an.klang – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 27 Oct 2025 11:53:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.klang – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.klang: Cut Me Some Slack! https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/ https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:49:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=129363 Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.Von Elisabeth Lechner Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut […]]]>

Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.
Von Elisabeth Lechner

Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut man nicht alles, um die Leichtigkeit der Neunziger noch einmal zu erleben und den Push-Nachrichten zu Krieg, Aufrüstung und Klimakollaps kurz zu entkommen? Zwischen all dem Aufgewärmten gibt es aber auch eine junge Künstlerin, an der es (nicht nur) im United Kingdom kein Vorbeikommen gibt. Niemand stellt sich den widersprüchlichen Realitäten unserer Zeit so kreativ und einfühlsam wie Lola Young, die erst 24-jährige Singer-Songwriterin aus Croydon, dem Süden von London.
Schon 2021 als Rising Star bei den Brit Awards nominiert, startete die Alternative-­Pop-Sängerin 2024 mit dem Hit „Messy“ so richtig durch in den UK-Single-Charts und – noch wichtiger – auf TikTok. Live-Performances des Songs wie jene am Glastonbury-Festival 2025 zeigen: Lola Young schafft Freiräume, Momente von Leichtigkeit und Verbindung, wie es nur wenige können. Das liegt an den Beats – angesiedelt irgendwo zwischen Hip-Hop, R’n’B und Pop, dunkel, plätschernd, entspannt und treibend zugleich –, ihrem Stimmumfang (wegen Zysten auf den Stimmbändern und den Folgen von Operationen noch tiefer, noch souliger) und schließlich dem Auftreten der jungen Künstlerin: Aufsässig und mit Augenzwinkern steht sie auf der Bühne, in super-stylishem Make-up, mit langen Glam Nails, ausladenden Ohrringen und einem mehrfarbigen, imposanten Rockstar-Mullet, immer zu „Banter“, also scherzhaftem Schlagabtausch bereit. Gleichzeitig gibt sie sich zugänglich und verletzlich, performt in Baggy Pants und Bikini Top, und mit selbstverständlich sichtbarem, weichen Bauch.
„I want you to sing every word, and feel it, you know?“, singt sie und dann rührt die Zeile “Okay, so yeah, I smoke like a chimney / I’m not skinny , and I pull a Britney every other week / But cut me some slack, who do you want me to be?” die junge Sängerin und ihr Publikum gleichermaßen. Seid nachsichtig mit mir und meinen Vorgängerinnen, mahnt sie in einer treffenden, pophistorischen Referenz auf Britney Spears. Und sie legt nach: „If you ever, ever felt like you are not quite enough, you actually fucking are.“ In Zeiten zunehmenden Optimierungs- und Schlankheitswahns, in dem sogar Sportgrößen wie Serena Williams Ozempic bewerben, ist das eine radikale Ansage: Ich bin messy – chaotisch, sicher nicht perfekt – aber das ist okay so und ihr seid es auch.
Lola Youngs Werk und Celebrity-Persona zeichnen ein offener Umgang mit ihrer Widersprüchlichkeit aus, der auch das öffentliche Thematisieren ihrer schizoaffektiven Störung inkludiert, die sie versucht, als Superkraft zu sehen, gegen das Stigma und die mit der Erkrankung und ihren Folgen assoziierte Scham. Und auch Sex darf da nicht fehlen. In „One Thing“, einer Single-Auskopplung aus ihrem kommenden dritten Album, will das lyrische Ich nur „die eine Sache“, einen Lover mitnehmen „on a little ride“, „show you just what I like“, „when you’re deep up inside“, „break your bed and then the sofa.“
Erfüllender, selbstbestimmter Sex, der sich auszeichnet durch bewusste körperliche Hinwendung, Wertschätzung und Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten. Aktives Umschließen, statt passiv penetriert werden: Schon 2016 nannte Bini Adamczak einen solchen Sex-Perspektivenwechsel „Zirklusion.“ Gerade für Hetero-Frauen, die beim Dating allzu oft mit Ghosting und dem Orgasm-Gap hadern, eine berauschende Utopie. Young romantisiert aber nicht, sondern reflektiert Machtverhältnisse, indem im Video zu „One Thing“ phallische Bildlogiken unterwandert werden und in einem inszenierten Boxkampf gegen Männer münden, aus dem Young als blutverschmierte, befriedigte Siegerin hervorgeht. Das ist es, denke ich mir, während ich mich durch das Werk von Lola Young höre: Widerständiger Zirklusionspop für die Ozempic-Ära.


„I’m Only F**king Myself“ erscheint am 19. September.

We cannot fucking wait.

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Unlocked https://ansch.4lima.de/unlocked/ https://ansch.4lima.de/unlocked/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=120623 Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT. Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich […]]]>

Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT.

Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich in jeder kleinen oder noch so unauffällig scheinenden Situation auch politische Systeme und unsere Gesellschaft wider.“ Wenn jemand als weiblich gelesene Person auf die Straße geht und Menschen diese Person z. B. nicht durchlassen, ihr nicht ausweichen, „dann mag das wirken wie eine Feinheit, aber das ist es nicht. Man spürt immer eine gewisse Rolle, die einem zugeschrieben wird, eine Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit.“ Und selbst, wenn man zu Hause chillt oder sich in einem sicheren Raum bewegt, wird diese kollektive Erfahrung spürbar.

In ihrer Arbeit als Tänzerin und Performerin legt Iris Omari Ansong den Finger in genau diese Wunde: „Meine aktive Arbeit besteht darin, diese Unterdrückungen und Repressionen wegzunehmen und aufzubrechen“, sagt sie. „Es geht darum, sich Dinge zu erlauben und zurückzuholen“, und zwar ganz konkret, physisch, körperlich. Im Laufe ihres Studiums der zeitgenössischen Tanzpädagogik in Wien, während eines Auslandssemesters in Istanbul, begann sie sich an tänzerische Traditionen und Bewegungen heranzutasten, die sie bis dahin unbewusst von sich ferngehalten hatte: „Ich habe in Lucille Aires‘ Tanzklassen begonnen, Female Dancehall und Afro House zu tanzen, und die Begegnung mit ihr war ein unlocking moment“, erzählt sie und lacht. Sie hat sich dort, wie sie erzählt, eine ganze tänzerische Ausdruckswelt zurückerobert.

In ihrem letzten Projekt „BUNX – dripping in the jelly of the black atlantic“ zelebrierte sie diese Erfahrung zusammen mit Andrea Vezga Acevedo, mirabella paidamwoyo* dziruni und Yours Izundu auf der Bühne: In einer kraftvollen Performance, einem regelrecht „verkörperten Manifest“, forderten die Tänzer*innen ihre physische Freiheit, ihre Sinnlichkeit und Sexualität zurück. Im Mittelpunkt stand das Twerking als Tanzform, mit der alle vier regelmäßig arbeiten – eine Praxis mit langer Geschichte: „Die Bezeichnung ‚Twerk‘ ist noch recht jung“, sagt Iris Omari Ansong. „Man findet diese Art von Hüftbewegungen viel in afrikanischen und afrodiasporischen Kontexten seit Generationen. Twerk ist eine Tanzform mit einer langen Geschichte und Verbindung zu afrodiasporischen Traditionen. Gleichzeitig ist es eine Schwarze Tanzform der Gegenwart.“ Wenn sie Twerk unterrichtet, erzählt sie weiter, „gehen die Leute jedes Mal mit einem Strahlen aus der Tanzstunde. Diese Erfahrung macht was mit einem – sowohl der Tanz an sich als auch die Entscheidung, eine sensual oder sexual Seite von sich zuzulassen, in einem Raum, in dem man sich sicher fühlt. Das ist sehr empowernd und emanzipierend.“ In BUNX verbanden die Performer*innen ihre geteilten Erfahrungen, Verletzungen und Kämpfe auf Grundlage der Idee des Black Atlantic: „Ein Konzept, eine Methode, ein Tool, das davon ausgeht, dass es eine Kultur gibt, die afrikanisch, amerikanisch, karibisch und europäisch zugleich ist“, sagt Iris Omari Ansong, „verbunden durch die Route des trans­atlantischen Sklavenhandels – eine Kultur, die all das umfasst und gleichzeitig ist.“ Das daraus entstandene Black Atlantic Thinking reflektiert verschiedene diasporische Perspektiven und ist wirkungsvoll: „Es verschafft mir einen Zugang zu schweren Themen, kollektiven Traumata, Schmerz, aber auch Hoffnung“, sagt Iris Omari Ansong.

Als Schwarze Person, die im mehrheitlich weißen Österreich Kunst macht, sei ihr besonders wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die migrantische Kulturszene wächst – und dass sowohl Ausführende als auch das Publikum von der Vorstellung wegkommen müssen, dass es sich bei PoC- und Schwarzen Künstler*innen um eine „Minderheit“ handle: „Dieses Minderheitendenken hat so etwas Kleinmachendes“, sagt sie, „dabei haben wir es mit der globalen Mehrheit zu tun.“

Aus BUNX ist dementsprechend ein Verein hervorgegangen, gegründet von Iris Omari Ansong und Andrea Vezga Acevedo, „weil wir unbedingt in diesem Team weiter zusammenarbeiten wollen“: Milk and Thorns ist der sprechende Name – Milch und Dornen. Nährendes und Schützendes. Der Titel beschreibt eine reale Utopie: einen Ort, an dem Menschen ihre volle individuelle, kollektive und körperliche Kraft entdecken und entfalten können.

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Eine Spur härter https://ansch.4lima.de/eine-spur-haerter/ https://ansch.4lima.de/eine-spur-haerter/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:51:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=115340 Saioa Alvarez wurde 2023 mit dem renommierten Nestroy-Preis ausgezeichnet. Die Performerinmit Behinderung geht regelmäßig an ihre Grenzen – starke Rollen wie in „Ophelia’s Got Talent“soll es für alle Künstler*innen geben, fordert sie. Von Hannah Schmidt. Faszinierende Bühnenpräsenz«, „doppelbödiger Witz«, „Draufgängertum“ – so beschrieb die Jury des Nestroy-Preises im November vergangenen Jahres die Performerin Saioa Alvarez. […]]]>

Saioa Alvarez wurde 2023 mit dem renommierten Nestroy-Preis ausgezeichnet. Die Performerin
mit Behinderung geht regelmäßig an ihre Grenzen – starke Rollen wie in „Ophelia’s Got Talent“
soll es für alle Künstler*innen geben, fordert sie. Von Hannah Schmidt.

Faszinierende Bühnenpräsenz«, „doppelbödiger Witz«, „Draufgängertum“ – so beschrieb die Jury des Nestroy-Preises im November vergangenen Jahres die Performerin Saioa Alvarez. Sie mache „absolut nicht, was man von Menschen mit Behinderung im Theater gewohnt ist“. In ihrer Rolle in Florentina Holzingers „Ophelia’s Got Talent“ steppte sie nackt auf der Bühne, strippte als Magic Mike im Blaumann, erlebte eine Wassergeburt und hatte Sex in einem knallgelben Helikopter, der von der Decke hing. Den Preis als „beste Schauspielerin“ bekam sie somit auch für die Verkörperung einer Normalität, die man sich fürs Theater bisher nur wünschen kann. Eine Normalität, in der behinderte und queere Menschen ganz selbstverständlich alle Rollen spielen: „Ich sehe großen Bedarf an queeren behinderten Liebesgeschichten“, sagt Saioa Alvarez im an.schläge-Gespräch, „auch an einem behinderten queeren Actionfilm, einer Mafia mit einem weiblichen Boss. Also behinderte und queere Stories in allen Genres, im Tanztheater und im Film, in allen Berufs- und Altersgruppen und mit allen Herkünften.“

Saioa Alvarez ist 1990 in Bilbao geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Deutschland. Sie hat Soziologie, Politik- und Medienwissenschaft sowie Theaterpädagogik studiert. Ihren höchsten Bildungsgrad erlangte sie allerdings durch das Leben mit Behinderung, ergänzt sie auf ihrer Website. Beim Gespräch im Dezember ist Saioa Alvarez in ihrer Berliner Wohnung, sie ist über Zoom zugeschaltet. Über „Ophelia’s Got Talent“ spricht die Performerin nicht zum ersten Mal, das ist klar, die Begeisterung ist ihr aber noch immer anzumerken. „Dass ich für physisch so intensive Produktionen gefragt werde, ist nicht selbstverständlich“, sagt sie. „Dass mein Name assoziiert wird mit körperlicher Anstrengung, damit, Körper zu spüren und einzusetzen – das passiert nicht oft.“ Regisseurin Florentina Holzinger setzte wenige Grenzen und ließ der Fantasie ihrer Darsteller*innen freien Lauf. Die Magic-Mike-Parodie, der Tanz, „beides kam komplett von mir“, sagt Alvarez. Nackt zu sein auf der Bühne wurde durch die Arbeit am Stück für sie „zu einem komfortablen zweiten Outfit“: „Ich würde sagen, ich habe mir Scham abtrainiert. Teilweise spüre ich sogar eine Kombination aus diesem Nacktsein und einer gewissen Bro-igkeit, die ich mir mehr und mehr angeeignet habe.“

„Bro-igkeit“, das meint für sie das Spiel mit maskulinen Stereotypen, ihre Überzeichnung, ihre Aneignung. „Ich würde auf keinen Fall propagieren, dass es förderlich ist, als Flinta-Person toxische Männlichkeit zu reproduzieren und damit Scheiße in der Welt zu verbreiten.“ Aber es gebe auch neutrale Elemente, die durchaus effektvoll seien: „Raum einnehmen, laut sein – das ist etwas, das man sich ohne schlechtes Gewissen aneignen kann, weil Flinta das nicht von vorneherein selbstverständlich mitbekommen.“ Dabei hatte Saioa Alvarez nie ein Problem damit, laut zu sein: „Als Frau mit Behinderung und mit meiner überdurchschnittlich kleinen Körpergröße ist eine vernünftig laute Stimme auszubilden die Kompensation, um mit Nachdruck das zu bekommen, was du willst.“ Schon als Teil ihrer ersten Performance-Gruppe RAMPIG riss sie Hochzeitstauben aus Plastik den Kopf ab und bemalte sie mit roter Farbe, zeigte sich nackt, zerstörte Dinge und sorgte dafür, dass ihren Zuschauer*innen das Lachen im Halse stecken blieb. „Ich performe gerne Dinge, die ich normalerweise nicht tue“, sagt Saioa Alvarez, „ich bin auf der Bühne gerne eine Spur hässlicher, rauchender, lauter und härter als im Alltag.“

Das Publikum, sagt Saioa Alvarez, solle auf keinen Fall noch mehr von dem zu sehen bekommen, was ohnehin schon überall zu sehen ist. Ständige Reproduktion der gleichen Stereotype, die auch mit der Normalisierung bestehender Machtverhältnisse und Rechtfertigung von Gewalt einhergeht – einfach nein. „Es muss keine Rolle mit Behinderung sein, damit ich sie verkörpern kann“, sagt sie. „Ich will die Rollen der Nichtbehinderten und sie einfach alle behindert machen. Das ist meine Spezialität.“

Hannah Schmidt ist freiberufliche Musikjournalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der ZEIT, den WDR, SWR und BR. 2023 hat sie zusammen mit dem Frauenkulturbüro NRW das Buch „Dirigent*innen im Fokus – Warum die klassische Musik fundierte Machtkritik braucht“ herausgegeben.

