VII / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 28 Nov 2020 14:02:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VII / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.spruch: Shirt aus? Shirt an! https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/#comments Fri, 09 Oct 2020 18:15:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=24997 Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern. Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für […]]]>

Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern.

Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für reichlich Empörung auf Twitter und Co:  Von „neuer Spießigkeit“ war da die Rede, andere befürchteten eine „Gleichmacherei“ oder die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und riefen dazu auf, sich „jetzt erst recht“ des T-Shirts zu entledigen.
Obwohl das Logo der Stadt Hamburg auf dem Plakat prangte, handelte es sich um politische Aktion. Aufgrund der großen Aufregung wurden die Plakate alsbald entfernt, die Stadt distanzierte sich.
Die hitzige Debatte um nackte Oberkörper gehörte für mich schon lange zum Alltag – immerhin habe ich schon in zwei Kletterhallen gearbeitet und musste dort immer wieder schwitzende Sportler dazu bewegen, sich wieder anzuziehen.

Die typischen Einwände: „Ich schwitze so stark, das verstehst du nicht.“ Ja, wir schwitzen alle, gehört beim Sport dazu. Aber ziehen sich deshalb alle aus? Es ist in keinem Sport geduldet, oben ohne zu sein, häufig aus hygienischen Gründen – und weil es einfach lächerlich ist. Ausnahmen sind Wassersportarten (und auch da müsste es nicht sein) und Bodybuilding (wo es explizit um Körperbewertung geht). Selbst in den allermeisten Fitnessstudios ist es ausdrücklich verboten, das Shirt auszuziehen, und diese Läden stehen nun wahrlich nicht im Verdacht, wahnsinnig feministisch und progressiv zu sein. Abgesehen davon, dass sich viele Menschen von Nacktheit belästigt fühlen, ist sie auch schlichtweg ungesund. Ein unbedeckter schwitzender Oberkörper kühlt zu stark aus, das ist schlecht für Muskeln und Immunsystem. Es gibt eine riesige Auswahl an moderner Funktionsbekleidung, die die Körpertemperatur reguliert und den Schweiß auffängt. Und keine Sorge: Die Muskeln bleiben darunter trotzdem sichtbar.

„Von mir aus kannst du auch oben ohne rumlaufen. Wo kommen wir denn hin, wenn wir das Männern jetzt verbieten? Das wäre doch ein Rückschritt!“
Ich kann nirgends einfach oben ohne rumlaufen – außer in der Sauna oder am FKK-Strand. Meine Brüste sind sexualisiert, meine Nippel werden auf Social Media verpixelt. Und nein, ich im Sport-BH ist nicht das Gleiche wie ihr oben ohne. No nipple is free until all nipples are free!

„Dann kannst du ja nie ins Freibad gehen, wenn dich männliche Oberkörper so sehr stören!“
Auch dieser Vergleich hinkt: In Freibädern, am Strand und am Badesee gilt ein anderer Dresscode als in Sportstätten. Beim Baden kann auch ich vielleicht mal oben ohne sein kann, wobei auch hier keineswegs Gleichberechtigung herrscht (Stichwort Männer oben ohne, aber kleine Mädchen im Bikini). Der entscheidende Unterschied ist zudem, dass ich im Freibad weiß, worauf ich mich einlasse und entscheiden kann, ob ich an dem Tag Lust habe, halbnackte Männerkörper zu sehen oder nicht. Aber im Alltag, auf dem Weg zum Einkaufen, wenn wieder einer ohne Shirt an mir vorbeijoggt?

„Du bist doch eine Lesbe, die Männerkörper eklig findet. Stört hier doch sonst niemanden.“
Ja, es gibt sogar Menschen, die Rückschlüsse auf mein Begehren ziehen und mich damit kategorisch entwaffnen wollen. Natürlich ohne sich vorher tatsächlich die Mühe gemacht zu haben, die anderen Hallenbesucher*innen nach ihrem Einverständnis zu fragen. Doch viele, die ein nackter Oberkörper stört, trauen sich nicht, es anzusprechen. Sie gehen einfach, kommen gar nicht erst oder schauen nicht hin. Die Verantwortung wird also auf jene übertragen, die unter dem Verhalten leiden. „So zeugt es von einer typisch antifeministischen Haltung, Frauen die Verantwortung dafür zu übertragen, Freiräume zu schaffen, die von Männern besetzt sind“, schrieb Verena Reygers dazu treffend im „Freitag“. Deshalb: T-Shirt anlassen, bis das Patriarchat gestürzt ist. Dann sprechen wir noch mal darüber.

Laura Reti schreibt aus Berlin, erhofft sich vom Ende des Sommers auch das Ende der Oben-ohne-Saison. Sie sucht stets Verbündete für Safe Spaces im Sport.

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Wer zündelt hier? https://ansch.4lima.de/wer-zuendelt-hier/ https://ansch.4lima.de/wer-zuendelt-hier/#respond Fri, 09 Oct 2020 18:07:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=24991 „Unser Haus steht in Flammen“, hat Greta Thunberg in ihrer Rede vor knapp einem Jahr schon gesagt. Es brennt, auf mehreren Kontinenten und im Herzen Europas. Nicht nur wegen des Klimawandels und Moria. Die Idee einer solidarischen europäischen Gemeinschaft steht in Flammen. Mit dem Brand, der das Flüchtlingslager Moria zerstört hat, wird deutlich, was seit […]]]>

„Unser Haus steht in Flammen“, hat Greta Thunberg in ihrer Rede vor knapp einem Jahr schon gesagt. Es brennt, auf mehreren Kontinenten und im Herzen Europas. Nicht nur wegen des Klimawandels und Moria. Die Idee einer solidarischen europäischen Gemeinschaft steht in Flammen. Mit dem Brand, der das Flüchtlingslager Moria zerstört hat, wird deutlich, was seit Jahren von der Europäischen Union verdrängt wird und den Abbau von Demokratie, Solidarität und Empathie vorantreibt sowie die Aushöhlung einer Verfassung, die sich eigentlich zu den europäischen Grundwerten bekennt.

Das alles, nur um einen „Pull Effekt“ zu verhindern, den es laut Migrationsexpert*innen nicht gibt. Der nur eine rhetorische Strategie ist, um Wahlen zu gewinnen.Ist es wirklich verlockend, das eigene Leben auf dem Meer zu riskieren, nur um dann in ein überfülltes Lager gepfercht zu werden, und schutzlos auf der Straße zu sitzen, nachdem es abgebrannt ist?Als Hilfsmaßnahme werden bestenfalls ein paar lächerliche Summen überwiesen, die man dann zynisch „Hilfe vor Ort“ nennt. Es wird ein neues Lager gebaut, das so menschenunwürdig ist wie das letzte.

Das ist nicht das Europa, das uns in der Schule als große solidarische Idee verkauft wurde. Denn was die europäische Politik dieser Tage tut, ist alles daran zu setzen, Menschen zu enthumanisieren. Etwa wenn der Außenminister davon spricht, dass man „die Debatte entemotionalisieren müsse“ und sich gegen die Aufnahme von einigen wenigen Menschen mit den Worten: „Es geht immer nur um ein paar Kinder“, wehrt. „Wehret den Anfängen“, heißt es immer, aber diese Anfänge haben wir wohl verpasst, wenn es möglich ist, dass Politiker*innen Wahlkampf damit treiben, die Opfer eines Großbrandes zu kriminalisieren, anstatt ihnen zu helfen.

Stattdessen schürt man in Europa den Hass und der greift weiter um sich. Das zeigt sich in Minsk, wo bei Massenprotesten die Polizei gewaltsam gegen Frauen vorgeht.  Es zeigt sich in Berlin, wenn sogenannte „Querdenker“ versuchen, den Bundestag mit Reichskriegsflaggen zu stürmen. Oder in Wien, wo Ultrarechte öffentlich Regenbogenflaggen zerreißen und LGBTIQ als „Pädophile und Mörder“ verunglimpfen und auf einer Solidaritätskundgebung dafür noch Polizeischutz erhalten. Es zeigt sich in Polen, wo offen gegen LGBTIQ gehetzt wird. Es zeigt sich an der Gleichgültigkeit vieler und im Hass einiger weniger, die kontinuierlich daran arbeiten, dass es weiter brennt.

Wenn es brennt, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Täter*innen. Aber „man kann Menschen nicht jahrelang im Dreck leben lassen, ihnen Rechte vorenthalten, sie schließlich ungeschützt einer Pandemie aussetzen und dann überrascht sein, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen aufbegehren“, betont Ramona Lenz, Referentin für Flucht und Migration von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation „medico international“.

Ja, wenn diese Leute aus Verzweiflung das Letzte, was ihnen geblieben ist, anzünden, damit irgendwas geschieht, einfach weil der Ist-Zustand so unerträglich ist, dann sind nicht sie zu bestrafen, sondern jene, die für diese Lage verantwortlich sind. Ja, die Brandstifter sitzen in Europa, aber nicht in den Straßen von Lesbos, sondern bequem in den Chefsesseln der Europäischen Union und der österreichischen Regierung.

