Verena Kettner – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 31 Mar 2025 05:58:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Verena Kettner – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Keine Ruhe vor dem Sturm https://ansch.4lima.de/keine-ruhe-vor-dem-sturm/ https://ansch.4lima.de/keine-ruhe-vor-dem-sturm/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:02:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=126106 Ein „Volkskanzler“ Kickl bleibt uns erspart. Es war gefühlt die erste gute politische Nachricht dieses Jahr. Stattdessen regiert seit Anfang März eine ÖVP-SPÖ-NEOS-Bundesregierung mit drei feministischen Ministerinnen und einem – Skandal! – linken Finanzminister. Auch in Deutschland wird die AfD nicht in der Regierung sitzen – noch nicht. Große Teile der Zivilgesellschaft beider Länder atmen […]]]>

Ein „Volkskanzler“ Kickl bleibt uns erspart. Es war gefühlt die erste gute politische Nachricht dieses Jahr. Stattdessen regiert seit Anfang März eine ÖVP-SPÖ-NEOS-Bundesregierung mit drei feministischen Ministerinnen und einem – Skandal! – linken Finanzminister. Auch in Deutschland wird die AfD nicht in der Regierung sitzen – noch nicht. Große Teile der Zivilgesellschaft beider Länder atmen auf. Nur dass das, was sich jetzt wie ein Happy(-ish) End anfühlt, leider keines ist. Es ist nicht einmal eine längere Atempause und auch nicht die große Ruhe vor dem Sturm. Die aktuellen politischen Verhältnisse sind bereits Teil des Sturms, der sich lange Jahre in der Mitte der Gesellschaft zusammengebraut hat und nur stärker werden wird. Denn auch wenn die neue Regierung keine Rechtsextremen in ihren Reihen hat, sind die Aussichten gerade auch angesichts des budgetären Sparzwangs alles andere als rosig: Es wird weiterhin keine Erbschafts- und Vermögenssteuer in Österreich geben, keine dringend nötige Gesamtschule, der Familiennachzug von Asylwerbenden soll komplett gestoppt werden. Laut Bundeskanzler Stocker ist es ganz egal, dass damit geltendes EU-Recht gebrochen wird: Austria first. Auch Merz, der im Wahlkampf mit rechtsextremen Forderungen punkten wollte und Sozialabbau forcieren will, fordert einen sogenannten Asylstopp, also Asylwerbende direkt an den Grenzen abzuweisen. Auch das wäre europarechtlich unzulässig. Was soll’s.
Was man auch nicht vergessen darf: Beinahe 29 Prozent in Österreich und beinahe 21 Prozent in Deutschland haben die FPÖ und AfD gewählt. Die allermeisten dieser Menschen werden in den nächsten Jahren ihre Meinungen wohl nicht ändern. Viel eher deuten politische Analysen und Wahlstatistiken darauf hin, dass sogar mehr Menschen in Zukunft rechts wählen werden. Vielleicht sind wir dieses Mal noch mit blauem Auge davongekommen. Zumindest sitzt kein Kickl oder Donald Trump an der Spitze der österreichischen oder deutschen Regierung. Minderheitenrechte werden nicht abgeschafft, die Sozialstruktur des Staates nicht demontiert. Trans Menschen dürfen beispielsweise noch immer ihren Geschlechtseintrag ändern – in den USA sollen sie hingegen nur noch jenes Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, in offiziellen Dokumenten stehen haben können. Auch der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen wird in Österreich in den kommenden Jahren wohl nicht eingeschränkt werden – eine Entkriminalisierung ist aber mit der Volkspartei nicht möglich. Es gibt immerhin noch keine Liste an Wörtern, die man in Forschungsanträgen und Behörden nicht mehr verwenden darf, wie in den USA, wo rund 200 Wörter, darunter „Frauen“, „weiblich“, „Minderheiten“ oder „Klimakrise“ künftig zu vermeiden sind.
Beispiele wie Bayern, Hessen und Niederösterreich („Genderverbot“) zeigen aber, dass die Strategien der neuen globalen Rechten längst auch hier angekommen sind. Transfeindlichkeit wird ohnehin salonfähig – auch in Österreich, auch in progressiven Kreisen.
Die Grundsteine für so viele Grausamkeiten, die in den nächsten fünf, zehn oder zwanzig Jahren auf uns zukommen werden, sind bereits gelegt. So greifen die Mechanismen der Spaltung auch in linken Kontexten immer mehr. Gemeinsam als großes, schlagkräftiges Bündnis Demonstrationen zu veranstalten, ist für linke Gruppierungen eine Unmöglichkeit geworden. Anstatt einer guten Portion Reibung, Diskurs und Debatte, die der kritischen Selbstreflexion und Weiterentwicklung helfen sollten, gibt es gegenseitiges Anschweigen, Canceln und die nächste Splittergruppe. Selbstverständlich sollten auch Linke Konflikte führen können und selbstverständlich muss daraus am Ende nicht immer eine harmonische Allianz entstehen. Dennoch sollten wir uns ab und an fragen, wer denn unsere Gegner*innen sind. Wir sollten wieder mehr miteinander reden, versuchen, einander zuzuhören und etwas mehr Wohlwollen füreinander aufbringen, bevor wir sämtliche Brücken zwischen uns niederbrennen. Denn die Strukturen, die wir dann in den nächsten Monaten und Jahren hoffentlich aufbauen können, werden wir dringend brauchen.

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Sind queere Partys noch subversiv? https://ansch.4lima.de/sind-queere-partys-noch-subversiv/ https://ansch.4lima.de/sind-queere-partys-noch-subversiv/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:29:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=120024 Die queere Partykultur in Wien verändert sich — insbesondere seit der Pandemie. Was bedeutet es für die Community, wenn etablierte Räume verlorengehen? Von VERENA KETTNER. Als ich vor einigen Monaten auf der Website meines Lieblingsclubs herumscrollte, war meine Aufregung groß: Auf dem Programm stand ein queerer Rave – Neuland für den Veranstaltungsort. Gar keine Frage, […]]]>

Die queere Partykultur in Wien verändert sich — insbesondere seit der Pandemie. Was bedeutet es für die Community, wenn etablierte Räume verlorengehen? Von VERENA KETTNER.

Als ich vor einigen Monaten auf der Website meines Lieblingsclubs herumscrollte, war meine Aufregung groß: Auf dem Programm stand ein queerer Rave – Neuland für den Veranstaltungsort. Gar keine Frage, ich musste die Party-Crew zusammentrommeln. So vielversprechend das Event auch klang, so enttäuschend war dann allerdings die Erfahrung vor Ort. Es gab eine Drag Show, ein mit Lichterketten gekennzeichnetes Awareness-Team und eine Crowd, die sämtliche queere Codes draufhatte: viel nackte Haut, ein bisschen kinky Rave-Style mit cuten Accessoires. Cool und soft gleichzeitig. Es gab überdurchschnittlich viele Mullets, rosa Herzen-Sonnenbrillen und Choker, die wir schon in den 90ern um den Hals trugen. Der Style der Partygäste war allerdings auch schon das Queerste, das dieser Rave zu bieten hatte. Weder die Auswahl von DJs und Musik hatte irgendwas mit queerer Partykultur zu tun noch die Atmosphäre oder das Publikum. Es feierten dort dieselben Druffies wie jedes Wochenende, nur eben besser gestylt.

DER VERLUST QUEERER ORTE. Meine Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen des aktuellen Forschungsprojekts „QUEERDEM“ von Soziologin Laura Wiesböck. Ein Teil dieser Untersuchung von queerer demokratischer Praxis spürt der Veränderung der queeren Partykultur in Wien seit Beginn der Covid-Pandemie nach. Queeres Nachtleben ist eng verknüpft mit Befreiungsbewegungen und hat nicht nur historisch betrachtet eine wichtige Rolle für die LGBTQIA+-Community gespielt, sondern erfüllt auch heute Bedürfnisse von Queers nach sicheren Räumen, Kollektivität und Intimität. Im Rahmen der Covid-Pandemie gingen während der Lockdown-Bestimmungen, die sich an einem heteronormativen Familien­bild orientierten, viele dieser Orte verloren. Die pandemiebedingten Effekte wie fehlende Einnahmen sowie steigende Miet- und Energiekosten und die folgende Inflation setzten die Nachtclubszene gehörig unter Druck, zehn Prozent aller Clubs in Wien mussten zusperren. Dem queeren Nachtleben setzten die Maßnahmen besonders zu.

QUEER IST MAL WIEDER MAINSTREAM. Schon lange vor der Pandemie eroberte queere Ästhetik und Subkultur den Mainstream, besonders in linken Kreisen ist sie geradezu schick. „Queerfreundliche“ Partyreihen schossen aus dem Boden. Da allerdings einige explizit queere Orte und Veranstaltungsreihen die Lockdowns nicht überlebten, stellen diese queerfreundlichen Partys inzwischen einen Großteil des queeren Party-Angebots. Im Zuge der Pandemie ist das Party-Angebot zudem insgesamt geschrumpft. Die wenigen Partys, die mit einer queeren Ästhetik werben, ziehen somit ein größeres und durchmischteres Publikum an, auch außerhalb der Queer-Community.

Das Problem: Einen Safer Space für Queers bieten sie nicht. Die ästhetische Aneignung von queerer Kultur führt im Gegenteil dazu, dass nicht mehr klar lesbar ist, wer aus welchem Grund queere Codes trägt und wer deshalb beispielsweise angesprochen werden kann, ohne auf Beleidigungen oder Gewaltandrohungen zu stoßen. Besonders schwule Männer äußerten dieses Bedenken in der Studie, so Laura Wiesböck.

Und auch die sexpositive Szene hat in den vergangenen Jahren in Wien Räume erobert. Was erstmal positiv scheint, führt jedoch dazu, dass queere Partyreihen kurzerhand einfach zu sexpositiven Partys umfunktioniert wurden, die sich als „queerfriendly“ definieren. Hinter vielen dieser sexpositiven Partys steckt allerdings ein unternehmerisches Interesse, weswegen ein größeres und breiteres Publikum angesprochen wird. Explizit queere Clubs und Bars gibt es hingegen kaum, was nicht nur dem Community-Feeling schadet, sondern auch Unwohlsein bei queeren Partygästen auslöst. In einem Club, der nur hin und wieder queere Partyreihen hostet, sind schließlich auch Security und Personal nicht unbedingt sensibel drauf.

