an.schläge 2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 16 Dec 2021 12:23:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2021 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.lesen: bell hooks: Feminismus für alle  https://ansch.4lima.de/an-lesen-bell-hooks-feminismus-fuer-alle/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-bell-hooks-feminismus-fuer-alle/#comments Thu, 16 Dec 2021 12:19:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=57379 We are all in this together  Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks hat jene Einführung in feministisches Denken geschrieben, die sie selbst als junger Mensch gerne gelesen hätte. Feminismus, so wie sie ihn versteht, sollte von allen verstanden und gelebt werden können. Von Verena Kettner  Feminismus darf niemals ausschließend daherkommen, macht bell hooks schon in der Einleitung ihres Buchs klar, das im englischen Original bereits 2000 […]]]>

We are all in this together 

Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks hat jene Einführung in feministisches Denken geschrieben, die sie selbst als junger Mensch gerne gelesen hätte. Feminismus, so wie sie ihn versteht, sollte von allen verstanden und gelebt werden können. Von Verena Kettner 

Feminismus darf niemals ausschließend daherkommen, macht bell hooks schon in der Einleitung ihres Buchs klar, das im englischen Original bereits 2000 erschien und kürzlich ins Deutsche übersetzt wurde. Hooks erzählt davon, wie ihr eigenes feministisches Engagement sowie ihre Leidenschaft für die Bewegung mit jedem Tag mehr wuchsen, sie aber im selben Ausmaß auch immer wieder enttäuscht wurde. Denn eine Bewegung, der sich viele Menschen nicht zugehörig fühlen, weil sie ihre Sprache nicht verstehen und ihre Theoretisierungen zu komplex finden, muss in gewisser Weise versagt haben. Ihr Buch kämpft gegen dieses Missverhältnis an: Es ist nicht akademisch, leicht zu lesen, auch ohne viel Vorwissen verständlich und es richtet sich an alle Geschlechter. Es ist, wie der Feminismus, für alle. 
bell hooks vertritt eine breite Definition von Feminismus. Dieser sei eine Bewegung, die darauf abziele, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden. Nicht „die Männer“ seien der Feind von Feminist*innen, sondern ein sexistisches und patriarchales System, das alle Geschlechter unterdrückt. Natürlich nimmt diese Unterdrückung höchst unterschiedliche Formen an und ist insbesondere Männern gegenüber schwer zu fassen, da diese immer auch vom Patriarchat profitieren. Allerdings würden sie im Gegenzug oft ihre Verletzlichkeit und die Verbindung zu ihren Emotionen opfern sowie die Fähigkeit einbüßen, tiefe soziale und emotionale Bindungen einzugehen, ist hooks überzeugt. 
Mit ihrem authentischen, stets intersektionalen Blick denkt bell hooks Identitäten und Kämpfe zusammen, sieht und zieht Verbindungslinien. Feminismus muss, wenn er nachhaltig etwas an den sexistischen gesellschaftlichen Strukturen verändern will, nicht nur für alle Geschlechter entworfen und von allen Geschlechtern mitgetragen werden, sondern er muss auch antirassistisch, antifaschistisch, antikapitalistisch und vor allem radikal sein. Eine reformerische Bewegung weißer Feminist*innen beispielsweise, die sich für Lohngleichheit einsetzen, reiche nicht aus, um einen gesellschaftlichen Umsturz herbeizuführen, der für alle befreiend wäre. 
In verschiedenen Kapiteln, die sich mit klassisch feministischen Themen wie (Care-)Arbeit, reproduktiven Rechten, der Frage nach sisterhood, Sexualität, Partner*innenschaft, Gewalt und (Bewusstseins-)Bildung auseinandersetzen, verwebt bell hooks geschickt die unterschiedlichen Diskriminierungsachsen von Geschlecht, race und Klasse und verdeutlicht deren schädliche Effekte für alle. In all den Ausführungen schwingt stets auch hooks gewohntes Verständnis von Solidarität und (politischer) Liebe mit. Zwar sind es komplexe gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse, die wir verändern müssen, doch haben wir als Individuen auch die Handlungsmacht dafür. Wir können solidarisch lieben und handeln, können wertschätzend, fürsorglich, hingebungsvoll, verantwortungsvoll und verständnisvoll sein, uns wehren gegen Dominanz und Zwang. Auf dieser Basis können wir schließlich jene Vision verwirklichen, von der bell hooks träumt: einen radikalen Feminismus, der zwar in der konkreten Realität der Menschen verankert ist, in seinen Zielen aber über diese hinausgeht. Einen Feminismus, der miteinander und aneinander wächst, voneinander lernt, der sich verändert und weiterentwickelt, bis wir eines Tages ein Leben ohne Herrschaft führen können.  

bell hooks: Feminismus für alle 
Übersetzung: Margarita Ruppel 
Unrast Verlag 2021, 14,- Euro 

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ABC der schrulligen Frauen* https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen/ https://ansch.4lima.de/abc-der-schrulligen-frauen/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:29:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=55460 Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)]]>

Katharina Ludwig (Text) & Stefanie Wuschitz (Illustration)

Dora Al-Mahdi liebt Kampfsport. Das wäre an sich kein Problem. Doch wenn sie mit Freund:innen trinken geht, legt sie sich immer mit Barkeepern an. Das Glas ist nicht voll genug! Das Glas ist schmutzig! Dieser Fusel ist doch keinen Euro wert! Die Freund:innen besuchen sie am liebsten zu Hause und bringen Gebäck. Wenn es dann spät wird und die Straßen schon leer sind, begleitet sie Dora nach Hause.
Esther Bruch muss andauernd zählen. Sie zählt die Weintrauben für ihr Frühstück. Sie zählt die 1-Cent-Stücke, die sie beim Imbiss mit einer Portion Pommes in die Hand gedrückt kriegt. Jetzt zählt sie auch die Stufen in ihrem Stiegenhaus und die Tage, bis sie ihre Freund:innen wiedersieht. Witze mit ihrem Nachnamen hört Esther seit dem Volksschulalter. Macht ihr nix. Ihre Tante ist ein Opernstar.
Feni Maria Torrez ist eine großartige Antifaschistin. Wenn im Einkaufszentrum irgendwer Unterirdisches schreit, hält sie dagegen. Sie kratzt Sticker von U-Bahn-Fenstern und von Laternenmasten. Und auch im Bekanntenkreis: Wenn jemand Unterirdisches sagt, spricht sie es als Einzige an. Warum nur dieses laaange Lavendelbad, ausgerechnet am Morgen? Ihre WG checkt es nicht.
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Perspektivenwechsel https://ansch.4lima.de/perspektivenwechsel/ https://ansch.4lima.de/perspektivenwechsel/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:14:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=55456 Wer von Influencer*innen spricht, hat selten eine Schwarze Frau im Kopf. Christl Clear macht kristallklar, dass das ein Fehler ist. Von ­Vanessa Spanbauer Christl Clear, österreichische Autorin und Influencerin mit nigerianischen Wurzeln, spricht über die schönen Dinge des Lebens, aber auch über die Momente, die wir oft lieber für uns behalten oder ausblenden. Es wirkt fast so, als […]]]>

Wer von Influencer*innen spricht, hat selten eine Schwarze Frau im Kopf. Christl Clear macht kristallklar, dass das ein Fehler ist. Von ­Vanessa Spanbauer

Christl Clear, österreichische Autorin und Influencerin mit nigerianischen Wurzeln, spricht über die schönen Dinge des Lebens, aber auch über die Momente, die wir oft lieber für uns behalten oder ausblenden. Es wirkt fast so, als könnte sie sich nicht entscheiden, wer sie im Netz eigentlich sein will – aber das muss sie auch nicht. Christl Clear besticht mit sehr offenen Storys aus ihrem Alltag – die trotz radikaler Offenheit wohlüberlegt sind. „Ich bin meistens sehr bedacht, was ich teile, weil das Internet einfach skrupellos ist“, erzählt sie im an.schläge-Gespräch. Neben zahlreichen farbenfrohen Postings zum neuesten Outfit oder der neuen Einrichtung bekommen die Follower*innen Talks aus dem Nähkästchen einer Schwarzen Frau, die mitten im Leben steht – ­Rassismus findet darin ebenso Platz wie ignorante Menschen oder Aspekte, die in einer (Liebes- oder auch freundschaftlichen) Beziehung nicht so rund laufen.

Nun hat Christl Clear auch ein Buch veröffentlicht, das Einblicke in ihr Leben gibt und besonders Frauen darin bestärkt, ihr Ding durchzuziehen. „Let Me Be Christl Clear“ ist genau das Richtige, wenn man Bestärkung dafür braucht, um auf Wienerisch „die Goschn“ aufzumachen. Bestärkung, egal ob es darum geht, dass man gerade eine sogenannte Fuck-Person datet, ob einem klar wird, dass man verdammt noch mal dieses Patriarchat endlich zertrümmern sollte, oder ob es um die Widerständigkeit geht, die man sich in Österreich als Schwarze Person ganz automatisch aneignet, um nicht permanent mit dem Kopf gegen eine Tischplatte dreschen zu müssen.

Davor, anderen klar die Meinung zu sagen, hat Christiana, wie sie eigentlich heißt, keine Scheu. „Ich hatte noch nie ein Problem, mir den Raum zu nehmen, aber seit ich selbstständig arbeite, ist es natürlich noch einfacher zu sagen, was ich will oder wann ich es will.“ Dass die Medienwelt so stark von weißen hetero cis Frauen geprägt ist, geht der ehemaligen Journalistin so auf die Nerven, dass sie sich vor einigen Jahren selbstständig gemacht hat, um ihre Perspektiven mit der Welt zu teilen. Und der Erfolg gibt ihr recht – denn diese Einblicke in das Leben einer Schwarzen Frau und ihre Sicht auf die Welt, die als nicht relevant galt, sind heute ein großer Erfolg.

Der Influencer*innen-Branche steht Christl Clear dennoch alles andere als unkritisch gegenüber und lehnt Aufträge auch immer wieder ab. Für Unternehmen soll Christiana oft die fehlende Diversity liefern – das ist ihr durchaus bewusst. Die Autorin zieht dennoch ihren Nutzen daraus: „Ich checke natürlich sofort, wer mich für was und aus welchem Grund buchen will. Aber ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass es schon auch ein wichtiger Punkt ist, wenn sich durch mich drei Leute abgeholt und repräsentiert fühlen, weil ich so aussehe wie sie.“ Wieso sollten nur weiße, eh schon privilegierte Frauen von dieser Branche profitieren? Dass Christl Clear sich nun Dinge leisten kann, die früher unerreichbar gewesen wären, genießt sie durchaus. In ihrer Kindheit sah das noch völlig anders aus – ein Aspekt, der in ihrem Buch ebenfalls Erwähnung findet. Dort schreibt sie über ihr Aufwachsen in einer Familie mit vier Kindern und berichtet von den ständigen Geldsorgen. Christl ­Clear ist auch deshalb so nah und relatable, weil sie sich über Chancen freut, die definitiv nicht den Alltag der meisten Schwarzen Frauen widerspiegeln, aber definitiv große „B*tch, Better Get Your Money!“-Vibes versprühen, wie auch ein Kapitel ihres Buches heißt. Darin verhandelt sie u. a. die leidigen Themen Gender Pay Gap und Pensionssplitting. Über Feminismus spricht sie auch, allerdings aus einer Perspektive, die im Feminismus oft fehlt, weil er immer noch viel zu einseitig und zu wenig intersektional ist. Christl Clear fehlen Räume zum Verlernen, Fehler-Eingestehen und Reflektieren – Räume, die sie sich einfach selbst schafft. •

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heimspiel: Hackeln bitte ohne Kind https://ansch.4lima.de/heimspiel-hackeln-bitte-ohne-kind/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-hackeln-bitte-ohne-kind/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:06:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=55450 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Ende Oktober häuften sich auf der Karriereplattform ­LinkedIn plötzlich Bilder lohnarbeitender Frauen mit Kind. Stillende bei Videocalls, Babys im Tragetuch bei Sitzungen. So auch jene Managerin, die diese Bilderflut unter dem Motto #MomToo ausgelöst hat. Sie hat bei einem Vortrag im Oktober darüber gesprochen, dass Mütter im Job benachteiligt werden – eben wegen […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Ende Oktober häuften sich auf der Karriereplattform ­LinkedIn plötzlich Bilder lohnarbeitender Frauen mit Kind. Stillende bei Videocalls, Babys im Tragetuch bei Sitzungen. So auch jene Managerin, die diese Bilderflut unter dem Motto #MomToo ausgelöst hat. Sie hat bei einem Vortrag im Oktober darüber gesprochen, dass Mütter im Job benachteiligt werden – eben wegen ihrer Mutterschaft. Viele würden über ihr Mutterdasein nicht reden, aus Angst, im Job benachteiligt zu werden. Eh ein wichtiges Thema, eh ein wichtiges Anliegen. Trotzdem stellt sich Unbehagen angesichts dieser Bilder von Frauen ein, die die (Nicht-)Vereinbarkeit von Job und Elternschaft so darstellen. In einer Hand das Smartphone, in der anderen das Baby, vor sich den Laptop.

Ist das die Vision? Mit Baby auf der Vortragsbühne? Stillend bei der Besprechung? Was für ein Stresslevel setzt das voraus? Wenn jemand die Nerven für derlei Performances hat – dann gratuliere. Aber normalisieren sollten wir die gleichzeitige Aufmerksamkeit für Job und ein kleines Kind doch bitte nicht.

Denn viele Bilder unter #MomToo produzieren Bilder von Frauen als High-Performerinnen – die offenbar keinen Partner oder keine Partnerin, keine Kinderbetreuungseinrichtungen brauchen, um arbeiten zu gehen. Unter #MomToo wird gefordert, dass sie ihre Mutterschaft im Job nicht verstecken müssen. Doch Flexibilität heißt oft nichts anderes als lohnarbeiten, wenn das Kind schläft. Die Grenzen zwischen privat und Beruf würden nun mal mehr und mehr verschwimmen, heißt es. Doch ist das so großartig, ständig im Einsatz zu sein? Ist es nicht angenehm, im Job nicht Mama zu sein? Ehrlich: Für mich – und ich vermute mal für ein paar andere auch – ist es knackiger, von der Mutterschaft während des Jobs verlässlich freigespielt zu sein. Und es nicht parallel hinbekommen zu müssen, eine Pause im Redefluss des Megamansplainer-Kollegen zu erwischen, während frau gleichzeitig versucht, beim Nachwuchs die Nippel einzufädeln. Da klingt doch ein durchschlagskräftiger Betriebsrat inklusive strengem Diskriminierungsschutz besser als Hackeln mit Baby im Arm.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“ und hatte, als sie stillte, nicht den Laserpointer, sondern die Fernbedienung für die Glotze in der Hand.

