an.schläge 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:07:44 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Arbeitszeitverkürzung ist das Thema der Zeit“ https://ansch.4lima.de/arbeitszeitverkuerzung-ist-das-thema-der-zeit/ https://ansch.4lima.de/arbeitszeitverkuerzung-ist-das-thema-der-zeit/#respond Sun, 05 Mar 2017 13:26:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8433 Sabine Oberhauser © Denise BeerInterview: Die Pläne der neuen Frauenministerin SABINE OBERHAUSER. Von DENISE BEER und GABI HORAK]]> Sabine Oberhauser © Denise Beer

SABINE OBERHAUSER ist neue Frauenministerin in Österreich. DENISE BEER und GABI HORAK trafen sie zum Interview. Mitarbeit: BETTINA ENZENHOFER

 

Erst seit wenigen Tagen ist Sabine Oberhauser offiziell für die Frauenagenden zuständig, aber Türschilder und Logos sind bereits im ganzen Haus ausgetauscht. „Ministerium Frauen Gesundheit“ steht hier – diese Reihenfolge war der neuen Frauenministerin wichtig. Sabine Oberhauser spricht sehr offen darüber, was ihrer Meinung nach in der Realpolitik möglich ist und was nicht. Auf so manche Detailfrage kommt ein ehrliches „Das weiß ich nicht“ als Antwort, und ihre Sprecherin notiert das Thema für spätere Recherchen. Wir werden darauf zurückkommen …

an.schläge: Frau Oberhauser, bräuchte es nicht ein eigenständiges Frauenministerium?

Sabine Oberhauser: Es ist zeitlich schwierig, aber aus der täglichen politischen Arbeit weiß ich, dass es kein Fehler ist, zwei Bereiche zu haben. Mehr Spielmasse erleichtert das Verhandeln. Ausschlaggebend ist die finanzielle Ausgestaltung. Im Herbst bei den Budgetverhandlungen können wir Bundeskanzler Kern daran messen, ob er sein Vorhaben durchsetzt, das Frauenbudget anzuheben.

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Meine Schwerpunkte liegen einerseits beim Arbeitsmarkt, Weiterentwicklung bei der Einkommensschere, Einkommensberichte, Teilzeitquote. Im Herbst werden wir einen Aktionsplan Frauengesundheit vorstellen, den Gabi Heinisch-Hosek und ich noch gemeinsam entworfen haben. Ein weiterer Schwerpunkt sind Maßnahmen gegen Gewalt. Wir werden zunächst versuchen, den Frauennotruf vermehrt ins Spiel zu bringen, außerdem ist eine Homepage als Meldestelle geplant. Ich denke, dass wir hier sehr rasch aktiv werden müssen. Mir wird berichtet, dass die Distanzlosigkeit gegenüber Frauen, das Begrapschen und Beschimpfen, eine völlig neue Dimension bekommt. Da ändert sich etwas – nicht nur bei Migranten, da ziehen unsere österreichischen Machos gut mit. Wir müssen in Aufklärungskampagnen und Unterstützung investieren. Man muss vermehrt auf verbale Konfliktlösungen hinweisen. Das aktuelle Gewaltschutzprogramm zu Cyber-Gewalt haben Innenminister, Justizminister, Staatssekretärin Muna Duzdar und ich gemeinsam in den Ministerrat eingebracht. Wir wollen das zum Thema der gesamten Bundesregierung machen.

Ist auch daran gedacht, sich die gesetzlichen Regelungen zum Gewaltschutz genauer anzusehen?

Ich bin keine Juristin, aber es versichern mir alle Juristinnen und auch das Justizministerium, dass das österreichische Strafgesetz relativ viel hergibt. Da sind wir in Europa Vorreiter.

Die Teilzeitquote bei Frauen liegt derzeit bei 48 Prozent. Haben Sie konkrete Pläne, um die Vollzeitbeschäftigung bei Frauen zu erhöhen?

Nein. Denn wenn es diese konkreten Pläne gäbe, dann hätte die schon jemand vor mir entwickelt. Ich glaube, man muss differenzieren: Um welche Art von Teilzeit handelt es sich? Das wird in den Statistiken kaum ausgewiesen – alles was unter vierzig Stunden fällt, gilt als Teilzeit. Und es fehlt qualifizierte Kinderbetreuung, gerade bei den Unter-Dreijährigen.

Braucht es hier nicht langsam einen mutigen, großen Schritt, damit jedes Kind in jedem Bundesland gleich qualifizierte Kinderbetreuung vorfindet?

Und wer zahlt? Kinderbetreuung ist Ländersache. Was der Bund tun kann, geht über den Finanzausgleich. Das Gratis-Kindergartenjahr wurde so durchgesetzt. Es wird vom Bund Geld in die Hand genommen, aber es scheitert, wie so viele Dinge in Österreich, an der Frage der Zuständigkeiten.

Würden Sie eine allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit unterstützen?

Ja, natürlich. Eine Arbeitszeitverkürzung und neue Aufteilung der Arbeitszeit ist das Thema der Zeit. Alleine die Überstunden: Wenn wir uns überlegen, wie viele Männer vierzig Stunden plus und Überstunden arbeiten, weiß man, dass genug Arbeit da wäre, man müsste sie nur anders verteilen.

Der Koalitionspartner möchte das Frauenpensionsalter lieber heute als morgen anheben. Sind Sie dafür zu haben?

Nein.

 

Sabine Oberhauser © Denise Beer
Sabine Oberhauser © Denise Beer

 

Die diskutierte Kürzung/Deckelung der Mindestsicherung träfe fast ausschließlich Kinder und Alleinerziehende. Würden Sie Ihre Unterschrift unter so eine Gesetzesänderung setzen?

Nein. Auch andere im Ministerrat würden das nicht tun.

Für den Ausbau der Ganztagsschule wurden 750 Millionen lockergemacht. Aus der ÖVP gibt es unterschiedliche Signale, ob damit Nachmittagsbetreuung in der Schule oder eine echte, verschränkte Ganztagsschule gemeint ist.

Der Ideologiestreit ist nicht beendet, den kann man auch mit einer Milliarde Euro nicht beenden. Es ist ein Kompromiss in einer Regierung, in der zwei Parteien sehr unterschiedlich denken. Ich glaube, dass mit der flächendeckenden, verschränkten Schulform zunächst nicht alle glücklich wären. Aber ich bin felsenfest von den Vorteilen überzeugt. Es macht die Unterschiede der Herkunftsfamilien wett.

Ist es ihr Ziel, den Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein durchzusetzen?

Nein. Es ist ganz klar definiert, was Krankenbehandlung ist. Die Krankenkasse kommt weder für Prävention von Schwangerschaft noch für einen Schwangerschaftsabbruch auf. Außer bei Gefahr für Mutter oder Kind – dann ist es eine Therapie. Was aber wichtig ist: darauf zu drängen, in allen Bundesländern Möglichkeiten zu schaffen, dass Frauen Zugang zum Schwangerschaftsabbruch haben. Was man sich möglicherweise überlegen müsste, ist eine soziale Staffelung bei den Preisen.

Die Forderung, dass es in allen Bundesländern Krankenhäuser geben muss, die einen Abbruch vornehmen, gibt es schon lange …

Ja, aber wir haben keinen Durchgriff.

Auch in der Ausbildung der ÄrztInnen gibt es Lücken, manche lernen gar nicht, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird.

Weil dieser immer noch strafbar und nur bis zur zwölften Woche straffrei gestellt ist. Und weil auch nur jene Ärzte darin ausgebildet werden, die das auch wollen. Das ist geübte Praxis und ich halte das nicht für schlecht. Ärzte können sagen, dass sie es aus moralisch-ethischen Gründen nicht wollen. Dieses Recht steht ihnen zu. Es liegt dann auch in der Verantwortung des Spitalsträgers, ausgebildete Ärzte anzustellen. Wenn der Spitalsträger keine Abbrüche anbieten will, kann ich das nicht beeinflussen.

Soll der Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetz gestrichen werden?

Das ist in der derzeitigen politischen Situation nicht durchsetzbar. Mit allen Parteien, außer den Grünen – und auch da bin ich mir nicht sicher. Im Umgang mit dem Schwangerschaftsabbruch habe ich gelernt: Am besten man belässt es, wie es ist. Es wird nicht besser! Dann kommen nur noch mehr Entschließungsanträge zu Verschärfungen als jetzt schon.

Im Mai 2013 hat die SPÖ ein Positionspapier zu Intersexualität veröffentlicht. Warum sind in Österreich immer noch geschlechtsanpassende Eingriffe an Kindern erlaubt?

Die Frage des dritten Geschlechts, wie es das in vielen Ländern schon gibt, muss man sich anschauen. Wie entscheide ich als Eltern, wenn das Kind nicht entscheiden kann? Kann und darf man Eltern dazu bringen, ihr Kind bis zum 16. Lebensjahr ohne geschlechtliche Zuordnung großzuziehen? Wie hält eine Familie das aus? Man muss auch immer den ländlichen Raum mitbedenken, der sehr konservative Strukturen hat. Deshalb verstehe ich Eltern, die das möglichst rasch entscheiden wollen.

Die Frage ist: Hat das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit Vorrang?

Ja, aber es gibt auch das Recht des Kindes auf ein Leben in der Familie. Und wenn eine Familie so etwas nicht aushält, ist die Frage, wie die Unversehrtheit des Kindes zwar körperlich besteht, aber dafür seelisch nicht.

Es gibt nur rund sieben Prozent Bürgermeisterinnen. Wie können wir das ändern?

Indem wir versuchen, langsam die männliche Definition von Arbeit und Politik in eine weibliche Definition umzuwandeln. Die Frage ist, ob es notwendig ist, dass der Bürgermeister am Wochenende bei jedem Festl sitzt. Viele Frauen kennen nur die männliche Art der Führung: Sitzungen bis in die Nacht, ständige Verfügbarkeit. Es gibt Firmen, da finden Meetings nur zwischen 9 und 16 Uhr statt. Das würde schon viel Druck wegnehmen.

Schließen Sie als Frauenministerin eine Koalition mit der FPÖ aus?

Wir erarbeiten Kriterien, nach denen wir entscheiden, mit wem die Sozialdemokratie in eine Koalition geht. Und wenn jemand Frauen nicht als gleichwertige Partner im System betrachtet, Frauenhäuser als das Ende der Ehe bezeichnet und von Genderwahnsinn spricht, dann glaub ich nicht, dass die SPÖ mit so einer Partei im Bund koalieren sollte. Mit der derzeitigen FPÖ gibt es keine Berührungspunkte in der Frauenpolitik.

 

Sabine Oberhauser (SPÖ) ist seit 2014 Gesundheitsministerin, zusätzlich übernahm sie am 1. Juli im Zuge eines größeren Umbaus im Regierungsteam durch den neuen Bundeskanzler Christian Kern auch die Frauenagenden.

 

 

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Feminist Superheroines: Marlene Dietrich https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marlene-dietrich/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-marlene-dietrich/#respond Wed, 23 Nov 2016 14:12:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8065 Grande Dame und Ikone der Lesbenbewegung. Von VANJA NIKOLIĆ]]>

Marlene Dietrich (27.12.1901–06.05.1992) war Grande Dame und eine Ikone der Lesbenbewegung zugleich. Sie zeichnete sich aber nicht nur durch ihre androgynen, stilprägenden Hosenanzüge aus, sondern auch durch ihre klare antifaschistische Haltung – während des Nationalsozialismus engagierte sie sich für deutsche Regime-GegnerInnen in Paris. Dietrich nahm 1939 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und galt damit in Deutschland als „Volksverräterin“. Nachdem sie 1960 bei einem Konzert mit Eiern beworfen wurde, sagte sie: „Angst? Nein, ich habe keine Angst. Nicht vor den Deutschen. Nur um meinen Schwanenmantel, aus dem ich Eier- oder Tomatenflecken kaum herausbekommen würde – um den habe ich etwas Angst.“

 

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com

 

 

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an.künden: Zukunftsblick https://ansch.4lima.de/an-kuenden-zukunftsblick/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-zukunftsblick/#respond Wed, 23 Nov 2016 14:04:58 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8047 Rae Spoon kommt mit dem achten Solo-Album „Armour“ nach Wien.]]>

Rae Spoon kommt zurück nach Wien! Mit im Gepäck: das achte Solo-Album „Armour“. Darauf befinden sich intime Songs über persönliche traumatische Erlebnisse, Blicke in die Zukunft und Erkenntnisse über den Sinn des Lebens. Tanzbare elektronische Arrangements, u. a. vom Berliner Künstler „Plastik“ komponiert, treffen auf poppige Lyrics. Außerdem dabei: Hip-Hop und Gitarrenlieder von FaulenzA aus Berlin sowie Garage-Sounds der Wiener Künstlerin Ana Threat.