GEGEN MANNLICHE DOMINANZ. Der Wunsch nach rein queeren Orten innerhalb der Szene in Wien ist groß, so das Ergebnis von Wiesböcks Forschungsprojekt – doch auch hier unterscheiden sich die Bedürfnisse. ­Queere FLINTA fordern beispielsweise vor allem queerlesbische Räume, um einer männlichen Dominanz, die auch von schwulen Männern reproduziert wird, zu entgehen. Auch ­sichere Party-Räume für hetero cis Frauen sind ihnen ein Anliegen: Heteras würden schließlich besonders gerne auf queeren Partys feiern, um toxischer Männlichkeit beim Feiern zu entgehen. Junge Queers hingegen wünschen sich vor allem mehr konsumfreie Räume zum Feiern. In Wien gibt es zwar solche Räume, allerdings zu wenige, mit zu geringen Förderungen und ohne Inflationsanpassungen – sie kämpfen also permanent ums Überleben. Auch die Akademisierung der queeren Partyszene wird im Forschungsprojekt kritisiert. Als studierende Person wird man auf einer queeren Party erfahrungsgemäß mit mehr Interesse in Gespräche eingebunden, als wenn man einer Lehre nachgeht. Ebenso kritisch besprochen werden das Weißsein vieler queerer Partys und die Trennung der unterschiedlichen Generationen. Ältere Queers kritisieren außerdem eine gewisse Entpolitisierung der jüngeren Partykultur: Sie fürchten, dass ein politisches Communitybuilding verloren gehe und nur noch das Feiern im Vordergrund stehe, was wiederum die queere Mainstreamisierung bestärkt und beispielsweise im Hype um Drag sichtbar werde.

EXKLUSIVITAT ALS POSITIVER BEGRIFF? In einer links-queeren Szene hat Exklusivität zwar einen schlechten Ruf, im Zusammenhang mit queeren Partys ist sie allerdings eine positive Referenz. Da queeres Nachtleben Räume für das Ausprobieren von Identitäten, Begehren und Körperlichkeiten bieten sollte, ohne hegemonialen Normen und dem Male Gaze ausgesetzt zu sein, wird das Mainstreaming von queerer Ästhetik zu einem Sicherheitsproblem. Wenn Menschen sich queere Codes aneignen, ohne die damit verbundene gesellschaftliche Diskriminierung und Gewalt fassen zu können, schafft das mehr Unsicherheiten für Queers. Die Exklusivität bestimmter (Party-)Räume hingegen kann Sicherheiten schaffen. Und das geht aus dem „QUEERDEM“-Projekt ganz deutlich hervor: Ein sicheres queeres Nachtleben ist ein Bedürfnis ganz unterschiedlich verorteter Queers.

Vielleicht werden in den nächsten Jahren viele neue queere Partyreihen entstehen, vielleicht sogar neue Bars oder Clubs. Ich hoffe sehr darauf. Solange das aber noch eine eher entfernte schöne Vorstellung ist, würde ich zumindest gerne mit meinen queeren Liebis auf Partys gehen, die wieder ein bisschen mehr nach Utopie riechen und auf denen ich mich als queere Person sicher fühlen kann. Dabei muss Sicherheit nicht unbedingt Exklusivität bedeuten, aber die neoliberale Aneignung queerer Ästhetik sollte definitiv exkludiert werden. Denn das geht sich einfach nicht aus.

QUEERDEM ist ein Forschungsprojekt, das von der Stadt Wien Kultur finanziert und von März 2023 bis August 2024 am Institut für Höhere Studien durchgeführt wird. Die Wissenschaftler*innen Laura Wiesböck, Ekat Osipova und Ella O’Connor beschäftigen sich darin mit den vielfältigen Ungleichbehandlungen von queeren Personen in deren diversen Lebensrealitäten sowie mit queeren Praktiken, alltagsbezogenen Wahrnehmungen und Perspektiven von LGBTQIA+-Personen in Wien.

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Gönn dir ein bisschen Masturbation https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/ https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:20:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=118762 Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt. Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. […]]]>

Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt.

Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. Du grinst in dich hinein und öffnest schnell die Seite deines liebsten Erotikgeschichten-Anbieters.

Deine Hand gleitet zwischen deine Beine, während die keuchende Stimme des Sprechers säuselt, wie geil ihn deine „feuchte Spalte“ macht und wie gerne er in deine „heiße Mitte stoßen“ möchte. Extrem erregt kommst du innerhalb weniger Minuten. Jetzt kannst du voller Energie in deinen Arbeitstag starten. Zufrieden ziehst du deine Hose hoch.
Kennst du das? Nein? Wir auch nicht.

MEDITIEREN UND MASTURBIEREN. Weibliche Masturbation ist mittlerweile ein Lifestyle-Produkt geworden. Heute versucht sich unter anderen das Berliner Start-up femtasy am Female Empowerment qua Orgasmus – für ein monatliches Audio-Porno-Abo für 13,99 Euro. Es ist die weltweit erste Streaming-Plattform für erotische Audioaufnahmen speziell für Frauen. Gegründet wurde femtasy 2018 von Nina Julie Lepique und ihrem Partner Michael Holzner. Bereits zwei Jahre später zählte Lepique zu den deutschen „Forbes 30 under 30“. Unter den Investor*innen tummeln sich Bekanntheiten wie die Influencerin Diana zur Löwen, die femtasy regelmäßig auf all ihren Kanälen bewirbt.

Es scheint, als ob das einstige ­Tabuthema der weiblichen Selbstbefriedigung durch neonpinke Designerdildos und Hochglanz-­Apps wie femtasy aus der Schmuddelecke geholt wurde – und mittlerweile zum Milliardengeschäft geworden ist. Dieses Geschäft hat heute auch nicht mehr vorrangig etwas mit Lust, Begehren und Erotik zu tun. Der Markt hat Porno schon fast hinter sich gelassen, stattdessen wird jetzt in „Sexual Wellness“ investiert. Im 21. Jahrhundert kann Sex endlich eingespeist werden in einen Wellnessmarkt, der vorgibt, Gesundheit zu fördern, Produktivität zu steigern und Individuen mit „Selbstmanagement-Strategien“ auszustatten. Drogerien verkaufen Sprays, die vaginaler Trockenheit entgegenwirken, und Tabletten zur Libido-Maximierung. In Magazinen wird mit dem gesundheitlichen Nutzen von allerlei Sex-Toys geworben, die bei der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden hilfreich sein können und oft hunderte von Euros kosten. Weibliche Lust wird so zum vermarktbaren Self-Care-Akt.

Das Marktforschungsunternehmen The Insight Partner prognostiziert, dass die Sexual-­Wellness-Branche bis zum Jahr 2028 auf einen Marktwert von über achtzig Milliarden Dollar anwachsen wird.

„FEMININE“ LUST. Natürlich birgt diese Entwicklung auch Positives für alle, deren Orgasmen bislang kaum Beachtung fanden. Endlich gibt es ausreichende Forschung und massenhaft Hilfsmittel, um Menschen mit Vulva zum Kommen zu bringen. Es ist auch gerechtfertigt, für erotische Streamingdienste Geld zu verlangen, Mitarbeitende müssen – im besten Fall fair – entlohnt werden. ­Kostenlose Online-Pornoseiten wurden in den letzten Jahren zu Recht kritisiert. Erst 2020 veröffentlichte die „New York Times“ eine ausführliche Recherche unter dem Titel „The Children of Pornhub“: Viele der damals noch unregulierten Inhalte des kanadischen Streamingdienstes zeigten sexuellen Missbrauch und Ausbeutung, auch von Minderjährigen. Ganze zehn Millionen Videos mussten daraufhin gelöscht werden.

femtasy hingegen produziert seine Inhalte selbst, mit der Hilfe von freiberuflichen Schauspieler*innen und Autorinnen. Man hört ihnen beim Stöhnen zu oder beim Erzählen zwanzigminütiger Geschichten. Es gibt queere Inhalte ebenso wie BDSM. Das Design der Seite ist dabei steril, schlicht, stylish. Kein einziges primäres Geschlechtsteil ist zu sehen. Weibliche Lust sei schließlich nicht so visuell wie männliche. Und dann gibt es noch lange Anleitungen zur Selbstbefriedigung. Die meisten von ihnen klingen mit ihren sanften Stimmen, langsamem Tempo und der hinterlegten Lounge-Musik mehr nach Meditationsretreat als nach Sex. Eine Abonnentin berichtet in ihrer Rezension auf YouTube, dass sie die Inhalte auch oft nur zum Entspannen höre.

Nach längerem Scrollen und Lauschen fragen wir uns: Werden hier nicht doch regressive Klischees bedient, die eigentlich gar nicht so viel mit der Ermächtigung weiblicher und queerer Lust zu tun haben?

Als ob sich ausschließlich männliches Begehren im Mainstream-Porno wiederfindet, der von oft verstörenden, schnellen Bildern voller Sperma und großen Brüsten lebt. Als ob die Lust von Frauen nicht mit drastischen und opulenten Videos vereinbar wäre und diese nur durch zärtliche Stimmen und cleane Start-up-Ästhetik erregt würde. Allein die Annahme, dass Frauen Audio-Porno Videoformaten vorziehen, wie femtasy behauptet, scheint wenig schlüssig – oder ist zumindest eine unterkomplexe Zuschreibung von Stereotypen.

FEMINISTISCH WICHSEN. Wie schafft man es aber, die Komplexität weiblicher Lust abzubilden? Im Widerstreit mit antipornografischen Gruppen ­machten sex-positive Feminist*innen dies schon in den USA der Achtzigerjahre vor. Während der sogenannten Sex Wars machten sie weibliche, queere und lesbische Lust sichtbar – auch pornografisch. Dies hatte damals jedoch wenig mit dem Forbes-Magazin oder Diana zur Löwen zu tun. Im Jahr 1984 erschien in San Francisco das erste Erotikmagazin, das von Frauen herausgegeben wurde. Unter dem Titel „On Our Backs“ wurde die Zeitschrift bis 2006 publiziert und beschäftigte sich vornehmlich mit lesbischer Erotik. Schon in der ersten Ausgabe featurte man die Bandbreite des queerfeministischen Undergrounds: Butch- und Femme-Feministinnen, BDSM-„Leatherdykes“, Sexarbeiterinnen, Marxistinnen, Punkmusikerinnen, feministische Theoretiker*innen. Weibliche Lust war hier nicht das Produkt eines neoliberalen Selbstverbesserungsprogramms. Stattdessen war sie aufmüpfig und von politischer Bedeutung im ständigen Kampf gegen Geschlechterrollen.

Natürlich braucht es Alternativen zu kostenlosem Mainstream-Porn. Auch heute gibt es immer wieder erotische Publikationen, die Sex und Körper in ihrer Diversität zeigen, die sexy und kritisch zugleich sind, wie das Schweizer Projekt „Queer Sex – whatever the fuck you want!“. Auf 160 Seiten finden sich hier Fotografien nackter Körper, unterschiedlicher Menschen beim Sex und Gangbang, mit Umschnalldildos oder im Lederoutfit. Dazwischen queere Sex-Education und erotische Geschichten.

