V / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 27 Aug 2020 19:09:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Sprechen wir endlich über Privilegien https://ansch.4lima.de/an-sage-sprechen-wir-endlich-ueber-privilegien/ https://ansch.4lima.de/an-sage-sprechen-wir-endlich-ueber-privilegien/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:42:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=22036 Weltweit gehen Menschen auf die Straße, um sich mit Schwarzen Menschen in den USA gegen Police Brutality zu solidarisieren. Doch Polizeigewalt ist nicht der einzige Grund für die Proteste, die alleine in Österreich bisher rund 100.000 Menschen mobilisiert haben. #BlackLivesMatter zeigt eine Realität auf, mit der Schwarze Menschen seit Jahrhunderten leben müssen – eine weiße Weltordnung, systemischer und […]]]>

Weltweit gehen Menschen auf die Straße, um sich mit Schwarzen Menschen in den USA gegen Police Brutality zu solidarisieren. Doch Polizeigewalt ist nicht der einzige Grund für die Proteste, die alleine in Österreich bisher rund 100.000 Menschen mobilisiert haben. #BlackLivesMatter zeigt eine Realität auf, mit der Schwarze Menschen seit Jahrhunderten leben müssen – eine weiße Weltordnung, systemischer und institutioneller Rassismus und (Polizei-)Gewalt. Obwohl Schwarze Menschen auch in Österreich und Deutschland bereits auf eine Geschichte des Widerstandes zurückblicken, scheinen die aktuellen Proteste Themen mit einer Dringlichkeit auf den Tisch zu bringen, die davor nicht möglich war. 
Und weil ich sonst gerne über das Schwarzsein spreche, spreche ich jetzt auch einmal über das Weißsein. Die aktuelle #BlackLivesMatter-Bewegung zeigt auf, dass es nicht reicht, wenn Schwarze Menschen für ihre eigenen Rechte aufstehen. Um eine Veränderung zu bewirken, müssen auch weiße Menschen aktiv werden. Und hier stehen wir vor einem Problem, denn viele weiße Menschen wollen sich nicht als weiß sehen. Während es als „normal“ erscheint, dass marginalisierte Gruppen als Gruppe zusammengefasst werden, sehen sich weiße Menschen meist nicht als Gemeinschaft, sondern als Individuum. Weiße Menschen gelten als Norm und sehen es daher nicht als Notwendigkeit an, sich zu hinterfragen. Momentan scheint allerdings das Unmögliche langsam möglich zu werden, nämlich auch weiße Menschen mit ihrem eigenen Weißsein zu konfrontieren. Die Schlagworte stehen auf zahlreichen Schildern bei #BLM-Demos, White Supremacy ist eines davon. Diese „weiße Vorherrschaft“ benennt das System, das sich global ausgebreitet hat und die Machtposition, die weiße Menschen innehaben. Weiße Menschen, auch antirassistische weiße Menschen, leben in diesem System und profitieren davon. Die Welt ist auf weiße Menschen ausgelegt, hievt sie in Machtpositionen, sieht sie als Norm und geht in jeder Form und bei jeder Frage von ihnen aus. Weiße Menschen haben White Privilege – ein weiteres wichtiges Stichwort. In der derzeitigen Weltordnung haben weiße Menschen Privilegien, ob sie es wollen oder nicht. Um Gleichheit und gleiche Rechte zu erlangen, wird es langfristig notwendig sein, über Verzicht zu sprechen. So schwer das für einige auch sein mag.  
Es gibt viele Formen der Diskriminierung und Normierung. So schwierig Konzepte wie Patriachat und Misogynie oft für Männer zu verstehen sind, weil sie sich ihrer Privilegien nicht bewusst sind oder werden wollen, so schwierig ist es oft für weiße Menschen sich White Supremacy, weiße Privilegien oder Rassismus einzugestehen. Die Rede von „Farbenblindheit“, „ich sehe keine Unterschiede“ oder „für mich sind alle Menschen gleich“macht es weißen Menschen leicht, sich aus der Verantwortung zu nehmen, ihre eigenen Privilegien nicht zu reflektieren und nicht zu adressieren, wie unterschiedlich die Gesellschaft mit Menschen umgeht. 
Besonders wenn es von Feministinnen kommt ist es tragisch, wenn den Dialogen rund um Rassismus eine „Das war aber schon immer so“-Haltung entgegengebracht wird, denn gilt das nicht auch für andere Systeme, die der Feminismus stürzen will. Intersektionale Kämpfe sind enorm wichtig. Das lernen wir auch dieser Tage. Und Schwarze Frauen werden gerne vergessen – auch im Queer-Feminismus. Denn Schwarze Frauen kämpfen nicht nur um Gleichberechtigung gegenüber Männern als, sie kämpfen auch darum, weißen Frauen gleichgestellt zu werden. Aus Platzgründen muss ich davon absehen, aus Sojourner Truths „Ain’t I a Women“ zu zitieren. Jedoch bringt es die Dinge perfekt auf den Punkt, die ich hier gerne noch anmerken würde. 
Sollte sich nach einigen Zeilen der Verteidigungsmechanismus eingeschaltet haben, empfehle ich Robin DiAngelos Buch „White Fragility“, um diesen zu reflektieren. Er ist zwar normal, man kann ihn aber überwinden. 
 
  

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Menstruations Hintergrund https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-2/ https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-2/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:38:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=22030 Periode V: „Menschenprobleme“Von JULIA BERNHARD]]>

Periode V: „Menschenprobleme“
Von JULIA BERNHARD

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Feminist Superheroines: Alicia Garza, Patrisse Cullors, Opal Tometi https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-alicia-garza-patrisse-cullors-opal-tometi/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-alicia-garza-patrisse-cullors-opal-tometi/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:31:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=22026 Als Reaktion auf die Freisprechung von Trayvon Martins Mörder haben Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi 2013 die #BlackLivesMatter Bewegung initiiert. Es ist ein langer Kampf gegen Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen und den strukturell tief verankerten Rassismus in den USA. „I can’t breathe“ waren nicht nur George Floyds Worte: Im Juli 2014 wurde Eric Garner von einem Polizisten im Würgegriff getötet, auch seine letzten Worte waren: Ich kann nicht atmen. Polizeigewalt ist allgegenwärtig und kostet täglich Menschen das Leben. Black Lives Matter soll sie alle […]]]>

Als Reaktion auf die Freisprechung von Trayvon Martins Mörder haben Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi 2013 die #BlackLivesMatter Bewegung initiiert. Es ist ein langer Kampf gegen Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen und den strukturell tief verankerten Rassismus in den USA. „I can’t breathe“ waren nicht nur George Floyds Worte: Im Juli 2014 wurde Eric Garner von einem Polizisten im Würgegriff getötet, auch seine letzten Worte waren: Ich kann nicht atmen. Polizeigewalt ist allgegenwärtig und kostet täglich Menschen das Leben. Black Lives Matter soll sie alle sichtbar machen. Schwarze Frauen und Trans*-BIPoc werden täglich Opfer rassistischer Polizeigewalt, auch in ihrem Namen müssen wir laut werden. lar 

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neuland: Was ist Anti-Blackness? https://ansch.4lima.de/neuland-was-ist-anti-blackness/ https://ansch.4lima.de/neuland-was-ist-anti-blackness/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:27:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=22020 Illustration: Sabrina WegererDie Welt ist in Aufruhr. Die Pandemie schafft eine kollektiv empfundene Wunde, in der Vieles an die Oberfläche kommt. Verzweiflung, Trauer, Wut und Unsicherheit sind überall spürbar, sie suchen nach Formen der Vereinigung. Die findet sich nun in den globalen Protesten gegen die nicht enden wollende (Polizei-)Brutalität und Gewalt gegen Schwarze Menschen (nicht nur) in den USA. Bei aller Freude über die […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die Welt ist in Aufruhr. Die Pandemie schafft eine kollektiv empfundene Wunde, in der Vieles an die Oberfläche kommt. Verzweiflung, Trauer, Wut und Unsicherheit sind überall spürbar, sie suchen nach Formen der Vereinigung. Die findet sich nun in den globalen Protesten gegen die nicht enden wollende (Polizei-)Brutalität und Gewalt gegen Schwarze Menschen (nicht nur) in den USA. Bei aller Freude über die anhaltenden globalen Proteste gegen anti-Schwarzen Rassismus, die Mahnwachen für das Gedenken an das Leben eines Schwarzen Mannes, ist es wichtig, auch zu überlegen, wen wir als gemeinsamen Feind erkoren und wogegen wir ins Felde ziehen. Wir merken schon jetzt, dass etwas nicht ganz richtig ist, wenn es überwiegend Männer sind, deren Leiden uns zu kollektiven Solidaritätsbekundungen bewegen können. Zur selben Zeit, als George Floyd ermordet wurde, starb auch Breonna Tayler durch die Polizei von Louisville. Wenn Mahnwachen und Proteste den Opfern Menschenwürde (zurück)verleihen können, müssen wir uns fragen, warum die Morde an Schwarzen Frauen* und transidentischen Menschen nicht für solche Bekundungen zu „taugen“ scheinen. Unsere kollektiven Empathie-Bekundungen reichen aber auch deshalb nicht, weil sie die Ursünde des Rassismus weiter erhält: Es sind Bekundungen für die „Anderen“ und nicht ein Protest gegen das „Eigene“. Und das ist die zweite schmerzliche Erkenntnis. Das, wogegen wir uns global und kollektiv auch weiterhin stellen müssen, heißt Anti-Schwarzsein/Anti-Blackness. Es ist die historisch, politisch und emotional tief verwurzelte und in uns alle eingeschriebene Dehumanisierung von Schwarzsein. Schwarzsein wurde durch weiße Versklavung und weiße Kolonisierung so zum „Anderen“ gemacht, dass es als Antipode zum Menschsein dient/e. Anti-Schwarzsein ist, was uns in Deutschland davon abhält, umfassende Antidiskriminierungsgesetze, die landesweit gelten, zu etablieren, weil die „Befindlichkeit“ von Schwarzen Menschen dem Wohlfühlgehalt der Norm/alität untergeordnet wird.  Lasst uns nüchtern anerkennen, dass unsere Gesellschaft von strukturellem Rassismus noch immer durchzogen ist und wir uns der Herausforderung der Veränderung und des Abbaus von Exklusion stellen müssen.  