 

15.12., 20:00: Rae Spoon feat. Plastik, Ana Threat & FaulenzA
Rosa Lila Villa, 1060 Wien, Linke Wienzeile 102, www.dievilla.at

 

Rae Spoon © Foxx Foto
Rae Spoon © Foxx Foto

 

 

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an.künden: Kinokörper https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kinokoerper/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kinokoerper/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:58:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8049 Das neunte „this human world – International Human Rights Film Festival“ in Wien.]]>

Zum neunten Mal bietet das „this human world“ an elf Festivaltagen ein Programm aus 115 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen sowie Performances, Workshops, Lectures und Diskussionen rund um die Themen Menschenrechte und deren Durchsetzung. Diesjährige Schwerpunkte liegen auf utopischen Zukunftsperspektiven, Flucht, Migration und Diaspora, Menschenrechtsverletzungen sowie dem Thema Körper. Mit dem Coming-of-Age-Film „The Fits“ über die elfjährige Boxerin Toni bringt Anna Rose Holmer ihr Regiedebüt über Pubertät und Genderidentität auf die Leinwand.

 

1.–11.12., „this human world – International Human Rights Film Festival“
diverse Spielorte in Wien, www.thishumanworld.com

 

„The Fits“ © The Fits
„The Fits“ © The Fits

 

 

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lesbennest: Your Compatibility, please? https://ansch.4lima.de/lesbennest-your-compatibility-please/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-your-compatibility-please/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:39:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8106 LesbennestSexual compatibility is essential. Von DENICE BOURBON]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

 

Why do we still use the word “sexuality” as a reference to what kind of people get our mojo going? I don’t know about you, but when I see or meet somebody I fancy, I don’t exclusively get high on the idea of a potential physical encounter. “I wanna kiss her*, I wanna touch her* all over, I wanna fuck her*” is not the only thing that runs around my head like grand prix race. I get intrigued, yes. I desire, yes. But more often than not I find myself not wanting to hook up because the thought of it is just too much. Too overwhelming. Instead, I swoon. I sit and suck in everything that she* says and does and I just want to be her audience. To me, this is what (currently) defines me as lesbian with a little pinch of queer. I think boys* & Co. can be cute, funny and smart, and their cuteness can even suck me into the idea of “making-out-a-little”. But it’s the being a fan of people who identify as girls* that makes me the dyke I am. Kissing and fucking is easy. I can do that left and right and up and down. It’s the feeling of connecting in that particular way that shows you the direction of whichever of the multiple gender identities feels fitting for you: the compatibility. Like “this is a person I can imagine holding hands with”. Regardless if this handholding image is a fantasy of the long term-kind or only in the taxi on the way to the one-night stand. Yeah, yeah, yeah. I know that using the handholding metaphor makes me sound like such a lesbian cliché that I seem more out-dated than afterellen.com.
And I know many of you are into fucking only. And you all probably threw up a little just now. But I’m not tossing the sex-thing out the window. Hell no. Sexual compatibility is essential. If it won’t work out and the rhythm just isn’t there no matter how groovy you get, the odds that you’ll get into a perfect mambo are pretty low. You can’t force it, really.
So. I was thinking that we could maybe start calling ourselves “compatible” instead? Like pan-compatible, queer-compatible, hetero-compatible and so on.
What do you think? Too unsexy?

 

Denice doesn’t read theory. So if there are already hundred books on the topic and this whole column is dustier than monarchy, she apologises. She also promises that she will get back to writing funny columns again. Soon.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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an.lesen: Gefangen im Schlachthaus https://ansch.4lima.de/an-lesen-gefangen-im-schlachthaus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gefangen-im-schlachthaus/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:34:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8103 Wenn Vegetarismus ans eigene Fleisch geht. Von CAROLIN HAENTJES]]>

Vegetarismus als Abschied auch vom eigenen Fleisch: CAROLIN HAENTJES über den ausgezeichneten Roman „Die Vegetarierin“.

 

Eine Frau räumt nachts den Kühlschrank aus. Wegen eines Traums, sagt sie, im Nachthemd zwischen Gefrierbeuteln voller Schweinebauch und Tintenfisch hockend. Ihr Mann ist fassungslos. Was ist los mit dieser Frau? Sie war so wunderbar funktional, jetzt fängt sie an zu provozieren: ernährt sich vegetarisch, kocht auch ihm kein Fleisch mehr, sitzt beim Geschäftsessen ohne BH am Tisch. Unansehnlich wird sie außerdem, mager und übernächtigt. Er schaltet ihre Familie ein. Alle reden auf sie ein, versuchen sie mit Gewalt und Intrigen von ihrem individualistischen Spleen abzubringen – nur zu ihrem Besten natürlich.

Krank vom Fleisch. In Südkorea, wo die Autorin Han Kang lebt, ist bewusst fleischfreie Ernährung selten. Aber die Aggression, die „die Vegetarierin“ des gleichnamigen Romans wegen der Entscheidung über ihre Ernährung erfährt, ist auch deshalb verstörend, weil Yong-Hyes Vegetarismus offensichtlich pathologisch ist. Und die Reaktionen der Familie treiben sie nur tiefer in ihren Wahn. Was sie bewegt, begreift niemand.
Zu sehr sind die Personen, die das Geschehen schildern, in ihrer eigenen Weltsicht gefangen. Ihr gefühlskalter Ehemann berichtet über Yong-Hye, als wäre ein Küchengerät kaputtgegangen. Ihr Schwager stilisiert sie zu einer Muse, um seine künstlerische Schaffenskrise zu überwinden. Und die Schwester, die Yong-Hye in die Klinik hat einweisen lassen, wirft ihr Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit vor. In dieser Krankheitsgeschichte in drei Akten kommt die Protagonistin selbst kaum zu Wort. Lediglich in ein paar kurzen Sequenzen ist zu lesen, was für gewaltgetränkte Bilder sie verfolgen: Albträume, in denen sie durch dunkle Wälder hetzt, sich in ein Schlachthaus verirrt und in einer Blutlache ihr Spiegelbild sieht. Erinnerungen, wie ihr Vater den Hund, der sie gebissen hatte, zu Tode hetzte und sie selbst von seinem Fleisch aß, nachdem sie das Tier hatte sterben sehen. Und jetzt ist da dieser andauernde Magendruck. „Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher.“

 

Han Kang © Baek Dahum
Han Kang © Baek Dahum

 

Jägerin & Gejagte. Es scheint, als sei Yong-Hye zu Bewusstsein gekommen. Sie kann die Gewalt und die Schuld, die sie durch ihr „normales“ Leben auf sich geladen hat, nicht mehr verdrängen. An diesem animalischen Mensch-Sein, das seine „Zivilisiertheit“ durch Eroberung und Unterwerfung behauptet, möchte sie nicht mehr teilhaben. Sie muss ihr Leben auf eine andere Grundlage stellen. Sie versucht ein Baum zu werden.
Han Kangs Heldin hat eine Schwester im antiken Mythos: Die Nymphe Daphne, die auf der Flucht vor dem lüsternen Apoll in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde. Daphne hatte ihren Vater angefleht, ihr die reizende Gestalt zu nehmen. Auch Yong-Hye flieht – vor ihrem Mann, der sie nachts ganz selbstverständlich vergewaltigt. Aber bei ihrer Metamorphose bittet sie niemanden um Hilfe, die erotische Ausstrahlung hungert sie ihrem Körper ganz alleine weg. Mit einfachen, hypnotisch klaren Sätzen lotet Han Kang die weibliche Position in einer engen, patriarchalen Ordnung aus: Das Paradox, zugleich Jägerin und Gejagte zu sein.

Universelles Auflehnen. Irgendwann glaubt sich Yong-Hye kurz vor der Überwindung ihrer Menschlichkeit. Die Ärzte sagen, dass sie stirbt. Das letzte Wort hat Yong-Hyes große Schwester In-Hye – sowohl über Yong-Hyes Zwangsernährung als auch über die Deutung der Geschichte. Aber sie, die Yong-Hye die ganze Zeit begleitet hat, starrt auf Bäume, ihre Zweige und wie sich das Licht zwischen dem Grün der Blätter bricht. Die Sehnsucht nach einem Leben jenseits des gesellschaftlichen Zwangssystem, das kann sie nachfühlen – aber inwieweit kann man sich gegen das Leben auflehnen, ganz grundsätzlich? Es sind bodenlose Fragen, die „Die Vegetarierin“ aufwirft. Völlig zu Recht wurde Han Kang im Sommer mit dem wichtigsten britischen Preis für internationale Literatur bedacht. Ironischerweise heißt die Auszeichnung Man Booker Prize.

 

Carolin Haentjes arbeitet in Berlin als freie Journalistin.

 

Han Kang: Die Vegetarierin
Aufbau 2016, 19,50 Euro

 

 

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lebenslauf: Totentänze und Klageweiber https://ansch.4lima.de/lebenslauf-totentaenze-und-klageweiber/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-totentaenze-und-klageweiber/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:28:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8099 LebenslaufJetzt soll auch das Totsein noch Happy-Hour-Flair haben. Von MICHÈLE THOMA]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

 

Es gibt so viele Möglichkeiten, tot zu sein! Alles kann, nichts muss, wenn man standesgemäß beziehungsweise verstandesgemäß unter die Erde will. Man ist inzwischen so überfordert vom Planen des Totseins wie vom Planen des Lebendigseins. Hört das denn nie auf? Ewige-Ruhe-Schnäppchen! Was es nicht alles gibt, wenn es eine nicht mehr gibt. Wen wurmt die Vorstellung der bodenständigen Variante nicht? Dann vielleicht Weltall statt Erdgeschoß? – für die, die ganz hoch hinaus wollen. Oder, statt aschgrau den Abfluss zu verstopfen, ein schillernder Diamant sein? Und einem/einer Auserwählten („Ich hänge so an dir!“) am Hals hängen.
Aber jetzt soll der letzte Trip auch noch Happy-Hour-Flair haben. Sonst kommt vielleicht keiner! Wenn alles so todernst ist, auch noch so ganz ohne Himmel, das vertragen die meisten nicht mehr, es geht ihnen zu sehr unter die Haut.
Deswegen seid lustig! Kommt bunt angezogen! Lieber Tänze als Tränen! Wir müssen von anderen Kulturen lernen, dauernd gibt es Berichte, wie toll es woanders ist, tot zu sein oder zu trauern. Der Tod ist eine Mordsgaudi, nur hier bei uns nicht, hier ist es todlangweilig, es herrscht Grabesstimmung. Die Mexikaner_innen schlecken Zuckertotenschädel, in Serbien spendieren sie den abgefahrenen Vorfahren Zigaretten, die Russ_innen tanzen Kasatschok auf der Oma. Sie haben sie mit Wodka gegossen. Bloß keine Grabesmienen! Lustig!
Toller Trauertrend, ist es so lustig, wenn alle lustig sind und man selber ist nicht mit dabei? Sie sind sogar lustig, weil man nicht mit dabei ist! Und so etwas soll die Verblichene auch noch fördern, es sogar noch organisieren und bezahlen, will sie keine Spaßverderberin sein.
Aber das Leben ist doch nicht immer lustig! In Tiefschwarz sollen sie kommen und herzzerreißend wehklagen, notfalls sollen Klageweiber gebucht werden (ich weiß nicht, ob Klagemänner kompetent genug wären). Sie sollen sich auf die Erde schmeißen, sich die Haare ausreißen, die Klamotten zerreißen, wie es sich gehört. Und sie sollen untröstlich sein, wenigstens einen schicklichen Moment lang, und sie sollen heucheln und Tränen verdrücken und runterschlucken, sich gegenseitig bebeileiden und verdammt noch mal leiden. Wenigstens kurz, ist das zu viel verlangt?

 

Michèle Thoma erbittet angesichts des Angebots Bedenkzeit.

 

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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Let It Go https://ansch.4lima.de/let-it-go/ https://ansch.4lima.de/let-it-go/#comments Wed, 23 Nov 2016 13:12:49 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8089 Interview: BEATRICE FRASL erforscht Disneyprinzessinnen. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

BEATRICE FRASL forscht zu Film, Gender und Disney-Prinzessinnen. Sie sprach mit FIONA SARA SCHMIDT über böse Stiefmütter, gute Hexen und weibliche Solidarität.

 

an.schläge: Alle Eltern in meinem Umfeld berichten, dass ihre Töchter im Kindergartenalter den Film „Die Eiskönigin“ abgöttisch lieben. Sind Figuren wie Elsa aus feministischer Perspektive positiver zu bewerten als frühere Charaktere?

