an.lesen – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 28 May 2025 10:22:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.lesen – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Lesbenparadiese https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/ https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/#respond Mon, 26 May 2025 09:14:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=127496 Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso […]]]>

Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel

Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso das so ist. Es sind Allianzen mit anderen weiblichen Tieren, durch die Bonoboweibchen ihre Macht sichern können, obwohl die Männchen stärker und physisch überlegen sind. „Weibchen unterstützen andere Weibchen, unabhängig davon, wie nah sie sich sonst innerhalb der Gruppe stehen und auch unabhängig davon, welche Gruppenzugehörigkeit sie haben“, so die Bilanz der Wissenschaftler:innen.
Auch die Autorin und Comiczeichnerin Ulli Lust, die sich 2009 mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ im Graphic-Novel-Genre einen Namen machte, widmet sich in ihrer neuesten Veröffentlichung „Die Frau als Mensch“ u. a. den Bonobo-Gemeinschaften. Im Grunde seien es „Lesbenparadiese“, die Äffinnen würden einander sogar beim Sex vorziehen. Gruppenvergewaltigungen oder Säuglingstötungen, wie sie beispielsweise bei den Schimpansen vorkommen, gibt es bei den Bonobos nicht, dafür Bisswunden und verletzte Penisse bei Männchen, die sich nicht unterordnen.
Ähnlich wie bei den Bonobos sei es wohl auch bei vielen unserer Vorfahr:innen gewesen, zeigt Lust in ihrem detailreich illustrierten Buch. Die Menschheitsgeschichte sei von Matriarchaten und gleichberechtigten Gesellschaften geprägt. Unser Bild vom Steinzeitmenschen als bärtigem Wilden mit Keule, und die Mär von den aggressiven Jägern und den häuslichen Sammlerinnen verdanken wir der androzentrischen und von Männern dominierten Geschichtsschreibung, die von der patriarchalen Gegenwart fälschlich auf die Vergangenheit schloss.
Es sind kleine Figuren wie die der berühmten Venus von Willendorf, die Zeugnis davon ablegen, dass stattdessen Frauen gehuldigt wurden. Und zwar über die allerlängste Zeit. Das Gebiet, in dem sich diese Figurinen finden, erstreckt sich über den halben Globus und über einen Zeitraum von 30.000 Jahren. Es ist die auf 43.000 bis 35.000 v. Chr. datierte Venus vom Hohlefels, die prägend für die Kunst der folgenden dreißigtausend Jahre werden wird. Sie ist das erste Zeugnis einer ikonischen Frauenfigur, die ohne Scham Brüste, Bauch und Vulva präsentiert.
Dass diese selbstbewusste Geste später im Kunstkanon der europäischen Kulturgeschichte männlichen Figuren wie Michelangelos David vorbehalten war, während nackte Göttinnen kauernd ihre Blöße verstecken mussten, hat der Autorin seit frühester Kindheit Rätsel aufgegeben, wie sie im autobiografisch grundierten Kapitel „Scham“ schreibt. Denn schon als Mädchen habe sie angesichts des schutzlos baumelnden Genitals spontan „Penismitleid“ empfunden.

Ulli Lust schreibt keine stringente, feministische Frühgeschichte der Menschheit, sondern springt in den in sich geschlossenen Kapiteln von Menschenknochen zu Menstruationsblut oder der Bedeutung der aus Ocker gewonnenen Farbe Rot. Und sie springt auch in die Gegenwart, wenn sie sich den perfektionierten Jagdkünsten der Khoisan-Buschleute in Botswana und ihrer Vertreibung aus der Khalahari widmet. Trotz Gerichtsbeschluss, wonach die Umsiedlungen rechtswidrig waren, müssen sie dort nun um Jagdrechte und den Zugang zu Wasser kämpfen – während es gleichzeitig Bewilligungen für Safari-Tourismus und Rohstoffabbau gibt.
Zentrales Thema der lesenswerten Graphic Novel ist nicht nur die These, dass es jahrtausendelang die Darstellung einer weiblichen Figur war, die den Menschen an sich repräsentierte. Mit Verweis auf die Forschungen der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy zeigt Lust außerdem, dass es insbesondere die Fähigkeit zu Empathie ist, die den „ultrasozialen“ Menschen erfolgreicher gemacht hat als andere Primaten. Die Menschheitsgeschichte ist demzufolge also gar nicht von Konkurrenz und Aggression geprägt, sondern von Solidarität, so wie sie von freigiebigen Wildbeuter-Gemeinschaften bis heute gelebt wird. Und von den Bonoboweibchen.

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Soziale Mobilität gibt es kaum https://ansch.4lima.de/soziale-mobilitaet-gibt-es-kaum/ https://ansch.4lima.de/soziale-mobilitaet-gibt-es-kaum/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:11:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=105364 Daniela Brodesser schreibt über ihr Leben als Armutsbetroffene und macht dabei sichtbar, dass Armut kein Schicksal ist, sondern politisch gemacht wird. Von Naomi Lobnig Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, der im Frühjahr 2022 von Anni aka @Finkulasa ins Leben gerufen wurde, teilen Menschen, wie es für sie ist oder war, in Armut zu leben. Auch Daniela […]]]>

Daniela Brodesser schreibt über ihr Leben als Armutsbetroffene und macht dabei sichtbar, dass Armut kein Schicksal ist, sondern politisch gemacht wird. Von Naomi Lobnig

Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, der im Frühjahr 2022 von Anni aka @Finkulasa ins Leben gerufen wurde, teilen Menschen, wie es für sie ist oder war, in Armut zu leben. Auch Daniela Brodessers Aktivismus begann auf Twitter: zuerst noch unter dem Pseudonym @grauemaus und später dann unter ihrem Klarnamen @danibrodesser. Mittlerweile folgen der Armutsaktivistin, Kolumnistin, Bankkauffrau und Mutter von vier Kindern mehrere tausende Menschen, sie wird für Interviews angefragt, hält Reden, nimmt an Konferenzen teil und ist längst zu einer wichtigen Stimme im Kampf gegen Armut geworden. Aktuelle Statistiken zu Armut sprechen für sich: 17 Prozent der Bevölkerung in Österreich, das sind konkret 1.519.000 Menschen, sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Angesichts der aktuellen Teuerungen, die Lebenserhaltungskosten in die Höhe getrieben haben, liegt die Zahl jener, die ihr Leben nicht mehr problemlos bestreiten können, jedoch deutlich höher.

Die Zahlen schockieren, aber Daniela Brodesser weiß, dass es vor allem persönliche Geschichten sind, die Menschen erreichen. In ihrem Buchdebüt „Armut“, das soeben in der essayistischen Sachbuchreihe „übermorgen“ bei Kremayr & Scheriau erschienen ist, erzählt Daniela Brodesser von ihrem Leben in einer „typischen Durchschnittsfamilie“ und wie sie aufgrund einer Folge von Ereignissen – Burnout, Jobverlust, Krankheitsfälle etc. – in die Armut gerutscht ist. „Vor sechs Jahren habe ich das Wort ‚armutsbetroffen‘ nie für uns verwendet. Das sind nicht wir. Nicht in dieser Schublade“, schreibt sie. „Bis ich offen sagen konnte, ‚Ja, ich bin armutsbetroffen‘, war es ein langer Prozess, der von vielen Höhen und Tiefen begleitet war, sehr viel Überwindung gekostet hat, aber auch damit zu tun hatte, zu lernen und zu begreifen, was soziale Ungleichheit ist.“ Daniela Brodesser macht deutlich, dass Armut ein systemisches Problem ist, indem sie ihr Einzelschicksal immer wieder in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen setzt. Armut kann alle betreffen. Trotzdem sind armutsbetroffene Menschen immer noch mit Vorurteilen, mit Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert. Das führt zu Scham, Isolation, sozialer Entfremdung, bis hin zu physischen und psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen. Armut macht also auch krank. Aus dem Teufelskreis aus Scham und Beschämung finden Menschen nur schwer wieder heraus. Daniela Brodesser hat all das selbst erlebt: von „gut gemeinten“ Ratschlägen seitens Nachbar*innen, über Pädagog*innen, die ihr vorhalten, mit ihrem Geld nicht haushalten zu können, bis hin zu Ärzt*innen, die ihre Beschwerden nicht ernst nehmen. Sie zeigt auf, wie sich das Leben als armutsbetroffene Person gestaltet und wie umfassend die Auswirkungen sind. Auch wenn Daniela Brodesser der Weg aus der Armut gelungen ist, macht sie deutlich, dass sie eine Ausnahme ist. „Soziale Mobilität gibt es kaum“, kritisiert sie. „Die Mär von ‚hart erkämpft‘ ist genau das: ein Märchen.“

Das Buch gibt all jenen, die so oft nicht gehört werden, eine Stimme. Es schärft das Bewusstsein dafür, was Armut eigentlich bedeutet, und nimmt die Politik in die Verantwortung. Wie sieht ein nachhaltiger Weg aus der Armut aus? Welche Maßnahmen braucht es? Was ist nötig, um ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen? Wie können eigene Privilegien genützt werden, um Verbündete*r im Kampf gegen Armut zu werden? „Es ist an der Zeit, die Debatte endlich in eine andere Richtung zu bewegen. Weg von Schuldzuweisungen an Betroffene. Hin zum Aufzeigen, warum Menschen in Armut leben, warum sie keine oder nur prekäre Jobs finden, warum sie wegen Erkrankungen arm sind und warum sie wegen Armut krank werden. Hin zum Aufklären darüber, dass ein Ende der Generalvorurteile nicht ein Ende der Zivilisation bedeuten würde, sondern den Beginn einer ernsthaften Arbeit an nachhaltiger Armutsbekämpfung.“ Daniela Brodessers Buch liefert einen wichtigen Beitrag hierfür. •

Daniela Brodesser: Armut
Kremayr & Scheriau 2022, 20 Euro

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„Der Feminismus braucht auch trans Menschen“ https://ansch.4lima.de/der-feminismus-braucht-auch-trans-menschen/ https://ansch.4lima.de/der-feminismus-braucht-auch-trans-menschen/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:40:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=80237 Ein „gewaltiges Werk und absolut überzeugend“, urteilt Judith Butler: Shon Faye hat ein aufrüttelndes Buch über die Lebensrealitäten von trans Menschen geschrieben, das eindringlich für Solidarität innerhalb der LGBTIAQ*-Bewegung plädiert. Von Naomi Lobnig Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Faye, die sich in LGBTIAQ*-Organisationen für die Rechte von trans Personen einsetzt und als Redakteurin tätig […]]]>

Ein „gewaltiges Werk und absolut überzeugend“, urteilt Judith Butler: Shon Faye hat ein aufrüttelndes Buch über die Lebensrealitäten von trans Menschen geschrieben, das eindringlich für Solidarität innerhalb der LGBTIAQ*-Bewegung plädiert. Von Naomi Lobnig

Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Faye, die sich in LGBTIAQ*-Organisationen für die Rechte von trans Personen einsetzt und als Redakteurin tätig ist, will gängige Perspektiven umdrehen: „Trans Personen werden entmenschlicht und auf ein Gesprächsthema oder abstraktes Problem reduziert: eine ‚Frage‘, über die endlos diskutiert und debattiert werden kann. Wenn die Medien über die ‚Transgender-Frage‘ sprechen wollen, heißt das, wie sich herausgestellt hat, dass sie über ihre Probleme mit uns reden wollen und nicht über die Herausforderungen, vor denen wir stehen“, schreibt sie. Letzteres bildet das zentrale Anliegen des aufrüttelnden Buches, das die vielfältigen Lebensrealitäten von trans Personen in den Mittelpunkt stellt.

Fayes Zugang ist ein analytischer, der die Leser*innen dennoch bis zur letzten Seite fesselt. Sie zitiert zahlreiche aktuelle Studien und stellt transspezifische Organisationen und Community-Projekte vor. In persönlichen Gesprächen und Interviews kommen Betroffene selbst zu Wort. Faye widmet sich dabei sonst unterbeleuchteten, aber dafür umso wichtigeren Themen: Bildung, Wohnungslosigkeit, häusliche und sexualisierte Gewalt, Altern und Pflege, körperliche Selbstbestimmung und Gesundheitsvorsorge, Sexarbeit sowie staatliche Diskriminierung. All diese Themen betreffen selbstverständlich nicht nur trans Personen und auch nicht alle trans Personen gleichermaßen. Viel zu oft würden jedoch mehrfach diskriminierte Personen, wie wohnungslose oder unter prekären Umständen lebende trans Personen und trans Sexarbeiter*innen, unsichtbar gemacht.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Rolle der Medien. Ihrem eigenen journalistischen Werdegang geschuldet, nimmt Faye kritisch die derzeitige, vor allem negative mediale Berichterstattung über trans Personen in den Blick. Die zitierten Wortmeldungen vieler Journalist*innen erschrecken – und erinnern nicht zuletzt auch an Beiträge in österreichischen Medien.

Kursierende Mythen und Vorurteile gegenüber trans Menschen dekonstruiert Faye radikal. Anhand konkreter Gesetzeslagen, aktueller Statistiken und persönlicher Erfahrungsberichte wird aufgezeigt, wie in transfeindlichen Debatten konsequent übertrieben und gelogen wird und dabei Einzelfälle instrumentalisiert werden, um transfeindlich Stimmung zu machen.

Faye geht es dabei jedoch keinesfalls darum, Spaltungen zu verstärken und trans Personen als homogene Gruppe zu beschreiben. Stattdessen werden die gemeinsamen unterdrückenden Erfahrungen mit anderen marginalisierten Gruppen wie PoCs, Migrant*innen und Menschen mit Behinderungen betont. Es geht um den gemeinsamen Kampf, der letztendlich die Befreiung aller Menschen zum Ziel hat.

