten Mal einen Live-Gig erlebt, das erste Mal gespürt, wie ein kollektives Erleben von Musik die Zeit für ein paar Stunden stillstehen lässt. Kurz vor der globalen Pandemie bewunderte sie auf dieser Bühne Kolleginnen wie die US-amerikanische Pop-Musikerin Clairo.

Nun prangt in leuchtenden Gelb- und Blautönen eine Wandmalerei der Künstlerin Kate Philipson an der Außenfassade des Lokals: „A force of light and power, she is completely herself“, steht da geschrieben, inspiriert von einem Gedicht aus Parks Feder. Es wurde dort platziert zu Ehren des ­Women’s History Month im März. So kurz dieses Zitat ist, beschreibt es doch ziemlich gut, was den Zauber um die Newcomerin Parks ausmacht.

Gerade hat die 20-jährige Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho unter ihrem Künstlernamen Arlo Parks ihr Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“ via Transgressive Records veröffentlicht. Nicht nur dafür ist sie bei den Brit Awards 2021 nominiert, auch in den Kategorien „Best Solo Female Artist“ und „Breakthrough Artist“ winken Auszeichnungen. Aufgewachsen ist die britische Musikerin im Londoner Stadtteil Hammersmith, mit Jazz-Platten im Ohr, die ihr Vater zu Hause auflegt. Als Teenager bringt sie sich Akkorde auf der Akustik-Gitarre bei und untermalt ihre Gedichte, die sie schon als Kind in Notizhefte kritzelt. In Arlo Parks’ Bücherregal finden sich große Namen, die ihr Schreiben beeinflusst haben: Zadie Smith, Sylvia Plath, Audre Lorde, Virginia Woolf oder Pat Parker. Sie alle kommen in und zwischen den Songzeilen auf „Collapsed In Sunbeams“ vor.

Die Schwarze, feministische Dichterin und Aktivistin Pat Parker beispielsweise hat die junge Musikerin zum Stück „Green Eyes“ inspiriert. „My Lover Is A Woman“ heißt das ursprüngliche Gedicht, in dem Parker über den täglichen Kampf als queere Person of Color zwischen Homofeindlichkeit und Rassismus schreibt. „Felt their eyes judgin’ our love and beggin’ for blood“, singt Arlo Parks drei ­Jahrzehnte nach dem Tod der Poetin. Ihre eigene Bi­sexualität macht die Newcomerin nicht nur hier zum Thema. In „Eugene“ verschwimmen die Grenzen zwischen bester Freundinnenschaft und erstem Verliebtsein. Der Aufprall ist allerdings hart, wenn die ersten großen Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen.

Kennt man die schriftstellerischen Pfade, auf denen Parks wandert, ist es wohl kein Wunder, dass „Collapsed In Sunbeams“ ein vertontes Poesiealbum geworden ist. Unter dieser Prämisse beginnt die Platte mit dem titelgebenden Spoken-Word-Stück, in dem gleich zu Beginn von Selbstakzeptanz die Rede ist. Dass dies auch immer mit dem Eingestehen der eigenen vermeintlichen Schwächen einhergeht, wird auch in den restlichen elf Tracks hörbar: Das Album feiert Verletzlichkeit als vielleicht größte Superpower der Gegenwart, vor allem der „Super Sad Generation“, wie auch die erste EP 2019 heißt.

In den Songs liefert Parks immer wieder Projektionsfläche für das Aufwachsen in einer Gesellschaft, die durch das Scheitern des Neoliberalismus geprägt ist. Ein ausbeuterisches System, das krank macht. Arlo Parks fängt diese zerfallende Welt zwischen Social-Media-Perfektionismus, Depression und Angststörungen ein und verwandelt sie in bittersüßen Pop, der sich aus smoothen Harmonien, stolpernden Lo-Fi-Beats und softem R’n’B speist. In ihrer Stimme steckt Wärme, mit der die Singer-Songwriterin genau die richtige Art von Nähe herstellt. Die einen nennen das authentisch, die anderen sehen darin eine strahlende Identifikationsfigur. Und Arlo Parks? Die ist vielleicht einfach nur sie selbst.

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Die Freiheit, zu konsumieren https://ansch.4lima.de/die-freiheit-zu-konsumieren/ https://ansch.4lima.de/die-freiheit-zu-konsumieren/#respond Sun, 02 May 2021 20:45:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=37344 Beate Hausbichler über den Bodypositivity-Betrug, Feminismus als emotionalisiertes Streitthema und warum Soziale Medien ein feministischer Albtraum sind. Interview: Lea Susemichel an.schläge: Du schreibst in der Einleitung, dass ein Anstoß zu deinem Buch die Szene beim Women­20-Gipfel 2017 in Berlin war, wo sich Ivanka Trump und IWF-Chefin Christine Lagarde als Feministinnen bezeichneten und „die einzige vernünftige […]]]>

Beate Hausbichler über den Bodypositivity-Betrug, Feminismus als emotionalisiertes Streitthema und warum Soziale Medien ein feministischer Albtraum sind. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: Du schreibst in der Einleitung, dass ein Anstoß zu deinem Buch die Szene beim Women­20-Gipfel 2017 in Berlin war, wo sich Ivanka Trump und IWF-Chefin Christine Lagarde als Feministinnen bezeichneten und „die einzige vernünftige Position die von Angela Merkel“ war. Wie kommst du zu dieser Einschätzung? Merkel wurde ja gerade von feministischer Seite scharf kritisiert, weil sie diese Selbstbezeichnung verweigert hat.

Beate Hausbichler: Ich hab es eher sympathisch gefunden, dass an Merkel offenbar vorbeigegangen ist, dass Feminismus jetzt „in“ ist, und sie den Begriff weiterhin an inhaltliche Positionen knüpft, während Lagarde und Trump einfach enthusiastisch die Hände in die Höhe reißen und überhaupt kein Reflexionsvermögen zeigen, was sie denn für die Gleichberechtigung tun, außer selber Karriere zu machen.

Ein zentraler Bereich, in dem sich der „Verkauf des Feminismus“ abspielt, ist das sogenannte „Feminist Washing“, vor allem in der Werbung. Du gehst ausführlicher auf die Marke Dove ein, die ja mit der Kampagne für „Real Beauty“ den Anfang gemacht hat. Was ist daran so falsch, dass wir in der Werbung nicht mehr nur normschöne Frauen sehen?

Solche Kampagnen sind jetzt lange genug abgefeiert worden, nur weil sie nicht mehr ganz so misogyne Werbung machen wie früher. Doch dieser Einsatz von Körperbewusstseins­themen in der Werbung verschleiert, dass weiterhin Schönheitsprodukte verkauft werden. Dinge verkaufen ist der Zweck der Sache, nicht Gleichstellung. Bei der Diskussion um Body­positivity ist auch untergegangen, dass es bei dieser ersten Dove-Kampagne ums Hautstraffen ging. Es gab zwar keine superdünnen Models mehr, aber alle waren straff und ohne Cellulite. Bekomm das einmal hin: Neunzig Kilo zu haben und keine Dellen, das geht nicht!

Gäbe es die Schönheitsindustrie nicht, würden wir unsere Körper nicht so hassen und bräuchten erst gar keine Ermutigung zur Bodypositivity, ist deine Conclusio. Aber auch durch den Aufruf zu „Self-Care“ seien die Anforderungen eigentlich mehr statt weniger geworden, schreibst du.

Ja, das ist ein weiteres Problem: Body­positivity ist wieder nur Arbeit an sich selbst, die um einiges tiefer geht, als nur gut aussehen zu müssen. Ich muss jetzt auch noch lernen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Auf jedem Cover von Frauenmagazinen steht plötzlich, dass wir uns bitte selbst lieben sollen. Bodypositivity geht ganz tief ins Innere und schlägt eine Schneise in einen neuen Markt mit positiver Psychologie und Coaching.

Du kritisierst auch das Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) mit freiwilligen Standards und Selbstregulierung der Unternehmen statt verbindlichen Richtlinien. Wieso bringt das nichts?

Bei Corporate Social Responisibility ist nichts verbindlich, wie beim Greenwashing will man damit der Politik zeigen, dass man sich eh bemüht. Es ist aber meist eine reine Imagepolitur, wir sehen beim Klimathema, dass das absolut nicht funktioniert, dass sich die Konzerne keine strengen Beschränkungen auflegen, weil sie nie etwas tun, was ihnen wehtut. Bei politischen Themen lässt sich der Erfolg zudem extrem schwer evaluieren. Ich bin der Meinung, dass die Politik sowieso schon zu viel auf Bewusstseinskampagnen setzt, wir sehen ja, dass sich an der Lohnschere und bei Femiziden nichts ändert.

