Lea Susemichel – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 09 Dec 2025 11:06:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Lea Susemichel – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage:  Kürzen und bestrafen https://ansch.4lima.de/an-sage-kuerzen-und-bestrafen/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kuerzen-und-bestrafen/#respond Tue, 09 Dec 2025 11:06:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=131320 Von Brigitte Theißl „In Österreich soll jedes Mädchen frei, sichtbar und selbstbestimmt aufwachsen können. Ohne Zwang, ohne Angst und vor allem ohne vorgeschriebene Rolle“, sagt Claudia Plakolm, Ministerin für Familie, Integration und Europa. Es ist der zweite Anlauf einer ÖVP-geführten Regierung, ein Kopftuchverbot für Kinder in Schulen durchzusetzen, nachdem der Verfassungsgerichtshof (VfGH) schon 2020 die […]]]>

Von Brigitte Theißl

„In Österreich soll jedes Mädchen frei, sichtbar und selbstbestimmt aufwachsen können. Ohne Zwang, ohne Angst und vor allem ohne vorgeschriebene Rolle“, sagt Claudia Plakolm, Ministerin für Familie, Integration und Europa. Es ist der zweite Anlauf einer ÖVP-geführten Regierung, ein Kopftuchverbot für Kinder in Schulen durchzusetzen, nachdem der Verfassungsgerichtshof (VfGH) schon 2020 die von Türkis-Blau geschmiedete Regelung kassiert hatte. Sie greife nur Muslime heraus – was dem Gebot der religiösen und weltanschaulichen Neutralität des Staates widerspreche, argumentierte der VfGH damals. Auch das neue Gesetz zielt allein auf den Islam, die Bundesregierung aber sieht sich aufgrund neuer Sachverhalte auf sicherem Boden.
Mädchen, die frei und selbstbestimmt aufwachsen können: Gegen die Vision der Ministerin ist freilich nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. Und auch die „unvoreingenommene Persönlichkeitsentfaltung“, die der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen durch das Kopftuchverbot gefördert sieht, klingt in der Theorie erst mal schön.

In der Praxis aber ist die populistische Maßnahme wohl zuallererst ein Gesetz, das die Regierung nicht viel kostet – und trotzdem auf die „Wir und die anderen“-Erzählung einzahlt. Durchsetzen müssen es letztlich Lehrerinnen an den Pflichtschulen, die vielerorts jetzt schon völlig überlastet sind und die das Verbot künftig zu „Bekleidungs-Sheriffs“ ernennt, wie das AK-Bildungsexpertin Ilkim Erdost in einem Kommentar treffend formuliert. Wird es Mädchen stärken, wenn Lehrerinnen sie und ihre Familie als Problemfall ins Visier nehmen? Werden Buben, die nur verhüllte Mädchen und Frauen als anständig begreifen, durch ein Kopftuchverbot zum emanzipatorischen Wandel motiviert? Der Schluss liegt nahe, dass eine solche Regelung vielmehr Geschenk sein soll für jene, die Muslim*innen im Zentrum jeden gesellschaftlichen Missstands verorten und ein Wohlfühlpaket für jene, die sich um „unterdrückte Mädchen“ sorgen, sich aber nicht weiter mit der komplexen Herausforderung beschäftigen wollen. Symbolpolitik, einmal mehr ausgetragen auf dem Rücken von Frauen und Mädchen.

Dabei gäbe es jede Menge zu tun, um Mädchen im Speziellen und das Schulsystem insgesamt zu stärken. Erst im vergangenen Sommer schlugen Mädchenberatungsstellen bei einer gemeinsamen Pressekonferenz Alarm. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Mädchen deutlich häufiger an psychischen und physischen Beschwerden als Buben leiden, auch queere Jugendliche sind besonders betroffen. Auch die ökonomische Lage bereitet vielen Jugendlichen Sorgen, gerade Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern rutschen zunehmend in die Armut ab. Statt das soziale Netz also auszubauen, liefern sich Österreichs Bundesländer ein Wettrennen in sozialpolitischen Grausamkeiten. Die FPÖ-geführte steirische Landesregierung etwa kürzt bei Alleinerziehenden und Personen, die in einer Frauen- oder Gewaltschutzeinrichtung untergebracht sind. Sozialhilfebeziehenden drohen bei wiederholtem Fehlverhalten künftig hohe Verwaltungsstrafen – wer nicht zahlen kann, soll im Gefängnis landen. Auch beim Verstoß gegen das geplante Kopftuchverbot droht den Eltern im Extremfall eine Geldstrafe von 150 bis 800 Euro oder eine Ersatzfreiheitsstrafe von bis zu zwei Wochen.

Von einer „krassen Themenverfehlung“ sprechen die sozialdemokratischen Lehrer (SLÖ) angesichts des Gesetzesentwurfs. „Die Qualität des allgemeinen Kindeswohls“ hänge nicht an „einer Minderheit kopftuchtragender Mädchen“, sondern etwa an der Abmeldung von Mädchen vom Schwimm- oder Sportunterricht und anderen Schulveranstaltungen – und der frühen Trennung nach dem zehnten Lebensjahr. Ganz im Gegensatz zum Kopftuch nämlich nimmt Österreich die herrschende Bildungsvererbung ohne große Diskussionen seit Jahrzehnten hin (siehe S. 25). Die besten Chancen, sich selbstbestimmt zu entwickeln, haben hierzulande all jene Kinder, deren Familien über ausreichend Bildungskapital und das nötige Kleingeld verfügen. Jedes fünfte Kind ist armutsgefährdet, diese frühe Mangelerfahrung hat oft lebenslange gesundheitliche Folgen. Um dieses Kindeswohl ins Zentrum zu stellen, braucht es freilich umfassende Maßnahmen und finanzielle Mittel, eine Umverteilung von oben nach unten, die im Boulevard weniger gut ankommt.

„Der Gesetzesvorschlag greift weder zu geeigneten noch erforderlichen Maßnahmen, um das gesetzte Ziel ‚Schutz vor Segregation und Unterdrückung von unmündigen minderjährigen Mädchen, insbesondere aus muslimischen Familien‘ zu erreichen“, richtet indes die Gleichbehandlungsanwaltschaft der Regierung zum Kopftuchverbot aus.

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an.sage: Offener Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/#respond Tue, 21 Oct 2025 13:05:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=130149 Von Lea Susemichel Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten. Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor […]]]>

Von Lea Susemichel

Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten.

Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor unserer aller Augen demontiert. Obwohl der Kampf gegen den Faschismus in den USA bisher besonders identitätsstiftend und eng mit dem Nationalstolz verknüpft war – kein patriotischer US-Blockbuster ohne Nazischurken –, vollzieht sich die Demontage dort rasend schnell. Präsident Trump hat nicht nur die Antifa als terroristische Organisation eingestuft, sondern auch alle, die mit der „Antifa verbündet“ sind. Mit dieser so vagen wie weiten Definition kann nun potenziell jedes zivilgesellschaftliche Engagement, das sich gegen Neonazismus richtet, kriminalisiert werden.

„Die zweite Trump-Administration ist nicht dieselbe wie die erste: Sie ist viel offener faschistisch und autoritär und viel stärker darauf konzentriert, die Machtzentren der Opposition zu zerstören“, kommentiert der Historiker Mark Bray, der zur Geschichte des Antifaschismus forscht und an der Rutgers University lehrt. Mitte Oktober musste er nach Morddrohungen mit seiner Familie aus den USA nach Spanien fliehen. Die Todesdrohungen, die er erhalten hatte, waren das direkte Resultat einer Doxing-Kampagne von Turning Point USA, der Organisation des ermordeten Rechtsextremen Charlie Kirk. Es waren auch mehrheitlich Vertreter*innen von Turning Point, die im Oktober zu Trumps „Antifa-Roundtable“ ins Weiße Haus geladen wurden. Dabei wurde antifaschistischer Widerstand mit organisierter Kriminalität und Drogenkartellen gleichgesetzt, gegen die notfalls auch militärisch vorgegangen werden sollte.

