Redaktion – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 09 Dec 2025 10:54:56 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Redaktion – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroine: Gloria Anzaldúa https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-gloria-anzaldua/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-gloria-anzaldua/#respond Tue, 09 Dec 2025 10:54:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=131316 Gloria Anzaldúa (1942-2004) war eine Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die in Texas unmittelbar an der mexikanischen Grenze geboren und aufgewachsen ist. Als queere Chicana einer Arbeiter*innenfamilie in den USA, sozialisiert in einer patriarchalen und rassistischen Gesellschaft, widmet sich Anzaldúa ihr Leben lang binären und westlich geprägten Identitätskategorien aus einer autobiografischen, aktivistischen sowie wissenschaftlichen Perspektive. 1987 […]]]>

Gloria Anzaldúa (1942-2004) war eine Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die in Texas unmittelbar an der mexikanischen Grenze geboren und aufgewachsen ist. Als queere Chicana einer Arbeiter*innenfamilie in den USA, sozialisiert in einer patriarchalen und rassistischen Gesellschaft, widmet sich Anzaldúa ihr Leben lang binären und westlich geprägten Identitätskategorien aus einer autobiografischen, aktivistischen sowie wissenschaftlichen Perspektive. 1987 veröffentlicht sie ihr bekanntestes Werk „Borderland/La Frontera: The New Mestiza“, in dem sie schreibt: „As a mestiza I have no country, my homeland cast me out; yet all countries are mine because I am every woman’s sister or potential lover. As a lesbian I have no race, my own people dis­claim me; but I am all races because there is the queer of me in all races“. 2004 stirbt sie unerwartet an einer Diabetes-Erkrankung, 2005 wird ihr posthum der Doktorgrad verliehen. Bis heute sind Anzaldúas Überlegungen grundlegende Ausgangspunkte der Queer-, Feminist-, Border- und Chicanx-Studies.

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Feminist Superheroine: Hermila Galindo https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:59:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=130145 Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in […]]]>

Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in Stenografie und Schreibmaschine. 1911 zog sie nach Mexiko-Stadt und gründete 1915 die feministische Zeitschrift „La Mujer Moderna“, in der sie Gleichstellung, Bildung und sexuelle Selbstbestimmung forderte. Sie arbeitete eng mit dem mexikanischen Revolutionär und Politiker Venustiano Carranza zusammen, der von 1914 bis 1920 Staatspräsident von Mexiko wurde. 1917 kandidierte sie auch selbst für ein Abgeordnetenmandat, erhielt die Mehrheit der Stimmen, durfte das Amt aber aufgrund des fehlenden Frauenwahlrechts nicht antreten. 

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Feminist Superheroine: Leigh Davids https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/#respond Thu, 11 Sep 2025 13:35:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=129384 Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt […]]]>

Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.
2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt und sich gegen transfeindliche Gewalt, Armut und soziale Marginalisierung einsetzt. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Kritik an der diskriminierenden Gesundheitsversorgung in Südafrika, die vor allem armutsbetroffenen queeren Menschen den Zugang zu lebenswichtigen HIV-Behandlungen erschwert.
Für ihr Engagement wurde Davids von der transfeministischen Organisation Social Health Empowerment ausgezeichnet. Im Februar 2019 starb sie kurz vor ihrem 40. Geburtstag an den Folgen ihrer AIDS-Erkrankung. Bis zuletzt hatte sie die drastisch verringerte Lebenserwartung von trans Frauen angeprangert. 

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„Ich rate allen Frauen, sich zu wehren!“ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:41:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=129359 Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt. Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt. an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen […]]]>

Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt.
Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt.

an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?
Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen Kollektivvertrag und keine offenen Gehaltsstrukturen. Jährlich gab es Mitarbeitendengespräche samt Gehaltsverhandlungen, in denen nach Sympathie – oder wie ich sagen würde, Geschlechtsorgan – verhandelt wurde. Mit einem neuen Kollegen sprach ich irgendwann über unseren Verdienst. Und da stellte sich heraus, dass es im Betrieb nicht nur viel Geheimniskrämerei ums Gehalt, sondern auch massive Unterschiede gab. Ein Mann, der erst einige Jahre nach mir ins Unternehmen gekommen war und denselben Job machte wie ich, verdiente einige hundert Euro mehr als ich – ohne besser qualifiziert zu sein.
Anfangs hackelte ich rein wie eine Blöde und übernahm zusätzliche Aufgaben. Sicher ein Jahr lang wollte ich beweisen, dass meine Arbeit genauso viel wert ist. In einem Gespräch mit der Geschäftsführung präsentierte ich meine Tätigkeiten, schlug vor, noch mehr zu machen. Ich habe wiederholt dasselbe Gehalt wie der Kollege verlangt, doch es hieß immer, es gäbe kein Geld. Man verstehe meine Kränkung, aber da sei nichts zu machen. Und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Ich bekam eine Rüge, meinen Kollegen unter Druck gesetzt zu haben und Unruhe ins Unternehmen zu bringen.

Sie haben sich entschlossen, dagegen vorzugehen. Wie lief der Prozess vom Antrag bei der Gleichbehandlungskommission bis zum Nachweis der Diskriminierung ab?
Mir ist es psychisch nicht gut gegangen, ich wollte dort nicht mehr hin und habe im Krankenstand gekündigt. Das ist der Klassiker: Frauen wissen, dass sie ungleich behandelt werden. Dann Kämpfen sie um ihr Weiterkommen, werden abgewiesen. Irgendwann hat man keine Kraft mehr, weiterzukämpfen und kündigt. Unternehmen rechnen mit diesem Ablauf. Ich tat zuerst dasselbe. Aber dann sprach ich mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und der Kommission. Mir wurde von der Gleichbehandlungskommission ein Formular zugeschickt, um die Ungleichbehandlung zu beschreiben. Die Gleichbehandlungsanwältin unterstützte mich bei Formulierungen und der Beurteilung einzelner Ereignisse. Schnell geht das alles nicht, man muss schon einen langen Atem haben für so ein Verfahren.
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Fall bei der Gleichbehandlungskommission einreichte, bis zu ihrem Urteil vergingen eineinhalb Jahre – und es ging danach noch weiter. Bis beim Arbeitsgericht der Fall abgeschlossen war – auch in der zweiten Instanz – dauerte es schließlich drei Jahre. Grundsätzlich ist die Arbeit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und -kommission aber super und es hat alles sehr gut und professionell funktioniert. Nachdem mein Antrag eingelangt war, wurde beurteilt, ob die Kommission den Fall als Verfahren aufnimmt. Sie prüften die Ungleichbehandlung und schrieben eine Aufforderung an die beschuldigte Partei zur Stellungnahme. Mein ehemaliger Dienstgeber nahm die Kommission nicht ernst. Die Kommission verlangte, dass die Gehälter der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in dem Zeitraum, in dem ich dort ­arbeitete, von der Geschäftsführung zum Vergleich offengelegt werden, was diese nicht tat. Meine Anwältin musste dann über die Sozialversicherung die Gehaltseinsicht beantragen. Diese bekommt man anonymisiert, aber das Geschlecht wird offengelegt. Dann verfasste die Kommission einen Abschlussbericht und gab mir in allen Punkten recht. Die Kommission empfahl meinem ehemaligen Dienstgeber, mir die Gehaltsdifferenz auszuzahlen für die Jahre, in denen ich weniger verdient hatte. Dieser sträubte sich zunächst dagegen. Aber ich wollte so lange weitermachen, bis es ein Urteil gab. Denn wenn ein Urteil der Gleichbehandlungskommission zu einem Fall der Ungleichbehandlung vorliegt und vor Gericht geht, hat dieses Urteil auch ein Gewicht. Wenn man über die Arbeiterkammer oder Gewerkschaft einen Rechtsschutz will, ist es gut, dieses zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dann einen teilweisen oder vollen Rechtsschutz zu bekommen, ist hoch und es besteht kein finanzielles Risiko. Es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten.

Was würden Sie Frauen raten, die Ähnliches erleben?
Ich würde allen Frauen raten, sich zu wehren! Egal, ob sie beim Gehalt oder bei ihrem beruflichen Fortkommen diskriminiert werden, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erleben oder aufgrund ihres Geschlechts Ungleichbehandlung erfahren. Das Ausmaß der Diskriminierung, die Frauen am Arbeitsplatz erfahren, ist nach wie vor extrem hoch. Ich würde mir wünschen, dass all diese Frauen diese Fälle bei der Gleichbehandlungskommission melden. Ich glaube, dass es stärkt, wenn man damit nicht allein ist. Gleichzeitig werden Netzwerke männlicher Geschäftsführer geschwächt, wenn es eine Gegenwehr gibt und sie nicht mehr damit durchkommen.
Auch wenn es ein weiter Weg ist: Am Ende zahlt es sich aus. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das Geld zurückzahlen müssen – ver­zinst über die Jahre, die das Verfahren dauerte. Ein fünfstelliger Betrag! Kurz vor Weihnachten kam das abschließende Urteil – das war ein tolles Weihnachtsgeschenk.
Man muss sich übrigens auch nicht dafür schämen. Frauen haben im Beruf ein Recht auf gleiche Bezahlung bei gleichwertiger Arbeit und es ist verboten, sie ungleich zu behandeln. Auch das Argument „Sie hat halt schlecht verhandelt“ ist nicht zulässig. Frau kann sich jederzeit an die AK, Gewerkschaft oder den Betriebsrat wenden, sei es auch nur für ein vertrauliches Beratungsgespräch. Man muss nicht gleich vor Gericht ziehen – es gibt Eskalationsstufen und in Österreich tolle Unterstützung. Gewerkschaftsmitglied zu sein zahlt sich da sehr aus. Der Rechtsschutz von Gewerkschaft oder Arbeiterkammer senkt das finanzielle Risiko, es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten. Wichtig zu wissen ist: Es geht hier um ein Recht, nicht um einen Wunsch.

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Dieses Versprechen kann verlockend sein https://ansch.4lima.de/dieses-versprechen-kann-verlockend-sein/ https://ansch.4lima.de/dieses-versprechen-kann-verlockend-sein/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:13:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=128006 Interview: Die renommierte Friedens- und Konfliktforscherin Cynthia Enloe erklärt im Interview, warum der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist. Cynthia Enloe gilt als eine der bedeutendsten feministischen Friedens- und Konfliktforscherinnen der Gegenwart. Zahlreiche ihrer Bücher behandeln den Zusammenhang von Macht, Geschlecht und Militarismus. Im Gespräch mit Irem Demirci erklärt sie, wie der amerikanische Militarismus […]]]>

Interview: Die renommierte Friedens- und Konfliktforscherin Cynthia Enloe erklärt im Interview, warum der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist.

Cynthia Enloe gilt als eine der bedeutendsten feministischen Friedens- und Konfliktforscherinnen der Gegenwart. Zahlreiche ihrer Bücher behandeln den Zusammenhang von Macht, Geschlecht und Militarismus. Im Gespräch mit Irem Demirci erklärt sie, wie der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist und warum Mütter zum Problem für Rekrutierer der Armee werden können.

an.schläge: Trump hat angekündigt, den 8. Mai, den Tag der Befreiung als die Nazis zur Kapitulation gezwungen wurden, in „Tag des Sieges“ umbenennen zu wollen und „die unvergleichliche Macht, Stärke und Kraft des amerikanischen Militärs“ zu feiern. Was sagt das über den amerikanischen Militarismus und die Politisierung von Erinnerung aus?
Wladimir Putin hat eine Militärparade inszeniert, um den sowjetischen Sieg über die Nationalsozialisten zu feiern. Aber sie wurde diesen Mai in Moskau nicht nur veranstaltet, um den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg in Europa zu feiern, sondern auch, um Putins eigene illegale Militärinvasion in die Ukraine als legitim erscheinen zu lassen. Die meisten Amerikaner feiern keinen Tag des Sieges in Europa. Die Tage, die sie mit lokalen Stadtparaden feiern, sind eher der Memorial Day Ende Mai und der 4. Juli. Präsident Trump scheint jedoch neidisch auf Putin zu sein. Er will seine eigene Militärparade. Eine Militärparade zu veranstalten ist jedoch sehr teuer, so dass das Pentagon, das auf sein eigenes Budget achten muss, nicht so begeistert ist. Im Gegensatz zu den vom Präsidenten ernannten zivilen Beamten des Pentagons wollen Berufsoffiziere keine teure Parade veranstalten, nur um einen Präsidenten, der sich Sorgen um seine Männlichkeit macht, gut aussehen zu lassen.

Da kommt mir der Begriff der militarisierten Männlichkeit oder Weiblichkeit in den Sinn. Sie haben über „militarisierte Männlichkeiten und Weiblichkeiten“ geschrieben. Was ist damit gemeint?
Der Begriff „Militarisierung“ mag etwas technisch klingen, aber er ermöglicht es uns, die Veränderungen von Individuen und Gruppen im Laufe der Zeit zu verfolgen – von ihrer relativen Nichtmilitarisierung bis zu ihrer zunehmenden Militarisierung. Sie vollzieht sich in ihren Überzeugungen, Werten, Loyalitäten, Abhängigkeiten und Bestrebungen. In ähnlicher Weise sind „Maskulinisierung“ und „Feminisierung“ Begriffe, die uns dazu ermutigen, Veränderungen im Laufe der Zeit zu beobachten. Ich habe mit jungen Männern gesprochen, die sagten: „Mein Onkel war bei der Armee und möchte, dass ich zur Armee gehe, um ein ‚richtiger Mann‘ zu werden. Aber ich mache mir eigentlich keine Sorgen um meine Männlichkeit. Ich muss der Armee nicht beitreten, um etwas zu beweisen.“ Das ist eine Gegenreaktion auf die Militarisierung der Männlichkeit. Um ihre monatlichen Quoten zu erfüllen, nutzen die Rekrutierer des Militärs die Unsicherheiten der Jungen und jungen Männer aus. Das ­Versprechen an einen wenig selbstsicheren jungen Mann lautet: Wenn du einmal Soldat geworden bist, wird niemand mehr daran zweifeln, dass du ein „richtiger Mann“ bist. Dieses Versprechen kann verlockend sein.

Und bei der militarisierten Weiblichkeit?
Die Freundin eines Soldaten kann militarisiert werden, wenn sie beginnt, einen Mann in Uniform zu bewundern. Eine Mutter kann militarisiert werden, wenn sie beginnt, mütterlich-patriotischen Stolz auf die Einberufung ihres Sohnes zu empfinden. Mit anderen Worten: Das Gefühl einer zivilen Frau oder eines zivilen Mädchens für ihre eigene Weiblichkeit kann militarisiert werden, wenn ihr persönlicher Maßstab für ihre eigene Weiblichkeit an ihre militärische Unterstützerrolle gekoppelt wird. Und für manche Frauen bedeutet Weiblichkeit, sich beschützt zu fühlen, beschützt von einem Mann oder einem männlichen Beschützer, sei es ein Ehemann oder eine staatliche Institution. Wer ist die vermeintlich beschützte Person und wer übernimmt den Schutz? Diese Frage zu stellen, hilft mir immer dabei, eine Gesellschaft zu verstehen. Wer sich heute dafür einsetzt, öffentliche Gelder von der Gesundheitsfürsorge in die Verteidigung umzuschichten, kann nur erfolgreich sein, wenn mehr Frauen davon überzeugt werden, ihre eigenen Vorstellungen von ziviler Weiblichkeit zu militarisieren. Andererseits sehen viele junge Frauen, mit denen ich gesprochen habe, in der Einberufung zum Militär eine Möglichkeit, aus konventionellen weiblichen Geschlechterkategorien ausbrechen zu können, die sie als so beengend empfinden. Wenn wir also die Militarisierung von Frauen und Mädchen verfolgen, sollten wir bereit sein, uns überraschen zu lassen. Einige weibliche Freiwillige beim Militär mögen den Eindruck erwecken, als würden sie das Patriarchat herausfordern.

