an.schläge 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:36:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Gelebtes sichtbar machen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gelebtes-sichtbar-machen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gelebtes-sichtbar-machen/#respond Wed, 18 Nov 2015 12:09:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=6803 Eine Wiener Veranstaltungsserie über frauen*spezifische Fluchtgründe.]]>

Frauen* auf der Flucht sind oft zusätzlichen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Um über diese frauen*spezifischen Fluchtgründe sowie die rechtliche Lage und die Umstände in Flüchtlingsunterkünften zu informieren, organisiert die Initiative für Frauen auf der Flucht in Wien eine Veranstaltungsserie mit Betroffenen* und Aktivistinnen*.

Frauen* Flucht Gründe, versch. Orte in Wien (Einladungspolitik beachten), www.frauenaufderflucht.wordpress.com
11.12. Sex-Arbeit und Zwangsprostitution
15.1. Zwangsverheiratung
29.1. Female Genital Mutilation in Europe

© Initiative für Frauen auf der Flucht
© Initiative für Frauen auf der Flucht
]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gelebtes-sichtbar-machen/feed/ 0
an.künden: Vom richtigen Leben https://ansch.4lima.de/an-kuenden-vom-richtigen-leben/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-vom-richtigen-leben/#respond Wed, 18 Nov 2015 12:04:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=6801 Clara Luzia ist mit ihrem sechsten Album „Here’s To Nemesis“ auf Tour.]]>

Durch und durch politisch, subtil verpackt in codierten Erzählungen über die Organisation des menschlichen Zusammenlebens, verhandelt die österreichische Singer-Songwriterin Clara Luzia auf ihrem sechsten Album „Here’s To Nemesis“ aktuelle soziokulturelle Debatten. Ab November ist sie auf Tour im gesamten deutschsprachigen Raum.

Clara Luzia, www.claraluzia.com
27.11. Posthof Linz
10.12. ARGE Salzburg
11.12. Spielboden Dornbirn
12.12. Weekender Innsbruck
15.12. Ostpol Dresden
16.12. Café Galao Stuttgart
17.12. Milla München
25.1. naTo Leipzig
26.1. Privatclub Berlin
27.1. Kleiner Donner Hamburg
28.1. Das Bett Frankfurt
29.1. Mokka Thun
30.1. Kohi Karlsruhe

© Mirjam Unger
© Mirjam Unger

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-vom-richtigen-leben/feed/ 0
an.künden: Everybody’s got the Fiber https://ansch.4lima.de/an-kuenden-everybodys-got-the-fiber/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-everybodys-got-the-fiber/#respond Wed, 18 Nov 2015 12:00:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=6799 Ein fiber_feminismus-Sammelband mit alten und neuen Texten erscheint in Kürze.]]>

Seit 2002 gibt es das österreichische queer-feministische Magazin „fiber – werkstoff für feminismus und popkultur“. 24 Ausgaben später wird nun aus dem ersten fiber_feminismus-Sammelband mit alten und neuen Texten gelesen. Mit Denice Bourbon (Moderation), Konzert von lime crush, Electric Indigo, shushu und Eklextasy sowie einer Tombola wird das druckfrische Buch mit dem Redaktionskollektiv gefeiert. Wir verlosen drei Exemplare (s. Rückumschlag)!

3.12., 20.00: fiber_feminismus Buch Release Party,
WERK, 1090 Wien, Spittelauer Lände 12, www.fibrig.net

© fiber
© fiber
]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-everybodys-got-the-fiber/feed/ 0
katzenpost: katzenkonvoi for refugees https://ansch.4lima.de/katzenpost-2/ https://ansch.4lima.de/katzenpost-2/#respond Wed, 18 Nov 2015 11:58:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=6791 ...]]>

 

]]>
https://ansch.4lima.de/katzenpost-2/feed/ 0
positionswechsel: No Camel No https://ansch.4lima.de/positionswechsel-no-camel-no/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-no-camel-no/#respond Wed, 18 Nov 2015 11:53:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=6787 Cameltoes, so wird Frauen eingeredet, seien ein Grund, sich zu schämen. Von SUZY FOUNTAIN]]>

eine lady genießt und schreibt

 

Cameltoes (wörtlich: „Kamelzehen“), so wird Frauen eingeredet, seien geschmacklos und ein Grund, sich zu schämen. Tatsächlich war es alles andere als angenehm, als ich letztens an der Ampelkreuzung stand und plötzlich bemerkte, dass mich die gegenüber stehenden Passant_innen seltsam anstarrten. Erst viel später fiel mir auf, dass sich das untere Ende meines (viel zu langen) T-Shirts in meinem Schritt verfangen und sich dabei eine Kamelzehe im XL-Format geformt hatte. Oha.
Auch wenn mir nicht gleich jede Person zwischen die Beine gucken muss – ich mag meine Pussylippen, wie sie sind: groß, füllig, gut gepolstert. Manche mögen meinen: zu groß, zu füllig, zu gut gepolstert. Hey, euch lasst gesagt sein: Mein Kamel reitet ihr nicht! Dabei habe ich nicht einmal so sehr etwas gegen die – zumindest untenrum weitgehend – hügelfreie Barbie-Ästhetik, wo alles schön glatt, kontrolliert und eben ist. Bloß ist sie nicht meine Realität, weswegen mir Slip-ähnliche Einlagen wie „Camel No“ oder „Cuchini“, die verhindern sollen, dass sich die Vulva allzu deutlich durch die Kleidung abzeichnet, nicht ins Haus kommen. Natürlich gibt es aber auch das andere Paradox: Schamlippen-Tuning mittels Aufspritzungen und Straffungen, die einen prallen, „jugendlichen“ Cameltoe versprechen. Liebe Schönheits- und Kosmetikindustrie, lasst euch doch besser etwas einfallen, das uns den Anblick der vielen allzu freiheitsliebenden männlichen Arschritzen erspart …
Einer der besten Zehensager stammt übrigens aus einem Hollywoodfilm, in dem Shelly, ein 12-jähriges dickes Teen-Girl, das in der Schule für ihren „Cameltoe“ verspottet wird, mit großem Ernst erklärt: „Kamelzehen sind tough. Sie gehen über die ganze Wüste und heiße Steine. Auch ich bin tough.“ Mehr Shellys für diese Welt!

Suzy Fountain gönnt sich eine Schreibpause und verabschiedet sich vorübergehend aus dem Autorinnenreigen dieser Kolumne. Liebesbriefe und Fanpost gehen hierhin: suzy.fountain@gmail.com

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher
]]>
https://ansch.4lima.de/positionswechsel-no-camel-no/feed/ 0
Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-5/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-5/#respond Wed, 18 Nov 2015 11:50:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=6793 ...]]>

Von YORI GAGARIM.

 

Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim
]]>
https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-5/feed/ 0
Feminist Superheroines: Ada Lovelace https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-ada-lovelace/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-ada-lovelace/#respond Wed, 18 Nov 2015 11:47:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=6789 Augusta Ada Byron King (1815–1852) war eine britische Mathematikerin. Von MELANIE LETSCHNIG]]>

Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace (1815–1852), war eine britische Mathematikerin. Ihr Vater war der Dichter Lord Byron, doch es ist ihre Mutter Anne Isabella Noel-Byron, die schon früh Adas naturwissenschaftliche Ausbildung fördert. 1843 übersetzt Ada Lovelace eine Beschreibung der „Analytical Engine“ von Charles Babbage, einer nie erbauten Maschine, die in ihrer Konzeption als ein Vorläufer des Computers gilt. Ada Lovelace fügt der Übersetzung Notizen über Babbages Erfindung hinzu, in denen sie für die im Text angeführte Berechnung arithmetische Befehle und Speicherorte anfallender Zwischenergebnisse tabellarisch festhält. Damit gilt sie als erste Programmiererin der Weltgeschichte. Am 10. Dezember jährt sich ihr Geburtstag zum zweihundertsten Mal.

 

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
Illustration: Lina Walde, linawalde.tumblr.com
]]>
https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-ada-lovelace/feed/ 0
an.sage: Antirassismus, der diskriminiert https://ansch.4lima.de/an-sage-antirassismus-der-diskriminiert/ https://ansch.4lima.de/an-sage-antirassismus-der-diskriminiert/#comments Wed, 18 Nov 2015 11:35:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=6795 Über den Klassismus von „Milieustudien“. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Ein Kommentar von BRIGITTE THEIßL

 

„Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe.“ Dieses Bild zeichnete Christa Zöchling von den TeilnehmerInnen einer FPÖ-Wahlveranstaltung in einer „Profil“-Reportage. Die Flüchtenden aus dem Nahen Osten, vor denen sich diese Rechten so fürchten würden, seien hingegen „ein schönerer Menschenschlag“, „und jünger“.
Die dicken Frauen in Glitzer-Shirts – meist sind es Frauen, die medial die „Unterschicht“ verkörpern – kennen wir schon aus deutschen Reality-Formaten und Talkshows, in denen verantwortungslose Hartz-IV-Mütter vorgeführt werden. Abwertend und mit Verachtung wird auf jene geschaut, die als gesellschaftliche VerliererInnen respektive VersagerInnen gelten. Klassismus ist auch unter kritischen JournalistInnen nach wie vor salonfähig. Im Zuge der Berichterstattung über die Wien-Wahl und die sogenannte Flüchtlingskrise hat er gegenwärtig Hochkonjunktur. Jede FPÖ-Veranstaltung wird medial umfassend begleitet, auf den Fotos finden sich mit Vorliebe besonders skurril gekleidete Menschen und alte Frauen mit aufgemascherlten Schoßhunden.

Der Hass mache hässlich, die Hässlichkeit werde damit zur moralischen Kategorie, antwortete Zöchling ihren KritikerInnen. FPÖ-WählerInnen aus Döbling oder Hietzing im gut geschnittenen Anzug betrifft das freilich nicht. Kein_e Journalist_in fährt für eine Milieustudie in die Villenbezirke, wo rund 25 Prozent für die FPÖ stimmten. Natürlich lassen rechte und rassistische Hetzparolen auch JournalistInnen nicht unberührt, dagegen anschreiben zu wollen, ist verständlich. Doch wer den Fokus auf vermeintliche Schönheitsmakel oder Bildungsdefizite rechter BürgerInnen legt, um diese zu diskreditieren, hetzt selbst. So werden Haltungen reproduziert, die sich tief in das Bewusstsein eingegraben haben. „Elitären Antirassismus“ nennt das die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl, der sich exklusiv auf bestimmte (rechte) Bevölkerungsgruppen konzentriere. Im Sommer wurde in Salzburg ein Lehrling entlassen, dessen menschenverachtendes Posting seinem Arbeitgeber gemeldet worden war. Der Beifall war groß, immerhin verkörperte der junge Mann das Idealbild des dumpfen Rechtsextremen, von dem es sich abzugrenzen gilt. Doch solche Sanktionen betreffen Menschen mit unterschiedlichen ökonomischen Hintergründen nicht im selben Maße. „Thilo Sarrazin ist ein größeres Problem, als es ein kleiner Lehrling auf Facebook je sein könnte. Trotzdem wird Ersterer zu Alpbach eingeladen und Letzterer entlassen“, schreibt Strobl. Eine klare Haltung gegen Rassismus und Hetze erfordert hingegen das Ernstnehmen des Gegenübers – nicht im Sinne des vielzitierten Ernstnehmens der „Sorgen der Bürger“, das zu einem Euphemismus für die Akzeptanz rassistischer Ressentiments geworden ist. Sondern die Anerkennung der Tatsache, dass es sich auch bei FPÖ-WählerInnen um Individuen handelt, die Verantwortung für ihre politischen Haltungen und Handlungen tragen. Allzu oft verschmelzen sie in der medialen Darstellung zu einer anonymen Masse, die aufgrund bedrohter Arbeitsplätze und Zukunftsängste sowie mangelnder Bildung in die Fänge des Rechtspopulismus getrieben wird. Doch die AnhängerInnenschaft stellt sich weitaus differenzierter dar – ebenso wie flüchtende Menschen aus Syrien oder Afghanistan. Dass häufig die Berufsausbildung Schutzsuchender in den Vordergrund gestellt wird, wirft die Frage auf, ob Menschen ohne Schulabschluss denn kein Recht auf Asyl haben. Menschenrechte richten sich nicht nach dem Bildungsgrad oder politischen Haltungen, alle Personen haben – zumindest theoretisch – Anspruch auf diese ganz elementaren Rechte. Vor Krieg und Terror flüchtende SyrierInnen müssen deshalb auch nicht schöner und jünger oder gar bessere Menschen sein. Antifeministische Frauen sexistisch abzuwerten, war noch nie eine feministische Strategie. Ebenso wenig kann Rassismus mit Klassismus bekämpft werden.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-antirassismus-der-diskriminiert/feed/ 1
Verbündete von nebenan https://ansch.4lima.de/verbuendete-von-nebenan/ https://ansch.4lima.de/verbuendete-von-nebenan/#comments Wed, 18 Nov 2015 11:18:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=6770 MARINA NAPRUSHKINA vernetzt Refugees in Berlin. Von JEANNA KRÖMER]]>

Eine Initiative bringt in Berlin Alteingesessene und Refugees zusammen. JEANNA KRÖMER hat die „Neue Nachbarschaft“ besucht.

