Sophia Krauss – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Oct 2025 13:53:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Sophia Krauss – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Kokettieren mit dem Techno-Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:58:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=129368 Von Sophia Krauss Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt […]]]>

Von Sophia Krauss

Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt sich und ist irgendwie doch unheimlich fasziniert von ihm.

Die Macher_innen hegen wohl keine unterdrückten Sympathien für Thiel. Vielleicht aber kann man an ihrem Podcast und ähnlichen aktuellen journalistischen Formaten trotzdem einen beunruhigenden Trend ablesen. Der Podcast-Verantwortliche Fritz Espenlaub fasst es selbst zusammen mit: „Die öffentliche Meinung scheint schlagartig konservativer geworden zu sein“ – und das fängt vielleicht auch die Stimmung in den Medien ein. Der Podcast mutet teilweise mehr als spannungsgeladenes True-Crime-Format an, eine klar formulierte Kritik fehlt. Der mediale Umgang mit Thiel ist ein Paradebeispiel für das derzeitige Kokettieren mit rechten Edgelords, also Personen, die sich mit besonders extremen Ideologien das Medieninteresse sichern.

Sie werden mitunter auf eine verquere Art irgendwie angehimmelt. Kolumnist Ijoma Mangold schreibt so in der „ZEIT“: „Niemand verkörpert diesen neuen Typus des Milliardärs, der von Ideen getrieben wird, vollkommener als der Risiko-Kapital-Investor Peter Thiel.“ Dieser mache sich schließlich Gedanken über unsere Welt, „die so exzentrisch sind, dass sie sonst niemand teilt.“ Das mag für seine besonders abstrusen Ideen gelten, im Kern aber liegt Mangold falsch – schließlich zeichnet sich allein am Wähler_innenverhalten der zunehmende Aufstieg der Rechten ab. Peter Thiel war dabei einer der ersten öffentlichen Unterstützer Trumps.
Doch in der medialen Beschäftigung mit Thiel & Co bleibt es allzu oft bei der dunklen Mystifizierung, selten wird klar benannt, wie offensichtlich faschistisch seine Ideen sind. Es bleibt meist eine Randnotiz, dass Thiel sogar das Apartheidssystem Südafrikas in Schutz nahm. Oder dass Thiel glaubt, dass eine weiße Elite dazu berechtigt ist, die Demokratie zugunsten des technischen Fortschritts außer Kraft zu setzen. Der Essayist John Ganz hat es schon vor wenigen Jahren auf den Punkt gebracht: „Es gibt kein Rätsel. Er ist ein Faschist.“ Auch der Podcast „Feminist Shelf Control“ hat Thiel kürzlich eine kritische Folge gewidmet.

In „Die Peter Thiel Story“ tritt auch der rechte Impulsgeber Curtis Yarvin auf. Porträtiert wird er dort als das Enfant terrible, das Thiel mit seinen anti-demokratischen, abtrünnigen Ideen faszinierte. Auch die „New York Times“ bot Yarvis Anfang des Jahres eine Plattform. Sie inszenierte ihn in glamourösem Schwarz-Weiß als eine Art Rockstar-Philosoph, mit wilder Frisur und abgewetzter Lederjacke. Im Interview darf er dann weiterhin behaupten, der Amerikanische Bürgerkrieg mitsamt der Befreiung Schwarzer Sklav_innen hätte das Leben von Afroamerikanerinnen nicht verbessert und Nelson Mandela sei mit dem rechtsextremen Terroristen Anders Breivik gleichzusetzen. Story-Telling über vermeintlich rechte „Genies“ lohnt sich jedenfalls. „Die Peter Thiel Story“ belegt laut „podwatch“ derzeit Platz 4 der deutschen Podcast-Charts. Natürlich ist es wichtig, dass rechtsextreme Vordenker wie Thiel oder Yarvin medial eingeordnet werden. Tatsächlich aber arbeiten Journalistinnen mit an der Mystifizierung und Glorifizierung der Vordenker eines neuen Techno-Faschismus. Statt ihre menschenfeindlichen Ideen zu zerpflücken und in einen historischen Kontext zu setzen, sind Qualitätsmedien voll von spannungsgeladenen Porträts von Yarvin und Co. Mediale Logiken der Personalisierung und der Prominenz vermischen sich mit dem neuen rechten Zeitgeist zu einer ebenso zynischen wie toxischen Mischung: Dort, wo einst Greta Thunberg vom Cover lachte, tut es jetzt Peter Thiel.

Wie aber geht es der ungewollt Schwangeren ohne Erspartes in einem der vielen US-Bundesstaaten, die Abtreibung fast verunmöglichen? Wie kämpfen feministische Organisationen dafür, die Versorgung gegen alle Widerstände aufrechtzuerhalten, gerade für Frauen, die sich wegen der brutalen Razzien durch die Einwanderungsbehörde ICE kaum noch auf die Straße wagen? Das sind die Geschichten, die wir auch hier in Europa brauchen. Medien haben die historische Verantwortung, sie zu recherchieren statt den Techno-Faschismus durch Glorifizierung groß zu machen.