„Nicht nur trans Menschen brauchen den Feminismus, sondern der Feminismus braucht auch trans Menschen.“ Faye verweist auf die notwendige Solidarität untereinander, die sich auf die gemeinsamen Erfahrungen von trans Personen, cis Frauen und LGB-Personen stützt. So bedient sich beispielsweise – historisch und gegenwärtig – die homo- und transfeindliche Berichterstattung ähnlicher pathologisierender und abwertender Argumentationsweisen. Und wie beim Recht auf Abtreibung geht es auch bei der Gesundheitsvorsorge von trans Personen um körperliche Selbstbestimmung – und letztlich aller Personen weltweit. Sie alle eint die Betroffenheit von struktureller Unterdrückung und Gewalt.

„Gemeinsam muss ein LGBTIQ*-Bündnis, in dessen Zentrum Klassenbewusstsein und Antirassismus stehen, seine Radikalität zurückerlangen und erneuert den Widerstand gegen Kapitalismus und Patriarchat betonen. Interne Machtkämpfe und innere Spaltung liegen im Interesse der Rechten, von denen wir unterdrückt werden. […] Im Kern haben Frauenfeindlichkeit, Homofeindlichkeit und Transfeindlichkeit viel gemeinsam. Aus Sicht des Patriarchats liegen wir bei der Gender-Performance alle falsch.“ •

Shon Faye: Die Transgender-Frage. Ein Aufruf zu mehr Gerechtigkeit.
Übersetzung aus dem Englischen von Jayrôme C. Robinet und Claudia Voit
hanserblau 2022, 25 Euro

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an.lesen: bell hooks: Feminismus für alle  https://ansch.4lima.de/an-lesen-bell-hooks-feminismus-fuer-alle/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-bell-hooks-feminismus-fuer-alle/#comments Thu, 16 Dec 2021 12:19:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=57379 We are all in this together  Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks hat jene Einführung in feministisches Denken geschrieben, die sie selbst als junger Mensch gerne gelesen hätte. Feminismus, so wie sie ihn versteht, sollte von allen verstanden und gelebt werden können. Von Verena Kettner  Feminismus darf niemals ausschließend daherkommen, macht bell hooks schon in der Einleitung ihres Buchs klar, das im englischen Original bereits 2000 […]]]>

We are all in this together 

Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks hat jene Einführung in feministisches Denken geschrieben, die sie selbst als junger Mensch gerne gelesen hätte. Feminismus, so wie sie ihn versteht, sollte von allen verstanden und gelebt werden können. Von Verena Kettner 

Feminismus darf niemals ausschließend daherkommen, macht bell hooks schon in der Einleitung ihres Buchs klar, das im englischen Original bereits 2000 erschien und kürzlich ins Deutsche übersetzt wurde. Hooks erzählt davon, wie ihr eigenes feministisches Engagement sowie ihre Leidenschaft für die Bewegung mit jedem Tag mehr wuchsen, sie aber im selben Ausmaß auch immer wieder enttäuscht wurde. Denn eine Bewegung, der sich viele Menschen nicht zugehörig fühlen, weil sie ihre Sprache nicht verstehen und ihre Theoretisierungen zu komplex finden, muss in gewisser Weise versagt haben. Ihr Buch kämpft gegen dieses Missverhältnis an: Es ist nicht akademisch, leicht zu lesen, auch ohne viel Vorwissen verständlich und es richtet sich an alle Geschlechter. Es ist, wie der Feminismus, für alle. 
bell hooks vertritt eine breite Definition von Feminismus. Dieser sei eine Bewegung, die darauf abziele, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden. Nicht „die Männer“ seien der Feind von Feminist*innen, sondern ein sexistisches und patriarchales System, das alle Geschlechter unterdrückt. Natürlich nimmt diese Unterdrückung höchst unterschiedliche Formen an und ist insbesondere Männern gegenüber schwer zu fassen, da diese immer auch vom Patriarchat profitieren. Allerdings würden sie im Gegenzug oft ihre Verletzlichkeit und die Verbindung zu ihren Emotionen opfern sowie die Fähigkeit einbüßen, tiefe soziale und emotionale Bindungen einzugehen, ist hooks überzeugt. 
Mit ihrem authentischen, stets intersektionalen Blick denkt bell hooks Identitäten und Kämpfe zusammen, sieht und zieht Verbindungslinien. Feminismus muss, wenn er nachhaltig etwas an den sexistischen gesellschaftlichen Strukturen verändern will, nicht nur für alle Geschlechter entworfen und von allen Geschlechtern mitgetragen werden, sondern er muss auch antirassistisch, antifaschistisch, antikapitalistisch und vor allem radikal sein. Eine reformerische Bewegung weißer Feminist*innen beispielsweise, die sich für Lohngleichheit einsetzen, reiche nicht aus, um einen gesellschaftlichen Umsturz herbeizuführen, der für alle befreiend wäre. 
In verschiedenen Kapiteln, die sich mit klassisch feministischen Themen wie (Care-)Arbeit, reproduktiven Rechten, der Frage nach sisterhood, Sexualität, Partner*innenschaft, Gewalt und (Bewusstseins-)Bildung auseinandersetzen, verwebt bell hooks geschickt die unterschiedlichen Diskriminierungsachsen von Geschlecht, race und Klasse und verdeutlicht deren schädliche Effekte für alle. In all den Ausführungen schwingt stets auch hooks gewohntes Verständnis von Solidarität und (politischer) Liebe mit. Zwar sind es komplexe gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse, die wir verändern müssen, doch haben wir als Individuen auch die Handlungsmacht dafür. Wir können solidarisch lieben und handeln, können wertschätzend, fürsorglich, hingebungsvoll, verantwortungsvoll und verständnisvoll sein, uns wehren gegen Dominanz und Zwang. Auf dieser Basis können wir schließlich jene Vision verwirklichen, von der bell hooks träumt: einen radikalen Feminismus, der zwar in der konkreten Realität der Menschen verankert ist, in seinen Zielen aber über diese hinausgeht. Einen Feminismus, der miteinander und aneinander wächst, voneinander lernt, der sich verändert und weiterentwickelt, bis wir eines Tages ein Leben ohne Herrschaft führen können.  

bell hooks: Feminismus für alle 
Übersetzung: Margarita Ruppel 
Unrast Verlag 2021, 14,- Euro 

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Dauerbrenner Körperhass https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerperhass/ https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerperhass/#respond Thu, 02 Sep 2021 08:47:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=47296 Die überarbeitete Neuauflage von Susie Orbachs Klassiker „Bodies“ macht deutlich: Die Beziehung zu unseren Körpern ist trotz Body-Positivity eine feindliche. Von Beate Hausbichler Susie Orbach erzählt Körpergeschichten. Geschichten von persönlichen und frühkindlichen Erfahrungen, die das Verhältnis zu unserem Körper prägen. Gleichzeitig sind es Geschichten von verschiedensten Gesellschaften und deren Umgang mit Körpern, denn auch sie […]]]>

Die überarbeitete Neuauflage von Susie Orbachs Klassiker „Bodies“ macht deutlich: Die Beziehung zu unseren Körpern ist trotz Body-Positivity eine feindliche. Von Beate Hausbichler

Susie Orbach erzählt Körpergeschichten. Geschichten von persönlichen und frühkindlichen Erfahrungen, die das Verhältnis zu unserem Körper prägen. Gleichzeitig sind es Geschichten von verschiedensten Gesellschaften und deren Umgang mit Körpern, denn auch sie sind maßgeblich an dieser Prägung beteiligt, der wir kaum entkommen können.

Allerdings wandelt sich sowohl der Umgang von Eltern und Einfluss­personen mit Kindern als auch das gesellschaftliche Umfeld, weshalb die Analyse unseres Verhältnisses zum Körper immer wieder einer Aktualisierung bedarf. Die erste Ausgabe von Susie Orbachs „Bodies“ erschien 2009, nun ist gut zehn Jahre später eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage erschienen, in der sie ihre langjährigen Beobachtungen zum Körperbewusstsein in den Kontext neuer medialer und gesellschafts­politischer Entwicklungen stellt.

Eines steht schnell fest: Leichter haben wir es mit unseren Körpern heute sicher nicht. Obwohl wir inzwischen im Großen und Ganzen durchschauen, dass riesige Industrien und die Globalisierung von Schönheitsidealen hinter unserem hyperkritischen Blick auf Körper stehen, nehmen wir trotzdem den weit verbreiteten Körperhass vorwiegend auf unsere Schultern. „Unsere Tragödie ist es, dass wir diese Sozialpathologie individuell und privat erleben“, schreibt Orbach.

Als Susie Orbach als Psychotherapeutin begann, nahm sie die Ess- und Körperbildstörungen der Menschen, die zu ihr kamen, als ein „fernes Grollen von Körperunsicherheiten“ wahr. Heute, über vierzig Jahre später, sind diese Leiden für derart viele Menschen so selbstverständlicher Teil des Alltags, dass sie den Körper der Gegenwart als nichts Geringeres als den Gegenstand eines Krieges beschreibt. Übertrieben?

Wer niemanden kennt, der mit seinem Körper zu kämpfen hat und ihn meistens als verbesserungswürdig und mangelhaft betrachtet, oder das auch von sich selbst nicht sagen kann, kann das behaupten. Doch da wird es kaum jemanden geben, vor allem nicht unter Frauen.

Die ständige Berieselung mit Kommentaren über Körper und seine angeblichen Mängel seien der Ausdruck einer Kultur, die seit der Industrialisierung körperliche Enteignung betreibe, schreibt Orbach. Der Körper wurde zum Arbeitsfeld, auf dem neoliberaler Machbarkeitswahn und Kontrollfantasien ausagiert werden.

Es ist beeindruckend, wie Susie Orbach in diesem Buch die alte, aber stabile cartesianische säuberliche Trennung von Körper und Geist auseinanderkletzelt. Angesichts der Tiefen, in die sie dabei vordringt, wirken die gut gemeinten Body-Positivity-Gesten auf Instagram oder TikTok und die kommerziellen Kampagnen unter diesem Banner fast ein bisschen lächerlich. Ja, sogar kontraproduktiv: Es verkennt die Komplexität des Körperbewusstseins. Hinzu kommt, dass das kaputte Verhältnis zu unserem Körper sich auch von der verbreiteten Vorstellung von absoluter Machbarkeit und Performance nährt. Denn angesichts neuer Technologien sehen wir einen schier unendlich erweiterbaren Handlungsspielraum vor uns. Und durch die digitale Bilderflut wird die ständige Darstellung der Körper Dreh- und Angelpunkt eines entfremdeten Körperbewusstseins – was allein zählt, ist der Blick von außen, des Anderen.

Die im Buch dargelegten Fallgeschichten aus Orbachs Praxis zeigen auch ihre interessante Haltung zu Körperanpassungen, etwa bei trans­identen Menschen. Sie kritisiert einerseits postmoderne Theorien, die Körper in erster Linie als fließende und symbolische Konstrukte beschreiben. Diese seien zwar spielerisch-produktive Ansätze – allerdings keine Hilfe für jene, die an einer fehlenden Übereinstimmung mit ihrem Körper leiden. Denn letztlich würden wir nach körperlicher Stabilität suchen, nach einem verlässlichen Zuhause, das nicht ständig Ort von Aushandlungen, Kontrolle und Optimierung ist. Demnach müssten wir aber laut Orbach den Körper sowohl als Ort der Selbstdefinition als auch als physische Gegebenheit begreifen. Und das ist wohl eine der größten Herausforderungen – aber definitiv ein Weg, um die quälende Unsicherheit mit unseren Körpern zu lindern. •

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Mit-Halten können https://ansch.4lima.de/mit-halten-koennen/ https://ansch.4lima.de/mit-halten-koennen/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:22:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=25750 Julia Wissert ist die neue Intendantin am Schauspiel Dortmund. Damit ist sie nicht nur die jüngste, sondern auch die erste Schwarze Intendantin Deutschlands. Olja Alvir sprach mit ihr über die gläserne Klippe, Schubladisierung und die Sehnsucht nach Begegnungen. an.schläge: Ihre Ernennung sorgte für reges Interesse. Die „erste Schwarze Frau“ oder „erste junge Frau“ an der […]]]>

Julia Wissert ist die neue Intendantin am Schauspiel Dortmund. Damit ist sie nicht nur die jüngste, sondern auch die erste Schwarze Intendantin Deutschlands. Olja Alvir sprach mit ihr über die gläserne Klippe, Schubladisierung und die Sehnsucht nach Begegnungen.

an.schläge: Ihre Ernennung sorgte für reges Interesse. Die „erste Schwarze Frau“ oder „erste junge Frau“ an der Spitze – welche Erwartungen werden nun an Sie herangetragen?

Julia Wissert: Als klar wurde, dass ich diese Stelle bekomme, und als die ersten Medienanfragen kamen, empfand ich das als zweischneidiges Schwert. Es gibt viel Projektion: Ich würde kommen, fünfhundert Jahre Theatergeschichte in drei Monaten umkrempeln, und danach würde alles perfekt sein. Was natürlich unmöglich ist. Klar freue ich mich aber auch über die Aufmerksamkeit. Offensichtlich gibt es eine Sehnsucht nach Veränderung und neuen Perspektiven, die u. a. auch über mich, das Team und unsere Einstellung am Schauspiel Dortmund artikuliert wird.

Angelehnt an die gläserne Decke gibt es den Begriff der „glass cliff“, also der gläsernen Klippe. Frauen kommen oft erst dann an Spitzenpositionen, wenn es darunter ordentlich kriselt, was ihren Erfolg erschweren kann. Nun könnte man sagen, dass der Kulturbereich generell in einer von der Pandemie verstärkten Krise steckt.

