I / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 12 May 2020 14:43:23 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png I / 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Rechts, das neue Normal https://ansch.4lima.de/rechts-das-neue-normal/ https://ansch.4lima.de/rechts-das-neue-normal/#comments Mon, 03 Feb 2020 10:13:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=18586 © Clara Fridolin BillerWer hofft, dass rechts-autoritäre Polterer bald Geschichte sind, irrt. Eine wichtige Botschaft für progressive Kräfte, findet NATASCHA STROBL.   „The idea that Trump is a break from the status quo rather than a product of it is the most dangerous one in American politics right now.“ Matt Duss, der außenpolitische Berater des US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, […]]]> © Clara Fridolin Biller

Wer hofft, dass rechts-autoritäre Polterer bald Geschichte sind, irrt. Eine wichtige Botschaft für progressive Kräfte, findet NATASCHA STROBL.

 

„The idea that Trump is a break from the status quo rather than a product of it is the most dangerous one in American politics right now.“ Matt Duss, der außenpolitische Berater des US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, brachte im Mai des vergangenen Jahres in diesem kurzen Tweet die aktuellen Verhältnisse auf den Punkt. Diese Diagnose ist nicht nur auf die USA beschränkt, sondern gilt für alle Staaten, in denen sich eine neue Normalität durchsetzt: rechts-autoritäre Politik. Die Akteur_innen dieser autoritären Politik sind nicht mehr Parteien des rechten Randes, sondern sich immer weiter radikalisierende bürgerliche Parteien. Ich erlaube mir eine Vorab-Conclusio: Es gibt kein Zurück mehr.

Von Hauptstraßen und Abzweigungen. Seit Jahrzehnten arbeiten Rechtsintellektuelle an einer Verschiebung der Verhältnisse. Das passiert nicht nur auf ökonomischer oder tagespolitischer Ebene, sondern insbesondere in der Arena des öffentlichen Diskurses. In den vergangenen Jahren und spätestens seit 2015 geschieht diese Verschiebung schneller und schneller mit immer durchschlagenderen Erfolgen. Das Wichtige dabei ist, dass dahinter nicht ein paar rechtsextreme aus Russland finanzierte Blogs und ihre Internet-Trolle stehen. Die gibt es auch, aber ein großer Teil dieser Diskursverschiebung und letztlich Diskurszerstörung geht von etablierten und geachteten Akteur_innen der konservativen Eliten aus. Wo rechtsextreme Blogs und Trolle den Boden bereitet haben, bahnen sich Konservative neue Wege: Sie werden die neue politische Hauptstraße. Die neue Straße ist aber ein Produkt der alten Straße, die diese Abzweigungen erst zugelassen hat. Ich möchte die Metapher nicht überstrapazieren, aber es ist wichtig zu verstehen, dass diese aktuelle Phase, in der wir uns befinden, nicht bloß eine wirre Episode der Geschichte ist und wir irgendwann wieder zur alten Normalität zurückkehren. Die Nachkriegshegemonie mit ihren Großen Koalitionen, ihrer Sozialen Marktwirtschaft und ihren Sozialpartnerpartnerschaften ist Geschichte. Und es gibt kein Zurück in der Geschichte.

Eine Rose mit anderem Namen. Konservative Parteien und Politiker_innen haben verstanden, dass diese alte Ordnung nicht zu retten ist, und versprechen dementsprechend allerorten etwas Neues. Es kommt nicht einmal darauf an, genau auszuformulieren, wie dieses „Neue“ sein soll, Hauptsache, es ist neu und damit besser. Liberale Kräfte hingegen glauben, dass sie immer noch nach den Regeln der alten Ordnung spielen können. Das Resultat ist das, was als „Hillary-Moment“ in die Geschichte eingegangen ist. Die klar qualifizierte, besser vorbereitete Kandidatin, die alle wichtigen und respektablen öffentlichen Stimmen auf ihrer Seite hat, verliert gegen einen rechten Clown, der weder qualifiziert noch vorbereitet auf das Amt ist. Ein ähnliches Muster haben wir später auch bei der Brexit-Abstimmung und deren Nachwirkungen gesehen. Zurück bleibt eine fassungslose politmediale Öffentlichkeit, die sich ihre Niederlage beim besten Willen nicht erklären kann. Die Wahrheit ist ganz einfach, dass die Zeit sie überholt hat und sie zu arrogant und von sich selbst besoffen war, um die Risse im System zu erkennen. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien wurden diese Risse nicht nur von der extremen Rechten, sondern eben auch von den etablierten und sich radikalisierenden konservativen Parteien erkannt und verstärkt. Es ist keine Frage des Entweder-oder. Beide Lager gehören zusammen und arbeiten gemeinsam in eine Richtung. Mal in engerer Zusammenarbeit, mal mit der Überbetonung und Nuancierung vermeintlicher Differenzen. Dieses Zusammenspiel von parlamentarischer und außerparlamentarischer sowie konservativer und völkischer Rechten ist in vielen Ländern gut zu beobachten. Es sind Wellenbewegungen eines sich vereinheitlichenden Spektrums. So ist es im Endeffekt egal, ob Steve Bannon nach wie vor im Weißen Haus arbeitet, die Brexit Party im Parlament Mandate hat oder die FPÖ in der Regierung sitzt. Wenn ihre Politik auch von Trump, den Tories oder der ÖVP umgesetzt wird, dann ist das ein Sieg im von ihnen begonnenen Kulturkampf. Namen sind nebensächlich, wenn die Inhalte nahezu ident sind.

Meister der Inszenierung. Die Strategien zur Auflösung des gedachten Normalzustands sind vielfältig. Ganz oben auf der Liste ist eine diskursive Shock-and-Awe-Strategie. Es werden Dinge gesagt und behauptet, die im vermeintlichen Normalzustand völlig undenkbar sind. Während liberale Medien und Öffentlichkeiten mit Empörung und dem Einfordern einer Entschuldigung reagieren, wird aber noch eins draufgesetzt. Und noch eins. Und noch eins. Dabei agieren die Frontfiguren durchaus mit sehr unterschiedlichen Inszenierungen. Trump mimt einen proletarischen Habitus mit Hamburgern anstelle von Silberbesteck. Das ist kein Zufall und dem Multimilliardär, der aus reichem Elternhaus kommt, auch nicht in die Wiege gelegt. Er appelliert damit (erfolgreich) an den Mythos der Fünfzigerjahre, der Zeit des Wirtschaftsaufstiegs der USA. Ein weißer amerikanischer Arbeiter, so die Verklärung, konnte mit einem Gehalt in einem guten Job seine ganze Familie versorgen und alles war gut. Die Situation der Black Communities oder von Frauen interessiert in diesem Bild natürlich nicht. Trumps gesamte Inszenierung ist ein Versprechen der Wiederbelebung dieser nie da gewesenen Vergangenheit – „Make America Great Again“.
In Europa hingegen geben sich die Frontfiguren dieser konservativen Parteien betont bürgerlich.
Sei es der altgriechisch radebrechende Boris Johnson, der alle Eliteinstitutionen des englischen Bildungssystems durchlaufen hat.
Oder der auf der schmalen Linie zwischen Patrick Bateman und Traumschwiegersohn wandelnde Sebastian Kurz. Allen ist gemein, dass sie eine autoritäre Politik auch durch ihre persönliche Glaubwürdigkeit legitimieren. Die sich radikalisierenden konservativen Parteien werden zu politischen Dienstleistern einer charismatischen Frontfigur. Autoritarismus wird nicht mehr von einer Partei, sondern von einer Person durchgesetzt. Donald. Boris. Sebastian.
Für progressive Kräfte ist es wichtig zu verstehen, dass die Zeit des Ausgleichs und des Kompromisses vorbei ist. Diese Erkenntnis mag man bedauern und diese Entwicklung gefährlich finden, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese konservativen Parteien den Konsens aufgekündigt haben. Sie haben eine Vorstellung einer bestimmten Zukunft. Diese Zukunft ist autoritär in allen Lebenslagen. Von ökonomischen Verhältnissen, die massiv zugunsten der besitzenden Klassen verschoben werden, über ein sanktionierendes Bildungssystem, das Bildungsaufstieg kaum zulässt, bis zu einer abschottenden und Tote zumindest in Kauf nehmenden Asylpolitik. Das passiert nicht heimlich, sondern ist das offene und erklärte Ziel. Dagegen treuherzig mit dem besseren Argument und Fakten an das Gewissen dieser Personen und Parteien appellieren zu wollen, verdrängt auf naive Art und Weise die Realität. Die aktuelle Episode ist nicht bloß ein Ausrutscher der Geschichte, die sich jederzeit auf den Normalzustand zurückdrehen lässt. Der Normalzustand ist nicht mehr. Die neue Normalität ist rechts. Dies alles ist aber nicht in Stein gemeißelt. Dass Widerstand schnell zu etwas Größerem werden kann, zeigen uns Protestbewegungen weltweit, wie etwa die spanischen Frauenbewegungen, die Demonstrationen für Demokratie in Hongkong oder der amerikanische Präsidentschafts(vor)wahlkampf.

 

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und analysiert auf Twitter unter #NatsAnalyse rechte und rechtsextreme Strategien.