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Sexarbeit erzählt https://ansch.4lima.de/sexarbeit-erzaehlt/ https://ansch.4lima.de/sexarbeit-erzaehlt/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:44:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=112731 Das Hörspiel „Desire“ porträtiert drei queere Sexarbeiterinnen und liefert eine klischeefreie Darstellung, die uns ganz nahe heran lässt. Von Verena Kettner Sam ist eigentlich glücklich in ihrer Beziehung mit Partner und gemeinsamen Kind. Wenn da nur nicht Jess wäre, die sich so gut anfühlt und so gut riecht und an die Sam denken muss, wenn […]]]>

Das Hörspiel „Desire“ porträtiert drei queere Sexarbeiterinnen und liefert eine klischeefreie Darstellung, die uns ganz nahe heran lässt. Von Verena Kettner

Sam ist eigentlich glücklich in ihrer Beziehung mit Partner und gemeinsamen Kind. Wenn da nur nicht Jess wäre, die sich so gut anfühlt und so gut riecht und an die Sam denken muss, wenn sie Sex mit Kunden hat. In „Desire“, Tia Morgens erster Hörspielreihe, folgen wir drei Sexarbeiter*innen durch ihre queeren Leben in Berlin. Wie Sam hat es auch Lilli nicht ganz einfach: Obwohl sie das niemals zugeben würde, schmerzt sie die Distanz zu ihrer Mutter. Die Entfremdung ist bereits mit Lillis queerem Coming-out eingetreten. Doch durch die Unmöglichkeit, über ihren Job als Sexarbeiterin zu sprechen, verstärkt sie sich immer weiter. Robin kämpft derweil mit der Frage, wie sich ein nicht-binärer Körper in der Sexarbeit behaupten kann, und damit, dass Robins Partnerin immer mehr mit der Berufswahl hadert. Das Hörspiel hat sechs Folgen, jeweils zwei widmen sich den Erlebnissen einer der drei Sexarbeiter*innen. Während wir Hörer*innen in ihr Gefühlsleben eintauchen dürfen, lassen sie uns auch an ihrem Arbeitsalltag teilhaben. Sie reflektieren über die Möglichkeiten und ­Unmöglichkeiten der Selbstbestimmung im Beruf; erzählen vom Genuss, den ihnen die Macht, die sie über Kunden haben, bereitet; über die Zweifel, ob sie sich am Ende nicht doch wieder nur dem männlichen Begehren unterwerfen. Wir bekommen eine Ahnung von der emotionalen Arbeit, die Sexarbeit mit sich bringt, wenn sie zum Beispiel mit einem Kunden über dessen Untreue reden müssen; von gesellschaftlichen Vorurteilen und Stigmata, die sich nicht nur auf der Straße, sondern eben auch unter den Liebsten finden; vom Umgang mit sympathischen Kunden, schwierigen Kunden, übergriffigen Kunden und von der Herausforderung, aufgrund der weiblichen Sozialisation die eigenen Grenzen im Job klar zu erkennen und zu setzen.

Die Sexarbeit, die wir im Hörspiel kennenlernen, ist vielseitig: Obwohl Sam, Lilli und Robin im Bordell arbeiten, zeigen sie uns auch ein paar Seitenblicke in die Welt des Escort und Cam Sex – sowie auch in die Reproarbeit, die es braucht, um Sexarbeit überhaupt erst anbieten zu können, wie beispielsweise das Hotelzimmer nach jedem Kunden zu putzen. „Manchmal werde ich melancholisch, weil die Welt so ein beschissener Ort ist, und Sexarbeit das so erbarmungslos entblößt“, sagt Robin in einer Folge. Die Darstellung von Sexarbeit im Hörspiel lässt die Hörer*innen ganz nahe heran, sie ist kritisch und liebevoll zugleich. Relevante Themen wie erzwungene Gesundheitschecks, prekäre Arbeitsbedingungen, Kon­trollen im Bordell und Verdrängung bekommen genügend Raum und dennoch schlägt die Erzählung immer wieder den Bogen zurück zu ihrem Kernthema: der Selbstbestimmung der drei Hauptcharaktere und der beeindruckenden und berührenden Stärke einer solidarischen, queeren Community. Die fiktiven ­Charaktere und Geschichten sind dabei sehr divers und differenziert entworfen und beruhen auf intimen Interviews und Begegnungen mit über dreißig LGBTQIA+ Sexarbeiter*innen aus 14 Ländern. Prekarität und Klasse spielen dabei ebenso eine Rolle wie Kämpfe aufgrund von Herkunft und Hautfarbe und das Erforschen der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität. Die Stimmen der Sprecher*innen sind überaus angenehm. Sie vermitteln Humor, Sexyness, Melancholie und Zweifel, und scheuen sich dabei nicht, knallhart ehrlich und intim zu bleiben.

Dem absolut empfehlenswerten Hörspiel gelingt so nicht nur eine diverse, lebensechte und klischeefreie Darstellung von queeren Sexarbeiter*innen mit unterschiedlichsten Begehren, Problemen und ­Träumen, sondern auch ein machtvolles Gegen­narrativ zur gängigen medialen Darstellung von Sexarbeiter*innen. Anstatt mit einem männlichen, voyeuristischen und teilweise auch exotisierenden Blick, der sie viktimisiert und als Opfer ihrer Umstände darstellt, werden die Porträtierten hier realitätsnah gezeigt: sehr vielfältig, sehr unterschiedlich und immer sehr menschlich. Das Gefühl von Empowerment, das sich so vermittelt, basiert nicht auf der romantisierten Erzählung einer individuellen Ermächtigung, sondern auf dem radikal zärtlichen, kollektiven Kampf um eine queere Utopie, den die Hauptcharaktere gemeinschaftlich führen. •

Verena Kettner liebt Queerness, Berlin und sanfte Stimmen und hat somit das perfekte Hörspiel für sich gefunden.

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„Lieber keinen Schnitzler-Monolog“ https://ansch.4lima.de/lieber-keinen-schnitzler-monolog/ https://ansch.4lima.de/lieber-keinen-schnitzler-monolog/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:15:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=105369 Zeynep Buyraç ist das erste Ensemblemitglied an der Burg mit türkischen Wurzeln. Warum das immer noch erwähnenswert ist und wie prekär die Arbeit als freie Schauspielerin für Menschen mit Migrationsgeschichte ist, hat Andrea Heinz von ihr erfahren. Sie sei, liest man im Wikipedia-Eintrag über Zeynep Buyraç gleich im zweiten Satz, die erste türkischstämmige Burgschauspielerin. Seit […]]]>

Zeynep Buyraç ist das erste Ensemblemitglied an der Burg mit türkischen Wurzeln. Warum das immer noch erwähnenswert ist und wie prekär die Arbeit als freie Schauspielerin für Menschen mit Migrationsgeschichte ist, hat Andrea Heinz von ihr erfahren.

Sie sei, liest man im Wikipedia-Eintrag über Zeynep Buyraç gleich im zweiten Satz, die erste türkischstämmige Burgschauspielerin. Seit Februar 2023 ist die 1982 in Istanbul geborene Buyraç Ensemblemitglied an der größten und bedeutendsten Sprechtheaterbühne im deutschsprachigen Raum. Wie viel sich hinter dieser Formulierung verbirgt, erschließt sich, wenn man mit ihr über ihre Geschichte spricht. „Ich persönlich empfinde mein Engagement am Burgtheater nicht als ‚Erfolg‘, sondern vielmehr als Gewinn für beide Seiten. Denn sowohl das Burgtheater als auch ich als Schauspielerin profitieren von der gemeinsamen Arbeit. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe“, sagt sie im an.schläge-Interview selbstbewusst. Buyraç, die ihr Abitur an der Deutschen Schule Istanbul ablegte und neben einer Tanzausbildung auch ein Schauspielstudium am Konservatorium der Stadt Wien absolvierte, ist seit zwanzig Jahren als Schauspielerin im deutschsprachigen Raum tätig. In der Garage X in Wien spielte sie die Sibel in Gegen die Wand, „vermutlich ein Meilenstein in Wien, was Diversität auf der Bühne betrifft“. Ihr Debüt an der Burg gab sie Anfang 2022 in Robert Ickes hochgelobter Schnitzler-Überschreibung Die Ärztin: „Ein unglaublich intelligenter und relevanter Abend und eine Arbeit, durch die sich die Menschen dieser Stadt in einer Institution wie dem Burgtheater willkommen fühlen können, die bis jetzt vielleicht das Gefühl hatten, dass ihre Identitäten und Geschichten für die österreichische Theaterwelt nicht wichtig genug sind“. Daneben spielte sie etwa am Theater Regensburg oder dem Landestheater Linz, aber auch im Tatort und Fernsehserien wie den Vorstadtweibern. Von außen betrachtet glaubt man gerne, so jemand müsste es geschafft haben. Nicht zuletzt Rassismus- und #MeToo-Fälle der letzten Zeit haben aber gezeigt: So glamourös die Branche oft wirken mag, so prekär sind ihre Arbeitsbedingungen – sowohl finanziell als auch was verknöcherte Hierarchien und Machtmissbrauch betrifft. Für Buyraç ist das Engagement am Burgtheater das erste feste an einem Haus. Bis dahin durchgehalten zu haben, ist eine erstaunliche Leistung. Es sei „der größte Erfolg, als freischaffende Schauspielerin zwei Jahrzehnte lang in diesem Beruf tätig gewesen zu sein. Ich erinnere mich an Vorsprechen, bei denen mir angeraten worden ist, meinen Namen zu ändern. Oder dass ich lieber keinen Schnitzler-Monolog zum Vorsprechen vorbereiten solle.“

Es sollte einfach nicht mehr der Rede wert sein, wo eine Burgschauspielerin geboren wurde und was ihre Muttersprache ist. Aber so weit sind wir noch lange nicht. „Der seit Jahren herrschende politisch-gesellschaftliche Zustand in Österreich zwingt mich dazu, über mein Migrant*innen-Dasein zu reden. Auch in meinem Beruf. Ich erinnere mich an etliche Situationen jenseits von Alltagsrassismus, in denen ich mir Gedanken darüber machen musste, ob ein Haus sich die Mühe machen wird, mich zu engagieren, da ich damals mit meinem türkischen Pass für jede Anstellung eine Arbeitserlaubnis brauchte. Abgesehen von den bürokratischen Hürden arbeite ich nicht in meiner Muttersprache – in einem Beruf, in dem Sprache eins der wichtigsten Werkzeuge ist. Das Wording ‚erste türkischstämmige Burgschauspielerin‘ reduziert also keineswegs meine schauspielerischen Fähigkeiten auf meine Herkunft, sondern macht sie für sensible Augen und Ohren vielleicht sogar noch sichtbarer. Und Sichtbarkeit ist schluss­endlich das Ziel – es ist nicht nur an die Branche adressiert, sondern hauptsächlich an junge Menschen mit ähnlichen Einwanderungsgeschichten. Ich oute mich jederzeit wieder gerne als ‚Türkin‘, wenn es diesen Menschen Mut macht. Wenn sie sich dadurch gesehen und ernst genommen fühlen. Denn es gibt nun mal auf den Bühnen und vor den Fernsehkameras Österreichs nur eine Handvoll Menschen mit ‚Migrationsdefizit‘. Also werden wir darüber reden müssen, bis die zehnte türkischstämmige Schauspielerin am Burgtheater ist.“ 

Andrea Heinz lebt als Literaturwissenschafterin und freie Autorin in Wien. 