Erschreckend ist auch der Antisemitismus, der seit der politischen Instrumentalisierung von Charlie Kirks Ermordung durch die MAGA-Bewegung völlig unverhohlen ist. So wird behauptet, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter dem Mord an Kirk (andere halten freilich weiterhin daran fest, dass der internationale „Transterror“ verantwortlich zu machen sei), und es sei jüdisches Kapital, das die antifaschistische Linke finanziere. Die Heraufbeschwörung eines „inneren Feindes“ – dem die Antifa, Migrant:innen, die Woken, trans Menschen und im Zweifelsfall sogar Demokrat:innen zugerechnet werden – folgt dabei dem Lehrbuch autoritärer Machtergreifung, an der auch die ultra-rechtsliberale Tech-Broligarchie begeistert mitwirkt. Widerstand an sich wird kriminalisiert und Antifaschismus ist der neue Faschismus, den es zu bekämpfen gilt. Ein propagandistischer Wahnsinn, der in den vergangenen Jahren mit dem Kampf gegen „Wokeness“, die vermeintlich die wahre Bedrohung unserer Demokratie sei, gut vorbereitet wurde und dem leider auch von links nicht geschlossen entgegengetreten wurde. Es wäre nun an der Zeit.

Auch Ungarn stuft die Antifa per Dekret als terroristisch ein, der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders hat ebenfalls einen entsprechenden Antrag eingebracht. Maja T. sitzt weiterhin in Isolationshaft in Ungarn, wohin die deutschen Behörden T. aufgrund des Vorwurfs eines Angriffs auf Rechtsextreme beim „Tag der Ehre“ in Budapest 2023 unzulässigerweise ausgeliefert haben. Bei einer Verurteilung drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Ein Kanzler Kickl, der auf dem letzten FPÖ-Parteitag die „dritte Republik“ und eine „Zeitwende,“ einen „großen Systemwechsel“ heraufbeschworen hat, wäre sicher ganz vorne mit dabei gewesen beim Antifa-Verbot. In Österreich haben die Angriffe auf Antifaschismus durch die FPÖ schließlich Tradition. Hierzulande wurde auch vorgemacht, wie so ein Anti-Terroreinsatz gegen Antifaschismus konkret aussehen kann, als im Sommer am Erinnerungs- und Gedenkort Peršmanhof, auf dem 1945 zwei Familien mit sieben Kindern von SS-Schergen ermordet wurden, eine Polizeirazzia mit Hundertschaft und Hubschrauber stattfand – wegen eines antifaschistischen Zeltlagers dort.
Der Einsatz wird nun zwar geprüft, geprüft wird aber auch, ob eine teilnehmende Person mit deutscher Staatsbürgerschaft aus Österreich ausgewiesen werden kann. Wir sind alle Antifa.

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Transgenerationale Weitergabe von NS-Erziehung? Kindererholungsheime als Orte der Gewalt https://ansch.4lima.de/transgenerationale-weitergabe-von-ns-erziehung-kindererholungsheime-als-orte-der-gewalt/ https://ansch.4lima.de/transgenerationale-weitergabe-von-ns-erziehung-kindererholungsheime-als-orte-der-gewalt/#respond Sat, 07 Jun 2025 12:51:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=127857 an.schläge-Gespräch mit Anja Röhl

Die Autorin Anja Röhl widmet sich in ihren Büchern „Das Elend der Verschickungskinder“ und „Heimweh – Verschickungskinder erzählen“ dem System der Kinderverschickungen in Westdeutschland, um ein bisher unerforschtes Kapitel westdeutscher Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten.
12 Millionen Kinder wurden dort als Klein- und Vorschulkinder, alleine und in Sonderzügen in weit entfernte Kindererholungsheime verbracht, wo sie traumatische Erfahrungen machen mussten . Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete Röhl die Initiative Verschickungskinder (www.verschickungsheime.de), um nicht nur das Trauma der Verschickungskinder öffentlich zu machen, sondern auch um Menschen eine Stimme zu geben, denen als Kind nicht zugehört wurde. Im Gespräch mit an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel spricht die Stieftochter von Ulrike Meinhof über ihre Forschung und die transgenerationale Weitergabe von NS-Erziehung.

Freitag 13.6., 18.30
Ort:

WUK-Werkstätten und Kulturhaus
Bereich Gesellschaftspolitische Initiativen
Währinger Straße 59
1090 Wien




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Demokratische Digitalisierung https://ansch.4lima.de/demokratische-digitalisierung/ https://ansch.4lima.de/demokratische-digitalisierung/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:25:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=126094 Ob es um den Energiehunger, die Enteignung von geistigem Eigentum oder andere ethische Fragen geht – bei der Nutzung von KI gibt es viele Probleme. Lea Susemichel hat die Expertin Barbara Wimmer gefragt, wie wir es besser machen können. an.schläge: Inzwischen ist evident, dass Algorithmen rassistische und sexistische Stereotype reproduzieren. Wie ließe sich hier gegen­steuern?Barbara […]]]>

Ob es um den Energiehunger, die Enteignung von geistigem Eigentum oder andere ethische Fragen geht – bei der Nutzung von KI gibt es viele Probleme. Lea Susemichel hat die Expertin Barbara Wimmer gefragt, wie wir es besser machen können.

an.schläge: Inzwischen ist evident, dass Algorithmen rassistische und sexistische Stereotype reproduzieren. Wie ließe sich hier gegen­steuern?
Barbara Wimmer: Die KI-Systeme wurden mit historischen Daten trainiert, die oft bestehende Ungleichheiten und gesellschaftliche Vorurteile widerspiegeln. Wenn diese Daten nicht sorgfältig gefiltert werden, können die Algorithmen systematische Diskriminierung lernen und sogar verstärken. Gegensteuern ließe sich dadurch, dass die Datenbasis sorgfältig geprüft wird, um bestehende Verzerrungen zu minimieren. Diverse Entwickler*innen-Teams helfen dabei sicher mehr als ein reiner Boys-Club.

Offenbar gab es Vorfälle, bei denen KI-Modelle wie Opus-3 und ChatGPT gelogen haben, um nicht ausgeschaltet zu werden. Was ist dabei genau passiert? Wie der Dystopie von der „Evil AI“ vorbeugen, die die Weltherrschaft an sich und uns alle in den Abgrund reißt?
Die Gefahr, dass Menschen KI nutzen, um sich Macht oder Kontrolle anzueignen, ist aktuell auf jeden Fall größer, als dass eine KI die Weltherrschaft an sich reißt. Aber: Ja, das mit dem „Lügen“ ist wirklich passiert. Es bedeutet aber nicht, dass diese KI-Modelle ein Bewusstsein entwickelt haben. Sie haben auch nicht klassisch „gelogen“, sondern lediglich innerhalb ihrer programmierten Logik gehandelt. Diese Modelle wurden darauf trainiert, „um jeden Preis“ ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Genau das haben sie eben etwas zu wörtlich genommen. Das Beispiel zeigt, dass es ­extrem wichtig ist, dass wir den KIs mit unseren Befehlen klare Grenzen kommunizieren und bereits bei der Entwicklung ethische Leitlinien einbauen.

Eine zentrale Kritik lautet, dass KI nur durch die Enteignung von geistigem Eigentum in globalem Ausmaß entwickelt werden konnte. Und dass sie zur Enteignung unzähliger Menschen führen wird, deren Jobs künftig unnötig werden. Wie sähe eine gerechte Lösung aus?
Ja, KI basiert auf Daten, die von Menschen geschaffen wurden. Kunstwerke, Texte, Bilder: All das wurde großteils ohne Zustimmung und Vergütung zum Training von KIs verwendet. Das geschah wissentlich. Es laufen hierzu aktuell einige Musterprozesse in den USA. Natürlich sollten Urheber*innen fair dafür bezahlt werden, sei es über Lizenzgebühren, Tantiemen oder Gewinnbeteiligung. Bezüglich der Wegrationalisierung von Jobs, die es auf jeden Fall geben wird, könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen, das durch KI-Gewinne finanziert wird, eine Lösung sein. Oder: Unternehmen, die Arbeitsplätze durch KI ersetzen, könnten dazu verpflichtet werden, in die soziale Absicherung der Betroffenen zu investieren.

Der Stromhunger der großen Rechenzentren führt in den USA schon zu steigenden Energiepreisen und dazu, dass jetzt schon über eigene kleine Atomkraftwerke nachgedacht wird. Müsste die Nutzung nicht schon alleine deshalb eingeschränkt werden?
Der Energieverbrauch von KI ist tatsächlich ein massives Problem. Hier bräuchte es mehr Forschung zur Frage, wie sich KI energieeffizienter machen lässt. Wie schaffen wir es, dass KI weniger Ressourcen benötigt, die Modelle aber genauso leistungsfähig bleiben? Reicht das alles nicht aus, müsste man darüber nachdenken, die Nutzung stärker zu regulieren. Brauchen wir wirklich für jede Kochrezeptabfrage eine energiehungrige KI?

