II / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 18 Mar 2020 18:36:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png II / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Vanessa Nakate https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-vanessa-nakate/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-vanessa-nakate/#respond Wed, 18 Mar 2020 18:35:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=19672 Vanessa Nakate (geb. 1996) ist Ugandas erste Fridays–for-Future-Aktivistin und Gründerin der Bewegungen Youth for Future Africa und Rise Up Movement. Nakate kämpft für den Schutz des Regenwalds im Kongo. „Für Menschen aus dem Globalen Süden ist der Klimawandel bereits jetzt eine Bedrohung, nicht erst in der Zukunft“, macht die Aktivistin deutlich. Zudem seien junge Frauen […]]]>

Vanessa Nakate (geb. 1996) ist Ugandas erste Fridaysfor-Future-Aktivistin und Gründerin der Bewegungen Youth for Future Africa und Rise Up Movement. Nakate kämpft für den Schutz des Regenwalds im Kongo. „Für Menschen aus dem Globalen Süden ist der Klimawandel bereits jetzt eine Bedrohung, nicht erst in der Zukunft“, macht die Aktivistin deutlich. Zudem seien junge Frauen in ländlichen Regionen als erste betroffen. Bei der UN-Klimakonferenz in Madrid blockierte Nakate mit anderen Aktivist*innen lautstark den Eingang eines Sitzungssaals. Sie erhielt internationale Solidarität, nachdem die Presseagentur AP sie aus einem Foto ausschnitt, auf dem danach nur noch Weiße Aktivist*innen zu sehen waren. „Ich bin stärker als je zuvor“, so ihre Antwort. mk 

]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-vanessa-nakate/feed/ 0
an.sage: Who cares? https://ansch.4lima.de/an-sage-who-cares/ https://ansch.4lima.de/an-sage-who-cares/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:31:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=19397 Ein Kommentar von Verena Kettner  11.000.000.000.000. Eine unaussprechliche Zahl – elf Billionen US-Dollar. Die würde es kosten, wenn alle Frauen weltweit für die Haushalts–, Pflege- und Fürsorgearbeit entlohnt würden, die sie in Familien und Paarbeziehungen als „Arbeit aus Liebe“ unbezahlt leisten. Diese Zahl übersteigt sogar das weltweite Gesamtvermögen der Milliardär*innen, wie in der aktuellen Oxfam-Studie […]]]>

Ein Kommentar von Verena Kettner 

11.000.000.000.000. Eine unaussprechliche Zahl elf Billionen US-Dollar. Die würde es kosten, wenn alle Frauen weltweit für die Haushalts, Pflege- und Fürsorgearbeit entlohnt würden, die sie in Familien und Paarbeziehungen als „Arbeit aus Liebe“ unbezahlt leisten. Diese Zahl übersteigt sogar das weltweite Gesamtvermögen der Milliardär*innen, wie in der aktuellen Oxfam-Studie über soziale Ungleichheit zu lesen ist. Was dort ebenfalls zu lesen ist: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt 45 Prozent des weltweiten Reichtums, während jede zehnte Person von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben muss. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung gilt nach diesen Berechnungen als unter oder an der Armutsgrenze lebend. Und diese Armut betrifft insbesondere Frauen – was keine Überraschung ist angesichts der Tatsache, dass sie täglich weltweit über zwölf Milliarden Stunden Sorgearbeit unbezahlt erledigen.
Natürlich ist die riesige soziale Ungleichheit auf der Welt keine neue Erkenntnis. Feministische Theorien, soziale Bewegungen, antirassistische Forderungen machen unermüdlich auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit aufmerksam. Sie lässt sich in Studien fassen und zu abstrakten Zahlen formen. Doch hinter diesen schwer vorstellbaren Zahlen verbergen sich reale Menschen mit realen Problemen. Diese Probleme unterscheiden sich zwar je nach geographischer Lage, sozialer Stellung und vielen weiteren Umständen, aber sie haben gemeinsam, dass sie vor allem Frauen treffen. In manchen infrastrukturarmen Gegenden des globalen Südens beispielsweise müssen Frauen bis zu 14 Stunden für Haushalts- und Sorgearbeit aufwenden. Zeit für ein eigenes Leben bleibt dabei kaum. Aber auch in Deutschland etwa leisten Frauen 52 Prozent mehr unbezahlte Fürsorgearbeit als Männer und erhalten im Durchschnitt um 53 Prozent niedrigere Pensionen, was weibliche Altersarmut eher zur Regel als zur Ausnahme macht.
Die britische Journalistin Laurie Penny schrieb einmal, dass die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen würde, wenn alle Frauen weltweit damit aufhören würden, Beauty-Artikel zu konsumieren. Aber es bräuchte nicht mal Beauty-Boykott, wenn alle Frauen weltweit streiken und eine faire Entlohnung für ihre Arbeit fordern würden. Ohne die unbezahlte Reproduktions- und Sorgearbeit, die eine produzierende Arbeiter*innenschaft erst ermöglicht, gäbe es spürbar weniger Profit und weniger Wachstum. Frauen und ihre Körper wurden auch in feudalistischen Zeiten unterdrückt und ausgebeutet, doch der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem basiert geradezu auf dieser Ausbeutung. Lohn für Hausarbeit zu fordern, wie es bereits Feminist*innen in den 1970er-Jahren taten, ist eine von vielen Möglichkeiten, Widerstand gegen diese Ausbeutung zu leisten. Aber die Forderung geht nicht weit genug, denn soziale Ungleichheit beruht nicht nur auf unbezahlter Arbeit, sondern auch auf den Chancen und Voraussetzungen für Gleichheit, die Frauen oft verwehrt bleiben. In einem Oxfam-Projekt werden acht Bedingungen erarbeitet, die eine freie Entscheidung über das Maß an Pflege- und Fürsorgearbeit, die jede*r leisten will, ermöglichen sollen. Diese beinhalten unter anderem eine gebührenfreie Schulbildung, Zugang zu Infrastruktur wie sauberem Wasser und Energie, den Ausbau der öffentlichen Pflege und Infrastruktur sowie längere bezahlte Elternzeiten und generell flexiblere Arbeitszeiten – und natürlich auch eine gerecht entlohnte Pflege- und Sorgearbeit. Für all diese Forderungen muss ein Frauenstreik eintreten. Und die unvorstellbare Zahl 11.000.000.000.000 sollte dabei auch eine Rolle spielen. 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-who-cares/feed/ 0
positionswechsel: Es ist dir kein Knochen gebrochen! https://ansch.4lima.de/es-ist-dir-kein-knochen-gebrochen/ https://ansch.4lima.de/es-ist-dir-kein-knochen-gebrochen/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:25:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=19394 „Und, wie war es?“ Eine Frage, die Freundinnen oft stellen. „Geht so.“ Leider, eine häufige Antwort darauf. Begleitet von entschuldigend zuckenden Frauenschultern, die es akzeptiert haben, dass die Chancen für einen Orgasmus bei heterosexuellem Sex nicht allzu hoch stehen. „Warum bist du nicht einfach gegangen?“ Wow, okay, was?!  Diese Frage hatte mir noch niemand gestellt. […]]]>