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Besatzungskinder & -beziehungen https://ansch.4lima.de/besatzungskinder-beziehungen/ https://ansch.4lima.de/besatzungskinder-beziehungen/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:02:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=55447 Frauen, die in der Besatzungszeit von 1945 bis 1955 ­Beziehungen zu afroamerikanischen Soldaten führten und mit ihnen ­Kinder bekamen, wurden gesellschaftlich geächtet. Die Zeit- und ­Kulturhistorikerin Ingrid Bauer im Interview über ­Tabuisierung, rassistische Behörden und die schwierige Situation der ­Nachkommen. Von ­Vanessa Spanbauer an.schläge: Die Beziehungen zwischen afroamerikanischen Soldaten und Österreicherinnen waren ein emotional aufgeladenes Thema […]]]>

Frauen, die in der Besatzungszeit von 1945 bis 1955 ­Beziehungen zu afroamerikanischen Soldaten führten und mit ihnen ­Kinder bekamen, wurden gesellschaftlich geächtet. Die Zeit- und ­Kulturhistorikerin Ingrid Bauer im Interview über ­Tabuisierung, rassistische Behörden und die schwierige Situation der ­Nachkommen. Von ­Vanessa Spanbauer

an.schläge: Die Beziehungen zwischen afroamerikanischen Soldaten und Österreicherinnen waren ein emotional aufgeladenes Thema und dann lange tabuisiert – wie hat sich das gezeigt?

Ingrid Bauer: In meinen frühen Forschungen zur Besatzungszeit ist in Oral-History-Interviews immer wieder der Satz gefallen: „Damals hat es ja viele so Ami-Flitscherl gegeben.“ So wurden Frauen verächtlich genannt, die Beziehungen zu US-Besatzungssoldaten eingegangen sind. Und besonders empört war von den sogenannten „Chocolate Girls“ die Rede, die sich, wie es hieß, „sogar mit den N* eingelassen haben“. Diese Kontakte wurden nicht nur vor dem Hintergrund der damaligen bürgerlich-katholischen Moralvorstellungen abgelehnt. Auch rassistische Tabus haben dabei eine Rolle gespielt. Für mich als Historikerin, die aus der Frauen- und Geschlechterforschung kommt, war das eine Spur, der ich kritisch nachgegangen bin. Und dabei hat mich vor allem die Perspektive der Frauen interessiert – jenseits der diskriminierenden Urteile weiter Teile der Bevölkerung.

Sind Sie so zum Thema der Besatzungsbeziehungen gekommen?

Ja, und das reicht weit zurück, rund um 1995 – fünfzig Jahre Ende Zweiter Weltkrieg, vierzig Jahre Ende der Besatzung – war allgemein viel Forschungselan da und ich selbst habe ein großes Oral-History-Projekt gestartet zum Verhältnis zwischen der heimischen Bevölkerung und den amerikanischen Besatzern bzw. Befreiern. Aus den Interviews haben sich dann eben ganz neue Themen heraushören lassen, und auch Besatzungskinder haben sich erstmals zu Wort gemeldet.

Welche Themen waren das?

Sexualität und Liebe in Zeiten von Krieg und Besatzung wurde zu einem großen Thema. Natürlich spielt da auch Gewalt und Prostitution eine Rolle. Aber auch, dass – vor allem junge, ledige – Frauen selbst die Wahl treffen und das sogar mit Blick auf die fremden Männer tun, die nun im Land sind. Damit haben sie traditionelle Frauenbilder und nationale Erwartungen durchkreuzt. Diese Beziehungen jenseits der Norm haben mich besonders interessiert. Ich habe mich auf die Suche gemacht und Frauen gefunden, die mir davon erzählt haben, dass für sie plötzlich ein Hauch von Freiheit in der Luft lag und dass in den Begegnungen, die sich da angebahnt haben, ein neues Lebensgefühl aufkam. Die Kontakte zu heimischen Männern waren zum Teil sehr vom Krieg belastet. Da waren unbeschwerte, die Erotik eines „Siegers ohne Marschtritt“ ausstrahlende Fremde attraktiv – von Flirts über Sexualität und Liebe für die Dauer der Stationierung bis hin zu mehreren Tausend Eheschließungen, wenn auch vorwiegend mit weißen US-Soldaten.

Welche Rolle spielten Schwarze ­Besatzungssoldaten?

Für diese Generation war es vielfach das erste Mal, dass plötzlich Schwarze Männer auftauchen, und spannenderweise hat da die rassistische Ideologie der Jahre davor nicht mehr ganz gegriffen. Manche Frauen haben sich zu den afroamerikanischen Soldaten besonders hingezogen gefühlt. Haben sie als höflich, warmherzig, kinderlieb erlebt, als fürsorgliche Begleiter in der schwierigen Nachkriegszeit. Aus den Erzählungen kommt auch die Faszination für afroamerikanische Musik und Tänze heraus. Es gab einen Hunger nach Leben und Liebe. Die Gesellschaft hat sich jedoch geweigert, sich vorzustellen, dass hier Liebe möglich ist. Es gab den Generalverdacht der Prostitution.

Gab es eine Diskriminierung solcher Beziehungen auf behördlicher ­E­bene?

Die US-Armee hat Anträge Schwarzer Soldaten auf Eheschließung fast immer abgelehnt. Das hatte auch damit zu tun, dass in weiten Teilen der USA damals noch Segregation und ein Verbot der Heirat zwischen Schwarzen und weißen Menschen galt. Besonders wenn es zu Schwangerschaften kam, wurden die Soldaten oft einfach unangekündigt versetzt. Manchmal wussten sie nicht einmal etwas von ihren Kindern. Weil die Kinder unehelich waren, war für sie das Jugendamt zuständig, eine Behörde, die nicht unterstützend, sondern voll von rassistischen Vorurteilen war – gegen die Kinder wie gegen die Mütter.

Was hat das für die Frauen bedeutet?

Die Diskriminierung in der Gesellschaft setzte voll ein, wenn die Frauen schwanger wurden und die Familie mit ihnen gebrochen hat. Spätestens jetzt wurde klar, dass wegen der rassistischen Tabus auf beiden Seiten des Ozeans ihre hoffnungsvoll gestartete Beziehung keine Zukunft hat. Mitunter hat die Liebe sogar ins soziale Abseits geführt. Die Mütter waren meist auf sich alleine gestellt. Einen Anspruch auf Unterhaltszahlungen gab es nicht. Manche standen überhaupt ohne Einkünfte da, weil sie auch keinen Job mehr fanden. Einige waren noch sehr jung und völlig überfordert. Nicht selten haben die Behörden den Müttern nahegelegt, die Kinder in die USA zur Adoption freizugeben. Manche haben das auch getan, aus Angst vor den Konsequenzen eines Lebens mit Schwarzem Kind.

Wie ging es den Kindern? Was erzählen sie über ihre Mütter?

Die „weiße“ Nachkriegsgesellschaft hat ihnen Anerkennung und Zugehörigkeit verweigert. Manche haben erzählt, wie sehr ihre Mütter, oder auch Großmütter, gekämpft haben, um sie vor Diskriminierung zu schützen. Andere sind ohne Rückhalt aufgewachsen, in Heimen oder auf Pflegeplätzen. Das hat Wunden hinterlassen. Ebenso die große Unwissenheit, was die eigenen Wurzeln betrifft. Die Mütter haben meist nicht viel über den Vater und ihre Beziehung zu ihm gesprochen. Manchmal war ein Foto vorhanden oder der Name und der Dienstgrad des Vaters. Manche haben sich auf die Suche nach ihm gemacht. Andere konnten durch Fürsorgeakten noch etwas herausfinden und haben dann sogar Geschwister gefunden. Schwierig war auch die Suche nach der eigenen Identität. „Wo gehörst du hin, wenn du nicht weiß und nicht Schwarz bist?“ Es gab kaum Vorbilder. Die Ausstellung „SchwarzÖsterreich – Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten“ im Volkskundemuseum aus dem Jahr 2016 hat viel zu diesem tabuisierten Thema sichtbar gemacht und Vernetzung geschaffen, denn die Betroffenen glaubten lange, allein mit ihren Erfahrungen zu sein.

Die Forschungen der letzten Jahre haben wichtige Impulse setzen können für ein neues Selbstverständnis und für Empowerment: Die „Kinder“ von damals – sie sind heute Frauen und Männer in ihren Siebzigern – fühlen sich endlich gesehen und gehört und können auch die schwierige Situation ihrer Mütter besser verstehen. Das Schweigen wurde gebrochen. Das zeigt, dass durch Forschung nicht nur Wissen generiert, sondern auch konkret etwas verändert werden kann. •

Ingrid Bauer arbeitet gemeinsam mit Philipp Rohrbach u. a. im Forschungsprojekt „Lost in Administration“ zu den Beziehungen von Österreicherinnen und afroamerikanischen Soldaten und deren Kindern. Sie haben dazu kürzlich ein Themenheft der Zeitschrift „zeitgeschichte“ (1/2021) herausgebracht.

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zeitausgleich: Emotionale Arbeit ist Arbeit https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-emotionale-arbeit-ist-arbeit/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-emotionale-arbeit-ist-arbeit/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:50:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=55439 Illustration: Sabrina WegererKarin Stanger „Karin – geh, redest du dann bitte noch mit ihm!“ „Ja klar, hatte ich eh vor!“ Ich bin in meinen Dreißigern und schon einige Jahre politisch aktiv. Im Ehrenamt, in NGOs, in den Gewerkschaften – überall das gleiche Phänomen. Wenn es darum geht, das Gruppengefüge zusammenzuhalten, Konflikte zu lösen, jemanden wieder aufzufangen, auszugleichen, […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Karin Stanger

„Karin – geh, redest du dann bitte noch mit ihm!“ „Ja klar, hatte ich eh vor!“

Ich bin in meinen Dreißigern und schon einige Jahre politisch aktiv. Im Ehrenamt, in NGOs, in den Gewerkschaften – überall das gleiche Phänomen. Wenn es darum geht, das Gruppengefüge zusammenzuhalten, Konflikte zu lösen, jemanden wieder aufzufangen, auszugleichen, dann werden meist sie losgeschickt. Wer? Na, die Frauen.

Selbstverständlich, dass sie es sind, die nach der geplatzten Sitzung nachtelefonieren. Die beordert werden, um mit dem Kollegen die heikle Situation noch mal zu besprechen. Oder die in einem Gremium ausgleichend wirken und die Wogen glätten.

Oft auf Kosten der eigenen Emotionen, der eigenen Zeit, der eigenen Ressourcen. Und manchmal auch auf Kosten der eigenen Positionen.

Das ist „emotionale Arbeit“. Der Begriff ist weit gefasst, meint alles vom Trösten der eigenen Partnerin bis hin zum einfühlsamen Gespräch mit dem Kollegen im Büro. Für die Arbeiterin mag es sich gleich anfühlen, ob sie diese Arbeit zu Hause oder im Job macht. Aber im marxistischen Sinne verändert der Lohn natürlich die Situation. Denn die geleistete Arbeit hat damit nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen Tauschwert. Dessen (Wert) sollten sich Frauen bewusst sein und ihre Arbeit nicht als Selbstverständlichkeit betrachten.

„Das muss dann einfach bezahlt werden!“, könnte jetzt angeführt werden. Doch finanzielle Kompensation alleine würde die vergeschlechtlichte emotionale Arbeitsteilung weiter festschreiben. Es muss stattdessen darum gehen, Stereotype aufzubrechen und Verantwortung zu teilen.

Zudem braucht es eine Neubewertung von Arbeit. Dringend nötig ist auch eine höhere Anerkennung für Berufe, in denen permanent emotionale Arbeit geleistet werden muss. Die Anerkennung dafür, dass emotionale Arbeit oft auch mit Belastung und Selbstentfremdung einhergeht, sollte sich im Lohn ebenso widerspiegeln wie in der Ausbildung, in der Berufskrankheitenliste oder bei den Schwerarbeiterregelungen.

Karin Stanger ist Gewerkschafterin und lebt in Wien.

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Konservativ und autoritär https://ansch.4lima.de/konservativ-und-autoritaer/ https://ansch.4lima.de/konservativ-und-autoritaer/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:40:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=55435 aXelle de Sade arbeitet in Frankreich als Domina und kämpft für die Rechte von Sexarbeiter*innen. Die politische Lage spitzt sich zu, berichtet die Gewerkschafterin. Der Kampf gegen die französischen Sexarbeitsgesetze ist nicht neu. Schon 1975 protestierte ein Kollektiv von Sexarbeiter*innen tagelang in der Kirche Saint Nizier in Lyon gegen polizeiliche Schikanen und soziale Stigmatisierung. In […]]]>

aXelle de Sade arbeitet in Frankreich als Domina und kämpft für die Rechte von Sexarbeiter*innen. Die politische Lage spitzt sich zu, berichtet die Gewerkschafterin.

Der Kampf gegen die französischen Sexarbeitsgesetze ist nicht neu. Schon 1975 protestierte ein Kollektiv von Sexarbeiter*innen tagelang in der Kirche Saint Nizier in Lyon gegen polizeiliche Schikanen und soziale Stigmatisierung.

In Frankreich gibt es viele problematische Gesetze. Inspiriert durch das schwedische Modell entwickelt Frankreich ein legislatives Arsenal zur Abschaffung der Prostitution: Auch wenn Sexarbeit selbst heute nicht mehr illegal ist – alles mit ihr in Verbindung stehende ist illegal. Die Definition von Zuhälterei ist z. B. so weit gefasst, dass wir nicht in der Lage sind, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu mieten, uns zusammenzuschließen, um einen Arbeitsplatz zu mieten oder zu kaufen, einen Lebenspartner oder ein Familienmitglied zu haben oder ihm zu helfen. Unsere Steuern dürfen wir natürlich trotzdem zahlen.