Konsumentscheidungen sind heute ein wichtiges Mittel für soziale Distinktion, um die eigene Individualität zu inszenieren. Selbstermächtigung und Konsum werden aneinandergebunden. Wie sehr hängt diese Entwicklung damit zusammen, dass es ganz generell und überall immer stärker um individuelle Selbstvermarktung geht?

Die US-Journalistin Andi Zeisler hat schön gezeigt, wie das alles angefangen hat, nämlich damit, dass Kreditkartenfirmen Frauen in ihrer Autonomie, in ihrer Freiheit, etwas konsumieren zu können, angesprochen haben. Frauen werden als autonome Subjekte adressiert, aber nur, um mit ihnen Geld zu verdienen. Durch die Sozialen Medien gibt es immer mehr Möglichkeiten, sich selbst durch Konsum zu entwerfen, und dieses Potenzial sehen auch die Konzerne. Zalando etwa hat mit Unisex plakatiert: Du kannst alles machen, du bist nicht mehr an Geschlechter und Normen gebunden, ist die Botschaft. Diese schnelle kommerzielle Vereinnahmung finde ich beängstigend. Auch Facebook ist ein gutes Beispiel, alle haben sich gefreut, dass es inzwischen siebzig verschiedene Identitätskate­gorien gibt – „Agender“, „Pangender“, alles ist möglich. Es wurde jedoch übersehen, dass es die Möglichkeit, nichts anzugeben, eben nicht gibt! Denn Unternehmen brauchen Zielgruppen, und die werden vielfältiger. Aber auch das ist nur eine Nische.

Auch auf Social Media geht es vor allem um Selbstinszenierung, du schreibst: „Kurz gesagt sind Soziale Medien ein feministischer Albtraum.“ Warum?

Sie führen zu Vereinzelung und extremer Individualisierung, bei der wir mit uns selbst oder mit unserer Identität umgehen, als ob sie eine Ware wäre. Jia Tolentino beschreibt so gut, dass wir uns im Netz immer als schlüssige Identität einbringen müssten. Sich unsicher zu sein, Fragen aufzuwerfen – das funktioniert auf Insta­gram oder Twitter einfach nicht. Diese Selbstvermarktung greift auch in politischen Kreisen um sich und wird nicht mehr infrage gestellt. Wir richten uns alle nach dieser Marktlogik aus, da gibt’s viel zu wenig vor allem feministische Reflexion, wie man damit umgehen sollte.

Mit Feminismus lassen sich nicht nur Kosmetik und Slogan-T-Shirts verkaufen, sondern auch Zeitungen. Du analysierst sehr ausführlich, wie Feminismus medial zum emotionalisierten Streitthema gemacht wird. Warum sollten wir uns dieser Medienlogik entziehen?

Es geht dabei fast nie um einen Meinungsaustausch oder konstruktiven Diskurs, sondern darum, auf einem Podium Meinungen aufeinanderknallen zu lassen. Das wurde auch bei #MeToo sichtbar, da saßen völlig inkompetente Menschen, die noch nie was mit Geschlechterpolitik zu tun hatten, in Talkshows und durften anderthalb Stunden über sexualisierte Gewalt reden. Auch die Architektur von Sozialen Medien bringt mit sich, dass es dort nur ums Aufeinanderknallen geht, es kommt inhaltlich doch nichts dabei raus.

Ein Kapitel deines Buches widmet sich auch dem emanzipatorischen Versprechen, das in feministischen – oder feministisch lesbaren – Fernsehserien lag. Allerdings würden US-Serien vor allem einen Lean-in-Feminismus zeigen, also erfolgreiche weiße Frauen und ihre Alltagskämpfe.

Vor zwanzig Jahren gab es ja kaum feministische Serien, man hat aus dem wenigen Material irgendwas herausdestillieren müssen, ich hab das immer sehr lustig und spannend gefunden, vor allem weil man als Zielgruppe nicht so festgelegt wurde, es gab viele selbstbestimmte Lesearten einer Serie. Teilweise sind die Serien heute richtig gut und es gibt auch viel mehr, das ist schon ein großer Fortschritt. Aber in diesen ganzen US-Serien – bei Netflix heißt das „Serien mit starken Frauenrollen“ – kommt z. B. nirgends vor, dass es in den USA keine Karenz, keinen Kündigungsschutz, keinen arbeitsrechtlichen Schutz für Mütter gibt. Es geht immer um Stress, es wird aufs Businesskostüm gekotzt und zum Termin gehetzt, aber das alles ­findet unter Bedingungen statt, die wir dank der Frauenbewegung in Teilen ­Europas nicht mehr haben. Doch diese strukturelle Ebene kommt einfach gar nicht vor.

Andi Zeisler, immerhin Mitgründerin des „Bitch-Magazine“, hat in ihrem Buch „Wir waren doch mal Feministinnen“ den Popfeminismus als gescheitert erklärt. In deinen Ausführungen scheint auch wenig Ambivalenz übrig, die ernüchternde Bilanz ist, dass sich der neoliberale Kapitalismus den Feminismus einverleibt hat. Ist es wirklich so hoffnungslos?

Ich bin nicht der Meinung, dass alles schlecht ist, ich bin weiterhin von der Verzahnung von Massenkultur und Feminismus begeistert, ich halte das für eine große Chance. Aber mir ist die Stimmung generell zu positiv. Ich wollte ganz bewusst die Schattenseiten dieser Vermarktbarkeit aufzeigen und nicht noch ein Buch schreiben, wieso Feminismus so toll und wichtig ist.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, seit 2014 leitet sie deren frauenpolitisches Ressort dieStandard.

Beate Hausbichler: Der verkaufte Feminismus. Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde
Residenz Verlag 2021, 22 Euro

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„Wir wollen uns solidarisch zeigen“ https://ansch.4lima.de/wir-wollen-uns-solidarisch-zeigen/ https://ansch.4lima.de/wir-wollen-uns-solidarisch-zeigen/#respond Sun, 02 May 2021 20:38:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=37334 „Perilla“ ist ein neues feministisches Zine der asiatischen Diaspora in Österreich. Vina Yun hat mit Weina Zhao und Noo Poravee vom „Perilla“-Kollektiv über anti-asiatischen Rassismus und DIY-Zines als selbstbestimmte Medien gesprochen. an.schläge: Unser Gespräch findet wenige Tage nach dem Anschlag in Atlanta in den USA statt, bei dem mehrheitlich asiatische Migrantinnen von einem weißen Täter […]]]>

„Perilla“ ist ein neues feministisches Zine der asiatischen Diaspora in Österreich. Vina Yun hat mit Weina Zhao und Noo Poravee vom „Perilla“-Kollektiv über anti-asiatischen Rassismus und DIY-Zines als selbstbestimmte Medien gesprochen.

an.schläge: Unser Gespräch findet wenige Tage nach dem Anschlag in Atlanta in den USA statt, bei dem mehrheitlich asiatische Migrantinnen von einem weißen Täter getötet wurden. Was ging euch durch den Kopf, als ihr von den Morden erfahren habt?

Weina Zhao: Ich fand die Bericht­erstattung total frustrierend. Die Medien haben in erster Linie die Aussagen des Attentäters wiederholt: Demnach sei die Tat nicht rassistisch motiviert gewesen – er habe einfach einen schlechten Tag gehabt. Wären jüdische oder muslimische Orte attackiert worden, hätte niemand daran gezweifelt, dass antisemitische oder antimuslimische Motive dahinterstanden.

Noo Poravee: Allgemein gibt es nur wenig Bewusstsein für anti-asiatischen Rassismus. Viele sagen: Warum ist das so schlimm, wenn ich dieses oder jenes sage, da geht es doch nur um Essen oder asiatische Kultur! Da wird viel runtergespielt. Atlanta ist ein Beispiel dafür, dass es nicht um Befindlichkeiten geht, sondern um strukturellen Rassismus, der tödlich sein kann.

In der Corona-Pandemie ist nicht nur anti-asiatischer Rassismus sichtbarer geworden, sondern auch der Widerstand dagegen. So machen Initiativen wie #IchBinKeinVirus Attacken gegen Menschen öffentlich, die als asiatisch wahrgenommen werden, Netzwerke wie korientation klären über die Geschichte anti-asiatischer Darstellungen auf. Wie würdet ihr anti-asiatischen Rassismus definieren?