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Menstruations Hintergrund https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-3/ https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-3/#respond Fri, 09 Oct 2020 18:03:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=24985 von Julia Bernhard]]>

von Julia Bernhard

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Feminist Superheroines: Shere Hite https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-2/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-2/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:48:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=24980 Hite-Report, Das sexuelle Erleben der Frau, lautete der programmatische Titel, der erstmals die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt stellte. Mit dem heute rund fünfzig Millionen Mal verkauften Buch wurde Shere Hite zu einer Pionierin der feministischen Sexualforschung. Mit ihrem Feminist Sexuality Project wertete sie über dreitausend Fragebögen aus: „Masturbieren Sie gerne“ oder „Täuschen Sie manchmal […]]]>

Hite-Report, Das sexuelle Erleben der Frau, lautete der programmatische Titel, der erstmals die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt stellte. Mit dem heute rund fünfzig Millionen Mal verkauften Buch wurde Shere Hite zu einer Pionierin der feministischen Sexualforschung. Mit ihrem Feminist Sexuality Project wertete sie über dreitausend Fragebögen aus: „Masturbieren Sie gerne“ oder „Täuschen Sie manchmal einen Orgasmus vor?“, wurde darin etwa gefragt. Ihre Ergebnisse stellten sowohl die Theorie Sigmund Freuds über den klitoralen Orgasmus als Zeichen sexueller und psychischer Unreife infrage, als auch den weitverbreitete Annahme, dass Penetration der Königsweg zum Höhepunkt sei. “Hate Report“ nannte der Playboy deshalb ihre Studie, man warf ihr gar vor, Ehen damit zu ruinieren.

Doch die am 9. September 2020 77-jährig verstorbene Hite betrat mit ihren Forschungen völliges Neuland und legte so einen wichtigen Grundstein, von dem die Sexualforschung bis heute profitiert. liw

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eu-kolumne: Fairness für die Lieferkette! https://ansch.4lima.de/eu-kolumne-fairness-fuer-die-lieferkette/ https://ansch.4lima.de/eu-kolumne-fairness-fuer-die-lieferkette/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:43:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=24967 Miriam-Lena Horn Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich aus der Europapolitik berichten, dass die Europäische Kommission endlich einen Gesetzesentwurf zu den Lieferketten vorlegen wird. Bislang oblag es vor allem den Konsument*innen, sich zu fragen, ob die eigene Jeans vielleicht auf Kosten der Atemwege einer äthiopischen Textilarbeiterin sandgestrahlt wurde – Frauen sind nämlich in überproportional vielen Fällen […]]]>

Miriam-Lena Horn

Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich aus der Europapolitik berichten, dass die Europäische Kommission endlich einen Gesetzesentwurf zu den Lieferketten vorlegen wird. Bislang oblag es vor allem den Konsument*innen, sich zu fragen, ob die eigene Jeans vielleicht auf Kosten der Atemwege einer äthiopischen Textilarbeiterin sandgestrahlt wurde – Frauen sind nämlich in überproportional vielen Fällen die Leidtragenden schlechter Bedingungen in den globalen Lieferketten. Die verantwortliche Industrie versteckte sich bisher hinter freiwilligen Initiativen gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen Umweltstandards.

Jetzt endlich hat die Kommission in einer Befragung von 334 Unternehmen festgestellt, dass nur die wenigsten freiwillig sicherstellen, dass ihre Lieferketten keine Umweltschäden anrichten und dass Arbeitnehmer*innen fair behandelt werden. Aus dieser – nicht sehr überraschenden – Erkenntnis rührt also der Wille, nach vielen Jahren der strikten Weigerung endlich eine gesetzliche Regelung zu schaffen.

Natürlich laufen Teile der industriellen Verbandslandschaft in Brüssel und anderswo Sturm. Man könne nicht die gesamte Lieferkette der eigenen Produkte kontrollieren und wolle auch nicht dafür haftbar gemacht werden. Diese Blockadehaltung sorgt bei Konsument*innen wie auch progressiven Politiker*innen zu Recht für Verwunderung. Ist es wirklich unmöglich, die Komponenten und Produktionswege des eigenen – in der Regel ja durchaus einträglichen –  Produkts nachzuvollziehen? Zum Beispiel anhand von Zertifikaten und mittels Zusammenarbeit mit zertifizierten Rohstoffproduzent*innen?

Im nächsten Schritt legt das Europäische Parlament einen Anforderungskatalog an das Gesetz vor. Dann bleibt abzuwarten, inwieweit sich die Kommission vom industriellen Entrüstungssturm beeindrucken lässt, bevor sie im Januar einen Entwurf vorlegt. Ein weiter Weg liegt vor uns, der erste Schritt jedoch ist getan.

Miriam-Lena Horn ist eine der Organisatorinnen von Period. Brussels. Sie arbeitet seit 2014 als handelspolitische Referentin für einen Abgeordneten der SPD im Europäischen Parlament.

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heimspiel: Banales Karriereende https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:40:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=24976 Illustration: Sabrina WegererJasper Nicolaisen Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Jasper Nicolaisen

Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die auf Kinder „aufpassen“, Windeln wechseln, Fläschchen geben und ansonsten rauchend am Sandkasten hocken. Dabei strotzen die frühkindlichen Bildungspläne heute von Startschussrhetorik in Hinsicht auf lebenslanges Lernen, gesellschaftliche Integration, Teilhabe und Wortgeklingel Marke „Resilienz“, „Selbststeuerung“ und „Flexibilität“. Erzieher*innen werden zu Chimären aus Familienhelfer*innen, Kinderpsycholog*innen, Ergotherapeut*innen und Crafting-Youtuber*innen ausgebildet, verdienen aber eben viel weniger und kriegen auch viel weniger Likes. Selbst für das Gendersternchen reicht es oft nicht, denn ca. 95 Prozent aller Erzieher*innen (in Deutschland) sind heute noch Frauen, sodass Männer echt mal einfach mitgemeint sein können. Vorbei ist diese Karriere für mich, weil sie sich nicht mit der Familie vereinbaren lässt. Ich habe mit meinem Mann zwei Kinder, eins davon mit hohem Förderbedarf. Das allein ist Grund genug, dass nicht zwei Eltern arbeiten gehen können, schon gar nicht in einem Job mit Schichtsystem und hohem Krankenstand, bei dem sofort Menschen unbetreut dastehen, wenn ich mich krankmelde. Anders als viele Kolleg*innen falle ich weich, schließlich habe ich noch andere, freiberufliche Möglichkeiten. Trotzdem, Abhängigkeit vom Partner, Einschnitte bei der Rente und ein Riesenbatzen Care-Arbeit, das betrifft auch mich. Keine besondere Geschichte und eigentlich kaum eine Kolumne wert. Und doch wiederholt sich diese Geschichte immer noch und immer wieder und meistens sind die tragischen Heldinnen Frauen. Manchmal heißt kämpfen, die scheinbar banalen Dinge immer und immer wieder erzählen, bis sie sich ändern.

Jasper Nicolaisen ist bei Erscheinen dieser Ausgabe nicht mehr Erzieher, sondern Hausmann, Künstler und Menschenberater, aber zum Glück reich verheiratet.

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an.klang: Oçıp kitmä https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/ https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:16:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=24962 Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle […]]]>

Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann

Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle selbst überall hinein dürfen. Stimmt alles genau so, aber trotzdem bringt all das in kaum fassbaren Ambivalenzen auch unfassbar Beglückendes mit sich. Zum Beispiel einen Lebensweg wie den der Musikerin Aygyul, der ohne beides kaum vorstellbar wäre. Geboren und aufgewachsen in Tatarstan, einer autonomen Republik im Osten (des europäischen Teils) Russlands, in der dortigen Hauptstadt Kazan im Alter von acht bis 17 Jahren zur Opernsängerin ausgebildet, entscheidet sich Aygyul als junge Erwachsene, dass das noch nicht alles war. Mit zwanzig zieht sie, ganz alleine und ohne Deutsch oder Englisch zu sprechen, von Kazan nach Wien, wo sie mittlerweile seit fünf Jahren lebt. Weil sie privat ohnehin nie Opern, sondern Rock und Hiphop gehört und immer schon davon geträumt hat, klassische mit zeitgenössischer Musik zu verbinden, bringt sie sich das Produzieren elektronischer Musik selbst bei – mithilfe von Youtube-Tutorials. Englisch lernt sie mit Netflix. Und als ob das noch nicht genug wäre, schafft sich die Wahl-Floridsdorferin auch noch Beatboxing und das Filmen von Videos drauf, alles natürlich wieder strictly DIY. Dabei beschränkt sich bei Aygyul der künstlerische Prozess aber nicht nur auf ihre eigene Person, sondern ist ein kollaborativer Vorgang. Mit ihrer Mitstreiterin und Mitbewohnerin Pati Avish, die als Street-Art-Künstlerin und als Poetin aktiv ist, schreibt und konzipiert sie die Songs und Videos gemeinsam – und setzt sich für die Dinge ein, die beiden wichtig sind: Feminismus, Veganismus und einen so fried- wie liebevollen Umgang mit der Welt und all ihren Bewohner:innen.

