Johanna Metzler – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 02 Sep 2024 11:42:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Johanna Metzler – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 40 JAHRE FEMINISMUS https://ansch.4lima.de/40-jahre-feminismus/ https://ansch.4lima.de/40-jahre-feminismus/#respond Sun, 26 Nov 2023 09:33:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=113858 40 Jahre an.schläge heißt auch 40 Jahre Feminismus, den die an.schläge journalistisch begleitet, analysiert, gefeiert und kritisiert haben. Der Schwerpunkt widmet sich den Errungenschaften und den Kämpfen, die immer noch ausgefochten werden müssen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben auch viele rechte und konservative Politiker*innen die Bühne betreten, denen wir gerne eine Torte ins Gesicht […]]]>

40 Jahre an.schläge heißt auch 40 Jahre Feminismus, den die an.schläge journalistisch begleitet, analysiert, gefeiert und kritisiert haben. Der Schwerpunkt widmet sich den Errungenschaften und den Kämpfen, die immer noch ausgefochten werden müssen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben auch viele rechte und konservative Politiker*innen die Bühne betreten, denen wir gerne eine Torte ins Gesicht gedrückt hätten. Zumindest symbolisch haben wir das in der Fotostrecke von Magdalena Fischer und Janis Czapka nachgeholt.

Im Heft-Schwerpunkt zu unserem eigenen 40. Geburtstag blicken die an.schläge auf 40 Jahre Feminismus zurück: Wo stehen wir heute? Sollen wir uns vom Konzept Frau verabschieden? Hat #MeToo eine nachhaltige Veränderung gebracht? Was waren die wichtigen feministischen Meilensteine der letzten vierzig Jahre? Warum ist unbezahlte Care-Arbeit noch immer so ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt? Was lässt sich der rechten Instrumentalisierung von Frauenrechten entgegensetzen? Ist der Kunstmarkt geschlechtergerechter geworden? Und wäre vielleicht die Auflösung der Kleinfamilie die Lösung für viele feministische Probleme?

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World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-7/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-7/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:42:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=113818 ]]>

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Keine gemeinsame Sprache https://ansch.4lima.de/keine-gemeinsame-sprache/ https://ansch.4lima.de/keine-gemeinsame-sprache/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:42:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=113801 Illustration: Sabrina WegererSprachen zu lernen, ist ein großer Aufwand. Ein noch größerer Aufwand ist es, zu kommunizieren, was man wirklich denkt. Insbesondere, wenn man keine gemeinsame Sprache teilt. Viele Kinder von migrierten Eltern verlernen nach einer gewissen Zeit die Sprache ihrer Eltern, wenn sie in einem anderssprachigen Umfeld aufwachsen. Nur jene, die Glück haben – ich darf […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Sprachen zu lernen, ist ein großer Aufwand. Ein noch größerer Aufwand ist es, zu kommunizieren, was man wirklich denkt. Insbesondere, wenn man keine gemeinsame Sprache teilt.

Viele Kinder von migrierten Eltern verlernen nach einer gewissen Zeit die Sprache ihrer Eltern, wenn sie in einem anderssprachigen Umfeld aufwachsen. Nur jene, die Glück haben – ich darf mich dazu zählen – können später im Erwachsenenalter mit mehreren Sprachen jonglieren.

Doch für viele junge Menschen, deren Eltern migriert sind, gehört es zur Realität, dass sie sich nicht vollständig mit ihnen austauschen können. Während einfache, alltägliche Kommunikation durchaus gut läuft, verläuft es sich bei Themen, die mehr Vokabular benötigen, schwieriger. Was muss das für ein Gefühl sein, mit seinen eigenen Eltern nicht die tiefsten Sorgen teilen zu können, nicht so verbunden sein zu können, allein weil die Sprache dafür fehlt?

Und wie ist es mit Paaren, die von Beginn an keine gemeinsame Sprache hatten? Ich denke da an meine Eltern und daran, wie sie sich kennenlernten. Denn mein Vater sprach nur gebrochenes Japanisch, meine Mutter damals kein Wort Deutsch. Irgendwie schafften sie es trotzdem, sich die Bälle zuzupassen, den Ball des jeweils anderen aufzufangen, auch, wenn sie nicht wussten, wohin er geworfen wird. Doch worüber sprachen sie? Wie tauschten sie sich aus, wie kommunizierten sie über ihre intimsten Zweifel, über ihre sehnsüchtigsten Wünsche?

Im Laufe der Jahre entwickelten meine Eltern eine gemeinsame Sprache, eine, die nur sie beide verstanden, und wir Kinder, weil wir damit aufwuchsen. Ich frage mich aber, ob sie irgendwann gelernt haben, in ihrer eigenen gemeinsamen Sprache auch ihre Geheimnisse zu teilen. Und falls nein – was das mit ihnen macht. Was das für ein Gefühl sein muss, selbst mit der intimsten Person nicht offen über die eigenen Gedanken sprechen zu können. Und ob das auf Dauer nicht furchtbar einsam macht. Die Fragen häufen sich, Antworten habe ich selbst keine.

Shoko Bethke ist freie Autorin und lebt und schreibt derzeit aus Tokyo. Auch hier weigert sie sich, fürs Ramen-Essen Geld zu bezahlen, weil sie sie selbst besser zubereiten kann.

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Welche*r an.schläge Leser*in bist du? https://ansch.4lima.de/welcher-an-schlaege-leserin-bist-du/ https://ansch.4lima.de/welcher-an-schlaege-leserin-bist-du/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:38:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=113795 Woher hast du an.schläge?a. Hä?b. Aus meinem Briefkasten natürlich! (Ich hab ein Abo.)c. Aus der Shared-Abo-Box meines Kollektivs.d. Meine Mitarbeiterin legt sie mir immer auf den Tisch. Wie lange liest du schon an.schläge?a. Ich hab schon ein paar Mal aufs Profil geklickt.b. Seit ich das Abo abgeschlossen hab, nagelt mich nicht auf das Jahr fest, […]]]>

Woher hast du an.schläge?
a. Hä?
b. Aus meinem Briefkasten natürlich! (Ich hab ein Abo.)
c. Aus der Shared-Abo-Box meines Kollektivs.
d. Meine Mitarbeiterin legt sie mir immer auf den Tisch.

Wie lange liest du schon an.schläge?
a. Ich hab schon ein paar Mal aufs Profil geklickt.
b. Seit ich das Abo abgeschlossen hab, nagelt mich nicht auf das Jahr fest, Dohnal war auf jeden Fall noch nicht Ministerin.
c. Seit der Ausgabe 5/2010.
d. Da müsste ich jetzt meine Mitarbeiterin fragen.

Wie viel liest du?
a. Die ersten zwei Zeilen in der Caption fast immer!
b. Grundsätzlich alles, aber bei den Veranstaltungstipps überfliege ich die URLs meistens nur.
c. Alle zentralen Debatten-Beiträge.
d. Meine Mitarbeiterin fasst für mich relevante Themen zusammen.