Peggy Piesche arbeitet in der Schwarzen feministischen Bewegung in Deutschland bei ADEFRA e.V. (Schwarze Frauen* in Deutschland). 

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an.lesen: Ganz normal und wunderschön https://ansch.4lima.de/an-lesen-ganz-normal-und-wunderschoen/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-ganz-normal-und-wunderschoen/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:21:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=22016 Die Message ist so berührend wie wichtig: Liebe deinen Körper, denn er ist schön, genau so wie er ist. Zwei aktuelle Kinderbücher vermitteln altersgerecht Body Positivity.  Von Gabi Horak  „Liebes Mädchen, ich hoffe, dass dich dieses Buch trösten, anleiten und bestärken wird.“ Die Autorin Jessica Sanders wendet sich in „Liebe deinen Körper“ direkt an ihre junge Leserin. Das Buch ist im Vorjahr in Australien erschienen und der kleine, aber feine […]]]>

Die Message ist so berührend wie wichtig: Liebe deinen Körper, denn er ist schön, genau so wie er ist. Zwei aktuelle Kinderbücher vermitteln altersgerecht Body Positivity. 

Von Gabi Horak 

„Liebes Mädchen, ich hoffe, dass dich dieses Buch trösten, anleiten und bestärken wird.“ Die Autorin Jessica Sanders wendet sich in „Liebe deinen Körper“ direkt an ihre junge Leserin. Das Buch ist im Vorjahr in Australien erschienen und der kleine, aber feine Berliner Kinderbuchverlag „Zuckersüß“ hat es für das deutschsprachige Publikum adaptiert. Das Bilderbuch mit kurzen und später auch etwas längeren Texten ist für Mädchen ab acht Jahren gedacht, aber auch Jüngere können – mit Begleitung – bestimmt profitieren. Es geht darum, den Körper als einzigartig, stark und besonders darzustellen. Das Motto: Alle Körper sind gute Körper. Die Illustrationen von Carol Rossetti machen das auf eindrucksvolle Weise deutlich. Sie sind lebendig und bilden Körpertypen in aller Diversität ab – so wie es eigentlich Standard in jedem Kinderbuch sein sollte. Die Botschaft verdichtet sich zum Ende hin zu einem Plädoyer für und Tipps zur Selbstliebe: die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, den eigenen Stil finden, sich innen wie außen liebhaben. Wie in der Einleitung versprochen: Es gibt Trost, Anleitungen zu „Self-Care“ und eine große Portion Bestärkung. Besonders die kraftvollen Illustrationen sorgen dafür, dass jedes Mädchen sich selbst oder auch ihr Vorbild finden kann. 

Divers und glamourös. Der Körper steht auch in „Wie siehst du denn aus?“ im Mittelpunkt. Zielgruppe sind Mädchen und Buben ab zehn Jahren, also kurz vor Beginn der Pubertät, in der sich der Körper schnell und stark verändern kann. Dass jede Richtung, in die diese Veränderung geht, gut und „normal“ ist – weil es „normal“ eigentlich nicht gibt – das ist die Botschaft von Autorin Sonja Eismann. Das spiegelt sich auch in der Sprache. Die Autorin selbst erklärt in der Einleitung kindgerecht, wie und weshalb sie inklusive Sprache verwendet und dass das Gendersternchen notwendig ist, aber auch „glamourös aussieht“. Auch in diesem Buch bilden die Illustrationen von Amelie Persson eine Diversität ab, die in keinem Biologie-Lehrbuch zu finden ist. Jedes Kapitel widmet sich einem Körperteil (von Nase über Bauchnabel bis Vulva und Penis) und immer sind ihm Zeichnungen vorangestellt. So gibt es etwa eine Doppelseite mit Brust-Paaren, keines dieser Paare gleicht dem anderen und jedes ist „normal“. Es folgt eine Doppelseite mit mehreren Kurztexten, die jedoch nicht erklären im herkömmlichen Sinne. Die Texte geben vielmehr Beispiele, was dieses Körperteil besonders macht und wie es in unterschiedlichen Zeiten und Teilen der Welt anders gelesen, idealisiert und verändert wird. Immer wieder werden so auch sexistische und rassistische Mechanismen locker mitdiskutiert. Es finden sich verblüffende Fakten, die auch vielen Erwachsenen neu sein werden. Es darf gestaunt und gelacht werden. Am Ende bleibt ein positives Körpergefühl und hoffentlich weniger Scham – nicht nur bei den Kindern. 

Wie mir das Buch „Wie siehst du denn aus“ gefallen hat 
Ich finde es gut, dass zu jedem Körperteil eine spannende Geschichte erzählt wird. Es wird gezeigt, dass es in anderen Ländern oft ganz andere Schönheitsideale gibt als bei uns. Die Erklärungen sind gut, ich habe alles verstanden und es war auch spannend. Gut gemerkt habe ich mir zwei witzige Fakten: die vom Bauchnabelkäse und dass die Augenbrauen hoch gehen, wenn man höher spricht, und hinunter gehen, wenn man tiefer spricht. Die Bilder waren auch spannend und witzig. Es gibt so viele verschiedene Formen. Wichtig ist, glaube ich, zu erkennen, dass jede und jeder perfekt ist, so wie er oder sie eben ist.  Klara, 11 Jahre 

Sonja Eismann und Amelie Persson: Wie siehst du denn aus? Warum es normal nicht gibt. Ab 10 Jahren. Beltz & Gelberg 2020, 15,40 Euro 

Jessica Sanders und Carol Rossetti: Die Anleitung zur Selbstliebe: Liebe deinen Körper. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Kampfmann. Ab 8 Jahren. Zuckersüß Verlag 2020, 25,60 Euro  

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an.spruch: Einfach so da sein https://ansch.4lima.de/an-spruch-einfach-so-da-sein/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-einfach-so-da-sein/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:17:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=22013 Am Morgen des 25. Februar 2018, ihrem 32. Geburtstag, findet Jameela Jamil, englische Schauspielerin, Model, Radiomoderatorin und Anorexia-Überlebende, tausende Nachrichten in ihren diversen Posteingängen vor. Unzählige Menschen, viele davon Frauen, teilen ihr darin ihre Unsicherheiten und Ausgrenzungserfahrungen mit und schreiben ihr, wie sehr sie es hassen, auf ihr Gewicht und ihr Aussehen reduziert zu werden. Jamil nennt diesen Tag in einem Blog-Eintrag den „best birthday I’ve ever had.“ Was war passiert?  Einige Tage zuvor stößt Jamil auf Instagram auf ein Foto der Kardashians, auf dem jemand das Gewicht der Frauen vermerkt hatte. Jamil kommentiert, dass es gesellschaftlich ziemlich düster […]]]>

