VIII / 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:26:21 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VIII / 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Keine Wahl https://ansch.4lima.de/an-sage-keine-wahl/ https://ansch.4lima.de/an-sage-keine-wahl/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:55:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=5514 Deutschland braucht eine rezeptfreie Pille danach, Irland humane Abtreibungsgesetze. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Deutschland braucht eine rezeptfreie Pille danach, Irland humane Abtreibungsgesetze. Von FIONA SARA SCHMIDT

„Die sogenannte ‚Pille danach‘, ein Verhütungsmittel für Notfälle, ist seit Dezember 2009 rezeptfrei. Laut einer Umfrage aus dem Frühjahr 2014 wird das Medikament keinesfalls leichtfertig eingeworfen, wie KritikerInnen befürchtet hatten, im Gegenteil: Die Österreicherinnen und Österreicher gehen sehr verantwortungsvoll damit um“, freute sich der ehemalige Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) in der Bilanz seiner Amtszeit.
Doch auch wenn 94 Prozent der Österreicher_innen (laut einer Umfrage im Auftrag des Pharmaunternehmens Sanova) die Notallverhütung kennen und 43 Prozent in den letzten fünf Jahren mindestens eine Verhütungspanne hatten – 31 Prozent davon haben die Pille danach genommen –, herrscht nach wie vor Aufklärungsbedarf: Nur 39 Prozent der Befragten wussten mit Sicherheit, dass man die Pille danach ohne Rezept in der Apotheke erhält. Unsicher waren sie auch über die Wirkungsweise: Ein Fünftel glaubte, dass die Pille danach eine Schwangerschaft abbricht, nur 13 Prozent wussten, dass lediglich der Eisprung verzögert oder gehemmt wird. Das Vorurteil, Frauen würden weniger reguläre Verhütung anwenden, ist widerlegt, auch steigen weder die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten noch die Schwangerschaftsabbrüche.
Das Medikament ist inzwischen fast überall in Europa frei erhältlich, weiße Flecken auf der Karte gibt es lediglich noch in Italien, Polen, Ungarn – und Deutschland. Die Erfahrung aus Österreich zeigt, dass neunzig Prozent aller Präparate an Samstagen und Sonntagen verlangt werden. Deshalb verstreicht bei Rezeptpflicht oft unnötig Zeit, was die Wirkung beeinträchtigt. Inzwischen wurde auch in Deutschland die Unbedenklichkeit vom Bundesinstitut für Arzneimittel mehrfach bestätigt, der Bundesrat stimmte für eine rezeptfreie und kostenlose Abgabe. Eine Petition, erstunterzeichnet u. a. von den Herausgeberinnen des „Missy Magazine“, will 50.000 Unterschriften an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) übergeben, um die Rezeptfreiheit jetzt endlich durchzusetzen, rund 30.000 sind schon beisammen.
Dass die Union bekanntermaßen reaktionärer ist, als Kanzlerin Merkel sie häufig nach außen erscheinen lässt, zeigt der „Marsch für das Leben“, der im September in Berlin stattfand. Der Bundesverband Lebensrecht forderte ein „Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“, unterstützt werden die Forderungen von der Senioren-Union genauso wie von der Jungen Union. Dagegen stellte sich bereits zum dritten Mal das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ mit einer Kundgebung am Brandenburger Tor.


Das Recht auf Abtreibung ist auch in Österreich erneut Thema, denn in Tirol und Vorarlberg ist die gynäkologische Basisversorgung durch staatliche Krankenhäuser nicht gewährleistet. Eine Verteidigung der Fristenregelung durch engagierte Politiker_ innen, die bei diesem Thema allzu oft schweigen, ist gefragt, auch eine Übernahme durch die Krankenkassen sowohl in öffentlichen Spitälern als auch in westösterreichischen Privatkliniken muss durchgesetzt werden.
Wie dramatisch die Verweigerung des Rechts auf Abtreibung ausgehen kann, zeigte sich kürzlich in Irland. Eine 18-jährige, anonym gebliebene Migrantin suchte in der achten Schwangerschaftswoche Hilfe, da sie im Herkunftsland vergewaltigt worden war. Doch in Irland sind Abtreibungen verboten, außer wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Diese Lockerung des Verbotes bei einer Gefährdung der Mutter ist erst seit 2013 in Kraft, nachdem Savita Halappanavar an einer Blutvergiftung nach einer Fehlgeburt starb. Etwa 4.000 Irinnen fahren deshalb jährlich nach England, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen, doch ohne Papiere und/ oder finanzielle Mittel bleibt vielen selbst dieser Ausweg verwehrt. Jährlich 80.000 Frauen sterben nach wie vor weltweit wegen illegaler Abbrüche, eine Vielzahl mehr hat danach mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Im aktuellen Fall gab die junge Frau an, lieber sterben zu wollen, als das Kind zu bekommen. Doch die Begutachtung durch eine Beratungsstelle, Psychiater und Gynäkologen zog sich bis zur 24. Woche hin, das Gesetz schreibt Untersuchungen durch bis zu sieben Ärzt_innen vor. Die suizidgefährdete Frau trat in einen Hungerstreik, bis ihr ein Abbruch zugesichert wurde. Schlussendlich hielten sich die Ärzt_innen jedoch nicht an diese Zusage und handelten gegen ihren Willen. Gegenüber der „Irish Times“ berichtete die 18-Jährige, es sei ihr gesagt worden: „Um die Schwangerschaft an diesem Punkt zu beenden, müssen wir einen Kaiserschnitt machen.“ Sie hätte keine Wahl gehabt.

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bonustrack: Die Aussicht vor einem Jahr https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-aussicht-vor-einem-jahr/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-aussicht-vor-einem-jahr/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:43:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=5508 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comVor einem Jahr gab es einen Tag, an dem ich oben auf dem Haus des Meeres stand und Wien fotografierte. Von SQUALLOSCOPE]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Vor einem Jahr gab es einen Tag, an dem ich oben auf dem Haus des Meeres stand und Wien fotografierte, weil die Stadt an diesem Tag nicht da war. Verschluckt von einer Wand aus weißem Nebel war das Einzige, das ich sehen konnte, eine Frau am anderen Ende der Aussichtsplattform, die durch eines dieser schwenkbaren Terrassenferngläser blickte. Aussichtslos.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