Und, wie war es?“ Eine Frage, die Freundinnen oft stellen.
Geht so.“ Leider, eine häufige Antwort darauf. Begleitet von entschuldigend zuckenden Frauenschultern, die es akzeptiert haben, dass die Chancen für einen Orgasmus bei heterosexuellem Sex nicht allzu hoch stehen.
Warum bist du nicht einfach gegangen?“ Wow, okay, was?! 
Diese Frage hatte mir noch niemand gestellt. Einfach aufstehen und gehen? Was für ein radikales Konzept. Da las und sprach ich seit Jahren von Feminismus, aber sowas ist mir nie in den Sinn gekommen. Obwohl ich zumindest theoretisch weiß, dass man es sich auch mitten im Sex anders überlegen kann. Wieso eigentlich?
Vielleicht, weil ich seit Jahrzehnten von (gefakten) weiblichen Orgasmen lese und Frauenmagazine alle möglichen Stellungen und Tricks anbieten, dabei aber nie erwähnen, dass Gehen auch eine Option ist. Vielleicht hat mich die Gesellschaft zu einer passiven Person erzogen, die Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt, um männliche Egos zu schonen. Wahrscheinlich ist es das ganze Sexismus-Paket. 
Als mir meine Freundin also erzählt, dass sie einfach geht, wenn es ihr nicht gefällt, fühle ich mich geradezu erleuchtet. Am liebsten würde ich jede Frau, die ich sehe, fragen, ob sie schon Bescheid weiß oder es gar schon mal gemacht hat. 
Da ich aber schlecht eine Fremde an der Haltestelle fragen kann, richte ich die Frage an dich. Stehst du auf und gehst?
ROSA schreibt Artikel und Kolumnen, um ihre wahre Leidenschaft, das Erstellen von Instagram-Stories, zu finanzieren.  

]]>
https://ansch.4lima.de/es-ist-dir-kein-knochen-gebrochen/feed/ 0
heimspiel: Kindern ist Öko wurscht, der Politik aber auch https://ansch.4lima.de/kindern-ist-oeko-wurscht-der-politik-aber-auch/ https://ansch.4lima.de/kindern-ist-oeko-wurscht-der-politik-aber-auch/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:17:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=19391 Illustration: Sabrina WegererDa hat man sich endlich zu einem ökologisch halbwegs verantwortungsvollen Menschen gemausert. Mit stinkendem Biomüll in der Wohnung, plastikreduzierten Einkäufen, wöchentlichem Bio-Kistl vom Bio-Bauern mit Bio-Produkten, striktem Dosenbierverbot und arrogantem Naserümpfen in Klos von Leuten, die tatsächlich immer noch Feuchtklopapier verwenden. Man glaubt es kaum! Doch der Biolifestyle wird mit Kind so richtig hart. Nein, […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Da hat man sich endlich zu einem ökologisch halbwegs verantwortungsvollen Menschen gemausert. Mit stinkendem Biomüll in der Wohnung, plastikreduzierten Einkäufen, wöchentlichem Bio-Kistl vom Bio-Bauern mit Bio-Produkten, striktem Dosenbierverbot und arrogantem Naserümpfen in Klos von Leuten, die tatsächlich immer noch Feuchtklopapier verwenden. Man glaubt es kaum!
Doch der Biolifestyle wird mit Kind so richtig hart. Nein, es geht nicht um die eh schon oft gehörte scharfe Beobachtung, dass keine Kinder ja die beste Ökobilanz brächten. Übrigens ein etwas widersinniger Ansatz, man will den Planeten schließlich für oder zumindest auch – die Menschheit retten. Aber gut. Jedenfalls: Ist ein Kind dann doch da, hat man die Wahl zwischen völliger Selbstaufgabe und klimaschädlichem Überlebenswillen.  
Kaum endet die Windel-Flut, entwickeln diese Racker eine unbändige Konsumgier nach allerlei Müll. Man kommt kaum an einem Überraschungsei mit Plastikschrott im Inneren vorbei, der vom gerade noch soo begeisterte Kind nach geschätzten drei Sekunden achtlos ins nächstbeste Eck geworfen wird. Auch Playmobilfiguren aus unzerstörbarem Hartplastik verursachen ökosensiblen Eltern Alpträume, in denen die „Family Fun“-Modelle in ferner Zukunft wie neu neben den eigenen sterblichen Überresten liegen. Auch die Duplo-Autos und Bauteile werden uns alle ohne mit der Wimper zu zucken überleben. Da verwest rein gar nichts. 
Vom Essen gar nicht zu reden: Man kauft die x-te Plastikflasche, denn wer vergisst nicht ständig, für unterwegs eine aus Glas einzupacken. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, zerbricht sie, wenn der Jutesack runterfällt. Scherben auf dem Gehsteig, auch ein paar auf dem Radweg, im Jutesack, Blicke von Passant*innen, vorwurfsvolle von Radfahrer*innen, die sich schon beim Reifen flicken sehen. Im Hintergrund rauscht ein riesiger SUV vorbei, der Fahrer wirft den Kopf in den Nacken und lacht schallend über die Szene mit der doofen Öko-Mum. Gut, letzteres war wahrscheinlich eingebildet. Aber vielleicht flüstert uns diese Vision zumindest ein, dass politische Wut mehr bringt als das schlechte Gewissen, wenn man beim Überraschungsei mal wieder nachgegeben hat.  

