an.schläge 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 28 Nov 2020 14:37:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2020 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Menstruations Hintergrund https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-4/ https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-4/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:45:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=25774 von Julia Bernhard]]>

von Julia Bernhard

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leib & leben: Jonglieren im Winter https://ansch.4lima.de/leib-leben-jonglieren-im-winter/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-jonglieren-im-winter/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:38:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=25769 Yuria Knoll Jeden Winter zeigt sich, dass mein Körper in der kalten Jahreszeit mehr braucht. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Medikamente, mehr Ruhe, mehr Physiotherapie, die wegen der Pandemie momentan nicht möglich ist. Dazu kommt jetzt auch noch ein zweiter Lockdown. Im Nachhinein ist es fast lustig, dass ich Anfang des Jahres an dieser Stelle einen Text […]]]>

Yuria Knoll

Jeden Winter zeigt sich, dass mein Körper in der kalten Jahreszeit mehr braucht. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Medikamente, mehr Ruhe, mehr Physiotherapie, die wegen der Pandemie momentan nicht möglich ist. Dazu kommt jetzt auch noch ein zweiter Lockdown. Im Nachhinein ist es fast lustig, dass ich Anfang des Jahres an dieser Stelle einen Text über Neujahrsvorsätze geschrieben habe. So kann’s gehen. Wie viele andere auch bin ich erschöpft, in jeder Hinsicht. Um auch diese anstrengende Zeit zu überstehen, konzentriere ich mich auf alles, was mir Kraft und Freude bringt. In den letzten Monaten ist mir klar geworden, wie wichtig Gemeinschaft ist. Momentan greife ich oft auf mein persönliches Netzwerk zurück – sowohl für praktische als auch für moralische Unterstützung. Knapp zwei Monate sind es noch bis Ende des Jahres, wer weiß, was da noch auf uns zukommt. Umso wichtiger ist es, sich umeinander zu kümmern, aufeinander zu achten. So verlockend der Mythos von komplett unabhängigen Einzelgänger:innen auch ist, niemand ist wirklich Einzelgänger:in. So spielt das Leben nun mal nicht. Irgendwie hoffe ich schon, dass wir auch etwas aus diesem Jahr lernen, mehr Solidarität und Fürsorge gegenüber der Gemeinschaft z. B.. Oder Jonglieren, Jonglieren zählt auch.

Yuria Knoll ist Tänzerin und eine von wenigen Schauspieler:innen im Rollstuhl im deutschsprachigen Raum. Sie lebt in Wien und hofft, dass auch dieser Winter zu Ende geht.

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heimspiel: Wer putzt das Heim? https://ansch.4lima.de/heimspiel-wer-putzt-das-heim/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-wer-putzt-das-heim/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:35:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=25764 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Es ist die dritte Kolumne seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Und alles, was auch nur irgendwie mit „Heim“ oder „Zuhause“ in Zusammenhang steht, wurde im vergangenen Jahr derart überstrapaziert, dass man eigentlich kein einziges Wort mehr darüber verlieren will. Die Wohnung wird, ob der vielen Zeit, die man 2020 dort verbrachte, mehr und mehr […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Es ist die dritte Kolumne seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Und alles, was auch nur irgendwie mit „Heim“ oder „Zuhause“ in Zusammenhang steht, wurde im vergangenen Jahr derart überstrapaziert, dass man eigentlich kein einziges Wort mehr darüber verlieren will. Die Wohnung wird, ob der vielen Zeit, die man 2020 dort verbrachte, mehr und mehr zum Feind. Der Einzige, der sich jetzt noch sichtlich motiviert durch die Wohnung bewegt, ist unser neuer Mitbewohner: ein Staubsaugerroboter. Er heißt, wenig originell, Staubi.

Schon allein die Auswahl war politisch aufgeladen: Soll es das amerikanische Modell oder das chinesische sein? Es wurde das amerikanische und ich muss zugeben: Er ist hinreißend. Bisher hatten wir nie ein gröberes Problem mit dem Putzen. Gut, ein Heidenspaß war es nie. Insbesondere beim Staubsaugen musste ich immer an diese Frau denken, bei der ich vor weit über zwanzig Jahren putzte und auf ihre Gschrappen aufpasste. Wie panisch sie immer wurde, sobald der klobige Staubsauger einem ihrer schnieken Möbelstücke nahekam. Doch abgesehen vom Saugen ist putzen schon okay. Und es ist mir tausendmal lieber, als vor einer bezahlten Putzkraft aus der Wohnung zu fliehen, wie es so viele erzählen, die putzen lassen. Irgendwie mag man dann doch nicht so gern dabei sein, wenn jemand anderer den eigenen Dreck für gerade so viel Geld wegmacht, dass es einem finanziell nicht wehtut.

Doch jetzt, wo man ständig in dieser verfluchten Wohnung sitzt und sieht, wo überall schon wieder neuer Lurch sitzt, kann man sich das Putzen als rechtschaffene Handlung immer schwerer schönreden. Deshalb macht Staubi das jetzt. Er düst munter in jede Ecke und versucht immer wieder aufs Neue unter die Küchenkasteln zu kommen, obwohl er es schon mehrmals erfolglos versucht hat. So lieb.
Und wir? Schauen ihm erfreut zu und lupfen ihn liebevoll über für ihn unüberwindbare Hürden.

Und um seine finanzielle Situation im Alter oder im Krankheitsfall müssen wir uns auch keine Sorgen machen.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei dieStandard und hat sich einmal alle Fenster von einer Profi-Firma putzen lassen. Dann hat es weniger Stunden später auf die blitzblanken Fensterscheiben geregnet.

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Kill Your Darling https://ansch.4lima.de/kill-your-darling/ https://ansch.4lima.de/kill-your-darling/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:29:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=25758 Die Spionageserie „Killing Eve“ ist extrem spannend, stylisch, brutal – und brüllend komisch. Von Maxi Braun Eine junge Frau sitzt in einem pink-farbenen Kleid aus sehr viel Tüll zwei Männern mit Pokerfaces gegenüber. Wie es ihr gehe, wird sie gefragt. „Letzte Woche hatte ich eine ziemlich starke Monatsblutung. Aber sonst geht’s mir ganz gut“, erwidert […]]]>

Die Spionageserie „Killing Eve“ ist extrem spannend, stylisch, brutal – und brüllend komisch. Von Maxi Braun

Eine junge Frau sitzt in einem pink-farbenen Kleid aus sehr viel Tüll zwei Männern mit Pokerfaces gegenüber. Wie es ihr gehe, wird sie gefragt. „Letzte Woche hatte ich eine ziemlich starke Monatsblutung. Aber sonst geht’s mir ganz gut“, erwidert sie trocken. Auch ihr beunruhigend harmloses Lächeln konterkariert den Ernst der Lage – es handelt sich um eine Prüfung, ob sie ihren Job als Auftragskillerin einer global agierenden Geheimorganisation weiter ausführen kann.

Wer diese Frau namens Villanelle ist, bleibt zunächst ein Geheimnis. Sie ist polyglott, kontrolliert und effizient. Aber auch unberechenbar, ungeduldig und von der Routine ihres mörderischen Brotjobs angeödet. Das verbindet sie mit Eve Polastri, die als unterforderte Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes ebenfalls gelangweilt ist und in ihrer Freizeit über Serienkillerinnen recherchiert. Der Zufall bringt Eve auf die Spur der brutalen Killerin Villanelle.

Diese ist dabei alles andere als ein obskures Objekt der Begierde. Denn die Figur, die der britische Journalist Luke Jennings für eine Novelle konzipierte, ist keine Männerfantasie. Sie bewältigt kein Trauma, will sich nicht rächen und ist auch keine manipulierte Marionette im Auftrag ominöser Mächte. Villanelle lebt so unabhängig und extravagant, wie sie mordet. Sie schläft, mit wem sie will (vornehmlich Frauen), kleidet sich in Unikate, die Carry Bradshaws Garderobe wie Lumpen wirken lassen, und klaut kleinen Kindern Süßigkeiten. Sie tötet, weil sie es verdammt gut kann, und erfüllt dabei keinerlei Erwartungen. Wer ihr Vorschriften machen will, wird aus dem Weg geräumt. Villanelles einziger Schwachpunkt ist Eve, die als ihre Nemesis stoisch denselben schluffigen Parka trägt und ihrem Pragmatismus zum Trotz immer tiefer in die wechselseitige Obsession schlittert. Lange ist unklar, ob Eve Villanelle fassen, töten oder mit ihr schlafen will – oder alles auf einmal.

Im Grunde erzählt „Killing Eve“ so vor der Folie des Spionagethrillers die herrlich kaputte Liebesgeschichte zweier Menschen, die nicht mehr ohne einander leben können, koste es, was es wolle. Die Schauspielerinnen Jodie Comer und Sandra Oh sorgen dafür, dass diese Figuren in all ihrer Widersprüchlichkeit funktionieren. Die Chemie zwischen ihnen knistert von London bis Moskau, über Berlin bis Rom ziemlich heftig, ohne dass nackte Haut gezeigt oder die Protagonistinnen einem Blick von außen exponiert würden. Und so nebenbei wie Villanelles fluide sexuelle Orientierung erzählt wird, ist auch Eves Chefin ganz selbstverständlich eine sexuell aktive Frau um die sechzig (überhaupt sind ältere Frauen im diversen Cast erfreulich stark repräsentiert).

Diese lässig-feministischen Moves sind auch Verdienst der Autorinnen, die jeweils für eine der drei Staffeln als Showrunner verantwortlich zeichnen. In der ersten Staffel blitzt die spitze Feder von Phoebe Waller-Bridge deutlich auf, die nach dem Erfolg ihres Bühnenstücks „Fleabag“ sofort für die Serienadaption verpflichtet wurde. Dank Waller-Bridge und den Autorinnen Emerald Fennell und Suzanne Heathcote ist „Killing Eve“ zudem viel witziger als Genre-Pendants wie „The Blacklist“. Ultrabrutale Szenen erleben oft ein Comic Relief, sei es durch die Lakonie, mit der die Figuren reagieren oder weil sie dabei zutiefst menschlich handeln, egal wie beschissen sie sich auch verhalten – „Fleabag“ lässt grüßen. Bis in die Nebenrollen ist die Serie außerdem mit Fiona Shaw als Eves Vorgesetzter Carolyn und Tripel-Agent und Villanelle-Aufpasser Konstantin (Kim Bodnia) hervorragend besetzt. Hinzu kommt das dem Sujet entsprechende, aber selten so stylisch inszenierte Setting in Europas Metropolen: Toskanische Villen, Pariser Altbauten, Wiener Kaffeehäuser oder schmutzige Berliner Undergroundclubs bilden die Kulisse. „Killing Eve“ ist in jeder Hinsicht packend und mit das Beste, was die Serienlandschaft in letzter Zeit hervorgebracht hat.

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Mit-Halten können https://ansch.4lima.de/mit-halten-koennen/ https://ansch.4lima.de/mit-halten-koennen/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:22:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=25750 Julia Wissert ist die neue Intendantin am Schauspiel Dortmund. Damit ist sie nicht nur die jüngste, sondern auch die erste Schwarze Intendantin Deutschlands. Olja Alvir sprach mit ihr über die gläserne Klippe, Schubladisierung und die Sehnsucht nach Begegnungen. an.schläge: Ihre Ernennung sorgte für reges Interesse. Die „erste Schwarze Frau“ oder „erste junge Frau“ an der […]]]>

Julia Wissert ist die neue Intendantin am Schauspiel Dortmund. Damit ist sie nicht nur die jüngste, sondern auch die erste Schwarze Intendantin Deutschlands. Olja Alvir sprach mit ihr über die gläserne Klippe, Schubladisierung und die Sehnsucht nach Begegnungen.

an.schläge: Ihre Ernennung sorgte für reges Interesse. Die „erste Schwarze Frau“ oder „erste junge Frau“ an der Spitze – welche Erwartungen werden nun an Sie herangetragen?

Julia Wissert: Als klar wurde, dass ich diese Stelle bekomme, und als die ersten Medienanfragen kamen, empfand ich das als zweischneidiges Schwert. Es gibt viel Projektion: Ich würde kommen, fünfhundert Jahre Theatergeschichte in drei Monaten umkrempeln, und danach würde alles perfekt sein. Was natürlich unmöglich ist. Klar freue ich mich aber auch über die Aufmerksamkeit. Offensichtlich gibt es eine Sehnsucht nach Veränderung und neuen Perspektiven, die u. a. auch über mich, das Team und unsere Einstellung am Schauspiel Dortmund artikuliert wird.

Angelehnt an die gläserne Decke gibt es den Begriff der „glass cliff“, also der gläsernen Klippe. Frauen kommen oft erst dann an Spitzenpositionen, wenn es darunter ordentlich kriselt, was ihren Erfolg erschweren kann. Nun könnte man sagen, dass der Kulturbereich generell in einer von der Pandemie verstärkten Krise steckt.