Zhao: Wir alle kennen die Klischees und Stereotype, mit denen wir aufgewachsen und gehänselt worden sind. Aber noch immer gelten der „­CCC“-Spruch – die rassistische Variante von „Schere, Stein, Papier“ – oder das Verziehen der Augen als harmlos. Mit Corona ist das Ganze eskaliert, die verbalen und körperlichen Attacken gegen asiatische Menschen passieren nicht nur in den USA, sondern sind ein globales Problem. Dabei spielt die Objektifizierung von asiatischen Menschen eine sehr große Rolle, vor allem bei Frauen, wo sie in Hypersexualisierung mündet. Es ist diese Entmenschlichung, die Verbrechen wie jenes in Atlanta möglich macht. Diese Hyper­sexualisierung findet man überall. Z. B. blockt das Betriebssystem von Apple, sobald die Kindersicherung aktiviert ist, den Suchbegriff „Asian“, weil er als pornografisch eingestuft wird. Das wurde schon seit Längerem kritisiert, erst jetzt ist eine Änderung im Gespräch.

Noo: Entmenschlichung bedeutet auch: Du kannst nichts richtig machen, du bist entweder zu wenig oder zu viel. Wenn du als asiatischer Mensch etwas besonders gut machst, wirst du oft mit einem Roboter verglichen, mit einer Maschine. Ich finde das toxisch positiv.

Trotzdem werden Rassismuserfahrungen von asiatisch gelesenen Menschen häufig nicht ernst genommen. Ich selbst bekomme immer wieder zu hören, dass es sich gar nicht um „richtigen“ Rassismus handle, weil „die Asiaten“ vielfach positiv wahrgenommen würden.

Zhao: Ich kenne das aus eigener ­Erfahrung: Wenn ich versuche, auf ­anti-asiatischen Rassismus aufmerksam zu machen, muss ich oft richtig brutale Beispiele hernehmen, ­damit die Leute verstehen, worum es geht. Alltagsrassismus und Mikro­aggressionen gelten hingegen als „nicht so schlimm“. Ich behaupte mal: Den meisten Leuten ist klar, dass das N-Wort rassistisch ist, und sie würden das heutzutage nicht mehr infrage stellen. Natürlich hat der Rassismus gegen Schwarze Menschen eine andere Geschichte als bei asiatischen oder asiatisch gelesenen Menschen. Trotzdem ist es vom Verletzungsgrad her, von dem, was es mit mir macht, das Gleiche, wenn ich als Sauge bezeichnet werde.

Noo: Es ist schwierig, diese „kleineren“ Dinge, die im Alltag passieren, anzusprechen. Oft heißt es dann: Warum kannst du da nicht drüberstehen – das war ja nicht böse gemeint!

Zhao: Oder Leute fragen: Warum haben sich asiatischstämmige Menschen nicht schon viel früher aufgeregt, wenn es so rassistisch ist? Und dann kommt so etwas wie, es liege an „der Kultur“. Sich anzupassen und leise zu sein, hat aber nichts mit der Herkunftskultur zu tun, sondern ist eine Überlebensstrategie. Und wenn wir schon über „Kultur“ reden: Dieses Sich-nicht-Einmischen und Wegschauen ist schon sehr österreichisch.

Ja, in Österreich hinkt der Rassismus-Diskurs grundsätzlich Jahre hinterher. Die Frage ist aber auch: Was wird überhaupt als Widerstand gegen Rassismus wahrgenommen?

Noo: Natürlich ist es wichtig, auf Rassismus zu reagieren, und das, was da ist, wird zu wenig wahrgenommen. Aber bei „Perilla Zine“ wollen wir uns nicht bloß über Diskriminierung oder Rassismus definieren: Mit dem Zine haben wir die Möglichkeit, so repräsentiert zu werden, wie wir das wollen, und mehr von der Komplexität der asiatischen Diaspora zu zeigen. Letztlich geht es darum zusammenzukommen und zu suchen, was uns verbindet, was uns Halt und Stärke gibt. Dass wir uns selbst definieren, anstatt immer wieder von außen beschrieben zu werden.

Ihr beschreibt euch als intersektio­nal feministisches Kollektiv. Wie äußert sich diese Haltung in „Perilla Zine“?

Zhao: Es geht um die verschränkten Diskriminierungen, die alle miteinander zu tun haben. In den Kämpfen dagegen wollen wir uns solidarisch zeigen und uns nicht spalten lassen. Innerhalb der asiatischen Diaspora existieren viele Diskriminierungsformen – sei es Klassismus, Sexismus oder anti-Schwarzer Rassismus –, die oft als „Tradition“ verpackt sind. Wir wollen das aufbrechen und nicht von einem „Model Minority“-Mythos, also vom Bild als Vorzeige-Migrant*innen, profitieren.

Noo: Wir wollen das Zine zugänglich gestalten und keine akademische Sprache nutzen. Wir müssen das Wort „intersektional“ nicht drinnen haben, um intersektional zu sein. Barrierefreiheit ist auch ein wichtiges Thema in der Gestaltung. Dabei geht es nicht darum, von Anfang an alles richtig zu machen, sondern dass wir nicht in dieses Denkmuster reinfallen wollen: Wenn es nur wenige betrifft, kann es nicht so wichtig sein.

Warum habt ihr euch für ein gedrucktes Medium entschieden – und nicht etwa für einen Blog oder Instagram-Kanal?

Noo: Es ist schön, etwas in der Hand zu halten, das man durchblättern kann, dieses Haptische. Aber wir überlegen auch, eine Website zum Zine zu machen.

Zhao: Wir wollten auch an die Tradition von DIY-Zines anschließen und das Zinemachen als eine Form von Protest sichtbar machen. Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich Menschen der asiatischen Diaspora mit einem gedruckten Zine ansprechen können. Aber mein Gefühl ist, dass man in den Social-­Media-Blasen zu sehr unter sich bleibt.

Warum habt ihr das Zine „Perilla“ getauft?

Noo: Perilla ist ein Gewürzkraut, das in vielen asiatischen Küchen verwendet wird. Es hat ein ganz eigenes Aroma und wächst praktisch überall – und über alles drüber.

Weltherrschaft! (Alle lachen.)

Zhao: Wir haben darüber diskutiert, ob wir negative Begriffe neu besetzen können. In Asian-American Kontexten wird z. B. „Yellow Peril“ („gelbe Gefahr“, Anm. d. Red.) neu angeeignet, aber wir wollten einen Namen, der nicht dieser Dafür-oder-dagegen-Logik folgt. Den Aspekt, dass Perilla im Westen als Unkraut betrachtet wird und so widerstandsfähig ist, fanden wir schön.

Vina Yun ist freie Journalistin und Autorin in Wien.

Die erste Ausgabe von „Perilla Zine“ ist ab April erhältlich und kann hier bestellt werden: perilla@riseup.net.

www.instagram.com/perillazine
www.facebook.com/perillazine

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Eine Runde weiter https://ansch.4lima.de/eine-runde-weiter/ https://ansch.4lima.de/eine-runde-weiter/#respond Sun, 02 May 2021 20:13:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=37331 Castingshows haben einen fixen Platz im TV. Statt auf Erniedrigung setzt auch die Neuauflage von „Starmania“ auf Vielfalt und Respekt. Dabei ist noch viel Luft nach oben, findet Vanessa Spanbauer. Beate Baumgartner berichtet davon, wie es sich anfühlt, über Nacht zum TV-Star zu werden. Ich war 18, als ich mich bei „Starmania“ beworben habe. Gerade […]]]>

Castingshows haben einen fixen Platz im TV. Statt auf Erniedrigung setzt auch die Neuauflage von „Starmania“ auf Vielfalt und Respekt. Dabei ist noch viel Luft nach oben, findet Vanessa Spanbauer. Beate Baumgartner berichtet davon, wie es sich anfühlt, über Nacht zum TV-Star zu werden.

Ich war 18, als ich mich bei „Starmania“ beworben habe. Gerade mal ein halbes Jahr zuvor war ich alleine von Namibia nach Österreich gezogen. 

Keiner, weder der ORF noch die Teilnehmenden, hatte damit gerechnet, dass die Sendung so einschlagen würde. 

In Namibia wurde ich als „die Österreicherin“ wahrgenommen, weil ich äußerlich nicht dazupasste. In der österreichischen Öffentlichkeit war ich hingegen die „Quotenschwarze“, so wurde ich genannt. In einer Reportage wurde ich sogar als Nigerianerin bezeichnet. Als ich den Redakteur darauf hinwies, dass ich aus Namibia komme, erwiderte er, das sei doch eh alles das Gleiche.

In den damaligen „Starmania“-Foren im Netz ließen einige ihrem Rassismus freien Lauf. Plötzlich war man bekannt wie ein Promi, nur verfügte man nicht über die Mittel, die Promis haben, um sich abzuschirmen für ein kleines bisschen Privatsphäre.

Die Kandidat*innen haben sich sehr gut verstanden, fast zu gut, deshalb begann die Redaktion, Situationen und Stories zu inszenieren, um ein bisschen Spannung reinzubringen. Wenn man sich einer Casting-Show aussetzt, muss einem klar sein, dass es nicht nur um Gesang und Bühnenperformance geht. Mir ist dabei die Lust vergangen. Trotzdem bleibt man dabei und strampelt sich durch.