Schließlich wollen auch viele weibliche und queere Augen hotte Bilder sehen. Manche von uns erregen auch die standardisierten Aufnahmen der Mainstream-Pornografie. Einige freuen sich hingegen über Anbieter wie femtasy und lassen all ihren Fantasien gerne zu Sex-Erzählungen freien Lauf. Eine dezidierte Einteilung in männliche und weibliche Lust scheint hingegen längst überholt. Deshalb: Porno sollte bitte fair produziert und Solo-Sex nicht zum Lifestyle-Hack degradiert werden.

Sophia Krauss und Verena Kettner masturbieren persönlich lieber weiterhin ohne Audio–Anleitung.

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Lecken, testen, tracken https://ansch.4lima.de/lecken-testen-tracken/ https://ansch.4lima.de/lecken-testen-tracken/#respond Mon, 27 May 2024 18:27:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=118207 Sexuell übertragbare Erkrankungen erleben ein ungewolltes Comeback in Europa. Für die Prävention von Syphilis und Co braucht es neue Strategien. Von Verena Kettner Anna* fühlt sich wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als ihre Hautärztin ihr den Grund für die roten, juckenden Punkte auf ihrem Körper nennt: Skabies, umgangssprachlich auch Krätze genannt, ein Parasitenbefall der Haut […]]]>

Sexuell übertragbare Erkrankungen erleben ein ungewolltes Comeback in Europa. Für die Prävention von Syphilis und Co braucht es neue Strategien. Von Verena Kettner

Anna* fühlt sich wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als ihre Hautärztin ihr den Grund für die roten, juckenden Punkte auf ihrem Körper nennt: Skabies, umgangssprachlich auch Krätze genannt, ein Parasitenbefall der Haut durch Milben. Sie wird durch intensiven Hautkontakt übertragen und ist in Europa momentan wieder stark auf dem Vormarsch. Was für Anna, ihr Polykül1 und ihre WG folgt, sind wochenlanges exzessives Wäsche­waschen und Putzen sowie das Eincremen mit antiparasitischer Salbe, um die Weiterverbreitung zu stoppen. Anna versucht auch zu rekonstruieren, mit wem sie in den letzten Wochen intensiven Hautkontakt hatte. Sie fühlt sich ein bisschen wie während der Corona-­Lockdowns, nur dass die Nachverfolgung der Kontakte hier privat erfolgt. Es ist anstrengend, sie fühlt sich schuldig und schämt sich. Ihr ist klar: Ein besseres System muss her, um so etwas in Zukunft besser zu handhaben.

Krätze ist nicht die einzige Krankheit, deren Auftreten momentan stark ansteigt, vor allem STIs (Sexually Transmitted Infections) rücken wieder in den Fokus. Alarmierende 17 Millionen Fälle sexuell übertragbarer Erkrankungen bilden den historischen Höchststand in Europa, warnt eine im Herbst 2023 publizierte Studie der WHO. Die Zahl der Syphilis-­Erkrankungen stieg zwischen 2010 und 2019 um satte 87 Prozent, im selben Zeitraum wurden auch doppelt so viele HIV-Diagnosen neu gestellt wie in den Jahrzehnten zuvor. Österreich fällt außerdem durch Höchstwerte bei ­Gonorrhö- und Chlamydien-Infektionen negativ auf. Besonders bitter: Die UN hatte mit der „Agenda 2030“ das Ziel formuliert, alle sexuell übertragbare Erkrankungen bis 2030 so weit zurückzudrängen, dass sie keine Bedrohung mehr für die Weltgesundheit darstellen. Insbesondere mit Blick auf Österreich ist die Entwicklung allerdings nicht überraschend – und sie ist auch nicht auf Dating-Apps zurückzuführen, die es Menschen ermöglichen, schnell und unverbindlich Sex zu haben, wie es österreichische Tageszeitungen suggerieren.

Zu wenig Aufklärung. Die Hauptursache für den starken Anstieg sei ein zunehmendes Hochrisikoverhalten bei sexuellen Kontakten, vor allem mit wechselnden Sexualpartner*innen, heißt es in einer Artikelreihe basierend auf den Ergebnissen der WHO-Studie. Die erhöhte Risikobereitschaft ließe sich vor allem dadurch erklären, dass viele STIs ­mittlerweile sehr gut behandelbar sind und deswegen ihren Schrecken verloren hätten. Bei unkomplizierten und früh entdeckten Erkrankungen lassen sich sowohl Syphilis als auch ­Gonorrhö und Chlamydien gut mit Antibiotika behandeln. Um eine Ansteckung mit HIV zu vermeiden, können HIV-negative Menschen ein Medikament zur sogenannten Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) in Tablettenform einnehmen, außerdem ist auch eine Infektion mit HIV in Österreich gezielt und gut therapierbar.

Aus medizinischer Perspektive mag das eine plausible Analyse sein, sie geht aber implizit davon aus, dass die Verantwortung für ausreichende Information und Prävention beim Individuum liegt. Fehlende Aufklärung über sexuell übertragbare Erkrankungen spielt dabei aber eine entscheidende Rolle. Wenn beispielsweise auf Ratgeber-Websites zu sexueller Gesundheit oder auch in Artikeln über HIV informiert wird, richten sich die Tipps meist hauptsächlich an schwule Männer bzw. wird über das Ansteckungsrisiko bei ­schwulem Sex geschrieben. Aber nicht nur schwule Männer haben gerne Analsex. Und nicht nur beim Analsex können Menschen sich mit HIV infizieren. Während es in den 1990er- und 2000er-Jahren zumindest staatliche Aufklärungskampagnen für die Risiken von HIV gab, wird mittlerweile im öffentlichen Gesundheitsdiskurs kaum mehr über die Erkrankung gesprochen. Das homofeindliche Stigma hingegen gibt es immer noch. Auch über andere sexuell übertragbare Erkrankungen gibt es sowohl zu wenig niederschwellig zugängliche Informationen als auch zu wenig aktuelle Forschung. In Österreichs Schulen beispielsweise ist Sexualpädagogik nicht im Lehrplan verankert, sie bleibt dem guten Willen der Lehrkräfte überlassen. Das Problem fehlender Information wäre hier sehr einfach zu lösen: Insbesondere für Schulklassen gibt es gute Angebote von externen Bildungseinrichtungen. Prävention ist teuer. Was bei der Rede vom „individuellen Hochrisikoverhalten“ außerdem gerne ausgeblendet wird:

Prävention ist teuer. Regelmäßige umfassende STI-Screenings werden in Österreich nicht von den Krankenkassen bezahlt. Ärztliche Überweisungen für kostenlose Tests gibt es nur bei konkreten Symptomen und Verdachtsfällen, was für das Verhindern einer Weiteransteckung oft zu spät ist. Eine empfehlenswerte und kostengünstige Adresse für Testungen auf die häufigsten STIs sowie kompetente Beratungen sind in einigen österreichischen Bundesländern die AIDS-Hilfen. Auch hier ist allerdings nicht möglich, sich beispielsweise auf verschiedene bakterielle oder Pilz-Infektionen testen zu lassen. Diese sind zwar weniger gefährlich, aber sehr unangenehm und ebenfalls ansteckend. Auch die Impfung gegen HPV ist für Personen über 21 Jahre nicht gratis. Dabei zählt HPV zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen, die meisten Menschen infizieren sich zumindest einmal im Leben. Auch die besten Präventionsmaßnahmen für direkten Sexualkontakt, Kondome und Lecktücher, sind teuer. Lecktücher können außerdem nicht in herkömmlichen Drogerien erworben werden, sondern müssen in Apotheken gekauft oder online bestellt werden. Kostenlose, regelmäßige STI-Screenings sowie gratis Dental Dams und Kondome wären eine erfolgversprechende Strategie, um die Zahl der Ansteckungen zu senken.

Wechselnde Partner*innen. Auch mehr wechselnde Sexualpartner*innen müssten dann nicht zum Problem werden. Zwar steigt selbstverständlich statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit jedem neuen sexuellen Kontakt. Aber sexuelle Kontakte sind eben nicht nur Statistiken, es sind Menschen, die achtsam miteinander umgehen können. Insbesondere bei konsensueller Nicht-Monogamie, also wenn Menschen mehrere romantische und sexuelle Beziehungen führen und alle Beteiligten darüber Bescheid wissen, bewährt sich die Praxis des regelmäßigen Testens.

Nach dem Krätze-Schock setzt sich auch Anna mit den Lieben in ihrem Polykül zusammen. Sie vereinbaren, dass jede Person sich alle sechs Monate bei der AIDS-Hilfe testen lässt. Falls Symptome auftreten oder es ungeschützten Sexualkontakt mit Personen außerhalb des Polyküls gibt, soll ein Test baldmöglichst erfolgen. Die Ergebnisse wollen sie dann jeweils auf einem Pirate Pad teilen, zu dem alle Zugriff haben. So ist es möglich, eine potenzielle Ansteckung zeitnah nachzuverfolgen und entsprechend zu handeln, vor allem, da nicht alle Personen im Polykül gleich viel Kontakt miteinander haben und im Alltag nicht unbedingt über ihr Sexualverhalten sprechen. Am Ende des Abends fühlt Anna sich erleichtert. Beim nächsten Verdachtsfall würde zumindest nicht mehr die gesamte Verantwortung auf ihr alleine lasten.

Verena Kettner findet geteilte Verantwortung mindestens genauso schön wie geteilte Lust.

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Der Hass in Hässlichkeit https://ansch.4lima.de/der-hass-in-haesslichkeit/ https://ansch.4lima.de/der-hass-in-haesslichkeit/#respond Fri, 26 Apr 2024 02:52:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=117567 Schönheitsstandards sind nicht naturgegeben. VERENA KETTNER hat Moshtari Hilals bemerkenswertes Buch „Hässlichkeit“ gelesen und viel über die eurozentrische Kulturgeschichte von Hässlichkeit erfahren. »Pferdefresse, was hast du dir gedacht, so freundlich zu grinsen, aus meinem Gesicht?“ So beginnt die Autorin Moshtari Hilal ihr Buch „Hässlichkeit“ und führt ein paar Zeilen weiter aus: „Ich sah mich auf […]]]>

Schönheitsstandards sind nicht naturgegeben. VERENA KETTNER hat Moshtari Hilals bemerkenswertes Buch „Hässlichkeit“ gelesen und viel über die eurozentrische Kulturgeschichte von Hässlichkeit erfahren.