Beatrice Frasl: Es ist ambivalent. Die klassische Interpretation ist, dass die Prinzessin auf ihre hetero-romantische Begehrenswelt reduziert wird, hübsch zu sein und auf den Prinz zu warten hat. Die Figur hat aber auch Macht – sie wird eines Tages Königin sein, das wird bei der Kritik oft ausgeblendet.
In der Darstellung hat sich seit Disneys erster Prinzessinnen-Phase (1937–1967) viel verändert, sie war sehr passiv bis hin zu komatös: Schneewittchen liegt als Ausstellungsstück im Sarg und kann nur betrachtet werden, Dornröschen schläft – Hauptfiguren haben dort gar keinen Handlungsspielraum. Schneewittchen verrichtet mit großer Begeisterung den Zwergen die Hausarbeit und Cinderella ist dazu verdammt, alleine den Haushalt zu schupfen. Durch die unterdrückende böse Stiefmutter haben wir meist eine dichotome Darstellung von Weiblichkeit, beide sind gleichermaßen eindimensionale und patriarchale Konstruktionen.
Zwischenzeitlich wurden kaum Filme mit Prinzessinnen-Figuren produziert. In den 1990er-Jahren, der „Disney Renaissance“, wurden Märchenstoffe dann als Musicals wieder zum Leben erweckt und die Prinzessin wird ungehorsam, vor allem ihrem Vater gegenüber, sie entspricht dem Klischee des rebellischen Teenagers. Oft rettet sie selbst den Prinzen und wehrt sich gegen eine arrangierte Ehe, zum Beispiel Arielle. Die erste Phase mit Dornröschen und Cinderella könnte man als präfeministisch bezeichnen, die zweite mit Arielle, Belle und Mulan als postfeministisch: Es wird dort so getan, als sei Feminismus obsolet und sie könnten frei und selbstbestimmt leben. Die Idee ist, dass Frauen sich selbst zum Objekt männlichen Begehrens machen, weil sie das so wollen. Emanzipation wird als individuelle Verantwortung gezeichnet, die Frauen müssen sich aus eigener Kraft von Unterdrückung befreien.
In der dritten Phase ab etwa 2000 findet man erstmals Regisseurinnen und feministische Inhalte. In den Filmen werden Einzelpersonen durch Frauenteams ausgetauscht, die gemeinsam rebellieren, es ist mehr Solidarität vorhanden. Der Stoff diversifiziert sich und einige Filme verweisen zurück auf die erste Phase, „Küss den Frosch“ folgt dem traditionellen Narrativ, allerdings geht es nicht mehr um Generationenkampf, der sich zwischen zwei Frauenfiguren entwickelt. In „Merida“ geht es um die Beziehung zwischen Tochter und Mutter sowie um Versöhnung, wie auch bei „Die Eiskönigin“ – hier zwischen zwei Schwestern.

Wieso fahren Mädchen nach wie vor so auf Prinzessinnen ab, obwohl es viele andere Identifikationsangebote gibt?

Das ist schwer zu beantworten. Einerseits richtet sich die Werbung konkret an junge Mädchen, sie sind aber auch ein Kondensat an Weiblichkeitsidealen, die es popkulturell zu der Zeit gerade gibt.

Also wird mit jeder Heldin ein neues zeitgenössisches Modell geschaffen?

Genau. In „Die Eiskönigin“ gibt es zwei Prinzessinnen, Anna und Elsa. Elsa kann Dinge vereisen, das macht sie zu einem gewissen Grad auch gefährlich, etwa wenn sie ihre Schwester angreift und deren Herz vereist und ins Exil muss. Die Hexe ist, da sie übermenschliche Fähigkeiten besitzt, in gewisser Weise eine Superheldinnenfigur, sie ist den anderen Figuren überlegen und machtvoll – das ist reizvoll. Elsa „stolpert“ in diese Rolle und möchte ihre Kräfte nicht gegen andere einsetzen – das macht sie zu einer „guten“ Hexe, die ihre übermenschlichen Eigenschaften, gleich einer Superheldin, auch in einem positiven Sinne für sich selbst und andere nutzen kann. Gleichzeitig wird hier weibliche Macht, anders als in früheren Disney-Filmen, nicht mehr als negativ gezeichnet.
Viele Disney-Filme, wie auch Märchen allgemein, können als Coming-of-Age-Narrative verstanden werden: Die Prinzessin entwickelt sich im Laufe der Geschichte „vom Mädchen zur Frau“ – diverse Übergangsriten werden durchschritten. Zudem werden Disney-Filme, und „Die Eiskönigin“ ist das offensichtlichste Beispiel dafür, damit auch als Coming-out-Narrative lesbar: missverstanden zu werden und sich nicht in der Gesellschaft wiederzufinden sind typische Themen. Es sind verborgene und stigmatisierte magische Fähigkeiten, die Elsa verstecken muss und welche sie im Laufe der Geschichte aber als Teil von sich anerkennt. In der Disney-Prinzessin finden sich also oft in kondensierter Form aktuelle Debatten um Geschlecht, Weiblichkeit und Sexualität wieder.

 

Disneys „Frozen“ (deutscher Titel: „Die Eisprinzessin – völlig unverfroren“) ist von Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ inspiriert. © Disney
Disneys „Frozen“ (deutscher Titel: „Die Eisprinzessin – völlig unverfroren“) ist von Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ inspiriert. © Disney

 

Durch das Twitter-Posting einer Siebzehnjährigen verbreitete sich die Forderung „Give Elsa a Girlfriend“. Ist bei Disney die Zeit bei reif für eine lesbische Protagonistin?

So sollte man die Frage nicht stellen. Disney ist ein gewinnorientiertes Unternehmen, wenn eine lesbische Prinzessin finanziellen Erfolg bringt, dann ist es eben eine lesbische Prinzessin. Teil des Marketing-Gags ist, dass Disney eine informelle Bildungsinstanz für Kinder ist, die Werte vermitteln soll. Disney reproduziert aber nur gesellschaftliche Normen. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis es eine lesbische Disney-Prinzessin gibt. Allerding: Auch wenn Elsa eine naheliegende Wahl ist, fände ich es schade, wenn das Coming-out nur nachträglich im Sequel eingefügt wird und nicht einen eigenen Hauptfilm bekommt. Im Animationsfilm ist Geschlecht auch gar nicht an Körperlichkeit gebunden, da gibt es viel queeres Potenzial. Disney folgt im Kino dabei leider anders als Cartoon-Serien wie „Spongebob“ einem sehr konventionellen Realismus.

Demnächst kommt der Animationsfilm „Moana“ ins Kino, mit Mulan und Esmeralda gab es bereits Women of Color als Disney-Heldinnen. Besonders an Pocahontas gab es viel Kritik.

Pocahontas zeigt gut, wie Gender, race und andere gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse miteinander verwoben sind. Kolonialismus wird reduziert auf eine hetero-romantische Liebesgeschichte. Pocahontas ist extrem sexualisiert und hat die für 90er-Disneyfilme typische Barbiefigur. Außerdem wird ihre Kolonisierung als ihr Schicksal von einer Kompassnadel, die sie im Traum sieht, vorgezeichnet – und somit auch legitimiert. Der „gute Kolonialist“ befreit die Native Woman („die edle Wilde“) aus ihrer patriarchalischen Herkunftsgesellschaft, der „böse Kolonialist“ wird mit vielen schwulen und antisemitischen Stereotypen versehen. Queering und Rassisierung sind bei Disney oft Wege, das Böse zu zeichnen: Bösewichte sind oft sehr transgressiv und „campy“ in Bezug auf ihre Geschlechterperformanz – gerade im Vergleich zu den sehr heteronormativ gegenderten Held_innen – man denke an Ursula in „Arielle“ oder an Scar aus „König der Löwen“. Außerdem: Löwe Scar hat etwa ein dunkleres Fell und Dschafar bei Aladdin einen arabischen Akzent.

Welche Prinzessinnenfilme finden Sie am interessantesten?

Am empfehlenswertesten aus feministischer Sicht finde ich den düsteren „Maleficent“ mit Angelina Jolie. Von Disney etablierte Geschlechternormen werden unterlaufen, indem die Stiefmutter und Aurora gemeinsam den Patriarchen bekämpfen.
„Die Eiskönigin“ erzählt von einer Beziehung zwischen zwei Schwestern und bricht ironisch viele klassische Disney-Tropen: Anna wird von Elsa damit aufgezogen, dass sie sich auf den ersten Blick in einen Prinzen verliebt und ihn gleich heiraten möchte. Der stellt sich dann auch als Bösewicht heraus. Der finale Kuss findet zwischen zwei Frauen statt, ebenso bei „Maleficent“ und „Merida“. Der beginnt wie viele Filme aus den 1990ern: Merida soll verheiratet werden, sie sucht sich dann allerdings nicht einen eigenen Prinzen, sondern lehnt das Konzept der Heirat insgesamt ab. Beim Wettschießen um ihre Hand tritt sie selbst versteckt unter einer Kapuze mit dem Bogen an.

Obwohl viele Disney-Filme eine weibliche Hauptfigur haben, nahm der Redeanteil laut einer Studie seit „Schneewittchen“ eher ab als zu und liegt etwa bei „Die Eiskönigin“ bei einem Drittel. Wie ist dieses Verstummen damit vereinbar, dass die Frauenrollen viel komplexer geworden sind?

Ich denke, ein quantitatives Messen der Redezeit alleine ist nicht sehr aussagekräftig ohne eine Analyse dessen, was gesagt wird. In „Schneewittchen“ kreist ein Großteil des von ihr Gesagten um den Prinzen, Hausarbeit etc. Ein höherer Anteil an von Frauen gesprochenen Worten alleine hat kein emanzipatorisches Potenzial, wenn diese Worte ein sehr patriarchales Verständnis von Frausein perpetuieren. Wünschenswert wäre natürlich Hörbarkeit in Kombination mit emanzipatorischen und/oder pro-feministischen Inhalten – dies findet sich beispielsweise in „Merida“. In jedem Fall ist es eine interessante Beobachtung, dass just in dem Moment, als Frauenfiguren komplexer werden (ab 1989), ihnen gewissermaßen gleichzeitig ein Stück ihrer Bühne genommen wird. Da stellt sich die Frage, ob sie nur dann Raum für Artikulation bekommen, wenn sie diesen mit Unterwürfigkeit und einem Sehnen nach dem Prinzen füllen.

Wie hat sich die Figur der Hexe seit den Disney-Anfängen verändert, inwiefern ist sie subversiv?

Zu Beginn haben wir wie im Grimm-Märchen „Schneewittchen“ die böse Stiefmutter, die Geschichte entfaltet sich in einem Machtkampf zwischen den Generationen. Die Hexe und Königin bricht aus einem heteronormativen Geschlechterbild aus, weil sie kinderlos ist, Schneewittchens Weiblichkeit hingegen wird durch ihre Mütterlichkeit konstruiert. Sie putzt und kocht für die Zwerge, die eigentlich erwachsene Männer sind – Schneewittchen kann noch Mutter werden, im Gegensatz zur Stiefmutter. Die will das Kind vergiften und sein Herz essen und pervertiert damit das mütterliche Nähren. Damit bricht sie mit vielen Weiblichkeitsvorstellungen und Erwartungen.
In der zweiten Phase gibt es mehr queere männliche Bösewichte, sie werden effeminiert und entsprechen schwulen Stereotypen, das fällt mit der Aids-Krise in den USA und dem damit einhergehenden homophoben Backlash der Reagan-Ära zusammen. Sie überschreiten die Grenzen der Männlichkeit, also markiert wieder Weiblichkeit das Böse. Die böse Ursula in „Arielle“ kann als Dragqueen gelesen werden. Vorbild für die Figur war die bekannte New Yorker Dragqueen Divine, die im Film „Pink Flamingos“ von John Waters auch Ekelgrenzen überschreitet. Im Song „Poor unfortunate Souls“ performt Ursula Weiblichkeit und weist Arielle an, wie sie in der Menschenwelt als Frau zu funktionieren hat.
In der dritten Phase wird die Hexe meist zu einer guten Figur, wie Eiskönigin Elsa. Bei „Maleficent“ wird die Geschichte von Dornröschen neu aufgerollt. Es wird erzählt, warum Maleficent eine dunkle Fee geworden ist, und das ist eigentlich eine Geschichte von patriarchaler Gewalt. Nachdem ihr ein Trank eingeflößt wird, werden ihr die Flügel abgeschnitten und sie ist ihrer Handlungsmacht beraubt – das ist sehr bewusst als Vergewaltigungsszene inszeniert. Danach nimmt sie Rache an König Stefan, verflucht seine Tochter Aurora, dann entwickelt sich aber zwischen den beiden eine Mutter-Tochter-Beziehung. Maleficent küsst Aurora auch wach und krönt sie am Ende sogar – eine Krönung gab es bis dahin für die Prinzessinnen nie. Es ist also eine Geschichte der Solidarität zwischen zwei Frauen, die davor als Gegnerinnen festgeschrieben wurden und ein patriarchales System stürzen.