Wir fordern deshalb eine Überarbeitung der Definition der „unterstützenden Vermittlung“. Eine Reform der Steuern auf Einnahmen durch Pornos und Webcam-Sexarbeit wäre ebenfalls wünschenswert, denn sie sind unverschämt hoch (etwa 65 Prozent des Einkommens).

Unsere Hauptforderung betrifft aber die Abschaffung eines Gesetzes von 2016, das die Bestrafung von Kund*innen vorsieht. Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, werden strafrechtlich verfolgt und können verpflichtet werden, einen zweitägigen Kurs zu besuchen, in dem sie über die Gefahren der Sexarbeit aufgeklärt werden. Straßenprostitution ist sehr erschwert, wenn nicht sogar fast verunmöglich worden, was den Prekärsten unter uns schadet. Aufgrund dieses Gesetzes werden unsere Einkünfte als Geldwäsche betrachtet und Banken und Versicherungen weigern sich, uns als Kund*innen anzunehmen.

Es ist sehr schwierig, uns in Frankreich Gehör zu verschaffen. Zum einen, weil die Verbände, die sich für die Abschaffung der Prostitution einsetzen, von der französischen Regierung stark unterstützt werden: Sie erhalten Subventionen in Höhe von mehreren Millionen, Verbände wie STRASS, die Gewerkschaft der Sexarbeiterinnen, die 2009 gegründet wurde, haben hingegen größte Schwierigkeiten, Geld aufzutreiben. Tatsächlich werden die Gesetze sogar weiter verschärft und wirken sich immer stärker auf die prekärsten Sexarbeiter*innen aus.

Diese Gesetze erlauben es uns nicht mehr, unter menschenwürdigen Bedingungen zu arbeiten. Wir müssen unsere Einkommensquellen verschleiern, indem wir vorgeben, andere Jobs auszuüben, und uns vor unserer Nachbarschaft, unseren Freund*innen, unserer Familie und unseren Kindern verstecken. Aber noch schlimmer ist, dass es immer mehr Angriffe und Todesfälle gibt. Die Kund*innen werden weniger, und wir nehmen deshalb Leute an, die wir früher abgelehnt hätten.

Seitdem haben sich mehrere Organisationen gebildet, darunter der rote Dachverband, der alle regionalen selbstverwalteten Gruppen (ACCEP­TESS-T, Bus des femmes, Roses d’acier), die für die Anerkennung von Sexarbeit kämpfen, zusammenfasst. Seit 2015 bin ich Mitglied von STRASS. Wir sind sehr aktiv, um unseren Forderungen Gehör zu verschaffen, und setzen dabei auf verschiedene Strategien: Wir machen Lobbyarbeit bei politischen und administrativen Institutionen, organisieren Demonstrationen und Treffen zwischen Sexarbeiter*innen und leisten unterschiedliche Formen der Unterstützung für Kolleg*innen. Außerdem haben wir eine Partnerschaft mit einer Gesundheitsinitiative, um den Zugang zu medizinischer Versorgung für Sexarbeiter*innen zu erleichtern.

Vor allem aber bemühen wir uns, die Wahrnehmung von Sexarbeit zu verändern, durch Kulturproduktionen oder die Kooperation mit Künstler*innen. Das von uns initiierte Festival Sex Workers Narratives Arts and Politics (SNAP) ist ein gutes Beispiel für diese Arbeit. Wir melden uns auch regelmäßig in den Medien zu Wort, um so vielen Menschen wie möglich unsere Realität nahezubringen.

Immer mehr Stimmen melden sich zu Wort, um ihre Geschichten zu erzählen, Solidaritätsinitiativen versuchen, die gesellschaftlichen Ausfälle zu kompensieren, und das ist eine sehr gute Sache. Dennoch wird die französische Politik immer konservativer und autoritärer. •

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Kein Widerspruch https://ansch.4lima.de/kein-widerspruch/ https://ansch.4lima.de/kein-widerspruch/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:34:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=55431 Die Organisation LEFÖ kämpft für die Rechte von Sexarbeiter*innen – und gegen Menschenhandel und Ausbeutung. ­Betania Bardeleben hat mit Isabella Chen über ihren ­Arbeitsalltag und politische Strategien gesprochen. an.schläge: LEFÖ betreibt eine Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel (IBF). Worauf fokussiert das Angebot? Isabella Chen: Die Interventionsstelle begleitet und unterstützt Betroffene des Frauenhandels in ganz Österreich. […]]]>

Die Organisation LEFÖ kämpft für die Rechte von Sexarbeiter*innen – und gegen Menschenhandel und Ausbeutung. ­Betania Bardeleben hat mit Isabella Chen über ihren ­Arbeitsalltag und politische Strategien gesprochen.

an.schläge: LEFÖ betreibt eine Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel (IBF). Worauf fokussiert das Angebot?

Isabella Chen: Die Interventionsstelle begleitet und unterstützt Betroffene des Frauenhandels in ganz Österreich. Unser umfassendes Angebot inkludiert neben geheimen Schutzwohnungen die psychosoziale und juristische Prozessbegleitung. Das heißt, wir begleiten vor, während und nach einem Verfahren die Betroffene, koordinieren das mit RechtsanwältIinnen, Staatsanwaltschaft, Polizei und schauen dann wirklich bei jedem Schritt auf die spezifischen Opferrechte im Verfahren. Und dann bieten wir noch Beratungen an. Es sind ja oftmals Migrantinnen, die von uns betreut werden. Je nachdem, ob sie in Österreich bleiben möchten oder nicht, unterstützen wir mit entsprechenden Beratungen zu Aufenthalt und Zugang zum Arbeitsmarkt oder sicherer Rückkehr durch Gefahrenanalyse. Zusätzlich führen wir Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen durch, beispielsweise für die Polizei.

Arbeitsausbeutung hat viele Gesichter. Wo verlaufen die Trennlinien zwischen Ausbeutung und Menschenhandel?

Grundsätzlich sprechen wir international von Menschenhandel, wenn drei Elemente vorhanden sind: die notwendigen Handlungen, die Mittel und der Zweck. Handlungen können der Transport oder die Aufnahme von Personen sein. Dann braucht es die Mittel, das können sowohl psychischer Druck oder physische Gewalt, aber auch das Ausnutzen einer vulnerablen Situation sein. Das heißt, dass die Täter*innen den Frauen z. B. sagen, dass sie sich eh an niemanden wenden könnten, weil sie abgeschoben werden oder ihnen niemand glauben würde. Und dann braucht es das dritte Element: den Zweck, die Ausbeutung. Wenn alle drei Elemente vorhanden sind, sprechen wir von Menschenhandel. Das ist die Trennlinie zwischen Menschenhandel, bei dem es sich klar um eine Menschenrechtsverletzung handelt, und Ausbeutung, die sich oftmals in einem arbeitsrechtlichen Kontext abspielt, bei der es aber keinen Ausbeutungsvorsatz, keine Tathandlungen des Paragraf 104a StGB und kein unlauteres Mittel gibt.

Wie offensichtlich ist eine solche Zwangslage bzw. wie lässt sich Ausbeutung erkennen? Wie erreicht LEFÖ eine so marginalisierte Gruppe?

Als Organisation haben wir bereits seit den 1980ern starke Impulse dafür gesetzt, dass das Thema Frauenhandel in Österreich überhaupt aufgegriffen wird. Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt, also sehr schwer zu erkennen. Das heißt, es braucht einerseits sehr viel an gezielter Schulung und gleichzeitig ist es ganz wichtig, dass wir direkt mit den Betroffenen kommunizieren. Wenn man sich die Statistik anschaut, ist weiterhin die Polizei die Gruppe, die uns bei Verdachtsfällen am häufigsten kontaktiert hat, dicht gefolgt von den NGOs. Im letzten Jahr war interessanterweise die Zahl der Frauen, die sich selbst bei uns gemeldet haben, höher und erst dann kamen die staatlichen Institutionen. Das bedeutet, dass wir sicherstellen müssen, dass Menschen über ihre Rechte Bescheid wissen. Oftmals haben wir es mit Frauen zu tun, denen nicht bewusst ist, dass sie gerade eine massive Menschenrechtsverletzung erleben. Der Missbrauch von Unwissenheit ist Teil des Ausnutzens einer vulnerablen Situation.

Viele machen immer noch keinen Unterschied zwischen Sexarbeit und Menschenhandel, was dazu führt, dass Sexarbeiter*innen ein zusätzliches Stigma erfahren. Weshalb ist es so wichtig, Sexarbeit und Menschenhandel in die Prostitution zu trennen?

Die Bekämpfung des Frauenhandels ist ein solidarischer Kampf für die Rechte von Sexarbeiter*innen. Das ist eine LEFÖ-Position, die von Beginn an gelebt wurde. In der Bekämpfung von Frauenhandel, aus der Perspektive als Opferschutzeinrichtung, gibt es keine neutrale Position zu Sexarbeit, sondern es braucht eine klare Positionierung, um nicht instrumentalisiert zu werden. Wenn man sagt, dass alle Sexarbeiter*innen ausgebeutet werden, verhindert man, die wirklich von Frauenhandel betroffenen Personen zu erkennen. Uns geht es aber auch darum, dass Sexarbeiter*innen die Expertise besitzen, Betroffene zu erkennen. Eine Entstigmatisierung erleichtert es Betroffenen auch, zu uns zu kommen. Bei Sexarbeit kommt diese Doppelmoral hinzu. In der Erntearbeit, bei haushaltsnahen Tätigkeiten, in der Pflege – wir haben in Österreich so viele verschiedene Formen der Ausbeutung. Aber abgesehen von der sexuellen Ausbeutung gibt es in keinem anderen Bereich die Forderung, dass man den gesamten Arbeitssektor kriminalisieren soll, um Menschenhandel zu bekämpfen. Oft wird das Thema Menschenhandel benutzt, um Maßnahmen gegen Migration zu setzen. Für uns ist es aus einer menschenrechtlichen und opferrechtlichen Perspektive wichtig, dass Sexarbeit als Arbeit gesehen wird, weil dann in einem straf- oder zivilrechtlichen Verfahren auch Entschädigungen eingeklagt werden können. Wir als Opferschutzeinrichtung werden uns nicht instrumentalisieren lassen, um Stimmung gegen Sexarbeiter*innen zu machen. LEFÖ ist die einzige anerkannte Opferschutzeinrichtung, die Betroffene des Frauenhandels unterstützt und das mit der Beratungsstelle TAMPEP verbindet, die Sexarbeiter*innen unterstützt. Und das ist per se schon ein Statement, dass diese beiden Ansätze kein Widerspruch sind. Im Gegenteil, wir beziehen klar Position und sagen: „Sexarbeit ist Arbeit“, es braucht eine Entstigmatisierung und eine Stärkung ihrer Rechte. Gleichzeitig gibt es Frauen, die in Österreich ausgebeutet werden, und sie haben das Recht auf bedingungslose Unterstützung. 

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Eine Wirtschaft für die Menschen und den Planeten https://ansch.4lima.de/eine-wirtschaft-fuer-die-menschen-und-den-planeten/ https://ansch.4lima.de/eine-wirtschaft-fuer-die-menschen-und-den-planeten/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:10:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=55426 Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit sind kein­ Widerspruch, ist Veronika Winter überzeugt. Im Gegenteil: Die Klimakrise lässt sich nur sozial gerecht lösen. Mia Mottley, die Schwarze Premierministerin von Barbados, spricht mit erhobenem Zeigefinger. Sie adressiert die Staats- und Regierungschefs, die sich zur 26. Klimakonferenz in Glasgow eingefunden haben. Das Scheitern der Industrienationen bei der Klimafinanzierung sei laut […]]]>

Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit sind kein­ Widerspruch, ist Veronika Winter überzeugt. Im Gegenteil: Die Klimakrise lässt sich nur sozial gerecht lösen.

Mia Mottley, die Schwarze Premierministerin von Barbados, spricht mit erhobenem Zeigefinger. Sie adressiert die Staats- und Regierungschefs, die sich zur 26. Klimakonferenz in Glasgow eingefunden haben. Das Scheitern der Industrienationen bei der Klimafinanzierung sei laut Mottley „unmoralisch und ungerecht“ und ließe sich auch in Todeszahlen messen. Denn wenn es kein Geld der reichen Länder gibt, leiden die vulnerabelsten Gruppen sofort darunter. Dazu zählen auch die Menschen auf Barbados, einem kleinen karibischen Inselstaat. In Ländern wie Österreich wird Klimaschutz hingegen noch immer als „nice-to-have“ diskutiert und nicht wie eine systemische, existenzielle Krise behandelt. Maßnahmen werden als nicht umsetzbar oder auch als sozial ungerecht kritisiert. Radikaler Klimaschutz ist aber kein Schreckgespenst, das unsere Lebensqualität bedroht, sondern – wenn klug gestaltet – die einzige Chance auf eine gerechtere Zukunft. Mia Mottley und andere MAPA (Most Affected People and Countries) wissen, was auf dem Spiel steht. Ihre Vision einer sozial und ökologisch gerechten Gesellschaft treibt sie an. Sie wissen, eine klimagerechte Welt ist möglich. Ideen und Konzepte gibt es zur Genüge.

Klimagerechter Wiederaufbau. Die Ausbeutung von Menschen und Natur muss einer Wirtschaftsweise weichen, die ökologische Grenzen einhält und gleichzeitig das soziale Fundament stärkt. Bis jetzt passiert das in keinem Land der Welt, was zur Folge hat, dass der Wohlstand der einen weiterhin auf der Ausbeutung der anderen basiert. Eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Wirtschaftspolitik muss deshalb den kapitalistischen Wachstumszwang ersetzen. Statt wirtschaftlichen Erfolg mittels Bruttoinlandsprodukt zu messen und dabei unterschiedslos jede wirtschaftliche Aktivität, so z. B. auch die Produktion von Waffen, positiv einzuberechnen, braucht es soziale und ökologische Zielwerte und Kennzahlen. Modelle wie die Donut-Ökonomie zeigen Auswege. In Amsterdam ist der wirtschaftliche Wiederaufbau an diesem Konzept von Kate Raworth orientiert und soll nach der Pandemie so gestaltet werden, dass soziale Grundlagen wie Bildung, Wohnraum oder Gleichberechtigung gestärkt und gleichzeitig ökologische Grenzen eingehalten werden. Mithilfe messbarer Kennzahlen und eines genauen Monitorings, das etwa die Zahl von Obdachlosen erhebt oder die Fläche an intakter Natur, soll quantifiziert werden, wie nachhaltig sich Amsterdams Wirtschaft entwickelt. Nicht nachhaltigem Wachstum soll damit Einhalt geboten werden.