»Pferdefresse, was hast du dir gedacht, so freundlich zu grinsen, aus meinem Gesicht?“ So beginnt die Autorin Moshtari Hilal ihr Buch „Hässlichkeit“ und führt ein paar Zeilen weiter aus: „Ich sah mich auf vierzehn passfotogroßen Rechtecken und sie blickten zurück. Es war, wie A. mir noch im Schulflur erklärt hatte: schiefe Zähne, langes Gesicht, große Nase. Vierzehnmal lernte ich mit vierzehn, ich bin hässlich.“ Das Kapitel schließt mit den Worten: „Ich suche das Foto für dieses Buch. Ich suche vergeblich eine hässliche Pferdefresse. Finde nur das Bild eines Kindes, das Zähne zeigend vierzehn Jahre lang zum letzten Mal gelächelt haben wird.“

In ihrem großartigen Werk, das weder vollständig Roman noch Sachbuch, Gedichtzyklus oder Bildband, sondern alles auf einmal ist, unternimmt Moshtari Hilal eine Annäherung an die Angst- und Hassgefühle, die mit dem Konzept von Hässlichkeit verknüpft sind. Denn Hässlichkeit ist nicht oberflächlich, genauso wenig wie Schönheit: „Hässlichkeit wäre oberflächlich, wenn es in Wahrheit nicht um Hass ginge, um den Wunsch, nicht gehasst zu werden, sich selbst nicht zu hassen.“ Hilal arbeitet heraus, wie wir Menschen bereits sehr früh lernen, uns selbst und insbesondere unsere Körper mit Hass zu betrachten. Einem Hass, der eigentlich aus der Angst entsteht, von der Norm abzuweichen und aufzufallen. In Wahrheit hassen wir „nicht unsere fetten Oberschenkel, unsere dreckigen Finger, unseren behaarten Bauch oder unser schiefes Kreuz, sondern wir fürchten die kategorische Nähe zu denen, die unsere Gesellschaft hasst“, analysiert Hilal.

RASSISTISCHE WURZELN. Die Wurzeln dessen, was in der Ästhetik der sogenannten westlichen Moderne als hässlich wahrgenommen wird, liegen in rassistischen, kolonialistischen, antisemitischen, ableistischen und sexistischen Bildern. Der Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon schrieb 1952 in seinem bahnbrechenden Werk „Schwarze Haut, weiße Masken“, in dem es um die Selbstentfremdung von Schwarzen geht, über den Zusammenhang von europäischer Kolonisierung und globalem Kapitalismus mit Schönheitsstandards. Die (Haut-)Farbe Weiß wurde mit Schönheit assoziiert, Schwarz hingegen mit Hässlichkeit. Es bleibt allerdings nicht nur bei einer ästhetischen Verknüpfung, so Fanon: „Dieses Weiß, das sich für schön hält, für besser, für vernünftiger, für vollkommener, für reiner“. Reinheit, Vernunft, Zivilisation bildeten für die europäischen Kolonisator*innen die Kernelemente ihrer Überlegenheitsideologie, mit der sie die gewaltsame Ausbeutung und Unterdrückung legitimierten. Viele dieser rassistischen Bilder wirken bis heute in den westlichen Vorstellungen von Schönheit und Hässlichkeit. So wird der Kriminelle, der Außenseiter gerne weiterhin mithilfe von dunkler Haut, einem stark behaarten, buckeligen oder anders abweichenden Körper, oft mit einer großen Nase, verkörpert. Das geschieht in deutschen Filmklassikern wie „Die weiße Massai“ ebenso wie in Kinderfilmen wie „Dumbo“.

HAARIGER SEXISMUS. Hilal geht in „Hässlichkeit“ auf diese Stereotype ein, schreibt über die Geschichte von Freakshows und „Ugly Laws“, mit denen hässliche Menschen aus den Städten verbannt werden sollten, und behandelt nicht nur Schönheitskriterien wie Hautfarbe und Gewicht, sondern auch die Form des Gesichts, die Größe der Nase oder Körperbehaarung. Sie fragt sich z. B., woher Menschen wissen sollen, wo sie beim Rasieren aufhören sollen? Welche Art von Haaren ist „dreckig“ und eklig, welche nicht? Warum müssen Haare an den Beinen entfernt werden, an den Armen jedoch nicht? Und warum müssen weibliche* Menschen mit starkem Haarwuchs die Haare an den Armen dann eben doch entfernen, um nicht als hässlich abgestempelt zu werden? Im Kapitel „Wolfsmädchen“ geht Hilal dieser geschichtlichen Verschränkung von rassistischen und sexistischen Vorstellungen beim Thema Körperbehaarung nach: „Behaarungen von Körper und Gesicht galten der Forschung nach Darwin als sekundäre Geschlechtsmerkmale. Sie wurden als Indizien der sogenannten anthropologischen Entwicklung der Rasse angesehen: Je höher die evolutionäre Entwicklung, desto stärker die Gegensätze zwischen Mann und Frau.“ Starker Haarwuchs bei Frauen gilt also nicht nur als hässlich, es schwingt implizit auch die rassistische Verurteilung mit, sie sei ein Zeichen von „Minderwertigkeit“. Darüber hinaus wurde starker Haarwuchs von Kriminologen und Dermatologen mit Geisteskrankheit in Verbindung gebracht, wie Hilal herausarbeitet. Auch diese Trope findet sich heute noch in Filmen, insbesondere bei der Inszenierung von Weiblichkeit.

SCHAMBEHAFTETE EINSAMKEIT. Hässlichkeit ist nicht nur mit Gefühlen von (Selbst-) Hass und Angst aufgeladen, sondern auch mit Scham. Denn Hässlichkeit macht einsam, so das Narrativ – wer möchte schon eine hässliche Frau heiraten? In ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte großer Nasen, insbesondere auch mit der sogenannten „jüdischen Nase“, bringt Hilal diese Scham mit antisemitischen, rassistischen und sexistischen Ideologien in Verbindung. So war plastische Nasenchirurgie (Rhinoplastik) nicht nur in ihrer Familie vollkommen normalisiert, für Hilal aber trotzdem mit einem starken Schamgefühl sowie der Angst verknüpft, dass trotz dieser Selbstverneinung der eigenen Geschichte und Herkunft einen die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht aufnehmen würde. Hässlichkeit wird als faschistische Ideologie entlarvt, da das strukturell Andere (= die große Nase) ihr nie entkommen kann. Denn im Grunde geht es dabei nicht um die Ablehnung der stigmatisierten Nase an sich, sondern um die Verachtung des Menschen, der diese Nase trägt. Plastische Chirurgie in Form von ethnischer Rhinoplastik, also der Nasenkorrektur aller „nicht-kaukasischen Nasen“, ist ein riesiger Markt, denn sie ist immer auch ein Assimilationsversprechen. Menschen, die Rhinoplastik in Anspruch nehmen, wünschen sich also die Befreiung von einer real erfahrenen Stigmatisierung aufgrund der eigenen Nase, wissen jedoch zugleich, dass die Ablehnung sie viel tiefer trifft.

EINE ANDERE GEWISSHEIT. Dabei ist das eurozentrische Projekt der Schönheitslehre, der sogenannten Ästhetik, historisch und global betrachtet nicht die einzig existierende Definition von Schönheit. Hilal erinnert daran, dass die dekolonialen Theoretiker Walter Mignolo und Rolando Vázquez das Konzept „AestheTics“ (Ästhetik) von der sinnlichen Erfahrung der Schönheit selbst in ihrem Wortgebrauch „aestheSis“ unterscheiden. Zu dieser sinnlichen Erfahrung des Schönen sind alle jederzeit fähig, ohne Doktrinen und Ideologien, sie geht der Ästhetik voraus, da die Vorstellung von Schönheit überhaupt erst auf diesem Fühlen aufbauen kann. Die sogenannte epistemische Gewalt, also das Auslöschen von Wissen und der Geschichtsschreibung insbesondere des globalen Südens, lässt die westliche Ästhetik als vermeintlich universellen Maßstab für Schönheit und Hässlichkeit übrig. Hilal fasst diese Form der Gewalt treffend zusammen: „Die klassische Ästhetik des Westens wirkt weit über Europa und die USA hinaus und ist trotzdem allein nach seinem kulturellen Erbe und seinen elitären Körpern ausgerichtet. Sie (…) braucht stets den Gegensatz: Alles in ihr entfaltet sich immer im Kontrast zum Anderen.“ Etwas als hässlich zu bewerten, erfüllt immer die Funktion von Abgrenzung und Abwertung, ist also keine Frage von Hirnchemie und mitnichten naturgegeben. „Auch ich bin schön“ – sich mit all diesen Argumenten und auf der Grundlage ethischer Überlegungen davon zu überzeugen, sei dennoch schwierig. Mit Rekurs auf die Aktivist*innen Mia Mingus und ALOK plädiert Hilal am Ende ihres so lesenswerten Buches deshalb für „eine Politik des Hässlichen und der Großartigkeit“. Schönheit biete sowieso nur die Illusion von Trost, schließlich sei sie immer vergänglich, „in der Hässlichkeit ruht eine andere Gewissheit“. Die Versöhnung mit unserer Hässlichkeit lehre uns „Verletzlichkeit, Intimität und Vertrauen“ und nicht zuletzt auch, unsere Menschlichkeit und Sterblichkeit anzuerkennen.

VERENA KETTNER findet vieles hässlich. Vor allem das Patriarchat und den Kapitalismus.

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Präfaschistische Zeiten https://ansch.4lima.de/praefaschistische-zeiten/ https://ansch.4lima.de/praefaschistische-zeiten/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:48:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=115349 Es ist ein fast schon dystopisches Bild, das sich zu Jahresbeginn in Rom bietet: Hunderte Rechtsextreme versammeln sich in der Hauptstadt, angeführt von der faschistischen Organisation „Casa Pound“. Zum Rechteck formiert stehen sie militärisch aufgereiht und strecken die rechte Hand zum „römischen Gruß“ in die Höhe – es ist das italienische Äquivalent zum Hitlergruß. Die […]]]>

Es ist ein fast schon dystopisches Bild, das sich zu Jahresbeginn in Rom bietet: Hunderte Rechtsextreme versammeln sich in der Hauptstadt, angeführt von der faschistischen Organisation „Casa Pound“. Zum Rechteck formiert stehen sie militärisch aufgereiht und strecken die rechte Hand zum „römischen Gruß“ in die Höhe – es ist das italienische Äquivalent zum Hitlergruß. Die „Faschisten des 3. Jahrtausends“ gedachten dreier Opfer eines linksterroristischen Anschlags im Jahr 1978, die Polizei sah keinen Anlass, einzuschreiten – auch die „postfaschistische“ Regierungschefin Meloni hüllte sich in Schweigen. Rechtsextreme und faschistische breiten sich (nicht nur) in Europa wieder aus – Politikwissenschafter*innen wie Natascha Strobl warnen davor, dass wir längst in „präfaschistischen Verhältnissen“ leben würden. Rechte Parteien und Gruppierungen eint nicht nur ein verbissener wie menschenverachtender Kampf gegen die „Genderideologie“, ihr großes Ziel ist eine Aushebelung des Asylrechts. Dabei ist eine massive Verschärfung von Migrations- und Asylpolitiken bereits jetzt Realität.