 

 

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1995 fand die vierte Weltfrauenkonferenz statt – und brachte bahnbrechende Erfolge. Seither hat es keine mehr gegeben. 25 Jahre später ist die Angst vor einem globalen Backlash groß. Von ALEKSANDRA KOLODZIEJCZYK

 

Die Erwartungen an die vierte und bislang letzte UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 waren groß. Ging es doch um nichts weniger als darum, die Staaten zu konkreten Maßnahmen zu verpflichten, mit denen strukturell verankerte Benachteiligungen von Frauen beseitigt werden sollten. In die Geschichte ging sie als größte und für die weltweiten Frauenrechtsbewegungen erfolgreichste Weltfrauenkonferenz ein. 17.000 Menschen, darunter 6000 Delegierte aus 189 Ländern, nahmen an ihr teil. 30.000 Aktivist_innen aus aller Welt beteiligten sich am parallel durchgeführten Forum der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit seinen 4000 Veranstaltungen und Aktionen. Am Ende wurde das bislang fortschrittlichste und umfangreichste Maßnahmenpaket für die weltweite Verwirklichung der Frauenrechte angenommen.
Ausgerechnet in China die Rechte von Frauen voranbringen, dem Land der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik, mit Zwangssterilisationen von Frauen und erzwungenen Schwangerschaftsabbrüchen? Als die Wahl auf Peking als Veranstaltungsort für die vierte Weltfrauenkonferenz fiel, löste das allgemein Verwunderung, aber nur wenig laute Proteste aus. China wollte mit der Weltfrauenkonferenz seine angeschlagene Reputation nach dem 1989 verübten Tian’anmen-Massaker verbessern. Das Land bekam den Zuschlag, da bislang keine Weltfrauenkonferenz in Asien stattgefunden hatte.

Druck von unten. 1995 war ein Momentum der weltweiten Frauenrechtsbewegungen. Als Sprachrohr von Frauen an der Basis hatten sie ihre Möglichkeiten ausgebaut, auf die Regierungen einzuwirken. Obwohl das NGO-Forum von der chinesischen Regierung von Peking ins fünfzig Kilometer entfernte Huairou verlegt worden war, standen seine Teilnehmer_ innen – Frauenrechtsaktivist_innen aus allen Kontinenten – im Fokus des medialen Interesses. Die von dort ausgehenden Impulse hatten erheblichen Einfluss auf die in Peking tagende Regierungskonferenz. So wurden die Diskriminierungen und die Rechte von Mädchen auf Druck von afrikanischen NGOs erstmals zu einem Schwerpunktthema der Weltfrauenkonferenz und fanden Eingang in die Peking-Aktionsplattform. 1995 war auch der Gipfel des politischen und moralischen Drucks auf die UN-Staatengemeinschaft erreicht. Die vierte Weltfrauenkonferenz baute auf den errungenen Bekenntnissen der Weltfrauenkonferenzen in Mexiko (1975), Kopenhagen (1980) und Nairobi (1985) sowie anderer großer UN-Konferenzen wie der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo auf. Die Forderungen der Frauenrechtsbewegungen nach Gleichstellungsmaßnahmen für Frauen und Mädchen konnten nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Die Delegierten der 189 UN-Mitgliedstaaten feilschten dennoch bis zuletzt um einzelne Absätze und Formulierungen des Abschlussdokuments, das konkrete und wirksame Maßnahmen zur Verwirklichung der Frauenrechte beinhalten sollte.

Frauen haben Menschenrechte. An hart und kontrovers debattierten Themen wurden die Bruchlinien zwischen den Staaten und ihren Auffassungen von Frauenrechten erkennbar. Einige ideologisch umkämpfte Bereiche umfassten Erbrechte von Mädchen, gleichgeschlechtliche Sexualität, Schwangerschaftsabbruch und Sexualaufklärung. Am Begriff „sexuelle Orientierung“ entzündete sich die Diskussion um die Rechte von homosexuellen Frauen. Eine kleine, aber lautstarke Gruppe von konservativ- islamischen und konservativ-katholischen Staaten einschließlich des Vatikans lehnten den Begriff ab, da sie die Legitimierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ablehnten. Bis zuletzt blieb eine Schlüsselfrage der Konferenz, ob Frauen „Menschenrechte“, „universelle Menschenrechte“ oder „universell akzeptierte Menschenrechte“ haben. Was auf den ersten Blick wie reine Haarspalterei wirkt, war ein Angriff auf die Gültigkeit von Frauenrechten. Regierungen wie der Iran wollten eine möglichst abgeschwächte Form durchsetzen. Die Menschenrechte von Frauen sollten unter dem Vorwand kultureller und religiöser Traditionen eingeschränkt werden. Eine Verständigung wurde schließlich durch einen Handel erzielt. Progressivere Länder verzichteten auf die Erwähnung von „sexuellen Rechten“ und „sexueller Orientierung“ im Abschlussdokument. Als Gegenleistung wurde die Menschenrechtsrelativierung gestrichen und Frauen Menschenrechte zugebilligt. Der Begriff „sexuelle Orientierung“ kam zwar nicht vor, doch wurde den Frauen zum ersten Mal das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung über ihren Körper und ihre Sexualität zugestanden, was implizit auch das Recht auf gleichgeschlechtliche Sexualität miteinschließt.

Bahnbrechend. Am 15. September 1995 einigten sich schließlich die Delegierten der 189 Staaten nach einem nervenaufreibenden Verhandlungsprozess. Sie beschlossen die Peking-Deklaration und -Aktionsplattform. Die 150-seitige Aktionsplattform beinhaltet umfassende Verpflichtungen und Maßnahmen zur Umsetzung von Frauenrechten in zwölf Themenbereichen. Was 1995 als müde Lippenbekenntnisse, Minimalkonsens bis hin zu revolutionär bezeichnet wurde, gilt heute als das umfangreichste und zugleich fortschrittlichste UNO-Dokument für die Verwirklichung von Frauenrechten. Als Benchmark ist es ein wichtiger Referenzrahmen für Frauenrechtsaktivist_ innen sowie internationale und nationale Geschlechtergleichstellungspolitiken. Die Peking- Deklaration und -Aktionsplattform haben zu einem Bewusstseinswandel geführt. So werden Frauenrechte in den Abschlussdokumenten der vierten Weltfrauenkonferenz als Menschenrechte anerkannt und Frauen damit als Trägerinnen eines Rechtsanspruchs legitimiert. Auch Gewalt gegen Frauen wird in der Aktionsplattform als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Dies führte unter Druck der Zivilgesellschaft zur Verabschiedung von Gesetzen gegen häusliche Gewalt in Ländern wie China oder Vietnam oder zu Gesetzen gegen Frauenhandel in Thailand und den Philippinen. Auf europäischer Ebene hat die vierte Weltfrauenkonferenz dazu beigetragen, dass sich die EU 1996 zur Strategie des Gender Mainstreamings verpflichtet hat. Die in der Peking- Aktionsplattform vorgenommene Verpflichtungserklärung der Staaten, „in allen unseren Politiken und Programmen eine geschlechtsbezogene Perspektive“ einzubringen, war damals bahnbrechend. Fortan konnte Geschlechtergleichstellung nicht mehr auf den Bereich der Sozialpolitik reduziert werden.

Backlash. Im März 2020 wird die Umsetzung der Peking-Deklaration und -Aktionsplattform zum fünften Mal überprüft. Der anfängliche Optimismus vieler Frauenrechtsaktivist_innen und NGOs ist bereits fünf Jahre nach der vierten Weltfrauenkonferenz Ernüchterung gewichen. Die Umsetzung des völkerrechtlich unverbindlichen Abschlussdokuments, das eine reine Willenserklärung und Empfehlung an die Staaten ist, gestaltet sich sehr schwierig. Sie wird gebremst und verhindert durch fehlende finanzielle Mittel und nationale Umsetzungspläne. Kurzum: Es fehlt vielerorts der politische Wille.
Die vierte Weltfrauenkonferenz in Peking vor 25 Jahren war auch die letzte. Seither hat es keine neue Weltfrauenkonferenz gegeben und es zeichnet sich auch keine ab. Warum nicht? Zu groß ist die Befürchtung vieler progressiver Stimmen, es könnte Rückschritte beim bereits Erreichten geben, sollten die Inhalte der Aktionsplattform erneut zur Debatte gestellt werden. Der Gegenwind für Frauenrechte ist rauer geworden. Frauenrechtsaktivist_ innen erleben in vielen Ländern zunehmende Gewalt und die Einengung ihrer Partizipations- und Einflussmöglichkeiten. Die Themen, die Länder spalten, sind zum überwiegenden Teil die gleichen wie vor 25 Jahren. Die Fronten in Bezug auf Schwangerschaftsabbruch, Sexualaufklärung oder die Anerkennung von diversen Genderidentitäten haben sich jedoch verhärtet. Fundamentalistische und rechtspopulistische Strömungen werden mächtiger. Die lauter werdenden Forderungen nach nationalen Souveränitätsklauseln zielen darauf ab, die Allgemeingültigkeit von Menschenrechten zu unterlaufen.
Die Maßnahmen und Forderungen der Peking-Aktionsplattform sind 2020 leider noch genauso aktuell wie vor 25 Jahren. Sie sind bis heute bestenfalls teilweise umgesetzt. Doch obwohl wir heute in Zeiten der closing spaces leben, sind es noch immer Frauenrechtsaktivist_ innen, die jeden Tag in mühsamer Kleinarbeit und abseits des medialen Rampenlichts an der Umsetzung der Aktionsplattform arbeiten. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Rechte wurden noch nie jemandem geschenkt, sondern immer erkämpft.

 

Aleksandra Kolodziejczyk ist Vorstandsmitglied der Frauen*solidarität, die entwicklungspolitische feministische Bildungs-, Medien und Öffentlichkeitsarbeit macht. Sie wird beim heurigen review der Peking- Aktionsplattform auf UN-Ebene dabei sein.