Ihr Buch „Bananas, Beaches and Bases“ beginnt mit dem Kapitel „Gender Makes the World Go Round“. Warum ist ein feministischer Fokus für das Verständnis internationaler Politik so wichtig?
Nun, ich erinnere mich an die Zeit, als ich noch keine Genderperspektive hatte. Wenn ich zurückblicke, ist das peinlich. Als ich begann, mich mit Militarismus auseinanderzusetzen, war mir gar nicht bewusst, dass ich mich mit Männern beschäftigte. Ich dachte, ich würde mich mit unterschiedlichen Soldaten, Offizieren, Verteidigungsministern und der militarisierten Polizei beschäftigen. Ich habe mich nicht einmal gefragt, ob es eine Rolle spielt, dass sie zu fast 95 Prozent Männer sind. Zu Beginn fragte ich sicherlich nicht nach ihren Schwestern, Ehefrauen oder Müttern, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sexarbeiterinnen, zu denen sie gingen, ernst zu nehmen. Da ich noch nicht neugierig auf die Politik der Männlichkeit oder die Politik der Weiblichkeit war, verstand ich nicht wirklich, wie Militarisierung funktionierte. Dieses Verständnis setzte erst ein, als ich begann, eine feministische Neugierde zu entwickeln.

In Ihrem Buch zeigen Sie, wie ­sogenannte „private“ Räume – wie das Zuhause oder Beziehungen – zutiefst politisch sind. Könnten Sie ein Beispiel dafür nennen, wie dieses vermeintlich Private mit globaler Militärmacht zusammenhängt?
Ein Erlebnis, das mir immer noch im Gedächtnis geblieben ist, ist ein Interview, das ich mit einem Rekrutierer der britischen Armee führte. Ich verbrachte eine Woche damit, diesen Rekrutierer in Schottland zu beobachten, als er versuchte, eine schottische Mutter davon zu überzeugen, ihren Sohn im Teenageralter in die britische Armee aufzunehmen. Diese Frau traf ihre mütterliche Entscheidung, indem sie abwog, was für ihre ganze Familie wirtschaftlich besser wäre: der Eintritt ihres Sohnes in die Armee oder seine Arbeit für den örtlichen Großgrundbesitzer in den Highlands. Und im Hinblick auf die langfristige Sicherheit der Familie und die beruflichen Aussichten ihres Sohnes sagte sie dem Anwerber der Armee, dass sein Angebot nicht ausreiche. Sie hielt es für wirtschaftlich sinnvoller, dass ihr Sohn bei dem Landbesitzer angestellt war.
Väter gelten als eher bereit, ihre Söhne zum Militär zu schicken – das ist zumindest das Klischee. Für Militärrekrutierer in vielen Ländern sind aber tatsächlich die Mütter der Stolperstein.

In den USA wird militärische Stärke oft als patriotische Pflicht dargestellt, während eine Infragestellung des Militärs als unpatriotisch angesehen wird. Wem dient das?
Nun, die USA sind ein dramatischer Fall für diese kulturelle Verschmelzung von Patriotismus mit Männlichkeit und Soldatentum. Z. B. werden alle möglichen Produkte verkauft, als ob sie Patriotismus verkaufen würden. Obwohl es heute in den USA kein Gesetz gibt, das Kritik am Militär unter Strafe stellt, schaffen diese populärkulturellen Dynamiken ein soziales Klima, in dem die Kritik am Militär oder sogar an den Handlungen bestimmter Soldaten vielen normalen Menschen als „unpatriotisch“ erscheint. Doch es lohnt sich, einen geschärften feministischen Blick auch auf andere Länder zu werfen. Putins Regime ist noch weiter gegangen und hat Kritik am Militär zu einem Verbrechen erklärt. In Verbindung mit den russischen Medien, die immer mehr unter die Kontrolle des Regimes geraten, ist die Militarisierung in diesem Land in vollem Gange. Es ist kein Wunder, dass russische Feministinnen heute angegriffen werden. Die Militarisierung des Patriotismus verengt und vermännlicht den zivilen Raum.

Aber im Fall von Trump haben wir sowohl eine Verherrlichung des Militärs als auch eine öffentliche Missachtung von Veteranen erlebt. Was sagt das über Männlichkeit, Macht und Patriotismus aus?
Donald Trump schätzt die Loyalität zu seiner Person. Er versteht wirklich nicht, dass es einen tiefgreifenden Unterschied gibt zwischen dem Loyalitätseid eines US-Militäroffiziers, der geschworen hat, die Verfassung zu wahren, und der Loyalität gegenüber einer bestimmten Person, die die Präsidentschaft innehat. Weil Trump sich weigert, diesen Unterschied zu begreifen, fühlte er sich offenbar „verraten“ – und entließ mindestens vier Militärs, die seine Entscheidungen infrage stellten – während seiner ersten Amtszeit hatte er sie zuvor absichtlich in hohe zivile Ämter berufen. Damit will ich nicht sagen, dass die wichtigsten Stützen der US-Verfassung professionelle Militärgeneräle sind. Das sind sie gewiss nicht. Eine integrative, engagierte und verantwortungsbewusste Zivilbevölkerung ist es. Aber das, was wir heute alle lernen, ist, dass ein US-Präsident, der persönliche Loyalität über die Loyalität zur Verfassung stellt, eine Gefahr für die Demokratie ist.

Geschlecht, aber auch Klasse und race, sind relevant in der Betrachtung des US-Militärs. Das US-Militär rekrutiert z. B. in hohem Maße aus der Arbeiterklasse und rassifizierten Gemeinschaften. Wie prägt das dieses System?
Richtig. Doch das Militär bekommt nicht so leicht die Art von Personal, die es sich wünscht. Das bedeutet, dass wir immer ein intersektionales, feministisches Auge darauf haben sollten, was die Militärstrategen eines Landes tun, um ihre Reihen zu füllen. Werden sie die Bildungsstandards für den Eintritt ins Militär senken? Werden sie höhere Antrittsprämien anbieten? Werden sie – widerwillig – mehr Posten in Uniform für Frauen öffnen? In den Jahren 2021 bis 2023 konnte weder das Heer, die Luftwaffe oder Marine ihre jährlichen Rekrutierungsziele erreichen. Als sich die zivile Wirtschaft unter Präsident Biden von der Pandemie erholte, gab es mehr zivile Arbeitsplätze für junge Menschen, insbesondere für junge Männer. Das Militär hat es überall schwer, seine Reihen zu füllen, wenn die zivile Wirtschaft einen gesunden Arbeitsmarkt mit Arbeitsplätzen für junge Männer hat. Außerdem zeigen einige Umfragen, dass in afroamerikanischen Familien heute ein weniger positives Bild vom US-Militär vorherrscht als noch vor einer Generation. Dadurch sinkt die Attraktivität des Militärdienstes für afroamerikanische Teenager. Jetzt, Mitte 2025, erfüllen die US-Militärs wieder ihre Rekrutierungsquoten, aber das liegt nicht daran, dass die amerikanischen jungen Männer wieder besonders militarisiert sind. Wahrscheinlicher ist, dass die Rekrutierer ihre jährlichen Zielvorgaben gesenkt, ihre Antrittsprämien erhöht und die Bildungsstandards für neue Rekruten gesenkt haben.

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#SkinnySummer https://ansch.4lima.de/skinnysummer/ https://ansch.4lima.de/skinnysummer/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:13:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=128019 #SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf. Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor […]]]>

#SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner

Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf.

Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor Entsetzen offenstehenden Mündern zurücklässt. Tief einatmen, wir tauchen kurz gemeinsam ab in die Untiefen von #SkinnyTok, also dem Diät-Content junger, fast ausschließlich weißer Influencerinnen auf TikTok, die die berüchtigten „nothing tastes as good as skinny feels“-Körperideale der 2000er-Jahre – ältere Leserinnen werden sich mit Schaudern daran zurückerinnern – im Vergleich blass erscheinen lassen.

Cleane Girls. Die archetypische Protagonistin von #SkinnyTok ist jung, able-bodied, weiß, mädchenhaft und superfeminin im Auftreten, immer perfekt geschminkt und gertenschlank. Wie sie dahin kam, zeigt sie nicht, denn ein #CleanGirl schwitzt nur abseits von ­Kameras. Ihre Vergangenheit als „ex-fatty“ oder „retired big girl“ taucht nur in einzelnen, unscharfen Bildern eines nicht näher bestimmten „Vorher“ auf, das zur reichweitenstarken Währung in hyper-individualistischen Transformationsnarrativen auf sozialen Medien wird. Wenn das ihr „Nachher“ ist, wenn sie es geschafft hat, kann ich es doch auch – oder? Disziplin und Kontrolle braucht es in allen Lebensbereichen, so das „brutal ehrliche“ Skinny Girl. In „#WhatIEatInADay“-Videos erfahren wir, was das „Skinny Mindset“ für den Bereich der Nahrungsaufnahme bedeutet: Gegessen wird wenig (das Stichwort lautet „Portion Control“) und immer alleine, aber mit Fokus auf Proteine. Wasser und Zitronen-­Brausepulver helfen gegen den Hunger und wer gerade Streifen zur Zahnaufhellung trägt, kann auch nicht essen. Pro-Tipp! Wie ­praktisch.

„Food Freedom“. Ermächtigende Konzepte wie „Food Freedom“, Selbstliebe und intuitives Essen werden in den Videos auf perfide Arten vereinnahmt – wer sich und seinen Körper liebt, fastet und optimiert. In den Hashtags geht es dann aber nicht mehr um #SelfLove, sondern darum, wie man mit einem #CalorieDeficit zum #SkinnySummer kommt. Mit der richtigen Metrik (Minimum 10.000 Schritte am Tag), dem richtigen Content (Fitfluencern folgen! Food Content entfolgen!) und der richtigen Mentalität („Manifestiere! Denke wie ein #SkinnyGirl!“) kannst auch du es schaffen! Manche der Accounts begleiten dich durch motivierendes „Empowerment“ beim Abnehmen, andere schimpfen dich via „Tough Love Fitness“ mit krassen Schuld- und Beleidigungslogiken dünn. 2025 zeichnet sich in Sachen Körpern ein widersprüchliches Bild: Einerseits hat die Body-Positivity-Bewegung der 2010er-Jahre erreicht, dass eine bestimmte Form von kommerziell verträglicher Diversität zur Norm in Werbung und Popkultur geworden ist. Andererseits sehen wir uns konfrontiert mit einem Backlash in Sachen Diversität und einer immer stärker werdenden Welle von Ess- und Körperwahrnehmungsstörungen, gerade unter jungen Frauen, dem Hype um sogenannte „Abnehmspritzen“ sowie digitale Face-Filter und porenfreie KI-Avatare, die verunsichern. Ja, auf der Repräsentations­ebene haben wir Erfolge gefeiert, doch ganz offensichtlich übersetzt sich mehr Sichtbarkeit für unterschiedliche Körper – fast alle absolut normschön und in maximal einem Merkmal abweichend – nicht automatisch in strukturellen Wandel, also mehr Selbstbewusstsein und Körperakzeptanz bei jungen Menschen.

skinny privilege. Lookistische Diskriminierung dominiert weiterhin unseren Alltag. Der Zugriff auf Körper ist in Zeiten von digitalem Kapitalismus, einer krisengebeutelten Gegenwart und dem von den USA bis nach Europa spürbaren Rechtsruck sogar noch drastischer geworden – nicht-weiße, nicht-dünne (und damit vermeintlich nicht-leistungsfähige), queere Körper werden zur Zielscheibe für Angriffe, die reproduktionswillige, häusliche, schöne, weiße cis Frau ist das Ideal. Das haben auch die Skinny Girls auf TikTok erkannt: „Imagine how far pretty AND skinny privilege will get you!“, heißt es zur Motivation in ihren Videos. Schade, dass sie damit die repressiven Strukturen zwar hellsichtig analysieren, aber keine widerständigen Schlüsse daraus ziehen. Stattdessen werden mit immer neu erfundenen Makeln – ganz aktuell „Cortisol-Face“ und „Toebesity“ (googelt lieber nicht) – Unsicherheiten verschärft, und über Beschämungslogiken immer neue Produkte verkauft. Niemand genügt einfach so, der Körper ist immer Arbeit und zu bearbeitendes Projekt. Lookismus wird auf einer individuellen Ebene nicht aufzulösen sein und Schönheitsarbeit kann sich für Einzelne daher immer nur widersprüchlich anfühlen: Einerseits kann es ein Ausdruck von Selbstfürsorge sein und Freude machen, zum Workout zu gehen oder sich zu schminken. Andererseits passiert diese Arbeit am Selbst nicht im luftleeren Raum: Wer in den Körper investiert, macht das nie unabhängig von gesellschaftlichen Schönheitsidealen und hat dadurch Vorteile in allen Lebensbereichen. Doch selbst für die Normschönsten unter uns ist das ein Glücksspiel mit hohem Einsatz und Ablaufdatum – Altern und Krankheit kommt schließlich niemand aus.

Belegbare Nachteile. Gerade für Frauen gilt: Es gibt im Patriarchat keine richtige Art, Frau zu sein. Über immer neue, niemals zu erreichende Ansprüche an unser Äußeres werden wir unter Kontrolle gehalten, mit unseren Gefühlen von Unzulänglichkeit die Profite von Unternehmen der Schönheitsindustrie in die Höhe getrieben. Gewinnerinnen gibt es keine: Wer versucht, sich mit Unmengen an Zeit, Schmerzen, Disziplin, Versagen und Geld diesen irrwitzigen Idealen zu nähern, leidet. Für Genuss, für Miteinander, für Ausgelassenheit ist in diesem strengen Konzept normativer, weiblicher Körperlichkeit kein Platz. Wer sich widersetzt und auf die Standards pfeift, muss mit empirisch belegbaren Nachteilen im Dating, im Job, in der Gesundheitsversorgung und am Wohnungsmarkt rechnen. Und wer kann sich Widerstand überhaupt leisten? Während eine junge, dünne, weiße Frau mit haarigen Achseln vielleicht noch als edgy und rebellisch durchgeht, sind Schwarze Frauen in rassistischen Gesellschaften mit schlimmsten Beleidigungen und Tiervergleichen konfrontiert, wenn ihr Körperhaar-Management als „ungepflegt“ gelesen wird.
Auch wenn uns nun noch mit – teuren – „Abnehmspritzen“ wie Ozempic oder Mounjaro suggeriert wird, jede*r könnte auf Dauer schlank sein, bleibt Gesundheit politisch und nur verstehbar durch das Mitdenken sozio­ökonomischer Rahmenbedingungen. Entgegen der einsamen Realität, die Skinny Girls auf TikTok abbilden, sind wir alle eingebunden in – zutiefst durch Ungleichheit gekennzeichnete – gesellschaftliche Verhältnisse, aus denen sich unterschiedliche Möglichkeiten ergeben, Einfluss auf den eigenen Körper, die Gesundheit und Schönheit zu nehmen: Wer kann sich frisches, nährstoffreiches Essen leisten? Wer hat Zeit für Sport?
Trotz neuer Kulturtechniken zum Abnehmen ist Gesundheit komplex und in kapitalistischen Gesellschaften erschütternd ungleich verteilt.
„Weight Release“. Nach zehn Jahren Forschung zum Thema komme ich zu dem Schluss: Zu Selbstliebe gibt es keinen Shortcut. Wir können Body-Freedom nur erreichen, wenn wir uns dem Schmerz stellen, der all dem Körperoptimierungs-Content auf sozialen Medien zugrunde liegt. Je mehr Kontrolle auf uns ausgeübt, je mehr digitale Medien autokratischen und faschistoiden Überwachungs- und Datenextraktionslogiken folgen, je mehr Rückzug in die Optimierung gefordert wird, desto mehr müssen wir die Vereinzelungslogik von Scham durchbrechen. Desto mehr brauchen wir verstärkt im Analogen Räume für geteilte Verletzlichkeit, das Erzählen und Überwinden unserer Scham-Geschichten und die solidarische Organisierung gegen repressiven Magerwahn.
Für mich gilt auch jetzt, wo Lizzo sich mit „Weight Release“ (etwa Gewichtsbefreiung) statt #BodyPositivity brüstet, was immer schon galt: #RiotDon’tDiet! Es sind düstere Zeiten, aber vielleicht können wir aus einem unverstellten, nüchternen Blick auf die Verhältnisse genug Mut und Wut sammeln, um uns zusammenzutun, den radikalen Spirit der ursprünglichen Fat-Liberation-Bewegung der 1960er und -70er zu bündeln und die Epidemie der Körperunsicherheit an der Wurzel zu packen. Wir können nicht noch eine Generation an den Magerwahn verlieren! Es reicht!