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei dieSTANDARD. 

]]>
https://ansch.4lima.de/kindern-ist-oeko-wurscht-der-politik-aber-auch/feed/ 0
Groschen gefallen https://ansch.4lima.de/groschen-gefallen/ https://ansch.4lima.de/groschen-gefallen/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:11:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=19388 Klischeehafte Liebesromane – einer der größten Player auf dem Buchmarkt – kommen ins 21. Jahrhundert. Nun stellen sie sich feministischen und antirassistischen Forderungen. Von Olja Alvir  Von bösen Zwillingen über Dreiecksbeziehungen bis hin zum Gedächtnisverlust: Die US-Serie „Jane the Virgin“ verstand sich selbst als Liebesbrief an die „Telenovela“, das lateinamerikanische Pendant zur Seifenoper. Im Mittelpunkt […]]]>

Klischeehafte Liebesromane – einer der größten Player auf dem Buchmarkt – kommen ins 21. Jahrhundert. Nun stellen sie sich feministischen und antirassistischen Forderungen. Von Olja Alvir 

Von bösen Zwillingen über Dreiecksbeziehungen bis hin zum Gedächtnisverlust: Die US-Serie „Jane the Virgin“ verstand sich selbst als Liebesbrief an die „Telenovela“, das lateinamerikanische Pendant zur Seifenoper. Im Mittelpunkt steht darin Jane Gloriana Villanueva, eine junge Frau, die von der großen Liebe ebenso wie von einer Karriere als Romanzen-Schriftstellerin träumt. Selbstverständlich gipfelt „Jane the Virgin“ in einem großen Hochzeits-Happy-End, und in einem cleveren Marketing-Spin wurde Janes vermeintlicher Debütroman als billiges Taschenbuch auf den Markt gebracht. 

Alles, was zählt.
Unschwer zu erraten, was für eine Art Buch es ist: Güldene, geschwungene Lettern, auf dem Umschlag ein halb entkleidetes Paar in leidenschaftlicher Umarmung. Die Titel: Irgendwas im Spektrum von „Der Marquis – mein Schicksal“ oder „Liebe im Hochmoor“. Mit dieser Kombination vorm inneren Auge ist klar, was beim Aufschlagen zu erwarten ist: Eine Frau findet ihre große Liebe. Die Variationsmöglichkeiten des Themas sind beschränkt. Doch das Genre akkurat und vollständig zu beschreiben, ist ungleich schwieriger. Schmutz- und Schundhefte, Kitsch, Trivial- und Unterhaltungsliteratur: Die verschiedenen Begriffe, mit denen das Phänomen zu benennen versucht wurde, wuchern ähnlich üppig vor sich hin wie die Stilblüten ihrer Texte. Dabei gibt es zumindest innerhalb der Wissenschaft, aber auch im Marketing und Verlagswesen, einen Trend weg vom Wertenden („Groschenroman“, „Nackenbeißer“) hin zum neutraleren Begriff („massenwirksame Literatur“, „Schemaliteratur“).
In den USA machen die „Romance Novels“ knapp ein Viertel des gesamten Belletristik-Marktes aus, fast jedes zweite verkaufte E-Book gehört dazu. Für den deutschsprachigen Raum schlüsselt der Börsenverein des deutschen Buchhandels nicht so genau auf. Die Liebesromane fallen gemeinsam mit vielen anderen Genres unter „erzählende Literatur“. Diese macht allerdings die Hälfte der wichtigen Belletristik-Sparte und somit ein Sechstel des gesamten deutschsprachigen Buchmarktes aus. DELIA, die Vereinigung der Liebesroman-Autor*innen, spricht von dreißig Millionen allein von DELIA-Mitgliedern verkauften Büchern. Nicht miteingerechnet ist der wachsende Selfpublishing-Markt – besonders im Bereich E-Book –, in dem Liebesromane ebenfalls eine große Rolle spielen. Die Zielgruppe sind, wenig überraschend, zum Großteil (cis- und heterosexuelle) Frauen jeden Alters. 