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Selbstzweck & Selbstverwirklichung https://ansch.4lima.de/selbstzweck-und-selbstverwirklichung/ https://ansch.4lima.de/selbstzweck-und-selbstverwirklichung/#respond Mon, 26 May 2025 09:00:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=127488 Gebären oder nicht – diese Frage stellt sich die Autorin seit ihrer Kindheit. Von SOPHIA KRAUSS »Alle meine Freundinnen, die Kinder haben, gehen durch die Hölle. Ich kenne niemanden, der heutzutage Kinder hat und glücklich ist«, sagt Popstar Chappell Roan bei ihrem Auftritt im Hype-Podcast „Call Her Daddy“ ungerührt. Ihr Statement reiht sich ein in […]]]>

Gebären oder nicht – diese Frage stellt sich die Autorin seit ihrer Kindheit. Von SOPHIA KRAUSS

»Alle meine Freundinnen, die Kinder haben, gehen durch die Hölle. Ich kenne niemanden, der heutzutage Kinder hat und glücklich ist«, sagt Popstar Chappell Roan bei ihrem Auftritt im Hype-Podcast „Call Her Daddy“ ungerührt. Ihr Statement reiht sich ein in eine lange hitzig geführte Debatte, die aktuell auch auf Social Media boomt. Es ist eine Diskussion rund um die doch sehr intime Frage, ob man gebären will oder nicht, Kinder großziehen will oder nicht – eine Diskussion über das Für und Wider von Elternschaft im Allgemeinen und Mutterschaft im Besonderen. Ich selbst bin erst Mitte zwanzig, trotzdem drängten sich mir diese Fragen seit meiner frühen Kindheit auf – und immer wieder stieß ich auf neue Antworten. Für diesen Text sprach ich mit Freundinnen und habe mich dabei der existenziellen Frage angenähert: gebären oder nicht?
Meine Recherche beginnt bei meiner Mutter. Ich frage sie: „Wann hast du entschieden, Kinder zu bekommen?“ Sie wuchs in einem katholisch geprägten Dorf in Bayern auf. „Dein Vater und ich hatten eine schöne Zeit“, sagt sie, „wir haben ein Haus gebaut, Familie geplant. Und wenn man einmal den Wunsch verspürt, Kinder zu bekommen, dann wägt man nicht mehr ab. Ich dachte damals, mit diesem Mann werde ich mein Leben verbringen, er wird der Vater meiner Kinder.“ Irgendwann wurde sie von diesem Mann verlassen. Sie war fortan alleinerziehend, ihr Leben war geprägt von prekären Lohnarbeitsverhältnissen und nie enden wollender Care-Arbeit. So wie meiner Mutter geht es vielen alleinerziehenden Frauen. Im Jahr 2023 war mehr als jeder dritte Ein-Eltern-Haushalt in Wien, bei denen es sich zumeist um Mütter mit ihren Kindern handelt, armutsgefährdet. Familien in Ein-Eltern-Haushalten stellen die am meisten armutsbetroffene Personengruppe in Österreich dar, die Problematik hat sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft. Wenn ich mich selbst frage, ob ich einmal Kinder haben möchte, lässt sich die Antwort niemals von meiner Erfahrung als Tochter einer alleinerziehenden Mutter trennen, die in Armut und emotionale Selbstaufgabe gedrängt wurde. Auch meine Freundin Sophia wuchs bei einer alleinerziehenden Mutter auf: „Ich habe früh überlegt, ob ich Kinder haben möchte. Die Antwort war immer: Nein. Ich hatte meine Mutter vor Augen. Ich will nicht mein eigenes Leben opfern müssen, um meine Kinder großziehen und ihnen ein gutes Leben garantieren zu können. Ich will nicht, dass all meine Wünsche und Träume sekundär und andere Menschen immer wichtiger sein werden als ich selbst. Dass meine Mutter so alleine war mit unserer Erziehung, ist vielleicht einer der prägendsten Gründe, warum ich heute keine Kinder will. Manchmal denke ich mir trotzdem, ich wäre gerne so eine coole Mutter, wie meine es war.“

Wenig Forschung. Warum sich Personen, die schwanger werden können, gegen Kinder entscheiden, ist bislang wenig erforscht. 2023 publizierten Forscherinnen der Dualen Hochschule in Gera eine Studie zu gewollter Kinderlosigkeit, bei der rund 1.100 cis Frauen interviewt wurden. Die Studienergebnisse lassen hierbei jedoch nicht die These zu, dass die Rollenmodelle der Herkunftsfamilie einen Einfluss auf den ausbleibenden Kinderwunsch haben. Es lässt sich zudem erkennen, dass etwa drei Viertel der gewollt kinderlosen Frauen ihr Aufwachsen in der eigenen Herkunftsfamilie als glücklich bis sehr glücklich bewerteten. Die Ursachen für die gewünschte Kinderlosigkeit lagen stattdessen für achtzig Prozent der Befragten in den größeren Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, für 73 Prozent in der Freiheit von Verantwortung und für 64 Prozent in den finanziellen Vorteilen.
Sophie, die vor zwei Jahren Mutter wurde, berichtet von dem großen Druck, ihr eigenes Leben, ihre eigenen Wünsche, ihre Bildung, ihren Beruf und ihr Kind miteinander zu vereinbaren. „Das ist mein größtes Problem.“ Und es ist immer noch ein weibliches: Allgemein haben Frauen in Deutschland im Jahr 2022 pro Woche durchschnittlich rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit geleistet als Männer. Frauen mit Kindern leisteten in der Woche knapp 39 Stunden unbezahlte Arbeit.