„Man möchte nie wieder in diesem Moment sein, in dem jemand sagt ‚Etwas Schlimmes ist passiert‘, man möchte auch nicht selber diejenige sein, die das sagen muss. Es ist der grässlichste Wissensvorsprung “, schrieb meine Freundin Michaela Taschek vor Kurzem über das Trauern.
Ich erinnere mich an die Oktobernebelwand, weil ich jetzt weiß, was ich damals gerade noch nicht wusste und was ich an dem Tag erfahren würde: dass ein guter Freund beschlossen hatte, nicht mehr zu existieren.
David Murobis Tod ist nicht nur eine kleine persönliche Geschichte in meinem kleinen Leben, geprägt von oft bizarren Konversationen mit ihm, in denen wir mit Sprache Pingpong spielten und beide immer das letzte Wort haben wollten. David war mit seiner Kamera da, als Wien für mich zu meiner Musikmachstadt wurde. So sehr er für das Publikum unsichtbar bleiben wollte, so sehr ließ meine latente Nervosität vor Konzerten nach, wenn ich wusste, dass er in der ersten Reihe hockte. Bescherte mir das eigene Lampenfieber Bauchschmerzen und zitternde Knie, sah ich am nächsten Tag in seinen Konzertfotos nur das, was ich nicht fürchterlich fand. Die ersten Jahre des vorsichtigen Fußfassen auf Bühnen waren durch den David-Filter einfacher, er war ein Vergrößerungsglas für Details, für das Spezielle, das ich oft selbst nicht sah. In seinen Fotografien wuchsen wir alle über die Jahre. In seiner sanften Art hinterließ David in vielen von uns tiefe Spuren, und oft hätte ich gern für einen Tag in seinem Hirn gewohnt, um irgendwas Undefinierbares zu verstehen. Wie verrückt, eigentlich, und wie wunderbar, dass wir uns alle so lange durch seine Augen selbst sehen durften.

Anna Kohlweis vermisst David nicht nur in diesem Oktober und arbeitet schon immer gerne zum Thema Tod. Sie kann deswegen aber auch nicht besser damit umgehen.
www.annakohlweis.com

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lesbennest: Everytime We Fuck, We Win! https://ansch.4lima.de/lesbennest-everytime-we-fuck-we-win/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-everytime-we-fuck-we-win/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:34:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=5506 LesbennestI have a new job to add to my very „interesting“ CV: Porn Curator! Von DENICE BOURBON]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

I have a new job to add to my very „interesting“ CV: Porn Curator! Bam! If anyone had told me this ten years ago when I was a very convinced member of the PorNo movement, that person would have been found the next day tied to a tree
with my dirty panties shoved down their throats. „Porn is the theory and rape is the practice“, was very high up on my list of the Ten Feminist Commandments. So what changed my mind so radically? Well, one thing was that my vehement anti-porn agenda made me very sex-negative. I couldn’t quite figure out where the „bad“ porn ended and the „good“ porn began. Porn was porn was porn. I already felt extremely guilty about my hardcore masturbation fantasies, and I was convinced that they were all a product of both a history of abuse as well as of a straight misogynist society. But then I watched „Pour une nuit“ by Emilie Jouvet, and something happened inside of me. An epiphany. I saw all those awesome, feminist people fisting, fucking, spanking, playing. And they did it consensually. Somebody once said that „Porn is our fantasies being acted out in front of a camera by professionals“. That is how it should be. And that is also where we step in: the queer feminist fighters! My suggestion is to beat the sexist assholes in their own game. Watch, buy and make awesome (queer)feminist porn! I’ve gained more knowledge about sexercise than I’ve done in my whole 23 years of being a bona fide slut by watching a gazillion films to be able to put together the ultimate porn program. I’ve seen so many hairy cunts, armpits, legs and asses being hot and beautiful that it’s been easier for me letting my ladyshave collect dust on my shower shelf. Big bellies and stretchmarks. Toys I didn’t even know existed. Gaffa, clothespins and lollipops. Punk attitude, laughs and talking; dare to tell your partner(s) what you want. In conclusion: queer feminist porn is brilliant and I can’t wait to share it with you!

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

Denice is „porn again“ and co-curating a porn programme for the Vienna film festival „this human world“, which will take place from December 4–13. She swears on her Bourbon soul that you don’t want to miss it!

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Männliche Abstiegsangst https://ansch.4lima.de/maennliche-abstiegsangst/ https://ansch.4lima.de/maennliche-abstiegsangst/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:26:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=5504 Illustration: Bianca TschaiknerInterview: ANDREAS KEMPER zum Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Klasse. Von LEA SUSEMICHEL]]> Illustration: Bianca Tschaikner

Interview: ANDREAS KEMPER zum Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Klasse. Von LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Sie arbeiten hauptsächlich zu den Themen Maskulismus und Klassismus. Welche Verbindungen gibt es zwischen Männlichkeit und Klasse?

Andreas Kemper: Zunächst einmal müssen wir klären, was diese Begriffe benennen: Klassismus bezeichnet klassenbezogene Benachteiligungen, Zuschreibungen und Ausbeutungen, etwa von Arbeiter_innenkindern, Arbeitslosen oder Obdachlosen. Der Maskulismus ist eine antifeministische Abwehrstrategie und vertritt eine Opfer-Ideologie, wonach der „Staatsfe- minismus“ Männer unterdrückt. Sowohl beim Klassismus als auch beim Maskulismus geht es also um Privilegierungen bzw. Diskriminierungen. Es gibt aber auch andere Verknüpfungen. So ist der Maskulismus ein Mittelschichtsprojekt, das sich im Kampf um die Deutungsmacht von Männlichkeit befindet. Maskulisten sehen sich in ihrer Autorität bedroht, was mit ihrer Klassenlage in Zeiten der kapitalistischen Krise zu tun hat. Im Zuge ihrer mittelschichts- und geschlechtsspezifischen Normierungsversuche werden allerdings proletarische Männlichkeiten unsichtbar gemacht. Insofern ist Maskulismus auch klassistisch.

Maskulisten beklagen Jungen als die großen Bildungsverlierer, die durch Mädchenförderung unter die Räder kä- men. Was lässt sich hierauf entgegnen?

Rein statistisch betrachtet erhalten heute mehr Mädchen als Jungen die Zugangsberechtigung zur Hochschule. Maskulisten führen dies auf eine „Feminisierung der Bildung “ zurück und fordern daher mehr „männliche Vorbilder“. Diese Forderung orientiert sich jedoch an einer hegemonialen Männlichkeit, die die Männlichkeiten von Migrant_innen- und Arbeiter_innensöhnen marginalisiert und nicht-heteronormative Männlichkeiten unterdrückt. Zudem erhalten immer noch mehr Männer als Frauen „höhere“ Bildungsabschlüsse, es gibt nach wie vor erheblich mehr Männer als Frauen in hochdotierten und auf einflussreichen Lehrstühlen. Auf lange Sicht sind Frauen noch immer Bildungsverliererinnen.
Hier rächt sich die mittelschichtsfeministische Einstellung zur Bildungspolitik, die unter Gleichstellung nur die Gleichstellung von Frauen mit Männern meint, klassenbezogene Ungleichheiten aber ausblendet. Das macht es Maskulisten leicht, sie schauen ebenfalls nur geschlechtsbezogen auf Ungleichheiten und stellen fest, dass es Mädchen heute häufiger auf die Uni schaffen als Jungen. Jungen werden allerdings nicht generell benachteiligt, insbesondere nicht, wenn sie aus akademischen Elternhäusern kommen. Affirmative-Action-Programme müssten sehr viel genauer schauen, wie Race, Class, Gender ineinander greifen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der klassistischen Diskriminierung? Sind die Stereotype und Stigmatisierungen andere?