Folgst du uns auf Instagram?
a. Klar, sonst würden mir eure Stories ja nicht angezeigt!
b. Ist das so eine Seite im Cyberspace?
c. Ich boykottiere die Politik von Social-Media-Plattformen wie Instagram!
d. Ich glaube ja, da müsste ich meine Mitarbeiterin fragen.

Warst du auf der 40-Jahr-Geburtstagsfeier?
a. Wieso 40 Jahre? Damals gab’s doch nicht mal Internet?
b. Ich hab vorbeigeschaut, aber ehrlich, nicht mal Trommlerinnen …
c. Ja, das All-Flinta-Line-up und das Awareness-Konzept haben unsere Wohngruppe letztlich überzeugt.
d. Wäre nett gewesen, aber da hatte ich einen Termin in
Stockholm.

Hast du an.schläge-Merch?
a. Nö, den gibt’s?
b. Noch so ein Zeug, wo muss ich das kaufen?
c. Ja, euer Jutebeutel hält seit Jahren für meinen Wocheneinkauf hin.
d. Moment, ein Anruf.

Hast du an.schläge schon mal jemandem empfohlen?
a. Ich glaub, ich hab schon mal jemanden unter einem Gewinnspiel markiert.
b. So einmal pro Monat verteile ich Zettel in meinen Politgruppen.

Wann könnte ich denn neue Flyer bei euch abholen?
c. Unter Vorbehalt: Ja. Leider bin ich aber schon in drei Ausgaben auf implizit eurozentristische Begriffe gestoßen.
d. Immer noch im Call … Ist an.schläge eine wichtige Quelle deines feministischen Wissens?
a. Wie lange geht der Test eigentlich noch?
b. Ihr seid sicher unter den Top-3-Magazinen, aus denen ich mir Artikel kopiere.
c. Sie sind auf jeden Fall Teil meines diskursiven Repertoires.
d. Immer wieder relevant unter den 117 Zeitschriften, die wir abonniert haben!

Was machst du mit der gelesenen Ausgabe?
a. Wieso Ausgabe?
b. Ich habe sie thematisch innerhalb der Jahrgänge archiviert – bald wird’s aber eng in meiner Bibliothek.
c. Die rotieren in anderen Wohngemeinschaften.
d. Entsorgt meine Mitarbeiterin wahrscheinlich.

A:
Du bist fest davon überzeugt, dass an.schläge ein Instagram-Account ist und hast dich schon gefragt, warum wir so selten ein Outfit of the day posten. ACHTUNG, real talk: an.schläge produziert nicht nur Gratis-Content für den Facebook-Konzern, uns gibt es auch als Printmagazin im Abo und – ausgewählte – Artikel online. Und das seit 40 Jahren! Wir legen dir dringend ein Abo ans Herz. Bleibt nur noch eine Frage: Wie zur Hölle hast du diesen Test gefunden??

B:
Du bist Feminist*in – und das seit Jahrzehnten. Ein an.schläge-Abo gehört zu deiner aktivistischen Ausstattung fix dazu, auch wenn immer wieder mal bei einem Artikel nur den Kopf schütteln kannst. Feministische Solidarität unter Genossinnen muss aber sein – also wird auch jedes Jahr ein Abo verschenkt. DANKE!

C:
Du bist an.schläge-Abonnent*in – und zwar eine kritische! Als linke*r Feminist*in liest du natürlich die an.schläge, dir entgeht aber kein Aspekt, der in unseren intersektionalen Analysen mal wieder viel zu kurz gekommen ist. Dein kritischer Blick spornt uns regelmäßig dazu an, jeden Artikel dreimal durchzudenken – deine Leser*innenbriefe verfluchen wir nur ganz selten (und heimlich)!

D:
Du leitest eine Frauenorganisation oder sitzt für eine progressive Partei im Parlament – und hast die an.schläge schon lange abonniert. Deine Mitarbeiterin versorgt dich regelmäßig mit feministischen Debattenbeiträgen aus an.schläge und erinnert dich bei Abo-Kampagnen auch einmal daran, ein paar Soli-Abos springen zu lassen. Wir arbeiten weiterhin eifrig daran, dich (und deine Mitarbeiterin) auf dem Laufenden zu halten!

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Interview mit der Jüdischen Hochschüler*innenschaft: Alleine und isoliert https://ansch.4lima.de/interview-mit-der-juedischen-hochschuelerinnenschaft-alleine-und-isoliert/ https://ansch.4lima.de/interview-mit-der-juedischen-hochschuelerinnenschaft-alleine-und-isoliert/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:37:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=113814 Jüdinnen und Juden fühlen sich an linken und feministischen Orten ausgegrenzt, sagt Alisa Offenberg von der Jüdischen Hochschüler*innenschaft. Milano Leeb hat mit ihr über Antisemitismus gesprochen.

In Wien gab es einen Brandanschlag auf den jüdischen Teil des Zentralfriedhofs, antisemitische Vorfälle steigen derzeit massiv an. Sind Jüd*innen in Österreich nicht sicher?

Absolut nicht, und das nicht erst seit dem 7. Oktober. Es liegt allerdings an der gesamten österreichischen Gesellschaft, daran etwas zu ändern. Seit dem 7. Oktober zeigt sich jedoch ein besonders aggressiver, israel-bezogener Antisemitismus in allen Teilen der Gesellschaft, der Jüdinnen und Juden alleine lässt und isoliert. Es ist erschreckend, wie sehr die Solidarität in dieser Zeit ausbleibt. Wir werden bedroht auf den Straßen, in akademischen Institutionen und in sozialen Medien. An Universitäten und in linken Kreisen, die zuvor noch als Safe Spaces wahrgenommen wurden, breitet sich ein ausgrenzendes Klima aus und signalisiert Jüdinnen und Juden, dass sie dort keinen Platz haben.

Aktuell gibt es eine breite Debatte um Antisemitismus in der Linken. Muss auch linker Feminismus Antisemitismus stärker zum Thema machen? Definitiv. Viel zu lange wurde Antisemitismus als rein rechtes Problem angesehen. Antisemitismus entwickelt ständig neue Formen und macht sich so in allen Räumen breit. Dadurch fühlen wir uns als Jüdinnen immer mehr verdrängt aus progressiv-linken und feministischen Kreisen, zu denen wir uns noch vor Kurzem zugehörig fühlten. Menschen, mit denen wir gemeinsam auf die Straße gegangen sind, relativieren nun die Gräueltaten der Hamas im Namen von Anti-Kolonialismus und Anti-Imperialismus. Feministische Verbände schweigen, wenn es um die systematische Vergewaltigung von israelischen Frauen am 7. Oktober geht und sprechen stattdessen dem jüdischen Staat das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht ab. Es kann nicht sein, dass die Solidarität mit Betroffenen sexualisierter Gewalt dann aufhört, wenn sie sich gegen Frauen in Israel richtet.

Feminismus muss ein sicherer Ort für alle Frauen sein, auch für Jüdinnen. Was fordert ihr als jüdische Hochschüler*innenschaft?