Neben dem Engagement für ernste und gewichtige Themen zeigt Aygyul auf ihrem Youtube-Kanal aber gerne auch ihre spielerische, humoristische Ader: Während des Corona-Lockdowns produzierte die Multibegabte ein aufmunterndes Musikvideo mit dem Titel „Musicican on Isolation“, in dem sie mithilfe von Playtronica-MIDI-Controllern Klopapierrollen in Soundquellen verwandelte. Aygyul haut auf die damals so heiß begehrten Röllchen, dancey Clubsounds und slicke Autotunes-Vocals ertönen, und kleine Videobildchen einer frech schreienden Cardi B poppen auf!

Die aktuelle Single von Aygyul ist ebenfalls während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen in ihrem Heimstudio in Wien entstanden. Die Musikerin war an über hundert Jahre alte Aufnahmen tatarischer Volkslieder gelangt, die, auf Metallplatten gepresst, im Archiv eines lokalen Museums gelagert hatten, bis sie aufwendig digitalisiert wurden. In „It’s More“ verbindet Aygyul nicht nur im Sinne einer Musikethnographin zwei unterschiedliche Sounds und Epochen, indem sie Snippets aus dem Originalmaterial in ihre zeitgenössische Dancepop-Komposition einbaut, sie benutzt auch zwei Sprachen: Englisch und Tatarisch. Die sanfte Forderung „Oçıp kitmä“, was auf Deutsch so viel wie „Flieg nicht davon“ bedeutet, zieht sich als sehnsuchtsvolle Widmung an eine geliebte Person durch den gesamten Track. Die Verbindung von opernhaften mit aktuell clubbigen sowie alten Folk-Elementen ist dabei eine Mischung, die beispielhaft dafür steht, wohin sich interessante Musik von heute entwickeln sollte: nach vorne, nach hinten, unten, oben und in alle Richtungen. Soll heißen: Pop jetzt und morgen, wenn man ihn dann überhaupt noch so nennen möchte, inspiriert sich nicht nur aus der Zukunft und der Vergangenheit, sondern erschließt sich unentdeckte bzw. übersehene Quellen aus allen Epochen und Regionen der Welt. Und hat keine Berührungsangst mit der so genannten Hochkultur. Ganz geht das Konzept bei Aygyul noch nicht auf, weil sie slicke Elektronikpopsounds privilegiert, die das darunter liegende faszinierende Konzept fast gänzlich verdecken. Aber wenn sie so engagiert und talentiert weitermacht, passiert hoffentlich wirklich bald das, was ihre Mutter ihr schon als Kind prophezeite: Sie steht auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Und zwar, wie von ihr selbst erträumt, mit einem politisch engagierten Kollektiv aus allen Teilen der Welt, das ohne Berührungsängste alle künstlichen Grenzen sprengt.

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an.lesen: Fetter Feminismus https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:13:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=24957 Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer „Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber […]]]>

Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer

„Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber nicht selbst erzählen darf – vor allem nicht, wenn es um Sex geht. Fernsehbildschirme bevölkern dicke Personen oft als kopfloser Körper – sie werden als der Innbegriff des Ungesunden und Undisziplinierten inszeniert.

Zu dicken Körpern scheinen alle eine Meinung zu haben, kritisiert Sofie Hagen. Scharfzüngig und oft bitterböse greift die Autorin in die Erlebniskiste dicker und fetter Personen und schreibt dabei vorrangig für dicke Menschen, insbesondere für dicke und queere Menschen. Nicht-dicke Personen verweist sie immer wieder auf ihren Platz, sie sind nur Gäste in diesem Buch. Ihren Humor hat sie jedoch trotz aller diskriminierenden Erfahrungen tatsächlich nicht verloren. Nicht umsonst ist Hagen auch über ihre Heimat Dänemark hinaus eine gefeierte Comedian. Sie behauptet sich in einer cis-männlich dominierten Szene, in der Witze gerne auf Kosten dicker und oder queerer Personen gehen. Dagegen wehrt sie sich, auf der Bühne und mit diesem Buch.

„Du bist doch eh selbst schuld“ – das ist der – ausgesprochene oder auch unausgesprochene –Vorwurf der die Diskriminierungserfahrungen dicker Person oft begleitet. Die Diskriminierung, die sie erleben, wird deshalb häufig als legitim erachtet bzw. gar nicht als solche wahrgenommen. Hagen schildert eine Reihe dieser verletzenden Erfahrungen, strukturelle und individuelle. Sie erklärt den nicht-dicken Leser_innen ihres Buches, was diese im Alltag wahrscheinlich oft gar nicht bemerken: Dass Reisen, vor allem mit dem Flugzeug, für dicke Menschen zur Qual werden kann. Denn die Sitze sind nur auf sogenannte Normkörper ausgerichtet, der Gurt ist oft zu kurz, die Bitte um Gurtverlängerung ein Moment der zusätzlichen Beschämung. Der öffentliche Raum und andere Räume können so allein durch ihre Beschaffenheit zu Orten des Ausschlusses werden. Ist die öffentliche Toilette breit genug? Ist der Stuhl stabil genug? Wie sind öffentliche und andere Verkehrsmittel gebaut? Essen im öffentlichen Raum? Gibt‘s nur gewürzt mit abwertenden Kommentaren.

Durch den Hindernisparcours des alltäglichen Lebens von dicken Personen manövriert Hagen ihre Leser_innen jedoch auch immer wieder mit Tipps, sich selbst und den eigenen Körper wertzuschätzen, sich etwas Gutes zu tun. Sich selbst einzugestehen, dass es nicht erzwungen werden kann, den eigenen Körper zu lieben, gehört für sie jedoch dazu. Die Tipps zur Selbstfürsorge entkoppelt sie ganz bewusst von jeglichem Optimierungsdrang. Happy Fat ist dabei fast schon ein Aufruf zur Dicken-Revolution, für ein Recht auf Raum und Platz, auf Respekt, Crop Tops und Sex.

Hagens Buch ist nicht nur bissig und humorvoll, sondern kommt auch mit einer ordentlichen Portion Selbstreflexion daher. Sie ist sich bewusst, dass ihre Erlebnisse als dicke Person keine Allgemeingültigkeit besitzen. Und so öffnet die Autorin nicht nur Raum für eigene Gedanken, sondern lädt Personen zu Interviews ein, die mit ihr über die Perspektiven von dicken trans Personen, POC und Menschen mit Be_hinderungen sprechen. Auf gar keinen Fall will Hagen von sich auf andere schließen oder für diese sprechen.

Das Lesen macht Lust auf eine dicke Revolution – und darauf, es doch noch mal mit einem Crop Top zu versuchen.

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Gefährliche Allianzen https://ansch.4lima.de/gefaehrliche-allianzen/ https://ansch.4lima.de/gefaehrliche-allianzen/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:06:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=24929 In den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen finden Rechtsextremismus, Esoterik und Antifeminismus zusammen. Judith Rahner über Hetze, Homöopathie und menschenfeindliche Ideologien. Je länger die Corona-Pandemie andauert, umso größer wird der wahrnehmbare Unmut über die Verordnungen und Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Virus. In dieser gesellschaftlichen Stimmungslage gewinnen menschenverachtende Ideologien, Verschwörungsmythen und antidemokratische Ideen an Boden. Es […]]]>

In den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen finden Rechtsextremismus, Esoterik und Antifeminismus zusammen. Judith Rahner über Hetze, Homöopathie und menschenfeindliche Ideologien.

Je länger die Corona-Pandemie andauert, umso größer wird der wahrnehmbare Unmut über die Verordnungen und Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Virus. In dieser gesellschaftlichen Stimmungslage gewinnen menschenverachtende Ideologien, Verschwörungsmythen und antidemokratische Ideen an Boden. Es ist ein kleiner, aber lautstarker und sich zunehmend radikalisierender Teil der Bevölkerung, der sich in den sozialen Medien und auf der Straße eine verschwörungsideologische und demokratieskeptische Gegenöffentlichkeit geschaffen hat. Rechtsradikale Alternativmedien und rechtsextreme Akteur*innen wittern ihre Chance, und heizen diese Stimmung durch die kampagnenartige Verbreitung von Desinformationen und Verschwörungsmythen an. Corona wird als Vorwand genutzt, um menschenfeindliche Ideologien und antidemokratische Ideen voranzutreiben.