Klassismus ist stark sexualisiert. Männern aus der sogenannten „Unterschicht“ wird Gewalttätigkeit zugeschrieben, Stichwort „Proll“. Alleinerziehende Mütter erfahren den Klassismus der bürgerlichen Gesellschaft auch auf eine spezifisch vergeschlechtigte Weise, im Englischen gibt es etwa den Begriff der „Welfare Queen“.

Klassenzugehörigkeit wird als ökono- misches und soziokulturelles Phänomen definiert und konstruiert. Da Armut bekanntlich weiblich ist, müssten Frau- en rein quantitativ auch viel stärker von Klassismus betroffen sein. Ist dem so?

Ja, die Verbindung gibt es natürlich. Sehr deutlich wird das, wenn wir den mitteleuropäischen Fokus verlassen und die Verschränkung von Armut und Weiblichkeit im globalen „Süden“ betrachten. In Deutschland zeigt sich diese Verschränkung beispielsweise bei Alleinerziehenden. Knapp vierzig Prozent von ihnen sind in Deutschland auf die Grundsicherung Hartz-IV angewiesen, was zu einem würdevollen Leben kaum ausreicht, zumal Elterngeld, Kindergeld und Betreuungsgeld als Einkommen auf Hartz-IV angerechnet werden – diese Gelder erhalten also nur besser gestellte Familien. Und neunzig Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich.
Symbolisch zeigt sich die Benachteiligung übrigens selbst in feministischen Kampagnen wie „Pinkstinks“: Alleinerziehende Frauen sind oftmals darauf angewiesen, die billigsten Dinge für ihre Kinder zu kaufen, sie können sich kaum gegen die „Pinkifizierung “ wehren. Der Mittelschichtsfeminismus übernimmt die Verknüpfung von Pink mit Gestank und bedient damit das Stereotyp der unreinlichen, stinkenden „Unterschicht“.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Männliche Gewalttäter werden klischeehaft gerne als aggressive Hartz-IV-Empfänger mit Alkoholproblem imaginiert. Tatsächlich jedoch gibt es Männergewalt in allen Milieus, bestimmte Gewaltformen oft in der Mittelschicht, wie Sie schreiben.

Amokläufer sind fast ausnahmslos junge Männer aus der Mittelschicht, die Deklassisierungsängste haben. Wir dürfen die Gewaltbereitschaft junger Männer aus der Mittelschicht nicht unterschätzen. Die NSDAP hatte sich vorwiegend aus diesem Milieu rekrutiert, das Abstiegsängste hatte. Typen wie Anders Behring Breivik aus Norwegen zeigen, dass Mittelschichtsmänner in Zeiten der Krise nicht nur bereit sind, die Ellenbogen auszufahren und rechte Parteien zu gründen, um ihre Privilegien zu schützen, sondern auch zu brutaler Gewalt fähig sind.
Das Beispiel des Amokläufers Elliot Rodger zeigt, dass dieser sexistische Motive hatte, er wurde angeblich von einer Frau „zurückgewiesen“. Rodger machte jedoch deutlich, dass er diese Zurückweisung auch als Nichtanerkennung seiner privilegierten Mittelschichtsmännlichkeit verstand, als Deklassierung. Deswegen „bestrafte“ er jene Frauen, die „Prolls“ einem „Gentleman“ vorzogen. Dennoch wird Gewalt, Gefährlichkeit und Kriminalität eher mit proletarischer Männlichkeit verknüpft. Entsprechend sitzen sehr viel mehr Menschen in Deutschland wegen Fahrkartenerschleichung hinter Gittern als wegen Steuerbetrugs.

Die Naturalisierung von Unterschieden hat in den letzten Jahren wieder Konjunktur, sowohl was die angeblichen biologischen Differenzen zwischen Männern und Frauen betrifft als auch soziale und andere Zugehörigkeiten. Wie beurteilen Sie hier die gegenwärtige Diskurslage?

Wir haben gerade in Deutschland einen bevölkerungspolitischen Backlash.
Hier wurde das Elterngeld eingeführt, das dafür sorgen soll, dass „die Richtigen“ die Kinder kriegen. Die extremen Wahlerfolge rechter Parteien in den reicheren europäischen Staaten zeigen, dass die Privilegierten ihre Privilegien verfestigen wollen. Trotz Wirtschaftskrise werden aktuell in Europa zig Billionen Euro von einer Generation an die nächste vererbt. Diese Vererbung widerspricht dem Leistungsprinzip und muss dieses daher mit einer biologistischen Klausel versehen. Deshalb der „Familialismus“, der das Individuum durch die Familie als Kern der Gesellschaft, als „Keimzelle der Nation“, ersetzt. Die Nazis sprachen nicht nur von „Tüchtigkeit“, sondern auch von „Erbtüchtigkeit“. Das kommt gerade wieder.

Mit rassistischen Diskriminierungen gehen oft klassistische einher, Letztere werden aber weitaus seltener thematisiert. Wie finden diese Verschränkungen aktuell statt?

Die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien kennen keine klassenbezogenen Diskriminierungen. Als vor 15 Jahren Heterosexismus aus dem Gesetzeskatalog herausfallen sollte, warnte die Homosexuelle Initiative Wien vor einer Diskriminierungshierarchie, die bestimmte Benachteiligungen mehr fokussiert als andere. Diese Diskriminierungshierarchie besteht auch hinsichtlich des Klassismus: Die Benachteiligung von Arbeiter_innenkindern, von Obdachlosen oder Arbeitslosen usw. – sie gilt in Europa offiziell nicht als Diskriminierung.
Rassismus und Klassismus lassen sich aber kaum trennen. Vom Kastensystem bis zur „Rassenhygiene“ finden sich immer wieder deutliche Verschränkungen. Klassismen wirken häufig rassistisch, zugleich werden Klassen ethnisiert. Wenn zum Beispiel Thilo Sarrazin behauptet, die „Unterschicht“ habe eine erblich bedingt niedrigere Intelligenz, dann liegt ein „Klassenrassismus“ vor, der Klassen als „Rassen“ behandelt. Sarrazin wurde nicht aus der SPD geworfen, weil sein Rassismus mit seinem Klassismus entschuldigt wurde: Er habe sich zwar abwertend gegenüber Türken geäußert, sich aber auch diffamierend gegenüber der deutschen „Unterschicht“ geäußert – daher sei er nicht rassistisch.

Oft waren feministische Aktivistinnen Impulsgeberinnen für die Kritik und Analyse klassistischer Diskriminierung. Dennoch gab es Klassismus auch in der feministischen Bewegung selbst, die ja auch als elitäres weißes Mittelklasseprojekt kritisiert wurde und wird. Wie sehen Sie den gegenwärtigen feministischen Beitrag zur Klassismuskritik?