Nicht erst Elon Musks Unterstützung für Rechtsextreme weltweit und Mark Zuckerbergs Einknicken vor Trump machen deutlich: Es braucht unbedingt unabhängige soziale Medien. Was wäre dafür zu tun? Ist z. B. Bluesky eine gute Alternative?
Elon Musk hofiert Rechtsextreme auf X. Mark Zuckerberg knickt aus Profitgier gegenüber Trump ein und lässt es zu, dass Frauen auf Facebook künftig als „Haushaltsgegenstände“ bezeichnet werden dürfen: Das zeigt in der Tat, dass solche Plattformen nicht in die Hände einiger weniger Milliardäre gehören. Unabhängige soziale Medien, die Diversität und Inklusion leben und durch keine Algorithmen gesteuert sind, die Hass und Wut fördern, könnten eine echte Alternative zu den Tech-Giganten sein. Es liegt aber an uns Nutzer*innen, umzusteigen: „JA, ich will mich für eine demokratischere digitale Zukunft einsetzen!“ Bluesky und Mastodon sind als dezentrale Plattformen gute technische Alternativen.

Einige Kritiker:innen mahnen, die vermeintliche Unausweichlichkeit von immer ­weitreichenderer Digitalisierung zu hinterfragen. Sollten wir auf eine entsprechende Selbstbeschränkung setzen? Oder wäre eine nach ethischen Richtlinien gestaltete, faire und inklusive Digitalisierung sinnvoller?
Technologie sollte niemals zum Selbstzweck geschaffen werden, sondern nur um uns Menschen zu dienen. Insofern: Ja, wir müssen die Digitalisierung aktiv mitgestalten. Die wichtigste Frage dabei: Welche Probleme wollen wir damit lösen? Eine unreflektierte Digitalisierung, die nur auf Wachstum um jeden Preis setzt, ist kein Fortschritt. Die Gestaltung darf nicht nur in den Händen von Tech-Konzernen liegen. Marginalisierte Gruppen werden in digitalen Prozessen besonders oft übersehen, und insgesamt bräuchte es wesentlich mehr Inklusion.

Bei der Weiterentwicklung von KI geht es derzeit in erster Linie um schnelle Kommerzialisierbarkeit, nicht um den langfristigen gesellschaftlichen Nutzen. Wie sähe denn eine Utopie aus, die bei der Weiterentwicklung von KI stattdessen das Gemeinwohl im Sinn hat?
Wir dürfen nicht denselben Fehler wie bei Social Media machen und es zulassen, dass ausschließlich dieselben profitorientierten US-Konzerne KI gestalten. Stellen wir uns vor, KI wäre ein öffentliches Gut: Regierungen, Bildungsinstitutionen und NGOs könnten sie nutzen, um Herausforderungen wie den Klimawandel oder soziale Ungleichheit zu bewältigen. Die Entwicklung würde öffentlich finanziert und Transparenz wäre nicht nur ein Schlagwort. Gewinne, die durch KI entstehen, würden fair an alle verteilt. Automatisierte Arbeitsprozesse würden zu einer Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn führen. Rassistische oder sexistische Muster würden durch die KI nicht verstärkt werden, sondern diese würde dazu beitragen, die Vorurteile zu überwinden. All das wäre – mit einem radikalen Paradigmenwechsel – möglich.

Barbara Wimmer ist preisgekrönte Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragende aus Wien. Sie widmet sie sich vor allem den gesellschaftlichen Folgen, die durch neue Technologien entstehen, sowie der zunehmenden Vernetzung aller Dinge.

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Den Blick zurückwerfen https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/ https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:14:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=126098 Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird. an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn […]]]>

Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird.

an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn sie je nach Zeitgeist immer wieder neu erzählt wird. Und deswegen gäbe es jetzt auch eine Neuerzählung von Sisi als feministischer Galionsfigur. Tatsächlich war sie ja eigentlich Antifeministin, es gibt Statements von ihr, wonach Frauen sich nicht in politische Geschäfte einmischen sollten und sie selbst sich nicht für Politik interessiert. Wie wollen Sie die Figur erzählen?
Stefanie Reinsperger: Aus der Sicht einer Schauspielerin, die eine Figur spielt, wäre meine Antwort: Es gibt nicht nur zwei Seiten, es gibt sehr, sehr viele. Wenn ich an Rollen rangehe, versuche ich es mir, aber auch einem Publikum, nicht einfach zu machen. Elisabeth ist eine historische Figur, zu der alle eine Meinung haben. Für mich besteht der Kern des Stücks darin, dass Mareike sagt: Es gibt so viel, was auf diese geschichtliche Figur schon draufgepappt wurde, wir versuchen das jetzt eher abzutragen.
Fallwickl: Wir wollen sie eher aus Schubladen rausholen, als sie da jetzt wieder reinzustecken.

Sie beide haben Bücher über die Wut und das Wütendsein geschrieben. Welche Rolle spielt Wut in diesem Stück?
Fallwickl: Was hat eigentlich nicht mit Wut zu tun? Ich glaube, wenn ich schreibe, spielt Wut immer eine Rolle. Wut ist ein völlig legitimer Grund, etwas zu tun als Frau im Patriarchat, oder?
Reinsperger: Absolut. Für mich hat alles zumindest immer mit Spielwut zu tun. Als Schauspielerin ist dieses Auswüten auf einer Bühne mit einem fantastischen Text für mich immer ein toller Spielantrieb.

Ist Elisabeth eine wütende Figur?
Fallwickl: Ist sie wütend? Ja. Aber sie ist auch traurig und enttäuscht, alles. Ein Anliegen des Textes ist sicher, sie einfach menschlich zu zeigen. Man darf auch rausgehen nach diesem Theaterabend und anfangen, das zu erforschen. Was hat das in mir ausgelöst und warum?
Reinsperger: Wir proben ja erst seit einer Woche, da machst du etwas heute so und morgen so. Genauso, wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, sich dieser Figur textlich zu nähern, gibt es unendlich viele Möglichkeiten, etwas zu spielen. Diese Suche – sie ist ja das Tolle am Proben! Und das Tolle am Theater ist, dass es Fragen aufwirft und keine Antworten liefert, ich bin ja auch nicht gescheiter als irgendwer da im Publikum. Ich will vielmehr alle Menschen dazu ermutigen: Das, was du im Theater siehst und spürst und erfährst, das ist wahr! Eine ganz falsche Erwartung ans Theater ist: Ihr müsst auf alles Antworten haben und Lösungen anbieten.

Es gibt von Liv Strömquist die Graphic Novel „Im Spiegelsaal“, in der sie darlegt, dass Sisi verfolgt, regelrecht „tyrannisiert vom eigenen Bild“ war, von diesem ikonischen Bild mit dem Diadem im Haar, das wir alle kennen. Strömquist zeigt, wie rigide ihr Schönheitsregiment war, das quälende Prozedere mit den langen Haaren, die zur Gewichtsentlastung angebunden wurden, ihre Sportsucht, im Stück ist von „Schönheitssucht“ die Rede. Dieser Kampf gegen den eigenen Körper verhindert den Kampf gegen das Patriarchat: Lässt sich das auch für die Gegenwart noch so sagen?
Fallwickl: Ja, genau. Das Stück ist ein Versuch, diesen Blick auf sie zurückzuwerfen. Die ganze Zeit schreiben wir und drehen Filme über sie, machen sie auch gerne ein bisschen lächerlich mit ihrem Schlankheitswahn und dem Sportwahn und so weiter. Jetzt soll sie sich auch einmal hinstellen dürfen und das zurückwerfen und fragen: Und was ist mit euch? In welcher Form ist das denn heute irgendwie anders oder besser?

Stefanie Reinsperger, Sie sind immer wieder öffentlich gegen Bodyshaming und Gewichtsdiskriminierung aufgetreten. Hat Sie die Figur auch deswegen interessiert, weil es bei Elisabeth so stark um den Körper und seine Disziplinierung ging?
Reinsperger: Ich bin in allererster Linie Schauspielerin und freue mich, mich darin auch zu verlieren. Aber natürlich gibt es Themen oder Passagen, die sehr nah an einem dran sind, das Thema gehört dazu. Aber ich war selber überrascht beim Lesen, dass es auch ganz andere Themen sind, die mir nahegehen, man verändert sich ja auch, wird älter, blickt anders auf die Dinge.