Im Dezember einigten sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf eine sogenannte „Asylreform“, die ein einheitliches Asylverfahren an den Außengrenzen, eine Neudefinition sicherer Drittstaaten sowie einer Neuregelung der Verteilung von Asylwerbenden in den Mitgliedsstaaten vorsieht. Konkret bedeutet dies für Geflüchtete, dass es ihnen nahezu verunmöglicht wird, ein faires Verfahren mit genügend Zeit und Ressourcen in europäischen Binnenländern zu erhalten. Stattdessen müssen sie bis zum Bescheid unter haftähnlichen Bedingungen in „Camps“ an den Außengrenzen verharren. Weiters sollen die Kriterien für die Einstufung eines Drittstaats als „sicher“ verändert werden. Was nicht nur heißt, dass Geflüchtete problemlos in – wirklich überhaupt nicht sichere – Herkunftsländer abgeschoben werden können, sondern auch, dass die EU ihre Tore für Deals mit autokratischen Staaten noch weiter öffnet. Nichts davon dient tatsächlich dazu, wie gerne von Regierungen argumentiert wird, das große Sterben im Mittelmeer zu beenden. Es werden wohl genauso viele Menschen im Mittelmeer und an den EU-Außengrenzen sterben wie zuvor, die Festung Europa schottet sich nur ein Stück weiter ab.

Auch innerhalb von EU-Staaten werden Asylpolitiken wieder restriktiver. Dazu müssen nicht einmal Gesetze geändert werden, es reicht schon, Gesetzestexte strenger auszulegen. Das zeigt etwa ein Fall in Niederösterreich, wo ein asylwerbender Bräutigam während seiner Trauung auf dem Standesamt in Schubhaft genommen wurde. Asylrechtsanwalt Klammer bestätigt, dass dieses Verfahren zwar nicht per se rechtlich unzulässig, allerdings grausam und willkürlich sei – und in den letzten Jahren deshalb auch nie vorkam.

Solche Gesetze und Maßnahmen werden von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt – oder zumindest nicht bekämpft. Daneben formieren sich die „rechten Ränder der Gesellschaft“ noch stärker als zuvor. Das Treffen rechtsextremer Kräfte in Deutschland vom 25. November 2023 zeigt das deutlich. Bei dieser geheimen Zusammenkunft, von der die Medien Wind bekamen, entwarfen unter anderem Mitglieder der AfD und der Identitären ehrgeizige Pläne, wie Asylwerbende – mit oder ohne Aufenthaltstitel – abgeschoben werden können. Auch „nicht assimilierte Staatsbürger“ solle es treffen, wie es der Identitären-Vordenker Martin Sellner formulierte. Was bizarr klingen mag, ist bitterer Ernst, es gibt bereits finanzielle Unterstützung, Marketingideen und eine über Jahre gewachsene rassistische politische Infrastruktur dafür. „Wenn ihr das nicht erkennt, habt ihr bereits verloren: nicht den Kampf, aber eure Menschlichkeit, euer Rückgrat und damit eure Freiheit“, kommentiert das der Verein Asyl in Not. Es sind eben nicht nur jene „rechten Ränder“, die Freiheits- und Grundrechte bedrohen. Konservatismus, Rassismus und rechtsextreme Einstellungen sind in allen Schichten der österreichischen und deutschen Gesellschaft, in den Strukturen aller Institutionen, in Schulen, Medien und Parteien zu finden. Es sind nicht nur Asylwerbende und Migrant*innen, die verlieren, wenn Faschisten Macht erlangen, es wird alle treffen. Ende Jänner gingen in deutschen Städten Hunderttausende auf die Straße, um gegen den Vormarsch der AfD zu protestieren. Es kann dies nur der Anfang sein.

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Sexarbeit erzählt https://ansch.4lima.de/sexarbeit-erzaehlt/ https://ansch.4lima.de/sexarbeit-erzaehlt/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:44:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=112731 Das Hörspiel „Desire“ porträtiert drei queere Sexarbeiterinnen und liefert eine klischeefreie Darstellung, die uns ganz nahe heran lässt. Von Verena Kettner Sam ist eigentlich glücklich in ihrer Beziehung mit Partner und gemeinsamen Kind. Wenn da nur nicht Jess wäre, die sich so gut anfühlt und so gut riecht und an die Sam denken muss, wenn […]]]>

Das Hörspiel „Desire“ porträtiert drei queere Sexarbeiterinnen und liefert eine klischeefreie Darstellung, die uns ganz nahe heran lässt. Von Verena Kettner

Sam ist eigentlich glücklich in ihrer Beziehung mit Partner und gemeinsamen Kind. Wenn da nur nicht Jess wäre, die sich so gut anfühlt und so gut riecht und an die Sam denken muss, wenn sie Sex mit Kunden hat. In „Desire“, Tia Morgens erster Hörspielreihe, folgen wir drei Sexarbeiter*innen durch ihre queeren Leben in Berlin. Wie Sam hat es auch Lilli nicht ganz einfach: Obwohl sie das niemals zugeben würde, schmerzt sie die Distanz zu ihrer Mutter. Die Entfremdung ist bereits mit Lillis queerem Coming-out eingetreten. Doch durch die Unmöglichkeit, über ihren Job als Sexarbeiterin zu sprechen, verstärkt sie sich immer weiter. Robin kämpft derweil mit der Frage, wie sich ein nicht-binärer Körper in der Sexarbeit behaupten kann, und damit, dass Robins Partnerin immer mehr mit der Berufswahl hadert. Das Hörspiel hat sechs Folgen, jeweils zwei widmen sich den Erlebnissen einer der drei Sexarbeiter*innen. Während wir Hörer*innen in ihr Gefühlsleben eintauchen dürfen, lassen sie uns auch an ihrem Arbeitsalltag teilhaben. Sie reflektieren über die Möglichkeiten und ­Unmöglichkeiten der Selbstbestimmung im Beruf; erzählen vom Genuss, den ihnen die Macht, die sie über Kunden haben, bereitet; über die Zweifel, ob sie sich am Ende nicht doch wieder nur dem männlichen Begehren unterwerfen. Wir bekommen eine Ahnung von der emotionalen Arbeit, die Sexarbeit mit sich bringt, wenn sie zum Beispiel mit einem Kunden über dessen Untreue reden müssen; von gesellschaftlichen Vorurteilen und Stigmata, die sich nicht nur auf der Straße, sondern eben auch unter den Liebsten finden; vom Umgang mit sympathischen Kunden, schwierigen Kunden, übergriffigen Kunden und von der Herausforderung, aufgrund der weiblichen Sozialisation die eigenen Grenzen im Job klar zu erkennen und zu setzen.

Die Sexarbeit, die wir im Hörspiel kennenlernen, ist vielseitig: Obwohl Sam, Lilli und Robin im Bordell arbeiten, zeigen sie uns auch ein paar Seitenblicke in die Welt des Escort und Cam Sex – sowie auch in die Reproarbeit, die es braucht, um Sexarbeit überhaupt erst anbieten zu können, wie beispielsweise das Hotelzimmer nach jedem Kunden zu putzen. „Manchmal werde ich melancholisch, weil die Welt so ein beschissener Ort ist, und Sexarbeit das so erbarmungslos entblößt“, sagt Robin in einer Folge. Die Darstellung von Sexarbeit im Hörspiel lässt die Hörer*innen ganz nahe heran, sie ist kritisch und liebevoll zugleich. Relevante Themen wie erzwungene Gesundheitschecks, prekäre Arbeitsbedingungen, Kon­trollen im Bordell und Verdrängung bekommen genügend Raum und dennoch schlägt die Erzählung immer wieder den Bogen zurück zu ihrem Kernthema: der Selbstbestimmung der drei Hauptcharaktere und der beeindruckenden und berührenden Stärke einer solidarischen, queeren Community. Die fiktiven ­Charaktere und Geschichten sind dabei sehr divers und differenziert entworfen und beruhen auf intimen Interviews und Begegnungen mit über dreißig LGBTQIA+ Sexarbeiter*innen aus 14 Ländern. Prekarität und Klasse spielen dabei ebenso eine Rolle wie Kämpfe aufgrund von Herkunft und Hautfarbe und das Erforschen der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität. Die Stimmen der Sprecher*innen sind überaus angenehm. Sie vermitteln Humor, Sexyness, Melancholie und Zweifel, und scheuen sich dabei nicht, knallhart ehrlich und intim zu bleiben.

Dem absolut empfehlenswerten Hörspiel gelingt so nicht nur eine diverse, lebensechte und klischeefreie Darstellung von queeren Sexarbeiter*innen mit unterschiedlichsten Begehren, Problemen und ­Träumen, sondern auch ein machtvolles Gegen­narrativ zur gängigen medialen Darstellung von Sexarbeiter*innen. Anstatt mit einem männlichen, voyeuristischen und teilweise auch exotisierenden Blick, der sie viktimisiert und als Opfer ihrer Umstände darstellt, werden die Porträtierten hier realitätsnah gezeigt: sehr vielfältig, sehr unterschiedlich und immer sehr menschlich. Das Gefühl von Empowerment, das sich so vermittelt, basiert nicht auf der romantisierten Erzählung einer individuellen Ermächtigung, sondern auf dem radikal zärtlichen, kollektiven Kampf um eine queere Utopie, den die Hauptcharaktere gemeinschaftlich führen. •

Verena Kettner liebt Queerness, Berlin und sanfte Stimmen und hat somit das perfekte Hörspiel für sich gefunden.

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Deckmantel Kinderschutz https://ansch.4lima.de/deckmantel-kinderschutz/ https://ansch.4lima.de/deckmantel-kinderschutz/#respond Fri, 26 May 2023 15:14:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=109826 Wenn eine Dragqueen öffentlich aus einem Kinderbuch vorliest, dann ist das eine höchst gefährliche Angelegenheit für zarte Kinderseelen, gegen die unbedingt Sturm gelaufen werden muss. Was wie eine Parodie klingt, ist leider keine. Mitte April trafen in Wien an einem Sonntagmorgen rechtsextreme Demonstrant*innen und zum Glück eine große Überzahl Gegendemonstrant*innen, getrennt durch eine noch größere […]]]>

Wenn eine Dragqueen öffentlich aus einem Kinderbuch vorliest, dann ist das eine höchst gefährliche Angelegenheit für zarte Kinderseelen, gegen die unbedingt Sturm gelaufen werden muss.

Was wie eine Parodie klingt, ist leider keine. Mitte April trafen in Wien an einem Sonntagmorgen rechtsextreme Demonstrant*innen und zum Glück eine große Überzahl Gegendemonstrant*innen, getrennt durch eine noch größere Vielzahl von Polizist*innen, vor dem queeren Zentrum Türkis Rosa Lila Villa aufeinander. Dort fand eine Kinderbuchlesung statt, performt von einer Dragqueen. Es war nicht die erste Lesung in diesem Jahr, die von der rechtsextremistischen Gruppe der Identitären gestört wurde.