Am Morgen des 25. Februar 2018, ihrem 32. Geburtstag, findet Jameela Jamil, englische Schauspielerin, Model, Radiomoderatorin und Anorexia-Überlebende, tausende Nachrichten in ihren diversen Posteingängen vor. Unzählige Menschen, viele davon Frauen, teilen ihr darin ihre Unsicherheiten und Ausgrenzungserfahrungen mit und schreiben ihr, wie sehr sie es hassen, auf ihr Gewicht und ihr Aussehen reduziert zu werden. Jamil nennt diesen Tag in einem Blog-Eintrag den „best birthday I’ve ever had.“ Was war passiert?  
Einige Tage zuvor stößt Jamil auf Instagram auf ein Foto der Kardashians, auf dem jemand das Gewicht der Frauen vermerkt hatte. Jamil kommentiert, dass es gesellschaftlich ziemlich düster aussähe, wenn Kilogramm die einzige Einheit sind, in der Frauen lernen ihren Wert zu bemessen. Sie ergänzt ihre Kritik mit einer Selfie-Story, in der sie sich mit jenen Dingen „aufwiegt“, die sie abseits von „Fucking KG“ ausmachen: „lovely relationship“, „financially independent“, „I laugh every day“. Ohne es geplant zu haben, war damit die #iweigh-Bewegung geboren, der heute auf Instagram mehr als eine Million Menschen folgen.  
Jamils #iweigh-Aktivismus ist mittlerweile zu einem Aushängeschild der Body-Neutrality-Bewegung geworden, die einen neutraleren Zugang zu Körperlichkeit fordert. Der Körper wird definiert als „Wahrnehmungsmaschine“, als Werkzeug, das uns Interaktion mit der Welt ermöglicht und mehr ist als eine optische Hülle. Körper werden nicht (nur) für ihre Schönheit, sondern für die Mobilität, Gefühle und Interaktionen geschätzt, die sie uns erleben lassen.   
Gerade Frauen, die noch immer vermehrt von Lookismus, also der Diskriminierung aufgrund des Aussehens, betroffen sind, beschert eine Abkehr von Schönheit neue Freiräume. Body Neutrality steht noch mehr als Body Positivity für eine Kritik an unerreichbaren, kapitalistischen Schönheitsidealen, die darauf abzielen, mit der Entdeckung von immer neuen ‚Makeln‘ immer neue Produkte zu verkaufen. Durch das Infragestellen dieser Ideale und die Absage an Schminke, Diäten und Enthaarung werden auch binäre Geschlechterzuschreibungen, die sich durch tagtäglich praktizierte Schönheitsarbeit im und am Körper fortschreiben, brüchiger.  
In gewisser Hinsicht ist Body Neutrality auch als Antwort auf die zu beobachtende Ausdifferenzierung und Kommerzialisierung von Body Positivity zu verstehen, die ihre Wurzeln in der US-Fat-Acceptance-Bewegung der 1960/70er Jahre hat. Body Positivity befasst sich heute neben Körpergewicht auch mit Körperbehaarung und Menstruation und ihre Forderungen werden heute zunehmend von Werbeslogans vereinnahmt.  
Doch auch wenn Body Neutrality – gerade von feministischen Medien – schnell als „die neue, bessere“ Body Positivity dargestellt wurde, so haben beide Bewegungen immer noch ihre Berechtigung. Solange Schönheit ein so hoher Wert zugeschrieben wird und ‚schöne‘ Menschen unzählige Vorteile im Leben genießen, braucht es radikale Body Positivity, die inklusivere Schönheitskonzepte entwirft und mehr Menschen Zugang zu dieser vorteilhaften Kategorie verschafft. Body Neutrality ergänzt diesen Ansatz, indem sie den Wert von Schönheit als solchen in Frage stellt und dazu aufruft, alle Körper ungeachtet ihres Aussehens in ihrem „Da-und-So-Sein“ zu akzeptieren. Besonders für jene Menschen, die stark unter Schönheitsdruck leiden und mit Selbsthass zu kämpfen haben, weil ihre Körper gesellschaftlich als ‚hässlich‘ oder ‚eklig‘ stigmatisiert werden, kann neutrale Körperlichkeit erleichternd sein. Anstatt neue Ideale auszurufen oder rund um die Uhr Selbstliebe praktizieren zu müssen, eröffnet Body Neutrality Räume für ein Hinnehmen von Körpern und ihren Veränderungen ohne Wertung.  Oder um es mit @minusgold zu sagen: „Have a body. nothing more, nothing less.“  

Elisabeth Lechner (@femsista) ist Kulturwissenschafterin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Popkultur-Studien, feministischer Medienwissenschaft, Affect und Body Studies.  

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Auf sich selbst zurückgeworfen https://ansch.4lima.de/auf-sich-selbst-zurueckgeworfen/ https://ansch.4lima.de/auf-sich-selbst-zurueckgeworfen/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:02:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=22009 Für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erwies sich der Lockdown als ein Aufatmen inmitten kollektiver Überforderung – aber auch die Existenzängste nehmen drastisch zu. Von Beatrice Frasl  Gleich zu Beginn der Krise drängte sich mir die Beobachtung auf: Jene Menschen in meinem Umfeld, die mit Depressionen und Angsterkrankungen kämpften, schienen erstaunlich gut zurechtzukommen. Der Kontrollverlust schien für sie keine neue Erfahrung […]]]>

Für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erwies sich der Lockdown als ein Aufatmen inmitten kollektiver Überforderung – aber auch die Existenzängste nehmen drastisch zu. Von Beatrice Frasl 

Gleich zu Beginn der Krise drängte sich mir die Beobachtung auf: Jene Menschen in meinem Umfeld, die mit Depressionen und Angsterkrankungen kämpften, schienen erstaunlich gut zurechtzukommen. Der Kontrollverlust schien für sie keine neue Erfahrung zu sein. Auch das Erleben der eigenen Fragilität nicht. Der Lockdown wurde von vielen als starke Entlastung empfunden. Ich selbst hatte den Eindruck durch meine Erfahrung mit Depressionen auf die Ausnahmesituation besser vorbereitet zu sein als manch psychisch „Gesunde“.  

Psychische Erholung. Als ich gegen Ende der Ausgangsbeschränkungen auf Instagram die Frage nach dem Wohlbefinden meiner Follower_innen stellte, war die häufigste Antwort von Personen mit präexistierenden Erkrankungen die zum Ausdruck gebrachte Erleichterung über das Wegfallen von Druck und Verpflichtungen durch die Ausgangsbeschränkungen. Darauf folgt nun Angst vor den Lockerungen und den gesellschaftlichen und beruflichen Ansprüchen, die mit den Lockerungen einhergehen. Eine Followerin bezeichnete den Lockdown als „heilig“. Eine andere betonte, er wäre seit Jahren die erste Möglichkeit gewesen, sich psychisch zu erholen. Diese Beobachtung machte auch die Psychotherapeutin Barbara Haid, die im Österreichischen Verband für Psychotherapie aktiv ist. Sie berichtet vom Beispiel einer depressiven Patientin, „die sich plötzlich viel besser gefühlt hat, weil niemand Ansprüche an sie gestellt hat. Sie musste sich nicht mit Freundinnen treffen, weil alle zu Hause bleiben mussten.“  
„In meiner Praxis erlebe ich durchaus, dass Menschen die die – wenn auch unfreiwillige – Entschleunigung als entlastend erlebt haben. Auch der Wegfall von Sozialkontakten wurde nicht von allen als negativ bewertet. Manche waren direkt erleichtert, dass das für sich bleiben plötzlich positiv bewertet wurde“, so Psychotherapeutin Raffaela Kellner (@raffaelakellner_psychotherapie auf Instagram). Dies ist, so Barbara Haid, auch nicht weiter überraschend: „Der Druck, der Stress, die Erwartungen von Seiten der Gesellschaft an uns Menschen, gekoppelt mit den eigenen (Selbst-)Ansprüchen und den Idealen und Werten der Systeme haben zu einem Zustand geführt, der früher oder später zum totalen Zusammenbruch geführt hätte. Durch den Lockdown hatten wir plötzlich die „Erlaubnis“ nicht/weniger/anders zu arbeiten.“ 
Die Entlastung war jedoch nur von kurzer Dauer und betrifft auch nur bestimmte Gruppen, betont Haid, da viele im Lockdown mehr arbeiteten als jemals zuvor. 
Die Kurzfristigkeit der Entlastung zeigt sich auch in der zweithäufigsten Antwort auf meine Frage: Diese beinhaltete nämlich Existenzängste und große Belastung durch die finanziellen Folgen der Krise. 

