II/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 08 Mar 2021 00:29:10 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png II/2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Diese vermaledeite Klamotte“ https://ansch.4lima.de/diese-vermaledeite-klamotte/ https://ansch.4lima.de/diese-vermaledeite-klamotte/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:59:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=28034 Was Feministinnen längst propagieren, ist in der Pandemie im Mainstream angekommen: der No-Bra-Trend. Doch lebt es sich ohne BH wirklich besser? Ja, findet Alexandra Stanić, die ihre Brüste schon vor Jahren befreit hat. Tamara Tamke hingegen brennt für ihre Bras. Ich stehe an der Supermarktkasse und spüre den Blick eines Mannes. Er glotzt mich an, […]]]>

Was Feministinnen längst propagieren, ist in der Pandemie im Mainstream angekommen: der No-Bra-Trend. Doch lebt es sich ohne BH wirklich besser? Ja, findet Alexandra Stanić, die ihre Brüste schon vor Jahren befreit hat. Tamara Tamke hingegen brennt für ihre Bras.

Ich stehe an der Supermarktkasse und spüre den Blick eines Mannes. Er glotzt mich an, als würde ich gerade den Laden ausrauben. Keine Ahnung, was sein Problem ist – bis mir einfällt, dass ich keinen BH trage. Auf dem Weg nach Hause starren mich zwei weitere Männer an. Alltag, seit ich auf BHs verzichte. Trotz der Blicke fühle ich mich freier denn je. 

Weg mit dem Teil und weg mit den roten Druckstellen der Träger. Ich habe mich gefangen gefühlt beim Versuch, den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Dabei brauche ich BHs noch nicht einmal aus gesundheitlichen Gründen. Deswegen vor drei Jahren der Entschluss, meinen Brüsten jene Freiheit zu schenken, die sie sich so lange wünschten. 

Anfangs schämte ich mich doch irgendwie, das zeigte sich auch an meiner Haltung. Ich machte mich immer ein bisschen kleiner. In der U-Bahn setzte ich die Tasche direkt vors Dekolleté, damit nur keiner auf die Idee kommt, mich zu belästigen. Ich mied enge, weiße oder durchsichtige T-Shirts.

Seit ich ein BH-freies Leben führe, sind die Reaktionen von Männern widerlicher und häufiger – auch jene auf Social Media, wenn ich über sexuelle Belästigung schreibe. Es sind dieselben Leute, die Frauen die Schuld an Übergriffen geben; weil sie einen kurzen Rock oder roten Lippenstift tragen, weil sie betrunken sind, weil sie zu viel lachen. Ergo bin ich selber schuld, wenn ich belästigt werde. Gewisse Körperteile zu zeigen ist nicht in Ordnung, die daraus resultierende sexualisierte Belästigung aber schon, oder wie?

Je mehr Männer glotzen, umso sicherer bin ich in meiner Entscheidung. Jeder dieser Männer radikalisiert mich in meinen politischen Ansichten. Je offensichtlicher der Sexismus, umso offensiver meine Reaktion. Ich werde mich selbst nicht mehr einschränken, nur weil es nicht in die Köpfe mancher passt, dass der Kleidungsstil einer Frau kein Freifahrtschein für sexuelle Belästigung ist. Malo morgen, wie meine bosnischen Landsleute sagen würden, was so viel bedeutet wie: Nie und nimmer.

Alexandra Stanić ist Chefreporterin bei VICE und schreibt über österreichische Politik und intersektionalen Feminismus. Dieser Text ist in längerer Version bei VICE.com erschienen.

Ein BH in Flammen als Zeichen des feministischen Kampfes gegen die Unterdrückung von Frauen – das hatte mich schon als Jugendliche ein bisschen irritiert. Damals trug ich zwar noch niedliche Hello-Kitty-­Bustiers, doch auch nach zwanzig Jahren des feministischen Aktivismus mag ich sie noch immer, diese vermaledeite Klamotte.

Warum hänge ich genauso an BHs wie sie an mir? Weil mein Bombenbusen einen Rahmen braucht, am liebsten vergoldet und verglitzert. Meine Büstenhalter müssen gut sitzen und sollen meine stolzen Kurven zur Geltung bringen. Mal schön, mal obszön. Willst du deinen Balkon vermieten?, fragte mich ein Schulkamerad zwinkernd, weil mein Markenzeichen immer schon ein ausladendes Dekolleté war. Wer ordentlich Holz vor der Hütte hat, weiß wie ich, dass es nicht unbedingt angenehm ist, ohne BH zu laufen oder zu hüpfen. Besonders zu schaffen machen mir meine Möpse, wenn ich im Zyklus kurz vor der Regel bin. Dann schmerzt jeder Touch – und das, obwohl meine Brüste so gern berührt werden. In diesen Phasen ohne BH rauszugehen wäre purer Masochismus. Beim Treppensteigen müsste ich meine Brüste vermutlich mit den Händen halten – Self Bra sozusagen. Heißer Scheiß dann im Sommer, denn: unter den Brüsten die Brühe! Und da hilft auch kein Unterleiberl.

Übrigens: Wer gern ein, zwei Nummern größer hätte, gehe in ein gutes Unterwäschefachgeschäft und lasse sich beraten. In den meisten Fällen werden nämlich viel zu kleine BHs gekauft. Vielleicht auch ein Grund, warum für so manche_n der BH zur Qual und somit zum aktivistisch motivierten Brandopfer wird. Ich jedenfalls scheue nicht mehr vor Größe E zurück, wenn’s sein muss. Eine Verkäuferin hat mir einst die Augen geöffnet. Also keine Frage: Bequem muss es sein und passen, das gute Stück! Und wer keinen BH tragen will, der sei’s genauso gegönnt – denn BH-Tragen sollte weder ein gesellschaftlich verordnetes „Must“ noch ein feministischer „Fauxpas“ sein.

Tamara Tamke heißt eigentlich anders. Sie ist Journalistin und lebt in Wien.

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heimspiel: Körperarbeit https://ansch.4lima.de/heimspiel-koerperarbeit/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-koerperarbeit/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:54:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=28031 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Irgendeine meiner Schwestern war immer am Fasten. Ich war um die 13, als die eine konsequent die „Brigitte“-Diät durchzog, eine andere sich durch den Dinner-­Cancelling-Abend hungerte und die dritte sportelte, dass es nur so krachte. Kurz: Ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich selbst hinsichtlich Körpergefühl nur in der Theorie Feministin bin. Sehr […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Irgendeine meiner Schwestern war immer am Fasten. Ich war um die 13, als die eine konsequent die „Brigitte“-Diät durchzog, eine andere sich durch den Dinner-­Cancelling-Abend hungerte und die dritte sportelte, dass es nur so krachte. Kurz: Ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich selbst hinsichtlich Körpergefühl nur in der Theorie Feministin bin. Sehr wohl Vorwürfe würde ich mir aber machen, wenn ich diesen Schlamassel, mit dem so viele Frauen zu viel Lebenszeit verschwenden, an meine Tochter weitergeben würde. Diesen unentspannten Umgang mit Essen und Sport, und dass beides viel zu stark mit dem Aussehen des Körpers enggeführt wird; das sollte für ihre Generationen doch endlich passé sein.

Deshalb heißt es heimlich trainieren, damit das Kind nicht die Wahrheit über den eigenen Body-Positivity-Status mitbekommt. Doch das ist schwierig geworden: Die Muckibuden haben seit einem Jahr die meiste Zeit zu. Nur zwischen den Lockdowns waren sie offen, doch wer will schon während einer Pandemie dorthin, wo der Schweiß nur so spritzt.