Elisabeth Lechner ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation zur Body-Positivity-Bewegung erschien 2021 auf Deutsch als „Riot Don’t Diet! Aufstand der widerspenstigen Körper“ bei Kremayr & Scheriau.

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Edgy, schön, rechts https://ansch.4lima.de/edgy-schoen-rechts/ https://ansch.4lima.de/edgy-schoen-rechts/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=128025 Rechte Influencerinnen ködern junge Frauen mit Promi-Klatsch und Beauty-Tipps – erschreckend erfolgreich. Von Sophia Krauss Wer ist hier der Bösewicht? Als sich Schauspielerin Blake Lively und Regisseur Justin Baldoni nach dem Dreh des gemeinsamen Dramas „It Ends With Us“ im vergangenen Jahr eine öffentliche Schlammschlacht lieferten, sorgte dies auf sozialen Medien wochenlang für hitzige Debatten. […]]]>

Rechte Influencerinnen ködern junge Frauen mit Promi-Klatsch und Beauty-Tipps – erschreckend erfolgreich. Von Sophia Krauss

Wer ist hier der Bösewicht? Als sich Schauspielerin Blake Lively und Regisseur Justin Baldoni nach dem Dreh des gemeinsamen Dramas „It Ends With Us“ im vergangenen Jahr eine öffentliche Schlammschlacht lieferten, sorgte dies auf sozialen Medien wochenlang für hitzige Debatten. Lively verklagte schließlich Baldoni und warf ihm sexuelle Belästigung und eine Verleumdungskampagne vor, die von der PR-Strategin Melissa Nathan orchestriert wurde. Sie hatte bereits Johnny Depp im Prozess gegen Ex-Frau Amber Heard unterstützt. Frauenhass kommt im Netz gut an, das demonstrierte Nathan einmal mehr: Ein Großteil der Nutzerinnen schlug sich auf die Seite des Regisseurs. Eine von ihnen war Candace Owens, rechtsextreme Meinungsmacherin und ehemalige Moderatorin der einflussreichen US-amerikanischen Plattform „The Daily Wire“.

Verschwörungserzählungen und Workouts. Auf YouTube veröffentlichte Owens stundenlange Analysen des Falls, jede einzelne dieser Folgen verzeichnete mindestens 1,5 Millionen Aufrufe. 65 Prozent ihrer Zuschauenden von Dezember 2024 bis Februar diesen Jahres waren weiblich – ungewöhnlich für Owens’ politische Inhalte. Online ist Candace Owens längst eine – rechte – Marke. Neu jedoch ist ihre Breitenwirkung. Schon 2017 debütierte sie als rechtskonservative Online-Kommentatorin. Seitdem hat sie die jüdische Religionsausübung der Kabbala öffentlich mit Pädophilie verglichen und antisemitische Ritualmordlegenden verbreitet, wonach Jüdinnen christliche Kinder rituell töten würden. Dokumentierte NS-Verbrechen seien „bizarre Propaganda“ und sie behauptete auch, George Floyd sei an einer Überdosis Drogen und nicht an Erstickung gestorben. Die LGBTQIA+-Bewegung nannte sie „satanisch“. Heute will Owens mit ihrer neuen Marke „Club Candace“ Lifestyle-Influencerin werden. Sie hat eine Fitness-App für junge Frauen entwickelt, insbesondere für Mütter nach der Entbindung. Ihr neuestes Buch, das im September erscheinen wird, trägt den Titel „Make Him a Sandwich: Why Women Don’t Need False Feminism“. Aus einem rechtsextremen Milieu hat Owens sich so erfolgreich hinein in den Mainstream katapultiert. Im Interview mit dem Magazin „The Cut“ sagte eine junge US-Amerikanerin, die sich als liberal einstuft, dass sie erst durch die Berichterstattung rund um Blake Lively begonnen hätte, Owens Content zu konsumieren. „Sie will uns zeigen, dass dies überhaupt kein feministisches Thema ist, sondern dass es darum geht, Gerechtigkeit für denjenigen zu erlangen, dem hier Unrecht widerfährt. Sie vereint Linke und Rechte.“

Schön und fruchtbar. Zu einem ähnlichen Befund kommt das rechte US-Frauenmagazin „Evie“: Owens habe es durch ihre Podcasts zum Fall Lively/Baldoni geschafft, Menschen aller politischen Hintergründe zu versammeln. Owens’ antisemitische, rassistische und transfeindliche Inhalte werden dabei gekonnt ausgeklammert. Man zelebriert hingegen, dass Owens Zuseherinnen erreiche, die zwar ihre politische Haltung ablehnten, aber von ihrer Promi-Berichterstattung begeistert waren. Überhaupt würde sich die Rechte zu wenig mit Popkultur beschäftigen und nicht verstehen, wie stark Medien, Kunst und Klatsch Gesellschaften beeinflussen. Man überlasse dieses Feld einfach der Linken. Das will auch das Magazin „Evie“ nicht. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Hochglanzmagazin. Es geht um Nagellack und Frisuren von Sabrina Carpenter. Es gibt Sextipps wie in der Cosmopolitan – versehen mit dem Zusatz, dass diese „nur für verheiratete Frauen“ seien. Während in anderen Lifestyle-Magazinen in den letzten Jahren auch Body-Positivity und diverse Körperbilder Einzug hielten, setzt „Evie“ auf „objektive weibliche Schönheit“. Man will weg von „woker Akzeptanz“, symbolisiert durch „stark tätowierte, blauhaarige, fettleibige, geschlechtsneutrale Personen“, zurück zur Dominanz weißer, cis-normativer, gebärfähiger Körper. Hinter dem Magazin steht das Ehepaar Hugoboom, die auch eine von Peter Thiel unterstützte Menstruationszyklus-App betreiben, die zur Fruchtbarkeitsplanung anregen soll. „Unsere Fortpflanzungsorgane sind genau dafür gemacht – neues Leben zu erschaffen“, ist in „Evie“ zu lesen, wo auch vor den Gefahren hormoneller Verhütungsmittel gewarnt wird.

Rechts ist jetzt cool. Für den „Guardian“ hat Autorin Anna Silman zu „Evie“, Candace Owens und anderen rechten weiblichen Influencerinnen recherchiert. In ihrer Reportage nennt sie deren Universum die „Womanosphere“: Es sei das Äquivalent zur Manosphere, jener Online-Welt voller Bro-Podcaster wie Theo Von oder Joe Rogan, die junge männliche Nutzer oft mit vergleichsweise unpolitischen Themen wie Wrestling oder Drogen anziehen und sie dann in ein Rabbithole voller Antifeminismus und Verschwörungsideologien führen. Junge Menschen würden online nach authentischen, edgy Stimmen suchen, die ihnen helfen, Meinungen zu entwickeln und ihnen Perspektiven aufzeigen, schreibt Silman – auch junge Frauen. Viele Medienschaffende haben das mittlerweile verstanden und versuchen über Themen wie Popkultur, Wellness, Beauty oder Dating junge Nutzerinnen an ein konservatives Weltbild heranzuführen. „Heute ist es für Jugendliche cool, konservativ zu sein“, sagt Brett Cooper, rechte Influencerin auf YouTube. Die Linke hätte in der Popkultur schon lange genug den Ton angegeben.

Turning Point. All diese Influencerinnen vermitteln immer auch eine konservative Vorstellung von Geschlecht. Oft lehnen sie trans und queere Personen als vermeintlich woke Modeerscheinungen ab. Und sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer ungestört vom Feminismus endlich wieder ihren „natürlichen“ Eigenschaften nachgehen können. Frauen müssten endlich wieder fürsorglich und schutzbedürftig sein dürfen. Dabei deckt sich ihre Ideologie mit jener der Trump-Regierung: Reproduktive Rechte sollen abgebaut werden, ebenso der Schutz von queeren Personen. Die rechtskonservative Organisation Turning Point, die laut Silman die letzte US-Wahl maßgeblich beeinflusst hat, förderte nach eigenen Angaben rund 350 rechtsgerichtete Influencer*innen. In den letzten Jahren steckte Turning Point mehrere Millionen US-Dollar in den Aufbau rechter Medien. Angesichts des schwindenden Vertrauens der Bevölkerung in tradierte Nachrichtenmedien scheint dies ein erfolgreicher Weg zu sein, rechte Propaganda immer populärer zu machen. Das schlug sich auch bei der US-Wahl nieder: Während junge Frauen 2024 immer noch mehrheitlich demokratisch wählten, schrumpfte Joe Bidens Vorsprung von 35 Punkten im Jahr 2020 auf 24 Punkte für Kamala Harris.
Währenddessen arbeitet Candace Owens an einem neuen Thema: dem Fall Harvey Weinstein. Im Februar enthüllte sie, dass sie den verurteilten Vergewaltiger monatelang im Gefängnis interviewt habe. Ihr Fazit: Er sei das Opfer der MeToo-Bewegung, die „aus so etwas wie einem kriminellen Netzwerk besteht“.

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neuland: Mama weiß Bescheid https://ansch.4lima.de/neuland-mama-weiss-bescheid/ https://ansch.4lima.de/neuland-mama-weiss-bescheid/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=128035 Neulich sprach ich mit meinem Partner über Kindergeburtstagspartys und die kleinen Tütchen mit Süßigkeiten, die dort zum Abschied an uns Kinder verteilt wurden.Mein Partner – der Deutscher ist – kannte diese Tütchen gar nicht. Mich überraschte das. Für mich waren sie etwas sehr Deutsches. Denn in Japan, wo meine Mutter herkommt, gibt es diese Gewohnheit […]]]>

Neulich sprach ich mit meinem Partner über Kindergeburtstagspartys und die kleinen Tütchen mit Süßigkeiten, die dort zum Abschied an uns Kinder verteilt wurden.
Mein Partner – der Deutscher ist – kannte diese Tütchen gar nicht. Mich überraschte das. Für mich waren sie etwas sehr Deutsches. Denn in Japan, wo meine Mutter herkommt, gibt es diese Gewohnheit nicht. War ich in Japan auf einem Kindergeburtstag eingeladen, winkten wir uns lediglich zum Abschied.
Nach unserem Umzug nach Deutschland saugte meine Mutter sämtliche Bräuche auf, die über das Jahr zirkulierten: An Nikolaus hingen rote Socken am Wohnzimmerfenster, gefüllt mit kleinen Spielzeugen und Naschereien. Zu Ostern war der Hase da, der überall kleine Schokokugeln versteckt hatte. An Silvester gab es Fleisch-Fondue, das im Laufe der Jahre Platz machen musste für Raclette. Und irgendwann hatte ich dank Mama eine Sammlung an Stickern und Notizblättern, die ich mit Mädchen aus der Klasse tauschte. Als Kind schien es mir selbstverständlich, dass bei uns alles genauso lief wie bei meinen deutschen Klassenkamerad:innen. Dass dahinter stets meine Mama stand, die alle Besorgungen erledigte und fleißig Tütchen füllte, erfuhr ich erst Jahre später. Dabei sprach Mama anfangs kaum Deutsch, mein Vater war nie da. Neben ihrer anstrengenden Hausarbeit muss sie also nach Informationen gesucht haben, damit wir Kinder in der Schule mitreden konnten und nicht ausgegrenzt wurden.
Einmal verpasste Mama aber tatsächlich etwas Wichtiges. Eines Montags schliefen meine Schwester und ich seelenruhig, als sie plötzlich panisch in unser Zimmer gerannt kam. Die Schule hatte angerufen, weil wir beide fehlten. Mama hatte vercheckt, dass die Zeit umgestellt wurde. Wir hatten den gesamten Sonntag in Winterzeit verbracht.
Meine Lehrerin schüttelte damals augenrollend den Kopf. Aber Mutter zu sein ist ein harter Job. Erst recht in einem Land, in dem die Sprache und Gewohnheiten völlig fremd sind. Give them a break.

Shoko Bethke möchte dieses Jahr zu ihrer Geburtstagsparty im November für jede:n Freund:in ein Süßigkeitentütchen basteln und überlegt jetzt schon, was da alles rein könnte.

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Die meisten Frauenfiguren sind ziemlich beschissen https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/ https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=128029 Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre […]]]>

Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre nach seiner Entstehung kürzlich Uraufführung am Burgtheater. In einem Interview sagten Sie, dass Sie zwar Bauchweh hatten, an der Inszenierung mitzuwirken, Sie so aber das Narrativ kontrollieren könnten. Welche Geschichte wollen Sie denn gerne erzählen?
Damit meine ich nicht nur, was ich erzähle, sondern wie die ganze Geschichte erzählt wird. Ich konnte an einigen Stellen sagen: „Das geht zu weit“ – oder „Hier kann man noch tiefer reingehen.“ Attila und Paula haben ja in diesem furchtbaren NS-Propagandafilm „Heimkehr“, der wirklich seinesgleichen sucht, mitgespielt. Darin passiert eine perfide Umkehrung der historischen Tatsachen: Deutsche als Opfer in einem polnischen „KZ“, die angeblich nur friedlich leben wollen – und das kurz vor dem Einmarsch in Polen. Diese Form der Propaganda ist erschreckend effektiv.
Meinen Großvater Paul Hörbiger kennt man vor allem durch lustige Unterhaltungsfilme wie „Hallo Dienstmann“, die ebenfalls während des Dritten Reichs entstanden. Zwar ohne antisemitische Inhalte, aber trotzdem Teil desselben Systems. Der Unterschied liegt eher in der Wirkung: Das eine ist das Aufputschmittel, das andere wie Valium – eine vorgespielte heile Welt.

Sie haben mit dem Zwang gehadert, sich öffentlich mit Ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen zu müssen. Dennoch haben Sie es immer wieder getan. Das Ensemble des Stücks hat sich öffentlich gegen Kickl ausgesprochen, Sie persönlich waren Teil der Initiative #ActOut, die sich für die Gleichstellung von queeren Menschen einsetzt. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?
Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe – vielleicht sogar als meine Pflicht – meine Stimme zu nutzen, weil mir Menschen zuhören. Für mich gehört das zum Beruf der Schauspielerin: Themen anzusprechen, die mir wichtig sind, und Dinge zu unterstützen, hinter denen ich stehe. Ich bin dankbar, dass ich das darf.

Ihr letzter Film „Die geschützten Männer“ handelt von einer feministischen Revolution, und er zeigt auch, dass es ohne eine fundamentale Änderung gesellschaftlicher, auch kapitalistischer, Verhältnisse nicht gehen wird. Würden Sie das unterschreiben?
Der Film zeigt aber auch, dass es schief gehen kann. Den Begriff Fundamentalismus finde ich persönlich schwierig, aber natürlich wissen wir alle, dass ein Wandel notwendig ist. Ich glaube, jede Frau spürt, dass tiefgreifende Veränderungen anstehen – und auch dringend gebraucht werden. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich viele dieser Entwicklungen wohl nicht mehr vollständig miterleben werde. Aber hoffentlich meine Tochter. Was mir Hoffnung gibt, ist die junge Generation. Ich bin voller Bewunderung für sie, sie sind reflektierter, geradliniger und kämpft mit einer Entschlossenheit, die wir in diesem Alter oft nicht hatten.