 

Berlin Moabit. Anfang November ist es schon früh dunkel. An der „Freundlichen Bäckerei“, dem Erotik-Kino, einer Fahrschule und der Kirche geht es vorbei, um zu dem Haus mit dem Logo im Schablonenstil zu gelangen: „Neue Nachbarschaft“ steht auf den großen Schaufenstern, die Einblick in einen großen, hell erleuchteten Raum gewähren, eine Bar für „neue“ und „alte“ BerlinerInnen, ein Treffpunkt für Geflüchtete und ihre FreundInnen.

Mitten im Kiez. „Früher haben wir an einem anderen Ort völlig unsichtbar gearbeitet. Nun sind wir mitten auf einer belebten Straße, wo die PassantInnen sehen, womit wir beschäftigt sind. Dadurch haben wir in der letzten Zeit schnell Zuwachs bekommen”, erzählt Marina Naprushkina, die Ideengeberin der Initiative. Sie ist eine Künstlerin, die sich bei sozialen und politischen Themen klar positioniert. In ihrem Heimatland Belarus wurde sie wegen ihrer Regierungskritik von der Staatsanwaltschaft angeklagt.
Seit 15 Jahren wohnt Marina mit ihrem Partner und einer Tochter in Berlin. Vor zwei Jahren hat sie die „Neue Nachbarschaft“ gegründet und widmet seither den Löwenanteil ihrer Zeit der Arbeit mit Refugees. Malkurs für Kinder, Sprachkurs für Erwachsene, Frauen zu ÄrztInnen begleiten, Dokumente ausfüllen, bei der Wohnungssuche helfen. All diese Erfahrungen sind nun in ihr soeben erschienenes Buch „Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen“ geflossen. (1)

Gemeinsames Pauken. Marina betont, dass es eigentlich ein Buch über Frauen ist. Wenn man es liest, versteht man auch, warum. „Nur wenige wissen, dass die meisten Flüchtlinge 2013 aus der Russischen Föderation, vor allem aus Tschetschenien stammten. Wir haben mit unserer Arbeit angefangen, noch bevor so viele Flüchtlinge aus Syrien kamen“, berichtet Marina. Viele tschetschenische Männer leiden sehr stark unter ihrer neuen Situation in Deutschland. Die Frauen sind oft diejenigen, die für die Zukunft ihrer Kinder kämpfen, Neues lernen und trotz allem nicht aufgeben. In ihrem Buch geht es um den Alltag der Menschen, denen sie täglich begegnet, es zeigt den oft zermürbenden Kampf mit der deutschen Bürokratie.
Die „neuen” NachbarInnen der Bar kommen heute überwiegend aus Syrien, es gibt auch einige aus Kamerun, Afghanistan und Albanien. Ab 18 Uhr trifft man sich in der etwa vierhundert Quadratmeter großen ehemaligen Kegelbahn zum Deutschstammtisch. Auf den bunt zusammengestückelten Sofas und Sesseln sitzen Menschen, die sich entspannt und angeregt unterhalten. Eine junge Frau mit weißem Kopftuch geht hinter dem kleinen kraushaarigen Mädchen her, das neugierig von Tisch zu Tisch tapst. An der Theke rechts wird Tee getrunken. An der Wandtafel stehen noch Grammatikübungen auf Russisch, Deutsch und Arabisch. Alle Anwesenden tragen ein Namensschild auf der Brust: Vivi, Kathi, Diego, Mohsin, Elena, Fatema, Hannes …

 Yoga und Foodsharing. Eine Treppe führt hinunter in den frisch renovierten Keller, auch hier stehen viele Tische und Stühle, alle sind besetzt. In einem Nebenraum, der sonst als Lager für Kleiderspenden dient, findet gerade eine Beratung statt. Die angehenden AnwältInnen und Jura-Studierenden der Initiative „Refugee Law Clinic Berlin“ unterstützen beim Briefwechsel mit den Behörden. Marina hat gerade Gruppen gebildet, abhängig von den Deutschkenntnissen. Ihre dunklen Haare sind kurz, sie ist eine energiegeladene, zierliche Person, jetzt steht sie hinter die Theke und bedient Gäste. Marinas Lebenspartner Udo erzählt stolz, dass sie morgen nach Wien zu einer Preisverleihung fahren wird.
Ruslan ist ein junger Mann mit, wie man das in Deutschland nennt, „Migrationshintergrund“. Mit seiner russisch-aserbaidschanischen Familie ist er mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen und fühlt sich hier längst zu Hause. Anna ist Belarussin, sie hat in Polen studiert, dann die halbe Welt bereist, jetzt arbeitet sie als Projektmanagerin in Berlin und bietet in der „Neuen Nachbarschaft“ bald Yogakurse für Frauen an.
Über eine Foodsharing-Website ist gerade bekannt geworden, dass ein Laden in ihrer Nähe 33 Paletten vegetarischer Lebensmittel zu verschenken hat. „So viel brauchen wir nicht. Mit fünf Paletten können wir hier alle Anwesenden versorgen – das sind über 150 Menschen.“ Man entscheidet, zum Laden zu gehen und nachzuschauen, wie viele Paletten noch zur Verfügung stehen. Ruslan, Udo und Anna ziehen sich an und gehen los.

 

Die Künstlerin Marina Naprushkina hat für ihr sozialpolitisches Engagement kürzlich den Sussman-Preis erhalten. © Marina Naprushinka
Die Künstlerin Marina Naprushkina hat für ihr sozialpolitisches Engagement kürzlich den Sussman-Preis erhalten. © Marina Naprushinka

 

Freiwilligenarbeit. Der Unterricht ist zu Ende. Ab 20 Uhr wird die „Neue Nachbarschaft“ zu einer Bar mit Musik. Der junge Mann im schwarzen Hemd stellt sich als Monis (2) vor. Der aus Syrien stammende Gastronomiefachmann kommt schon seit zwei Jahren in diese Bar und mag das ruhige Ambiente: „Ich kann mich nicht erinnern, hier je betrunkene oder aggressive BesucherInnen erlebt zu haben.“ Nachdem die meisten TeilnehmerInnen des Deutschstammtisches den Raum verlassen haben, beginnt im Zimmer mit der Wandtafel eine Einführung für 13 neue HelferInnen, es sind fast gleich viele Frauen und Männer. Die meisten sehen nach Mitte zwanzig aus. Ruslan erklärt ihnen: „Wenn man einige Jahre in einer Notunterkunft verbringt, hat man von Deutschland und den Menschen hier nichts gesehen, man kennt nur die Behörden und die Leute aus dem Heim. So ist eine Integration einfach nicht möglich.“ In der Bar wird regelmäßig gemeinsam gekocht und gegessen. Die Menschen können die Küche ihres Landes vorstellen und etwas dazu erzählen. Das sei sehr wichtig, meint Ruslan, denn: „Wir wollen nicht, dass hier jemand als Helferin und der andere als Bedürftiger abgestempelt ist. Wir möchten, dass man den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Wir sehen uns als Nachbarn.”
Eine der Neuen ist Monika, eine große, schlanke Frau mit einem lebhaften Blick. Sie selbst ist mit neun Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Jetzt beschäftigt sie sich in Berlin mit Bauprojektkoordinierung und möchte in ihrer Freizeit als Volontärin der „Neuen Nachbarschaft” nützlich sein. Ihr wurden die beiden jungen Männer Ahmed und Massud zugewiesen, mit denen sie besprochen hat, was man am Wochenende unternehmen könnte. Sie musste auch direkt einige kulturelle Unterschiede erklären, meint Monika: „Meine Gesprächspartner haben mich zuerst für viel jünger gehalten und dann haben sie sich gewundert, dass ich mit 32 immer noch nicht verheiratet bin. Ich habe versucht ihnen zu erklären, dass es in einer großen Stadt normal ist, sich mit einer Ehe Zeit zu lassen.“

Katzen streicheln. Marina Naprushkina müsste eigentlich an ihrer Rede zur Preisverleihung arbeiten, aber es ist schon sehr spät und sie hat keine Energie mehr. Man sitzt gemeinsam in der Ecke auf einem Sofa vor einer brennenden Kerze und Marina erzählt Anna mit schlechtem Gewissen, dass sie heute nicht bei einer Schulveranstaltung ihrer Tochter dabei sein konnte.
Die Frage, ob man so spät überhaupt noch etwas essen sollte, taucht auf. „In Kamerun wird seltener gegessen, dafür sind die Gerichte viel schwerer. Trotzdem hatte Mary (2) anfangs oft Bauchschmerzen von unseren Lebensmitteln“, erinnert sich Marina. Mary ist eine junge Frau, die vor einigen Jahren noch minderjährig ohne Eltern aus Kamerun gekommen ist. Man kümmert sich hier deshalb besonders aufmerksam um sie. „Es wurde ganz anders gekocht und gegessen in ihrer Heimat”, erklärt Naprushkina. Außerdem gibt es in Kamerun den Aberglauben, Katzen verkörperten den Teufel. „Aber Mary traut sich mittlerweile sogar, unsere Katze zu streicheln”, schmunzelt Marina. Die Fenster von der „Neuen Nachbarschaft“ leuchten bis spät in die Nacht.

 

neuenachbarschaft.de

(1) Marina Naprushkina: Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen. Europa Verlag 2015, 17,50 Euro

(2) Name geändert

 

Jeanna Krömer ist eine belarussische Journalistin, die in Berlin lebt und über Menschenrechte und Politik in Belarus, Ukraine und Russland schreibt. Kontakt: jakroemer@gmail.com

]]>
https://ansch.4lima.de/verbuendete-von-nebenan/feed/ 1
Mädchenjahreskalender https://ansch.4lima.de/maedchenjahreskalender/ https://ansch.4lima.de/maedchenjahreskalender/#respond Wed, 18 Nov 2015 11:02:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=6773 Die Collagen-Bildstrecke dieser Ausgabe ist Teil eines feministischen Kalenders. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Die Collagen-Bildstrecke und das Cover dieser Ausgabe hat das Team des Mädchenjahreskalenders gestaltet. Die sechs jungen Frauen aus Berlin bringen bereits ihren dritten feministischen Kalender heraus.
„Wir haben uns das Medium Kalender ausgesucht, weil man sich so jeden Tag aufs Neue mit den Inhalten befasst. Außerdem sind gestalterisch und inhaltlich viele Ebenen möglich“, sagt Luisa Mielenz. Auf die Idee hat sie Luisas Mutter gebracht, als diese ihrer Tochter von frauenbewegten Kalendern aus ihrer eigenen Studienzeit erzählte.
Dass der Kalender von Mädchen für Mädchen sein soll, war von Anfang an klar, erzählt Coco Aglibut. Inzwischen gebe es allerdings immer wieder Diskussionen über das Label „Mädchen*“ und Konzepte von Weiblichkeit – die sich auch im Inhalt widerspiegeln. Die Hälfte des Teams hat mittlerweile das Abitur gemacht, der Name ist bereits geschützt und die Auflage weiter gestiegen – ob schon ein Verlag in Sicht ist? „Wir sind jetzt noch so freigeistig drauf, dass wir alles selber machen wollen“, sagt Nina Grabowski. Da ist sicher noch einiges zu erwarten.