Es ist kein Zufall, dass die an.schläge und „migrazine.at“ Klassismus thematisieren. Es sind oft feministische – insbesondere queer-feministische – Zusammenhänge, die Klassismus zum Thema machen. Bell hooks benutzte in ihrem Buch „Where We Stand – Class Matters“ den Begriff „classism“ ausschließlich, um den Klassismus des Mittelschichtsfeminismus zu kritisieren. Feministinnen betonen, dass das Private politisch sei, und beleuchten die Reproduktionssphäre – dies sind die Grundlagen für eine Klassentheorie und -praxis, die sich antiklassistisch positioniert. Bei aller Kritik am Mittelschichtsfeminismus würde ich den Klassismus-Ansatz als eine feministische Klassentheorie sehen.

Andreas Kemper ist Doktorand zum Thema Klassismus. Von ihm ist erschienen (zusammen mit Heike Weinbach): Klassismus. Eine Einführung. Münster: Unrast 2009.

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Class Trouble https://ansch.4lima.de/class-trouble/ https://ansch.4lima.de/class-trouble/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:15:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=5502 Illustration: Bianca TschaiknerWie viel „Klasse“ hat die queer-feministische Praxis? Von NIKOLA STARITZ]]> Illustration: Bianca Tschaikner

Wie viel „Klasse“ hat die queer-feministische Praxis? Von NIKOLA STARITZ

Dass „Klasse“ keine zentrale Kategorie in queer-feministischen Analysen darstellt, liegt nicht etwa daran, dass der Klassenwiderspruch aufgehoben wäre oder Kapitalismuskritik im Queer-Feminismus keine Rolle spielt. Es liegt stattdessen daran, dass Ungleichheit oft als Diskriminierung kurzgeführt wird. Der weiße, den globalen industrialisierten Zentren entspringende Feminismus hat sich seit jeher schwer getan mit dem Begriff der „Klasse“: der bürgerliche, weil er der Arbeiter_innenbewegung widerstreitend gegenüberstand, der Pseudo-Feminismus der aktuellen Frauenpolitik, weil er sich im Vorzeigen von Karrierefrauen seines kritischen Anspruchs von selbst entledigt. Der autonome Feminismus ab den 1970ern fokussierte auf die Befreiung von Frauen, Emanzipation im eigentlichen Sinne. Ökonomische Ungleichheit war und ist dort wohl Thema, aber nicht Antrieb des Handelns, dementsprechend spielt „Klasse“ hier keine wesentliche Rolle.
Aber auch der marxistische Feminismus hat es nicht leicht mit der „Klasse“: weil der Mainstream-Marxismus die Ausbeutung der Frauen als Nebenwiderspruch ad acta legt, die Menschheit in genau zwei Klassen teilt – jene der Besitzenden und die der lohnabhängig Arbeitenden, aus deren ausgebeuteter Arbeitskraft erstere Profit schlägt – und jede Ungleichheit eben darauf zurückführt. Gesellschaftliche und materielle Realitäten wie unbezahlte Arbeit (Stichwort Reproduktionsarbeit) oder globale Ungleichheit, die Arbeiter_innen selbst zu Nutznießer_innen der Arbeit anderer macht, geraten so erst gar nicht in den Blick. Und wie steht es um „Klasse“ bei jenen vielfältigen Ansätzen, die sich als queer-feministisch verstehen?

Material Grrrl. Ideengeschichtlich sind queer-feministische Theorien im Gefolge des Cultural bzw. des Discursive Turn anzusiedeln – jener wissenschaftstheoretischen Wendung, die in Abkehr zum Materialismus davon ausgeht, dass Sprache, Kultur und Gesellschaft nicht nur Produkte der Ökonomie, sondern eigenständig und produktiv sind. Nicht alle gesellschaftlichen Realitäten seien aus der kapitalistischen Produktionsweise heraus zu erklären, auch Sprache schaffe soziale Wirklichkeiten. Ziel ist das Brechen mit und das Ent-Naturalisieren von geschlechtlichen und sexuellen Zuschreibungen sowie die Betonung der Zwischenräume, die Platz für vielfältige Ausdrücke von Geschlecht und Begehren ermöglichen sollen. Identität als Produkt und Motor sozialer Verhältnisse ist den materiellen Bedingungen zumindest gleichwertig, der Kapitalismus kommt als Teil des Kritisierten zwar zur Sprache, ist als maßgebliches gesellschaftliches Verhältnis allerdings wenig in die theoretische Analyse eingebunden.

Soziale Herkunft. Thematisch gibt es, der Geschichte queerer Bewegung entsprechend, einen Fokus auf Diskussionen rund um Sex, Gender und Begehren. Aber sowohl in queer-feministischen Projekten als auch in theoretischen Auseinandersetzungen gewinnt die Frage nach dem Zusammenspiel verschiedener „Achsen der Differenz“ an Gewicht. Unter dem Schlagwort Intersektionalität wird diskutiert, wie verschiedene Machtverhältnisse ineinander greifen, sich verstärken oder aufheben. Soziale Identität ist nicht einzig definiert durch z. B. mein Frau- oder Lesbisch-Sein, sondern auch durch Herkunft, Alter, Religion, Aussehen und eben auch soziale Herkunft. War es das Triumvirat Race, Class und Gender, das die feministische Debatte in den USA prägte, so wurde im deutschsprachigen Raum – in Abgrenzung zum Klassenbegriff – die „Klasse“ durch die „soziale Herkunft“ ersetzt.
Kommt es nun im Zuge intersektionaler Ansätze zu einer queer-feministischen Renaissance von Materialismus und des Klassenbegriffs? Einerseits ja, weil tatsächlich in den vergangenen Jahren ein verstärktes Sprechen über ökonomische Ungleichheiten festzustellen ist. Das zeigt sich am queeren Buchmarkt ebenso wie in der Konjunktur des Begriffs „Klassismus“. Klassismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, Zugehörigkeit zur Arbeiter_innenklasse oder bildungsfernen Schicht. Sich als antiklassistisch zu bezeichnen, gehört heute zum guten Ton emanzipatorischer Projekte und findet sich immer öfter in Selbstbeschreibungs-Texten („Wir sind antifaschistisch, antiklassistisch …“). Dabei entsteht oft der Eindruck, dass „Klasse“ als eine Art historisches Relikt mitgeschleppt wird, mit dem keine_r so recht etwas anzufangen weiß.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Where have all the workers gone? Der Anspruch queer-feministischer politischer Praxis, nicht ausschließend zu sein und eine größtmögliche Vielfalt an verschiedenen Menschen und Identitäten miteinander in Auseinandersetzung treten zu lassen, räumt auch der Diskussion um (die eigenen) Privilegien einen großen Raum ein: Wer kann es sich ökonomisch leisten, politisch – und damit unentgeltlich – aktiv zu sein? Wer wagt es zu sprechen, wer kommt an welche Informationen, wie „szenig“ sind wir? Wer versteht überhaupt unsere Sprache?
Nach nahezu jedem ersten Plenum eines queer-feministischen Projekts steht die Frage, wer warum nicht da war. Wo sind die People of Color? Warum sind wir schon wieder ein Akademiker_innen-Verein? Die materiellen Verhältnisse, die verschiedene Menschen mit ungleichen Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten ausstatten, sind also definitiv Thema der Auseinandersetzung. Allerdings wird „Klasse“ zumeist einzig als Merkmal sozialer Ungleichheit verhandelt. Für die queer-feministische politische Praxis bedeutet das, dass zwar viel über Barrierefreiheit und Ausschlüsse geredet wird, aber immer im Kontext von (individueller) Diskriminierung bzw. Privilegierung und des Versuchs, die Partizipation möglichst vieler Personen zu ermöglichen – und nicht etwa vor dem Hintergrund einer strukturellen Gesellschaftsanalyse. Klassismus als Diskriminierung ist zwar Thema, „Klasse“ als Strukturkategorie aber ist es nicht. Das lässt sich u. a. daran ablesen, dass vor allem dann über „Klasse“ diskutiert wird, wenn konkrete Individuen – also zum Beispiel Angehörige der Arbeiter_innenklasse – fehlen.