Wir fordern, dass alle linken Gruppierungen die Massaker der Hamas vom 7. Oktober verurteilen und Solidarität mit allen von Antisemitismus Betroffenen zeigen, egal ob in Europa oder in Israel. Wer toten Jüdinnen und Juden gedenkt, aber zur aktuellen Bedrohung schweigt, kann kein:e Verbündete:r im Kampf gegen Antisemitismus sein. Man kann sich mit den Betroffenen solidarisieren, das barbarische Massaker verurteilen und trotzdem die berechtigten Ansprüche des palästinensischen Volkes auf nationale Selbstbestimmung unterstützen. Außerdem muss Betroffenen endlich zugehört werden und antisemitische Muster müssen hinterfragt werden.

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Batty… sweet friends https://ansch.4lima.de/batty-sweet-friends/ https://ansch.4lima.de/batty-sweet-friends/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:34:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=113809 ]]>
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Rosa Jochmann https://ansch.4lima.de/rosa-jochmann/ https://ansch.4lima.de/rosa-jochmann/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:34:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=113804 Rosa Jochmann, geboren 1901 in eine Wiener tschechische Arbeiter*innenfamilie, war eine österreichische Widerstandskämpferin und spätere sozialdemokratische Politikerin. Mit 14 begann sie in einer Fabrik zu arbeiten und engagierte sich in der Gewerkschaft. In den 1920ern trat sie der sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Während des austrofaschistischen Regimes beteiligte sich Jochmann am Aufbau der Revolutionären Sozialisten und musste […]]]>

Rosa Jochmann, geboren 1901 in eine Wiener tschechische Arbeiter*innenfamilie, war eine österreichische Widerstandskämpferin und spätere sozialdemokratische Politikerin. Mit 14 begann sie in einer Fabrik zu arbeiten und engagierte sich in der Gewerkschaft. In den 1920ern trat sie der sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Während des austrofaschistischen Regimes beteiligte sich Jochmann am Aufbau der Revolutionären Sozialisten und musste 1934 deshalb ein Jahr in Haft. Von der Gestapo wurde sie schließlich in „Schutzhaft“ genommen und ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Jochmann überlebte fünf Jahre im Lager und setzte nach ihrer Befreiung ihre politischen Tätigkeiten unverzüglich fort. Sie wurde unter anderem Nationalratsabgeordnete und SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende, blieb aber auch außerparlamentarisch aktiv und kämpfte zeitlebens gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus.

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Eine Frau zu sein, bedeutet, die Welt zu verändern. https://ansch.4lima.de/eine-frau-zu-sein-bedeutet-die-welt-zu-veraendern/ https://ansch.4lima.de/eine-frau-zu-sein-bedeutet-die-welt-zu-veraendern/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:28:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=113790 Ich kann nichts über Feminismus sagen, ohne über meine eigene Identität als Romni und die damit verbundenen Kämpfe zu sprechen. Mir wurde beigebracht, eine Frau zu sein. Ich erinnere mich, dass ich vier Jahre alt war, als ich zum ersten Mal dachte, dass ich keine Frau sein will. Ich hasste Kleider, ich hasste es, brav […]]]>

Ich kann nichts über Feminismus sagen, ohne über meine eigene Identität als Romni und die damit verbundenen Kämpfe zu sprechen.

Mir wurde beigebracht, eine Frau zu sein. Ich erinnere mich, dass ich vier Jahre alt war, als ich zum ersten Mal dachte, dass ich keine Frau sein will. Ich hasste Kleider, ich hasste es, brav zu sein. Ich hasste das rosa Kleid, das ich bei Familienfeiern tragen musste. Ich sah, wie sich die Frauen in meiner Familie um andere kümmerten und nicht um sich selbst. Ich sah zu, wie sie keine Zeit hatten, ihre eigenen Interessen und Leidenschaften zu entwickeln. Ich habe mich mit Büchern versteckt, als man mir vorwarf, ich würde zu viel Zeit mit dem Lesen verbringen. Es sei egoistisch, Interessen zu haben. Ich solle Babys machen, wurde mir gesagt. Als ich 16 war, wusste ich, dass ich Frauen liebe. Ob ich meine Gebärmutter vergeude, fragte mein Vater. Meine „lesbische Phase“ dauert schon mein ganzes Leben lang an.

Eine Frau nach meinen eigenen Bedingungen zu sein, war mir fremd. Als Romni, als Migrantin, als Lesbierin und als geschlechtsverwirrte Frau. Ich kämpfte lange mit der Frage, ob ich mich mit meinem Geschlecht identifizieren kann und lehnte viele Dinge an mir ab. Meine Sensibilität. Meine Gefühle. Eine Zeit lang habe ich Testosteron genommen. Ich wollte zäh, hart und „stark“ sein. Vor allem wollte ich tun, was ich wollte. Also dachte ich, dass ich „ein Mann“ sein sollte, um mich in dieser Welt besser behaupten zu können.

Es hat weitere zehn Jahre gedauert, bis ich meinen internalisierten Sexismus überwunden und mich als Frau akzeptiert habe. Ein befreiender Gedanke dabei war, dass ich mich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss.

Das Spiel mit den Identitäten wurde Teil meiner Arbeit. Ich liebe es, mich als Schauspielerin zu verwandeln. Aber die Rollen, die ich als Romni meist bekam, ermöglichten keine Verwandlung: die romanische Bettlerin, die Hure, das Dienstmädchen oder die Geliebte eines Gangsters. Ich dachte, ich müsste mich nur mehr anstrengen, besser werden, die richtigen Leute kennen lernen. Aber die Rollen blieben dieselben, genauso wie meine Haut.

Mit meiner dunklen Haut und meinen schwarzen Locken fiel ich in feministischen Räumen auf. Ich war die Einzige dort. Die feministischen Versammlungen, die ich in meiner Jugend besuchte, waren weiß, ernst und engstirnig.

Als Roma-Künstlerin wollte ich unsere Geschichten erzählen, weil sie sonst verschwinden oder immer aus einer weißen Perspektive erzählt werden. Scham, Schmerz und Wut in Stärke und Stolz umwandeln.

Im Jahr 2010 gründete ich mit meiner Schwester Simonida Selimovic eine der ersten feministischen Roma-Theatervereinigungen namens Romano Svato.

Wir schrieben und produzierten Theaterstücke, Performances und organisierten Festivals wie „E-Bistarde“ über Roma-Kultur und -Kunst, durchbrachen Stereotypen und verbreiteten stolz unsere Muttersprache Romanes. Ich habe die beschämende Erzählung über ­unsere Herkunft aufgegeben und zum Widerstand aufgerufen.

Ich bin Mitbegründerin von Mindj Panther, einem feministischen Roma-Rapduo, das dem Antiziganismus, Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat den Kampf ansagt. „Mindj“ bedeutet „Pussy“ in der Romani-Sprache. Ich wollte dieses Wort revolutionieren. Mit unserem Rap-Gesang bekämpfen wir Diskriminierung und populistische Hetze. Wir sabotieren rassistische Wahlkampfreden und rufen junge Migranten dazu auf, dagegen zu protestieren.