Es gibt keinen fertigen Detailplan zur sozial-ökologischen Transformation des globalen Wirtschaftssystems. Aber ausreichend erforschte Modelle, um morgen damit anzufangen. Eine Kombination aus CO2-Zöllen, der Abschaffung fossiler Subventionen und der Besteuerung von Emissionen, die Regulierung des Freihandels und andere sinnvolle Einschränkungen können Bestandteil eines Green Deals sein. Damit einher muss auch die Umverteilung von Vermögen gehen. Denn die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen mehr als die Hälfte der globalen Emissionen. Auch fossile Öl- und Fleischkonzerne müssen in die Pflicht genommen werden. Ohne eine massive Besteuerung von Vermögen und Profiten wird es nicht gehen. Mit den Einnahmen könnten wiederum milliardenschwere Infrastrukturpakete geschnürt und in die Schaffung von Green Jobs und öffentlicher Infrastruktur investiert werden. Die Corona-Pandemie hätte dazu das beste Window of Opportunity seit Langem geboten. Aber statt konsequent in einen klimagerechten Wiederaufbau zu investieren, floss nur ein Bruchteil der milliardenschweren Hilfspakete in ökologische Wirtschaftszweige. Auch Joe Bidens groß angekündigtes Infrastrukturprojekt wurde in letzter Minute herunterverhandelt. Fossile Lobbys in den Parlamenten, Parteien und Interessenvertretungen verwässern klimagerechte Gesetze, auch wenn sie damit dem mehrheitlichen Wunsch der Bevölkerung nach Veränderung entgegenstehen.

Politische Partizipation. Für echte Veränderung braucht es daher eine neue Art der Politik. Die Gestaltung unserer Zukunft darf nicht jenen überlassen werden, die kurzfristige Interessen verfolgen, statt das Allgemeinwohl im Blick zu haben. Mit der politischen Beteiligung aller Menschen kann Klimaschutz nach den Bedürfnissen jener gestaltet werden, die bisher leer ausgingen. Partizipationsmöglichkeiten bieten Demos, Streiks, Gewerkschaften, Bürger*innenräte oder andere Vertretungen. Politische Bildung oder eine interdisziplinär ausgerichtete Klimabildung können zur Selbstermächtigung beitragen. Denn die Klimakrise können wir nicht als Konsumentinnen lösen, sondern wir müssen ihr als kritische Bürgerinnen begegnen.

Die Verkürzung der Arbeitszeit auf eine Vier-Tage-Woche für alle würde sowohl die Gleichstellung der Geschlechter vorantreiben wie auch den Ressourcenverbrauch mindern, außerdem bliebe mehr Zeit für wertvolles gesellschaftliches Engagement. Denn die Klimakrise ist auch eine Krise der Demokratie. Jene, die am wenigsten Mitspracherecht besitzen, werden vermehrt unter Klimafolgen leiden. Jene, die aufgrund rassistischer oder sexistischer Strukturen ohnehin vulnerabler sind, erfahren durch die Klimakrise zusätzliches Leid, werden aber von den Verhandlungen ausgeschlossen. Bei Naturkatastrophen sterben Frauen oder Menschen mit Behinderung häufiger, weil ihnen weniger Zugang zu Bildung über Katastrophenschutz zuteilwird oder Rettungskräfte sie später erreichen als privilegierte Gruppen. Sei es beim Schutz der wertvollen Ökosysteme durch Indigene oder in internationalen Verhandlungen wie in Glasgow: Bei der Gestaltung von Klimaschutz braucht es vor allem die Stimmen von jenen, die schon heute am häufigsten unter den Folgen leiden.

Platz für Menschen statt für ­Autos. Mit der Transformation unserer Wirtschaft und Politik müssen tiefgreifende Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen einhergehen. Mobilität und Raumplanung zählen neben der Energiewende oder dem Umbau der Landwirtschaft zu den größten Hebeln, die wir haben. Laut VCÖ verzeichnet Österreich im Verkehr den in der EU zweithöchsten CO2-Ausstoß pro Kopf. Trotzdem werden fossiler Treibstoff subventioniert und Autobahnen ausgebaut, als ob es kein Morgen gäbe. Die geplante Lobau-Autobahn in Wien steht für ein veraltetes Mobilitätskonzept, das Autos in den Mittelpunkt der Raumplanung rückt und unsozial ist. Zwei Drittel des öffentlichen Raums in Wien gehören den Autos, obwohl nur ein Drittel der Menschen in Wien ein Auto besitzt. Gerade Menschen mit niedrigen Einkommen würden von dem Rückbau von Autoinfrastruktur profitieren. Der freiwerdende Lebensraum kann direkt den Menschen zugutekommen und Platz für kon­sumfreie Zonen, Grünflächen und Orte des Austauschs schaffen. Dass die Gestaltung des öffentlichen Raums viel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wurde auch während des Lockdowns spürbar und wird in den nächsten Jahren durch steigende Temperaturen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Konkrete Utopien der Raumgestaltung in Städten wie Amsterdam, Paris und Barcelona zeigen vor, wie es gehen kann. In Paris sollen 60.000 Parkplätze verschwinden, Barcelona drängt durch große Superblocks Autos an die Peripherie und Amsterdam schafft eine so gute Fahrradinfrastruktur, dass Radeln – egal ob für Firmenchef*innen, Büroangestellte oder Schüler*innen – zur attraktivsten Möglichkeit wurde, um von A nach B zu kommen. Derartige Konzepte scheinen radikal zu klingen, aber wenn Fußgeher*innen, Radfahrer*innen und dem öffentlichen Verkehr erst einmal Priorität eingeräumt werden, scheint eine autozentrierte Vergangenheit nur noch ungerecht.

Ein Versagen bei der benötigten Transformation wird jene am stärksten treffen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Die Verbindung aus Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit ist kein Widerspruch, sondern die einzige Möglichkeit, um die Ursachen der ökologischen Zerstörung an der Wurzel zu packen. Die globale Klimabewegung hat der Krise ungekannte Aufmerksamkeit verschafft. Gerade reiche Länder wie Österreich haben dafür alles, was es braucht. Der globale Norden ist es der eigenen Bevölkerung ein entschlossenes Handeln schuldig. Wie auch jenen Ländern, die bei Klimakonferenzen buchstäblich um ihr Überleben kämpfen.

Veronika Winter ist Aktivistin bei Fridays For Future.

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Pflegenotstand in der Schweiz https://ansch.4lima.de/pflegenotstand-in-der-schweiz/ https://ansch.4lima.de/pflegenotstand-in-der-schweiz/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:03:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=55421 Jede dritte Person verlässt den Beruf, fast 12.000 Stellen sind derzeit unbesetzt – der Missstand in der Pflege ist nicht erst seit Corona Realität. Ende November wird endlich über die Pflegeinitiative abgestimmt, die bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen verspricht, dabei aber recht unkonkret bleibt. Was bräuchte es zur Beseitigung des Pflegenotstands? Lea Dora Illmer fragt bei […]]]>

Jede dritte Person verlässt den Beruf, fast 12.000 Stellen sind derzeit unbesetzt – der Missstand in der Pflege ist nicht erst seit Corona Realität. Ende November wird endlich über die Pflegeinitiative abgestimmt, die bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen verspricht, dabei aber recht unkonkret bleibt. Was bräuchte es zur Beseitigung des Pflegenotstands? Lea Dora Illmer fragt bei Aro Dedde, einer jungen Pflegefachperson eines Schweizer Krankenhauses, nach.

Die Neuansteckungen und Krankenhauseintritte steigen auch in der Schweiz wieder an, wir sind mitten in der vierten Welle. Wie geht es dir zurzeit?

Mir geht es zurzeit okay. Aber es geht nicht allen so. Ich habe das Glück, ein großartiges Team zu haben und auf einer Station zu arbeiten, auf der wir nur indirekt von der vierten Welle betroffen sind. Wir merken aber alle, dass wir aufgrund der an uns gestellten Erwartungen vonseiten der Arbeitgebenden, der Patient*innen und der Gesellschaft erschöpft sind.

Was sind die dringlichsten Probleme in der Pflege?

Wir Pflegefachkräfte sind konstant unter Druck. Wir müssen effizienter sein, mehr Patient*innen übernehmen, flexibler sein, mehr Verantwortung übernehmen und gleichzeitig die Qualität unserer Pflege gewährleisten und für die Patient*innen da sein. Das alles mit weniger Zeit, weniger Geld und auch weniger Motivation. Schlussendlich stehen wir vor den Patient*innen und müssen ihnen erklären, dass wir nur 15 Minuten haben, um sie bei der Körperpflege zu unterstützen, oder dass wir leider keine Zeit haben, um sie zu trösten, weil wir im Zimmer nebenan dringend gebraucht werden. Psychisch ist das sehr schwierig. Dazu kommt der Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst, der körperlich sehr anstrengend sein kann und unser Privatleben stark beeinflusst. Für viele von uns ist es fast unmöglich, sich während der Freizeit psychisch und körperlich zu erholen.

Was wünschst du dir als Pflegefachperson über die ­Pflege­initiative hinaus?

Ich wünsche mir Anerkennung. Finanziell, weil unsere Arbeit unterbezahlt wird. Mir ist es aber auch ein Anliegen, dass diejenigen Menschen, die Entscheidungsmacht haben, Pflegefachpersonen nach ihrer Meinung und ihren Bedürfnissen fragen und sie einbeziehen, wenn es um unser Gesundheitssystem geht. Ich wünsche mir mehr Unterstützung und Solidarität von der Gesellschaft. Pflegefachpersonen unterstützen Menschen, die in vulnerablen Situationen sind und Hilfe brauchen, wir sind immer da. Lasst uns nicht im Stich, wenn wir Unterstützung brauchen. •

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Zum Abschied https://ansch.4lima.de/zum-abschied/ https://ansch.4lima.de/zum-abschied/#comments Fri, 03 Dec 2021 14:38:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=55416 Es waren enge, vollgeräumte und verrauchte Räume. In abgesessenen Couchsesseln saßen kettenrauchende Feministinnen, die stundenlang diskutierten und mit wahn­witzig wenig Ressourcen häufig bis in die Nacht ein richtig gutes Magazin produzierten. Ich war 18 Jahre jung, die Tutorin im Gender-Seminar hatte mir ein an.schläge-Praktikum vermittelt und es fühlte sich an wie ein Lotto­gewinn. Jedes Mal. […]]]>

Es waren enge, vollgeräumte und verrauchte Räume. In abgesessenen Couchsesseln saßen kettenrauchende Feministinnen, die stundenlang diskutierten und mit wahn­witzig wenig Ressourcen häufig bis in die Nacht ein richtig gutes Magazin produzierten. Ich war 18 Jahre jung, die Tutorin im Gender-Seminar hatte mir ein an.schläge-Praktikum vermittelt und es fühlte sich an wie ein Lotto­gewinn. Jedes Mal. Das erste Heft mit einer von mir selbst verfassten Kurzmeldung. Das erste Heft mit meinem Artikel. Das erste Heft als Redakteurin. Das erste Heft als koordinierende Redakteurin. Das erste Heft als Obfrau. 24 Jahre später soll es nun mein letztes Heft sein.

Die an.schläge waren als monatlich erscheinendes feministisches Magazin immer schon einzigartig im deutschsprachigen Raum. Aber für mich ist vor allem besonders, dass wir den Anspruch auf thematische Breite haben. Viele (prekär finanzierte) Medienprojekte fokussieren auf eine Zielgruppe, auf ein Themenspektrum. Wir wollten immer alles abdecken – ein feministisches Nachrichtenmagazin sein, das dem ­Medien-Malestream eine durch und durch feministische Perspektive entgegenstellt.

Vor zwanzig Jahren war mit dem Untertitel „feministisches Magazin“ alles gesagt. Es war – jenen, die wir ansprechen wollten – klar, wofür wir stehen. Unsere Leser*innen waren schon damals die besten und kritischsten auf dem Planeten. Es gab Abo-Kündigungen, weil wir zu viel über ein spezielles Thema schrieben oder weil wir zu wenig darüber machten. Den einen waren wir viel zu radikal, den anderen viel zu wenig. Es war damals schon ein Balanceakt, allen Ansprüchen gerecht zu werden.

Aber im Vergleich zu heute war es ein Kinderspiel. Die Selbstbeschreibung als „feministisch“ reicht bloß noch zur Abgrenzung vom konservativen Mainstream-Journalismus. Aber innerhalb der feministischen, linken, kritischen Szene sind mittlerweile unzählige Identitäten, Marginalisierungen und multidimensionale Perspektiven mitzudenken. Das ist gut so! Wir wollen im Sinne eines intersektionalen Feminismus all das sichtbar machen und diskutieren. Was nach außen nicht sichtbar ist, sind die Anstrengungen, die das an.schläge-Team dafür auf sich nimmt: Bei jeder Themenentscheidung, bei jeder Autor*in-Auswahl wird versucht, jede Perspektive mitzudenken – in teilweise stundenlangen Diskussionsprozessen.

Ich habe nun 24 Jahre in einem Medienprojekt verbracht, das aufgrund seines breiten Anspruchs versucht, Augen und Ohren in allen feministischen Diskursen zu haben. Das war schon immer ein Kraftakt. Im Vergleich zu den 1990er-Jahren braucht es heute dafür aber eine Ausdauer und einen Einsatz, die mir manchmal übermenschlich erscheinen. Wir haben die besten Leser*innen, aber auch die besten Mitarbeiter*innen.

Die wachsende Leser*innenschaft, die Aufmerksamkeit im Kontext der sich immer stärker ausdifferenzierenden Perspektiven und nicht zuletzt Social Media haben den Arbeits- und Kommunikationsaufwand in der an.schläge-­Redaktion in den vergangenen Jahren explodieren lassen. Die Ressourcen sind nicht annähernd mitgewachsen. Deshalb gibt uns jedes Abo etwas mehr Luft, damit der Kraftakt noch etwas länger durchzuhalten ist.