Es kommt auf den Kontext an. Also ob Entscheidungen so ausgelegt sind, Frauen scheitern zu lassen, oder ein Aufblühen ermöglichen. In Dortmund gibt es bereits viele interessante Besetzungen im Kulturbereich. Mit Maxa Zoller wird eine neue inhaltliche Ausrichtung des Frauenfilmfestivals erwartet; Rebekka Seubert ist die jüngste Leiterin eines Kunstvereins. Meine Einstellung ist definitiv in diesem erfreulichen und zukunftsweisenden Kontext zu sehen.

Ein Freund meinte im April aber auch scherzhaft zu mir: „Schau, jetzt gibt es eine Schwarze Frau als Intendantin, und dann kommt direkt eine Pandemie und die Theater schließen. So groß ist der Widerstand!“ Zynisch! Aber es ist allgemein schon etwas Wahres dran: Die Spitzenjobs werden oft erst dann frei, wenn sie scheinbar irrelevant werden, und erst dann kommen auch Marginalisierte dran.

Die Krise trifft Theater besonders hart. Im ersten Lockdown im Frühjahr wurde versucht, durch Streams und andere Online-Angebote Alternativen anzubieten. Wird Corona das Theater nachhaltig verändern?

Es ist interessant, dass Sie Krise sagen und nicht Katastrophe. Es kommen nämlich bestimmt noch weitere Konsequenzen auf uns zu. ­Verlagerte Schwerpunkte in der Kulturpolitik, auch gekürzte Budgets – was fatal wäre. Die Fragen, um die es jetzt geht, müssen wir uns auch für die nächsten Spielzeiten stellen. Wie bleibt das Theater, oder in meinem Fall das Stadttheater, relevant? Wie lässt sich das Aufkommen digitaler Dramatur­gien wie Gaming oder serielles Erzählen produktiv im Theater nützen? Welche Rolle spielt der Kanon überhaupt noch für ein modernes Publikum? Wie kann man Politik im Theater verständlich machen? Daran entlang muss meines Erachtens nach auch die Zukunft des Theaters gedacht werden.

Ich glaube nicht, dass Streaming eine nachhaltige Alternative bzw. Perspektive fürs Theater ist. Das ­können Netflix, Hulu, Sky und Co. einfach besser als wir. Es ist jedoch klar, dass es gerade eine große Sehnsucht gibt, einander zu begegnen. Die kleinen Formate, die wir während Corona gemacht haben, waren allesamt in kürzester Zeit ausverkauft. Hinterher waren die Leute glücklich, dass es eine Möglichkeit gab, zusammenzukommen. Die Begegnung ist unsere Stärke.

Was fehlt, wenn Theater nicht gemeinsam vor Ort erfahren werden kann?

Was Theater leistet, ist ein Energieaustausch. Es geht darum, einen flüchtigen Moment in der Raumzeit mit anderen Menschen zu teilen und gemeinsam zu erfahren. Ich sehne mich z. B. einfach auch nach dem Gefühl, in einem Zuschauer_innenraum zu sitzen und zu merken, dass das Licht ausgeht, der Vorhang aufgeht. Gänsehaut! Oder wenn man während eines Stückes merkt, dass die Stimmung kippt oder sich Konzentration im Publikum ausbreitet. Wir haben ja ständig Proben im leeren Theatersaal, und das ist etwas ganz anderes als eine Aufführungsstimmung. Was fehlt, ist unser Publikum, die Co-Autor_innen dieser gemeinsamen Erfahrung.

Neulich sprach ich mit Kolleg_innen über folgendes Dilemma: Als marginalisierte Künstler_innen fühlen wir uns oft dazu berufen, Themen wie Diskriminierung aufzugreifen. Denn wenn wir es nicht machen, wer dann? Bei uns liegt immerhin auch die Expertise und das Feingefühl. Jedoch kann das auch zu einer Art Selbst-Schubladisierung und einer Fragmentierung der Kunstszene führen.

Es gibt zwei Fragen, die wir uns vor diesem Hintergrund stellen müssen. Die erste ist: Welche Kunst wollen wir eigentlich machen? Uns ist extrem wichtig, über unsere Identitäten und Marginalisierung zu sprechen – und manchmal ist es ja auch unausweichlich. Aber diese Aspekte haben wir implizit oder explizit sowieso immer dabei. Wir wollen nur manchmal nicht, dass sie den Diskurs sofort dominieren und die Sicht vernebeln. Ich denke, die Lösung liegt darin, wegzukommen von körperlichen, identitären Zuschreibungen und sich den strukturellen Themenkomplexen anzunehmen. Außerdem muss auch der Blick mitreflektiert werden. Wie gehen wir mit diesen Themen so um, dass sie ästhetisiert werden, und wie wirkt diese Ästhetisierung zurück auf diese Themen?

Es darf nicht sein, dass Körper, die auf deutschen Bühnen nicht normalisiert sind, auf der Bühne immer nur als Stellvertreter_innen ihrer Diskriminierungsform oder einer Gruppe gesehen werden und nicht als Künstler_innen. Und die zweite wichtige Frage, die wir uns hier stellen müssen, ist: Wie wollen wir arbeiten?

Apropos Arbeitsbedingungen: Gemeinsam mit der Rechtsanwältin Sonja Laaser haben Sie die sogenannte „Anti-Rassismus-Klausel“ ausgearbeitet, die Theaterangestellte rechtlich vor rassistischen Übergriffen schützen soll. Welche weiteren Maßnahmen sind für Sie denkbar?

Ich würde eine Art Quote für Leitungspositionen einführen. Das sollte nicht lediglich eine Frauenquote sein, sondern intersektional gedacht werden und verschiedene Diskriminierungsformen umfassen. Und mein nächster Wunsch wäre ein unschlagbares Nachwuchsförderungsprogramm, das so gut dotiert ist und so qualitativ hochwertig, dass zwei Dinge geschehen: erstens, dass sich mehr Personen eine Laufbahn am Theater oder in der Kunst leisten können. Denn Klasse ist hier noch immer ein Riesenthema. Und zweitens, dass die Theater an diesem Nachwuchs nicht mehr vorbeikommen, weil er so gut ist. Das ist, was ich „liebevollen Druck aufbauen“ nennen würde. Und zuletzt schlage ich vor, darüber nachzudenken, wie staatliche Unterstützung vergeben wird. Es gibt international schon Modelle, an denen man sich anlehnen könnte. Es reicht nicht, dass neue Gesichter, neue Köpfe und Körper in die Strukturen eingeführt werden. Die Strukturen müssen auch mitlernen und mithalten können – in der Doppelbedeutung dieses Wortes.

Julia Wissert ist Regisseurin. Mit dem Theater und der Gesellschaft, in dem es verwurzelt ist, setzt sie sich auf machtkritischer und intersektionaler Ebene auseinander. Seit der Spielzeit 2020/21 ist sie Intendantin des Schauspiels Dortmund.

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an.lesen: Fetter Feminismus https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-fetter-feminismus/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:13:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=24957 Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer „Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber […]]]>

Sofie Hagens „Happy Fat“ ist ein Manifest für eine dicke Revolution. Von Katharina Fischer

„Happy Fat“, ein Titel, der uns Leser_innen in unseren vorurteilsvollen Erwartungen trifft. Er spielt mit dem Klischee der ewig lustigen dicken Person: Eine Person, die als Projektionsfläche dient, damit sogenannte Schlanke sich neben ihr noch schlanker fühlen können. Die zuhören, aber nicht selbst erzählen darf – vor allem nicht, wenn es um Sex geht. Fernsehbildschirme bevölkern dicke Personen oft als kopfloser Körper – sie werden als der Innbegriff des Ungesunden und Undisziplinierten inszeniert.

Zu dicken Körpern scheinen alle eine Meinung zu haben, kritisiert Sofie Hagen. Scharfzüngig und oft bitterböse greift die Autorin in die Erlebniskiste dicker und fetter Personen und schreibt dabei vorrangig für dicke Menschen, insbesondere für dicke und queere Menschen. Nicht-dicke Personen verweist sie immer wieder auf ihren Platz, sie sind nur Gäste in diesem Buch. Ihren Humor hat sie jedoch trotz aller diskriminierenden Erfahrungen tatsächlich nicht verloren. Nicht umsonst ist Hagen auch über ihre Heimat Dänemark hinaus eine gefeierte Comedian. Sie behauptet sich in einer cis-männlich dominierten Szene, in der Witze gerne auf Kosten dicker und oder queerer Personen gehen. Dagegen wehrt sie sich, auf der Bühne und mit diesem Buch.

„Du bist doch eh selbst schuld“ – das ist der – ausgesprochene oder auch unausgesprochene –Vorwurf der die Diskriminierungserfahrungen dicker Person oft begleitet. Die Diskriminierung, die sie erleben, wird deshalb häufig als legitim erachtet bzw. gar nicht als solche wahrgenommen. Hagen schildert eine Reihe dieser verletzenden Erfahrungen, strukturelle und individuelle. Sie erklärt den nicht-dicken Leser_innen ihres Buches, was diese im Alltag wahrscheinlich oft gar nicht bemerken: Dass Reisen, vor allem mit dem Flugzeug, für dicke Menschen zur Qual werden kann. Denn die Sitze sind nur auf sogenannte Normkörper ausgerichtet, der Gurt ist oft zu kurz, die Bitte um Gurtverlängerung ein Moment der zusätzlichen Beschämung. Der öffentliche Raum und andere Räume können so allein durch ihre Beschaffenheit zu Orten des Ausschlusses werden. Ist die öffentliche Toilette breit genug? Ist der Stuhl stabil genug? Wie sind öffentliche und andere Verkehrsmittel gebaut? Essen im öffentlichen Raum? Gibt‘s nur gewürzt mit abwertenden Kommentaren.

Durch den Hindernisparcours des alltäglichen Lebens von dicken Personen manövriert Hagen ihre Leser_innen jedoch auch immer wieder mit Tipps, sich selbst und den eigenen Körper wertzuschätzen, sich etwas Gutes zu tun. Sich selbst einzugestehen, dass es nicht erzwungen werden kann, den eigenen Körper zu lieben, gehört für sie jedoch dazu. Die Tipps zur Selbstfürsorge entkoppelt sie ganz bewusst von jeglichem Optimierungsdrang. Happy Fat ist dabei fast schon ein Aufruf zur Dicken-Revolution, für ein Recht auf Raum und Platz, auf Respekt, Crop Tops und Sex.

Hagens Buch ist nicht nur bissig und humorvoll, sondern kommt auch mit einer ordentlichen Portion Selbstreflexion daher. Sie ist sich bewusst, dass ihre Erlebnisse als dicke Person keine Allgemeingültigkeit besitzen. Und so öffnet die Autorin nicht nur Raum für eigene Gedanken, sondern lädt Personen zu Interviews ein, die mit ihr über die Perspektiven von dicken trans Personen, POC und Menschen mit Be_hinderungen sprechen. Auf gar keinen Fall will Hagen von sich auf andere schließen oder für diese sprechen.

Das Lesen macht Lust auf eine dicke Revolution – und darauf, es doch noch mal mit einem Crop Top zu versuchen.

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an.lesen: Ganz normal und wunderschön https://ansch.4lima.de/an-lesen-ganz-normal-und-wunderschoen/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-ganz-normal-und-wunderschoen/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:21:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=22016 Die Message ist so berührend wie wichtig: Liebe deinen Körper, denn er ist schön, genau so wie er ist. Zwei aktuelle Kinderbücher vermitteln altersgerecht Body Positivity.  Von Gabi Horak  „Liebes Mädchen, ich hoffe, dass dich dieses Buch trösten, anleiten und bestärken wird.“ Die Autorin Jessica Sanders wendet sich in „Liebe deinen Körper“ direkt an ihre junge Leserin. Das Buch ist im Vorjahr in Australien erschienen und der kleine, aber feine […]]]>

Die Message ist so berührend wie wichtig: Liebe deinen Körper, denn er ist schön, genau so wie er ist. Zwei aktuelle Kinderbücher vermitteln altersgerecht Body Positivity. 

Von Gabi Horak 

„Liebes Mädchen, ich hoffe, dass dich dieses Buch trösten, anleiten und bestärken wird.“ Die Autorin Jessica Sanders wendet sich in „Liebe deinen Körper“ direkt an ihre junge Leserin. Das Buch ist im Vorjahr in Australien erschienen und der kleine, aber feine Berliner Kinderbuchverlag „Zuckersüß“ hat es für das deutschsprachige Publikum adaptiert. Das Bilderbuch mit kurzen und später auch etwas längeren Texten ist für Mädchen ab acht Jahren gedacht, aber auch Jüngere können – mit Begleitung – bestimmt profitieren. Es geht darum, den Körper als einzigartig, stark und besonders darzustellen. Das Motto: Alle Körper sind gute Körper. Die Illustrationen von Carol Rossetti machen das auf eindrucksvolle Weise deutlich. Sie sind lebendig und bilden Körpertypen in aller Diversität ab – so wie es eigentlich Standard in jedem Kinderbuch sein sollte. Die Botschaft verdichtet sich zum Ende hin zu einem Plädoyer für und Tipps zur Selbstliebe: die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, den eigenen Stil finden, sich innen wie außen liebhaben. Wie in der Einleitung versprochen: Es gibt Trost, Anleitungen zu „Self-Care“ und eine große Portion Bestärkung. Besonders die kraftvollen Illustrationen sorgen dafür, dass jedes Mädchen sich selbst oder auch ihr Vorbild finden kann. 