Welche Impulse würden Sie mit dem Film gerne setzen?
Was mir an dem Film besonders wichtig ist: Man kann auch lachen. Trotz der ernsten Themen ist es eine Satire – und das hat etwas Befreiendes. Der Film ist auf eine wunderbare Weise verrückt. Meine eigene Rolle ist dabei eine besondere Herausforderung, denn ich spiele eher die Gegenseite – den „Bösewicht“, wenn man so will. Was ich aber besonders spannend finde, sind die unterschiedlichen Figuren und ihre Herangehensweisen. Da ist z. B. eine ältere Politikerin, die fast etwas Donna-­Haraway-artiges hat und versucht, ökologische Aspekte in ihre Politik einzubinden. Dann gibt es die Hauptfigur, die mit ihrem Partner ein alternatives Lebensmodell lebt. Diese Vielfalt zeigt, wie unterschiedlich Frauen denken, handeln und Zukunft gestalten können.

Im Film werden die Machtverhältnisse ziemlich auf den Kopf gestellt. Wie erleben Sie aktuell Machtverhältnisse in der Filmbranche und hat #MeToo dort etwas verändert?
Ich arbeite vor allem in Österreich und hauptsächlich am Theater. Dort beginnen sich die Dinge langsam zu verändern – sehr langsam. Noch immer gibt es meist eine Person, oft ein Mann, der die volle Kontrolle hat. Aber es tut sich etwas. Vor allem, wenn man auf Menschen trifft, mit denen man wirklich ins Gespräch kommt – und wenn der Zusammenhalt unter Schauspielerinnen wächst. Gerade am Theater spüre ich, dass dieser Zusammenhalt stärker geworden ist. Mir ist es wichtig, besonders auf die jüngere Generation zu achten. Ich möchte, dass sich junge Frauen sicher fühlen. Wenn jemand (noch) nicht in der Lage ist, Nein zu sagen, will ich da sein und für sie dieses Nein aussprechen können. Es geht nicht schnell, aber es geht in die richtige Richtung. Und das macht Hoffnung.

Aber es formiert sich auch Widerstand und wir erleben einen Backlash, siehe etwa den Aufschrei wegen des Schuldspruchs von Gérard Depardieu.
Mit dem Begriff Backlash hadere ich etwas – denn vieles von dem, was heute kritisiert wird, war doch immer schon da. Die Machtverhältnisse, das Schweigen, die Strukturen. Was sich geändert hat, ist, dass wir heute offener darüber sprechen. Bewegungen wie #MeToo haben Mut gemacht, Dinge sichtbar zu machen und sich zu solidarisieren.
Während sich gesellschaftlich viel in Bewegung setzt, erleben wir aber tatsächlich ein Wiedererstarken von Nationalismus und rechtem Gedankengut – und da ist die Rolle der Frau meist klar festgelegt: zurück an den Herd. Das hängt für mich direkt zusammen. Mit dieser politischen Entwicklung wächst auch der Druck auf Frauen, sich wieder traditionellen Rollenbildern unterzuordnen.

Sie sagen im Interviewpodcast „Film des Lebens“, dass es mit 45 als Frau in der Filmbranche schwieriger wird, weil „die Angebote weniger und die Rollen immer eigenartiger werden“.
Ich soll Mütter spielen von Schauspielerinnen, die gerade mal 30 sind – total absurd! Es gibt einfach kaum Rollen für Frauen zwischen 40 und 50. Deren Geschichten interessieren offenbar niemanden. Für dieses Jahr habe ich noch kein einziges Drehangebot. Und dann hat sich die Branche so verändert – Castings sind jetzt E-Castings. Ich muss mich selbst filmen, technisch bin ich da aber echt schlecht. Wahrscheinlich habe ich schon Videos geschickt, bei denen die Leute denken: Was macht die da im Dunkeln, total überschminkt, die lachen sich wahrscheinlich tot über mich! Ich frage mich, wie es älteren Kolleginnen damit geht.

Am Theater ist es nicht besser mit den Rollen für ältere Frauen, oder?
Der Theaterkanon ist aus der Sicht eines weißen jungen Mannes entstanden. Für Frauen gibt’s da oft nur die Mutter von Hamlet oder die Amme. Gretchen, Ophelia, Solveig – die werden einem als tolle Rollen verkauft. Aber wenn man genau hinschaut, sind die meisten Frauenfiguren ziemlich beschissen. Sie opfern sich, bleiben sitzen, lieben sich kaputt. Da macht die Amme mehr Spaß – aber man will ja nicht nur die Amme spielen. Zum Glück gibt’s Autorinnen wie Elfriede Jelinek, eine mahnende, starke Stimme. Aber wie man sie hier behandelt hat – gerade der Skandal rund ums Burgtheater – das war unter aller Sau, so etwas wäre einem Mann niemals passiert. Die Geschichte offenbart viel darüber, wie dieses Land mit klugen, unbequemen Frauen umgeht. Jelinek ist eine Göttin, ich bin so froh, dass wir sie in Österreich haben.

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Wer will hier Frieden? https://ansch.4lima.de/wer-will-hier-frieden/ https://ansch.4lima.de/wer-will-hier-frieden/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=128002 Ukraine-Krieg und Aufrüstungspolitik spalten progressive Kräfte. Muss der Pazifismus unter allen Umständen hochgehalten werden? Von BRIGITTE THEISSL In Kriegsnarrativen werden Frauen oft als Opfer dargestellt. In Wirklichkeit spielen sie aber auch eine Schlüsselrolle in den Widerstandsbewegungen.« Widerständig, so sehen sich auch die ukrainischen Feministinnen hinter dem Manifest „The right to resist“, das sie im Sommer […]]]>

Ukraine-Krieg und Aufrüstungspolitik spalten progressive Kräfte. Muss der Pazifismus unter allen Umständen hochgehalten werden? Von BRIGITTE THEISSL

In Kriegsnarrativen werden Frauen oft als Opfer dargestellt. In Wirklichkeit spielen sie aber auch eine Schlüsselrolle in den Widerstandsbewegungen.« Widerständig, so sehen sich auch die ukrainischen Feministinnen hinter dem Manifest „The right to resist“, das sie im Sommer 2022 veröffentlichten. Vier Monate liegt der Überfall Russlands auf die Ukraine zu diesem Zeitpunkt zurück, Putin hat seine Truppen bereits aus dem Großraum Kiew abgezogen. Der ukrainische Widerstand ist stark, es zeichnet sich ab, dass der Krieg ein langer werden könnte.

„The right to resist“ ruft Feministinnen weltweit dazu auf, den Kampf gegen den russischen Aggressor und für die Wahrung der Menschenrechte zu unterstützen.
Es sei ein Kampf für einen „gerechten Frieden“, der auf der „Selbstbestimmung des ukrainischen Volkes“ beruhe, „sowohl in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten als auch in den vorübergehend besetzten Gebieten, in denen die Interessen von Arbeiter*innen, Frauen, LGBTIQ+-Personen, ethnischen Minderheiten und anderen unterdrückten und diskriminierten Gruppen berücksichtigt werden.“ Dieses Recht auf Selbstverteidigung, so formulieren es die Autorinnen, schließe auch die Verteidigung mit Waffengewalt mit ein.
Das Manifest, publiziert auf „Commons“, einem linken ukrainischen Medienportal, erscheint nicht aus heiterem Himmel. Es ist eine Reaktion auf ein vorangegangenes Papier, das viele ukrainische Feministinnen vor den Kopf gestoßen hat. „Feminist Resistance Against War – A Manifesto“ richtete sich im März an eine globale Öffentlichkeit – unterzeichnet von einer ganzen Reihe prominenter Feministinnen: US-Philosophin Nancy Fraser etwa, ihre Kollegin Cinzia Arruza oder die argentinische Aktivistin und Wissenschafterin Luci Cavallero. „Wir fordern eine mutige Neuausrichtung der Situation, um die von Russland initiierte und von der NATO unterstützte militaristische Spirale zu durchbrechen“, schreiben die Unterstützerinnen. Krieg, so ist darin zu lesen, sei unvereinbar mit den Werten und Zielen einer feministischen Bewegung: „Wir stehen für Frieden, Koexistenz der Völker und eine demokratische Lösung von Konflikten.“
Dass es für Krieg keine feministischen Mehrheiten gibt, darüber müssen wohl nicht erst Debatten geführt werden. Für die ukrainischen Feministinnen, die das „right to resist“ einfordern, ist er aber Alltag. „Unser Eindruck ist, dass feministische Theorien und Positionen benutzt werden, um eine Ablehnung des ukrainischen Widerstands zu kaschieren“, sagt Oksana Dutchak, eine der Initiatorinnen, im Interview mit Medico International. Einen Dialog mit Aktivist:innen in der Ukraine habe es nicht gegeben, kritisiert Dutchak, unter den Unterstützerinnen des Anti-Kriegs-Manifests findet sich keine einzige. „Was hat es mit Feminismus zu tun, andere über eine Situation zu belehren, von der man selbst nicht betroffen ist?“, fragt sie.

„Moralisch überlegen“. Drei Jahre liegt die Veröffentlichung der beiden Manifeste inzwischen zurück, der zentrale Konflikt aber ist nach wie vor brandaktuell. Die weltpolitische Lage hat sich deutlich zugespitzt: In Washington regiert nicht mehr Joe Biden, sondern ein unberechenbarer Faschist, in Europa stellt sich die Frage, ob die USA noch ein Verbündeter ist. Welche Strategie muss eine feministische Friedensbewegung nun verfolgen – und hält ein abstrakter Pazifismus den realpolitischen Anforderungen stand?
„Ich sehe feministische Friedenspolitik nicht als eine pazifistische Haltung. Ich glaube an das Recht der unterdrückten Völker auf Widerstand“, sagt Selin Cagatay im an.schläge-Interview. Cagatay ist interdisziplinäre Forscherin an der Central European University in Wien und hat das Manifest der Ukrainerinnen unterzeichnet. Weil sie sich solidarisch zeigen und auch ein Zeichen setzen wollte, sagt sie, gegen das Anti-Kriegs-Manifest, das „eine moralisch überlegene Position“ formuliere, während es „nichts Konkretes über die Lebensrealitäten der Menschen im Krieg“ aussage. Der Nato-Politik stehe sie selbst sehr kritisch gegenüber, betont Cagatay, aber eine Initiative, die russischen Imperialismus nicht als Problem sehe, könne sie nicht unterstützen.
Mit ihrer Absage an den Pazifismus vertritt Cagatay innerhalb – linker – feministischer Bewegungen keinen besonders populären Standpunkt. Auch wenn Feministinnen eine Marginalisierung friedenspolitischer Positionen innerhalb des Feminismus beklagen – die Opposition zu Krieg und Gewalt, zu Waffen und Rüstungsindustrie ist geradezu in seine DNA eingeschrieben und historisch gut begründet.
Eine Debatte zu realpolitischen Verhältnissen, die über Appelle an eine Friedenssicherung hinausgehen, macht das jedoch bisweilen schwierig.
Der Friedensbegriff selbst ist indes seit Jahren auf politischer Bühne heiß umkämpft. Es sei „verstörend“, dass der „einzige laut zu vernehmende Friedensdiskurs“ von rechts komme, sagt Zeithistorikerin Lucile Dreidemy im Interview mit „Tagebuch“ – und kritisiert die gegenwärtige Aufrüstungspolitik ebenso wie ein Infragestellen der österreichischen Neutralität scharf.

Braune Friedenstaube. Tatsächlich gerieren sich Rechte neuerdings als friedensbewegt. „Echte Friedenspolitik gibt es nur mit der FPÖ!“, postete Parteichef Herbert Kickl vergangenen Herbst auf Facebook und erinnerte an „wichtige Persönlichkeiten“ in der Geschichte, die die Welt vor einer Katastrophe bewahrt hätten. Einreihen will sich dort ausgerechnet jene FPÖ, die 2016 einen Freundschaftsvertrag mit Putins Partei „Einiges Russland“ schloss.
Mit Friedenstaube auf dem Profilfoto inszeniert sich indes auch Björn Höcke im Frühjahr 2022: „Die Kriegsrhetorik auf allen regierungsnahen Medien ist unerträglich geworden. Der Krieg in der Ukraine ist schrecklich — aber es ist nicht unser Krieg!“, so der nationalistische Pseudo-Pazifismus der Marke AfD, der auch auf Stimmenmaximierung setzt. Auch abseits der Sympathien für den russischen Autoritarismus, der Frauen- und LGBTIQ-Rechte mit Füßen tritt, kommt nationaler Egoismus schließlich gut an unter den Wähler:innen – wie nicht zuletzt Trump mit seinem Schwenk hin zu einer nicht-interventionistischen „America first“-Politik demonstrierte.

Grüne Bewaffnung. Auf der anderen Seite haftet indes ausgerechnet den deutschen Grünen das Image der kriegslüsternen Partei an. Alice Schwarzer, die gemeinsam mit Sahra Wagenknecht mit ihrem „Friedensappell“ durchs Land zieht, bezeichnete Annalena Baerbock in einem Interview mit der „NZZ“ als „Kriegsministerin“. Tatsächlich unterstützten 72 Prozent der Grünen-Anhänger:innen im Frühjahr 2022 die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine – mehr als in jeder anderen Partei. Das mag überraschen angesichts der Bilder von Friedensmärschen und Anti-­Atom-Aufnähern, die immer noch eng verbunden sind mit der Öko-Partei. Tatsächliche Pazifist:innen (wie etwa Petra Kelly) hätten jedoch stets nur eine Minderheit gestellt, sagt Ralf Fücks dazu in der „ZEIT“. Unterstützung für Freiheitskämpfe und den gewaltsamen Widerstand gegen Diktaturen habe es hingegen immer gegeben, so formuliert es der 2024 aus dem Bundestag ausgeschiedene Jürgen Trittin. Wenn Russland nicht besiegt wird, wird Putin auch vor den baltischen Staaten nicht Halt machen, so die Befürchtung.

DRITTER Weltkrieg? In der Linken wird freilich scharfe Kritik geübt am Kurs der Grünen. Nichts fürchte Außenministerin Baerbock mehr als die Kriegsmüdigkeit, sagt Ingar Solty, Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-­Luxemburg-Stiftung, in einem Vortrag im November 2022.
„Jeder Krieg in der Geschichte hat die Linke gespalten“, sagt Solty, und spielt in dreißig Minuten zentrale Konflikte seit 1914 durch. Seine Kritik gilt einer „individuellen, an Menschenrechten orientierten, moralischen“ Sicht auf Krieg, dem gegenüber stehe eine friedens- und sicherheitspolitische Perspektive. Wenn Deutschland und Europa sich nicht für Verhandlungen statt für Waffenlieferungen einsetzen, warnt Solty, bestehe die Gefahr, wie einst 1914 „in einen dritten Weltkrieg schlafzuwandeln.“ Die Aufrüstung geschehe aus wirtschaftlichen Interessen, die vermeintliche Bedrohung durch Putins Politik für ganz Europa ist für Solty hingegen vorrangig ideologische Angstmacherei.
„Trump nach Telefonat mit Putin: Kein sofortiger Frieden“, so die Schlagzeile Anfang Juni, die fast schon zynisch anmutet. Während uns Militärexperten im Frühjahr 2022 täglich in Kriegsstrategie schulten, ist der Ukrainekrieg inzwischen in den Hintergrund gerückt – zumindest die Geschichten der Getöteten, Verletzten, Geflüchteten. Laut Schätzungen westlicher Geheimdienste wurden bisher bis zu 100.000 ukrainische Soldat:innen getötet. Auf der russischen Seite geht ein Nato-Beamter von rund 250.000 Toten aus. Sich als Feminist:innen darauf zurückzuziehen, dass das Militär als patriarchale Institution abzulehnen sei, wird schlichtweg nicht reichen.

