VI / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 09 Oct 2020 17:08:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VI / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 satira: Er war so verzweifelt https://ansch.4lima.de/er-war-so-verzweifelt/ https://ansch.4lima.de/er-war-so-verzweifelt/#respond Mon, 31 Aug 2020 12:41:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=23997 Illustration: Sabrina WegererNachdem Postler Herbert aus dem Weinviertel der Gattin den Garaus gemacht hatte, kam es in den Medien zu allerhand Beileidsbekundungen. Beigelitten wurde ausgiebig, was hatte den armen Postler Herbert nur dazu getrieben? Ausgerechnet Herbert. Er ist Postler im Ruhestand, im bestimmt wohlverdienten Ruhestand, immerhin ist Herbert 88. Er war immer gesellig und allseits beliebt. Eben […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Nachdem Postler Herbert aus dem Weinviertel der Gattin den Garaus gemacht hatte, kam es in den Medien zu allerhand Beileidsbekundungen. Beigelitten wurde ausgiebig, was hatte den armen Postler Herbert nur dazu getrieben? Ausgerechnet Herbert.

Er ist Postler im Ruhestand, im bestimmt wohlverdienten Ruhestand, immerhin ist Herbert 88. Er war immer gesellig und allseits beliebt. Eben noch hatte er Ribiseln geerntet, mit der Seinigen. Und dann so was.

Er hatte sich zurückgezogen, seit Wochen, der Alte war nicht mehr der Alte, grübelten die Nachbar_innen. War er vielleicht krank, rätselte Mann auf oe24.at. Also etwas, an dem Mann hätte sterben können, mit beinahe neunzig? Und war er darob derart verzweifelt, dass er zur Verzweiflungstat schritt? Aus purer Fürsorglichkeit? Weil er die Gattin nicht allein lassen wollte, fühlten die Mannen auf oe24.at schon mal mit.  

Er nahm sein Geheimnis mit ins Grab, die Seinige leider auch. Halt, nein! Uff, Ersteres verschob er im letzten Augenblick noch, kein Stress, stattdessen marschierte er ins zuständige Polizeikommissariat und stellte sich wie ein Mann.

Herbert harrt jetzt der Strafe, aber wahrscheinlich war er eh schon gestraft genug gewesen. Mit derjenigen. Wer sie war, außer dass sie Ribiseln sammelte und Kinder hatte, mit ihm, erfuhren wir nicht, und dann war schon wieder was anderes, Beirut und Bank im Burgenland, ein bisschen Verschnaufpause auch. Bevor der Nächste verzweifelt.

Weil sie ihn verlassen will, zum Beispiel. Da muss sich eine natürlich nicht wundern. Nicht nur in den Kreisen, in denen Gehen ein No-Go ist. Ihn verlassen! Allein! Lassen! Mama! Kein Wunder, dass das Messer plötzlich steckt, in ihr. Die Weiber bringen die Männer um den Verstand. Und die sie dann um. Logisch.

Oder er verzweifelt, weil sie ihn nicht verlässt. Weil sie in Windeln im Rollstuhl sitzt, zum Beispiel. Weil sie alt ist und seine Mutter oder alt und seine Frau. Weil sie ein Pflegefall ist. Er war so überfordert, ein mitleidiges Murmeln breitet sich aus, das den armen Hinterbliebenen wärmt wie ein Mantel.  

Es ist wirklich zum Verzweifeln!

Michèle Thoma, die auf die Hundert zugeht, verzweifelt so langsam.

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an.spruch: Alles beim Alten https://ansch.4lima.de/an-spruch-alles-beim-alten/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-alles-beim-alten/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:37:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=23872 Alexandra Weiss über das Widerwärtige in der politischen Kultur Tirols. In der Tiroler Landesverfassung ist seit 1980 nicht nur die „Treue zu Gott“, sondern auch die „geordnete Familie als Grundzelle von Volk und Staat“ verankert. Die dominante katholisch-konservative Prägung des Landes stand und steht im Widerspruch zur Demokratisierung – nicht nur – von Geschlechterverhältnissen. Dass […]]]>

Alexandra Weiss über das Widerwärtige in der politischen Kultur Tirols.

In der Tiroler Landesverfassung ist seit 1980 nicht nur die „Treue zu Gott“, sondern auch die „geordnete Familie als Grundzelle von Volk und Staat“ verankert. Die dominante katholisch-konservative Prägung des Landes stand und steht im Widerspruch zur Demokratisierung – nicht nur – von Geschlechterverhältnissen. Dass die Fristenlösung in Tirol nie umgesetzt wurde, ist ein eindrückliches Beispiel für die enge Allianz zwischen Kirche und Landespolitik.

Was als „geordnete Familie“ gilt, haben dabei bis Mitte der 1980er-Jahre Männer weitgehend unter sich ausgemacht. Insofern verwundert es nicht, dass die Familie kaum als Arbeitsplatz (von Frauen) thematisiert wird, sondern als schützenswerter „Rückzugsort“ (von Männern). Anlass, die Familie in die Landesverfassung aufzunehmen, war die Erosion der Kleinfamilie, die Pluralisierung der Lebensformen und die Abschaffung des Patriarchats im Ehe- und Familienrecht durch die sozialistische Alleinregierung. Dass die Familie als bedrohte Lebensform diskutiert wurde, hatte allerdings nicht nur mit Emanzipationsbewegungen zu tun, sondern mit ökonomischen Umbrüchen, die den männlichen Familienlohn abschafften.

Wenn, wie in Tirol, neoliberale Politiken auf ein traditionelles Patriarchat treffen, entsteht eine eigene Mischung dessen, was als „Reorganisation des Patriarchats“ diskutiert wird. Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt erfolgte nicht nur vor dem Hintergrund einer weitgehenden Deregulierung, sondern auch eines eklatanten Mangels an bedarfsgerechten Kinderbetreuungseinrichtungen.

Die Landespolitik nimmt die Armut von Frauen, ihre ökonomische Abhängigkeit und daraus entstehende Gewalt bewusst in Kauf. Frauen werden als billige Arbeitskräfte für die atypischen Arbeitsverhältnisse vor allem in Tourismus und Handel mobilisiert, weil sie gar keine andere Wahl haben. So bleibt in der Ordnung der Geschlechter alles beim Alten, obwohl sich alles ändert.

Dass Tirol ein Demokratie-Problem hat, ist nicht erst im Zuge der Corona-Krise offensichtlich geworden. Die ÖVP überzieht das Land mit einem engmaschigen Netzwerk. Auch die Landeshauptstadt bildet kein politisches Gegengewicht zum ÖVP-dominierten Land. Allerdings stört das hierzulande wenige, zu ausgeprägt sind dumpfer Regionalismus und autoritäres Denken. Kritik und die ohnehin nur recht oberflächlichen Ansprüche an Geschlechtergleichstellung wurden angesichts der Krise hinweggefegt: Frauen verschwanden schlagartig aus der politischen Öffentlichkeit oder räumten freiwillig das Feld, wie die grüne Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe.