Egoismus. Sophia sagt: „Vielleicht ist es egoistisch, so sehr an sich selbst zu denken.“ Clara meint: „Ich weiß nicht, ob ich Kinder bekommen will, denn ich liebe mein Leben so wie es gerade ist, dafür habe ich lange gebraucht. Die Chance, dass mein Leben durch ein Kind ein schlechteres wird, existiert. Und ehrlich gesagt, finde ich beides auf seine jeweils eigene Art egoistisch: Kinder zu bekommen oder eben nicht.“ Die Autorin Sheila Heti formuliert in ihrem Roman „Mutterschaft“ ähnliches: Vielleicht ist eben auch der Wunsch nach eigenen Kindern ein egoistischer, denn in ihm steckt das Bedürfnis, der Welt seinen Stempel aufzudrücken, sie nach seinem Bild zu formen. Auch Frauen müsse es möglich sein, zum reinen Selbstzweck zu existieren, schreibt Heti. Trotzdem hadert sie: „Manchmal bin ich überzeugt davon, dass ein Kind allem, was ich tue, Tiefe und Bedeutung geben wird.“ Beiden Entscheidungen, die für oder gegen Elternschaft, liegt der egoistische Wunsch nach Selbstverwirklichung inne. Die eine kommt nur ohne Kinder aus. Auch die Sängerin Charli XCX verhandelt diese Gefühle in „I think about it all the time“: „Should I stop my birth control? ‚Cause my career feels so small in the existential scheme of it all.” Oft übt auch das familiäre Umfeld großen Druck aus – eigene Kinder seien doch notwendiger Teil eines jeden Lebensentwurfs. Sophia sagt: „Meine Großeltern sind aus allen Wolken gefallen, als ich meinte, dass ich keine Kinder will. Sie sagten dann, dass sich das sicher noch ändern werde.“

A baby might be mine. Charli XCX singt: „I finally met my baby. And a baby might be mine.“ Wie auch schon bei meiner Mutter spielt auch hier die romantische Paarbeziehung eine fundamentale Rolle, wenn man sich für oder gegen Elternschaft entscheidet. Meine Mutter verliebte sich damals eben nicht nur in einen Partner, sondern auch in den potenziellen Vater ihrer Kinder. Manchmal denke auch ich, dass es eines der romantischsten Gefühle sein muss, mit einem anderen Menschen ein Kind zeugen zu wollen – und erkenne unerwartet meine Mutter in mir. Sheila Heti schreibt in ihrem Roman viel über die Beziehung zu einem Mann, und wie die romantische Liebe und ihre Gedanken über Mutterschaft miteinander interagieren: „Wie erotisch ich es fand, ein Kind auszutragen, das zur Hälfte von ihm wäre.“ Und doch muss partnerinnenschaftliche Liebe nicht zwangsläufig zu Kindern führen. Die Studie aus Gera belegt, dass es gewollt kinderlosen Frauen keinesfalls an Partnerinnen mangelt. Sie entschieden sich vielmehr aufgrund der hohen Zufriedenheit in jenen Paarbeziehungen gegen Kinder. Clara sagt: „Mein jetziger Partner wäre eine unglaublich tolle Elternperson. Aber ich will einfach kein Kind in einer klassischen heteronormativen Familie großziehen. Und ich glaube ehrlich gesagt, man denkt sich immer: So werde ich bestimmt nicht, und am Ende wird man dann genau so.“ Mara ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass wir in queeren und feministischen Communities Heterobeziehungen so stark hinterfragen. Und dazu gehört vielleicht auch, stärker zu hinterfragen, ob man in diesen Heterobeziehungen Kinder haben will.“

In eine Welt wie diese? Fast alle meine Freundinnen beschäftigt auch die Frage: „Sollte man in eine Welt wie diese Kinder gebären?“ Laut der Studie aus Gera entscheiden sich z. B. fünfzig Prozent der Befragten aus umweltbezogenen Gründen gegen Kinder. Viele meiner Freundinnen und ich selbst sind dabei vergleichsweise privilegiert, oftmals weiß, überwiegend cis, akademisiert, wir leben in europäischen Großstädten. Trotzdem sagt Vinya: „Ich möchte kein Leben erschaffen, wenn es in einer so schlechten Welt leben muss. Was ist mit dem eskalierenden Faschismus? Und trotzdem würde ich niemanden vom Kinderkriegen abhalten wollen. Wenn wir eine lebenswerte Welt erkämpft haben, dann muss ja auch jemand in dieser Utopie leben.“
Und ja, vielleicht wird es einmal eine Welt geben, in der Chappell Roans Freund*innen glückliche Mütter sein können. Bis es so weit ist, werde ich es wiederum mit Sheila Heti halten, die in einem Interview mit ihrer eigenen Mutter sagte, dass ihr Leben vermutlich mit oder ohne Kinder ein glückliches sein könnte.
Allerdings gilt leider auch, was meine Freundin Clara sagt: „Ich habe jedenfalls krasse Angst, diese Entscheidung – wie sie auch ausfallen mag – eines Tages zu bereuen.“