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Wir führen diesen Kampf für die ganze Welt https://ansch.4lima.de/wir-fuehren-diesen-kampf-fuer-die-ganze-welt/ https://ansch.4lima.de/wir-fuehren-diesen-kampf-fuer-die-ganze-welt/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=128015 Interview: Drei Kommandantinnen der kurdischen Frauenmiliz YPJ sprechen über das Fortwirken der IS-Ideologie und die Situation in Syrien nach dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad. Es war die kurdische Frauenmiliz YPJ, die den Sieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) errang. Neben militärischer Verteidigung kämpft die YPJ (Yekîneyên Parastina Jin, „Frauenverteidigungseinheiten“), die 2013 in Rojava […]]]>

Interview: Drei Kommandantinnen der kurdischen Frauenmiliz YPJ sprechen über das Fortwirken der IS-Ideologie und die Situation in Syrien nach dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad.

Es war die kurdische Frauenmiliz YPJ, die den Sieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) errang. Neben militärischer Verteidigung kämpft die YPJ (Yekîneyên Parastina Jin, „Frauenverteidigungseinheiten“), die 2013 in Rojava (Nordostsyrien) gegründet wurde, für Frauenrechte und gegen patriarchale Strukturen. Durch ihre einzigartige Verbindung von bewaffnetem Widerstand mit feministischer Gesellschaftspolitik gilt sie weltweit als Symbol für Frauenbefreiung. Drei YPJ-Kommandantinnen* erzählen im Interview vom Fortwirken der IS-Ideologie, den Herausforderungen der IS-Camps und Frauenrechten in Syrien nach dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad. Von Judith Götz

an.schläge: Die YPJ hat eine bedeutende Rolle in der Bekämpfung von Daesh1, wie der IS auch bezeichnet wird, eingenommen. Wie bewerten Sie die Lage, seit dieser besiegt wurde?
Lana Hisen: Daesh ist noch immer erfolgreich – nicht militärisch, aber ideologisch. Dass wir ihn besiegen konnten, ist international bekannt, auch wenn es niemand laut sagt: Weder nationale Armeen noch Staaten haben diese Aufgabe geschafft. Das waren wir und wir tun es weiter. Denn solange diese Mentalität weiter existiert, bleibt sie eine Gefahr für alle – insbesondere Frauen, Kurd*innen, Jesid*innen, demokratische Kräfte.
Die eigentliche Gefahr ist die ungebrochene Radikalität. Selbst die 2014 gegründete Anti-IS-Koalition, der sich zahlreiche Staaten angeschlossen haben, konnte das nicht stoppen. Warum? Weil ihr Handeln widersprüchlich ist: Einerseits bekämpft man den Terror, andererseits lässt man zu, dass Regime wie das von Assad oder Gruppen wie die HTS2, die nun Syrien regiert, an der Macht bleiben oder an die Macht kommen. Manche Kräfte nutzen den „Kampf gegen den IS“ nur für eigene Interessen. In Nordostsyrien haben wir bewiesen, dass es anders geht: Unser Projekt der Demokratischen Nation vereint Kurd*innen, Araber*innen, Armenier*innen, Assyrer*innen – trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen. Während in den letzten Monaten im Süden Syriens Massaker und Chaos herrschten, bleibt unser Gebiet stabil. Das ist kein Zufall: Wo Menschen gleichberechtigt zusammenleben, breitet sich Hass nicht so einfach aus.

In Nordostsyrien gibt es nach wie vor Gefangenenlager, in denen zigtausende IS-Kämpfer*innen festgehalten werden – darunter viele ausländische Jihadist*innen, deren Familien und Kinder. Europa scheint Rojava mit diesem Problem weitgehend alleine zu lassen. Könnten Sie konkret beschreiben, mit welchen Herausforderungen Sie in den IS-Camps täglich konfrontiert sind?
Viyan Adar: Unsere Hauptaufgabe ist jetzt, mit der internationalen Koalition die Rückführung von IS-Familien zu organisieren. Doch schon die Herkunftsbestimmung ist schwierig: Frauen machen falsche Angaben. Ein weiteres Problem ist, dass europäische Staaten nur Kinder zurückholen wollen, nicht die Mütter. Für uns ist diese Trennung unethisch – aber die Verhandlungen ziehen sich über Jahre. Jeder Besuch in den Camps ist lebensgefährlich. Ich selbst wurde mit einem Messer angegriffen; meine Kollegin verletzt. Was wir in diesen Camps erleben, ist die Fortsetzung des IS-Terrors durch seine Ideologie. Kinder – manche erst vier Jahre alt – lernen nicht spielen oder malen, sondern das Köpfen von Puppen. Als wir eine Operation im Camp gemacht haben, hat ein vierjähriges Kind den Finger hochgehalten und gezeigt „Wir werden euch alle köpfen“. Wir haben aber auch miterlebt, dass Kinder zu uns gerannt kommen und sagen: „Nimm mich mit“, „Schütz uns vor dem Grauen“.
Im Frauencamp wollen die Gefangenen weiterhin Kinder bekommen, um so die Zukunft des Islamischen Staates zu sichern. Dort gibt es eigentlich keine Männer, aber sie benutzen sogar Müllarbeiter, die ins Camp kommen, oder auch die männlichen Kinder, um neue Kämpfer zu zeugen. Wir haben daher entschieden, die zwölf bis 13-jährigen Jungen von dort wegzubringen – in einen anderen Bereich. Die Frauen verstecken jetzt die Kinder vor uns, bringen sie jeden Abend in ein anderes Zelt. Sie glauben, dass sie etwas Heiliges, etwas Gutes tun und damit Daesh unterstützen. Das ist die größte Ungerechtigkeit den Kindern gegenüber. Die internationalen Organisationen, die die Kinderrechte verteidigen, müssten alles auf den Kopf stellen, um das zu verhindern. Aber die internationale Gemeinschaft schaut weg. Jeder Tag, der vergeht, ist ein weiterer Tag, an dem eine neue Generation im Namen von Daesh vergiftet wird.

In Syrien hat sich in den letzten Monaten einiges getan. Mazlum Abdi, der Anführer des Militärbündnisses der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Nord- und Ostsyrien SDF (Syrian Democratic Forces) hat im März mit dem islamistischen neuen Präsidenten Syriens, Ahmed al-Scharaa, ein Rahmenabkommen mit mehreren Bestimmungen zur Zukunft Syriens unterzeichnet, allerdings ohne die weibliche Co-Vorsitzende der Selbstverwaltung einzubeziehen und ohne jegliche Erwähnung von Frauenrechten. Wie erklärt die YPJ diesen Widerspruch zu ihren eigenen Prinzipien der paritätischen Demokratie? Sehen Sie darin ein bewusstes Zurückdrängen feministischer Errungenschaften zugunsten realpolitischer Kompromisse?
Viyan Adar: Natürlich wurde das kritisiert. Aber wir können uns nicht an allem festklammern. Nicht alles ist entweder richtig oder falsch – nicht alles ist schwarz oder weiß. Es kann nicht immer alles genau so laufen, wie wir es uns vorstellen. Es ist wichtig, irgendwo anzufangen. Wenn man versucht, alles von Beginn an perfekt umzusetzen, besteht die Gefahr, dass am Ende gar nichts passiert. Eines ist für uns aber klar: Wenn unsere Rechte als Frauen nicht anerkannt werden, dann werden wir diesen Weg nicht mitgehen. Solange Frauenmörder wie Abu Hatem Shaqra, Anführer der Jihadistenmiliz, die 2019 die kurdische Politikerin Hevrîn Xelef ermordete, in der Regierung sitzen, können wir als YPJ nicht einfach mitmachen. Erst wenn die Verfassung Frauenrechte garantiert und solche Mörder zur Rechenschaft gezogen werden, ist eine echte Zusammenarbeit möglich. Alles andere wäre Verrat an unseren Prinzipien.
Aber das hier war ein erster Schritt. Diese Vereinbarung soll Syrien endlich Demokratie bringen. Dafür kämpfen wir seit Jahren, schon unter Assad. Jetzt werden Komitees eingerichtet, in denen die einzelnen Punkte konkret verhandelt werden. Erst dann können wir über die Details sprechen. Aber bevor wir als Frauen etwas unterzeichnen, müssen diese Punkte genau und gemeinsam diskutiert werden. Das ist entscheidend – auch um die Errungenschaften der Frauenbewegung zu schützen.

Die neue syrische Regierung strebt die Integration verschiedener bewaffneter Gruppen in eine nationale Armee an. Ziel ist es, alle Milizen aufzulösen und ihre Kämpfer dem Verteidigungsministerium zu unterstellen, um die staatliche Kontrolle über das gesamte Land wiederherzustellen. Ist das auch für die YPJ möglich und könnten Sie sich vorstellen, unter den Voraussetzungen mit HTS-Kämpfern – die Frauenrechte wie auch Frauen im Militär ablehnen – gemeinsam zu operieren?
Beritan: Als YPJ – nicht nur persönlich, sondern als gesamte Einheit – können wir uns das nicht vorstellen. Die Ideologie der HTS schließt Frauen aus. Klar können wir jetzt sagen, vielleicht gibt es die Möglichkeit, dass sich das verändert. Aber die ist sehr klein. Die patriarchale Mentalität, die auch der HTS vertritt, ist unser größter Feind. Unser Kampf heute wird nicht mit Waffen geführt, sondern in den Köpfen. Und diesen Kampf werden wir entschlossen weiterführen. Wir führen diesen Kampf nicht nur für Kurd*innen, Nordostsyrien, Syrien, sondern insgesamt für die ganze Welt. Die patriarchale Mentalität gibt es schließlich überall und in allen Staaten. Wichtig ist jetzt, dass sich Frauen in ganz Syrien – nicht nur die YPJ – zusammenschließen. Wir sind nur ein Teil dieser Bewegung. Aber wir akzeptieren weder die HTS-Ideologie noch ihre Verfassung. Wir werden mit dieser Mentalität keinen Tag und keine Stunde leben.

Judith Götz ist Politikwissenschaftlerin und war Teil einer Solidaritätsdelegation aus Österreich, die Anfang April 2025 nach Rojava reiste und dort neben vielen anderen Frauenorganisationen auch Vertreterinnen der YPJ zum Gespräch traf.

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Feminist Superheroine: Mary Ann Shadd Cary https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-mary-ann-shadd-cary/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-mary-ann-shadd-cary/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=128039 Mary Ann Shadd Cary (*1823) war eine amerikanisch-kanadische Aktivistin, die ihr Leben dem Kampf für Frauenrechte, für die Abschaffung der Sklaverei und die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung widmete. Aufgrund des Unterrichtsverbotes für Schwarze Kinder in ihrer Heimat Delaware zog ihre Familie nach Pennsylvania. Mit 16 Jahren kehrte Mary Ann Shadd Cary zurück und organisierte eine […]]]>

Mary Ann Shadd Cary (*1823) war eine amerikanisch-kanadische Aktivistin, die ihr Leben dem Kampf für Frauenrechte, für die Abschaffung der Sklaverei und die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung widmete. Aufgrund des Unterrichtsverbotes für Schwarze Kinder in ihrer Heimat Delaware zog ihre Familie nach Pennsylvania. Mit 16 Jahren kehrte Mary Ann Shadd Cary zurück und organisierte eine Schule für Schwarze Schüler:innen. In den Folgejahren lehrte sie an diversen Schulen und begann auch journalistisch zu arbeiten. Shadd schloss sich den US-amerikanischen Suffragetten an und gab 1853 erstmalig ihre Zeitung The Provincial Freeman heraus. Damit wurde sie zur ersten weiblichen Schwarzen Herausgeberin und Verlegerin in Nordamerika und eine Pionierin der „Black Press“, eigenen Medien, die Schwarzen eine Stimme in ihrem Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit gaben. Shadd erlangte außerdem als eine der ersten Schwarzen Frauen einen Abschluss in Rechtswissenschaften. [chk]

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neuland: Habibi, es reicht https://ansch.4lima.de/neuland-habibi-es-reicht/ https://ansch.4lima.de/neuland-habibi-es-reicht/#respond Mon, 26 May 2025 09:22:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=127500 „Deutsch ist Pflicht, Habibi.“ So stand es auf einem Wahlplakat. Offiziell. Gedruckt. Abgesegnet. Irgendwo zwischen Hipness und Härte. Zwischen „Schau, wie locker wir sind“ und „Wir meinen das todernst“. Plakatiert für die Wien-Wahl von der Wiener Volkspartei, die wieder einmal die FPÖ rechts überholen will. Ein Satz, der gefallen will – aber nur trifft. Und […]]]>

„Deutsch ist Pflicht, Habibi.“ So stand es auf einem Wahlplakat. Offiziell. Gedruckt. Abgesegnet. Irgendwo zwischen Hipness und Härte. Zwischen „Schau, wie locker wir sind“ und „Wir meinen das todernst“. Plakatiert für die Wien-Wahl von der Wiener Volkspartei, die wieder einmal die FPÖ rechts überholen will. Ein Satz, der gefallen will – aber nur trifft. Und zwar genau die, die eh nie wirklich adressiert sind, aber immer angesprochen werden.
Und wir? Wir schauen kurz hin. Und dann wieder weg. Weil wir’s kennen. Weil wir’s schon hundertmal gesehen haben. Weil der Wahlkampf wieder da ist – mit seinen Reizwörtern, seinen Worthülsen, seinen alten Tricks. Weil es wieder nicht um Lösungen geht, sondern um Lautstärke. Um Bilder. Um Macht.
Deshalb folgt hier keine Analyse. Keine Empörung. Keine satirische Brechung. Keine moralische Bewertung, keine kluge Pointe. Nur ein Gedanke: Vielleicht müssen wir uns nicht jedes Mal neu aufreiben, wenn sich politisch eh alles wiederholt. Vielleicht dürfen wir auch einfach mal kurz raus aus diesem immergleichen Kreisverkehr der Krisen.
Der Asphalt dampft leicht nach dem ersten Regen, und irgendwo fällt Kirschblütenstaub auf das Display eines Smartphones, das niemand mehr anschaut. Ein Kind zählt Ameisen, mit ernster Miene und ausgestrecktem Finger, als würde jede von ihnen eine Geschichte erzählen. Eine alte Frau trägt frische Minze nach Hause, fest eingewickelt in Zeitungspapier, das nach Markt duftet. Ein Fenster steht offen. Die Gardine bewegt sich sacht im Wind. Drinnen läuft eine türkische Serie. Jemand lacht – laut, warm, schön vertraut. Vielleicht reicht das nicht. Vielleicht ist es naiv. Aber es erinnert daran, dass das Leben mehr ist als seine Parolen. Und was das Wahlplakat betrifft: Sprache ist nicht das Problem – Rassismus ist eines.

Fatima Kandil beobachtet Wahlkämpfe und Kirschblüten mit derselben Mischung aus Müdigkeit und Hoffnung.