Existenzängste. Eine Online-Befragung der Donau-Universität Krems Anfang Mai hatte zum Ergebnis, dass sich in Folge von Corona depressive Symptome in der österreichischen Bevölkerung von vier auf zwanzig Prozent vervielfachten. Angstsymptome erhöhten sich auf 19 Prozent, ähnlich sieht es mit Schlafstörungen aus: Unter diesen litten 16 Prozent der in der Studie Befragten. Die Donau-Universität konstatiert außerdem, dass insbesondere Menschen unter 35, Frauen und erwerbsarbeitslose Menschen von einer Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit betroffen sind. Auch Barbara Haid beobachtet in ihrer psychotherapeutischen Praxis „tiefgreifende“ und „umfassende“ Auswirkungen auf die psychische Gesundheit ihrer Klient_innen: „Die Probleme sind vielfältig, wobei vermehrt Angst, Depression und Substanzmissbrauch zu bemerken ist. Die Angst um die Arbeit sowie finanzielle Einbußen stehen stark im Vordergrund.“ 
Dass die Corona-Krise zu verschlechterter psychischer Gesundheit führt, ist auf den ersten Blick nicht weiter verwunderlich, schließlich ist die aktuelle Situation mit vielen Belastungen verbunden, die sich durch den angeordneten Rückzug, das Wegfallen von Strukturen und die soziale Isolation ergeben. Hinzu kommt die Angst vor der Infektion selbst, sowie vor Erkrankung und dem Tod anderer. In weiterer Folge führt die Corona-Krise für viele zu Existenzängsten und finanziellen Sorgen durch Kurzarbeit, Erwerbsarbeitslosigkeit oder den Wegfall von Aufträgen. Außerdem verschärfen sich für viele – insbesondere Frauen – Mehrfachbelastungen: Sie müssen nun neben der Erwerbsarbeit zuhause auch noch Kinder bei ihren Schulaufgaben betreuen. Jene – auch größtenteils Frauen – die nicht im Homeoffice, sondern in sogenannten „systemrelevanten“ Berufen arbeiten, sind an ihrem Arbeitsplatz in der Regel erhöhtem Arbeitsdruck und Infektionsrisiko ausgesetzt. Diese höheren Belastungen durch Erwerbsarbeit finden zudem zeitgleich mit einem Wegfallen des Ausgleichs durch Sozialleben und Freizeitbeschäftigungen auf der einen und zusätzlichen Betreuungspflichten zuhause statt. Die sozioökonomischen Bedingungen, unter denen der Lockdown durchgestanden wurde, sind hierbei hochrelevant: Faktoren wie Armut, prekäre Beschäftigung, Überarbeitung, beengte Wohnverhältnisse, belastende Partnerschaften, Gewalt in der Familie sind nämlich auch außerhalb von Krisen (geschlechtsspezifische) Risikofaktoren in der Entstehung von Depressionen und verschärfen sich in Krisen drastisch. 

Retraumatisierend. Das Wegfallen von Routine und Tagesstrukturen stellt eine große Herausforderung dar – nicht nur, aber besonders für Menschen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen. Barbara Haid konnte durch den Verlust gewohnter Ablenkungen eine Verstärkung von bereits davor bestehenden Problemen beobachten: „Themen, die vorher schon latent vorhanden waren, sind in dieser Zeit vermehrt und verstärkt zum Ausdruck gekommen. Manche werden auch noch zeitverzögert kommen.” 
Durch die Isolation und das Auf-Sich-Selbst-Zurückgeworfen-Werden können bereits verarbeitet geglaubte Traumata, schmerzhafte Verluste oder Krankheitssymptome wieder aktualisiert werden. Neben der Verschlimmerung von Krankheitssymptomen kann die Corona-Krise selbst retraumatisierend wirken: „Die Isolation und die große Unsicherheit hat für manche zu ‚Retraumatisierungen‘ geführt. Eingesperrt sein führt auch vermehrt zu Triggersituationen und Flashbacks“, so Haid. 
Corona bedeutete zudem das Erleben kollektiven Kontrollverlustes und Ausgeliefert-Seins. Die sonst ausgeblendete Fragilität der eigenen Existenz wurde uns vor Augen geführt. Einer Gesellschaft, die der Überzeugung war, sich die Natur Untertan gemacht zu haben, wurde plötzlich die Unkontrollierbarkeit und Gefährlichkeit dieser Natur vor Augen geführt. Und während vergleichbare Krisen in der Regel gemeinsam mit anderen durchgestanden werden können, verpflichtete uns Corona zu Isolation und Physical Distancing.  
Raffaela Kellner ordnet die Situation folgendermaßen ein: „Was wir alle erleben mussten, ist ein Wegfall der Gewissheit, der Zuverlässigkeit, des Vertrauens in unsere Welt. Alles war plötzlich anders, unsere Sicherheiten waren und sind weg.“  
Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei. Ihre psychosozialen Folgen sind noch nicht absehbar. Es gibt keine Langzeitstudien, die man zur Recherche heranziehen könnte, nur Prognosen, Momentaufnahmen und eine Fülle teils sehr widersprüchlicher Erfahrungen.  
Aber auch wenn die Konsequenzen der Krise vielfach noch nicht abzusehen sind, in einer Sache sind sich alle befragten Betroffenen und Therapeut_innen einig: Psychotherapie muss endlich zur Gänze von den Krankenkassen übernommen werden. Gefordert ist keine bloße Aufstockung, sondern eine Abschaffung der Kontingente von kassenfinanzierten Therapieplätzen. Barbara Haid: „Patient_innen mit psychischen Erkrankungen brauchen sofort Hilfe. Ein gebrochenes Bein kann auch nicht warten, bis das Kontingent erhöht wird“, sagt Barbara Haid. 

Beatrice Frasl ist Kultur/Geschlechterforscherin, Vortragende, Universitätslektorin, betreibt den feministischen Podcast „Große Töchter“ und nutzt ihren Instagram-Account @fraufrasl (auch) zur Enttabuisierung psychischer Erkankungen. 

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Politik der Verachtung https://ansch.4lima.de/politik-der-verachtung/ https://ansch.4lima.de/politik-der-verachtung/#respond Fri, 26 Jun 2020 06:55:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=22005 Strenge Drogenpolitik richtet sich meist gegen Minderheiten und stigmatisiert Suchtkranke, statt präventiv zu wirken. Staaten wie Portugal zeigen Alternativen auf. Von Brigitte Theißl  „Amerikas Staatsfeind Nummer eins ist der Drogenmissbrauch.” Auf einer Pressekonferenz 1971 formulierte Richard Nixon jene Kriegserklärung an die Drogen, die ein Satz für die Geschichtsbücher werden sollte. Der „war on drugs“, den die USA seither führen, ist angesichts Zigtausender Drogentoten jährlich […]]]>

Strenge Drogenpolitik richtet sich meist gegen Minderheiten und stigmatisiert Suchtkranke, statt präventiv zu wirken. Staaten wie Portugal zeigen Alternativen auf. Von Brigitte Theißl 

„Amerikas Staatsfeind Nummer eins ist der Drogenmissbrauch.” Auf einer Pressekonferenz 1971 formulierte Richard Nixon jene Kriegserklärung an die Drogen, die ein Satz für die Geschichtsbücher werden sollte. Der „war on drugs“, den die USA seither führen, ist angesichts Zigtausender Drogentoten jährlich nicht nur ein gescheiterter, sondern auch ein gesellschaftszersetzender. Nirgendwo verbüßen so viele Menschen eine Gefängnisstrafe wie in den Vereinigten Staaten, mit 655 Insassen pro 100.000 Einwohner*innen stehen sie weltweit an der Spitze der Statistik. Diese Masseninhaftierungen sind ganz wesentlich auf die Drogenpolitik zurückzuführen. So wurden unter Präsident Reagan drakonische Mindeststrafen eingeführt, die Zahl der Insassen, die für ein Drogendelikt hinter Gittern sitzen, explodierte regelrecht: von 40.900 im Jahr 1980 auf unglaubliche 452.900 Personen 2017, wie das Scentencing Projekt belegt. Auf Bundesebene machen sie sogar rund die Hälfte der gesamten Gefängnispopulation aus.  

Race War. Schwarze und und Latinx sind dabei überproportional vertreten – der Krieg gegen die Drogen war immer schon ein rassistischer und klassistischer. Wer in den USA mit fünf Gramm Crack in der Tasche erwischt wurde, hatte mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren Haft zu rechnen, bei Kokain galt dieselbe Mindeststrafe bei einem Besitz von 500 Gramm. Erst 2010 unterzeichnete Barack Obama den „Fair Scentencing Act“, der dieses Missverhältnis von 100 zu 1 zumindest auf 18 zu 1 senkte. Crack, das aus Kokain hergestellt und geraucht wird, gilt als die Droge der Schwarzen Bevölkerung und der Armutsklasse, während Kokain für das weiße Amerika der Upper Class steht: euphorisierend, leistungssteigernd, mit einem Geldschein durch die Nase gezogen. Die rassistische Geschichte des war on drugs reicht indes viel weiter zurück, wie der Journalist Johann Hari in seinem fesselnden Buch „Chasing the Scream“ nachzeichnet. Harry Anslinger, der ab 1930 das Federal Bureau of Narcotics leitete – eine Vorläuferorganisation der späteren Drug Enforcement Administration (DEA) – trieb mit Eifer einen Kampf gegen die Drogen voran, den er mit rassistischer Hetze unterfütterte. Besonders auf Cannabis schoss sich Anslinger ein, die Droge der Schwarzen Jazz-Kultur, die er für ihre Freigeistigkeit und aufrührerischen Tendenzen zutiefst verachtete – etwa, wenn Billie Holiday in ihrem weltberühmten Song „Strange Fruit“ Lynchmorde an Schwarzen in den Südstaaten anprangerte. Seine Propaganda gegen die Grasraucher*innen – Marijuana führe zu Übergriffen auf weiße junge Frauen durch Schwarze Männer, so einer seiner Thesen – knüpfte an wohlbekannte rassistische Erzählungen an und fand so weite Verbreitung.  