 

 

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an.sehen: Love in a hopeless place https://ansch.4lima.de/an-sehen-love-in-a-hopeless-place/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-love-in-a-hopeless-place/#respond Fri, 31 Jan 2020 16:53:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=18443 © Universal Pictures International LimitedMit ihrem Spielfilmdebüt gelingt Melina Matsoukas ein Mix aus Roadmovie und Liebesgeschichte, voll visueller und sozialkritischer Wucht. Von MAXI BRAUN   Es ist eines dieser typisch US-amerikanischen Diner, wie es Edward Hopper schon 1942 in „Nighthawks“ abbildete. An diesem Ort voll Neonlicht getünchter Trostlosigkeit sitzen sich Queen und Slim bei einem wenig prickelnden Tinder-Date gegenüber. […]]]> © Universal Pictures International Limited

Mit ihrem Spielfilmdebüt gelingt Melina Matsoukas ein Mix aus Roadmovie und Liebesgeschichte, voll visueller und sozialkritischer Wucht. Von MAXI BRAUN

 

Es ist eines dieser typisch US-amerikanischen Diner, wie es Edward Hopper schon 1942 in „Nighthawks“ abbildete. An diesem Ort voll Neonlicht getünchter Trostlosigkeit sitzen sich Queen und Slim bei einem wenig prickelnden Tinder-Date gegenüber. Queen ist Anwältin, hat gerade einen Fall verloren und will den Abend nicht allein verbringen. Slim scheint ein netter, einfach gestrickter Kerl zu sein, auf den sie mitleidig und arrogant herabblickt. Ein Eindruck, der sich schnell aus der zähfließenden Unterhaltung ergibt. Ein zweites Date ist nicht in Sicht, aber Slim bietet an, Queen nach Hause zu fahren. Unterwegs geraten sie wegen einer Lappalie in eine Polizeikontrolle. Weil beide Schwarz sind und der Polizist ein Rassist, eskaliert die Situation. Ebenso schuldlos wie plötzlich sind Queen und Slim in einer schicksalhaften Gemeinschaft miteinander verbunden und fortan auf der Flucht.
Kaum zehn Minuten Erzählzeit ihres Spielfilmdebüts benötigt Regisseurin Melina Matsoukas, bisher vor allem bekannt für ihre Musikvideos für Rihanna oder Beyoncé, für diese Einführung und um uns für ihre Figuren einzunehmen. Was folgt, ist ein wilder Trip durch die Südstaaten der USA, die Tat Radcliffs Kamera aus poetischen Totalen der Landschaft, aber auch aus Momentaufnahmen der ärmeren, runtergerockten und meist Schwarzen Viertel zwischen Kentucky und Georgia zusammensetzt. Erst allmählich realisieren Queen und Slim, dass der Vorfall von der Dash Cam des Polizisten gefilmt wurde, im Internet gelandet und viral gegangen ist. Als „Schwarze Bonnie und Clyde“ versuchen sie sich trotz Fahndung nach Florida durchzuschlagen, um sich nach Kuba abzusetzen. Filmhistorisch erinnert das an „Thelma und Louise“. Wo Ridley Scott 1991 mit dem bis dato männlich dominierten Genre des Roadmovies brach und Sexismus und sexualisierte Gewalt implizit verhandelte, ist „Queen & Slim“ das erste Schwarze Roadmovie vor der Folie von Rassismus und Alltagsdiskriminierung.
„Queen & Slim“ ist aber auch eine träumerische Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Klassen treffen und verlieben. Das geschieht in einer Underground- Spelunke in Alabama, in der die Gejagten eine kurze Verschnaufpause wagen. Es wird Blues gespielt, im rot-grün gedämpften Licht wiegen sich Gestalten der Nacht trunken zum Rhythmus. In der Mitte tanzen Queen und Slim in fester Umarmung. Der Dialog aus der Folgeszene, in der sie einander offenbaren, was sie von der Liebe erwarten, legt sich über dieses Bild, während die Kamera beide umkreist und sich die gesamte Bildsprache vor Wong Kar-wais „In The Mood For Love“ verneigt.
Insgesamt nehmen die Wege, die Queen und Slim letztlich bis auf einen Flugplatz in Florida führen, vielleicht den ein oder anderen narrativen Abzweig zu viel, die Parallelmontage von Sexszene und eskalierender Demo sowie die damit verbundene Nebenhandlung lassen den Sog des Films etwas zerfasern. Jodie Turner-Smith als Queen, die hier ihre erste Hauptrolle spielt, und Daniel Kaluuya als Slim, der seit Jordan Peeles „Get Out“ einem breiten Publikum bekannt ist, trösten aber darüber hinweg. Sie sorgen dafür, dass die Spannung als Sorge um das Schicksal der Figuren bis zum bitteren Ende anhält und wir von ihrer Metamorphose von einer Zweckgemeinschaft zu wahrhaft Liebenden, von Namenlosen zu ikonenhaft verehrten Outlaws fasziniert bleiben.
Der afroamerikanische Künstler Arthur Jafa hat einmal gesagt, People of Color, Frauen und Homosexuelle müssten sich in einer weißen, männlich und heteronormativ dominierten Kultur mangels Repräsentation schon immer in andere hineinversetzen, und das Kino sei eine Möglichkeit, diese Empathie zu trainieren wie einen Muskel. „Queen & Slim“ ist eine effektive Trainingseinheit, die diese Erfahrung umkehrt, und ein Stück „New New Black Cinema“, wie es vor zehn Jahren, vor #blacklivesmatter und #oscarssowhite nicht möglich gewesen wäre. Ein politisches Statement und rauschhaftes Kinoerlebnis zugleich.

 

Queen & Slim
Regie: Melina Matsoukas
USA 2019
seit 9. Jänner im Kino

 

 

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Utopie in Ziegelstein https://ansch.4lima.de/utopie-in-ziegelstein/ https://ansch.4lima.de/utopie-in-ziegelstein/#respond Fri, 31 Jan 2020 16:41:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=18437 © Carolina FrankDas Rote Wien prägte mit seinen imposanten Gemeindebauten bis heute das Gesicht der Stadt. Aber auch die frauenpolitischen Ideen waren revolutionär. Von BRIGITTE THEIßL   In dicken, roten Lettern prangt ein Satz auf Häusern quer durch Wien: „Erbaut von der Gemeinde Wien in den Jahren … aus den Mitteln der Wohnbausteuer“. Stolz hat das Rote […]]]> © Carolina Frank

Das Rote Wien prägte mit seinen imposanten Gemeindebauten bis heute das Gesicht der Stadt. Aber auch die frauenpolitischen Ideen waren revolutionär. Von BRIGITTE THEIßL

 

In dicken, roten Lettern prangt ein Satz auf Häusern quer durch Wien: „Erbaut von der Gemeinde Wien in den Jahren … aus den Mitteln der Wohnbausteuer“. Stolz hat das Rote Wien sein ambitioniertestes Projekt auf den Fassaden des kommunalen Wohnbaus, den „Gemeindebauten“ verewigt. Mitthilfe der neu eingeführten, zweckgebundenen Wohnbausteuer schuf die sozialdemokratische Stadtregierung Wohnraum für Hunderttausende Wiener*innen in der Zwei-Millionen-Metropole und damit auch bessere Lebensbedingungen für Arbeiter*innen, die nach dem Ersten Weltkrieg vielfach in elenden Zuständen lebten.
„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, so formulierte es Bürgermeister Karl Seitz 1930 bei der Eröffnung des Karl- Marx-Hofs, einem Vorzeigeobjekt des Roten Wiens, das vier Jahre später das Zentrum des Widerstands gegen den Austrofaschismus werden sollte. Der Wohnbau im bürgerlichen Döbling erstreckt sich über rund 1,2 Kilometer und ist damit die längste Wohnanlage der Welt. Vor der späteren Zusammenlegung kleinerer Wohnung bot der Karl-Marx-Hof 5000 Menschen Platz, denen im Gemeindebau u. a. auch Wäschereien, Kindergärten, Geschäfte und eine Zahnklinik zur Verfügung standen.

Vorbild Wien. Der kommunale Wohnbau prägte nicht nur das Gesicht der Stadt wesentlich mit, er spielt noch heute eine entscheidende sozialpolitische Rolle. Rund 62 Prozent der Wienerwinnen leben im Gemeindebau oder in geförderten Wohnungen, die Mieten dort liegen deutlich unter den Preisen privater Vermieter*innen. Angesichts explodierender Mieten quer durch europäische Großstädte blicken auch ausländische Politiker*innen und Journalist*innen vermehrt nach Wien. „Ein Paradies für Mieter“, titelte jüngst der „Tagesspiegel“, der „Sozialbauten schön wie Paläste“ in der österreichischen Hauptstadt entdeckt haben wollte.
Das große internationale Interesse für die Wiener Wohnpolitik kennt auch die Historikerin Marie-Noëlle Yazdanpanah, Teil des kuratorischen Teams der Ausstellung „Das Rote Wien“, die bis 19. Jänner im Wien Museum gezeigt wurde. Yazdanpanah hat dazu geforscht, wie Frauen im Roten Wien wohnten und welche frauenpolitischen Visionen die Vordenkerinnen späterer feministischer Bewegungen entwickelten.