Das Stück „Roma Army“ entstand aus der Wut und dem Widerstand gegen die Welt der Roma und Gadje (die Nicht-Roma, Anm.). Das Stück wurde sechs Jahre in Folge am Maxim Gorki Theater aufgeführt und gab mir die Möglichkeit, in verschiedenen Theatern zu spielen, sogar im Burgtheater. Ich wollte neue Rollenmodelle für Roma-Frauen schaffen.

Ich habe das Gefühl, dass ich die ganze Zeit lernen muss, ein Mensch zu sein, nicht eine Frau oder ein Mann. Beide Identitäten bringen Traumata mit sich, die ich nur überwinden kann, wenn ich mich von beiden distanziere und mich neu erfinde. Als Frauen müssen wir lernen, uns im Laufe unseres Lebens zu transformieren, um das Leben zu genießen und Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln, damit wir endlich unsere eigenen Träume verwirklichen können.

Das ist es also, was ich in meinen Vierzigern gelernt habe: Eine Frau zu sein bedeutet, die Welt zu verändern. Und das wünsche ich mir für alle Frauen – und für das Magazin zum 40. Geburtstag.

Sandra Selimovic ist Schauspielerin und Regisseurin, sie ist Romaaktivistin, rappt bei Mindj Panther, hat zuletzt im Burgtheater Wien gespielt und wurde dieses Jahr mit dem Nestroypreis nominiert.

www.romanosvato.at
Spotify: Mindj Panther

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Ohnmacht und Staatsmacht https://ansch.4lima.de/ohnmacht-und-staatsmacht/ https://ansch.4lima.de/ohnmacht-und-staatsmacht/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:47:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=112740 Illustration: Sabrina WegererWährend meines Studiums habe ich sehr viel Foucault gelesen. Der französische Philosoph ist bekannt für seine Analysen von Macht. Seither kann auch ich nicht mehr durch die Welt gehen, ohne überall selbst feinste Machtverhältnisse zu sehen und zu analysieren, wo denn hier die Handlungsmacht des Individuums beginnt und wo sie aufhört. Welche Subjektpositionen vom Staat […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Während meines Studiums habe ich sehr viel Foucault gelesen. Der französische Philosoph ist bekannt für seine Analysen von Macht. Seither kann auch ich nicht mehr durch die Welt gehen, ohne überall selbst feinste Machtverhältnisse zu sehen und zu analysieren, wo denn hier die Handlungsmacht des Individuums beginnt und wo sie aufhört. Welche Subjektpositionen vom Staat – um mit Foucault zu sprechen – wie genau regiert werden.

Als queere Person spüre ich dieses „regiert werden“ schon lange sehr deutlich. Es sind die kleinen Momente, die ein bisschen stechen und piksen, immer wenn ich realisiere, dass ich gerade aus der Norm falle. Ich habe sie bisher meist in kleinen Dosen gespürt, diese Macht der Normen, zum Beispiel durch seltsame Blicke auf der Straße, Misgendering oder Nicht-Repräsentation in Filmen und Büchern. Doch das hat sich schlagartig geändert, als eine Freundin und ich Anfang des Jahres gemeinsam beschlossen haben, Pflegeeltern zu werden. Noch nie zuvor hatte ich so stark wahrgenommen, wie krass dieser Staat über mein Leben bestimmen kann. Es ist nämlich nicht verboten, als platonische Freund*innen ein Pflegekind aufzunehmen, aber es ist – hier sind sie wieder, die Normen – doch irgendwie seltsam. Wir mussten also genau unter die Lupe genommen werden. Wir wurden zu unserer Wohnform befragt, zu unserer Sexualität und Geschichte, warum und woher und wie lange und wie gut wir uns kennen. Stets mit dem kritischen Blick, den mensch auch einem unbekannten Insekt zuwerfen würde, bei dem noch nicht eingeschätzt werden kann, ob es harmlos ist oder nicht.

Wir haben sie über uns ergehen lassen, diese Verhöre und Überprüfungen, die keines der monogamen, romantischen Heteropaare, die sich ebenfalls für eine Pflegeelternschaft interessierten, absolvieren musste. Mehr noch, wir haben versucht, sie möglichst souverän zu bestehen, um nicht noch zusätzliche „Probleme“ zu bereiten. Es hat sich beschissen angefühlt, so autoritätshörig nach diesen Regeln zu spielen – doch was wäre die Alternative gewesen?

Sophia Foux bastelt an ihrer Elternschaft und daran, sich im staatlichen Behördenapparat möglichst viel Handlungsmacht zurück zu erkämpfen.

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Feminist Superheroines: Kishida Toshiko https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-kishida-toshiko/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-kishida-toshiko/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:47:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=112746 Kishida Toshiko gilt als eine der ersten japanischen Feministinnen. Als Schriftstellerin publizierte sie unter dem Pseudonym Shoen. Geboren 1863 in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie in der Präfektur Kyoto, wurde sie bereits mit 16 Jahren im japanischen Kaiserhaus als literarische Beraterin beschäftigt. Zwei Jahre später verlässt sie den Hof, denn er sei „ein Haus voll schöner Frauen, […]]]>

Kishida Toshiko gilt als eine der ersten japanischen Feministinnen. Als Schriftstellerin publizierte sie unter dem Pseudonym Shoen. Geboren 1863 in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie in der Präfektur Kyoto, wurde sie bereits mit 16 Jahren im japanischen Kaiserhaus als literarische Beraterin beschäftigt. Zwei Jahre später verlässt sie den Hof, denn er sei „ein Haus voll schöner Frauen, voll Langeweile und ein Symbol für die Ausbeutung von Frauen“. So beginnt ihr Kampf für ­Frauenrechte: Sie reist durch Japan und hält öffentliche politische Reden, darin fordert sie etwa den uneingeschränkten Zugang für Frauen zu den japanischen Bildungseinrichtungen. Ihre Rede „Töchter in Käfigen“ bei einem Kongress der Liberalen Partei 1883 führte sogar zu ihrer unverzüglichen Verhaftung. Ihre öffentlichen Reden ermutigten tausende Menschen und brachten die erste japanische Frauenbewegung auf den Weg. laur

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BATTY… prämenstruell https://ansch.4lima.de/batty-praemenstruell/ https://ansch.4lima.de/batty-praemenstruell/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:46:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=112793 ]]> ]]> https://ansch.4lima.de/batty-praemenstruell/feed/ 0 Feminist Superheroines: Sylvia Rivera https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sylvia-rivera/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-sylvia-rivera/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:32:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=111770 Die Trans-Aktivistin Sylvia Rivera hat die US-Lesben- und Schwulenbewegung der 1970er-Jahre entscheidend mitgeprägt. Rivera wurde 1951 in New York geboren, ihre Eltern waren Migrant:innen aus Puerto Rico und Venezuela. Sie war an der Gründung der Gay Liberation Front beteiligt und Mitgründerin der Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries zur Unterstützung obdachloser Drag Queens und trans Personen. […]]]>