Weißes Mitgefühl. Erst nach Jahrzehnten eines zerstörerischen war on drugs scheint ein Umdenken einzusetzen, so legalisierten mehrere Bundesstaaten Cannabis für den Eigengebrauch. Mit Drogenmissbrauch haben die USA dennoch massiv zu kämpfen, wie zuletzt die Opioid-Krise verdeutlichte. Zigtausende Menschen kosteten opioidhaltige Schmerzmittel das Leben, die von Herstellern und Händlern aggressiv vermarktet worden waren. Dass die Medikamenten-Schwemme zur nationalen Gesundheitskrise erklärt wurde, sei wiederum ein race issue, kritisierten Beobachter*innen. So berichteten Medien von weißen Mittelklasse-Familien, die ein Überdosis-Opfer zu beklagen hatten, rasant verbreitete sich ein schockierendes Foto aus Ohio im Netz, auf dem ein weißes Paar in ihrem Wagen zu sehen ist: völlig weggetreten, auf der Rückbank ihr Sohn im Kindersitz  mit verdutztem Blick. Solche Geschichten seien in der Lage, Mitgefühl zu erzeugen, das es für die – überwiegend Schwarzen – Opfer der Crack-Epidemie in den 1980er- und 1990er-Jahren nie gegeben habe.  

Politik gegen die Armen. Nicht nur in den USA, weltweit setzen autoritäre Staaten auf eine harte Drogenpolitik, die mit menschenverachtender Rhetorik operiert. So sorgte Präsident Rodrigo Duterte auf den Philippen mit seinem brutalen Kampf gegen die Drogen, der bereits Tausende Todesopfer forderte, international für Empörung. Drogenkonsument*innen und Dealer*innen seien kriminell und schmutzig, so allerorts die Zuschreibung – das Gegenbild des anständigen, fleißigen Bürgers, des „wertvollen“ Mitglieds der Gesellschaft.  
„Der Kampf gegen die Drogen ist oftmals auch ein Kampf gegen die Armen“, formuliert es Politikwissenschafterin Julia Jaroschewski im Interview mit dem ZDF. Drogenkonsum werde zum nationalen Sicherheitsproblem erklärt und so etwa militärische Einsätze in den Slums legitimiert. Der Krieg gegen die Drogen dämmt jedoch weder die Produktion ein noch verhindert er Suchterkrankungen. 2017 befand sich der weltweite Drogenkonsum auf einem historischen Höchststand, meldeten die Vereinten Nationen, fast 600.000 Menschen sind an seinen Folgen gestorben. 1

Entkriminalisierung. Ist es überhaupt sinnvoll, Drogenkonsum mit dem Strafrecht zu regeln? „Beim Suchtmittelkonsum von illegalen Drogen handelt es sich um opferlose Delikte“, sagt Monika Stempkowski, Juristin am Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien, im an.schläge-Interview. Menschen, die Drogen konsumieren, hätten im Strafrecht nichts verloren, der Staat müsse vielmehr gesundheitspolitisch aktiv werden, ist die Juristin überzeugt. In Österreich gebe es zwar eine sehr differenzierte Drogenpolitik, die den umfangreichen Einsatz von Therapie statt Strafe erlaube, dennoch wird auch der Besitz mit dem Strafrecht geregelt. Einen völlig anderen Weg hat indes Portugal eingeschlagen – den auch Stempkowski sehr positiv beurteilt. Bereits im Jahr 2001 entkriminalisierte der Staat Drogen unterschiedslos, seit zwanzig Jahren wird dort der Eigengebrauch nicht mehr bestraft. Stattdessen setzt die Politik auf Prävention und Aufklärung – mit Erfolg. „Es gab damals die Befürchtung, dass Portugal von Drogen überschwemmt werden würde, tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass etwa Todesfälle und HIV-Infektionen deutlich zurückgegangen sind“, so Stempkowski.  

Stigmatisierung. Warum beschreiten nicht mehr Staaten den Weg in Richtung Entkriminalisierung und Liberalisierung, wenn die positiven Effekte sich so deutlich belegen lassen? Drogenpolitik ist nach wie vor eine ideologische Angelegenheit – die Stigmatisierung von Drogenkonsument*innen und Suchtkranken wirkt stark. Meist sind es schwere Traumata und Schmerzen, die Suchterkrankte mit ihrem Konsum betäuben (siehe Interview S. XX), zusätzlich werden sie mit Ausgrenzung und Verachtung bestraft, die sich auch in der Stadtpolitik niederschlägt, wo der Junkie als Personifizierung des Problemviertels auftritt. Das Stigma trifft jedoch nicht alle gleichermaßen, entscheidend ist, welche Drogen in welchen Räumen konsumierte werden. „Dass Drogen in allen Klubs dieser Welt ein Thema sind, das ist einfach so. Wir distanzieren uns zur Gänze davon!“, erklärte Martin Ho locker im „Krone“-Interview, jener Besitzer des Döblinger Nobel-Restaurants Dots, in dem während des Corona-Shutdowns eine „Drogen-Party“ von der Polizei beendet wurde.  
Und auch in Österreich werde Drogenpolitik rassistisch instrumentalisiert, sagt Heidrun Aigner, die die „Wiener Gürtelpanik“ in ihrer Masterarbeit untersucht hat. „Dealen im öffentlichen Raum“, eine neue Bestimmung, die 2016 im Suchtmittelgesetz in Kraft getreten ist und eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren vorsieht, sei nach Absicht und Wirkung eine rassistische Sondergesetzgebung: „Der neue Tatbestand setzt vor allem Männer of Color/Schwarze Männer massiver Verfolgung, alltäglicher Polizeigewalt, Kriminalisierung und Bestrafung aus. Er ist für die Cops Legitimationsgrundlage für Personenkontrollen, Anhaltungen, Festnahmen, für rassistische Polizeischikanen im öffentlichen Raum“, sagt Aigner. Auch klassistisch würde die Gesetzgebung wirken, etwa, wenn der Tatbestand herangezogen werde, um Bettler*innen, Sexarbeiter*innen, Zeitungsverkäufer*innen oder Leute, die im Freien schlafen, zu vertreiben oder zu durchsuchen.  
Den neuen Tatbestand im Suchtmittelgesetz rechtfertige der damalige Justizminister Wolfgang Brandstetter mit „keinem Platz für Toleranz gegenüber skrupellosen Drogenhändlern“. Diese brächten nicht gefährliche Substanzen in Umlauf, sondern auch „Gewalt auf unsere Straßen“. Es klingt wie eine kleine Kriegserklärung an die Drogen.  


Nicht für alle Länder liegen Daten vor, die Zahlen des World Drug Reports zeigen dennoch Tendenzen auf. 

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Die Glorifizierung des kaputten, weißen Mannes https://ansch.4lima.de/die-glorifizierung-des-kaputten-weissen-mannes/ https://ansch.4lima.de/die-glorifizierung-des-kaputten-weissen-mannes/#respond Fri, 26 Jun 2020 06:48:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=22001 Von der Beat-Generation bis zu Breaking Bad: Rausch und Exzess sind männlich, berauschte Frauen kommen popkulturell so gut wie nicht vor. Von Marlene Halser und Maike Brülls  „Wir hatten zwei Beutel Gras, fünfundsiebzig Kügelchen Meskalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, einen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Upper, Downer, Heuler, Lacher … sowie einen Liter Tequila, eine Flasche Rum, eine Kiste Bier, einen halben […]]]>

Von der Beat-Generation bis zu Breaking Bad: Rausch und Exzess sind männlich, berauschte Frauen kommen popkulturell so gut wie nicht vor. Von Marlene Halser und Maike Brülls 

„Wir hatten zwei Beutel Gras, fünfundsiebzig Kügelchen Meskalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, einen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Upper, Downer, Heuler, Lacher … sowie einen Liter Tequila, eine Flasche Rum, eine Kiste Bier, einen halben Liter unverdünnten Ether und zwei Dutzend Poppers.“ (Fear and Loathing in Las Vegas, Hunter S. Thompson, 1971) 

Literatur über Drogen und Rauschzustände wird derart häufig geschrieben, dass das Sujet eine eigene Kategorie bekommen hat. Drogenliteratur heißt sie genderneutral und entsprechend irreführend. Denn dieser Begriff verschleiert, dass es fast ausschließlich weiße cis Männer sind, die sich, ihren Konsum und ihre sowohl mentale als auch physische Kaputtheit literarisch ausbreiten. 
Seit der britische Schriftsteller Thomas De Quincey 1822 mit seinem autobiografischen Essay „Confessions of an English Opium Eater” das Feld eröffnet hat, sind eine Vielzahl von Arbeiten entstanden, deren Kultstatus auf dem darin beschriebenen exzessiv Konsum von Substanzen und der daraus folgenden (Nonsense-)Philosophie des Deliriums beruht. Die Autoren der Beat-Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs, Ernst Jüngers Schriften über Äther, Chloroform, Kokain, Opium, Haschisch, Meskalin, LSD und Psilocybin, Tom Wolfes Beschreibung von Ken Kesey und den „Merry Pranksters“, Charles Bukowskis tragischer Trinker Hank Chinaski, Rainald Götz endloser Techno-Taumel in Rave, der kettekoksende Benjamin von Stuckrad-Barre in Panikherz. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.  