Zu Hause turnen wurde deshalb zur praktischen Option, und wer Videos zu kurzen, aber ergiebigen Workouts sucht, landet früher oder später bei der Fitness-Influencerin Pamela Reif, die es mit dem Training sichtlich ernst nimmt und unverschämt viel Geld mit den beautytechnischen Selbstzweifeln von Frauen verdient. Wirklich böse, aber wie gesagt, machen wir uns nicht auch noch deswegen fertig, dass wir unsere patriarchale Sozialisation noch nicht vollständig überwunden haben. Blöd allerdings, wenn das Kind trotz sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen ins Zimmer kommt und sieht, wie Mama und Mittvierzigerin mit schmerzverzerrtem Gesicht einer bis in die Haarspitzen normschönen Mittzwanzigern nachturnt. Wenn die zeitlich exakt mit dem Fitnessvideo abgestimmte Kindersendung für es doch nicht so interessant ist, wie rauszubekommen, was das Gerumpel im Nebenzimmer verursacht, es den Kopf durch die Tür steckt und etwas irritiert fragt: „Mama, was machst du da?“ Ja, wenn ich das nur wüsste!

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“.

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„Wie es sich mein Herz erträumt“ https://ansch.4lima.de/wie-es-sich-mein-herz-ertraeumt/ https://ansch.4lima.de/wie-es-sich-mein-herz-ertraeumt/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:49:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=28028 Endlich ist das berührende Werk der Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 als Zeichen gegen Rassismus in Hamburg öffentlich verbrannte, publiziert. Von Fiona Sara Schmidt. Mit zwanzig Jahren schreibt Semra Ertan: „Auch wenn ich eine unerfahrene Dichterin bin, / Erzähle ich, was ich sagen möchte, (…) Erst später werden sie es schätzen, / Deren Wert […]]]>

Endlich ist das berührende Werk der Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 als Zeichen gegen Rassismus in Hamburg öffentlich verbrannte, publiziert. Von Fiona Sara Schmidt.

Mit zwanzig Jahren schreibt Semra Ertan: „Auch wenn ich eine unerfahrene Dichterin bin, / Erzähle ich, was ich sagen möchte, (…) Erst später werden sie es schätzen, / Deren Wert … / Dann werde ich, / Allen unbekannt, / In weiter Ferne sein.“ Fast vierzig Jahre nach ihrem Tod sind nun 82 Gedichte der Lyrikerin in einem Band auf Deutsch und Türkisch versammelt.

1957 im türkischen Mersin geboren, folgt Semra Ertan 1971 ihren Eltern, die als Arbeitsmigrantinnen in Kiel leben, nach Deutschland. In dieser Zeit beginnt sie zu schreiben, zunächst auf Türkisch, später zunehmend auf Deutsch. Ihre schnörkellose Lyrik ist anklagend und verzweifelt, gleichzeitig liebevoll und kämpferisch. Oft thematisieren die Gedichte das Schreiben als Selbstermächtigung – Poesie und Aktivismus sind bei Semra Ertan verschränkt, sie fordert sich selbst und ihre Leserinnen zu Mut und Widerstand auf.

Mein Name ist Ausländer. Semra Ertan schreibt gegen Rassismus in Deutschland an und ihre Gedichte haben nichts an Aktualität eingebüßt, denkt man etwa an den Aufstieg der AfD, den NSU-Terror samt der skandalösen Versäumnisse der Behörden oder an das Attentat von Hanau. Ihr bekanntestes, dem Band titelgebendes Gedicht von 1981 beginnt so:

„Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
‚Wenn dir deine Arbeit nicht
gefällt,
Geh in deine Heimat‘, sagen sie.“

Deutschland befindet sich Anfang der 1980er in einer Rezession, die „Gastarbeiter“ der Wirtschaftswunderzeit sind nicht länger erwünscht und werden offen angefeindet, in Hamburg wird die NPD-nahe Liste für Ausländerstopp gegründet. „Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft“, heißt es in dem Gedicht weiter, „wie Stiefkinder, wie unbrauchbare Menschen.“

Semra Ertan befindet sich bereits im Hungerstreik, als sie am Abend vor ihrem Suizid den Rundfunk anruft und dieses Gedicht vorliest. Sie sagt am Telefon: „Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles. Ich will, dass die Menschen sich lieben und akzeptieren. Und ich will, dass sie über meinen Tod nachdenken.“ Eine Reporterin interviewt sie noch, bevor sie an einer Tankstelle einen Kanister Benzin kauft und sich anzündet. Zwei Tage später, an ihrem 25. Geburtstag, stirbt sie infolge ihrer Verletzungen.

Ich bin eine Arbeitertochter. Nur wenige Werke Semra Ertans werden zu ihren Lebzeiten in türkischen Zeitungen und deutschen Anthologien veröffentlicht. Sie beginnt mehrere Ausbildungen und arbeitet zeitweise als technische Zeichnerin und ehrenamtliche Dolmetscherin. Semra Ertan schreibt oft über ausbeutende Arbeitsverhältnisse und prekäre Lebensbedingungen: „Wenn ich sterben will, das Geld reicht nicht mal für die Beerdigung“. Ein Gedicht beschreibt das lyrische Ich als Arbeitertochter: „Ich konnte mich nie an die Reichen gewöhnen, / Die mit Abscheu / Die Klassen unter ihnen / Verachten“.

Kurz vor ihrem Tod wird Semra Ertan Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, sie plante eine eigene Publikation. Die sogenannte Gastarbeiterliteratur ist eine Fußnote im Kanon der deutschsprachigen Literatur geblieben, als Spielart politisch engagierter Autorinnen der 1970er-Jahre. Im Vorwort halten die Herausgeberinnen fest: „Die Einzigartigkeit von Semra Ertans Lebenswerk ist unbestreitbar. Und doch haben wir uns gefragt, wie viele weitere Archive anderer Denkerinnen und Künstlerinnen verloren gegangen sein könnten, weil ihnen Blick und Gehör verwehrt wurden.“

Unheimlich glücklich. Türkisch und Deutsch stehen im Buch nun gleichwertig nebeneinander. Im Deutschen wirken ihre Dekonstruktionen sprachlicher Eigenheiten am stärksten, etwa die Meditation über die Formulierung „Unheimlich Glücklich“, was neben großem Glück auch heimliches Unglück bedeuten kann oder Unglück ohne Heimat.

Es finden sich auch Liebesgedichte, solche über Begegnungen und Abschied, mit elegant konstruierten Zeilen wie: „Und / Lautlos trennten wir uns / So wie eine Nachtigall und eine Rose, / Ein Meer und eine Möwe / Sich getrennt haben“. Im Türkischen gibt es keine Artikel, die dritte Person ist nicht als weiblich oder männlich definiert. Das eröffnet bei der Interpretation und Übersetzung viel mehr Spielräume. In einem Gedicht über Frauen aus der Türkei spielt Semra Ertan mit der Perspektive und wechselt von der Außen- zur Innensicht, von „Nein zu sagen ist ihnen verwehrt“ zum finalen „So leben wir“.

Was ich mir wünsche. Semra Ertan war eine von sechs Schwestern. Die älteste, Zühal Bilir-Meier – aufgrund von Semras Geschichte wurde sie Psychotherapeutin –, hat gemeinsam mit ihrer Tochter, der Kunstpädagogin und Künstlerin Cana Bilir-Meier, den Gedichtband nach langer Planung nun endlich herausgegeben. Mit zahlreichen Fotos, Faksimiles und Übersetzungen der Autorin hat er Werkstattcharakter. Notizbücher, Dokumente und Zeitungsberichte lagen 38 Jahre verschlossen in einer Kiste. Einige der mehr als 350 Gedichte wirkten wie zur Veröffentlichung vorbereitet, die Übersetzung nahm die Familie selbst in die Hand.