Es kommt auf den Kontext an. Also ob Entscheidungen so ausgelegt sind, Frauen scheitern zu lassen, oder ein Aufblühen ermöglichen. In Dortmund gibt es bereits viele interessante Besetzungen im Kulturbereich. Mit Maxa Zoller wird eine neue inhaltliche Ausrichtung des Frauenfilmfestivals erwartet; Rebekka Seubert ist die jüngste Leiterin eines Kunstvereins. Meine Einstellung ist definitiv in diesem erfreulichen und zukunftsweisenden Kontext zu sehen.

Ein Freund meinte im April aber auch scherzhaft zu mir: „Schau, jetzt gibt es eine Schwarze Frau als Intendantin, und dann kommt direkt eine Pandemie und die Theater schließen. So groß ist der Widerstand!“ Zynisch! Aber es ist allgemein schon etwas Wahres dran: Die Spitzenjobs werden oft erst dann frei, wenn sie scheinbar irrelevant werden, und erst dann kommen auch Marginalisierte dran.

Die Krise trifft Theater besonders hart. Im ersten Lockdown im Frühjahr wurde versucht, durch Streams und andere Online-Angebote Alternativen anzubieten. Wird Corona das Theater nachhaltig verändern?

Es ist interessant, dass Sie Krise sagen und nicht Katastrophe. Es kommen nämlich bestimmt noch weitere Konsequenzen auf uns zu. ­Verlagerte Schwerpunkte in der Kulturpolitik, auch gekürzte Budgets – was fatal wäre. Die Fragen, um die es jetzt geht, müssen wir uns auch für die nächsten Spielzeiten stellen. Wie bleibt das Theater, oder in meinem Fall das Stadttheater, relevant? Wie lässt sich das Aufkommen digitaler Dramatur­gien wie Gaming oder serielles Erzählen produktiv im Theater nützen? Welche Rolle spielt der Kanon überhaupt noch für ein modernes Publikum? Wie kann man Politik im Theater verständlich machen? Daran entlang muss meines Erachtens nach auch die Zukunft des Theaters gedacht werden.

Ich glaube nicht, dass Streaming eine nachhaltige Alternative bzw. Perspektive fürs Theater ist. Das ­können Netflix, Hulu, Sky und Co. einfach besser als wir. Es ist jedoch klar, dass es gerade eine große Sehnsucht gibt, einander zu begegnen. Die kleinen Formate, die wir während Corona gemacht haben, waren allesamt in kürzester Zeit ausverkauft. Hinterher waren die Leute glücklich, dass es eine Möglichkeit gab, zusammenzukommen. Die Begegnung ist unsere Stärke.

Was fehlt, wenn Theater nicht gemeinsam vor Ort erfahren werden kann?

Was Theater leistet, ist ein Energieaustausch. Es geht darum, einen flüchtigen Moment in der Raumzeit mit anderen Menschen zu teilen und gemeinsam zu erfahren. Ich sehne mich z. B. einfach auch nach dem Gefühl, in einem Zuschauer_innenraum zu sitzen und zu merken, dass das Licht ausgeht, der Vorhang aufgeht. Gänsehaut! Oder wenn man während eines Stückes merkt, dass die Stimmung kippt oder sich Konzentration im Publikum ausbreitet. Wir haben ja ständig Proben im leeren Theatersaal, und das ist etwas ganz anderes als eine Aufführungsstimmung. Was fehlt, ist unser Publikum, die Co-Autor_innen dieser gemeinsamen Erfahrung.

Neulich sprach ich mit Kolleg_innen über folgendes Dilemma: Als marginalisierte Künstler_innen fühlen wir uns oft dazu berufen, Themen wie Diskriminierung aufzugreifen. Denn wenn wir es nicht machen, wer dann? Bei uns liegt immerhin auch die Expertise und das Feingefühl. Jedoch kann das auch zu einer Art Selbst-Schubladisierung und einer Fragmentierung der Kunstszene führen.

Es gibt zwei Fragen, die wir uns vor diesem Hintergrund stellen müssen. Die erste ist: Welche Kunst wollen wir eigentlich machen? Uns ist extrem wichtig, über unsere Identitäten und Marginalisierung zu sprechen – und manchmal ist es ja auch unausweichlich. Aber diese Aspekte haben wir implizit oder explizit sowieso immer dabei. Wir wollen nur manchmal nicht, dass sie den Diskurs sofort dominieren und die Sicht vernebeln. Ich denke, die Lösung liegt darin, wegzukommen von körperlichen, identitären Zuschreibungen und sich den strukturellen Themenkomplexen anzunehmen. Außerdem muss auch der Blick mitreflektiert werden. Wie gehen wir mit diesen Themen so um, dass sie ästhetisiert werden, und wie wirkt diese Ästhetisierung zurück auf diese Themen?

Es darf nicht sein, dass Körper, die auf deutschen Bühnen nicht normalisiert sind, auf der Bühne immer nur als Stellvertreter_innen ihrer Diskriminierungsform oder einer Gruppe gesehen werden und nicht als Künstler_innen. Und die zweite wichtige Frage, die wir uns hier stellen müssen, ist: Wie wollen wir arbeiten?

Apropos Arbeitsbedingungen: Gemeinsam mit der Rechtsanwältin Sonja Laaser haben Sie die sogenannte „Anti-Rassismus-Klausel“ ausgearbeitet, die Theaterangestellte rechtlich vor rassistischen Übergriffen schützen soll. Welche weiteren Maßnahmen sind für Sie denkbar?

Ich würde eine Art Quote für Leitungspositionen einführen. Das sollte nicht lediglich eine Frauenquote sein, sondern intersektional gedacht werden und verschiedene Diskriminierungsformen umfassen. Und mein nächster Wunsch wäre ein unschlagbares Nachwuchsförderungsprogramm, das so gut dotiert ist und so qualitativ hochwertig, dass zwei Dinge geschehen: erstens, dass sich mehr Personen eine Laufbahn am Theater oder in der Kunst leisten können. Denn Klasse ist hier noch immer ein Riesenthema. Und zweitens, dass die Theater an diesem Nachwuchs nicht mehr vorbeikommen, weil er so gut ist. Das ist, was ich „liebevollen Druck aufbauen“ nennen würde. Und zuletzt schlage ich vor, darüber nachzudenken, wie staatliche Unterstützung vergeben wird. Es gibt international schon Modelle, an denen man sich anlehnen könnte. Es reicht nicht, dass neue Gesichter, neue Köpfe und Körper in die Strukturen eingeführt werden. Die Strukturen müssen auch mitlernen und mithalten können – in der Doppelbedeutung dieses Wortes.

Julia Wissert ist Regisseurin. Mit dem Theater und der Gesellschaft, in dem es verwurzelt ist, setzt sie sich auf machtkritischer und intersektionaler Ebene auseinander. Seit der Spielzeit 2020/21 ist sie Intendantin des Schauspiels Dortmund.

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Die Ursache des ganzen Mists https://ansch.4lima.de/die-ursache-des-ganzen-mists/ https://ansch.4lima.de/die-ursache-des-ganzen-mists/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:13:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=25743 Incels sind ein Symptom. Wer gegen Frauenhass ­vorgehen will, muss an die Wurzel des Übels, sagt Veronika Kracher. Sie ist tief in die Online­netzwerke der ­misogynen Incel-Szene vorgedrungen und hat soeben das erste deutschsprachige Buch zum Thema ­veröffentlicht. Interview: Linda Peikert an.schläge: Was bedeutet der Begriff Incel? Und wer sind diese Typen? Veronika Kracher: Incels […]]]>

Incels sind ein Symptom. Wer gegen Frauenhass ­vorgehen will, muss an die Wurzel des Übels, sagt Veronika Kracher. Sie ist tief in die Online­netzwerke der ­misogynen Incel-Szene vorgedrungen und hat soeben das erste deutschsprachige Buch zum Thema ­veröffentlicht. Interview: Linda Peikert

an.schläge: Was bedeutet der Begriff Incel? Und wer sind diese Typen?

Veronika Kracher: Incels ist die Kurzform für involuntary celibates – also unfreiwillig zölibatär Lebende. Wenn man den Umfragen glauben kann, handelt es sich dabei primär um junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Es sind auch relativ viele Minderjährige mit dabei. Sie empfinden sich selbst als unattraktiv und sind überzeugt davon, dass unattraktive Männer gesellschaftlich ausgegrenzt würden. Das manifestiere sich darin, dass Frauen nicht mit ihnen schliefen, und dies wiederum liege am Feminismus und der sexuellen Revolution. Diese vermeintliche Herabwürdigung kompensieren sie mit Misogynie.

Viele weiße Incels hängen zusätzlich zu misogynem auch rassistischem Gedankengut an, nicht-weiße Incels haben oft Rassismus internalisiert. Indisch-pakistanische Incels bezeichnen sich z. B. als „Currycels“.
Incels betrachten sich als Verlierer im sexuellen Wettbewerb in Bezug auf die sogenannte „genetische Lotterie“. Aus diesem Gefühl heraus entwickeln sie so eine Art Paranoia, auch Mobbingerfahrungen in der Teenagerzeit dürften eine Rolle spielen. Bei der erfolgreichen Performance von hegemonialer Männlichkeit spielen „Sex haben“ und „gut bei Mädchen oder Frauen ankommen“ eine wichtige Rolle. Sie sehen nicht, dass hegemoniale Männlichkeit und das Patriarchat an diesen Normen schuld sind.

Wie sieht das Frauenbild der Incels im Detail aus?

Frauen sind in ihren Augen einfach super, super böse. Incels fühlen sich von weiblicher Sexualität eingeschüchtert. Frauen wird zugeschrieben, dass sie triebhaft, hypergam und oberflächlich seien, die ganze Zeit an Sex dächten und auch ständig Sex haben könnten. Feminismus und sexuelle Revolution hätten den Untergang der westlichen Welt eingeläutet. Ein beliebter Trend war es lange Zeit, dass man sich auf Datingportalen als attraktiver Mann ausgibt und Frauen nach Nacktbildern fragt, um sie anschließend mit der Veröffentlichung zu erpressen. Manche Incels tauchen auch bei Dates auf, beschimpfen die Frau, filmen die Szene und stellen sie ins Internet. Die Radikalisierung von Incels hat wiederholt auch zu Morden an Frauen geführt. In den Augen von Incels sollten Frauen unterwürfig sein und Kinder bekommen – mehr nicht.

Wie gefährlich sind Incels? Vor allem hier in Deutschland oder Österreich?

Ein Vorteil ist, dass man hier schwerer an Waffen kommt als in den USA. Aber es fängt ja mit verbaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen an. Letztes Jahr gab es in Wien den Fall, dass ein junger Mann mehrere Frauen angemacht und eine davon schließlich krankenhausreif geprügelt hat. Da gehen bei mir die Incel-Warnglocken an. Aber so viel ich mitbekommen habe, wurde nicht erforscht, ob es da einen Incel-Backround gab. Im deutschsprachigen Raum werden Femizide und Gewalt gegen Frauen oft viel zu oberflächlich betrachtet. Ein Femizid ist in Deutschland nicht einmal eine spezifische Straftat. Es wird dadurch viel zu wenig beleuchtet, was bei Gewaltverbrechen gegen Frauen die Motivation ist, und so bleibt misogyn motivierte Gewalt oft verborgen.

Wie schaffen es Incels, sich eine Realität zu imaginieren, in der Männer es sind, die zu kurz kommen?

Das ist die typische Täter-Opfer-Umkehrung. Das machen nicht nur Incels. Als die MeToo-Debatte geführt wurde, konnte man in vielen Zeitschriften Dinge lesen wie: „Oh Gott, man darf nicht mehr flirten!“ Wer Übergriffe als Flirten betrachtet, sollte wohl besser wirklich nicht flirten …

Die Incel-Szene ist Ausdruck davon, dass am Patriarchat langsam gerüttelt wird. Hegemoniale Männer fühlen sich durch die Emanzipation marginalisiert und sie reagieren mit antifeministischer, misogyner Gewalt, um ihre Hegemonieposition zu verteidigen. Incels sind Ausdruck patriarchaler Verhältnisse: Dieser Anspruch auf weibliche Sexualität und weibliche Körper findet sich aber nicht nur bei Incels. Ich schätze, wir haben alle schon mal die Erfahrung gemacht, dass man von einem Typen angeflirtet wird, Nein sagt und anschließend beleidigt oder bedroht wird. Das drückt aus, dass es für diese Männer eine narzisstische Kränkung ist, wenn ihnen ihr vermeintliches Recht auf weibliche Körper verwehrt wird. Bei Incels findet man das eben in der radikalsten Form.

Wird jeder Mann, der sich über sein Männlichsein radikalisiert, zum Incel?

Bei vielen Männern ist das ­Potenzial zum Incel da, bedauerlicherweise. Und deshalb muss – wenn man gegen Incels vorgehen möchte – eine grundlegende Patriarchatkritik geübt werden.

Wie radikalisieren sich Jungs oder Männer? Spielt dabei auch die Popkultur eine Rolle?

Auf jeden Fall. Es gibt ganz viele Geschichten, die aus androzentrischer Perspektive erzählt werden und in denen Frauen als Projektionsflächen, nicht als Subjekte vorkommen. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, und weil eben Männer eher die Geschichten von anderen Männern hören wollen und Männer Produktionsmittel besitzen, kriegen wir primär diese Perspektive erzählt. Es geht ständig nur um ihre Wünsche und Bedürfnisse – aber zum Glück bricht das langsam auf.