Die Trans-Aktivistin Sylvia Rivera hat die US-Lesben- und Schwulenbewegung der 1970er-Jahre entscheidend mitgeprägt. Rivera wurde 1951 in New York geboren, ihre Eltern waren Migrant:innen aus Puerto Rico und Venezuela. Sie war an der Gründung der Gay Liberation Front beteiligt und Mitgründerin der Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries zur Unterstützung obdachloser Drag Queens und trans Personen. Sie selbst verließ bereits mit zehn Jahren ihr Zuhause und schlug sich wohnungslos auf den Straßen New Yorks durch. Ihr ganzes Leben lang setzte sich Sylvia Rivera für die Rechte von Schwarzen trans Personen und trans Personen of Color ein, beklagte dabei immer wieder die fehlende Solidarität mit trans Personen in der LGBTIQ-Bewegung. Bereits 1963 lernte Rivera die Schwarze Aktivistin Marsha P. Johnson kennen, an deren Seite sie an den Stonewall-Riots beteiligt war. Es heißt sogar, sie habe sie ausgelöst: Nachdem Rivera von einem Schlagstock getroffen wurde, hat sie eine Flasche auf einen Polizisten geschleudert, was zum Aufstand geführt habe. skr

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Neurodiversität: existiert https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/ https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:31:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=111781 Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer „Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum […]]]>

Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer

„Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum stärker verwendet wird.“ Hartl berät bei „8ung“ neurodivergente Menschen. „Neurodiversität ist eine Bereicherung für die Gesellschaft. Manche dieser neurologischen Varianten bringen aber für die Menschen, die davon betroffen sind, große Schwierigkeiten mit sich.“

Neurologische Vielfalt anerkennen. Laut aktuellen Studien sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent. Der Begriff kommt aus der Community: Die mehrfach neurodivergente Neurodiversitäts-Aktivistin Kassiane Asasumasu hat ihn im Jahr 2000 geprägt. Er soll alle Menschen inkludieren, die neurologisch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, also nicht neurotypisch sind. Darunter fallen beispielsweise Autist*innen, Menschen mit ADHS, Dyslexie, Tourette, Epilepsie, Parkinson oder psychischen Erkrankungen. Die Bandbreite neurodivergenter Menschen ist groß, es können unterschiedliche Charakteristiken, Erfahrungen und Bedarfe im Vordergrund stehen. Manche neurodivergente Menschen benötigen viel Unterstützung im Alltag, andere können sich stärker anpassen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Barrieren stoßen in einer neurotypischen Welt, die mit ihren Anforderungen, Erwartungshaltungen und Sinneseindrücken für neurodivergente Menschen oft sehr herausfordernd ist. Seit den 1990er-Jahren kämpft die von Autist*innen initiierte Neurodiversitäts-Bewegung für die Rechte von behinderten Menschen, für Entstigmatisierung, Antidiskriminierung und Gleichberechtigung, für das Anerkennen neurologischer Vielfalt. Den Begriff „Neurodiversity“ hat vor 25 Jahren die Autistin und Soziologin Judy Singer eingeführt. ­Mittlerweile sind neurodivergente Personen sichtbarer geworden: in den Medien ebenso wie in der Forschung. Promis wie Paris Hilton oder Hannah Gadsby haben sich als neurodivergent geoutet. Auf Instagram und TikTok klären Aktivist*innen darüber auf, was es bedeutet, mit ADHS zu leben oder autistisch zu sein. Manche Elternteile erfahren durch die Autismus- oder ADHS-Diagnose ihres Kindes, dass sie selbst ebenso in diese Spektren fallen: Autismus und ADHS haben eine starke genetische Komponente.

Sexistischer Bias. Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-​Diagnosen insbesondere bei ­Frauen. Ging man in der geschlechtlich binären Forschung bislang von einer Geschlechtsverteilung von 4:1 aus, so ist mittlerweile klar: Autismus und ADHS waren bei Mädchen/Frauen unterdiagnostiziert, und das lange vorherrschende weiße, männliche Bild von ADHS und Autismus – „der Zappelphilipp“, „der empathielose Autist“ – hat die Realität noch nie adäquat beschrieben. „Gerade bei Frauen ist es wichtig, genau hinzuschauen“, sagt Hartl. „Es gibt immer noch viele Fachleute, die auf neurodivergente Menschen spezialisiert sind, aber bei bestimmten Charakteristiken ADHS oder Autismus ausschließen.“ Jahrzehntelang hatte die Autismus- und ADHS-Forschung vorwiegend Männer im Blick, wodurch auch die Diagnosekriterien einen Bias haben. Autist*innen und Menschen mit ADHS, deren Charakteristiken sich anders zeigen bzw. die sich stark an eine neurotypische Welt anpassen, werden dadurch oft erst spät diagnostiziert.

ADHS. Lia S. hat lange ausgeschlossen, ADHS zu haben. Als sie ihre Psychiaterin eines Tages fragte, ob sie sich auf ADHS testen lassen würde, war S. bereits Ende dreißig. Erst dann habe sie nachgelesen, wie unterschiedlich sich ADHS bei Frauen zeigen kann, erzählt Lia S. ADHS steht für eine „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. Als klassische Charakteristiken gelten Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, doch diese können sich bei jeder Person unterschiedlich zeigen und im Laufe des Lebens verändern. Menschen mit ADHS können in Bereichen wie Zeitmanagement, Aufmerksamkeitsdauer oder Handlungsdurchführung eingeschränkt sein, wissen das jedoch vor der Diagnose nicht und suchen oft die Schuld bei sich – hören sie doch auch von ihrem Umfeld, sie müssten sich nur mehr anstrengen, dann ginge das schon. Laut Studien zeigt sich ADHS bei Mädchen bzw. Frauen oft ohne die klassisch nach außen gerichtete Hyper­aktivität, wodurch sie weniger auffallen. So auch bei Lia S. „Ich bin sehr intelligent, sprachlich begabt, verstehe schwierige ­Theorien“, erzählt S. „Gleichzeitig bin ich in meinem Leben immer hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben. In der Schule war ich in manchen Fächern die Beste, in anderen bin ich durchgefallen.“

Lia S. heißt in Wirklichkeit anders. Da ADHS so negativ besetzt sei, habe sie nur ihren engsten Freund*innen von ihrer ADHS-Dia­gnose erzählt. Entgegen der Vorurteile seien aber viele Menschen mit ADHS sehr sensibel und feinfühlig, kreativ und begeisterungsfähig. Wer so viel Input bekomme, könne auch viel Output geben und für andere da sein, habe im Berufsleben gute Ideen und wertvolle Kontakte. „ADHS ist wie ein Karussell, 500.000 Gedanken auf einmal“, sagt Lia S. „Ganz ADHS-klassisch ist bei mir zum Beispiel, dass ich nie etwas fertigbringen kann. Ich fange viele Dinge an, weil mir die Konzentration auf nur eine Sache fehlt, die kann mein Hirn nicht herstellen. Außer, wenn ich im Hyperfokus bin: Dann konzentriere ich mich nur noch darauf, arbeite stundenlang an einem Text.“ Aber: „Ich priorisiere dann falsch, weil ich den einen Anruf, der nur drei Minuten gedauert hätte und der heute dringend gewesen wäre, nicht mache.“ Auch Ordnung falle ihr schwer – in der Wohnung, in der Organisation von Aufgaben, generell im Leben. Sie verliere schnell die Geduld, werde leicht wütend, vor allem auf sich selbst, erzählt S. Anders als bei vielen Menschen mit ADHS sei das Halten von Freundschaften für sie aber kein Problem – im Gegenteil, sie brauche viel Input von verschiedenen Menschen und habe auffallend viele Freundschaften. „Ich habe viel Energie und schaffe sehr viel. Aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo ich zusammenfalle – typisch für ADHS. Dass man sich letztlich wieder verkalkuliert und über seine eigenen Grenzen geht.“