Der Kalender 2016 kostet zehn Euro und ist erhältlich in zahlreichen Buchhandlungen in Berlin und Wien sowie auf www.maedchenjahreskalender.de.

 

© Mädchenjahreskalender
© Mädchenjahreskalender

 

© Mädchenjahreskalender
© Mädchenjahreskalender

 

© Mädchenjahreskalender
© Mädchenjahreskalender
]]>
https://ansch.4lima.de/maedchenjahreskalender/feed/ 0
„Bibi muntert mich auf“ https://ansch.4lima.de/bibi-muntert-mich-auf/ https://ansch.4lima.de/bibi-muntert-mich-auf/#respond Wed, 18 Nov 2015 10:50:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=6775 Mädchen machen sich zum Youtube-Star. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Boygroup war gestern: Auf Youtube machen sich Mädchen heute selbst zum Star. Von BRIGITTE THEIßL

 

Rund viertausend Mädchen drängen an einem Samstagnachmittag in die Shoppingcity Seiersberg nahe Graz, um sich ein Selfie mit ihrem Idol abzuholen. Doch noch bevor Bibi mit der für 17 Uhr angesetzten Autogrammstunde beginnt, bricht die Polizei die Veranstaltung ab – dem Ansturm der „Bibinators“ sahen sich die Sicherheitskräfte nicht gewachsen.
Bibi, das ist Bianca Heinicke, Videobloggerin – und zwar eine der beliebtesten im deutschsprachigen Raum: Ihren Youtube-Kanal „Bibis Beauty Palace“ haben rund 2,5 Millionen Menschen abonniert. In Medienberichten wird die 22-Jährige aus Köln gerne als Studentin oder „Youtuberin“ geführt, aber sie ist vor allem eines: erfolgreiche Unternehmerin. Auf dem Cover des „Bravo“-Magazins, auf dem in den 90er-Jahren noch vorrangig Bands wie Take That oder die Spice Girls zu sehen waren, hat Heinicke bereits einen Stammplatz, Sony brachte vor Kurzem ein eigenes Bibi-Smartphone auf den Markt.

Fernsehen war einmal. Das „Bravo“-Cover spielt heute allerdings eine untergeordnete Rolle. Während noch vor zwanzig Jahren rund 1,4 Millionen Exemplare des Jugendmagazins verkauft wurden, waren es im dritten Quartal 2015 nicht einmal 173.000 Stück. Printmedien haben in der jungen Zielgruppe ebenso an Bedeutung verloren wie das Fernsehen. Bei der täglichen Nutzungsdauer hat das Internet im Segment der 14- bis 29-Jährigen das Fernsehen längst überholt (233 zu 128 Minuten). Zum Vergleich: 2014 haben die Deutschen immer noch doppelt so lange ferngesehen wie im Internet gesurft. (1) „Vom Beliebtheitsgrad her kann man durchaus behaupten, dass Youtube die Funktion des Fernsehens übernommen hat“, sagt Martina Schorn vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung auf an.schläge-Anfrage. Die meist kurzen Beiträge auf der Video-Plattform seien unter anderem deshalb so beliebt, weil diese „als Medium nebenbei konsumiert werden können und eine geringere Aufmerksamkeitsspanne abverlangen als Filme oder Fernsehserien“.

Shopping und Candy. Die Inhalte, die Videoblogging-Stars wie Bibi oder die stets perfekt gestylte und gut gelaunte Dagi Bee auf ihren Kanälen bieten, lassen sich am ehesten in die Kategorie Lifestyle einordnen. Auch wenn Bibi einen „Beauty Palace“ betreibt, liefert sie nur noch selten Make-up-Tipps oder Frisuren-Tutorials. Weit häufiger filmt sie sich gemeinsam mit ihrem Freund oder Vlogging-KollegInnen bei angesagten „Challenges“: vermeintliche Mutproben wie scharfe Süßigkeiten aus dem Asia-Supermarkt zu essen oder sich Haushaltsgegenstände an den Kopf zu kleben. Nilam Farooq alias Daaruum, die auch als Schauspielerin in deutschen Krimiserien auftritt, nimmt ihre ZuseherInnen auf Reisen nach Südafrika oder in die USA mit. In einem ihrer erfolgreichsten Videos aus New York präsentiert sie ihren Lebensmitteleinkauf aus dem Whole-Foods-Biomarkt. Sogenannte Hauls, also die „Beute“ von ausgiebigen Shopping-Touren, sind der Renner auf Youtube, ebenso beliebt sind „Unboxing“-Videos, in denen VloggerInnen vor der Kamera etwa das eben gekaufte iPhone oder ihre neueste Glossybox (2) auspacken.
Umfassende geschlechtsspezifische Daten zu Vlogs auf Youtube gibt es nicht, es falle aber auf, dass „Mädchen Youtube stärker für Lifestyle-Themen nutzen, während für Burschen der Spaßfaktor im Vordergrund steht“, sagt Jugendforscherin Schorn. Solche Spaßmacher sind etwa das männliche Comedy-Trio Y-Titty das über drei Millionen AbonnentInnen hat und vorwiegend Pop-Hits parodiert. Der ebenso beliebte Vlogger LeFloid hingegen kombiniert Soft News mit Unterhaltung und traf im Sommer auf eine sehr prominente Interviewpartnerin: Angela Merkel. Auch die Politik hat mittlerweile erkannt, dass sich auf Youtube eine Zielgruppe adressieren lässt, die über traditionelle Medien zunehmend schlechter zu erreichen ist.

 

© Mädchenjahreskalender
© Mädchenjahreskalender

 

Gemeinschaftsgefühl. Die Youtube-Stars besitzen zudem eine ganz besonders wertvolle Währung: Glaubwürdigkeit. Auch wenn Bibi nicht mehr wirklich das „Mädchen von nebenan“ ist, vermittelt sie in ihren Videos aus dem heimischen Wohnzimmer eine Authentizität, die FernsehmoderatorInnen oder Popstars fehlt. Die selbst ernannten „Bibinators“ haben das Gefühl, am Leben ihres Idols teilzuhaben – dazu gehört auch Bibis Beziehung zu Freund Julian Claßen, der in vielen Videos auftaucht, und mittlerweile einen eigenen Kanal betreibt. Ihre Follower – überwiegend Mädchen zwischen zehn und fünfzehn Jahren – tauschen sich auf Social-Media-Kanälen wie Twitter, Instagram oder Whatsapp über die gemeinsame Fanliebe aus, auch persönliche Treffen werden immer wieder organisiert. „Bibi muntert mich auf, wenn ich traurig bin“, erzählt eine Elfjährige bei einer Fan-Veranstaltung in Bremen.
Dass Bibinators oder Dagi-Bee-Fans ein besonders beliebtes Ziel von Spott im Netz sind, macht einen sexistischen Bias deutlich: Wenn männliche Youtuber stundenlang vor der Kamera Games wie Minecraft spielen und das tausendfach kommentiert wird, fühlt sich kaum jemand bemüßigt, diese Community ins Lächerliche zu ziehen.

Klingende Kassen. Dass Youtube-Stars jedoch nicht nur für ihre Fans interessant sind, liegt auf der Hand: An kaum einem anderen Ort lässt sich die für die Werbung so interessante jugendliche Zielgruppe derart treffsicher erreichen. Das deutsche Unternehmen Mediakraft vermarktet ein riesiges Netzwerk an VloggerInnen, Geld wird vorrangig mit Werbeclips und Product-Placement verdient. Diese Geschäftspraktiken stehen in der Kritik. Jan Böhmermann rechnete in seinem „Neo Magazin Royale“ im ZDF vor, wie viel Bibi und ihr Management potenziell mit einer von ihr beworbenen Marken-Armbanduhr verdienen, die mit einem Preis von 250 Euro das Budget der durchschnittlichen Jugendlichen bei Weitem übersteigt. Mit Schleichwerbung „13-Jährigen das Geld aus der Tasche ziehen“ nennt das der Fernsehmoderator. Doch über genaue Summen spricht man in der Branche ungern – Youtube, Teil des Google- Konzerns, und die Vlogging-Szene hüllen sich in Schweigen.

Teenie-Talente. Besonders eng arbeitet die Kosmetikbranche mit Videobloggerinnen zusammen. Die Anzahl an Beauty-Kanälen ist kaum noch überschaubar und auch wenn bislang nur wenige davon leben, können Mode- und Kosmetikblogs für junge Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit bedeuten. Die professionelle Kommunikation über verschiedene soziale Netzwerke und gekonntes Eigenmarketing haben diese Jungunternehmerinnen bereits im Teenie-Alter erlernt. „Das Internet ist Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedium gleichermaßen und ist in allen Lebensbereichen Jugendlicher eingebettet“, bringt es Martina Schorn auf den Punkt. Doch nicht nur Lippenstifte und Gesichtsbürsten werden verkauft. Die 18-jährige Bree Farmer erklärt auf ihrem Youtube-Channel „Precious Star Pads“ unglaublich eloquent, wie eine Menstruationskappe richtig einführt wird oder Trans-Frauen eine Monatsblutung simulieren können. Ihr Unternehmen hat sie bereits mit 15 aufgebaut, die zunächst selbst hergestellten Stoffbinden bald um andere wiederverwendbare Menstruationsprodukte erweitert. Vor der Kamera wirkt Bree, als hätte sie niemals etwas anderes gemacht – es ist die Medien- und Selbstdarstellungskompetenz der Digital Natives.

 

(1) Grunddaten Jugend und Medien 2015. Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Online: www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grundddaten_Jugend_Medien_2015.pdf

(2) Kosmetikproben im monatlichen Abo

]]>
https://ansch.4lima.de/bibi-muntert-mich-auf/feed/ 0
an.sprüche: Sexy Hexy & rosa Raketen https://ansch.4lima.de/an-sprueche-sexy-hexy-rosa-raketen/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-sexy-hexy-rosa-raketen/#respond Wed, 18 Nov 2015 10:32:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=6797 Pink stinks? Über Konsumzwänge und Klassenbewusstsein. Von CORNELIA GROBNER und ULLI WEISH]]>

Pink stinks? Sind die rosa Glitzer-Tüllklamotten einfach nur sexistisch-kapitalistischer Konsumterror? Oder sollte stattdessen das ewige feministische Rosa-Bashing selbst kritisch hinterfragt werden? CORNELIA GROBNER und ULLI WEISH diskutieren.