Verschwörungsideologisch. Der rechtsextreme Vlogger und Holocaust-Leugner Nikolai Nerling, der als „Volkslehrer“ vor seiner Sperre auf Youtube 60.000 AbonnentInnen erreichte, Heiko Schrang der sehr erfolgreich esoterische Lebenshilfe mit antisemitischen Verschwörungsmythen kombiniert oder der Bestsellerautor veganer Kochbücher und Verschwörungsideologe Atilla Hildmann haben eins gemein: Sie erfahren seit der Corona-Pandemie großen Zulauf und bekommen viel mediale Aufmerksamkeit. Sie spielen auf der gesamten Klaviatur – ideologisch motivierter – Verzerrungen der Wirklichkeit, sie verharmlosen das Corona-Virus und behaupten, Menschen würden vorsätzlich in Angst und Panik versetzt. Gewarnt wird vor einer „Gesundheitsdiktatur“. Die entscheidende Frage dabei sei, wer von dieser Angst der Menschen profitiere. Verschwörungserzählungen berichten von einem geheimen Plan, um eine „Neue Weltordnung“ (NWO) zu errichten: ein beliebter Verschwörungsmythos in rechtsesoterischen und rechtsextremen Kreisen, in dessen Zentrum die vermeintliche Versklavung der Menschheit durch eine „Geheimorganisation“ – eine antisemitische Chiffre – steht. Als Drahtzieher dieser neu anzustrebenden Weltordnung gilt Bill Gates, dessen Stiftung zahlreiche Programme zur Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose finanziert. Gates profitiere von den Impfungen und würde Menschen zugleich vergiften, gefügig machen und ihnen einen Chip zur Überwachung implantieren, so die abstruse, aber erstaunlich verbreitete Erzählung.

Antifeministisch. Impfkritische Argumentationen verbinden sich nicht nur mit Verschwörungsmythen, sondern werden auch mit antifeministischen Positionen vermengt: So würde Bill Gates die Bevölkerung durch Impfungen bewusst reduzieren wollen. Beweise will man darin erkennen, dass er und sein Vater im Vorstand der Non-Profit-Organisation Planned Parenthood, sitzen, die neben diversen medizinischen Leistungen auch Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Diese über Telegram hundertfach verbreiteten Lügen werden auch von reaktionären Kirchenvertretern und radikalen Abtreibungsgegner*innen verbreitet. Ihre antifeministische Lebensschutzrhetorik findet sich nun in diversen Corona-Mythen wieder, beispielsweise wird behauptet, dass der Impfstoff an abgetriebenen Föten getestet würde. Es ist kein Zufall, dass sich verschwörungsideologisches und antidemokratisches Gedankengut mit antifeministischen Ideen mischt. Denn Zeiten der Krise werden immer auch für reaktionäre Geschlechterpolitiken genutzt: Dann sollen, so die AfD im Bundestag, „die vielen Millionen für dekadente Genderprofessuren“ eingespart werden, es brauche „mehr Mediziner und Naturwissenschaftler und keine Gender-Gaga-Experten“. Der coronabedingte Rückzug ins häusliche Umfeld wird zugleich als Chance zur Rückbesinnung auf die traditionelle Kleinfamilie gefeiert. Den traurigen Höhepunkt antifeministischer und homofeindlicher Hetze zeigte die Corona-Demonstration der Initiative Querdenken in Wien Anfang September. Auf der Hauptbühne wurde unter tosendem Applaus die Regenbogenflagge mit dem Hinweis zerrissen, dass diese ein Symbol von „Kindeschändern“ sei.

QAnon. Die Pandemie hat auch derVerschwörungslegende QAnon zu einem rasanten Aufstieg verholfen, deren Ursprung in rechtsextremen Imageboards liegt. Deren Anhänger*innen sind davon überzeugt, dass es eine geheime Schattenregierung, bestehend aus Politik und Hollywood-Prominenz gebe, die Kinder in Folterkellern hält, um sich an ihnen zu vergehen und massenhaft Adrenochrom – ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin – abzuzapfen, das ewige Jugend verleihe. Dieser Verschwörungsmythos greift auf die alte, im mittelalterlich europäisch-christlichen Antijudaismus verwurzelte Ritualmordlegende zurück, die gegenwärtig neu verpackt wird. Das Symbol ‚Q‘ ist on- und offline zu einem Kult und regelrechten Massenphänomen mutiert.
Bei der viralen Verbreitung spielen auch Wellness-, Gesundheits- und Lifestyle-Influencer auf Instagram, beispielsweise von Luvbec mit 124.000 AbonnentInnen, dr.josepharena oder littlemisspatriot (ab 50.000 Follower) und anderen Onlinediensten eine Rolle. Sie nutzen die Verunsicherung ihrer vornehmlich weiblichen Follower und lenken über COVID-19 Traffic auf ihre Seiten. So finden sich auf einflussreichen Wellness-Blogs falsche Informationen, die in pseudowissenschaftlicher Sprache verpackt Wellness-Tipps und homöopathische Behandlungsmethoden gegen Corona anbieten. In einer Instagram-Ästhetik in lindgrün und altrosa werden verschwörungsideologische QAnon-Ideen weichgezeichnet. Einige Influencer erklären sich als Mütter dazu verpflichtet, diesen vermeintlich wahren Geschichten von Kindesmissbrauch nachzugehen. Gruppen wie „QAnon-Moms on mission“ oder „Moms for QAnon“ verbreiten ihre verstörenden Verschwörungsideen als „besorgte Mütter“ äußerst sendungsbewusst unter ihren vielen tausend Followern.

Rechtsextrem. Nicht nur auf Social-Media-Plattformen, auch auf der Straße treffen breite Teile der Gesellschaft auf rechtsextreme Deutungsangebote. So beispielsweise auf den Demonstrationen Ende August in Berlin, organisiert von der Initiative Querdenken. Dort traf sich eine obskure Allianz aus Pandemie-Populist*innen, Verschwörungsgläubigen, Naziversteher*innen, Impfgegner*innen, Corona-leugner*innen, Esoteriker*innen und Bürgerlichen. Die Demonstration war zugleich einer der größten rechtsextremen Aufmärsche der letzten Jahre. Alle waren vertreten: Rechte Parteien, rechtsalternative Publikationsorgane, das neurechte Spektrum, Burschenschaften, Identitäre, ReichsbürgerInnen, Nazihools, Divisionen, Kampsportler und Holocaust-LeugnerInnen. Diese Allianz ist kein Zufall, schließlich weisen rechtspopulistische Erzählungen, Anti-Corona-Proteste, esoterische Lehren und Verschwörungsmythen einige Schnittmengen auf: Sie wenden sich populistisch gegen „die da oben“, geben einfache, irrationale Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen, vertreten dabei einen alleinigen Wahrheitsanspruch, diffamieren die Presse, bedienen den Opfermythos, wähnen sich im Kampf gegen einen (übermächtigen) Gegner und wollen das politische System – mit einer eigenen verfassungsgebenen Versammlung – überwinden.

Auch wenn auf den Demonstrationen die viel beschworenen Bürger*innen aus der gesellschaftlichen Mitte mitmarschieren – auf den Demonstrationen treffen sie auf rechtsextreme Deutungsangebote. Überdies sind die Corona-Protest-Demonstrationen eine perfekt inszenierte rechtsextreme Raumnahme vor einer vermeintlich friedlichen Massenkulisse, bestehend aus Kindern, Familien und „Besorgten“, inklusive Hand-aufs-Herz-Rufen und öffentlicher Meditation. Ihren Höhepunkt fand diese Strategie bei der Erstürmung der Treppen des Reichstagsgebäudes, die eine regelrechte Euphorisierung der rechtsextremen Szenen nach sich zog, und all jene bestärkt, die von einem langersehnten Umsturz der verhassten liberalen Demokratie träumen. Es sollte niemanden wundern, wenn der nächste rechtsterroristische Anschlag aus genau jenem radikalisierten Milieu erfolgt.

Judith Rahner leitet die Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus bei der Amadeu Antonio Stiftung, die mit einem Fokus auf Gender Bildungsarbeit, Politik und Medien im Umgang mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit berät und schult.

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Hoffnung. Enttäuschung. Trauer. Wut. Repeat. https://ansch.4lima.de/hoffnung-enttaeuschung-trauer-wut-repeat/ https://ansch.4lima.de/hoffnung-enttaeuschung-trauer-wut-repeat/#comments Fri, 09 Oct 2020 17:05:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=24951 Die Wunder der Reproduktionstechnologie machen einen unerfüllten Kinderwunsch scheinbar zu einem Problem der Vergangenheit. Die Lebenssituation und das Leid vieler Betroffener erzählen eine andere Geschichte. Von Cornelia Grobner „Wann nach einer Fehlgeburt darf ich wieder Tampons benutzen?“ Es ist das Jahr, in dem sich endlich ihr Kinderwunsch hätte erfüllen sollen, als Anna diese Frage in […]]]>

Die Wunder der Reproduktionstechnologie machen einen unerfüllten Kinderwunsch scheinbar zu einem Problem der Vergangenheit. Die Lebenssituation und das Leid vieler Betroffener erzählen eine andere Geschichte. Von Cornelia Grobner