Sehr selten wird ja die politische Wirksamkeit von Kunst so schön deutlich, wie bei dem Fall eines Salzburger Landespolitikers, der nach der Lektüre von „Die Wut, die bleibt“ tatsächlich seine Karriere beendet hat, um sich mehr um sein Kind kümmern zu können. Bei Ihnen beiden hat Ihre Arbeit immer auch mit gesellschaftspolitischem Engagement zu tun, also Dinge anstoßen und verändern zu wollen, oder?
Reinsperger: Ja, ohne den Glauben, dass Theater eine kathartische Wirkung hat, könnte ich gar nicht da rausgehen. Das ist für mich der Ur-Antrieb beim Theatermachen, um etwas laut zu machen, etwas darstellen und sich in den Dienst eines Themas, einer Figur, einer Sache zu stellen, eben mit dem Wesen, dem Körper und Mensch, der man so ist.
Fallwickl: Ich werde in Interviews oft gefragt, warum ich politische Literatur schreibe, warum ich es mir so schwer mache und den Lesenden auch. Erstens finde ich, das spricht allen ab, dass sie mündige, gesellschaftskritische Menschen sind. Es stimmt ja nicht, dass die Leute sich nicht für die eigenen Lebensumstände interessieren, weil die eh nur am Handy scrollen und Netflix schauen wollen. Sie sind da, sie hören zu und sie füllen alle unsere Säle.
Und ich finde es auch scheinheilig, dass bei allen, die was verändern wollen, alles sofort politisiert wird. Dabei ist jede patriarchale Erzählung genauso politisch! Die tut nichts anderes, als die gängigen Machtstrukturen zu zementieren in einer ewigen Reproduktion dieser Erzählmuster.

Es gibt im Stück Parallelsetzungen mit historischen Figuren und Personen, Rosa Parks und Gisèle Pelicot kommen z. B. vor. Die Analogie wird dabei immer über den Körper vollzogen, über „die liliengleichen Hände“, die Rosa Parks z. B. nicht hatte.
Fallwickl: Diese Parallelsetzungen zeigen: Es hat sich nie geändert. Es war immer dasselbe, egal wo, egal in welchem Jahrhundert, egal welche Frau. Ich will den Blick weiten, sodass es nicht nur dieser Spot auf Elisabeth ist, sondern sie sagen kann: Ich bin die eine Frau, die ihr dauernd anschaut, aber ich bin eigentlich alle Frauen und alle Frauen sind ich.
Es geht dabei nicht nur ums Körperliche, sondern auch darum, die Muse sein zu müssen, während die Männer die Genies sind, die über Jahrhunderte Reichtum, Erfolg und Ruhm auf sich versammeln, während es ja – ganz egal, in welchem Bereich, von Wissenschaft über Kunst bis hin zur Literatur – oft genug Frauen waren, die Ideen, Entdeckungen usw. geliefert haben. Daraus erwächst ja auch eine Wut hoffentlich.
Reinsperger: Ja, darum geht es im Kern, dass sie zurückblickt. Und vor allem ist das eine Elisabeth, die seit 127 Jahren verstorben ist und mit diesem Blick auf die Welt schaut. Die sagt: Ihr seid so dran gewöhnt, mich anzuschauen – heute schaue ich mal zurück.

Stefanie Reinsperger ist eine österreichische Film- und Theaterschauspielerin. Sie gehörte dem Berliner Ensemble an, kehrte 2024 aber ans Wiener Burgtheater zurück. 2022 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Ganz schön wütend“.
Mareike Fallwickl ist eine österreichische Autorin, deren 2022 erschienener Roman „Die Wut, die bleibt“ bereits als Theaterstück adaptiert wurde. Zuletzt von ihr erschienen: „Und alle so still“.

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Zuversicht mit Zähnen und Klauen https://ansch.4lima.de/zuversicht-mit-zaehnen-und-klauen/ https://ansch.4lima.de/zuversicht-mit-zaehnen-und-klauen/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:07:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=124954 Wie die Hoffnung nicht aufgeben? Von Lea Susemichel Gäbe es ein Pendant zum ikonischen Obama-­Plakat, auf dem in großen Lettern „HOPE“ prangt, müsste unter Trumps Porträt „DESPAIR“ (Verzweiflung) stehen.Tiefe Hoffnungslosigkeit und das lähmende Gefühl von überwältigender Hilflosigkeit sind als erste Reaktion auf die politischen Ereignisse der Gegenwart wohl unausweichlich. Doch wie da nun möglichst schnell […]]]>

Wie die Hoffnung nicht aufgeben? Von Lea Susemichel

Gäbe es ein Pendant zum ikonischen Obama-­Plakat, auf dem in großen Lettern „HOPE“ prangt, müsste unter Trumps Porträt „DESPAIR“ (Verzweiflung) stehen.
Tiefe Hoffnungslosigkeit und das lähmende Gefühl von überwältigender Hilflosigkeit sind als erste Reaktion auf die politischen Ereignisse der Gegenwart wohl unausweichlich. Doch wie da nun möglichst schnell wieder rauskommen?
„Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“, hat der damit zuletzt viel zitierte Ernst Bloch geschrieben. Das stimmt wahrscheinlich, leider macht es diese Androhung nicht besser. Wer kann schon auf einen Appell hin Zuversicht mobilisieren? Hilfreicher ist da vielleicht Max Frisch: „Eine Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Allerdings: Der kommende Faschismus ist unbestreitbar eine Katastrophe. Der Ausweg besteht darin, sich eine Haltung zu erarbeiten, die als „strategischer Optimismus“ bezeichnet wird. „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ ist die Parole Antonio Gramscis, die deutlich macht, dass es tatsächlich strategisch eingesetzte Willensstärke braucht, um nicht zu verzweifeln, wenn die Zeiten derart dunkel sind. Die nüchterne Einsicht, dass die Lage objektiv schon mal besser war, ist freilich dennoch unerlässlich. Psychologische Studien legen nämlich nahe, dass die meisten Menschen sogar übertrieben optimistisch sind und positive Erwartungen an die Zukunft haben, selbst wenn das die gegenwärtige Situation nicht zulässt. Doch wenn faschistische Tyrannen gerade dabei sind, überall auf der Welt die Macht zu übernehmen, braucht es unbedingt eine realistische Einschätzung, wie ernst die Lage ist, um den akuten Handlungsbedarf zu erkennen. Etwas, das ÖVP, Republikaner:innen und all die anderen Steigbügelhalter weltweit offenbar versäumen.

SHE PERSISTED. Den eigenen Kampfgeist stärken, das lässt sich mit Beispielen mutig handelnder Frauen besser als mit bloßen Bonmots berühmter Männer. Etwa mit dem Beispiel der Bischöfin Mariann Edgar Budde, die beim Gottesdienst in Washington direkt in die verächtlich verzerrten Gesichter der Trump-Truppe hinein Kritik an seiner mitleidlosen Politik geäußert hat. Sie wird hoffentlich nur den Anfang gemacht haben. Wir erinnern uns: Auch in Trumps letzter Amtszeit waren es vor allem Politikerinnen, die Trump die Stirn boten, etwa Justizministerin Sally Yates, die sich der Umsetzung seines „Muslim Ban“ ­widersetzt hat. Oder Elizabeth Warren, die gegen die Nominierung von Jeff Sessions opponierte und deshalb mit „Nevertheless, she persisted“ in die Geschichte einging.
Es sind auch keineswegs nur individuelle Widerstandsakte Einzelner, die Zuversicht geben. Die feministische Bewegung hat durch ihre kollektive Stärke insbesondere im letzten Jahrzehnt so gewaltige Fortschritte erzielt, dass es langfristig hoffentlich einfach kein Zurück mehr gibt. Denn der gewaltige Backlash durch die „Broligarchy“ ist genau das: ein Gegenschlag. Und wie Susan Faludi schon 1991 in ihrem gleichnamigen Buch schrieb: „Der antifeministische Backlash wurde nicht durch den Kampf der Frauen um volle Gleichberechtigung ausgelöst, sondern durch die Tatsache, dass ihre Chancen gestiegen waren, diesen Kampf zu gewinnen. Es handelt sich um einen Präventivschlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt.“
Es ist ja nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Faschisten, Demagogen, Autokraten, Antifeministen und Despoten die Macht übernehmen. Und wir haben gesehen, dass sie auch wieder gestürzt werden können, oft sogar viel schneller als gedacht. Es lohnt sich, die historischen Kämpfe von Antifaschist:innen und die Strategien erfolgreicher sozialer Bewegungen zu studieren, um von ihnen zu lernen.
Die Gewissheit, schon so viel erreicht zu haben, kann dabei Ansporn sein, das Erreichte mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Wir dürfen dabei aber nicht den Fehler machen und bescheiden werden. Von den fanatischen Techno-Liberalen und Longtermisten wie Musk, deren Dystopien vor allem die fernere Zukunft im Blick haben, gibt es zumindest eine Sache zu lernen: Auch wenn es in der nahen Zukunft vor allem darum gehen wird, Errungenschaften zu verteidigen, sollten wir uns bitte nicht darauf beschränken. Auch die eigenen Visionen und Gegenentwürfe dieser anderen Welt, die selbstverständlich weiterhin möglich ist und das gute Leben für alle zum Ziel hat, dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Widerstand mag für viele von uns vorerst vielleicht nur im Kleinen und Lokalen möglich sein, aber: Think big!