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Lesbenparadiese https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/ https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/#respond Mon, 26 May 2025 09:14:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=127496 Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso […]]]>

Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel

Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso das so ist. Es sind Allianzen mit anderen weiblichen Tieren, durch die Bonoboweibchen ihre Macht sichern können, obwohl die Männchen stärker und physisch überlegen sind. „Weibchen unterstützen andere Weibchen, unabhängig davon, wie nah sie sich sonst innerhalb der Gruppe stehen und auch unabhängig davon, welche Gruppenzugehörigkeit sie haben“, so die Bilanz der Wissenschaftler:innen.
Auch die Autorin und Comiczeichnerin Ulli Lust, die sich 2009 mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ im Graphic-Novel-Genre einen Namen machte, widmet sich in ihrer neuesten Veröffentlichung „Die Frau als Mensch“ u. a. den Bonobo-Gemeinschaften. Im Grunde seien es „Lesbenparadiese“, die Äffinnen würden einander sogar beim Sex vorziehen. Gruppenvergewaltigungen oder Säuglingstötungen, wie sie beispielsweise bei den Schimpansen vorkommen, gibt es bei den Bonobos nicht, dafür Bisswunden und verletzte Penisse bei Männchen, die sich nicht unterordnen.
Ähnlich wie bei den Bonobos sei es wohl auch bei vielen unserer Vorfahr:innen gewesen, zeigt Lust in ihrem detailreich illustrierten Buch. Die Menschheitsgeschichte sei von Matriarchaten und gleichberechtigten Gesellschaften geprägt. Unser Bild vom Steinzeitmenschen als bärtigem Wilden mit Keule, und die Mär von den aggressiven Jägern und den häuslichen Sammlerinnen verdanken wir der androzentrischen und von Männern dominierten Geschichtsschreibung, die von der patriarchalen Gegenwart fälschlich auf die Vergangenheit schloss.
Es sind kleine Figuren wie die der berühmten Venus von Willendorf, die Zeugnis davon ablegen, dass stattdessen Frauen gehuldigt wurden. Und zwar über die allerlängste Zeit. Das Gebiet, in dem sich diese Figurinen finden, erstreckt sich über den halben Globus und über einen Zeitraum von 30.000 Jahren. Es ist die auf 43.000 bis 35.000 v. Chr. datierte Venus vom Hohlefels, die prägend für die Kunst der folgenden dreißigtausend Jahre werden wird. Sie ist das erste Zeugnis einer ikonischen Frauenfigur, die ohne Scham Brüste, Bauch und Vulva präsentiert.
Dass diese selbstbewusste Geste später im Kunstkanon der europäischen Kulturgeschichte männlichen Figuren wie Michelangelos David vorbehalten war, während nackte Göttinnen kauernd ihre Blöße verstecken mussten, hat der Autorin seit frühester Kindheit Rätsel aufgegeben, wie sie im autobiografisch grundierten Kapitel „Scham“ schreibt. Denn schon als Mädchen habe sie angesichts des schutzlos baumelnden Genitals spontan „Penismitleid“ empfunden.

Ulli Lust schreibt keine stringente, feministische Frühgeschichte der Menschheit, sondern springt in den in sich geschlossenen Kapiteln von Menschenknochen zu Menstruationsblut oder der Bedeutung der aus Ocker gewonnenen Farbe Rot. Und sie springt auch in die Gegenwart, wenn sie sich den perfektionierten Jagdkünsten der Khoisan-Buschleute in Botswana und ihrer Vertreibung aus der Khalahari widmet. Trotz Gerichtsbeschluss, wonach die Umsiedlungen rechtswidrig waren, müssen sie dort nun um Jagdrechte und den Zugang zu Wasser kämpfen – während es gleichzeitig Bewilligungen für Safari-Tourismus und Rohstoffabbau gibt.
Zentrales Thema der lesenswerten Graphic Novel ist nicht nur die These, dass es jahrtausendelang die Darstellung einer weiblichen Figur war, die den Menschen an sich repräsentierte. Mit Verweis auf die Forschungen der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy zeigt Lust außerdem, dass es insbesondere die Fähigkeit zu Empathie ist, die den „ultrasozialen“ Menschen erfolgreicher gemacht hat als andere Primaten. Die Menschheitsgeschichte ist demzufolge also gar nicht von Konkurrenz und Aggression geprägt, sondern von Solidarität, so wie sie von freigiebigen Wildbeuter-Gemeinschaften bis heute gelebt wird. Und von den Bonoboweibchen.

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Wir müssen besser werden https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/ https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/#respond Mon, 26 May 2025 09:09:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=127492 Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann. Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf […]]]>

Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann.

Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf Kuratoren, die ihr sagten, ihre Kunst schüre „Angst vor anderen Kulturen“. Und es wird auch bei den Wiener Festwochen gespielt werden. SOPHIA KRAUSS hat mit ihr gesprochen.

an.schläge: In deinem Theaterstück greifst du ähnliche Themen wie in deinen Filmen auf. Was hat die weiblichen Hauptfiguren in „Weisse Witwe“, die Königin Aliah und ihre Tochter, inspiriert? Sie wirken manchmal eher wie eine Satire gegenwärtiger Kulturkämpfe und nicht wie realistische Figuren.
Kurdwin Ayub: Die Königin Aliah ist das Sinnbild althergebrachter rassistischer Erzählungen. Sie ist die Angst der europäischen Gesellschaft vor der Zukunft ihrer Welt – in Form der muslimischen Frau. Aliah personifiziert all das, wovor sich diese Gesellschaft fürchtet: eine männermordende, bauchtanzende, orientalistisch überzeichnete Muslima. Ihre Tochter hingegen steht sinnbildlich für die Gegenwart junger migrantischer Frauen der Gen Z. Sie wollen mit rassistischen Klischees und Vorurteilen brechen. Und doch können auch sie sich nicht gänzlich dem europäischen Blick entziehen. Denn viele dieser antirassistischen Phrasen und Trends – und ich sage ganz bewusst Trends – spiegeln trotzdem die Sichtweise der europäischen Dominanzgesellschaft wider. Und akzeptieren oft nur eine bestimmte Darstellung von BIPoCs. Vielleicht ist also auch Aliahs Tochter ein orientalistisches Bild des Westens, nur auf eine neue Weise. Man merkt, es bleibt kompliziert.

An einigen Stellen im Stück wird eine weiße Linke kritisiert, die sich davor scheut, Kritik an marginalisierten Gruppen zu üben. Auch wenn diese von Betroffenen selbst kommt, erfährt sie oft wenig Solidarität. Hast du damit auch eigene Erfahrungen gemacht?
Deswegen ist das Stück entstanden. Ich komme aus Simmering. Simmering ist ein Wiener Randbezirk – und rechts. Ich habe immer Alltagsrassismus erlebt und komme dann in eine linke Kultur-Bubble, der ich mich natürlich auch selbst zuordnen würde. In den letzten Jahren fiel mir jedoch immer mehr eine Strömung auf, die Personen mit Migrationshintergrund diktiert, wie sie zu sein haben oder welche Kunst sie machen dürfen und welche nicht. Diese Haltungen kommen auch von rassifizierten Personen, und nicht nur von weißen Linken. Ich finde, dass es kein Diktat geben sollte, was Kunst darf. Es entstehen immer mehr Werke von BIPoCs, die exakt jene Kunst machen, die sich der weiße Kulturbetrieb von ihnen wünscht – von ihnen verlangt. Ich finde das tragisch. Mir fällt dabei auf, dass Festivaljurys oft aus weißen Europäerinnen bestehen, die Preise besonders divers vergeben wollen, und wählen dann aus, welche Kunst sie besonders „klischeebefreit“ finden. Und so bestimmen also wieder weiße Europäerinnen, was die „richtige“ Kunst ist: Sie entscheiden, welche migrantische Kunst klischeebefreit und welche problematisch ist. Man muss aber akzeptieren, dass all diese Menschen ihre Geschichten auf ihre Weisen erzählen wollen.

Beeinflusst auch deine kurdische Herkunft deine Kunst und deine Auseinandersetzung mit den Themen Islam, Patriarchat und Rassismus?
Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. In der postkolonialen Theorie wurde Ghandi viel diskutiert. Von Aktivisten, die nicht nur die britische Kolonialwelt verurteilt und Unabhängigkeit gefordert haben, hört man hingegen kaum. Es wurde schließlich auch gegen das Kastensystem und die Ungleichheiten in der indischen Gesellschaft angekämpft. All diese Kämpfe werden heute oft vergessen. Es ist unglaublich wichtig, weiße Vorherrschaft zu kritisieren. Aber es gibt auch Schuld und Ausbeutung im Osten. In arabischen Filmen und Serien werden Kurd*innen immer noch als Vergewaltiger und Kriminelle dargestellt, Ungleichheit gibt es nicht nur im Westen. Ich selbst würde mich jedoch weder als Kurdin noch als Österreicherin identifizieren, mir fehlt die kulturelle Verbundenheit. Ich setze mich vielleicht gerade deshalb mit all diesen Widersprüchen aus­einander, weil mir die Identifikation mit jeder dieser Gruppen fehlt.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du deine eigene Bubble aufwühlen willst. Du willst weg von dem Anspruch, das Kunst niemanden verletzen darf. War das auch bei „Weisse Witwe“ dein Ziel und hast du es erreicht?
Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass man auch solche Stimmen wie meine hören muss. Ich bin keine Mainstreamkünstlerin. Ich weiß, wer meine Zielgruppe ist, und diese ist kein Querschnitt der deutschen oder österreichischen Gesellschaft. Wir alle leben in Bubbles – und ich habe auch nicht den Anspruch, meine linke Kultur-Bubble fertig zu machen. Ich bin selbst Teil dieser. Aber ich finde es ziemlich schade, nur Kunst zu machen, bei der sich das Publikum auf die Schulter klopft und sich danach sagt: „Wir sind alle gute Menschen. Wir alle haben gute Moralvorstellungen – und das Stück hat das bewiesen.“ Wir müssen besser werden.

Deine Werke behandeln dabei auch immer Themen voller politischer Sprengkraft, gerade in Zeiten eines globalen rassistischen Backlash. Siehst du hier eine eigene aktivistische Verantwortung?
Ich passe stark auf, was aus meinen Filmen oder meinem Stück aus dem Kontext entrissen wird und an die Öffentlichkeit kommt. Bei „Weisse Witwe“ gibt es nur einige Passagen, die in der Presse und im Fernsehen besprochen werden dürfen. Ich will nicht, dass meine Ideen verkürzt und verdreht werden. Wo ich kann, versuche ich Einfluss darauf zu nehmen, welche Headlines entstehen. Oft gibt es reißerische Darstellungen meiner Kunst – komplett aus dem Kontext gerissen. Bei meinem letzten Film MOND will ich z. B. nicht, dass sich Rezensionen nur um die Rolle von Frauen im arabischen Raum drehen. Auch bei meinem Theaterstück achte ich darauf, sensibel mit dem Thema Islam umzugehen. Ich überlege mir sehr genau, was ich wie inszeniere. In dem geschützten Raum eines Theaters oder Kinos sieht man ein ganzes Werk und es wirkt auf einen. Einzelne Stellen, die aus ihrem Kontext entfernt sind, können missverstanden werden. Und ich möchte nicht, dass meine Werke auf effekthascherisches Clickbait heruntergebrochen werden.

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Solomütter https://ansch.4lima.de/solomuetter/ https://ansch.4lima.de/solomuetter/#respond Mon, 26 May 2025 08:48:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=127482 Immer mehr Menschen wollen ihren Kinderwunsch auch ohne Partner*in umsetzen. Solomüttern werden dabei viele Steine in den Weg gelegt. Es ist verrückt«, sagt Sabrina Mondini, während sie ihr einjähriges Kind vor dem Bauch trägt. „Einerseits erlebe ich die Solomutterschaft als emanzipatorischen Akt: Ich habe mich für etwas entschieden, das ich mir sehr gewünscht habe – […]]]>

Immer mehr Menschen wollen ihren Kinderwunsch auch ohne Partner*in umsetzen. Solomüttern werden dabei viele Steine in den Weg gelegt.

Es ist verrückt«, sagt Sabrina Mondini, während sie ihr einjähriges Kind vor dem Bauch trägt. „Einerseits erlebe ich die Solomutterschaft als emanzipatorischen Akt: Ich habe mich für etwas entschieden, das ich mir sehr gewünscht habe – und ich hatte die Möglichkeit, es zu verwirklichen.“ Das Baby, dessen alleinige Erziehungsberechtigte Sabrina Mondini ist, schlummert zufrieden in der Trage. „Andererseits hat mich diese Entscheidung in eine Situation gebracht, in der ich stark benachteiligt bin – sowohl finanziell als auch aufgrund gesellschaftlicher Diskriminierung“, fährt sie fort. „Ich lebe nun ein Minderheiten-Familienmodell, das viele Menschen nicht kennen oder nicht für unterstützenswert halten.“

EINELTERNFAMILIE. Sabrina Mondini versteht sich als Solomutter – und folgt dabei der Definition, die auch der Verein Solomütter Deutschland nutzt: Eine Person entscheidet sich aktiv dafür, ein Kind zu bekommen – und zwar weder in einer Partnerinnenschaft noch in einer Co-Elternschaft. Darüber hinaus unterscheiden sich Solomütter von Alleinerziehenden durch eine Familienplanung, die unabhängig von weiteren Personen verwirklicht wurde, auch wenn die Lebensrealitäten sich mitunter ähneln. Für die meisten Solomütter ist dieser Weg nicht die erste Wahl, erzählt Sabrina Mondini, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses. Er erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage: Möchte ich ein Kind – und bin ich bereit, eine Einelternfamilie zu gründen, die von heteronormativen Familienmodellen abweicht? Ist die Entscheidung gefallen, bedeutet das keineswegs, dass der darauffolgende Weg vorgezeichnet und ohne Hürden ist – im Gegenteil. Für Menschen mit Uterus stellt sich nun die Frage, wie sie schwanger werden.

In Deutschland ermöglichen immer mehr Bundesländer Alleinstehenden den Zugang zu Kinderwunschkliniken. Dennoch bleibt die finanzielle Hürde hoch: Während verheiratete heterosexuelle Paare staatliche Unterstützung für Kinderwunschbehandlungen erhalten, sind queere und unverheiratete Paare oft auf komplizierte, schwer zugängliche Förderprogramme angewiesen. Für Solomütter ist die Lage besonders schwierig: Sie müssen sämtliche Kosten – von der Behandlung über Medikamente bis zur Samenspende – selbst tragen, ohne Aussicht auf Erstattung durch Krankenkassen oder Finanzämter. Besonders betroffen sind Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen wie Endometriose, die oft intensivere Behandlungen benötigen – und damit noch höhere Kosten zu stemmen haben. Unabhängig davon, ob eine Kinderwunschklinik aufgesucht wird oder die Befruchtung anderweitig erfolgt, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, um schwanger zu werden: mittels einer anonymen Samenspende über eine Samenbank oder einer privaten Spende. Beide Wege bergen eigene Herausforderungen.

Bei einer „anonymen Samenspende“ bleibt die Identität des Spenders gegenüber der Empfängerin anonym. Dennoch haben Kinder, die auf diesem Weg gezeugt wurden, das Recht, ihre genetische Herkunft zu ­erfahren. Dieses Recht ist seit dem 1. Juli 2018 in Deutschland im Samenspenderregistergesetz (SaRegG) verankert: Ab dem 16. Lebensjahr können betroffene Kinder Auskunft über die Identität des Spenders erhalten. Damit soll ihr Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gewahrt bleiben, während die Anonymität des Spenders gegenüber der Empfängerin bestehen bleibt. Auch in Österreich haben durch Samenspende gezeugte Kinder das Recht, die Identität des Spenders zu erfahren – dort bereits ab dem 15. Lebensjahr.

RECHTLICHE RISIKEN. Ein zweiter Weg zur Solomutterschaft ist die private ­Samenspende – entweder durch Bekannte oder vermittelt über eine Plattform. Dabei vereinbaren die Beteiligten individuell, welche Rolle der Spender spielen soll. Diese Option ist kostengünstiger und oft auch leichter zu realisieren, da Klinikbehandlungen und Spendersamen teuer sind und privat finanziert werden müssen. Doch sie birgt auch rechtliche Risiken – etwa im Umgang mit Behörden oder bei späteren Unterhaltsfragen. Die Gefühle aller Beteiligten – Mutter, Spender und Kind – können sich im Laufe der Zeit ändern, was dazu führen kann, dass frühere Absprachen angefochten oder für ungültig erklärt werden. Ein weiteres Problem ist die Unterhaltspflicht: Ist der Samenspender bekannt, könnten Ämter verlangen, dass er anstelle staatlicher Unterstützung für den Kindesunterhalt aufkommt. Notarielle Vereinbarungen, in denen er auf Rechte und Pflichten verzichtet, bieten dabei keine rechtliche Sicherheit.