Das Andere der Literatur.
Im deutschsprachigen Raum lässt sich die Tradition des Liebesromans sowohl innerhalb der „Hochliteratur“ als auch der „populären“ und „Unterhaltungsliteratur“ nachverfolgen. Die aktuelle angloamerikanische Variation der „Romance Fiction“ geht auf die Liebes-Groschenromane der 1970er-Jahre – die ersten „Nackenbeißer“ – zurück und mit einem gesteigerten (publizistischen und wissenschaftlichen) Interesse für populärkulturelle Phänomene einher. Vielleicht sind es diese fehlende Scham vor dem Massenprodukt und die niedrigere Hemmschwelle, die den Liebesroman in den USA über die letzten Jahrzehnte quasi unverändert erhalten hat. Auf dem deutschsprachigen Markt wird hingegen beim Coverdesign mittlerweile lieber zu pastelligen Farben, minimalistischer Grafik und mehrdeutigen Titeln gegriffen, statt umschlungene Liebespaare abzubilden.
Als Literatur werden diese Bücher trotz – oder eben wegen – ihrer Umsatzstärke nicht ernst genommen. Die Ablehnung von Trivialliteratur im Allgemeinen geht mit einer Ablehnung der Masse einher; die Ablehnung des Liebesromans wiederum mit der Ablehnung der Frau bzw. des Weiblichen. A tale as old as time: Dinge, die Frauen (und insbesondere junge Mädchen) tun, konsumieren oder allgemein als gut befinden, erfahren gesellschaftliche Ächtung. Die „Romanleserey“ selbst war im 18. und 19. Jahrhundert mit der bürgerlichen Frau verquickt und wurde als „nieder“ und sogar „gefährlich“ eingestuft. 
Das macht den Liebesroman zu einem ambivalenten Phänomen: Einerseits verbreitete er seit jeher problematische Ideen über Sexualität, Beziehung, Ehe, Familie und die Rolle der Frau. Doch andererseits birgt er eben durch seine langjährige Verbindung mit „dem Weiblichen“ auch subversives Potenzial. So lassen sich durch den Liebesroman auch ein Literatur-Kanon jenseits des männlich dominierten finden, Inszenierungen über weibliche Macht reflektieren oder verschwiegene Orte weiblicher Kultur erforschen. 

Racy Romance.
Rund ums Serienfinale von „Jane the Virgin“ fiel Hauptdarstellerin Gina Rodriguez (wieder mal) mit abwertenden Aussagen über Afroamerikaner*innen auf, tränenüberströmte Entschuldigungen folgten. Bei der Romance Writers Association America (RWA) liegt währenddessen alles im Argen: Zuerst wurde Courtney Milan, Autorin mit chinesischen Wurzeln, aus der RWA ausgeschlossen, als sie eine Kollegin öffentlich wegen ihrer stereotypen Darstellung von Asiat*innen kritisierte. Nach großem Protest und Solidarisierung mit Milan wurde die Entscheidung zurückgenommen. Doch da war der Schaden schon angerichtet viele andere Autor*innen waren enttäuscht aus der RWA ausgeschieden. Nun ist auch der Präsident zurückgetreten, die jährliche Verleihung der RITA-Awards für Liebesromane wurde abgesagt. Eine Rassismus-Debatte innerhalb der „Romance Fiction“ war lange überfällig: Denn während die den Markt dominierenden Autor*innen mehrheitlich weiß sind, besteht das Zielpublikum in den USA zum Großteil aus Latinas und Afroamerikanerinnen.

Mixed Signals.
„Jane the Virgin“ wurde für die Repräsentation von Latinx-Personen im TV gelobt; es gab auch mehrere wichtige lesbische Beziehungen in der Serie. Eine Figur wird durch ihre Chemotherapie gegen Brustkrebs begleitet, die Gründe für oder gegen eine Mastektomie ausführlich besprochen. Eine ältere Frau entdeckt ihre Libido wieder und wird von einer Illegalisierten („undocumented“) zur amerikanischen Staatsbürgerin. Der nun zurückgetretene Präsident der RWA, Damon Suede, ist außerdem ein Autor der Kategorie der homoerotischen Liebesromane. Doch all diese teils mehr und teils weniger gelungeneren Inklusionsambitionen erweisen sich als zweischneidig, denn sie stehen trotz aller Egalitätsbestrebungen immer noch im Zeichen des Konservatismus des Genres. 
Digitale Wende und Amazon-Monopol konnten dem Liebesroman nichts anhaben. Im Gegenteil: Er ist eine treibende Innovationskraft, siehe E-Book und Selfpublishing. Doch egalitäre Anforderungen und Lesepräferenzen wie gendersensibles Messaging und Diversität stellen das auch als „Literatur der Konformität“ bezeichnete Genre vor die bisher vielleicht größte Herausforderung. Schließlich hat der Liebesroman bisher heteronormative Begehrensstrukturen und die patriarchale Ordnung propagiert und dadurch zu einem großen Teil auch miterschaffen. Kann er sie nun auch demontieren? Oder hat er das unterschwellig immer schon auch getan, nur wir haben es nicht mitbekommen? 