Die Publikation gibt Semra Ertan ihre Stimme zurück. Als „Tod einer Türkin“ wurde ihr Suizid medial verhandelt, ihr Gedicht am nächsten Tag in den Boulevardmedien sinnentstellend zitiert. Günter Wallraff schrieb ihren Namen in der Widmung seines „Ali“-Aufdeckerbuchs „Ganz unten“ falsch. Als Leserin spürt man die Verzweiflung und Hilflosigkeit Semra Ertans angesichts eines Systems struktureller Diskriminierung, oft zeigt sie sich aber auch rebellisch und lebenslustig – und sie schenkte Bekanntschaften manchmal spontan Gedichte. Ihre Nichte Cana Bilir-Meier hat Semra Ertan persönlich nicht gekannt, sich ihr jedoch mehrfach künstlerisch genähert. Ihr Kurzfilm1 besteht aus einem Gedicht in Semras Handschrift, Fotos und kurzen Ausschnitten eines Fernsehbeitrags über ihren Tod. Durch die bewussten Auslassungen wird deutlich, wie stereotyp die Narrative über Migrantinnen seit damals im deutschsprachigen Raum geblieben sind.

2018 gründeten Freund*innen und Familie die Initiative in Gedenken an Semra Ertan2 in Hamburg, die eine Gedenktafel und die Benennung einer Straße nach der Dichterin fordert. „Ich will leben, / Wie ich es mir Wünsche … Schmerzlos, ohne Sorgen. / Ich will lieben, / Geliebt werden, / Wie es sich mein Herz erträumt“, beginnt das letzte Gedicht des Buches.

Fiona Sara Schmidt ist freie Redakteurin und Lektorin in Wien. Von Semra Ertan las sie erstmals vor zehn Jahren während ihrer Magisterarbeit zu deutsch-türkischer Gegenwartsliteratur.

1 Cana Bilir-Meier: Semra Ertan
HD-Video, 2013, www.canabilirmeier.com

2 Initiative: https://semraertaninitiative.wordpress.com

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Wie lustig ist das denn, bitte? https://ansch.4lima.de/wie-lustig-ist-das-denn-bitte/ https://ansch.4lima.de/wie-lustig-ist-das-denn-bitte/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:40:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=28022 Die Satirikerin und „Titanic“-Redakteurin Ella Carina Werner über feministische Spitzenwitze, das Humor-Matriarchat und den Segen ironischer Distanz. Interview: Lea Susemichel an.schläge: Im letzten Kapitel Ihres neuen Buches „Der Untergang des Abendkleides“ versammeln Sie Kommentare wie „für eine Frau ganz witzig“ oder „in ein paar Jahren sind Sie vielleicht richtig gut“. Hat die Männerdominanz im Humor­business […]]]>

Die Satirikerin und „Titanic“-Redakteurin Ella Carina Werner über feministische Spitzenwitze, das Humor-Matriarchat und den Segen ironischer Distanz. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: Im letzten Kapitel Ihres neuen Buches „Der Untergang des Abendkleides“ versammeln Sie Kommentare wie „für eine Frau ganz witzig“ oder „in ein paar Jahren sind Sie vielleicht richtig gut“. Hat die Männerdominanz im Humor­business nicht endlich mal ein Ende? Wie sieht es beim Satire-Magazin „Titanic“ aus?

Ella Carina Werner: Unter den HumorproduzentInnen – vor allem im Bereich der politischen Satire – sind immer noch locker neunzig Prozent männlich. Das ändert sich aber aktuell rasant, insbesondere bei „Titanic“: Vor fünf Jahren hat noch kaum eine Frau fürs Heft geschrieben, inzwischen ist ein Drittel des Nachwuchses weiblich. Das Humor-Matiarchat wird also irgendwann Realität. Es scheint so schwer und ist gleichzeitig so einfach: Frauen ziehen Frauen nach! Wenn erst mal weibliche Namen und Gesichter zu sehen sind, fühlen sich andere Frauen inspiriert, Beiträge einzureichen – auch wenn man Autorinnen anfangs oft mehr bestärken und ermuntern muss als Autoren. Nur unter den CartoonistInnen beobachte ich leider wenig weiblichen Nachwuchs: Auf bekannte, erfolgreiche Zeichnerinnen wie Katharina Greve oder Miriam Wurster folgt zur Zeit kaum eine nach. Und: Putzigen bis nervigen Paternalismus erlebe ich trotz allem noch, denn unter den älteren, arrivierten Humoristen sind ja fast alle männlich, und da gibt es eben weiterhin teils ­produktive, teils auch rührend altväterliche Tipps.

Comedians wie Lisa Eckhart bedienen sich kalkulierter Tabubrüche (die ja in Wirklichkeit keine Tabubrüche sind, sondern oft die Mehrheitsmeinung spiegeln) und bekommen dafür viel Aufmerksamkeit. Feministinnen hingegen wird immer wieder Humorlosigkeit unterstellt, es heißt, dass Political Correctness einfach nicht lustig sei. Sie beweisen das Gegenteil.

Das Vorurteil, dass Komik und Feminismus einander ausschließen, ist leider nicht totzukriegen, obwohl ja seit Jahren zahlreiche Feministinnen auch mit komischen Mitteln arbeiten und in ihren Äußerungen viel Humor beweisen – etwa Margarete Stokowski oder die Künstlerin Stephanie Sarley, die vulvaähnliche Früchte für Instagram-Fotos bearbeitet. Anders herum sind etliche namhafte Humorproduzentinnen auch bekennende Feministinnen und machen Spitzenwitze zum Themenfeld Geschlechter­ungleichheit, von Carolin Kebekus bis Amy Schumer – kurz, Feminismus und Komik sind heute eng verzahnt und befruchten sich gegenseitig.

Selbiges gilt für Komikproduktionen, die Haltung zeigen, die sozial achtsam agieren, ich mag den Ausdruck „Political Correctness“ nicht – da muss man sich doch pointentechnisch gar nicht groß einengen, nur eben eher nicht von oben nach unten treten bzw. vom Mainstream Richtung Minderheit. Wirklich „politisch korrekt“ sind meine Texte aber auch nicht. In meinem Buch gibt es etwa die Geschichte „Finnland erwache“, in der ich die real existierende Begeisterung der Finnen für Atomkraft veralbere und sämtliche Finnlandklischees („Rentierfresser“, knochige Gesichter etc.) auffahre – was niemanden stört, weil die Finnen eben eher zu den Gewinner­nationen zählen und es keine Diskriminierungshistorie zwischen Deutschen und Finnen gibt. In solch unverschämtem Ton würde ich aber ganz bestimmt nicht über Polen, Russen oder gar Israelis schreiben. Es kommt also immer auch den gesellschaftlichen und historischen Kontext an.

Humor erfüllt ja viele unterschiedliche Funktionen und hat durchaus auch mit Macht zu tun: Wer lacht mit wem worüber, über wen wird gelacht? Inwieweit unterscheidet sich der Humor von Frauen bzw. Feministinnen?

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass es „weiblichen“ oder „männlichen“ Humor überhaupt nicht gibt und die bestehenden beobachtbaren Geschmacksunterschiede lediglich eine Sache der unterschiedlichen Sozialisation sind: Als Junge wirst du eher ermuntert und darin bestärkt, über derbe Witze zu lachen, denn als Mädchen, das doch bitte den „versöhnlicheren Humor“ bevorzugen soll. Auch als erwachsene Frau erhalte ich noch von Verlagen oder Literaturagenten den Tipp, dass „sanfter, selbstironischer Humor“ aus Frauenfeder besser auf dem Buchmarkt ankommt. So ein Blödsinn. Die Realität sieht für mich aber anders aus: In meinem Freundeskreis tummeln sich vor allem Frauen, die den aggressiven Spaß bevorzugen, den politischen, aggressiven oder auch mal zotigen Witz lieben.

Dass Feministinnen eine eigene Komik haben, beobachte ich auch nicht, aber ihnen liegt ein wunderbar komisches Erfahrungsfeld zu Füßen, das viele Möglichkeiten für gute Pointen bietet, allein schon die gesamte Geschichte! Noch vor hundert Jahren galten Frauen als frivol oder bekloppt, wenn sie Hosen trugen oder Fahrrad fuhren – wie lustig ist das denn, bitte? Kein Wunder, dass es gerade zur Historie der Frau so traumhaft komische Comics gibt wie „Der Ursprung der Welt“ oder „Das Problem mit den Frauen“. Mit meinen Geschichten erlebe ich auch immer wieder, dass durch die männliche Dominanz unter humorvollen Autoren viele lustige Themen noch gar nicht beackert sind, etwa das Thema Geburt. So viel Raum für steile Pointen!