Divers und glamourös. Der Körper steht auch in „Wie siehst du denn aus?“ im Mittelpunkt. Zielgruppe sind Mädchen und Buben ab zehn Jahren, also kurz vor Beginn der Pubertät, in der sich der Körper schnell und stark verändern kann. Dass jede Richtung, in die diese Veränderung geht, gut und „normal“ ist – weil es „normal“ eigentlich nicht gibt – das ist die Botschaft von Autorin Sonja Eismann. Das spiegelt sich auch in der Sprache. Die Autorin selbst erklärt in der Einleitung kindgerecht, wie und weshalb sie inklusive Sprache verwendet und dass das Gendersternchen notwendig ist, aber auch „glamourös aussieht“. Auch in diesem Buch bilden die Illustrationen von Amelie Persson eine Diversität ab, die in keinem Biologie-Lehrbuch zu finden ist. Jedes Kapitel widmet sich einem Körperteil (von Nase über Bauchnabel bis Vulva und Penis) und immer sind ihm Zeichnungen vorangestellt. So gibt es etwa eine Doppelseite mit Brust-Paaren, keines dieser Paare gleicht dem anderen und jedes ist „normal“. Es folgt eine Doppelseite mit mehreren Kurztexten, die jedoch nicht erklären im herkömmlichen Sinne. Die Texte geben vielmehr Beispiele, was dieses Körperteil besonders macht und wie es in unterschiedlichen Zeiten und Teilen der Welt anders gelesen, idealisiert und verändert wird. Immer wieder werden so auch sexistische und rassistische Mechanismen locker mitdiskutiert. Es finden sich verblüffende Fakten, die auch vielen Erwachsenen neu sein werden. Es darf gestaunt und gelacht werden. Am Ende bleibt ein positives Körpergefühl und hoffentlich weniger Scham – nicht nur bei den Kindern. 

Wie mir das Buch „Wie siehst du denn aus“ gefallen hat 
Ich finde es gut, dass zu jedem Körperteil eine spannende Geschichte erzählt wird. Es wird gezeigt, dass es in anderen Ländern oft ganz andere Schönheitsideale gibt als bei uns. Die Erklärungen sind gut, ich habe alles verstanden und es war auch spannend. Gut gemerkt habe ich mir zwei witzige Fakten: die vom Bauchnabelkäse und dass die Augenbrauen hoch gehen, wenn man höher spricht, und hinunter gehen, wenn man tiefer spricht. Die Bilder waren auch spannend und witzig. Es gibt so viele verschiedene Formen. Wichtig ist, glaube ich, zu erkennen, dass jede und jeder perfekt ist, so wie er oder sie eben ist.  Klara, 11 Jahre 

Sonja Eismann und Amelie Persson: Wie siehst du denn aus? Warum es normal nicht gibt. Ab 10 Jahren. Beltz & Gelberg 2020, 15,40 Euro 

Jessica Sanders und Carol Rossetti: Die Anleitung zur Selbstliebe: Liebe deinen Körper. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Kampfmann. Ab 8 Jahren. Zuckersüß Verlag 2020, 25,60 Euro  

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Zu groß ist die Angst https://ansch.4lima.de/zu-gross-ist-die-angst/ https://ansch.4lima.de/zu-gross-ist-die-angst/#respond Wed, 27 May 2020 08:37:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=21602 Gewalt gegen Frauen* hat System. Christina Clemm, eine auf geschlechtsspezifische Gewalt spezialisierte Rechtsanwältin, weiß das. Sie rollt in ihrem Buch ausgewählte Fälle chronologisch auf und macht dabei all die Herrschaftssysteme sichtbar, die der Nährboden für die Gewalt sind. Von Gabi Horak  Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, über Gewalt an Frauen zu berichten. Die einen schreiben einen Roman, andere eine empathische Reportage. Christina Clemm gibt ganz nüchtern Einsicht in Akten, […]]]>

Gewalt gegen Frauen* hat System. Christina Clemm, eine auf geschlechtsspezifische Gewalt spezialisierte Rechtsanwältin, weiß das. Sie rollt in ihrem Buch ausgewählte Fälle chronologisch auf und macht dabei all die Herrschaftssysteme sichtbar, die der Nährboden für die Gewalt sind. Von Gabi Horak 

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, über Gewalt an Frauen zu berichten. Die einen schreiben einen Roman, andere eine empathische Reportage. Christina Clemm gibt ganz nüchtern Einsicht in Akten, die realen Gerichtsfällen nachempfunden sind. Das klingt unspektakulär, ist aber das Kraftvollste zum Thema, das ich seit langer Zeit gelesen habe. 
Christina Clemm ist Anwältin für Strafrecht und Familienrecht in Berlin, verteidigt Opfer sexualisierter und rassistisch motivierter Gewalt. Sie möchte mit ihrem Buch „den Blick auf die betroffenen Frauen lenken, ihre Schicksale und ihren Kampf. Es soll Anstoß geben, endlich gesamtgesellschaftlich das Massenphänomen der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen“. Der Blick auf die Frauen, besonders ihren Kampf gegen ein System von Retraumatisierung und Diskriminierung, ist eindringlich. Chronologisch schreibt Clemm einzelne Ereignisse nieder. Dazwischen immer wieder eingefügte Passagen, die mit „Fakten lügen nicht“ betitelt werden könnten: Erläuterungen zur Rechtssprechung in Deutschland, ein Aufräumen mit Mythen, das Anführen von Statistiken und Zahlen, die deutlich machen, dass geschlechtsspezifische Gewalt nicht auf Einzelfälle reduziert werden kann. Vielmehr sind die Geschichten der Frauen allzu deutliche Illustrationen einer gewaltvollen Gesellschaftsstruktur, die Gewalt ist systemimmanent.  

Macht und Gewalt vor Gericht. Die Akten sind vielfältig, die Frauen wie auch ihre Geschichten. Das reicht von sexuellem Sadismus in der Ehe über rassistische Polizeigewalt bis zur Einschüchterung von Abtreibungsgegner*innen. Auch das macht die „AktenEinsicht“ zu einem so wichtigen Buch, denn es zeigt: Gewalt an Frauen ist kein Randthema, sondern es zieht sich quer durch alle Gesellschaftsgruppen. Auch das Cover, auf dem unzählige, diverse Frauenköpfe skizziert sind, macht das symbolisch sichtbar. Die Fälle haben eines gemeinsam: In hierarchisch organisierten Gesellschaften gehen Macht und Gewaltanwendung Hand in Hand.  
Und diese Macht-Gewalt-Spirale endet keineswegs im familiären Bereich, sondern zieht sich bis vor das „unabhängige“ Gericht. Hier bieten die Akten besonders viel „Einsicht“ in Realitäten, die sonst oft verborgen bleiben. Das Ausmaß an Voreingenommenheit, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit und blankem Frauenhass, das sich hier exemplarisch zeigt, ist eigentlich unerträglich. Das hat Auswirkungen, denn die wenigsten wagen es, Anzeige zu erstatten und vor Gericht zu ziehen. „Zu groß ist die Angst, während des Verfahrens unter die Räder zu kommen und am Ende die Hilflosigkeit zu erfahren, die schon während der Tat(en) so schmerzhaft war.“ Es geht also nicht nur darum, die Täter*innen für ihre Taten zu bestrafen. Es geht besonders auch darum, das System geschlechtsspezifischer Gewalt zu beenden.  
Deshalb sei explizit auch die – über dieses Buch hinausgehende – Arbeit von Christina Clemm erwähnt. Ihr Engagement kann etwa auf Twitter (@barbaraclemm) verfolgt werden. 
Diese AktenEinsichten bieten einen Blick auf die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Großartige Bücher wie dieses können helfen, das Eis endlich zu brechen.  

Christina Clemm: AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. Verlag Antje Kunstmann 2020, 20,60 Euro 

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an.lesen: Riot Grrrls und Techno-Queens https://ansch.4lima.de/an-lesen-riot-grrrls-und-techno-queens/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-riot-grrrls-und-techno-queens/#respond Fri, 31 Jan 2020 15:29:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=18441 © Ventil VerlagEin Nachschlagewerk weiblicher Musikgeschichte? Gab’s bisher tatsächlich nicht. „These Girls“ liefert ein Anekdotenfeuerwerk aus den Hinterzimmer-Proberäumen und von den ganz großen Bühnen. Von SONJA EISMANN   Die besten Ideen lassen sich immer daran erkennen, dass sie folgende Fragenkette auslösen: „Gibt es das nicht schon längst? Und ist das Konzept nicht ein bisschen simpel? Was, das […]]]> © Ventil Verlag

Ein Nachschlagewerk weiblicher Musikgeschichte? Gab’s bisher tatsächlich nicht. „These Girls“ liefert ein Anekdotenfeuerwerk aus den Hinterzimmer-Proberäumen und von den ganz großen Bühnen. Von SONJA EISMANN

 

Die besten Ideen lassen sich immer daran erkennen, dass sie folgende Fragenkette auslösen: „Gibt es das nicht schon längst? Und ist das Konzept nicht ein bisschen simpel? Was, das existiert noch gar nicht? Echt jetzt? Wieso hat das nie jemand gemacht?!“ Und dann, die so verblüffte wie erleichterte Erkenntnis: „Endlich!“ Genau so verhält es sich auch mit dem Buch – oder Sammelband, Lexikon, Lehrwerk in weiblicher Musikgeschichte – „These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“, zusammengestellt und herausgegeben von der Ostberliner Journalistin Juliane Streich. 139 Musikerinnen von den 1940ern bis heute, von Edith Piaf bis Camp Cope, werden hier porträtiert von fast ebenso vielen und ebenso unterschiedlichen Autor* innen zwischen Journalismus und Uni, zwischen Teen-Age und Rentenalter, zwischen fanzineartigen Idiosynkrasien und akribischer Songanalyse. Zu jedem Künstlerinneneintrag gibt es ein Schwarz-Weiß-Bild – Plattencover, Porträt oder Live-Foto –, die Jahrzehnte werden durch schöne Illustrationen von Judit Vetter getrennt.
Den Instant-Einwänden wie „Aber, aber, aber … was ist denn mit dieser und jener, und wieso ist die allergrößte Musikerin nicht dabei?“ begegnet die Herausgeberin gleich zu Anfang ganz entspannt in ihrem Vorwort: „Letztens in der Kneipe. Wir trinken Bier, rauchen und reden darüber, was wir so machen. Ich erzähle von diesem Buch. Und direkt kommt die Frage: Ist Künstlerin X dabei? Nein. Und Künstlerin Y? Nein. Und Künstlerin Z? Nein. Der Freund zeigt sich enttäuscht. Janet Jackson, echt nicht?“
Das Buch, gibt Streich unumwunden zu, sei unvollständig – und das wäre es auch immer noch, wenn es doppelt oder gar dreimal so viele Seiten hätte als die ohnehin beeindruckenden 344. Die schlechte Nachricht ist in diesem Fall nämlich die gute: dass es schon immer und mittlerweile sowieso viel zu viele interessante Musikerinnen gibt, um sie in nur einem Buch abzuwickeln. Die Herausgeberin versteht ihr Buch daher als einen Anfang, aber auch als eine Art Signal. So wie viele der Autorinnen von den von ihnen porträtierten Frauen zum Musikmachen oder zum Fansein angeregt wurden, soll „These Girls“ selbst Vorbildcharakter entwickeln und Role Models sichtbar machen. In den Texten tun sich so immer wieder liebenswerte, gar rührende Bezüge auf, wenn z. B. die Bassistin Julie Miess ihre eigene Kleinstadtjugend selbstironisch mit dem Lebenslauf der gleichaltrigen Cristina Martinez parallelisiert, die in ihr den Wunsch entflammte, auch derart cool Musik zu machen. Oder wenn feministische Mutter und Tochter, Katja und Martha Röckel aus Leipzig, beide im selben Band schreiben, die eine über Kevin Blechdom, die andere über Sookee.
Die konzeptuelle Offenheit des Werkes, die zunächst irritierend wirken mag – in puncto Genre, Herkunft, Erfolg bzw. Underground versus Mainstreamigkeit gibt es keine spürbaren Einschränkungen –, stellt sich bald als sein großes Plus heraus. Denn auch Schreibweisen und Länge der Texte sind weit von einer Einheitlichkeit entfernt, was maßgeblich zum Lesevergnügen beiträgt. Während der Text über die Berliner Band Flying Lesbians die Kriterien eines informativen Lexikonbeitrags erfüllt und versierte Autorinnen wie Christina Mohr Wissenswertes über Idole wie Blondie oder The Go-Gos in schmissigen Popjournalismus verpacken, schmettern Originale wie Françoise Cactus (die natürlich auch porträtiert wurde) oder Elke Wittich originelle Bonmots über Ikonen wie Nico oder Marianne Faithfull hinaus, die auch als literarische Texte funktionieren würden. Und natürlich gibt es auch für die, die meinen, jetzt schon alles zu wissen, noch unglaublich viel Neues zu erfahren, sei es über unentdeckte biografische oder musikalische Details oder über ganz neue Personen. Einziger Wermutstropfen, um – wider besseren Wissens – doch noch in das „Aber, aber“-Horn zu tröten: Ein bisschen mehr Globalität, also auch Einträge zu Musiker*innen aus nicht-westlichen oder nicht-englischsprachigen Ländern, wäre spitze gewesen. Aber klar: Die kommen dann in der Fortsetzung. Hoffentlich bald!

 

Sonja Eismann ist Mitherausgeberin des „Missy Magazine“ und lebt als freie Autorin in Berlin.