Aber nicht nur das: Die Krise zeigte auch, dass die Lebensbedingungen von Frauen politisch nicht interessieren. Ihrer Funktion als Sozialkitt einer entsolidarisierten Gesellschaft sollten sie in der Krise freilich nachkommen und auffangen, was der Staat nicht (mehr) leistet. Die Unterversorgung mit sozialen Diensten, eine geringe Erwerbsquote, die höchste Teilzeitquote in Österreich, Einkommen, die für mehr als die Hälfte der Frauen nicht existenzsichernd sind, sind Garant für die „geordnete Familie“ und sorgen dafür, dass weibliche Autonomie Illusion und Politik Männersache bleibt.

Das Selbstverständnis einer außerordentlich männlich dominierten politischen Elite wurde durch den Fauxpas des Landeshauptmann-Stellvertreters Josef Geisler unabsichtlich öffentlich. Es war aber wohl nicht allein Sexismus, der ihn dazu veranlasste, die WWF-Vertreterin Marianne Götsch als „widerwärtiges Luder“ zu bezeichnen. Denn eine Bürgerin, die nicht verstummt, wenn ein Spitzenpolitiker spricht, irritiert.

Der feudale Gestus (nicht nur) von Politiker_innen wirft ein grelles Licht auf die politische Kultur eines Landes, in dem kaum je verstanden wurde, was Demokratie ausmacht und in der die politische Fantasie von Oppositionsparteien nur so weit reicht, sich als Juniorpartner in einer Koalition mit der ÖVP zu sehen. Kritik bleibt so allenfalls an der Oberfläche, während Entwürfe einer demokratischen Organisierung der Gesellschaft schlicht inexistent sind.

Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin und lebt in Innsbruck.

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an.sage: Den Aufstand proben https://ansch.4lima.de/an-sage-den-aufstand-proben/ https://ansch.4lima.de/an-sage-den-aufstand-proben/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:20:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=23869 „Frauen haben auch in der Krise eine besondere Leistung erbracht! Daher darf es für sie jetzt auch keine Nachteile geben“, postete Frauenministerin Susanne Raab Mitte August. Eine Ansage der ÖVP-Ministerin, die wohl als Appell an die weibliche Bescheidenheit zu lesen ist. Seit Monaten zersprageln sich Alleinerzieherinnen zwischen Lohnarbeit und improvisiertem Heim-Unterricht, ihr durchschnittlicher Arbeitstag ist […]]]>

„Frauen haben auch in der Krise eine besondere Leistung erbracht! Daher darf es für sie jetzt auch keine Nachteile geben“, postete Frauenministerin Susanne Raab Mitte August. Eine Ansage der ÖVP-Ministerin, die wohl als Appell an die weibliche Bescheidenheit zu lesen ist. Seit Monaten zersprageln sich Alleinerzieherinnen zwischen Lohnarbeit und improvisiertem Heim-Unterricht, ihr durchschnittlicher Arbeitstag ist ganze 15 Stunden  lang. In Hetero-Paarhausalten stemmen Mütter wie gewohnt den Löwenanteil bei Kinderbetreuung und Hausarbeit, so das Ergebnis einer Studie von Wirtschaftsuniversität und Arbeiterkammer. Noch im Frühjahr bedachte Raabs Parteikollege August Wöginger die schuftenden Frauen mit einer Portion Dankbarkeit. „Der Dank gilt da insbesondere meiner Frau“, richtete der ÖVP-Klubobmann über den Bildschirm aus. Home-Schooling mit drei Kindern funktioniert offenbar ganz großartig – wenn die Ehefrau sich darum kümmert.

Immerhin bietet die Frauenministerin nun mehr als einen warmen Händedruck: Schulschließungen würden im Herbst nur punktuell und so kurz wie möglich erfolgen, erklärte Raab. Die politische Linie der Volkspartei hatte Kanzler Kurz bereits im April abgesteckt: Es sei „keine Schande“, wenn Eltern ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule schicken, weil sie es nicht mehr aushielten, verkündete er bei einer Pressekonferenz großzügig. Auch am Arbeitsmarkt solle es „keine Rückschritte für Frauen“ geben, so der Plan der Frauenministerin. Der Backlash ist dort bereits im vollen Gange: Ganze 85 Prozent des Anstiegs bei der Arbeitslosigkeit zwischen Februar und Juni 2020 entfielen auf Frauen. Denn die Krise trifft jene Branchen, in denen besonders viele Frauen beschäftigt sind: persönliche Dienstleistungen, Gastronomie und Hotellerie ebenso wie den Einzelhandel und die Freizeit- und Kulturbranche. Angesichts dieser Entwicklung drohe Frauen die Rolle der „stillen Reserve“, analysiert Arbeiterkammer-Expertin Ingrid Moritz (siehe Seite 7). Sie übernehmen Betreuungsaufgaben im Privaten und kommen erst dann wieder auf den Arbeitsmarkt, wenn ausreichend Stellen zur Verfügung stehen.

Die Rolle der Zuverdienerin ist bei einer Teilzeitquote von rund fünfzig Prozent vielen Frauen längst vertraut. Frauen sind für die Kinderbetreuung zuständig und pflegen Angehörige, während Männer für solche Aufgaben selten die Erwerbsarbeitszeit reduzieren.
Wie fatal sich dieses lebenslange Ungleichgewicht auf die ökonomische Absicherung auswirkt, demonstriert der Equal Pension Day, der 2020 auf den 30. Juli fiel: Frauen erhielten im vergangenen Jahr rund 42 Prozent weniger Pension als Männer. Alleinstehende Frauen sind dementsprechend besonders von Altersarmut betroffen.

Die mediale Aufmerksamkeit für die Care-Krise, für prekär Beschäftigte und Eltern an der Belastungsgrenze verebbte indes so rasch wie das abendliche Klatschen auf den Balkonen. Das passt zum Ergebnis der aktuellen Frauenpolitik-Studie von „Media Affairs“. Alljährlich untersucht die Studie die politische Berichterstattung in sechs österreichischen Tageszeitungen. Lediglich 1,6 Prozent der Debatten befassten sich im vergangenen Jahr mit Frauenpolitik, so das ernüchternde Resultat. Vergessen scheinen die Forderungen des Frauenvolksbegehrens 2.0, das 2018 fast eine halbe Million Menschen unterschrieben. Dabei wären eine Arbeitszeitverkürzung und umfassende Investitionen in die Kinderbetreuung, der Ausbau von Gewaltschutz und -prävention und die Bekämpfung von (Frauen-)Armut dringender denn je. Die Coronakrise bietet die historische Chance, jene patriarchalen Missstände, die gesellschaftlich so sichtbar sind wie kaum jemals zuvor, nicht länger hinzunehmen. Von der Regierungsbank sind solche Impulse nicht zu erwarten – es wird nicht weniger als einen feministischen Aufstand brauchen.