Olja Alvir ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin in Wien. Abgesehen von Wolf Haas’ „Das Wetter vor 15 Jahren“ findet sich in ihrem Bücherregal kein Liebesroman. Doch in Sachen „Jane the Virgin“ war sie immer schon #TeamRafael, was sie öffentlich aber nie zugeben würde. 

]]>
https://ansch.4lima.de/groschen-gefallen/feed/ 0
Feindbild Gender Studies https://ansch.4lima.de/feindbild-gender-studies/ https://ansch.4lima.de/feindbild-gender-studies/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:06:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=19385 Wie Rechte und Konservative einen Studiengang unter Beschuss nehmen. Von Julia Brunner  Kürzlich veröffentlichte die Zeitschrift „Addendum“, herausgegeben vom unter anderem für seinen Antifeminismus bekannten Journalisten Michael Fleischhacker, einen „Undercover-Bericht“ über das Gender–Studies-Studium in Wien. Der Text reiht sich ein in eine Serie rückwärtsgewandter Artikel, die allesamt ein „linkes Meinungsdiktat“ beklagen, das vermeintlich die Meinungsfreiheit […]]]>

Wie Rechte und Konservative einen Studiengang unter Beschuss nehmen. Von Julia Brunner 

Kürzlich veröffentlichte die Zeitschrift „Addendum, herausgegeben vom unter anderem für seinen Antifeminismus bekannten Journalisten Michael Fleischhacker, einen Undercover-Bericht über das GenderStudies-Studium in Wien. Der Text reiht sich ein in eine Serie rückwärtsgewandter Artikel, die allesamt ein linkes Meinungsdiktat beklagen, das vermeintlich die Meinungsfreiheit bedrohe. Er wurde in einer Ausgabe des Magazins veröffentlicht, die auch in anderen Beiträgen eine Herrschaft der Opfer herbeiphantasiert. Dabei wird eine Selbsviktimisierung betrieben und strukturell Privilegierte werden gleichgesetzt mit jenen, die systematisch marginalisiert werden – und Diskriminierungen nicht länger hinnehmen wollen. 
Nach unzähligen Artikeln über MeToo ist offenbar noch immer nicht klar: Die Benennung von Diskriminierung schafft keine neuen Opfer. Sie benennt Benachteiligung(en) und kann so zu Selbstermächtigung beitragen. Es werden keine „Opferkategorien geschaffen“, wie es die Autorin in Manier der neuen Rechten schreibt. Es ging bei intersektionalen Feminismen nie um eine Hierarchisierung von Opfern, um ein gegenseitiges Übertrumpfen von Leid und Diskriminierung. 
Auch wenn ich selbst nach zwei Semestern frustriert mein Gender-StudiesStudium abgebrochen habe, da sich eine angeblich kritische Lehre bei etwas genauerem Hinsehen zu großen Teilen als hierarchisiert, veraltet und resitiktiv gegenüber kritischen Stimmen erwies: Ganz sicher stelle ich nicht die Existenz des Studiengangs per se und seine gesellschaftliche Relevanz in Frage. Doch genau das versucht Addendum mit dem wiedergekauten Argument zu tun, Gender Studies seien unwissenschaftlich, da politisch motiviert während anderen Studiengängen ganz selbstverständlich Objektivität zugebilligt wird. Doch jede Wissenschaft ist situiert und Forschung vollzieht sich nie völlig objektiv. Denn schon die Fragen, die wir uns stellen (können), stecken die Grenzen der Antworten ab, nach denen wir suchen. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten wurden und werden zum allergrößten Teil von einer sehr privilegierten, weißen Minderheit produziert, die sich gerne als unsichtbare, unvoreingenommene Wissenschaft inszeniert und andere Erfahrungen ausblendet.
Das linke Meinungsdiktat, das sich angeblich durch das Studium zog, erlebte ich eher als eine pseudo-kritische wissenschaftliche Haltung vieler (nicht aller!) Lehrender. Oft gab es zwar eine inhaltliche Auseinandersetzung mit kritischen Texten, bei der auch die eigene geleistete, vornehmlich weißen feministische Arbeit gerühmt wurde, während die kritisierten Ausschließungspraktiken aktiv aufrecht erhalten wurden. 
Neben strikter Anwesenheitskontrollen und einer eindeutigen Hierarchisierung zwischen Studierenden und Lehrenden in den meisten Seminaren gab es da noch diese Vorlesung am Donnerstagabend –  mehr als zwei Fehlzeiten verboten. Als Redner*in bei einer Donnerstagsdemo zu Rassismus wurde eine*r Mitstudierenden eine dritte Fehlzeit untersagt politischer Aktivismus dürfe nicht „auf Kosten der Lehrveranstaltung“ gehen. Draußen zog im Juli hörbar die Do!-Demo zur Euro Pride Week vorbei, während eine Gastrednerin über Widerstand leistende Demokratieformen referierte. Sie nannte die Uhrzeit der Veranstaltung einen Skandal, die Leitung lächelte zufrieden, die Schuldige war gefunden: Studienganglogistik.
Viele der Probleme der Gender Studies resultieren tatsächlich aus dem Bologna-Prozess, schließlich sind unsere Unis längst Systeme wirtschaftlicher Rentabilität. Lehrende haben einen extrem hohen Arbeitsdruck und es gibt weitaus besser finanzierte Studiengänge. In der Folge werden Zugänge aller Studiengänge massiv beschränkt. Aber Strukturen sind das eine, ihre strikte Durchführung etwas anderes. Wir hatten ein Anmeldesystem, bei dem wir nicht selten nur zu einem Bruchteil unserer Seminare zugelassen wurden. Leistungsnachweise für Stipendien oder andere Förderungen? Quasi unmöglich.
So werden systematisch weniger Privilegierte ausgeschlossen: Was ist mit denen, die sich selbst finanzieren müssen und Arbeitszeiten nicht unbedingt immer nach ihrem Studium richten können? Was, wenn ich Angehörige pflegen muss oder alleinerziehend bin? Was ist mit jenen, die täglich Zeit und Energie in anti-rassistische Arbeit stecken (müssen)? Das sind dann wohl die, die Addendum gerne in einer „Opferolympiadegegeneinander antreten lassen würde.