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Der Fortschritt ist nicht immer linear https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/ https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:00:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=124957 Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert. an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte […]]]>

Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert.

an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?
In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“ schreiben Sie, dass Menschen mit dem Zustand der Welt zwar oft unzufrieden sind, aber Alternativen ablehnen, weil sie „in der Realität“ vermeintlich nicht machbar sind. Wie lässt sich das ändern?
Utopist:innen haben immer Feinde, weil sie Menschen mit Reichtum und Privilegien herausfordern. Im Fall von Jesus von Nazareth forderte er das Römische Reich heraus. Buddha stellte das traditionelle hinduistische Kastensystem infrage. Menschen wie Flora Tristan, Karl Marx und Friedrich Engels stellten die bürgerliche Autorität und den Kapitalismus infrage. Utopist:innen träumen oft von einer Lebensweise, die jene Gesellschaftsstrukturen untergräbt, die den Reichtum und die Privilegien einer bestimmten Elite stützen. Und natürlich schlagen diese Eliten zurück. Sie wehren sich mit dystopischen Visionen von der Zukunft. Sie versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Welt schlechter statt besser wird, wenn sie sich erheben und versuchen, die Dinge zu ändern. Wir wehren uns, indem wir uns weigern, ihnen zu glauben.

Warum sind gerade Patrilinearität und Patrilokalität so große Probleme, die jede feministische Utopie unbedingt überwinden muss?
Das Patriarchat manifestiert sich in konkreten Praktiken wie der Patrilinearität (Rückverfolgung der Abstammung durch den Vater) und der Patrilokalität (der Mann gilt immer als Haushaltsvorstand, dessen Beruf oder Geburtszugehörigkeit über den Wohnort eines Ehepaars bestimmt). Diese Praktiken schaffen Familienbeziehungen, die zwei Dinge ermöglichen: erstens den generationenübergreifenden Transfer von Reichtum und Privilegien von Vätern auf ihre legitimen Kinder. Und zweitens eine Welt, in der die Geburt und Erziehung der nächsten Generation von Steuerzahler:innen, Verbraucher:innen und Bürger:innen kostenlos erfolgt, und zwar größtenteils durch Frauen im privaten Bereich. Das Patriarchat ist ein System, das sich so entwickelt hat, damit die extreme Ungleichheit in der Gesellschaft über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden kann.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich stark auf kollektive Formen des Zusammenlebens und der gemeinsamen Kindererziehung. Warum hat sich die Isolation von Menschen und Kleinfamilien historisch so stark durchgesetzt, obwohl so viel für die Vergemeinschaftung spricht? Wie könnten vor allem Frauen von der Vergemeinschaftung der Sorgearbeit und der Abschaffung des Privateigentums profitieren?
Man darf nicht vergessen, dass historisch gesehen viele Mütter bei der Geburt ihres Kindes sterben. Aus einer evolutionären anthropologischen Perspektive betrachtet, wären wir als Spezies ausgestorben, wenn wir unsere Kinder nicht gemeinsam aufgezogen hätten (Stichwort „cooperative breeding“). Wir wissen, dass die gesellschaftlich erzwungene universelle Monogamie im antiken Griechenland entstand und sich in Gesellschaften verbreitete, die den Ackerbau entwickelten. Aber heute glauben viele Menschen, dass die ausschließliche Betreuung durch zwei Elternteile sowohl „normal“ als auch natürlich ist. In Wirklichkeit dient die Isolierung der Kernfamilie dazu, die Ungleichheit aufrechtzuerhalten und die gesamte gesellschaftlich reproduktive Arbeit in den privaten Bereich zu verlagern. Der Kapitalismus als System beruht auf einer Familien­struktur, in der Frauen als Teil ihrer „natürlichen“ Rolle als Mutter Kinder gebären und aufziehen. Der beste Weg, Frauen dazu zu bringen, diese Arbeit zu machen, ist zu sagen, „Ihr macht das aus Liebe“. Die Idealisierung der Kernfamilie ist ein Weg, Frauen dazu zu bringen, keine Entschädigung oder Anerkennung für die gesellschaftlich sehr wichtige Reproduktionsarbeit zu verlangen, die sie zu Hause leisten. Die Vergesellschaftung dieser Arbeit würde nicht nur die Frauen von der patriarchalischen Ausbeutung befreien, sondern auch den Kindern zugutekommen, die in einer Gemeinschaft von liebenden und unterstützenden Erwachsenen aufwachsen würden.

Das ist auch die Bilanz Ihres Buchs „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Sozialistische Gesellschaftsformen haben in der Geschichte die Situation der Frauen verbessert, so Ihr Befund.
Ja, trotz der vielen Schattenseiten des real existierenden Sozialismus des 20. Jahrhunderts in Osteuropa (Reisebeschränkungen, Mangel an Konsumgütern und Geheimpolizei) genossen die Frauen in diesen Ländern mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit und Autonomie als ihre Altersgenossen im Westen während derselben Epoche.

Sie schreiben, dass das sogenannte Blue-Sky-Denken in der Produktentwicklung und im Geoengineering wünschenswert ist, aber nicht in Bezug auf die Gesellschaft. Warum koppeln wir technische Visionen und Innovationen von sozialen Fragen des guten Lebens ab, obwohl wir sehen können, dass dies sehr schnell sehr dystopisch werden kann? Elon Musk ist aktuell ja das beste Beispiel.
Unsere Gesellschaften sind zu Orten geworden, an denen nur noch Milliardäre große Träume haben. Normale Menschen mit normalem Einkommen dürfen immer nur normale Gedanken haben. Den Milliardären geht es in der Regel nur darum, ihren Reichtum zu erhalten oder zu mehren, also ist Innovation in Ordnung, solange sie dem Zweck dient, ihren Gewinn zu vergrößern. Aber große Ideen zur Schaffung einer gerechteren, ausgewogeneren und nachhaltigeren Welt stellen oft ihren Reichtum und ihre Privilegien infrage, und deshalb werden sie alles tun, um sie zu verhindern.

Selbst wenn Träume nicht wahr werden, erweitern sie unsere Vorstellung von dem, was möglich ist, und verändern so den Horizont dessen, was wir praktisch erreichen können, schreiben Sie. Warum spielt es sich trotzdem so oft im sogenannten Overton-Fenster ab, also im vermeintlich „realistischen Rahmen“?
Wenn wir den Bereich des Denkbaren und Möglichen erweitern, kommen wir auf dem Weg zu einer besseren Zukunft weiter, als wenn wir uns ein begrenztes und „machbares“ Ziel setzen. Einzelne machbare Schritte in Richtung Veränderung sind in praktischer Hinsicht wichtig, aber wir brauchen immer auch Träume, weil sie uns helfen, unsere Kreativität zu entfesseln.