Raus aus dem Elend. Das Rote Wien, jene Periode zwischen 1919 und 1934, als die sozialdemokratische Arbeiterpartei mit einer absoluten Mehrheit die Stadt regierte, war geprägt von einer Aufbruchsstimmung, das Rote Wien zugleich Utopie und ein „von seinen Gegnern heftig bekämpftes soziales, kulturelles und pädagogisches Reformprojekt“, wie im Text zur Ausstellung zu lesen ist. Umfassende Investitionen in die Gesundheitsversorgung, in Freizeiteinrichtungen und Schulen, aber auch in die Erwachsenenbildung, waren Teil des umfassenden Demokratisierungsprojekts. Dass der Fokus sich zunächst auf die Wohnungsfrage richtete, gründete in der fatalen Lage am Ende des Ersten Weltkriegs. Wohnungsnot, Inflation, Krankheiten wie die Tuberkulose hatten sich ausgebreitet, auch die Ernährungssituation war katastrophal. Erst 1917 wurde ein Mieter*innenschutz eingeführt, zuvor mussten Bewohner*innen in Geldnot innerhalb von zwei Wochen ihre Wohnung verlassen. „Während des Krieges war es für viele Frauen enorm schwierig, den Mietzins aufzutreiben, während ihre Männer an der Front waren“, sagt Yazdanpanah, die Folge waren 1913/14 rund 115.000 Delogierungen. Insbesondere Arbeiter*innen und andere Gruppen mit geringen finanziellen Mitteln wohnten vielfach in sogenannten Bassena-Wohnungen, die über kein fließendes Wasser verfügten. Deren Bewohner*innen teilten sich eine Toilette sowie das Waschbecken (Bassena) am Gang. Um die Miete für die ohnehin meist viel zu kleinen Räume zu finanzieren, kamen oft noch „Bettgeher“, die für eine geringe Gebühr in einem freien Bett schliefen und morgens die Wohnung wieder verließen.

Die arbeitende Frau. Möglichst schnell möglichst viel leistbaren Wohnraum für die Arbeiter*innenklasse zu schaffen, das war zunächst das Ziel der roten Stadtpolitik. Innerhalb nur eines Jahrzehnts entstanden rund 65.000 neue Wohnungen und sorgten für eine breite soziale Durchmischung in Wiens Bezirken. Ein niederschwelliger Zugang war jedoch nicht für alle gewährleistet. Zwar mussten die Mieter*innen keine österreichische Staatsbürgerschaft vorweisen, in Wien geborene Personen wurden jedoch bevorzugt, was insbesondere den jüdisch-galizischen Flüchtlingen den Einzug erschwerte. Auch Verheiratete erhielten mehr Punkte, Frauen wurden im Wohnbau überwiegend als Teil des Familienverbands gedacht. Dennoch spielten im Gemeindebau, der den Arbeiter*innen „Luft, Licht und Sonne“ bringen sollte, auch frauenpolitische Überlegungen eine Rolle, weiß Historikerin Yazdanpanah. Etwa: Wie können ledige, arbeitende Frauen wohnen? Obwohl sehr viele junge Frauen aus der Arbeiter*innenklasse einer Erwerbsarbeit nachgehen, ist ein Alleinwohnen von Frauen gesellschaftlich nicht anerkannt. Um 1930 wohnen zwei Drittel der ledigen, arbeitenden Frauen noch bei ihren Eltern, wie die Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter (siehe Superheroine S. 4) in einer Studie erhob. Eine der schon zuvor entwickelten Ideen, wie diese Frauen wohnen könnten, war das Einküchenhaus (siehe Seite 16), von dem in Wien zwei gebaut wurden. Nicht nur die Auslagerung der Hausarbeit war dabei revolutionär. Während in Ledigenheimen immer auch die Wahrung einer „Sittlichkeit“ von großer Bedeutung war, interessierte man sich dafür im Einküchenhaus kaum, so Yazdanpanah.

Rationalisierter Haushalt. Im Gemeindebau mit seinen zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen spielte der Rationalisierungsgedanke eine wichtige Rolle. Wie könne man Frauen, für die nach der Lohnarbeit der zweite Arbeitstag beginne, die Arbeit erleichtern? „Heute gehen dreißig Hausfrauen über dreißig Treppen und kaufen in dreißig verschiedenen Körben ein. Könnte man nicht einfach jeden Morgen einer Hausfrau das Amt des Einkaufes übertragen?“, fragte da die sozialdemokratische Politikerin Emmy Freundlich 1925 in der „Arbeiter Zeitung“. Im Gemeindebau sind es die großen Waschküchen mit modernen Geräten, die integrierten Kindergärten und gut durchdachte Küchen, die den Frauen Zeit ersparen sollen. Zeit, die aber nicht nur der Familie, sondern durchaus auch dem eigenen Vergnügen, der Bildung – und der Partei – gewidmet werden sollte. „Die lesende Frau in der Küche war zu dieser Zeit ein wichtiges Werbesujet für den Gemeindebau“, sagt Marie-Noëlle Yazdanpanah. Wie es mit der Beteiligung von Männern an der Hausarbeit und der Kindererziehung stand, wurde hingegen selbst von feministischen Denkerinnen kaum zum Thema gemacht. Und auch in den Räumlichkeiten der Gemeindebauten wurden Geschlechterrollen zum Teil einzementiert. So hatten zu den Waschküchen, die aus hygienischen Überlegungen streng überwacht wurden, ausschließlich Frauen Zugang, die Kontrolle führten hingegen Männer durch.

In die neuen Zeiten. Mit der Idee, dass der Lebensraum nicht an der eigenen Wohnungstür enden, sondern sich auch in den Gemeinschaftseinrichtungen und den großzügig gestalteten Höfen abspielen sollte, wagt der Gemeindebau auch einen Schritt über das Konzept der Kleinfamilie hinaus. „Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Arbeiter*innen das Leben in der Kleinfamilie bis dahin großteils gar nicht kannten. Wer sich eine Zimmer- Küche-Kabinett-Wohnung mit Onkeln, Tanten, weiteren Untermieter* innen oder Bettgeher*innen teilte, für die war es eine Errungenschaft, nur mit Ehemann und Kindern zu wohnen“, sagt Yazdanpanah.
Nicht nur die Arbeitsbedingungen und die Wohnsituation, auch die Politisierung der Arbeiterinnen stellte indes eine zentrale Herausforderung dar für die feministischen Denkerinnen des Roten Wiens. Frauen, die nach Erlangen des Wahlrechts überwiegend konservativ, also christlich-sozial wählten, sollten für die sozialistischen Ideen gewonnen werden. Jene prägenden Vordenkerinnen, die mit dem aufziehenden Faschismus und dem folgenden Nazi-Regime lange Zeit in Vergessenheit geraten sollten, hinterließen Schriften, die sich auch heute noch erstaunlich aktuell lesen. Therese Schlesinger, die als eine der ersten Frauen für die Sozialdemokratie ins Parlament einzog, sparte nicht mit Kritik an der eigenen Partei, die sich zu wenig um die spezifischen Probleme der Frauen kümmere. „Als ein Wunder sollte es viel eher angesehen werden, dass es trotz alledem so viele Tausende klassenbewusster und eifrig tätiger Parteigenossinen gibt. Eine Frau, die, beladen mit Erwerbs- und Hausarbeit, (..) noch Zeit und Kraft aufzubringen vermag, um (..) ihrer gewerkschaftlichen oder politischen Organisation mitzuarbeiten, muss wirklich die höchste Bewunderung erregen“, schrieb sie 1921.

 

 

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Housing for All https://ansch.4lima.de/housing-for-all/ https://ansch.4lima.de/housing-for-all/#respond Fri, 31 Jan 2020 16:23:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=18435 © Carolina FrankEine europäische BürgerInneninitiative kämpft EU-weit für das Recht auf Wohnen. BERNADETTE SCHÖNANGERER hat Initiatorin KARIN ZAUNER-LOHMEYER gefragt, warum wir Wohnen nicht dem Markt überlassen dürfen.   an.schläge: Wohnpolitik ist Sache der EU-Mitgliedsstaaten, in den verschiedenen Ländern sind die Voraussetzungen unterschiedlich. Warum braucht es eine europäische BürgerInneninitiative? Karin Zauner-Lohmeyer: Wohnraum wird immer mehr zum Spekulationsobjekt. Das […]]]> © Carolina Frank

Eine europäische BürgerInneninitiative kämpft EU-weit für das Recht auf Wohnen. BERNADETTE SCHÖNANGERER hat Initiatorin KARIN ZAUNER-LOHMEYER gefragt, warum wir Wohnen nicht dem Markt überlassen dürfen.

 

an.schläge: Wohnpolitik ist Sache der EU-Mitgliedsstaaten, in den verschiedenen Ländern sind die Voraussetzungen unterschiedlich. Warum braucht es eine europäische BürgerInneninitiative?

Karin Zauner-Lohmeyer: Wohnraum wird immer mehr zum Spekulationsobjekt. Das ist in Wien vielleicht noch nicht ganz so dramatisch, doch in anderen europäischen Städten, z. B. in Portugal und Spanien, wo es einen schlechten MieterInnenschutz gibt, ist es katastrophal. Global agierende Immobilienkonzerne und Pensionsfonds kaufen ganze Häuserblöcke auf, warten, bis der Preis steigt, dann stoßen sie das Objekt wie eine Aktie wieder ab. Diese Entwicklung ist wirklich besorgniserregend. Die Mieten steigen rasant, viele Städte haben aufgrund der hohen Bodenpreise Probleme, überhaupt noch sozialen Wohnbau entwickeln zu können. Hier kommt eine Spirale in Gang, die das Recht auf Wohnen gefährdet. Die Europäische Union hat hier eine große Verantwortung, weil sie die finanziellen Rahmenbedingungen gestaltet.

Welche Forderungen stellen Sie an die EU?

Den Städten und Staaten sind durch die Maastricht-Kriterien die Hände gebunden, sie können nicht ausreichend in den öffentlichen Wohnbau investieren. Der Zugang zu gefördertem Wohnbau wird außerdem über das EU-Beihilfenrecht eingeschränkt. Förderung soll es nur für die Ärmsten der Armen geben. Wir fordern, dass das aufgehoben wird. Unser Ziel ist es, dass Wohnpolitik für alle gemacht wird und der Wohnungsmarkt reguliert wird. Denn der freie Markt wird von sich aus niemals leistbaren Wohnraum hervorbringen. Ohne Regulierung wird man auch keine durchmischte Stadt mehr haben, sondern ganze Stadtviertel mit leerstehenden Wohnungen oder Vermietungen über Airbnb.