Es ist halt ein Fernsehformat, das einfach Quoten bringen muss. Deshalb werden die Teilnehmenden angehalten, es möglichst spannend und dramatisch zu gestalten. Ich erinnere mich an eine Zeitschrift, die plante, alle zwölf FinalistInnen sexy und halbnackt abzubilden. Ich hatte mündlich zugesagt, aber nach einem Beratungsgespräch machte ich einen Rückzieher. Das kam gar nicht gut an. Mir wurde von dem Medienunternehmen gedroht, dass sie mich nie wieder featuren würden.

Nach der Sendung bin ich erst mal untergetaucht, ich wollte auch nicht mehr singen und beurteilt werden. Jahre später hatte ich dann das Glück, für Parov Stelar singen zu dürfen. Die Band ist an mich he­rangetreten, weil deren Booker mich durch „Starmania“ kannte. Somit hat der ganze Zirkus mir dann doch auch musikalisch was gebracht. 

Ich weiß nicht, ob ich jemandem dezidiert abraten würde, dort mitzumachen. Letztendlich habe ich sehr viel gelernt. Meinen Kindern jedoch würde ich auf jeden Fall davon abraten. Oder ich würde zumindest versuchen, sie bestmöglich darauf vorzubereiten.

Denn wer bei so einer Show mitmachen will, sollte gewappnet sein und ein gutes Support-System haben. Wer als Jugendlicher auf sich allein gestellt ist, kann an dem Druck leicht zerbrechen. 

Beate Baumgartner schaffte es in die Endrunde der ersten Staffel von „Starmania“.

Meine Erwartung als Zuseherin an „Starmania21“ war groß. Als Staffel eins vor 19 Jahren über den Bildschirm flimmerte, war ich ein Riesenfan, mit zehn Jahren allerdings noch nicht in der Lage zu durchschauen, welche Inszenierungen das Erlebnis Castingshow braucht. Wie das öffentliche Shaming der Leider-Nein-Kandidatinnen und späteren Finalistinnen, die teils wirklich unterirdischen Kommentare der Juroren und der unterschwellige Sexismus, der so unterschwellig eigentlich gar nicht war. Was kann ein Castingformat 2021 richtig machen? Passt das noch in unsere Zeit? Diese Fragen stellten sich wohl auch die Macher*innen und der ORF. Die Jury mit zwei Frauen und einem Mann zu besetzen: ein Zeichen. Siehe da, es funktioniert: „Starmania21“ ist weniger sexistisch. „Die sind zu nett!“, liest man auf Social Media, denn es wird fast peinlich darauf geachtet, keine harte Kritik zu äußern. Das entspricht einfach nicht unseren Sehgewohnheiten. Auch gedemütigt sollen die Kandidat*innen eigentlich nicht mehr werden, als Unterhaltungsformat lässt sich das aber offenbar nicht vollständig vermeiden. Sehgewohnheiten also wiederhergestellt. Besonders in den Moderationen und den Vorstellungsclips schimmern die altbekannten Probleme durch – ein queerfeindlicher Kommentar hier, ein rassistischer da, eine Priese Sexismus zum Drüberstreuen. Fraglich deshalb, ob es gelingen kann, Sendungen wirklich weiterzuentwickeln, wenn man nur einige Aspekte erneuert und ansonsten am Küniglberg – der ORF-Zentrale – mit Schema F weitermacht. Denn Diversität ist nicht nur bei den Kandidat*innen relevant, auch die Redaktionen und Sendungsverantwortlichen müssen die Gesellschaft widerspiegeln. Wären die Kandidat*innen zeitgleich Sendungsmacher*innen, müssten wir uns Freitagabend vor dem Fernseher wohl weniger fremdschämen.

Vanessa Spanbauer war „Starmania“-Fan der ersten Stunde.

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„Spiritueller Missbrauch ist ein absoluter Tabubereich“ https://ansch.4lima.de/spiritueller-missbrauch-ist-ein-absoluter-tabubereich/ https://ansch.4lima.de/spiritueller-missbrauch-ist-ein-absoluter-tabubereich/#respond Sun, 02 May 2021 19:59:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=37308 Christlich-fundamentalistische Gruppierungen gewinnen an Zulauf – und zeigen aktuellauf den Corona-Demos Gesicht. Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen über die Anziehungskraft fundamentalistischer Strömungen, frauenfeindliche Ideologie und Strategien für Angehörige. Ein Interview von Verena Fabris an.schläge: Seit Juli 2020 gibt es in Österreich eine Stelle zur „Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus“. Im Fokus steht […]]]>

Christlich-fundamentalistische Gruppierungen gewinnen an Zulauf – und zeigen aktuell
auf den Corona-Demos Gesicht. Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen über die Anziehungskraft fundamentalistischer Strömungen, frauenfeindliche Ideologie und Strategien für Angehörige. Ein Interview von Verena Fabris

an.schläge: Seit Juli 2020 gibt es in Österreich eine Stelle zur „Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus“. Im Fokus steht dort der „politische Islam“. Welche anderen religiösen Gruppen sind hierzulande aktiv, die „im Widerspruch zu den Grundsätzen des demokratischen Rechtsstaates und den Menschenrechten“ stehen?

Ulrike Schiesser: Als Erstes fallen mir die Zeugen Jehovas ein – auch wenn ich die nicht nennen dürfte, da wir für anerkannte Religionsgemeinschaften nicht zuständig sind. Ihre Mitglieder sollen nicht wählen gehen. Wenn eine Person die Gruppe verlässt, muss die eigene Familie jeden Kontakt mit ihr abbrechen. Das verstößt gegen die Menschenrechtskonvention. Ansonsten sind es meist kleinere Gruppen. Die Belastungen sind oft sehr subtil, problematisch wird es, wenn ein Weltbild vermittelt wird, das Menschen schadet. Gruppen wie z. B. die ­„Gemeinde Gottes“ in Vorarlberg erklären, dass die Corona-Regelungen von Satan kämen und dass für die Mitglieder die Regierungsverordnungen nicht gelten würden, denn für sie zähle nur Gott.

Gehen solche Gruppen auch auf die Corona-Demos?

Ja, gerade die Freikirchen sehen die Pandemie oft als Zeichen der Wiederkehr Christi. Das feuert ihre Missionstätigkeit an. Meine Beobachtung ist: Je stärker die religiöse Bindung, desto mehr steht der Glaube über staatlichen Regeln. Darum tun sich manche schwer mit unserer pluralistischen Gesellschaft, ob das LGBTIQ-Rechte sind, eine freie Sexualität oder auch die Überzeugung, dass Kinder selbstbewusst und kritikfähig aufwachsen sollten. Das passt meistens nicht in diese autoritären Systeme. Kinder sollen gehorchen. Männer und Frauen haben genau zugewiesene Plätze. Die heilige Familie soll heilig bleiben.

Wie sieht es mit frauenfeindlichen und homofeindlichen Tendenzen aus?

Mein Eindruck ist, dass sie nicht weniger werden. Wenn mir eine neue Gruppe begegnet, stelle ich zunächst die Frage nach den Leitungsgremien: Können Frauen die Leitung übernehmen und tun sie das auch? Und: Wie geht man mit Homosexualität und Transgender um? Das wird oft als Krankheit oder Sünde gesehen oder als Dämon, der ausgetrieben gehört. Was ich auch ganz oft höre: Die Person wird natürlich bei uns nicht abgelehnt, aber sie muss keusch leben.

Und die Stellung von Frauen?

Das ist komplex. Es gibt kaum eine Gruppe, die sagt, Frauen sind bei uns weniger wert. Auch die Freichristen sagen: Frauen und Männer sind gleichwertig. Aber der Platz der Frau ist in der Familie, sie wird als die Stütze des Mannes gesehen. Der Platz des Mannes ist hingegen im Berufsleben.

Was macht die Faszination von Freikirchen aus, gerade auch für junge Menschen?

Sie versprechen eine Parallelwelt mit einer scheinbar idealen Gemeinschaft. Und sie sind so sicher in dem, was sie sagen. Es gibt klare Vorgaben und weniger Entscheidungen. Man muss nicht den perfekten Weg finden, um sein Leben optimal zu gestalten, sondern es genügt, Gott zu vertrauen. Glaube und Gehorsam werden mit Erfolg belohnt. Dieses Korsett, das wir von außen so erschreckend finden, ist für manche total erleichternd.

Was ist speziell für Frauen attraktiv an solchen patriarchalen Gemeinschaften?