Sie verweisen auf eine wachsende Zahl von Neo-Utopien, Bücher, die eine positive Zukunft und einen politischen und wirtschaftlichen Wandel visualisieren. Haben Sie trotz des weltweiten Rechtsrucks und der ­Gegenreaktion, die wir erleben, die Hoffnung, dass sie sich durchsetzen werden? Sie leben in den USA, wie halten Sie an dieser Hoffnung fest?
Ich habe immer Hoffnung, weil ich versuche, jeden Tag zu hoffen. Der Fortschritt ist nicht immer linear. Es gibt immer Momente des Rückschritts und der Gegenreaktion. Aber ich glaube, dass der Rückschlag, den wir jetzt erleben, eine echte Reaktion auf die utopische ­Vision ist, die während der Pandemie möglich war. Die Welt blieb stehen. Die Umwelt erholte sich. Die Regierungen verschenkten Geld. Die Menschen arbeiteten von zu Hause aus nach ihren eigenen Zeitplänen. Die Eltern hatten mehr Zeit für ihre Kinder. Die Menschen teilten ihre Zeit und ihre Ressourcen. Wir kamen als ein Planet zusammen, um ein tödliches Virus zu besiegen. Diese Dinge öffneten den Menschen die Augen für eine ganz andere Art von Möglichkeiten für die Zukunft. Die gegenwärtige Gegenreaktion versucht, uns alle vergessen zu lassen, dass wir alle gemeinsam dafür verantwortlich sind, die Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen.

Kristen R. Ghodsee, geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania. 2019 erschien „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“.

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Der Faschismus steht vor der Tür, für den Straßenkampf sind Feminist:innen aber schlecht gerüstet. Filmemacherin Katharina Mückstein und an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel im Gespräch über Selbstverteidigung und Rachegelüste.

Lea Susemichel: Ich möchte gerne mit einem Zitat der französischen Philosophin Elsa Dorlin einsteigen, die ein Buch über Selbstverteidigung geschrieben hat: „Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, ist das ausschließliche Privileg einer herrschenden Minderheit“. Allen anderen Menschen, sagt Dorlin, würde jede Verteidigung, selbst die mit dem Ziel, am Leben zu bleiben, als Angriff ausgelegt. Sie zeigt das eindringlich am Fall Rodney King von 1991. Vor Gericht wurde der Videobeweis des brutalen Polizeiübergriffs auf King in ­Einzelbilder isoliert, seine Abwehrgesten wurden dabei zu Aggressionshandlungen umgedeutet. Gilt dieses Verteidigungstabu auch für Frauen?
Katharina Mückstein: Ja, das ist auch stark vergeschlechtlicht, siehe die Trope von der „Angry Black Woman“ oder unabhängig von Race auch die der hysterischen Frau. Frauen wird Aggression und Gegenwehr verboten, indem man sie pathologisiert oder abwertet. Diese Pathologisierung ist sehr wirkungsvoll und steckt in weiblicher Sozialisation von Anfang an drin. Wenn wir unsere Aggressionen ausleben, werden wir dafür gemaßregelt oder abgewertet. Wahrscheinlich werden uns dadurch unsere Selbstverteidigungsinstinkte schon sehr früh regelrecht abtrainiert.

L. S.: Weibliche Gegenwehr wird ja nicht nur stigmatisiert, sondern auch sanktioniert. Es gibt eine „Arte“-Reportage über „Gattenmörderinnen“ in Rumänien, wo hunderte Frauen im Gefängnis sitzen, weil sie ihre Männer umgebracht haben, von denen sie und oft auch ihre Kinder zuvor jahrelang misshandelt wurden. Die Urteile lauteten auf Mord, nicht auf Selbstverteidigung.
Und während weiße Frauen oft so inszeniert und politisch instrumentalisiert werden, dass sie männliche Beschützerinstinkte mobilisieren, werden Schwarze, queere oder anderweitig als deviant eingestufte Frauengruppen wie Sexarbeiterinnen oft als gefährlich und marodierend gebrandmarkt. Diese Dämonisierung weiblicher Wehrhaftigkeit zeigt sich historisch auch am Beispiel der „Tricoteuses“ während der französischen Revolution. Weil sich diese Revolutionärinnen für ihr Recht auf Bewaffnung, genau wie die Männer, eingesetzt und eine Frauenarmee gegründet haben, sind sie als mordlustige Monster in die Geschichte eingegangen.
Auch die Suffragetten haben Zentren errichtet, in denen Selbstverteidigung unterrichtet wurde, um Frauen im Kampfsport auszubilden. Bei ihren Aktionen haben sie auf zum Teil sehr lustige Überraschungstaktiken gesetzt. Sie haben z. B. den Polizisten die Hosenträger abgeschnitten, um sie so außer Gefecht zu setzen.
K. M.: Ich suche schon lange nach Bildern von gefährlichen Frauen bzw. weiblich gelesenen Personen. Ich möchte gerne sehen, wie jemand sich vor ihnen fürchtet, wie Männer sich fürchten! Als Filmemacherin bin ich immer auf der Suche nach solchen mächtigen Bildern und mächtigen Figuren. Aber die muss man wirklich suchen, weil sie immer wieder aus der Geschichte und auch aus der Bildgeschichte gelöscht wurden.
Diese Bilder sind so selten, dass mir beim Anschauen des Films „The Woman King“ die ganze Zeit die Tränen gekommen sind. So etwas habe ich noch nie auf einer Leinwand gesehen: Schwarze, bewaffnete Heldinnen, in dieser Größe, in dieser Glorifizierung. Aber leider hat er sehr wenig Publikum gehabt, offenbar scheint das nicht so gut zu gehen.
L. S.: Ganz genau so ging es mir bei „Wonder Woman“! Mir liefen bei den Kampfszenen tatsächlich ständig die Tränen. Obwohl es aus feministischer Perspektive viel Kritikwürdiges gab, war es tatsächlich der erste Film meines Lebens, in dem eine Kämpferin im Zentrum stand und so uneingeschränkt gefeiert wurde. In meiner Jugend gab es nur Prinzessin Leia aus Star Wars, die sich – im Bikini bekleidet – ausnahmsweise einmal selbst befreien durfte und ihren Peiniger mit der Kette erwürgt, mit der er sie gefangen hielt. Sonst gab es fast nichts, Frauen mussten immer und ausnahmslos untätig warten, bis sie von ihren Rettern befreit wurden. „Wonder Woman“ hat mich deshalb so derart aufgewühlt, dass ich meine damals noch viel zu kleine Tochter am liebsten sofort ins Kino geschleppt hätte.
Während Action-Filme mit Männern, die rumballern, allgegenwärtig sind, werden die seltenen Beispiele, in denen Gewalt von Frauen heroisiert und glorifiziert wird, schnell als gewaltverherrlichend problematisiert. Dasselbe passiert, wenn Feministinnen Bilder von Frauen mit Waffen cool finden, etwa von kurdischen Kämpferinnen.
K. M.: Ja, aber diese Bilder und die Möglichkeit zur Identifikation steht uns allen zu. Da ist moralisieren unangebracht. Es geht ja darum, dass wir – nicht nur als Kinder, sondern ein Leben lang – dieses Spiel mit Identität brauchen, um uns überhaupt Dinge vorstellen zu können. Wir müssen spüren, wie es sein könnte, jemand anderes zu sein, um eben diese ­Aspekte in uns selbst zu entdecken. Ich merke das zum Beispiel beim Kampfsporttraining: Wenn ich andere Frauen und genderqueere Leute sehe, die richtig gut und hart kämpfen, dann resoniert das in meinem Körper. Ich kann mir dann vorstellen, dass mein Körper das auch draufhat.
L. S.: Es gibt ja diesen schönen Satz, wonach Männer froh sein können, dass Feministinnen nur Gerechtigkeit wollen, und nicht Rache.
K. M.: Rache hat ja einen sehr lustvollen Aspekt. Ich denke, dass wir uns zumindest solche Fantasien erlauben oder auch Rache in Aktion bringen sollten. Um dem Patriarchat gefährlicher zu werden, wäre es wichtig, dass wir auch unsere Wut und unsere Rachegelüste spüren und miteinander teilen.
L. S.: Ist es nicht erstaunlich, dass es in der Realität nicht mehr Frauen gab, die Rache geübt haben? Dass es nicht mehr Aktionen wie das SCUM-Manifest von Valerie Solanas gab, in dem zur Vernichtung aller Männer aufgerufen wurde?
K. M.: Diese Frage treibt mich schon lange um. In meinem Film „Feminism WTF“ stelle ich sie ja aus dem Off: Warum gibt es keine Gegengewalt? Es ist doch wirklich erstaunlich, dass es so was wie feministischen Terrorismus gegen das Patriarchat quasi nicht gab! Wie ist es möglich, dass Freundinnen von einem Femizid-Opfer nie losgehen und Selbstjustiz üben? Dabei sind meine Fragen natürlich nicht fordernd oder an Einzelpersonen gerichtet gemeint. Mir ist klar, dass es eben aus der Sozialisation zur Wehrlosigkeit kommt, aber ich wünsche mir, dass wir die in uns selbst und in unseren queerfeministischen Organisationen bekämpfen.
L. S.: Ein zentraler Einwand gegen gewaltsame Militanz ist ja, dass Widerstand gewaltlos sein sollte, auch weil Gewalt immer Gewalt provoziert. Am Beispiel Klimaaktivismus wird allerdings sichtbar, dass selbst gewaltfreie Militanz wie Straßenblockaden oder Suppenaktionen im Museum, bei denen letztlich kein Schaden entsteht, als radikale „Aggression“ verhandelt wird, die Leute nur abschreckt und der Sache nicht dienlich ist – weshalb sich die Letzte Generation in Österreich ja auch aufgelöst hat. Das führt zurück zum Eingangszitat: Sogar Selbstverteidigung wird zu unangemessener Gewalt umgedeutet.
K. M.: Wir müssen zunächst mal unterscheiden zwischen politischem Aktivismus und dem Schutz unserer Körper bzw. unseres Lebens. Bei Aktivismus können wir diskutieren, wie gewaltvoll oder gewaltfrei Protest oder Aktion sein sollen. Ich persönlich wünsche mir sicherlich mehr Kante, als immer die andere Backe hinzuhalten. Beim Selbstschutz hingegen stellt sich die Frage nicht, welche gesellschaftspolitische Wirkung er hat. Dabei würde ich das Thema Schutz und Selbstverteidigung lieber von der individuellen auf die kollektive Ebene verlegen.
Einen Selbstverteidigungskurs zu machen ist natürlich total legitim und gut, es ist wichtig, die eigene körperliche Wirksamkeit zu erfahren. Aber der eigentliche relevante feministische Gedanke ist für mich: Was könnte denn Selbstverteidigung im Kollektiv bedeuten? Wie kann ich für andere einstehen, wie können wir uns gegenseitig schützen? Da sollten wir radikaler werden. Wir führen dieses Gespräch wahrscheinlich ein paar Tage, bevor die FPÖ dieses Land regieren wird. Wir wissen, was das für Feministinnen, Queers und rassifizierte Leute und unsere Organisationen bedeuten wird. Ich glaube, dass wir uns dringlich die Frage stellen müssen, wie wir uns und andere vor Angriffen schützen können.