It’s all about money, honey. Neben Auseinandersetzungen um die Klassenzugehörigkeit als Privileg bzw. Ausschlussgrund gibt es natürlich auch in der queer-feministischen politischen Praxis Projekte, die ganz konkret auf Umverteilung bzw. geldloses Wirtschaften zielen. Besetzungen, kollektivierte bzw. gemeinsam gekaufte Häuser, Kost-Nix-Läden und Tauschzirkel zeugen von einer Auseinandersetzung mit ökonomischen Verhältnissen, die allerdings nicht spezifisch queer-feministisch, sondern allgemein Teil emanzipatorischer linker Politiken ist.
Nicht unerwähnt sei auch die Idee des „Pay as you wish/can“ (alle zahlen, was sie wollen/können), die in queer-feministischen Zusammenhängen wohl am weitesten verbreitete, auf ökonomische Ungleichheit abzielende politische Praxis. Gerade sie ist aber wiederum eine Individualisierung struktureller Ungleichheit, bei der ich oft gegenteilige Effekte beobachtet habe. Der monetäre Wert eines Konsumguts gewinnt an Wichtigkeit, viele (nicht unbedingt jene, die es sich leisten können) bezahlen letztlich „freiwillig“ viel mehr, als sie es bei einem fixen Preis tun würden – und können sich darüber nicht einmal beschweren. Ob die Gründe dafür Angst vor sozialer Stigmatisierung, Unsicherheit oder falsche Höflichkeit sind, sei dahingestellt. „Pay as you wish“ oder Klassismus-Diskussionen erscheinen wiederholt als Scheingefechte, die aber immerhin die Notwendigkeit einer stärkeren und systematischen Einbeziehung materialistischer und kapitalismuskritischer Positionen anzeigen.

Mehr Klasse! Die Beschäftigung mit Klassenverhältnissen geschieht in der queer-feministischen Praxis oft nicht vor dem Hintergrund einer Kapitalismusanalyse, sondern über den Begriffsumweg des Klassismus. Eben das passiert, wenn Klassenzugehörigkeit ausschließlich auf Ebene der Identität relevant erscheint, es also in erster Linie darum geht, Differenzen innerhalb von Gesellschaften, Communitys, Plena und Projekten zu beschreiben. Klassenzugehörigkeit ist damit ein weiterer „gesellschaftlicher Marker“, der meine multiple soziale Identität ausmacht.
Aber ebenso wie die Verkürzung des „Kampfs gegen sexistische Diskriminierung“ zwar auf die Effekte der Diskriminierung von Frauen, aber nicht zwangsläufig auf die Abschaffung der Ursache dieser Ungleichheit zielt, will Antiklassismus die Gleichberechtigung aller Klassen. Und ebenso wie, und diese Erkenntnis verdanken wir queerer Theorie, eine wirklich antisexistische Gesellschaft nicht möglich ist ohne die Überwindung des binären Geschlechtersystems von Mann und Frau, kann es keine Gleichberechtigung der Klassen geben ohne ihre eigene Überwindung und damit die Abschaffung des Kapitalismus selbst.

Nikola Staritz ist Politikwissenschaftlerin und Redakteurin der Zeitschrift „MALMOE“ (www.malmoe.org).

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Bildungsprivilegien für alle! https://ansch.4lima.de/bildungsprivilegien-fuer-alle/ https://ansch.4lima.de/bildungsprivilegien-fuer-alle/#respond Wed, 01 Oct 2014 20:59:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=5496 Illustration: Bianca TschaiknerInterview: Politikwissenschaftlerin und Pädagogin María do Mar Castro Varela über klassistische Bildungsbarrieren. Von BRIGITTE THEIßL und VINA YUN]]> Illustration: Bianca Tschaikner

Interview: Politikwissenschaftlerin und Pädagogin MARÍA DO MAR CASTRO VARELA über klassistische Bildungsbarrieren. Von BRIGITTE THEIßL und VINA YUN

an.schläge: In Wien plakatierte die Österrei- chische Volkspartei kürzlich: „Das Gym- nasium gewinnt jeden PISA-Test.“ Der Plan der Sozialdemokrat_innen, eine Gesamtschule einzuf ühren, ist bisher an den Konservativen gescheitert. Steckt hinter dem Nein zur Gesamtschule die Angst, Privilegien zu verlieren?

María do Mar Castro Varela: Sicher, ein Schulsystem, das bereits Kinder in diverse „Kategorien“ unterteilt, verunmöglicht aktiv Inklusion und soziale Mobilität. Wer soziale Mobilität fördern will, muss den Zugang zu Bildungsprivilegien für breite Bevölkerungsgruppen öffnen, denn Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu politischer wie sozialer Partizipation. Insofern steckt hinter dem Nein zu sämtlichen Bemühungen, das Bildungssystem zu reformieren, immer auch ein Impuls zur Besitzstandswahrung. Längst vergessen scheint, dass im Zuge der Entnazifizierung nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Schulreform diskutiert wurde. Wie so vieles ist aber auch dieses Unternehmen gescheitert und eine weitergehende Demokratisierung der Gesellschaft verhindert worden.
Allerdings ist eine bloße strukturelle Reformierung auch keine wirkliche Lösung. Die Gesamtschulen in Deutschland, die in den 1970er- und 1980er-Jahren aufgebaut wurden, haben nicht dazu geführt, dass sich die Verteilung von Bildungsprivilegien grundlegend verändert hat. Sie haben im Gegenteil Kritik selbst von linker Seite erfahren. Zudem haben sich dort neue Formen der Bildungsordnung durchgesetzt, etwa durch die Einführung von Leistungsgruppen. Damit bleibt alles beim Alten. Notwendig wären eher grundsätzliche Überlegungen zu Bildungsgerechtigkeit.