 

Beatrice Frasl ist Doktorandin an der Universität Wien und arbeitet im Bereich Gender/Queer Studies und Cultural Studies. In ihrer Diplomarbeit ging es um „SpongeBob Schwammkopf “. Ihre liebsten Disney-Charaktere sind Merida, Ursula und Maleficent.

 

 

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heimspiel: Auf der Schulbank https://ansch.4lima.de/heimspiel-auf-der-schulbank/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-auf-der-schulbank/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:02:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8094 Hab ich wieder eine geforderte Bestätigung verpasst? Von BEAT WEBER]]>

leben mit kindern

 

Ich geh jetzt wieder in die Schule. Körperlich eigentlich nur zum Hinbringen meiner Tochter bis zum Schultor. Bis zur Garderobe neben dem Klassenzimmer wurden die Eltern nur in den ersten zwei Wochen vorgelassen. Eine Absage an kontrollwütige Helikoptereltern? Eher eine Zuweisung an den rechten Platz: daheim. Denn dort wartet nach Ende der Ganztagsschule das Nachsitzen
in einer anderen Autoritätskonstellation. Die Schule macht mich zu ihrer subalternen Disziplinierungsinstanz, irgendwo zwischen Hilfslehrkraft und selber Schulkind. Die Kinder in der Früh pünktlich aus dem Haus treiben ist nach fünf Jahren Kindergarten nicht wirklich neu. Der Rollenausbau setzt am Abend ein. Zunächst fand ich die häufigen Nachrichten im Mitteilungsheft irgendwie erfreulich – wer schreibt einem denn heutzutage noch Briefe? Aha, morgen Herbstausflug, bitte folgende Jause und Ausrüstung etc. Papa unterschreibt wichtigtuerisch. Bald kamen Leseübungs-Aufgaben hinzu. Seit dem zweiten schriftlichen Verweis (Fehlerzeichen, rot) wegen einer nicht geleisteten Unterschrift hat sich in Papas anfangs so selbstbewusst schwungvolle Signatur eine etwas zittrige Note eingeschlichen.
Hab ich wieder eine geforderte Bestätigung verpasst? Eine Übung übersehen oder nicht ordnungsgemäß ausgeführt? Weitere potenzielle Belege des Versagens in meiner mit „Sandwich“ treffend bezeichneten Position lauern auch anderswo in der Schultasche: ein Pausenbrot bloß lustlos angebissen? Die falsche Jause zubereitet! Restlos aufgegessen? Das Kind unterversorgt!
Einer meiner Volksschulkollegen wurde einst wegen eines aus der Schultasche verschwundenen Bleistifts wochenlang von seiner Mutter drangsaliert. Dass ich nicht so enden will, dachte ich mir damals in Bezug auf seine Person. Heute eher in Bezug auf ihre.
Die mitunter in Elternratgebern genährte Hoffnung, man könne erzieherische Autoritätsausübung an die Schule delegieren, wird nicht nur in der Regel enttäuscht, sondern läuft eher in die entgegengesetzte Richtung. Willkommen zurück auf der Schulbank. Der innere Musterschüler und der innere Dissident steigen wieder in den Ring. Hoffentlich mit einem erfahrungsgereifteren Ausgang als früher.

 

Beat Weber ist zweifacher Vater in Wien.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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Im virtuellen Würgegriff https://ansch.4lima.de/im-virtuellen-wuergegriff/ https://ansch.4lima.de/im-virtuellen-wuergegriff/#respond Wed, 23 Nov 2016 12:49:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8085 Paradoxe Schönheitsregeln: Liebe und hasse deinen Körper. Von CORNELIA GROBNER]]>

Apps, die automatisiert vermeintliche Makel von Selfies retuschieren, treffen auf Modelabels, die Achselhaare und Bäuche feiern. Der Raum für subtile Unterwanderung muss auch im Netz hart erkämpft werden. Von CORNELIA GROBNER

 

Seit Jahren werden Körperideale über soziale Medien und Hashtags wie #thighgap und #bikinibridge produziert und verbreitet. Gleichzeitig stoßen körperpositive Werbebotschaften auf ebenso große Resonanz. Der Youtube-Spot „You are more beautiful than you think“ der Pflegemarke Dove etwa wurde 67 Millionen Mal geklickt. Kern des emotionalisierenden Kurzfilms ist die Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die durch die Porträts eines Phantombildzeichners sichtbar wird – und zu Tränen rührt.

Neoliberale Händereichung. Viral verbreitete Botschaften wie der Clip von Dove klingen empowernd, doch sie bedienen sich lediglich am Narrativ, dass Frauen zu streng mit sich sind und daran erinnert werden müssen, nicht zu selbstkritisch zu sein. Das Body-Image-Marketing füttert die Idee einer gestörten Beziehung zwischen der Frau und ihrem Körper – angesichts der Masse an sexistischen Werbebildern ein schwer zu überbietender Zynismus. Ob als Selbstdarstellung oder Repräsentation – in einem visuell geprägten Medienalltag sind Bilder von Idealkörpern allgegenwärtig. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass existierende Normen sowie deren Kontrolle mittlerweile hauptsächlich medial bestimmt sind.
Kapitalismus und Patriarchat reichen sich über dem sozialen Kapital der Schönheit die Hände. Eine sexistische Schönheitsindustrie reproduziert die konstruierte Dualität der Geschlechter und reguliert dabei vor allem die als weiblich wahrgenommenen Körper. Das Paradox der aktuellen, von Social Media befeuerten Schönheitsdiskurse ist längst Gegenstand nicht nur feministischer Beobachtungen, sondern auch medien- und kulturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Eine prominente Protagonistin auf diesem Feld ist die britische Sozial- und Kulturwissenschafterin Rosalind Gill, die zu ästhetischer Arbeit und Schönheitspolitiken im Neoliberalismus forscht (1): „Es heißt, liebe deinen Körper, aber gleichzeitig erfahren wir immer neue Gründe, warum wir ihn hassen müssen.“ Sie ist eine scharfe Kritikerin körperpositiver Werbung: „Zum einen sind diese Videos exklusiv an Frauen gerichtet. Zum anderen arbeiten sie selbst mit den Mitteln, die sie kritisieren, wie dem Einsatz von Filtern, künstlicher Ästhetik und professionellen Models.“ Die Wissenschaftlerin streicht gleichzeitig die falsche Diversität dieser Marketingprodukte hervor: „Man gaukelt uns vor, dass wir eine Vielfalt an Frauen sehen, aber in Wahrheit unterscheiden sich die gezeigten Körper kaum.“

Ideales Selbstbewusstsein. Mit den kommerziellen vogue gewordenen Appellen, die weibliche Selbstkritik abzulegen, findet eine Verlagerung von der körperlichen zur psychischen Regulierung von Frauen statt. „Es ist nicht mehr damit getan, ins Fitnessstudio zu gehen. Obendrein gehört das Selbstbewusstsein gestärkt – ein weiteres Stück Mehrarbeit für Frauen“, konstatiert Gill.
Und während der Markt mit der Message vom Selbstvertrauen, in dem die eigentliche Schönheit liegt, infiltriert wird, überschwemmen Hunderte Beauty-Apps die Smartphones. Deren Filtereinstellungen definieren Normschönheit und führen Abweichungen davon bei jedem Selfie vor. Per Klick gibt es die automatische Gesichtsretusche inklusive Faltenentfernung, Zähneweißen und Nasenkorrektur – willkommen in der schönen neuen Welt der Selfie-Filter namens „Beautification“, „Thin Face Visage“ und „Cosmetic Surgery“.

 

Die Dove-Kampagnen werben seit über zehn Jahren mit „Real Beauty“. Die Models sind darin manchmal ein bisschen runder oder faltiger, meist aber noch immer nah am Schönheitsideal. © Dove
Die Dove-Kampagnen werben seit über zehn Jahren mit „Real Beauty“. Die Models sind darin manchmal ein bisschen runder oder faltiger, meist aber noch immer nah am Schönheitsideal. © Dove

 

Optimierte Körper. Algorithmen bewerten Attraktivität, geben Verbesserungstipps und scannen Körper auf angebliche Unvollkommenheit. Die vor allem in Asien schon seit Langem populären Apps sind entsprechend westlicher Schönheitsideale gepolt und teilweise rassistisch. Erst im Frühjahr geriet der Instant-Messaging-Dienst Snapchat wegen hautaufhellender Effekte seines „pretty“-Filters unter Kritik.
Besonders perfide ist, dass sich viele Beauty-Apps unter dem Deckmantel der Gesundheit verkaufen. In diese Kerbe schlagen auch prominente kommerzielle Fitness-Accounts auf Instagram. Dort zelebrieren weiße Mittelschichtsfrauen ein Körperideal, bei dem es um das Modellieren und Formen des eigenen dünnen Körpers geht. Die Bilder zeigen jedoch weniger den anstrengenden Weg, sondern konzentrieren sich auf den Erfolg der Selbstoptimierung: straffe Bauchmuskeln, schmale Taille, fester Po. Die Bilder von sexy inszenierten Frauenkörpern verknüpfen Attraktivität und Begehrtsein mit Sportoptik.

Subversive Aneignung. Social Media, so zeigt sich, ist längst zu einer Spielwiese der Reproduktion kommerzialisierter Schönheitsideale und Körpervermessungen geworden, die dazu einladen, Frauenkörper durch eine Brille des Defizits zu betrachten. Nichtsdestotrotz erlauben die Plattformen auch Praktiken zur subversiven Unterwanderung dieser Diskurse: Simple „funny“-Filter, die Selfies mit Katzenohren oder Bärten verfremden, brechen mit dem Schönheitsimperativ.
Den ästhetisierenden Rahmen von Instagram machen sich auch Yoga-Accounts zunutze, deren Betreiberinnen nicht den westlichen Schönheitsnormen entsprechen und ihre dicken, nicht-weißen Körper in sportlichen Posen sichtbar machen. Ähnlich agieren Plus-Size-Bloggerinnen, die sich nicht von den Schönheitsdiskursen der Fitnessund Modeindustrie verdrängen und diskriminieren lassen wollen.
Die Forderung nach Inklusion von dicken Körpern wird zaghaft erhört, wie die steigende Präsenz von Plus-Size-Models wie Ashley Graham und Tess Holliday zeigt. Die Hamburger Modesoziologin Melanie Haller führt dies jedoch mehr auf den Trend zu sichtbarer Diversität als Marketingstrategie zurück: „Diese Mehr-Präsenz großer Körper darf nicht verwechselt werden mit dem Wunsch, große Körper in der Modeszene nicht länger zu marginalisieren. Es geht schlicht um Aufmerksamkeitsökonomie.“ Bestes Beispiel dafür sei der aktuelle Werbespot der Bekleidungskette H&M, der zwar die Diversität von Frauenkörpern preist, große Größen aber nach wie vor fast ausschließlich online vertreibt.

Feministische Verweigerung. Bei aller Kritik an der Modeindustrie legen viele Plus-Size-Blogs nichtsdestotrotz Wert auf die Optimierung von dicken Körpern und betonen ihre normschönen Proportionen. Im Gegensatz dazu verbindet Nähblogs eine explizite verweigernde Haltung, wie Dagmar Venohr vom „netzwerk mode textil“, der Interessenvertretung der kulturwissenschaftlichen Textil-, Kleider- und Modeforschung, behauptet. „Das Selber-Nähen von Kleidung, die passt, wird zum feministischen Akt, mit dem sich die Bloggerinnen dagegen wehren, einem normierenden Ideal der Modeindustrie zu entsprechen“, so die promovierte Modewissenschaftlerin.
Selbst wenn über das widerständige Potenzial einer online inszenierten Handarbeitshäuslichkeit diskutiert werden kann, so bleibt das „selbstermächtigende Modehandeln“ (Venohr) der Näh- und Plus-Size-Bloggerinnen dennoch ein starkes Verweigerungssignal in Richtung Schönheits- und Modeindustrie. Die Visualisierung von Körperlichkeiten, deren Disziplinierung und die Exklusion von bestimmten Körpern über Social-Media-Kanäle ist immer auch ein Kampf um Sichtbarkeit und gegen gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die teils subtil, teils off ensiv wirkenden Mechanismen zur (Selbst-)Überwachung machen das widerständige und feministische Nein zu diesen Idealen schwierig. Schwierig, aber nicht unmöglich.

 

Cornelia Grobner kämpft bei Body-Image-Marketing mit der eigenen Gerührtheit und schreibt auch deswegen mit Genugtuung dagegen an.