Julia Brunner studierte Arabistik und Bildungs-und Erziehungswissenschaften in Marburg und zwei Semester Gender Studies in Wien. Neben Lohn- und Care-Arbeit setzt sie sich mit den Schnittstellen von Klassismus, Ökologie und feministischer Bildungsarbeit auseinander. 

]]>
https://ansch.4lima.de/feindbild-gender-studies/feed/ 0
Du Opfer! https://ansch.4lima.de/du-opfer/ https://ansch.4lima.de/du-opfer/#respond Fri, 06 Mar 2020 23:57:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=19382 Über die wahren Snowflakes und ihre Safe Spaces. Von Lea Susemichel „Ich leide, also bin ich.“ Das sei der neue Leitsatz, behauptet der Journalist Matthias Lohre in seinem Buch, das den programmatischen Titel „Das Opfer ist der neue Held – Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben“ trägt. Menschen würden sich zunehmend durch […]]]>

Über die wahren Snowflakes und ihre Safe Spaces. Von Lea Susemichel

„Ich leide, also bin ich.“ Das sei der neue Leitsatz, behauptet der Journalist Matthias Lohre in seinem Buch, das den programmatischen Titel „Das Opfer ist der neue Held – Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben“ trägt. Menschen würden sich zunehmend durch ihre Verletzungen definieren, so die These. Ein erfolgreich reklamierter Opferstatus erweise sich so paradoxerweise als neuer Vorteil im Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Lohres Kritik reiht sich nahtlos ein in die derzeit allgegenwärtige Klage vom vermeintlichen „Opfercontest“, den unterschiedliche Minderheiten unermüdlich miteinander ausfechten würden. Von „Snowflakes“ oder „Kampfmimosen“ ist dabei die Rede, die sich nicht mehr über strukturelle Ungerechtigkeiten empörten, sondern nur noch über „Mikroaggressionen“ und „Cultural Appropriation“, und die sich allesamt am liebsten nur noch in ihre „Safe Spaces“ zurückziehen würden. Vorgebracht wird diese Kritik in aller Regel von weißen Männern (freilich gibt es wie immer Ausnahmen), die ihrerseits recht empfindlich – um nicht zu sagen: mimosig – auf diese Kategorisierung reagieren.

„Sensibles Selbst“. Die Herren beklagen eine „Gesellschaft der Singularitäten“(so der Erfolgstitel des Soziologen Andreas Reckwitz) und diese Gesellschaft sei nun nicht alleine durch die Erosion von Solidargemeinschaften und neoliberale Entsolidarisierungsprozesse geprägt. Zudem sei es zu einer Fragmentierung sozialer Bewegungen in unzählige Kleinstgruppen gekommen, die sich jeweils nur noch mit ihrer individuellen Diskriminierungserfahrung beschäftigen würden. Reckwitz spricht überdies von einer neuen Überempfindlichkeit des Subjekts, einem „sensiblen Selbst“. „Die Sensibilisierung des Subjekts war und ist zunächst ein fortschrittlicher Prozess – mittlerweile droht er aber destruktiv zu werden“, behauptet Reckwitz, denn Negativität und Ambivalenz sollen nun möglichst ausgeschlossen werden.
Als Beispiele werden in diesem Diskurs Triggerwarnungen in Lektüreseminaren genannt oder auch vorverurteilende Social-Media-Shitstorms, mit denen Menschen öffentlich an den Pranger gestellt würden. „Identitätspolitik“ ist dabei das viel strapazierte Buzzword, das den seit Jahrzehnten so beliebten reaktionären Kampfbegriff der „Political Correctness“ abgelöst oder zumindest effektiv ergänzt hat. Doch in beiden Fällen handelt es sich um den Versuch, demokratiepolitisch unverabschiedbare emanzipatorische Politiken zu diskreditieren und zu delegitimieren. Denn die Vorwürfe sind meist nichts anderes als eine neue Form des Victim Blaming, mit dem Forderungen nach mehr Gleichheit und Gerechtigkeit abgewehrt werden sollen.