 

Mädchen mögen keine Monster. Mädchen mögen auch keine Superhelden. Oder Ritterburgen. Auch keine Autos und keine Raketen. Mädchen mögen Rosa. Das lernen sie von klein auf, wenn sie nur mit offenen Augen an den Plakatwänden, den Einkaufsregalen und Schaufenstern vorbeitrödeln. Dafür werden sie belächelt und die Eltern, die sie mit dem Zuckerwatte-farbenen Spielzeug und Gewand eindecken, vom intellektuellen Mainstream geschmäht. Rosa verdirbt den emanzipativen Charakter. Oder?
Pinkstinks heißt jener Verein, der öffentlichkeitswirksam gegen Werbe- und Medieninhalte auftritt, die Kinder in limitierende Geschlechterschubladen zwängen. Schon im Namen dafür herhalten muss die zum Sündenbock stilisierte Farbe: „Rosa stinkt“. Die Organisation wurde innerhalb der feministischen Szene zu Recht dafür kritisiert, dass sie mit der Abwertung von Pink zugleich alles abwertet, was damit assoziiert wird: Feminität, Homosexualität, Mädchensein. Nebenbei ignoriert der aggressive Kampf gegen die Pinkifizierung kapitalistische Verwertungszusammenhänge und läuft zudem Gefahr, verhohlen Klassismus abzufeiern. Denn gerade in den Billigstläden haben Konsument*innen oft keine andere Wahl: Pink oder Spiderman, etwas anderes gibt es nicht. Und wo Normschönheit, Heteronormativität und Passivität von Mädchen und Frauen dekonstruiert werden sollten, erschöpft sich die Kritik an der Pinkifizierung meist in der Diskriminierung jener, die sozial ohnehin am Rand stehen. Was bleibt unterm Strich? Der weiße, intellektuelle Mittelschichtsfeminismus zeigt mit dem Finger auf die rosa Unterschichtsmädchen und deren Eltern, sprich auf die für Einkäufe vermutlich hauptverantwortlichen Mütter.
Pink ist bestimmt nicht der Feind. Mir macht nicht das rosa T-Shirt Sorgen, sondern das Mädchen, das sich darauf abgedruckt sexualisiert in Pose wirft. Und die tailliert geschnittenen Jeans für Dreijährige.
Nein, Pink ist nicht der Feind. Ich plädiere für mehr Pink – für die Aneignung und nicht für die Verteufelung: rosa Monster, rosa Superheld* innen, rosa Ritterburgen, rosa Autos, rosa Raketen. Pinkifizierung for the win!

Cornelia Grobner ist freie Journalistin. Sie hat als Mutter einer Tochter die Farbe Pink selbst lange Zeit als Feindin aus der Ferne beobachtet, bevor sie sich zur Kollaboration entschlossen hat.

 

Illustration: Bianca Tschaikner
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Kreisch-Blink-Farben locken Kids-Begehrlichkeiten im Postkapitalismus. Auch der minderjährige Spross gehört längst zur Zielgruppe von Markenfirmen und Brands der gesättigten Märkte. Plastikramsch aller Art wird im Kinder-Fernsehen und in Kinderzeitschriften verkauft. An Mädchen, an Jungs, an größere Mädchen, an größere Junges, an trendsettende Teenies, an die KonsumentInnen von heute und von morgen. Brands wechseln, Farben auch. Der Verkaufszirkus dreht sich damit schneller, Waren müssen wechseln und das Volumen der ge- und verbrauchten Dinge wird auch dank geschlechtergetrennter Warenkreise garantiert größer, zumeist verdoppelt. Das Jammern der Kinder peitscht die versorgende Elternwelt in innere und äußere Widersprüche. Was wem gefällt, was wer anderer hat, was ein sogenanntes „Must have“ ist, wird familienintern weiterverhandelt. Die Ängste der Eltern verbinden sich mit denen der Kinder: Genderangepasster Konsum wird zur Voraussetzung, um Rangordnungskämpfe in Kindergruppen, Schulklassen und Horts zu führen, also überall dort, wo kollektive Momente in einer Gesellschaft der krassen Gegensätze noch möglich sind. Ein kleiner Schritt in der Alltäglichkeit der Anpassung Richtung „Normalität“. Dabei erscheinen heute Farben als ahistorische „Naturalisierung“, als geschlechtlich codiert und bilden eine sekundenschnelle Distinktionsschablone für Kinder (und Erwachsene) an, um ihre Umwelt als „typisch Mädchen“, „typisch Bub“ wahrzunehmen. Wenn Mädchen von diesen engen symbolischen wie realen Pfaden abweichen, so gilt dies heute zwar nicht mehr als völliges No-Go, Girls-Leadership sieht aber anders aus, denn es kommt heute wieder kess daher: mit Tüll und Zauberstab, als sexy Hexy. Die Genderkostüme für Jungs sind vergleichsweise eng und maskulistisch geblieben. Hier wird Abweichung häufig mit Füßen, Fäusten und vollem Körpereinsatz verhandelt, nach wie vor. Konsumpraktiken und Farbsymbolik sind die Trennlinien von Klasse und Geschlecht heute. Gnadenlos in Windeseile hergestellt. Und immer auch kostenpflichtig.

Ulli Weish ist kritische Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Wien. Als Mutter von zwei schulpflichtigen Töchtern ist sie verstrickt in Konsumkritik und -enthaltsamkeit, was den Kindern manchmal peinlich, manchmal rückenstärkend ist.

 

Illustration: Bianca Tschaikner
Illustration: Bianca Tschaikner

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sprueche-sexy-hexy-rosa-raketen/feed/ 0
Der gefährlichste Ort https://ansch.4lima.de/der-gefaehrlichste-ort/ https://ansch.4lima.de/der-gefaehrlichste-ort/#comments Wed, 18 Nov 2015 10:03:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=6777 Interview: ESTHER LEHNERT über rechtsextreme Angstmache. Von KATHARINA LUDWIG]]>

Rechte hetzen gegen Flüchtlinge, indem sie ihnen Vergewaltigung und Kindesmissbrauch unterstellen. Doch sexualisierte Gewalt erfahren Kinder und Frauen meist in der Familie. Auch die rechtsextreme Szene selbst ist alles andere als ein Schutzraum, sagt die Rechtsextremismusforscherin ESTHER LEHNERT im Interview mit KATHARINA LUDWIG.

 

an.schläge: Wenn irgendwo eine neue Flüchtlingsunterkunft öffnet, heißt es immer wieder, Geflüchtete könnten Kinder missbrauchen oder Frauen vergewaltigen. Woher kommt diese Angst?

Esther Lehnert: Sexualisierte Gewalt ist eine totgeschwiegene Struktur unserer Gesellschaft. Es ist eine Tatsache, dass nach wie vor sehr viele Kinder sexuell missbraucht werden. Wir behandeln das gesellschaftlich aber nur als Ausnahme, in einzelnen Skandalen. Über sexualisierte Gewalt in der Familie wird nach wie vor sehr selten gesprochen. Eine Konsequenz daraus ist, dass diese Gewalt nach außen projiziert wird: Der Schwarze, fremde oder migrantische Mann wird als viel gefährlicher wahrgenommen als der „normale“ deutsche Familienvater. Obwohl die Zahlen zeigen, dass der gefährlichste Ort für Kinder und Jugendliche nach wie vor die eigene Familie ist. Doch je unüberschaubarer so eine Sammelunterkunft für Geflüchtete erscheint, desto wahrscheinlicher ist, dass alle Ängste hineinprojiziert werden können.

Was genau passiert bei diesen Projektionen?

Im Rechtsextremismus gibt es das Konzept der „reinen Volksgemeinschaft“. Aber auch in der „normalen“ Gesellschaft ist der Mythos der „heilen Familie“ sehr wirkmächtig. Wenn es also entweder in der „Volksgemeinschaft“ oder in der Familie Irritationen und Bedrohungen gibt, wird zum einen das „Unreine“ und „Bedrohliche“ auf den „Fremden“ projiziert – und damit weg aus der eigenen Gemeinschaft. Zweitens wird dadurch der „andere“ Mann abgewertet. Durch den Bezug auf dessen vermeintliche Sexualität und Körperlichkeit wird der „bedrohliche“ Mann verstärkt in eine vermeintliche Naturnähe gerückt, Vernunft und Rationalität werden ihm abgesprochen.

Schwelt das unterschwellig oder wird das aktiv geschürt?

Beides. Wir müssen unterscheiden zwischen tatsächlichen Sorgen und Ängsten, denen man auf einer bestimmten Ebene durch vernünftige Aufklärungsarbeit begegnen kann. Und dann gibt es gezielte Kampagnen von Rechtsextremen, die sich als „besorgte Mütter“ oder „besorgte Eltern“ inszenieren, aber ein strategisches Interesse haben.

Was für ein Interesse?

Schauen Sie sich die Kampagnen an, die die NPD in Berlin und weiteren Bundesländern gegen Sexualstraftäter geführt hat, die nach ihrer Haftstrafe entlassen wurden. Hier geht es nicht darum, Kinder zu schützen, sondern über dieses Thema – das in der Gesellschaft für sehr, sehr große Ängste sorgt – rechtsextremes Gedankengut zu normalisieren und in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Woher wissen Sie, dass es nicht um den Schutz der Kinder geht?

Nehmen wir das 450-Einwohner-Dorf Insel in Sachsen-Anhalt. 2011 ist das ganze Dorf Sturm gelaufen, als zwei Männer nach einer verbüßten Haftstrafe wegen Sexualstraftaten dort hinzogen. Unterstützt wurden die Proteste von Neonazis. Auch einzelne DorfbewohnerInnen, die sich mit den Entlassenen solidarisierten, wurden bedroht. Im selben Dorf gab es sechs Jahre zuvor einen realen Fall von Vergewaltigung an einer damals noch Minderjährigen. Der Täter war aus dem Dorf selbst, aus der eigenen Mitte. Dem Opfer wurde nicht geglaubt, die Tat wurde totgeschwiegen.

 

Esther Lehnert © Uwe Küttner
Esther Lehnert © Uwe Küttner

 

Wird in Kitas und Schulen nicht genügend über Missbrauch aufgeklärt?

Die Fälle am Canisius-Kolleg und der Odenwaldschule haben sensibilisiert, Kinder- und Jugendeinrichtungen müssen nun Schutzkonzepte entwickeln. Das dauert aber. Es hängt nach wie vor stark von einzelnen Fachkräften und der Zusammensetzung der Elternschaft ab. Herrscht dort unreflektierter Alltagsrassismus, dann greifen die politischen Strategien von Rechtsextremen besser, die Ängste instrumentalisieren wollen. Es ist ein großer Schritt, bei einer Fachstelle anzurufen und sich beraten zu lassen. Einfacher ist es, mit der Erzieherin zu reden, wenn ich mein Kind abhole. Es ist wichtig, pädagogische Fachkräfte hier zu unterstützen und zu qualifizieren.

Sie sagen, rechtsextreme Frauen haben teilweise selbst sexuelle Gewalt erlebt.

Es gibt nie nur einen Grund, warum sich Frauen hin zum Rechtsextremismus orientieren. Sehr häufi g ist Rassismus ein wichtiges Motiv. Bei der Auseinandersetzung mit Mädchen und Frauen aus der Szene gibt es viele Hinweise auf erlebte sexualisierte Gewalt. Die Idee einer „reinen, deutschen Volksgemeinschaft“ wird dann als Schutzraum imaginiert. Die Realität innerhalb der Szene sieht aber anders aus.

Was ist über Gewalt innerhalb der Szene bekannt?

Gewalt ist der Szene immanent, Gewaltfreiheit und Rechtsextremismus gibt es nicht. Aussteigerinnen berichten von häuslicher und sexualisierter Gewalt. Die Polizei findet bei Hausdurchsuchungen immer wieder Hinweise auf Kinderpornografie, auch im Fall des NSU war das so. Das verwundert nicht: Die Idee, dass es eine heile Familie gibt, wenn ich selbst in gewaltförmigen Strukturen lebe und eine gewalttätige Ideologie teile, ist geradezu absurd. Ich gebe ja meine Gewalt nicht in dem Moment ab, wo ich das Kinderzimmer oder das Elternschlafzimmer betrete.

Wird darüber gesprochen?

Nein, häusliche und sexualisierte Gewalt in der Familie oder Partnerschaft ist ein Tabu. Innerhalb der Subkulturen und auch im Rechtsrock gibt es allerdings Aufrufe zur Vergewaltigung. Vor zwei Jahren hat eine NPD-Funktionärin auf Facebook erstmalig ihr Martyrium extremer häuslicher Gewalt öffentlich gemacht. Vorher galt das als eine rechtsextreme Musterfamilie. Die Frau hat sich dann getrennt – und ist mit einem anderen Nazi zusammengekommen.

Welche Idee von „Männlichkeit“ gibt es im Rechtsextremismus?