Eine junge Frau hat mir erzählt, sie habe als Teenager den Stress erlebt, alles sein zu müssen – und obendrein noch sexy. Für sie war die Idee entlastend, es gäbe diesen einen Partner, den dir Jesus zuführt. Und auch, dass sie Gleichgesinnte gefunden hat, die an den großen Themen des Lebens interessiert sind: Was ist Liebe? Was Glück? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wie will ich sein? Das sind Themen, die bei Jugendlichen andocken. Zusätzlich bieten Freikirchen ein intensives Programm und viele Entfaltungsmöglichkeiten. Wenn jemand eine Fähigkeit hat, die für die Gemeinschaft gebraucht werden kann, wird diese gefördert.

Es geht also auch um Selbstwirksamkeit?

Manche schildern, dass sie sich einfach wichtig gefühlt haben, weil sie Soldaten Gottes sind, eine Aufgabe haben, z. B. andere durch die Mission zu retten oder eine bessere Welt zu erschaffen. Eine Rolle spielt auch das Gefühl, zu einer Elite zu gehören.

Welche Rolle spielt Gewalt für die „Soldaten Gottes“?

Körperliche Gewalt kann sich gegen Kinder richten. In der Bibel gibt es eine Reihe von Stellen, in denen steht, der Sohn muss gezüchtigt werden – die Töchter werden kaum erwähnt. Da gibt es einige Gläubige, die das auch praktizieren. Wirklich gewalttätig nach außen sind sie nicht. Formen von psychischer Gewalt sehe ich schon. Häufig wird gesagt: Du bist zutiefst sündig, egal wie sehr du dich bemühst, es ist nie genug. Satan ist eine ständige Bedrohung, vor der man sich in Acht nehmen muss. Selbstbefriedigung ist, wie jede Form der Sexualität außerhalb der Ehe, verpönt. Begehren, Rebellion und Autonomie werden unterdrückt. Auch dass man meist keine Beziehungen außerhalb der Gemeinschaft haben soll, ist für mich etwas Gewalttätiges oder zumindest schwer Manipulatives.

Wo ist die Grenze zu religiös motiviertem politischen Extremismus?

Für mich ist es immer problematisch, wenn es extrem wird. Für die Einzelperson ist das Ausmaß ausschlaggebend. In der Gruppe ist relevant, wie sehr die Umwelt als böse, gefährlich und satanisch definiert wird. Das ist auch eine Form des Entmenschlichens. Dann ist bis zu Gewalt alles drinnen, denn es trifft ja ohnehin nur das absolut Böse.

Warum wenden sich Angehörige an die Bundesstelle für Sektenfragen?

Angehörige rufen meist schnell an, wenn sie Inhalte irritieren, wie z. B., dass die Evolutionstheorie abgelehnt wird. Auch missionierendes Verhalten fällt der Umgebung schnell auf. Und es ist oft das Gefühl, jemand nimmt mir die Person weg, da passiert Gehirnwäsche.

Wann läuten bei Ihnen die Alarmglocken?

Wenn es Kinder und Jugendliche betrifft. Religionsfreiheit endet dort, wo die Kinderrechte anfangen. Das wird in diesen Gruppen selten gesehen. Kinder sind der Besitz der Eltern. Das ist nach wie vor ein blinder Fleck bei der Kinder- und Jugendhilfe. Es ist zu viel Sorge da, Religionsrechte zu verletzen, stattdessen werden Kinderrechte verletzt.

Kritisch ist auch das Thema Gesundheit. Da geht es wirklich um Leib und Leben, wenn z. B. ärztliche Behandlungen abgelehnt werden, weil nur Gott heilt.

Gibt es da in der Politik einen blinden Fleck?

Ich würde sagen, das ganze Feld, das die sogenannten Sekten betrifft, wird völlig unterschätzt. Spiritueller Missbrauch ist ein absoluter Tabubereich, da schaut man überhaupt nicht hin.

Was bräuchte es?

Mehr Aufmerksamkeit, dass da Menschen zu Schaden kommen. Wenn sich Menschen in eine Parallelrealität verabschieden, haben wir wirklich ein Problem. Wie komme ich noch in einen gesellschaftlichen Diskurs, wenn eine Gruppe sagt: Ich erkenne den Staat nicht an, ich bin der Meinung, die Erde ist flach, ich gehe lieber zum Exorzisten als zum Therapeuten. Das ist dann auch eine Gruppe von Personen, die man instrumentalisieren und radikalisieren kann.

Was raten Sie Angehörigen, die sich an Sie wenden?

Wenn möglich den Kontakt zu halten und nicht mit der Idee hineinzugehen, die Person mit der richtigen Argumentation zu überzeugen. Das heißt nicht, dass man Kreide fressen muss, sondern, dass die Kritik auf eine Art und Weise verpackt ist, dass die Person sich nicht automatisch angegriffen fühlt. In den problematischen Gruppierungen werden die Leute immer isoliert. Da ist oft die Familie der eine Faktor, der sich nicht so leicht rausschneiden lässt. Es sind kleine Schritte, man kann Samenkörner fallen lassen, das eine oder andere geht vielleicht einmal auf. Es langfristig sehen. Ein Stück weit auch Toleranz leben, aushalten, dass jemand ganz anders lebt, denkt, handelt. Man wirkt selbst über die eigene Beziehung, über die eigene Persönlichkeit mehr als über das, was man sagt.

Ulrike Schiesser ist Psychologin und Psychotherapeutin, seit 2009 ist sie Mitarbeiterin der Bundesstelle für Sektenfragen.

Verena Fabris leitet die Beratungsstelle Extremismus, sie engagiert sich in der Armutskonferenz und in feministischen Zusammenhängen und ist im Vorstand der an.schläge.

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Den Verhandlungen zur gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und damit Milliarden an Agrarförderungen läuft die Nachspielzeit aus. Eigentlich sollten ab 2021 neue Regeln gelten, doch eine Einigung blieb aus. Als Notlösung wird nun zwei Jahre lang Geld nach veralteten Spielregeln verteilt. Derweil verhandeln Mitgliedsländer, Kommission und EU-Parlament, unter welchen Bedingungen über 240 Milliarden Euro von 2023 bis 2027 ausgeschüttet werden sollen. Es geht um viel: welche Landwirtschaft wir haben wollen, wer wie viel kriegt und was unsere Nahrungsmittelproduktion für Umwelt und Klima bedeutet. Der Vorschlag, der am Tisch liegt, wurde von Umwelt-NGOs als schwach und unzureichend kritisiert. Dabei hätte die Landwirtschaft großes Poten­zial, der Biodiversitäts- und Klimakrise entgegenzusteuern.

Und noch ein Problem muss endlich angegangen werden: die Ausbeutung von Erntehelfer*innen. Denn neben den Milliarden an Agrarförderungen sind Billigfleisch und Tomaten aus dem Plastikmeer von Almería nur möglich, weil Migrant*innen unter den unwürdigsten Bedingungen schuften. Die portugiesische Ratspräsidentschaft hat sich nun mit einem wichtigen Vorschlag vorgewagt: Betriebe, die ihre Erntehelfer*innen nicht fair behandeln und die gesetzlichen Arbeitsbedingungen verletzen, müssen EU-Förderungen zurückzahlen. Dies wäre eine echte Sanktionsmöglichkeit und entspricht der Praxis bei Verletzungen von Umweltauflagen.

Doch die Agrarlobby will das nicht. Allen voran Österreichs Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, die als Fürsprecherin mit zwölf weiteren Ländern sofort Einspruch erhob. Das Argument: Es brauche mehr Studien, um das Problem zu verstehen, und überhaupt seien arbeits- und sozialrechtliche Standards ja nicht Verantwortung der Agrarpolitik. Ihre Lösung: freiwillige Schulungen und Infokampagnen. Doch die Weigerung, Arbeitsrechte aufzuwerten, ist im Interesse derer, die durch die Ausbeutung von Arbeitskräften Profite machen, und nutzt insbesondere Großbetrieben, die die meisten Förderungen erhalten.

Inge Chen ist Mitbegründerin des feministischen Netzwerks Period. Brussels und arbeitet als Pressesprecherin im Europa­parlament.

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Überall auf der Welt organisieren sich Amazon-Arbeiter_innen, während der Milliarden-Konzern wächst und wächst. Der Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen ist ein harter. Von Nelli Tügel

Kurz vor Ostern, Bad Hersfeld in Hessen: Bei Amazon wird mal wieder gestreikt. Mit dabei ist Rosi Huth*, die normalerweise Retouren bearbeitet. Als sie 2012 bei Amazon anfing, sei sie glücklich gewesen, mit fünfzig noch quereinsteigen zu können, erzählt Huth bei einem Telefongespräch am Gründonnerstag: „Ich war eine 200-Prozent-Amazonierin.“ Das änderte sich mit der Zeit, als Huth merkte, dass Amazons Gerede von „Teamgeist“ und „Wertschätzung“ mit der Realität nur wenig zu tun hatte. „Dann habe ich mitgestreikt“, sagt sie, „zum ersten Mal vor zwei Jahren.“

„Am Anfang war alles noch schick, kein Stress, alle nett“, berichtet auch Veronika Müller*, die 350 Kilometer nördlich von Bad Hersfeld arbeitet – in Winsen bei Hamburg. Das dortige Logistikzentrum öffnete 2017, kurz darauf fing Müller als Kommissioniererin an. Sie holt Waren aus den riesigen Lagern. In der Sprache des E-Commerce-Giganten heißt das „picken“.