Wie kann man gegen Spekulation mit Wohnraum vorgehen?

Die Stadt Wien hat hier z. B. eine mutige Maßnahme gesetzt: Wenn ein Grundstück als Baugrund umgewidmet wird, dann müssen zwei Drittel der Wohnungen, die dort entstehen, geförderter Wohnbau sein. Ein Immobilienentwickler darf dort nicht mehr als eine gewisse Obergrenze an Miete verlangen. Das wirkt gegen Spekulation.

Wie sind Sie in den verschiedenen Ländern vernetzt?

Zu unseren Partnerinnen und Partnern gehören soziale Organisationen und Menschenrechtsorganisationen, kirchliche Organisationen, „Recht auf Stadt“-Netzwerke, aber auch MieterInnen- und PensionistInnenverbände und Gewerkschaften. Wir sind eine Allianz, die ein sozialeres Europa will. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Zuspruch für rechte und rechtsextreme Parteien auch sehr stark mit dem Wohnungsmarkt zu tun hat und besonders hoch ist in Ländern, in denen die Obdachlosigkeit steigt, wo es viele Delogierungen oder Zwangsräumungen gibt und die junge Bevölkerung kaum Perspektiven hat, sich einmal selbst Wohnraum leisten zu können. Die EU tut gut daran, hier Maßnahmen zu setzen. Beim Thema Wohnen geht es auch um den sozialen Frieden und um Demokratie.

Sie betonen, dass Wohnen ein Menschenrecht ist. Was umfasst dieses Recht?

Das Recht auf Wohnen umfasst aus meiner Perspektive, dass Politik es als ihre Aufgabe sieht, Wohnpolitik zu gestalten und das Wohnen nicht dem Markt zu überlassen. Es gibt kein Recht auf maximale Rendite, aber jeder Mensch hat ein Recht darauf, etwas zu essen und ein Zuhause zu haben. Die Stadt Wien bemüht sich seit etwa hundert Jahren aktiv, Wohnraum zu schaffen und dieses Recht auf Wohnen umzusetzen, im Gemeindebau und im geförderten Wohnbau. Vor allem bei von Armut betroffenen Menschen gibt es aber noch Handlungsbedarf, schwierig ist es besonders für all jene, die von Sozialhilfe leben und eine Wohnung suchen.

Die Wohnkosten steigen in Österreich viel stärker als die Einkommen und andere Lebenshaltungskosten, in Wien sind die Mieten im privaten Sektor in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen. Was sind die Hauptursachen dafür?

Einerseits die Niedrigzinspolitik, die dazu führt, dass immens viel Geld in Immobilien veranlagt wird. Wohnraum ist in wachsenden Städten eine sichere Geldanlage. Boden ist nicht vermehrbar. Es gibt viel mehr Nachfrage als Angebot. Besonders hoch ist die Nachfrage bei Wohnungen unter 600 Euro Miete, dort ist der jährliche Anstieg viel höher als bei Mieten über 2500 Euro. Unter diesen Marktbedingungen können sich KäuferInnen sicher sein, dass eine Immobilie an Wert gewinnt. Daher gibt es auch einen enormen Bauboom bei Vorsorgewohnungen.

Es ist ja mittlerweile breit gesellschaftlich akzeptiert, dass eine Wohnung, die man sich kauft, auch einen Gewinn abwerfen soll.

Absolut. Wohnungen werden wie Aktien gehandelt. Früher hatte man ein Sparbuch oder einen Bausparvertrag, heute empfiehlt dir dein Anlageberater, in eine Vorsorgewohnung oder in Immobilienfonds investieren. Dadurch gerät der Wohnungsmarkt massiv unter Druck. In Berlin kostet ein WG-Zimmer mit neun Quadratmetern mittlerweile 600 Euro. Das ist Wohnen im 21. Jahrhundert! Da muss ich mich doch fragen, ob das noch Chancengleichheit ist!

Eine gesetzliche Einschränkung ist aber nicht in Sicht?

In Berlin diskutiert man gerade über Mietendeckel – und gleich ist von Kommunismus die Rede. In Österreich haben wir mit dem Richtwertgesetz und dem Mietrechtsgesetz ja so etwas wie einen Mietendeckel. Durch die Richtwertmiete können im Gemeindebau, im geförderten Wohnbau, aber auch in Gebäuden, die vor 1945 errichtet wurden, nicht unendlich hohe Preise verlangt werden. Natürlich müsste das Mietrecht weiter gehen, sodass auch Neubauwohnungen eine Mietpreisobergrenze bekommen. In den Beständen vor 1945 dürfen VermieterInnen auch Lagezuschläge verrechnen. Auch das ist problematisch, denn: Warum ist die Lage gut? Z. B. deshalb, weil die öffentliche Hand dort eine U-Bahn gebaut hat. Das bedeutet, dass jemand mit unserem Steuergeld seine Immobilie aufwertet.

Die letzte österreichische Bundesregierung hat den Fokus stark auf „Eigentum vor Miete“ gelegt und eine Änderung im Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz beschlossen, sodass künftig geförderte Wohnungen nach fünf Jahren von den MieterInnen erworben werden können. Wie bewerten Sie das?

Das ist natürlich ein großer sozialpolitischer Fehler. Wir sehen ja, was am privaten Markt mit dem Eigentum passiert. Wohnungen kommen dann schnell in einen profitorientierten Kreislauf und stehen der Gesellschaft, Leuten mit wenig Geld, aber auch der Mittelschicht nicht mehr zur Verfügung. Wir haben z. B. in München und in Frankfurt schon die Situation, dass einzelne Berufsgruppen in den Städten fehlen, weil sie sich das Wohnen dort nicht mehr leisten können. Man sieht in Deutschland, wo in den vergangenen zwanzig Jahren etwa 800.000 Wohnungen privatisiert wurden, wie sehr man dort dem gemeinnützigen Wohnbau nachtrauert. Dort fehlen jetzt massiv leistbare Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen.

Mit Ihrer Initiative fordern Sie, Kurzzeitvermietungen über Plattformen wie Airbnb zu regulieren. In Österreich gäbe es dafür quer durch die Parteienlandschaft Zustimmung. Worin liegt die Schwierigkeit, das umzusetzen?

Plattformen wie Airbnb, die digitale Kurzzeitvermietungen anbieten, beziehen sich auf die Datenschutz-Regelungen der EU, die besagen, dass diese Unternehmen der Behörde die VermieterInnen nicht nennen müssen. Dadurch kann eine Behörde, oder eine Stadt oder ein Staat, die Vermietungen nicht regulieren. Das ist ein europaweites Problem und braucht eine europaweite Antwort. In Wien werden etwa 2000 Wohnungen dauerhaft der heimischen Bevölkerung entzogen. In Lissabon z. B. wird aber bereits ein Drittel der Wohnungen über Airbnb vermietet. Dadurch fehlt nicht nur der Wohnraum für die einheimische Bevölkerung, es ändert sich auch der Charakter der Stadt. Wenn die Leute, die seit Generationen dort leben, aus den Städten verschwinden, werden diese langsam austauschbar.

Wo erhoffen Sie sich durch die Initiative auch in Österreich eine Debatte oder ein stärkeres Bewusstsein?

Wir müssen den Menschen klarmachen, dass der „freie Markt“ niemals leistbaren Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung hervorbringt. Wohnen muss daher Teil der Daseinsvorsorge sein, wie in Wien. Mit einem Menschenrecht darf man nicht spekulieren! In dem Zusammenhang sollten wir auch über Vorsorgewohnungen sprechen und was sie für die Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum bedeuten und dass über unsere eigene Pensionsvorsorge zum Teil die Wohnungsmärkte zerstört werden. Wenn es gelingt, dass man über diese Zusammenhänge mehr Bewusstsein schafft, dann haben wir schon sehr viel gewonnen.

 

Die Initiative „Housing for All“ kann noch bis zum 18.3.2020 online unterschrieben werden unter: housingforall.eu

 

Bernadette Schönangerer ist Redakteurin der Zeitschrift „MALMOE“.

 

 

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Das Geschlecht des Wohnens https://ansch.4lima.de/das-geschlecht-des-wohnens/ https://ansch.4lima.de/das-geschlecht-des-wohnens/#respond Fri, 31 Jan 2020 16:09:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=18433 Die Herrin des Hauses oder die Hausfrau in der Heimhölle? Die Beziehung von Weiblichkeit & Wohnen währt schon lange und ist komplex. Von LEA SUSEMICHEL   Der Markt an Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ ist riesig. Sie alle sprechen eine vornehmlich weibliche Zielgruppe an, dieselbe, die auch die boomende Home-Decor- und Einrichtungsbranche mit Läden wie Interio […]]]>

Die Herrin des Hauses oder die Hausfrau in der Heimhölle? Die Beziehung von Weiblichkeit & Wohnen währt schon lange und ist komplex. Von LEA SUSEMICHEL

 

Der Markt an Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ ist riesig. Sie alle sprechen eine vornehmlich weibliche Zielgruppe an, dieselbe, die auch die boomende Home-Decor- und Einrichtungsbranche mit Läden wie Interio und Depot erfolgreich adressiert. Einen Boom erleben auch diverse „Home-Makeover“-Fernsehsendungen, in denen vornehmlich Frauen abendfüllend beraten werden, ob der skandivanische Stil wohl auch für ihre Küche passt.
Doch woher rührt diese weibliche Zuständigkeit fürs Hübsch- und Heimeligmachen und wo liegen ihre historischen Wurzeln?