Hannah Gadsby hat in ihrer viel beachteten Show „Nanette“ gesagt, dass Selbstironie für Marginalisierte meist bloß eine weitere Selbstverletzung und -herabwürdigung ist. Würden Sie dem zustimmen?

Schwierige Frage, und ich weiß nicht, ob ich mir da ein kundiges Urteil erlauben mag, weil ich zwar eine Frau in einer immer noch patriarchalischen Gesellschaft bin, aber eine weiße, heterosexuelle, akademische und recht nach bürgerlichen Normen lebende und somit keine derartigen Diskriminierungserfahrungen habe wie etwa die lesbische Comedian Hannah Gadsby.

Interessant ist, dass die komische Wirkung von selbstironischen Comedians sehr unterschiedlich ist: Bei der US-Komikerin Amy Schumer in ­„Inside Amy Schumer“ etwa funktioniert die ironische Übertreibung bzw. Bejahung weiblicher Stereotype sehr gut, in vielen deutschen Comedy-Beiträgen das ironische Sich-Kleinmachen überhaupt nicht.

Grundsätzlich finde ich, dass man bei Selbstironie nicht stehen bleiben sollte, sondern immer auch bestehende Herrschaftsstrukturen sichtbar machen bzw. verlachen, verdrehen, veralbern sollte, dann hat es Schlagkraft.

Die subversive Macht von Satire wird offenbar weiterhin so groß eingeschätzt, dass aktuell in China die Stand-up-Comedian Yang Li zensiert wurde, nur weil sie männliche Egos aufs Korn genommen hat. Lässt sich mit Ironie tatsächlich das Patriarchat stürzen?

Ich fürchte nicht. Weder in einer autoritären und noch weniger in einer liberaleren Gesellschaft wie der unseren. Aber Hut ab vor Yang Li. Auch wenn sie das Patriarchat wohl nicht stürzen wird, trägt sie dazu bei, dass es in China überhaupt sichtbar wird und damit bröckelt.

Ihre Mutter spielt eine zentrale Rolle in Ihrem Buch. Können Sie das empfehlen, familiäre und andere Zumutungen einfach mit Humor zu nehmen?

Oh ja, grundsätzlich lässt sich mit ironischer Distanz zu den Dingen fast alles leichter nehmen. Auch wenn sicher nicht jede familiäre Zumutung, etwa Gewalterfahrungen, mit Humor zu bewältigen ist.

Ich sehe das vor allem aus Pointen-Perspektive: Gerade die eigene Familie ist ein sehr gutes Spielfeld für intensive, komische Dialoge. Man ist so eng miteinander, ist auf Gedeih und Verderb ewig aneinander gebunden. Das birgt Stoff für allerlei Reibereien, Kontraste, Widersprüche.

Meine Mutter ist in meinen Geschichten mein liebster Widerpart. Ich sehe diese Konstellation aber nicht nur als etwas Privates, sondern auch in einem größeren gesellschaftlichen Kontext. Etwa, wenn die eigene Mutter heute plötzlich Feministin wird und da verschiedene Frauengenerationen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Zielen aufeinanderprallen.

Ella Carina Werner ist Autorin, Satirikerin und Redakteurin des Satiremagazins „Titanic“. Zuletzt von ihr erschienen: „Der Untergang des Abendkleides“, Satyr Verlag 2020.

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Schmerz, Angst und Horror erträglicher machen https://ansch.4lima.de/schmerz-angst-und-horror-ertraeglicher-machen/ https://ansch.4lima.de/schmerz-angst-und-horror-ertraeglicher-machen/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:33:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=28019 Dem Tod durch neue Technologien entkommen – darauf setzt der Transhumanismus. Die Kulturwissenschaftlerin Ute Kalender im Interview mit Clementine Engler über Kryokonservierung, Longevity und das Geschäft mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit. an.schläge: Der menschliche Wunsch nach ewigem Leben ist wohl so alt wie die Menschheit. Der „Transhumanismus“ verspricht, diesen durch neue Technologien schon in naher […]]]>

Dem Tod durch neue Technologien entkommen – darauf setzt der Transhumanismus. Die Kulturwissenschaftlerin Ute Kalender im Interview mit Clementine Engler über Kryokonservierung, Longevity und das Geschäft mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit.

an.schläge: Der menschliche Wunsch nach ewigem Leben ist wohl so alt wie die Menschheit. Der „Transhumanismus“ verspricht, diesen durch neue Technologien schon in naher Zukunft zu erfüllen. Wie sinnvoll und wie realistisch ist das?

Ute Kalender: Das Streben nach einem erfüllten, langen Leben ist per se begrüßenswert. Allerdings scheinen mir transhumanistisch Forschende vor allem auf substanz-, gentechnologie- und technikzentrierte Forschung zu setzen und damit auf einen reduktionistischen Zugang zum Altern bzw. dessen Bekämpfung: Biogerontologie, Bioinformatik, Stammzellforschung streben an, Medikamente und Therapien wie Zellerneuerungstherapien zu entwickeln, die das physische Altern möglichst lange hinauszögern sollen. Wenn damit tatsächlich ein Paradigmenwechsel von der Bekämpfung von einzelnen Alterserkrankungen hin zur Prävention des Alterungsprozesses an sich erfolgt und wir nicht mehr unter Schmerzen altern, sondern alle Menschen überall auf der Welt irgendwann einfach schön, zufrieden und schmerzlos tot umfallen – why not. Ich hätte nichts dagegen.

Ich denke aber nicht, dass das rea­lisierbar ist. Und dass in der Zwischenzeit viel Geld in die Erforschung dieser „technogenen Faszinosi“, wie sie die Philosophin Petra Gehring betitelt, fließen werden, statt das Geld in wirklich wichtige Forschungszweige zu investieren, die den Schmerz, die Angst, den Horror des Alterns und Sterbens erträglich machen könnten. Etwa in so unsexy Richtungen wie Versorgungsforschung, Pflegewissenschaften oder Arbeitsepidemiologie und somit in die Ausbildung von professionellen Pflegekräften für alternde Menschen mit Demenz sowie ihre angemessene Entlohnung. Wenn ich mir z. B. meine 94-jährige Nachbarin mit beginnender Demenz anschaue, die merkt, dass ihr die Welt unter den Füßen wegrutscht, die von Angst nachts nassgeschwitzt an meiner Tür klopft, weil sie alleine in ihrer Wohnung ist und nicht schlafen kann, hilft dieser Frau eine Stammzell- oder Gentherapie? Ich denke, sie benötigt eher gut ausgebildete und entlohnte Pflegekräfte, die rund um die Uhr bei ihr sind und ihr helfen, ihr beruhigend die Hand auf den Rücken legen und die immer gleichen panischen Fragen beantworten. Das sind die wirklich wichtigen Körper und Lebensgrenzen – die sozialen Begrenzungen –, die überwunden werden müssen. Sorgearbeit darf nicht an illegalisierte, prekäre Frauen aus angrenzenden Ländern ausgelagert werden und muss deutlich besser bezahlt werden. Ich sehe nicht, was der Transhumanismus zur Sichtbarmachung und Aufwertung der Arbeit für ein gutes Altern beiträgt. Und Jeff Bezos könnte das alles leicht finanzieren.

Der Transhumanismus versteht sich als technologische Weiterentwicklung des Humanismus. Welches Menschenbild verbindet die Bewegungen miteinander?

Das Schwierige am Transhumanismus und am Humanismus scheint mir zu sein, dass sie von klaren Entwicklungsstufen ausgehen und damit auch von Hierarchien zwischen unterschiedlich „entwickelten“ Menschen. Für Transhumanist:innen ist mit der technologischen Erweiterung ganz klar eine höhere Evolutionsstufe verbunden.