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Feminist Superheroine: Stormé DeLarverie https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-storme-delarverie/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-storme-delarverie/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:13:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=23865 „Sie lief buchstäblich wie eine lesbische Superheldin durch die Straßen von Downtown Manhattan“, so die Besitzerin vom Henrietta Hudson, einer New Yorker Lesbenbar, für die Stormé DeLarverie (1920-2014) Türsteherin war. Als die Polizei am 27. Juni 1969 in die queere Bar Stonewall Inn eindrang und so die Proteste auslöste, die jährlich während der Pride Week […]]]>

„Sie lief buchstäblich wie eine lesbische Superheldin durch die Straßen von Downtown Manhattan“, so die Besitzerin vom Henrietta Hudson, einer New Yorker Lesbenbar, für die Stormé DeLarverie (1920-2014) Türsteherin war. Als die Polizei am 27. Juni 1969 in die queere Bar Stonewall Inn eindrang und so die Proteste auslöste, die jährlich während der Pride Week zelebriert werden, war DeLarverie dabei. In der lokalen Szene heißt es, sie habe den Widerstand in Gang gesetzt, als sie sich gegen Polizeigewalt gewehrt und zugeschlagen habe. Deshalb und als einziger Drag King während der 1950er- und 60er-Jahre in der „Jewel Box“, der ersten BPoC-Drag-Revue, war Stormé eine Schlüsselfigur der LGBTIQ*-Community. lar

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an.klang: Godmother of Performancekunst https://ansch.4lima.de/an-klang-godmother-of-performancekunst/ https://ansch.4lima.de/an-klang-godmother-of-performancekunst/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:02:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=23856 Valie Export ist heuer 80 geworden und wird zu Recht geehrt und gefeiert, für ihre Verdienste um die Kunst ebenso wie um den Feminismus. Den sieht sie nach wie vor noch nicht am Ziel. Von Andrea Heinz Man kann die Bedeutung von Valie Export kaum überschätzen – ihre Bedeutung für die Performancekunst, den Feminismus und […]]]>


Valie Export ist heuer 80 geworden und wird zu Recht geehrt und gefeiert, für ihre Verdienste um die Kunst ebenso wie um den Feminismus. Den sieht sie nach wie vor noch nicht am Ziel. Von Andrea Heinz

Man kann die Bedeutung von Valie Export kaum überschätzen – ihre Bedeutung für die Performancekunst, den Feminismus und die Position der Künstlerinnen, vor allem, aber nicht nur in Österreich. Die 1940 Geborene, die heuer ihren 80. Geburtstag feierte, wird als Godmother der Performancekunst bezeichnet, und selbst wenn das natürlich den Blick darauf verstellt, dass es neben Export eine Reihe bemerkenswerter Frauen auf diesem Feld gab, hat dieser Titel doch seine Berechtigung. Denn Export war präzise, innovativ wie kaum jemand anderes (und da sind die Männer des Wiener Aktionismus explizit mit eingeschlossen), auf formaler und ästhetischer ebenso wie auf inhaltlicher, intellektueller Ebene. Auch, wenn sie den meisten wohl in erster Linie als Aktionskünstlerin in Erinnerung ist, mit so ikonografischen Arbeiten wie dem Tapp- und Tastkino (1968) oder der Aktionshose: Genitalpanik (1969): Was die Künstlerin Valie Export auszeichnet, ist, dass sie mehr als nur eine ästhetische Sprache beherrscht. Sie, die einst als Script-Girl und Filmeditorin ihr Geld verdiente, gilt auch als Vorreiterin der Medienkunst. Sie entdeckte in ihrer Kunst früh das Medium Video für sich, schrieb Drehbücher (etwa zu Unsichtbare Gegner von 1976-77, der auch heute noch erschreckend aktuell ist), drehte Filme. Und auch Fotoserien seien erwähnt, wie die Körperkonfigurationen (1972-1982), in denen massige Bauten nur mit dem (weiblichen) Körper vermessen werden. Als wäre tatsächlich einmal nicht die (von Männern geschaffene) soziale und kulturelle Realität das Maß, sondern der Körper der Frau.

Überhaupt, der Körper: Auf ihm, zumal auf dem weiblichen in kapitalistischen (Re-)Produktions-Zusammenhängen, legte Export immer schon einen starken Fokus. Weil bei der Frau letztlich alles am Körper verhandelt wird, sehr viel mehr als beim Mann, dem eine geistige Existenz, etwas den Körper Sublimierendes  zugestanden wird. Der Frauenkörper ist Objekt des Kapitalismus, er wird verkauft, optimiert, berechnet, er ist Objekt gesellschaftlicher Zurichtung, wie sie sich in Reproduktionsgesetzen äußert. Aber Export blieb auch hier nicht stehen, sie ging mit der Entwicklung der Zeit: 1999 verfasste sie das Drehbuch Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper, das die Geschichte des (virtuellen) Körpers vom Mittelalter bis in die Gegenwart verfolgt. Der Filmessay kam, mangels Finanzierung, nie zustande, liegt nun aber zumindest als editiertes Drehbuch vor. Wo die Verbindung von Wissenschaft und Kunst heute als letzter Schrei gilt, gab es bei Export immer schon starkes, Disziplinen-übergreifendes Interesse an neuen Technologien und Erkenntnissen und so verbinden sich in ihrer Arbeit Wissenschafts- und Medizingeschichte, Neurobiologie, Philosophie und Kunst. Anlässlich des 80. Geburtstags, den Export im Mai feierte, war im Valie-Export-Center in Linz die Konferenz Anagrammatic Bodies geplant, an der u.a. Christina von Braun, Karin Harrasser und Gloria Meynen teilnehmen sollten und die nun, so es die Umstände erlauben, im Herbst stattfinden wird.

Zum runden Geburtstag gab und gibt es zahlreiche Tribute, Ehrungen und überhaupt viel Verbeugung vor der Künstlerin. Man darf an dieser Stelle aber noch einmal daran erinnern, dass Export, die 2010 unter anderem das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt, 1970 von eben diesem Staat das Sorgerecht für ihre Tochter Perdita aberkannt wurde – weil sie angeblich eine „unzüchtige Schrift“ publiziert hatte. Es handelte sich um eine Dokumentation der Wiener Avantgarde. Sie selbst sieht den Stand des Feminismus nach wie vor nüchtern. So sagte sie unlängst in einem Interview: „Die patriarchalen Strukturen sind heute zwar verschleiert, aber immer noch stark vorhanden. Nur weil Frauen jetzt mehr erreichen können und nicht mehr ihre Ehemänner fragen müssen, ob sie arbeiten gehen dürfen, sind die dominanten Strukturen in der Gesellschaft nicht verschwunden – und männlich. Wir haben immer noch eine dominante Männerherrschaft!“

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Digitale Nähe https://ansch.4lima.de/digitale-naehe/ https://ansch.4lima.de/digitale-naehe/#respond Wed, 26 Aug 2020 17:53:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=23849 Katharina Payk im Gespräch mit Barbara Rothmüller und Emelie Rack über Intimität während des Corona-Lockdowns und Sicherheit beim Cybersex.                                                                                   an.schläge: Im April haben Sie mehrere Tausend Personen in Österreich und Deutschland zum Thema Intimität und soziale Beziehungen während der COVID-Ausgangsbeschränkungen befragt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?Barbara Rothmüller: Die Kontaktbeschränkungen haben schon im […]]]>

Katharina Payk im Gespräch mit Barbara Rothmüller und Emelie Rack über Intimität während des Corona-Lockdowns und Sicherheit beim Cybersex.                                                                                  

an.schläge: Im April haben Sie mehrere Tausend Personen in Österreich und Deutschland zum Thema Intimität und soziale Beziehungen während der COVID-Ausgangsbeschränkungen befragt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Barbara Rothmüller: Die Kontaktbeschränkungen haben schon im April zu teils massiven Veränderungen sozialer und intimer Beziehungen geführt. Die Veränderungen waren unterschiedlich. Während die einen große Angst hatten, dass ihre intimen Beziehungen auseinanderbrechen, haben andere ihre romantische Zweierbeziehung und die gemeinsame Zeit mit ihren Liebsten genossen. Manche haben das Alleinsein als entlastend empfunden: dass sie endlich ein bisschen Ruhe von sozialem Druck und Freizeitstress hatten. Andere waren extrem einsam oder hatten Konflikte im Haushalt und fanden die Zeit unerträglich. Im April waren viele Menschen sehr berührungshungrig – Singles, aber auch gestresste Eltern, die keine Zeit für Intimität fanden, Personen, bei denen die Paarbeziehung nicht gut war und die im Lockdown von der_dem Partner_in keine Nähe bekommen konnten, oder Freund_innen, die sich umarmen wollten und nicht konnten. Sehr viele haben schon zu Beginn stark verinnerlicht, dass Menschen sich nicht zu nahekommen dürfen.