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„Das sollte nicht normal sein” https://ansch.4lima.de/das-sollte-nicht-normal-sein/ https://ansch.4lima.de/das-sollte-nicht-normal-sein/#respond Thu, 09 Mar 2023 21:55:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=101820 In einer mutigen Rede kritisierte Luna Jordan Machtmissbrauch in der Schauspielbranche. Die junge Berlinerin will selbst Teil eines Wandels sein. Von Laura Helene May In Österreich ist Luna Jordan spätestens seit dem Filmpreis 2022 einem großen Publikum bekannt. Für ihre Rolle als Gefängnisinsassin Samira in Arman T. Riahis Spielfilm „Fuchs im Bau“ wurde sie als […]]]>

In einer mutigen Rede kritisierte Luna Jordan Machtmissbrauch in der Schauspielbranche. Die junge Berlinerin will selbst Teil eines Wandels sein. Von Laura Helene May

In Österreich ist Luna Jordan spätestens seit dem Filmpreis 2022 einem großen Publikum bekannt. Für ihre Rolle als Gefängnisinsassin Samira in Arman T. Riahis Spielfilm „Fuchs im Bau“ wurde sie als beste weibliche Nebenrolle ausgezeichnet – und nutzte die Bühne für einen Weckruf: „Ich bin gerade einmal zwanzig Jahre alt und ich bin bereits viermal Opfer von sexuellem Missbrauch an Filmsets und Theaterhäusern geworden. Das sollte nicht normal sein, ist es aber.“ Eigentlich wollte sie diese Rede nie halten – doch kurz vor der Verleihung erfuhr sie von erneutem Machtmissbrauch hinter der Bühne und einem sexuellen Übergriff auf ihren besten Freund. Der dafür verantwortliche österreichische Filmemacher war an diesem Abend bei der Preisverleihung anwesend und Jordan erhob ihre Stimme – gegen Gewalt in der Kulturbranche. „Es gehört zum Erwachsenwerden, dass man zu den eigenen Haltungen stehen kann“, sagt sie im an.schläge-Interview. Ihr Mut wurde mit Standing Ovations belohnt.

Die Berlinerin blickt mit gerade einmal 21 Jahren bereits auf eine vielseitige Karriere zurück: Im Fernsehen stand sie für ZDF-Krimireihen wie „Bergdoktor“ oder „Kommissarin Lucas“ vor der Kamera. Auch im Jugendensemble und den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin wirkte Jordan mit sowie in Kurzfilmen und der sechsteiligen Netflix-Serie „Schlafende Hunde“, die im Mai startet. „Fast alle Kolleg*innen am Theater haben Machtmissbrauch erlebt“, sagt Jordan. An den Schauspielhäusern gebe es immer noch alte Machtstrukturen und starre Hierarchien. Ganz anders sei der Umgang hingegen an Sets von Streaming-Diensten. Achtsamkeit für Machtmissbrauch spiele bei Netflix schon während der Dreharbeiten eine Rolle. Zum Beispiel in Form von kurzen Aufklärungsvideos, die über angemessene Umgangsformen und Diskriminierung informieren. „Obwohl das so banal erscheint, ist das vielen Menschen nicht klar. Ich finde es super, dass die Streamer darauf achten.“ Wenn sie sich am Set dennoch mal unwohl fühlt, hat die junge Schauspielerin schnell gelernt, sich Vertraute zu suchen und über kritische Situationen zu sprechen. „Wenn einem so etwas passiert, denkt man ja oft erst einmal: Habe ich das jetzt falsch interpretiert?“

Auch wenn das Thema sich nicht darauf reduzieren lasse, nimmt Luna Jordan einen deutlichen Generationen-Gap wahr. Männer über sechzig „ignorieren das oft“, sagt sie. Sie verteidigen z. B. sexistische Witze und verkaufen das als „ Humor“, den andere nicht verstehen würden. Mit jungen Regisseur*nnen habe sie hingegen noch nie ein Problem gehabt. Das Alter mache auch in anderer Hinsicht einen großen Unterschied, nämlich bei Rollenangeboten. „Bei weiblich gelesenen Personen ab vierzig gibt es einen krassen Cut“, sagt Jordan und verweist auf den Aufruf des Magazins „Palais F*luxx“ „für ein zeitgemäßes Altersbild von Frauen in Film und Fernsehen“. Für sie blieben oft nur die Rollen der Mütter, Schwestern und Ehefrauen übrig – vom Fehlen nicht-binärer Figuren ganz zu schweigen. „Ich hoffe, dass auch hier ein Wandel kommt“, sagt die Schauspielerin.

Für sie als junge Frau gebe es attraktive Rollen, was aber auch oft abhängig vom Medium sei, also ob Fernsehen, Kino, Theater oder Streaming-Dienste. Insbesondere letztere würden mehr wagen und so auch interessantere Rollenangebote bieten. „Das sieht man etwa an Serien wie ‚Euphoria‘ oder ‚Sex Education‘“, sagt Jordan. Auch mit Debütfilmen hat sie gute Erfahrungen gemacht, denn „da trauen sich Regisseur*innen noch was“. Interessante emotionale Reisen und verkorkste Charaktere reizen Jordan ganz besonders, wenn sie ein Drehbuch vorgelegt bekommt. Inzwischen schreibt sie aber auch selbst. „Wenn ich nicht drehe, schreibe ich“, sagt sie. Ihr Kurzfilmdebüt „Furor“ ist ein Plädoyer für das Ausleben weiblicher Wut, lief auf Filmfestivals wie der Diagonale und wurde mehrfach ausgezeichnet. Auch ihr erster Langspielfilm ist bereits in Arbeit, entwickelt wurde er von einem Autor*innenkollektiv, mehr wird noch nicht verraten. Interessante Rollen dürfte Luna Jordan also bald selbst liefern. •

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„Mir wurde meine Weiblichkeit abgesprochen“ https://ansch.4lima.de/mir-wurde-meine-weiblichkeit-abgesprochen/ https://ansch.4lima.de/mir-wurde-meine-weiblichkeit-abgesprochen/#respond Fri, 24 Jun 2022 22:11:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=75810 Verena Altenberger überzeugt als „Buhlschaft“ ebenso wie als TV-Kommissarin. Seit Kurzem steht die Schauspielerin auch an der Spitze der Akademie des österreichischen Films. Von Anna Steinbauer Wenn Verena Altenberger sich auf eine Rolle vorbereitet, stürzt sie sich mit Leib und Seele in die Recherche. Da kann es schon passieren, dass sie monatelang in einer WG […]]]>

Verena Altenberger überzeugt als „Buhlschaft“ ebenso wie als TV-Kommissarin. Seit Kurzem steht die Schauspielerin auch an der Spitze der Akademie des österreichischen Films. Von Anna Steinbauer

Wenn Verena Altenberger sich auf eine Rolle vorbereitet, stürzt sie sich mit Leib und Seele in die Recherche. Da kann es schon passieren, dass sie monatelang in einer WG ein- und ausgeht, in der drogenabhängige Menschen leben, polnische Dialoge auswendig lernt oder sich eine Glatze rasiert, um vollkommen in die Lebenswelt der Figuren einzutauchen. Zuletzt kletterte die 34-jährige Schauspielerin für den ARD-Zweiteiler „Riesending“ vier Wochen lang durch kroatische Höhlen. „Mein Futter ist die Recherche und das echte Leben. Ich möchte immer Dinge erlebt haben, die meine Rolle auch erlebt hat“, erzählt sie im Zoom-Gespräch. Die Begeisterung der Wahlwienerin für ihren Beruf spürt man förmlich durch den Bildschirm hindurch. Sie ist ansteckend. „Das Spannende ist das Beobachten, das sehr viel Mut kostet, weil man offen auf Menschen zugehen muss“, sagt Altenberger. „Da gehen andere Welten im Kopf auf und in Zukunft schaut man immer anders auf die Dinge.“ Verena Altenberger spricht sieben Sprachen, hat fast jede Sportart zumindest einmal ausprobiert und besitzt einen Waffenschein.

Seit ihrer Kindheit habe sie „Fähigkeiten gesammelt“, erzählt die gebürtige Pongauerin – weil man die vielleicht ja mal brauchen könnte, denn: „Das Glück trifft die Vorbereitete.“ Für ihre Rolle der Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff im Münchner „Polizeiruf 110“, die sie seit 2019 verkörpert, ist es zumindest ein technischer Vorteil, dass sie mit einer Waffe umgehen kann. Meist spielt Altenberger eigenwillige und unangepasste Frauen und wählt ihre Rollen sorgsam aus – mit großem Erfolg: Nach ihrem Schauspielstudium an der MUK Wien und einigen ersten Rollen am Burgtheater und Volkstheater startete sie 2017 zeitgleich in die Film- und Fernsehwelt. Als drogenabhängige Mutter gab sie ihr Debüt in Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“ auf der Berlinale, während zeitgleich die RTL-Comedy-Sitcom „Magda macht das schon“ lief, in der sie die Titelrolle der polnischen Altenpflegerin spielte. Nur ein Wochenende lag zwischen der Arbeit an den beiden Projekten: An einem Freitag drehte Altenberger das Drama ab und stand am folgenden Montag bereits für die Comedy vor der Kamera. „Ich habe mich erstmal rasiert und die Monobraue weggezupft. Für ‚Die beste alle Welten‘ hatte ich das neun Monate lang nicht getan. Das allein war erstmal ein krasser Akt der Veränderung“, so die Schauspielerin.

Eine ebenso radikale Veränderung bescherte Verena Altenberger ihrem Publikum im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen: Sie stand als Buhlschaft im „Jedermann“ mit Glatze auf der Bühne. Die hatte sie sich für den Film „Unter der Haut der Stadt“ rasiert, in dem sie eine krebskranke Frau spielte. Der rasierte Kopf sorgte auch 2021 noch für Schlagzeilen; Hasskommentare und sexistische Beleidigungen prasselten auf sie ein. Noch immer äußern sich fremde Männer auf Instagram zu ihrer Frisur, worauf Altenberger oft mit Humor reagiert. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass es irgendjemanden interessiert, dass ich meinen Kopf rasiert habe“, erzählt Altenberger. Selbst auf der Straße reagierten Männer aggressiv auf sie. „In dem Moment, in dem meine Haare ab waren, wurde mir meine Weiblichkeit abgesprochen.“

Seit November 2021 ist Altenberger Präsidentin der Akademie des österreichischen Films; gemeinsam mit Regisseur und Produzent Arash T. Riahi steht sie an der Spitze. Obwohl die Anfrage sie zunächst überforderte, wollte sie diese Chance nutzen, weil sie wichtig findet, was Riahi und sie repräsentieren – ein Kind iranischer Geflüchteter und eine junge Frau in Leitungsfunktion. „Wenn ich mir mehr junge Frauen in diesen Positionen wünsche, dann muss ich halt vielleicht auch selbst die junge Frau sein, die sie übernimmt“, sagt Altenberger. •

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„Trans Personen rulen einfach“ https://ansch.4lima.de/trans-personen-rulen-einfach/ https://ansch.4lima.de/trans-personen-rulen-einfach/#respond Fri, 20 May 2022 09:35:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=71656 Kerosin95 erschafft auf „Trans Agenda Dynastie“ eine queere Utopie. Von Barbara Fohringer „Keine cis hetero Typen sind erlaubt“, rappt Kerosin95 in „Bullshit Bingo 1.0“, dem zweiten Track der neuen EP. Die Richtung ist klar, wie es auch im titelgebenden Song „Trans Agenda Dynastie“ heißt: „Ich und meine trans* cuties feiern heut ein Fest.“ „Ich möchte […]]]>

Kerosin95 erschafft auf „Trans Agenda Dynastie“ eine queere Utopie. Von Barbara Fohringer

„Keine cis hetero Typen sind erlaubt“, rappt Kerosin95 in „Bullshit Bingo 1.0“, dem zweiten Track der neuen EP. Die Richtung ist klar, wie es auch im titelgebenden Song „Trans Agenda Dynastie“ heißt: „Ich und meine trans* cuties feiern heut ein Fest.“

„Ich möchte in meiner künstlerischen Bubble mit queeren und mit trans Personen zusammenarbeiten – gerade auch bei einer EP, die den Titel ‚Trans Agenda Dynastie‘ trägt. Ich wollte eine Utopie schaffen und die Message rüberbringen: Trans Personen rulen einfach“, erzählt Kerosin95 im an.schläge-Gespräch. Die EP hat zwar nur fünf Songs, deckt aber eine Vielfalt an Themen ab: Während die ersten beiden Tracks TERFs bzw. nervigen weißen hetero cis Dudes den Kampf ansagen, wird es bei „Puppy“ und „4ever“ (feat. Nenda) ruhiger und melodischer, bevor „Standort“ uns wieder zurück auf den Dancefloor schickt.