Nicht nur auf der Straße wird gegen Drag gehetzt: Im Parlament fordert die FPÖ gar ein Verbot solcher Events. Angriffe auf queeres Leben häufen sich nicht nur in Österreich: In Texas, USA, gibt es momentan Versuche, queere Bücher zu verbieten. Der Bundesstaat Tennessee will alle Drag-Performances abschaffen. Im österreichischen Nachbarstaat Ungarn wird der Verkauf queerer Kinderbücher eingeschränkt und im Parlament über ihr komplettes Verbot debattiert. Diese Hetze bleibt nicht folgenlos: In Bratislava wurden im vergangenen Herbst zwei Menschen vor einer queeren Bar erschossen, in Münster wurde ein trans Mann auf dem Christopher Street Day zu Tode geprügelt.

Queerfeindlichkeit ist kein neues Motiv rechter Bewegungen. In der sogenannten „Verteidigung“ der heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie treffen sich rechte, fundamentalistisch-christliche und bürgerlich-konservative Ideologien immer schon. Dass zuletzt Kinderbücher bzw. Veranstaltungen für Kinder vermehrt angegriffen werden, ist aufgrund dieser ideologischen Überschneidungen nicht verwunderlich. Beim vermeintlichen „Kinderschutz“ sind sich das rechtsextreme und das konservative Lager schnell einig. Der Protest richte sich ja nicht gegen queere Menschen an sich, heißt es dann, sondern bloß gegen die „Frühsexualisierung“ der Kinder. Abgesehen davon, dass genau jene FPÖ, die sich nun so sehr um die Kinder sorgt, während ihrer Regierungszeit mit der ÖVP munter daran werkelte, die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder zu kürzen, ist auch die „Frühsexualisierung“ nichts anderes als ein strategischer Schwindel. Bei Drag geht es um den radikalen Ausdruck der eigenen Identität, nicht um Sexualität. Für Kinder sind Dragqueens einfach bunte und außergewöhnlich aussehende Menschen, die genauso Freude, Angst oder Verwirrung auslösen können wie alle anderen ungewohnt auftretenden Menschen, beispielsweise Clowninnen oder Polizist*innen in Kampfmontur.

Dank der queeren Kämpfe und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte gehört stumpfe Homofeindlichkeit nicht mehr zum guten Ton in Österreich. Queerfeindlichkeit explizit und offen zu kommunizieren und zu leben, ist nicht mehr so anschlussfähig wie noch vor einigen Jahren. Deshalb eignet sich das Argument des „Kinderschutzes“ so hervorragend, um diesen Hass dennoch weiterhin ausleben zu können.

Ihn gibt es nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der bürgerlich-konservativen „Mitte“ der Gesellschaft – und wie die sogenannte Transdebatte zeigt, leider auch in der feministischen Szene. Selbst hier wird oft mit dem Vorwand argumentiert, Kinder vor falschen Entscheidungen, Verwirrung, Sexualisierung und Übergriffen schützen zu wollen.

Egal, aus welcher Richtung der Hass kommt, die Antwort muss immer dieselbe sein. Die Proteste vor der Türkis Rosa Lila Villa haben es erneut gezeigt: Die queere Community ist bunt und laut und stark. Wir lassen uns nicht einschüchtern. •

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Die letzten Tage des Patriarchats? https://ansch.4lima.de/die-letzten-tage-des-patriarchats/ https://ansch.4lima.de/die-letzten-tage-des-patriarchats/#respond Fri, 24 Jun 2022 21:04:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=75772 „Johnny Depp gewinnt Verleumdungsprozess gegen Ex-Frau Amber Heard“, titelte der „Standard“ Anfang Juni. Genau genommen sprachen die Geschworenen beide Parteien wegen Verleumdung schuldig, dennoch ist Johnny Depp klarer Gewinner der Gerichtsverhandlungen. Nicht nur, dass er seiner Ex-Frau Amber Heard eine sehr viel kleinere Summe an Schadenersatz zahlen muss, die gesamte Berichterstattung rund um den Prozess […]]]>

„Johnny Depp gewinnt Verleumdungsprozess gegen Ex-Frau Amber Heard“, titelte der „Standard“ Anfang Juni. Genau genommen sprachen die Geschworenen beide Parteien wegen Verleumdung schuldig, dennoch ist Johnny Depp klarer Gewinner der Gerichtsverhandlungen. Nicht nur, dass er seiner Ex-Frau Amber Heard eine sehr viel kleinere Summe an Schadenersatz zahlen muss, die gesamte Berichterstattung rund um den Prozess geriet zu einer Verhöhnung der #MeToo-Bewegung. Der Prozess mit seinem verheerenden Urteil wäre alleine schon ekelhaft genug, aber die verletzten weißen männlichen Egos, die verängstigten und vom Untergang des Abendlandes bedrohten Männlichkeiten schlafen nicht, die Männerrechtler und die wütenden Bürger*innen, sie alle nutzen die patriarchale Gunst der Stunde und verschafften dem in Indien entstandenen #MenToo Aufwind im Netz. Vor allem auf Twitter trendet der Hashtag gegen „falsche Anschuldigungen der sexuellen Belästigung“. Kommentare, die sich mit der „Entdeckung, dass Frauen auch böse sein können“ beschäftigen, Feminismus als Instrument zur Unterdrückung von Männern verteufeln und „Gleichberechtigung“ fordern, erhalten mehrere Hundert Likes. Die alte Forderung vom rechten Rand genauso wie von Teilen der bürgerlichen Mitte ist auf einmal wieder brandaktuell: dass der ungerechte Feminismus, der Männer ja so benachteiligen würde, nun, wo ohnehin alle bereits gleichgestellt seien, doch lieber ein Humanismus sein sollte.

Das Urteil zeigt einerseits auf, dass staatliche Institutionen und Strukturen mitunter immer noch sehr gut basierend auf maskulinistischen Solidaritäten funktionieren und dass Geld und Ruhm auch immer noch eine Rolle in Gerichtsprozessen spielen können. Wer weiß, ob die Verhandlungen in den USA anders ausgegangen wären, wenn nicht ein schreiender Mob vor dem Gerichtsgebäude Johnny zugejubelt hätte? Dadurch wird andererseits umso ersichtlicher, dass #MeToo nicht nur eine vorübergehende Bewegung war, die einmal alle aufrüttelte und nun wieder vergessen werden kann. #MeToo markierte einen Beginn, von dem an auch in einer breiteren Öffentlichkeit über patriarchale Strukturen und Gewalt gesprochen wurde und leitete erste Transformationen dieser Strukturen in die Wege. Diese Transformationen müssen sowohl verteidigt als auch weiter vorangetrieben werden. Denn das neoliberale cishet Patriarchat fühlt sich davon in seiner Vorherrschaft bedroht und bäumt sich ein letztes Mal gegen seinen bevorstehenden Untergang auf, so manchen feministischen Lesarten des erstarkenden antifeministischen Backlash zufolge. Der antifeministische Schulterschluss von autoritären, rechten und konservativen Männlichkeiten, der sich im Erstarken von antifeministischen und sexistischen Diskursen und dem Anstieg an Gewalt gegen FLINTA* sowie auch am Beispiel von #MenToo zeigt, sei ein Zeichen dafür, dass die Fundamente des Patriarchats langsam bröckeln. Weshalb dieses umso gewaltbereiter und militanter auf allen Ebenen zurückschlägt. Dass beispielsweise die rechtsextreme Gruppe der Identitären sich mit christlichen Fundamentalist*innen verbündete und in Wien in der Pride-Woche mehrere Aktionen durchführte, um Queers anzugreifen und zu degradieren, ließe sich so lesen: Sie fühlen sich bedroht, also bilden sie umfassendere Allianzen und gehen auf Angriff.

Ich sehe diese Entwicklungen leider nicht ganz so optimistisch. Historisch betrachtet wurden Revolutionen (fast) immer von Gegenrevolutionen begleitet, die den bisherigen Status quo sichern oder wiederherstellen wollten – vielen davon ist das auch gelungen. Wenn wir eine feministische Revolution nachhaltig gestalten wollten, dürfen wir nicht aufhören weiterzukämpfen, egal, wie frustrierend oder schmerzhaft oder zum Kotzen die Umstände gerade sind. Also, an die Johnny Depps dieser Welt: Ihr habt vielleicht diesen Prozess gewonnen, aber die Rebellion ist noch lange nicht vorbei. •

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Ein bisschen Krieg spielen https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-krieg-spielen/ https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-krieg-spielen/#respond Wed, 02 Feb 2022 16:28:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=61937 Ein rot-weißes Logo mit dem Schriftzug „Unser Heer“ ist zu sehen, bevor die Kamera auf einen sechzigjährigen Mann in Offiziersuniform schwenkt. Erst Pokerface, dann strenger Blick. Gesprochen wird ruhig, aber bestimmt. „Bundesministerium Landesverteidigung“ ist im Hintergrund zu lesen, darunter prangt die Österreichfahne. Das war der Rahmen einer Pressekonferenz, die Generalmajor Rudolf Striedinger vor einem Jahr […]]]>

Ein rot-weißes Logo mit dem Schriftzug „Unser Heer“ ist zu sehen, bevor die Kamera auf einen sechzigjährigen Mann in Offiziersuniform schwenkt. Erst Pokerface, dann strenger Blick. Gesprochen wird ruhig, aber bestimmt. „Bundesministerium Landesverteidigung“ ist im Hintergrund zu lesen, darunter prangt die Österreichfahne. Das war der Rahmen einer Pressekonferenz, die Generalmajor Rudolf Striedinger vor einem Jahr zur österreichischen Strategie der Massentestung abhielt.

Dieser Generalmajor – stets deutlich erkennbar an Militäruniform oder sogar Tarnanzug – steht mittlerweile gemeinsam mit der Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit, Katharina Reich, an der Spitze von GECKO – der ­„Gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination“, die angesichts der neuen Herausforderungen durch die Omikron-Variante von der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde. Das österreichische Bundesheer bekommt somit eine noch größere Rolle in der Covid-Krisenbekämpfung, als es durch seinen Einsatz zur Sicherung kritischer Infra­struktur ohnehin schon hatte. Die öffentlichen Auftritte des Generalmajors werden mehr und lassen keinen Zweifel aufkommen an der von ihm und Bundeskanzler Karl Nehammer verkündeten Botschaft: Österreich befindet sich „im Krieg“ gegen das Coronavirus. Unser Alltag wird zum „Leben in der Lage“, so der militärische Ausdruck, den der Bundeskanzler wohl nicht zufällig verwendet.

Und solche Krisenzeiten verlangen nach „starken“ Führungspersönlichkeiten – an dieser Erzählung wird schon seit Beginn der Covid-19-Pandemie gesponnen. Während Staaten wie Neuseeland auf deeskalierenden Dialog und Empathie setzten, traten in Österreich stets „starke Männer“ vor die Kamera. Es galt der österreichischen Bevölkerung zu vermitteln, dass die Regierung die Lage unter Kontrolle hätte. Ex-Kanzler Sebastian Kurz performte dafür eine Manager-Männlichkeit, die auf wirtschaftlichen Idealen wie Effizienz und Selbstverantwortlichkeit aufbaut: effizient, rational, ernst, zielorientiert. Aalglatt. Das Krisenmanagement sei erfolgreich und könne durch das strikte Einhalten eines Kosten-Nutzen-Paradigmas die österreichische Wirtschaft und somit die gesamte Gesellschaft retten.