Verschränkungen. Menschen mit ADHS und Autist*innen bekommen oft eine Reihe anderer Diagnosen, bevor sie erfahren, dass sie (auch) neurodivergent sind: Depression, Angststörung, Borderline. Selbst wenn diese Diagnosen korrekt sein sollten – oft genug sind sie es nicht – erklären sie nur einen Teil der individuellen Schwierigkeiten. Lia S. lebt schon lange mit Depressionen, die auch durch Antidepressiva nicht besser wurden. „Bei mir sind Trauma, ADHS und Depression miteinander verschränkt. Es kann sein, dass meine Depression besser wird, weil ich nun weiß, dass ich ADHS habe. Dadurch kann ich einfacher zugeben, dass ich in manchen Bereichen konkrete Unterstützung benötige“, erzählt S. „Oft heißt es, ADHS sei eine Modediagnose. Aber es geht darum, dass man etwas verbessern will.“ Für S. ist es wichtig, mit dem Konzept von Neurodiversität alle Menschen, deren Gehirne ganz unterschiedlich funktionieren, zu inkludieren. Gleichzeitig sieht sie für ihr eigenes Leben den Begriff der „Störung“ ebenso als passend: „Ich fühle mich in meinem Leben durch ADHS gestört, mein Leben ist ein Wahnsinn, es ist mir oft zu viel.“ Genauso wie bei ihrer körperlichen Behinderung gelte auch für ADHS: „Ich will das nicht wegwischen und so tun, als wäre es ganz normal – es gibt Menschen, die leben mit nichts von alldem. Ich will die Besonderheit, damit zu leben, differenzieren können.“
Es gibt viele Überlappungen unter neurodivergenten Gruppen und mit weiteren Minderheiten: Beispielsweise haben Menschen mit ADHS häufig auch Tics, Dyslexie oder Dyspraxie (motorische Schwierigkeiten); Autist*innen haben öfter Dyspraxie als Nicht-Autist*innen; auch Dyslexie und Dyskalkulie (Schwierigkeiten beim Rechnen) treten oft gemeinsam auf. Autist*innen sind häufiger trans/nicht-binär/agender, lesbisch, schwul, bi- oder asexuell als Nicht-Autist*innen – auch dazu gibt es ­mittlerweile Studien, wenn auch noch keine Erklärung. Eine Hypothese ist, dass sich queere und neurodivergente Personen weniger an sozialen Normen orientieren. Nicht nur die heteronormative Welt kann gequeert werden, sondern auch die neurotypische, so Nick Walker. Die queere, autistische Psychologin verwendet dafür den Begriff „neuroqueer(en)“ – ein Konzept, das Praxis und Identität gleichermaßen sein kann.

Autismus. Fünfzig bis siebzig Prozent der Autist*innen haben ADHS. Imoan Kinshasa hat beide Diagnosen spät und nach vielen ­Fehldiagnosen bekommen. „Ich bin ultragut in medizinischen Sachen, das ist mein Spezialinteresse. Aber als Frau wird das nicht als Spezialinteresse erkannt“, erzählt die angehende Krankenschwester. Studien zeigen neben dem sexistischen Bias in der Autismus- und ADHS-Diagnostik auch einen rassistischen Bias: Schwarze Menschen, indigene Menschen und People of Color sind unterdiagnostiziert. „Schwarz zu sein, macht es nicht einfacher, als neurodivergent diagnostiziert zu werden. Wenn schon die blonde, blauäugige, konventionelle Durchschnittsfrau keine Diagnose bekommt – was soll ich dann machen, ich habe erst recht keine bekommen“, berichtet Kinshasa. Im Rückblick sei Autismus bereits in ihren Schulzeugnissen sichtbar, doch erst durch TikTok-Videos von Autist*innen habe sie verstanden: „Das bin doch ich, ich mache das auch so.“ Autismus ist ein Spektrum: Bereiche wie Kommunikation, Verhaltensweisen, Wahrnehmung und Interessen können bei jeder autistischen Person unterschiedlich ausgeprägt sein. So unterschiedlich, dass Autist*innen gern die Aussage zitieren: „Kennst du eine autistische Person, dann kennst du eine autistische Person.“ „Autismus macht mich in Bereichen wie der Kommunikation schwach, oder es stört mich gerade ein bestimmter Stoff auf der Haut und lenkt mich ab. Aber in vielen Bereichen macht mich Autismus stärker: Ich sehe Details und erkenne Muster, die andere nicht sehen. Ich höre sehr gut zu. Ich kann Aufgaben superschnell und perfekt erledigen. Aber ich muss mich vielleicht zwei Wochen auf ein Telefonat vorbereiten. Das macht niemanden besser oder schlechter, sondern einfach anders. Und ich finde, das ist zu akzeptieren“, sagt Imoan Kinshasa. Doch autistische Menschen würden oft unterschätzt. Sie selbst habe früher Ableismus internalisiert und dachte, sie könne als Autistin mit ADHS nicht als Krankenschwester arbeiten. „Aber gerade in der Medizin ist es hilfreich, dass ich in einem bestimmten Ablauf keinen Punkt auslasse. Die Protokolle habe ich alle im Kopf.“ Schwierig sei aber oft, soziale Kontexte zu verstehen, was zu Missverständnissen führt.

Barrieren abbauen. „Wenn ich anderen sage, dass ich autistisch bin und ADHS habe, ist das kein Grund, mich zu bemitleiden. Es ist kein Krebs im Endstadium. Es ist nur ein Hinweis, dass man überlegt, wie man mit mir umgeht. Dass man zum Beispiel bei Aktivitäten überlegt, warum ich nicht bei der Gruppe sitze und sagt: Das ist okay, sie braucht ihre Pause, sie ist Autistin“, so Imoan Kinshasa. Seit der Diagnose sei sie ein freierer Mensch, müsse weniger maskieren, sich also weniger an neurotypische Menschen anpassen. Auch Michaela Hartl erlebt in ihrer Praxis, dass die meisten nach ihrer Diagnose erleichtert sind. Viele ihrer Klient*innen hätten durch die Anstrengung, im System zu funktionieren, und durch das oft jahrzehntelange Maskieren ein autistisches oder ADHS-Burnout. Ihr Rat: „Es geht nicht darum, einen Menschen zum Beispiel mit allen anderen Autist*innen in eine Autismus-Schublade zu stecken. Sondern zu fragen, was anderen Autist*innen geholfen hat, sich besser entfalten zu können.“ •

Bettina Enzenhofer schreibt als freie Journalistin über Gesundheitsthemen und hat das feministische Online-Gesundheitsmagazin Our Bodies gegründet: ourbodies.at

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Als Teenager ist einem alles peinlich. Die Eltern zum Beispiel, wenn der Vater am Strand einen Badeslip trägt, statt – wie alle anderen Männer – Badeshorts. Auch das eigene Aussehen war mir lange unangenehm, ein Klassiker der Teenagerprobleme.