„Wann nach einer Fehlgeburt darf ich wieder Tampons benutzen?“ Es ist das Jahr, in dem sich endlich ihr Kinderwunsch hätte erfüllen sollen, als Anna diese Frage in tiefer Trauer im Netz postet. Die aufpoppenden Antworten tragen sie hinein in jene Foren, die sie doch tunlichst meiden wollte. Foren, in denen sich Menschen austauschen, die unfreiwillig kinderlos sind. Wut. Verzweiflung. Hoffnung. Enttäuschung. Schmerz. Bitterkeit. Es ist ein düsterer Ort. Exil für jene Gefühle, die im Alltag geflissentlich ignoriert werden. „Ich fühle mich, als wäre ich zu blöd für diese Welt“, heißt es da etwa. Die anonyme Userin hat vier nicht erfolgreiche In-vitro-Fertilisationen hinter sich und mittlerweile den Kontakt zu all ihren Freundinnen abgebrochen, weil sie deren Familienleben mit Kindern nicht mehr aushält. „Für mich ist der Neid auf andere mittlerweile unerträglich“, pflichtet ihr eine andere bei. „Er frisst mich innerlich auf.“ An anderer Stelle erzählt eine Frau von ihren sechs Fehlgeburten. Nachsatz: „Das Kinderlos-Sein tut weh, aber viel, viel schlimmer sind die ununterbrochenen Hinweise auf meine biologische Uhr.“

Desillusionierung. Tatsächlich ist das Zeitfenster, in denen Schwangerschaften gesellschaftlich erwartet und befürwortet werden, ein recht kleines. Das musste auch Anna spüren. Sie wollte „immer schon“, wie sie sagt, Mutter werden. Die Trauer darüber, dass es nicht und nicht klappte, nahmen viele in ihrem Umfeld nicht ernst: Sie sei ja noch jung. Die Gründe dafür, warum Ei- und Samenzelle nicht verschmelzen, eine Einnistung nicht klappt oder es später zu einer Fehlgeburt kommt, sind vielfältig und sie treten nicht selten auf: Knapp jeder dritte Mensch mit Uterus erlebt im Laufe des Lebens eine oder mehrere Fehlgeburten. Denkbar groß ist das Arsenal der Komplementär- und Alternativmedizin gegen medizinisch unbegründete Unfruchtbarkeit und zur Erhöhung der Chancen auf eine Schwangerschaft. Ihre Wirksamkeit ist jedoch umstritten, die Grenze zwischen Scharlatanerie und sinnvoller Hilfe nicht immer leicht zu bestimmen. Es sei für sie ein schmerzhafter Lernprozess gewesen, dass ein positiver Schwangerschaftstest noch lange nicht bedeutet, ein Kind zu bekommen, resümiert Anna, die Anfang des Jahres nach einer Zeit der körperlichen Selbstüberwachung und Selbstoptimierung eine weitere Fehlgeburt hatte. Über ungewollte Kinderlosigkeit spricht man eben nicht. Nicht in der Schule, nicht im Privaten, nicht in der Öffentlichkeit. Obwohl. So ganz stimmt das freilich nicht, möchte man einwenden. Immerhin ist viel über die Möglichkeiten neuer Reproduktionstechniken zu hören. Es handelt sich dabei jedoch mehr um Erfolgserzählungen der modernen Wissenschaft und weniger um einen realistischen Blick auf die davon geprägten Lebensrealitäten.

Stigmatisierung. „Ich habe versucht, meinen eigenen intensiven Kinderwunsch auch auf seine soziale Konstruiertheit hin zu hinterfragen, aber getröstet hat mich das nicht“, meint Anna. „Um mich herum schienen alle fröhlich schwanger zu werden, nur ich nicht. Ich musste lernen, mit dem Gefühl des Scheiterns und des Versagens umzugehen. Manchmal habe ich mich dafür geschämt, nicht schwanger zu werden.“ Anna erlebt Einsamkeit und Isolation. Sie würde sich gerne mit Gleichgesinnten austauschen, scheut aber den Kontakt mit Unbekannten. Ganz anders Miriam. Sie ist 34 und versucht mittlerweile seit vier Jahren schwanger zu werden. „Ich habe herausgefunden, dass ich Trost nur bei Menschen in einer ähnlichen Situation finde.“ Menschen, die sie aktiv anspricht, über soziale Netze, bei Veranstaltungen, und die sie manchmal auch zu Blinde-Dates trifft. Trotzdem sei dieses große Gefühl der Ungerechtigkeit mitunter unerträglich, schildert sie. „Wenn ich dann wieder von einer Schwangerschaft im Umfeld erfahre, dann ist das wie ein Schlag in die Magengrube.“

Fertility Gap heißt jene Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderanzahl. Planten in den 1990er-Jahren fünf Prozent der Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren in Österreich, Deutschland und der Schweiz keine Kinder, so blieben insgesamt viermal so viele bis heute ohne Nachwuchs. Das geht aus einer Untersuchung der Demographinnen Éva Beaujouan und Caroline Berghammer hervor. Der Fertility Gap ist in diesen Ländern vor allem unter Akademikerinnen auffallend groß. Weitere Erhebungen lassen darauf schließen, dass auch lesbische cis Frauen häufig von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen sind. Doch viele Lebensrealitäten werden in den Studien erst gar nicht berücksichtigt: „Ein Kinderwunsch ist weder weiblich noch männlich, sondern menschlich“, betont etwa der trans Mann Benjamin Czarniak, der in dem nun neu aufgelegten Sammelband „Nicht nur Mütter waren schwanger“ (edition assemblage) über den Schmerz nach seiner ersten Fehlgeburt schreibt.

Die Annahme, dass jede Frau Mutter ist oder sein will, sowie dominante gesellschaftliche Normen, die festlegen, wer wann und unter welchen sozialen, familiären, gesundheitlichen oder ökonomischen Umständen Kinder haben sollte, prägen die individuellen Erfahrungen mit ungewollter Kinderlosigkeit ganz unterschiedlich. Nicht zuletzt geht etwa Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit in besonders patriarchal geprägten Gesellschaften mit Stigmatisierung oder Verlust der ökonomischen Sicherheit einher. Die britische Autorin und Begründerin des Gateway-Women-Netzwerkes für kinderlose Frauen, Jody Day, publizierte auf ihrer Plattform eine Liste mit fünfzig Lebensumständen, die Elternschaft verhindern – von Unfruchtbarkeit aufgrund von Chemotherapie über die Abwesenheit der gewünschten Paarbeziehung bis hin zu Armut oder gesetzlicher Diskriminierung. „Das Zimmer namens Kinderlosigkeit hat viele Türen; nicht nur die mit ,will nicht‘ und ,kann nicht‘ markierten“, unterstreicht sie.

Hoffnung. Auch Miriam hat viele Metaphern für ihre Situation. Sie ringt nicht nach Worten und man merkt ihr an, dass sie oft über das Thema spricht und sich rundum informiert hat. Über Reproduktionstechnologie zum Beispiel. „Ich habe mich dagegen entschieden“, erklärt sie. Das hat zum einen gesundheitliche Gründe, zum anderen kritisiert sie, dass der deutsche Staat bei der finanziellen Unterstützung von künstlicher Befruchtung ein Beziehungsmodell, das Hetero-Ehepaar, bevorzugt.

In-vitro-Fertilisation, das klingt für manche wie ein Heilsversprechen. Doch nur bei etwa vierzig Prozent dieser Behandlungen, bei denen die Befruchtung der Eizellen außerhalb des Körpers stattfindet, kommt es zu einer Schwangerschaft. Die oftmals über Jahre andauernde Hormonbehandlung geht nicht selten mit psychischen und physischen Problemen einher. Zur finanziellen Belastung gesellt sich häufig jene, die durch die ungleiche Rollenverteilung innerhalb einer bestehenden Partner:innenschaft entstehen kann. „Mein Kinderwunsch ist sehr groß, aber ich springe nicht durch jeden Reifen, den man mir hinhält“, sagt Miriam klipp und klar. Diese Haltung passt zum Vorschlag der Soziologin Gayle Letherby, unfreiwillige und freiwillige Kinderlosigkeit nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern sie als ein Kontinuum mit ganz unterschiedlichen Ausgangssituationen, aber eben auch Möglichkeiten zu betrachten. „Seit ich mit anderen Betroffenen spreche, hat sich mir eine größere Perspektive auf Kinderlosigkeit eröffnet“, sagt Miriam. „Uns beschäftigen vielleicht dieselben Eckpunkte des Themas, aber die Sorgen und Ängste, der Schmerz und die Schwere sind ganz unterschiedlich verteilt – und es gibt immer noch einen riesigen Entscheidungsraum. Das weicht das Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins auf.“

Die Psychologin Helga Krüger-Kirn regt als eine Art Fazit der feministischen Diskursgeschichte zu Elternschaft eine begriffliche Trennung von Mutterschaft und Mütterlichkeit an. Wobei letzteres Prinzip weder an ein bestimmtes Geschlecht noch an Care-Verantwortung für eigene Kinder gebunden ist und etwa in der Rolle als Onkel, erwachsene Freundin oder Mentorin verwirklicht wird. Sich darin wiederzufinden und den eigenen Kinderwunsch bewusst zu verabschieden, können Schmerz und Wehmut lindern. Noch ist Miriam nicht soweit. Auch wenn der gelungene Umgang mit Kindern von Freund:innen mittlerweile eine große Trostquelle für sie geworden ist. Trotzdem. Die Momente bleiben bittersüß.