Besteht auch eine Nähe zu eugenischem Gedankengut?

Eine Denkrichtung, die sich kritisch mit der verantwortlichen Verschmelzung von Mensch und Maschine auseinandersetzt, muss nicht schlecht sein. Mir erscheint ein Blick auf die Disability Studies – die Erforschung der sozialen, politischen, historischen, emotionalen Bedingungen von Behinderung sowie die Befähigung und Einbeziehung der Perspektiven von Menschen mit Behinderung – hilfreich, um sich das Verhältnis von Mensch und technologischer Erweiterung anzusehen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erklären?

Smart Houses könnten für Menschen mit Behinderung oder ältere Menschen bedeuten, nicht ins Heim zu müssen. Sensoren nehmen brenzlige Situationen wahr und ­verständigen Hilfe, etwa wenn jemand aus dem Rollstuhl gefallen ist. Allerdings stellt eben diese Verlinkung mit zentralen Rechnersystemen auch das Relais für digitale Kontrolle und weniger Intimität dar. Die Aktivitäten der Bewohner:innen werden in dem jeweiligen Haus nicht nur aufgezeichnet, es wird auch die Möglichkeit der Überwachung geschaffen – durch die Sensoren bleibt keine Bewegung länger intim.

Und: Mithilfe der Daten wird möglicherweise wieder bessere Technik geschaffen. Ihre Verkaufserlöse fließen jedoch nicht an die Menschen zurück, deren Körperregungen, Bewegungsabläufe und Emotionen in Daten transformiert wurden und die höchstwahrscheinlich viel für eine smarte Ausstattung zahlen, sondern an die Technologieentwickler, Firmen und Aktionär:innen.

Transhumanistische Zukunfts­visionen werden von Tech-Milliar­dären wie Tesla-CEO Elon Musk, Ray Kurzweil von Google und Amazon-Gründer Jeff Bezos vorangetrieben und können dementsprechend leicht als größenwahnsinniger, männlicher Egotrip gelesen werden. Ist der Traum von der Unsterblichkeit männlich?

Wenn wir der Tagespresse und den Sozialen Medien folgen, scheint das so. Dennoch habe ich ein Unbehagen mit der klaren Einteilung à la „Männer verfolgen einen brachialen technizistischen körperfeindlichen Transhumanismus entsprechend einer männlich-technischen Rationalität, und Frauen beschäftigen sich femininer mit den achtsamen körperfreundlichen Schönheitsmodifikationen“. Was ist z. B. mit den Kardashians? Auch sie streben ewige Jugend an, sind ein Glamour-Labour für alle möglichen Körpermodifikationstechnologien und aggressives superkapitalistisches trans­humanistisches Körper-Tech-­Matriarchat, das deutlich macht, dass eine transhumanistische pro-körpertechnologische Rationalität keineswegs männlich ist. Allenfalls maskulinistisch.

Das Silicon Valley gilt schon lang als Hochburg des Hightech-Kapitalismus. In den letzten Jahren hat sich hier eine Longevity-Bewegung formiert. Lässt sich mit dem Wunsch nach Langlebigkeit besonders gut Geld machen?

Ich denke ja. Longevity beginnt ja schon viel früher und bedeutet nicht nur stark invasive Technologien. Sondern wird als Trend gesehen, der viele Lebensbereiche erfasst und lenken soll. Longevity will Altern durch sogenanntes achtsames Handeln aufhalten. Damit wird das Gesundbleiben, das Nicht-Altern zu einer individuellen Angelegenheit in den reichen Gesellschaften des Globalen Nordens. Von jenen, die es sich leisten können, darüber nachzudenken. Diese Ideologie wird auch als Healthismus beschrieben: die egomane Selbstbeschäftigung mit Gesundheit und der eigenen Lebensweise, die aus den Fugen geraten ist.

Menschen lassen sich nach ihrem Tod bereits vollständig bzw. nur ihren Kopf einfrieren. Die Anhänger:innen der sogenannten Kryonik hoffen auf die Erfindung eines Verfahrens, das sie in der Zukunft wieder zum Leben erwecken soll.

Ob eine Technologie wie die Kryonik tatsächlich in Zukunft Menschen wieder zum Leben erwecken wird und ob sich das dann jeder zu Dumpingpreisen leisten kann, kann ich nicht sagen. Ich finde es eher spannender zu fragen, wie sich gesellschaftliche Normen durch die Etablierung und Verbreitung der Kryonik verändern könnten. Die Kryokonservierung von Eizellen ist ja bereits möglich und hat dazu geführt, dass sich die sozialen Anforderungen an die Einzelne und nicht die grundlegenden gesellschaftlichen Möglichkeiten von Elternschaft verbessert haben. Statt dafür zu sorgen, dass es egal ist, wann wir Eltern werden und welche Kinder wir bekommen, ohne dass wir unsere Träume aufgeben oder Armut und Abhängigkeit befürchten müssen, wird suggeriert, dass wir das biologische Kinderkriegen aufschieben können und so geplanter, besser und respektabler Kinder bekommen könnten.

Werden wir irgendwann unsterblich sein – und geht es uns dann besser?

Ich hoffe nicht, dass wir irgendwann unsterblich sein werden. Allerdings fiel mir diese Aussage leichter, als ich jünger war, und sie wird schwerer, je älter ich werde. Krank werden und sterben ist nicht schön. Anders ausgedrückt: Ich halte nicht viel von der protestantischen Aufgabe des Durcharbeitens des Alterns. Auf die Gefahr hin, jetzt wie die altersweise Omi zu klingen: Lebenswillen oder Unwillen sind immer eng an die aktuelle Situation, den Körper, die Gegenüber gebunden, und was mir vielleicht früher als fade erschien, ist es jetzt manchmal nicht mehr.

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Die Frau ohne Eigenschaften https://ansch.4lima.de/die-frau-ohne-eigenschaften/ https://ansch.4lima.de/die-frau-ohne-eigenschaften/#comments Sun, 07 Mar 2021 23:26:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=28016 Am offenen Grab zeigt sich: Geschlechterklischees machen auch vor dem Tod nicht halt. Von Clarissa Breu, evangelische Theologin in Wien. Er sitzt mir gegenüber und sagt nichts. Ich frage, ob er nicht doch noch etwas erzählen möchte über seine verstorbene Frau: „Hatte sie markante Eigenschaften? Gibt es irgendwelche typischen Sprüche oder Anekdoten? Was hat sie […]]]>

Am offenen Grab zeigt sich: Geschlechterklischees machen auch vor dem Tod nicht halt. Von Clarissa Breu, evangelische Theologin in Wien.

Er sitzt mir gegenüber und sagt nichts. Ich frage, ob er nicht doch noch etwas erzählen möchte über seine verstorbene Frau: „Hatte sie markante Eigenschaften? Gibt es irgendwelche typischen Sprüche oder Anekdoten? Was hat sie denn gerne gemacht?“

„Nein, keine Eigenschaften. Eine gute Hausfrau war sie; kein Alkohol, keine Gewalt. Alles gut“, sagt er und schaut mich entgeistert an.

Ungefähr so verlief eines meiner ersten Trauergespräche in der dreijährigen Ausbildung zur evangelischen Pfarrerin. Und es sollte nicht das Einzige dieser Art bleiben. Denn die Lebensläufe der Generation von Frauen, die derzeit hauptsächlich beerdigt wird, sind einander in der Darstellung ihrer Partner und Söhne überraschend ähnlich.