In meinem Fall gehörte aber auch die Musik dazu, die ich in der Öffentlichkeit nur heimlich hörte. In Dauerschleife klang aus meinen Kopfhörern Pop aus Tokyo und Seoul – aber wehe, jemand bekam davon Wind. Sobald ich in die Nähe des Schulhofs kam, drehte ich die Musik leise.

Zehn Jahre später könnte ich mich fragen, was meine Musik von jener der anderen unterschied, doch die Antwort liegt auf der Hand: sehr wenig. Ich hörte japanische Singer-Songwriter, die ein Liebeslied nach dem anderen raushauten, sie waren Japans Taylor Swifts und ­Rihannas. Ich hörte koreanische Männerbands, die in ihren Musik­videos Tänze aufführten, und reiste bis nach Paris, um auf ihren Konzerten zu kreischen – wie es andere bei Coldplay taten. Aber alles, was nicht der amerikanischen oder deutschen Mainstreamproduktion angehörte, wurde bespöttelt. Und das wollte ich in der Schule um jeden Preis vermeiden: Ich hatte keine Lust, den Stempel der Außenseiterin zu haben.

Seit meinem Schulabschluss sind zehn Jahre vergangen, ein bisschen ist ost-asiatischer Kitsch auch in Europa angekommen. Angefangen mit „Gangnam Style“ hat koreanische Popmusik auch dank TikTok an Popularität gewonnen, ganz vorn mit dabei sind BTS und Blackpink. Wirklich Mainstream ist ihre Musik in Europa trotzdem nicht. Heartthrobs sind Jungs wie jene von BTS für die meisten auch nicht, dafür sind sie für nicht-asiatische Augen nicht „männlich genug“ – als gäbe es eine globale Definition der Männlichkeit. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, auch beim Pop. Aber nicht, wenn der Unterschied lediglich in Sprache und Aussehen liegt.

Shoko Bethke ist Kolumnistin von neuland und Nachrichtenchefin bei der taz Tageszeitung. Außerdem schreibt sie als freie Autorin für weitere Medien.

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Die FILMLÖWIN empfiehlt:
„Past Lives“

Was wäre gewesen, wenn? Denken wir an eine alte, unerfüllte oder einfach durch äußere Umstände verunmöglichte Liebe zurück, lässt sich diese Frage schon mal stellen. In Celine Songs berührendem Debütfilm sind es Nora und Hae Sung, deren Leben nach der Auswanderung von Noras Familie getrennt wird. Als Zwölfjährige zieht Nora von Seoul nach Toronto, erst viele Jahre später treffen die beiden online wieder aufeinander, bevor der Kontakt erneut abbricht. Doch eines Tages beschließt Hae Sung nach New York zu reisen, um seine alte Liebe wiederzusehen. Nora ist inzwischen glücklich verheiratet. Doch die Begegnung mit Hae Sung wird zu einer emotionalen Reise in die vertraute Vergangenheit. Was die meisten Geschichten zu einem Love-Triangle-Eifersuchtsdrama machen würde, inszeniert Celine Song in „Past Lives“ als offene, herzerwärmende Ausverhandlung der Gefühle aller drei Personen und ihrer sehr unterschiedlichen Positionen. Die Sensibilität seiner Figuren und ihr bedachter Umgang miteinander bildet die große Stärke des Films. Nora und ihr Mann Arthur leisten in ihrer Beziehung beide viel emotionale Arbeit. Sie nehmen Verunsicherung nicht als Schwäche wahr, sondern betrachten sie als Anlass zum offenen Gespräch und zeigen den Mut, sich gegenseitig zu vertrauen.

Bianca Rauch

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Feminismus ist alles https://ansch.4lima.de/feminismus-ist-alles/ https://ansch.4lima.de/feminismus-ist-alles/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:26:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=111778 In Kuba organisieren sich feministische Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen – trotz staatlicher Repressionen. Eine Reportage von Linda Peikert. Am Himmel über Havanna ist keine Wolke zu erkennen. Es hat über dreißig Grad im Schatten, die Straßen der kubanischen Hauptstadt sind belebt. Ein Mann steht hinter einem mobilen Gemüsestand und verkauft Tomaten. Der Bäcker hat […]]]>

In Kuba organisieren sich feministische Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen – trotz staatlicher Repressionen. Eine Reportage von Linda Peikert.

Am Himmel über Havanna ist keine Wolke zu erkennen. Es hat über dreißig Grad im Schatten, die Straßen der kubanischen Hauptstadt sind belebt. Ein Mann steht hinter einem mobilen Gemüsestand und verkauft Tomaten. Der Bäcker hat geschlossen. Wie meistens ab Mittag ist Brot schon ausverkauft. Eine Frau schleppt einen Reissack, eine andere, mit Kind an der Hand, ruft ihr entgegen: „Wo gab es heute Reis?“

Eine häufig gestellte Frage, denn Essen, Medikamente und andere Dinge des täglichen Lebens sind oft Mangelware. Kuba steckt in einer schweren Krise. Viele sagen, es sei die schlimmste seit den 1990er-Jahren. Erst Corona, dann eine Verschärfung US-amerikanischer Sanktionen. Und auch der Tourismus hat sich seit der Pandemie nicht wieder erholt. Viele Restaurants sind so leer wie ihre Speisekarten. Seit der Machtübernahme durch Fidel Castro sind nicht mehr so viele Menschen Richtung USA geflüchtet.

Welle an Femiziden. Damarys Benavides hat leuchtend blaue Braids und ein mitreißendes Lachen. Sie kommt gerade von einem Musikvideodreh im Zentrum von Havanna. „Durch diese Welle des Feminismus, die uns in ganz Lateinamerika erreicht hat, habe ich festgestellt, wer ich sein möchte und gesehen, was Frauen alles erreichen können“, sagt Damarys. Daraufhin habe sie angefangen, Lieder und Gedichte zu feministischen Themen zu schreiben und bei feministischen Projekten mitzuarbeiten. „Frauen werden oft als Objekte wahrgenommen. Und es liegt an uns, uns zu verteidigen“, sagt die Rapperin entschlossen. Denn das sei dringend nötig. „Wir befinden uns momentan mitten in einer Welle von Femiziden, Missbrauch und Gewalt gegen Frauen“, berichtet Damarys.