NICHT MEHR, NICHT WENIGER. Als Solomutter bewegt man sich, wie queere Familien auch, ohnehin in einem System, das heteronormative Elternschaft nicht nur privilegiert, sondern gar nichts anderes anerkennt: Kinder haben zwei gegengeschlechtliche Eltern, nicht mehr, nicht weniger. Das entspricht weder der Lebensrealität von Solomüttern noch von queeren Familien oder Patchwork-Konstellationen. Für Solomütter bedeutet diese Nicht-Anerkennung ihres Familienmodells beispielsweise, dass ihnen auch die staatliche finanzielle Unterstützung vorenthalten wird, die Alleinerziehende bekommen. Sabrina Mondini erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr eine Behördenmitarbeitende sagte, sie solle sich darüber nicht so ärgern. „Ich hätte das doch von Anfang an gewusst; jetzt müsse nicht die Gemeinschaft für mein privates Glück zahlen.“

So haben Solomütter beispielsweise im Gegensatz zu Alleinerziehenden in Deutschland keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Alleinerziehende, bei denen der Vater bekannt ist, können diesen vom Staat beantragen, der in Vorlage tritt, wenn der Vater nicht zahlt. In der Praxis bekommt der Staat den gewährten Unterhaltsvorschuss nur selten zurück. Solomüttern wird diese Unterstützung trotzdem verwehrt, schließlich könne es der Staat von niemandem zurückfordern. Eine zentrale Forderung von Solomüttern – und anderen sozial- und familienpolitisch Engagierten – ist deshalb, finanzielle Unterstützung stärker an die Kinder selbst zu binden, statt sie an bestimmte Familienkonstellationen oder den rechtlichen Status der Eltern zu knüpfen.

Doch auch unabhängig davon gilt es, für die Anerkennung von Solomutterschaft und -elternschaft als selbstbestimmte Familie zu kämpfen. „Es ist eine richtige Community und die Hilfsbereitschaft ist groß“, erklärt Sabrina Mondini. „Aber es gibt noch viel Potenzial für mehr Unterstützung und Vernetzung, besonders durch selbstorganisierte Initiativen und Gemeinschaften“, fügt sie hinzu.

Im Austausch mit anderen Solomüttern hat sie das Gefühl, endlich verstanden zu werden. „Für Solomütter sind Themen wie Veränderungen in der Partnerschaft nach der Geburt eines Kindes oder die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit eher unwichtig“, sagt Mondini. „Dafür beschäftigen uns die große Verantwortung, etwa, wenn viele anstrengende ­Nächte aufeinanderfolgen, die alleine bewältigt werden müssen, oder das Kind krank ist und intensivere Betreuung erfordert.“ Ihr Alltag unterscheidet sich ansonsten nur unwesentlich von anderen Eltern; die Bedürfnisse der Kinder prägen das Leben: Essen, Schlaf, Spiel, Bewegung, Gesundheit, Entwicklung und ganz viel Interaktion. Darüber tauscht sich Sabrina Mondini gern auch mit anderen Eltern aus, unabhängig von der Familienkonstellation.

Denn Solomutterschaft bedeutet natürlich nicht, permanent alleine mit dem Kind zu sein: Sabrina Mondini hat einen großen Freund*innenkreis, die regelmäßig Zeit mit ihr und dem Kind verbringen, ebenso wie liebevolle Eltern, die verzückt vom Enkelkind sind. „Als mein Kind da war, war die Freude enorm“, erzählt sie. „Ab dann ging es darum, dem kleinen Menschen zu geben, was er braucht: Liebe und Nähe von mir und ein stabiles und tragfähiges Umfeld“, sagt Mondini, während ihr Baby immer noch friedlich vor ihrem Bauch schläft.

Merle Groneweg ist politische Ökonomin und Autorin.

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Feminist Superheroine: Ruth Bleier https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-bleier/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-ruth-bleier/#respond Mon, 26 May 2025 08:34:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=127478 Ruth Bleier (1923-1988) war eine US-amerikanische Professorin für Neurophysiologie und feministische Aktivistin. Ihr bahnbrechendes Werk zeigt auf, dass wissenschaftliche Forschung stark von Geschlechterklischees, also Gender-Bias, geprägt ist. Bleier arbeitete zunächst als Ärztin, ihre Beteiligung am Civil Rights Movement brachte ihr in der McCarthy-Ära jedoch ein Berufsverbot ein. Nach einem Studium der Neuroanatomie wechselte sie schließlich […]]]>

Ruth Bleier (1923-1988) war eine US-amerikanische Professorin für Neurophysiologie und feministische Aktivistin. Ihr bahnbrechendes Werk zeigt auf, dass wissenschaftliche Forschung stark von Geschlechterklischees, also Gender-Bias, geprägt ist. Bleier arbeitete zunächst als Ärztin, ihre Beteiligung am Civil Rights Movement brachte ihr in der McCarthy-Ära jedoch ein Berufsverbot ein. Nach einem Studium der Neuroanatomie wechselte sie schließlich an die University of Wisconsin und entwickelte sich zur angesehenen Spezialistin für Gehirnanatomie. Darüber hinaus setzte sie sich an der Universität für Gleichberechtigung und die Etablierung der Women’s Studies ein. Nach ihrem lesbischen Coming-out engagierte sie sich bis zu ihrem Tod mit ihrer Lebensgefährtin Elizabeth Karlin u. a. für das Recht auf Abtreibung. [fne]

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Proteste allein werden nicht reichen https://ansch.4lima.de/proteste-allein-werden-nicht-reichen/ https://ansch.4lima.de/proteste-allein-werden-nicht-reichen/#respond Sat, 24 May 2025 07:57:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=127448 Die in Großbritannien geborene, jüdische Journalistin und Autorin Natasha Lennard lebt in Brooklyn, New York, und hat schon zu Trumps erster Amtszeit vor einer faschistischen Konjunktur gewarnt. Irem Demirci hat sie zum Gespräch getroffen. an.schläge: Sie sind Autorin zahlreicher Essays, in denen Sie sich mit „nicht-faschistischem“ Leben auseinandersetzen. Sprich damit, wie ein Leben außerhalb faschistischer […]]]>

Die in Großbritannien geborene, jüdische Journalistin und Autorin Natasha Lennard lebt in Brooklyn, New York, und hat schon zu Trumps erster Amtszeit vor einer faschistischen Konjunktur gewarnt. Irem Demirci hat sie zum Gespräch getroffen.

an.schläge: Sie sind Autorin zahlreicher Essays, in denen Sie sich mit „nicht-faschistischem“ Leben auseinandersetzen. Sprich damit, wie ein Leben außerhalb faschistischer Rahmenbedingungen aussehen kann. Inwiefern spiegelt die aktuelle politische Situation in den USA die Themen Ihrer Bücher wider?
Natasha Lennard: Ich habe diesen Essay-Band zwischen 2017 und 2021 geschrieben, also von der ersten Amtszeit Trumps bis zu Beginn der ersten Amtszeit Bidens. Und meine These ist heute wie damals, dass wir uns in einer faschistischen Konjunktur befinden. Ich begreife Faschismus als ein Konglomerat aus Prozessen und Aktivitäten und nicht als einen klar abgrenzbaren Zustand, in dem wir uns als Gesellschaft befinden oder nicht. Ein weiteres zentrales Problem ist, dass es aktuell keine in­stitutionelle Opposition zu Trump gibt – weder in der Regierung und auch kaum in den Gerichten. Und trotzdem müssen wir uns an dem, was wir haben, festhalten, wenn wir dieser Art der Machtübernahme durch Trump, die sich möglicherweise auch in kommenden Generationen fortsetzen wird, wirklich etwas entgegensetzen wollen. Die Etablierung einer ernstzunehmenden Opposition allein wird das Problem nicht lösen. Es gilt, an den faschistischen Strukturen anzusetzen, die schon vor Trump in Amerika verankert waren, und sie zu bekämpfen. Strukturen, die Deportationen, Massenverhaftungen, fehlende Gesundheitsversorgung und das Verweigern von medizinischer Versorgung für trans Personen überhaupt erst möglich machen. Trump loszuwerden ist nicht unsere einzige Herausforderung, auch wenn es eine zentrale Aufgabe ist. Aber um tatsächlich zu verhindern, dass sich das alles wiederholen kann, müssen wir die Strukturen und Institutionen in den Blick nehmen, die sich in Dienst nehmen lassen, um People of Colour, Frauen, reproduktive Rechte, trans Menschen und Immigrant:innen anzugreifen.

Wie unterscheidet sich ein „Nicht-Faschismus“, wie Sie ihn definieren, von einem Anti-Faschismus?
Ich denke, dass wir beides anstreben sollten. Ich spreche von „nicht-faschistisch“ in Anlehnung an Michel Foucault, der sagte, dass es praktisch unmöglich sei, in einem politischen System wie diesem, in dem Kapitalismus und Grenzregimes dominieren, völlig anti-faschistisch zu agieren. Die Lösung des Problems besteht also nicht rein in der Beseitigung Trumps oder eines anderen faschistischen Machthabers. Vielmehr sollten wir auch bei uns selbst und unseren eigenen Glaubenssätzen ansetzen und wachsam gegenüber Mikro-Faschismen sein, wie es Foucault nennt, gegen gewaltsame Auswüchse des Kapitalismus und Grenzregime. Ich glaube, diese Gewohnheiten in den Alltag zu integrieren, ist essenziell. Man muss sich bewusst sein, dass es nicht allein darum geht, einen faschistischen Machthaber zu beseitigen, sondern darum, alle Formen von Gewalt in den Blick zu nehmen.

Rechte und rechtskonservative Medien in den USA hofieren die Regierung Trump – aber auch liberale Medien wie die „New York Times“ haben Probleme damit, klar zu benennen, was hier geschieht. Wie nehmen Sie die Berichterstattung wahr?
Es gab und gibt definitiv ein großes Versagen der Medien – der etablierten und auch der kleinen Online-Medien. Ich würde sagen, dass Fox News ein gutes Beispiel dafür ist, weil es praktisch ein faschistisches Organ ist – und das schon seit Langem. Aber auch die „New York Times“ genießt nach wie vor den Status der „Zeitung schlechthin“. Sie hat eine große Verantwortung, wenn es darum geht, zu entscheiden, was als normal angesehen wird. Das hat Trumps zweite Amtszeit mit ermöglicht. Teilweise hatte Trump leichtes Spiel, indem simplifizierende Antworten verbreitet wurden. Etwa, wenn es um seine Pläne geht, internationale Studierende abzuschieben, insbesondere solche, die im Zusammenhang mit der Pro-Palästina-Bewegung stehen. Die Medien verfolgen eine Strategie, die man auch bei der demokratischen Partei beobachten kann. Also: „Was tun wir als Demokraten, wenn ein Thema als nicht populär angesehen wird? Wir verkaufen Meinungen als Fakten.“ Etwa, dass Migration etwas Schlechtes sei und die Massen uns überfordern. Das vermittelt den Eindruck, dass weltweit am meisten Migration an der Grenze von Mexiko in die USA stattfindet und wir nicht die Ressourcen dafür hätten. Dabei schafft es in Wirklichkeit nur ein Bruchteil der Menschen auf der Flucht überhaupt in den Globalen Norden. Die Medien haben sich nicht darum bemüht, mit diesem Narrativ zu brechen.

Wie kann man in einem System, das Sie als ungerecht beschreiben, trotzdem für Gerechtigkeit kämpfen?
Wir lernen, mit Widersprüchen umzugehen und auch in Systemen, die nicht auf Gerechtigkeit ausgelegt sind, Ungleichheiten zu bekämpfen. Wir können nicht ignorieren, wie gewaltsam das amerikanische Justizsystem und die Geschichte des Gefängnisses in den USA sind. Und dass wir viele Rechte, die wir brauchen, um uns dagegen zu schützen, noch erkämpfen müssen. Ob ich glaube, dass Gerichtshöfe darauf ausgelegt sind, People of Colour, arme Leute, Immigrant:innen oder nicht-binäre Menschen zu schützen? Nein. Aber deshalb erst gar nicht vor Gericht zu ziehen, um ihre Rechte zu erkämpfen, ist definitiv auch keine Lösung und würde alles, was bisher erreicht wurde und von Trump vehement bekämpft wird, negieren.

Es ist kaum zu glauben, dass Trump nun erst etwas länger als über hundert Tage im Amt ist. Vieles liegt noch vor uns.
Das ist wirklich erschreckend. Erst rund hundert Tage sind vergangen und es ist nicht zu leugnen, wie kräftezehrend sie bereits waren. Aber genau das ist Teil der Taktik Trumps und seiner Administration. Sie folgen dem Ansatz von Trumps ehemaligem Berater Steve Bannon: „Flooding the zone with shit.“ Zum Teil rächt sich das auch schon jetzt, weil sie mit so viel Widerstand konfrontiert werden, etwa von den Gerichtshöfen. Und sie haben reichlich viele Fehler begangen. Trotzdem verfolgen sie ein Ziel: zu überfordern, eine Welle an Verordnungen zu beschließen und Forderungen zu stellen, erwartend, dass die Menschen nicht alles auf einmal abwehren können.

In Europa hören wir viel über Trumps politische Dominanz anstatt über den Widerstand gegen ihn. Nehmen Sie vor allem politische Erschöpfung wahr oder regt und stärkt sich der Widerstand?
Wenn man sich nur die demokratische Partei in Washington oder die demokratischen Gouverneure ansieht, wirkt es so, als gäbe es gar keinen oder nur sehr zaghaften Widerstand. Ich finde es nicht schlecht, dass Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez durch die USA touren. Es wird die Massendeportationen nicht stoppen, aber es wird die Leute animieren, zu protestieren. Ich glaube, ohne vereinte Gewerkschaften, ohne das Drohen mit Massenprotesten kriegen wir das nicht hin. Aber das benötigt natürlich viel Organisation. Das geht nicht über Nacht. Diese Abschiebungsmaschinerie gibt es schon seit Clinton. Proteste allein werden nicht reichen. Aber ich denke, wir sehen gerade, wie Menschen aus dem Umfeld der Betroffenen aktiv werden. Menschen müssen ihre Nachbar:innen schützen, die keine Dokumente haben und sich auf den Ernstfall ­vorbereiten. Wir sehen, dass diese Entwicklung stärker wird und ich hoffe, sie wird sich fortsetzen.

İrem Demirci (sie/ihr) studiert Politikwissenschaften in Wien. Ihre Arbeiten wurden bereits in verschiedenen Magazinen veröffentlicht. Sie hat einen Podcast über feministische Friedens- und Sicherheitspolitik moderiert und produziert. Außerdem schreibt sie Lyrik. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit (post-)migrantischer Perspektive, feministischer Theorie, Sozialer Ungleichheit, Widerstand und Wut auseinander. 

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Hanna Perekhoda, Historikerin und Politikwissenschaftlerin an der Universität Lausanne, stammt aus Donezk, einer Stadt im Donbass in der Ostukraine. Laura Helene May hat mit ihr über die geopolitische Zeitenwende und feministische Solidarität mit der Ukraine gesprochen.

an.schläge: Wir alle konnten den diplomatischen Eklat zwischen Wolodymyr Selensky und Donald Trump in Echtzeit verfolgen. Markiert das Ereignis den Beginn einer neuen Weltordnung?
Hanna Perekhoda: Das Treffen ist Ausdruck einer großen geopolitischen Verschiebung, die wir noch nicht ganz begreifen können. Die Vereinigten Staaten entfernen sich von ihrer traditionellen Rolle des Hegemons, der seine Dominanz durch Demokratie rechtfertigt. Sie geben die Politik des indirekten Imperialismus auf und kehren zu einem territorialen Annexions-Imperialismus zurück, wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen. Bei der jüngsten UNO-Generalversammlung haben die USA mit Russland, Weißrussland, Israel und Nord­korea gegen eine Resolution zum Ukraine-Krieg gestimmt. Könnte es eindeutiger sein?