Die niederländische feministische Autorin Anja Meulenbelt schrieb schon in den 1980ern: „Die Kultur der Schule ist eine Mittelschichtskultur.“ Ist demnach das, was als „gute Bildung“ oder gar als „Begabung“ gilt, klassenspezifisch definiert?

Schule normalisiert, weswegen nur die eine wirkliche Chance haben, die „normalisierbar“ sind. Meulenbelt hat insofern Recht, als dass die Kategorie „Klasse“ beim Thema Bildung in der Tat eine besonders signifikante Rolle spielt. Die meisten migrantischen Schüler_innen aus der Mittelschicht setzen sich beispielsweise in der Schule durchaus durch. Sie machen zwar, wie viele Studien gezeigt haben, Diskriminierungserfahrungen, sind aber oft in der Lage, sich diesen zu widersetzen.
Aus diesem Grund denke ich „Verletzlichkeiten“ immer in Kombination mit „Widerstandsquellen“. Schwarze Schüler_innen, deren Eltern Akademiker_innen sind, erfahren ebenso Rassismus in der Schule wie proletarische Schwarze Schüler_innen, aber sie haben eben doch andere Waffen zur Verfügung, um sich gegen diese zur Wehr zu setzen.
In den 1970ern wurde in linken und feministischen Kreisen noch über den „heimlichen Lehrplan“ debattiert, der den regulären unterlaufe. Im Sinne Foucaults sind Schulen Orte der Disziplinierung: Wir lernen dort nicht nur Mathematik und Deutsch, sondern auch das Zuhören, das Ruhigsitzen, eine Autorität zu akzeptieren und uns unterzuordnen. Wer dies bereits zu Hause gelernt hat, kommt mit den Regeln eher zurecht. Und wer in der Familie Gelegenheit hat, über die gemachten Erfahrungen der Unterordnung zu sprechen und diese zu reflektieren, findet schneller Strategien, diese zu kontern, ohne aus dem System herauszufallen.

Es ist bekannt, dass Armut die größte Hürde für Bildungsbeteiligung darstellt. Erwiesen ist auch, dass ein niedriger Bildungsstatus von einer Generation zur nächsten weiter vererbt wird. Trotzdem ist die soziale Herkunft kaum Thema in den hiesigen Bildungsdebatten …

Nun, das scheint mir weniger rätselhaft, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Damit Diskriminierungserfahrun- gen in einer Art und Weise artikuliert werden können, dass sie tatsächlich hörbar werden, bedarf es einer mit Autorität ausgestatteten Gruppe, die die Situation anklagt und akzeptierbare Alternativen formuliert.
Nicht zufällig wird in linken Debatten eher der geringe Prozentsatz von Professorinnen migrantischer Herkunft und weniger die pädagogische Qualität der Grundschulen in prekären Stadtteilen beklagt. Bekannt ist etwa, dass linke Eltern in Berlin-Kreuzberg ihre Kinder bevorzugt auf Freie Schulen oder andere Privatschulen senden – und eben nicht dafür kämpfen, dass sich die desaströsen Zustände in den meisten Kreuzberger Schulen ändern. Hier verbleiben dann vor allem jene, die keine Möglichkeit haben bzw. sehen, ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen.
Schüler_innen, die weder in der Familie noch im Alltag die Gelegenheit bekommen, die schlechte Bildung, die die Schule bietet, zu kompensieren, haben nur sehr geringe Chancen auf eine soziale Mobilität. Ihre Situation wird lediglich von Zeit zu Zeit skandalisiert, aber kaum strukturell problematisiert. Die proletarischen Jugendlichen sind nur noch gut für reißerische Medienberichte und Trash-Produktionen im Vormittagsprogramm, wo ihre „Unzivilisiertheit“ vorgeführt und zu Geld gemacht wird.

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Illustration: Bianca Tschaikner

„Bildung“ und „Leistung“ sind auch Schlüsselbegriffe in der derzeitigen politischen Diskussion über die „Integration“ von Migrant_innen. Wer sich genügend anstrengt, kann sich erfolgreich integrieren und wird mit sozialem Aufstieg belohnt, lautet das Versprechen …

Die Ideologie der Meritokratie, die nach wie vor das Feld der Bildungspolitik dominiert, gibt vor, dass alle, die sich wirklich Mühe geben, es im Bildungssystem und damit auch allgemein im Leben schaffen können. Die Individualisierung von struktureller Benachteiligung ist dabei ein gelungener ideologischer Coup, der die Marginalisierten für ihre Benachteiligung selbst verantwortlich macht. Im anglophonen Raum spricht man in diesem Zusammenhang von „blaming the victim“.
Interessanterweise geht hier der Integrationsdiskurs mit dem Bildungsdiskurs eine unrühmliche Allianz ein.
Dass viele migrantische Schüler_innen an den Bildungseinrichtungen scheitern und mit einer „Non-Bildung“ auf einem Arbeitsmarkt landen, der sie im digitalisierten Zeitalter nicht mehr aufnehmen kann, wird nicht selten mit einem Mangel an Integrationswillen beschrieben. Nicht die Schulen seien das Problem, sondern die Migrant_innen.
Es ist immer noch gerne die Rede von „nicht integrierten Migrant_innen“ und „bildungsfernen Familien“. Doch eigentlich wird die angebliche „Nicht-Integration“ wie auch die „Bildungsferne“ nicht nur hingenommen, sondern tatsächlich hervorgebracht. Die „neuen Monster“ sind in dieser Logik „nicht-integrierte“, „ungebildete“ migrantische Jugendliche, die die ansonsten angeblich kosmopolitischen und kreativen Städte bevölkern und das ansonsten „schöne Leben“ dort gefährden. Ausnahmen werden dabei gerne gefeiert.

Eine aktuelle deutsche Studie hält fest, dass die Uni-Professuren seit den 1990ern zunehmend von Angehörigen privilegierter Schichten besetzt werden und durch eine wachsende soziale Schließung charakterisiert sind. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach eine sozial privilegierte Herkunft für die wissenschaftliche Karriere?

Im Grunde ist die Universität ein hoch feudales System. Die Durchlässigkeit ist extrem reguliert, und nur eine kleine Gruppe, die nicht der Bildungsaristokratie angehört, ist resilient genug und kann sich durchsetzen. Das gilt auch für die Mitglieder migrantischer Communitys und der Diaspora: Vor allem kommen die durch, die bereits aus akademischen Mittelschichtsfamilien stammen. Ich selbst kenne nur ganz wenige migrantische Professor_innen proletarischer Herkunft. Klasse war schon immer eine größere Hürde beim Erwerb von Bildung als die diasporische Herkunft.