Mit Generalmajor Striedinger erfolgte nun ein Bruch, nicht nur bei der Krisenbewältigungsstrategie, sondern auch bezüglich der Repräsentation einer „starken Führungsperson“. Die Männlichkeit, die Striedinger – und zu einem gewissen Anteil auch der neue Bundeskanzler Nehammer – verkörpert, lässt sich nur als kriegerisch beschreiben. Omikron könnte die politische Ordnung gefährden, weshalb auf ein Ideal von Stärke, auf soldatische Tugenden zurückgegriffen wird: attackieren, zurückschlagen, den gemeinsamen Feind bekämpfen. „Impfen ist die strategische Waffe gegen das Virus. (…) Hier ist nicht Gewaltfreiheit angesagt“, so Striedinger bei einer Pressekonferenz.

Dass die sozialdarwinistische Idee der Durchseuchung als Krisenlösung nun ebenfalls wieder stärker diskutiert wird, scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein – denn auch die Vorstellung, dass nur die „Stärkeren“ überleben, ist Teil von militärischer Männlichkeit. Sozialdarwinistische Argumente schwangen auch unter Kanzler Kurz immer mit, doch im militärischen Abwehrkampf gegen das Virus treten sie deutlicher zutage. Die (symbolische) Waffengewalt gegen Sars-CoV-2 mag dabei auch als Strategie dienen, die Versäumnisse der vergangenen Monate zu überdecken: eine empathische Politik, die den Schutz der Gesundheit ebenso ins Zentrum stellt wie soziale Sicherheit und Zusammenhalt. Während häusliche Gewalt steigt und viele Frauen, die den Großteil der Care-Arbeit stemmen, sich am Rande ihrer Kräfte befinden, hat die Regierung Frauenpolitik schlicht aufs Abstellgleis verschoben. Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen steigen massiv, gesellschaftliche Ungleichheiten verschärfen sich. Herausforderungen, für die die Regierung dringend Strategien erarbeiten muss. Denn während wir Krieg gegen das Virus spielen, könnte ein großer Teil der Bevölkerung auf der Strecke bleiben. •

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Fragile Errungenschaften https://ansch.4lima.de/fragile-errungenschaften/ https://ansch.4lima.de/fragile-errungenschaften/#respond Thu, 28 Jan 2021 10:39:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=27404 Anfang Jänner wurde das US-Kapitol von rechtsextremen Trump-Anhängerinnen gestürmt. Manche waren bewaffnet, es gab Tote und Verletzte. Wie bitte kann es sein, dass Angreiferinnen ungehindert bis ins Kapitol vordringen? Wo waren die Robocops, die jede Black-Lives-Matter-Demo in Hundertschaften und bis an die Zähne bewaffnet „sichern“? Stellen wir uns vor, die „Protestierenden“ wären People of Color […]]]>

Anfang Jänner wurde das US-Kapitol von rechtsextremen Trump-Anhängerinnen gestürmt. Manche waren bewaffnet, es gab Tote und Verletzte.

Wie bitte kann es sein, dass Angreiferinnen ungehindert bis ins Kapitol vordringen? Wo waren die Robocops, die jede Black-Lives-Matter-Demo in Hundertschaften und bis an die Zähne bewaffnet „sichern“? Stellen wir uns vor, die „Protestierenden“ wären People of Color gewesen. Wären sie so weit gekommen? Wäre die Polizei ebenso defensiv vorgegangen? Sicher nicht. Das Kapitol zu stürmen und danach noch am Leben zu sein – das ist wohl der Inbegriff von White Privilege.

Dass demokratische Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit fragile Errungenschaften sind, wurde in den letzten Jahren überdeutlich – nicht nur in den USA. Nicht allein rechte Regierungen, Politiker wie Trump, Erdoğan oder Bolsonaro, die FPÖ oder die AfD stellen Bedrohungen für demokratische Freiheiten und Menschlichkeit dar, sondern auch rechte Bewegungen aus der Zivilgesellschaft. Und sie sind ein globales Phänomen.

„Unsere unglaubliche Reise“ beginne erst, hat Trump drohend verkündet, und angesichts des Aufwinds, den rechtsextreme Bewegungen aktuell erfahren, sollte man das unbedingt ernst nehmen.

Parlamente stehen dabei symbolisch für den Angriff auf die Demokratie. Im August ließen Rechtsextreme vor dem Deutschen Bundestag ihre Reichsflaggen wehen. In einschlägigen Social-Media-Gruppen wird dazu aufgerufen, den Bundespräsidenten „zu Hause zu besuchen“, das Parlament zu besetzen oder gar anzuzünden. Am Tag des Sturms auf das Kapitol in Washington gab es auch in Wien eine Demonstration von Trump-Anhängerinnen, auf der antisemitische Bilder zu sehen waren. Trump-Befürworterinnen gibt es auch unter den österreichischen Rechten, auch bei den Demonstrationen der Corona-Verharmloserinnen sind sie regelmäßig anzutreffen. Auf diesen Protestmärschen gegen Corona-Maßnahmen wie Masken, Tests und Impfungen tummeln sich unterschiedliche Gruppen und Einzelpersonen, und immer wieder wird darauf gepocht, dass nicht alle Demonstrierenden Nazis seien. Größtenteils sind es allerdings tatsächlich Verschwörungsideologinnen und Rechtsextreme. Beides geht oft Hand in Hand, wie bei den Anhängerinnen von Q-Anon. Diese aus den USA kommende Bewegung zeichnet sich nicht nur durch krude Theorien aus, wie etwa die Überzeugung, politische Eliten würden Kinder foltern, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. Auch antisemitische und rechtsextremistische Einstellungen sind weitverbreitet.

Q-Anon ist nicht die einzige Verschwörungsideologie, bei der sich Antisemitismus, rechtsextreme Gewaltfantasien, Antifeminismus und Anti-Establishment-Einstellungen vermengen. Die Alt-Right-Bewegung in den USA, neurechte Strömungen in Lateinamerika, die Gruppierung „Reclaim Australia“ und die Identitäre Bewegung in Europa – sie alle stehen in Verbindung mit Verschwörungstheoretikerinnen und wachsen kontinuierlich. Rechtsextreme Eliten wie Identitären-Chef Martin Sellner mischen sowohl bei den sogenannten Corona-Demonstrationen als auch bei Vernetzungen über Social Media kräftig mit. Trumps Twitter-Bann und das Abdrehen der rechten Plattform „Parler“ sind nur ein kleiner Zwischenerfolg. Rechte Vernetzung findet weiterhin sehr spontan auf Twitter und Facebook statt, neue Gruppen und Hashtags zu gründen ist kein großer Aufwand.

Auf viele Regierungen, die auf dem rechten Auge blind zu sein scheinen, ist kein Verlass, wenn es um den Schutz von Minderheiten, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geht. Deshalb ist antifaschistischer Protest der Zivilgesellschaft auf allen Ebenen alternativlos – doch er wird delegitimiert und kriminalisiert. Bei Antifaschismus geht es nicht um ein paar gelangweilte Autonome, die ein bisschen Steine werfen und Mülleimer umschubsen. Es geht um den Schutz unserer Demokratie vor rechtsextremen Ideologien und Taten, vor Gewalt und Hass. Floskeln wie „So sind wir nicht“ reichen dafür leider nicht.

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an.sage: Who cares? https://ansch.4lima.de/an-sage-who-cares/ https://ansch.4lima.de/an-sage-who-cares/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:31:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=19397 Ein Kommentar von Verena Kettner  11.000.000.000.000. Eine unaussprechliche Zahl – elf Billionen US-Dollar. Die würde es kosten, wenn alle Frauen weltweit für die Haushalts–, Pflege- und Fürsorgearbeit entlohnt würden, die sie in Familien und Paarbeziehungen als „Arbeit aus Liebe“ unbezahlt leisten. Diese Zahl übersteigt sogar das weltweite Gesamtvermögen der Milliardär*innen, wie in der aktuellen Oxfam-Studie […]]]>

Ein Kommentar von Verena Kettner 

11.000.000.000.000. Eine unaussprechliche Zahl elf Billionen US-Dollar. Die würde es kosten, wenn alle Frauen weltweit für die Haushalts, Pflege- und Fürsorgearbeit entlohnt würden, die sie in Familien und Paarbeziehungen als „Arbeit aus Liebe“ unbezahlt leisten. Diese Zahl übersteigt sogar das weltweite Gesamtvermögen der Milliardär*innen, wie in der aktuellen Oxfam-Studie über soziale Ungleichheit zu lesen ist. Was dort ebenfalls zu lesen ist: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt 45 Prozent des weltweiten Reichtums, während jede zehnte Person von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben muss. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung gilt nach diesen Berechnungen als unter oder an der Armutsgrenze lebend. Und diese Armut betrifft insbesondere Frauen – was keine Überraschung ist angesichts der Tatsache, dass sie täglich weltweit über zwölf Milliarden Stunden Sorgearbeit unbezahlt erledigen.
Natürlich ist die riesige soziale Ungleichheit auf der Welt keine neue Erkenntnis. Feministische Theorien, soziale Bewegungen, antirassistische Forderungen machen unermüdlich auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit aufmerksam. Sie lässt sich in Studien fassen und zu abstrakten Zahlen formen. Doch hinter diesen schwer vorstellbaren Zahlen verbergen sich reale Menschen mit realen Problemen. Diese Probleme unterscheiden sich zwar je nach geographischer Lage, sozialer Stellung und vielen weiteren Umständen, aber sie haben gemeinsam, dass sie vor allem Frauen treffen. In manchen infrastrukturarmen Gegenden des globalen Südens beispielsweise müssen Frauen bis zu 14 Stunden für Haushalts- und Sorgearbeit aufwenden. Zeit für ein eigenes Leben bleibt dabei kaum. Aber auch in Deutschland etwa leisten Frauen 52 Prozent mehr unbezahlte Fürsorgearbeit als Männer und erhalten im Durchschnitt um 53 Prozent niedrigere Pensionen, was weibliche Altersarmut eher zur Regel als zur Ausnahme macht.
Die britische Journalistin Laurie Penny schrieb einmal, dass die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen würde, wenn alle Frauen weltweit damit aufhören würden, Beauty-Artikel zu konsumieren. Aber es bräuchte nicht mal Beauty-Boykott, wenn alle Frauen weltweit streiken und eine faire Entlohnung für ihre Arbeit fordern würden. Ohne die unbezahlte Reproduktions- und Sorgearbeit, die eine produzierende Arbeiter*innenschaft erst ermöglicht, gäbe es spürbar weniger Profit und weniger Wachstum. Frauen und ihre Körper wurden auch in feudalistischen Zeiten unterdrückt und ausgebeutet, doch der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem basiert geradezu auf dieser Ausbeutung. Lohn für Hausarbeit zu fordern, wie es bereits Feminist*innen in den 1970er-Jahren taten, ist eine von vielen Möglichkeiten, Widerstand gegen diese Ausbeutung zu leisten. Aber die Forderung geht nicht weit genug, denn soziale Ungleichheit beruht nicht nur auf unbezahlter Arbeit, sondern auch auf den Chancen und Voraussetzungen für Gleichheit, die Frauen oft verwehrt bleiben. In einem Oxfam-Projekt werden acht Bedingungen erarbeitet, die eine freie Entscheidung über das Maß an Pflege- und Fürsorgearbeit, die jede*r leisten will, ermöglichen sollen. Diese beinhalten unter anderem eine gebührenfreie Schulbildung, Zugang zu Infrastruktur wie sauberem Wasser und Energie, den Ausbau der öffentlichen Pflege und Infrastruktur sowie längere bezahlte Elternzeiten und generell flexiblere Arbeitszeiten – und natürlich auch eine gerecht entlohnte Pflege- und Sorgearbeit. Für all diese Forderungen muss ein Frauenstreik eintreten. Und die unvorstellbare Zahl 11.000.000.000.000 sollte dabei auch eine Rolle spielen. 