Gab es in der Reduktion oder Veränderung der sozialen und intimen Kontakte Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
BR: Ja, in meiner Forschung ist sichtbar geworden, dass Frauen sich stärker um soziale Kontakte bemühen bzw. kümmern müssen und sich auch angesprochen fühlen, wenn es jemandem nicht gut geht. Interessanterweise hat auch hier die Pandemie eine neue Dimension der psychosozialen Betätigung von Frauen eröffnet, nämlich im Berufsfeld. Frauen haben nicht nur im Freundeskreis und in der Familie, sondern auch in ihrer Erwerbsarbeit psychosoziale Unterstützung geleistet – für Kolleg_innen, für Kund_innen bzw. Klient_innen, aber überraschenderweise auch für Vorgesetzte. Da hat die Pandemie auch berufliche Distanz verringert. Männer fühlen sich da offenbar nicht so zuständig und werden weniger adressiert, wenn man psychische oder soziale Probleme hat. Da reden die Menschen oft lieber mit ihrer Kollegin als mit ihrem Kollegen. In dieser unterschiedlichen Care-Arbeit zeigt sich, wie Frauen als Stoßdämpfer die Folgen eines so umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs emotional abfedern. Nicht-binäre Personen waren oft in ihrer Community und im Freundeskreis stark gefordert und haben viel Unterstützungsarbeit geleistet.

Gab es Personengruppen, die sich in der Auslebung von Intimität und Beziehung(en) besonders eingeschränkt gefühlt haben? Ich denke etwa an Teile der schwulen Community, die sich des (oft unverbindlichen) Online-Datings und Cruisings bedienen und an Personen, für die Dating und Partner_innensuche allgemein mit mehr Hürden verbunden sind, wie etwa trans Menschen oder Menschen mit Behinderungen.
BR: Genau, vor allem Menschen, die vor den Ausgangsbeschränkungen unverbindliche Sexpartner_innen hatten, haben in großem Umfang ihre sexuellen Routinen verändert. Cruising, aber auch Parties und Playdates, Workshops, auch Sexarbeit, das hat ja alles stillstehen müssen.
Emelie Rack: Ein Drittel der Menschen mit unverbindlichen sexuellen Kontakten hat eine Einladung zum Sex in der Pandemie abgelehnt. Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Reduktion oder Veränderung der sozialen und intimen Kontakte von mehreren ineinandergreifenden Faktoren wie Beziehungsstatus, Geschlecht und sexueller Orientierung abhing. Tatsächlich gaben schwule Männer in der Studie am häufigsten an, dass sich ihre intimen Beziehungen in der Pandemie stark distanziert haben, für jeden vierten Befragten war das der Fall. Generell wurde eine starke sexuelle Selbstbeschränkung innerhalb des LGBTIQ-Spektrums sichtbar: Homo-, bi- und pansexuelle Männer sowie kinky und queere Männer haben häufiger ihre sexuellen Kontakte reduziert als heterosexuelle Männer. Das ist eine große Sache, wenn wir uns vor Augen halten, dass viele eigentlich von einem gesteigerten Bedürfnis nach Nähe und Intimität während des Lockdowns berichtet haben. In diesem Kontext sehen wir die Ablehnung einer Einladung zum Sex als Beitrag zur gesellschaftlichen Krankheitsprävention.

Seit der Corona-Pandemie sind Plattformen, Webseiten und Tools zu Online-Sexualität noch beliebter geworden. Nicht immer treffen User_innen (genügend) Sicherheitsvorkehrungen, um ihre Daten und Persönlichkeitsrechte zu schützen.
ER: Während der Pandemie hat ein Drittel der Befragten mindestens eine Form von Cybersex praktiziert – etwa Sexting, Verschicken von Nacktbildern, Videotelefonate, Live Sex-Camming, Teilnahme an Online-Workshops. Und das, obwohl die generelle Nutzung von Online-Dating während des Lockdowns tendenziell zurückgegangen ist und viele hier mit ihrer Suche pausiert haben. Allerdings haben nur wenige dabei auf ihre digitale Sicherheit geachtet. Deswegen ist es uns so wichtig, auf das Thema hinzuweisen, um Cybersex sicherer zu gestalten.
Sehr bemerkenswert ist, dass homo-, bi- und pansexuelle, sowie queere und kinky Teilnehmende viel mehr über die Anwendung von Sicherheitsvorkehrungen beim Cybersex berichtet haben. Besonders auf klare Vereinbarungen, Pseudonyme, Geheimhaltung des eigenen Aufenthaltsortes, sowie auch die technische Kompetenz für eine End-to-End-Verschlüsselung legten sie viel Wert und bedachten auch eine aktive Firewall.

Um Menschen bei digitaler Sicherheit zu unterstützen, haben Sie zusammen mit Anna Maria Diem und Sophie König einen „Safe(r) Cyber Sex Guide“ herausgegeben. Was sind die wichtigsten Vorkehrungen, die man treffen sollte, wenn man online flirtet, datet oder Sexualität lebt?
ER: Die wichtigste Vorkehrung ist, sich im Vorhinein über Vorsichtsmaßnahmen bei der gelebten Online-Sexualität Gedanken zu machen. Man sollte sich überlegen, ob die geteilten Inhalte anderen Menschen Rückschlüsse auf die eigene Person erlauben. Wenn das nicht gewollt wird, und es gibt viele Gründe das nicht zu wollen, können User*innen etwa einen neutralen Hintergrund und einen Bildausschnitt ohne Gesicht, Tattoos etc. wählen. So kann man sich im Falle einer ungewollten Weiterverbreitung etwas absichern. Viele in unserer Studie haben sich auch dadurch geschützt, dass sie nur Personen in ihre Cybersex-Praktiken involviert haben, die sie persönlich kannten. Im Falle einer Grenzüberschreitung haben sie sich Unterstützung geholt und die Übergriffe gemeldet. Auch das Wissen über das Recht am eigenen Bild kann helfen, nicht die Schuld bei sich selbst zu suchen. Bei unserem Guide handelt es sich um Vorschläge zur Reflexion und Anstöße für einen Austausch darüber, wie Sexualität digital gelebt werden kann, insofern das denn gewollt wird. Alle Überlegungen werden von der Frage begleitet, ob ich überhaupt Interesse und Lust daran habe, meine Sexualität (auch) online auszuleben.