Popkulturell abgefeiert. In Filmen und Serien setzt sich das beschriebene Muster fort: Barfly, Trainspotting, Lammbock, 99 francs, The Wolf of Wall Street, Californication, Mad Men, Breaking Bad – die Konsumierenden, Produzierenden und Scheiternden sind fast ausschließlich weiße cis Männer, deren Kaputtheit und Selbstzerstörung popkulturell zelebriert, glorifiziert, amüsiert und kritiklos verharmlost und zum Kult erhoben wird.  
Das Problem ist nur: Diese überproportionale Darstellung von Rausch aus einer privilegierten, männlichen Perspektive hat in vielen Fällen nichts mit der gelebten Realität zu tun. Sie vernachlässigt zum einen, dass es sehr wohl nicht-männliche Personen gibt, die ebenso ausgelassen, hedonistisch oder fatalistisch ballern, oder sich selbst ganz bewusst in bewusstseinserweiternde Rauschzustände versetzen – ohne davon zu erzählen. Was diese Darstellung von Rausch ebenso verschweigt, ist der krasse Unterschied, wenn es um die Wahrnehmung von real berauschten Personen geht. Rausch ist nämlich ausschließlich bei weißen, cis männlichen Personen mit einem bestimmten sozialen Status derart konsequenzlos und allgemeingültig akzeptiert.  

Weibliche Verführung. Kommen sie vor, sind Frauen in der Rauschliteratur in den allermeisten Fällen entweder schmückendes, aber belangloses und oft auch namenloses Beiwerk, Sexualobjekt oder Opfer. Oder aber die Substanz selbst wird als weibliche Verführung dargestellt, wie etwa in dem Film über die Glam-Metal-Band Mötley Crüe, in dem eine nackte Frau dem Bandmitglied Nikki Sixx seine erste Spritze Heroin reicht. Selbst die von Uma Thurman verkörperte Mia Wallace in Pulp Fiction, die durchaus als Kultfigur gelten kann, ist in erster Linie Marsellus Wallace Frau, stirbt fast an einer Überdosis und muss in einem heroischen Akt von ihrem Begleiter gerettet werden, der ihr eine Adrenalin-Spritze durchs Brustbein rammt. Christiane F. indes wird in Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gar zum Negativbeispiel für unbezwingbare Substanzabhängigkeit und unaufhaltsamen sozialen Abstieg; ein Schreckgespenst, das ganze Generationen prägt. 
Ein Grund für diese unterschiedliche Darstellung liegt wohl darin, dass Rausch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nach wie vor als „männlich” gilt. „Der Ansatz der Konstruktion sozialer Geschlechtlichkeit („doing gender“) kann den Blick für einen Verstehens-Ansatz männlichen Drogenkonsums öffnen”, schreibt etwa der Suchtforscher Heino Stöver. Antriebssteigerungen, „Grandiosität“ und das „Über-sich-hinaus-Wachsen“ seien Rauschgefühle, die männlich konnotierten Dynamiken entsprechen, so Stöver. Besoffen zu poltern, zu prahlen oder zu prügeln, passt also zum tradierten Bild von Männlichkeit – so sehr, dass der Mann laut Stöver im Rausch „zum Mann werde“. In dieser Vorstellung sitzt die Frau zuhause, ist vernünftig, übernimmt vollständig die Care-Arbeit und nervt – wie Skyler White in Breaking Bad.  

Täter-Opfer-Umkehr. Auch für Frauen bzw. Personen, die als weiblich wahrgenommen werden, gibt es sexistische Zuschreibungen – allerdings sind sie negativ. Besoffene Frauen gelten schnell als hysterisch. Frauen, die nicht mehr bei Bewusstsein sind, sind zudem dem Risiko ausgesetzt, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Eine toxische Mischung: Auf der einen Seite steht der Mann, dem sein aggressives und grenzüberschreitendes Verhalten im Rausch zugestanden wird. Auf der anderen Seite die Frau, die versäumt hat, auf sich achtzugeben. Wenn die Beteiligten berauscht sind, ist die Täter-Opfer-Umkehr meist nicht weit. 
Auch Rassismus ist ein wichtiges Motiv, das zeigt, wie in der Gesellschaft mit Menschen umgegangen wird, die mit Drogen zu tun haben. Der unreine, Schwarze Mann, der dreckige Drogen an die reinen und sittenhaften Weißen bringt – dieses rassistische Bild stammt aus Kolonialzeiten und wirkt bis heute: Die drogenschmuggelnden Mexikaner in den USA, die tickenden Geflüchteten im Görlitzer Park in Berlin, die Crack-verteilenden Afroamerikaner an der West Coast Amerikas sind nur drei Beispiele solcher Klischees. 

Produktiver Kokser. Welcher Rausch geächtet und welcher akzeptiert wird, ist also immer auch eine Frage des sozialen Status. Und auch, mit welchem Zweck die Person sich berauscht. In unserer kapitalistischen Welt gilt jener Konsum als konform, der einem dazu verhilft, die tägliche Lohnarbeit zu meistern; etwa der Joint zur Entspannung am Abend oder die Line Koks vor dem wichtigen Kundentermin. Menschen, die Hartz 4 beziehen und kiffen, werden hingegen stigmatisiert. Auch be_Hinderte Berauschte kommen im gesellschaftlichen Diskurs einfach gar nicht vor. 
Die Wurzeln hierfür liegen wohl im Protestantismus. Mit Luther wurde die Arbeit zu Ehren Gottes zum neuen Ideal. Trinker, die im Mittelalter noch akzeptiert waren, galten nun nicht länger als gute Christen. Mit der Säkularisierung und Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert übernahm die Wissenschaft diese Idee: „Der Trinker der Reformationszeit wurde zum Sünder, weil er nicht gottgefällig lebte; der Trinker der kapitalistischen Industriegesellschaft wird als krank definiert, weil er nicht der Norm dieser Gesellschaft entspricht: Produktivität, Funktionalität und Erfolg“, schreibt der Kulturwissenschaftler Frank Nolte in einem Aufsatz über die Entstehung der Sucht. Was für den Alkohol galt, wurde auch auf alle anderen psychoaktiv wirkenden Stoffe übertragen. 

Abstiegsangst. Die Ablehnung von Rausch hat also auch viel mit der Angst vor dem sozialen Abstieg zu tun, mit der Angst „in der Gosse zu landen”, wie die Soziologin Gundula Barsch schreibt. Die Darstellung, den von Armut und Chancenlosigkeit Betroffenen bliebe keine andere Perspektive, als ihren Sorgen und Nöte mit Drogenkonsum zu begegnen, betrachtet sie jedoch als Vereinfachung: „Am Zustandekommen solcher Reduktionismen ist zweifellos vor allem die dramatisierende Inszenierung des Drogenthemas beteiligt: Die allgegenwärtige, abschreckende Darstellung, nach welcher der Konsum von Drogen über kurz oder lang in soziales Elend sowie physischen und psychischen Verfall führe, soll den Umgang mit diesen Substanzen verhindern.” 
Einer der wenigen Drogenromane, in dem es auch eine weibliche Protagonistin gibt, die Substanzen konsumiert, ist ein Buch aus dem Jahr 1997. „Relax” ist der Debütroman von Alexa Henning von Lange und obwohl hier eine Autorin schreibt, beginnt die Erzählung so, wie im Grunde fast alle von Männern verfassten Rauschromane beginnen könnten. „Mann. Ich bin ein Rockstar”, sagt Chris vorneweg, um anschließend atemlos davon zu berichten, wie er sich mit seinen „Jungs” an einem durchfeierten Wochenende so derart viele Joints, Biere, Lines und Pillen reinknallt, bis er schließlich auf dem Parkplatz vor einem Club zusammenbricht. Die zweite Hälfte des Buches wird von Chris’ Freundin erzählt. Was sie beschreibt, ist ihre Sicht auf dasselbe Wochenende. Und das besteht in erster Linie aus: Warten auf Chris. Die Protagonistin hat keinen Namen, sondern wird im Buch stets nur „die Kleine” genannt – sogar von sich selbst. 

 Maike Brülls und Marlene Halser sind freie Autorinnen und leben in Berlin. 