„Sexeducation“ auf Netflix zeigt etwa ein ganz anderes Bild eines jungen cis-männlichen Protagonisten …

Das ist eine meiner Lieblingsserien. Ich bin eine große Freundin von progressiven Bildern in der Popkultur, denn so etwas prägt uns tatsächlich und gibt uns Alternativbilder und neue Identifikationsmöglichkeiten. Ein paar Serien verändern nicht das ganze System, aber es ist ein Anfang.

Welche politischen Forderungen folgen für Sie daraus?

Wenn es nach mir ginge, sollte man den patriarchalen Kapitalismus überwinden. Der ist ja die Ursache des ganzen Mists. Das wird leider nicht von heute auf morgen passieren. Man sollte diese Internetforen schließen und mehr feministische Pädagogik anbieten. Wir brauchen eine Paritätenregelung. Wir brauchen also ein Männerlimit in Politik und Wirtschaft. Männer sperren sich gegen feministische Errungenschaften, und dann sollen wir sie auch noch mit „Feminismus ist ja auch gut für euch!“ überzeugen. Als sei es zu viel verlangt, Feminist aus Solidarität für andere zu sein. Männer sollten langsam einfach begreifen, dass sie feministische Kämpfe unterstützen sollten, und wenn sie das nicht tun – ja, dann sollte man sie vielleicht als politischen Feind betrachten. In Frankreich kam dieses Manifest „Ich hasse Männer“ heraus. Die Autorin fordert, Männer zu ignorieren, wenn sie sich weiterhin so verhalten. Warum denn eigentlich nicht?

Linda Peikert ist freie Autorin mit dem Schwerpunkt auf Feminismus und Lateinamerika.

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So gar nicht harmlos https://ansch.4lima.de/so-gar-nicht-harmlos/ https://ansch.4lima.de/so-gar-nicht-harmlos/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:07:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=25736 Seit Jahren hetzen rechtsextreme und christlich-fundamentalistische Akteur*innen gegen progressive Sexualerziehung. Im Namen des Kinderschutzes kämpfen sie gegen eine pluralistische Realität. Von Nora Noll Junge Menschen in bunten T-Shirts, Luftballons und fetzige Kirchentags-Rockmusik. Das Promovideo für den „Bus für Meinungsfreiheit“ lässt die Bustour mit dem Slogan „Schützt unsere Kinder“ nach einer harmlosen Pfadfinder-Aktion aussehen. Tatsächlich aber […]]]>

Seit Jahren hetzen rechtsextreme und christlich-fundamentalistische Akteur*innen gegen progressive Sexualerziehung. Im Namen des Kinderschutzes kämpfen sie gegen eine pluralistische Realität. Von Nora Noll

Junge Menschen in bunten T-Shirts, Luftballons und fetzige Kirchentags-Rockmusik. Das Promovideo für den „Bus für Meinungsfreiheit“ lässt die Bustour mit dem Slogan „Schützt unsere Kinder“ nach einer harmlosen Pfadfinder-Aktion aussehen. Tatsächlich aber ist sie Teil einer extrem rechten Kampagne mit der Kernbotschaft: „Unsere“ Kinder müssten vor dem „Genderwahn“ geschützt werden.

Wer die „Demo für Alle“ kennt, kann die Aktion ohnehin im entsprechenden Spektrum verorten. Das Bündnis organisiert Demonstrationen, Info-Veranstaltungen und eben die Bustour, die vergangenen September bereits zum dritten Mal stattfand. Die Kampagnen richten sich u. a. gegen die sogenannte „Gender-Ideologie“ und eine vermeintliche „Frühsexualisierung“ in der Sexualerziehung.

Seit Jahren wird in Deutschland und Österreich Stimmung gegen progressive Sexualerziehung gemacht. Das Narrativ: Die Lehre von vielfältigen Lebensmodellen würde Kinder verstören und von einem „natürlichen“ Lebensmodell abbringen, ein sex-positiver und queer-inklusiver Ansatz würde Kinder sexualisieren und letzten Endes gar Kindesmissbrauch fördern.

Die Vorwürfe lassen sich leicht aushebeln. So ist es in der Sexualpädagogik Konsens, Kinder und Jugendliche nicht mit Themen zu bedrängen, sondern auf deren Fragen einzugehen. Dabei können Gespräche entstehen, die nicht zum konservativen Bild des „reinen“, „unschuldigen“ Kindes passen. Laut Lilly Axster, Autorin und Referentin von Selbstlaut, einer Wiener Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, sind es genau diese Gespräche, die gegen Missbrauch wappnen. „Sexuelle Bilder sind ja überall zu sehen, deswegen muss man darüber reden. Und die Täter_innen sind nicht die Leute, die den Kindern Informationen bieten“, so Axster im an.schläge-Interview.

Konservative Radikalisierung. Es geht den selbst ernannten Kinder­schützer_innen nicht um Missbrauchs­prävention. Es geht ihnen um den Schutz eines antipluralistischen Weltbildes. Doch die Angst um Kinder zieht bei der sogenannten „bürgerlichen Mitte“. Das war 2014 zu beobachten, im Gründungsjahr der „Demo für Alle“. Die Gruppe formierte sich im Zuge einer Protestbewegung gegen einen neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg, der im Bereich der Sexualerziehung einen pluralistischen Ansatz vertrat und Themen wie Geschlechtsidentität und sexuelle Vielfalt integrieren sollte. CDU-Politiker_innen stellten sich ebenso gegen den Bildungsplan wie ­rechtsextreme Gruppierungen und bewirkten schließlich eine Überarbeitung der Richtlinien.

Judith Rahner leitet die Fachstelle zu Gender, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS). Seit 2014 beobachtet sie, wie öffentliche Diskussionen zu Sexual­erziehung enthemmter und aggressiver geführt werden: „Mittlerweile schicken die Leute Morddrohungen unter Klarnamen.“ Sie erklärt sich die Radikalisierung zumindest teilweise mit dem wachsenden Erfolg der AfD: „Die haben ihre eigene professionalisierte Medienblase, wenn dort etwas hochkocht, ist es ruckzuck in der ‚Bild‘-Zeitung und dann überall.“ Eine AfD-Politikerin wie Beatrix von Storch, die sich für die „Demo für Alle“ einsetzt und das Narrativ der „Gender-Ideologie“ öffentlich vertritt, habe nun als Mitglied des Bundestags eine ganz neue Reichweite. Der Subtext, so Rahner, sei klar: „Die da oben wollen uns etwas Schlechtes, uns umerziehen und unser Geschlecht nehmen.“

Umkämpfte Schulen. Progressive Sexualerziehung ist in der Logik der rechten Gruppierungen ein ideologisches Projekt der akademischen und politischen Elite. Es ist nur folgerichtig, dass besonders jene Initiativen angegriffen werden, die in einem staatlichen Rahmen arbeiten. Das gilt für Deutschland wie für Österreich. Lilly Axster erinnert sich an heftige Attacken, als Selbstlaut 2012 im Auftrag des Bildungsministeriums Sexualerziehungsmaterial für Lehrer_innen erstellte. „Wir haben viele scheußliche Zuschriften bekommen“, sagt Axster. Seitdem sei es für Selbstlaut weder schlimmer noch besser geworden. „Es gibt immer mal wieder unsägliche Artikel, es ist ein heiß umkämpftes Feld.“

Heiß umkämpft von rechts – und von katholisch-fundamentalistischer und evangelikaler Seite. Die Lager sind schwer voneinander zu trennen. Im Dunstkreis der „Demo für Alle“ ist die AfD und die sogenannte „Neue Rechte“ stark präsent, ebenso ist die Vernetzung mit radikalisierten Christ_innen nicht zu übersehen. So verbreitet das katholische Onlinemedium kath.net Texte von Gabriele Kuby, einer Unterstützerin der „Demo für Alle“. Wie weit die Fundamentalist_innen gehen, zeigte 2019 die Causa „TeenSTAR“ in Österreich. Der christliche Verein hatte an Schulen Pseudoaufklärung angeboten und dabei trans-, homo-, sexfeindliche, misogyne und schlicht falsche Inhalte vertreten.

Nina Mathies ist Bundesvorsitzende der Aktion Kritischer Schüler_innen in Österreich, 2019 war sie Vorsitzende der Landeschüler_innenvertretung Vorarlberg. Die Debatte um TeenSTAR war für sie ein Anlass, die unterschiedlichen Standards bei der Sexualerziehung zu thematisieren. „An meiner Schule wurden in Workshops auch queere Themen unterrichtet. Aber ich weiß von katholischen Privatschulen, wo es solchen Unterricht überhaupt nicht gibt“, sagt Mathies gegenüber an.schläge. „Deswegen sollte nicht jede Schule selbst entscheiden, sondern nach Richtlinien von einem unabhängigen Gremium.“

Die Politik reagierte auf die Debatte und riet Schulen nach langem Hin und Her offiziell von TeenSTAR ab. Doch darauf folgte ein Backlash: Mit einem Entschließungsantrag bereitete die türkis-blaue Regierung im Sommer 2019 ein Verbot aller externen Vereine an Schulen vor. Mit dem Ende der Koalition war der Plan vom Tisch, nun ist ein Akkreditierungssystem vorgesehen. Für Mathies sind externe Angebote entscheidend, um Schüler_innen einen angemessenen Raum für Fragen und Sorgen zu bieten. „Mir war es damals nicht angenehm, mit meiner Biolehrerin über Sexualität zu reden.“

Auch wenn manche_r Schüler_in Fragen lieber schulexternen Pädagog_innen stellt, brauchen alle Lehrpersonen grundlegendes sexualpädagogisches Wissen. So sieht es die Bildungswissenschaftlerin Marion Thuswald. Sie hat die Aus- und Fortbildung im Bereich der Sexualpädagogik von Lehramtsstudierenden und Lehrenden in Österreich untersucht. Besonders in der Ausbildung sieht sie einen Mangel an Angeboten. Dabei seien sexualpädagogische Fragen für alle Lehrer_innen relevant: „Auch wenn sie nicht über Sexualität unterrichten, sind sie im Schulalltag mit sexualpädagogischen Herausforderungen konfrontiert: Was soll ich tun, wenn in der Pause Pornos geschaut werden oder wenn die Tafel mit Penissen vollgemalt wurde?“

In Fortbildungen werden je nach Kurs unterschiedliche Inhalte vermittelt. Oft fehle ein kritischer Umgang mit Geschlechternormen oder die Reflexion von Heteronormativität. Doch Thuswald erkennt auch einen grundlegend sexual-freundlichen Ansatz: Jugendsexu­alität werde anerkannt, Masturbation, Verhütungsmittel – ­alles kein Problem. Diese Grundhaltung sei nicht selbstverständlich, die USA befänden sich beispielsweise an einem ganz anderen Punkt. „Dort sind Diskurse wie Abstinenz vor der Ehe in der breiten Debatte viel präsenter.“

Einschüchterung. Die Angriffe gegen eine progressive Sexualerziehung kommen in Österreich und Deutschland von einer Minderheit, das betont auch Judith Rahner von der AAS. Doch die laute Minderheit zeige Wirkung. „Mittlerweile überlegen sich Sexualpädagog_innen zweimal, ob sie sich wirklich öffentlich positionieren oder eine Broschüre herausgeben wollen. Das verschließt Räume.“ Gezielte Angriffe verhinderten so wichtige Aufklärungsangebote.

In diesem Jahr ist die Mobilmachung gegen „Frühsexualisierung“ und „Genderwahn“ von anderen Themen zurückgedrängt worden. Die Bustour der „Demo für Alle“ zog nur wenige an und wurde medial kaum beachtet. Das Buzzword „Kindeswohlgefährdung“ wird derweil an anderen Fronten genutzt. Rahner findet in der Kommunikation sogenannter „Corona-­Leugner_innen“ dieselbe Strategie wieder: „Es kursieren Fake-News von angeblich über zwanzig Kindern, die wegen einer Maske gestorben sein sollen.“ Die Angst um Kinder zieht eben, egal ob die Bedrohung nun von einer Maske oder von Sexualaufklärung kommt.

Was die Panikmache der Corona-Leugner_innen betrifft, so werden ihre Verschwörungsmythen medial widerlegt und bisher nur von extrem rechten Politiker_innen weiterverbreitet. Der Verschwörungsmythos einer staatlich geförderten und gefährlichen „Gender“-Umerziehung ist hingegen bis tief in bürgerliche Zeitungen und Parteiprogramme vorgedrungen. Obwohl das Thema zurzeit keine Schlagzeilen macht, müssen progressive Sexualpädagog_innen auch in Zukunft mit Widerstand rechnen – und Schüler_innen weiterhin einen angemessenen Unterricht einfordern.

Nora Noll ist freie Journalistin und studiert Literaturwissenschaften, seit Kurzem in Oxford. Den britischen Lockdown verbringt sie klassisch mit Schwarztee und Spaziergängen über schlammige Wiesen.