Wenig Persönliches. Vor jeder Beerdigung steht für evangelische Pfarrerinnen ein solches Trauergespräch an. Die Familie, oder wer immer sich dazu berufen fühlt, kommt für ein Gespräch vorbei oder wird zu Hause besucht. Der Ablauf, die Musik und andere Details werden geklärt, aber im Zentrum steht die Trauer. Wir sprechen über den Abschied und versuchen, Persönliches über die verstorbene Person zu erfahren. Viele Familien rechnen gar nicht damit, dass ich die Beerdigung persönlich gestalten möchte. Ihr Bild von Kirche entspricht eher einer Sünden-Kontrollinstanz, deren Ziel es ist, herauszufinden, was alles falsch läuft in ihrem Leben. Das Vertrauen gegenüber kirchlichen Gesprächspartnerinnen ist grundsätzlich also gering, man sagt lieber zu wenig als zu viel. Auch das mag ein Grund sein, warum so wenig Persönliches über Verstorbene erzählt wird.

Und dennoch lernte ich mit der wachsenden Zahl an Trauergesprächen, dass es eventuell eine ganze Generation von eigenschaftslosen Frauen gibt. Die Frauen, die derzeit im hohen Alter sterben, werden zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz mit denselben Attributen und Lebensläufen bedacht: Die Mama hat zwar eine bestimmte Ausbildung, manchmal sogar ein Studium, aber dann kamen die Kinder. Und sie hat halt so gern gekocht! Sie war immer für uns da, hatte stets ein offenes Ohr und hat uns sogar in der Nacht noch belegte Brötchen hingestellt. Ein Kollege, dem ich das erzähle, ergänzt: „Und ihren Garten hat sie so geliebt!“ Nicht nur ich mache also diese Erfahrung.

Leben für die Kinder. Je mehr Gespräche ich führte, desto mehr verfestigte sich der Eindruck, dass es sich um eine Generation von Frauen handelt, die wenige Hobbys, wenige Inte­ressen, wenige markante Eigenschaften zu haben scheint, weil ihr ganzes Tun und Wirken den Kindern gewidmet ist. Die persönliche Verwirklichung fand im Garten oder in der Küche statt, also in der Arbeit für andere. Denn es gab ja schon einen, der Hobbys hatte und Freunde traf und außer Haus aktiv war: den Vater. Der hat viel gearbeitet. Der war immer im Wirtshaus. Der war nie da.

Aber nicht nur die Darstellung der verstorbenen Frauen ist meist ähnlich, sondern auch das Setting der Gespräche. Es ist meist derselbe, der spricht, organisiert, mit der Mappe und dem Autoschlüssel in der Hand auftritt: der Mann in der Rolle des Partners, Sohnes oder Ehemanns der Tochter. Die anwesenden Frauen sind offenbar von Gefühlen überwältigt und sprechen wenig. Die Männer nehmen die Sache in die Hand, um nicht in ihre Gefühle abzustürzen, aber damit liegt bei ihnen auch die Definitionsmacht. Etwa damals, als die Schwiegertochter erst ein wenig später dazukommt. Sie entschuldigt sich, sie habe noch in der Küche etwas vorbereiten müssen. Dann schweigt sie wieder, während über sie gesprochen wird: „Die beiden haben schon so ihre Probleme gehabt. Naja, Sie wissen ja, wie Frauen so sind.“

„Nein, weiß ich nicht“, denke ich, aber kann es nicht sagen. Ich sage: „Es wird schon Gründe gegeben haben“ – die sicher auch mit seiner Rolle im Gefüge zu tun haben, ergänze ich in Gedanken. Und: Irgendwie logisch, dass es schwierig ist, ein Leben lang mit den Schwiegereltern im selben Haus zu leben.

Gewesen sein. Die Beerdigung selbst geht dann meist doch allen sehr nahe. Aber viele Männer können keine Tränen zulassen. Der eine entzieht sich, indem er von Anfang bis Ende den Organisator spielt, der andere hält sich an einem Energydrink fest. Ich denke an die feministische US-Autorin Diane Elam, die über die Repräsentation von Frauen schreibt: Die Schwierigkeit ­liege darin, Frauen so zu repräsentieren, wie sie gewesen sein werden, statt immer wieder dieselben Klischees zu reproduzieren darüber, wie sie vermeintlich sind. Ich versuche das in meinen Predigten über Männer und Frauen umzusetzen, viel Raum für offene Bilder und eigene Gedanken zu lassen, zu betonen, dass nur Gott alle Facetten eines Menschenlebens überblicken kann, dass unsere eigene Sichtweise nur ein kleiner Ausschnitt ist.

Und es geht weiter nach der Beerdigung, in den Gesprächen über die noch lebenden Frauen. Der eine sagt: „Na, ich esse sicher eine Torte, meine Frau darf keine essen, die braucht ja die Bikinifigur für die Malediven!“ Ein anderer kommt mir immer näher und sagt: „Stellen Sie sich vor, Frau Pfarrer, ich hatte sechzig Frauen. Das war nicht einfach.“ Ich rücke mit meinem Sessel ein wenig weiter weg. „Weil ich eine Putzfirma gehabt hab. Aber glauben Sie mir, da ist es zugegangen!“

Das Phänomen der Gender-Performance macht auch vor dem Tod nicht halt. Es setzt sich fort in der Art, wie wir trauern, in der Art, wie wir über Verstorbene erzählen, in der Art, wie wir Beerdigungen organisieren, in der Art, wie wir mit der Pfarrerin sprechen, wenn der formelle Teil vorüber ist. Es tröstet mich, dass die Beerdigung nicht das letzte Wort über ein Leben hat, dass die Repräsentation eben nur Repräsentation ist und dass das, was jemand gewesen sein wird, nicht feststeht. Ich beerdige die Menschen in die Weite Gottes hinein. Und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass Frauen und Männer irgendwann vielfältige Lebensläufe und Eigenschaften haben dürfen, die in dieser Vielfalt auch wahrgenommen werden.

Clarissa Breu, 1986 in Wien geboren, wurde 2020 zur evangelischen Pfarrerin ordiniert und arbeitet derzeit mit einem Stipendium an einem Habilitationsprojekt im Bereich der neutestamentlichen Wissenschaft.

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Kein Recht auf Wohnen https://ansch.4lima.de/kein-recht-auf-wohnen/ https://ansch.4lima.de/kein-recht-auf-wohnen/#comments Sun, 07 Mar 2021 23:21:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=28013 Wohnungslose Menschen trifft der Lockdown hart und ­Frauen oft am härtesten. Im Pandemie-Winter wird noch mal offensichtlicher, was schon lange falsch läuft. Von Nora Noll. Gelb gestrichenes Zimmer, Hochbett, Bad, Balkon. „Meine eigenen vier Wände in Berlin!“, ruft Ella in die Handy­kamera. Es ist Anfang Februar, seit einer Woche wohnt die 27-Jährige in der Quarantänestation […]]]>

Wohnungslose Menschen trifft der Lockdown hart und ­Frauen oft am härtesten. Im Pandemie-Winter wird noch mal offensichtlicher, was schon lange falsch läuft. Von Nora Noll.

Gelb gestrichenes Zimmer, Hochbett, Bad, Balkon. „Meine eigenen vier Wände in Berlin!“, ruft Ella in die Handy­kamera. Es ist Anfang Februar, seit einer Woche wohnt die 27-Jährige in der Quarantänestation in der Lehrter Straße, Berlin. „Gerade ist es wie im Hotel. Das ist das Beste, was ich seit einem Jahr hatte.“

Kurz nach Silvester fuhr Ella von Baden-Württemberg nach Berlin. Sie kam in der Frauennotschlafstelle Marie unter. 28 Nächte wurden ihr dort zugesichert – tagsüber hat die Stelle geschlossen. Dann musste sich Ella wie die übrigen Bewohnerinnen irgendwie warmhalten. Das ist in Pandemie-Zeiten nicht einfach. Viele Tageseinrichtungen und Kältecafés sind aus Infektionsschutzgründen geschlossen, öffentliche Aufenthaltsorte wie Bibliotheken sowieso. „Ich war viel unterwegs und habe mich dann erst mal orientiert. Aber ich dachte auch: Scheiß auf Berlin, mir ist arschkalt, ich möchte einfach meine Hände wieder spüren.“ Als ihre Zimmernachbarin an Corona erkrankte, war die Quarantäne für Ella, so zynisch es klingt, ein Glücksfall.