Cornelia Grobner ist Journalistin und lebt in Wien.

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“Havin’ one of those days” https://ansch.4lima.de/havin-one-of-those-days/ https://ansch.4lima.de/havin-one-of-those-days/#respond Fri, 09 Oct 2020 16:58:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=24944 Ist PMS die Kapitalismuskritik des Körpers? Franzis Kabisch über Krämpfe und Leistungsdruck – und fehlende Forschung zum prämenstruellen Syndrom. „Today I’m not feelin’ pretty / See I’m feeling quite ugly / Havin’ one of those days / When I can’t make up my mind”, singt Mary J. Blige 2001 in ihrem Song PMS. Treffender hat […]]]>

Ist PMS die Kapitalismuskritik des Körpers? Franzis Kabisch über Krämpfe und Leistungsdruck – und fehlende Forschung zum prämenstruellen Syndrom.

„Today I’m not feelin’ pretty / See I’m feeling quite ugly / Havin’ one of those days / When I can’t make up my mind”, singt Mary J. Blige 2001 in ihrem Song PMS. Treffender hat es nur Dolly Parton in PMS Blues auf den Punkt gebracht: „Nothing fits me when it hits me”. Beide Musikerinnen klagen über das prämenstruelle Syndrom – kurz: PMS –, drei Buchstaben, die sich menstruierende Menschen vor ihren Tagen wie eine Art Codewort, begleitet von einem verständnisvollen Nicken, zuraunen. Dennoch hat auch die Wissenschaft keine exakte Antwort auf die Frage: Was ist PMS eigentlich genau?

Fakten. Je nach Quelle sollen siebzig bis neunzig Prozent der menstruierenden Menschen körperliche Veränderungen bemerken in „den Tagen vor ihren Tagen“, auch Lutealphase genannt (nach dem lateinischen luteus – orangegelb, bezogen auf den Gelbkörper, zu dem sich die unbefruchtete Eizelle entwickelt). Bei zehn bis 12 (laut mancher Quellen sogar dreißig) Prozent der Personen sind die Veränderungen so stark, dass man von Beschwerden und damit von PMS sprechen kann, vor allem, wenn diese regelmäßig und über Jahre hinweg auftreten: etwa Schmerzen und Ziehen in den Brüsten, Rückenschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung, Bauchkrämpfe oder unreine Haut. Wenn die Beschwerden vor allem psychisch und von besonderer Schwere sind, zum Beispiel depressive Phasen, Angstzustände, extreme Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen, spricht man von PMDS, der prämenstruellen dysphorischen Störung. Laut Schätzungen sind drei bis acht Prozent der menstruierenden Personen von PMDS betroffen. Verlässliche Zahlen fehlen, da es nur wenig Forschung dazu gibt.

Unterforschung. „Further research is required.“ Bei vielen Studien, die sich in der Datenbank PubMed zu PMS oder PMDS finden lassen, ist schon im Abstract zu lesen, dass weitere Forschung vonnöten ist. In den letzten Jahren wurden zu „PMDD“ (der englischen Abkürzung für PMDS) durchschnittlich fünfzig und zu „premenstrual syndrome“ durchschnittlich hundert internationale Studien verzeichnet. Zum Vergleich: Für das Schlagwort „erectile dysfunction“ gibt es um die 1.100 und für „prostate“ konstant um die 10.000 Studien pro Jahr. Auch wenn das sehr spezifische PMS als Syndrom nicht direkt mit der Prostata als Organ vergleichbar ist, zeigen diese Zahlen dennoch einen Trend in der internationalen medizinischen Forschung, nämlich die misogyne Vernachlässigung und Unterforschung Frauen1 betreffender Leiden. Wer sich mit starken Beschwerden an die*den Gynäkolog*in wendet, erhält nicht selten die unbefriedigende Antwort, dass diese zum Zyklus eben dazugehören würden oder nur ein „hormonelles Ungleichgewicht“ dahinterstecke. Die vage Faktenlage bestärkt zudem sexistische Zuschreibungen, nach denen Frauen emotional unstabil, von ihren Hormonen kontrolliert oder um die Zeit ihrer Periode herum nicht ansprechbar seien. In feministischer DIY-Manier findet Wissensproduktion und Austausch somit vorranging in selbstorganisierten Gruppen oder in sozialen Medien statt.

Definition als Krankheit. Im Laufe der 1980er-Jahre wurde PMS im DSM, dem „diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ als Syndrom bzw. Störung offiziell eingetragen – ein wichtiger Schritt für viele, die unter prämenstruellen Beschwerden leiden. Auch das in Europa gebräuchlichere ICD-Handbuch („Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“), das den Fokus nicht nur auf psychische Störungen, sondern auf Krankheiten generell legt, verzeichnet „prämenstruelle Beschwerden“ in seiner zehnten Auflage – jedoch nicht unter den „psychischen Verhaltensstörungen“, sondern unter „Krankheiten des Urogenitalsystems“. Unabhängig von der Kategorie kann diese Anerkennung für Menschen mit hohem Leidensdruck nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Erlösung bieten. Denn abseits der prämenstruellen Beschwerden wird die notwendige Rechtfertigung gegenüber dem Umfeld als besonders belastend erlebt. Wenn Familie oder Freund*innen die Beschwerden nicht ernst nehmen, kann dies sogar zu einer Symptomverstärkung führen, wie Jane M. Ussher und Janette Perz in einer Studie der Western Sydney University herausgefunden haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Shikha Dixit und Sucharita Maji, Forscherinnen am Indian Institute of Technology Kanpur: Psychische und körperliche Erkrankungen seien bei Frauen „konstant mit einem sich-selbst-zum-Schweigen-bringenden Verhalten in Verbindung zu bringen.“ Dies sei auch bei PMDS der Fall. Nicht wenige Menschen, die unter starken Stimmungsschwankungen vor der Periode leiden, suchen die Gründe bei sich selbst und zweifeln dabei ihre Wahrnehmung sowie ihre Urteilsfähigkeit an.

Kritik an Pathologisierung. Mit der Aufnahme von PM(D)S in den „Leitfaden psychischer Störungen“ ging aber auch Kritik von feministischer Seite einher. Wissenschaftler*innen bezweifelten, dass es PMS als Krankheit wirklich gebe – nicht, weil sie menstruierenden Menschen ihre Erfahrungen absprechen wollten, sondern weil sie darin eine wiederholte Pathologisierung des weiblichen Körpers sahen. Besonders laut wurde diese Kritik in den USA, als die Aufnahme von PMS in den Leitfaden die Zulassung eines neuen Antidepressivums ermöglichte. Kritiker*innen sahen darin vor allem die Interessen der Pharmaindustrie bestätigt, die eine neue Gruppe an Patient*innen brauchte, statt PMS als gesamtgesellschaftliches Problem und Symptom einer unerbittlichen Leistungsgesellschaft zu identifizieren. Aus dieser Perspektive lässt sich die Berichterstattung über PMS ganz anders interpretieren. Die meisten Artikel in Fachzeitschriften oder Tageszeitungen fokussieren nämlich ausschließlich auf die Rolle der Frau als Mutter und Arbeiterin. Oft ist von „Ausnahmezuständen“ die Rede, die den familiären Frieden stören oder die Leistungsfähigkeit der Frau im Beruf enorm einschränken. So schreibt die Ärztin Anke Rohde auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, dass die Antidepressivum-Medikation abgesetzt werden könne, wenn sich „die familiäre Situation stabilisiert hat.“ Immer wieder steht in der Auseinandersetzung mit PM(D)S der „Ausfall“ der Frau selbst im Fokus. Nur selten geht es dabei um eine Systemkritik, die die Doppel-Belastungen vieler Betroffenen zwischen Beruf, Familie, emotionaler Arbeit, Patriarchat und anderen Diskriminierungen anerkennt. Wenn all diese Belastungen konstant auf den Körper einwirken, verwundert es kaum, dass eine Hormonveränderung vor der Periode vieles zum Einstürzen bringen kann. Eine ähnliche systemkritische Haltung nahm auch die Forscherin Sarah Romans ein, als sie eine Gruppe kanadischer Frauen für eine Studie sechs Monate lang Tagebuch über deren Stimmungsschwankungen führen ließ. Herauskam, dass nicht so sehr der menstruale Zyklus, sondern vielmehr andere Faktoren die Stimmungen beeinflussten: soziale Unterstützung, die eigene Stresswahrnehmung und der sonstige Gesundheitszustand.