33 Prozent Corona-Plus. Bei Amazon wird gepickt und verpackt und transportiert, es werden Retouren bearbeitet und Waren eingelagert – und seit einiger Zeit liefern auch immer mehr eigene Zusteller_innen die Waren aus. Von 2013 bis 2019 hat der Konzern seinen Umsatz von 74 auf 233 Milliarden US-Dollar mehr als verdreifacht, seitdem ging es noch einmal steil bergauf: Amazon ist Corona-Krisen-Gewinner. Allein in Deutschland steigerte sich der Umsatz im vergangenen Jahr um 33 Prozent.

Möglich machen das mehr als eine Million Beschäftigte weltweit. Hinzu kommen Saisonkräfte, Angestellte über Zeitarbeitsfirmen und Subunternehmen. Sie alle stehen unter hohem Arbeitsdruck.

Entsprechend änderte sich auch Veronika Müllers Blick auf ihren Arbeitsplatz. Bei Amazon gibt es Vorgaben, wie viele Artikel in der Stunde kommissioniert oder eingelagert werden müssen. Diese werden stetig erhöht: Als Müller in Winsen begann, habe die Anzahl der pro Stunde zu bearbeitenden Artikel bei 180 gelegen, heute sind es 370. Das Arbeitstempo wird lückenlos dokumentiert, jeder Schritt über einen Handscanner überwacht, wer „zu langsam“ ist, muss um den Arbeitsplatz fürchten, denn viele Verträge sind befristet.

Historische Abstimmung. Überwachung, Kontrolle, unmenschliches Arbeitstempo: Überall auf der Welt, wo Amazon Arbeitgeber ist, gibt es Berichte darüber. Erst kürzlich gab der Konzern in den USA zu, dass Fahrer_innen wegen fehlender Pausenzeiten gezwungen sind, in Flaschen zu pinkeln. Das war zuvor bereits ein offenes Geheimnis, doch Amazon hatte es auf Twitter gegenüber einem Journalisten geleugnet – der daraufhin Beweise vorlegte; Amazon musste sich öffentlich erklären.

In Seattle wurde das Unternehmen 1994 gegründet. Auch heute noch sind die USA der wichtigste Markt für Amazon; etwa vierzig Prozent aller Beschäftigten arbeiten dort, Amazon ist der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes – und gewerkschaftsfreie Zone. Das US-Recht sieht vor, dass Arbei​ter_innen eines Betriebes in einer Abstimmung eine Gewerkschaft mehrheitlich als ihre Vertretung anerkennen müssen. Bislang konnte Amazon eine solche Anerkennungswahl an allen US-Standorten erfolgreich verhindern. In der Stadt Bessemer im US-Bundesstaat Alabama gab es nun einen ersten Versuch, das zu ändern – bei dem die Gewerkschaft RWDSU eine deutliche Niederlage erlitt: Eine große Mehrheit stimmte gegen sie als Vertretung. Gründe dafür gibt es viele. Sicherlich existierten berechtigte Ängste vor Amazons Rache; zugleich verweisen Beobachter_innen aber auch auf Skepsis unter den Beschäftigten, ob eine Gewerkschaft wirklich etwas verbessern könne, denn positive Erfahrungen damit fehlen. Hier hat sich die RWDSU offenbar verschätzt. 

Dass Amazon Gewerkschaften rundweg ablehnt und dies teilweise auf fruchtbaren Boden fällt, wissen auch Rosi Huth und Veronika Müller nur zu gut. Früher habe sie selbst über ver.di gedacht: „Was wollen die eigentlich?“, sagt Huth. Heute ist sie – wie auch Müller – Vertrauensfrau für die Dienstleistungsgewerkschaft, beide haben bereits mehrmals für einen Tarifvertrag gestreikt und beide wissen, dass noch viele Streiks und mehr nötig sein werden, um Amazon zu Zugeständnissen zu bewegen: Seit 2013 kämpfen Amazon-Arbeiter_innen in Deutschland, hunderte Streiktage haben sich angesammelt – bisher weigert sich der Konzern, über einen Tarifvertrag auch nur zu verhandeln.

Also alles umsonst? So sieht es Rosi Huth nicht: „Fakt ist, seit dem ersten Streik gab es Gehaltserhöhungen und wir kriegen jetzt 400 Euro Weihnachtsgeld.“ Sie ist überzeugt: Ohne die Gewerkschaft gäbe es das nicht. Im Logistikzentrum in Bad Hersfeld hat der örtliche Betriebsrat außerdem erreicht, dass die sogenannten Feedbackgespräche ausgesetzt wurden, in denen Vorgesetzte Leistung und Tempo der Arbeiter_innen bewerten.

Fest steht aber auch: Der Kampf erfordert einen sehr langen Atem. Und Amazon wächst und wächst. So schnell, dass die Gewerkschaften kaum eine Chance haben, mit ihrer Organisierung hinterherzukommen. Zudem sprengt der Konzern nationale und Branchen-Grenzen. Allerdings: Dies tun die Arbeiter_innen inzwischen ebenfalls, indem sie sich über Staatsgrenzen hinaus vernetzen.

Arbeiter_innenmacht. Warum das so wichtig ist, zeigt ein Blick nach Polen: Wenn in Winsen, Bad Hersfeld oder einem der anderen zwölf deutschen Logistikzentren gestreikt wird, verschiebt Amazon Aufträge in das östliche Nachbarland. Die neun polnischen Versandzentren beliefern bislang fast ausschließlich den deutschen Markt, 19.000 Arbeiter_innen sind dort angestellt, hinzu kommen 23.000 Menschen, die über Zeitarbeitsfirmen bei Amazon landen. Nur eine Minderheit hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag, die Löhne betragen ein Drittel dessen, was Amazon in Deutschland zahlt. Das berichten Agnieszka Mróz und Magda Malinowska bei einem Zoom-Gespräch am Karfreitag. Die beiden jungen Frauen arbeiten als Packerinnen im Versandzentrum Poznan – und gehören der Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza („Arbeiter­initiative“) an.

„Wir glauben nicht an Dialog mit Amazon oder Sozialpartnerschaft, sondern an Arbeiter_innenmacht im Betrieb und Solidarität“, erklärt Mróz ihren Ansatz. Konkret bedeute dies z. B. sich gegenseitig zu helfen, indem man gemeinsam gegen Strafen wegen „zu langer“ Pausen vorgehe. Die drängendsten Themen sind für sie „die permanente Unsicherheit durch befristete Arbeitsverträge, das Arbeitstempo und niedrige Löhne“.

Malinowska und Mróz machen sich keine Illusionen, Amazon auf nationaler Ebene bezwingen zu können, sie betonen immer wieder die Bedeutung der Plattform Amazon Workers International. „Lokal können wir einige kleinere Auseinandersetzungen gewinnen, aber Großes erreichen wir nur international“, so Malinowska. Gerade im vergangenen Pandemie-Jahr habe es hier Fortschritte gegeben: Forderungen und Vorgehensweisen wurden gemeinsam mit Kolleg_innen aus den USA, Frankreich, Deutschland oder Italien diskutiert und abgestimmt.

Agnieszka Mróz, Magda Malinowska, Rosi Huth und Veronika Müller – sie alle haben die Abstimmung in Bessemer/USA aufmerksam verfolgt. Und den Arbeitskampf der Kolleg_innen in Italien gefeiert, wo sich am 22. März 40.000 Amazon-Beschäftigte an einem Streik beteiligten, zum ersten Mal entlang der gesamten Lieferkette. „Wenn so was passiert, gebe ich es per Mund-zu-Mund-Propaganda an meine Kolleg_innen weiter“, erzählt Müller. „Solche Nachrichten zirkulieren bei uns, das ist inspirierend – wir schicken dann Solidaritätsgrüße nach Italien, das ist einfach, aber total wichtig“, erklärt Mróz. Und ergänzt: „Es gibt keine Abkürzung über Boykotte, EU-Gesetze oder Ähnliches. Nur die Arbeiter_innen bei Amazon können Amazon besiegen.“

Nelli Tügel ist Redakteurin der linken Monatszeitung „analyse & kritik“.