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Klare Haltung über die Grenzen hinaus https://ansch.4lima.de/klare-haltung-ueber-die-grenzen-hinaus/ https://ansch.4lima.de/klare-haltung-ueber-die-grenzen-hinaus/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:38:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=120015 Es ist das Musikereignis der Superlative: Taylor Swifts „The Eras“-Tour. Der wohl größte Popstar unserer Zeit spielt Shows auf fünf Kontinenten. Auch in Wien hätte sie Anfang August an drei Abenden im Ernst-Happel-Stadium auftreten sollen. Doch es kam bekanntlich anders. Nach der Absage wegen Terrorgefahr sagte Österreichs Innenminister Karner: „Die Lage war ernst, die Lage […]]]>

Es ist das Musikereignis der Superlative: Taylor Swifts „The Eras“-Tour. Der wohl größte Popstar unserer Zeit spielt Shows auf fünf Kontinenten. Auch in Wien hätte sie Anfang August an drei Abenden im Ernst-Happel-Stadium auftreten sollen. Doch es kam bekanntlich anders.

Nach der Absage wegen Terrorgefahr sagte Österreichs Innenminister Karner: „Die Lage war ernst, die Lage ist ernst. Aber wir können auch feststellen: Eine Tragödie konnte verhindert werden.“ In den Nachwehen macht sich ein Unbehagen breit. Ja, eine Tragödie konnte vermutlich verhindert werden. Man kann davon ausgehen, dass einige der 60.000 Besucher*innen, die bei jeder Show erwartet wurden, das geplante Attentat des 19-Jährigen mit mutmaßlichen Verbindungen zur radikalislamischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nicht überlebt hätten. Doch um Terror dauerhaft abzuwehren, müssen jetzt Prävention und Bildungsarbeit folgen.

Wie kommt es dazu, dass sich junge Männer so drastisch islamistisch radikalisieren, dass sie anderen Menschen und sich selbst das Leben nehmen wollen? Einfache Begründungen zu finden, ist schwierig. Radikalisierungsprozesse sind ein Zusammenspiel komplexer Faktoren und können sehr unterschiedlich verlaufen, aber oft gibt es Ähnlichkeiten.

So stoßen Jugendliche z. B. immer öfter auf TikTok auf Videos muslimischer Prediger, die laut Piotr Suder von der Organisation Extremismus Prävention Online einen harmlos wirkenden Einstieg in immer extremistischeres Gedankengut darstellen. Die Betroffenen isolieren sich schleichend von anderen und wenden sich schließlich von der Gesellschaft und ihrem früheren Umfeld ab. Die Radikalisierung wird durch Krisenerfahrungen und Erfahrungen des persönlichen Scheiterns befördert. Oft wird sie aber auch bloß durch die Suche nach Sinn und Identität, also einem ganz normalen Prozess bei Jugendlichen, angetrieben. Extremistische Ideologien, die einen exklusiven Wahrheitsanspruch vorgeben und die Welt strikt in Gut und Böse einteilen, liefern klare Orientierung und erhöhen dabei auch noch das Selbstwertgefühl.

Doch ein wichtiger Push-Faktor wird in der Analyse oft übersehen: Auch gesellschaftliche Ausgrenzungserfahrungen machen Menschen anfällig für islamistische Propaganda. Das Erstarken islamistischer Einstellungen und Mobilisierungen in der post-migrantischen Gesellschaft werden also durch die wachsende islamfeindliche Stimmung durch rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wie die FPÖ gerade begünstigt.

Vor der Nationalratswahl verspricht sich Kickls Partei noch mehr Wählerinnenstimmen durch rassistische Scheinlösungen gegen Islamismus. Dass die von ihnen mitverantworteten gesellschaftlichen Ressentiments gegen Muslim*innen Radikalisierungen noch verstärken, wird dabei geflissentlich ignoriert.

Doch soll der Kampf gegen den Islamismus Erfolg haben, muss er sich stattdessen auch klar gegen Islamfeindlichkeit positionieren. Und er muss berücksichtigen, dass islamistische Radikalisierung nicht an religiöse Sozialisierung oder Migrationsgeschichten geknüpft ist, was Figuren wie Pierre Vogel, ein islamistischer Prediger, der früher evangelisch war, unter Beweis stellen.

Statt plumper Hetze braucht es Radikalisierungsprävention. Dabei ist die Schule das wichtigste Handlungsfeld, in dem Jugendliche demokratische Kompetenzen vermittelt bekommen. Es braucht Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer*innen, die es ihnen ermöglichen, extremistische Propaganda aller Art zu erkennen und angemessen pädagogisch zu intervenieren. Die Präventionsforschung macht klar, wie wichtig dabei Respekt und Empathie gegenüber religiös eingestellten Jugendlichen sind.