In Stein gemeißelt. Wir bauen uns buchstäblich unsere Gesellschaft, denn Machtverhältnisse sind nicht selten tatsächlich in Stein gemeißelt. Sie geben vor, womit wir uns – wortwörtlich – wohl oder übel einzurichten haben.
Allerdings ist die politische Relevanz von Stadtentwicklung und urbaner Raumplanung weit offensichtlicher als die von Inneneinrichtung oder gar Dekoration. Dieses Ungleichgewicht zeigt sich auch in der architekturgeschichtlich stiefkindlichen Rolle, die das Thema Wohnen und Innenarchitektur im Vergleich zu Baugeschichte und Stadtplanung hat. In dieser Asymmetrie spiegeln sich deutlich Geschlechterhierarchien: Der männliche Stararchitekt sucht mit dem repräsentativen Monumentalbau den großen Wurf, in dem er sich verewigen kann. Um Details wie Küchenorganisation oder Möblierung kümmern sich dann in aller Regel Innenarchitektinnen oder – weit häufiger – die Bewohnerinnen selbst. Selbst die Entwicklung von Haushaltstechnologie blieb aufgrund dieser Geringschätzung oft ungewürdigt, wie die britische Soziologin Cynthia Cockburn gezeigt hat.
Wohnpolitik ist also auch aus feministischer Perspektive ein brennendes Thema. Nicht nur deshalb, weil angesichts explodierender Mieten und wahnwitziger Immobilienspekulation menschenwürdiges Wohnen zur umkämpften Ware und zum für viele unleistbaren Luxus wird. Der Androzentrismus der Architektur, der auch traditionellen Geschlechterverhältnissen ständig neue Denkmäler baut, macht Wohnverhältnisse überdies zu einem dezidiert geschlechterpolitischen Thema. „Das Private ist politisch“ gilt also insbesondere für die Intimsphäre der eigenen vier Wände.

A Room Of One’s Own. „Ein Zimmer für sich allein“: Virginia Woolfs in ihrem berühmten Essay von 1929 aufgestellte Forderung kann als ein Leitspruch feministischer Wohnpolitik gelten. Denn damit auch Frauen „große Literatur“ schaffen können, brauche es der Schriftstellerin zufolge zumindest: „fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein eigenes Zimmer“. Aber nicht nur angehende Autorinnen haben Rückzugsraum nötig, den allermeisten Frauen der vergangenen Jahrhunderte mangelte es daran. Traditionell waren Frauen in die Welt des Privaten und Häuslichen (griech.: Oikos) verbannt, die der politischen Sphäre der Öffentlichkeit (Polis) entgegengesetzt und altgriechischem Ideal entsprechend auch dem weiblichen (so wie Polis dem männlichen) Prinzip zugeordnet wurde. Doch obwohl das Haus symbolisch wie faktisch also „ihr Reich“ ist, bedeutet das bekanntlich nicht, dass es nach den Bedürfnissen von Frauen gestaltet wird und sie dort Ruhe und Privatsphäre haben. Denn das Zuhause war und ist für sie in erster Linie ein Arbeitsort.
Das Zusammenfallen von Wohn- und Arbeitsstätte, das Verschwimmen der Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit, das angesichts neoliberaler Arbeitsweisen derzeit als vermeintlich neues Phänomen diskutiert wird, ist für viele Frauen immer schon Realität.

Die Küche. Ein wiederkehrendes feministisches Motiv ist dementsprechend die in der kleinbürgerlichen Heimhölle isolierte Hausfrau, die ihr tristes Dasein zwischen Herd und Bügelbrett fristet. Feministinnen forderten deshalb nicht nur städtebauliche und infrastrukturelle Reformen, um sie von diesem Schicksal zu erlösen. Auch eine Änderung der Häuser und Wohnungen selbst wurde gefordert, insbesondere der klassischen Wohngrundrisse mit ihren reinen Arbeitsküchen, in denen Reproduktionsarbeit unsichtbar bleibt. In der bürgerlichen Wohnung waren nur die repräsentativen Wohnräume sichtbar, die kleine Küche und die in ihr stattfindende Versorgungsarbeit lag zumeist verborgen hinter dem Esszimmer.
Allerdings blieben auch Pionierinnen wie Margarete Schütte-Lihotzky bei dieser kleinen Arbeitsküche. Mit ihrer berühmten Frankfurter Küche (vgl. Seite 26), in der typische Küchenarbeiten mit der Stoppuhr gemessen wurden, um dadurch „die größte Schritt- und Griffersparnis“ zu erzielen, ging es der Architektin in erster Linie um Arbeitserleichterung und darum, „Frauen sehr viel Zeit zu ersparen“.
Doch bereits Schütte-Lihotzky wusste um die vielen Bedürfnisse, die Wohnraum möglichst noch befriedigen sollte: „Zum Schlafen und Arbeiten, zum Kochen und Essen, zum Alleinsein und zum Leben in der Familie und in Gesellschaft muss die Wohnung Raum bieten.“
Dieses Ideal spiegelte sich auch in den revolutionären Ideen der Wohnpolitik des roten Wien (vgl. Seite 24), in denen die nun geräumigeren Küchen auch Platz für Muße und zur Frauenbildung bieten sollten. Bei sozialreformerischer Architektur, die radikale gesellschaftliche Änderungen zum Ziel hatte – wie etwa auch dem Bauhaus mit seinem „klassenlosen Design“ –, ging es allerdings oft um den bereits erwähnten männlichen großen Gestus. Paradebeispiel ist das vom Frühsozialisten Charles Fourier bereits im frühen 19. Jahrhundert erdachte Phalanstère, ein Bau für mehr als 1600 Menschen, der nach dem Vorbild des Schlosses von Versaille entworfen worden war, nun allerdings als Palast der freien Liebe dienen sollte.
Eine der wenigen Frauen, die im 20. Jahrhundert ähnlich ambitionierte Projekte verwirklichten wie Corbusier und Co, war die französische Architektin Renée Gailhoustet, die mit ihren ungewöhnlichen Sozialbauten mit Gärten für alle neue Standards setzte.

Einküchenhaus. Radikal war auch das auf die Idee der sozialdemokratischen Frauenrechtlerin Lily Braun zurückgehende Modell des Einküchenhauses, in dem Hauswirtschaft kollektiviert und entlohnt wurde. Das Bezahlen von Köchinnen und Wäscherinnen kann dabei sowohl als logische Konsequenz der „Lohn für Hausarbeit“- Forderung gefeiert wie auch als Auslagerung unliebsamer Arbeiten an weniger privilegierte Frauen kritisiert werden. Jedenfalls sahen die in vielen europäischen Städten tatsächlich realisierten Einküchenhäuser eine zentrale Gemeinschaftsküche vor, aus der die Mahlzeiten per Speiseaufzug in die küchenlose Wohnung geordert werden konnten, sowie oft auch eine hauseigene Wäscherei.
In zahllosen besetzten Häusern, linken WGs und Frauenwohnprojekten war die gerechte Vergemeinschaftung (wenn auch nicht bezahlte Auslagerung) von Reproduktionsarbeit ebenfalls zentraler Grundkonsens. Alternative Wohnprojekte sehen auch heute meist zumindest Gemeinschaftsräume und kollektiv genutzte Flächen vor.

Sorgearbeit & Schönheitspflege. Auch in Einfamilienwohnungen bzw. -häusern geht der Trend zu kommunikativen, offenen Wohnküchen, was häufig als emanzipatorischer Fortschritt interpretiert wird. Schließlich wird die darin verrichtete Hausarbeit für alle sichtbar und die Küche als Kommunikationsraum, in dem auch Gäste empfangen werden, kann symbolisch als Vorstoß vom Privaten ins Öffentliche interpretiert werden.
Allerdings bedeutet die Öffnung bekanntlich nicht, dass auch die Arbeitsaufteilung gerechter ist. Zudem geht die räumliche Dominanz der Wohnküche oft zulasten von ausreichend Rückzugsraum, der insbesondere Frauen befähigen würde, sich Sorgearbeit zu entziehen – dem „room of one’s own“ also.
Während Männern je nach Milieu und finanzieller Möglichkeit zumindest ein Arbeitszimmer oder ein Hobbyraum im Keller zugestanden wird (und weil getrennte Schlafzimmer weitgehend ein Privileg der Oberschicht sind), bleibt den Frauen weiterhin oft bloß das Badezimmer. Dieses hat – zumindest in Katalogen und Wohnzeitschriften – nur noch wenig mit der einstigen „Nasszelle“ zu tun, sondern soll zur sorgfältig designten Wellnessoase werden, in der sich Frauen nach getaner Sorgearbeit „entspannt und genüsslich“ ihrer zweiten Kernaufgabe widmen dürfen: der Schönheits- und Körperpflege.