Jeden Winter wird offensichtlich, was sonst gerne verdrängt wird: In Deutschland wie in Österreich ist das Grundrecht auf Wohnen ein leeres Versprechen, Menschen erfrieren auf den Straßen der reichsten Länder der Welt. Die Corona-Pandemie macht die krasse Ungleichheit noch deutlicher. Denn der Lockdown vergisst wohnungslose Menschen, verschärft ihre Lage noch.

An der Lebensrealität vorbei. Wenn ein Großteil der Tageseinrichtungen wegfällt, ist das nicht nur ein Kälteproblem. Die Suche nach öffentlichen Toiletten ist schwieriger, von Duschen ganz zu schweigen. Für Frauen insbesondere während ihrer Menstruation ein besonders großes Problem. Auch das Sozialleben ist dadurch eingeschränkt, Orte fürs Zusammensein fehlen. „Wohnungslose kommen im Großen und Ganzen mit dem Lockdown gar nicht zurecht“, sagt Corinna Lenhart. Sie ist als Teil der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen mit Betroffenen in Kontakt. „Es fehlen die sozialen Kontakte, es ist ja auch verboten, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken und sich in Gruppen aufzuhalten.“ Die Infektionsschutzgesetze gingen an der Realität von Menschen ohne Zuhause vorbei. „Und wenn die Bußgelder nicht bezahlt werden können, droht ein Gerichtsverfahren und im Zweifelsfall Gefängnis.“

Wie oft die Polizei Corona-Regeln gegen obdachlose Personen durchsetzt, lässt sich schwer sagen. Lenhart stellt aber fest, dass zumindest in ihrem Wohnort Pforzheim die Menschen von den Straßen verschwinden.

Diese Verdrängung beobachtet auch Regina Amer in Wien. Die Aktivistin kämpft u. a. mit der Organisation HOPE für die Rechte Wohnungs- und Obdachloser. „Menschen verstecken sich in den Parks. Die Polizei ist verstärkt unterwegs und darf jeden kontrollieren, vor allem wenn man keine Maske hat“, sagt Amer. Regelmäßig neue Masken zu kaufen ist für die meisten jedoch nicht möglich. Das Geld ist ohnehin noch knapper als sonst, jetzt, wo es draußen weniger Pfand zum Sammeln und weniger Passantinnen mit Kleingeld gibt.

Die Notschlafstellen sind für viele Menschen keine Option. „Soweit ich weiß, gehen immer weniger Menschen in die Einrichtungen, weil die Gefahr angesteckt zu werden wesentlich höher ist als im Freien“, sagt Amer. Wenn es zu einer Corona-Infektion komme, sei die Quarantäne für Suchtkranke sogar gefährlich. Denn wegen fehlender Suchtbetreuung bedeute das: kalter Entzug, physische und psychische Extrembelastung und im Zweifelsfall gewaltvolle Polizeieinsätze.

Versteckte Wohnungslosigkeit. Aber nicht erst seit der Pandemie kommen die Notschlafstätten für viele Menschen nicht infrage. Personen ohne sicheren Aufenthaltsstatus fanden in den Unterkünften in Wien auch schon vorher keinen verlässlichen Schutz. Zwar würde in den Einrichtungen offiziell nicht nach Papieren gefragt, aber es komme immer wieder zu nächtlichen Polizeikontrollen, berichtet Amer. Frauen seien in gemischten Unterkünften zudem sexualisierter Gewalt und Übergriffen ausgesetzt. Die Anlaufstellen ausschließlich für Frauen reichen laut Amer nicht aus. Der politische Fokus richte sich ­immer noch auf das Klischeebild eines Wohnungslosen: mittleres Alter und cis-männlich.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosen­hilfe sind rund ein Viertel aller Wohnungslosen in Deutschland Frauen. In Österreich sollen es über dreißig Prozent sein. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn Frauen leben häufiger in verdeckter und dadurch statistisch nicht erfasster Wohnungslosigkeit. „Sie leben dann irgendwo mit Männern zusammen, die sie ausbeuten und sexuell nötigen“, so Corinna Lenhart. Wenn das passende Hilfsangebot fehlt, steigt der Druck, in solch unerträglichen Wohnsituationen zu bleiben. Lenhart hat das vor neun Jahren selbst erlebt: Sie trennte sich von ihrem Mann wegen häuslicher Gewalt, wurde aber mit ihrem 16-jährigen und damit „erwachsenen“ Sohn nicht im Frauenhaus aufgenommen. Mehrere Monate lebte sie in verdeckter Wohnungslosigkeit, bis sie eine eigene Wohnung fand.

Noch weniger wird auf die Bedürfnisse queerer Wohnungsloser Rücksicht genommen. Regina Amer ist mit queeren Sozialarbeiterinnen in Kontakt und setzt sich für die Rechte wohnungsloser trans Menschen ein. Fraueneinrichtungen würden trans Frauen systematisch ausschließen, wenn der Geschlechtseintrag im Pass nicht angeglichen sei, so Amer. Gemischte Unterbringungen sind in Anbetracht von Queer- und Transfeindlichkeit keine Option.

Dabei müsste es in der Pandemie doch so einfach sein. Hotels, Hostels und Ferienwohnungen stehen leer und freuen sich vermutlich über Subventionen – warum also keine staatlich finanzierte Öffnung? Die Forderung wird in sozialen Medien laut, Organisationen wie die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen formulieren sie schon seit der ersten Infektionswelle. Berlin kommt dem scheinbar nach: Drei Hostels bieten seit Oktober im Rahmen der Kältehilfe Notübernachtungen an, eines davon ausschließlich für Frauen. Was auf den ersten Blick nach einer Verbesserung der Infrastruktur aussieht, dient allerding nur der Erhaltung des Status quo. Die angemieteten Zimmer ersetzen gerade mal die Plätze, die wegen Abstandsregeln und Personenbeschränkung in den regulären Unterkünften wegfallen.

Schlafsärge. Es ist mit der Kältehilfe und dem äquivalenten Wiener „Winterpaket“ so wie mit anderen Hilfsmaßnahmen auch: Sie sind bloße Symptombekämpfung. Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen macht immer wieder klar, worum es eigentlich gehen muss: Um Wohnungen. Corinna Lenhart erzählt von sogenannten Schlafnestern, die in Ulm aufgestellt wurden – längliche Holzkisten, sie nennt sie nur „Schlafsärge“. „Da besteht ständig die Angst, dass die angezündet werden. Dass man jemanden so menschenunwürdig unterbringen will, trotz leerstehendem Wohnraum …“

Genau das wollen die beiden Aktivistinnen Vegiterrier und Pepper1 skandalisieren. Sie waren im vergangenen Oktober an der Aktion „Leerstand Hab-ich-Saath“ beteiligt und besetzten zusammen mit einer Gruppe von Wohnungslosen und anderen Aktivistinnen einen von Verkauf und Abriss bedrohten Gebäudekomplex in der Habersaathstraße in Berlin.

Die Idee: Leerstand anprangern, in der Pandemie von unten aktiv werden und einen Raum schaffen ohne staatliche Kontrolle. „Unser Ziel war Selbstverwaltung“, erzählt Pepper. Vegiterrier ist selbst wohnungslos und hat in der Vergangenheit auch auf der Straße gelebt. Als trans Frau fühlte sie sich in ihrer queeren Punk-Community sicherer als in staatlichen Einrichtungen. Die Idee anderer Habersaath-Aktivistinnen, mit eidesstattlichen Erklärungen der wohnungslosen Besetzerinnen das Recht auf Unterbringung einzufordern und Druck zu machen, lehnte sie deshalb ab. „Dann hat der Staat die Pflicht zur Unterbringung, aber egal wo – vielleicht in einer Traglufthalle oder in der Psychiatrie.“

Der Versuch, rechtlich eine Beschlagnahmung der aktiv leer gehaltenen Wohnungen durchzusetzen, blieb erfolglos. Nach neun Stunden räumte die Polizei das Gebäude. „Am liebsten hätte es die Regierung, dass die Obdachlosen nicht existieren“, so Pepper. Die Räumung eines Wohnungslosen-Camps an der Rummelsburger Bucht Anfang Februar sei Ausdruck dieser Politik. Einer Politik, gegen die sie und Vegiterrier und die anderen von der Habersaathstraße weiterhin ein Zeichen setzen wollen.