 

Juliane Streich (Hg.): These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte
Ventil Verlag 2019, 344 Seiten, 20 Euro

 

 

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an.lesen: „Gegen den Hass“ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gegen-den-hass/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gegen-den-hass/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:20:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=15106 © Matthias SilveriIn ihrem neuen Buch „Cyberneider“ widmet sich NATASCHA KAMPUSCH dem Hass im Netz. BARBARA FOHRINGER und KATHARINA PAYK haben sie zum Gespräch getroffen.   an.schläge: Wie kamst du auf den Titel „Cyberneider“? Natascha Kampusch: Der Begriff Cybermobbing ist bekannt. Ich verwende Cyberneider, weil ich oft Neid von anderen erfahre, etwa weil ich die Kontrolle im […]]]> © Matthias Silveri

In ihrem neuen Buch „Cyberneider“ widmet sich NATASCHA KAMPUSCH dem Hass im Netz. BARBARA FOHRINGER und KATHARINA PAYK haben sie zum Gespräch getroffen.

 

an.schläge: Wie kamst du auf den Titel „Cyberneider“?

Natascha Kampusch: Der Begriff Cybermobbing ist bekannt. Ich verwende Cyberneider, weil ich oft Neid von anderen erfahre, etwa weil ich die Kontrolle im Umgang mit Medien behalten habe.

„Der Standard“ hat dich als eines der ersten Opfer von Hass im Netz bezeichnet.

Ja, das waren vor allem Kommentare unter den Online-Artikeln und in Foren. Es gab eigene Foren, die sich Verschwörungstheorien widmeten, auch Politiker_innen haben gegen mich gehetzt. Viel Hass gegen mich kommt von rechts, etwa von den Identitären. Ich habe von Anfang an deren Bild einer Frau entsprochen, aber gleichzeitig – etwa von meinem Charakter oder Verhalten her – dem auch widersprochen. Das kriegen sie dann nicht auf die Reihe, sie werden gemein.

Was sind deine Strategien im Umgang mit Hass im Netz?

Nicht zu viel davon lesen, nicht zu viel davon ernst nehmen. Je mehr ich mein eigenes Leben unabhängig von der Gefangenschaft leben konnte, desto weniger Angriffsfläche hatten die Hetzer_innen.

Inhalte und Sprache in „Cyberneider“ sind gut zugänglich. Hast du das Buch für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben?

Es sollte neben jungen Leser_innen, die vielleicht von Cybermobbing betroffen sind, vor allem die Generation der Eltern und Großeltern ansprechen. Mein Anliegen ist es, dass Großeltern, die oft die jüngeren Generationen miterziehen, über neue interaktive Medien Bescheid wissen.

Welche Rolle spielt Sexismus in Bezug auf Cybermobbing?

Ich erlebe zwei Ausdrucksformen von Sexismus: eklige machistische Übergriffigkeiten, schwere Beleidigungen, und andererseits die Diskriminierung als Frau in der Gesellschaft allgemein. Wie Greta Thunberg heute wurde auch mir damals vorgeworfen, so kühl zu reagieren. Bei mir war es aufgrund der Isolation, bei ihr ist es aufgrund des Asperger-Syndroms. Ich war damals 19. Bei einem jungen Mann hätte niemand so reagiert. Es hätte niemand gesagt, er werde von anderen beeinflusst. Wenn Frauen distanziert oder selbstbewusst sind, muss da gleich etwas dahinterstecken. Das Kommentieren des Aussehens von Frauen ist ebenso übergriffig: Über Greta wird oft gesagt, sie solle sich hübscher anziehen, lächeln, lieb sein. Das ist täglicher Sexismus.

Dir ist eine intersektionale Perspektive wichtig. Du zeigst auf, dass Hass im Netz gerade LGBTI, von Rassismus betroffenen Menschen und Frauen entgegenschlägt.

Ja, manche Menschen verlagern ihre Niedertracht ins Internet. So auf die Art: Im echten Leben dürfen wir jetzt nichts mehr sagen, aber im Internet können wir uns anonym auslassen.

Zum Thema Pornografie hast du dich sehr explizit dagegen positionierst. Du sagst, dies sei nicht mit deiner feministischen Grundhaltung vereinbar. Sprichst du damit nicht Frauen aus der Porno-Branche die Selbstbestimmung ab?

Ich bin gegen das, was es aktuell gibt: nämlich dass Männer verzerrte Bilder an junge Leute weitergeben. Ich glaube nicht, dass es normal ist, dass Frauen immer sofort wollen und sexy angezogen sind oder sein müssen. So radikal wie Alice Schwarzer bin ich auf keinen Fall.

Du kritisierst in deinem Buch auch die Inszenierungen weiblicher Influencer.

Ja, aber nicht im Sinne von Neid. Es tut mir ein bisschen weh, wenn es der einzige Lebenszweck sein soll, Make-up auszuprobieren, herumzureisen und in einer weiß gestrichenen Wohnung vorm Schminkspiegel zu sitzen. Aber es ist nicht nur schlecht. Denn in vielen Fällen ist so ein Video auch mutig, wenn man bedenkt, dass es Länder gibt, in denen Frauen dafür angegriffen werden.

 

In „Cyberneider“ empfiehlt Natascha Kampusch die an.schläge als feministische Lektüre.

 

Natascha Kampusch: Cyberneider. Diskriminierung im Internet
Dachbuch 2019, 18,73 Euro

 

 

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an.lesen: 68 von rechts https://ansch.4lima.de/an-lesen-68-von-rechts/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-68-von-rechts/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:00:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=13639 Cornelia Koppetsch © Jan-Christoph HartungDie Soziologin CORNELIA KOPPETSCH hat ein viel beachtetes Buch über den Aufstieg des Rechtspopulismus geschrieben. Eine umfassende wie schmerzhafte Analyse, die linksliberalen Verstrickungen auf den Grund geht. Von BRIGITTE THEIßL   Wie konnten reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens, der Aufklärung und des Fortschritts glaubte? Die […]]]> Cornelia Koppetsch © Jan-Christoph Hartung

Die Soziologin CORNELIA KOPPETSCH hat ein viel beachtetes Buch über den Aufstieg des Rechtspopulismus geschrieben. Eine umfassende wie schmerzhafte Analyse, die linksliberalen Verstrickungen auf den Grund geht. Von BRIGITTE THEIßL

 

Wie konnten reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens, der Aufklärung und des Fortschritts glaubte? Die Frage, die Cornelia Koppetsch ihrem Buch voranstellt, trieb in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Autor*innen um, die geradezu ein Genre des Rechtsrucks-Erklärens kreierten. Kaum verwunderlich: Der Durchmarsch rechtspopulistischer HetzerInnen, die Erosion des Vertrauens in wissenschaftliche Expertise und journalistische Autoritäten sowie die Etablierung einer rechten Gegenkultur fungierte als Schlag in die Magengrube linker und liberaler Kräfte, die progressive Entwicklung lange Zeit als lineare Fortschrittserzählung imaginierten.

Protest von oben. Rechtspopulismus begreift Koppetsch nicht als „kurzfristige Gefühlsaufwallung“, sondern als einen Mentalitäts- und Strukturwandel, der gesamtgesellschaftlich zu sehen ist und Staaten wie Deutschland langfristig verändern wird. Nicht auf singuläre Ereignisse wie die Grenzöffnung Angela Merkels im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 sei er zurückzuführen, vielmehr habe sich die „Konterrevolution“ gegen die Folgen der weitreichenden Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse über Jahrzehnte hinweg angebahnt. Als emotionaler Reflex auf einen Epochenbruch nach dem Mauerfall, der mit Deklassierungen in ganz unterschiedlichen Milieus einherging, positioniere sich die weiter aufstrebende Rechts-Bewegung gegen die Moderne insgesamt, gegen einen kosmopolitischen Gesellschaftsentwurf, der ausgehend von 1968 eine kulturelle Hegemonie erlangen konnte. Das erkläre auch, warum sich unter AfD-WählerInnen und Pegida-DemonstrantInnen nicht mehrheitlich ökonomisch Abgehängte, sondern auch Konservative aus den Mittel- und Oberschichten finden. Es seien alle jene aus (relativ) privilegierten Gruppen, die eine Entwertung ihrer Vorrechte erleben oder befürchten: der Facharbeiter, dessen Arbeitsplatz in den globalen Süden gewandert ist, die mittelständische Unternehmerin in der Peripherie und der weiße bürgerliche Intellektuelle, der sein Selbstverständnis erstmals infrage gestellt sieht. Im Gegensatz zur linken Revolte gegen Ausbeutungsverhältnisse und Benachteiligung sei der rechte Protest also einer von oben, der im Rechtspopulismus eine sinnstiftende Erzählung gefunden habe.

Bobo-Politik. Koppetsch‘ Interesse gilt vorrangig dem (links-)liberalen Milieu, den KosmopolitInnen, die ihre Privilegien verschleiern und zutiefst verstrickt seien in die Dynamik des autoritären Wandels. Im Grunde keine neue Analyse: Das Bild der liberalen Akademikerin, die sich als weltoffen und egalitär begreift und zugleich ihre Kinder im sozial geschlossenen Stadtviertel auf die exklusive Privatschule schickt, ist beinahe schon zum Klischee geronnen. Doch auch wenn Koppetsch den Begriff der kosmopolitischen – flexiblen, mobilen, leistungsbereiten – Elite sehr unscharf fasst und deren Vormachtstellung in den gesellschaftlichen Institutionen überschätzt oder bewusst zuspitzt, so liefert die Soziologin mit ihrer hartnäckigen wie nüchternen Analyse der neoliberalen Komplizenschaft sowie der Verleugnung des eigenen Anteils an kolonial-rassistischen Strukturen einen wichtigen Denkanstoß. Was einerseits als Zerrbild rechter Kampfrhetorik fungiert, ist andererseits nicht einfach von der Hand zu weisen: Dass Frauen im Westen emanzipatorische Errungenschaften zu einem ökonomischen Aufstieg nutzten, der mit der Auslagerung von Dienstleistungen an einen Niedriglohnsektor bzw. in Länder des globalen Südens einherging, wird von Feministinnen zwar theoretisch reflektiert, blieb innerfeministisch bisher jedoch weitgehend ohne politische Folgen.
Konsequent verweigert sich Koppetsch moralischen Kategorien, einer Einteilung in Gut und Böse, die politische Auseinandersetzung verunmögliche. Politische Wahrheiten seien stets an soziale Standpunkte gebunden, betont Koppetsch nachdrücklich, Linksliberale könnten dem Rechtspopulismus dementsprechend nicht mit „Aufklärung“ begegnen. Gegen das „hochwirksame Gift“, das Rechtsparteien in die Gesellschaft geschleust hätten, wirke vielmehr nur eines: eine Re-Politisierung, die der Neoliberalismus allzu lange verhindert habe.

 

Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter
transcript 2019, 19,99 Euro

 

 

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an.lesen: Apokalypse Now! https://ansch.4lima.de/an-lesen-apokalypse-now/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-apokalypse-now/#respond Fri, 12 Apr 2019 13:26:14 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10479 Portraitfoto Sibylle BergSIBYLLE BERG über Erwachsenwerden in der Endzeit. Von STEFANIE BREMERICH]]> Portraitfoto Sibylle Berg

SIBYLLE BERGS neuer Roman „GRM. Brainfuck“ erzählt vom Erwachsenwerden in der Endzeit: böse, hellsichtig und messerscharf. Von STEFANIE BREMERICH

„GRM. Brainfuck“ beginnt da, wo die Welt zu Ende ist: in Rochdale, Großbritannien, einer „Stadt im Todeskampf“, die man „ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste“. Hier leben die Armen, Abgehängten und Überflüssigen der Gesellschaft. Und hier wachsen Don, Hannah, Karen und Peter auf, „Außenseiter in einer Welt des normalen Elends“ und Hauptfiguren von Sibylle Bergs neuem Roman.
Wir befinden uns in einem England der nicht allzu fernen Zukunft. Nach dem Brexit ist das Land mittlerweile in eine „geregelte Eskalationsphase“ eingetreten, die mit dem erfolgreichen Abbau des Sozialstaates, dem direkten Weg in die Zweiklassengesellschaft, der totalen Überwachung und biopolitischen Kontrolle sowie der Unterdrückung aller, die keine Kaufkraft haben und nicht zur männlichen weißen Elite gehören, einhergeht.
Coming of Age in der Endzeit. Keine guten Zeiten, um erwachsen zu werden. Erzogen werden Don, Hannah, Karen und Peter nicht von ihren Eltern, sondern von ihren digitalen Endgeräten, denen sie die wenigen schönen Augenblicke ihres Alltags verdanken. Einsamkeit, Demütigung, Verwahrlosung, Missbrauch, Drogen, Vergewaltigung, Prostitution – tatsächlich bleibt ihnen so gut wie nichts erspart.
Was nach Sozialklamotte klingt, geht in Wahrheit weit darüber hinaus. Sibylle Berg schildert das Coming of Age in der Endzeit so, wie es vermutlich sein wird: bizarr. Die vier Kinder erstellen eine „Todesliste“ und beschließen, sich zu rächen. Dabei bekommen sie es mit allerlei neuen technologischen Daumenschrauben und Optimierungs-Tools zu tun, treffen auf Hacker im Untergrund, autokratische Eliten mit den abartigsten sexuellen Vorlieben, militante Abtreibungsgegner, irre Oligarchen und Programmierer, denen die künstliche Intelligenz allmählich über den Kopf wächst. Das alles ist rasant erzählt, blitzgescheit und mitunter auch schockierend. Aber bewegt es auch?
Na ja. Wenn man „GRM“ nur als Roman liest und wenn man von diesem Roman komplexe Persönlichkeiten und psychologische Tiefenschärfe erwartet, wird man womöglich enttäuscht sein. Einfühlsame Charakterstudien wird man hier nämlich nicht finden. Darum geht es aber auch gar nicht. Sibylle Bergs Figuren sind grob geschnitzte Stellvertreter_innen einer Welt, die ihren Mitgliedern nichts mehr zu bieten hat, schon gar nicht die freie Entfaltung des Individuums. Ihr Buch zielt nicht auf die subtile Vermessung des Subjekts, sondern auf die Zergliederung des großen Ganzen, dessen kaputte Strukturen der Text Stück für Stück freilegt – messerscharf, schwarzhumorig, fies und absolut unversöhnlich.