So viel Gewalt gegen Frauen hätte es bisher nicht gegeben – oder man habe es eben nicht mitbekommen, weil nicht darüber berichtet wurde. Das sei schwierig zu beurteilen, denn Presse und Fernsehen werden von der kubanischen Regierung gesteuert. Seit der Pandemie gibt es jedoch Internetanschluss auf dem Inselstaat. Mit dem Internet komme auch Vernetzung. Die Stimme von Aktivist*innen oder unabhängigen Blogger*innen würden endlich gehört. Davor konnte man zwar mit einer Art Telefonkarte an öffentlichen Plätzen mit dem Smart­phone online gehen, aber das war teuer und aufwändig.

Über Gewalt gegen Frauen und Femizide wird heute in Sozialen Medien diskutiert. In den ersten elf Wochen dieses Jahres soll es in Kuba laut der Organisation Cubalex zu 19 Femiziden gekommen sein. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher, denn es sind nur feministische Aktivist*innen, die mit Hilfe von Angehörigen und unabhängigen Journalist*innen versuchen, die selbstrecherchierten Fakten zu publizieren und mit einer Statistik zu dokumentieren. Die kubanische Regierung hingegen spielt die Gewalt im eigenen Land herunter.

Vorsichtiger Aktivismus. „Wir Feministinnen versuchen Zufluchtsorte für die Betroffenen zu schaffen, aber vor allem brauchen wir ein explizites Gesetz, das Frauen besser vor Gewalt schützt“, sagt Damarys. Sie ist überzeugt, dass viele der Gewalttaten gegen Frauen verübt werden, weil die Männer keine Konsequenzen zu fürchten hätten. Sie und ihre Genossinnen schreiben Briefe an die Regierung oder organisieren Gesprächsrunden. Doch Aktivismus wie anderswo ist in Kuba undenkbar.

Eine Demonstration anzumelden ist fast unmöglich, sogar eine Demo zum Weltfrauentag wurde nicht genehmigt. Politische Kampagnen und nichtstaatliche Organisationen, aber auch Treffen mit einer größeren Anzahl von Menschen sind in Kuba verboten. Doch Damarys glaubt dennoch an die Kraft des kubanischen Feminismus: „Es ist kein Kampf um Macht, Wirtschaft, Politik oder nur um Körper. Es geht um viel mehr: Feminismus ist alles. Wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, Frauen zu akzeptieren, das Geschlecht, das alle zur Welt bringt, wenn sie dem keinen Wert geben kann, verliert das Leben selbst an Wert“, sagt Damarys.

„Das ist gelogen“. In einer Erdgeschosswohnung in einem Wohnviertel Havannas sitzen Beatriz und Alejandra auf einem bunt gemusterten Sofa. Die zwei Freundinnen heißen eigentlich anders, aber sie haben Angst vor Repressionen durch die kubanische Regierung und möchten lieber anonym bleiben.

„Laut der kubanischen Regierung ist hier alles perfekt. In Kuba passiere Frauen nichts Schlimmes, heißt es, doch das ist gelogen“, sagt Alejandra. Die beiden Freundinnen sind um die dreißig. Lange sei ihnen beiden nicht bewusst gewesen, wie viel Gewalt es gegen Frauen in Kuba gebe. „Das Internet und Smartphones waren für uns ein Tor zur Welt“, sagt Alejandra. „Früher hatten wir weniger Angst. Wir haben nicht mitbekommen, was passiert. Das war von der Politik bestimmt so gewollt“, stimmt Beatriz zu. Seit der kubanischen ­Revolution hat sich die Situation der Frauen durchaus verbessert, räumen sie ein. Vor der Revolution haben viele Frauen als Hausangestellte gearbeitet und hatten kein Recht auf Schulbildung. Heute besuchen sie Universitäten, üben sämtliche Berufe aus. Auch die Gehälter wurden angeglichen: Gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Nach der Revolution wurden auch Schwangerschaftsabbrüche möglich, seit Mitte der 1960er sogar in staatlichen Krankenhäusern. Bereits 1960 wurde die Federación de Mujeres Cubanas gegründet, eine staatliche Organisation zur Gleichstellung und Emanzipierung der Kubanerinnen. „Aber ich sehe heute keine Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung“, kritisiert Beatriz.

Reformen. Zuletzt hat Präsident und Parteichef Miguel Díaz-Canel das kubanische Familiengesetz 2022 umfassend reformiert – als Reaktion auf den Druck feministischer und queerer Organisationen. Aber auch der Präsident selbst nannte die Reform einen überfälligen Schritt. Das neue Gesetz legalisierte nicht nur die gleichgeschlechtliche Ehe, auch Reformen beim Adoptionsrecht, die Legalisierung von Leihmutterschaft sowie künstlicher Befruchtung wurden umgesetzt. Den meisten Feministinnen reicht das jedoch längst nicht aus.
Für Beatriz und Alejandra kommt einiges zusammen: Die Gewalt gegen Frauen und Queers, aber auch die Krise, in der der Inselstaat steckt, seit sie sich erinnern können. Die Gehälter sind zu niedrig und reichen kaum für Miete und Essen. Oft leben sie von Tag zu Tag. Es fehlen Medikamente, die Regale in den Apotheken sind so leer wie die der Lebensmittelläden. „Ich habe keine Motivation mehr, in diesem Land etwas zu verändern und die Kraft aufzubringen, mich in einer feministischen Gruppe zu organisieren“, sagt Alejandra. „Ich konzentriere mich darauf, schnellstmöglich das Land zu verlassen.“

„Ich glaube dir.“ Beatriz hingegen ist in der Pandemie auf die feministische Gruppe „yo si te creo“ gestoßen. Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Ja, ich glaube dir“. Die Aktivistinnen setzen sich gegen psychische, sexuelle, physische Gewalt gegen Frauen ein. Auch diese Art der feministischen Arbeit konnte erst durch den besseren Zugang zum Internet eine breitere Öffentlichkeit erreichen.

Außerdem ist einiges in Bewegung geraten: Das oppositionelle Onlinemagazin „El Estornudo“ hat zahlreiche Zeuginnenaussagen gegen Sänger und Parteimitglied Fernando Bécquer gesammelt. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch. Wegen seines Status als Parteimitglied schien für viele eine Anzeige gegen Bécquer aussichtslos zu sein. „Ich war eine der Frauen, die ihn angezeigt haben“, sagt Beatriz. „Dieser Mann hat versucht, sich unter dem Mantel der Revolution und des Patriarchats zu verstecken, aber nicht mit uns.“ Den Schmerz darüber, was er ihr angetan hat, konnte die Anzeige nicht lindern. Aber es gebe ihre Hoffnung, dass sich Vergewaltiger in Zukunft nicht mehr in Sicherheit wiegen könnten. Bécquer wurde inzwischen zu fünf Jahren Haft verurteilt. •

Linda Peikert arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Feminismus, soziale Gerechtigkeit und Außenpolitik.

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World’s Worst Feminist https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-6/ https://ansch.4lima.de/worlds-worst-feminist-6/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:26:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=111797 ]]>
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