Für rechtsextreme Funktionäre ist es wichtig, sich als potent, als mehrfachen Vater darzustellen und sich in heteronormativen Familien zu verorten. Einem rechtsextremen Funktionär zu unterstellen, er sei schwul, ist nach wie vor eine Möglichkeit, ihn politisch kaltzustellen. Die Orientierung an dem Bild des „politischen Soldaten“ herrscht vor, dazu passt es, Frau und Kinder zu schützen. Doch wir wissen: Gerade im Krieg wird vergewaltigt. Und wir wissen auch, dass im Nationalsozialismus sexuelle Gewalt eine große Rolle gespielt hat.

Inwiefern?

Sexuelle Gewalt war ein ganz normales Mittel, um Menschen zu demütigen und zu disziplinieren. Das zeigt sich in ganz unterschiedlichen Zwangs- und Strafmaßnahmen gegenüber Menschen, die nicht in die „deutsche Volksgemeinschaft“ gepasst haben. Auch in der Hitlerjugend wurde sexuelle Gewalt ausgeübt gegen Menschen, die nicht ins Bild passten. Das war ein Machtmittel.

Wie kann man Kinder vor Missbrauch schützen?

Es gibt keine Patentlösung. Wichtig ist es, Kinder stark zu machen. Wichtig ist auch, Kinder ernst zu nehmen, sie in ihren Rechten zu unterstützen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie uns als Erwachsenen vertrauen können. Dann haben wir eventuell die Chance, dass sich Kinder im Fall von Übergriffen an uns wenden.

 

Beratungsangebote

Fachstelle Gender und Rechtsextremismus, www.gender-und-rechtsextremismus.de/, Tel.: +49(0)30-240886-12
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus, www.mbr-berlin.de, Tel.: +49(0)30-24045430

 

Esther Lehnert ist Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit dem Fokus auf Rechtsextremismus an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Sie arbeitet außerdem beratend für die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung.

Katharina Ludwig ist Journalistin und Autorin. Sie arbeitet in Berlin zu sozialen Themen.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/der-gefaehrlichste-ort/feed/ 1
heimspiel: Dieses Land ist es nicht https://ansch.4lima.de/heimspiel-dieses-land-ist-es-nicht/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-dieses-land-ist-es-nicht/#respond Wed, 18 Nov 2015 09:57:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=6783 HeimspielIm Eltern-Kind-Zentrum wird über das Pro und Contra verschiedener Einschlafhilfen debattiert. Von KRISTINA STRAUß-BOTKA]]> Heimspiel

leben mit kindern

Im Eltern-Kind-Zentrum wird über das Pro und Contra verschiedener Einschlafhilfen debattiert. Vorsingen? Familienbett? Flascherl? Das Baby aus Syrien schläft ohne Schnuller, Schmusetier oder auch nur abgedunkelten Raum tief und fest, seit die Eltern für eine Nacht im Lehrlingsheim untergekommen sind. Es weiß nichts von der Diskussion über Grenzzäune Richtung Ungarn. Oder davon, dass Oberösterreich jetzt schwarz-blau ist. Es kennt keine Polizei-Sondereinheiten in Roboter-Outfits, die ich verabscheue, seit ich schon auf meinen allerersten Anti-Nazi-Demos lernen musste, dass die Polizei nicht „unser Freund und Helfer“ ist. Jetzt stehen diese Sondereinheiten regelmäßig in Massen vor meiner Haustüre. Das Fußballstadion ist schuld – die Hooligans ziehen hier direkt durch. Versehentlich öff net jemand aus Neugierde die Haustür, ich sehe das Aufgebot in den Polizeiwägen, hab mein Kind im Arm und bekomme plötzlich Panik. Auch das Kind bekommt sofort Panik, was sonst. Wir schreien. Tür zu. Wir leben in einem Reihenhäuschen mit Biokiste. Wir können den Flüchtlingen unten am Bahnhof Obstquetschies und Müsliriegel bringen, unsere Babytrage herschenken und überlegen, welchen Stoff wir für die Tragetücher verwenden, die wir in einer Nähsession für den Flüchtlingskonvoi herstellen. Die Durchreisenden tragen hier ihre Babys vor sich her, sonst ist ihnen ja nichts geblieben. Das Panikgefühl vor den Robo-Cops überkommt mich wieder, als ich in den Nachrichten sehe, wie Flüchtlinge an den Grenzen Europas behandelt werden. Tränengas. Schikanen. Brüllerei. Statt sicherer Transporte, warmer Kleidung, Nahrung, psychologischer Betreuung. Ich wünsche keinem Kind eines Robo-Cops solche Erfahrungen. Wir müssen uns. Verdammt noch mal. Jetzt sofort. Alle. Dafür einsetzen. Dass den Leuten geholfen wird.

Kristina Strauß-Botka ist Politikwissenschaftlerin und Elementarpädagogin. Ihre Tochter soll eigentlich in einer solidarischen, gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft aufwachsen. Jetzt singt sie häufi ger „Der Traum ist aus“ von Ton Steine Scherben.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher
]]>
https://ansch.4lima.de/heimspiel-dieses-land-ist-es-nicht/feed/ 0
Mutterwitz & Lachkampf https://ansch.4lima.de/mutterwitz-lachkampf/ https://ansch.4lima.de/mutterwitz-lachkampf/#respond Wed, 18 Nov 2015 09:50:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=6780 MARGARET CHOS politisch-obszöne Stand-up-Comedy. Von LEA SUSEMICHEL]]>

MARGARET CHO macht Stand-up-Comedy über schwulen Sex, ihre Mutter und asiatischen Hühnchensalat. Von LEA SUSEMICHEL

 

Margaret Cho ist wahnsinnig witzig, ganz egal ob sie in einer Stand-up-Show pantomimisch den Weg durch die Sitzreihe im Flugzeug nachstellt („Put your ass in my face. Do it now!“) oder ob sie dreckige Witze über Darmspülungen und über nach exzessivem Dildogebrauch ausgeleierte Vaginas macht. Letzteres ist aber eindeutig das Spezialgebiet der 1968 geborenen Komikerin, die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr auf der Bühne steht. Fäkalhumor und Obszönität waren immer ihre Leib- und Lieblingsthemen, lange bevor Vulgarität generell zum Gütesiegel erfolgreicher weiblicher Comedy – wie aktuell etwa der von Amy Schumer – avanciert ist. Wieso aber funktioniert das so verlässlich, ist es tatsächlich immer noch ein Tabubruch, wenn Frauen ordinär sind?
„Männer sind auch krass obszön, werden aber nicht so wahrgenommen“, sagt Margaret Cho im an.schläge-Interview. „Vulgarität verleiht zudem eine Art Stärke. Ich bin vulgär, weil ich das einerseits sehr lustig finde. Als ich jünger war, nutzte ich es aber auch, um älter und erfahrener zu wirken.“ Über sämtliche Spielarten von Sex zu sprechen, sei zudem definitiv feministisch und queer, so Cho weiter. Denn sexuell explizit zu sein, stehe in der Tradition der sexpositiven Bewegung der 1990er, als deren Teil sich die feministische „Fag Hag“ begreift.

© Pixie Vision
© Pixie Vision

Chicken salad. Chos Comedy war deshalb immer politisch, auch wenn ihr die Welt des politischen Humors lange als eine Domäne weißer Männer erschien. „Zu politischem Humor muss man sich befugt fühlen, das habe ich lange Zeit nicht getan. Ich musste mir dieses Recht erst nehmen, niemand hat es mir verliehen. Weibliche Comedians sind oft unsichtbar, deshalb müssen wir darum kämpfen, gesehen zu werden. Aus diesem Grund glaube ich, dass politisches Engagement auch auf der Bühne sehr wichtig ist, denn allein die Tatsache, dass wir Comedians sind, ist bereits politisch.“
Politisch betroffen ist die US-Amerikanerin mit koreanischem Background auch von einem Phänomen, das sie „SARS – Severe Asian Racism Syndrome“ nennt. Die Hass-Mails, die sie erhält, sind ausnahmslos offen rassistisch, doch der Rassismus, mit dem sie beständig konfrontiert ist, kann viele Formen annehmen. „Er ist barbarisch oder auch sehr subtil. Es sind zum Beispiel weiße, akademische besserwisserische Belehrungen, es sind durch und durch rassistische Beschimpfungen oder irgendwelche Geschichten über hundeessende AsiatInnen. Ich weiß inzwischen, dass es auf keinen Fall etwas bringt, mit Argumenten dagegenzuhalten. Ich habe gelernt, es einfach als Kapitulation zu akzeptieren.”
Cho setzte sich in ihren Büchern zur Wehr und auf der Bühne begegnet sie Diskriminierungen, indem sie ihre gar nicht immer bösartigen, sondern mitunter einfach nur absurd-komischen Alltagserfahrungen reinszeniert: „I was on a plane, and the steward was coming down the aisle: ‚Asian chicken salad … Asian chicken salad … Asian chicken salad …‘ And he gets to me and he’s like: ‚chicken salad!‘ What does he think I’m gonna say? This is not the salad of my people! In my homeland, they use mandarin orange slices! And crispy wonton crunches!“

Die Mutter. Doch es gibt auch schonungslose Witze über die asiatische Community, insbesondere wenn Cho mit zurückgeschobenem Kinn ihre Mutter gibt, nach der mit „Mother“ auch ein ganzes Programm benannt ist. „Meine Mutter ist eine wichtige Figur meiner Stand-up-Comedy, weil sie auch die Stimme meiner ‚Asianness‘ ist. Gleichzeitig ist sie auch eine reale Person meines Lebens, die sehr wahrhaftig und sehr komisch ist. Ich habe immer wieder wirklich wahnsinnige Diskussionen mit ihr, weil sie sich weigert, sich von den Ansichten ihrer Generation zu verabschieden. Sie ist nicht bodypositiv, sie ist nicht direkt feministisch, aber ihre Stärke kommt von woanders, das versuche ich auf der Bühne zu vermitteln.“
Die Figur der Mutter ist besonders aus feministischer Perspektive sehr ambivalent: Sie muss einerseits wertgeschätzt und gegen eine patriarchale Welt verteidigt, andererseits aber von der Tochter auch herausgefordert werden. Dieser schwierige Spagat gelingt Cho und das hochkomische und dennoch liebevolle Vorführen ihrer Mutter macht diese Bühnenfigur beim Publikum wohl so beliebt.

© Pixie Vision
© Pixie Vision

Speck sales. Auch Feminismus ist für Cho „ein täglicher Kampf “, der sich für sie noch immer vor allem um Körperpolitik dreht, um „Sexpositivity“ wie um „Bodypositivity“. Für ihre Rolle in der US-Fernsehserie „All-American Girl“, eine Sitcom über eine amerikanisch-koreanische Familie mit Margaret Cho in der Hauptrolle, hatte man ihr bereits 1994 nahegelegt, abzunehmen: „Ich verstand es einfach nicht. Ich war zu fett, um mich selbst zu spielen?“
Cho, die früher massiv unter Essstörungen litt, stellt sich vehement gegen „Fatshaming“ und rigide Körperideale, die gerade für Frauen im Showbusiness weiterhin ein riesengroßes Thema seien. Dicksein allein ist deshalb bereits witzig und weibliche Comedians wie etwa auch Melissa McCarthy oder Amy Schumer nutzen diesen Normbruch als komödiantisches Mittel und lassen selbst noch das kleinste Speckröllchen zur Lachnummer werden.