Symptome. Ob Erkrankung oder nicht: Mit all den unterschiedlichen Symptomen, die PMS mit sich bringt und die mit einer einzelnen Tablette nicht gelöst werden können, ließe sich PMS fast selbst als ein Symptom beschreiben – als Symptom einer kapitalistischen und ableistischen Gesellschaft. In dieser scheint es unmöglich, auf die eigenen Bedürfnisse jederzeit eingehen zu können, vor allem in einer Zyklusphase, in der die Empfindlichkeit höher und die Eindrücke stärker sind. Aber genau das wäre für menstruierende Menschen oft wünschenswert: eine zyklische Lebensweise, in der es immer wieder auf und ab, vor und zurück geht, statt einer linearen Fortschrittsgesellschaft.

[1] Obwohl es ganz unterschiedliche Personen gibt, die menstruieren, wird in geschlechtsbinären Forschungen nur von „Frauen“ gesprochen.

Franzis Kabisch bedankt sich bei ihrer Freundin Eva Tepest für diverse PMS-Verweise und den regen geführten Austausch darüber im Alltag und in Ausnahmezuständen.

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„So viele Absurditäten“ https://ansch.4lima.de/so-viele-absurditaeten/ https://ansch.4lima.de/so-viele-absurditaeten/#respond Fri, 09 Oct 2020 16:11:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=24939 Warum es keine Geschlechtshormone gibt und eigentlich die ganze Hormonforschung neu gedacht werden müsste, hat Bettina Enzenhofer von der Biologin Sigrid Schmitz erfahren. an.schläge: Hormonforschung bewegt sich nicht in einem objektiven, voraussetzungslosen Raum, sondern wird unter anderem von Geschlechterverhältnissen beeinflusst. Schon der Name der sogenannten Geschlechtshormone bestätigt Geschlechterklischees und weist den Geschlechtern ihren Platz zu: […]]]>

Warum es keine Geschlechtshormone gibt und eigentlich die ganze Hormonforschung neu gedacht werden müsste, hat Bettina Enzenhofer von der Biologin Sigrid Schmitz erfahren.

an.schläge: Hormonforschung bewegt sich nicht in einem objektiven, voraussetzungslosen Raum, sondern wird unter anderem von Geschlechterverhältnissen beeinflusst. Schon der Name der sogenannten Geschlechtshormone bestätigt Geschlechterklischees und weist den Geschlechtern ihren Platz zu: So bedeutet das Wort „östrogen“ „die Brunst produzierend“ oder auch „verrückt“, „androgen“ bedeutet „einen Mann herstellen“. Was weiß man heute?
Sigrid Schmitz: Um es herunterzubrechen: Man weiß, dass der Name „Geschlechtshormone“ falsch ist, weil es keine Geschlechtshormone sind. Es sind Wachstumshormone. Testosteron beeinflusst Muskeln, Knochenaufbau, Herz-Kreislaufsystem – und zwar bei allen Geschlechtern. Östrogen beeinflusst auch Lunge, Leber, den Knochenaufbau. Knochenaufbau und Östrogen sind eng verschachtelt. Osteoporose als paradigmatische Erkrankung allein bei Frauen ist Unsinn. Dreißig Prozent der Osteoporose-Fälle sind Männer. Insofern hebt sich diese geschlechtliche Zuordnung auf, wenn man differenzierter schaut. Man weiß auch, dass die Testosteron-Konzentrationsunterschiede bei Erwachsenen und Jugendlichen unterschiedlichen Geschlechts ab der Pubertät im Schnitt höher sind. Aber nicht pränatal, nicht frühpostnatal, da gibt es diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern gar nicht so deutlich. Bei Frauen standen in der Forschung die zyklischen Östrogenschwankungen im Zentrum, aber man weiß mittlerweile, dass sich auch das Testosteronlevel von Männern im Lebensverlauf ändert, außerdem jährlich – im Frühjahr höher, im Herbst niedriger – und täglich zwischen morgens und abends. Man weiß also, dass das alles wesentlich komplexer ist.
Es gibt innerhalb der biologisch-medizinischen Forschung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein Umdenken. Beispiel Testosteron: Dass das Testosteron für das Verhalten verantwortlich wäre, wird überhaupt nicht mehr als lineare Beziehung gesehen. Die bio-soziale Verschränkung von Hormonlevel und Verhalten ist mittlerweile eigentlich Common Sense.

Also das Wechselspiel von Natur und Kultur: Es wirkt nicht einfach ein bestimmter Hormonspiegel auf Individuen, sondern Lebensumstände, Stress, körperliche Anstrengungen wirken auch umgekehrt auf den Hormonspiegel. Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Eine Riesendiskussion ist der Sport: Nicht nur Testosteron beeinflusst die Leistung, sondern auch das Training und die Erwartung eines Erfolgs oder Misserfolgs beeinflussen das Testosteronlevel. Es gibt eine ganze Reihe von Forschung darüber, wie der Status, die Wahrnehmung des eigenen Status oder das Verhalten in der Gruppe, was ja in sich schon geschlechtlich und intersektional geformt ist, sich auf das Testosteron auswirken.
Die Neurowissenschaftlerin Sari van Anders hat eine Studie mit Schauspielerinnen gemacht, die eine Entlassungsszene spielen, also jemanden entlassen sollten. Wenn sie das sehr dominant gemacht haben, was ja männlich konnotiert ist, stieg ihr Testosteronwert. Die Medien haben diese Ergebnisse so zusammengefasst: „Women: boost your testosterone“, um auf dem Markt der Leistungsgesellschaft erfolgreich zu sein. Die vergeschlechtlichten Dominanzstrukturen wurden von den Medien aber nicht hinterfragt. Und auch die Vorstellung, dass es dann wieder die Biologie ist, die bestimmt, was du machst – die bleibt bestehen, auch wenn angekommen ist, dass wir die Biologie modifizieren können.

Wie könnte eine kritische, feministische Hormonforschung aussehen?
Indem wir sie machen. Also das, was ich Embodiment nenne: die Zusammenhänge zwischen biologischen, sozialen, individuellen Erfahrungen und auch machtvollen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen, intersektionalen Machtverhältnissen und kulturellen Normen, also die Symbolik der Zuschreibungen, wirklich zu erforschen.
Sari van Anders sagt: Eigentlich muss die ganze Forschung neu gemacht werden. Wenn wir davon ausgehen, dass Stress, sozialer Status etc. den Hormonlevel beeinflussen, dann ist es nicht unlogisch zu sagen: So früh wie Gender-Sozialisation in unseren Gesellschaften binär einsetzt, müssen wir eigentlich fragen, inwieweit das geschlechtlich unterschiedliche Grundlevel von Testosteron dadurch schon beeinflusst wurde. Wenn wir das intersektional betrachten, käme übrigens noch viel mehr dazu, man muss race, class, gender immer zusammen denken. Sari van Anders ist eine sehr bekannte Neuro-Endokrinologin, und ihre Aussage ist heute eigentlich das Provokativste in der bio-medizinischen Forschung. Ob das klappen wird, wissen wir noch nicht, weil es natürlich extremen Widerstand gibt. Und zwar nicht nur von der Bio-Medizin selber, da geht es ja dann immer um Wissensmacht, sondern einfach ökonomisch. Hormone sind ein riesiger Markt!

Stichwort Markt und Hormonbehandlungen: Wie ordnen Sie Diskurse rund um Menopause und Andropause ein – also die Abnahme der Produktion von Östrogen und Testosteron in den Wechseljahren, die ja nicht nur Frauen, sondern alle Geschlechter haben?
Auf einer individuellen Ebene können Hormonbehandlungen natürlich sinnvoll sein. Diese Medikamentierung steht aber in einer Logik der selbstverantwortlichen Optimierung, Beispiel Testosteronsubstitution. Und zwar sowohl hinsichtlich des Leistungsgedankens als auch mit der Vorgabe: Du musst für dich sorgen, auch gesundheitlich, weil du sonst dem Gesundheitssystem zur Last fällst. Also ein Aspekt der Anrufung einer eigenen Gesundheitsfürsorge für gesellschaftliche Belange. Letztlich steht der Diskurs unter dem Primat der Jugendlichkeit. Es geht genauso um Östrogen. Das gilt dann aber geschlechterübergreifend, weil das Östrogen die Hirnvernetzung bei allen Geschlechtern so gut unterstützen soll und die Östrogenlevel aller Geschlechter nach den Wechseljahren mit Medikamenten gepusht werden sollten. Auch hier gibt es viele ökonomische Interessen.

Die Bio-Medizin legt heute noch immer fest, welche Hormonlevel Frauen und Männer haben sollen. Eine Frau, die mehr Androgene hat, als die Medizin vorsieht, wird pathologisiert.
Ja. Und es wird absurd und hat enorme, diskriminierende, verletzende Auswirkungen, wenn man zum Beispiel an Testosterondebatten im Sport denkt und an den Vorwurf der Intersexualität.