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„Schule muss völlig neu gedacht werden“ https://ansch.4lima.de/schule-muss-voellig-neu-gedacht-werden/ https://ansch.4lima.de/schule-muss-voellig-neu-gedacht-werden/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:02:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=25726 Schuldirektorin und Kinderbuchautorin Saskia Hula plädiert für Lernräume, die sich nicht an Lehrzielen, sondern an den Lernvoraussetzungen der einzelnen Kinder orientieren – ohne dauernde Beurteilung und Benotung. Mit engagierten Lehrenden, die ihre eigene Machtposition reflektieren. Interview: Lea Susemichel an.schläge: Österreich und Deutschland gehören zu den Ländern mit der höchsten sozialen Segregation in Schulen, bereits im Volksschulalter […]]]>

Schuldirektorin und Kinderbuchautorin Saskia Hula plädiert für Lernräume, die sich nicht an Lehrzielen, sondern an den Lernvoraussetzungen der einzelnen Kinder orientieren – ohne dauernde Beurteilung und Benotung. Mit engagierten Lehrenden, die ihre eigene Machtposition reflektieren. Interview: Lea Susemichel

an.schläge: Österreich und Deutschland gehören zu den Ländern mit der höchsten sozialen Segregation in Schulen, bereits im Volksschulalter wird über den weiteren Bildungsweg von Kindern entschieden, was bekanntlich zu enormer Bildungsbenachteiligung führt und dazu, dass Bildung hierzulande überdurchschnittlich oft weitervererbt wird. Was muss sich ändern?

Saskia Hula: Die Trennung der SchülerInnen mit zehn Jahren gehört natürlich abgeschafft. Allerdings wird das nicht einfach so funktionieren. Damit alle Kinder länger miteinander lernen können, muss sich die Schule endlich am einzelnen Kind und seinen Bedürfnissen orientieren. Und dafür muss sie völlig neu gedacht werden. Ebenfalls abgeschafft werden sollte aus meiner Sicht die dauernde Beurteilung und Benotung von Kindern. Es sollte im Unterricht nicht mehr darum gehen, Kinder anhand eines Normmaßes miteinander zu vergleichen. LehrerInnen sollten Lernen ermöglichen und nicht das Scheitern dokumentieren, wie es jetzt oft der Fall ist.

Es ist die Aufgabe des Bildungssystems, jedes Kind so gut es geht in seiner Entwicklung zu begleiten, es zu fördern und ihm die Freude am Lernen zu erhalten bzw. zu vermitteln. Das funktioniert im jetzigen System vielleicht bei manchen Kindern, die sowieso schon zu Hause gefördert werden – und selbst das wage ich zu bezweifeln –, aber ganz sicher nicht bei Kindern mit schlechten Voraussetzungen.

Kinder aus benachteiligten Verhältnissen sind auch in der Schule benachteiligt, und ihr Rückstand gegenüber geförderten Kindern wird mit jedem Schuljahr größer statt kleiner.

LehrerInnen stehen nach wie vor unter dem Druck, mit allen Kindern ganz bestimmte Lehrziele zu erreichen. Das führt dazu, dass in vielen Klassen der Lehrstoff das entscheidende Kriterium für den Unterricht und sein Tempo ist und nicht die Kinder mit ihren Lernvoraussetzungen. Kinder wiederum neigen dazu, den Leistungserwartungen entsprechen zu wollen. Sie werden zu MeisterInnen darin, ihre Bücher wie gewünscht auszufüllen, gewöhnen sich dabei aber das eigenständige Denken ab.

Was halten Sie von Deutschförderklassen?

In der Form, wie sie bei uns gerade üblich sind, halte ich sehr wenig davon. Ausschließlich Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen, in einem Raum zu versammeln, ist keine besonders gute Voraussetzung dafür, Deutsch zu lernen.
Meistens finden sich in den Deutschklassen außerdem SchulanfängerInnen, die weder schreiben noch lesen können und sowieso auf den Sprach­erwerb über die gesprochene Sprache angewiesen sind. Das kann auch in jeder Regelklasse gut funktionieren, ohne dass man diese Kinder aus der Klassengemeinschaft ausschließt, denn genau das ist es, was mit diesen Kindern passiert.

Völlig absurd sind die ständigen Testungen, mit denen die Sprachförderlehrkräfte rund ums Jahr beschäftigt sind und die sie häufig notgedrungen anstelle des Sprachunterrichts machen. Kinder, die diese Tests nicht schaffen, bleiben bis zu zwei Jahre in der Deutschförderklasse, verlieren zuerst die ursprüngliche Klassengemeinschaft, finden in die nächste kaum hinein und werden nach den zwei Jahren dann schlussendlich vom System „aufgegeben“. Wer nämlich nach zwei Jahren noch immer nicht entspricht, hat den Anspruch auf Deutschförderung verloren und muss sich allein zurechtfinden.

Bezeichnend sind dabei auch die Ausdrücke, die für den Sprachstand von Kindern verwendet werden, nämlich „unzureichend“, „mangelhaft“ oder „ausreichend“. Es ergibt sich fast von selbst, dass im Zuge der vielen Testungen irgendwann von unzureichenden, mangelhaften und ausreichenden Kindern gesprochen wird, und man muss schon sehr bewusst mit Sprache umgehen, um das zu vermeiden.
Sinnvoll sind zusätzliche Deutschkurse vor allem in höheren Klassen.
Aber auch da sind die Gruppenzahlen viel zu hoch. Autonome und sehr flexible Möglichkeiten für einzelne Schulen wären da wichtig. Da spart unsere Gesellschaft am falschen Platz.

„Die coolste Schule der Welt“ heißt eines Ihrer Bücher. Wie sieht die aus?

Die coolste Schule der Welt ist – jedenfalls in meinem Buch – die, die man selbst gestaltet. In der man kreativ wird, Probleme bearbeitet, ausprobiert, Lösungen findet, am besten gemeinsam und mit Freude.

Meine persönliche coolste Schule ist eine, in der ganz unterschiedliche Lernräume zum Lernen und Entdecken auffordern – eine Werkstatt, ein Labor, eine Bibliothek, ein Theater, ein Tanzsaal, ein Raum der Mathematik, ein Atelier.

Diese Räume können wir uns allerdings nicht leisten, weil wir uns für lauter gleiche Klassenräume entschieden haben, in denen alle Kinder auf die gleiche Tafel schauen und das Gleiche ins Heft schreiben.
Wir sollten endlich infrage stellen, ob wirklich alle gleichzeitig das Gleiche lernen müssen, im Fünfzig-Minuten-Takt und schön geordnet nach einem Fächerkanon, der sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert hat. Die Welt hat sich seither nämlich durchaus weitergedreht.

Die Ökonomisierung von Bildung schreitet ungebremst voran, das zeigt aktuell etwa die Aussage von TU-Rektorin Sabine Seidler („Studieren nur um des Studierens willen geht nicht“). Sollte Bildung nicht vielmehr als wichtige gesellschaftspolitische Ressource verteidigt werden, die jede Demokratie unbedingt braucht? Und die auf „das gute Leben für alle“ vorbereitet und nicht nur auf den späteren Berufserfolg? 

Schule kann heute gar nicht mehr auf den späteren Berufserfolg vorbereiten, ohne das gute Leben für alle zu berücksichtigen. Schließlich weiß heute niemand so genau, was in zehn oder zwanzig Jahren am Arbeitsmarkt gebraucht wird. Das, was man aber weiß, ist, was Menschen grundsätzlich brauchen, um ein glückliches Leben zu führen. Dazu gehören ein gesundes Selbstwertgefühl, das Erleben von Sinnhaftigkeit, Gemeinschaft und Freude am Lernen. Und deswegen sind das auch die Dinge, auf die wir uns in der Schule konzentrieren sollten. Das große Problem an unserem Bildungssystem ist, dass unsere Schule versucht, die Kinder von heute mit Methoden von gestern auf das Leben von morgen vorzubereiten.

Bildungsreformen dauern durchschnittlich dreißig Jahre, hat sich gezeigt. Wieso ist dieses System so schwerfällig und wie ließe sich das ändern?

Ich fürchte, bei uns hat sich auch in den letzten dreißig Jahren sehr wenig verändert, im Gegenteil. Als ich vor über dreißig Jahren begonnen habe, in der Schule zu arbeiten, waren Projektunterricht, Offenes Arbeiten, Differenzierung genauso abstrakte Schlagwörter wie heute. Damals haben sie immerhin interessant geklungen, wenn sie auch wenig umgesetzt wurden. Heute haben sie den Glanz des Neuen verloren und werden zwar verlangt, aber noch immer nicht umgesetzt.

Dass das Bildungssystem sich so langsam ändert, liegt zu einem guten Teil auch daran, dass wissenschaftliche Erkenntnisse so gut wie gar nicht in Schulen gebracht werden. Es gibt vielleicht einmal einen Erlass hier oder ein ganzes Paket von Erlässen da – aber die finden keine Umsetzung, weil sie von vielen Lehrkräften gar nicht wahrgenommen werden. LehrerInnen müssten viel stärker darin unterstützt werden, ihren eigenen Unterrichtserfolg zu reflektieren und nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen. Denn im Grunde machen viele LehrerInnen nach wie vor das, was auch ihre SchülerInnen machen: Sie tun so, als ob sie es könnten.


Was würden Sie aus dem Curriculum streichen? Was neu aufnehmen? Und was fehlt Ihrer Meinung nach in der Ausbildung der Lehrenden von morgen? 

Das Wichtigste, was dieser Ausbildung fehlt, ist – auch nachdem sie auf fünf Jahre aufgeblasen wurde – ein Schwerpunkt auf Selbstreflexion. LehrerInnen haben – gerade dort, wo Kinder benachteiligt sind und keine einflussreichen Eltern hinter ihnen stehen – sehr viel Macht, und in Wahrheit haben sie nie gelernt, wie man mit dieser Macht umgeht. Es liegt also an der einzelnen Persönlichkeit einer Lehrkraft, wie sie sich Kindern und Eltern gegenüber verhält, welche Möglichkeiten sie ihnen gibt und welche nicht, ob sie aufrichtig bemüht ist, sich weiterzuentwickeln oder nicht.

Wie sieht es aktuell mit politischer Bildung in der Schule aus? Steht etwa Feminismus auf dem Lehrplan, ist also z. B. irgendeine Form von Auseinandersetzung mit Geschlech­terrollen vorgesehen (die ja gerade auch für Kinder sehr einschränkend und hinderlich sein können)?  

Im Lehrplan steht unglaublich viel. Aber ob und wie das umgesetzt wird, liegt ganz in der Hand der einzelnen LehrerInnen und ist damit extrem abhängig von deren eigenen Meinungen, Haltungen und Wahrnehmungen.

Der Beruf der Volks-/Grundschullehrerin ist ja traditionell weiblich (schlecht bezahlt, geringer Status …). Ändert sich daran langsam etwas?

Das glaube ich nicht. Erst vor Kurzem hat mir eine Mutter von ihrer Tochter erzählt, die Medizin studieren möchte. Nachdem sie die Aufnahmeprüfung schon letztes Jahr nicht geschafft hat, bemüht sie sich dieses Jahr noch einmal darum. Falls es allerdings wieder nicht klappt, kann sie immer noch Lehrerin werden …

Es ist schon ein Drama, dass unsere Schule so wenig Anziehungskraft besitzt und der Lehrberuf oft tatsächlich nur eine zweite oder dritte Wahl ist.

Unsere Kinder sind schließlich unsere Zukunft. Allein deswegen sollten wir sie nur den Besten überlassen.

Saskia Hula ist Direktorin der Ganzstagsvolksschule Am Schöpfwerk in Wien-Meidling und mehrfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin.

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Sieben Prozent https://ansch.4lima.de/sieben-prozent/ https://ansch.4lima.de/sieben-prozent/#respond Sat, 28 Nov 2020 12:50:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=25720 Unser Schulsystem zementiert Klassenunterschiede ein. Radikale ­Reformen im Bildungssystem sind überfällig. Von Elke Larcher und ­Hanna Lichtenberger. Der Schulbetrieb ist durch Corona massiv beeinflusst, auch im Wintersemester ist Normalbetrieb nicht möglich. Pädagoginnen, Kinderrechtlerinnen und NGOs warnten seit dem Frühjahr vor den negativen Konsequenzen, die der Lockdown inklusive Schließung des regulären Schulbetriebs für Kinder und Jugendliche […]]]>

Unser Schulsystem zementiert Klassenunterschiede ein. Radikale ­Reformen im Bildungssystem sind überfällig. Von Elke Larcher und ­Hanna Lichtenberger.

Der Schulbetrieb ist durch Corona massiv beeinflusst, auch im Wintersemester ist Normalbetrieb nicht möglich. Pädagoginnen, Kinderrechtlerinnen und NGOs warnten seit dem Frühjahr vor den negativen Konsequenzen, die der Lockdown inklusive Schließung des regulären Schulbetriebs für Kinder und Jugendliche hatte. Der Tenor ist einhellig: Die Folgewirkungen der Corona-Semester werden Schülerinnen noch lange begleiten. Entscheidend sind vor allem die privaten Ressourcen der Familien. Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche bekommen die negativen Konsequenzen besonders deutlich zu spüren.