Tough und stolz. Doch der Zugriff auf den eigenen Körper macht beim Gewicht nicht Halt. Vor Kurzem machte Margaret Cho öffentlich, dass sie von ihrem fünften Lebensjahr an bis in ihre Jugend sexuell missbraucht wurde. „Ich flüchtete mich in die Stand-up-Comedy, um dem Täter zu entkommen. Auf der Bühne war ich sicher, denn dort gab es Zeuginnen“, sagt sie im an.schläge-Interview. „Als Comedian hatte ich die Macht, die ich dringend brauchte, um zu überleben.“
Anfang November initiierte Cho die Social-Media-Kampagne #12daysofrage, um Vergewaltigungen öffentlich anzuklagen. Die Veröffentlichung ihres Video „(I Want to) Kill My Rapist“ bildete den Abschluss der Kampagne. Im Zuge von #12daysofrage sprach Cho auch erstmals offen über ihre Vergangenheit als Sexarbeiterin. „We were tough and proud!“, entgegnet sie auf Twitter, wenn es um die scheinheilige Stigmatisierung von Sexarbeit geht, die auch sie selbst erlebt hat.
Solche Erfahrungen im wahrsten Sinne mit Humor zu nehmen, das scheint fast zynisch. Doch Cho ist überzeugt: „Unsere Fähigkeit zu lachen geht direkt mit unserer Fähigkeit zu kämpfen einher. Wenn wir uns über etwas lustig machen können, können wir es auch verändern.“
Und das gilt ihr zufolge nicht nur für den politischen Kampf gegen Diskriminierungen, sondern auch für den ganz persönlichen. „Lachen bringt augenblicklich Erleichterung, Schmerzen werden gelindert, es ist ein magischer Vorgang. Ich habe selbst noch nicht herausgefunden, wie genau das funktioniert, aber wenn ich über etwas lache, beginnt die Heilung.“

Margaret Cho: The Psycho Tour
1.12.2015, 20.00 im Wiener Metropol

 

 

]]>
https://ansch.4lima.de/mutterwitz-lachkampf/feed/ 0
bonustrack: Pscht https://ansch.4lima.de/bonustrack-pscht/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-pscht/#respond Wed, 18 Nov 2015 09:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=6785 Man muss nicht für alles dankbar sein. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Man muss nicht für alles dankbar sein. Wenn JournalistInnen ein unterhaltsames Interview zu tausend Zeichen zurechtstutzen, die mich gleichermaßen fad und deppert dastehen lassen, bedanke ich mich nicht lieb für die Aufmerksamkeit. Wenn ein Blog nach Mailwechsel meinen Namen falsch schreibt, knickse ich nicht brav. Wenn ich für ein Publikum spielen darf, das beim Konzert nicht leise sein kann, macht es mir großen Spaß, schon zu Konzertbeginn Leute zum Gehen aufzufordern. Pscht!
Erstaunlich viele merken nicht, dass die Person auf der Bühne den Inhalt ihrer wichtigen Konversation genauso gut hören kann wie die Reihe hinter ihnen. Nein, ich glaub nicht, dass der Erwin der Babsi die Miete für den Dezember schon überwiesen hat. Ja, vielleicht solltet ihr beide Franzi simsen wegen einem Bier später im Rhiz. Nein, dein Rock hängt nicht im Strumpfhosenbund fest, schaut okay aus, aber dreh dich vielleicht doch nochmal kurz mit dem Popsch zur Bühne um, dann kann ich das auch noch schnell auschecken zwischen dem zweiten Vers und dem Refrain.
Reaktionen auf mein autoritäres Durchgreifen von der Bühne aus höre ich manchmal am Ende des Abends. Einmal hat sich jemand dafür entschuldigt, dass er so laut war. Diverse Kerle kommentierten es mit einem „Oida, du bist urstreng“, schwer zu beurteilen, ob es nur angenervt war oder Ehrfurcht mitschwang, die ich natürlich gerne heraushöre.
Manche behaupten, bei mir käme durch, dass ich mit einer Mutter aufwuchs, die seit vierzig Jahren verhaltenskreativen Teenagern das englische Past Tense beibringt. Da muss man auch schauen, dass einem zugehört wird. Letzte Reihe, Klappe halten, zweite Reihe grüner Schal, leise sein oder raus auf den Gang. Vierte Reihe Mitte, zur Direktorin! Du da hinten, rempel die Reihe davor nicht mit deinem Bier an! Nachsitzen! Extra Hausübung! Zehn Runden um den Turnsaal laufen! Ich bin mir sicher, meine Mutter macht das eleganter. Aber ich muss ja auch niemandem etwas beibringen. Ich will ja nur, dass alle mal für eine Stunde leise sind. Pscht. Danke.

Anna Kohlweis ist sehr dankbar, dass das Publikum bei den meisten Squalloscope-Konzerten ziemlich wunderbar ist.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
]]>
https://ansch.4lima.de/bonustrack-pscht/feed/ 0
Heimat bist du großer Söhne https://ansch.4lima.de/heimat-bist-du-grosser-soehne/ https://ansch.4lima.de/heimat-bist-du-grosser-soehne/#respond Tue, 20 Oct 2015 09:55:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=6734 Bubenmusik und unsichtbare Frauen. Ein Rant von JULIA PREINERSTORFER

 

In den letzten Monaten überschlugen sich die Zeitungen und Magazine vor Begeisterung: Österreich hat sein neues Austropop-Wunder! Eines hörte man allerdings nur in den seltensten Fällen: die Namen von Musikerinnen. Austropop ist in den heimischen und anderen deutschsprachigen Medien ein rein männliches Phänomen, derzeit durchexerziert an den Bands Bilderbuch und Wanda – beide männlich besetzt. Und sie machen es einem auch nicht leichter, vor allem Wanda, die immer wieder durch gar nicht so hart am Sexismus vorbeischrammende Äußerungen und Inszenierung auffallen. Bekanntlich wirkte Ronja von Rönne – „mich ekelt Feminismus an“ – in einem ihrer Videos mit. Klar ist das Kalkül, macht es aber auch nicht sympathischer.

Schulterklopfen. Auch beim einzigen größeren Musikpreis des Landes, dem Amadeus, bleibt oft nur Kopfschütteln. Nicht, dass dieser Preis irgendjemanden ernsthaft interessieren würde außer die Wiener „Szene“, die sich jährlich dort einfindet, um sich gegenseitig zu versichern, wie geil alle sind. Aber er zeigt ein gröberes strukturelles Problem auf.
Denn natürlich hat 2015 keine einzige Solokünstlerin oder weiblich dominierte Formation einen Preis gewonnen. Man kennt die Argumente schon im Vorhinein: „Hat halt keine Frau was Gescheites rausgebracht dieses Jahr.“ Zur Verteidigung: In der Kategorie Künstlerin des Jahres waren schon Frauen nominiert. Gewonnen hat übrigens Conchita Wurst. Selbiges Problem gibt es bei der Programmierung heimischer Festivals. Beim Booking von weiblichen DJs in Wiener Clubs dasselbe: Man muss sie immer noch mit der Lupe suchen.

„Muschihouse“. Der Musikjournalismus tut ein Übriges dazu, Frauen unsichtbar zu machen. Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen Texte, die schlichtweg dämlich sexistisch sind. Da gibt es etwa die Beschreibung einer jungen Frauenband, in der Äußerlichkeiten und technische Unzulänglichkeiten überbetont werden. Und was bei Männern vermutlich als DIY oder Schrammel-Charme gelobt würde, bedeutet bei „Mädchen“, dass sie schlichtweg nicht ordentlich Gitarre spielen können und von Technik halt nicht so viel Ahnung haben. Oder aber ein plattes und fades populäres elektronisches Genre wird tatsächlich zu „Muschihouse“ abgestempelt.

Speckige Lederjacken. Auch das beliebte Gegensatzpaar Mädchen- und Bubenmusik stellt einem die Haare auf. Mädchenmusik ist selten positiv konnotiert. Sie meint immer das Poppige, das Seichte und Dümmliche. So ziemlich genau das Gegenteil ist gemeint, wenn man von Bubenmusik spricht. Sie ist die „harte“ Musik mit Gitarren und Lederjacken, mit Rock’n’Roll und allen Klischees, die einem dazu einfallen. Musik für Biertrinker. Oder Musik für Nerds, die selbstverständlich immer männlich sind. Weil Frauen interessieren sich ja höchstens dann für Musik, wenn sie einen Mann beeindrucken wollen.
Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall, dass Journalistinnen von (männlichen) Musikern herablassend behandelt werden. Dass ihre Erfahrung und ihre Expertise infrage gestellt werden. Sie sich Fragen gefallen lassen müssen, die männlichen Kollegen einfach nie gestellt werden würden. Sie öffentlich bloßgestellt werden.
Überflüssig zu erwähnen, dass es auch in Österreich tolle Musikerinnen gibt, wie zum Beispiel das Duo Fijuka, das gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Und auch fantastische Musikjournalistinnen, ob Nachwuchstalente oder schon etablierte Autorinnen. Wie Katharina Seidler zum Beispiel, die hauptsächlich für FM4 und Falter arbeitet und super Geschichten macht. Ich kann mich nicht erinnern, einmal den Begriff Mädchen- oder Bubenmusik aus ihrem Mund gehört zu haben.

Julia Preinerstorfer regt sich gerne auf. Auf Twitter kann man sie unter @superwichtig finden.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/heimat-bist-du-grosser-soehne/feed/ 0
„Carrying Other Women In My Mouth“ https://ansch.4lima.de/carrying-other-women-in-my-mouth/ https://ansch.4lima.de/carrying-other-women-in-my-mouth/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:38:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=6631 Polizeigewalt an Schwarzen Frauen in den USA. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Brutale Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen in den USA trifft auch Schwarze Frauen. Sie kamen in den öffentlichen Diskursen über Rassismus bei der Polizei aber bislang kaum vor. Von LEA SUSEMICHEL

 

Tarika Wilson wird bei einer Razzia erschossen, zu Hause, während sie ihren 14 Monate alten Sohn auf dem Arm hält. Das Kind wird ebenfalls getroffen, überlebt den Polizeieinsatz im Gegensatz zu seiner Mutter jedoch. Eigentlich war die Polizei auf der Suche nach Wilsons Lebensgefährten gewesen.
Auch die einjährige Tochter von Miriam Carey überlebt auf dem Autorücksitz die tödlichen Schüsse auf ihre Mutter, die Sicherheitsbeamten abfeuern, weil Carey einen Checkpoint beim Weißen Haus überfahren hat und nicht auf Zurufe reagierte.
Beide Todesopfer sind Schwarz. Beide Namen stehen auf einer Liste aller bislang bekannter Afroamerikanerinnen, die in den vergangenen Jahren durch Polizeigewalt zu Tode gekommen sind. Erstellt wurde diese Namensliste im Rahmen der Kampagne #SayHerName (vgl. an.schläge V & VI). Erklärtes Ziel der Initiative ist, dass der Tod dieser Frauen bekannt und öffentlich betrauert wird, genauso wie der Tod des von einem Wachmann erschossenen 17-jährigen Trayvon Martin oder der des in Ferguson getöteten 18-jährigen Mike Brown, deren Gesichter und Geschichten sich tief ins kollektive Gedächtnis der USA gegraben haben.
„Wenn wir eine Kapuzenjacke tragen, wissen wir, dass wir Trayvon verkörpern. Wenn wir unsere Hände hochhalten, wissen wir, dass wir tun, was Mike Brown tat, bevor er erschossen wurde. Wenn wir sagen ‚Ich kann nicht atmen‘, dann wiederholen wir Eric Garners letzte Worte“, sagt die Mitinitiatorin von #SayHerName, Rachel Gilmer, gegenüber der „Huffington Post“. „Doch wir waren nicht in der Lage, all das für Schwarze Mädchen und Frauen zu tun. Ihre Geschichten haben wir nicht in derselben Weise weitergetragen.“