 

(1) Ana Elias, Rosalind Gill, Christina Scharff: Aesthetic Labour: Beauty Politics in Neoliberalism, Palgrave 2016

 

 

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Empowernde DNA https://ansch.4lima.de/empowernde-dna/ https://ansch.4lima.de/empowernde-dna/#respond Wed, 23 Nov 2016 12:31:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8080 Interview: ALONDRA NELSON über Genetik und den Kampf gegen medizinische Apartheid. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Genetische Forschung kann befreiend wirken: Die afroamerikanische Sozialwissenschaftlerin ALONDRA NELSON über medizinische Diskriminierung und das soziale Leben der DNA. Interview: LEA SUSEMICHEL

 

an.schläge: Unser Interview findet am Tag nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA statt. Wie geht es Ihnen als US-Bürgerin, als kritischer Schwarzer Sozialwissenschaftlerin?

Alondra Nelson: Was derzeit in Europa passiert, hat Trumps Sieg nahegelegt. Auf rationaler Ebene bin ich also eigentlich nicht überrascht – aber emotional bin ich trotzdem schockiert. Ich war schon oft mit Kandidaten konfrontiert, mit denen ich ideologisch nicht übereingestimmt habe. Aber es ist das erste Mal, dass ich durch jemanden repräsentiert werden soll, der durch seine misogynen und rassistischen Äußerungen klar gemacht hat, dass er Frauen und People of Color missachtet, dass er mich als Person nicht respektiert.

Sie haben ein Buch über den Kampf der Black Panther Party gegen medizinische Diskriminierung geschrieben. Wie sah dieser Kampf aus? Und konnte Obamacare die medizinische Apartheid endgültig beenden?

Die Black Panther haben nicht nur gegen Rassismus und rassistische Polizeigewalt gekämpft, sondern sich auch um ganz konkrete Hilfestellungen bemüht. Denn trotz des allmählichen Abbaus der Segregation in den USA waren AfroamerikanerInnen weiterhin grundlegende Menschenrechte wie das auf Nahrung verwehrt, es mangelte an Essen, Unterkunft, Kleidung, aber eben vor allem auch an Gesundheitsversorgung. Die Black Panther versuchten deshalb, diese Dinge für ihre Communitys selbst zu organisieren.
Auch wenn es mit Obamacare jetzt ein Recht auf Gesundheitsversorgung für alle gibt, kann der Staat nicht garantieren, dass es keine Diskriminierung gibt und jede/r auch wirklich gut behandelt wird. Dennoch ist die große Errungenschaft von Obamacare, dass es nun endlich eine allgemeine Übereinkunft darüber gibt – wenn auch auf einem sehr niedrigen Niveau –, dass alle Menschen ein Recht auf medizinische Versorgung haben. Es gerät leicht in Vergessenheit, dass noch vor zehn Jahren viele Menschen diese Versorgung nicht hatten – und dass viele daran nichts falsch fanden. Ich hoffe, dass man dorthin jetzt nicht so einfach wieder zurückfallen kann.

Ihr neuestes Buch trägt den Titel „The Social Life of DNA“ und beginnt mit der Schilderung der genetische Ahnenforschung vieler AfroamerikanerInnen ab Mitte der 1960er. Wieso wurde Genealogie so wichtig?

Zum Teil war die Black-Power-Bewegung verantwortlich. Um der rassistischen Abwertung ein „Black is beautiful“ entgegenzusetzen, kam es zu einer intensiven Beschäftigung mit afrikanischer Kultur, afrikanischer Philosophie, afrikanischer Essenkultur. In den 1970er-Jahren gab es zudem das Alex-Haley-Phänomen, der mit seinem Buch „Roots“ einen Trend zur Suche nach den afrikanischen Wurzeln auslöste. Doch Ahnenforschung war in vordigitalen Zeiten natürlich eine sehr mühevolle Archivarbeit, die für viele unmöglich zu bewerkstelligen war. Als das „Human Genome Project“ begann, wollten wir zuerst mithilfe von Genetik Fragen der Vergangenheit beantworten. 2003 gründete der afroamerikanische Genetiker Rick Kittles das Unternehmen African Ancestry, um DNA-Tests für genealogische Forschung zu nutzen.

Es besteht die Hoffnung, dass genetische Ahnenforschung auch bei der Klage hinsichtlich Sklaverei-Reparationszahlungen genutzt werden kann. Bislang hat sich das vor Gericht jedoch als nutzlos erwiesen. Wo liegt das Problem?

2002 gab es eine Sammelklage für Reparationszahlungen gegen multinationale Konzerne wie Philip Morris, die von der Sklaverei profitiert haben. Die Strategie der Verteidigung bestand unter anderem darin zu behaupten, die KlägerInnen könnten nicht nachweisen, dass sie Nachkommen von SklavInnen sind. Daraufhin brachten diese das genetische Beweismaterial ihrer Ahnenforschung ein. Das Gericht wies dies allerdings damit zurück, es sei nicht spezifisch genug. Stattdessen wurde verlangt, das Verwandtschaftsverhältnis zu einer ganz bestimmten historischen Person nachzuweisen. Außerdem müsse belegt werden, dass diese Person beispielsweise auf dem Schiff eines bestimmten Unternehmens nach Amerika gebracht wurde. Das ist eine gewaltige, um nicht zu sagen unüberwindbare Hürde.

Die Vorstellung von Identität als einer essenziellen Wahrheit – egal, ob geschlechtlich oder ethnisch begründet – wird heute radikal infrage gestellt. Läuft eine positive Bezugnahme auf genetische Ahnenforschung nicht Gefahr, die Idee von „Rasse“ erneut festzuschreiben?

Natürlich, potenziell tut sie das! Die Genetik soll uns sagen, wer wir sind – das ist gefährlich. Aber im Unterschied zur rassistischen Wissenschaft wird die Genetik heute nicht dazu genutzt, Menschen in einem hierarchischen System auf ihren Platz zu verweisen, sondern sie entscheiden sich selbst für private Ahnenforschung, weil sie diese Technik für hilfreich und befreiend halten. Und die Menschen partizipieren nicht allein dadurch, dass sie ihr genetisches Material zur Verfügung stellen, sondern interpretieren und nutzen es auf sehr unterschiedliche Weise für ihre eigene Biografie. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, aber wir müssen uns auch ehrlich eingestehen, dass wir heute an einem anderen historischen Punkt angelangt sind. Und wir müssen der politischen Komplexität von Genetik Rechnung tragen.

 

*clara biller (Foto: flickr/Patrick Down)
*clara biller (Foto: flickr/Patrick Down)

 

Ein besseres Verständnis von Genetik eröffnet viele neue Möglichkeiten für medizinische Behandlungen, Gendermedizin fragt z. B. nach spezifisch weiblichen Gesundheitsrisiken – was ja erst einmal eine sehr gute Sache ist. Aber wie lässt sich dieses Bemühen mit der Tatsache zusammenbringen, dass Geschlecht und Ethnie letztlich Konstruktionen sind und keine biologischen Fakten?

Wenn immer nur an Cis-Männern geforscht wurde und das ein Gesundheitsrisiko für Frauen darstellt, dann wollen wir natürlich, dass sich das ändert! Aber eben nicht um den Preis, dass damit etwas Falsches über eine biologische Identität ausgesagt wird. Das betrifft auch die genetische Ahnenforschung: Alles, was in diesem Zusammenhang über ethnische Zugehörigkeit gesagt wird, ist eine wissenschaftliche Konstruktion, die auf der Grundlage von Algorithmen und statistische Vorannahmen gemacht wird, zum Beispiel darüber, was genetische Marker zu bedeuten haben. Doch dieser Konstruktionscharakter wird meist unterschlagen und stattdessen so getan, als sei alles Genetische auch wahr und wissenschaftlich – das wären eben die harten Fakten, z. B. von Geschlechtsidentität.

Sie fordern eine neue Bioethik, die dem „gesamten sozialen Leben der DNA“ gerecht wird. Was ist damit gemeint?

Im Unterschied zu vor 150 Jahren nutzen wir die Genetik in vielen unterschiedlichen Bereichen: in der Medizin, bei der Fortpflanzung, bei der Ahnenforschung oder der Kriminaltechnik. Genetik spielt also in den unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens eine Rolle – das nenne ich das soziale Leben der DNA. In den USA definiert die Bioethik aber nur rein medizinische Rahmenbedingungen, legt also zum Beispiel fest, wie PatientInnen oder ProbandInnen behandelt werden sollen. Doch für genetische Ahnenforschungo der das Strafjustizsystem gibt es keinerlei ethisches Regulatorium. Eine neue Bioethik muss dem Umstand Rechnung tragen, dass die aus genetischem Material gewonnenen Daten durch alle Bereiche unseres Lebens wandern können. Denn die DNA-Probe eines Menschen kann mehrfach verwendet werden: Du kannst eine Probe beim Arzt abgeben, die zugleich etwas über deine Herkunft aussagt oder die kriminaltechnisch genutzt werden kann.

Es gibt eine sehr lange Geschichte des Rassismus in der medizinischen Forschung. Mit welchen Auswirkungen davon haben wir heute noch zu kämpfen?

Es genügt nicht, für das Recht zu kämpfen, dass alle Menschen, die medizinische Versorgung brauchen, diese auch bekommen. Denn wegen unserer Geschichte von medizinischer Diskriminierung und wissenschaftlichem Rassismus haben viele Menschen ein gehöriges Misstrauen gegenüber medizinischer Forschung, aber auch gegenüber medizinischem Personal. Präventionsmedizin kann Leben verlängern, aber viele gehen weder zu Vorsorgeuntersuchungen noch stellen sie sich für Testreihen zur Verfügung.
Durch meine Arbeit will ich diese Probleme sichtbar machen – aber auch zeigen, dass es trotz unserer grauenhaften Geschichte auch AfroamerikanerInnen gibt, die die Chance ergreifen, und Medizin und Forschung für Empowerment und Befreiung nutzen.

 

Alondra Nelson ist die für ihre wissenschaftliche Arbeit vielfach ausgezeichnete Dekanin der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Columbia University in New York. Sie publizierte u. a. „Body and Soul: The Black Panther Party and the Fight against Medical Discrimination“ sowie „The Social Life of DNA: Race, Reparations, and Reconciliation After the Genome“.

 

 

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Menschlein wechsle dich https://ansch.4lima.de/menschlein-wechsle-dich/ https://ansch.4lima.de/menschlein-wechsle-dich/#comments Wed, 23 Nov 2016 12:10:00 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8074 Wechseljahre als Abwehrschlacht gegen das Altern. Von BÄRBEL DANNEBERG]]>

Medizin und Pharmamedizin haben die Wechseljahre in einen Kampf gegen das Altern verwandelt. Eine Gegenrede von BÄRBEL DANNEBERG

 

Damals, ich war 43 Jahre alt und frisch verliebt. Verhütung? Aber wo denn. Ich war beruflich einigermaßen abgesichert und in einer Lebensphase, in der ich meinte, Zeit, Kraft und finanzielle Ressourcen für ein weiteres Kind aufzubringen, nach meinen beiden Mädchen, die ich viel zu früh und unerfahren bekommen hatte. Endlich eine Partnerschaft, die nach den etlichen gescheiterten gut funktionierte. Der Wunsch keimte, etwas Verantwortungsvolles gemeinsam planen und verwirklichen zu können, nachdem ich bisher die meisten Jahre alleinerziehend gemeistert hatte.
Meine Regel blieb aus. Guter Hoffnung richteten wir gedanklich ein Kinderzimmer ein. Meine Mädchen waren schon groß, was würden sie über ein Geschwisterchen sagen, dem sie vielleicht Tanten sein könnten?
Meine Regel kam. Egal, sagten wir. Doch wenn ein „Wechselbälgchen“ käme, wäre es uns recht. Ein Kind als „Krönung“ unserer Liebe war zwar nicht unser Ziel, aber wir schlossen die Möglichkeit nicht aus. Dadurch fühlte ich mich so frei – endlich keine Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, endlich unbeschwert sexuelle Lust genießen können.
Die Regel kam unregelmäßig, wir verhüteten nicht und ließen der Natur ihren ungeplanten Lauf. Ich nehme an, dass diese Gelassenheit dazu beitrug, dass ich die Wechseljahre ohne größere Probleme, von denen mir Freundinnen berichteten, überstanden habe.