Ich schreibe und denke immer noch „wir“. Obwohl das mein letzter Text als Redakteurin ist. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Ich hab meine gesamte Zeit als erwachsene Frau als Teil von an.schläge verbracht, habe viele Jahre mehr Zeit in der Redaktion verbracht als an jedem anderen Wohnsitz. Es bleibt ganz viel an.schläge in mir und hoffentlich auch etwas von mir in an.schläge. Jetzt ist es Zeit, mein liebstes Lebensprojekt zu übergeben, in vollstem Vertrauen, mit Liebe und Dankbarkeit. Save the world with feminism! •

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Feminist Superheroines: Irma Schwager https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-guadalupe-vazquez-luna-2/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-guadalupe-vazquez-luna-2/#respond Fri, 03 Dec 2021 14:25:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=55409 Irma Schwager war eine antifaschistische Widerstandskämpferin und Feministin. Geboren am 31. Mai 1920 als Irma Wieselberg, war sie als Tochter politisch engagierter JüdInnen zu Zeiten des Autrofaschismus bereits früh in sozialistisch-zionistischen Jugendorganisationen aktiv. Nach dem österreichischen „Anschluss“ emigrierte sie nach Belgien, wo sie Kontakte zu kommunistischen Organisationen knüpfte und schließlich nach Frankreich floh. Dort schloss […]]]>

Irma Schwager war eine antifaschistische Widerstandskämpferin und Feministin. Geboren am 31. Mai 1920 als Irma Wieselberg, war sie als Tochter politisch engagierter JüdInnen zu Zeiten des Autrofaschismus bereits früh in sozialistisch-zionistischen Jugendorganisationen aktiv. Nach dem österreichischen „Anschluss“ emigrierte sie nach Belgien, wo sie Kontakte zu kommunistischen Organisationen knüpfte und schließlich nach Frankreich floh. Dort schloss sie sich – nach vorheriger Internierung und Flucht – der Résistance an. Unter falschem Namen war sie in der „Mädelarbeit“ aktiv, um deutsche Soldaten von der Ausweglosigkeit des Krieges zu überzeugen. 1945 kehrte Schwager nach Wien zurück, engagierte sich in kommunistischen Frauenorganisationen und wurde Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Als Vorsitzende im „Bund Demokratischer Frauen“ war sie maßgeblich am Kampf für die Reform des Scheidungsrechts und für Abtreibungsrechte beteiligt. 2015 verstarb sie in Wien. beba

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Die Geister, die ich rief https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/ https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/#respond Wed, 13 Oct 2021 14:07:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=51329 Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer […]]]>

Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux

Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer sich kurz nach einer – kurzen – Beziehung wieder in die hetero Tinder/Bumble/OkCupid-Welt haut, stellt schnell fest: Die Leute, mit denen man vor sechs Monaten geschrieben hat, sind noch da. Die, mit denen man vor sechs Jahren geschrieben hat, sind auch noch immer oder wieder da. Man selbst ja auch. Damn. Es ist für mono­game Menschen wie ein Memory-Spiel, bei dem sich keine Paare finden lassen. Ich bin also ein einzelnes Stück Karton. Dating-Stories werden zu Geistergeschichten, denn das plötzliche, Ghosting genannte, Verschwinden aus Konversationen ist an der Tagesordnung. Was man sich dabei nicht eingesteht: Man wird selbst langsam zum Geist – oder zum Monster. Denn wenn mal eine Woche ohne Date vergeht, fühlt man sich schon schlecht und lechzt nach Bestätigung.

Dabei gibt es so viel Auswahl, auch im App-Game. Dank Bumble können jetzt auch Heteromänner feministischer daten, dort kann nur die Frau den ersten Kontakt starten. Doch hat man(n) natürlich nebenher auch Tinder und der Klick von der einen in die andere App macht nicht feministischer – maximal schreibfauler. Auf Tinder bouldern alle, steigen auf Berge, lieben Pizza und stehen auf #goodvibesonly und 420 (Kiffercode, Anm.). Austauschbar, wie wir alle in diesem Spiel. In der Corona-Zeit gingen alle spazieren. Was an eine Folge „Bridgerton“ erinnerte, hatte den Nachteil, dass dir auf jedem Date im Park das Date von voriger Woche begegnete, mit dem es nicht klappen wollte – er ebenfalls mit einem neuen Date im Schlepptau. Eigentlich könnte man es kurz machen und jede halbe Stunde tauschen. Langsam bin ich ein zerfleddertes Stück Karton, aber jetzt in Bars. Vielleicht. Denn wenn sich ein Typ nach einer Woche Ghosting wieder meldet und dich auf ein – bereits gebuchtes – Hotelzimmer fürs erste Date einlädt, kannst du sicher sein, dass eine andere abgesprungen ist. Wenn du Nein zum Hotel sagst und stattdessen eine Bar vorschlägst, kannst du dir sicher sein, dass er wieder verschwindet und es bei der nächsten versucht. Er spielt ja auch nur Memory.

Vanessa Spanbauer will Dating eigentlich hinter sich lassen und den einen coolen Typen finden – bis dahin verschwendet sie ihre Zeit.

Queeres Onlinedating hat allerlei Tücken. Es beginnt schon bei der ­Frage: Welche App?! Ich habe mich vor Jahren für OkCupid und Tinder entschieden, da die beiden Apps in meinem Wohnort einen relativ großen Nutzer*innenpool hatten und ich die Hoffnung, dort mehr als nur die zehn immer selben Queers zu treffen. OkCupid hat sich schnell als sehr geeignet herausgestellt, um Queers zu treffen, die auch politisch mit mir auf einer Wellenlänge sind. Das einzige Problem dabei: Die Szene in meiner Stadt ist nicht so groß. Die Wahrscheinlichkeit, dieselben Personen zu matchen, die ich auch in Plena, auf Demos und in Seminaren sehe, dafür umso mehr. Das kann zwar auch ganz nett sein, aber manchmal will ich dann doch neue Gesichter sehen und ohne eine Geschichte à la „Wer aus meinem Umkreis hat schon wen ge­datet“ im Hinterkopf in eine Begegnung gehen. Bleibt also noch Tinder. Eigentlich eine ganz furchtbare App. Es ist schwierig einzuschätzen, durch wie viele Dirndlfotos, Unicorn-hunting Heteropaare, perfekt inszenierte Yogafotos am Strand bei Sonnenuntergang, „heteroflexible“ Frauen, die gerne „mal eine neue spannende Erfahrung“ machen möchten, und pathetische Kalendersprüche als Profilbeschreibung ich im Durchschnitt swipen muss, um dann eine tatsächlich queere und eventuell auch ganz cool klingende Person zu finden. Wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintritt, gilt eine goldene Regel: unbedingt zuerst schreiben! Wer darauf wartet, dass die andere Person den ersten Schritt macht, bleibt garantiert allein. Das funktioniert vielleicht im Hetero­dating und auf Grindr, nicht aber unter lauter Grenzen respektierenden FLINTA*-Personen, die eigentlich keine Zeit zum Daten haben, weil sie zu beschäftigt damit sind, das kapitalistische Heteropatriarchat zu stürzen. Spannenderweise habe ich aber dennoch vor allem auf Tinder liebe Menschen kennengelernt, die zu wichtigen Freund*innen und Gspusis in meinem Leben geworden sind. Selbst hier gibt es sie also, die Widersprüchlichkeit.

Sophia Foux hätte gerne eine exklusive Dating-App für queere FLINTA*-Personen, die nicht ohnehin im eigenen Umfeld sind.

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„Ich habe mich totgestellt“ https://ansch.4lima.de/ich-habe-mich-totgestellt/ https://ansch.4lima.de/ich-habe-mich-totgestellt/#respond Wed, 13 Oct 2021 14:03:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=51325 Das Wiener Duo Bosna überzeugt auf seiner Debüt-EP „You Know Too Much“ mit rauen und zugleich melodischen Stücken. Alicia Emil Huppenkothen hat mit Pete Prison IV über das Herausfordern von Hörgewohnheiten, toxische Männlichkeit und rassistische Projektionen gesprochen. an.schläge: Ursprünglich startete Bosna als ein akustisches Noise-Soloprojekt von dir, seit 2019 bilden du als Gitarrist*in und Sänger*in […]]]>

Das Wiener Duo Bosna überzeugt auf seiner Debüt-EP „You Know Too Much“ mit rauen und zugleich melodischen Stücken. Alicia Emil Huppenkothen hat mit Pete Prison IV über das Herausfordern von Hörgewohnheiten, toxische Männlichkeit und rassistische Projektionen gesprochen.

an.schläge: Ursprünglich startete Bosna als ein akustisches Noise-Soloprojekt von dir, seit 2019 bilden du als Gitarrist*in und Sänger*in gemeinsam mit Sticky Lenz an den Drums und Vocals ein Duo. Im Juni habt ihr den Release eurer Debüt-EP „You Know Too Much“ im Fluc gefeiert. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Pete Prison IV: Es ist weniger eine direkte Anklage als ein sarkastischer Spruch. Ich adressiere ihn an Menschen, die alles besser zu wissen glauben, und wollte auf zynische Weise ausdrücken, dass sie mit ihrer Klugscheißerei einpacken können. Vor allem: Wer hat Zugang zu Bildung und Wissen? Wer nimmt sich die Räume, um dieses Wissen wieder und wieder zu reproduzieren?

Ihr selbst beschreibt euren Sound als „hypnotische Loops und verdunkelte, dichte Gitarrenscapes, kombiniert mit melancholischen Vocals“. Im Opener der EP, „Miasma“, singst du: „We all end up rolling in mud like cold, cold turkey.“ Das klingt recht geheimnisvoll.

Der Begriff „Miasma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa „schlechter Hauch“ oder „schlechte Luft“. Das Lied basiert auf meinen eigenen Krankheitserfahrungen und thematisiert auch den kalten Entzug von Medikamenten, einen „Cold Turkey“, wie man ihn aus dem Drogenmillieu kennt. Es geht aber auch um den Entzug von sozialer Nähe. In dieser Gesellschaft müssen wir immer funktionieren – wenn man aber krank ist, fällt die Funktionalität aus und man wird isoliert. Es kommt schon vor, dass Leute eine*n besuchen, aber irgendwann werden die Besuche immer weniger und es bleibt nur der Kampf mit sich selber und der Krankheit.

Ein anderes Stück, „Tanzverbot“, spielt mit Rhythmen und vereint Jazziges mit noisigen Arrangements. Auf Textebene werden Themen wie toxische Männlichkeit aufgemacht, an einer Stelle heißt es: „My male friends, they never stand up for me, they rather do some male bonding behind doors secretly.“

Hier wird vieles verarbeitet, das sehr persönlich ist. Die Liedzeile beruht auf mehreren Erfahrungen, die ich mit weißen cis Freunden hatte, die mich in bestimmten Situationen im Stich gelassen haben. Das wollte ich in der Musik aufarbeiten. Bei Liveperformances benutze ich für dieses Lied meistens ein Telefon, das zu einem Mikrofon umgebaut worden ist – es ist ein Auskotzen in das Mikrofontelefon ­hinein.

Das Lied wird zuerst im 4/4-Takt gespielt, der jazzige Part in zwei unterschiedlichen 7/8-Takten. Das ist für mich eine Ausdrucksmöglichkeit dafür, dass nicht immer alles straight sein muss. Ich finde, es ist auch sehr dem westlichen Gehör angepasst, dass man immer nur im 4/4-Takt spielt. Wenn man z. B. in diverse afrikanische Musiktraditionen schaut, gibt es ganz viele unterschiedliche Polyrhythmen. Ich wollte mich mehr mit anderen Formen der Rhythmik befassen, damit experimentieren und unsere Hörgewohnheiten herausfordern.

Apropos Hör- und auch Sehgewohnheiten: In „Schijndood“ – zu Deutsch: Scheintod – geht es um das Nicht-Auffallen und Unsichtbarsein. Welche Geschichte gibt es zu diesem Lied?

Bei rassistischen Übergriffen auf mich gab es oft Situationen, in denen ich mich totgestellt, also nicht auf die Gewalt reagiert habe. So wie sich manche Tiere totstellen, wenn sie in Gefahr sind. Das war eine Art Schutzmechanismus, den ich lange Zeit verwendet habe. Irgendwann wollte ich das aber nicht mehr. Oft sind asiatische Personen mit diesen Stereotypen konfrontiert: immer fleißig, still und angepasst, quasi unsichtbar. Damit wollte ich brechen, ich wollte mich aus dieser Schutzhülle herausbegeben.

Rassifizierte Menschen und Körper auf Bühnen werden ja immer mit Bedeutung aufgeladen, sind nie einfach „nur“ Musiker*innen. Wie gehst du mit Projektionen auf dich als asiatische Person um?

Interessanterweise ist mir das mit Bosna noch nicht passiert, sehr wohl aber in meinem alten Bandprojekt Mekongg, wo ich zusammen mit zwei weißen cis Männern gespielt habe. Da sind nach den Konzerten Kommentare über mich gefallen, vor allem weiße Männer haben mit meinen Bandkollegen über mich gesprochen. Mein Umgang damit war aber immer situationsabhängig. Meistens hatte ich keine Lust, mich auf diese Gespräche einzulassen, weil ich sie als sinnlos empfunden habe. Dann habe ich entweder den Raum verlassen oder versucht, diese Situationen zu meiden. Es entstanden dadurch jedoch viele Probleme innerhalb der Band, die letzten Endes zur Trennung geführt haben.

Das heißt, bei Bosna fühlst du dich sicherer?

Ja, definitiv. Es ist wichtig, dass ich mit Personen in einer Band bin, denen ich auch auf politischer und menschlicher Ebene vertrauen kann. Es geht ja nicht nur um die Geschichten, die ich erzähle, sondern auch um eine bestimmte Sichtbarkeit: Wer stellt sich auf die Bühne, wer erzählt da ­welche Storys? Wenn das nicht verstanden wird, funktioniert das Zusammen­arbeiten in der Band nicht.

Welche Orte sind euch für eure Auftritte wichtig? Habt ihr ein bestimmtes Publikum vor Augen?

Ich spiele gern in selbstorganisierten Räumen, letztes Mal waren wir z. B. in Graz im Café Wolf. Das hat einen Charme, man ist dem Publikum sehr nahe. Es ist eine sehr intime Situation, das gefällt mir schon gut. Aber oft kann man sich das Publikum gar nicht aussuchen. Ich finde es immer interessant, wer zu unseren Konzerten kommt. Es ist mir aber auch wichtig, dass wir nicht nur bei queerfeministischen Veranstaltungen auftreten, weil das – da spreche ich nur für mich – nicht der Grund ist, warum ich musiziere, ich spiele nicht nur für eine bestimmte „Szene“. Es ist wichtig, seine eigene Komfortzone, seine Bubble, zu verlassen.