Zusammenarbeit. Seit 2019 gibt es Musik von Kerosin95 zu hören. Songs wie „Außen hart, innen flauschig“ oder „Nie wieder Gastro“ zeigten schnell, wohin die Reise geht: Eine Mischung aus Rap, Trap Beats und Anleihen von Pop bzw. Indie – und das in deutscher Sprache. 2021 folgte das Debütalbum, das schlicht mit „Volume 1“ betitelt wurde, und mit Songs wie „Heeey“, „Nie wieder fühlen“, „Futter“ oder „Shiver“ (feat. Mira Lu Kovacs) zu begeistern wusste. Bereits damals arbeitete Kerosin95 mit Producer Monophobe (Maximilian Walch) an einem Track, eine künstlerische Zusammenarbeit, die nun ihre Fortführung findet: „Es hat uns beiden sehr gefallen, daher dachte ich daran, wieder mit Max im Studio sein zu wollen.“ Überhaupt scheint Zusammenarbeit für Kerosin95 eine große Bedeutung zu haben. So war etwa Lena Kuzmich für die visuelle Gestaltung der EP zuständig: „Ich habe viel Material gesammelt, aber es ist schlussendlich Lena Kuzmichs Projekt, das ich dann mit meiner Musik aufgreife – so fühlt es sich zumindest für mich an.“ Nenda ist indes auf „Puppy“ zu hören, eine Allianz, die auf Social Media ihren Anfang nahm: „Ich habe Nenda über Instagram angefragt, denn dort bekomme ich – trotz aller Kritik, die ich an Plattformen wie dieser habe – sehr viel über FLINTA-Rapperinnen und -Artists mit.“ Die queere Bubble in Wien sei ohnehin überschaubar, so Kerosin95: „Wien ist einfach ein Dorf und daher bekommt man schnell mit, was andere coole Queers so machen.“

Zukunftspläne. Die Arbeit an der EP habe ungefähr sechs bis neun Monate gedauert, auch live wird es die neuen Songs bald zu hören geben. Über die künftigen Auftritte mit dem neu zusammengestellten Ensemble heißt es von Kerosin95: „Ich bin super excited. Es gibt eine größere Besetzung mit vielen neuen Musiker*innen.“ Künftig will Kerosin95 „weiterhin Musik releasen, Konzerte spielen und mit vielen queeren und trans Personen arbeiten“; neuer Merch sei ebenso bald verfügbar. Angesprochen auf die österreichische Musiklandschaft erinnert Kerosin95 an eine Aussage von Farce über den Unterschied zwischen Industrie und Szene: „Ich finde die Industrie langweilig, aber die Szene großartig.“ Kerosin95 selbst wurde dank elterlicher Unterstützung viel Musikunterricht ermöglicht, daher erinnert Kerosin95 auch an die Privilegien, die mit dem Musikschaffen zusammenhängen. Angesprochen auf den Fokus manch vergangener Medienberichte sagt Kerosin95: „Ich werde oft auf das Thema Wut angesprochen, da ich anfangs einmal das Wort ‚Wut‘ gedroppt habe und seither geht es in unglaublich vielen Interviews um ‚Kerosin95 und die Wut‘. Es geht in den Songs und beim Projekt Kerosin95 um mein Überleben als trans Person, um meine Lebensrealität und um mich als Person, die die ganze Zeit zum Politikum gemacht wird. Ich will einfach nur existieren und Musik machen.“ •

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Perspektivenwechsel https://ansch.4lima.de/perspektivenwechsel/ https://ansch.4lima.de/perspektivenwechsel/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:14:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=55456 Wer von Influencer*innen spricht, hat selten eine Schwarze Frau im Kopf. Christl Clear macht kristallklar, dass das ein Fehler ist. Von ­Vanessa Spanbauer Christl Clear, österreichische Autorin und Influencerin mit nigerianischen Wurzeln, spricht über die schönen Dinge des Lebens, aber auch über die Momente, die wir oft lieber für uns behalten oder ausblenden. Es wirkt fast so, als […]]]>

Wer von Influencer*innen spricht, hat selten eine Schwarze Frau im Kopf. Christl Clear macht kristallklar, dass das ein Fehler ist. Von ­Vanessa Spanbauer

Christl Clear, österreichische Autorin und Influencerin mit nigerianischen Wurzeln, spricht über die schönen Dinge des Lebens, aber auch über die Momente, die wir oft lieber für uns behalten oder ausblenden. Es wirkt fast so, als könnte sie sich nicht entscheiden, wer sie im Netz eigentlich sein will – aber das muss sie auch nicht. Christl Clear besticht mit sehr offenen Storys aus ihrem Alltag – die trotz radikaler Offenheit wohlüberlegt sind. „Ich bin meistens sehr bedacht, was ich teile, weil das Internet einfach skrupellos ist“, erzählt sie im an.schläge-Gespräch. Neben zahlreichen farbenfrohen Postings zum neuesten Outfit oder der neuen Einrichtung bekommen die Follower*innen Talks aus dem Nähkästchen einer Schwarzen Frau, die mitten im Leben steht – ­Rassismus findet darin ebenso Platz wie ignorante Menschen oder Aspekte, die in einer (Liebes- oder auch freundschaftlichen) Beziehung nicht so rund laufen.

Nun hat Christl Clear auch ein Buch veröffentlicht, das Einblicke in ihr Leben gibt und besonders Frauen darin bestärkt, ihr Ding durchzuziehen. „Let Me Be Christl Clear“ ist genau das Richtige, wenn man Bestärkung dafür braucht, um auf Wienerisch „die Goschn“ aufzumachen. Bestärkung, egal ob es darum geht, dass man gerade eine sogenannte Fuck-Person datet, ob einem klar wird, dass man verdammt noch mal dieses Patriarchat endlich zertrümmern sollte, oder ob es um die Widerständigkeit geht, die man sich in Österreich als Schwarze Person ganz automatisch aneignet, um nicht permanent mit dem Kopf gegen eine Tischplatte dreschen zu müssen.

Davor, anderen klar die Meinung zu sagen, hat Christiana, wie sie eigentlich heißt, keine Scheu. „Ich hatte noch nie ein Problem, mir den Raum zu nehmen, aber seit ich selbstständig arbeite, ist es natürlich noch einfacher zu sagen, was ich will oder wann ich es will.“ Dass die Medienwelt so stark von weißen hetero cis Frauen geprägt ist, geht der ehemaligen Journalistin so auf die Nerven, dass sie sich vor einigen Jahren selbstständig gemacht hat, um ihre Perspektiven mit der Welt zu teilen. Und der Erfolg gibt ihr recht – denn diese Einblicke in das Leben einer Schwarzen Frau und ihre Sicht auf die Welt, die als nicht relevant galt, sind heute ein großer Erfolg.

Der Influencer*innen-Branche steht Christl Clear dennoch alles andere als unkritisch gegenüber und lehnt Aufträge auch immer wieder ab. Für Unternehmen soll Christiana oft die fehlende Diversity liefern – das ist ihr durchaus bewusst. Die Autorin zieht dennoch ihren Nutzen daraus: „Ich checke natürlich sofort, wer mich für was und aus welchem Grund buchen will. Aber ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass es schon auch ein wichtiger Punkt ist, wenn sich durch mich drei Leute abgeholt und repräsentiert fühlen, weil ich so aussehe wie sie.“ Wieso sollten nur weiße, eh schon privilegierte Frauen von dieser Branche profitieren? Dass Christl Clear sich nun Dinge leisten kann, die früher unerreichbar gewesen wären, genießt sie durchaus. In ihrer Kindheit sah das noch völlig anders aus – ein Aspekt, der in ihrem Buch ebenfalls Erwähnung findet. Dort schreibt sie über ihr Aufwachsen in einer Familie mit vier Kindern und berichtet von den ständigen Geldsorgen. Christl ­Clear ist auch deshalb so nah und relatable, weil sie sich über Chancen freut, die definitiv nicht den Alltag der meisten Schwarzen Frauen widerspiegeln, aber definitiv große „B*tch, Better Get Your Money!“-Vibes versprühen, wie auch ein Kapitel ihres Buches heißt. Darin verhandelt sie u. a. die leidigen Themen Gender Pay Gap und Pensionssplitting. Über Feminismus spricht sie auch, allerdings aus einer Perspektive, die im Feminismus oft fehlt, weil er immer noch viel zu einseitig und zu wenig intersektional ist. Christl Clear fehlen Räume zum Verlernen, Fehler-Eingestehen und Reflektieren – Räume, die sie sich einfach selbst schafft. •

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Tell me more https://ansch.4lima.de/tell-me-more/ https://ansch.4lima.de/tell-me-more/#respond Sun, 27 Jun 2021 21:55:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=43259 R’n’B-Fans müssen für herzzerreißende Liebeslieder nicht länger in die USA oder nach Großbritannien schauen – souveräner R’n’B kommt aktuell von der in Wien lebenden New­comerin Adaolisa. Von ­Dalia ­Ahmed Der deutschsprachige R’n’B wird ganz groß, das wird uns immer und immer wieder versprochen. Er war ja auch schon mal im Mainstream angelangt. In den späten 90ern und […]]]>

R’n’B-Fans müssen für herzzerreißende Liebeslieder nicht länger in die USA oder nach Großbritannien schauen – souveräner R’n’B kommt aktuell von der in Wien lebenden New­comerin Adaolisa. Von ­Dalia ­Ahmed

Der deutschsprachige R’n’B wird ganz groß, das wird uns immer und immer wieder versprochen. Er war ja auch schon mal im Mainstream angelangt. In den späten 90ern und frühen 2000ern lief die Kollabo zwischen Joy Denalane und Freundeskreis „Mit dir“ im Discman heiß, und auch die Formation Söhne Mannheims um den inzwischen auf arge Abwege geratenen Xavier Naidoo war eine Fixgröße am Pop-Firmament.

Aktuell kommt das alles wieder. Artists wie Rola, Mashanda oder Eli Preiss machen authentischen, wunderschönen R’n’B auf Deutsch. Die in Wien lebende Künstlerin Adaolisa beweist uns aber gerade, dass heimisch produzierter R’n’B auch auf Englisch extrem gut klingen kann.

Adaolisa macht Tracks, die problemlos auf einem Mixtape oder einer Playlist direkt neben neuen Releases von SZA, Summer Walker oder Ari Lennox gelistet werden können.

„Durch meinen Vater, der mein Zuhause immer mit Musik gefüllt hat, bin ich mit den Stimmen von Brenda Fassie, Michael Jackson, Anastasia, Lionel Richie, Fela Kuti und Luther Vandross aufgewachsen“, erzählt Adaolisa im an.schläge-Interview.

Adaolisa ist in Johannesburg geboren und aufgewachsen, nach einem Zwischenstopp in Salzburg mit ihren aus Österreich und Nigeria stammenden Eltern lebt und arbeitet sie nun in Wien. Die Musik, die ihr Vater in ihrer Jugend durchs Haus schallen ließ, hat die Musikerin entscheidend geprägt. Denn die Basis von Adaolisas Sound ist die Liebe zum geschmeidigen und doch kraftvollen R’n’B. Bittersüße Lovesongs, bei denen man sich in den besungenen Schmerz lehnt, um gestärkt am anderen Ende des Songs auszusteigen. „Ich konzentriere mich auf das Songwriting, die Melodienfindung und das Texten. Ab und zu produziere ich aber auch selbst mit.“

Mit dem Musikmachen und der Auseinandersetzung damit hat Adaolisa schon als Kind begonnen. Sie sang mit ihrer Mutter und tanzte mit ihrem Vater zu den Platten von Fela Kuti. Nach der Matura schloss sie sich mit ihrem Schulkollegen und Produzenten, Johannes Madl aka Hansi Kabinett, zusammen, um gemeinsam an Adaolisas Sound zu schleifen. Einem Sound, der auf dem R’n’B-Fundament aufbauend Afropop, Trap und mehr aufnimmt. „Durch meine verschiedenen kulturellen Hintergründe versuche ich als Afro-Österreicherin in meiner Musik verschiedene Genres wie R’n’B, HipHop, Pop, Afrofunk und Neo-Soul zu kombinieren“, sagt sie.

Auf der ersten Adaolisa-Single „Bae Privileges“, die 2019 erschien, stellte sie den nervigen Ex singend bloß und schloss mit ihm ab, alles über einem bassigen und doch leichtfüßigen Beat mit Xylophon-Einbindung. Und auch die nächsten Releases waren alle Bops, die von smooth und spaßig bis melancholisch und frustriert das gesamte Liebesgeschichten- und Beziehungsdramen-Spektrum abdeckten.

Neben den Themen, den spielerischen Beats und ihrer satten Stimme ist aber vor allem Adaolisas Story­telling der Star ihrer Musik. Adaolisa beschreibt ihre Gefühle auf eine reflektierte Art, klagt den Fuckboi relatable an und streut authentisch R’n’B- und Popkultur-Referenzen ein. So trägt in einer der – wenigen deutschsprachigen – Textzeilen im Song „In deiner Hand“ der Teufel nicht mehr Prada, sondern Kanye-West-Sneaker.

Adaolisas Sound ist frisch, entspannt, öffnet Projektionsflächen und beweist, dass hier ein fix fertiger R’n’B-Star vor uns steht. Wer mir nicht glaubt, wird dann im November schon sehen, wenn Adaolisa ihre Debüt-EP „Banana Island“ veröffentlicht. „Banana Island“ wird, so Adaolisa, „eine musikalische Erzählung von vier Tagträumen. Das lyrische Ich durchlebt die Gezeiten der Liebe, das Kommen und Gehen von Gefühlen.“ Das wird ganz groß!

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Ein Stachel im woken System https://ansch.4lima.de/ein-stachel-im-woken-system/ https://ansch.4lima.de/ein-stachel-im-woken-system/#comments Mon, 31 May 2021 20:36:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=40525 Toxische Pommes legt mit ihren satirischen TikTok-Videos den Finger in die Wunde. Fiona Sara Schmidt hat sie nach Humor und Verfassung gefragt. „Hat Bundespräsident Van der Bellen recht damit, dass die Ibiza-Affäre die Schönheit der österreichischen Verfassung offenbart hat?“ Mit dieser Frage beginne ich das an.schläge-Gespräch mit TikTok-Sensation Toxische Pommes. Die Social-Media-Satirikerin heißt Irina und […]]]>

Toxische Pommes legt mit ihren satirischen TikTok-Videos den Finger in die Wunde. Fiona Sara Schmidt hat sie nach Humor und Verfassung gefragt.