Die Wohnung als Ausstellungsort. Doch die Wohnung ist meist nicht nur Reproduktions-, sondern auch Repräsentationsort. Das gilt nicht nur für die gute Adresse, die imposante Bibliothek und die exklusive Einrichtung der Oberschicht oder für die Reisesouvenirs, die in der obligatorischen kleinbürgerlichen Vitrine ausgestellt werden. Auch mit dem coolen Rennrad an der Wand des Studentenzimmers und dem ironischen Häkelbild mit Kampfspruch in der feministischen WG-Küche werden Statements gesetzt.
Denn Wohnen und Einrichtung sollen heute unbedingt auch Individualität und Originalität zum Ausdruck bringen, zugleich ist dieser Bereich jedoch weiterhin sozial stark reglementiert. Die Maxime „Zeig mir deine Wohnung und ich sage dir, wer du bist“ bringt sinngemäß auch die einflussreiche Studie „Die feinen Unterschiede“ des Soziologen Pierre Bourdieus auf den Punkt, in der er zeigt, dass Klassendistinktion vor allem über das Zurschaustellen des vermeintlichen „guten Geschmacks“ betrieben wird. Es ist natürlich die gebildete Oberschichtkultur, die diesen „guten Geschmack“ vorgibt und damit die ästhetischen und kulturellen Vorlieben der Mittelschicht und des Proletariats entwertet.
In ihrer Untersuchung „Schöner Wohnen: Zur Kritik von Bourdieus ‚feinen Unterschieden‘“ wirft die Soziologin Christine Resch Bourdieu Blindheit für Beziehungen und das Geschlechterverhältnis beim Wohnen vor. Denn laut Resch, die für ihre Studie die Wohnungseinrichtungen unterschiedlicher Milieus untersucht hat, sind in der sogenannten Unterschicht und der Mittelschicht in erster Linie die Frauen für Einrichtungsfragen und damit auch für den „Familiengeschmack“ zuständig. Die wichtige Repräsentationsaufgabe beim Wohnen ist also ebenfalls Teil weiblicher Reproduktionsarbeit. „In der gebildeteren Schicht ziehen sich die Männer und besonders die jungen Väter in ihr Arbeitszimmer, sofern vorhanden, zurück. Dort und nur dort haben sie auch die Hoheit über die Dekoration“, schreibt Resch. „Den Bereich der Wohnung, der von der ganzen Familie bewohnt wird, dominieren die Frauen, die Männer können nur in ihrem Raum schalten und walten, wie sie es gerne wollen. Das erinnert an ‚Jugendzimmer‘, in denen den Jugendlichen überlassen wird, wie sie leben wollen, und in das sie sich zurückziehen, sobald die familiären Verpflichtungen erledigt sind.“

Deko als Beziehungsarbeit. Darin spiegele sich auch deutlich, dass vornehmlich Frauen für Beziehungsarbeit zuständig sind. Denn Frauen schaffen auch durch das Einrichten und Dekorieren der Zimmer familiäre Harmonie und befriedigen Bedürfnisse. Und sie zelebrieren mit Bildern und Erinnerungsstücken ihre Beziehungen. Die Souvenirs von Männern hingegen, etwa Reiseandenken oder „eine von Franz Beckenbauer signierte Uhr“, haben laut Resch die Aufgabe, an „bessere (vorfamiliäre) Zeiten“ zu erinnern, in denen sie noch frei und unabhängig waren. Männliche Unabhängigkeit wird dabei häufig als Nomadentum fantasiert, bei dem materieller Ballast nur ein Hindernis sei.
Je wichtiger die Repräsentationsaufgabe des Heims ist, desto eher hat jedoch der Mann das Sagen. In der Oberschicht ist es daher oft er, der über Einrichtungsfragen (zumindest mit-)entscheidet, dort ist der „gute Geschmack“ oft weit wichtiger als die persönliche Beziehung zum Gegenstand oder Komfortkriterien (also ob das teure Sofa auch gemütlich ist).
Doch auch in anderen Milieus bedeutet für die Einrichtungsarbeit zuständig zu sein keineswegs, dass Frauen zu Hause absolute Verfügungsgewalt hätten. Größere Anschaffungen wie eine schönere Kommode müssen oft vom eigenen Geld angespart oder die neue Lampe dem Gatten abgeschmeichelt werden, wie Resch zeigt.

Wände & Wohnutopien. Feministische Wohnutopien müssen all diese verschiedenen Apekte und Ebenen unbedingt berücksichtigen. Sie sollten dabei Eigentumsverhältnisse ebenso wie subtile Machtgefälle im Blick haben. (Laut einer aktuellen Studie verlieren Frauen zu Hause sogar den „Kampf ums Thermostat“, denn Männer setzen sich weit häufiger bei der Raumtemperatur durch.)
Diese Utopien könnten sich dabei durchaus manchmal männliches „Think Big“ zum Vorbild nehmen und große Entwürfe wagen, die auch neue Technologien als Emanzipationsmittel nutzen. Sie sollten daneben aber unbedingt auch die kleinen Subversionen würdigen und die Freiheitsund Wohlfühlnischen anerkennen und fördern, die sich Frauen* unter widrigsten Bedingungen immer schon geschaffen haben – u. a. eben einfach dadurch, dass sie es sich möglichst hübsch und heimelig gemacht haben.
„Frauen haben seit Millionen Jahren in geschlossenen Räumen gesessen, sodass inzwischen sogar die Wände durchdrungen sind von ihrer Schaffenskraft“, schreibt Virginia Woolf in „Ein Zimmer für sich allein“. Und mit dieser Kraft durchbrechen sie diese Wände langsam, aber sicher.

 

 

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Ein Kommentar von BRIGITTE THEISSL

 

Türkis-Blau ist Geschichte und mit der neu angelobten Regierung ist ein kollektives Aufatmen zu verspüren bei all jenen, die Innenminister Kickls autoritäre Fantasien als Bedrohung empfanden für den ohnehin bröckelnden menschenrechtlichen Grundkonsens. Türkis-Grün, zumindest eine Regierung ohne die FPÖ, ohne den Geruch von Ibiza.
Für dieses Wagnis erntete man selbst von konservativen Kommentator* innen Applaus, die schon für den türkis-blauen Pakt in die Presche gesprungen waren. Eine Law-and-Order-Politik der Marke Kickl – eben doch verträglicher ohne all die ungustiösen Einzelfälle.
Der türkis-blaue Geist ist indes keineswegs Geschichte. Auch wenn nun kompetente, progressive Politikerinnen wie Alma Zadić und Leonore Gewessler auf grüner Seite in Ministerien eingezogen sind – schon beim ersten gemeinsamen Auftritt machte Sebastian Kurz deutlich, dass er als wiedergewählter Kanzler an das rechtsautoritäre Projekt der Vorgänger-Koalition anknüpft.
Das „Beste aus beiden Welten“ biete das türkis-grüne Programm, man habe bewiesen, dass es möglich sei, „das Klima und die Grenzen zu schützen“. Ein Slogan, der an Zynismus kaum zu überbieten ist angesichts von rund zwanzig Millionen Klima-Flüchtlingen pro Jahr, so Schätzungen von Expert*innen der UNO. Grüner Widerspruch zur Überschrift des Kanzlers blieb aus. Asyl und Migration, eben keine grüne Kernkompetenz, verkündete Kurz schon vor der Angelobung der Regierung vollmundig – eine Prämisse, der sich die Grünen bisher fügten. So ist auch die Haft auf Verdacht („Präventivhaft“) im Regierungsprogramm zu finden, ein Herzensprojekt Kickls, das die Grünen einst heftig kritisiert hatten.
Und Neo-Innenminister Karl Nehammer benötigte beim Antritts-Interview in der „ZIB 2“ lediglich fünf Sekunden, um bei den zentralen Themen anzukommen: dem Kampf gegen die „illegale Migration“ und dem politischen Islam. Dass das Problem immer die anderen sind, demonstrierte die ÖVP auch mit ihrer Entscheidung, die Frauenagenden im türkisen Integrationsministerium anzusiedeln. Im Doppel-Interview mit Vizekanzler Kogler rechtfertigte Sebastian Kurz das mit „Machokulturen“, die zum Teil „importiert wurden“ und dem „falschen Rollenverständnis von manchen Zuwanderern“, die es „nicht so ernst nehmen mit der Gleichstellung“.
Feministische Errungenschaften, sie kommen den Rechtskonservativen immer dann gelegen, wenn es sich zu „schützen“ gilt von einer vermeintlichen Bedrohung jenseits der Grenzen. Im Fall der ÖVP eine ganz besonders perfide Strategie. Ist es doch die Volkspartei, die sich in Österreich seit Jahrzehnten als Bremsklotz progressiver Frauenpolitik geriert. Große Würfe wie die Fristenregelung, die rechtliche Gleichstellung von Frauen in der Ehe und am Arbeitsplatz oder das Gewaltschutzgesetz wurden von einer SPÖ-Alleinregierung verabschiedet oder später mühselig dem christlich- sozialen Koalitionspartner abgerungen. Selbst gegen eine Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stemmte sich ÖVP-Justizsprecher Michael Graff vehement.
Das hindert Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab freilich nicht daran, vor „patriarchal geprägten Kulturen“ zu warnen und an einem Kopftuchverbot für Lehrerinnen zu basteln (schon das Burkaverbot entstand unter ihrer Feder). Sie selbst habe Sexismus am Arbeitsplatz noch nie erlebt, wie sie der „Heute“ erzählte.
Die Idee einer „Zähmung“ der ÖVP durch eine Koalition mit den Grünen erscheint deshalb mehr unerschütterliche linksliberale Zuversicht denn politische Option zu sein. Denn wohin der türkise Kurs geht, ist klar wie eh und je. Rechtsautoritäre Migrationspolitik soll den Weg ebnen für die eigentlichen Reformen: mehr Macht für Arbeitgeber* innen, mehr Druck auf Arbeitnehmer*innen (wer spricht eigentlich noch über den Zwölf-Stunden-Tag?).
So bleibt es auch fraglich, wie weit sich die ÖVP bei der geplanten CO2-Steuer tatsächlich bewegen wird. Schließlich verkaufte Kurz selbst dringend notwendige Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel als generöses Zugeständnis an den Koalitionspartner.
Für progressive Kräfte im und außerhalb des Parlaments bleibt es indes die zentrale Herausforderung, eine Gegenerzählung zum türkisen Narrativ zu finden. Es sich im rechten Normalzustand gemütlich einzurichten – für Feminist*innen ist das schließlich niemals eine Option.