Von der Gesundheitskrise zur ­Bildungskrise. Die Herausforderung, zu Hause zu lernen, war für alle Familien groß, für manche jedoch unmöglich zu bewältigen. Im Frühjahr war entscheidend, wer Ausstattung wie Laptops und Drucker zu Hause hatte oder diese kaufen konnte, wessen Eltern Zeit hatten, beim Lernen zu unterstützen, und auch das Wissen, um Lernstoff zu erklären. Genau hier hat sich die Lernschere weit geöffnet und seither auch nicht mehr geschlossen. Wissenschaftlerinnen des Instituts für Höhere Studien (IHS) haben Lehrerinnen zu ihren Einschätzungen über die Auswirkung von Homeschooling im Frühjahr befragt. 36 Prozent der als benachteiligt eingeschätzten Kinder waren für die Lehrerinnen schwer oder gar nicht erreichbar. Armutsbetroffene Schülerinnen konnten seltener auf die Eltern im Homeoffice zur Unterstützung zurückgreifen. Zudem hatten 2019 36 Prozent aller Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten unter 18 Jahren gar keinen PC im Haushalt. Unter diesen besonders schwierigen Bedingungen der Covid-19-Krise wirkt sich Armut in noch höherem Maß als sonst auf den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen aus. Doch die aktuelle Situation stellt nur die Spitze des Eisbergs der Bildungsungleichheit dar.

Selektion im Schulsystem. Die Bildungsmobilität zwischen den Generationen ist in Österreich schwach ausgeprägt. Es hängt stark von der sozialen Herkunft ab, welchen höchsten Bildungsabschluss Kinder und Jugendliche erhalten. 57  Prozent der 25- bis 44-Jährigen aus akademischen Haushalten erreichen ebenfalls einen Hochschulabschluss. Bei Personen aus Haushalten mit niedriger Formalbildung liegt der Anteil bei sieben  Prozent. Die Weichen für die unterschiedlichen Bildungswege werden in Österreich – auch im internationalen Vergleich – durch die Trennung von Gymnasien und Mittelschulen früh gestellt. Eine nachträgliche Abweichung von durch die Trennung skizzierten Bildungswegen ist sehr selten, wie die Studien zeigen. Ausschlaggebend für die Schulwahl sind zumeist der sozioökonomische Hintergrund – das Geldbörsel und die Herkunft beispielsweise.

Die Empfehlungen der Lehrerinnnen und die Entscheidungen der Eltern prägen den Weg eines Kindes in Mittelschule oder Gymnasium. Welchen Kindern der Weg ins Gymnasium empfohlen wird und welchen nicht, hat viele Dimensionen. Die Eignung eines neun- oder zehnjährigen Kindes, sofern diese überhaupt in diesem Alter schon einzuschätzen ist, wird von Klassenverhältnissen und Rassismus beeinflusst. Melisa Erkurt, die mit ihrem Buch „Generation Haram“ (siehe Seite 20) viel Aufmerksamkeit für die Diskriminierung von Kindern mit Migrationsgeschichte in der Schule bewirkt hat, sagt in einem Interview mit dem „Futter“-Magazin der „Kleinen Zeitung“: „Rassismus und Diskriminierung existiert individuell von Mitschülerinnen oder Lehrerinnen, aber auch im System Schule, weil das System sich darauf verlässt, dass alle Kinder daheim Eltern haben, die genug Geld und auch Zeit haben, den Kindern zu helfen. Aber das haben die meisten Kinder mit Migrationshintergrund nicht.“

Aber ebenso bedeutsam wie die frühe Trennung ist die wesentliche Rolle des Lernens zu Hause. So weisen die Bildungssoziologinnen Barbara Rothmüller und Philipp Schnell darauf hin, dass das österreichische Bildungssystem u. a. durch die frühe Selektion stark auf dem Engagement und der Involvierung der Eltern aufbaut – entweder durch gemeinsames Üben und Hausübungenmachen oder durch die Finanzierung und Organisierung von Nachhilfe. Vorausgesetzt wird, dass Eltern den Stoff selbst (noch) beherrschen, der Schule hohe Priorität geben (können), über ausreichend Zeit verfügen, um zu helfen, oder finanziell so gut ausgestattet sind, um Unterstützung durch Dritte zukaufen zu können. Ganztagsschulmodelle sind weder flächendeckend noch in ausreichendem Ausmaß vorhanden. So ist auch Melisa Erkurts Plädoyer für eine verpflichtende Gratisganztagsschule zu verstehen – die so hochwertig ist, dass sie auch für bildungsbürgerliche Eltern, die die Unterstützungsleistung in welcher Form auch immer bisher leisten konnten, attraktiv ist. Ansonsten setzt sich die soziale Trennung von Schülerinnen weiter fort. Dass ein Gesamtschulmodell, das auf eine frühe Selektion von Kindern verzichtet und den Schwerpunkt des Lernens in die Schule verlegt, erfolgreich ist, zeigt etwa Finnland. Dort werden Schüler*innen erst mit Ende der unteren Sekundarstufe auf unterschiedliche Bildungswege aufgeteilt. Die Ergebnisse: Im PISA-Vergleich zeigen finnische Lernende höhere Leistungen und ihre Bildungskarriere ist wesentlich weniger durch ihren sozioökonomischen Background bestimmt.

„Zahlen bitte!“ In Österreich wiegt der finanzielle Hintergrund der Eltern schwer. Der Schulbesuch ist nur theoretisch kostenlos, in der Praxis muss von Schulmaterialien bis Ausflügen jede Menge bezahlt werden. Eltern in der Volksschule mussten 2016 rund 640 Euro pro Jahr an Schulkosten aufbringen, in der Oberstufe des Gymnasiums sind es schon 1320 Euro. Besonders teuer ist dabei privater Zusatzunterricht etwa bei Nachhilfe­instituten.

Aber auch Privatschulen gehören zur Architektur des österreichischen Schulsystems. Jedes zehnte Kind besucht in Österreich die Schule eines privaten Trägers. Von konfessionellen bis hin zu reformpädagogischen Schwerpunkten findet sich dabei für jede Präferenz etwas. Im Schuljahr 2019/20 besuchten etwa sieben Prozent der Schulkinder eine katholische Privatschule (KPS), deren Anteil stieg seit 2014 sogar um sechs Prozent. Der Soziologe Hans Buden diagnostiziert eine „Bildungspanik“ der Mittelschicht. Das Distinktionsbedürfnis gegenüber Kindern finanziell schlechter gestellter Familien und die Angst vor dem sozialen Abstieg der eigenen Kinder im Kontext einer immer krisenhafter werdenden Gesellschaft prägen wohl die Entscheidung für eine Privatschule mit.

Aber nicht nur die konfessionellen Privatschulen, auch der alternativ­pädagogische Privatbereich ist „gut gebucht“ – und beginnt früh. Krabbelgruppe im Montessori-Haus? 350 Euro pro Monat. Von der Reggio-Pädagogik inspirierte Gesamtschule gesucht? In Wien kommt da die Vienna International School infrage – Kostenpunkt: je nach Schulstufe pro Schuljahr und Kind durchschnittlich rund 12.300 Euro. Obwohl alternativpä­dagogische Bildungseinrichtungen in ihren Anfängen nicht für bildungsbürgerliche Schichten gedacht waren. Ende der 1920er-Jahre eröffnete das radikal-reformistische Rote Wien die ersten Montessori-Kinderhäuser als Gemeindekindergarten. Heute sind Montessori-Häuser ein für viele unerschwinglicher Luxus. Die Rückkehr zu den Ziffernnoten, das Festhalten an hundertjährigen Unterrichts- und Klassenformen und nicht adaptierte Schulgebäude aus dem 19. Jahrhundert bieten Eltern aus dem alternativen Milieu gute Gründe für den Ausstieg aus dem Regelsystem. Doch der Umstand, dass sich ein Teil der privilegierteren Bevölkerung dafür entscheidet, Kinder aus dem Regelschulsystem zu nehmen, senkt den Druck auf die Bildungspolitik.

Konservierung des Status quo. So tragen Schulen maßgeblich dazu bei, Statusunterschiede über Generationen hinweg zu konservieren. Die individuellen Möglichkeiten sowie die Ressourcen Zeit, Geld und Bildung der Eltern sind für den guten ­Schulerfolg entscheidend. Doch diese Schule können wir uns nicht mehr leisten. Wer verhindern will, dass ein prekäres Schulsystem eine verlorene Generation hervorbringt, muss sich international an den Erfolgsmodellen orientieren, statt auf bildungspolitische Schlager aus dem 19. Jahrhundert zu setzen.

Elke Larcher ist Referentin für Bildungspolitik in der Arbeiterkammer Wien.

Hanna Lichtenberger ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin und arbeitet in der Volkshilfe Österreich zu den Themen Kinderarmut, Pflege und Betreuung.

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„Eine neue Erzählung aushandeln“ https://ansch.4lima.de/eine-neue-erzaehlung-aushandeln/ https://ansch.4lima.de/eine-neue-erzaehlung-aushandeln/#respond Sat, 28 Nov 2020 12:40:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=25713 Ostdeutsche werden migrantisiert, sagt Naika Foroutan. Warum die deutsche Willkommenskultur so kurzlebig war und wieso die Sozialwissenschaftlerin auch in der postmigrantischen Gesellschaft am Begriff Integration festhält, hat sie Lea Susemichel erklärt. an.schläge: Fünf Jahre ist der sogenannte „Sommer der ­Migration“ 2015 her, doch von der Solidarität und der „Willkommenskultur“ schien schon nach der Kölner Silvesternacht […]]]>

Ostdeutsche werden migrantisiert, sagt Naika Foroutan. Warum die deutsche Willkommenskultur so kurzlebig war und wieso die Sozialwissenschaftlerin auch in der postmigrantischen Gesellschaft am Begriff Integration festhält, hat sie Lea Susemichel erklärt.

an.schläge: Fünf Jahre ist der sogenannte „Sommer der ­Migration“ 2015 her, doch von der Solidarität und der „Willkommenskultur“ schien schon nach der Kölner Silvesternacht nur noch wenig übrig zu sein. Inzwischen lässt man die Menschen an den EU-Außengrenzen wieder ungerührt sterben. Wie erklären Sie diese Entwicklung?

Naika Foroutan: Angela Merkel hat 2015 tatsächlich etwas getan, was die wenigsten erwartet hätten, und damit das Bild Deutschlands in der Welt nachhaltig verändert. Man hat sich für eine kurze Weile sehr wohlgefühlt mit diesem neuen Image des Willkommensdeutschlands, das ich gar nicht kleinreden will, weil es tatsächlich sehr wirkmächtig war. Es ist ja erst einmal egal, aus welchen Motiven die Leute helfen: Es ist anzuerkennen, dass sie helfen. Wir haben damals Zahlen erhoben und gehen davon aus, dass jede zweite Person sich seit 2015 in irgendeiner Weise engagiert hat für Geflüchtete.

Aber auch Pegida und die AfD waren damals schon da. Es wird ja oft behauptet, dass der Rechtspopulismus erst wegen dieser sogenannten „Flüchtlingskrise“ so einen Aufwind erfahren hätte. Aber Pegida hat schon im Dezember 2014 in Dresden Weihnachtslieder gesungen.

Sarrazin gab es ja auch schon lange vorher.

Genau. Es gab eine Prädisposition für Migrationsfeindlichkeit, und die hat sich mit der Kölner Silvesternacht nur noch manifester begründbar gemacht. Denn de facto hielt die Willkommenskultur gerade mal zwei Monate, im August und September. Ab Oktober 2015 gab es schon die Debatten über die „Teddybär-Werfer“ und die Naiv­linge, die einfach Flüchtlinge reinlassen. Die antimuslimische Feindseligkeit war dann ganz schnell wieder sichtbar und ist in den Folgejahren auch trotz sinkender Asylanträge nicht zurückgegangen. Die AfD hat sich in Deutschland bei stabilen 15 Prozent eingerichtet. Erst mit Corona wurde das Migrationsthema verdrängt, und die AfD ist auf zehn Prozent abgesackt. Aber mit dem Thema ist zugleich auch das Interesse an Migrationspolitik verdrängt worden, was man ja nach der Katastrophe in Moria deutlich gesehen hat. Es ist an Zynismus nicht zu überbieten, dass man nur fünfzig Kinder nach Deutschland holt und sich dafür auch noch feiern lässt.

Deutschland ist ein Einwanderungsland mit einer sehr heterogenen Bevölkerung, die zu einem Viertel eine Migrationsgeschichte hat. Doch auch wenn diese Menschen zu einem Großteil die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, werden sie weiterhin oft als MigrantInnen oder gar AusländerInnen kategorisiert. Wieso lässt sich dieses nationale Selbstverständnis so schwer ändern, wieso wird deutsche Identität angesichts dieser Realität nicht längst hybrider und heterogener gedacht?