Grime. An dem abgebrühten Sound, der die Grenze zum Plakativen und zum Zynismus mehr als einmal überschreitet, kann man sich gewiss stoßen. Er ist aber konsequent. Denn ebenso disharmonisch, dreckig und übersteuert wie die erzählte Welt ist auch der Text. Es passt gut, dass Sibylle Berg aktuelle Buchvorstellungen nicht als Lesungen, sondern als Performances mit „Grime“ abhält, einer Musik, die für die Jugendlichen im Buch eine Schlüsselfunktion innehat. „Grime“ heißt Schmutz und ist düster-elektronischer Highspeed-Rap. Und ein bisschen Grime ist auch Sibylle Bergs Prosa. Das Arrangement ist experimentell, die Sätze krachen roh und abgehackt aufeinander, die Perspektiven wechseln sprunghaft und übergangslos, dazwischen immer wieder Momente von schlichter brutaler Poesie. Vermittelt wird das Ganze von einer Erzählstimme, die gar nicht so einfach zu verorten ist: unbarmherzig, aber nicht teilnahmslos, abgeklärt, aber nicht klinisch, ultracool, aber nicht scheißegal. Das ist das eigentlich Markante an diesem Text, aus dem echte Wut spricht und der auf über sechshundert Seiten eine gewaltige Empörungsenergie freisetzt.
„GRM. Brainfuck“ ist nicht bloß eine Dystopie oder ein Gesellschaftsroman. Es ist eine literarische Notoperation am offenen Herzen unserer Gegenwart.

Stephanie Bremerich ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig. Dort arbeitet sie im Fachbereich für neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie.

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck
Kiepenheuer & Witsch 2019, 25 Euro

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an.lesen: „Meine Ansichten sind sicher feministisch“ https://ansch.4lima.de/an-lesen-meine-ansichten-sind-sicher-feministisch/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-meine-ansichten-sind-sicher-feministisch/#respond Mon, 03 Sep 2018 08:03:15 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9957 Portrait Christine Nöstlinger - © Aleksandra PawloffEin Nachruf auf CHRISTINE NÖSTLINGER. Von VERENA FABRIS]]> Portrait Christine Nöstlinger - © Aleksandra Pawloff

Mit Figuren wie Gretchen Sackmeier und der feuerroten Friederike zog feministischer Kampfgeist in die Kinderbücher ein. Ein Nachruf auf CHRISTINE NÖSTLINGER von VERENA FABRIS

 

„,Eine Wut, eine brandrote Wut krieg ich‘, rief die Mama, ‚wenn ich mir vorstelle, wie da etliche blöde Knaben wie die Kikeriki-Hähne zusammenstehen und über dich und deinen Busen herziehen!‘“ (Zitat aus „Gretchen Sackmeier“)
Gretchen, Rosa, Friederike oder Franz haben mich und viele meiner Freundinnen ermutigt, uns klug und stark zu fühlen. Sie trugen dazu bei, dass wir uns als etwas Besonderes empfinden durften, egal, ob wir rothaarig waren, ein dickes Mädchen oder ein Junge mit piepsiger Stimme, der für ein Mädchen gehalten wird. Sie bestärkten uns darin, uns gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Ohne pädagogischen Zeigefinger, ohne moralischen Impetus. Christine Nöstlingers Figuren gaben uns das Gefühl, verstanden zu werden. Denn immer stellte sich die Autorin auf die Seite der Kinder und Ausgegrenzten.
Um Moral hat sich Nöstlinger nie geschert, weder im Privaten noch in ihren Büchern. Mit nüchterner Gelassenheit, sarkastischem Humor und einem schmucklosen Sinn für Gerechtigkeit hat sie Zeit ihres Lebens frei heraus Missstände benannt. Sie hat kein Blatt vor den Mund genommen und ließ sich nicht dreinreden, weder in ihre politischen Überzeugungen noch in ihren eigenwilligen Schreibstil, der vom Wienerischen geprägt war.
Nöstlinger sprach sich dagegen aus, Wörter, die heute dem Political-Correctness-Diskurs widersprechen, nachträglich aus Kinderbüchern zu entfernen. Eine Fußnote, die erkläre, warum dieses Wort benutzt wurde, würde Kinder viel mehr zum Nachdenken anregen. „Mit Kindern kann man nämlich sehr vernünftig reden“, argumentierte sie 2015 in „Die Zeit“.
Ein Binnen-I schreiben wollte sie auch nicht, weil sie mit „Reglementiererei“ nichts im Sinn hatte und weil sie nichts schreiben wollte, „was man nicht reden kann“, wie sie 2016 „News“ erzählte.
Als Feministin hat Nöstlinger sich dennoch verstanden. „Meine Ansichten sind sicher feministisch“, sagte sie 2015 in der Zeitschrift „Wienerin“. Trotzdem zögerte sie immer wieder, sich als eine solche zu bezeichnen. Denn sie sei nie in einer feministischen Bewegung aktiv gewesen und habe sich schwer getan mit der „lila Latzhosenfraktion“, weil diese „Männerhasserinnen waren“, während sie Männer immer geliebt habe. Ein Papakind sei sie gewesen, kein Mamakind, und konnte deshalb „nie einen Grant haben“ auf die Männer.
Halbe-halbe gelebt hat sie auch nicht, nicht einmal 90-10, auch wenn sie die Idee gut fand. Bei ihrem Schwiegersohn kam es ihr dann aber schon ein bisschen komisch vor, wenn der in der Küche rumwuselte: „Irgendwie hat mich das nicht enflammiert.“
Und trotzdem ärgerte sie sich im „Standard“-Interview 2016 über so viele „junge Schnepfen […], die sich hinsetzen und sagen: ,Wir brauchen keinen Feminismus mehr, denn wir haben schon die ganze Gleichberechtigung erreicht.‘“ Dennoch ist Nöstlinger für mich eine Künstlerin, die den Feminismus so lebte, wie ich ihn verstanden haben will: undogmatisch und inklusiv, widerspenstig und humorvoll, mit einem Blick auf Minderheiten und dem Anspruch auf Egalität, Rollenbilder ins Wanken bringend, die eigene Herkunft reflektierend. Einen Feminismus, den manche heutzutage als intersektional oder auch als queer bezeichnen würden, weil er Diskriminierungen nicht hierarchisiert und immer auch Machtverhältnisse – ökonomische und soziale – im Blick hat und infrage stellt.
„Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘“ (Rede vor dem österreichischen Parlament 2015 bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen).
Christine Nöstlinger ist tot. Sie fehlt.

 

Bücher von Christine Nöstlinger, die ich mit meinem 13-jährigen Sohn gerne wieder lesen würde:
Das Austauschkind, Gulliver 2018, 7,20 Euro
Maikäfer flieg, Gulliver 2018, 8,20 Euro

 

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an.lesen: Volle Fahrt bergab https://ansch.4lima.de/an-lesen-volle-fahrt-bergab/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-volle-fahrt-bergab/#respond Fri, 24 Nov 2017 16:30:29 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9160 Virginie Despentes - © JF PagaVirginie Despentes’ neuer Roman „Das Leben des Vernon Subutex“. Von CAROLIN HAENTJES]]> Virginie Despentes - © JF Paga

Die französische Punkrock-Poetin Virginie Despentes hat einen großen Roman über den Niedergang der französischen Gesellschaft geschrieben. CAROLIN HAENTJES findet ihn großartig.

 

Es geht steil bergab. Mit jeder_m einzelnen, mit der Gesellschaft sowieso. Was Virginie Despentes in ihrem neuen Roman beschreibt, ist ein einziges Herabrauschen. In der Hauptrolle: Vernon Subutex, vormaliger Besitzer eines legendären Plattenladens. Kein Promi, aber eine Zweite-Reihe-Instanz der Pariser Subkultur. Vernon hat sich ganz gut gehalten, äußerlich, für einen Endvierziger. Ab und an glänzt er noch mal in seiner Rolle eines heruntergerockten Ladykillers, aber das hat er auch bitter nötig. Denn Vernon Subutex ist auf dem Weg zum SDF, wie es auf Französisch heißt. Auf gut Deutsch und um in Despentes’ Sprache zu bleiben: zum Penner.
Eine Wendung, die Vernon, wie die meisten Menschen, für sein Leben nicht in Betracht gezogen hatte. Auch wenn es sich langsam anbahnte: Der Plattenladen musste schließen, weil die Digitalisierung anfing, die analogen Medien zu fressen. Die Sozialhilfe wurde ihm mangels Job-Aussichten gestrichen. Er hielt sich allein mit den Spenden seines Popstar-Freundes Alex Bleach über Wasser. Nur, dass Alex einfach sterben, der Gerichtsvollzieher an seine Tür hämmern und er mir nichts, dir nichts mit einer einzigen Tasche in der Hand auf der Straße stehen könnte – damit hatte er trotz allem nicht gerechnet. Es trifft ihn plötzlich, ein Schlag ins Gesicht, oder besser: ein deftiger Arschtritt. Vernon schlägt sich durch, wärmt alte Freundschaften auf, schlüpft bei neuen Freundinnen ins Bett. Bis er am Ende seiner Im-Notfall-fragen-Liste angekommen ist, auf dem Trottoir sitzt und die Hand ausstreckt.

Chor der Verzweifelten. Wäre Vernons Schicksal einfach nur seine Geschichte, es wäre tragisch, aber viel einfacher. Für die anderen jedenfalls. Für den Chor der Verzweifelten, die Vernons Absturz begleiten. Sie besingen ihr eigenes Leben, streifen Vernon nur zufällig. Aber sie alle schnappen in ihren Liedern verzweifelt nach Luft, versuchen noch ein Stückchen Leben zu ergattern, während sie fortgerissen werden von einer spätkapitalistischen Konsumkultur, die nur einen Gott (die Jugend) und eine Kirche (den Körper) kennt. Ex-Pornostar, Journalistin, depressive Mutter, wütender Vater, verlassener Schläger, Internet-Rufmörderin und ein von Verfolgungswahn geplagter Manager: Sie alle kommen zu Wort, mit ihren eigenen Kämpfen, ihren neurosen-zerfressenen Alltagsgeschäften. Für jede_n schlägt Despentes einen eigenen Ton an, kehrt mit ihrer direkten, einfühlsamen Sprache ihr Inneres hervor. Und zeichnet, ausgehend von der Talfahrt des Vernon Subutex, das Sittengemälde einer neoliberal-ausgeweideten Gesellschaft.

Enfant terrible. Es ist Despentes’ siebter Roman und der erste Teil einer Trilogie, deren drei Bände in Frankreich alle Bestseller wurden. Noch im Jahr 2000 wurde die Verfilmung ihres Debüts „Baise-moi“ („Fick mich“) zensiert und durfte nur in Pornokinos gezeigt werden. Nun ist Despentes mit ihrer dreibändigen Absturz-Erzählung in den französischen Literaturhimmel aufgestiegen. Man hat sie, eine ehemalige Sex-Arbeiterin und Punkrock-Feministin, das enfant terrible der Underground-Literatur, in die Académie Goncourt gewählt. In die Jury also, die den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs verleiht. Die Vergleiche mit Balzac, die in den Kritiken gezogen wurden, naja, die werden weder ihr noch ihm gerecht. Aber sie drücken aus, wie präzise das Panorama ist, das die Autorin entwirft, das vielgesichtige Porträt einer Gesellschaft, in der jede_r für sich alleine stirbt. Außer Vernon, der verreckt einfach nicht.
Als er ganz unten ist, fiebertrunken, findet er sich wieder, hoch über der Stadt. Eine Perspektive, aus der er eine neue Klarsicht gewinnt – und die Despentes’ Selbstverständnis als Schriftstellerin Ausdruck verleiht: „Ich bin der Flüchtling, der den Stacheldraht von Melilla überwunden hat, (…) ich bin die Kuh im Schlachthof, ich bin die Krankenschwester, die von ihrer Ohnmacht angesichts der Schreie taub geworden ist, (…) ich bin der Baum mit den nackten, vom Regen misshandelten Ästen, das Kind, das in seinem Kinderwagen schreit, (…) ich bin eine schwarze Wolke, ein Springbrunnen, der verlassene Bräutigam, der die Fotos seines früheren Lebens vorbeiziehen sieht, ich bin ein Penner auf einer Bank hoch oben auf einem Hügel über Paris.“ Großartig.

 

Carolin Haentjes ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex
Kiepenheuer & Witsch 2017
22,70 Euro

 

 

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an.lesen: Freischreiben https://ansch.4lima.de/an-lesen-freischreiben/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-freischreiben/#respond Sat, 18 Mar 2017 01:07:12 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8466 © Nic AmatoDer Briefroman „I love Dick“ ist eine Emanzipationsschrift. Von CAROLIN HAENTJES]]> © Nic Amato

Der Briefroman „I love Dick“ ist eine Emanzipationsschrift der heterosexuellen Frau. Zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen ist das Kultbuch nun ins Deutsche übersetzt worden. Von CAROLIN HAENTJES

 

Es begann wie eine klassische Dreiecksgeschichte: Das Paar Chris und Sylvère essen mit Dick, einem Bekannten, zu Abend. Die Männer diskutieren postmoderne Theorien, Chris sitzt daneben und glaubt, dass Dick ihr flirtende Blicke zuwirft. Der Zufall will, dass das Paar bei Dick übernachten muss. Aber dann passiert nichts weiter, außer in Chris’ Kopf: Sie stellt sich Sex mit Dick vor und glaubt, dass Dick die gleichen Fantasien hegt. Sie habe einen „Konzeptfick“ mit Dick erlebt und sich heftig verliebt, erklärt sie kurz darauf Sylvère. Der reagiert gelassen – in ihrer sexbefreiten Eheharmonie „halten sie ihre Intimität via Dekonstruktion aufrecht, d.h. sie erzählen einander alles“.