Stärke, nicht Schwäche. Um dies gleich vorwegzunehmen: Natürlich gibt es auch berechtigte Kritik an Identitätspolitik. Etwa wenn diese zur bloßen Repräsentationspolitik verkommt oder als Immunisierungsstrategie gegen Kritik missbraucht wird (wenn also z. B. Hautfarbe und Hormonstatus wichtiger sind als die politische Position des_der Sprechen- den). Und natürlich kann Identitätspolitik kollektive Organisierung manchmal tatsächlich erschweren. Aber grundsätzlich – und das kann angesichts des aktuellen Bashings nicht oft genug betont werden – bildet die identitätspolitische Kritik von Minderheiten dennoch gerade die Stärke und eben nicht die Schwäche linker Bewegungen. Sie ist dem Kampf um soziale Gerechtigkeit nicht entgegengesetzt, sondern im Gegenteil aufs Engste mit diesem verbunden. Schließlich will linke Identitätspolitik Marginalisierungen überwinden, um gemeinsam für größere Gerechtigkeit – selbstverständlich auch soziale und ökonomische – für immer mehr Menschen einzutreten. „Identitätspolitische“ Organisationen wie feministische Vereine, LGBTIQ-Verbände oder Antidiskriminierungsinitiativen, die sich für Minderheitenrechte und eine gerech- tere Gesellschaft einsetzen, haben den gesellschafts- und geschlechterpolitischen Wandel der vergangenen Jahrzehnte entscheidend befördert. Und angesichts des scharfen reaktionären Gegenwinds, der diese „Identitätspolitik“ immer schon verlässlich begleitet hat, können sich deren AktivistInnen übergroße Empfindlichkeiten definitiv nicht leisten. Ihre Arbeit fällt zudem zumeist durch einen langen Atem und viel Idealismus und weit seltener durch überspannte Grabenkämpfe auf.

Posterboy Weinstein. In die viel beschworene „Opferkonkurrenz“ scheinen sich vielmehr die Klagenden zu begeben und dabei kurzerhand einen Opferstatus für sich selbst einzufordern. Es ist die Selbstviktimiserung des „alten, weißen Mannes“, für den die ganze Welt bislang ein Safe Space war (und meist weiterhin ist). Als bislang unmarkierter Standard mit Universalismusanspruch erlebt er die ungewohnte Identifizierung und Herausforderung als tiefe Kränkung. Quasi als Posterboy für diese Täter-Opfer-Verkehrung muss dieser Tage wohl Harvey Weinstein gelten, über den es in einem „New York Times“-Artikel heißt: „He thinks he’s the victim. He doesn’t blame himself for anything.“ Snowflake ist dafür gar kein Ausdruck.

]]>
https://ansch.4lima.de/du-opfer/feed/ 0
Ein guter Moment für feministische Bewegungen https://ansch.4lima.de/ein-guter-moment-fuer-feministische-bewegungen/ https://ansch.4lima.de/ein-guter-moment-fuer-feministische-bewegungen/#respond Fri, 06 Mar 2020 23:46:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=19379 Die feministischen Streikbewegungen zum 8. März waren in vielen Ländern gewaltig. Silvia Federici sprach mit der AG Feministischer Streik über die vielversprechenden Strategien feministischer Streiks und ihren antikapitalistischen Charakter. an.schläge: Ihren Vortrag an der WU Wien nannten Sie vielversprechend „Die unvollendete Revolution“. Sind die weltweiten feministischen Streikbewegungen eine mögliche revolutionäre Perspektive für diese unvollendete Revolution? Silvia Federici: Ja. Ausgehend […]]]>

Die feministischen Streikbewegungen zum 8. März waren in vielen Ländern gewaltig. Silvia Federici sprach mit der AG Feministischer Streik über die vielversprechenden Strategien feministischer Streiks und ihren antikapitalistischen Charakter.

an.schläge: Ihren Vortrag an der WU Wien nannten Sie vielversprechend „Die unvollendete Revolution“. Sind die weltweiten feministischen Streikbewegungen eine mögliche revolutionäre Perspektive für diese unvollendete Revolution?
Silvia Federici: Ja. Ausgehend von Lateinamerika entwickelte sich das Konzept des feministischen Streiks zu einem sehr nützlichen Werkzeug. Es ist das Werkzeug einer gemeinsamen Aktion. Sehr unterschiedliche Frauen* und feministische Gruppen, die sonst getrennt und gespalten agieren, fingen an, miteinander in Dialog zu treten, eine gemeinsame Basis zu fin- den oder aufzubauen. Nicht der Tag des Streiks ist dabei das Zentrale, son- dern die Organisation des Prozesses selbst. U. a. darin liegt für mich eine Bedeutung des Streiks. Denn dieser Prozess bringt Frauen* zusammen, die gemeinsam diskutieren, welche Forderungen sie haben, ob und wie sie streiken.

Ein weiteres Potenzial besteht darin, dass Frauen*streiks unmittelbar mit der Frage der Reproduktion verknüpft sind. Das regte eine sehr interessante Diskussion an: Wie können Frauen* streiken? Was ist der Unterschied zwischen einem Frauen*streik und einem klassischen, von der Gewerkschaft organisierten Streik?
Es ist leicht, einen Streik auszurufen und die Arbeit niederzulegen, wenn es sich um zu produzierende Autos handelt. Aber wenn kleine Kinder und ihre Fürsorge bestreikt werden sollen, wird die Sache deutlich komplizierter.

Diese Komplexität ist auch für politischen Aktivismus herausfordernd. Welche Möglichkeiten gibt es, feministisch zu streiken?
Beim isländischen Frauen*streik von 1975 in Reykjavík riefen die Frauen* zum Streik auf. Eine Million Frauen* waren auf der Straße und das Land blieb stehen. Sie wollten zeigen, dass sie die Macht haben. Das macht deut- lich, dass es nie einen Generalstreik gab und nie einen geben wird, solange die Frauen* nicht in den Streik treten. Island hat zudem eine sehr wichtige Geschichte der Frauen*räte. In allen Nachbarschaften gibt es einen Ort, wo sich Frauen* treffen. Als sie sich für einen Streik entschieden hatten, war die Organisation durch die Räte sehr einfach. Eine solche Struktur kann und muss überall aufgebaut werden.
Wenn man nicht streiken kann, kann man eine Veranstaltung in der Nachbarschaft abhalten und die Kinder mitbringen, man kann sich einen Film ansehen, eine Diskussion führen. Etwas, das Frauen* zusammenbringt, das den Arbeitsalltag, den man kennt, unterbricht und diese Arbeit politisch betrachtet – das heißt im Hinblick da- rauf betrachtet, wie wir sie verändern können. Die Art und Weise selbst, wie zum Streik aufgerufen wird, ist ein kreativer Akt.