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Die Kunst, mit Krisen zurechtzukommen https://ansch.4lima.de/die-kunst-mit-krisen-zurechtzukommen/ https://ansch.4lima.de/die-kunst-mit-krisen-zurechtzukommen/#respond Fri, 26 Jun 2020 06:42:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=21997 Birgt die Krise Chancen für eine sozialökologische Wende? Die Soziologin Stefanie Graefe sieht wenige Anzeichen, dass die Pandemie zu einem politischen Wandel führen wird. Interview: Lea Susemichel  an.schläge: Sie sprechen von Krisenkapitalismus, was ist damit gemeint? Und inwieweit ist die Corona-Krise auch eine Krise des Kapitalismus?  Stefanie Graefe: Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach krisenförmig, das wissen wir seit Marx. Von daher ist der Begriff „Krisenkapitalismus“ ein bisschen wie […]]]>

Birgt die Krise Chancen für eine sozialökologische Wende? Die Soziologin Stefanie Graefe sieht wenige Anzeichen, dass die Pandemie zu einem politischen Wandel führen wird. Interview: Lea Susemichel 

an.schlägeSie sprechen von Krisenkapitalismus, was ist damit gemeint? Und inwieweit ist die Corona-Krise auch eine Krise des Kapitalismus?  
Stefanie Graefe: Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach krisenförmig, das wissen wir seit Marx. Von daher ist der Begriff „Krisenkapitalismus“ ein bisschen wie der sprichwörtliche weiße Schimmel. Was er zeigen soll, ist, dass die angeblich stabile neoliberale Hegemonie zunehmend ihre destruktive Seite offenbart – und dies auch für immer mehr Menschen erkennbar wird. Allerdings war „der“ Kapitalismus immer schon gut darin, für die selbst geschaffenen Probleme Lösungsrezepte anzubieten, die das System nicht in Frage stellen, sondern weiter stabilisieren. Gegenwärtig sind das vor allem die Behauptung, ein technologisch gestützter, „grüner Kapitalismus“ könne die katastrophalen Folgen des Klimawandels abbremsen.  
Auch die so genannte „Resilienz“, also die Kunst der Krisenfestigkeit, ist ein solches Rezept, das nicht zuletzt im Arbeits- und Gesundheitsschutz boomt: Wer in Folge von Vermarktlichungsdruck, Prekarität oder ausufernder Arbeitsanforderungen krank wird, der*die kann immer noch an der eigenen Resilienz, d.h. an der Fähigkeit arbeiten, mit Stress so zurechtzukommen, dass es zu keinen Produktivitätseinbrüchen kommt.  

Ihr letztes Buch beschäftigt sich kritisch mit Resilienz, ein Konzept, das sicher auch in Post-Corona-Zeiten Konjunktur haben wird, wenn es darum gehen wird „die Krise zu meistern“.  Was ist so problematisch daran? 
Bei Resilienz also der Kunst, mit Krisen zurechtzukommen, geht es um alles mögliche; das Spektrum reicht von Arbeitsstress über die Folgen von Austeritätspolitik, humanitäre Katastrophen bis Klimawandel: Überall wird Resilienz als Ausweg aus dem Schlamassel propagiert. Im Kern besagt das Konzept, dass wir an krisenhaften Bedingungen unseres Daseins nichts ändern können und uns deshalb besser an diese anpassen, „adaptieren“ müssen. Das ist nicht unbedingt pessimistisch gemeint, im Gegenteil: Mit Resilienz ist immer auch die Verheißung auf mehr Erfolg, Stabilität oder Glück verbunden. Das Problem daran ist, dass es ein radikal entpolitisierendes Konzept ist. Die Idee, dass wir kollektiv die Bedingungen, unter denen wir leben, beeinflussen und zum Besseren verändern können – also das, was man landläufig als „Politik“ bezeichnet – erscheint im Zeichen von Resilienz bestenfalls als naiver Utopismus.  

 
Die ganz grundlegende Frage in dieser Krise scheint zu sein, ob die Pandemie für einen sozial-ökologischen Wandel genutzt werden kann. Es gibt ja durchaus ermutigende Entwicklungen, etwa die neue (freilich derweil nur symbolische) Wertschätzung von vornehmlich weiblicher Care-Arbeit oder die Skandalisierung von Arbeitsbedingungen wie etwa in deutschen Schlachthöfen.  
Andererseits steht uns eine Weltwirtschaftskrise bevor, deren Überwindung alles andere zweitrangig werden lassen könnte – insbesondere die Klimakrise. Welche politischen Forderungen sollten jetzt stark gemacht werden? 
Ich habe wenig Hoffnung, dass die Pandemie für eine sozial-ökologische Wende genutzt wird. Sicherlich wird es an der einen oder anderen Stelle auch positive Veränderungen geben – aber ich glaube weder, dass die Fleischindustrie noch die prekären Arbeitsbedingungen im Care-Bereich und erst recht nicht das sozialökologische Desaster nun plötzlich ganz neu verhandelt werden – im Gegenteil: In Deutschland wird ja schon eifrig über Kaufpräminen für Autos und Staatshilfen für Lufthansa diskutiert. Von daher sind die alten politischen Forderungen auch die neuen: Anerkennung von Care-Arbeit, die sich nicht auf symbolische Gesten beschränkt, eine Grundsicherung, die diesen Namen auch verdient, und eine radikale sozialökologische Wende, in der statt der mantraartigen Wiederholung des Wachstumsimperativs endlich die Frage gestellt wird, was und wie produziert und konsumiert wird. Immerhin das hat ja die Pandemie gezeigt. Dass es durchaus wochenlang auch ohne Shopping und Wochenendtrips nach Mallorca geht. Allerdings nehme ich nicht wahr, dass daraus jetzt eine breitere gesellschaftliche Debatte entstanden wäre.  

 
Die Corona-Krise hat auf der individuellen Ebene widersprüchliche Effekte. Einerseits führt sie zu großer Überforderung zuhause (insbesondere bei Müttern), zu Isolation und Zukunftsängsten, andererseits erleben viele den erzwungenen Shutdown zumindest teilweise auch als Erleichterung – in Japan etwa hat das Nachlassen des gewaltigen Arbeitsdrucks zu einer unerwarteten Verbesserung der psychischen Gesundheit geführt. Welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden? 
Eine konkrete Konsequenz könnte sein, das Recht, wohlgemerkt, sehr wichtig: nicht die Pflicht, auf mobiles Arbeiten gesetzlich zu verankern, also Beschäftigten mehr Möglichkeiten einzuräumen, über ihren Arbeitsort zu entscheiden. Für viele ist das aber sowieso keine Alternative – wer im Einzelhandel oder in der Pflege arbeitet, kann nicht ins Home-Office. Ich würde auch stark bezweifeln, dass hier die psychische Belastung gesunken ist. Eine willkommene Zwangsentschleunigung ist der Lockdown eher für privilegierte Angestellte im Dienstleistungsbereich; wer sich Sorgen um seine ökonomische Zukunft macht, wessen Einkommen so gering ist, dass auch die Wohnung klein ausfällt, wer kleine Kinder oder Menschen mit Pflegebedarf zu betreuen hat, für den*die steigt die Belastung.  

 
Sie haben gemeinsam mit Silke van Dyk und Tine Haubner gerade über „Alter in der Pandemie” 1 geschrieben. Es ist ja schon von einem neuen Generationenkonflikt die Rede. Wie ist das zu beurteilen? 
Das sehe ich sehr kritisch. Wir beobachten eine merkwürdige Ambivalenz: Einerseits sorgt man sich um die Gesundheit „der“ Alten. Andererseits werden sie – mehr oder weniger deutlich – dazu aufgefordert, sich freiwillig aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. In Pflegeheimen und Hospizen gelten teils drastische Besuchsregelungen, während das Personal und Bewohner*innen nur unzureichend geschützt sind. Wir befürchten jedenfalls, dass im Zuge der Pandemie negative Altersbilder, die die „Kosten“, die ältere Menschen der Gesellschaft angeblich aufbürden, wieder neu an Bedeutung gewinnen.  

Stefanie Graefe ist Privatdozentin am Institut für Soziologie in Jena mit Schwerpunkt Politische Soziologie. Zuletzt von ihr erschienen: Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. 

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Kreuzzug gegen Frauen https://ansch.4lima.de/kreuzzug-gegen-frauen/ https://ansch.4lima.de/kreuzzug-gegen-frauen/#respond Fri, 26 Jun 2020 00:06:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=21984 Die rechte Regierung in Polen nutzt die Pandemie, um das Abtreibungsrecht erneut zu verschärfen. Die klerikale Politik gegen Frauenrechte hat Tradition.  Von Izabela Wnorowska und Magda Borysławska  Was für die meisten Europäeri*nnen unvorstellbar scheint, ist in Polen Realität. Das polnische Abtreibungsgesetz, das ohnehin zu den restriktivsten in Europa zählt, könnte weiter verschärft werden. Am 15. und 16. April wurde im polnischen Parlament […]]]>

Die rechte Regierung in Polen nutzt die Pandemie, um das Abtreibungsrecht erneut zu verschärfen. Die klerikale Politik gegen Frauenrechte hat Tradition. 