Trump nähert sich Despoten an.
Die Entwicklung sollte nicht nur auf Trumps Charakter oder seine wirtschaftlichen Interessen zurückgeführt werden – das ist eine geopolitische Strategie, die JD Vance und Marco Rubio in Interviews der letzten Monate bereits angekündigt haben. Sie verfolgen die Theorie des Realismus in internationalen Beziehungen. Höchstes Ziel sind die eigenen Interessen, „America first“. Das ist keine Überraschung. China ist in ihren Augen der strategische Feind, also muss Russland weg von China und hin zu den USA bewegt werden. Fressen oder gefressen werden. Die Annexion der Krim 2014 wurde noch als Anomalie aufgefasst, doch es handelt sich um eine geopolitische Strategie, die die Souveränität von Nationalstaaten abseits imperialer Mächte infrage stellt.

Internationale Diplomatie, Vereinte Nationen, regelbasierte Weltordnung – alles Geschichte?
Es war nie eine regelbasierte Ordnung, weil sie immer von der Hegemonie einer einzigen Macht abhängig war. Jetzt zieht sich diese Macht einfach zurück und gibt ihre Rolle der Stabilisierung auf.

Wie wird die Macht in der neuen Welt verteilt?
Die Hauptakteure sind Russland, China und die Vereinigten Staaten. Alle drei wollen Gesellschaften durchsetzen, in denen die Möglichkeit menschlicher Freiheit nicht existiert. Aus ihrer Sicht sind demokratische Staaten von Natur aus unfähig, äußeren Bedrohungen zu widerstehen, weil sie intern gespalten sind und ihnen ein einheitlicher politischer Wille fehlt.

Europa rüstet auf – Feministinnen haben jahrzehntelang für Frieden und Abrüstung gekämpft. Widersprechen Waffenlieferungen linkem Pazifismus und feministischer Außenpolitik?
Es gibt eine simple Wahrheit, die alle Feminist*innen einsehen: Wenn man Missbrauch beobachtet und dem Opfer keine Unterstützung bietet, hilft das dem Angreifer. Tatenlosigkeit gegenüber Aggression ist keine Neutralität – es ist Kompliz*innenschaft. Pazifistische Parolen sind zwar emotional überzeugend, aber sie funktionieren nur, bis ein Killer zu Ihnen nach Hause kommt. Wenn Sie unter dem Nato-­Schutzschild leben, können Sie Fragen von Leben und Tod auslagern oder ignorieren. Aber wenn Sie ein Messer an der Kehle haben, können Sie nur sterben oder kämpfen. Die Sicherung des Friedens erfordert mehr als moralisches Getue. Es gibt ein Manifest ukrainischer Feministinnen zu diesem Thema mit dem Titel: „Recht auf Widerstand“. Sie wollen keinen Frieden um jeden Preis. Russische Besatzung ist kein Frieden, in einem faschistischen Regime gibt es keinen Feminismus.

Muss Europas Linke eine neue Haltung gegenüber Waffenindustrie und Sicherheitspolitik finden?
Wenn linke Parteien als gesellschaftliche Kraft relevant bleiben wollen, müssen sie eine klare Haltung zur Verteidigungsstrategie entwickeln. Sonst sind sie nur ein Club aus realitätsfernen Leuten, die ihre Anti-Mainstream-Identität behaupten. Russland hat den größten europäischen Staat überfallen und finanziert offen rechtsextreme und faschistische Kräfte weltweit. Ebenso die USA. Man kann das Sicherheitsproblem weiterhin gänzlich leugnen, aber dann werden Konservative die Diskussion dominieren und die Linke als realitätsfremd darstellen – und sie hätten nicht Unrecht. Verteidigungspolitik muss nicht rechtsgerichtet sein. Sie sollte nicht durch Kürzungen bei Renten oder im Gesundheitswesen finanziert werden. Sie kann durch Steuergerechtigkeit, ein hartes Vorgehen gegen Offshore-Steuer­oasen und die Stärkung der Energie- und Cybersicherheit gewährleistet werden.

Ist Pazifismus ein Privileg?
In meiner idealen Welt gibt es auch keine Rifles und Raketen. Doch rechtsextreme Kräfte rüsten auf und drohen offen mit der Zerstörung demokratischer Gesellschaften.

Wer soll Europas Verteidigung und Hilfe für die Ukraine zahlen?
Es gibt drei Möglichkeiten: Erstens Geld für nationale Sozialsysteme kürzen – das ist gefährlich und falsch. Soziale Unsicherheit stärkt antidemokratische Populisten und Faschisten. Zweitens könnten Steuern für Superreiche und Konzerne erhöht werden. Dafür bedarf es jedoch einer Koordination, um Kapitalflucht zu verhindern. Trumps Ankündigung goldener Visa für Superreiche bedeutet, dass er sich bereits auf ein solches Szenario vorbereitet. Es gibt aber eine dritte Lösung. Rund 300 Milliarden Euro russische Vermögenswerte wurden eingefroren. Diese könnte man konfiszieren und zur Finanzierung der Verteidigung der Ukraine und auch der europäischen Sicherheit verwenden. Russland würde so tatsächlich für das Verbrechen der Aggression und die Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen und die Last der Verteidigung würde nicht allein den europäischen Bürgern auferlegt.

Warum gehen die europäischen Behörden diesen Schritt nicht?
Sie befürchten, einen Präzedenzfall zu schaffen. Wenn sie anerkennen, dass es einen Platz für Moral und Ethik in der Wirtschaft und in der Politik gibt, bringen sie das ganze System in Schwierigkeiten.

Ausgerechnet Europa soll Imperialismus und Kapitalismus infrage stellen? Viele sehen den Ukraine-Krieg auch als Folge der europäischen Expansionspläne in Form der Nato-Osterweiterung.
Ich hatte die Hoffnung, dass zumindest Feminist*innen nach Selenskys Treffen mit Trump diesen klassischen Fall des Victim-Blamings erkennen.

Die Annäherung der Ukraine an Europa dient als Rechtfertigung für Gewalt wie der kurze Rock bei einer Vergewaltigung? Nur dass die Ukraine nicht einmal einen kurzen Rock anhatte. Die Leute analysieren nie die empirischen Daten über das tatsächliche Machtgleichgewicht zwischen Russland und der Nato. Osteuropäische Länder traten dem Bündnis nach Ende der Sowjetunion bei, weil Russland ihnen mit Invasion drohte. Insbesondere den baltischen Staaten. Doch die Nato ist nur flächenmäßig auf der Karte größer geworden, die Truppenstärke der Nato nimmt seit dreißig Jahren ab.

Russland hat sich nie von der Nato bedroht gefühlt?
Putins Regime war von Anfang an sehr deutlich. Sie fühlen sich nicht militärisch von der Nato bedroht, sondern vom westlichen „Gesellschaftsprojekt“. Putin ist davon überzeugt, dass die liberalen Eliten des Westens Russland von innen heraus zerstören wollen, indem sie die „Ideologien“ der Menschenrechte, des Feminismus und der „Schwulenfreundlichkeit“ fördern. Er betrachtet die Welt durch diese Brille und ist ehrlich davon überzeugt, dass jede Revolution und Emanzipationsbewegung auf der Welt im Grunde eine westliche Verschwörung gegen Russland ist.

Die Ukraine kämpft seit drei Jahren gegen den russischen Angriff. Wie wirkt sich der Krieg auf die Geschlechterverhältnisse im Land aus?
Der Krieg verhärtet Geschlechterungleichheiten auf mehreren Ebenen. Der Großteil der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder in finanziell prekären Situationen. Menschenhandel ist ein großes Problem. Frauen, die in der Ukraine geblieben sind, tragen dort das ganze Gewicht sozialer Reproduktion. Während Männer großteils an der Front kämpfen, halten Frauen die Gesellschaft mit ihrer Care-Arbeit am Laufen. Selbst die Armee ist von Frauen abhängig, die sich um die Versorgung, aber auch um Nachschub von Geld und Equipment kümmern.

Frauen spielen also eine wichtige Rolle im ukrainischen Widerstand?
Nicht nur im häuslichen Rahmen, sondern auch an der Front. Inzwischen sind rund 15 Prozent der ukrainischen Kämpfer*innen weiblich.

Im Gegensatz zu Männern kämpfen Frauen in der Ukraine freiwillig. Auch in Deutschland wird aktuell über die Wiedereinführung der Wehrpflicht auch für Frauen beraten.
Es gibt ein wachsendes Rekrutierungsproblem. Die Ukraine ist eine normale, individualistische, postmoderne und schnell alternde europäische Gesellschaft. Dies wirft schwerwiegende ethische Fragen auf, insbesondere die Spannung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Manche Männer fragen sich, warum nur sie dieses Opfer bringen sollen. Was bedeutet es, Teil einer Gesellschaft zu sein, die sich selbst verteidigt? Sollten auch Frauen in Kriegszeiten eingezogen werden? Es gibt keine einfachen Antworten; die Ukrainer*innen stehen täglich vor diesen Dilemmata.

Gleichberechtigung in Kriegszeiten ist auch mit Blick auf die Reproduktion ein großes Thema.
Besonders in Russland wird antifeministische und transfeindliche Politik genutzt, um nationalistische Gefühle zu schüren. Krieg ist einer der offensichtlichsten Gründe, warum Länder wie Russland sich auf die Einschränkung reproduktiver und sexueller Freiheiten stürzen. Länder im Krieg brauchen Soldaten, und Soldaten wachsen nicht auf Bäumen, sie werden nicht in Fabriken hergestellt. Dafür braucht man Frauen. Feminismus und LGBTQ-Bewegungen sind aus dieser Perspektive eine direkte Bedrohung nationaler Souveränität. In der Ukraine treibt das offizielle Bekenntnis des Staates, „europäisch“ zu werden, sowohl Regierung als auch Gesellschaft zu einer stärkeren Akzeptanz von Feminismus und LGBTQ-Identitäten. Die Kriegsdynamik verstärkt jedoch auch einen Gegentrend zum Kriegstraditionalismus mit seinen starren Geschlechterrollen. Tatsächlich verdeutlicht die Erfahrung der Ukraine die Spannungen und Widersprüche, mit denen jede postnationale, postmoderne westliche Gesellschaft im Falle einer militärischen Aggression konfrontiert wäre.

Hanna Perekhoda ist aktiv im „European Network for Solidarity with Ukraine“ und bei Sozialnyj Ruch, einer sozialistischen ukrainischen Arbeiter*innen-Organisation.
Laura Helene May hat Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Zeitgeschichte studiert. Sie lebt als freie Journalistin in Buenos Aires und berichtet über Protest, Feminismus, Ressourcen, Ideologie und Geopolitik.

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Vor allem Frauen lieben True Crime. Beruht der gewaltige Erfolg des Genres allein auf sensationalistischer Schaulust? Oder dient es vielleicht sogar der Gewaltprävention? Von SOPHIA KRAUSS

»Die Fähigkeit, zum Täter zu werden, liegt in jedem Einzelnen«, sagt Sabine Rückert im Interview mit dem „Deutschlandfunk“. Rückert war lange Gerichtsreporterin, schließlich stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“ und ist heute eine der erfolgreichsten Podcaster*innen Deutschlands: Seit 2018 ist sie die Stimme von „Zeit“-Verbrechen und erreicht pro Folge 1,28 Millionen Hörer*innen.
True Crime boomt. Überall, ob in ­Literatur oder auf Netflix, geht es heute um wahre Kriminalgeschichten. Doch insbesondere mit dem Aufstieg der Podcast-Industrie konnte sich das Genre immer gewinnbringender durchsetzen:
2023 drehten sich 18 Prozent der hundert weltweit meistgehörten Podcasts um wahre Kriminalfälle. Einige sehen das kritisch. Der „Weisse Ring“, der Betroffene von Kriminalität unterstützt, schreibt polemisch: „‚Wahre Verbrechen‘ sind für Medien ‚Ware Verbrechen‘“.
Eingefleischte Fans können inzwischen Jutebeutel und Tassen mit „Zeit“-Verbrechen-­Print bestellen, während sie Rückerts Gesprächen mit Kriminaljournalist*innen lauschen. Diese sind oft von dem Wunsch motiviert, verstehen zu wollen: Was hat Täter*innen dazu bewegt, eine grausame Tat zu begehen? Ist die Fähigkeit zum Bösen vielleicht in uns allen angelegt? Und kann sie durch Kontextualisierung zumindest rational nachvollziehbar werden? Es ist ein Fokus auf die Täter*innenperspektive, den auch der Weisse Ring kritisiert: Betroffene werden oftmals gar nicht in Rechercheprozesse miteinbezogen. Einige erleben eine Retraumatisierung, wenn sie plötzlich und unvorbereitet in den Medien auf die Geschichte der eigenen Gewalterfahrung stoßen. US-amerikanische Studien belegen außerdem: Die Geschichten rassifizierter Betroffener werden noch weniger erzählt, denn aufgrund rassistischer Stereotype eignen sie sich nicht als Opfer in einer voyeuristischen Dramaturgie für die Dominanzgesellschaft. Diese Täter*innenperspektive lockt den Großteil des Publikums an, so Corinna Perchtold-Stefan von der Uni Graz, deren Team rund sechshundert Personen zu ihrem True-Crime-Konsum befragte: „75 ­Prozent führten an, die Psychologie hinter den schrecklichen Taten verstehen zu wollen.“ Die Mehrheit dieser Konsument*innen sind dabei Frauen, auch weltweit: Ihr durchschnittlicher True-Crime-Konsum lag in der Grazer Studie bei sieben Stunden pro Woche, der von Männern bei rund vier. Zwar widersprach der Großteil der meist weiblichen Teilnehmenden einer australischen Studie der radikalen Aussage, sie hörten True Crime, um zu erfahren, was ihnen als Opfer passieren könnte. Trotzdem dürfte das weibliche Interesse an True-Crime-Formaten auch den Aspekt der „Safety Work“ beinhalten, so die US-Forscherin Laura Vitis. Schließlich belegten andere Studien, dass die Themen Sicherheit und Gewaltbetroffenheit eine große Rolle beim True-Crime-Konsum von Frauen spielen. Mit Safety Work ist die Arbeit gemeint, die Frauen leisten, um zu verhindern, dass ihnen Gewalt widerfährt: Sie lernen, bestimmte Umgebungen zu meiden oder in bestimmten Kontexten offensichtliche Zeichen von Weiblichkeit zu minimieren. Und ich denke, dass dieses Konzept wohl auch auf trans* Männer und nicht-binäre Personen erweitert werden muss. Safety Work ist allgegenwärtig, arbeitsintensiv – und bleibt unerkannt, wenn Gewalt erfolgreich verhindert werden kann. Sie wird oft routinemäßig geleistet, weil die eigene Geschlechtsidentität als inhärent unsicher empfunden wird. Zu Recht, schließlich wurden im Jahr 2024 alleine in Österreich 27 Frauen von Männern aus ihrem unmittelbaren Umfeld ermordet.
Auch Valerie L. erlebte jahrelang Gewalt durch den Partner. Sie steht im Mittelpunkt der allerersten „Zeit“-Verbrechen-Folge. Zu Beginn des Podcasts wird darauf hingewiesen, dass Intimbeziehungen statistisch gesehen am gefährlichsten für Frauen sind. Valerie L.s Schicksal unterscheidet sich jedoch drastisch von dem der meisten Betroffenen: Sie bezahlte einen Auftragskiller und ließ ihren gewalttätigen Ehemann schließlich umbringen. Weit wahrscheinlicher wäre es gewesen, wenn sie selbst Opfer eines Femizids und nicht zum hollywoodreifen Racheengel geworden wäre.
Hat Rückert Recht und kann jede*r von uns unter bestimmten Einflüssen Täter*in werden? Eine Antwort auf diese Frage darf nicht ausklammern, dass patriarchale Strukturen dazu führen, dass Männer wesentlich häufiger Gewalt ausüben als Frauen. Das macht auch True Crime immer wieder zum Thema. Häufiger jedoch gleitet das Genre leider ab in die sensationalistische Jagd vermeintlicher Einzelschicksale.

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