Der Islam ist eine Religion, der Islamismus hingegen ist eine politische Ideologie. Als Feminist*innen müssen wir uns klar gegen diese gewaltvolle, anti-demokratische Ideologie positionieren und solidarisch mit ihren weltweiten Opfern sein, mit Frauen, Queers, ethnischen und religiösen Minderheiten wie Jüdinnen, Jesid*innen oder Kurd*innen. Denn eine klare Haltung gegen Islamismus darf nicht an den Grenzen der eigenen Gesellschaft enden. Seine Opfer sind auch die Menschen, die dem IS während seiner Terrorherrschaft in Syrien und Irak ausgeliefert waren. Es sind die Menschen, die vor den Mullahs aus dem Iran fliehen müssen, damit sie als Frauen über ihre eigene Kleidung bestimmen können. Eine klare Haltung gegen Islamismus muss deshalb auch beinhalten, sich gegen Abschiebungen nach Kabul oder Teheran zu positionieren. Eine klare Haltung gegen Islamismus bedeutet auch, das Recht auf Asyl nicht infrage zu stellen.

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Feministische Frauen, rechte Männer? https://ansch.4lima.de/feministische-frauen-rechte-maenner/ https://ansch.4lima.de/feministische-frauen-rechte-maenner/#respond Fri, 26 Apr 2024 01:43:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=117573 Zuletzt war in vielen Medien von einer Spaltung der Geschlechter zu lesen, die in unterschiedlichen Ländern vor allem junge Menschen voneinander entfremde. Was ist dran? Von SOPHIA KRAUSS »Eine neue globale Spaltung zwischen den Geschlechtern zeichnet sich ab.« Mit dieser Headline ging der „FinancialTimes“-Journalist John Burn-Murdoch Ende Januar viral. Ganze 27 Millionen Mal wurde sein […]]]>

Zuletzt war in vielen Medien von einer Spaltung der Geschlechter zu lesen, die in unterschiedlichen Ländern vor allem junge Menschen voneinander entfremde. Was ist dran? Von SOPHIA KRAUSS

»Eine neue globale Spaltung zwischen den Geschlechtern zeichnet sich ab.« Mit dieser Headline ging der „Financial
Times“-Journalist John Burn-Murdoch Ende Januar viral. Ganze 27 Millionen Mal wurde sein Tweet angesehen. Burn-Murdoch versucht Entwicklungen in vier sehr verschiedenen Staaten zusammenzufassen – den USA, Großbritannien, Deutschland und Südkorea. Sie alle eint nämlich: Die dort lebenden 18- bis 29-jährigen Männer seien zunehmend konservativ, gleichaltrige Frauen hingegen immer mehr links eingestellt. „Gen Z ist eigentlich zwei Generationen, nicht eine“, attestiert Burn-Murdoch. US-Medien prognostizierten eilig verheerende Folgen. Schon im November letzten Jahres hatte die „Washington Post“ einen ähnlich alarmierenden Meinungsbeitrag veröffentlicht. Man schrieb vom drohenden Ende der amerikanischen Ehe, herbeigeführt durch linke Frauen, die keine konservativen Trump-Wähler daten wollen – und umgekehrt.

GENDER WARS IN SÜDKOREA. Südkorea dient in solchen überspitzten Darstellungen schon fast als Warnung für andere Länder. Burn- Murdoch schreibt auf X: „Die [südkoreanische, Anm.] Gesellschaft ist in zwei Teile gespalten. Die Heiratsrate ist drastisch gesunken und die Geburtenrate ist so stark zurückgegangen, dass sie die niedrigste der Welt ist.“

Und es stimmt: Noch 1960 bekamen Koreaner*innen im Durchschnitt sechs Kinder. Heute sind es 0,78. Im letzten Jahrzehnt bildeten sich online radikale, feministische Gruppen, die sich mit einer misogynen Gesellschaft anlegen. Viele, möglicherweise zehntausende Frauen haben sich der Bewegung 4B angeschlossen. „4B“ steht für 4 Neins: Nein zum Daten von Männern, Nein zum Sex mit Männern, Nein zur Ehe, Nein zum Kinderkriegen. Es ist ein Boykott der südkoreanischen Männer, die mit Groll reagieren und 2022 Yoon Sukyeol zum Präsidenten wählten – einen Mann, der den Feminismus für die niedrige Geburtenrate des Landes verantwortlich macht und das Ministerium für Familie und Geschlechtergleichstellung abschaffen möchte. Fast sechzig Prozent aller Männer zwischen 18 und 29 stimmten für Yoon. Südkoreanische Medien schreiben von „Incel-Wahl“ und „Gender War“.