Barbara Rothmüller ist Soziologin, Sexualpädagogin und Social Justice Trainerin. Sie leitet die Studie zu „Liebe, Intimität und Sexualität in Zeiten von COVID-19“.

Emelie Rack ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie. Sie studiert Psychologie und vergleichende Literaturwissenschaft und ist Sexualpädagogin.

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Kehrtwende für die Agrarpolitik https://ansch.4lima.de/kehrtwende-fuer-die-agrarpolitik/ https://ansch.4lima.de/kehrtwende-fuer-die-agrarpolitik/#respond Wed, 26 Aug 2020 17:33:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=23839 „We feed the world“, so lautet der Mythos der Agrarindustrie. Wie durch dieses Argument eine zukunftsfähige Landwirtschaft verhindert wird, erklärt Julianna Fehlinger von Via Campesina. Interview: Lea Susemichel an.schläge: Eine häufig vorgebrachte Kritik an Degrowth im Lebensmittel-Sektor lautet, dass der steigende Lebensmittelbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung durch die Versorgung durch regionale KleinbäuerInnen nicht gedeckt sei. Was lässt sich dem entgegenhalten?Julianna […]]]>

„We feed the world“, so lautet der Mythos der Agrarindustrie. Wie durch dieses Argument eine zukunftsfähige Landwirtschaft verhindert wird, erklärt Julianna Fehlinger von Via Campesina. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: Eine häufig vorgebrachte Kritik an Degrowth im Lebensmittel-Sektor lautet, dass der steigende Lebensmittelbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung durch die Versorgung durch regionale KleinbäuerInnen nicht gedeckt sei. Was lässt sich dem entgegenhalten?
Julianna Fehlinger: Bäuerinnen und Bauern auf Klein- und Kleinstbetrieben bauen laut Weltagrarbericht den größten Teil aller weltweit produzierten Lebensmittel an. Dieser Bericht wurde von der Weltbank und den UN in Auftrag gegeben und international renommierten WissenschaftlerInnen erstellt. 85 Prozent der Bauern und Bäuerinnen weltweit bewirtschaften weniger als zwei Hektar Land, bauen aber den größten Teil aller weltweit produzierten Lebensmittel an. Dabei soll gar nicht bestritten werden, dass die Produktivität der Landwirtschaft in vielen Regionen gesteigert werden müsste. Doch dazu brauchen Kleinbäuerinnen und -bauern Zugang zu Märkten, Transport- und Lagermöglichkeiten, zu Wasser, Krediten und Saatgut, und vor allem auch Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung, die nicht vom Wachstumsdogma getrieben ist. Mit relativ geringem Aufwand, dem Einsatz von agrarökologischen Methoden und dem Zugang zu geeignetem, regional angepasstem Saatgut könnten enorme Produktivitätszuwächse erreicht werden.
Zu behaupten, dass die wachsende Weltbevölkerung eine Industrialisierung der Landwirtschaft braucht, ist eine bewusste Strategie, um diese landwirtschaftliche Praxis durchzusetzen. Es ist der Mythos der Agarindustrie zu behaupten:„We feed the world“.

Derzeit ist viel von der „Farm to Fork“-Strategie die Rede. Was ist das?
Die „Farm to Fork“-Strategie zeigt den von der EU-Kommission gewünschten Entwicklungspfad der Landwirtschaft auf. Mit dieser Strategie weicht sie aber nicht vom Leitgedanken ökonomischen Wachstums in der Landwirtschaft ab. Dennoch ist die Strategie bemerkenswert, weil einige Ziele festgeschrieben sind, für deren Umsetzung eine Kehrtwende in der Handels- und Agrarpolitik notwendig ist. Zum Beispiel werden bis 2030 eine Reduktion der Pestizide um fünfzig Prozent, eine Reduktion von Düngemittel um zwanzig Prozent und ein Anheben des Bio-Anteils EU-weit auf 25 Prozent als Ziele definiert. Umgesetzt werden soll das innerhalb der bestehenden Gesetze und mithilfe von Subventionen. Die Kommission will damit die EU in Sachen Klima- und Umweltschutz weiterentwickeln. Gerade Österreich scheint aber gegen diese Ambitionen zu arbeiten. Landwirtschaftsministerin Köstinger schiebt als Argument vor, eine Reduktion von Pestiziden könnte die europäische Produktion gefährden. Diese Blockadehaltung einer österreichischen Ministerin legt offen, wie sehr sie die Interessen der Agrarindustrie verteidigt. In Österreich haben wir bereits einen Bio-Anteil von fast 25 Prozent und könnten von einer Reduktion des Einsatzes von Pestiziden und Düngemittel massiv profitieren.


Was sind – global gesehen – die wichtigsten politischen Forderungen, um Ernährungssouveränität zu erreichen?
Das globale Agrar- und Ernährungssystem ist heute von Konzerninteressen dominiert und auf Profite ausgerichtet. Es erzeugt riesige soziale Ungerechtigkeit, Hunger, Mangelernährung und zerstört unseren Planeten.
Das Konzept der Ernährungssouveränität wurde 1996 beim Welternährungsgipfel der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations, Anm.) von La Via Campesina vorgestellt. Ernährungssouveränität bedeutet eine umfassende Demokratisierung, sodass Bauern und Bäuerinnen mitbestimmen können, was sie anbauen und Konsumierende gesundes und lokal angepasstes Essen zu Verfügung haben. Um das zu erreichen, müssen die neoliberalen Handelsabkommen völlig umgestaltet werden und endlich nicht mehr hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Für Europa liegt ein zentraler Schlüssel in einer sozialen, gerechten und agrarökologischen Ausrichtung der EU-Agrarpolitik. Davon sind wir aber leider weit entfernt.

Eine weitere Kritik lautet, dass nachhaltig produzierte und biologisch angebaute Nahrungsmittel für viele Menschen nicht leistbar seien. Zugleich werden billige, industriell verarbeitete Lebensmittel für sich rasant ausbreitende Krankheiten wie Diabetes verantwortlich gemacht.
Ich denke die Kritik, Bio ist nur für jene da, die es sich leisten können, ist richtig und ein zentraler Schlüssel, der von vielen Seiten immer negiert wird. Die Landwirtschaft steckt hier in einer gesellschaftlichen Zwickmühle: Die Preise sind so niedrig, dass in der EU kein Betrieb ohne Subventionen leben kann. Besonders Milch und Fleisch werden unter den Kosten produziert. Gleichzeitig verdienen viele Menschen so wenig, dass sie sich höhere Lebensmittelpreise nicht leisten können. Auch für die Löhne in der Lebensmittelbranche trifft das zu. Gleichzeitig haben und hatten wir ein enormes Wirtschaftswachstum, das aber nur Wenigen enormen Reichtum gebracht hat. Durch die niedrigen Preise machen wir mit Agrarpolitik eigentlich Sozialpolitik und stabilisieren damit die globalen Ungleichverhältnisse. Doch das geht auf Kosten von Menschen, Tieren und Boden. Jene, die es sich leisten können, kaufen sich aus diesem Dilemma frei. Besonders die zuliefernde Industrie (Düngemittel, Pestizide) als auch die Verarbeiter und der Einzelhandel haben es geschafft, so große Marktmacht aufzubauen, dass sie trotz der niedrigen Preise enorme Gewinne erzielen können.