„Hat Bundespräsident Van der Bellen recht damit, dass die Ibiza-Affäre die Schönheit der österreichischen Verfassung offenbart hat?“ Mit dieser Frage beginne ich das an.schläge-Gespräch mit TikTok-Sensation Toxische Pommes. Die Social-Media-Satirikerin heißt Irina und ist im Brotberuf Verfassungsjuristin: „Für Jurist*innen war die Regierungskrise nach Ibiza ein Lehrbuchfall, in den man sich wunderbar hinein-nerden konnte. Die Verfassung hält gute Instrumentarien bereit und die Expert*innenregierung war wie ein Ausflug in eine Utopie“, sagt Irina. Es gebe aber gravierende soziale Ungleichheiten, die nicht zuletzt Corona offengelegt hat. „Da stellt sich schon die Frage, ob unser gesamtes Rechtssystem so toll ist, wie wir glauben.“

Balkankinder. Um gesellschaftliche Bruchlinien geht es auch oft in den kurzen Videos, die Irina als Toxische Pommes seit Sommer 2020 produziert. Auslöser war das Ende einer toxischen Beziehung, Irina meldete sich zur Aufheiterung auf TikTok an und begann bald selbst damit, kleine Szenen zu drehen. In Miniaturen oder kurzen Dialogen mit mehreren Rollen schafft sie es in wenigen Sekunden, ganze Milieus treffend unters Mikroskop zu bringen. Es geht in ihren unglaublich lustigen Kleinoden um Vorurteile von „Švabos“ (Deutschsprachigen) gegenüber „dem Balkan“, um Kindererziehung, Workaholics, Homo­feindlichkeit, die Doppelmoral von Linken, Rassismus und um Klassismus im Alltag.

Als Kleinkind mit den Eltern aus Ex-Jugoslawien geflüchtet und in Wiener Neustadt aufgewachsen, war Irina als Kind eher konformistisch, erzählt sie. In der Familie wurde zwar ausschließlich BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) gesprochen, zum Selbstbewusstsein im Hinblick auf ihre Wurzeln habe sie aber erst in Wien gefunden, erzählt Irina. Die selbst­ironischen Jugo-Videos zählen zu den beliebtesten von Toxische Pommes, viele Diaspora-Kids könnten sich damit identifizieren. Manchmal muss sie die Videos aber auch als „Satire“ kennzeichnen: „Wenn die Leute nur ein Video von mir sehen, ­verstehen sie es falsch. Ich überspitze und pauschalisiere oft sehr, das kann man ohne Kontext schnell missverstehen.“ Mit jeweils rund 30.000 Followern auf TikTok und Instagram macht sich Irina heute mehr Druck. Mit dem Job lässt sich TikTok trotzdem vereinbaren: „Pro Video wende ich nicht mehr als zehn Minuten auf, ich kann inzwischen meine Messages auch ohne viel Verkleidungen und mit weniger Personen und Schnitten rüberbringen.“

Toxisches Dating. Der Humor von Toxische Pommes tritt nicht nur nach oben, sondern zielt auch auf ihr eigenes Milieu: „Ich mache mich ja auch über mich selbst lustig und ­urgerne Beamte nach.“ Ihr Freundeskreis bestehe aus Feminist*innen und vielen LGBTIQs, erzählt Irina, als Teil einer Szene sieht sie sich jedoch nicht.

Regelmäßig postet Toxische ­Pommes auch Datingprofile von seltsamen Typen. Viele linke Männer würden sich mit feministischen Themen sehr oberflächlich auseinandersetzen, kritisiert Irina, Rückschlüsse auf eigenes Verhalten gebe es kaum. „Patriarchale Verhaltensweisen verteidigen sie dann mit dem Instrumentarium feministischer Literatur, die sie konsumiert haben, und checken ihre eigenen Privilegien nicht.“ Ihr wiederkehrender Charakter Lorenz ist dieser typische linke Bobo, „der denkt, dass er mit dem Kauf von Bio und ­Fairtrade den Klimawandel stoppen kann, er wird jedoch leider nicht in Karenz gehen, weil er gerade eine Stelle hat, die er nicht so leicht wiederbekommt“.

Next Generation. Feministische Themen wie Bodyshaming, die Toxische Pommes verarbeitet, wären früher nicht so massenkompatibel gewesen. „Obviously haben wir noch urviel Scheiße zu erledigen, aber die Themen haben sich geändert und Feminismus ist viel mehr im Mainstream präsent, es gibt eine neue Generation kritischer junger Menschen.“

Es bleibt spannend, welches Projekt Toxische Pommes als Nächstes anpackt: den lang gehegten Traum vom Stand-up, das begonnene Buch oder doch „ein sechsstündiges Burg­theater-Stück“.

Fiona Sara Schmidt ist freie Lektorin und Redakteurin in Wien und mag eigentlich keine Comedy.

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Completely Herself https://ansch.4lima.de/completely-herself/ https://ansch.4lima.de/completely-herself/#respond Sun, 02 May 2021 20:50:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=37347 Die 20-jährige Britin Arlo Parks ist Schwarz, bisexuell und wortgewandt. Mit ihrem Coming-of-Age-Album „Collapsed In Sunbeams“ gilt sie als neue Indie-Pop-Hoffnung. Von Michaela Pichler Ein Post im Instagram-Feed, eine übers ganze Gesicht strahlende Arlo Parks vor einem Club in Westlondon. Es ist das denkmalgeschützte O2 Shepherds Bush Empire. Ein Musikort, der im Gedächtnis der Singer-Songwriterin […]]]>

Die 20-jährige Britin Arlo Parks ist Schwarz, bisexuell und wortgewandt. Mit ihrem Coming-of-Age-Album „Collapsed In Sunbeams“ gilt sie als neue Indie-Pop-Hoffnung. Von Michaela Pichler

Ein Post im Instagram-Feed, eine übers ganze Gesicht strahlende Arlo Parks vor einem Club in Westlondon. Es ist das denkmalgeschützte O2 Shepherds Bush Empire. Ein Musikort, der im Gedächtnis der Singer-Songwriterin einen besonderen Platz hat. Dort hat Parks zum ersten Mal einen Live-Gig erlebt, das erste Mal gespürt, wie ein kollektives Erleben von Musik die Zeit für ein paar Stunden stillstehen lässt. Kurz vor der globalen Pandemie bewunderte sie auf dieser Bühne Kolleginnen wie die US-amerikanische Pop-Musikerin Clairo.

Nun prangt in leuchtenden Gelb- und Blautönen eine Wandmalerei der Künstlerin Kate Philipson an der Außenfassade des Lokals: „A force of light and power, she is completely herself“, steht da geschrieben, inspiriert von einem Gedicht aus Parks Feder. Es wurde dort platziert zu Ehren des ­Women’s History Month im März. So kurz dieses Zitat ist, beschreibt es doch ziemlich gut, was den Zauber um die Newcomerin Parks ausmacht.

Gerade hat die 20-jährige Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho unter ihrem Künstlernamen Arlo Parks ihr Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“ via Transgressive Records veröffentlicht. Nicht nur dafür ist sie bei den Brit Awards 2021 nominiert, auch in den Kategorien „Best Solo Female Artist“ und „Breakthrough Artist“ winken Auszeichnungen. Aufgewachsen ist die britische Musikerin im Londoner Stadtteil Hammersmith, mit Jazz-Platten im Ohr, die ihr Vater zu Hause auflegt. Als Teenager bringt sie sich Akkorde auf der Akustik-Gitarre bei und untermalt ihre Gedichte, die sie schon als Kind in Notizhefte kritzelt. In Arlo Parks’ Bücherregal finden sich große Namen, die ihr Schreiben beeinflusst haben: Zadie Smith, Sylvia Plath, Audre Lorde, Virginia Woolf oder Pat Parker. Sie alle kommen in und zwischen den Songzeilen auf „Collapsed In Sunbeams“ vor.

Die Schwarze, feministische Dichterin und Aktivistin Pat Parker beispielsweise hat die junge Musikerin zum Stück „Green Eyes“ inspiriert. „My Lover Is A Woman“ heißt das ursprüngliche Gedicht, in dem Parker über den täglichen Kampf als queere Person of Color zwischen Homofeindlichkeit und Rassismus schreibt. „Felt their eyes judgin’ our love and beggin’ for blood“, singt Arlo Parks drei ­Jahrzehnte nach dem Tod der Poetin. Ihre eigene Bi­sexualität macht die Newcomerin nicht nur hier zum Thema. In „Eugene“ verschwimmen die Grenzen zwischen bester Freundinnenschaft und erstem Verliebtsein. Der Aufprall ist allerdings hart, wenn die ersten großen Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen.

Kennt man die schriftstellerischen Pfade, auf denen Parks wandert, ist es wohl kein Wunder, dass „Collapsed In Sunbeams“ ein vertontes Poesiealbum geworden ist. Unter dieser Prämisse beginnt die Platte mit dem titelgebenden Spoken-Word-Stück, in dem gleich zu Beginn von Selbstakzeptanz die Rede ist. Dass dies auch immer mit dem Eingestehen der eigenen vermeintlichen Schwächen einhergeht, wird auch in den restlichen elf Tracks hörbar: Das Album feiert Verletzlichkeit als vielleicht größte Superpower der Gegenwart, vor allem der „Super Sad Generation“, wie auch die erste EP 2019 heißt.

In den Songs liefert Parks immer wieder Projektionsfläche für das Aufwachsen in einer Gesellschaft, die durch das Scheitern des Neoliberalismus geprägt ist. Ein ausbeuterisches System, das krank macht. Arlo Parks fängt diese zerfallende Welt zwischen Social-Media-Perfektionismus, Depression und Angststörungen ein und verwandelt sie in bittersüßen Pop, der sich aus smoothen Harmonien, stolpernden Lo-Fi-Beats und softem R’n’B speist. In ihrer Stimme steckt Wärme, mit der die Singer-Songwriterin genau die richtige Art von Nähe herstellt. Die einen nennen das authentisch, die anderen sehen darin eine strahlende Identifikationsfigur. Und Arlo Parks? Die ist vielleicht einfach nur sie selbst.

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an.klang: Oçıp kitmä https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/ https://ansch.4lima.de/an-klang-ocip-kitmae/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:16:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=24962 Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle […]]]>

Oper, Beatboxing, tatarischer Volkslieder, Dancepop: Die multibegabte Musikerin Aygyul betätigt sich als Musikethnographin und mixt klassische mit zeitgenössischer Musik. Von Sonja Eismann

Dieses Internet, diese Globalisierung. Riesige Konzerne machen sich die Taschen voll, graben unsere Daten ab, tun nichts gegen politische Manipulation und Hasskommentare; reiche Länder verriegeln ihre Grenzen, während deren Bürger:innen mit protokolonialistischem Lifestyle selbst überall hinein dürfen. Stimmt alles genau so, aber trotzdem bringt all das in kaum fassbaren Ambivalenzen auch unfassbar Beglückendes mit sich. Zum Beispiel einen Lebensweg wie den der Musikerin Aygyul, der ohne beides kaum vorstellbar wäre. Geboren und aufgewachsen in Tatarstan, einer autonomen Republik im Osten (des europäischen Teils) Russlands, in der dortigen Hauptstadt Kazan im Alter von acht bis 17 Jahren zur Opernsängerin ausgebildet, entscheidet sich Aygyul als junge Erwachsene, dass das noch nicht alles war. Mit zwanzig zieht sie, ganz alleine und ohne Deutsch oder Englisch zu sprechen, von Kazan nach Wien, wo sie mittlerweile seit fünf Jahren lebt. Weil sie privat ohnehin nie Opern, sondern Rock und Hiphop gehört und immer schon davon geträumt hat, klassische mit zeitgenössischer Musik zu verbinden, bringt sie sich das Produzieren elektronischer Musik selbst bei – mithilfe von Youtube-Tutorials. Englisch lernt sie mit Netflix. Und als ob das noch nicht genug wäre, schafft sich die Wahl-Floridsdorferin auch noch Beatboxing und das Filmen von Videos drauf, alles natürlich wieder strictly DIY. Dabei beschränkt sich bei Aygyul der künstlerische Prozess aber nicht nur auf ihre eigene Person, sondern ist ein kollaborativer Vorgang. Mit ihrer Mitstreiterin und Mitbewohnerin Pati Avish, die als Street-Art-Künstlerin und als Poetin aktiv ist, schreibt und konzipiert sie die Songs und Videos gemeinsam – und setzt sich für die Dinge ein, die beiden wichtig sind: Feminismus, Veganismus und einen so fried- wie liebevollen Umgang mit der Welt und all ihren Bewohner:innen.

Neben dem Engagement für ernste und gewichtige Themen zeigt Aygyul auf ihrem Youtube-Kanal aber gerne auch ihre spielerische, humoristische Ader: Während des Corona-Lockdowns produzierte die Multibegabte ein aufmunterndes Musikvideo mit dem Titel „Musicican on Isolation“, in dem sie mithilfe von Playtronica-MIDI-Controllern Klopapierrollen in Soundquellen verwandelte. Aygyul haut auf die damals so heiß begehrten Röllchen, dancey Clubsounds und slicke Autotunes-Vocals ertönen, und kleine Videobildchen einer frech schreienden Cardi B poppen auf!