Deutschland ist migrationspolitisch sehr dynamisch: Mit 13 Millionen MigrantInnen der ersten Generation steht es als Einwanderungsland weltweit an zweiter Stelle, gleich hinter den USA. Auch bei der Aufnahme von Geflüchteten ist Deutschland in absoluten Zahlen weltweit innerhalb der Top Five. Aber die Vorstellung nationaler Identität verändert sich nicht so schnell wie die Migrationspolitik. Diese Identität lässt sich ja auf zwei Arten erzählen: entweder rekonstruktiv, also auf die Vergangenheit gerichtet, oder als etwas Normatives, nach vorne gewandtes – so, wie etwa die USA ihre nationale Identität als „Land Of Freedom“ auch als Zukunftsversprechen entworfen haben. In Deutschland hingegen spielt die Vergangenheit eine große Rolle.

26 Prozent der deutschen Bevölkerung und sogar vierzig Prozent aller SchülerInnen haben einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Dennoch musste man bis 2001 von deutschen Eltern geboren sein, um die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Es gibt Veränderung, aber eine neue Erzählung nationaler Identität muss eben erst ausgehandelt werden, teilweise sehr konflikthaft. Doch inzwischen klinken sich auch Migrantinnen und Migranten in den Diskurs ein, ich zitiere hier nur als ein Beispiel das Buch von Ferda Ataman mit dem Titel „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“.

Sie definieren Integration nicht als Assimilationsleistung, sondern als Bringschuld der aufnehmenden Instanz, um Chancengleichheit für alle zu gewährleisten. Integriert werden müssen in der postmigrantischen Gesellschaft Ihrer Meinung nach zudem nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern alle, die strukturelle Diskriminierung erfahren, also z. B. auch Armutsbetroffene. Warum halten Sie dafür am Konzept Integration fest?

Trotz der berechtigten Kritik am Begriff Integration kämpfe ich für dieses Wort, weil es erlaubt, auch symbolische Ungleichheit und Nichtzugehörigkeit, auch kulturelle und emotionale Veränderungen zu adressieren. Bei Integration geht es um Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe in vielfältigen Gesellschaftsstrukturen. Das kann man politisch organisieren. Es ist ein demokratisches Versprechen und ein politischer Prozess, Chancengleichheit herzustellen. Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass es Ungleichheiten gibt, und sie auch ins Verhältnis setzen zu den eigenen Privilegien. Das ist gar nicht so einfach für ganz viele Menschen – das zeigt sich auch bei der Ost-West-Debatte, die wir in Deutschland führen.

In diesem Zusammenhang ist die große Frage, zu der wir gerade forschen: Ist es gerade die gelingende Integration, die Aversionen provoziert? Es gibt ja das verbreitete Narrativ: „Wenn die doch nur lesen, schreiben und mit Messer und Gabel essen könnten, dann hätten wir kein Problem mit denen.“ Doch offenbar ist das Gegenteil der Fall. Denn wenn wir in Studien simulieren, dass Muslime in Chefpositionen vordringen oder Bildungsaufstiege vollziehen, dann empfinden das in Westdeutschland mehr als dreißig Prozent der Menschen als Bedrohung – in Ostdeutschland sogar bis zu fünfzig Prozent. Die Integrationsdefizite liegen also auch auf der Seite des Hegemons. Wir sehen aber in der Integrationsforschung, dass diese wichtige Variable nicht miteingerechnet wird. Es wird immer als politischer Spin betrachtet, wenn gesagt wird: Es liegt auch an der Dominanzgesellschaft. Aber es ist einfach ein fehlendes Puzzlestück.

Ist diese Definition von Integration, die nicht nur auf MigrantInnen abzielt, vielleicht auch geeignet, um dem derzeit so oft heraufbeschworenen falschen Gegensatz zwischen dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und jenem um kulturelle Anerkennung (Stichwort Identitätspolitik) entgegenzutreten?

Ja, in der Tat, mit dieser Perspektive vereinen wir die identitätspolitischen Debatten mit den Debatten um Ungleichheit, Schicht und Klasse. Das Ziel ist einfach, eine integrative Demokratie zu sein. Und wenn in dieser Demokratie ältere Menschen nicht genügend integriert sind oder Menschen, die auf dem Land leben, weil man den öffentlichen Personennahverkehr abgebaut hat oder es kein Krankenhaus mehr gibt dort, dann ist Integrationspolitik nötig. Weil: Es geht darum, die Menschen nicht auszuschließen aus der Demokratie. Denn genau das passiert an vielen Stellen.

Gemeinsam mit Jana Hensel haben Sie gerade das Buch „Die Gesellschaft der Anderen“ veröffentlicht. In Ihrer neuen Studie zur (p)ostmigrantischen Gesellschaft verweisen Sie auf Analogien zwischen der Diskriminierung von Ostdeutschen und MuslimInnen, was auch für Kritik gesorgt hat. Worin bestehen die Parallelen und worin die Kritik?

Im Grunde lässt sich eine Migrantisierung von Ostdeutschen beobachten. Wir haben in einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage gezeigt, dass zentrale Vorurteile gegenüber MuslimInnen auch Ostdeutsche betreffen. Der Vorwurf der ewigen Opferhaltung wird beiden Gruppen gemacht, genau wie beiden Nähe zum Extremismus und ein Demokratiedefizit unterstellt wird. Aber dass es eine empirische Ungleichheit gibt und dass Ostdeutsche Benachteiligung erleben, dafür gibt es kein Bewusstsein in der Dominanzkultur – während das in Bezug auf MuslimInnen schon der Fall ist.

Die Studie hat für sehr viele Diskussionen gesorgt – auch, weil viele Menschen eine Analogie oft als Gleichsetzung missverstehen. Aber für uns in den Sozialwissenschaften ist die Methode des Vergleiches sehr sinnvoll, um Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zu erheben. Es wurde auch kritisiert, dass Rassismus unsichtbar gemacht würde, weil wir Ostdeutsche zu Opfer erklärt hätten.

Denselben Vorwurf gibt es ja auch ganz oft beim Thema Islamismus, wenn versucht wird, Radikalisierungsprozesse zu verstehen. Aber wenn man zeigt, dass Abwertungsgefühle Aggressionen und schlimmstenfalls auch Gewalt erzeugen können, dann geht es nicht darum, Terrorismus schönzureden, sondern darum, viele Erklärfaktoren zu berücksichtigen. Dennoch kommt es oft als Legitimierung an.

Sehen Sie diese Gefahr auch im aktuellen politischen Diskurs nach dem islamistischen Terroranschlag in Wien?

Ein Hauptmotiv von rechtem und islamistischem Terrorismus ist ja, die Gesellschaft zu spalten und bürgerkriegsähnliche Zustände herbeizuführen. Das weiß man inzwischen. Es ist daher wichtig, den Terror von politischer Seite mit einem demokratischen Narrativ zu beantworten. Manche versuchen, gerade das als naiv darzustellen, weil sie sich durch eine plumpe Kraftrethorik kurzfristig befriedigt fühlen – sei es aus Trotz, Rache, Schutz oder Leid. Die populistische Versuchung, reflexhaft Ressentiments zu bedienen, ist für viele Politiker daher einfach zu groß. Leider hat der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz nur im ersten Moment die demokratische Reflexion geschafft – danach hat er dem pauschalisierenden Ressentiment mehr Platz eingeräumt. Manche mögen ihn dafür feiern. Für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt ist das nicht förderlich. 

Naika Foroutan ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität, Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung sowie Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung.

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„Macho-Religiosität“ https://ansch.4lima.de/macho-religiositaet/ https://ansch.4lima.de/macho-religiositaet/#respond Sat, 28 Nov 2020 12:24:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=25708 Unsere Reaktionen sind so vorhersehbar wie ihre. Während das rechte politische Spektrum nach islamistischem Terror reflexartig Gesetzesverschärfungen und Ausbürgerungen fordert, warnen wir „linken Feministinnen“ ebenso verlässlich vor der rechten Instrumentalisierung solcher Taten. Und erinnern daran, dass es auch andere Formen tödlichen Terrors gibt, der jedoch weit weniger politische Empörung und Entschlossenheit provoziert. Was uns wiederum […]]]>

Unsere Reaktionen sind so vorhersehbar wie ihre. Während das rechte politische Spektrum nach islamistischem Terror reflexartig Gesetzesverschärfungen und Ausbürgerungen fordert, warnen wir „linken Feministinnen“ ebenso verlässlich vor der rechten Instrumentalisierung solcher Taten. Und erinnern daran, dass es auch andere Formen tödlichen Terrors gibt, der jedoch weit weniger politische Empörung und Entschlossenheit provoziert. Was uns wiederum sofort den Vorwurf einhandelt, solche Ereignisse relativieren oder gar legitimieren zu wollen und dabei das Problem des radikalen Islamismus zu ignorieren.

Deshalb sei zuallererst auf diesen Einwand erwidert: Ja, islamistische Radikalisierung ist ein Problem, das ernst genommen werden muss. Es genügt tatsächlich nicht, im Gegenzug nur auf das massive Problem der oftmals gar nicht als Terror klassifizierten rassistischen oder sexistischen Gewalt zu verweisen. Wer sonst jeder intersektionalen Verästelung unterschiedlichster Gewaltformen nachgeht, sollte tunlichst auch die spezifische Form radikalislamistischer Gewalt adäquat analysieren und adressieren.

Dies vorausgeschickt, nun aber auch die Erklärung, warum es eben keineswegs eine Legitimierung ist, solche monströsen Taten einzuordnen und Parallelen aufzuzeigen. Sondern vielmehr wichtige Voraussetzung, um Gründe und damit mögliche Gegenstrategien zu finden, damit sie künftig hoffentlich verhindert werden können.

Ein Anti-Terror-Paket übers Knie zu brechen, um von den eigenen fatalen Fehlern abzulenken, wie es die österreichische Regierung nun tut, ist dafür jedenfalls definitiv ungeeignet. Es ist evident, dass der Anschlag in Wien im bestehenden Rechtsrahmen hätte verhindert werden können, wenn die Behörden ihre Arbeit gemacht hätten. Und man muss gar nicht mit dem Schutz fundamentaler Menschenrechte argumentieren, um gegen Vorschläge wie den einer lebenslangen Präventivhaft zu intervenieren. Solche Taten werden mit Abschiebung und elektronischen Fußfesseln selten verhindert. Dem ihnen zugrunde liegenden menschenverachtenden Neofundamentalismus muss stattdessen ein demokratischer Diskurs mit einem anderen Menschenbild entgegensetzt werden. Und vor allem auch: einem anderen Frauenbild. Denn Terror ist – auch wenn es selbstverständlich vereinzelt Terroristinnen gab und gibt – ein männliches Phänomen. Er ist gelebte Männerfantasie, wie Klaus Theweleit es ausdrückt, der auch eine umfangreiche Studie über Terroristen verfasst hat. Natürlich kommt auch Anders Breivik darin vor, der 77 Menschen ermordet hat und dabei nicht nur von Rassismus, sondern auch von glühendem Frauenhass getrieben war. Dieser misogyne Hass ist nun ein Motiv, das Attentäter weltweit verbindet, egal ob ihr geschlossenes Weltbild ein rechtsextrem oder islamistisch geprägtes ist. „Breivik ist strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektierischer SS-Mann“, schreibt Theweleit.

„Macho-Religiosität“, nennt das der Terrorismustheoretiker Mark Juergensmeyer, der betont, dass sich die Terroristen – in der Regel sind es heterosexuelle junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren – trotz widerstreitender Ideologien und Religionen in ihrer militanten Sicht auf Männlichkeit kaum voneinander unterscheiden.

Die Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League warnt vor der tradierten Allianz von Antifeminismus und Antisemitismus und davor, dass Frauenhass oft den Einstieg in rechtsextremes Denken bietet. Der antifeministische Täterreigen von Halle und Hanau, Christchurch, El Paso und Toronto, wo ein ausgewiesener „Incel“ (vgl. S. 32) mit einem Lieferwagen hauptsächlich Frauen tötete, macht das deutlich. Denn ein Motiv für den Terrorakt, das zeigen die Täterprofile, ist gekränkte Männlichkeit, ein subjektiv empfundener männlicher Kontroll- und Identitätsverlust, der das Feindbild Feminismus nahelegt.

Doch während es bei dschihadistischem Terror regelmäßig als Entschuldigung missverstanden wird, wenn auch soziale und psychologische Motive angeführt werden, geschieht bei antifeministischem Terror, wie er sich weltweit in Femiziden und endemischen Gewaltexzessen gegen Frauen zeigt, das genaue Gegenteil: Er wird konsequent entpolitisiert und Tötungsdelikte werden nicht als Terror, sondern als individuelle Wahnsinnstat kategorisiert.

Gesinnungsprüfungen, die Teil von Deradikalisierungsprogrammen sind, sollten das Frauenbild von potenziellen Gefährdern daher unbedingt als wichtigen Indikator berücksichtigen. Joan Smith, Autorin des unlängst erschienenen Buches „Home Grown: How Domestic Violence Turns Men Into Terrorists“ belegt eindringlich, dass misogyne Gewalt Bestandteil des klassischen Täterprofils ist. Sie hat die Biografien Dutzender Attentäter analysiert – nahezu alle waren bereits als häusliche Gewalttäter aktenkundig. Anti-Terror-Maßnahmen sollten Gewalt gegen Frauen und antifeministische Ideologie als Warnzeichen ernst nehmen – es würde Leben retten.