Von Umweltaktivist_innen wird die Einpreisung der wahren Kosten gefordert. Wie sähe das konkret aus?
Kostenwahrheit ist gerade in der Klimabewegung eine zentrale Forderung. Doch hier muss man sehr aufpassen, in welche Richtung sich das politisch entwickelt. In der sogenannten Climate Smart Agriculture wird folgende Logik durchgesetzt: Wenn auf einer landwirtschaftlichen Fläche die Produktivität erhöht wird – durch den Einsatz von Pestiziden, Chemiedünger oder Gentechnik –, muss die landwirtschaftliche Fläche nicht ausgeweitet werden und Wald kann als Senke für Treibhausgase erhalten bleiben. Und wenn berechnet wird, wie viel Treibhausgase eingespart werden, kann der Emissionshandel diesen Aufwand finanziell honorieren. Leider bewirkt dies oftmals Land Grabbing oder erhöht den Druck auf die Ressource Boden noch weiter.
Via Campesina hat sich daher hier klar positioniert: Der Kohlenstoff in unseren Bauernhöfen ist nicht käuflich!
Viel sinnvoller ist es, Bewirtschaftungsmethoden zu fördern, von denen wir wissen, dass sie gut für das Klima und die Artenvielfalt sind und in den internationalen Handelsabkommen Produktionsstandards wie bäuerliche Qualitäten, hohe arbeitsrechtliche Standards und Umweltstandards einzuführen.

Wie sehen Lösungsstrategien aus, um soziale, gesundheitspolitische und ökologische Frage zu verbinden? Welche Rolle spielt der Fleischkonsum?
Einen Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden, ist eine große Herausforderung. Leider fehlt aber auch der politische Wille in Richtung Ernährungssouveränität zu arbeiten. Einige tolle Beispiele zeigen, dass es möglich ist, soziale, gesundheitliche und ökologische Fragen zu verbinden.
Etwa ein Projekt aus Kopenhagen, das die öffentliche Beschaffung (zB Großküchen für Schulen oder Heime) so transformiert hat, dass sie neunzig Prozent der Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft kaufen mit dem gleichen Budget wie davor.
Ich sage hier bewusst „transformiert“, denn in den Küchen wurde einerseits viel weniger Fleisch verkocht, was auch den Gesundheitsempfehlungen entspricht. Doch die Küchenteams haben auch lernen müssen, ganz anders zu kochen: viel mehr frische Produkte verarbeiten, anstatt Halbfertigprodukte zu verkochen. Das hat auch zu einem Anstieg von Obst- und Gemüseproduzierenden rund um Kopenhagen geführt.
Fleisch und Milchprodukte werden weiterhin angeboten, aber eben in besserer Qualität und in kleineren Portionen.

Julianna Fehlinger ist Sozial Ökologin und arbeitet als Geschäftsleiterin der ÖBV- Via Campesina Austria. Sie hat selbst drei Jahre einen Bio-Betrieb in Oberösterreich geleitet und ist Teil der Initiative MILA – Mitmach Supermarkt, der in Wien entsteht.

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Degrow the System https://ansch.4lima.de/degrow-the-system/ https://ansch.4lima.de/degrow-the-system/#respond Wed, 26 Aug 2020 17:04:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=23833 Spätestens seit dem aktivistischen Slogan „System Change, not Climate Change“ ist klar, dass alternative Konzepte zu unserer derzeitigen kapitalistischen (Re-)Produktionsweise mehr als Umweltschutz beinhalten müssen. Verena Kettner hat mit der Soziologin Emma Dowling darüber gesprochen, warum wachstumskritische und feministische Perspektiven zusammengehören. an.schläge: Sie beschäftigen sich in Ihrer derzeitigen Forschung mit Alternativen im Bereich der sozialen […]]]>

Spätestens seit dem aktivistischen Slogan „System Change, not Climate Change“ ist klar, dass alternative Konzepte zu unserer derzeitigen kapitalistischen (Re-)Produktionsweise mehr als Umweltschutz beinhalten müssen. Verena Kettner hat mit der Soziologin Emma Dowling darüber gesprochen, warum wachstumskritische und feministische Perspektiven zusammengehören.

an.schläge: Sie beschäftigen sich in Ihrer derzeitigen Forschung mit Alternativen im Bereich der sozialen und ökologischen Reproduktion. Warum sympathisieren Sie mit Wachstumskritik?
Emma Dowling: Zuerst finde ich den Punkt sehr wichtig, dass Wachstumskritik Selbstverständlichkeiten hinterfragt: Die Selbstverständlichkeit, dass Wirtschaft und damit auch Gesellschaft auf ein konstantes Wachstum ausgerichtet sind. Es ist ein Trugschluss, dass eine Wirtschaft, die immer nur wächst, nicht irgendwann an planetarische Grenzen stößt, das zeigt die Klimakrise. Tief verankert ist außerdem die Vorstellung, dass Wachstum allein ausreicht, um alle Menschen adäquat zu versorgen. Was natürlich nicht stimmt, wenn wir uns die Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum ansehen und auch, auf wessen unbezahlter Arbeit dieser Reichtum basiert. Es ist also nicht nur die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, auf die Wachstumskritik abzielt. Die Kritik richtet sich auch gegen die Ausbeutung unbezahlter – meist weiblicher – Care-Ressourcen.

Warum denken Sie Wachstumskritik aus einer feministischen Perspektive? Gibt es Zusammenhänge zwischen den Logiken des Wachstumsfetischs und des ‚westlichen‘ Patriarchats?
Dieser Wachstumsimperativ, den wir heute haben, begann in der Nachkriegszeit der 50er-Jahre. Eine feministische Perspektive hat aufgezeigt, dass der Wachstumsimperativ schon damals im Fordismus/Keynesianismus eben auch auf der unbezahlten Arbeit der Hausfrau basierte. Auch heute, in einer neoliberalen Ökonomie, sehen wir, dass es nach wie vor diese unbezahlten Tätigkeiten gibt und zudem eine Hierarchisierung zwischen Frauen stattfindet. Wir sprechen von „Global Care Chains“: Man sieht hier, dass Frauen, die erwerbstätig sind und im Haushalt nicht mehr so viel als Ressource zur Verfügung stehen entweder mit einer Doppelbelastung kämpfen,  oder dass migrantische Frauen die Arbeiten im Haushalt übernehmen. Einer Wachstumskritik aus feministischer Perspektive kann es also nicht nur darum gehen, die Reproduktions- oder Carearbeit so zu organisieren, dass Frauen arbeiten und produktiv sein können. Wir brauchen eine andere Organisierung von Arbeit, die alle Frauen entlastet.