*beide Namen geändert

­Spendenkonto Basisgewerkschaft ­Inicjatywa ­Pracownicza ­(„Arbeiterinitiative“): 
OZZ Inicjatywa Pracownicza ul. Kościelna 4,
60-538 Poznań, Poland
IBAN: PL28 2130 0004 2001 0577 6570 0014
BIC/SWIFT: VOWAPLP1

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„Wir brauchen eine entschlossene, laute Bewegung“ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-entschlossene-laute-bewegung/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-entschlossene-laute-bewegung/#respond Sun, 02 May 2021 11:06:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=37292 Alle zwei Wochen tötet in Österreich ein Mann eine Frau, in Deutschland geschieht dies jeden zweiten bis dritten Tag. Rechtsanwältin Christina Clemm kämpft gegen Femizide und vertritt Betroffene von geschlechtsspezifischer und rassistischer Gewalt. Ein Interview von Gabi Horak an.schläge: In Ihrem Buch ­„AktenEinsicht“ zeigen Sie anhand konkreter Gerichtsfälle, dass sich geschlechtsspezifische und rassistische Gewalt durch […]]]>

Alle zwei Wochen tötet in Österreich ein Mann eine Frau, in Deutschland geschieht dies jeden zweiten bis dritten Tag. Rechtsanwältin Christina Clemm kämpft gegen Femizide und vertritt Betroffene von geschlechtsspezifischer und rassistischer Gewalt. Ein Interview von Gabi Horak

an.schläge: In Ihrem Buch ­„AktenEinsicht“ zeigen Sie anhand konkreter Gerichtsfälle, dass sich geschlechtsspezifische und rassistische Gewalt durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Die Gewalt ist systemimmanent. Das gilt auch für das vermeintlich unabhängige Gericht. Was müsste passieren, damit sich das endlich ändert?

Christina Clemm: Ich befürchte, es gibt nicht etwas, das sofort und am meisten helfen würde. Letztlich ist die beschriebene Gewalt wichtiger Bestandteil zur Erhaltung eines ökonomisch zutiefst ungleichen, rassistisch und patriarchal geprägten Gesellschaftssystems. Ermittlungs- und Gerichtsverfahren folgen dabei der gesamtgesellschaftlichen Situation. Momentan lässt sich das sehr gut beobachten. Während sogenannte Querdenker*innen mit Rechtsextremen gemeinsam zu Zigtausenden in deutschen Innenstädten ohne Masken gegen alle Auflagen verstoßend und viele Menschenleben gefährdend ungestört demonstrieren, werden Anitfaschist*innen und Feminist*innen, die sich menschenverachtenden Bewegungen in den Weg stellen, kriminalisiert. Statt in der Krise der Pandemie sorgsam miteinander umzugehen, nehmen Armut, Ungleichheit sowie die sogenannte Partnerschaftsgewalt und Gewalt gegen Kinder zu, ebenso wie rechtsextreme Übergriffe.

Was müsste sofort, kurzfristig geschehen?

Zunächst sollten alle sehr viel mehr und anders über geschlechtsspezifische und rassistisch motivierte Gewalt sprechen. Statt den Opfern nicht zu glauben oder ihnen selbst die Schuld zuzuweisen, brauchen wir echte Solidarität mit denen, die Gewalt überlebt haben. Und es braucht an vielen Stellen konkret bessere Ausstattung und Unterstützung.

Am 1. März gab es eine Sitzung des Familienausschusses in Berlin zum Thema Femizide in Deutschland. „Die Linke“ hatte einen Antrag eingebracht auf Einrichtung einer Beobachtungsstelle, die jede Tötung erfasst, untersucht und veröffentlicht. Außerdem wurde gefordert, das Hilfesystem auszubauen und verpflichtende Fortbildungen bei Polizei und Justiz einzuführen. Sie haben diese Forderungen als Expertin im Ausschuss dezidiert unterstützt. Was könnte eine solche Beobachtungsstelle bringen?

Wir wissen immer noch viel zu wenig über Femizide. Was sind die Hoch­risikofaktoren? Wie oft haben die ­Opfer vorher staatlichen oder anderen Schutz gesucht? Welche Rolle spielt Stalking bei den Femiziden? Wie oft werden Femizide in Zusammenhang mit der Ausübung von Umgangsrechten bei hochstrittigen und gewalt­tätigen Vorgeschehnissen begangen? Welche Femizide werden aus geschlossenen rechten und misogynen Weltbildern heraus verübt, welche Strukturen begünstigen Gewalt gegen Frauen?

Ich erhoffe mir durch eine solche Beobachtungsstelle wichtige Erkenntnisse für die Prävention. Neben der Einrichtung einer unabhängigen Beobachtungsstelle wären Öffentlichkeitskampagnen, Schulungen, Präventionsarbeit in der Kinder- und Jugendarbeit, Anti-Aggressions-Kurse, also Täterarbeit, und eine ­bessere Ausstattung von Frauenberatungs­stellen und Schutzeinrichtungen dringend erforderlich. Dies ist ein kleiner Bestandteil im Kampf gegen Femizide. Wir brauchen aber auch hier endlich eine entschlossene und laute Bewegung gegen geschlechtsspezifische Gewalt, wie etwa in Brasilien oder Chile.

Der Begriff „Femizid“ wird kontrovers diskutiert. Manche kritisierten ihn als zu eng, etwa weil er nicht-tödliche Formen von Gewalt ausschließe. Wie stehen Sie zu dem Begriff?

Ich finde den Begriff der Femizide hilfreich, um die Gefährlichkeit, also die Tödlichkeit von geschlechtsspezifischer Gewalt zu thematisieren. Letztlich aber geht es nicht nur um die tödlichen Angriffe, sondern um das strukturelle Problem. Mir ist dabei auch wichtig, dass nicht nur die Fälle im sozialen Nahraum beachtet und analysiert werden, sondern all die Gewalt, die in politischen Auseinandersetzungen, aus Transfeindlichkeit, gegen Feministinnen, gegen Sexarbeitende etc. ausgeübt wird und ebenfalls äußerst gefährlich ist. Dabei müssen besonders auch die mehrfach diskriminierten Gruppen in den Fokus kommen. Im sozialen Nahraum müssen selbstverständlich auch die assoziierten Delikte, wie etwa die Tötungen von Kindern, um sich an der Ex-Partnerin zu rächen, oder die Tötungsdelikte an Unterstützungspersonen mit betrachtet werden.

Braucht es neue Strafbestände?

Ich befürworte keinen eigenen Femizid-Straftatbestand. Dann bräuchten wir auch eigene Tatbestände in vielen anderen Bereichen, etwa bei rassistisch, antisemitisch, ableistisch oder LGBTIQ-feindlich motivierten Tötungsdelikten. Nein, ich denke, die Rechtsprechung muss sich grundlegend ändern. Es darf kein Verständnis für misogyne Praktiken geben, keine Vergewaltigungsmythen und Rassismen. Dies wird wohl nur durch Fortbildung und Sensibilisierung von Richter*innen funktionieren. Aber auch schon in der juristischen Ausbildung sollten verpflichtend Kurse der Genderwissenschaften belegt werden müssen, wie auch Antirassismus-Kurse.

Die Türkei ist kürzlich aus der ­Istanbul-Konvention (IK) ausge­stiegen. Hat die Konvention Auswirkungen auf die deutsche Justiz bzw. Rechtsprechung? Also schützt sie (potenzielle) Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt?

Leider spielt die Istanbul-Konvention in der Rechtsprechung noch gar keine Rolle. Ich habe neulich einmal bei einem der wichtigsten Recht­sprechungsportalen nachgesehen und letztlich nur eine einzige gerichtliche Entscheidung in einem strafrechtlichen Zusammenhang gefunden, die überhaupt auf die IK Bezug genommen hat. Aber sie könnte ein sehr gutes Mittel sein, um Betroffene zu schützen. Es ist noch ein langer Weg.

Auf Twitter haben Sie am 1. März geschrieben: „Ich habe heute zum ersten Mal in einem Gericht so klare und richtige Worte einer Vorsitzenden Richterin gehört: ‚Aus seiner Tat spricht tiefe Frauenverachtung.‘“ Passiert es wirklich so selten, dass diese Dimension von Gewalt vor Gericht erkannt und anerkannt wird? Oder anders gefragt: Wie patriarchal-verblendet ist die Justiz in Deutschland?