Die aktuelle Single von Aygyul ist ebenfalls während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen in ihrem Heimstudio in Wien entstanden. Die Musikerin war an über hundert Jahre alte Aufnahmen tatarischer Volkslieder gelangt, die, auf Metallplatten gepresst, im Archiv eines lokalen Museums gelagert hatten, bis sie aufwendig digitalisiert wurden. In „It’s More“ verbindet Aygyul nicht nur im Sinne einer Musikethnographin zwei unterschiedliche Sounds und Epochen, indem sie Snippets aus dem Originalmaterial in ihre zeitgenössische Dancepop-Komposition einbaut, sie benutzt auch zwei Sprachen: Englisch und Tatarisch. Die sanfte Forderung „Oçıp kitmä“, was auf Deutsch so viel wie „Flieg nicht davon“ bedeutet, zieht sich als sehnsuchtsvolle Widmung an eine geliebte Person durch den gesamten Track. Die Verbindung von opernhaften mit aktuell clubbigen sowie alten Folk-Elementen ist dabei eine Mischung, die beispielhaft dafür steht, wohin sich interessante Musik von heute entwickeln sollte: nach vorne, nach hinten, unten, oben und in alle Richtungen. Soll heißen: Pop jetzt und morgen, wenn man ihn dann überhaupt noch so nennen möchte, inspiriert sich nicht nur aus der Zukunft und der Vergangenheit, sondern erschließt sich unentdeckte bzw. übersehene Quellen aus allen Epochen und Regionen der Welt. Und hat keine Berührungsangst mit der so genannten Hochkultur. Ganz geht das Konzept bei Aygyul noch nicht auf, weil sie slicke Elektronikpopsounds privilegiert, die das darunter liegende faszinierende Konzept fast gänzlich verdecken. Aber wenn sie so engagiert und talentiert weitermacht, passiert hoffentlich wirklich bald das, was ihre Mutter ihr schon als Kind prophezeite: Sie steht auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Und zwar, wie von ihr selbst erträumt, mit einem politisch engagierten Kollektiv aus allen Teilen der Welt, das ohne Berührungsängste alle künstlichen Grenzen sprengt.

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an.klang: Godmother of Performancekunst https://ansch.4lima.de/an-klang-godmother-of-performancekunst/ https://ansch.4lima.de/an-klang-godmother-of-performancekunst/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:02:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=23856 Valie Export ist heuer 80 geworden und wird zu Recht geehrt und gefeiert, für ihre Verdienste um die Kunst ebenso wie um den Feminismus. Den sieht sie nach wie vor noch nicht am Ziel. Von Andrea Heinz Man kann die Bedeutung von Valie Export kaum überschätzen – ihre Bedeutung für die Performancekunst, den Feminismus und […]]]>


Valie Export ist heuer 80 geworden und wird zu Recht geehrt und gefeiert, für ihre Verdienste um die Kunst ebenso wie um den Feminismus. Den sieht sie nach wie vor noch nicht am Ziel. Von Andrea Heinz

Man kann die Bedeutung von Valie Export kaum überschätzen – ihre Bedeutung für die Performancekunst, den Feminismus und die Position der Künstlerinnen, vor allem, aber nicht nur in Österreich. Die 1940 Geborene, die heuer ihren 80. Geburtstag feierte, wird als Godmother der Performancekunst bezeichnet, und selbst wenn das natürlich den Blick darauf verstellt, dass es neben Export eine Reihe bemerkenswerter Frauen auf diesem Feld gab, hat dieser Titel doch seine Berechtigung. Denn Export war präzise, innovativ wie kaum jemand anderes (und da sind die Männer des Wiener Aktionismus explizit mit eingeschlossen), auf formaler und ästhetischer ebenso wie auf inhaltlicher, intellektueller Ebene. Auch, wenn sie den meisten wohl in erster Linie als Aktionskünstlerin in Erinnerung ist, mit so ikonografischen Arbeiten wie dem Tapp- und Tastkino (1968) oder der Aktionshose: Genitalpanik (1969): Was die Künstlerin Valie Export auszeichnet, ist, dass sie mehr als nur eine ästhetische Sprache beherrscht. Sie, die einst als Script-Girl und Filmeditorin ihr Geld verdiente, gilt auch als Vorreiterin der Medienkunst. Sie entdeckte in ihrer Kunst früh das Medium Video für sich, schrieb Drehbücher (etwa zu Unsichtbare Gegner von 1976-77, der auch heute noch erschreckend aktuell ist), drehte Filme. Und auch Fotoserien seien erwähnt, wie die Körperkonfigurationen (1972-1982), in denen massige Bauten nur mit dem (weiblichen) Körper vermessen werden. Als wäre tatsächlich einmal nicht die (von Männern geschaffene) soziale und kulturelle Realität das Maß, sondern der Körper der Frau.

Überhaupt, der Körper: Auf ihm, zumal auf dem weiblichen in kapitalistischen (Re-)Produktions-Zusammenhängen, legte Export immer schon einen starken Fokus. Weil bei der Frau letztlich alles am Körper verhandelt wird, sehr viel mehr als beim Mann, dem eine geistige Existenz, etwas den Körper Sublimierendes  zugestanden wird. Der Frauenkörper ist Objekt des Kapitalismus, er wird verkauft, optimiert, berechnet, er ist Objekt gesellschaftlicher Zurichtung, wie sie sich in Reproduktionsgesetzen äußert. Aber Export blieb auch hier nicht stehen, sie ging mit der Entwicklung der Zeit: 1999 verfasste sie das Drehbuch Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper, das die Geschichte des (virtuellen) Körpers vom Mittelalter bis in die Gegenwart verfolgt. Der Filmessay kam, mangels Finanzierung, nie zustande, liegt nun aber zumindest als editiertes Drehbuch vor. Wo die Verbindung von Wissenschaft und Kunst heute als letzter Schrei gilt, gab es bei Export immer schon starkes, Disziplinen-übergreifendes Interesse an neuen Technologien und Erkenntnissen und so verbinden sich in ihrer Arbeit Wissenschafts- und Medizingeschichte, Neurobiologie, Philosophie und Kunst. Anlässlich des 80. Geburtstags, den Export im Mai feierte, war im Valie-Export-Center in Linz die Konferenz Anagrammatic Bodies geplant, an der u.a. Christina von Braun, Karin Harrasser und Gloria Meynen teilnehmen sollten und die nun, so es die Umstände erlauben, im Herbst stattfinden wird.

Zum runden Geburtstag gab und gibt es zahlreiche Tribute, Ehrungen und überhaupt viel Verbeugung vor der Künstlerin. Man darf an dieser Stelle aber noch einmal daran erinnern, dass Export, die 2010 unter anderem das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt, 1970 von eben diesem Staat das Sorgerecht für ihre Tochter Perdita aberkannt wurde – weil sie angeblich eine „unzüchtige Schrift“ publiziert hatte. Es handelte sich um eine Dokumentation der Wiener Avantgarde. Sie selbst sieht den Stand des Feminismus nach wie vor nüchtern. So sagte sie unlängst in einem Interview: „Die patriarchalen Strukturen sind heute zwar verschleiert, aber immer noch stark vorhanden. Nur weil Frauen jetzt mehr erreichen können und nicht mehr ihre Ehemänner fragen müssen, ob sie arbeiten gehen dürfen, sind die dominanten Strukturen in der Gesellschaft nicht verschwunden – und männlich. Wir haben immer noch eine dominante Männerherrschaft!“

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an.klang: Die Theatermacherin https://ansch.4lima.de/an-klang-die-theatermacherin/ https://ansch.4lima.de/an-klang-die-theatermacherin/#respond Sat, 11 Apr 2020 14:38:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=20447 Sie schauspielert, führt Regie, leitet ein Laboratorium für Diversität und kämpft gleichzeitig gegen die Vereinnahmung von außen. Jetzt bereitet Tausendsassa Aslı Kışlal „Medeas Töchter“ im Dschungel Wien vor. Von Olja Alvir  „Wir sind in einer Zeit des Verlernens und Neulernens“, sagt Aslı Kışlal. Zu denen, die diese Epoche eingeleitet haben, zählt sie allemal. Kışlal leitet […]]]>

Sie schauspielert, führt Regie, leitet ein Laboratorium für Diversität und kämpft gleichzeitig gegen die Vereinnahmung von außen. Jetzt bereitet Tausendsassa Aslı Kışlal „Medeas Töchter“ im Dschungel Wien vor. Von Olja Alvir

 Wir sind in einer Zeit des Verlernens und Neulernens“, sagt Aslı Kışlal. Zu denen, die diese Epoche eingeleitet haben, zählt sie allemal. Kışlal leitet das diverCITYLAB für mehr Diversität im Theater, eine „kunstpolitische Aktion, getarnt als Schauspielakademie“, wie sie sagt. In der Vergangenheit war Kışlal Dreh- und Angelpunkt vieler Kunstprojekte wie etwa „daskunst“ oder „PIMP MY INTEGRATION“.
Es hat sich einiges getan“, meint Kışlal im Rückblick auf die vergangenen Jahre. Die „postdramatische“ Phase des Theaters habe sich positiv auf die Sichtbarkeit von Migrant_innen und anderen Marginalisierten in der Kunst ausgewirkt: „Im postdramatischen Theater werden die Seh- und Hörgewohnheiten und Hierarchien des Theaters in Frage gestellt. Das öffnete den Raum für zuvor ignorierte Gesichter und Geschichten.“ Das Personal auf der Bühne ändere sich langsam, die Stoffe hielten allerdings noch nicht ganz mit. „Der nächste Schritt ist, mit den diversen Ensembles eine Normalität der Themen herzustellen. Migrationsgeschichten etwa sind keine Randgeschichten. Sie sind normal in dem Sinne, dass sie die Norm darstellen in einer Migrationsgesellschaft.“ Migrantische Schauspieler_innen würden auch heute noch zu oft in weiß zentrierte Narrative hineingeschrieben und nach deren Logik dargestellt. 
Das erfuhr Kışlal auch an eigenem Leibe. Am Anfang ihrer Schauspielkarriere wurde sie rassistisch-stereotyp gecasted. Wenn man sie googelt, ist unter den ersten Ergebnissen ihr „International Movie Database“-Eintrag, wo sie zwei Mal als „Burkafrau 3“ geführt wird. „Ja, das ist skurril. Diese Rolle habe ich angenommen, weil die sogenannten Burkafrauen in dieser Serie sehr interessanten Text haben und mit den intellektuellen Verweisen darin das typisch klischeehafte Bild der verhüllten Frau unterlaufen“, so Kışlal. „Dass diese Figuren dann trotzdem nur Burkafrau 1, 2 und 3 heißen, unterläuft diese Idee wiederum.“ Das Mädchen mit dem Kopftuch und dem schlechtem Deutsch – diese Rolle hat Kışlal schon einige Male durchgespielt. „Nach einer Zeit merkte ich, welche Klischees ich da mitbediene. Da ist mir klargeworden, in welchen Schlamassel ich gerate, wenn ich die Angebote nicht reflektiere. Danach habe ich fast alles abgesagt.“
Als einer der Eckpfeiler der Wiener Kunst- und Kulturszene wurde Kışlal bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie 2014 den MiA-Award (Migrantinnen Award für Integration). Doch sie ist eine widerwillige Preisträgerin, die die Vereinnahmung durch Institutionen ebenfalls kritisch reflektiert. „Die erste Nominierung zog ich selbst wieder zurück. Der Fragebogen, der mir geschickt wurde, enthielt nur Fragen zur eigenen Opfergeschichte. Sehr problematisch.“ Als sie ein paar Jahre darauf wieder nominiert wurde, wusste das Komitee schon Bescheid – kein Fragebogen für Kışlal, stattdessen gab’s ein Interview. „Die Verleihung nutzte ich dann, um den Integrationsdiskurs zu kritisieren. Warum braucht es immer die erfolgreichen Vorzeigemigrant_innen? Was heißt das für die Kunstszene, wenn ich hier ausgezeichnet werde, während an den großen Theatern weiterhin institutionell diskriminiert wird?“ Der Applaus für ihre Dankesrede beim MiA-Award war verhalten. Doch den Zuspruch sucht Kışlal ohnehin anderswo, und dort bekommt sie ihn allemal. Demnächst, sofern die Corona-Krise es erlaubt, am Dschungel Wien gemeinsam mit Magdalena Chowaniec, Yasmo, Esra Özmen und vielen mehr beim Projekt „Medeas Töchter“, bei dem marginalisierte Mädchen und junge Frauen im Zentrum stehen.
Auch wenn Streams in Zeiten der Pandemie das Theater an zuvor unentdeckte Orte tragen, so hofft Kışlal auf ein baldiges physisches Wiedersehen. Denn die Interaktion mit den Menschen ist, was ihr die Kraft für ihre zahlreichen Projekte gibt. „Im Theater ist jeder Abend ist anders. Ich fühle eine positive Aufregung und auch ein kleines bisschen Angst – das ist der Respekt vor der Kunst – vor jedem Auftritt. Man entdeckt jedes Mal die Geschichte gemeinsam neu. Und das Lebendige hält uns wach und wachsam.“ 

 Olja Alvir ist Autorin in Wien. Sie sammelte ihre ersten Theatererfahrungen am feministischen Theater Drachengasse und am inklusiven Theater Delphin. Nach diesem Text bekam sie direkt auch Lust aufs diverCITYLAB. 