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Feminist Superheroines: Frida Kahlo https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-3/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-3/#respond Sat, 28 Nov 2020 12:16:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=25701 Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo ist nicht nur eine inspirierende Ikone, deren bahnbrechende Selbstporträts inzwischen Souvenirs auf der ganzen Welt zieren und deren Werke längst zum nationalen Kulturgut Mexikos erklärt wurden. Kahlo, die Zeit ihres Lebens an den Folgen früher Kinderlähmung und den schweren Verletzungen durch ein Busunglück litt, war zudem glühende Sozialistin und frühe Feministin. […]]]>

Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo ist nicht nur eine inspirierende Ikone, deren bahnbrechende Selbstporträts inzwischen Souvenirs auf der ganzen Welt zieren und deren Werke längst zum nationalen Kulturgut Mexikos erklärt wurden.

Kahlo, die Zeit ihres Lebens an den Folgen früher Kinderlähmung und den schweren Verletzungen durch ein Busunglück litt, war zudem glühende Sozialistin und frühe Feministin. Sie war eines der ersten Mädchen, das auf die Highschool ging, wo sie die kommunistische Gruppe „Los Cachuchas“ mitbegründete. Ihr von Schmerzen geprägter Alltag spiegelt sich in ihren Bildern wider, mit denen sie auch die Mutterrolle und Schönheitsideale infrage stellte sowie weibliche Lebensrealitäten mit tabuisierten Themen wie Fehlgeburten zum Gegenstand ihrer künstlerischen Auseinandersetzungen machte.

Kahlo war eine selbstbestimmte Frau, sie ließ sich von Diego Rivera scheiden (und heiratete ihn erneut) und hatte zahlreiche Affären mit Männern wie auch mit Frauen. Bereits zu ihren Lebzeiten war sie als Künstlerin erfolgreich. liw

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an.spruch: Shirt aus? Shirt an! https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/#comments Fri, 09 Oct 2020 18:15:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=24997 Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern. Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für […]]]>

Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern.

Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für reichlich Empörung auf Twitter und Co:  Von „neuer Spießigkeit“ war da die Rede, andere befürchteten eine „Gleichmacherei“ oder die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und riefen dazu auf, sich „jetzt erst recht“ des T-Shirts zu entledigen.
Obwohl das Logo der Stadt Hamburg auf dem Plakat prangte, handelte es sich um politische Aktion. Aufgrund der großen Aufregung wurden die Plakate alsbald entfernt, die Stadt distanzierte sich.
Die hitzige Debatte um nackte Oberkörper gehörte für mich schon lange zum Alltag – immerhin habe ich schon in zwei Kletterhallen gearbeitet und musste dort immer wieder schwitzende Sportler dazu bewegen, sich wieder anzuziehen.

Die typischen Einwände: „Ich schwitze so stark, das verstehst du nicht.“ Ja, wir schwitzen alle, gehört beim Sport dazu. Aber ziehen sich deshalb alle aus? Es ist in keinem Sport geduldet, oben ohne zu sein, häufig aus hygienischen Gründen – und weil es einfach lächerlich ist. Ausnahmen sind Wassersportarten (und auch da müsste es nicht sein) und Bodybuilding (wo es explizit um Körperbewertung geht). Selbst in den allermeisten Fitnessstudios ist es ausdrücklich verboten, das Shirt auszuziehen, und diese Läden stehen nun wahrlich nicht im Verdacht, wahnsinnig feministisch und progressiv zu sein. Abgesehen davon, dass sich viele Menschen von Nacktheit belästigt fühlen, ist sie auch schlichtweg ungesund. Ein unbedeckter schwitzender Oberkörper kühlt zu stark aus, das ist schlecht für Muskeln und Immunsystem. Es gibt eine riesige Auswahl an moderner Funktionsbekleidung, die die Körpertemperatur reguliert und den Schweiß auffängt. Und keine Sorge: Die Muskeln bleiben darunter trotzdem sichtbar.

„Von mir aus kannst du auch oben ohne rumlaufen. Wo kommen wir denn hin, wenn wir das Männern jetzt verbieten? Das wäre doch ein Rückschritt!“
Ich kann nirgends einfach oben ohne rumlaufen – außer in der Sauna oder am FKK-Strand. Meine Brüste sind sexualisiert, meine Nippel werden auf Social Media verpixelt. Und nein, ich im Sport-BH ist nicht das Gleiche wie ihr oben ohne. No nipple is free until all nipples are free!

„Dann kannst du ja nie ins Freibad gehen, wenn dich männliche Oberkörper so sehr stören!“
Auch dieser Vergleich hinkt: In Freibädern, am Strand und am Badesee gilt ein anderer Dresscode als in Sportstätten. Beim Baden kann auch ich vielleicht mal oben ohne sein kann, wobei auch hier keineswegs Gleichberechtigung herrscht (Stichwort Männer oben ohne, aber kleine Mädchen im Bikini). Der entscheidende Unterschied ist zudem, dass ich im Freibad weiß, worauf ich mich einlasse und entscheiden kann, ob ich an dem Tag Lust habe, halbnackte Männerkörper zu sehen oder nicht. Aber im Alltag, auf dem Weg zum Einkaufen, wenn wieder einer ohne Shirt an mir vorbeijoggt?

„Du bist doch eine Lesbe, die Männerkörper eklig findet. Stört hier doch sonst niemanden.“
Ja, es gibt sogar Menschen, die Rückschlüsse auf mein Begehren ziehen und mich damit kategorisch entwaffnen wollen. Natürlich ohne sich vorher tatsächlich die Mühe gemacht zu haben, die anderen Hallenbesucher*innen nach ihrem Einverständnis zu fragen. Doch viele, die ein nackter Oberkörper stört, trauen sich nicht, es anzusprechen. Sie gehen einfach, kommen gar nicht erst oder schauen nicht hin. Die Verantwortung wird also auf jene übertragen, die unter dem Verhalten leiden. „So zeugt es von einer typisch antifeministischen Haltung, Frauen die Verantwortung dafür zu übertragen, Freiräume zu schaffen, die von Männern besetzt sind“, schrieb Verena Reygers dazu treffend im „Freitag“. Deshalb: T-Shirt anlassen, bis das Patriarchat gestürzt ist. Dann sprechen wir noch mal darüber.

Laura Reti schreibt aus Berlin, erhofft sich vom Ende des Sommers auch das Ende der Oben-ohne-Saison. Sie sucht stets Verbündete für Safe Spaces im Sport.

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Wer zündelt hier? https://ansch.4lima.de/wer-zuendelt-hier/ https://ansch.4lima.de/wer-zuendelt-hier/#respond Fri, 09 Oct 2020 18:07:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=24991 „Unser Haus steht in Flammen“, hat Greta Thunberg in ihrer Rede vor knapp einem Jahr schon gesagt. Es brennt, auf mehreren Kontinenten und im Herzen Europas. Nicht nur wegen des Klimawandels und Moria. Die Idee einer solidarischen europäischen Gemeinschaft steht in Flammen. Mit dem Brand, der das Flüchtlingslager Moria zerstört hat, wird deutlich, was seit […]]]>

„Unser Haus steht in Flammen“, hat Greta Thunberg in ihrer Rede vor knapp einem Jahr schon gesagt. Es brennt, auf mehreren Kontinenten und im Herzen Europas. Nicht nur wegen des Klimawandels und Moria. Die Idee einer solidarischen europäischen Gemeinschaft steht in Flammen. Mit dem Brand, der das Flüchtlingslager Moria zerstört hat, wird deutlich, was seit Jahren von der Europäischen Union verdrängt wird und den Abbau von Demokratie, Solidarität und Empathie vorantreibt sowie die Aushöhlung einer Verfassung, die sich eigentlich zu den europäischen Grundwerten bekennt.

Das alles, nur um einen „Pull Effekt“ zu verhindern, den es laut Migrationsexpert*innen nicht gibt. Der nur eine rhetorische Strategie ist, um Wahlen zu gewinnen.Ist es wirklich verlockend, das eigene Leben auf dem Meer zu riskieren, nur um dann in ein überfülltes Lager gepfercht zu werden, und schutzlos auf der Straße zu sitzen, nachdem es abgebrannt ist?Als Hilfsmaßnahme werden bestenfalls ein paar lächerliche Summen überwiesen, die man dann zynisch „Hilfe vor Ort“ nennt. Es wird ein neues Lager gebaut, das so menschenunwürdig ist wie das letzte.

Das ist nicht das Europa, das uns in der Schule als große solidarische Idee verkauft wurde. Denn was die europäische Politik dieser Tage tut, ist alles daran zu setzen, Menschen zu enthumanisieren. Etwa wenn der Außenminister davon spricht, dass man „die Debatte entemotionalisieren müsse“ und sich gegen die Aufnahme von einigen wenigen Menschen mit den Worten: „Es geht immer nur um ein paar Kinder“, wehrt. „Wehret den Anfängen“, heißt es immer, aber diese Anfänge haben wir wohl verpasst, wenn es möglich ist, dass Politiker*innen Wahlkampf damit treiben, die Opfer eines Großbrandes zu kriminalisieren, anstatt ihnen zu helfen.

Stattdessen schürt man in Europa den Hass und der greift weiter um sich. Das zeigt sich in Minsk, wo bei Massenprotesten die Polizei gewaltsam gegen Frauen vorgeht.  Es zeigt sich in Berlin, wenn sogenannte „Querdenker“ versuchen, den Bundestag mit Reichskriegsflaggen zu stürmen. Oder in Wien, wo Ultrarechte öffentlich Regenbogenflaggen zerreißen und LGBTIQ als „Pädophile und Mörder“ verunglimpfen und auf einer Solidaritätskundgebung dafür noch Polizeischutz erhalten. Es zeigt sich in Polen, wo offen gegen LGBTIQ gehetzt wird. Es zeigt sich an der Gleichgültigkeit vieler und im Hass einiger weniger, die kontinuierlich daran arbeiten, dass es weiter brennt.

Wenn es brennt, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Täter*innen. Aber „man kann Menschen nicht jahrelang im Dreck leben lassen, ihnen Rechte vorenthalten, sie schließlich ungeschützt einer Pandemie aussetzen und dann überrascht sein, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen aufbegehren“, betont Ramona Lenz, Referentin für Flucht und Migration von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation „medico international“.

Ja, wenn diese Leute aus Verzweiflung das Letzte, was ihnen geblieben ist, anzünden, damit irgendwas geschieht, einfach weil der Ist-Zustand so unerträglich ist, dann sind nicht sie zu bestrafen, sondern jene, die für diese Lage verantwortlich sind. Ja, die Brandstifter sitzen in Europa, aber nicht in den Straßen von Lesbos, sondern bequem in den Chefsesseln der Europäischen Union und der österreichischen Regierung.

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Menstruations Hintergrund https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-3/ https://ansch.4lima.de/menstruations-hintergrund-3/#respond Fri, 09 Oct 2020 18:03:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=24985 von Julia Bernhard]]>

von Julia Bernhard

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Feminist Superheroines: Shere Hite https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-2/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-2/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:48:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=24980 Hite-Report, Das sexuelle Erleben der Frau, lautete der programmatische Titel, der erstmals die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt stellte. Mit dem heute rund fünfzig Millionen Mal verkauften Buch wurde Shere Hite zu einer Pionierin der feministischen Sexualforschung. Mit ihrem Feminist Sexuality Project wertete sie über dreitausend Fragebögen aus: „Masturbieren Sie gerne“ oder „Täuschen Sie manchmal […]]]>

Hite-Report, Das sexuelle Erleben der Frau, lautete der programmatische Titel, der erstmals die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt stellte. Mit dem heute rund fünfzig Millionen Mal verkauften Buch wurde Shere Hite zu einer Pionierin der feministischen Sexualforschung. Mit ihrem Feminist Sexuality Project wertete sie über dreitausend Fragebögen aus: „Masturbieren Sie gerne“ oder „Täuschen Sie manchmal einen Orgasmus vor?“, wurde darin etwa gefragt. Ihre Ergebnisse stellten sowohl die Theorie Sigmund Freuds über den klitoralen Orgasmus als Zeichen sexueller und psychischer Unreife infrage, als auch den weitverbreitete Annahme, dass Penetration der Königsweg zum Höhepunkt sei. “Hate Report“ nannte der Playboy deshalb ihre Studie, man warf ihr gar vor, Ehen damit zu ruinieren.

Doch die am 9. September 2020 77-jährig verstorbene Hite betrat mit ihren Forschungen völliges Neuland und legte so einen wichtigen Grundstein, von dem die Sexualforschung bis heute profitiert. liw

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eu-kolumne: Fairness für die Lieferkette! https://ansch.4lima.de/eu-kolumne-fairness-fuer-die-lieferkette/ https://ansch.4lima.de/eu-kolumne-fairness-fuer-die-lieferkette/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:43:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=24967 Miriam-Lena Horn Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich aus der Europapolitik berichten, dass die Europäische Kommission endlich einen Gesetzesentwurf zu den Lieferketten vorlegen wird. Bislang oblag es vor allem den Konsument*innen, sich zu fragen, ob die eigene Jeans vielleicht auf Kosten der Atemwege einer äthiopischen Textilarbeiterin sandgestrahlt wurde – Frauen sind nämlich in überproportional vielen Fällen […]]]>

Miriam-Lena Horn

Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich aus der Europapolitik berichten, dass die Europäische Kommission endlich einen Gesetzesentwurf zu den Lieferketten vorlegen wird. Bislang oblag es vor allem den Konsument*innen, sich zu fragen, ob die eigene Jeans vielleicht auf Kosten der Atemwege einer äthiopischen Textilarbeiterin sandgestrahlt wurde – Frauen sind nämlich in überproportional vielen Fällen die Leidtragenden schlechter Bedingungen in den globalen Lieferketten. Die verantwortliche Industrie versteckte sich bisher hinter freiwilligen Initiativen gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen Umweltstandards.