Krankheit Wechsel. An der Schwelle zwischen Fruchtbarkeit und Endlichkeit ging ich zu einer in feministischen Kreisen empfohlenen Gynäkologin. Sie riet mir zu einer Hormonbehandlung. „Aber warum?“, wollte ich wissen. Ich hatte weder überbordende Hitzewallungen noch depressive Schübe oder Schlafstörungen, auch war der Kinderwunsch kein wirklich drängender, sondern eine mögliche Erweiterung meiner Erfahrungen, ich fühlte mich wohl in meiner Haut. „Damit Sie länger jung bleiben“, meinte die Ärztin. Ich verließ fluchtartig die Ordination und war das erste Mal damit konfrontiert, dass Klimakterium anscheinend etwas mit Verfall und Krankheit zu tun hat, die behandelt gehört. Daran hat sich bis heute wenig geändert, auch wenn das Risiko von Hormongaben ebenso bekannt und belegt ist wie die weitgehende Wirkungslosigkeit von pflanzlichen Präparaten.
Zur „Krankheit“ avancierten die Wechseljahre ausgehend von den USA und später in Europa in den 1960er-Jahren. Aus der natürlichen Veränderung der Hormonproduktion wurde eine Mangelkrankheit gemacht, ein „klimakterisches Syndrom“, das behandlungsbedürftig sei. Zeitgleich wurde Anti-Aging zum Zauberwort in der Werbung und auf den Gesundheitsseiten der Zeitungen. Frauen wurden in Ton und Bild mit der Vergänglichkeit ihrer körperlichen Beschaffenheit konfrontiert, der kosmetisch, medizinisch oder esoterisch beizukommen sei. Der Wellnessmarkt boomte, Ziel der Werbung wurden Frauen ab 45. Das Wort „Anti“ bekam den peinlichen Beigeschmack, etwas gegen den biologischen Alterungsprozess unternehmen zu müssen – „Anti-Aging“ avancierte zum Lockruf, Jugendlichkeit durch Hautcremes, esoterische Wundermittelchen, Skalpell in eine neue Lebensphase „herüberzuretten“. Rettungsaktionen vermitteln eine Not: Alter, Verlust der Gebärfähigkeit, Depressionen, Hitzewallungen oder Hormonmangel müssen bekämpft werden. Der Wert der Weiblichkeit wurde an ihrer Fertilisation gemessen. Graue Haare? Falten? Bewegungseinschränkungen? Sichtbare Mängel des weiblichen Körpers, die medikalisiert oder kaschiert werden sollten.
Heute wird offener und differenzierter über diese Lebensphase gesprochen. Und trotzdem markiert die Menopause biologisch das Ende der Fortpflanzungsfähigkeit und eine Schwelle zum Alter, die Männer nicht in dieser Form erleben. „Männer werden reif, Frauen alt: eine oft gehörte Volksweisheit, die in ihrer Abschätzigkeit von diversen Experten auch noch geschürt wird“, konstatiert Elisabeth Tschachler und zitiert den amerikanischen Arzt und Sextherapeuten David Reuben, der behauptet: „Wenn kein Östrogen mehr produziert wird, wird die Frau sozusagen zum Mann. (…) Indem sie (die Frauen) ihre Eierstöcke überlebt haben, haben sie ihren Sinn als menschliche Wesen überlebt.“ (1)
Derart geballte Frauenverachtung ist der Stoff, aus dem ein Teil des weiblichen Leidensdrucks in der Menopause entsteht. In meinem Freundinnenkreis klagen viele Frauen über Hitzewallungen, schlaflose Nächte, plötzliche Panikattacken oder über die Kränkung, für das männliche Auge nicht mehr attraktiv zu sein.

 

*clara biller (Foto: flickr/Presidencia de la Républica Mexicana)
*clara biller (Foto: flickr/Presidencia de la Républica Mexicana)

 

Nicht nur Mutter sein. Als Julia Onken 1988 ihr Buch „Feuerzeichenfrau“ herausgab, hat sie den Tabubereich Klimakterium aus dem Schatten geholt (wenngleich mir damals viele ihrer Gedanken, wie etwa das Kapitel „Im Wurzelreich der Urmutter“, zu esoterisch erschienen). Aber dass Mutterschaft nicht das einzige Lebensziel einer Frau sein kann, hat sie auf erfrischende Weise einer Frauengeneration nahegebracht, die noch mit dem Mutterideal erzogen worden war. „Gut, man kann argumentieren, dass sich die Menschheit schließlich fortpflanzen muss. Das ist sicher richtig. Aber ich denke, oft wird das Mutterwerden hochstilisiert und glorifiziert“, sagt sie und hinterfragt die Selbstverständlichkeit, „mit der wir unsere gesamten Lebensziele auf dieses Amt hin ausrichten“. (2)
Mittlerweile gibt es im Gegensatz zu meiner Klimakteriums-Zeit vor dreißig Jahren viele Bücher über die Wechseljahre, die dem vermessenen Diktat, Jugendlichkeit mit Erfolg gleichzusetzen, etwas entgegenhalten. Dennoch wirkt die meiste Literatur, die ich gelesen habe, auf mich wie „Mut machen fürs Überleben“ in einer heiklen Lebensphase. „Voller Energie durch die Wechseljahre“ (3) von Sigrid Engelbrecht wartet mit vielen Tipps und Rezepturen auf, das Unvermeidliche gelassener zu nehmen. Doch woher Gelassenheit nehmen, wenn das individuelle Beziehungsgeflecht vielleicht brüchiger geworden ist und die weibliche Anziehungskraft keinen wahrnehmbaren „Marktwert“ mehr hat? Wenn die Kinder aus dem Haus sind, die oft der Anker waren für das Ausharren angesichts unzumutbarer familiärer Belastungen? Wenn die berufliche Erfolgsleiter ausgereizt ist oder Altersarmut und Krankheit winken? (Der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums weist Österreich hinsichtlich Frauengleichstellung nur noch Platz 52 von 144 Ländern zu, nach Rang 37 im Vorjahr.)

Wartet nicht auf bessere Zeiten! Die Tabuisierung oder Behandlungsbedürftigkeit der Wechseljahre richtet den Blick auf die Verdrängung des Themas Tod. Der Endlichkeit unseres Lebens möchten wir uns nicht stellen. Wir wollen ewig sein, können es aber nicht. Das imaginierte Kind meiner Wechseljahre wäre heute dreißig Jahre alt. Ich empfinde diese unverwirklichte Möglichkeit nicht als Verlust. Nach dem Tod meines Mannes vor zehn Jahren haben sich mir neue Perspektiven eröffnet, die ich lustvoll und neugierig angenommen habe. Meine Freundinnen. Meine Mädchen. Mein politisches Tun. Und meine Liebe zu einer Frau, die ebenfalls endlich ist.

 

Bärbel Danneberg ist Autorin und Journalistin, in „Volksstimme“ und „Augustin“ schreibt sie zu feministischen und sozialpolitischen Themen mit dem Schwerpunkt Care-Arbeit.

 

(1) Elisabeth Tschachler: Wechseljahre. Verein für Konsumenteninformation 2010
(2) Julia Onken: Feuerzeichenfrau. Ein Bericht über Wechseljahre. Verlag H.C.Beck, letzte Auflage 2006
(3) Sigrid Engelbrecht: Heiße Jahre. Voller Energie durch die Wechseljahre. Gräfe und Unzer Verlag 2006

 

 

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Gender Trouble im Friedensprozess https://ansch.4lima.de/gender-trouble-im-friedensprozess/ https://ansch.4lima.de/gender-trouble-im-friedensprozess/#respond Wed, 23 Nov 2016 11:57:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8072 In Kolumbien ist die Volksabstimmung überraschend gescheitert. Von ANIKA OETTLER]]>

In Kolumbien ist die Volksabstimmung über das Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC-Guerilla überraschend gescheitert. ANIKA OETTLER erklärt, was das mit den Geschlechterverhältnissen zu tun hat.

 

„Stell dir vor, es ist Frieden und die knappe Mehrheit will ihn nicht!“ So oder so ähnlich ließe sich die perplexe Grundstimmung in Kolumbien beschreiben. Die Regierung unter Präsident Santos hatte in einem vierjährigen Prozess ein Friedensabkommen mit der ältesten und größten lateinamerikanischen Guerillaorganisation FARC (deutsch: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) ausgehandelt. Doch am 2.10.2016 stimmte eine hauchdünne Mehrheit von 50,21% der zur Volksabstimmung angetretenen Kolumbianer*innen gegen den Vertragstext – und damit gegen die Beendigung der schon mehr als fünfzig Jahre dauernden bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der linken Guerillaorganisation FARC und staatlichen sowie paramilitärischen Kräften. Damit hatten weder die Meinungsforschungsinstitute noch jene Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, des politischen Establishments sowie der internationalen Medien und Diplomatie gerechnet, die am 26. September die feierliche Unterzeichnung des Friedensabkommens in Cartagena fast euphorisch kommentiert hatten. So auch ich nicht. In einem Artikel in der ILA (1) hatte ich nicht nur die Möglichkeit eines negativen Ausgangs der Volksabstimmung gar nicht in Betracht gezogen, sondern auch geschrieben, dass die Frage der Geschlechterverhältnisse in den teilweise recht aufgeheizten Debatten keine Rolle gespielt habe.

„Nein“-Kampagnen. Weit gefehlt, die Frage der Geschlechterverhältnisse spielte sehr wohl eine Rolle, nur nicht so sehr in den medialen und politischen Diskursräumen der bürgerlichen Öffentlichkeit. Im Zentrum der „Nein“-Kampagnen gegen das Friedensabkommen hatten dort sowohl die Sorge vor einer Kapitulation vor dem Terrorismus gestanden als auch der Hinweis auf unzumutbare Amnestieregelungen, immense Kosten (Opferentschädigung, Landvergabe, Sozialprogramme, Reintegrationsprogramme) und politische Konzessionen. Das Friedensabkommen sieht eine Umwandlung der FARC in eine politische Partei und eine garantierte parlamentarische Repräsentation in den nächsten zwei Legislaturperioden vor.
Neben dieser Debatte wurde vor allem in den sozialen Medien eine „Nein“-Kampagne geführt, die sowohl Falschinformationen lancierte als auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit schürte, indem betont wurde, dass ehemalige Kämpfer*innen finanziell versorgt würden und straffrei ausgingen. Obwohl es schwerfällt, einzuschätzen, welche Argumente bei einer Wähler*innenschaft, die sich in Meinungsumfragen im Vorfeld häufig als „gar nicht“ oder „schlecht“ informiert eingeschätzt hatte, auf offene Ohren trafen, dürften zwei argumentative Ebenen eine zentrale Rolle gespielt haben. Erstens wurde das Schreckgespenst des „Castrochavismo“ und der „atheistisch-marxistischen Ideologie“ beschworen und vor einem künftigen FARC-Präsidenten gewarnt. Zweitens entwickelte sich die Ablehnung der „Gender-Ideologie“ (ideología de género) insbesondere in religiös geprägten Öffentlichkeiten zu einem zentralen Argument für das „Nein“.

 

Leider waren die „NO“-Kampagnen erfolgreicher als das „SI“-Lager, das für das Friedensabkommen geworben hatte. Foto: flickr_CrossMediaLab
Leider waren die „NO“-Kampagnen erfolgreicher als das „SI“-Lager, das für das Friedensabkommen geworben hatte. Foto: flickr_CrossMediaLab

 

Standpunkte. Nicht nur in Europa führt der Versuch, Gender-Perspektiven in verschiedenen Politikfeldern zu verankern, zu aufgeheizten Debatten. Diejenigen, die vehement gegen eine vermeintliche „Gender-Ideologie“ argumentieren, kämpfen für den Erhalt der traditionellen Ehe und Familie. So auch in Kolumbien. In der Diskussion über das Friedensabkommen wurde nicht nur die Gefahr einer Durchsetzung der „Gender-Ideologie“ beschworen, sondern dieses auch als „Pro-Abtreibung“, „Pro-Gay“ und „Pro-Drogen“ charakterisiert. Als sei dies Beweis genug, wurde vermerkt, dass das Wort „género“ 117 Mal im Vertragstext auftauche.
Tatsächlich zieht sich die Frage der Geschlechterverhältnisse wie auch die der Inklusion von vulnerablen sozialen Gruppen als Querschnittsthema durch den Vertragstext. Die Vereinbarungen zur Landreform, zur Drogenpolitik sowie zur historiografischen und strafrechtlichen Vergangenheitsaufarbeitung enthalten eine sehr ausgeprägte Gender-Perspektive, die darin besteht, die Bedürfnisse und Lebenslagen von betroffenen sozialen Gruppen zu berücksichtigen. So wird u. a. festgelegt, dass eine einzurichtende Wahrheitskommission die Formen von politischer Gewalt zu thematisieren habe, von denen verschiedene Opfergruppen betroffen waren. Von besonderer Brisanz sind auch jene Abschnitte des Friedensabkommens, in denen die Frage der politischen Partizipation behandelt wird. Hier geht es nicht nur um die Umwandlung der FARC in eine politische Partei, sondern auch um Sicherheitsvorkehrungen und Garantien für soziale Bewegungen, insbesondere Frauen-, LGBT- und Jugendorganisationen, also letztlich um Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Versammlungs- und Organisationsfreiheit. Victoria Sandino Palmera von FARC hat klipp und klar darauf hingewiesen, „dass die Gender-Ideologie nicht existiert und deshalb auch nicht Teil des Abkommens sein kann. Das, was sehr wohl im Abkommen steckt, ist ein Genderschwerpunkt, der die internationalen Vorgaben und den kolumbianischen Verfassungsauftrag bezüglich der Frauenrechte aufnimmt.“ (2)