Katharina Mückstein ist Filmregisseurin und Drehbuchautorin, ihr neuer Film beschäftigt sich mit feministischer Militanz. Sie ist Teil eines Projekts zur Stärkung kollektiver Selbstverteidigungsstrukturen.

Lea Susemichel ist Autorin und leitende Redakteurin der an.schläge und fragt sich immer schon, warum Frauen eigentlich nicht ständig Amok laufen.

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„Your body, MY choice. Forever.” In den Tagen nach Trumps Wahlsieg geht dieser Tweet viral. Die Zukunft als Handmaid’s Tale.
Unser Auftrag als feministisches Medium könnte nicht dringlicher sein: Demokratie und feministischer Fortschritt sind keine Selbstverständlichkeit, sondern hart erkämpft worden! Genauso entschlossen müssen sie jetzt verteidigt werden. Wir sollten die Faschisten endlich beim Wort nehmen und ihnen glauben, dass sie auch umsetzen wollen, was sie ganz offen formulieren.

Doch ausgerechnet in diesen Zeiten ist der Fortbestand der an.schläge bedroht. Wir brauchen dringend eure Solidarität und viele neue Abos, um weitermachen zu können! Weitermachen heißt: Aus einer konsequent feministischen Perspektive zu analysieren, was in der Welt gerade geschieht, wieso es passiert und was es (nicht nur) für Frauen und Queers bedeutet.

Noch gibt es uns! Inzwischen sind die an.schläge tatsächlich das weltweit am häufigsten erscheinende feministische Magazin – und damit in jeder Hinsicht ein Ausnahmeprojekt.
Nicht nur im deutschsprachigen Raum, auch global sind kaum noch von der zweiten Frauenbewegung gegründete Zeitschriften übrig. Selbst solchen ikonischen Publikationen wie dem Bitch Magazine in den USA ging 2022 das Geld aus. Und das hat viele Gründe: Printmedien stehen unter Druck, Förderungen werden gestrichen, feministischer Qualitätsjournalismus lässt sich online kaum zu Geld machen – und auf Social-Media-Plattformen wird antifeministische Hetze mit großem Eifer vorangetrieben.

Dass es das feministische Magazin an.schläge seit 1983 gibt, ist also wirklich etwas Besonderes! Wir haben dem Verlust der Förderung durch Schwarz-Blau, zuletzt auch der durch die Inflation gestiegenen Energie- und Druckkosten getrotzt – mit viel Herzblut, unbezahlter Arbeit und eurer großartigen Unterstützung!
Aber inzwischen steht auch uns das Wasser bis zum Hals, nächstes Jahr werden wir deshalb erstmals eine Ausgabe weniger produzieren müssen. Wir brauchen dringend eure Solidarität und viele neue Abos, um weitermachen zu können!

an.schläge liefert seit über 40 Jahren feministischen Journalismus, der sich konsequent gegen jede rassistische und queerfeindliche Vereinnahmung stellt und Alternativen anbietet. Diese kritische, feministische Intervention braucht es in diesen Zeiten dringender denn je.
„Broligarchen” wie Elon Musk kontrollieren die Algorithmen der sozialen Medien, Politiker wie Donald Trump und Herbert Kickl dominieren einen Diskurs, der für Frauen- und Menschenrechte immer bedrohlicher wird.
Beispiele wie Polen und Ungarn zeigen, wie schnell ein autoritärer Staatsumbau effektiv umgesetzt werden kann, Trumps Sieg wird nun auch rechte Parteien quer durch Europa weiter beflügeln.

Mit 1.000 neuen Abos können wir das Budgetloch für dieses Jahr stopfen. Um unser Fortbestehen langfristig abzusichern und unabhängig von Förderungen zu werden, brauchen wir 3.000 neue Abos. Unser Appell an euch: Schließe deshalb JETZT ein Jahresabo ab, das gibt es schon für günstige 44,- Euro (ermäßigt: €36) im Jahr! Dafür gibt es ein großartiges Magazin, das journalistische Qualität mit einer feministischen Grundhaltung verbindet. Teile unseren Aufruf bitte im Netz, unter Freundinnen und Arbeitskolleginnen, an deiner Uni und in der Familie.

Verschenke zu Weihnachten ein an.schläge-Abo oder gönn dir selbst ein Unterstützungsabo, dazu gibt es unsere schicke an.schläge-Tasche als Geschenk.

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Die Menschen mitreißen https://ansch.4lima.de/die-menschen-mitreissen/ https://ansch.4lima.de/die-menschen-mitreissen/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:27:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=120021 Die Reserve-Astronautin Carmen Possnig würde sofort zum Mars fliegen und hat zur Vorbereitung schon ein Jahr in der Antarktis gelebt. Mit LEA SUSEMICHEL hat sie über vier Monate Dunkelheit, das Altern im All und die gewaltige Inspirationskraft des Weltraums gesprochen. an.schläge: Sie sind offiziell Reserve-Astronautin, aber recht zuversichtlich, dass Sie zum Einsatz kommen werden. Bei […]]]>

Die Reserve-Astronautin Carmen Possnig würde sofort zum Mars fliegen und hat zur Vorbereitung schon ein Jahr in der Antarktis gelebt. Mit LEA SUSEMICHEL hat sie über vier Monate Dunkelheit, das Altern im All und die gewaltige Inspirationskraft des Weltraums gesprochen.

an.schläge: Sie sind offiziell Reserve-Astronautin, aber recht zuversichtlich, dass Sie zum Einsatz kommen werden. Bei welchen Missionen könnte das sein? Besteht z. B. Hoffnung, dass Sie zum Lunar Gateway fliegen dürfen? (Der Lunar Orbital Platform-Gateway ist eine geplante Raumstation, die als Zwischenstation für die bemannte Mondlandung und zur Vorbereitung von Marsmissionen dienen soll, Anm.)

Carmen Possnig: Der Lunar Gateway wäre natürlich ein Traum. Aber im Moment scheint es eher realistisch, dass wir für eine Kurzzeitmission zur Internationalen Raumstation ISS fliegen.