Jetzt endlich hat die Kommission in einer Befragung von 334 Unternehmen festgestellt, dass nur die wenigsten freiwillig sicherstellen, dass ihre Lieferketten keine Umweltschäden anrichten und dass Arbeitnehmer*innen fair behandelt werden. Aus dieser – nicht sehr überraschenden – Erkenntnis rührt also der Wille, nach vielen Jahren der strikten Weigerung endlich eine gesetzliche Regelung zu schaffen.

Natürlich laufen Teile der industriellen Verbandslandschaft in Brüssel und anderswo Sturm. Man könne nicht die gesamte Lieferkette der eigenen Produkte kontrollieren und wolle auch nicht dafür haftbar gemacht werden. Diese Blockadehaltung sorgt bei Konsument*innen wie auch progressiven Politiker*innen zu Recht für Verwunderung. Ist es wirklich unmöglich, die Komponenten und Produktionswege des eigenen – in der Regel ja durchaus einträglichen –  Produkts nachzuvollziehen? Zum Beispiel anhand von Zertifikaten und mittels Zusammenarbeit mit zertifizierten Rohstoffproduzent*innen?

Im nächsten Schritt legt das Europäische Parlament einen Anforderungskatalog an das Gesetz vor. Dann bleibt abzuwarten, inwieweit sich die Kommission vom industriellen Entrüstungssturm beeindrucken lässt, bevor sie im Januar einen Entwurf vorlegt. Ein weiter Weg liegt vor uns, der erste Schritt jedoch ist getan.

Miriam-Lena Horn ist eine der Organisatorinnen von Period. Brussels. Sie arbeitet seit 2014 als handelspolitische Referentin für einen Abgeordneten der SPD im Europäischen Parlament.

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heimspiel: Banales Karriereende https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:40:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=24976 Illustration: Sabrina WegererJasper Nicolaisen Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Jasper Nicolaisen

Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die auf Kinder „aufpassen“, Windeln wechseln, Fläschchen geben und ansonsten rauchend am Sandkasten hocken. Dabei strotzen die frühkindlichen Bildungspläne heute von Startschussrhetorik in Hinsicht auf lebenslanges Lernen, gesellschaftliche Integration, Teilhabe und Wortgeklingel Marke „Resilienz“, „Selbststeuerung“ und „Flexibilität“. Erzieher*innen werden zu Chimären aus Familienhelfer*innen, Kinderpsycholog*innen, Ergotherapeut*innen und Crafting-Youtuber*innen ausgebildet, verdienen aber eben viel weniger und kriegen auch viel weniger Likes. Selbst für das Gendersternchen reicht es oft nicht, denn ca. 95 Prozent aller Erzieher*innen (in Deutschland) sind heute noch Frauen, sodass Männer echt mal einfach mitgemeint sein können. Vorbei ist diese Karriere für mich, weil sie sich nicht mit der Familie vereinbaren lässt. Ich habe mit meinem Mann zwei Kinder, eins davon mit hohem Förderbedarf. Das allein ist Grund genug, dass nicht zwei Eltern arbeiten gehen können, schon gar nicht in einem Job mit Schichtsystem und hohem Krankenstand, bei dem sofort Menschen unbetreut dastehen, wenn ich mich krankmelde. Anders als viele Kolleg*innen falle ich weich, schließlich habe ich noch andere, freiberufliche Möglichkeiten. Trotzdem, Abhängigkeit vom Partner, Einschnitte bei der Rente und ein Riesenbatzen Care-Arbeit, das betrifft auch mich. Keine besondere Geschichte und eigentlich kaum eine Kolumne wert. Und doch wiederholt sich diese Geschichte immer noch und immer wieder und meistens sind die tragischen Heldinnen Frauen. Manchmal heißt kämpfen, die scheinbar banalen Dinge immer und immer wieder erzählen, bis sie sich ändern.

Jasper Nicolaisen ist bei Erscheinen dieser Ausgabe nicht mehr Erzieher, sondern Hausmann, Künstler und Menschenberater, aber zum Glück reich verheiratet.

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an.klang: Oçıp kitmä https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/ https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:16:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=24962 Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle […]]]>

Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann

Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle selbst überall hinein dürfen. Stimmt alles genau so, aber trotzdem bringt all das in kaum fassbaren Ambivalenzen auch unfassbar Beglückendes mit sich. Zum Beispiel einen Lebensweg wie den der Musikerin Aygyul, der ohne beides kaum vorstellbar wäre. Geboren und aufgewachsen in Tatarstan, einer autonomen Republik im Osten (des europäischen Teils) Russlands, in der dortigen Hauptstadt Kazan im Alter von acht bis 17 Jahren zur Opernsängerin ausgebildet, entscheidet sich Aygyul als junge Erwachsene, dass das noch nicht alles war. Mit zwanzig zieht sie, ganz alleine und ohne Deutsch oder Englisch zu sprechen, von Kazan nach Wien, wo sie mittlerweile seit fünf Jahren lebt. Weil sie privat ohnehin nie Opern, sondern Rock und Hiphop gehört und immer schon davon geträumt hat, klassische mit zeitgenössischer Musik zu verbinden, bringt sie sich das Produzieren elektronischer Musik selbst bei – mithilfe von Youtube-Tutorials. Englisch lernt sie mit Netflix. Und als ob das noch nicht genug wäre, schafft sich die Wahl-Floridsdorferin auch noch Beatboxing und das Filmen von Videos drauf, alles natürlich wieder strictly DIY. Dabei beschränkt sich bei Aygyul der künstlerische Prozess aber nicht nur auf ihre eigene Person, sondern ist ein kollaborativer Vorgang. Mit ihrer Mitstreiterin und Mitbewohnerin Pati Avish, die als Street-Art-Künstlerin und als Poetin aktiv ist, schreibt und konzipiert sie die Songs und Videos gemeinsam – und setzt sich für die Dinge ein, die beiden wichtig sind: Feminismus, Veganismus und einen so fried- wie liebevollen Umgang mit der Welt und all ihren Bewohner:innen.

Neben dem Engagement für ernste und gewichtige Themen zeigt Aygyul auf ihrem Youtube-Kanal aber gerne auch ihre spielerische, humoristische Ader: Während des Corona-Lockdowns produzierte die Multibegabte ein aufmunterndes Musikvideo mit dem Titel „Musicican on Isolation“, in dem sie mithilfe von Playtronica-MIDI-Controllern Klopapierrollen in Soundquellen verwandelte. Aygyul haut auf die damals so heiß begehrten Röllchen, dancey Clubsounds und slicke Autotunes-Vocals ertönen, und kleine Videobildchen einer frech schreienden Cardi B poppen auf!

Die aktuelle Single von Aygyul ist ebenfalls während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen in ihrem Heimstudio in Wien entstanden. Die Musikerin war an über hundert Jahre alte Aufnahmen tatarischer Volkslieder gelangt, die, auf Metallplatten gepresst, im Archiv eines lokalen Museums gelagert hatten, bis sie aufwendig digitalisiert wurden. In „It’s More“ verbindet Aygyul nicht nur im Sinne einer Musikethnographin zwei unterschiedliche Sounds und Epochen, indem sie Snippets aus dem Originalmaterial in ihre zeitgenössische Dancepop-Komposition einbaut, sie benutzt auch zwei Sprachen: Englisch und Tatarisch. Die sanfte Forderung „Oçıp kitmä“, was auf Deutsch so viel wie „Flieg nicht davon“ bedeutet, zieht sich als sehnsuchtsvolle Widmung an eine geliebte Person durch den gesamten Track. Die Verbindung von opernhaften mit aktuell clubbigen sowie alten Folk-Elementen ist dabei eine Mischung, die beispielhaft dafür steht, wohin sich interessante Musik von heute entwickeln sollte: nach vorne, nach hinten, unten, oben und in alle Richtungen. Soll heißen: Pop jetzt und morgen, wenn man ihn dann überhaupt noch so nennen möchte, inspiriert sich nicht nur aus der Zukunft und der Vergangenheit, sondern erschließt sich unentdeckte bzw. übersehene Quellen aus allen Epochen und Regionen der Welt. Und hat keine Berührungsangst mit der so genannten Hochkultur. Ganz geht das Konzept bei Aygyul noch nicht auf, weil sie slicke Elektronikpopsounds privilegiert, die das darunter liegende faszinierende Konzept fast gänzlich verdecken. Aber wenn sie so engagiert und talentiert weitermacht, passiert hoffentlich wirklich bald das, was ihre Mutter ihr schon als Kind prophezeite: Sie steht auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Und zwar, wie von ihr selbst erträumt, mit einem politisch engagierten Kollektiv aus allen Teilen der Welt, das ohne Berührungsängste alle künstlichen Grenzen sprengt.

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an.lesen: Fetter Feminismus https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:13:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=24957 Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer „Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber […]]]>

Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer

„Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber nicht selbst erzählen darf – vor allem nicht, wenn es um Sex geht. Fernsehbildschirme bevölkern dicke Personen oft als kopfloser Körper – sie werden als der Innbegriff des Ungesunden und Undisziplinierten inszeniert.

Zu dicken Körpern scheinen alle eine Meinung zu haben, kritisiert Sofie Hagen. Scharfzüngig und oft bitterböse greift die Autorin in die Erlebniskiste dicker und fetter Personen und schreibt dabei vorrangig für dicke Menschen, insbesondere für dicke und queere Menschen. Nicht-dicke Personen verweist sie immer wieder auf ihren Platz, sie sind nur Gäste in diesem Buch. Ihren Humor hat sie jedoch trotz aller diskriminierenden Erfahrungen tatsächlich nicht verloren. Nicht umsonst ist Hagen auch über ihre Heimat Dänemark hinaus eine gefeierte Comedian. Sie behauptet sich in einer cis-männlich dominierten Szene, in der Witze gerne auf Kosten dicker und oder queerer Personen gehen. Dagegen wehrt sie sich, auf der Bühne und mit diesem Buch.

„Du bist doch eh selbst schuld“ – das ist der – ausgesprochene oder auch unausgesprochene –Vorwurf der die Diskriminierungserfahrungen dicker Person oft begleitet. Die Diskriminierung, die sie erleben, wird deshalb häufig als legitim erachtet bzw. gar nicht als solche wahrgenommen. Hagen schildert eine Reihe dieser verletzenden Erfahrungen, strukturelle und individuelle. Sie erklärt den nicht-dicken Leser_innen ihres Buches, was diese im Alltag wahrscheinlich oft gar nicht bemerken: Dass Reisen, vor allem mit dem Flugzeug, für dicke Menschen zur Qual werden kann. Denn die Sitze sind nur auf sogenannte Normkörper ausgerichtet, der Gurt ist oft zu kurz, die Bitte um Gurtverlängerung ein Moment der zusätzlichen Beschämung. Der öffentliche Raum und andere Räume können so allein durch ihre Beschaffenheit zu Orten des Ausschlusses werden. Ist die öffentliche Toilette breit genug? Ist der Stuhl stabil genug? Wie sind öffentliche und andere Verkehrsmittel gebaut? Essen im öffentlichen Raum? Gibt‘s nur gewürzt mit abwertenden Kommentaren.

Durch den Hindernisparcours des alltäglichen Lebens von dicken Personen manövriert Hagen ihre Leser_innen jedoch auch immer wieder mit Tipps, sich selbst und den eigenen Körper wertzuschätzen, sich etwas Gutes zu tun. Sich selbst einzugestehen, dass es nicht erzwungen werden kann, den eigenen Körper zu lieben, gehört für sie jedoch dazu. Die Tipps zur Selbstfürsorge entkoppelt sie ganz bewusst von jeglichem Optimierungsdrang. Happy Fat ist dabei fast schon ein Aufruf zur Dicken-Revolution, für ein Recht auf Raum und Platz, auf Respekt, Crop Tops und Sex.

Hagens Buch ist nicht nur bissig und humorvoll, sondern kommt auch mit einer ordentlichen Portion Selbstreflexion daher. Sie ist sich bewusst, dass ihre Erlebnisse als dicke Person keine Allgemeingültigkeit besitzen. Und so öffnet die Autorin nicht nur Raum für eigene Gedanken, sondern lädt Personen zu Interviews ein, die mit ihr über die Perspektiven von dicken trans Personen, POC und Menschen mit Be_hinderungen sprechen. Auf gar keinen Fall will Hagen von sich auf andere schließen oder für diese sprechen.

Das Lesen macht Lust auf eine dicke Revolution – und darauf, es doch noch mal mit einem Crop Top zu versuchen.

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