 

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an.klang: Durchgestartet https://ansch.4lima.de/an-klang-durchgestartet/ https://ansch.4lima.de/an-klang-durchgestartet/#respond Sun, 01 Jul 2018 15:44:59 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9866 Band DIVES © Tina BauerRock, Garage und Melancholie: die Wiener „Dives“. Von BRIGITTE THEIßL]]> Band DIVES © Tina Bauer

Die Wiener Band DIVES lernte sich 2015 beim Linzer Girls Rock Camp kennen – und ist zwei Jahre nach der Gründung bereits auf dem besten Weg zur fixen Größe in der deutschsprachigen Indie-Szene. Von BRIGITTE THEIßL

 

Wenn das „Girls Rock Camp“, wo Mädchen* und junge Frauen* sich alljährlich am Bass oder hinter den Reglern ausprobieren können, ein Aushängeschild bräuchte – die „Dives“ würden sich verdammt gut dazu eignen. 2015 lernten sich Dora de Goederen, Viktoria Kirner und Tamara Leichtfried als Camp-Teilnehmerinnen in Linz kennen und standen beim Abschlusskonzert erstmals gemeinsam auf der Bühne. Im März dieses Jahres spielten sie bereits vor Tausenden im Wiener Gasometer – als Vorband der schottischen Indie-Rocker Franz Ferdinand. „Es ist wirklich alles relativ schnell gegangen“, sagt Tamara, Sängerin und Gitarristin, im an.schläge-Interview. Nicht nur Franz Ferdinand, auch Bilderbuch und Clara Luzia fragten die Dives als Support-Act an – und dann war da noch die Nominierung für den FM4-Award beim österreichischen Musikpreis Amadeus. „Ich habe erst einmal Zeit gebraucht, um wieder runterzukommen.“

Surf-Sound. Mit ihrem 2017 beim Wiener Label Siluh erschienenen Minialbum ernteten die drei Musikerinnen begeisterte Kritiken. Sechs eingängige Songs sind es geworden, Surf-Rock mit einem Hauch Melancholie und punkigen Garage-Anleihen, dominante Bass-Lines, mehrstimmiger Gesang. „Tomorrow“ lässt schon nach dem ersten Hören nicht mehr los, in bemerkenswert kurzer Zeit haben die Dives einen Sound mit Wiedererkennungswert kreiert. Dabei war es anfangs gar nicht so einfach, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. „Es war nicht klar, ob wir überhaupt einen Song schreiben können, der uns allen gefällt“, erzählt Bassistin Viktoria, die das Bassspielen erst nach dem ersten Workshop am Girls Rock Camp erlernen musste. Auch Tamara hatte ein Jahr vor dem Girls Rock Camp angefangen, Schlagzeug zu lernen, und sattelte kurzfristig auf die Gitarre um. An den Drums sitzt stattdessen Dora de Goederen, die auch Teil der queer-feministischen Band Шaпκa (Schapka) ist.

Vorbildwirkung. Dass das Girls Rock Camp für die Vernetzung der österreichischen Musikszene enorm wichtig ist, sind sich die drei Musikerinnen einig. „Mädchen und junge Frauen werden unterstützt, es wird ihnen gezeigt: Ihr habt auch einen Platz in dieser Musikwelt“, sagt Dora. „Wenn ich dort die schüchternen 14-, 15-Jährigen gesehen habe, die am Abschlussabend richtig aufgeblüht sind, das waren schon Gänsehaut-Momente“, erinnert sich Viktoria. Workshop-Leiterinnen, Tontechnikerinnen, Coaches – am Camp sind es ausschließlich Frauen, die die Jobs übernehmen. Vorbilder, die man im Mainstream nicht so leicht finde, meint Tamara. Der Frauenraum auf dem Camp sei vor Ort bald selbstverständlich. Das ist sonst ganz anders: Als „Frauenband“ betitelt zu werden, das kennen die Dives hingegen zur Genüge. „Frauenband ist kein Genre, es sagt nichts über die Musik aus“, sagt Tamara. „Es ist eigentlich komplett lächerlich“, ärgert sich Dora. „Meistens sind es Männer, die uns als Frauenband anmoderieren. Wenn man die fragt: ‚Habt ihr die letzten hundert Bands, die nur mit Männern besetzt sind, auch als Männerbands angekündigt?‘, sieht man erst, wie lächerlich das ist.“

Teilzeit-Stars. Nicht von der Musik leben zu müssen, das genießen die drei Musikerinnen mit Nebenjobs noch. „Kreatives Schaffen funktioniert nicht mehr, wenn man abhängig davon ist, dass es gut ankommt, wenn man das permanent im Hinterkopf hat und nicht einfach drauflosspielen kann“, sagt Dora. Einen Vorgeschmack auf das Musikerinnen-Leben haben die Dives aber längst bekommen. „Wenn man so viel Energie und Leidenschaft in ein Projekt steckt, entsteht natürlich auch das Bedürfnis, nur noch das zu machen“, sagt Tamara. Hits zu schreiben und an Merch zu feilen, um die Miete bezahlen zu können – das sei aktuell aber eine Nummer zu groß. Erst mal durchatmen und Musik produzieren, die den eigenen Ansprüchen genügt. Die Dives bleiben bescheiden: „Wir sind selbst vom Erfolg überrascht. Natürlich haben wir hart dafür gearbeitet, aber der Zufall spielt auch immer mit.“

 

Die Dives treten am 26. Juli beim Wiener Popfest auf. Alle Tour-Daten findet ihr auf www.siluh.com/artists/dives

 

 

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an.klang: Die Antwort https://ansch.4lima.de/an-klang-die-antwort/ https://ansch.4lima.de/an-klang-die-antwort/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:41:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6934 Santigold © Paradigm Talent AgencyGute Musik für schlechte Zeiten. Von SONJA EISMANN]]> Santigold © Paradigm Talent Agency

2015 war in vielerlei Hinsicht niederschmetternd. Es deutet wenig darauf hin, dass alles besser wird – aber zumindest neue Platten faszinieren mit mystischen Klangschichten und frohlocken mit Ohrwürmern. Von SONJA EISMANN

 

Ist das die Antwort auf all die Entsetzlichkeiten des vergangenen Jahres? Auf Krieg, Terror, Zerstörung, Flucht und Hass? Das erste Stück von Adore Life (Matador/Indigo), wie die britische Band Savages ihr zweites Album genannt hat, legt jedenfalls nahe, dass das rein weibliche Postpunk-Quartett im Titel die Lösung sieht: Sängerin Camille Berthomier, die sich hier Jehnny Beth nennt, proklamiert darin: „Love is the answer“. Dafür, dass die Londonerinnen laut Promotext an die transformative Kraft von Metamorphosen, Evolution, Menschlichkeit und vor allem eben Liebe glauben, klingen die neuen Songs jedoch reichlich düster. Zum Glück, möchte man da fast sagen, denn ein lieblich weichgespülter Sound würde kaum zu den rohen, so rückwärtsgewandten
wie kraftstrotzenden Punk-Riffs der vier passen, die ebenso an Joy Division wie P.J. Harvey oder auch die mittlere Phase von Sleater-Kinney denken lassen. Für Innovationsfetischistinnen ist der von der latent mystischen Qualität der Stimme von Sängerin Jehnny getragene Gitarrensound eher nichts, für nostalgische-progressive PostPunk/Wave-Verehrerinnen jedoch optimal zusammengemixt.

Mary Ocher ist nicht zu stoppen – und wohl auch nicht zu toppen: Nachdem die selbst ernannte Outsider-Künstlerin, die nach Stationen in Moskau und Tel Aviv nun seit einigen Jahren in Berlin ihr feministisch-bohemistisches Unwesen treibt, zuletzt eine „Fictional Biography“, bestehend aus 43 (!) Stücken, veröffentlicht hatte, ist sie nun wieder mit einem regulären Album zurück. Und wie! Auf dem Cover von Mary Ocher + Your Government (Klangbad/Hoanzl) inszeniert sie sich als weibliche Sun Ra mit spaciger Alurüstung sowie -kopfbedeckung – oder ist’s eine ironische Anspielung auf Verschwörungstheorien? Die zwölf Tracks mit klingenden Titeln wie „The Sound of War“ oder „In Drag“ sind jedenfalls eine explosive Mischung aus psychedelischem Krautrock, düsteren New-Wave-Anwandlungen, kühlem Synthie-Geflirre und der so charakteristischen Ocher-Gaganess, die sich wie stets in ihrem opernhaft durchdringenden bis schräg kieksenden oder bassigen Organ Bahn bricht.

Ipek Gorgun ist eine von diesen Künstlerinnen, die mit ihrer langen Liste von Aktivitäten und Kooperationen fast ein wenig Angst macht, bevor die staunende Bewunderung einsetzt: Die türkische Elektronik-Produzentin (oder besser „Komponistin“?) hat die Uni mit einer Arbeit auf Französisch über Einsamkeit und Stille bei Heidegger abgeschlossen und arbeitet nun am PhD, hat den Soundtrack für einen Film über den Kampf türkischer Frauen um den Erhalt ihres Nachnamens bei der Eheschließung geschrieben und ist so ganz nebenbei Dichterin und Fotografin. Auf ihrem Debüt Aphelion (Download) betätigt sie sich als Klangforscherin, die düstere Droneflächen über Tinnitus-artige Pfeifgeräusche schichtet, sonische Glasrandmalereien mit statischem Rauschen kombiniert, ohne dabei jemals auf rhythmische Hilfsmittel zurückgreifen zu müssen.

Die große Santigold schlägt mit ihrem dritten Album 99 Cents (Warner) einen fingerschnipsenden, orgelquietschenden, beschwingten Ton an, der trotz ätzender Zivilisations- und Konsumkritik unschlagbar gute Laune verbreitet. Das beginnt beim Opener „Can’t Get Enough Of Myself “, in dem sie sich im 60s-Girl-Group-Soundgewand über die Selfie-besessene Celebrity-Kultur lustig macht, weiter geht es mit einer rotzigen Ode an die weiblichen Bosses über schleppend fragmentierten Beats. „Banshee“ erinnert mit seinen euphorischen weiblichen Chören an ein aufgepeitschtes, fröhliches Stadion ohne nerviges Mackergepose. „Rendezvous Girl“ kann trotz unterkühlter New-Wave-Synths-Ästhetik seine fröhliche Grundstimmung nicht verhehlen und auch das letzte Stück „Who I Thought You Were“ bleibt mit den infektiös eingängigen Melodien schon während der ersten Takte als Ohrwurm hängen.

 

Santigold © Paradigm Talent Agency
Santigold © Paradigm Talent Agency

 

Savages: Adore Life
www.savagesband.com

Mary Ocher + Your Government: Mary Ocher + Your Government
www.maryocher.com

Ipek Gorgun: Aphelion
www.ipekgorgun.com

Santigold: 99 Cents
www.santigold.com

 

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an.klang: Häutungen und Versteckspiele https://ansch.4lima.de/an-klang-haeutungen-und-versteckspiele/ https://ansch.4lima.de/an-klang-haeutungen-und-versteckspiele/#comments Thu, 18 Jun 2015 09:22:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=6419 Femtastischer HipHop. Von SOOKEE]]>

Alte Häsinnen und junge Begegnungen: Die HipHop-Playlisten bekommen neues Material. Femtastic! Von SOOKEE

 

Der Scheuklappen-Blick im Deutschrap hinsichtlich weiblicher Präsenz zeigt sich dieser Tage rund um das anstehende Release Karma Karussell (58muzik/Good To Go) von Nazz. Sie ist eine, die eigentlich dabei sein müsste, wenn mühselig an einer Hand – seltener an zwei Händen – Namen von Rapperinnen abgezählt werden, wenn es denn sein muss. Nazz ist schon so viele Jahre dabei, eigentlich sollte jeder HipHop-Fan wenn schon nicht einen Refrain mitrappen, so doch zumindest ihre Stimme auf Anhieb identifizieren können. Nazz macht es dem Publikum allerdings nicht leicht: Sie spielt das Spiel nämlich schlichtweg nicht mit, verweigert das Posen im Rampenlicht, schmeißt die Promo-Maschine eher widerwillig an, gibt in Interviews kaum etwas preis und käme vor allem nie auf die Idee, die zweischneidige Frauen- oder gar Lesbenkarte zu spielen. Stattdessen will, nein, muss sie einfach schreiben, und ab und an werden Songs potenzielle Kandidaten für ein Album, das dann erst ein paar Jahre später seinen Weg in die Öffentlichkeit findet.
Inhaltlich ist sie ganz und gar nicht beliebig, dennoch bietet sie viel Identifikationsraum: Es geht um die Tiefen des Lebens und die psychoemotionalen Schichten, die noch darunter liegen. Um die knallharten Momente des Selbstzweifels, die Unfähigkeit, sich mit sich selbst zu arrangieren, geschweige denn zu versöhnen, aber auch darum, dass die Liebe den Menschen im Leben hält und Ängste und Überforderungen zumindest für eine kleine Weile an den Horizont verschiebt. Nazz konfrontiert und fordert aufmerksame Ohren nicht zu knapp. Flows und Reime treten bei so viel lebensphilosophischer Routine und MC-Souveränität in den Hintergrund, sodass sich in Gänze auf das Innere einer wunderschönen, reifen Stimme konzentriert werden kann.

Oh Blimey ist insgesamt eine gute Nachricht: Eine junge, queere Rapperin aus San Francisco, die unheimlich hungrig jedes Mic verschlingt, das ihr angeboten wird. Ihre Delivery brennt sich ein, die Flows sind kreativ und präzise, Rap-technisch und gesanglich wird die erfahrene Hörerin unheimlich glücklich gemacht. Eine wirklich vielversprechende Künstlerin, deren Zukunft Großes verheißt. Ihr aktuelles Mixtape Mnfsto (Download) verabreicht eine wohltuende Mischung von Ausgelassenheit und Party mit kritischen Erzählungen rund um die Gnadenlosigkeit der Musikindustrie und den Erfahrungen, die eine junge Frau wie Oh Blimey macht, die nicht willens ist, in Schubladen zu verschwinden.