In den öffentlichen Debatten über die Hochschulen fallen ständig Plädoyers für „Exzellenz“ und „Spitzenforschung“, es werden neue „Elite-Unis“ ausgerufen, die sich im Wettbewerb in der „Weltklasse“ messen. Wer profitiert von diesem Eliteanspruch?

Nun, meines Erachtens ist das Feld auch hier ziemlich komplex. Einerseits bin ich prinzipiell gegen jede Form von Elitebildung, andererseits ist es auffallend, dass sich gerade in den Exzellenzinitiativen migrantische und diasporische Akademiker_innen finden, die im „normalen“ Hochschulbetrieb nie eine Chance gehabt hätten. Zugegebenermaßen handelt es sich zumeist um internationale Akademiker_innen, die aufgrund ihrer guten Ausbildungen im Ausland und Fremdsprachenkenntnisse in Zeiten, in denen die Internationalisierung zu einem Aushängeschild der Hochschulen geworden ist, hier gute Chancen auf Positionen haben. Heute profitieren von den Elitehochschulen nur diejenigen, die bereits eine gute Grundausbildung genossen haben.
In Deutschland und Österreich wurde größtenteils das US-amerikanische System adaptiert. Allerdings gibt es in den USA keine Universität, an der nur weiße US-amerikanische Männer lehren. Aber es gibt durchaus Fakultäten in Deutschland, in denen nur weiße deutsche Männer forschen, und Hochschulen, in denen es nicht einfach ist, eine_n Professor_in nicht-deutscher Herkunft zu finden.
Verändert werden muss zum einen der Zugang zu den Universitäten. In Folge würde sich geradezu organisch eine andere Zusammensetzung der Hochschulen bezogen auf alle Statusgruppen ergeben. Oder die Universitäten würden verschwinden – auch keine üble Utopie. Zum anderen: Inhaltlich ist das, was in den Exzellenzclustern geforscht wird, sehr heterogen. Und doch ist auffallend, dass kritische Forschung zunehmend schwer finanzierbar ist. Postkoloniale Studien beispielsweise werden als kritischer Zuckerguss genutzt, ohne diese tatsächlich curricular zu verfestigen, während Gender Studies massiv angegriffen und disqualifiziert werden.

Gibt es heute noch eine Bildung „von unten“, die selbstorganisiertes nicht-hegemoniales Wissen als ermächtigendes Instrument begreift, um Gesellschaft zu verändern?

Ich glaube nicht. Ich denke aber, dass es an der Zeit ist, eine Bewegung für eine „Bildung von unten“ zu initiieren. Wer nach wie vor an eine Revolutionierung des Alltags glaubt, wird erkennen müssen, dass Revolutionär_innen nicht als solche auf die Welt kommen. Und wer Gerechtigkeit fordert, muss um Verhältnisse bemüht sein, die es denen, die weiterhin unterdrückt werden, erlaubt, ihre Unterdrückung zu artikulieren.

María do Mar Castro Varela ist Professorin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie beschäftigte sich insbesondere mit Fragen von Postkolonialer Gerechtigkeit. Zurzeit arbeitet sie an einer Publikation zu „Bildung und Postkolonialer Gerechtigkeit“.

Die Langfassung des Interviews gibt es auf www.migrazine.at.

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Kritik, die ungehört verhallt https://ansch.4lima.de/kritik-die-ungehoert-verhallt/ https://ansch.4lima.de/kritik-die-ungehoert-verhallt/#comments Wed, 01 Oct 2014 20:45:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=5493 Illustration: Bianca TschaiknerBei der Klassismuskritik hat sich in queer_feministischen Zusammenhängen seit 50 Jahren kaum etwas verändert. Von ANNE-CARINA LISCHEWSKI]]> Illustration: Bianca Tschaikner

Bei der Klassismuskritik hat sich in queer_feministischen Zusammenhängen seit 50 Jahren kaum etwas verändert. Von ANNE-CARINA LISCHEWSKI

Die erste Auseinandersetzung mit dem Begriff „Klassismus“ findet sich in einer Essay-Sammlung der überwiegend proletarischen Lesbengruppe The Furies, die 1974 unter dem Titel „Class & Feminism“ veröffentlicht wurde. Sie beinhaltet viel Kritik an der eigenen Szene, die sich zum Großteil auch auf die heutigen Verhältnisse übertragen lässt. So problematisierten die Aktivistinnen schon damals die für sie unverständliche Haltung finanziell besser gestellter Mitstreiterinnen, (potenziell) vorhandenes Geld lieber zu verleugnen statt zu teilen. Auch der in der Szene verbreitete (und den Furies zynisch erscheinende) Hang zur Romantisierung von Armut wurde kritisiert. Für Menschen, für die Armut seit jeher zu ihrem – nicht selbst gewählten – Alltag gehörte, war die Aussicht auf ein Leben im Zeichen des Konsumverzichts wenig reizvoll. Doch genau das wurde von klassistisch privilegierten Feministinnen häufig weder verstanden noch akzeptiert.
„Früher waren wir unsichtbar und wenn nicht, dann waren wir Trash – heute sind wir kontrarevolutionär“, beschrieb die US-amerikanische lesbische Schriftstellerin Rita Mae Brown ihre Erfahrungen mit Mittelklasse-Aktivistinnen in besagtem Reader. Ebenso verzerrt erschien den Furies die ständige Beteuerung einiger, „pleite“ zu sein, wenn es um lebensnotwendige Dinge wie Essen ging. Vor allem, wenn auf der anderen Seite doch genügend Geld für subkulturell anerkannte Dinge wie Drogen oder Platten da zu sein schien.

Klassismus spaltet. In den sieben Essays der Furies ging es aber nicht nur um Geld, sondern auch um andere klassistische Privilegien und den Unwillen, diese zu reflektieren: Wer kann es sich aufgrund seiner sozialen Beziehungen erlauben, eine Gefängnisstrafe zu riskieren, weil sie*er Leute im Rücken hat, die sie*ihn jederzeit wieder rausholen können? Wer traut sich, in einem teuren Laden zu klauen, und wer würde sich stattdessen schon dabei komisch vorkommen, ihn nur zu betreten? Auch der unausgesprochene Zwang, sich an Mittelklasse-Normen anzupassen (zum Beispiel in Bezug auf Dialekte und Vokabular), wurde thematisiert. Ebenso der Mangel an Solidarität – auch unter proletarischen Aktivistinnen –, beispielsweise wenn es um das Aufzeigen klassistischer Verhaltensweisen ging.
Die Furies machten Klassismus als ein Problem sichtbar, das feministische Bewegungen spaltet, und schlussfolgerten: „Es geht um die Frage, wie wir die Ursachen für diese Spaltung – klassistisches Verhalten, Klassenmacht und Klassenprivilegien – bekämpfen können, und nicht darum, diejenigen, die die Probleme ansprechen, zum Schweigen zu bringen.“