Auch Ella ist es wichtig, gehört zu werden. Sie lehnt zwar staatliche Unterstützungsstrukturen nicht ab – sonst säße sie jetzt nicht im gelben Zimmer in der Lehrter Straße. Aber sie hat schon Sozialarbeiterinnen kennengelernt, die überhaupt kein Verständnis für ihre Situation hatten, die nur auf das Einhalten von Regeln achteten: „Man fühlt sich in dem Moment wie ein Hund: Wenn du keine Rolle machst, dann kriegst du einen Elektroschock. Diese negative Konditionierung, das fand ich am schlimmsten.“ Sie hat auch deshalb Baden-Württemberg verlassen, weil sie raus wollte aus ihrem Frauenwohnheim dort, mit vier Zimmernachbarinnen und ohne Aussicht auf Veränderung. So, wie Deutschland und Österreich das Recht auf Wohnen umsetzen, schließen sich Selbstbestimmung und ein Dach überm Kopf oft aus.

Nora Noll arbeitet als freie Journalistin und studiert Literaturwissenschaft in Berlin. Als Teil der Schlafplatzorga unterstützt sie ehrenamtlich Geflüchtete und Migrant*innen bei der Wohnungssuche.

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Der Lack ist ab https://ansch.4lima.de/der-lack-ist-ab/ https://ansch.4lima.de/der-lack-ist-ab/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:13:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=28010 Die Politik gibt sich derzeit äußerst dünnhäutig. Regierungsparteien reagieren auf jede Art von Kritik und Analyse bockig. Auf Social Media holen Kabinettsmitglieder zu Gegenangriffen und Rechtfertigungstiraden aus, um sich über undankbare Bürgerinnen und Journalistinnen zu beschweren. Ganz vorne dabei: ein Innenminister, der ankündigt, eine Privatperson klagen zu wollen, weil ihm ein scharfer Tweet nicht gefallen […]]]>

Die Politik gibt sich derzeit äußerst dünnhäutig. Regierungsparteien reagieren auf jede Art von Kritik und Analyse bockig. Auf Social Media holen Kabinettsmitglieder zu Gegenangriffen und Rechtfertigungstiraden aus, um sich über undankbare Bürgerinnen und Journalistinnen zu beschweren. Ganz vorne dabei: ein Innenminister, der ankündigt, eine Privatperson klagen zu wollen, weil ihm ein scharfer Tweet nicht gefallen hat. Es gibt sogar Angriffe auf die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, weil es offenbar nicht geht, dass ein Finanzminister genauso behandelt wird wie der Rest der Bevölkerung, wenn der Verdacht eines Verbrechens im Raum steht.

Größte Mühe wird darauf verwendet, das Image blitze­blank zu halten. Kein „Anpatzen“ erlaubt, wie Sebastian Kurz so schön zu sagen pflegt. Doch Regierungsverantwortung ohne Kritik ist schlicht unmöglich. Wirkliche Demokratie funktioniert nur, wenn verschiedene Meinungen zulässig sind und Entscheidungen permanent auf Zulässigkeit und ihren Nutzen für die Gesellschaft geprüft werden.

Nicht alles, was sich als Meinung tarnt, ist eine Meinung – vor allem wenn es etwa um Diskriminierung geht. Doch solange die Kritik keine Menschen in Gefahr bringt und Machtverhältnisse, Entscheidungen und politische Arbeit hinterfragt werden, muss jede auch noch so scharfe Meinungsäußerung akzeptiert werden. Spoiler: Oft wäre es sogar sinnvoll, sich mit dem Kern der Kritik zu befassen und diese anzunehmen. Ein politisches Credo scheint das jedoch schon lange nicht mehr zu sein. Besonders bitter ist es, wenn ehemalige Kritiker*innen wie die Grünen nun an den Hebeln der Macht sitzen und es nicht aushalten, dort nicht nur Beifall zu bekommen. Oder wie die ÖVP gar die Staatsanwaltschaft frontal angreifen.

In diesem Land einmalig ist auch die absolute Abwehr, eine Fehlerkultur zu etablieren. Fehler können passieren, gerade in einer Pandemie mit offenem Ende. Es würde Vertrauen schaffen, im Rückblick möglicherweise falsch getroffene Entscheidungen einzugestehen und nicht ständig alles, was nicht ideal läuft, zu leugnen. Mit dieser Taktik steht die Politik allerdings nicht alleine da, denn Institutionen und Unternehmen versuchen ebenfalls, ihr Image sauber zu halten und Probleme unter den Teppich zu kehren. Nicht zuletzt liefert diese Praxis den perfekten Boden für Fehlverhalten – was damit enden kann, dass auch Übergriffe oder Verbrechen vertuscht werden. Selbst diskriminierende Strukturen, die längst überwunden sein könnten, bleiben dadurch aufrecht, dass berechtigte Kritik und Verbesserungsvorschläge als Angriffe abgetan werden. Dieser Wille zum Totschweigen erzeugt Probleme, die damit nicht verschwinden, sondern nur zeitverzögert an die Oberfläche kommen.

Mein neues Hobby ist in letzter Zeit, Möbel zu lackieren. Alte Tische, Sessel oder Regale haben oft Risse, Abschürfungen oder sind irgendwo ein wenig verrostet. Mit ein wenig Lack sehen sie wieder wie neu aus. Doch unter dem Lack sind die Risse immer noch vorhanden. Mit ein bisschen gespachtelter Reparaturmasse unter der Farbschicht hält das Möbelstück vielleicht noch ein bisschen länger. Doch wenn immer wieder darübergestrichen wird, merkt man weniger schnell, wenn das Möbelstück bröckelt. Manchmal wäre es ratsamer, sich um die Ursache der Risse zu kümmern oder das ganze Ding neu zu bauen. Sonst besteht die Gefahr, dass es irgendwann in sich zusammenfällt.

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Feminist Superheroines: Lidia Menapace https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lidia-menapace/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-lidia-menapace/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:09:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=28005 Lidia Menapace war eine italienische Widerstandskämpferin und Frauenrechtlerin. Bereits mit 19 Jahren schloss sie sich im Zweiten Weltkrieg der Resistenza an, überbrachte antifaschistische Nachrichten und organisierte Gefängnisausbrüche. Sie riskierte mehrmals ihr Leben, als sie Verwundete medizinisch versorgte oder Dokumente unter ihrem Mantel schmuggelte. In den 1960er-Jahren zog sie als eine der ersten Frauen in den […]]]>

Lidia Menapace war eine italienische Widerstandskämpferin und Frauenrechtlerin. Bereits mit 19 Jahren schloss sie sich im Zweiten Weltkrieg der Resistenza an, überbrachte antifaschistische Nachrichten und organisierte Gefängnisausbrüche. Sie riskierte mehrmals ihr Leben, als sie Verwundete medizinisch versorgte oder Dokumente unter ihrem Mantel schmuggelte. In den 1960er-Jahren zog sie als eine der ersten Frauen in den Südtiroler Landtag ein. 1972 veröffentlichte sie eine viel beachtete feministische Streitschrift. Ihr antifaschistischer Aktivismus wurde – wie der so vieler Frauen – lange nicht gewürdigt. Die Autorin, Essayistin, Aktivistin, Politikerin und Widerstandskämpferin ist im Dezember an Covid-19 verstorben. jp

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