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an.sage: Oh, du gespaltenes Österreich! https://ansch.4lima.de/an-sage-oh-du-gespaltenes-oesterreich/ https://ansch.4lima.de/an-sage-oh-du-gespaltenes-oesterreich/#respond Fri, 28 Jun 2019 21:29:24 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10653 Es scheint, als würden zwei Seiten in Österreich gegeneinander kämpfen. Von VERENA KETTNER]]>

Ein Kommentar von VERENA KETTNER

In den letzten Wochen ist so viel passiert in unserem schönen, braunen Staat, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht erst mal mit den positiven Ereignissen, immerhin haben wir es uns nach beinahe eineinhalb Jahren Bullshit, der uns regelmäßig von der türkis-blauen Regierung vor die Füße gespuckt wurde, verdient, ein bisschen zu feiern und uns zu freuen. Etwa darüber, dass das Ibiza-Video nicht nur zum Rücktritt von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache führte, sondern als Dominoeffekt auch gleich die ganze Regierung zu Fall brachte. Als ich am Samstag nach der Veröffentlichung des Videos am Ballhausplatz stand und mit Tausenden anderen Menschen Straches Abgang feierte, war mir noch nicht klar, was alles folgen würde: der Rauswurf sämtlicher blauer Minister_innen aus der Regierung, die Ankündigung von Neuwahlen, das erfolgreiche Misstrauensvotum gegen Kanzler Sebastian Kurz, das Einsetzen einer Expert_innenregierung unter der interimistischen Führung von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein.
Einer Bundeskanzlerin. Österreich hat es 2019 tatsächlich geschafft, eine Frau mit der Führung des Landes zu betrauen. Die vergangenen Wochen glichen einem Austro-Krimi, den ein großer Teil der Bevölkerung gespannt mitverfolgte – nur irgendwie besser, weil real. Die vielen Demos und öffentlichen kollektiven Freudenbekundungen über die politischen Umwälzungen lassen sich im Nachhinein kaum mehr voneinander unterscheiden, und dass ich mir am Ballhausplatz beim Anblick der Vengaboys die Seele aus dem Leib grölen würde, hätte ich bis vor Kurzem auch nicht gedacht. So viel zu den erfreulichen Neuigkeiten. Wie immer gibt es aber auch die andere Seite der Medaille zu betrachten, die nicht ganz so prickelnd aussieht.

Natürlich ist es legitim, darüber entzückt zu sein, dass die FPÖ sich vorübergehend selbst ins Aus befördert hat und bei den Neuwahlen wohl auch nicht mehr in eine regierende Position kommen wird. Allerdings: Nix ist fix. Wenn wir uns die Ergebnisse der EU-Wahl ansehen, bei der die FPÖ nur 2,4 Prozentpunkte verlor, wird nur allzu deutlich, dass ein Ibiza-Video nicht reicht, um ein Land vom Rechtsextremismus zu befreien, denn die Menschen denken und wählen immer noch rechts. Außerdem würde die FPÖ auch innerhalb der Opposition immer noch über genügend realpolitische Macht verfügen, um ihren Rechtsextremismus weiter zu verbreiten.
Der Slogan „Ibiza antifascista“, der auf sämtlichen Demonstrationen in der letzten Zeit zu hören war und sich vom bekannten Demospruch „Alerta antifascista“ ableitet, ist leider nicht wahr. Nicht das Vorgehen gegen das offensichtlich faschistische Gedankengut der FPÖ und ihre menschenverachtenden Handlungen konnten diese stoppen, sondern ein Video, das „die guten Sitten und die Moral“ von Österreich beschmutzt und die Übertretung legaler Grenzen offenbart. Des Weiteren ist es zwar symbolisch ein schönes Zeichen, keine klar deklarierten Rechtsextremen im Parlament sitzen zu haben – doch ob eine Kurz-One-Man-Show, die uns möglicherweise nach den Neuwahlen bevorsteht, so viel Besserung bedeutet, ist höchst fragwürdig. Denn auch die ÖVP steht nicht nur für Sozialleistungskürzungen und Neoliberalisierung, sondern ebenso für ein reaktionäres und rechtes Weltbild.
Es scheint, als würden zwei Seiten in Österreich gegeneinander kämpfen, wenn alle versuchen, das Aufbrechen der alten Ordnung für sich zu nutzen. Dass die Porträts von Holocaust-Überlebenden im Rahmen einer Ausstellung auf der Wiener Ringstraße einerseits zerschnitten und mit Hakenkreuzen beschmiert wurden und sich nun andererseits eine Mahnwache aus der Zivilgesellschaft gebildet hat, um diese Bilder vor weiteren Übergriffen zu schützen, macht den momentanen Zwiespalt der Nation offenkundig. Wir sollten diesen Moment nutzen, denn gerade in Zeiten mit Rissen in der gesellschaftlichen Hegemonie kann am ehesten das Feuer entfacht werden, um den Kampf für eine Gegenhegemonie voranzutreiben.

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an.sage: It’s racism, stupid! https://ansch.4lima.de/an-sage-its-racism-stupid/ https://ansch.4lima.de/an-sage-its-racism-stupid/#respond Sat, 26 May 2018 12:25:42 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9728 Ein Kopftuchverbot schützt nicht, sondern schadet. Von VERENA KETTNER]]>

Ein Kommentar von VERENA KETTNER

 

Antimuslimischer Rassismus nimmt in Österreich zu, wie zuletzt zwei Berichte belegten.
Eigentlich sollte das nicht verwundern. Denn die Einführung eines Gesichtsverhüllungsverbots, Debatten um Deutschklassen, Kürzungen bei Integrationstöpfen und neuerdings nun auch der Diskurs um ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Schulen wirken sich selbstverständlich auf die Stimmung in der Gesellschaft aus und befeuern Hate Speech und rassistische Übergriffe. Eigentlich ist mir das klar. Aber das ändert nichts daran, dass es schwer zu begreifen, weil schwer auszuhalten ist.
Denn der gesunde Menschenverstand reicht, um zu begreifen, dass ein Kopftuchverbot an Schulen und in Kindergärten nicht, wie von Türkis-Blau propagiert, „Kinderschutz“ bewirkt, wenn gleichzeitig die Mittel für Sozialarbeit in Schulen und fürs Teamteaching gekürzt werden. Wenn stattdessen spezielle Deutschklassen vorgeschlagen werden, die Kinder erst nach einem bestandenen Test und am Ende des Semesters wieder verlassen können. Dieses vermeintliche Vorhaben des „Kinderschutzes“ , betrieben von weißen, rechtspopulistischen Männern, die den Islam dämonisieren und sowohl Frauen als auch Kinder vor diesem bösen, fremdartigen Patriarchat retten wollen, wird definitiv zur Farce, wenn den Kindern auf der realpolitischen Ebene ganz offensichtlich das Leben viel schwerer gemacht wird als bisher.

 

Und dennoch: Die Rhetorik funktioniert. Die Erschaffung eines Feindbilds und einer schützenswerten Bevölkerung ist eine rechtspopulistische Strategie, der es immer wieder gelingt, zu verschleiern, was bestimmten Debatten tatsächlich zugrunde liegt. In diesem Fall ist das Rassismus. Wenn jungen Mädchen, die für gewöhnlich bis zur Pubertät nicht mit Erwartungen konfrontiert sind, ein Kopftuch zu tragen, dies dennoch plötzlich verboten werden soll, dann geht es nicht um das Kopftuch. Es geht vor allem auch nicht um die Mädchen. Es geht darum, ein Feindbild aufrechtzuerhalten und rassistische Diskurse zu befeuern. Es geht nicht um die Freiheit oder Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen. Sie lassen sich nur eben besonders leicht dafür instrumentalisieren, antimuslimischen Rassismus weiter in die Gesellschaft zu tragen.
Rassismus ist ein hervorragendes populistisches Instrument, denn er spaltet die Gesellschaft und nimmt ihr Solidarität und Stärke. Anstatt sich gegen neoliberale Regierungen und globale Ungerechtigkeiten zu verbünden, wird gegen die als fremd und bedrohlich entworfenen „Anderen“ gekämpft.
Es steckt eine Strategie dahinter, wenn ein Wirbel um das Islamgesetz gemacht wird und beinahe unbemerkt eine Einschränkung des generellen Vereinsrechts damit einhergeht. Oder wenn eben ein Diskurs um das Kopftuchverbot angestoßen wird, anstatt die Kürzungspläne bei der Unfallversicherung zur öffentlichen Debatte zu stellen.
Es ist Rassismus, der die Debatte um das Kopftuchverbot bestimmt, nichts anderes. Kein „Kinderschutz“, keine „Frauenbefreiung“. Umso mehr würde ich mir von den sowieso sehr marginalisierten linken Kräften in Österreich wünschen, bei solchen Diskursen nicht die Spaltungslogik der Regierung aufzugreifen oder sie mit dem Argument der Religionskritik mitzutragen, sondern sich eindeutig und solidarisch zu positionieren.
Wenn ich sehe, dass eine Frau verbal oder tätlich oder eben auch durch rassistische Diskurse attackiert wird, dann stehe ich ihr bei. Dann frage ich sie nicht zuerst nach ihrer Meinung zum Kopftuch. Ich muss kein dauerhaftes politisches Bündnis mit ihr eingehen, darum geht es gar nicht. Aber zumindest so viel Sisterhood sollte doch möglich sein.

 

 

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