Die Trennung von Produktion und Reproduktion ist für den Kapitalis- mus notwendig und wird in Ihren Texten als zentral analysiert. Ist der Fokus auf die Politisierung von Reproduktion auch für aktuelle komplexere Arbeitsverhältnisse sinnvoll?
Gerade heute machen dieselben Frauen*, die zu Hause die Hausarbeit für kein Geld verrichten, diese auch außerhalb des Hauses für wenig Geld – und oft sind es Migrantinnen. Hier gibt es eine Kontinuität. Die beiden Sphären sind getrennt und gehören doch zusammen. Das ist eine politisch schwierige Situation. Die Perspektive auf Reproduktion ist also eine revolutionäre Betrachtungsweise, weil sie das Leben der Menschen nicht trennt. Sie schneidet es nicht in Stücke. Anders als in traditionellen Gewerkschaften ist das eine Perspektive, von der aus gefragt wird: Ist das, was wir produzieren, gut für die Gesundheit der Menschen? Und was ist die Reproduktion? Wir sind nicht bei der Arbeit, und der Rest ist privat. Nein! In jedem Moment müssen alle Bedürfnisse einer Person, der ganzen Person, berücksichtigt werden. Im begrenzten Spektrum der Produk- tion wird ein ganzer Teil des Lebens der Arbeiter*innen privatisiert. Doch er ist nicht privat. Aus feministischer Sicht ist es eine der Aufgaben, diese Trennung wieder zu überwinden und Themen, die als privat angesehen werden, in den Beruf zu tragen. Das ist für mich die Strategie einer gemeinsamen Front. Denn es gibt ein gemeinsames Interesse, das darin besteht, der Abwertung der Reproduktion, also der Abwertung unseres Lebens entgegenzuwirken!

Das Zusammenbringen von ver- schiedenen feministischen, linken Kämpfen ist dabei zentral. Die österreichische feministische Szene ist aber sehr gespalten.
So wie überall! Wir müssen uns fragen, wie wir angesichts der Gewalt der gesellschaftlichen Verhältnisse eine Basis für einen gemeinsamen Kampf schaffen können. Die Erfahrung des feministischen Streiks in Spanien zeigt beispielsweise, dass unterschiedliche Gruppen erkannten, von Gemeinsamkeiten ausgehen zu müssen, als Frauen*, als Feminist*innen, als Antikapitalist*innen.

Da das kapitalistische System sehr anpassungsfähig und flexibel ist, werden subversive Bewegungen und Kämpfe immer wieder von der kapitalistischen Logik kooptiert. Wie können aktuelle Kämpfe das vermeiden?
Die unvollendete Revolution ist die Kritik an der (westlichen) Frauen*bewegung der 1970er-Jahre, die mit einer radikalen Vision begann, in ihrer Übersetzung aber sehr reformistisch endete. Sie hatte keine angemessene Strategie, um das Verhältnis von Frauen* zum Kapitalismus signifikant zu verändern. Ihre Idee lautete: „Befreiung von Unterdrückung durch Arbeit“. Das war wie ein Geschenk für das Kapital. Wenn wir uns aber nicht mit der Reproduktion des täglichen Lebens, der Sorgearbeit, befassen, wird der Gang in die Fabrik unsere Probleme nicht lösen. Man kann den Haushalt nicht hinter sich lassen, man kehrt jeden Tag in ihn zurück.

Können feministische Streiks heute ein wirksames Instrument sein, um eine bessere Strategie zu finden? Und können wir sie als eine Reakti- on auf diese Kooptierung verstehen?
Auf jeden Fall. Vor zehn Jahren hätte ich mich das nicht zu sagen getraut. Es gab eine Abkehr jüngerer Frauen* von der feministischen Bewegung, weil sie im Feminismus nur noch den Staatsfeminismus der Vereinten Nationen sahen.
Jetzt sehen sie „Ni Una Menos“ oder „El violador eres tú“, sie sehen Aktivist*innen auf der Straße. Jetzt hat der Feminismus ein anderes Gesicht, das viele ermächtigt. Es ist zwar ein schlechter Moment auf der Ebene der Politik, die überall faschistischer wird, aber ein guter Moment auf der Ebene der Bewegungen. Es ist ein Moment der Organisation und der Kämpfe – ein sehr politischer Moment.

Silvia Federici ist eine marxistische Theoretikerin und Aktivistin. In ihrem bekanntesten Buch „Caliban und die Hexe“ zeichnet sie die Bedeutung der Hexenverfolgung und allgemeiner der Kontrolle über weibliche* Körper für die Durchset- zung des Kapitalismus nach. Im Mai erscheint „Jenseits unserer Haut.

Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus“ im Unrast Verlag. Anfang Jänner war sie zu Besuch in Wien, um über die „unvollendete feministische Revolution“ zu sprechen.

]]>
https://ansch.4lima.de/ein-guter-moment-fuer-feministische-bewegungen/feed/ 0