Zukunftsperspektiven. Seit dem Scheitern der Volksabstimmung befindet sich Kolumbien in einer Art Grenzsituation, in der ein Versanden des Friedensprozesses ebenso angelegt ist wie die Möglichkeit, im Scheitern neue Kraft zu gewinnen. Zu den mittelfristigen Szenarien, die seit Anfang Oktober diskutiert werden, gehören eine Rückkehr zum bewaffneten Konflikt oder eine Aufsplitterung der FARC in kämpfende und nicht-kämpfende Fraktionen ebenso wie eine erfolgreiche Neuverhandlung und Fortsetzung des politischen Prozesses. Während der Friedensnobelpreispräsident Santos über deutlichen internationalen Rückhalt verfügt, ist vor allem das rechte Lager um Ex-Präsident Álvaro Uribe gestärkt aus der Volksabstimmung hervorgegangen und so steht die gegenwärtige Debatte bereits unter dem Vorzeichen der Präsidentschaftswahlen 2018.
Die Regierung hat inzwischen in Havanna Neuverhandlungen mit der FARC aufgenommen. Zuvor hatte Präsident Santos verkündet, dass er sich in den vergangenen Wochen mit Repräsentant*innen verschiedener gesellschaftlicher Sektoren getroffen und Hunderte von Vorschlägen zu einer Neufassung des Friedensabkommens mit den FARC erhalten habe. Einige dieser Vorschläge seien vernünftig und umsetzbar, andere hingegen schwierig oder inakzeptabel.

Alles gestrichen? Was bedeutet dies für die Zukunft der Genderperspektive? Nach einem Treffen, das am 4. Oktober zwischen Santos und Kirchenvertreter*innen stattgefunden hatte, sagte Edgar Castaño, Präsident der Evangelischen Konföderation Kolumbiens, dass Santos zugesagt habe, „alles zu entfernen, was die Familie bedroht, was die Kirche bedroht“ (3). Auch der erzkonservative Ex-Generalstaatsanwalt Alejandro Ordoñez zeigte sich zuletzt gegenüber der Zeitung „El Tiempo“ optimistisch, dass die „ideología de género“ gestrichen werde, um die Familie und Kinder zu schützen und die moralischen Überzeugungen nicht in Gefahr zu bringen.
Auch wenn dies nicht der Schlüssel zu einem erfolgreichen Verhandlungsprozess sein wird, steht das Preisgeben der Gender-Perspektive durchaus am Horizont der Möglichkeiten in einem tief gespaltenen Land.

 

Anika Oettler ist Professorin für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg.

 

(1) ILA – Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika Nr.339, Oktober 2016
(2) http://mujerfariana.org
(3) zit. nach BBC mundo

 

 

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an.sage: Vereinte Hetze https://ansch.4lima.de/an-sage-vereinte-hetze/ https://ansch.4lima.de/an-sage-vereinte-hetze/#respond Wed, 23 Nov 2016 11:43:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8069 Globale rechte Allianzen. Von DENISE BEER]]>

Ein Kommentar von DENISE BEER

 

Trump hat also die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen, obwohl er sich offen misogyn und rassistisch geäußert und nachgewiesenermaßen im Wahlkampf immer wieder gelogen hat.
Damit hat er den Rechten und Extrem-Konservativen weltweit gezeigt, was möglich ist.
Auch in Österreich werden seit Jahren beinahe täglich neue Grenzen überschritten und vermeintliche Tabus gebrochen. So postete HC Strache am Nationalfeiertag die Kernstock-Hymne (1) und hält durch die Zuwanderung von „kulturfremden Armutsmigranten“ einen „Bürgerkrieg“ für wahrscheinlich. Der Mitgründer der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ Martin Sellner wird zu einer Podiumsdiskussion von Servus TV zum Thema „Wie gefährlich sind unsere Muslime?“ eingeladen. In Linz fand kürzlich der Kongress „Verteidiger Europas“ „gegen die ethnokulturelle Verdrängung der europäischen Völker“ in Repräsentationsräumen des Landes Oberösterreich statt (die Landesfahne zierte die Bühne) und der FPÖ-Politiker Herbert Kickl hielt dort das Eröffnungsreferat. Es werden zwar noch hier und da Distanzierungen gefordert, aber formuliert werden keine mehr. Vor einiger Zeit hätte sich die Parteispitze wohl noch zu ausweichenden Statements herabgelassen, heute ist das nicht mehr nötig. Noch nie hat die FPÖ ihre Sympathie für Rechtsextreme so offen ausgelebt wie heute. Die Berührungsängste zu rechtsextremen Gruppierungen scheinen derzeit generell zu sinken: Antifeminismus und Rassismus eint – nicht nur in Österreich, sondern weltweit.
Der rechtsextreme Kongress in Linz macht klar, dass sich die internationale Vernetzung intensiviert. Ein Netzwerk von rechten Thinktanks, Medien und Intellektuellen arbeitet intensiv daran, ihre Ideen ideologisch zu bündeln, publikumswirksam aufzubereiten und strategisch auszurichten. So verwundert es auch nicht, dass die Website „Breitbart News“ nun auch nach Europa expandiert und dabei vor allem Deutschland und Frankreich ins Auge gefasst hat. Bekannt ist die Homepage für ultrarechte und verschwörungstheoretische Positionen, die sich vornehmlich gegen Minderheiten, Migrant_innen und Frauen richten. Trumps Wahlkampf hat Breitbart nicht nur ideell, sondern am Ende auch personell unterstützt. Nun wurde Breitbart-Chef Stephen Bannon sogar zu Trumps wichtigstem Strategen ernannt.
Auch die Freiheitlichen bauen ihre Gegenöffentlichkeit via Facebook und FPÖ-TV weiter aus und wettern gemeinsam mit anderen Rechten gegen „die Lügenpresse“, ein inflationär gebrauchter Begriff, der die Krise der Repräsentation verdeutlicht. Trumps Sieg nutzte Kickl gleich dazu, in einer Presseaussendung einmal mehr die österreichische Medienlandschaft anzugreifen, und warf den Journalist_innen „rituelle Wählerbeschimpfung“ vor.

Rechtsextreme und -populist_innen zerstören gekonnt Sachdiskussionen, sei es mit NLP (auch Hofers Kommunikationstechnik) oder anderen Strategien. Absurde Verdrehungen der Wahrheit dienen ihnen zur Provokation und Mobilisation. Dabei helfen ihnen auch verschwörungstheoretische Gruppierungen, wie beispielsweise die Zeitschrift „Compact“ oder der Kopp-Verlag, die tatkräftig daran arbeiten, das Vertrauen in das gegenwärtige demokratische System zu zerstören.
Die rechtsextremen und rechten Akteur_innen suggerieren ihren Wähler_innen, ihre Probleme zu kennen und ernst zu nehmen. Sie geben vor, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie geben vor, unsere Gesellschaft würde auseinanderbrechen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Dabei sind sie es, die spalten und hetzen, die vom Bürgerkrieg sprechen und Unhaltbares formulieren. In dieser schwierigen Zeit sind nicht nur Medien und Politik unglaublich gefordert, sondern wir alle. Im Internet ist nur schwer gegen die rechte Propaganda anzugehen, Eskalation geschieht in den sozialen Medien mit einer ungeheuren Geschwindigkeit. Die hilft derzeit vor allem den Rechten – aber auch das kann sich ändern. Denn den Rechtsextremen fehlen personelle Ressourcen. Auch wenn die Identitären Frauen bei ihren Aufmärschen medienwirksam vorne platzieren, ist eindeutig, dass sie kaum Frauen ansprechen und die Gegendemonstrationen viel mehr Menschen mobilisieren. Wir sollten nicht vergessen, dass der Großteil der Menschen weder rechtsextrem ist noch so denkt. Also auf: Ab in den direkten Kontakt mit Menschen außerhalb der eigenen Wohlfühlblase. Persönlich ins Gespräch kommen, und zwar überall und bewusst. Seid aufmerksam! Wir alle müssen offen zeigen, dass die breite Masse nach wie vor für Demokratie, Gleichberechtigung und die Würde des Einzelnen einsteht.

 

(1) Das Lied „Sei gesegnet ohne Ende“ des deutschnationalen Dichters Ottokar Kernstock war von 1929 bis 1938 die Nationalhymne Österreichs und somit auch jene des Austrofaschismus.

 

 

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Batty https://ansch.4lima.de/batty/ https://ansch.4lima.de/batty/#respond Wed, 23 Nov 2016 10:54:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8113 ...]]>

Von alma w.bär.

 

Illustration: alma w.bär
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Dezember https://ansch.4lima.de/dezember/ https://ansch.4lima.de/dezember/#respond Wed, 23 Nov 2016 10:13:19 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8120 ...]]>

Von *clara biller.

 

Illustration: *clara biller
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Pensionspanikmache https://ansch.4lima.de/pensionspanikmache/ https://ansch.4lima.de/pensionspanikmache/#respond Tue, 15 Nov 2016 18:28:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8033 Was bleibt Frauen im Alter? Von BRIGITTE THEIßL]]>

Dass unser Pensionssystem kurz vor dem Zusammenbruch steht, ist Unsinn. Gründe für feministischen Protest gibt es dennoch zur Genüge. BRIGITTE THEIßL hat bei renommierten Expertinnen nachgefragt, was Sache ist.

 

Die Pension ist für viele Frauen ein nervenaufreibendes Thema – wie können wir damit umgehen?

Im Rahmen meiner Tätigkeit in einer Frauenberatungsstelle spreche ich vorwiegend mit Frauen, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden. Viele von ihnen haben massive finanzielle Probleme, da ist das Thema Geld an und für sich schon sehr nervenaufreibend. Im Mittelpunkt der Gespräche steht der akut vorherrschende Mangel, weniger die Altersvorsorge. Die Aussicht auf eine niedrige Pension ist für viele nur mehr das Tüpfelchen auf dem I und die schriftliche Bestätigung einer wahrgenommenen Ungerechtigkeit. Der Umgang mit Geld wird von verschiedenen Einflussgrößen bestimmt: Ein existenzsicherndes Einkommen und ein gutes soziales Netzwerk wirken sich positiv auf Vorsorgevorhaben aus. Der Umstand, ob eine Frau Kinder hat, alleinerziehend und/oder Migrantin ist bzw. eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat, erhöht das Armutsrisiko. Das Pensionskonto beziffert nun diese Lebensumstände, Handlungsoptionen sehen viele Frauen nicht.
Ein erster Schritt ist immer übers Geld zu reden, die Scham zu überwinden und der eigenen (unbezahlten) Arbeit einen Wert zu geben. In der Beratung sehe ich zum einen eine strukturelle Handlungsebene, verdeutlicht durch den Gender Pay Gap, schlecht bezahlte „Frauenbranchen“ und die ungleich verteilte Care-Arbeit. Zum anderen ist der Umgang mit Geld auch erlernt bzw. durch Sozialisation geprägt. Auf beiden Ebenen gilt es anzusetzen: den Frauen Lust aufs Geld zu machen und gleichzeitig politische AkteurInnen in die Pflicht zu nehmen.
Claudia Prudic, Verein Wendepunkt

 

ÖsterreicherInnen wurden jüngst per Brief über ihren Pensionskontostand informiert, das Frauenministerium weist auf die Nachteile von Teilzeitarbeit hin. Was halten Sie von diesen Maßnahmen?

Grundsätzlich ist es gut, wenn Frauen darüber Bescheid wissen bzw. informiert werden, dass sich Teilzeitbeschäftigung negativ auf ihre Pensionen auswirkt. Gleichzeitig wird diese Information den wenigsten Frauen helfen, da sich dadurch die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht ändert – also deshalb nicht mehr Vollzeitstellen angeboten werden. Weiters werden viele Frauen auch ihre persönliche Situation nicht so einfach ändern können, weil es entweder keinen geeigneten Kinderbetreuungsplatz in der Nähe gibt, Väter nicht zur Verfügung stehen oder die Angehörigenpflege maximal mit einer Teilzeitbeschäftigung vereinbar ist. Frauenpolitik müsste hier nicht nur informieren, sondern die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen – und, solange diese nicht gegeben sind, für ein Pensionssystem eintreten, das nicht zulasten der Frauen geht.
Ingrid Mairhuber, Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)

 

Die NEOS haben das österreichische Pensionssystem für „schrottreif“ erklärt. Immer wieder ist zu hören, dass aufgrund der demografischen Entwicklungen das Pensionssystem zusammenbrechen wird. Stimmt das?