Black Lives Matter. Denn auch wenn die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für brutale und meist straffreie Polizeiübergriffe gegen Schwarze Menschen in den USA in jüngster Zeit glücklicherweise gestiegen ist: Dass auch Frauen massiv von Polizeigewalt betroffen sind, ist dabei bislang wenig bekannt. Initiativen wie Black Lives Matter, die sich nach der Ermordung von Trayvon bildeten, richteten ihren Fokus lange auf männliche Schwarze Todesopfer. Auch das gerade erschienene, viel beachtete Buch des bekannten Schwarzen US-Journalisten Ta-Nehisi Coates adressiert einen Jungen. „Between the World and Me“ hat die Form eines berührenden Briefes, den der Autor an seinen fünfzehn Jahre alten Sohn Samori schreibt. Als es in den Nachrichten hieß, dass gegen den Polizisten, der Mike Brown getötet hat, nicht ermittelt wird, war Samori wortlos aufgestanden und in sein Zimmer verschwunden, sein Vater hörte ihn dort weinen. Nun schreibt Coates seinem Sohn vom allgegenwärtigen Alltagsrassismus und davon, dass sein eigener Vater ihn verprügelt hat, um so sicherzustellen, dass er nie mit dem Gesetz und der Polizei in Konflikt geraten würde. Denn die Angst Schwarzer Eltern vor der Polizei ist bis heute groß, häufig wird den Kindern eingebläut, sich bei einer Polizeikontrolle nur ja so defensiv wie möglich zu verhalten und ihr Leben zu schützen. Die Angst ist sehr begründet: 891 Menschen wurden in diesem Jahr in den USA bislang von der Polizei getötet, ein überproportional großer Teil von ihnen war Schwarz. Offizielle Statistiken zu tödlichen Polizeieinsätzen gibt es allerdings nicht, diese Zahl wird von „The Guardian“ recherchiert und auf der Zeitungshomepage tagesaktuell veröffentlicht. (1)

© Stephen Melkisethian / flickr
© Stephen Melkisethian / flickr

Black female lives matter too. „Sandra Bland. Tanisha Anderson. Rekia Boyd. Miriam Carey. Michelle Cusseaux. Shelly Frey. Kayla Moore. Es ist zwar nicht überraschend, wenn einige dieser Namen nicht vertraut klingen – aber wir finden es trotzdem inakzeptabel“, so das Statement von #SayHerName. Weiterhin würden die Erfahrungen Schwarzer Frauen in der öffentlichen Debatte um Rassismus bei der Polizei weitgehend ausgeblendet. Doch die „Körper von Schwarzen Frauen sind die am stärksten kontrollierten Körper in diesem Land“, sagt die Dichterin Aja Monet, die für die Kampagne wirbt. Monet hat das Gedicht „The first time (I hated a cop)“ geschrieben: Ein Mädchen wird Zeugin, wie ihr geliebter großer Bruder von Polizisten gedemütigt und geschlagen –„policed“ – wird. „I am a woman carrying other women in my mouth“ beginnt ein Gedicht,
das sie nun auch für #SayHerName verfasst hat und das die Namen aller bekannter toten Frauen nennt.
Der neueste auf dieser Liste ist der von Sandra Bland, einer Black-Lives-Matter-Aktivistin, die nach einer Verkehrskontrolle in Haft kam und drei Tage später tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Weil sie den Blinker nicht gesetzt hatte, riss sie ein Polizist aus ihrem Wagen und knallte ihren Kopf auf den Boden, wie ein millionenfach geteiltes Amateurvideo zeigt. Die Polizei spricht von Selbstmord. Die feministische Juristin Kimberlé Crenshaw hingegen nennt Sandra Bland das jüngste Opfer brutaler Polizeigewalt.
Crenshaw war es, die den Begriff Intersektionalität Ende der 1980er eingeführt hat, um die Verschränkungen verschiedener Diskriminierungsformen zu benennen. Ihre Forschungen zeigen, wie tief Gesetz und Gesellschaft in den USA von Rassismus und Sexismus geprägt sind. Doch während in der öffentlichen Debatte um Polizeibrutalität endlich auch der tiefverwurzelte Rassismus und die „White Supremacy“ als Ursachen zur Sprache kommen, ist von den spezifischen Konsequenzen für Schwarze Frauen wenig die Rede. Diese Auswirkungen aber sind dramatisch: Die unheilvolle Verbindung von Rassismus und Frauenhass (bzw. auch Homo- und Transphobie) bedingt, dass Polizeigewalt oft mit sexualisierter Gewalt einhergeht. So stehen sexuelle Übergriffe an zweiter Stelle der gemeldeten Polizeivergehen, gleich hinter unverhältnismäßig brutalem Gewalteinsatz. (2)

Waffenschulung und Selbstverteidigung. Im Juni sorgte ein Video für Entrüstung, das einen Einsatz bei einem zunächst harmlosen Poolparty-Tumult zeigt. Darin ist ein Polizist zu sehen, der sich auf ein Mädchen im Bikini stürzt und es mit den Knien brutal auf dem Boden fixiert, während die Fünfzehnjährige weinend nach ihrer Mutter ruft. Ganz offensichtlich nimmt der Polizist kein Kind wahr, sondern eine sexualisierte Schwarze Frau, zu der ein weißer Blick afroamerikanische Mädchen oft schon vor ihrer Pubertät macht.
Vor diesem Übergriff war der Cop bei einer actionfilmreifen Seitwärtsrolle zu sehen gewesen, die zum Lachen reizen könnte, würde sie nicht von solch skandalösen Missständen zeugen. Dass US-PolizistInnen aus Actionfilmen lernen, ist gar nicht so abwegig. Für ihre Ausbildung gibt es keine einheitlichen Standards, zwischen gerade einmal acht Wochen und sechs Monaten dauert sie je nach Bundesstaat. Für Deeskalationstraining, für soziale und politische Schulungen bleibt nirgendwo viel Zeit, das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf Schusswaffengebrauch und Selbstverteidigung. Die Auszubildenden werden mit zahllosen Videos von Hinterhalten, erschossenen Polizisten und brutalen Verbrechern konfrontiert. Zu langes Zögern kann dich selbst den Kopf kosten, also schieße lieber zuerst, so die unmissverständliche Botschaft.
Der Polizist, der Tarika Wilson tötete, gab an, eine schemenhafte Bewegung wahrgenommen und in Notwehr gehandelt zu haben. De facto gab es damals nicht die geringste Bedrohung. Nur eine junge Frau mit Baby auf dem Arm.

 

(1) www.theguardian.com/usnews/ng-interactive/2015/jun/01/the-counted-police-killings-usdatabase