Stille Post. Sylvère, angetörnt von Chris’ Angetörnt-Sein, steht Chris bei, indem sie gemeinsam einen Brief an Dick formulieren, um ein neues Treffen vorzuschlagen. Aber anstatt ihn abzuschicken, schreibt Chris noch eine eigene Nachricht an Dick, und Sylvère auch, wieder Chris … Sie geraten in einen Schreibrausch, lesen einander vor, kommentieren sich, nähern sich durch das gemeinsame Schreiben als Paar wieder an. Sylvère findet das gut. Chris, der die Sache mit Dick ernst ist, nicht. Sie verlässt Sylvère. Und drückt Dick bei Gelegenheit den auf hunderte Seiten angewachsenen Briefstapel in die Hand.

 

© Nic Amato
© Nic Amato

 

Losschreiben. Chris schreibt immer weiter an Dick. Er dient ihr als Projektionsfläche für ihr wiederentdecktes Begehren, als idealer Adressat für ein Schreiben, mit dem sie sich aus ihrer Ehe und ihrer Schaffenskrise losreißt. Dass er kaum reagiert und sie bei den wenigen Treffen zu zweit herablassend behandelt, ernüchtert sie nicht. Stattdessen gewinnt die viel belesene, aber nicht akademisch gebildete Chris durch das fortgeführte Schreiben intellektuelles Selbstvertrauen. Die vormalige Videokünstlerin beginnt, ihr privates Drama, ihre verliebte Erniedrigung kulturkritisch zu reflektieren und dann öffentlich zu machen: 1997 publiziert sie die Briefe, ohne sich um die Verschleierung ihrer eigenen Identität, der ihres Mannes, des bekannten Intellektuellen Sylvère Lotringer, oder der von Dick – vermutlich der real existierende britische Kulturtheoretiker Dick Hebdige – zu scheren.
Eine Provokation, die Rechtsstreitigkeiten mit dem echten Dick zur Folge hatte, die aber auch den radikalen Anspruch ihrer Arbeit verdeutlicht: das Private politisch zu machen. So entwickelt sich „I love Dick“ von einem postmodernen Briefroman zu einem feministischen Essay. Seine Problemstellung beschreibt der doppeldeutige, auch obszön zu lesende Titel: die Emanzipation der heterosexuellen Frau.
Damit fühlte sich Kraus schon beim Schreiben in den 1990er-Jahren verspätet, waren zu dieser Zeit doch feministische Debatten zur Dekonstruktion biologischer Geschlechter übergegangen. Nur ist Theorie das eine und Praxis das andere. Deswegen ist Kraus’ Werk auch heute, zwanzig Jahre später nun endlich auf Deutsch erschienen, von höchster Aktualität. Nicht nur wegen ihrer immer noch treffenden Kritik am intellektuell-künstlerischen Milieu; nicht nur weil die begehrende Frau, die nicht jung und nicht schön ist, noch immer ein Skandalon ist. Sondern vor allem weil Kraus den Weg einer Künstlerin nachzeichnet, die den Bewertungsrahmen ihres Schaffens selbst festlegen will.

Privat und politisch. „Lieber Dick“, schreibt Kraus gegen Ende des Romans, „ich will eine Welt gestalten, die interessanter ist als meine Probleme. Deshalb muss ich meine Probleme gesellschaftlich darstellen.“ Das hat Kraus getan: indem sie klug, ironisch und intellektuell gewitzt das Genre des Briefromans in seiner weiblichen Tradition aufgebrochen und ihre persönliche Erfahrung mit Kunst, Literatur, Theorie und Künstlerinnenschicksalen verwoben hat. Manchmal greift sie auf ein antiquiertes feministisches „Wir“ zurück und lehnt sich damit weit aus dem Fenster. Aber es ist eben diese Waghalsigkeit, die Art, wie sich Kraus exponiert, die die Lektüre von „I love Dick“ so inspirierend macht. Wie Kraus selbst schreibt: „Besteht denn nicht die größte Freiheit der Welt gerade in der Möglichkeit, Unrecht zu haben?“

 

Chris Kraus: I love Dick
Matthes & Seitz 2017
22,70 Euro

 

 

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an.lesen: Eva hoch drei https://ansch.4lima.de/an-lesen-eva-hoch-drei/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-eva-hoch-drei/#respond Mon, 06 Feb 2017 09:05:04 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8403 Elif Shafak © Fethi KaradumanGlauben und Zweifeln in Oxford und Istanbul. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> Elif Shafak © Fethi Karaduman

ELIF SHAFAK widmet sich in ihrem Bestseller „Der Geruch des Paradieses“ intensiv dem Glauben und Zweifel, der spirituellen Suche und dem Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

„Das letzte Abendmahl des türkischen Großbürgertums“ im Istanbul von 2016 ist der Ausgangspunkt von Elif Shafaks Roman „Der Geruch des Paradieses“. Für Peri Nalbantoğlu war es ein langer Tag, sie wurde verletzt, als sie sich ihre gestohlene Handtasche zurückeroberte, und musste nicht nur sich selbst, sondern auch ihre aufgewühlte Tochter beruhigen. Aus der Tasche fiel ein Foto, das die Erinnerungen an Peris Studienzeit im Jahr 2001 in England wieder lebendig werden lässt und Peri genau wie die Leser_innen von der dekadenten Abendgesellschaft am Bosporus mit nach Oxford nimmt.

Drei Studentinnen. Auf dem Foto sind drei junge Frauen zu sehen, gemeinsam mit ihrem so charismatischen wie umstrittenen Professor Azur. Die zweifelnde Peri aus der Türkei, die iranische Atheistin Shirin und die ägyptisch-amerikanische, muslimische Mona interessieren sich für Feminismus und Glauben. Trotz aller Unterschiede ziehen sie in eine WG: Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte, nennen sie sich. „Verwirrung können Türken am besten“, sagte Shafak in einem Interview, und tatsächlich sitzt ihre Protagonistin Peri in Oxford immer zwischen den Stühlen, genau wie zu Hause in Istanbul. Der Vater ist ein dem Raki zugeneigter Kemalist, die Mutter eine religiöse Muslimin, beide sind ständig in Diskussionen verstrickt mit Peri als Vermittlerin. Das geht so weit, dass Peri einen Plastik-Weihnachtsbaum des Vaters mit Gebetsketten und Kopftüchern der Mutter über Nacht umdekoriert, um ihre Eltern zu besänftigen. Peris Familie steht für eine Türkei, in der vieles Widersprüchliche gleichzeitig möglich ist und doch alle immer weiter auseinandertreiben. „Es gab eine Zeit“, schreibt Shafak auf „Spiegel online“, „in der man die Türkei für ein leuchtendes Vorbild für die gesamte muslimische Welt gehalten habe, „eine einzigartige Synthese östlicher Kulturen und westlicher, liberaler Demokratie“.
Doch das wird sich ändern. Dass der eine Bruder verhaftet und eingesperrt wird, der andere die Jungfräulichkeit seiner frisch angetrauten Frau anzweifelt, sind prägende Schlüsselmomente für die jugendliche Peri, welche die politische Entwicklung vorwegnehmen.

 

Elif Shafak © Fethi Karaduman
Elif Shafak © Fethi Karaduman

 

Engagierte Autorin. Im englischen Original und auf Türkisch heißt der Roman „Die drei Töchter Evas“. Shafak, die heute vor allem in London lebt, hat das Buch auf Englisch geschrieben. Wer ihren blumigen Stil auf Türkisch und auch in den deutschen Übersetzungen kennt, wird vom trockenen Humor und dem flüssigen Stil in Michaela Grabingers Übersetzung überrascht sein. Die Bestsellerautorin Shafak, die über Maskulinitätsdiskurse in der Türkei promovierte, wurde als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologieprofessors in Straßburg geboren und lernte nach der Scheidung der Eltern in den frühen 1970ern mit Mutter und Oma unterschiedliche Lebensentwürfe von Frauen kennen. Auf „Spiegel online“ sagt sie über ihre kürzlich verstorbene Großmutter: „Ihre Persönlichkeit war eine interessante Mischung: zutiefst spirituell, aber entschieden laizistisch; östlich, aber in Harmonie mit dem westlichen Lebensstil; selbst nicht sehr gebildet, aber eine große Befürworterin von Bildung und Freiheit für ihre Tochter und ihre Enkelin. Für mich symbolisierte sie eine Türkei, die eine einzigartige Synthese verschiedener Kulturen und Traditionen enthielt. Und so wie meine Großmutter heute, so ist auch diese Türkei gestorben.“

Laute Zwischentöne. In Oxford soll nicht über Religion, sondern über Gott diskutiert werden. Azurs Seminar steht nur ausgewählten Studierenden offen, die der Professor so zusammenstellt, dass möglichst kontroverse Diskussionen stattfinden. Ganz Coming-of-Age- Roman, bleibt die erotische Faszination für den Dozenten nicht aus und zerstört die Freundschaft der drei Töchter Evas. Noch vereint, gehen deren Diskussionen weit über das Klischee von der muslimischen Frau, zerrissen zwischen Orient und Okzident, hinaus und sind nicht nur spirituell anregend, sondern immer unterhaltsam zu lesen. Shirin ist sicher: „Wir Muslime durchleben zurzeit eine Identitätskrise, vor allem die Frauen. Und erst recht Frauen wie wir!“ „Soll heißen?“, fragt Mona. „Soll heißen: Frauen, die mehr als einer Kultur ausgesetzt sind. Wir stellen die richtig großen Fragen. Heul doch, Jean-Paul Sartre! Nimm das! Eine existenzielle Krise wie unsere hast du noch nie gesehen!“

 

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Kein + Aber 2016, 25,70 Euro

 

 

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an.lesen: Gefangen im Schlachthaus https://ansch.4lima.de/an-lesen-gefangen-im-schlachthaus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gefangen-im-schlachthaus/#respond Wed, 23 Nov 2016 13:34:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8103 Wenn Vegetarismus ans eigene Fleisch geht. Von CAROLIN HAENTJES]]>

Vegetarismus als Abschied auch vom eigenen Fleisch: CAROLIN HAENTJES über den ausgezeichneten Roman „Die Vegetarierin“.

 

Eine Frau räumt nachts den Kühlschrank aus. Wegen eines Traums, sagt sie, im Nachthemd zwischen Gefrierbeuteln voller Schweinebauch und Tintenfisch hockend. Ihr Mann ist fassungslos. Was ist los mit dieser Frau? Sie war so wunderbar funktional, jetzt fängt sie an zu provozieren: ernährt sich vegetarisch, kocht auch ihm kein Fleisch mehr, sitzt beim Geschäftsessen ohne BH am Tisch. Unansehnlich wird sie außerdem, mager und übernächtigt. Er schaltet ihre Familie ein. Alle reden auf sie ein, versuchen sie mit Gewalt und Intrigen von ihrem individualistischen Spleen abzubringen – nur zu ihrem Besten natürlich.

Krank vom Fleisch. In Südkorea, wo die Autorin Han Kang lebt, ist bewusst fleischfreie Ernährung selten. Aber die Aggression, die „die Vegetarierin“ des gleichnamigen Romans wegen der Entscheidung über ihre Ernährung erfährt, ist auch deshalb verstörend, weil Yong-Hyes Vegetarismus offensichtlich pathologisch ist. Und die Reaktionen der Familie treiben sie nur tiefer in ihren Wahn. Was sie bewegt, begreift niemand.
Zu sehr sind die Personen, die das Geschehen schildern, in ihrer eigenen Weltsicht gefangen. Ihr gefühlskalter Ehemann berichtet über Yong-Hye, als wäre ein Küchengerät kaputtgegangen. Ihr Schwager stilisiert sie zu einer Muse, um seine künstlerische Schaffenskrise zu überwinden. Und die Schwester, die Yong-Hye in die Klinik hat einweisen lassen, wirft ihr Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit vor. In dieser Krankheitsgeschichte in drei Akten kommt die Protagonistin selbst kaum zu Wort. Lediglich in ein paar kurzen Sequenzen ist zu lesen, was für gewaltgetränkte Bilder sie verfolgen: Albträume, in denen sie durch dunkle Wälder hetzt, sich in ein Schlachthaus verirrt und in einer Blutlache ihr Spiegelbild sieht. Erinnerungen, wie ihr Vater den Hund, der sie gebissen hatte, zu Tode hetzte und sie selbst von seinem Fleisch aß, nachdem sie das Tier hatte sterben sehen. Und jetzt ist da dieser andauernde Magendruck. „Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher.“

 

Han Kang © Baek Dahum
Han Kang © Baek Dahum

 

Jägerin & Gejagte. Es scheint, als sei Yong-Hye zu Bewusstsein gekommen. Sie kann die Gewalt und die Schuld, die sie durch ihr „normales“ Leben auf sich geladen hat, nicht mehr verdrängen. An diesem animalischen Mensch-Sein, das seine „Zivilisiertheit“ durch Eroberung und Unterwerfung behauptet, möchte sie nicht mehr teilhaben. Sie muss ihr Leben auf eine andere Grundlage stellen. Sie versucht ein Baum zu werden.
Han Kangs Heldin hat eine Schwester im antiken Mythos: Die Nymphe Daphne, die auf der Flucht vor dem lüsternen Apoll in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde. Daphne hatte ihren Vater angefleht, ihr die reizende Gestalt zu nehmen. Auch Yong-Hye flieht – vor ihrem Mann, der sie nachts ganz selbstverständlich vergewaltigt. Aber bei ihrer Metamorphose bittet sie niemanden um Hilfe, die erotische Ausstrahlung hungert sie ihrem Körper ganz alleine weg. Mit einfachen, hypnotisch klaren Sätzen lotet Han Kang die weibliche Position in einer engen, patriarchalen Ordnung aus: Das Paradox, zugleich Jägerin und Gejagte zu sein.