Gibt es Modelle, die durchspielen, wie Reproduktionsarbeit anders organisiert werden könnte?
In der Familienpolitik versucht man, mit Modellen wie Elternzeit eine andere Verteilung dieser Sorgetätigkeiten innerhalb von Familien und Beziehungen zu erreichen. Es gibt auch Ideen wie „Caring Masculinities“, die eine Entkoppelung von Fürsorge und Weiblichkeit erreichen wollen. Darüber hinaus gibt es aber auch schon Versuche, ganz aus dem Familienmodell auszubrechen. Die Idee von Commoning weitet Verantwortlichkeit auf ein größeres Umfeld aus, beispielsweise auf die Nachbarschaft oder den Arbeitsplatz. Das Care-Kollektiv in England beschäftigt sich mit solchen Ideen und spricht von einer Erweiterung der „Circles of Care“. Dabei ist Selbstorganisierung in kleinen Kreisen aber keine Rundumlösung, da sie immer wieder instrumentalisiert werden kann. Es muss hier also breitere gesellschaftliche Lösungen geben.

In einem Artikel für „Verso“ haben Sie skizziert, dass Frauen unter dem Vorzeichen der romantischen Liebe viel unbezahlte Arbeit leisten: Sorgearbeit, emotionale Arbeit und sexuelle Arbeit. Denken Sie, dass heteronormativ vergeschlechtlichte Gefühls- und Beziehungsstrukturen auch eine Rolle bei Degrowth spielen oder spielen sollten?
Natürlich ist es so, dass soziale Bewegungen, ob Degrowth oder auch andere, nie frei von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Subjektivierungsprozessen sind, aus denen sie entspringen. Es ist ja oft ein Thema in Bewegungen, wer die Bewegung reproduziert. Vergeschlechtlichte Annahmen spielen da eine Rolle. Feministische Bewegungen haben aufgezeigt, dass nicht nur diese Ideologien der Sorge, wer für gesellschaftliche Fürsorge verantwortlich ist und von wem diese „Arbeit aus Liebe“ gemacht wird und mit welcher Motivation, sondern auch die Unsichtbarkeit dieser Arbeit problematisch sind. Nicht nur im Haushalt, sondern auch im Alltag –  am Arbeitsplatz, in Beziehungen, in politischen Kontexten – werden gewisse Tätigkeiten und vor allem emotionale Arbeit unsichtbar gemacht. Gerade in sozialen Bewegungen wäre es wichtig, das immer wieder zu thematisieren.

Gegen welche Unterdrückungsmechanismen arbeiten feministische und Degrowth-Bewegungen schon gemeinsam und wo müssten Ihrer Meinung nach die Kämpfe noch intersektionaler gedacht und gelebt werden?
Ich denke, dass die Degrowth-Bewegung im deutschsprachigen Raum Care und Care-Arbeit bereits zentral thematisiert. Bei einer Ökonomie, die auf Bedürfnisse ausgerichtet ist und nicht auf Kapital, ist die Frage, wie wir für einander sorgen und unter welchen Bedingungen, ganz zentral. Natürlich ist auch aus einer feministischen Perspektive die Frage nach Intersektionalität, also postkolonialen und antirassistischen Perspektiven, ein ganz entscheidender Punkt. Oft wird das Zusammenwirken der verschiedenen Bewegungen unter dem Begriff der sozial-ökologischen Transformation gefasst. Natürlich muss auch aus dieser feministisch-politisch-ökonomischen Perspektive immer wieder die Frage nicht nur nach den Grenzen des Wachstums gestellt werden, sondern auch nach den ökonomischen Machtverhältnissen, die festlegen, wie produziert und konsumiert wird.

Bewegungen wie Degrowth, die sich mit der Umwelt beschäftigen, wird oft vorgeworfen, sie seien hauptsächlich akademisch und weiß und würden Klassismen reproduzieren. Können Sie an diese Kritik anknüpfen?
Umweltfragen werden oft noch als Luxusproblem gesehen, da es sich vermeintlich vor allem mittelständische Leute „leisten“ können, sich damit zu beschäftigen. Darüber sind wir aber schon lange hinaus, denn es gibt weltweit Bewegungen, die um ihre Lebensgrundlagen kämpfen. Innerhalb dieser Umweltbewegungen gibt es auch die Frage nach Klimagerechtigkeit, die sich mit den ungleichen globalen Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt. Hierbei sollten auch ungleiche ökologische Belastungen verschiedener Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden. Auch das ist eine Form von strukturellem Rassismus. Auch eine Degrowth-Bewegung muss sich immer wieder die Frage stellen, was die Bewegung überhaupt mit Alltagserfahrungen von Menschen zu tun hat und wo da Ansatzpunkte sind. Stichwort Braunkohleausstieg: Für Menschen, die im Braunkohleabbau arbeiten, entsteht die Frage, was mit ihrem Arbeitsplatz passiert. Ein anderer Aspekt ist, dass ein nachhaltiger Konsum sehr teuer ist, weil er kapitalistisch organisiert und einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten ist. Das muss sich natürlich ändern. Genauso im Bereich von Care, wenn jemand arbeiten gehen muss und Kinderbetreuung braucht und nicht so viel Zeit hat, sich mit Alternativen zum Bestehenden zu beschäftigen. Fragen danach, wie Bewegungen zugänglich für Menschen mit wenig Zeit und Ressourcen werden und auch danach, wo niedrigschwellige Punkte für ein Engagement sind, ohne dass Menschen gleich komplett eine Ideologie annehmen oder ihr Leben umkrempeln müssen, sind sehr wichtig. In Degrowth- und anderen Klimagerechtigkeits-Bewegungen geht es um die Frage nach dem solidarischen guten Leben als um Verzicht. Aber weil die Reduktion von Produktion und Konsum auch eine Rolle spielt, gelangt man schnell zu der Vorstellung, dass man sich sehr stark einschränken muss. Ein wesentlicher Punkt wäre herauszuarbeiten, was es durch ökologischen Wandel zu gewinnen gibt.

Emma Dowling ist Soziologin mit Arbeitsschwerpunkten zu feministischer politischer Ökonomie, sozialem Wandel und sozialer Reproduktion.

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Bieten Krisenzeiten die Chance für eine linke Wende? LINKS-Spitzenkandidatin Anna Svec und Aktivistin Noomi Anyanwu im Gespräch mit Bernadette Schönangerer über Alltagspolitik, blinde Flecken und dreißig Jahre Neoliberalismus.

an.schläge: Das neue Bündnis LINKS tritt im Oktober zum ersten Mal in Wien zur Wahl an. Was fehlt Ihnen in der Stadtpolitik und wie wollen Sie diese Lücke schließen?
Anna Svec: Wien ist keine gerechte Stadt für alle. Es gibt hier sehr viel soziale Ungerechtigkeit und Rassismus. Wir glauben, dass es eine Linke braucht, die das zum Thema macht, diese Kämpfe sehen wir von grüner und roter Seite nicht. Tatsächlich ist gerade ein spannender politischer Moment. Mit der Corona-Krise haben sich Ungleichheiten verschärft, zugleich sind sie aber auch viel sichtbarer geworden. Zum Beispiel sind 85 Prozent derjenigen, die neu arbeitslos geworden sind, Frauen. Und es ist offensichtlich geworden, dass gerade die gesellschaftlich besonders wichtige Arbeit unter wirklich schlechten Bedingungen bei schlechter Bezahlung stattfindet. Das Thema war kurz am Tapet und jetzt ist es wieder verschwunden – und es hat sich nichts geändert.