Diese Urteilsverkündung war für mich tatsächlich nachhaltig beeindruckend. Ich bin überzeugt davon, dass diese Worte für die Betroffenen sehr viel bedeuten. Manchmal gibt es solche Verfahren und solche Vorsitzenden, aber sie sind leider selten. Auch wenn sich Richter*innen scheinbar neutral verhalten, urteilen sie doch ihrer geschlechterstereotyp geprägten Sicht auf die Welt entsprechend. Es gibt immer noch Mythen: die der stets lügenden Frau, die sich einen Vorteil aus einer Strafanzeige wegen Vergewaltigung verschaffen würde; die sich rasch des unliebsamen Ehemanns durch die Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs entledigen wolle; die selbst schuld ist und den Mann provoziert hat, weshalb ihm die Hand ausgerutscht ist. Oder das Verständnis für den Ehemann, der seine Frau aus tiefer Verzweiflung heraus getötet hat, weil sie ihn verlassen und damit seinen Lebensplan zerstört hat.

Sie sind auf Twitter sehr aktiv in Ihrem Kampf gegen Gewalt, Rassismus und die patriarchalen Strukturen dahinter. Wie gehen Sie selbst mit Angriffen um? Haben Sie auch schon einmal etwas zur Anzeige gebracht?

Es ist ja klar, dass ich alle Bedrohungen oder Beleidigungen sofort anzeige. Aber das kommt nicht häufig vor. Ich vertrete aber viele andere Betroffene, die aufgrund der öffentlichen Thematisierung von Feminismus und Anti­faschismus/Antirassismus massive Angriffe im Netz aushalten müssen, und bin sehr unzufrieden mit der ­juristischen Aufarbeitung digitaler Gewalt. Insgesamt sind Ausmaß und Auswirkungen dieses Problems, sowohl bei Hate Speech als auch im sozialen Nahraum wie etwa bei Revenge Porn oder beim Cybermobbing, noch völlig unterbelichtet.

Christina Clemm ist Rechtsanwältin für Opfer sexualisierter und rassistischer Gewalt sowie Fachanwältin für Strafrecht und Familienrecht in Berlin.

http://anwaeltinnen-kreuzberg.de

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Die Logik der Gewalt https://ansch.4lima.de/die-logik-der-gewalt/ https://ansch.4lima.de/die-logik-der-gewalt/#respond Sun, 02 May 2021 10:55:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=37277 Das Töten beginnt im Kopf. Wer ein Messer in die Hand nimmt und auf eine Frau einsticht, hat zuvor über die Option eines tödlichen Angriffs nachgedacht und sie nicht verworfen. Oder anders gesagt: Er will, oder nimmt zumindest in Kauf, dass sie nicht überlebt. Wer seine Ex-Freundin mit Benzin übergießt und sie dann anzündet, wie […]]]>

Das Töten beginnt im Kopf. Wer ein Messer in die Hand nimmt und auf eine Frau einsticht, hat zuvor über die Option eines tödlichen Angriffs nachgedacht und sie nicht verworfen. Oder anders gesagt: Er will, oder nimmt zumindest in Kauf, dass sie nicht überlebt. Wer seine Ex-Freundin mit Benzin übergießt und sie dann anzündet, wie in Wien geschehen, muss einkalkuliert haben, dass das tödlich ausgehen kann.

Ein Mann hat den Tod einer Frau als Option im Kopf. Es ist der Gipfel der patriarchalen, frauenverachtenden Denkordnung. Es ist das Paradigma „Frauen sind weniger wert“ bis zum Ende gedacht, ist patriarchales Besitzdenken. Statistisch am gefährlichsten ist für Frauen deshalb die Trennung von einem Mann. Dieses Denken ist mitunter so stark verinnerlicht, dass das Töten nur der letzte logische Schritt ist. Der Begriff „Femizid“ drückt diesen patriarchalen Hintergrund eines Frauenmordes aus. Es ist kein individuelles Thema. Deshalb muss es auch gesamtgesellschaftlich gedacht und gelöst werden.

In Deutschland versucht an jedem einzelnen Tag ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten, alle drei Tage gelingt es einem. In Österreich berichten Medien derzeit alle zwei Wochen von einem Femizid. Meist ist der Partner oder Ex-Partner der Täter. In Mexiko gibt es inzwischen zehn Morde an Frauen pro Tag, die feministische Bewegung „Ni una menos“ kämpft in ganz Lateinamerika gegen diesen mörderischen Machismo.

Femizide sind ein globales Problem, sie sind die Spitze des patriarchalen, frauenverachtenden Eisbergs. Und anders als das Eis der Weltmeere wächst er weiter. 2015 zählte die Kriminalstatistik 17 Frauenmorde in Österreich, 2016 waren es schon 28. 2018 wurden 41 Frauen ermordet. 2021 töteten bereits sieben Männer ihre (Ex-)Partnerin.

Am vergangenen Frauentag hat die EU-Grundrechteagentur (FRA) eine aktuelle Studie veröffentlicht. Demnach haben zwanzig Prozent der Frauen zwischen 16 und 29 Jahren in Österreich bereits körperliche Gewalt erlebt. Nur 17 Prozent der Frauen in Österreich meldeten die Vorfälle bei der Polizei. Den unrühmlichen Platz eins in Europa belegt Österreich nicht nur bei der Gewaltstatistik. In keinem anderen EU-Land gibt es außerdem, wie hierzulande, mehr weibliche als männliche Mordopfer.

Die Gründe für die hohe Zahl an Gewalttaten und Femiziden sowie für die geringe Melderate sind u. a. in den Lücken im Gewaltschutz zu finden, worauf Expertinnen nicht müde werden hinzuweisen. „Jeder Frauenmord hat eine Vorgeschichte“, schreibt der Verein der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser in einer Aussendung. „Auf dem Papier haben wir gute Gesetze und effiziente Opferschutzmaßnahmen. Aber was hilft das, wenn die Behörden nicht oder nicht rechtzeitig oder nur inkonsequent reagieren? Wenn der Staat von Gewalt betroffene Frauen nicht schützt, ist das ein Freibrief für die Täter!“

Das ist der Teil des Eisbergs, der sich knapp unter dem Wasserspiegel befindet. Tief unten im Dunkeln versteckt sich die eisige Basis von Gewalt und Verharmlosung. Patriarchale Denkmuster bilden die Grundvoraussetzung für die Gewalttaten wie auch für das systemische Versagen der Schutz- und Aufklärungsmaßnahmen. Sie sind auch eine Erklärung für die mediale Berichterstattung: „Beziehungstat“, „Feuerattacke“, „Eskalierter Ehestreit“ sind verharmlosende Begriffe, die den Femizid verschleiern – nicht bewusst, weil was im dunklen Wasser ist, wirkt im Verborgenen. Aber: Wir könnten hier bewusst gegensteuern und die Sprache ändern. Journalist*innen sind in der Lage, mit Sprache Bilder zu erzeugen und Wirklichkeiten zu definieren. Sie müssen sogar.

Der Widerstand gegen patriarchale Gewalt ist mit der #Niunamenos-Bewegung quer durch Lateinamerika besonders eindrucksvoll – und er wird auch in Österreich in den Straßen sichtbar. Nach jedem Femizid organisieren mehrere Initiativen kurzfristige Kundgebungen in Wien unter dem Titel „Nehmt ihr uns eine*, antworten wir Alle!“. Nichts weniger als lauten und unübersehbaren Protest braucht es. Auf allen Ebenen und jeden Tag. Die tödliche Normalität – wir dürfen sie niemals akzeptieren.

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Feminist Superheroines: Rosa Luxemburg https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-rosa-luxemburg/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-rosa-luxemburg/#respond Sun, 02 May 2021 10:51:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=37273 Rosa Luxemburg (1871–1919) ist eine Ikone des Sozialismus. Ihr Ziel war eine friedliche proletarische Revolution. Als wichtige Oppositionspolitikerin im Kaiserreich, Publizistin und Theoretikerin eines undogmatischen Marxismus wurde sie schnell zur Staatsfeindin, was ihr mehrere Gefängnis­aufenthalte einbrachte. Aufgrund der kriegsbefürwortenden Politik und des Reformismus der SPD wendete sich die überzeugte Antimilitaristin schließlich von der Sozialdemokratie ab […]]]>

Rosa Luxemburg (1871–1919) ist eine Ikone des Sozialismus. Ihr Ziel war eine friedliche proletarische Revolution. Als wichtige Oppositionspolitikerin im Kaiserreich, Publizistin und Theoretikerin eines undogmatischen Marxismus wurde sie schnell zur Staatsfeindin, was ihr mehrere Gefängnis­aufenthalte einbrachte. Aufgrund der kriegsbefürwortenden Politik und des Reformismus der SPD wendete sich die überzeugte Antimilitaristin schließlich von der Sozialdemokratie ab und gründete die „Gruppe Internationale“, später als Spartakusbund bekannt, die Vorläuferorganisation der KPD. Anfang 1919 wurde sie gemeinsam mit Karl Liebknecht als Reaktion auf den Spartakusaufstand ermordet. Am Vorabend ihres Todes hatte sie geschrieben: „Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höhe richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: ‚Ich war, ich bin, ich werde sein!‘“ jp

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