Universelles Auflehnen. Irgendwann glaubt sich Yong-Hye kurz vor der Überwindung ihrer Menschlichkeit. Die Ärzte sagen, dass sie stirbt. Das letzte Wort hat Yong-Hyes große Schwester In-Hye – sowohl über Yong-Hyes Zwangsernährung als auch über die Deutung der Geschichte. Aber sie, die Yong-Hye die ganze Zeit begleitet hat, starrt auf Bäume, ihre Zweige und wie sich das Licht zwischen dem Grün der Blätter bricht. Die Sehnsucht nach einem Leben jenseits des gesellschaftlichen Zwangssystem, das kann sie nachfühlen – aber inwieweit kann man sich gegen das Leben auflehnen, ganz grundsätzlich? Es sind bodenlose Fragen, die „Die Vegetarierin“ aufwirft. Völlig zu Recht wurde Han Kang im Sommer mit dem wichtigsten britischen Preis für internationale Literatur bedacht. Ironischerweise heißt die Auszeichnung Man Booker Prize.

 

Carolin Haentjes arbeitet in Berlin als freie Journalistin.

 

Han Kang: Die Vegetarierin
Aufbau 2016, 19,50 Euro

 

 

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an.lesen: Rape kommt von Raub https://ansch.4lima.de/an-lesen-rape-kommt-von-raub/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-rape-kommt-von-raub/#respond Wed, 12 Oct 2016 17:52:12 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7931 Eine kühne Streitschrift zum Thema Vergewaltigung. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Vergewaltigung ist nicht per se männlich und sexuelle Gewalt muss nicht zwangsläufig folgenschwerer sein als andere Gewaltformen: MITHU M. SANYAL hat eine provokante Streitschrift verfasst. Von LEA SUSEMICHEL

 

Leider gibt es keine adäquate deutsche Übersetzung für den englischen Begriff mind-blowing, doch genau das ist Mithu M. Sanyals neues Buch mit dem Titel „Vergewaltigung“: Es rüttelt an den Grundfesten unserer Überzeugungen. Die kulturwissenschaftliche Studie, die unter Feministinnen für sehr kontroverse Debatten sorgen dürfte, breitet die These aus, dass Vergewaltigung „das gegendertste Verbrechen überhaupt“ ist. Denn eine unserer felsenfesten Überzeugungen sei es, dass der Täter zwangsläufig männlich und das Opfer weiblich ist, eine Aufteilung, die sich der uralten und bis heute weitgehend unangefochtenen Vorstellung des triebgesteuerten Mannes und der sexuell zurückhaltenden Frau verdankt.
Der Penis wird dabei mit einer „Waffe“ gleichgesetzt, was laut Sanyal eine „erhebliche linguistische Leistung ist angesichts der Tatsache, dass männliche Genitalien keinesfalls die ganze Zeit drohend aufgerichtet stehen, sondern fragil den Gezeiten der Erektion ausgeliefert – und überhaupt empfindlicher sind als weibliche Genitalien, wenn man beispielsweise an die Hoden denkt“.
Doch die Angst vor dieser Waffe ist für Mädchen und Frauen allgegenwärtig, die elterliche Warnung vor Vergewaltigung kommt beinahe einer Initiation gleich, nach der Mädchen mit dem Gefühl ständiger Bedrohung zurückbleiben. Daran ändern auch die Statistiken nichts, wonach Männer ein 150 Prozent höheres Risiko haben, Opfer von Gewaltverbrechen zu werden (nicht-weiße Männer ein noch höheres) und Frauen statistisch gesehen zudem im öffentlichen Raum weit sicherer sind als zu Hause.

 

Mithu M. Sanyal © regentaucher.com
Mithu M. Sanyal © regentaucher.com

 

Vergewaltigungsmythen. Auch Feministinnen griffen diese Vorstellung des „Triebtäters“ auf und verlangten, Männer müssen ihre Sexbesessenheit in den Griff bekommen. Die Anti-Rape-Bewegung wurde zu einem wichtigen Motor der Zweiten Frauenbewegung und der Kampf gegen Vergewaltigung avancierte zum symbolischen Schlachtfeld gegen gewaltvolle Männermacht generell. Feministinnen traten nun vehement gegen die allgegenwärtigen Strategien der gesellschaftlichen Schuldumkehr (Victim Blaming) auf: Wenn eine Frau Nein sagt, meint sie eigentlich Ja; sie ist meist sowieso selbst schuld (etwa wegen ihrer aufreizenden Kleidung) oder lügt, um sich zu rächen; Vergewaltiger sind wilde Psychopathen, die hinter Büschen lauern, und nicht der Mann zu Hause im Ehebett und so fort.
Die Frauenbewegung erklärte alle diese Aussagen zu „Vergewaltigungsmythen“ und verkehrte sie kurzerhand in ihr Gegenteil. Hieß es vorher, fast alle Vergewaltigungsvorwürfe seien Falschanzeigen, sollten Frauen fortan uneingeschränkte Definitionsmacht haben, und alle Grau- und Grenzbereiche im Bereich sexueller Gewalt wurden negiert, denn: Nein heißt Nein!
Damit will Sanyal jedoch keinesfalls nahelegen, dass an diesen Mythen vielleicht doch etwas dran sei (obgleich sie die Möglichkeit von Falschbezichtigungen durchaus einräumt und allein damit einen feministischen Tabubruch begeht). Sie will stattdessen zeigen, wie wirkmächtig diese weiterhin sind, weil diese Vergewaltigungsmythen in ihr Gegenteil verkehrt den feministischen Diskurs immer noch bestimmen.

„Faust in die Fresse“. Als fatale Überzeugung erwies sich laut Sanyal die Idee, eine Vergewaltigung sei das Schlimmste, was einer Frau passieren könne. Doch „ob man jemand seine Faust in die Fresse oder seinen Penis ins Geschlechtsteil schlägt, bezeichnet keinen Unterschied“, zitiert Sanyal Foucault, der für diese Aussage schon damals scharf kritisiert wurde. Sanyal erklärt sich diesen Sonderstatus, den sexuelle Gewalt einnimmt, durch die früher vorherrschende Annahme, die „Ehre“ einer Frau würde dadurch geraubt (rape kommt von Raub), eine Schande, auf die Betroffene unbedingt mit tiefer Scham zu reagieren hatten. Doch obwohl Scham keineswegs ein natürliches, sondern ein zutiefst kulturell erzeugtes Gefühl ist, existiere die Erwartung von Scham bis heute und präge unsere Idee davon, wie sich „richtige Opfer“ zu verhalten haben und dass sie ihr ganzes Leben „gezeichnet“ bleiben. Andernfalls werden sie entweder – auch von Polizei und Justiz – nicht ernst genommen oder pathologisiert.

Heilung. Man kann Sanyal (und Foucault) entgegenhalten, dass eine gewaltsame Penetration durchaus eine besonders grausame Grenzverletzung darstellt. Auch andere Zuspitzungen des Buches sind zumindest diskussionswürdig. Doch die Autorin kann glaubhaft machen, dass sie keineswegs eine Bagatellisierung oder Relativierung von Vergewaltigung anstrebt. Sondern eine veränderte Sichtweise, die auch für Betroffene von sexueller Gewalt befreiend sein kann. Denn gegenwärtig würde von ihnen quasi „erwartet“, dass sie an einer Vergewaltigung dauerhaft zerbrechen und für ihr ganzes Leben gezeichnet sind. Doch genau dadurch würde Heilung erschwert, sagt Sanyal in einem Interview.

 

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung
Nautilus 2016, 16,50 Euro

 

 

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an.lesen: Feel-Good-Feminismus https://ansch.4lima.de/an-lesen-feel-good-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-feel-good-feminismus/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:18:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7617 ANDI ZEISLER rechnet mit dem „Glossy-Feminismus“ ab. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Feminismus trägt man heute nicht mehr im Herzen, sondern als Slogan auf der Unterhose. Dem Hintern darin wird trotzdem erfolgreich Cellulite-Creme verkauft. Ein neues Buch beklagt den Sell-out der Frauenbewegung. Von LEA SUSEMICHEL

 

Dem Feminismus droht sein absoluter Ausverkauf, warnt Andi Zeisler, Mitgründerin des „Bitch Magazine“, in ihrem vielbeachteten neuen Buch. Und das, obwohl er durch Celebritys wie Beyoncè und Emma Watson gerade erst cool geworden sei. Aber für Zeisler ist das Teil des Problems: Feminismus ist nur dann salonfähig, wenn er in einer glossy-glamourösen Wohlfühl-Variante daherkommt und dadurch letztlich systemstabilisierend ist. Aber der Kampf für fundamentale Veränderung und Gerechtigkeit ist eben kein Spaß im „Riot not Diet“-T-Shirt und mit „feminist as fuck“-Halskette, lautet Zeislers Resümee – er ist harte Arbeit.
Trotz dieser offensiven „feminist Killjoy“-Haltung („die humorlose Feministin“) ist die Lektüre des Buches ein großes Vergnügen, denn die Autorin illustriert anekdotenreich und mit pointierten popkulturellen Beispielen ihre gar nicht lustige Kernthese: Wir haben es heute mit einem „Feminismus des Marktes“ zu tun, dessen Freiheitsversprechen sich zu neoliberaler Selbstverantwortung, individueller Identitätsfindung und persönlichem Erfolgsversprechen mit unbegrenzter Konsumverheißung gewandelt hat.

Freiheit mit Flügelbinden. Aus der vormals hochpolitischen „Choice“, bei der es Frauen um politische Entscheidungsmacht oder um die Selbstbestimmung über ihren Körper geht, sei inzwischen die Wahl zwischen verschiedenen verdauungsanregenden Joghurtdrinks, Low-Carb-Müsliriegeln und saugstarken Flügelbinden geworden. Der Feminismus ist zwar vom ersten Augenblick an vermarktet worden, analysiert Zeisler: Die emanzipierte Frau ist so frei und raucht und sie hat eine Kreditkarte. Doch seit eine freizügige Wonderbra-Kampagne mit gigantischen Plakatwänden am Times Square zum selbstbewussten Ausdruck von Selbstermächtigung und Sexualität stilisiert wurde, sind Werbestrategien immer perfider und dreister geworden. Inzwischen würde Shapewear – die Korsette der Gegenwart – nicht als einengend, sondern im Gegenteil gar als befreiend verkauft. Denn ob Brust-OP, Botox oder höllisch hohe High Heels: Wir machen das heute alles nicht mehr, um anderen zu gefallen, sondern allein für uns selbst, lautet die längst Marketingstrategie gewordene verlogene Phrase.

 

Andi Zeisler © Jeffery Walls Photography
Andi Zeisler © Jeffery Walls Photography

 

Femvertising. Zeislers Gegenwartsdiagnose, die zugleich eine kurzweilige Zusammenschau des US-Feminismus der letzten Jahrzehnte bietet, ist einerseits zwar sehr aktuell, trotzdem liest sich die aufgebrachte Anklage gegen kapitalistische Vereinnahmung und Vermarktung wie aus der Zeit gefallen. Schließlich lag der Fokus vieler Feminist_innen zuletzt tatsächlich eher darauf, wie lustvoll und subversiv z. B. auch Sexyness sein kann. Dagegen klingt Zeislers old-school-kämpferische Generalabrechnung mit frauenfeindlicher Popkultur fast schon wieder revolutionär: Das Geschäft mit all diesen Produkten funktioniere nur deshalb, weil weibliche Unsicherheit zuerst erzeugt und dann adressiert wird. Selbstbewusste, zufriedene Frauen würden all den Scheiß einfach nicht kaufen und mit sich machen lassen.
Wenn als „Femvertising“ gefeierte Kampagnen wie die von Dove für „Wahre Schönheit“ mit ganz normalen Frauen wirbt, dann besteht ihre Leistung nach Zeisler lediglich darin, dass die Zielgruppe ausnahmsweise nicht völlig fertiggemacht wird, bloß um sie danach mit irgendeinem Beautyprodukt wieder aufzupäppeln zu können. Neue Problemzonen und damit neue Märkte kreieren sie trotzdem, Dove zum Beispiel die weibliche Achselhöhle, für deren vormals unbekannte Unzulänglichkeiten es nun eigene Produkte gibt.

Frauenhasser-Feminismus? Die feministische Wahlfreiheit beschränkt sich jedoch nicht auf neue Produkt- und Identitätspaletten, sondern auch auf die Art des Feminismus selbst, der völlig beliebig definiert werden kann und sogar von Sarah Palin und Pro-Life-Aktivistinnen reklamiert wird: „Was kommt als nächstes: He-Man-Frauenhasser-Feminismus?“
Trotz ihrer eigenen Leidenschaft für Popkultur räumt Zeisler ein, dass zu dieser Beliebigkeit nicht zuletzt auch innerfeministische Debatten über Seriencharaktere und Schamhaarfrisuren beitragen, die leicht den Eindruck erwecken können, Feminismus hätte mehr mit Lifestyle als mit Lohngerechtigkeit zu tun.
Lösungen für das Dilemma bietet sie keine an, formuliert in der Widmung für ihren Sohn, die dem wohltuend wütenden Buch vorangestellt ist, aber zumindest eine schöne Hoffnung: Möge seine Generation diejenige sein, die „finally figures this shit out“, schreibt sie.

 

Andi Zeisler: We Were Feminists Once. From Riot Grrrl to Cover Girl®, the Buying and Selling of a Political Movement
Public Affairs 2016, 23,90 Euro

 

 

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