Carmel Zoum © Composio
Carmel Zoum © Composio

Ihr Weg beginnt im Kongo, führt sie kurz nach Russland, lange Zeit nach Frankreich und trägt sie aktuell nach Deutschland: Carmel Zoum sammelt musikalische und kulturelle Einflüsse und befindet sich deshalb in ständiger Entwicklung. Die Metapher der Verwandlung inspirierte sie zum Titel ihre Debüt-Albums Skwamat (Springstoff/ Download), das sich eben auf die Häutung bei Reptilien bezieht. Der Sound bewegt sich zwischen Dancehall, Drum’n’Bass, Reggae und Soukuss, und Carmel Zoum nutzt diesen Raum, um sich textlich linkspolitischen Klassiker- Themen wie Kapitalismuskritik, Antirassismus und Anarchie zu widmen.

Hochgradig ambitioniert überraschte das schwedisch-holländische All-Women-Projekt FAM mit einem 7-Track-Minialbum Fam First (Download) Anfang des Jahres die europäischen HipHop-Standards. Rund zwanzig Members aus den Crews „Dam Dutchess“, deren Mistressmind MC Melodee unheimlich kraftvoll die Fahne für Skills und Solidarität schwingt, und „Femtastic“, die Dank DJ Eka Scratch den Weg in das Projekt fand, zelebrieren weibliche Hörbarkeit. In nur drei Tagen wurde das Release aus der Taufe gehoben, nachdem sich rund 15 MCs in Amsterdam im Studio aufeinander einließen. Das Ergebnis ist ein beeindruckend vielfältiges HipHop-Album, das Trap, Bass, Dancehall und Soul auf einen Beat bringt. Ein Mammutprojekt, das in seinem Vorbildcharakter dringend zur Nachahmung empfohlen ist: In einer kleinen Dokumentation zum Projekt beschreibt MC Melodee, dass die Wirksamkeit wächst, wenn man das eigene Ego beiseite tut, einander Raum gibt und sich wechselseitig bestärkt.

Nazz: Karma Karussell http://www.nervousnazz.de

Oh Blimey: Mnfsto (Mixtape) ohblimeymusic.com

Carmel Zoum: Skwamat www.carmelzoum.biz

FAM: Fam First www.damdutchess.com

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an.klang: Herz im Stiefel https://ansch.4lima.de/an-klang-herz-im-stiefel/ https://ansch.4lima.de/an-klang-herz-im-stiefel/#respond Fri, 03 Apr 2015 18:11:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=6159 Sleater-Kinney sind zurück! Von SONJA EISMANN]]>

Musikalisch bringt uns das noch junge Jahr die Wiederkehr lang Vermisster, außerdem afrofuturistische R’n’B-Lyrik und intelligenten Disco-Punk. Von SONJA EISMANN

 

Zehn Jahre. So lange mussten die treuen Fans auf ein neues Album von Sleater-Kinney warten, die 2006 ihre Auflösung bekannt gegeben hatten. Als es Ende letzten Jahres angekündigt wurde, gab es Jubel, Tränen, Hysterie. Nun ist es schwierig, mit kühlem Kopf über die so heiß erwartete neue Platte eines idolisierten Frauenrocktrios von der amerikanischen Westküste zu schreiben, das für viele so eng mit der Geschichte von Riot Grrrl verknüpft ist (obwohl Sleater-Kinney streng genommen erst groß wurden, als Riot Grrrl bereits Geschichte war). No Cities to Love (Sub Pop/Trost) – ein irgendwie ironischer Titel, da die gesamte Band höchst zufrieden mit dem Alternativ-Paradies Portland als Wohnort zu sein scheint, dem Gitarristin Carrie Brownstein mit ihrer erfolgreichen Comedy-Serie „Portlandia“ liebevolle Denkmäler setzt. Das achte Album in zwanzig Jahren ist eine hochprofessionelle, vor Energie berstende Rockplatte, der die Spielfreude aus jedem Ton tropft. Diese spezielle Chemie zwischen Carrie, Corin Tucker und Janet Weiss führt bei zornigen bis upliftenden Lyrics über Kapitalismus und Freundinnenschaft zu wohligen Wiedererkennungsschauern. Doch neben all den selbstbewusst bretternden und klotzenden Rockgesten, mit denen sich Sleater-Kinney spätestens seit „The Woods“ (2005) den Macker-Rock angeeignet haben, kommen die melancholischen, oft wunderbar dissonanten, schräg umeinander gewickelten Gitarrenlinien der früheren Kompositionen, die eine ganze eigene queere Ästhetik entfalten konnten, dieses Mal ziemlich kurz. Beweisen konnte sich das Trio in der weißen Rockwelt mit dieser fulminanten Rockkutsche alleMal, aber ob sie sich damit nicht ein wenig rough über die eigenen Füße gefahren sind, müssen die Hörerinnen entscheiden.

 

Sleater-Kinney © Brigitte Sire
Sleater-Kinney © Brigitte Sire

 

THEESatisfaction kommen zwar auch von der Westküste, und ihr Wohnort Seattle liegt quasi nur einen Steinwurf von Olympia, dem feministisch-mythenumrankten Gründungsort von Sleater-Kinney, entfernt, doch musikalisch bewohnt das Duo einen anderen Planeten. Ob dieser wirklich Earthee (Sub Pop/Trost) ist, wie die zweite Platte von Cat und Stas heißt, oder doch ein unbestimmter Ort im Outer Space, den die beiden Alternativ-Rapperinnen in afrofuturistischer Tradition möglicherweise aufsuchen möchten, um dem irdischen Rassismus zu entfliehen, bleibt, trotz suggestiv spacigem Cover, unklar. Wie so vieles bei diesen facettenreichen Spoken-Word-R’n’B-Künstlerinnen, die statt einer Presseinfo einen Brief des neuen Albums an die HörerInnen verfasst haben („They made me for you“ – ganz richtig, die Platte spricht zu den Fans). Mit einem smoothen Flow zwischen HipHop, R’n’B, Electro-Funk und Broken Beats wirken viele der Tracks wie lyrische Streams of Consciousness, die jedoch mit Titeln wie „Universal Perspective“, „Planet for Sale“ oder „Post Black Anyway“ erstaunlich konkret werden. Auch wenn eine „Pitchfork“-Rezensentin Plattitüden, die statt afrozentrisch nur simplizistisch in Bezug auf Schwarze Frauen wirkten, in einem Beitrag der kooperierenden männlichen Mitstreiter Shabazz Palaces und Porter Ray bemängelt und generell die Catchiness vermisst, so macht doch genau Letzteres den Reiz von THEESatisfaction aus: dass die Musik wie ein interessantes Gedicht Layer für Layer erschlossen werden muss.

Voll elegant auf die Zwölf geht es dagegen in der Munich Disco, zusammen mit der dort beheimateten Band Pollyester rund um die in Weißrussland geborene Sängerin und Bassistin Polina Lapkovskaja. Stumpf ist der Zweitling des mittlerweile zum Quartett angewachsenen Projekts, der sich mit dem Titel City of O. (Disko B/Schamoni Musik/Indigo) auf ihren Sehnsuchtsort in der marokkanischen Wüste, ein Land-Art-Projekt des Künstlers Hannsjörg Voth, bezieht, dabei in keiner Sekunde. In anregendstem Party-Habitus stampft und tänzelt sich die Band durch coole Referenzen wie 80s-Synth-Pop, Disco-Punk und Diskurs-Elektro. „Wear your heart in your boots“ – wenn das mal keine ebenso party- wie alltagstaugliche Lektion ist!

 

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an.klang: Pompöse Dramen https://ansch.4lima.de/an-klang-pompoese-dramen/ https://ansch.4lima.de/an-klang-pompoese-dramen/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:20:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=5906 Kopfhörer auf und raus in die Kälte! Von CHRISTINA MOHR]]>

Lust auf duftende Musik, Rollerdisco und dramatische Balladen? Kopfhörer auf die Ohren und raus in die Kälte! Von CHRISTINA MOHR

 

Zunächst scheint es wahrlich eine kapriziöse Idee, passend zur Platte ein eigens kreiertes Parfum heraus­zubringen. Die vielseitige Potsdamer Musikerin Louise Gold erklärt das ungewöhnliche Goody ganz unkapriziös damit, dass ihr während eines USA­-Auf­enthalts Gerüche aufgefallen seien, die es hierzulande nicht gibt: Kaktusfeigen, heißgefahrene Autoreifen oder Reste vom Barbecue. Ihre Eindrücke auch in einem Duft einzufangen, schien ihr also ganz plausibel. Das Album Terra Caprice (Motor/Good To Go), klingt ganz anders als das salonjazzige „Debut“. Gold ist stets auf der Suche nach dem perfekten Popsong, jetzt kommt sie ihrem Ideal mehr als nah: Wehmütig, nonchalant, immer unterwegs und doch zentriert ist die Musik aus Hammondorgeln, Wurlitzer­-Piano und Surfgitarren, zusammengehalten von einer dunkel­klaren Stimme, die assoziativ­poetische Texte singt. Mehr als einmal denkt man an The Carpenters, an großen, erwach­senen Pop also. Nur im Titelsong lässt Gold ihrer rockigen Ader freien Lauf – kapriziös im besten Sinne.

Ebenfalls perfekten Pop präsentiert All­roundkünstlerin Héloïse Letissier, deren Bandname Christine and the Queens von einer Pariser Drag­-Queen­-Truppe inspiriert ist. Mit ihrem nach einigen EPs und Singles sehnlich erwarteten Debütalbum Chaleur Humaine (Becau­se Music/Warner) unterzieht Letissier das klassische Chanson einem gehöri­gen Update: Mal englisch, mal franzö­sisch gesungen, theatralisch wie ihre Bühnenshows und dabei so leichtfüßig wie Teenie­-Filme aus den 1980ern, wirken die Songs so bezaubernd wie mysteriös. Streicher und Synthesizer gehen elegante, kühne Liaisons ein, das ganze Album ist stimmungsmäßig eine Mischung aus großem Konzertsaal und Rollerdisco. Drag Queens und Queers zollt Christine/Héloïse gleich in mehre­ren Stücken Respekt, zum Beispiel im Opener „It“ oder „Half Ladies“ – „Cha­leur Humaine“ ist für Christine and the Queens Konstatierung und Forderung zugleich.

Susanne Sundfør © NRK P3/flickr, Foto: Tom Øverlie
Susanne Sundfør © NRK P3/flickr, Foto: Tom Øverlie

Eigentlich wollte sie eine Platte über Gewalt machen, entstanden sind zehn Liebeslieder – wobei die Gren­zen zwischen diesen Polen durchaus fließend sein können. In jedem Fall aber steht die Norwegerin Susanne Sundfør musikalisch auf das ganz große Drama: Sie bettet ihre an Klavier und Gitarre entstandenen Songs gern in bombastische Orchesterarrangements, weshalb sie unlängst den Titelsong zum Endzeit­-Blockbuster „Oblivion“ singen durfte. Das Album Ten Love Songs (Kobalt/Good To Go) wirft die Hörerin von einem emotionalen Extrem ins andere, FreundInnen von Zola Jesus im Besonderen und (zuweilen tanzbarem) Neo-­Gothic im Allgemeinen werden sich hier angesprochen fühlen.

Das Album beginnt zwar mit einer Co­verversion des Pixies-­Songs „Caribou“, doch weiter gehen Tanya Tagaqs (Six Shooter) Konzessionen an den Indiepop nicht. Tagaq ist kanadische Inuit und hat den traditionellen Kehlkopfgesang für ihre Kunst perfektioniert. Sie stellt schier unglaubliche Dinge mit ihrer Stimme an, gurrt, seufzt und gibt Gut­turallaute von sich; die Musik dazu ist elektronisch-­industrial-­beeinflusst und doch organisch. Die digitale und die „natürliche“ Welt gehen auf Animism eine faszinierende Verbindung von unmittelbarer Intensität ein, wobei Tanya Tagaq nicht ins Esoterische abdriftet.

Verglichen mit Tanya Tagaq wirkt die Platte mit dem sprechenden Titel Bridges (Tutl/Hoanzl) von Eivør leichter zugänglich: Die von den Faröer Inseln stammende Künstlerin hat sich Singer­/Songwriterpop und Folktronica ver­schrieben und bleibt dieser Linie auch auf ihrem neuen Werk treu. Die Tracks changieren zwischen Sixties­-Anmutun­gen und zeitgenössischem Elektropop. Buchstäblich hervorragendstes Instru­ment ist Eivørs helle Sopranstimme, die in Balladen wie „Remember Me“ am Besten zur Geltung kommt. Durch­gängiges Thema von „Bridges“ ist die Bedeutung von Beziehungen, die bei Eivørs Auftritten rund um die Welt auf die Probe gestellt werden. Von „home, sweet home“­-Kitsch weit entfernt, ist „Bridges“ ein Plädoyer für Liebe und Freundschaft.

 

Louise Gold: Terra Caprice www.iamlouisegold.com

Christine and the Queens: Chaleur Humaine  www.christineandthequeens.com

Susanne Sundfør: Ten Love Songs www.susannesundfor.com

Tanya Tagaq: Animism www.tanyatagaq.com

Eivør: Bridges www.eivor.com

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