ZWISCHEN TRUMP UND METOO. Manche glauben nun, globale Anzeichen für einen Geschlechterkrieg erkennen zu können. So ergab die Harvard-Jugendumfrage, dass sich in den USA 2016 erst 33 Prozent der weißen Männer zwischen 18 und 24 als Republikaner bezeichneten. Im Jahr 2023 sind es bereits 41 Prozent. Viele unterstützen Präsidentschaftskandidat Donald Trump, während dessen letzter Amtszeit Frauenrechte massiv beschnitten wurden. Umfragewerte zeigen auch, dass Männer der Gen Z (geboren zwischen 1997 und 2012) sich selbst seltener als Feministen bezeichnen als es Millennials (geboren in den frühen 1980ern bis zu den späten 1990ern) tun. Im Gegensatz dazu erstarkt gerade das progressive, feministische Bewusstsein vieler junger Frauen, ausgelöst auch durch #MeToo. 2022 ergab eine Befragung, dass fast drei Viertel der US-amerikanischen Frauen unter 30 #MeToo unterstützen. Es ist die größte demografische Unterstützer*innengruppe.

Reichen solche Studien aber dafür aus, eine weltweite politische Spaltung der Geschlechter zu prognostizieren? Ein Kampf zwischen Trump-Anhängern und TikTok-Feminist*innen, der zum Niedergang heterosexueller Paarbeziehungen führen wird? Wohl kaum. Ein verkürzter Vergleich so unterschiedlicher Staaten wie Deutschland, den USA und Südkorea mit ihren verschiedenen politischen Systemen und Historien ist ziemlich effekthascherisch. Außerdem kritisieren Wissenschaftler*innen wie Kathleen Dolan von der University of Wisconsin-Milwaukee die Überbetonung des politischen Gender-Gaps. Schließlich sind Frauen keine homogene Wähler*innengruppe, sondern haben verschiedenste politische Interessen. Sie unterscheiden sich stärker untereinander als von Männern. So sind unverheiratete Frauen im Schnitt demokratischer eingestellt als verheiratete. Auch nicht-weiße Frauen wählten mehrheitlich demokratisch, wohingegen die Mehrheit der weißen Frauen 2016 und 2020 für Donald Trump stimmte.

Viele der Erhebungen, die von einer politischen Kluft zwischen Männern und Frauen sprechen, befragen die Teilnehmenden zudem nur zu ihrer politischen Ideologie. Sie forschen oft nicht zu tatsächlichem Wahlverhalten. Das macht eine Untersuchung schwierig: Ab wann bezeichne ich mich selbst als Feminist*in? Nenne ich mich „links“, „liberal“ oder „gemäßigt“? Es gibt keine klaren Definitionen solcher Selbstbezeichnungen. Die Cooperative Election Study, die von YouGov durchgeführt wurde, fragte im US-Wahlkampf 2020 stattdessen, ob man für Biden oder Trump gestimmt hatte. Hier bröckelt die These. So war keinesfalls ein besorgniserregender Rechtsruck junger Männer festzustellen: Fast 68 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer wählten Joe Biden.

RECHTE FRAUEN, LINKE MÄNNER. Trotzdem: Der in bestimmten Altersund Wählergruppen durchaus evidente Gender-Gap hinsichtlich politischer Einstellung und Wahlverhalten ist ein Thema, das dringend besser erforscht werden muss, auch historisch. Noch in den 1950er-Jahren wählten Frauen in westlichen Ländern mit größerer Wahrscheinlichkeit eine konservative Partei als Männer. Frauen waren damals stärker von christlichen Gemeinden beeinflusst und hatten wenig Zugang zu kritischer Bildung. Dieser traditionelle Gender-Gap verringerte sich in den Siebzigern und Achtzigern – und drehte sich in den 1990er-Jahren schließlich vollständig um. Frauen wählten nun im Vergleich zu Männern häufiger links. Die Gründe sind vielfältig. Die feministischen Kämpfe und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.

DEUTSCHER REKORD. Unter dem Titel „Seven Decades of Gender Differences in German Voting Behavior“ wurde 2022 eine einzigartige Studie in Deutschland publiziert. Man wertete dafür eine große Stichprobe an Stimmzetteln aus, die beginnend im Jahr 1953 bei deutschen Bundestagswahlen abgegeben wurden. Diese enthielten Geschlecht und Alter der Wählenden und millionenfache Informationen zu ihrem tatsächlichem Wahlverhalten.

Die Auswertung ergab, dass deutsche Frauen tatsächlich erst ab 2017 linker wählten als Männer, doch der späte Wandel vollzog sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Im Jahr 2021 erreichte der deutsche Gender-Gap bei der Bundestagswahl einen Rekordwert. In der gesamten Nachkriegszeit der Bundesrepublik war er nur einmal zuvor höher gewesen.

Dieser plötzliche Peak hängt wohl mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland zusammen. In anderen europäischen Ländern entstanden rechtsradikale Parteien schon weit früher, und immer ziehen sie eine überwiegend männliche Wähler*innenschaft an. Auch während der deutschen Bundestagswahl 2021 wurde die AfD deutlich häufiger von Männern gewählt. 13 Prozent aller männlichen Wähler stimmten für die Partei von Björn Höcke. Trotzdem lässt sich die Situation in Deutschland oder Österreich kaum mit jener in Südkorea oder auch den USA gleichsetzen. So zu tun, als stünde ein internationaler feministischer Boykott von Sex mit Männern und der Ehe bevor, befeuert konservative Panikmache – und differenzierte Analysen bleiben für Klicks auf der Strecke.