 

 

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I already said goodbye once, left the lesben.nest column and then I just moved to another page in this glorious magazine. This time however, I’m saying, “Ciao bellissimas!!” and I am leaving an.schläge and writing for good. This will be the last column I write. Ever.
It has been twelve years … Can you believe it??? Twelve fucking amazing years!!!
Twelve years ago I had not yet discovered the performance stage for me. I had a lesbian country band, was doing some amateur dj-ing and I was good at socialising at parties and bringing people together; that was my “career”.
Then that email came asking me if I wanted to write for an.schläge, and it changed my life. All of a sudden I could reach people and people reached out to me. (This was all pre-social media; there were bloggers but I was too lazy to blog). I shared personal stories from my life and people wrote me and told me that it made them feel less alone and I felt like I had won a million bucks. It was my column, I wrote it, but it felt like we were in constant dialogue with each other. We talked about being femme, open relationships, going back to monogamy, trans_* identities and the rise of non-binary, racism in the queer scene, cross-generational desires, resisting the mainstream straight society and of course my endless quest of searching for love. I did my best at trying to entertain you while being political. I sometimes failed, and after crying a bit about it, I learned that that was ok as well. It hurt, but it was very liberating to realise that not every text had to be brilliant.
But I am done now and it’s time you met someone new. Why? “Because I truly have nothing more to say”, she said and laughed her much too loud, cigarette-stained laugh.
And listen, I know that the world seems ugly and is literally on fire and that there is still so much hate, yes.
However, I want you to remember this:
The queer universe today is very different from what it was in 2008 when we first met; it’s bigger, brighter and broader. We continue daily to move forward and nobody can ever put that baby back in a corner.
Thank you. Like (almost) all of my ex-lovers, you will always have a place in my heart.

 

Au revoir, honeys … Denice Bourbon is saying goodbye to writing overall. And what better place to do that than where it all began?

 

 

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an.lesen: Riot Grrrls und Techno-Queens https://ansch.4lima.de/an-lesen-riot-grrrls-und-techno-queens/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-riot-grrrls-und-techno-queens/#respond Fri, 31 Jan 2020 15:29:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=18441 © Ventil VerlagEin Nachschlagewerk weiblicher Musikgeschichte? Gab’s bisher tatsächlich nicht. „These Girls“ liefert ein Anekdotenfeuerwerk aus den Hinterzimmer-Proberäumen und von den ganz großen Bühnen. Von SONJA EISMANN   Die besten Ideen lassen sich immer daran erkennen, dass sie folgende Fragenkette auslösen: „Gibt es das nicht schon längst? Und ist das Konzept nicht ein bisschen simpel? Was, das […]]]> © Ventil Verlag

Ein Nachschlagewerk weiblicher Musikgeschichte? Gab’s bisher tatsächlich nicht. „These Girls“ liefert ein Anekdotenfeuerwerk aus den Hinterzimmer-Proberäumen und von den ganz großen Bühnen. Von SONJA EISMANN

 

Die besten Ideen lassen sich immer daran erkennen, dass sie folgende Fragenkette auslösen: „Gibt es das nicht schon längst? Und ist das Konzept nicht ein bisschen simpel? Was, das existiert noch gar nicht? Echt jetzt? Wieso hat das nie jemand gemacht?!“ Und dann, die so verblüffte wie erleichterte Erkenntnis: „Endlich!“ Genau so verhält es sich auch mit dem Buch – oder Sammelband, Lexikon, Lehrwerk in weiblicher Musikgeschichte – „These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“, zusammengestellt und herausgegeben von der Ostberliner Journalistin Juliane Streich. 139 Musikerinnen von den 1940ern bis heute, von Edith Piaf bis Camp Cope, werden hier porträtiert von fast ebenso vielen und ebenso unterschiedlichen Autor* innen zwischen Journalismus und Uni, zwischen Teen-Age und Rentenalter, zwischen fanzineartigen Idiosynkrasien und akribischer Songanalyse. Zu jedem Künstlerinneneintrag gibt es ein Schwarz-Weiß-Bild – Plattencover, Porträt oder Live-Foto –, die Jahrzehnte werden durch schöne Illustrationen von Judit Vetter getrennt.
Den Instant-Einwänden wie „Aber, aber, aber … was ist denn mit dieser und jener, und wieso ist die allergrößte Musikerin nicht dabei?“ begegnet die Herausgeberin gleich zu Anfang ganz entspannt in ihrem Vorwort: „Letztens in der Kneipe. Wir trinken Bier, rauchen und reden darüber, was wir so machen. Ich erzähle von diesem Buch. Und direkt kommt die Frage: Ist Künstlerin X dabei? Nein. Und Künstlerin Y? Nein. Und Künstlerin Z? Nein. Der Freund zeigt sich enttäuscht. Janet Jackson, echt nicht?“
Das Buch, gibt Streich unumwunden zu, sei unvollständig – und das wäre es auch immer noch, wenn es doppelt oder gar dreimal so viele Seiten hätte als die ohnehin beeindruckenden 344. Die schlechte Nachricht ist in diesem Fall nämlich die gute: dass es schon immer und mittlerweile sowieso viel zu viele interessante Musikerinnen gibt, um sie in nur einem Buch abzuwickeln. Die Herausgeberin versteht ihr Buch daher als einen Anfang, aber auch als eine Art Signal. So wie viele der Autorinnen von den von ihnen porträtierten Frauen zum Musikmachen oder zum Fansein angeregt wurden, soll „These Girls“ selbst Vorbildcharakter entwickeln und Role Models sichtbar machen. In den Texten tun sich so immer wieder liebenswerte, gar rührende Bezüge auf, wenn z. B. die Bassistin Julie Miess ihre eigene Kleinstadtjugend selbstironisch mit dem Lebenslauf der gleichaltrigen Cristina Martinez parallelisiert, die in ihr den Wunsch entflammte, auch derart cool Musik zu machen. Oder wenn feministische Mutter und Tochter, Katja und Martha Röckel aus Leipzig, beide im selben Band schreiben, die eine über Kevin Blechdom, die andere über Sookee.
Die konzeptuelle Offenheit des Werkes, die zunächst irritierend wirken mag – in puncto Genre, Herkunft, Erfolg bzw. Underground versus Mainstreamigkeit gibt es keine spürbaren Einschränkungen –, stellt sich bald als sein großes Plus heraus. Denn auch Schreibweisen und Länge der Texte sind weit von einer Einheitlichkeit entfernt, was maßgeblich zum Lesevergnügen beiträgt. Während der Text über die Berliner Band Flying Lesbians die Kriterien eines informativen Lexikonbeitrags erfüllt und versierte Autorinnen wie Christina Mohr Wissenswertes über Idole wie Blondie oder The Go-Gos in schmissigen Popjournalismus verpacken, schmettern Originale wie Françoise Cactus (die natürlich auch porträtiert wurde) oder Elke Wittich originelle Bonmots über Ikonen wie Nico oder Marianne Faithfull hinaus, die auch als literarische Texte funktionieren würden. Und natürlich gibt es auch für die, die meinen, jetzt schon alles zu wissen, noch unglaublich viel Neues zu erfahren, sei es über unentdeckte biografische oder musikalische Details oder über ganz neue Personen. Einziger Wermutstropfen, um – wider besseren Wissens – doch noch in das „Aber, aber“-Horn zu tröten: Ein bisschen mehr Globalität, also auch Einträge zu Musiker*innen aus nicht-westlichen oder nicht-englischsprachigen Ländern, wäre spitze gewesen. Aber klar: Die kommen dann in der Fortsetzung. Hoffentlich bald!

 

Sonja Eismann ist Mitherausgeberin des „Missy Magazine“ und lebt als freie Autorin in Berlin.

 

Juliane Streich (Hg.): These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte
Ventil Verlag 2019, 344 Seiten, 20 Euro

 

 

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Menstruationshintergrund: Periode 1 „Die purpurnen Flüsse“ https://ansch.4lima.de/menstruationshintergrund-periode-1-die-purpurnen-fluesse/ https://ansch.4lima.de/menstruationshintergrund-periode-1-die-purpurnen-fluesse/#respond Fri, 31 Jan 2020 15:07:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=18449 Illustration: Julia Bernhard]]> Illustration: Julia Bernhard]]> https://ansch.4lima.de/menstruationshintergrund-periode-1-die-purpurnen-fluesse/feed/ 0 Feminist Superheroine: Käthe Leichter https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-kaethe-leichter/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-kaethe-leichter/#respond Fri, 31 Jan 2020 14:53:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=18447 © Raffaela SchöbitzKäthe Leichter, geboren am 20.8.1895 in Wien, gilt als Pionierin der Frauen- und Sozialpolitik in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ihr Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Uni Wien musste sie sich erst erkämpfen und für ihren Abschluss nach Heidelberg gehen. Danach setzte sie sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein, leitete das neue Referat für […]]]> © Raffaela Schöbitz

Käthe Leichter, geboren am 20.8.1895 in Wien, gilt als Pionierin der Frauen- und Sozialpolitik in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ihr Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Uni Wien musste sie sich erst erkämpfen und für ihren Abschluss nach Heidelberg gehen. Danach setzte sie sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein, leitete das neue Referat für Frauenarbeit in der Wiener Arbeiterkammer und veröffentlichte 1927 die erste große Untersuchung zu „Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich“. 1938 wurde sie von den Nazis verhaftet. Ihre Mitgefangene Rosa Jochmann schrieb: „Genossin Leichter war die Seele ihres Blockes und uns ,Politischen‘ die Lehrerin, die sie draußen gewesen war.“ Am 17.3.1942 wurde Käthe Leichter vom nationalsozialistischen Regime ermordet.

 

 

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