Ein Alterssicherungssystem hängt weniger von der Demografie als von der Ökonomie ab. Im Jahr 1950 kamen auf 1.000 Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren 159 Personen, die älter als 64 Jahre sind, 2016 sind es 274. Dennoch ist heute der Wohlstand sowohl der Personen im Erwerbsalter als auch der Personen im Pensionsalter deutlich höher, als er es im Jahr 1950 war. Anderes Beispiel: 1950 kamen auf 1.000 pensionsversicherte unselbstständig Beschäftigte 345 Pensionen, heute sind es 601 Pensionen. Auch hier ist in beiden Gruppen der Wohlstand heute um ein Vielfaches höher als 1950.
Wenn vom Zusammenbruch des Pensionssystems in Österreich (dem viertreichsten Land in Europa) gesprochen wird, werden zwei Tatbestände systematisch ausgeblendet.
Erstens: Die Pensionen sind in Österreich in erster Linie über die Beschäftigten finanziert: Diese leisten die Pensionsversicherungsbeiträge, die unmittelbar für die Pensionsauszahlungen verwendet werden, und produzieren auch das Güter- und Dienstleistungsvolumen, das wir zum täglichen Leben brauchen. Vorhandene Finanzierungsengpässe resultieren damit sowohl aus der hohen Arbeitslosigkeit als auch aus der Zunahme der Niedriglohnjobs.
Zweitens: Bewegt sich das österreichische Wohlstandsniveau (gemessen am BIP pro Kopf ) in Zukunft in etwa auf dem gegenwärtigen Niveau, ist die Frage der Pensionsfinanzierung in erster Linie eine Frage der Verteilung: Wie wird das jährlich in Österreich erstellte Dienstleistungs- und Gütervolumen zwischen den aktiv Erwerbstätigen und jenen, die es noch nicht bzw. nicht mehr sind, verteilt?
Christine Mayrhuber, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

 

Sujet des Netzwerk Frauenberatung im Rahmen des EU PROGRESS Projekts „Fair Income, Fair Pension“ © Bettina Frenzel / Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
Sujet des Netzwerk Frauenberatung im Rahmen des EU PROGRESS Projekts „Fair Income, Fair Pension“ © Bettina Frenzel / Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

 

Warum sind so viele Frauen von Altersarmut betroffen?

Frauenarmut, auch und gerade im Alter, hat weitgehende strukturelle Gründe. In erster Linie geht es um die ungleiche Bewertung und Verteilung von Arbeit. Frauen übernehmen ungleich mehr un- oder schlecht bezahlte Tätigkeiten, einen großen Teil davon in ganz existenziellen Lebensbereichen, z. B. in der Sorge um Kinder und der Versorgung und Pflege von Angehörigen. All das schlägt sich in mangelnden Pensionszeiten und -höhen nieder. Frauen zahlen also einen hohen Preis fürs Sorgen. Natürlich wirken sich auch die nach wie vor bestehenden Lohnungleichheiten auf die Pensionen aus.
Wir brauchen eine Neudefinition und -bewertung von unterschiedlichen Arbeiten und deren Umverteilung. Konkret ist neben Alternativen in der Berechnung und Finanzierung von Pensionen vor allem eine deutlich verkürzte Vollarbeitszeit für alle bei gleichzeitigen Maßnahmen zur Sicherung adäquater Einkommen (Lohnausgleich, Grundeinkommen, Steuerreform) und besserer Bedingungen für Sorgearbeit längst überfällig. Feministinnen haben schon vor Jahrzehnten fundierte und praktikable Konzepte dafür erarbeitet. Zur Umsetzung fehlt allein politischer Wille.
Michaela Moser, Armutskonferenz

 

Im Zuge der Pensionsreform 2004 wurde ein neuer Durchrechnungszeitraum beschlossen. Die Pensionshöhe bemisst sich nicht mehr anhand der fünfzehn besten Einkommensjahre, sondern der gesamten Erwerbskarriere. Was bedeutet das für Frauen?
Für Frauen, deren Erwerbsleben immer noch sehr stark durch Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit aufgrund von Kinderbetreuung und Angehörigenpflege geprägt ist, bedeutet eine Pensionsberechnung auf Basis des gesamten Erwerbsverlaufes in jedem Falle eine massive Verschlechterung. Denn damit fließen auch alle Teilzeitjahre in die Pensionsberechnung mit ein und selbst die bessere Anrechnung der Kindererziehungszeit kann diesen Verlust nicht wettmachen.
Ingrid Mairhuber, Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)

 

Verschiedene Parteien und Verbände fordern eine vorzeitige Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen auf 65 (für alle nach dem 2.6.1968 geborenen Frauen gilt das bereits) – das sei gerecht und bedeute für Frauen höhere Pensionen. Ist das richtig?

Eine Veränderung des Rechtssystems alleine reicht lange nicht aus, um eine reale ökonomische Verbesserung für Frauen zu erreichen. Der Arbeitsmarkt ist derzeit sehr angespannt, wie sich unter anderem in der überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote bei Älteren (Frauen wie Männer) zeigt. Schon gegenwärtig sind zwei Fünftel der Alterspensionistinnen vor ihrer Pensionierung nicht beschäftigt, sondern arbeitslos oder krank. Gerade diese Frauen haben aufgrund ihrer schwachen Arbeitsmarktintegration geringe Pensionshöhen. Für sie würde alleine die pensionsrechtliche Änderung nicht automatisch zu mehr Erwerbsjahren und damit höheren Pensionen führen. Hier besteht sogar die Gefahr einer Kostenverschiebung weg von der Pensionsversicherung hin zur Arbeitslosen- und/oder Krankenversicherung.
Aus heutiger Sicht steigt bis 2022 die Zahl der Personen im Erwerbsalter 15 bis 64 weiter an, in dem Zeitraum wird auch mit einer weiterhin hohen Arbeitslosigkeit gerechnet. Eine Anhebung der Altersgrenze in dieser Zeit trifft auf eine ungünstige Arbeitsmarktlage. Eine höhere Altersgrenze führt nur dann zu einem positiven (Gesamt-)Beschäftigungseffekt, wenn Betriebe tatsächlich mehr Arbeitskräfte nachfragen. Geringe Absatzerwartungen und schlechte Wirtschaftsaussichten bremsen die Arbeitskräftenachfrage der Betriebe. Ein Beschäftigungsimpuls braucht damit weit mehr als nur eine höhere Altersgrenze für die Alterspension.
Christine Mayrhuber, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

 

Das Netzwerk der österreichischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen war Teil des Projekts „Fair Income – Fair Pension“, das in mehreren EUStaaten durchgeführt wurde. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Im Rahmen des Projekts haben wir festgestellt: Für den Gender Pay Gap gibt es mittlerweile schon eine breitere Sensibilität und auch ein gewisses Handlungsrepertoire, von Equal Pay Days über verpflichtende Einkommensberichte bis hin zu Kampagnen und Gehaltsrechner. Allerdings gibt es wenig Bewusstsein darüber, wie krass sich diese Lohnunterschiede auf die Pensionen von Frauen auswirken, gerade in Ländern wie Österreich mit einem Pensionssystem, das sich so stark aus dem Einkommen aus der Erwerbsarbeit ableitet. Im EU-Durchschnitt liegt der Gender Pension Gap bei fast vierzig Prozent. Unsere Hauptaussage war daher, dass der Gender Pay Gap nicht die Wurzel des Problems ist, sondern das Ergebnis einer lebenslangen Benachteiligung von Frauen, die spätestens mit der Ausbildungs- und Berufswahl beginnt und sich fortsetzt in der schlechteren Bewertung von typisch weiblichen Berufsfeldern und der Hauptverantwortung von Frauen für die Sorgearbeit. Es werden zwar einzelne Maßnahmen gesetzt, um manche Benachteiligungen auszugleichen, allerdings fehlt eine umfassende Strategie zum Abbau des Gender Pension Gap – eine solche würden wir uns wünschen, auf EU-Ebene und auch für Österreich!
Hannah Steiner, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

 

Mitarbeit: Denise Beer

Weiterführende Anlaufstellen:
http://pensionsrechner.arbeiterkammer.at
www.frauenberatenfrauen.at
www.pensionsversicherung.at (Service -> Sprechtage)
www.bmgf.gv.at/home/Frauen_Gleichstellung/Publikationen/Erwerbstaetigkeit_und_Arbeitsmarkt

 

 

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„Weich wie Regenwasser“ https://ansch.4lima.de/weich-wie-regenwasser/ https://ansch.4lima.de/weich-wie-regenwasser/#respond Mon, 14 Nov 2016 09:17:11 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8025 Reinheit im Wandel der Zeit: Fundstücke der Redaktion aus Putz- und Waschmittelwerbung

 

Strahlend weiße Wäsche – nur mit den guten Tipps der Nachbarin!

 

Dieses Waschmittel haben sich fluglahme Möwen und Mutterhände verdient

 

Als Matrosen noch am Waschtrog dienten


 

Klementine und die pingeligste Kundin 

 

Nur weiße Wäsche macht dich liebenswert!


 

Mansplaining mit Persil

 

Wenn Muttis Wäsche weicher ist

 

Tilly badet ihre Hände in Spüli-Glibber

 

Wuschelig weich mit Otto

 

Ich verlange heute mehr von mir – Jazzgynmastik!

 

 

 

Glasklar unsichtbar & das Malheur von Hausfrau und Skistar Annemarie Pröll


 

Meister Propper, was für ein Mann („Meinst du etwa mich?!)

 

Aller wieder auf der Reihe dank Öko-Säckchen

 

Crazy Kinder und der Schmutzmagnet


 

Bärchen wegen harter Wäsche verletzt


 

Öl geht runter wie Öl


 

Wettkampf im Spülen – da dürfen auch Männer ran

 

Die stressigen 1990er-Jahre und Dates mit dem Nachbarn

 

Vollkommen verstrahlt dank Mottenkiste

 

Bademantel im Sturm


 

 

Videos, die in unserem Schwerpunkt zum Thema REINHEIT erwähnt werden:

 

Zur „Purity“-Bewegung in den USA: „Our Lives: The Virgin Daughters – Real Stories“ 

 

Achtung, wirklich nur für ganz Hartgesottene:
Die Hautärztin „Dr. Pimple“ führt ihr Handwerk an besonders schweren Fällen vor

(Wir haben euch gewarnt!)

 

Bonustrack: Der Soundtrack zu unserem Großputz 

 

 

 

 

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an.künden: Bildet Banden! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-bildet-banden/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-bildet-banden/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:29:14 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7917 © Ovarian PsycosDie 27. Ausgabe der „Lesbisch Schwulen Filmtage“ in Hamburg.]]> © Ovarian Psycos

Seit den 1990er-Jahren präsentieren die „Lesbisch Schwulen Filmtage“ in Hamburg möglichst vielfältige und aktuelle internationale Filmproduktionen. Schwerpunkte der 27. Ausgabe sind Safe Spaces und Verbündete in LGBTIQ-Communitys, Bestandsaufnahmen zum Leben mit HIV/Aids sowie politische Aspekte von Porno. Die Ausstellung „Material, Grrrl!“ bildet eine Plattform für aktuelle queere Videokunstprojekte außerhalb des Kinos.

 

18.–23.10.: „Lesbisch Schwule Filmtage – International Queer Film Festival“
diverse Veranstaltungsorte in Hamburg
www.lsf-hamburg.de

 

© Ovarian Psycos
© Ovarian Psycos

 

 

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an.künden: Schmökern & Vernetzen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-schmoekern-vernetzen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-schmoekern-vernetzen/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:27:30 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7919 © Queeres VerlegenIn Berlin findet die Buchmesse „Queeres Verlegen“ statt.]]> © Queeres Verlegen

Zum zweiten Mal lädt die Berliner Buchmesse „Queeres Verlegen“ unabhängige, queer-feministische Verlage und Publizierende ein, um sich gemeinsam einen Tag lang zu vernetzen und mit Leser_innen in Kontakt zu treten. Neben ca. dreißig Ständen mit Projekten aus Brasilien, Deutschland, Österreich (inklusive an.schläge & fiber!), der Türkei und Kurdistan sind Gesprächsrunden zu Themen wie Archivarbeit sowie Lesungen geplant.

 

26.11.: „Queeres Verlegen“
aquarium, 10999 Berlin, Skalitzer Str. 6
www.queeres-verlegen.org

 

© Queeres Verlegen
© Queeres Verlegen

 

 

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