Neben Bosna betreibst du als akustischer Dark-Folk-Liedermacher ­Vereter weiterhin ein Soloprojekt. Was genießt du im Gegensatz dazu an der gemeinsamen Arbeit als Duo?

Ich mag vor allem das Live-Spielen mit Sticky Lenz. Und ich mag diese Energie, die wir miteinander haben. Wir schauen aufeinander, das gefällt mir. Wir sind musikalisch sehr unterschiedlich, aber es funktioniert trotzdem gut. Das ergibt eine spannende Kombination. •
Alicia Emil Huppenkothen ist Sprachkunststudent*in in Wien.

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Orte der Fürsorge https://ansch.4lima.de/orte-der-fuersorge/ https://ansch.4lima.de/orte-der-fuersorge/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:50:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=51315 Rechte und religiöse Fundamentalist*innen sind entsetzt: Die Gender-Ideologie will die Grundlage unserer Gesellschaft zerstören, die Kleinfamilie! Und sie haben ausnahmsweise recht. Von Carolin Wiedemann „Abolish the family“ heißt es in feministischen Schriften vor allem im englischsprachigen Raum immer häufiger: „Schafft die Familie ab“. Junge Theoretiker*innen greifen die Utopien der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder auf, […]]]>

Rechte und religiöse Fundamentalist*innen sind entsetzt: Die Gender-Ideologie will die Grundlage unserer Gesellschaft zerstören, die Kleinfamilie! Und sie haben ausnahmsweise recht. Von Carolin Wiedemann

„Abolish the family“ heißt es in feministischen Schriften vor allem im englischsprachigen Raum immer häufiger: „Schafft die Familie ab“. Junge Theoretiker*innen greifen die Utopien der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder auf, von Autorinnen wie Marge Piercy und Ursula K. Le Guin, die in ihren Science-Fiction-­Romanen anarchistisch-kommunistische Gemeinschaften jenseits der Kleinfamilien entworfen haben. Sophie Lewis ficht mit ihrem Buch „Full Surrogacy Now“, das letztes Jahr im renommierten Verso-Verlag erschien, das Dogma der Abstammung an, das Kleinfamilien zusammenhalte, und setzt ihm „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“ entgegen. Und M. E. O’Briens Werk „To Abolish the Family“ fordert bereits im Titel die Abschaffung der Familie. Das Ziel der radikalen Familienabsage ist dabei vor allem die Kritik an jenen gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich in der Kleinfamilie immer wieder reproduzieren: Die Kleinfamilie institutionalisiert die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat im Nationalstaat.

Erst in der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft etablierte sich jene starre Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit, die Menschen in zwei vermeintlich wesenhaft unterschiedene Gruppen einteilt und eine heterosexuelle Paarbeziehung und Formen der sexistischen Arbeitsteilung als natürlich erscheinen lässt. Seitdem ein jeder Mann sich als Lohnarbeiter verdingen durfte, durfte er auch heiraten, also eine Frau haben. Diese wiederum hatte selbst kaum Rechte, durfte bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht wählen und nichts ihr Eigen nennen, sie war abhängig vom Mann und zur unbezahlten Haushaltsarbeit und Kindererziehung gezwungen (was nicht bedeutete, dass sie nicht auch selbst daneben oft lohnarbeiten musste).

Moderner Bürger. Diese Familienform und die ihr zugrunde liegende heteronormative Struktur einer komplementären Geschlechterbeziehung bestimmte die Grenzziehung zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre sowie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die genauso gegensätzlich und komplementär konstruiert wurden wie das Männliche und das Weibliche. So wurde klar, wie erstens ein Staatsbürger – der neue, moderne Bürger – zu sein hat: ein Subjekt mit vermeintlich männlichen Eigenschaften. Und zweitens wie die Sphäre des Öffentlichen beschaffen sein soll: ein Raum, der für ebenjene Subjekte bestimmt war, die fähig sein sollten, sich selbst zu disziplinieren, rational, also profitorientiert zu regieren und über andere zu verfügen.

Heute können zwar auch Frauen „Karriere“ machen, während sie die Kinderaufsicht an Au-Pairs und die Pflege der Alten an andere ausgebeutete Arbeiter*innen delegieren (wovon wieder über achtzig Prozent Frauen sind). Dennoch steht die patriarchal organisierte Kleinfamilie gesamtgesellschaftlich nach wie vor kaum zur Debatte.

Der vermeintlich moderne Staat fördert sie weiterhin mit steuerlichen Vergünstigungen. Gruppen von Menschen, Wohngemeinschaften oder Freund*innenkreise können in Deutschland beispielsweise kein „Ehegattensplitting“ beanspruchen, das bei der Berechnung der Einkommensteuer das Modell der „Zuverdienerin“ fördert. Und Kündigungsschutz gilt für verheiratete Menschen eher als für jene, die auf dem Papier alleinstehend sind – eine Heirat wird fast überall noch als Basis für die patriarchale Kleinfamilie, für die Produktion künftiger „heimischer“ Arbeitskräfte gewertet. Sie ist die Keimzelle des konkurrenzorientierten Nationalstaats und in ihr setzt sich die binär-hierarchische Ordnung der Menschen fort, genau wie die Zweiteilung des Raums.

Privatisiertes Leid. Das Draußen ist bitter und das Drinnen auch. Jede vierte Frau in Deutschland erlebt häusliche Gewalt. Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge wurden 2017 weltweit rund 87.000 Frauen getötet – deutlich mehr als die Hälfte von ihrem (Ex-)Partner oder von Familienangehörigen. Und die Mehrheit der Frauen macht immer noch unbezahlt alle Hausarbeit, selbst wenn „der Mann kein Ernährer mehr ist“, wie die Forscherinnen Sarah Speck und Cornelia Koppetsch belegen. Schon 1972 schrieb die feministische Autorin Mariarosa Dalla-Costa in ihrem Buch „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“, das Kapital sei „nicht bereit, die Stellung der Hausfrau als Dreh- und Angelpunkt der Kleinfamilie aufzugeben“. Doch Leid in der heterosexuellen, monogamen Kleinfamilie darf kein Thema sein, es ist „privat“, jede*r sucht die Schuld bei sich selbst. So schämt sich die Frau, deren Partner cholerisch ist, sie zum Sex drängt, der nur ihn befriedigt; so schämt sich das Kind, das die Eltern fürchtet, unter der Sprachlosigkeit zwischen den beiden Menschen leidet, die vermeintlich mit ihm verbunden sind. Das strukturelle Problem des Patriarchats wird privatisiert.

Was wäre, wenn alle Kinder in Krippen aufwachsen, von klein auf, fragen Jules Joanne Gleeson und Kate Doyle Griffiths in ihrem Essay „Kinderkommunismus“. Könnten diese Krippen die Basis einer neuen solidarischeren Gesellschaft sein? Auch die Philosophin Bini Adamczak skizziert in „Beziehungsweise Revolution“ ähnliche Ideen. In ihren Visionen könnten etwa große demokratische und anti­autoritäre Institutionen, in denen Kinder aufgezogen würden, Orte der Fürsorge werden, einer Liebe, die Menschen nicht in Identitäten unterscheidet, sie nicht festlegt, sondern in der gemeinsamen Entdeckung ihrer je individuellen, aber auch kollektiven Vermögen fördert.

Umeinander sorgen. Die Schriften spiegeln die Wünsche vieler und offenbaren auch, dass etwas in Bewegung ist – Familienkritik ist nicht nur Theorie: Queerfeminist*innen kämpfen für eine Welt, in der sich die Menschen umeinander sorgen, und dafür entwickeln sie Formen des Zusammenlebens jenseits von Mutter-­Vater-Kind. Schon die 1968er-Bewegung suchte nach neuen kollektiven Wohnformen, die meisten Projekte blieben aber zu individualistisch. So setzte sich die Objektifizierung derjenigen, die darin als Frauen galten, sowie die Abwertung der Reproduktionsarbeit fort, patriaarchale Muster und Strukturen blieben unangetastet.

In queeren Communitys und feministischen Wohnprojekten handeln die Menschen aus, wer wie für wen sorgen kann – jenseits von Verbindungen über Gene und Geld. Dabei geht es sowohl darum, reproduktive Arbeiten als gesellschaftlich zu organisierende Angelegenheiten sichtbar zu machen, um die sexistische Verteilung und Abwertung dieser Tätigkeiten aufzubrechen, als auch darum, Beziehungs- und Erziehungsformen, etwa die Monogamie, die Sexpartner*innen und Kinder zum Eigentum macht, als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung zu verstehen, wie Felicita Reuschling schreibt.

Die Abschaffung der Kleinfamilie zu fordern, heißt also nicht, Menschen wieder neue Modelle als natürlich vorzugeben. Sondern Beziehungsweisen zu vervielfältigen, wider die Grausamkeit des Patriarchats, und die vermeintlich natürliche Binarität, die das Geschlechterverhältnis wie auch die Gesellschaft strukturiert, aufzubrechen. •

Carolin Wiedemann ist ­Soziologin und Journalistin in Berlin. Vor Kurzem erschien ihr Buch „Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats“ (Matthes & Seitz 2021).

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Das tun, was wir wirklich wollen https://ansch.4lima.de/das-tun-was-wir-wirklich-wollen/ https://ansch.4lima.de/das-tun-was-wir-wirklich-wollen/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:44:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=51311 Könnte ein Roboter deine Arbeit erledigen? Eine Frage, die Ottonie von Roeder und Viktoria Lea Heinrich in ihrem künstlerischen Versuchslabor gestellt haben. Clementine Engler hat mit den beiden über die Zukunft der Arbeit und das Potenzial von Automatisierungen gesprochen. an.schläge: In eurem Projekt „From ­Labour to Work – IDRV meets Post-Labouratory“, das im ­Rahmen der […]]]>

Könnte ein Roboter deine Arbeit erledigen? Eine Frage, die Ottonie von Roeder und Viktoria Lea Heinrich in ihrem künstlerischen Versuchslabor gestellt haben. Clementine Engler hat mit den beiden über die Zukunft der Arbeit und das Potenzial von Automatisierungen gesprochen.

an.schläge: In eurem Projekt „From ­Labour to Work – IDRV meets Post-Labouratory“, das im ­Rahmen der Vienna Design Week 2018 stattfand, habt ihr über die Automatisierung von Arbeitsprozessen nachgedacht. Wie könnte die „Neue Arbeit“ aussehen?

Viktoria Lea Heinrich: Die Theorien des österreichisch-US-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zur „Neuen Arbeit“ sind seit Jahren zentral für die Auseinandersetzung mit zukünftigen Arbeitsweisen des Institute of Design Research Vienna (­IDRV), dessen Teil ich 2018 war. Die „Neue Arbeit“ sollte sich zusammensetzen aus einem Drittel Erwerbsarbeit, einem Drittel Selbstversorgung und einem Drittel das tun, was wir wirklich tun wollen. In unserer Zusammenarbeit während der Vienna Design Week haben Ottonie und ich uns ebenfalls auf Bergmanns Konzepte bezogen.

Ottonie von Roeder: Wenn Menschen nach ihren langfristigen Wünschen befragt werden, dann fällt es ihnen schwer, sich gedanklich von ihrer Arbeit zu lösen. Eine gesellschaftliche Krankheit, meint Bergmann. Meine Idee war es, einen Ort zum Umlernen zu gestalten, denn gesellschaftlicher Wandel passiert nicht von allein und überfordert oftmals. Im Post-Labouratory können Menschen mit der Hilfe von Ingenieur:innen, Designer:innen, aber auch Psycholog:innen und Sozialwissenschaftler:innen eine Automatisierung für ihre eigene Arbeit entwickeln. Sie selbst sind die Gestalter:innen, und die Objekte der Automatisierung werden zu ihren Lehrlingen. Ein wichtiger Teil des Gestaltungsprozesses ist die Auseinandersetzung mit der neu gewonnenen Zeit durch Automatisierung. Spekulative Fragen waren der Leitfaden für den gedanklichen Prozess: Was wäre, wenn ein Roboter deine Arbeit ausführen könnte? Was würdest du tun, wenn du nicht mehr für ein Einkommen arbeiten müsstest? Und wie würde die Automatisierung deiner Arbeit aussehen?

Welchen Wert besitzt Arbeit in ­unserer Gesellschaft?

VH: Arbeit oder das, was wir heute unter dem Begriff verstehen – Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung –, ist ein ganz essenzieller Teil unseres gesellschaftlichen Lebens. Erst durch unsere Arbeit gelten wir als vermeintlich vollwertiger Teil der Gesellschaft. Arbeit ist identitätsstiftend. Ein simples Beispiel dafür ist die Frage: Was möchtest du mal werden? Oder was machst du? Gleichzeitig gibt es Ansätze jenseits von Vollbeschäftigung und Lohnarbeit, die Mitgestaltung fordern, die nach dem Sinn oder Motivation einer Tätigkeit fragen.

OvR: Wir tendieren dazu, Arbeit auf die Erwerbsarbeit zu reduzieren. Das heißt, all jene Arbeit, die drumherum geschieht und anders motiviert ist, wird häufig nicht als Arbeit wahrgenommen. In unserem jetzigen System zahlen wir Steuern für unser Einkommen aus Erwerbsarbeit. Dadurch tragen wir finanziell zu unserer Gemeinschaft bei. Die Tatsache, dass Erwerbsarbeit so eine wichtige Rolle für unseren Platz in der Gesellschaft spielt, hat in der Vergangenheit beispielsweise dazu geführt, dass Frauen für das Recht, arbeiten gehen zu dürfen, gekämpft haben. Damals und auch heute ist es wichtig, dass jede:r die Möglichkeit bekommt zu arbeiten. Erwerbsarbeit sollte allerdings nicht die einzige Möglichkeit sein, wie wir uns als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrnehmen.

Unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit, die hauptsächlich von Frauen verrichtet wird, ist ein Grundpfeiler des Kapitalismus. Wie sollte diese Form der Arbeit neu bewertet werden?

OvR: Für mich ist die Entlohnung der bisher unbezahlten Tätigkeiten eine Entwicklung in die falsche Richtung. Wir sollten uns davon lösen, Arbeit über finanzielle Grundabsicherung zu bewerten, und stattdessen jede Tätigkeit gleichermaßen wertschätzen. Bezahlung sollte unabhängig von der Tätigkeit geschehen. Das ist meines Erachtens genau die Falle des Kapitalismus, aus der wir uns befreien sollten.