SOPHIA KRAUSS lebt in Wien und hofft, dass alle Geschlechter sich für einen linken Wahlerfolg einsetzen.

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Männer sind so peinlich https://ansch.4lima.de/maenner-sind-so-peinlich/ https://ansch.4lima.de/maenner-sind-so-peinlich/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:53:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=115336 Heterosexuelles Daten ist für Frauen oft kein Spaß und führt bei vielen zu „Heteropessimismus“. Ein Gefühl, das auch Sophia Krauss kennt, wenn sie gerade Männer datet. Letztens habe ich diesen Typen von Hinge gedatet«, erzählt mir meine Freundin Mika* aus Berlin, „der hat mich schon beim Abendessen die ganze Zeit unterbrochen. Irgendwann wollte er anfangen, […]]]>

Heterosexuelles Daten ist für Frauen oft kein Spaß und führt bei vielen zu „Heteropessimismus“. Ein Gefühl, das auch Sophia Krauss kennt, wenn sie gerade Männer datet.

Letztens habe ich diesen Typen von Hinge gedatet«, erzählt mir meine Freundin Mika* aus Berlin, „der hat mich schon beim Abendessen die ganze Zeit unterbrochen. Irgendwann wollte er anfangen, mir zu erklären, warum Feminismus und Sexarbeit nichts miteinander zu tun haben können, weil sich Sexarbeiter*innen dauernd selbst sexualisieren würden.“ Mika ist selbst Sexarbeiterin. Sie lacht ein bisschen peinlich berührt: „Jedenfalls war ich trotzdem horny und wir hatten Sex. Als ich ihn dann irgendwann später wieder getroffen habe, hatte ich aber keine Lust mehr, mit ihm zu schlafen. Er hat erst um einen Blowjob gebettelt und mich dann als ‚Bitch‘ beleidigt. Ich bin abgehauen und hab ihn überall blockiert. Und heute sehe ich, dass er mir auf dieser neuen Dating-App einen Superlike gegeben hat. Und er sucht in seiner Bio nach weiblichen Personen, die ‚respektvolle Kommunikation genauso schätzen‘ wie er. Männer sind so peinlich.“

Ich rede mit Freund*innen oft über den Wahnsinn des Heterodatings, den viele von uns kennen. Er steht für einen verwirrt-sexpositiven, großstädtischen Zeitgeist und verliert sich oft in der kapitalistischen Schnelllebigkeit von Dating-Märkten und Hook-up-Kultur. Und beinhaltet leider auch klischeehafte heterosexuelle Rollenbildern und Männlichkeit, die beim Daten oft deutlich zutage treten. Ich sitze am Ende eines eigentlich schönen Abends mit einem Mann in meinem Wohnzimmer. Wir küssen uns. Dann sagt er: „Wenn wir heute miteinander schlafen, verlier ich aber das Interesse. Ist bei mir immer so. Wenn beim ersten Date was mit der Frau geht, vergeht mir danach irgendwie die Lust.“ Weibliche, selbstbestimmte Sexualität törnt offenbar ab. Natürlich müssen Männer immer dominanter, erfahrener, lauter sein. Ich schreibe Mika: „Ich kann das alles nicht mehr!“ Sie antwortet: „Ich auch nicht!“

Einzementierte Rollen. Die Dating-App Bumble und das britische Unternehmen YouGov versuchten diese Erfahrungen 2022 mit einer Studie wissenschaftlich zu erfassen. Denn traditionelle Geschlechterrollen beeinflussen nicht nur, wie wir handeln, sondern bestimmen auch mit, was wir sexy, attraktiv und romantisch finden. So gaben 52 Prozent der Befragten an, dass von Männern beim Heterodating erwartet wird, derjenige zu sein, der zuerst nach einem Date fragt und den ersten Kuss initiiert. Von Frauen erwarten das hingegen bloß acht Prozent. Erschreckenderweise gaben auch 33 Prozent der befragten Frauen an, ihr Verhalten bei Verabredungen oder romantischen Beziehungen zu verändern, damit sich ihr Gegenüber stärker und sicherer fühlt. Weitere dreißig Prozent waren der Meinung, dass von Männern erwartet werde, nicht zu anhänglich oder interessiert zu wirken.

All das löst vor allem bei jungen heterosexuellen Frauen, die traditionellen Rollenbildern kritisch gegenüberstehen, manchmal ein Gefühl aus, das auch mich bisweilen überkommt, wenn ich gerade Männer date. Man könnte es Heteropessimismus nennen, so wie der US-Genderforscher Asa Seresin. Heteropessimismus beschreibt eine performative und zeitlich begrenzte Ablehnung von Heterosexualität und heterosexuellen Erfahrungen, die oft mit Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, des Bedauerns oder der Verlegenheit einhergeht.