(2) graphs.net/police-brutality-statistics.html

]]>
https://ansch.4lima.de/carrying-other-women-in-my-mouth/feed/ 0
„Fuck it, das kann ich auch!“ https://ansch.4lima.de/fuck-it-das-kann-ich-auch/ https://ansch.4lima.de/fuck-it-das-kann-ich-auch/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:37:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=6633 Interview: VIV ALBERTINE von The Slits über Stehvermögen und furchteinflößende Positionen. Von IRMI WUTSCHER]]>
VIV ALBERTINE, Musikerin, Autorin und Gitarristin der feministischen Ikonen The Slits, war in Wien zu Gast. IRMI WUTSCHER traf sie zum Gespräch über weibliche Breitbeinigkeit, verängstigte Männer und ihren proletarischen Stolz.
an.schläge: Das Thema dieser Ausgabe ist: Wie ist es als Frau im Musikbusiness? Ich bin beim Stellen der Frage immer zwiegespalten. Einerseits müssen sich Musikerinnen im Gegensatz zu Männern immer erklären. Andererseits gibt es sexistische Strukturen in der Popkultur und die sollte man ansprechen. Wird Ihnen diese Frage oft gestellt?
Viv Albertine: Ja. Meine Antwort ist immer: Ich habe das Musikbusiness aufgegeben. Aus einem feministischen Grund: Als ich vor ein paar Jahren mit fünfzig zum ersten Mal wieder eine Gitarre in die Hand nahm, wusste ich, dass keine Plattenfirma an mir und meiner Musik interessiert sein würde. Selbst wenn meine Musik besser ist als alles, was sie auf ihren Indielabels vertreiben – von den Majors gar nicht zu reden. Ich halte die Musikindustrie mittlerweile für komplett belanglos. In den Siebzigern war Rock’n’Roll noch einer der wenigen Wege für arme, gewöhnliche Leute, sich auszudrücken. Und damit auch für arme Frauen. Aber das ist heute nicht mehr so. Ich habe also gespart und innerhalb von drei Jahren Schritt für Schritt mein Album selbst aufgenommen. Das mag ich an der heutigen Zeit, am Internet: In gewisser Weise ist es egal, ob du eine Frau bist, arm oder die „falsche“ Hautfarbe hast. Du kannst dein Sachen selbst produzieren. Ohne bezahlt zu werden natürlich. Aber gut bezahlt wurden immer nur die ganz oben. Und die Leute ganz oben, die machen keine Kunst, die machen Unterhaltung.
Eine Kollegin von mir ist überzeugt, dass heute nur noch reiche Kinder im Pop erfolgreich sind. Und auch in anderen Künsten …
Das sehe ich auch so, ich habe gerade einen Artikel darüber geschrieben. Ich habe das Gefühl, im Westen sind die Künste tot! Sie wurden von den Kindern der herrschenden Klasse eingenommen. Mittelklasse-Menschen regieren also die – westliche – Welt und deren Kinder die Künste. Denn die hatten Musikstunden, Geld um Equipment zu kaufen und Festivals zu besuchen, Zeit zu spielen und zu üben. Das Ergebnis ist keine radikale Kunst. Rock’n’Roll gehörte den Armen – das wurde ihnen genommen.
Gehen wir einen Schritt zurück. Warum haben Sie sich eine Gitarre gekauft und in Bands gespielt?
Darauf gibt es nicht die eine sexy Antwort, den Aha-Moment. Sondern viele Fäden, die zusammengelaufen sind. Als ich jung war, war ich verrückt nach Musik, verliebt in Popkultur. Ich begann mir die Rückseiten von Plattencovern durchzulesen, auf der Suche nach Frauennamen, und versuchte herauszufinden, wie ich ein Teil dieser Welt werden könnte. Ich habe nie gedacht, dass ich Musikerin werden könnte, denn ich war arm, hatte nie Musikstunden. Und in diesen Plattentexten tauchten Frauen immer nur bei so was wie „Danke an meine Freundin“ auf oder „Danke an soundso, die uns Tee gemacht hat“.
Später habe ich dann in Bars gearbeitet, mich langsam an die Musikszene herangetastet. Ein wichtiger Moment war, als ich das Cover der Patti-Smith-Platte „Horses“ zum ersten Mal sah, noch ohne die Musik zu kennen. Diese junge Frau sah aus, wie ich mich fühlte: halb Junge, halb Mädchen! Das war eine Offenbarung. Dann hörte ich das Album und darauf geht sie so richtig ab, das war sehr sexuell! Dazu muss man sagen: Als Mädchen war es in den Siebzigern fast wie in den Fünfzigern. Man sollte als junge Lady Sex nicht genießen, keine Geräusche machen. Pattis Musik war dagegen so, als würden wir ihr beim Ficken zuhören! Solche Geräusche konntest du vorher nur hören, wenn du in Soho in eines dieser kleinen Kinos gingst, wo alte Männer in Regenmänteln saßen – beim Wichsen! Patti Smith so loslegen zu hören, war schockierend und fantastisch und befreiend.
Und dann kamen die Sex Pistols. Das war das erste Mal, dass ich mir dachte: „Fuck it, das kann ich auch!“ Johnny Rotten vor allem, der konnte nicht spielen, nicht singen. Und alles, wofür ich mich schämte: arm zu sein, aus dem Sozialbau zu kommen, keine gute Bildung zu haben – darauf war er stolz! Das hat mir geholfen, nicht Suzie Quattro oder Joni Mitchell. Du musst dich selbst da oben sehen!
Als „The Slits“ wollten Sie sich aber nicht männlichen Standards in der Rockmusik anpassen, Sie wollten eigene schaffen. Wie?
Wir haben viel nachgedacht. Zum Beispiel: Ich will nicht wie die Jungs breitbeinig dastehen, als hätte ich dicke Eier. Ich möchte so stehen, wie ich mich wohlfühle. Aber was sieht gut aus? Wir hatten noch nie jemanden mit Minirock und Gitarre gesehen. Wir sprachen darüber, wie wir stehen, spielen, in welcher Höhe wir die Gitarre halten, was für eine Haltung wir einnehmen … Alles war neu und wir haben monatelang diskutiert!
© faber & faber
© faber & faber
Welche Rolle hat Mode für Sie gespielt? In der Punkszene, als Band?
Ein wichtiger Teil davon, eine junge Frau im Punk zu sein, war, deine Haltung auf dem Körper zu tragen. Wir kauften nur bei einem Shop: Vivienne Westwoods „Sex“. Die Sachen hatten eine politische Aussage. Für den Rest nahm ich lauter Mädchenkram, ein Tutu zum Beispiel oder eine Pfadfinderinnen-Uniform. Dazu trug ich schwarze Latexstrümpfe von „Sex“ und eine Lederjacke. Wir schmissen alles zusammen, wie Frauen sein sollten, und machten uns darüber lustig. Wenn wir in diesem Aufzug auf die Straße gingen, griesgrämig und spuckend, waren die Männer komplett verängstigt! Sie hassten es so sehr, dass wir angegriffen wurden. SM-Kleidung hat man vorher nie auf der Straße gesehen, nur in Männermagazinen. Heute kannst du in jedem Geschäft ein Hundehalsband mit Nieten kaufen. Aber damals ein T-Shirt mit Titten drauf zu tragen, das war unerhört! Es sagte: „Ich hole mir meinen Körper zurück, du Wichser.“ Die Männer glaubten damals, du gehörst ihnen, deine Sexualität gehört ihnen. Mit uns konfrontiert wussten sie nicht, was sie tun sollten. Sie wussten nicht, ob sie uns töten oder ficken wollten.
Die Slits sind wie eine Straßengang aufgetreten. Was können Sie über Freundschaft oder vielleicht sogar weibliche Solidarität in der Band berichten?
Ich würde ja gerne sagen, wir waren wie Schwestern … naja, so ähnlich: Wir haben uns gestritten wie Schwestern! Wir hätten es nicht durchziehen können, wenn wir vier nicht eine Gang gewesen wären. Wir haben immer beieinander übernachtet, denn in unserem Aufzug konnten wir nicht alleine nach Hause gehen, wir wären attackiert oder vergewaltigt worden. Aber es war auch schwierig, weil wir vier sehr starke Persönlichkeiten mit großen Egos waren und es viel Streit gab.
Weswegen?
Zum Beispiel darüber, ob unsere Drummerin Palmolive auf der Bühne einen BH tragen sollte. Sie spielte so wild, dass ihre Brüste herumhüpften. Und die Typen starrten darauf. Damals sah man keine Frauen in Aktion. Jetzt joggen alle, aber damals machte niemand irgendwas Körperliches! Ich sagte ihr also, sie solle sie ein bisschen einfangen. Sie sagte: Ich bin Feministin, ich trage keinen BH! Mein Argument war: Wegen deiner Titten geht die Tatsache unter, dass du richtig gut Drums spielst. Wir stritten ständig – außer, wenn jemand uns attackierte. Das passierte bei jedem Gig: Wenn Typen, meistens Skinheads, versuchten, Ari von der Bühne zu zerren oder sie zu schlagen, zogen wir denen die Gitarre über den Kopf. Wenn man das heute machen würde, käme man ins Gefängnis! Wir wurden attackiert, auch mit Messern. Aber damals ging man nicht zur Polizei.
Gab es auch Angriffe von Frauen?
Ja, aber wenig körperliche Gewalt. Ältere Frauen waren sehr missbilligend, auch die ganzen jamaikanischen Mädchen aus der Reggaeszene. Eigentlich mochte uns niemand, auch die Feministinnen nicht. Wir bekamen einen Brief von schwedischen Feministinnen, die mochten das Plattencover von „Cut“ nicht. (Anm.: die Slits sind darauf nackt, in Lendenschurzen und mit Schlamm beschmiert) Wir begannen uns damals mit Tribal Music auseinanderzusetzen. Wir dachten: Warum schämen wir uns so für unsere Nacktheit? Holen wir sie uns zurück! Für uns war das eindeutig ein aggressives Cover. Jungs sagten, sie hätten Angst vor uns. Und als junges Mädchen nackt und furchteinflößend sein zu können, ist eine fantastische Leistung! Aber niemand hat das kapiert. Die Feministinnen nicht, die Journalistinnen nicht. Dreißig Jahre später beginnen die Leute, es zu verstehen.
Hatten Sie sonst etwas mit feministischen Bewegungen zu tun?
Ich hatte schon ein feministisches Bewusstsein. Aber grundsätzlich waren wir sehr gegen Zuschreibungen. Weil niemand vorher etwas wie die Slits gesehen hatte, wollte uns die Presse zu einer feministischen Band machen. Doch wir verweigerten das, weil wir wussten: Sobald sie uns in eine Schublade gesteckt haben, brauchen sie sich nicht mehr mit uns auseinanderzusetzen. Wir wollten nicht Punks genannt werden, nicht Feministinnen, nicht Rock’n’Roll. Wir versuchten diese ganzen Labels zu bekämpfen.
Würden Sie jungen Frauen raten, eine Band zu gründen?
Als ich in den Siebziger Jahren mit der Musik anfing, gab es keine weiblichen Vorbilder. Bei meiner Tochter, sie ist jetzt fast 17, ist das anders. Sie denkt: Ich könnte in einer Band spielen oder ich werde Architektin oder vielleicht lebe ich ein Jahr lang am Strand! Sie hat so viel mehr Möglichkeiten als ich damals. Mit diesen Optionen hätte ich mich vielleicht gar nicht dazu entschieden in einer Band zu spielen! Um heutzutage als Frau etwas Radikales zu machen, würde ich mich nicht auf eine Bühne stellen und etwas singen, das drei Minuten dauert und sich ständig wiederholt. Daran ist nichts Rebellisches. Bei den Slits war es rebellisch, weil es noch keine Frau vorher gemacht hatte. Aber heute finde ich eine Frau, die Menschenrechtsanwältin oder Aktivistin ist, wesentlich interessanter, als eine, die breitbeinig auf der Bühne steht.
Viv Albertine ist Musikerin, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin. Sie war von 1976 bis 1982 Mitglied von „The Slits“. Seit 2009 macht sie wieder Musik. Ihre Autobiografie „Clothes, Clothes, Clothes. Music, Music, Music. Boys, Boys, Boys“ erschien 2014, sie lebt mit ihrer Tochter in London.
]]>
https://ansch.4lima.de/fuck-it-das-kann-ich-auch/feed/ 0
an.sprüche: Tina Turners Beine https://ansch.4lima.de/an-spruch-tina-turners-beine/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-tina-turners-beine/#comments Fri, 16 Oct 2015 10:37:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=6643 Nacktheit im Popgeschäft. Von CHRISTINA MOHR und NADIA SHEHADEH]]>

Sexistische Vermarktungsstrategie oder selbstbewusstes Statement? CHRISTINA MOHR und NADIA SHEHADEH diskutieren die Sexyness der Stars.

 

Seit ich zurückdenken kann, schwärmt meine Mutter von den sexy Beinen Tina Turners – für den Hintern von Nicki Minaj hat sie indes nur Verachtung übrig, Minaj sei doch ordinär. Ich persönlich finde die Performances von Peaches, Madonna und J. Lo cool, die Auftritte von Miley Cyrus dagegen peinlich. Viel Haut zeigen alle der Genannten, aber offensichtlich werden höchst diverse Signale gesendet. Woran liegt das? Warum beurteilen wir Feministinnen die Körper weiblicher Popstars so unterschiedlich, warum gilt die eine Künstlerin als stark, selbstbewusst und integer, die andere als pornoverdächtig, billig und indiskutabel?
Nacktheit ist einerseits „natürlich“ und keine Frau sollte Teile ihres Körpers verdecken müssen, wenn sie das nicht will – andererseits ist es verabscheuungswürdig, wenn mit dicken Titten Autoreifen verkauft werden. Im Popgeschäft bekommt dieses Thema einen zusätzlichen Dreh: Die KünstlerInnen verkaufen ja tatsächlich etwas, nämlich ihre Musik. Aber im Pop geht es niemals nur um Musik allein, im Showbusiness kommt der optische/performative Aspekt automatisch hinzu. Und die allgemein gültige Währung heißt: Sexyness!
Niemand wird bestreiten, dass es in einer Peaches-Show explizit um Sex geht – wie bei Miley Cyrus, oder? Doch niemand wird beide Künstlerinnen direkt miteinander vergleichen wollen. Wo liegt also der Unterschied in der Rezeption? Ist es Peaches’ Queerness, ihr bewusster Bruch mit Sex-Konventionen, der ihre Performance feministisch macht? Spricht man Cyrus von vornherein jegliche Selbstbestimmung ab, weil sie in einem mainstreamigeren, also umsatzstärkeren Segment agiert als Peaches? Und wie feministisch ist es, wenn Beyonce in Netzstrümpfen vor dem leuchtenden Schriftzug „Feminist“ posiert? Sollte sie sich dabei nicht besser was anziehen? Wir dürfen da mitreden, denn schließlich gehört dem Popstar sein Körper ja nicht allein, sondern auch uns, den KonsumentInnen – oder? Sieht so aus, als bliebe der weibliche Popstarkörper noch eine ganze Weile vermintes Gelände. Der Blick auf Tina Turners Beine hilft vielleicht beim Finden von Antworten …

Christina Mohr verdient Miete und Brötchen bei einem seriösen Frankfurter Sachbuchverlag. Nach Feierabend schreibt sie Musikrezensionen für verschiedene Magazine.

 

Illustration: Bianca Tschaikner
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Sexyness im Musikbusiness wird seit eh und je kontrovers diskutiert: Handelt es sich um sexualisierte (Selbst-)Vermarktung? Oder um freiwillige und starke Sexyness, die subversiv und empowernd sein kann?
Kritisch zu hinterfragen ist jedenfalls eine feministische Lesart, die Frauen, die vermeintlich unsexy sind, lobt und gleichzeitig das „Rückständige“ bei den Vertreterinnen von Sexyness diskreditiert. Hier spiegelt sich oft eine weiß-feministische Denkweise wider. Madonnas fast schon ikonenhafte Sexyness, die ich persönlich als sehr selbstkontrolliert und selbstbewusst wahrnehme, wird harsch kritisiert: Das sei kein „Altern in Würde“. Habe sie das nach all ihren Errungenschaften noch „nötig“? Solche Fragen werden eher gestellt, als dass ihr lascher Umgang mit rassistischen Ausfällen kritisiert wird – so vergleicht sie sich etwa mit Nelson Mandela und Martin Luther King. Außerdem führt solch eine Rezeption zur Reproduktion von -Ismen: Etwa dann, wenn Ageism und Femme-Shaming die vermeintlich konstruktive Kritik an Madonnas Sexualität und Körperlichkeit durchziehen.
Als Adele die Chartspitze eroberte, wurde das als Sieg der „normalen Mädchen“ gefeiert, die nicht den Erwartungen von Norm-Schönheit entsprechen und lieber erwachsen-divenhaft als sexy auftreten. Adele habe allein mit großer Stimme (also: Talent) den Olymp des Pop erklommen – und nicht wie andere erfolgreiche Pop-Soul-R’n’B-Künstlerinnen mit Körperlichkeit, Sexyness und deren aggressiver Vermarktung. Dass viele der geschassten Kolleginnen of Color sind und Adele sich bei ihrem musikalischen Schaffen großflächig an dem Erbe nicht-weißer Musik bedient, wird dabei oft außer Acht gelassen.
Wenn ich daran denke, dass Pop-Sängerin Kesha derzeit aufgrund des Rechtsstreits um die sexuellen Übergriffe ihres Managers von ihrem Label daran gehindert wird zu arbeiten, und die Essenz der Amy-Winehouse-Dokumentation war, dass es für Künstlerinnen extrem belastend ist, in das Dreieck aus patriarchalen Strukturen, männlichem Besitz- und Anspruchsdenken und Kapitalismus passen zu müssen – dann fangen die Probleme im Pop nicht mit einem Glitzer-BH auf der Bühne an. Vor allem dann nicht, wenn Beth Ditto ihn trägt.

Nadia Shehadeh ist Soziologin, Bloggerin und Autorin beim feministischen Blog „maedchenmannschaft.net“.

]]>
https://ansch.4lima.de/an-spruch-tina-turners-beine/feed/ 1