Selbstbedienungskassen im Supermarkt oder Onlinebanking, viele Arbeitsprozesse werden bereits automatisiert. Aber damit ist für viele auch die Angst verbunden, den Job zu verlieren. Wie beurteilt ihr diese Ambivalenz?

OvR: Insgesamt ist es wichtig, die ­Potenziale zu sehen, aber sich nicht blenden zu lassen. Essenziell ist für mich die feministische Forderung nach Mitbestimmung und Teilhabe. Automatisierung darf kein Prozess sein, der uns von oben herab übergestülpt wird. Arbeitnehmer:innen müssen aktiv mitsprechen dürfen, wie sich ihr Arbeitsplatz verändert. Wir wollen mit unserem Projekt zeigen, dass technologischer Wandel gesellschaftlich gestaltbar sein kann und Automatisierung positiv besetzen.

Natürlich gibt es Tätigkeiten, die für unsere Gesellschaft wichtig sind, die einfach passieren müssen, die sich aber (teilweise) nicht automatisieren lassen – z. B. in der Pflege. Hier geht es nicht nur um die praktische Versorgung, sondern auch um Fürsorge, die für uns Menschen ganz wichtig ist. Dabei kann Automatisierung höchstens als Unterstützung dienen. Solche Tätigkeiten brauchen aber zwangsläufig eine andere Wertigkeit.

VH: Es braucht einen Paradigmenwechsel, wie Automatisierung bewertet, aber auch wie Arbeit definiert wird. Automatisierung wird oft als (politisches) Druckmittel in Form eines Schreckgespensts instrumentalisiert und das ist höchst problematisch. Ich sehe nicht, dass ein Roboter einen Menschen ersetzen kann. Ganz im Gegenteil: Sinnvoll wäre eine Art von Kooperation zwischen Mensch und Technologie – Automatisierung als Werkzeug. Wir nutzen Design, um diese Utopie zu denken und zu gestalten.

In eurem temporären Büro konnte hinterfragt werden, welche Teile einer Arbeit in Zukunft ausgeführt werden wollen. Wie lässt sich Arbeit differenzieren?

VH: Im Englischen ist es einfacher, verschiedene Arbeitsformen zu unterscheiden, als das in der deutschen Sprache möglich ist. Hannah Arendt hat theoretisch zwischen „labour“ und „work“ differenziert.

OvR: Ich verstehe Arendts Unterscheidung so, dass zu „labour“ jene Tätigkeiten gehören, die aus einer extrinsischen Motivation heraus getan werden. Ein einfaches Beispiel ist Erwerb, das Arbeiten, um Geld zu verdienen. Weiters können gesellschaftliche Erwartungen oder die kulturelle Erziehung solche extrinsischen Motivatoren sein. „Work“ hingegen wird aus einer intrinsischen Motivation heraus ausgeübt. Das hat viel mit Kreativität und Kollaboration zu tun, der Wunsch, etwas Nachhaltiges auf der Welt zu hinterlassen. Entscheidend ist nicht nur die Tätigkeit, sondern vielmehr die Rahmenbedingungen: Für wen wird gearbeitet? Für welchen Lohn? Wofür und mit wem? Besteht ein Zwang oder freie Entscheidung? „Labour“ und „work“ lassen sich auch nicht vollständig voneinander trennen. Das ist ein utopischer Gedanke. Egal, wie viel Freude eine Tätigkeit macht, jede Arbeit besteht aus beidem. Unser Projekt hatte zum Ziel, durch die Automatisierung der „Labour“­-Anteile einer Tätigkeit so viel Raum für work zu gewinnen wie möglich.

Lässt sich eine Utopie ohne ­„Labour“-Arbeit imaginieren?

OvR: Ein Design-Festival besucht ein eher privilegiertes Klientel. Unser Projekt kann deshalb nicht repräsentativ für die Gesellschaft stehen. Dennoch war interessant zu beobachten, wie die Besucher:innen, die aus dem Kulturbereich kommen oder sich explizit dafür interessieren, tendenziell von dem künstlerischen Ansatz angeregt waren, aber es ihnen schwerfiel, Automatisierung auf ihre eigenen Tätigkeiten zu beziehen. Zuerst wurde oft klischeehaft an monotone Arbeitsprozesse gedacht.

VH: Viele haben gesagt, dass sie Hausarbeiten z. B. an einen Putzroboter abgeben würden. Die Automatisierung von wenig komplexen Tätigkeiten oder aber organisatorischer und struktureller Arbeit ist vorstellbar. Sonst fehlt die Imagination in der Arbeitsverteilung und das Verständnis, was Arbeit sein kann. Hier wird die Hierarchie schon mitgedacht.

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen – steht euer Projekt in Verbindung zu solchen gesellschaftlichen Debatten?

OvR: Unsere Ergebnisse decken sich größtenteils mit den Umfragen von Initiativen zum Grundeinkommen. Viele Menschen sagen, dass sie tendenziell mehr Bildung wollen, mehr Lernen. Bei mehr Freiheit im Arbeits­alltag könnte das integriert werden. Mehr Zeit mit Familie und Freund:innen. Mehr Freizeitaktivitäten, mehr Reisen. Den Erfahrungshorizont erweitern.

Eine überraschende Erkenntnis aus den Projekten mit zeitintensiverem Austausch ist, dass die aktuelle Tätigkeit der Personen häufig Teil ihrer Zukunftsbeschreibung war. Z. B. hat sich eine Putzhilfe eine Weltreise vorgestellt, das Putzen als Tätigkeit kam allerdings trotzdem vor. Das fand ich sehr schön, weil es durch die veränderten Bedingungen eine neue Wertigkeit bekommen hat. Unser Konzept funktioniert nicht ohne eine Umgestaltung der Art und Weise, wie wir unser Leben finanzieren. •

Viktoria Lea Heinrich ist Designwissenschaftlerin am Archiv der ehemaligen Hochschule für Gestaltung Ulm.

Ottonie von Roeder ist selbstständig als Designerin im Feld zwischen kritischer und spekulativer Gestaltung, Designforschung und -vermittlung in Leipzig tätig.

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Ich sehe eine helle, eine große Zukunft https://ansch.4lima.de/ich-sehe-eine-helle-eine-grosse-zukunft/ https://ansch.4lima.de/ich-sehe-eine-helle-eine-grosse-zukunft/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:37:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=51307 Wir haben alle die Pflicht, die Welt zu retten, sagt Clara Porák  „Es ist schon frech, dass sie einfach bauen“, sagt Luise* und lacht ein bisschen nervös. Sie sitzt neben mir auf der Baustelle der Stadtstraße in Wien. Heute werden wir das erste Mal gemeinsam unter den Baggern übernachten, denn diese und vier weitere Baustellen […]]]>

Wir haben alle die Pflicht, die Welt zu retten, sagt Clara Porák 

„Es ist schon frech, dass sie einfach bauen“, sagt Luise* und lacht ein bisschen nervös. Sie sitzt neben mir auf der Baustelle der Stadtstraße in Wien.

Heute werden wir das erste Mal gemeinsam unter den Baggern übernachten, denn diese und vier weitere Baustellen wurden von Aktivisti:nnen besetzt, um gegen den Bau einer Straße mitten in der Klimakrise zu protestieren. Straßen bringen noch mehr motorisierten Verkehr. Wir wissen: Das können wir uns nicht leisten. Deshalb hängt über den Baggern jetzt unser Banner.

„Wann sind wir nur solche Rebellinnen geworden?“, frage ich, während wir nebeneinander auf unseren Isomatten liegen. „Ich komme mir gar nicht rebellisch vor, sagt Luise. „Weil ich so sicher weiß, dass wir Recht haben.“

Ich nicke. Wir wissen, dass wir recht haben. Daher kommt meine Wut. Wut ist aber nicht das richtige Wort. Nicht mehr. Wütend war ich mit 17, als ich begonnen habe, mich für Klimaschutz zu engagieren. Jetzt bin ich 23 und mir relativ sicher, wahnsinnig zu sein. Ich bin bereit auf einer besetzten Baustelle zu übernachten, mich auf einer Straße anzuketten und im Polizeirevier darauf zu warten, dass man mich wieder gehen lässt. Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass meine Zukunft eine Katastrophe sein soll.

Ich sehe keine Zukunft der Autobahnen. Keine, in der Konzerne sich gegen die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Ich sehe eine helle, eine große Zukunft. Eine Welt, in der wir Bäume pflanzen, statt Straßen zu bauen. In der wir wissen, dass es keine Ausbeutung gibt. In der wir vielleicht nicht alles haben, das wir uns wünschen könnten, aber alles, das wir brauchen. In der wir vergessen haben, dass es Grenzen gibt. In der Gewalt eine Randerscheinung ist und nicht die Regel. Eine Welt, in der ich sicher bin. In der alle Menschen sicher sind. Ich sehe sie so deutlich vor mir, dass es wehtut, wenn ich aus dem Fenster sehe.

Ich sehe, wie anders meine Stadt sein könnte. Ich sehe schmale Straßen, gemacht für das Leben. Mit hohen Bäumen und wenigen Autos, mit Fahrrädern und Kreidezeichnungen, mit Bänken und Platz für Feste. Ich sehe Wohnungen, die so gebaut sind, dass sie uns einladen zu teilen, was wir haben. Unsere Werkzeuge und unsere Möbel, unser Essen und unsere Zeit. Ich sehe Pflanzen an jeder Ecke, Tiere, die wir als Teil unserer Gemeinschaft betrachten. Politik, die von uns gemacht wird, mit uns, für uns. Ich sehe eine Gemeinschaft, in der alle die gleichen Rechte haben. Menschen, die gemeinsam kochen und Gemüse anbauen, Feste feiern und abends, wenn die Sonne untergeht, Gitarre spielen. Die Zeit haben und Platz haben und Mut haben.

Ich sehe mich barfuß an einem Hochbeet stehen. Ich sehe, wie ich meinen Kindern nachwinke, wie sie auf einen Baum klettern, barfuß durch die Straßen jagen. Ich sehe, wie sie Drachen steigen lassen und abends ein Lagerfeuer mit dem ganzen Wohnblock machen. Ich sehe uns so leicht und so glücklich, so sicher und frei.

Das ist vermutlich nicht für jeden die Utopie. Die eine Utopie kann es auch nicht geben, sondern nur jede Menge davon. Wir müssen die finden, die für uns Sinn macht, und daran arbeiten, dass sie zu unserer Wirklichkeit wird.

In einer Zukunft, in der wir das Schlimmste der Klimakrise abwenden, gibt es noch immer Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt. Die Welt wird wohl nie so sein, wie ich sie mir wünsche. Aber wir werden dann die Gelegenheit haben, für Veränderungen einzustehen. Ich finde, das ist eine Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Ich wache auf der Baustelle auf. Ich habe kurz geschlafen, aber ich habe das Gefühl, sehr viel Kraft zu haben. Ich packe meinen Schlafsack ein, die Sonne geht gerade auf. Ich weiß, dass ich nur ein Mensch bin. Ich allein werde die Welt nicht verändern. Aber ich glaube, ich habe ein Recht, ja sogar eine Pflicht, es zu versuchen. Und ich möchte es versuchen. •

Clara Porák ist freie Journalistin und Klimaaktivistin in Wien. Sie ist Teil der inklusiven Redaktion andererseits und Mitbegründerin des Netzwerkes Klimajournalismus.

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The future is now https://ansch.4lima.de/the-future-is-now/ https://ansch.4lima.de/the-future-is-now/#respond Wed, 13 Oct 2021 13:15:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=51303 Im Mai, 17 Jahre nach dem letzten Europäischen Konvent, startete ein europaweiter Beteiligungsprozess, um über die EU und ihre Zukunft zu sprechen. Es geht um die ganz großen Fragen und dringend notwendige Reformen. Mitreden sollen dabei möglichst auch die, die das sonst nicht tun. Auf der mehrsprachigen Onlineplattform futureu.europa.eu kann über zehn Themengebiete wie Klima, […]]]>

Im Mai, 17 Jahre nach dem letzten Europäischen Konvent, startete ein europaweiter Beteiligungsprozess, um über die EU und ihre Zukunft zu sprechen. Es geht um die ganz großen Fragen und dringend notwendige Reformen. Mitreden sollen dabei möglichst auch die, die das sonst nicht tun. Auf der mehrsprachigen Onlineplattform futureu.europa.eu kann über zehn Themengebiete wie Klima, Migration oder Digitalisierung diskutiert werden, daneben gibt es zahlreiche Online- und Offlineveranstaltungen sowie Plenarsitzungen. Hier treffen 108 Bürger*innen, 108 Mitglieder des Europäischen Parlaments, 54 Vertreter*innen des Rats, drei Repräsentant*innen der EU-Kommission und noch einmal 108 Vertreter*innen der nationalen Parlamente aufeinander. Dieses Plenum steht auch im Zentrum der Konferenz.

Was die ohnehin ambitionierte Ausgangslage nicht weniger kompliziert macht, sind Versuche einiger Regierungen, das Mandat der Konferenz möglichst vage zu halten – mit dem Ziel, Vertragsänderungen zu verhindern und das EU-Parlament auszubremsen. Hinzu kommen die naturgemäß mühsamen Personaldebatten, wer Präsident*in wird und wie viele es braucht.

Nicht wenige üben scharfe Kritik an der Zukunftskonferenz: Sie koste viel Geld und operiere ohne ein konkretes Ziel. Vor allem aber würde die zweckoptimistische Stimmung trügen: Fast alle Redner*innen der Institutionen und Regierungen betonten im Plenum den Willen zu umfassenden Reformen. Wäre man sich jedoch tatsächlich so einig, hätte man schon viel mehr tun können. Es spießt sich in der europäischen Diskussion zwar oft an kleinen Details, aber immer öfter auch an den Grundüberzeugungen.

Dass die am lautesten sein sollen, die normalerweise nicht über die EU reden, bleibt ein hehres wie realitätsfernes Ziel. Denn abseits von Alpbach und anderen elitären Diskussionsveranstaltungen haben die meisten wohl nichts von der Konferenz zur Zukunft Europas gehört.