LINKS ist in Österreich nicht der erste Versuch, ein breiteres linkes Bündnis aufzubauen. Was ist diesmal anders, welche Schlüsse haben Sie aus den bisherigen Erfahrungen gezogen?
AS: Bisher hatte ich noch nie das Gefühl, in so einem lebendigen Projekt aktiv zu sein, das so viele unterschiedliche Leute zusammenbringt. Es sind Leute dabei, die die Donnerstagsdemos mitorganisiert haben, Leute von der linken Plattform Aufbruch, von der KPÖ und auch viele, die vorher noch nicht organisiert waren. Diese Verschiedenheit ist eine Stärke, weil man auf viele Erfahrungen zurückgreifen kann. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, jetzt einmal bei der Wien-Wahl anzutreten, aber auch darüber hinaus als Organisation bestehen zu bleiben, konkret in den Bezirken aktiv zu sein und mit Bewegungen in Verbindung zu treten.

Bei der Black-Lives-Matter-Demo im Juni gingen rund 50.000 Menschen auf die Straße, um Solidarität mit den internationalen Protesten zu zeigen, aber auch gegen rassistische Polizeigewalt in Österreich zu demonstrieren. Wo sehen Sie in Österreich blinde Flecken im Umgang mit Rassismus und Polizeigewalt?
Noomi Anyanwu: Eigentlich gibt es keine blinden Flecken, das ist der falsche Begriff. Denn in Österreich gibt es seit Jahrzehnten Schwarze Aktivist_innen und afrikanische Vereine, die immer wieder die Probleme ansprechen – man muss ihnen nur zuhören. Mit der Demo gab es plötzlich viel Aufmerksamkeit dafür. Es liegt jetzt auch an der Politik, Aktivist_innen in ihre Arbeit einzubinden. Wenn ein Kollektiv von ausschließlich weißen Männern Politik macht und sagt: ‚Wir sind antirassistisch und feministisch‘, dann passt das nicht zusammen.

Im Zuge der Demos hat sich das Bündnis Black Movement Austria gegründet. Wie wollen Sie Politik machen?
NA: Wir haben bereits einen offenen Brief mit Forderungen gegen Polizeigewalt in Österreich an die Justizministerin und an den Innenminister geschickt und auch medial verbreitet. Aus dem Innenministerium haben wir noch keine Antwort bekommen. Dabei ging es zum Beispiel um die geplante Beschwerdestelle für Fälle von Polizeigewalt. Sie soll im Innenministerium angesiedelt sein, was bedeutet, dass sie nicht unabhängig ist. Weitergehen soll es jetzt mit den großen Themen Bildung und Arbeit. Wir sind kein Bündnis, das alles neu denkt. Viele unserer Forderungen gibt es schon sehr lange. Auch meine Mutter hat in einer Organisation gekämpft, wo sie genau dasselbe gefordert hat – und das ist dreißig Jahre her. Es ist für Schwarze Aktivist_innen ermüdend, immer wieder dasselbe sagen zu müssen. Außerdem – und das ist sicher der größte „blinde Fleck“ – wird kaum über institutionellen Rassismus, sondern immer über Alltagsrassismus gesprochen. Betroffene werden immer wieder gefragt, ob sie ihre Traumata noch einmal erzählen können, das ist enorm belastend für sie.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst in einer Partei aktiv zu werden?
NA: Wenn es eine Partei gäbe, die meine Kriterien erfüllen würde, vielleicht. Im Moment sehe ich weit und breit keine Partei, von der ich mich als Schwarze, junge Frau in Wien angesprochen und vertreten fühle.

In Wien dürfen dreißig Prozent der Bevölkerung nicht wählen, weil sie keine österreichische Staatsbürger_innenschaft haben. Studien zeigen außerdem, dass armutsbetroffene Menschen viel seltener zur Wahl gehen. Was bedeutet das für die Demokratie?
AS: Das ist ein massives Demokratieproblem. Für uns ist klar, dass alle, die hier leben, wählen dürfen und kandidieren können müssen. Es braucht aber ein kontinuierliches Kämpfen darum. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, keine Listen zu haben, die die Realität dieser Stadt nicht widerspiegeln. Daher haben wir uns auch selbst für Quoten entschieden. Es ist generell eine Herausforderung für linke Politik zu sagen, dass man gemeinsam mit Leuten kämpft und keine reine Stellvertreter_innenpolitik macht. Für LINKS ist es wichtig, bestehende Kämpfe ernst zu nehmen und Menschen einzubinden. Es gibt nicht wenige Leute, die nach dreißig Jahren Neoliberalismus das Gefühl haben, dass sich durch Politik für sie nichts geändert hat – und wenn, dann zum Negativen. Die Ressourcen sind in unserer Gesellschaft unfassbar ungleich verteilt und wir müssen vermitteln, dass man daran etwas ändern kann. Es braucht eine radikale Umverteilung und eine andere Organisation von Wirtschaft. Im reichen Österreich und Wien müsste es keine Armut geben.

Die Coronakrise machte die ungleiche Verteilung von Ressourcen allzu deutlich.  Warum ist es trotzdem so schwierig für eine Forderung wie „Die Reichen sollen für die Krise zahlen“ breite Zustimmung zu erhalten?
AS: Ich glaube eigentlich gar nicht, dass es dafür wenig Zustimmung gibt. Vielleicht erscheint es manchmal zu wenig denkbar, weil das schon so lange niemand mehr konkret angepackt hat und sagt: ‚Na klar ist das möglich!‘ Ich glaube, dass man das gemeinsam und lauter erkämpfen muss.

Möglicherweise gäbe es die Zustimmung für eine gerechtere Verteilung von Reichtum, trotzdem ist die ÖVP seit 1987 durchgehend in der Bundesregierung. Wie erklären Sie sich das?
NA: Vielleicht haben viele, die sich gerade noch über Wasser halten, nicht die Möglichkeit, sich auch noch darüber Gedanken zu machen, wie man die Welt revolutioniert. Überspitzt gesagt. Diese Politik beruht ja darauf, dass Reiche gefördert und Arme ärmer werden. Darum ist es wichtig zu zeigen, dass es auch anders geht und man versucht, Stimmen hörbar zu machen und verschiedene Erfahrungen und Expertisen einzubeziehen.
AS: Viele Leute betrachten das, was sie machen, nicht als Politik. Politik ist für sie etwas Abstraktes, das woanders passiert. Dabei ist es Politik, mit einer Kollegin solidarisch zu sein und etwas einzufordern, oder wenn Alleinerziehende sich organisieren, wenn Mieter_innen sich zusammentun, damit die Miete für alle niedriger wird. Es wäre wichtig, ein Verständnis davon zu vermitteln, dass all diese Sachen Politik sind, und diese Kämpfe ernst zu nehmen. Wir müssen sagen: So, wie es ist, das ist keine Naturgegebenheit. Es war nicht immer so, so muss es nicht bleiben.

Noomi Anyanwu ist Studentin und Aktivistin. Sie engagiert sich im Rahmen von Black Movement Austria und war Mitorganisatorin der Black-Lives-Matter-Demo in Wien.

Anna Svec arbeitet als Rechtsberaterin und ist Spitzenkandidatin von LINKS.

Bernadette Schönangerer schreibt für verschiedene Medien und ist Redakteurin der Zeitschrift MALMOE.

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