Von Izabela Wnorowska und Magda Borysławska 

Was für die meisten Europäeri*nnen unvorstellbar scheint, ist in Polen Realität. Das polnische Abtreibungsgesetz, das ohnehin zu den restriktivsten in Europa zählt, könnte weiter verschärft werden. Am 15. und 16. April wurde im polnischen Parlament erneut über die Verschärfung des Gesetzes, das ironischerweise als „Kompromiss“ bezeichnet wird, verhandelt.  
Das derzeit geltende Gesetz wurde 1993 verabschiedet. Demnach ist ein Schwangerschaftsabbruch nur in drei Fällen erlaubt: bei Lebensgefahr der Mutter, nach einer Vergewaltigung und bei einer embryopathischen Indikation. In den 27 Jahren, die seither vergangen sind, haben linke und rechte Parteien viele Kämpfe zum Thema ausgefochten. Seitdem die rechtsextreme Partei “Prawo i Sprawiedliwość” 2015 an die Macht kam, ist das Thema erneut zum Politikum geworden. Die ersten Versuche der Regierung, das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch vollständig abzuschaffen, gehen auf das Jahr 2016 zurück, als der Gesetzesentwurf „Stoppt die Abtreibung“ im Parlament eingebracht wurde. Der Vorstoß rief eine gewaltige Widerstandsbewegung auf den Plan, die den Gesetzesvorstoß erfolgreich abwenden konnte und als „Schwarzer Protest“ in die Geschichte einging.  

Im Namen Gottes. Doch wie lässt sich die traditionell starke Ablehnung von Abtreibung in der polnischen Gesellschaft erklären? „Wir sprechen darüber, ob man in Polen ein unschuldiges Kind ersticken kann“, sagt Kaja Godek, die Vertreterin der polnischen Gesetzesinitiative “Stoppt die Abtreibung”. Extreme Rechte setzen Abtreibung mit Mord gleich und wollen sie deshalb verbieten.  
Die rechtsextremen Forderungen haben religiösen Rückhalt: Praktizierende polnische Katholik*innen erhalten in den Sonntagsmessen eine klare Botschaft von Priestern: Das menschliche Leben müsse vom Moment der Zeugung an geschützt werden. Der Embryo habe die gleichen Rechte wie eine Frau. Der Unwille Mutter zu werden, sei Ausdruck von Egoismus. Die nationalkonservativen kirchennahen Parteimitglieder von “Prawo i Sprawiedliwość” berufen sich dabei auf ihren Glauben und plädieren im Einklang mit der katholischen Kirche dafür, den Schwangerschaftsabbruch ohne Ausnahme zu verbieten. Mit manipulatorischer Sprache wecken sie bei Frauen Schuldgefühle, indem sie, statt vom Entfernen eines Fötus, vom Ermorden ungeborener Kinder sprechen.  

Lange Tradition. Die Missachtung von Frauenrechten hat in Polen eine lange Tradition, die nach der politischen Wende 1989 bruchlos fortgesetzt wurde. Das Transformationsprojekt setzte die Schaffung eines auf Gleichheit und Solidarität beruhenden demokratischen Systems sowie die Einführung der freien Marktwirtschaft voraus. Wie im Westen konnte die beeindruckbare Bevölkerung des postkommunistischen Ostblockstaats nun Geld verdienen und sich alles kaufen. Doch im Schatten dieser blinden Begeisterung für blühenden Kapitalismus und unbegrenzten Konsum verschwanden soziale Grundrechte, die in der Volksrepublik Polen zuvor selbstverständlich gewesen waren, wie ein gesicherter Arbeitsplatz nach dem Mutterschaftsurlaub, staatlich finanzierte Kinderkrippen und Kindergärten – und eben auch das Abtreibungsrecht, laut dem die Abtreibung im sozialistischen Polen auf Verlangen der Frau erlaubt war. 
Die Folgen der Demontage des öffentlichen Sektors (Schul- und Gesundheitswesen), der Privatisierung und der Schließung großer Fabriken betrafen mehr Frauen als Männer, und trugen so zu einer Feminisierung von Armut bei. Die rückständige Familienpolitik und die ökonomischen Diskriminierung von Frauen führten zu einer neoliberale Neuauflage der traditionellen Rolle des Hausmütterchen. Schrittweise stieg damit die Unzufriedenheit der polnischen Frauen, auch auf Regierungsebene waren Frauen unterrepräsentiert. Zwischen 1989 und 2001 betrug der durchschnittliche Anteil der weiblichen Abgeordneten im Parlament nur 13 Prozent. Um für ihre Rechte zu kämpfen, wurden Frauen in NGOs aktiv: Die polnische Frauenbewegung war geboren. 

Sexuelle Revolution.  Der Fall des Eisernen Vorhangs hat den Weg nicht nur für westliche Produkten und Dienstleistungen, sondern auch für westliche Ideen und Denkweisen freigemacht. Die sexuelle Revolution, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Westen vollzogen hatte, hat in den 1990er Jahren endlich auch Polen erreicht. Bei aller Faszination für die neue marktwirtschaftliche Ordnung und der Freude über die zurückgewonnene Freiheiten blieben jedoch wichtige Forderungen der zweiten Frauenbewegung auf der Strecke: Geschlechtergerechtigkeit, Anerkennung weiblicher Sexualität und die Achtung der Reproduktionsrechte. Die sexuelle Revolution hat in Polen vor allem in der Kommerzialisierung von Sexualität sowie der Sexualisierung des weiblichen Körpers ihren Ausdruck gefunden, leider weniger in der Anerkennung von Frauenrechten und der Gleichstellung der Geschlechter.  
Der größte Gegenspieler der Frauenbewegung in Polen war und ist immer noch die katholische Kirche, die dank ihres Engagements im antikommunistischen Widerstand und ihrer Einigung mit der Opposition politischen Einfluss erlangte. Nach 1989 musste sie jedoch eine neue Mission finden. Angefangen beim Abtreibungsverbot 1993 meldete sich das Episkopat regelmäßig in öffentlichen Debatten über Frauenrechte zu Wort, um sie zu dämonisieren und etwa Sexualerziehung und Empfängnisverhütung anzuprangern. Dabei festigt sie das traditionelle Frauenbild der Polin als Mutter, die sich ihrem Schicksal ergeben und ihr Kreuz ohne zu murren tragen solle. 
Der soziale Wandel, der es Frauen erlaubte, sich von ihrer Rolle als Mutter zu emanzipieren, war eine der Folgen der sexuellen Revolution in westlichen Ländern, in denen die katholische Kirche weniger Einfluss hatte. Frauen gewannen mehr Autonomie und konnten sich langsam auch in anderen sozialen Rollen verwirklichen. In Polen jedoch ist dieser gesellschaftliche Wandel auch aufgrund der mächtigen Position der Kirche gescheitert. Das traditionelle Frauenbild der idealisierten Mutterfigur, deren von Gott geschenkte Berufung es ist, neue Generationen von patriotischen Polen und Polinnen zu gebären und zu erziehen, wurde auch nach der Wende weiter befördert und popularisiert. Die klassischen katholischen Tugenden, durch die sich eine Frau auszeichnen sollte, wie etwa Keuschheit und Bescheidenheit, haben nicht an Bedeutung verloren. Außerehelicher Sex, der nicht der Fortpflanzung diente, wurde auch in der bloß theoretisch säkularen Gesellschaft weiterhin als sündhafte Tat stigmatisiert, deren Konsequenzen, wie ungeplante Schwangerschaft (sprich: der Wille Gottes), man eben tragen müsse. Und diese Konsequenzen mussten selbstverständlich in erster Linie die Frauen, die Mutter-Polinnen, als Erfüllung ihrer gottgegebenen Rolle übernehmen. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.  

Du sollst nicht töten. Eine Studie, die einige Monate vor dem „Schwarzen Protest“ vom Meinungsforschungszentrum CBOS durchgeführt wurde, ergab, dass die Einstellung zur Abtreibung eng mit Religiosität zusammenhängt. Alter, Bildung, Herkunft und Einkommen sind hingegen nicht entscheidend. 
Um den aktuellen Gesetzesvorstoß auf den Weg zu bringen, bedienten sich  Pro-Life-Gruppen einer perfiden List: Sie machten ihre Unterschriftensammlungen nach den Sonntagsmessen. Mit 100.000 Unterschriften wurde der Gesetzentwurf im April ins Parlament eingebracht und nach der ersten Lesung an den Ausschuss für Gesundheit, Familie und Sozialpolitik überwiesen. 
Die Durchsetzung grundlegender Frauenrechte in Polen wird also auch heute noch vor allem durch religiös fundierte Argumente verhindert. Die Allgegenwärtigkeit der Kirche im öffentlichen Diskurs hat so zentrale Forderungen der Zweiten Frauenbewegung abgewehrt und dazu geführt, dass sich Frauen im Namen Gottes für „heilige Embryos“ opfern müssen.  

Izabela Wnorowska – Übersetzerin, Studentin des Masterstudiums Translation und des Bachelorstudiums Soziologie an der Universität Wien.  

Magda Borysławska – Germanistin, Diskursforscherin und Doktorandin der Neuphilologischen Fakultät der Universität Warschau. 

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