Bis Frühjahr 2022 ist noch Zeit, das zu ändern. Erfolgreich wird die Konferenz jedenfalls nur, wenn die Ideen der Bürger*innen tatsächlich aufgegriffen werden und sie sich so im besten Fall zur Blaupause für partizipative Entscheidungsprozesse in der EU mausert.

www.futureu.europa.eu

Katharina Steinwendtner war zuletzt Pressesprecherin der SPÖ-Abgeordneten im Europaparlament sowie Co-Organisatorin von Period und lebt nun wieder in Wien.

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Jede einzelne erhobene Stimme https://ansch.4lima.de/jede-einzelne-erhobene-stimme/ https://ansch.4lima.de/jede-einzelne-erhobene-stimme/#respond Wed, 13 Oct 2021 12:29:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=51297 Frauen haben unter den Taliban auf einen Schlag erneut all ihre ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren, berichtet Medienaktivistin Mobina Saei aus Afghanistan. Lea Susemichel hat mit ihr über das Terrorregime und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft gesprochen. Auch wenn die radikalislamischen Taliban nach ihrer erneuten Machtübernahme im August zunächst beteuert hatten, die Rechte von […]]]>

Frauen haben unter den Taliban auf einen Schlag erneut all ihre ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren, berichtet Medienaktivistin Mobina Saei aus Afghanistan. Lea Susemichel hat mit ihr über das Terrorregime und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft gesprochen.

Auch wenn die radikalislamischen Taliban nach ihrer erneuten Machtübernahme im August zunächst beteuert hatten, die Rechte von Frauen diesmal achten zu wollen, besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass man ihnen glauben darf. Ihrem Kabinett gehört kein weibliches Mitglied an, in den wenigen Wochen seit der Machtergreifung wurden Geschlechtersegregation und Berufsverbote für Frauen durchgesetzt. Zuletzt wurde nun auch das Frauenministerium durch ein sogenanntes „Tugendministerium“ ersetzt, das der „Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters“ dienen soll. Eine Behörde dieses Namens war während des ersten Talibanregimes zwischen 1996 und 2001 für die Bestrafung von Frauen zuständig, die öffentlich ausgepeitscht, in einzelnen Fällen auch hingerichtet wurden.

Während der Talibanherrschaft zwischen 1996 und 2001 wurden Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt, sie durften nur vollverschleiert und in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. Es war ihnen verboten, einen Beruf auszuüben, Mädchen durften keine Schule besuchen, es gab lediglich illegale Untergrundschulen, in denen unter höchstem Risiko für Lehrende und Schülerinnen bezahlter Privatunterricht gegeben wurde.

an.schläge: Es gibt Meldungen, wonach die Internet- und Telefonverbindungen von kritischen Journalist:innen gekappt worden seien, es gibt auch immer wieder Angriffe auf Medienleute, viele von ihnen haben das Land verlassen, auch viele NGOs. Wie erleben Sie die gegenwärtige Situation? Was konkret hat sich im letzten Monat alles geändert, vor allem für Frauen?

Mobina Saei: Ich bin in Afghanistan geboren, ich habe mein ganzes Leben hier gelebt und habe auch schon die letzte Talibanherrschaft vor 2001 miterlebt. In nur einem Monat haben die Taliban erreicht, dass es im Land fast keine einzige weibliche Journalistin mehr gibt – mit verheerenden Folgen. 150 Medien, darunter auch Radio- und Fernsehsender, mussten ihre Arbeit bereits einstellen. In diesem einen Monat, seit die Taliban die Macht im ganzen Land zurückerobert haben, haben Mädchen und Frauen sämtliche Freiheiten und alle ihre ­Rechte verloren. Darunter auch das Recht zu arbeiten: Weder im privaten noch im öffentlichen Sektor soll es Frauen weiterhin erlaubt sein, einem Beruf nachzugehen. Frauen werden davon abgehalten, zu ihrer Arbeitsstelle zu gehen, Frauen und Mädchen sollen zu Hause bleiben. Auch im Bildungsbereich gab es sofort Einschränkungen, Frauen müssen an der Universität ihr Gesicht verhüllen, sie müssen im Niqab und getrennt von den Männern studieren. Wir Frauen haben auf einen Schlag all unsere ökonomischen, sozialen und politischen Rechte verloren. Deshalb gehen Frauen auf die Straße, um zu demonstrieren. Doch auch dieses Recht wird ihnen von den Taliban verwehrt.

Hier sehen wir Bilder von Polizeigewalt bei Frauendemos, es soll sogar geschossen worden und ­mehrere Frauen sollen schwer verletzt worden sein. Es gibt auch Berichte, wonach Frauen, die sich widersetzen und weiterhin zu ihrer Arbeit gehen wollen, auf der Straße von den Taliban geschlagen werden. Können Sie das bestätigen?

Ja. Aufgrund meiner Tätigkeit als Medienaktivistin gehöre auch ich zu den Frauen, die unter Beobachtung der Taliban und anderer Terroristen stehen. Ich kann bestätigen, dass Frauen, die auf Demonstrationen ihre Stimmen gegen die Taliban erheben, geprügelt und verletzt wurden. Ich habe außerdem Informationen darüber, dass einige Frauen nach Demonstrationen inhaftiert wurden. Es wurde massiver Druck ausgeübt. Es sind in der Folge auch männliche Angehörige festgenommen und bedroht worden, sollten sie es nicht unterbinden, dass ihre Frauen und Töchter weiter Widerstand leisten.

Die Taliban sind mit einer anderen Gesellschaft konfrontiert als vor zwanzig Jahren, es gibt eine erstarkte Zivilgesellschaft, vor allem die Frauen haben inzwischen einiges zu verlieren. Gibt es eine starke feministische bzw. zivilgesellschaftliche Bewegung in Afghanistan, auch außerhalb der Metropolen?

Ja, die Zivilgesellschaft ist definitiv stärker geworden in den letzten zwanzig Jahren, Frauen haben in diesem Zeitraum wichtige Errungenschaften erkämpft. Dass es nun Proteste in vielen Provinzen gibt, zeugt von dieser Stärke der Bewegung.

Unter Hashtags wie #FreeAfganistan, #AfghanistanCutlure und #DoNotTouchMyClothes protestieren afghanische Frauen weltweit gegen das Regime und insbesondere auch gegen die neuen Verhüllungsvorschriften. Welche Hoffnungen setzen Sie in diese Form von Onlineprotest? Sind Sie optimistisch, dass er etwas bewirken kann?

Ich bin froh und dankbar für diesen Protest! Dafür, dass diese Frauen und Mädchen ihr Recht auf Selbstbestimmung und Selbstorganisation verteidigen, ganz gleich, ob es die Kleiderordnung betrifft oder andere Grundrechte. Sie repräsentieren die Stimmen von afghanischen Frauen rund um die Welt und tragen dazu bei, Aufmerksamkeit auf die aktuelle Situation in Afghanistan zu richten.

Ich bin optimistisch, dass diese Proteste in verschiedenen Teilen der Welt dazu beitragen können, langfristig auch die Situation von afghanischen Frauen hier im Land zu verbessern. Jede einzelne Stimme, die ein Mädchen oder eine Frau anderswo auf der Welt erhebt, bedeutet, dass sie ihre Regierung dort dazu zwingt, vor der Situation von afghanischen Frauen nicht die Augen zu verschließen.

Welche Unterstützung erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft? Die EU will ja in einen Dialog mit den Taliban treten. Soll man mit den Taliban verhandeln?

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist die Wahrheit: Die Welt hat Afghanistan im Stich gelassen und in dieser Lage völlig auf sich alleine gestellt zurückgelassen. Die internationale Gemeinschaft ist mitverantwortlich dafür, dass Frauen und Mädchen, ja alle Menschen in Afghanistan, ihre Rechte auf einen Schlag verloren haben. Sie hat sich schuldig gemacht. Sie muss jetzt ihren Einfluss geltend machen und Druck ausüben. Denn die Taliban können sich nicht an der Macht halten, wenn sie keine diplomatischen Beziehungen zu anderen Staaten aufbauen.

Wie soll dieser Druck konkret aussehen? Auf einer internationalen Afghanistan-Konferenz wurden aufgrund der zu erwartenden Hungersnot Hilfsgelder von rund einer Milliarde Euro beschlossen. Sollte diese humanitäre Hilfe an Bedingungen geknüpft werden?

Angesichts der gegenwärtigen Krise und der Hungersnot, von der viele Menschen und vor allem Kinder bedroht sind, darf die humanitäre Hilfe nicht zurückgehalten werden. Sie an Bedingungen zu knüpfen, würde vor allem die Bevölkerung treffen – nicht die Taliban. Stattdessen sollte der diplomatische Druck erhöht und unmissverständlich klargemacht werden, dass die neue Regierung nur anerkannt wird, wenn sie sich an klare Vereinbarungen hält und Bedingungen akzeptiert.

Soll die Einhaltung von Frauenrechten zu diesen Bedingungen gehören?

Ja, unbedingt. Es muss eine zentrale Bedingung sein, dass Frauenrechte in Afghanistan eingehalten werden! Und damit meine ich tatsächlich alle Rechte und Aspekte des Lebens von Mädchen und Frauen: das Recht darauf, am sozialen Leben teilzunehmen, ökonomische und politische Rechte, das Recht auf Bildung und Berufsausübung. •

Mobina Saei ist Vorsitzende der ­Organisation Nai (Supporting Open Media in Afghanistan).

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Vermisste weiße Frau https://ansch.4lima.de/vermisste-weisse-frau/ https://ansch.4lima.de/vermisste-weisse-frau/#respond Wed, 13 Oct 2021 12:17:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=51279 Nachdem die Leiche der vermissten YouTuberin Gabby Petito gefunden wurde, war klar, dass sie ermordet wurde, und von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt jede Spur. Warum ich das weiß? Weil mir meine Social-Media-Timeline stündliche Updates zum Fall Petito liefert. True Crime hat sich als massentaugliches Genre etabliert, Filme, Serien, Dokumentationen, Podcasts und Blogs – allerorts […]]]>

Nachdem die Leiche der vermissten YouTuberin Gabby Petito gefunden wurde, war klar, dass sie ermordet wurde, und von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt jede Spur. Warum ich das weiß? Weil mir meine Social-Media-Timeline stündliche Updates zum Fall Petito liefert.

True Crime hat sich als massentaugliches Genre etabliert, Filme, Serien, Dokumentationen, Podcasts und Blogs – allerorts werden Geschichten von real geschehenen Verbrechen einfach konsumierbar und unterhaltsam aufbereitet. Morde und Entführungen verdichten sich zu richtig guten Geschichten, dass hier reale Menschen und Schicksale involviert sind, rückt dabei in den Hintergrund.

Schon in meiner Kindheit lief „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ein Format, das ungelöste Fälle präsentierte und darauf abzielte, dass sich Zeug*innen melden. Doch erst als die US-Version „Unsolved Mysteries“ in meinem Netflix-Feed erschien, wurde mir klar, dass das alles keine Fiktion ist – reingekippt bin ich dennoch. Gut fühle ich mich dabei nicht, es ist schließlich das Leid anderer Menschen, das dem eigenen Entertainment dient – mit meinen moralischen Grundsätzen ist das kaum vereinbar. Trotzdem ziehen mich die Dokus an, Theorien zum neuesten Vermisstenfall bilden sich fast automatisch im Kopf. Das Genre funktioniert – leider zu gut.

Morde an Frauen stehen in True-Crime-Formaten besonders hoch im Kurs, doch es sind nicht jene Morde, die laufend in der eigenen Nachbarschaft passieren. Erst kürzlich erschütterte uns der Femizid an zwei Frauen in Wien, es waren bereits der 20. und 21. in diesem Jahr in Österreich. Bezeichnenderweise war zumindest eine von beiden in einem Verein für Frauenrechte tätig. Beide Frauen (und der Täter) hatten Wurzeln in Somalia. „Egal, kümmern wir uns um unsere Frauen“, so der rassistische Tenor in vielen Kommentarspalten, als sich herausstellte, dass die Opfer Schwarz waren. Wer die Opfer sind, spielt nicht zuletzt für das Medieninteresse eine entscheidende Rolle.

Während die Weltöffentlichkeit auf den Fall von Gabby Petito blickte, wurde auch der Mord an Sabina Nessa, einer Lehrerin und Woman of Color in London bekannt – er erhielt allerdings weit weniger Schlagzeilen. Morde und Vermisstenfälle von weißen Frauen sind für ­Medien weitaus interessanter als jene von BIPOC-Frauen. „Missing White Woman Syndrome“, so ein Begriff aus der Mediensoziologie, der beschreibt, dass im Falle von Vermissten über junge weiße Frauen aus der Mittelschicht überproportional berichtet wird. Weiße Frauen gelten in unserer Gesellschaft als unschuldig und schützenswerter, Gewaltverbrechen werden dementsprechend als weit tragischer wahrgenommen. In Wyoming, wo Gabby Petito verschwand, wurden im vergangenen Jahrzehnt auch 710 indigene Personen als vermisst gemeldet, wie ein Bericht der University of Wyoming zeigt – eine Meldung in den Medien ist das kaum jemals wert. Dass sie nach dreißig Tagen noch immer vermisst werden, ist doppelt so häufig der Fall wie bei weißen Personen.

Die Aufmerksamkeit für Verbrechen an jungen ­weißen Frauen hat aber auch eine weitere Schattenseite. Die Würde der Opfer wird verletzt und die Konsequenzen, die diese Art der Sensationsberichterstattung für die Hinterbliebenen hat, sind drastisch. Das Leben der Opfer wird in die Öffentlichkeit gezerrt und jede Kleinigkeit beäugt. Und viele Medien schlachten parallel auch noch die Geschichten der Täter aus, die ebenso faszinieren. Wir erfahren Details aus ihrer Kindheit, bekommen Einblicke in ihre Psyche geliefert und finden sie dadurch mitunter so spannend, dass sie beinahe als Helden und Vorbilder gefeiert werden – wir erinnern uns an Täterkulte wie jenen rund um den US-amerikanischen Serienmörder Ted Bundy.

Nachdem auch ich immer wieder auf eine True-­Crime-Serie hineinkippe, wird mir umso mehr bewusst, dass es eine kollektive Anstrengung braucht, um diese Formate einordnen und reflektieren zu können. Denn Morde an Frauen sind keine spannende Unterhaltung, sie sind Ausdruck brutaler patriarchaler wie rassistischer Strukturen. •

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