Dating-Storys im Netz. Der grassierende Heteropessimismus in der Gen Z wird natürlich auch auf Social Media verhandelt. Die deutsche TikTokerin @evil_suki berichtet auf ihrem Account fast täglich von ihren Dating-Eskapaden mit Männern. So postet sie ein zerzaustes Video aus dem Hausflur – und berichtet davon, dass ihr Date ihr gestern noch seine Liebe gestanden hatte, bevor sie am Morgen danach benutzte Kondome in seinem Mülleimer gefunden hat. Ihren weiblichen Fans gibt sie bestärkende Ratschläge: „Du bist nicht seine Therapeutin. Du bist nicht seine Mami. (…) You all are doing too much! Pflegejobs sind anstrengend, und du machst ihn for free!“

13 Millionen Mal wurden Sukis ­Inhalte schon geliked. Ihre Kommentarspalte wirkt wie eine Unterhaltung mit einer realen Freund*innengruppe und die meisten der weiblichen Kommentierenden teilen Sukis Heteropessimismus. Trotzdem datet Suki weiter Männer – das beschreibt ziemlich gut, was gemeint ist, wenn Heteropessimismus als zeitlich begrenzte Ablehnung von heterosexuellen Erfahrungen beschrieben wird.

Das geteilte Leid heterosexueller Frauen bringt aber auch Kritikwürdiges hervor. So wünschen sich diese Frauen oft, „einfach lesbisch zu sein“. Dann wäre die Liebe einfacher. Aussagen wie diese fetischisieren jedoch queerlesbische Liebe als utopisch-sicheren Hafen jenseits von Gewalt. Dass Ungerechtigkeit und partner*innenschaftliche Gewalt aber auch Teil von lesbischen Beziehungen sind, muss dringend anerkannt werden. All unsere Beziehungen sind von verschiedenen Machtverhältnissen durchdrungen, auch Frauen und Queers können sich z. B. rassistisch gegenüber ihren Partner*innen verhalten. Außerdem wird bei diesem glorifizierenden Blick schnell vergessen, wie gefährlich queere Paare leben: Im Jahr 2022 registrierte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland mehr als tausend queerfeindlich motivierte Straf- und Gewalttaten. So zu tun, als wäre queeres Leben ein einfacher Ausweg aus heterosexueller Ungerechtigkeit, ist also fast zynisch. Außerdem ist Queerness ein Ausdruck des eigenen Begehrens und sollte nie als Resultat gescheiterter Heterosexualität verstanden werden.

Altersdiskriminierung auf dem Dating-Markt. Die Ungerechtigkeiten der Heterosexualität betreffen auch ältere Frauen. Doch es sind nicht dieselben Ungeheuerlichkeiten, die viele jüngere Frauen beim Dating erleben, stattdessen werden Ältere ganz vom Dating-Markt verdrängt. Eine Studie an der University of Michigan hat das Online-­Dating-Verhalten in mehreren US-Großstädten untersucht und belegt, dass Frauen dort im Alter von 18 Jahren den Höhepunkt ihrer Attraktivität für heterosexuelle Männer erreichen. Danach nimmt diese ab. Auch dieser Aspekt des Heterodatings wird auf Social Media kritisch verhandelt: Die New Yorkerin Erika Gajda ist dreißig Jahre alt und betreibt seit Jahren @swipes4daddy auf Instagram. Sie hat ihre Tinder-Suche auf Männer ab 45 Jahren eingestellt. Auf Instagram postet sie Screenshots der schrägen Chats mit ihren Matches, welche die ganze Frechheit heterosexueller Männer offenlegen, die online nach wesentlich jüngeren Frauen suchen. Oft lässt Gajda ihre Follower*innen gleichzeitig belustigt und schockiert zurück. So wird sie auf Tinder einfach mit „I like them young and horny“ angeschrieben – mit dem Zusatz, dass das perfekte Alter für die zukünftige Partnerin eigentlich bei 17 läge und sie mit ihren damals 29 Jahren aber gerade noch jung genug sei.

Bei all diesen Memes bleibt ein unguter Beigeschmack. Sind sie doch ein Abbild realer Phänomene, das zeigt, welche gravierenden Folgen Heterosexualität für viele Frauen haben kann. Schon beim Dating werden sie in passive und anpassungswillige Rollen gedrängt. Daraus ergibt sich eine Dringlichkeit: Den Heteropessimismus gilt es nicht bloß auszuhalten, vielmehr sollten wir seine transformative und kritische Kraft nutzen. Er könnte als Ausgangspunkt für eine nötige feministische Wende im Dating dienen. Schließlich muss die Heterobeziehung kein Ort ewiger Ungleichheit bleiben, sondern kann neu verhandelt und gelebt werden. „Keine Zeit mehr für sowas, wirklich“, sagt Mika.

Sophia Krauss ist oft genervt von Dating zwischen Selbstbestimmung und Selbstoptimierung, neuen Dating-Apps und traditionellen Geschlechter­rollen. Trotzdem macht es ihr meistens Spaß, sich neu zu verlieben.

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