Für inter und trans Personen kann die Substitution von Östrogenen oder Androgenen notwendig sein, wenn ihnen die hormonproduzierenden Keimdrüsen wie z. B. Hoden oder Eierstöcke entfernt wurden – oft ohne dass sie das selbst wollten.
Das ist ja die Problematik. Außerdem: Es ist ein ganzes Feld, wo individuelle, vollkommen legitime Entscheidungen für oder gegen eine Hormonbehandlung verunmöglicht werden. Und zwar immer in den Bereichen, wo es nicht dem binären Geschlechtermodell entspricht. Ob ich jetzt Testosteron nehme, weil ich eine tiefere Stimme haben will – egal ob ich mich als trans Person definiere oder nicht –, ist doch meine individuelle Entscheidung. Frauen sollen wie vorhin angesprochen zwar ihr Testosteron boosten, aber eine Person, die noch nicht volljährig ist, muss für Operationen ein elendslanges Verfahren durchlaufen, um die Erlaubnis zu bekommen, das zu machen. Das ist ein Feld mit so viel Absurditäten. Aber wenn man die Absurditäten genauer anschaut, wird deutlich: wenn es nicht dem machtvollen gesellschaftlich anerkannten Bild entspricht, oder nicht der klassisch heteronormativen Vorstellung von zwei Geschlechtern, werden Hindernisse und Verletzungen in den Weg gelegt. Das ist eine zentrale Linie, an der etwas erlaubt oder nicht erlaubt wird. Und da zeigt sich, dass das gesellschaftlich und kulturell ist – und nicht biologisch.

Sigrid Schmitz ist Biologin und forscht in den Gender & Science Technology Studies zu Hirnforschung, Neurokulturen und Neurotechnologien. In ihrem aktuellen Projekt Gendering MINT gibt es u. a. eine Lehreinheit zu Hormonforschung: www2.hu-berlin.de/genderingmintdigital

Bettina Enzenhofer ist freie Journalistin und beschäftigt sich mit Frauen- und LGBTI-Gesundheit.

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„Unsere Probleme beginnen und enden nicht mit Trump“ https://ansch.4lima.de/unsere-probleme-beginnen-und-enden-nicht-mit-trump/ https://ansch.4lima.de/unsere-probleme-beginnen-und-enden-nicht-mit-trump/#respond Fri, 09 Oct 2020 15:59:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=24933 Am 3. November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Auch wenn Joe Biden gewinnt, so wie es die Umfragen vorhersagen, hat Trump die politische Kultur nachhaltig verändert. Brigitte Theißl hat Rachel Charlene Lewis vom „Bitch“-Magazin gefragt, wie groß der Schaden ist und wie sich die Zivilgesellschaft unter Trump verändert hat. an.schläge: Der Wahlsieg […]]]>

Am 3. November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Auch wenn Joe Biden gewinnt, so wie es die Umfragen vorhersagen, hat Trump die politische Kultur nachhaltig verändert. Brigitte Theißl hat Rachel Charlene Lewis vom „Bitch“-Magazin gefragt, wie groß der Schaden ist und wie sich die Zivilgesellschaft unter Trump verändert hat.

an.schläge: Der Wahlsieg Donald Trumps war nicht nur ein einschneidendes Ereignis für die Demokratie und internationale Politik, sondern auch für den Journalismus. Trump hat die Hetze gegen seriöse Medien und schamloses Lügen zu seinem Programm gemacht. Welche Strategie haben Sie beim „Bitch”-Magazin entwickelt, damit umzugehen?
Rachel Charlene Lewis: Eines unserer Hauptziele ist es, unser Publikum durch diesen Schmutz zu führen, Fakten zu liefern, Lügen in der Politik auch als Lügen zu benennen. Gerade auch, weil das Wort „Fakten“ mittlerweile völlig verdreht wurde. Wir haben auch unseren redaktionelle Planung und unsere Ziele angepasst, um sicher zu gehen, dass wir eine bestimmte Anzahl von Politik-Geschichten bringen. Außerdem haben wir einen politischen Newsletter gestartet, der gemeinsam mit einer anderen Organisation herausgegeben wird. Während die Wahl vor der Tür steht, arbeiten wir weiterhin an unserer politischen Strategie, um einer breiten Palette von Stimmen Gehör zu verschaffen und sicherzustellen, dass wir unabhängig vom Ausgang der Wahl bereit sind.

Am Tag nach der Angelobung Trumps protestierten Hunderttausende beim Women’s March gegen die Politik Trumps. Mittlerweile ist es ruhig geworden um die feministischen Aktivistinnen des Women’s March – warum hat die Bewegung an Schlagkraft verloren?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die Aktivistinnen selbst ruhig geworden sind. Ich glaube die Menschen, die sich rund um den Women’s March versammelt haben, sind ruhiger geworden, nachdem die Initiative dafür kritisiert wurde, nicht ausreichend inklusiv sein. Bewegungen wachsen und verändern sich, und so verändern sich auch ihre Prioritäten. Frauen, die am Women’s March teilgenommen haben, haben sich vor einigen Jahren vielleicht den Black-Lives-Matter-Protesten angeschlossen oder den jüngeren Protesten, die nach dem Tod von George Floyd und anderen Fällen von Polizeigewalt entstanden sind. Insgesamt sehe ich ein neues starkes Engagement und den Willen, sich mit den Strukturen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich zusammenzuschließen, um Veränderung anzustoßen – auch wenn das bedeutet, neue Mittel und Wege zu finden.

Würden Sie also sagen, dass die Präsidentschaft Trumps die Zivilgesellschaft in den USA gestärkt hat? Welchen Einfluss hatte er auf soziale Bewegungen?  
Trumps Präsidentschaft hat dazu beigetragen, die Illusion von Gerechtigkeit und Anstand in der US-Politik der Vereinigten Staaten zu zerstören. Ich denke hier vor allem an zwei Dinge. Auf der einen Seite bin ich froh, dass immer mehr Menschen (mich eingeschlossen) das breite Spektrum von Fehlschlägen und Fehltritten in der Geschichte der Vereinigten Staaten sehen. Andererseits bin ich besorgt darüber, dass zu viele Menschen all das „Schlimme“, das in den letzten vier Jahren unter Trump passiert ist, auf sein Konto schreiben und dass sie, wenn Joe Biden der nächste Präsident wird, aufhören werden, Verbesserungen im Gesundheitswesen, den Kampf gegen den Klimawandel und gegen Polizeibrutalität voranzutreiben. Unsere Probleme beginnen und enden nicht mit Trump.

Joe Biden ist ein „alter weißer Mann“, kein progressiver Kandidat der Demokrat*innen. Von links hagelte es während der Vorwahlen deshalb Kritik, zugleich herrscht der Tenor: Jede*r Demokrat*in ist besser als Trump. Wie nehmen Sie die Debatte wahr?
Die Debatte ist kompliziert. Einerseits bin ich persönlich der Meinung, dass wir Trump sofort aus dem Amt schaffen müssen. Andererseits war Biden nicht mein persönlicher Favorit – und ist es auch heute noch nicht. Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns etwas zurücknehmen und erkennen, dass es nicht unsere einzige Pflicht ist, den Präsidenten zu wählen. Und dass wir es uns und unseren Communities schuldig sind, uns auch anders politisch zu engagieren, wie z.B. durch Hilfsfonds und Freiwilligenarbeit. Wir müssen unsere Zeit, unser Geld und unsere Energie für die Anliegen einsetzen, die uns am Herzen liegen. Es beginnt und endet nicht mit Trump, und es beginnt und endet nicht mit der Stimmabgabe bei dieser einen Wahl.

Donald Trump hat die politische Kultur dennoch entscheidend verändert. Denken Sie, dass er mit seiner rassistischen Hetze, seiner Leugnung von Wissenschaft irreversiblen Schaden angerichtet hat?
Ja und nein. Ich denke, dass Trump Probleme, die bereits vorhanden waren, noch verschärft hat. Er hat eindeutig Verheerendes angerichtet – selbst wenn wir nur die COVID-19-Pandemie und den Verlust von Hunderttausenden von Menschenleben betrachten. Das ist Trump. Wir können diese Menschen nicht zurückholen, egal wie wir abstimmen oder protestieren. Rassismus und White Supremacy sind unter seiner Führung gediehen. Wir können auch den schrecklichen Schaden für die Umwelt sehen, selbst wenn wir nur Richtung Westküste blicken und sehen, wie sich dort der Himmel durch die wütenden Waldbränden verfärbt hat. Auch das ist Trump. Aber es liegt auch in unserer Verantwortung, diesen Fragen weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken, ganz gleich, was Trump tut. Falls Biden gewinnt: Wie wird er Rassismus und White Supremacy, Polizeibrutalität und Klimawandel sowie die Zerstörung des Vertrauens in den Journalismus und die Medien bekämpfen? Tun das die die Verantwortlichen in unseren eigenen Gemeinden ? Und wie kämpfen wir in unserem persönlichen Umfeld dafür? Trump hat schreckliche Dinge getan und einen schrecklichen Einfluss auf das Leben von Hunderttausenden von Menschen gehabt. Wir wären besser dran gewesen, wenn er niemals gewählt worden wäre, absolut. Aber wir können die Schuld nicht einfach auf seinen Schultern abladen, nur um uns selbst aus der Pflicht zu nehmen.

Rachel Charlene Lewis ist Senior Editor beim Bitch Magazine.

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