„Gute“ vs. „böse“ Prolos. In Deutschland diskutierten die sogenannten Prolo-Lesben auf den Berliner Lesbenwochen 1987 ähnliche Aspekte wie die Furies rund zehn Jahre zuvor. Das Verschleiern des eigenen finanziellen Hintergrunds findet sich auf dem Protokoll ihrer Veranstaltung an erster Stelle: Wer kann sich auch trotz leerer Portemonnaies Urlaube leisten, weil die Familie dafür zahlt oder sogar Ferienhäuser besitzt? Wer kann mit teuren Geschenken, Sparkonten und Erbschaften rechnen? Wer lebt in der Gewissheit, dass im schlimmsten Fall immer irgendwer da ist, um (finanziell) auszuhelfen? Dass Mittelklasse-Aktivistinnen (sofern sie ihren finanziellen Hintergrund offenlegen) oft darüber jammern, dadurch in eine Abhängigkeit von ihrer Familie zu geraten, wurde von den Prolo-Lesben ebenfalls kritisiert. Eine der Anwesenden warf ein, sie wäre froh über das Geld, die sich daraus ergebenden Auseinandersetzungen würde sie schon führen.
Aber auch andere Aspekte des Umgangs miteinander standen zur Diskussion: Wer wird ernst genommen, über wessen Beiträge wird gelacht, wer wählt welchen Tonfall, und welcher gilt als „angemessen“? Wer redet, und wer hört zu? Wer lässt sich leichter verunsichern, wer fühlt sich über- und wer unterlegen? Auch vermeintliche Komplimente wie „Was – du Prolo? Das merkt man dir gar nicht an!“ und die Unterteilung in „gute“ (angepasste, mit höherer Schulbildung und nach „oben“ strebende) und „böse“ (fluchende, saufende, schreiende, „dumme“) Prolos wurden problematisiert. Das Protokoll der Prolo-Lesben endet mit dem Aufruf an bürgerliche Lesben, nicht mehr so zu tun, als gäbe es keine oder viel wichtigere Probleme, sondern sich aktiv und solidarisch mit dem Thema „Klasse“ auseinanderzusetzen.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Gegen den klassistischen Normalzustand. In den letzten Jahren ist Klassismus innerhalb queer_feministischer Zusammenhänge im deutschsprachigen Raum wieder zum Thema gemacht worden, im Netz beispielsweise durch die Bloggerin ClaraRosa. Sie schrieb im März 2013 einen Aufruf an andere klassistisch diskriminierte Bloggerinnen, sich zusammenzuschließen, um sichtbar zu werden und den klassistischen Normalzustand feministischer Bewegungen anzufechten. Tatsächlich folgten diesem Aufruf eine Reihe weiterer – in erster Linie autobiografischer – Blogbeiträge. Diese Texte stießen auf Gehör, aber auch auf sehr viel Abwehr. Immer wieder war zu lesen: „Das ist doch alles nichts Neues“, „Lies mal Bourdieu“ oder „Wir haben doch schon Kapitalismus- kritik, wer braucht da noch Klassismus- kritik?“.
Als Reaktion darauf verfassten einige Autor*innen eine Antwort, die unter dem Titel „Wir sind Klasse“ im April 2013 online ging. In ihrem Text nahmen sie auch Bezug auf ihre historischen Vorreiterinnen: „Ich mach seit Jahren nix anderes, als die von bürgerlichen Feministinnen verdrängten, gesilenceten und ignorierten Geschichten von proletarischen Feministinnen auszugraben. Diese Geschichten sind ein Schatz! Denn sie zeigen, wie sich Geschichte wiederholt und wie bürgerliche Ausschlussmechanismen funktionieren.“ Auf diesen Text folgten bis heute bemerkenswert wenige Reaktionen, der Link zu dem auf verschiedenen Blogs veröffentlichten Beitrag ist bezeichnend selten geteilt worden.

Entsolidarisierung. Obwohl der Begriff „Klassismus“ nahezu zeitgleich und im selben politischen Umfeld entstanden ist wie der Begriff „Sexismus“ (siehe auch Artikel S. 15), ist er bis heute viel weniger be- und vor allem anerkannt. Woran liegt das? Meine These lautet: Zum einen sind diverse Frauenbewegungen professionalisiert worden, das heißt, Jobs in vormals autonom geführten Frauenprojekten wurden fortan ausschließlich nach staatlich anerkannter „Qualifikation“ vergeben und bezahlt. Im Zuge dessen haben sich auch die Normen und Werte der Leistungsgesellschaft in diese Projekte eingeschrieben, ehemals solidarische Grundsätze wie Einheitslöhne sind zunehmend verschwunden, die Projekte wurden entpolitisiert.
Die auf dem kapitalistischen Markt gestiegenen Karrierechancen bestimmter Frauen führten darüber hinaus zu einer Entsolidarisierung: Während es vor einigen Jahrzehnten noch politisch fragwürdig gewesen wäre, andere Frauen zugunsten der eigenen „Befreiung“ auszubeuten, scheint es in den letzten Jahren kein Problem mehr zu sein, Sorgearbeit an schlechter gestellte Frauen – allen voran Migrantinnen und Women of Color – abzugeben. Persönliche Freiheit gilt als wichtiger als Solidarität untereinander, was zu einer generellen Destabilisierung feministischer Bewegungen beiträgt.

Akademische Zirkel. Hinzu kommt die Einführung der Gender Studies an den Universitäten. Wer nicht über einen akademischen Sprachgebrauch verfügt, ist seitdem von vornherein von vielen feministischen Debatten ausgeschlossen. Hier stellt sich auch die Frage, inwiefern die Tatsache, dass queer_feministische Debatten in Deutschland in den letzten Jahren häufig online, damit auch schriftlich und in einem vielfach sehr akademischen Ton geführt werden, zu weiteren Ausschlüssen führt. Aspekte wie Sprache, Grammatik, Vokabular, das Verständnis von Theorie, die Zeit, die erforderlich ist, um an diesen Debatten (aktiv) teilzuhaben, haben hier nochmals eine ganz neue Bedeutung erlangt.
Die Auseinandersetzung um Klassismus innerhalb queer_feministischer Zusammenhänge muss geführt werden, und zwar intersektional, also nicht nur auf die Dimensionen „Klasse“ und Geschlecht beschränkt. Doch bis
heute finden kritische Stimmen wenig Gehör, werden kaum geteilt und auch immer wieder abgewehrt. Dabei geht es, wie schon die Furies fünfzig Jahre zuvor klargestellt haben, nicht um Schuld, sondern um Veränderung. Und damit nicht zuletzt um die zukünftigen Perspektiven einer – unserer – Bewegung.

Anne-Carina Lischewski bloggt, auch aus eigener Betroffenheit heraus, seit einigen Jahren unter dem Namen viruletta auf ihrem privaten Blog viruletta.blogsport. de und bei mädchenmannschaft.net über Klassismus, Sexismus und Gewalt.

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