Sie sind unter 25.000 Bewerber:innen in einem sechsstufigen Aufnahmeverfahren, bei dem die physische und psychische Eignung getestet wird, ausgewählt worden. Vor einem Einsatz gäbe es noch ein Jahr lang ein intensives Training. Wovor hätten Sie dabei am meisten Angst?

Wir bekommen von der ESA (Europäische Weltraumorganisation, Anm.) Ende des Jahres eine Art Überblickstraining, da ist dann auch das Unterwasser-Training für einen Außeneinsatz im All dabei. Davor hätte ich zwar keine Angst, aber am meisten Respekt. Es wäre aber natürlich auch wahnsinnig cool: Wenn nichts mehr zwischen einem selbst und dem Weltraum und der Erde da unten ist, das muss ein unglaublich tolles Gefühl sein. Das wird immer als Highlight jeder Mission beschrieben. Das Training für konkrete Missionen ist aber sehr spezifisch darauf zugeschnitten, es wird genau das geübt, was man dann konkret machen soll, und bei so kurzen Missionen ist es sehr unwahrscheinlich, dass es einen Außeneinsatz gibt.

Hatten Sie schon mal einen Raumanzug an?

Nein, noch nie. Darauf freue ich mich.

Der erste All-Außeneinsatz zweier Astronautinnen ist kürzlich gescheitert, weil es nur einen einzigen passenden Raumanzug für die beiden auf der ISS gab.

Ja, die kommen tatsächlich vor allem in den amerikanischen XL- und XXL-Größen. Inzwischen gibt es aber bessere Anzüge und auch die Außeneinsätze mit rein weiblicher Besatzung haben stattgefunden. Die ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti hatte aber ein ähnliches Problem, weil sie relativ kleine Hände hat und ihr keine Handschuhe gepasst haben. Es ist aber ganz wichtig, dass die perfekt sitzen, damit man mit diesen dicken Handschuhen und dem großen Druckunterschied im All, der jede Bewegung wahnsinnig anstrengend macht, überhaupt arbeiten kann.
Sie war sechs Monate oben, ein Versorgungsschiff sollte ihr extra angepasste Handschuhe bringen, ist aber auf dem Weg explodiert. Sie hat von der Raumstation aus gesehen, wie es in Flammen aufgeht, damit war auch der Außeneinsatz gestorben.

Als sie zum zweiten Mal hochgeflogen ist, hatte sie die Handschuhe quasi im Handgepäck dabei. Dann hat es endlich geklappt mit dem Außeneinsatz.

Sie haben 13 Monate lang in der Antarktis gelebt, bei Außentemperaturen von bis zu minus achtzig Grad, vier Monate davon in völliger Dunkelheit, in völliger Isolation vom Rest der Welt. Im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation sollten Sie und ein kleines Forschungsteam herausfinden, wie sich Menschen unter solchen extremen Bedingungen verändern, auch im Hinblick auf künftige Mars-Expeditionen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Es hat sich z. B. gezeigt, dass die Aktivität des Immunsystems massiv zurückgeht, vor allem in den Monaten ohne Sonneneinstrahlung.

Bei minus achtzig Grad überlebt eigentlich nichts, was den Menschen gefährlich werden könnte, und gleichzeitig sind es für ein Jahr immer dieselben 13 Leute, es kommt also auch hier kein neuer Erreger dazu. Das Immunsystem ist aber wie ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss. Als die ­Isolationsphase vorüber war und das erste Flugzeug mit neuen Leuten gelandet ist, von denen einer einen kleinen Schnupfenvirus mitgebracht hat, haben die Immunsysteme meiner Crew völlig überreagiert, die Hälfte ist tagelang mit hohem Fieber im Bett gelegen.

Ein anderes Experiment hat die kognitiven Fähigkeiten und die Feinmotorik getestet. Wir hatten dafür ein ziemlich komplexes Computerspiel mit einem Simulator, bei der wir mit einem Raumschiff mittels Joysticks an einer Raumstation andocken mussten. Man wollte damit herausfinden, wie oft während der achtmonatigen Reise trainiert werden muss, um ein Raumschiff auf dem Mars sicher landen zu können und auch wieder zurückzukommen. Ich habe mir angeschaut, wie sich die Fähigkeiten im Laufe der Zeit verändern. In den dunklen Monaten hat sich die Leistung deutlich verschlechtert.

Bei einer Marsexpedition gilt das menschliche Verhalten als großer Risikofaktor. Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass man nicht wissen könne, wie Menschen psychisch darauf reagieren, wenn sie auf dem Weg zum Mars die Erde als Stern am Horizont verschwinden sehen. In der Forschungsstation am Südpol sollte mit Kälte und Dunkelheit auch die „sensorische Deprivation“ nachempfunden werden, die Menschen im All erleben. Über acht Monate gab es auch in der Antarktis keine Möglichkeit, abgeholt zu werden, selbst bei einem medizinischen Notfall nicht. Da muss man psychisch schon sehr stabil sein, um das gut wegzustecken. Wie haben denn die Leute reagiert?

Sehr, sehr unterschiedlich. Dabei spielt auch die Motivation, warum man etwas tut, eine große Rolle. Wenn Leute dafür brennen, weil sie vom Sinn der Sache überzeugt sind, weil sie damit etwas zur Klimawandelforschung beitragen oder zur Sicherheit vor Erdbeben oder bei mir halt zur Weltraumforschung, dann ist das wahnsinnig hilfreich.

Wir hatten einen dabei, der wollte sich mit dem Verdienst vor allem seine Pension aufbessern, aber Geld als Motivation reicht nicht, dem ging es richtig schlecht, für ihn war es schlimmer als Gefängnis. Es waren also durchaus Leute dabei, die sehr gelitten haben und die tatsächlich abgefahren wären, wenn das möglich gewesen wäre.

Was man unbedingt auch braucht, sind Strategien, um Stress zu verarbeiten, ohne fremde Hilfe. Einige Extrovertierte im Team, die für Stressabbau normalerweise auf eine Party gehen oder sich mit ihren Freunden treffen, waren auch arm dran, denn das funktioniert dort halt leider nicht.

Alle Teilnehmenden haben sich verändert über das Jahr, aber es wurde sehr deutlich, dass einzelne von ihrer Persönlichkeit her sehr viel besser geeignet sind, um mit so einer Isolationssituation gut zurechtzukommen und auch mit dieser extremen Umwelt und dem permanenten Risikogefühl.

Aber ich glaube, wenn man die richtigen Leute aussucht, dann ist es auch kein Problem, zum Mars und wieder zurückzufliegen, auch wenn das drei Jahre dauert.

Würden Sie mitfliegen?

Ich würde auf jeden Fall mitfliegen! Sofern es auch einen Rückflug gibt.
Als Medizinerin forschen Sie dazu, wie sich menschliche Körper verhalten, wenn sie der Schwerelosigkeit ausgesetzt sind.

Das All lässt den Körper viel schneller altern, was genau passiert dabei? Und gibt es dabei auch geschlechtsspezifische Auswirkungen?

Ich schaue mir vor allem an, wie sich das Herz-Kreislauf-System verändert, der Blutfluss ins Gehirn und in die Augen. Das kann zu Weitsichtigkeit führen, zum „Spaceflight-­Associated Neuro-Ocular Syndrome“ (SANS). Bis jetzt weiß man aber nicht so wirklich, warum manche Menschen stärker betroffen sind und andere gar nicht, und warum die Weitsichtigkeit bei manchen auf der Erde bestehen bleibt und bei anderen nicht, und vor allem: was man dagegen tun könnte.

Bei einer Mars-Expedition wäre die Crew drei Jahre unterwegs. Sollte die Weitsichtigkeit dabei immer weiter voranschreiten, kann es sein, dass jemand irgendwann blind ist, das wäre natürlich fatal für so eine Mission. Anfangs dachte man, dass Frauen nicht betroffen sind, weil die Weitsichtigkeit exklusiv bei Männern aufgetreten ist. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass einfach viel zu wenige Frauen in der Statistik drin waren. Inzwischen ist klar, dass leider auch Frauen dieses Syndrom bekommen.

Es kommt auch zu massivem Muskelschwund und Osteoporose, oder?

Ja, Muskelkraft und Muskelmasse schwinden, weil die Muskeln wenig gebraucht werden, die Knochendichte nimmt ebenfalls ab. Da wäre es auch interessant zu sehen, wie sich das bei Astronautinnen nach der Menopause auswirkt, aber da gibt es natürlich noch viel weniger Daten.

Was entgegnen Sie auf Kritik daran, dass so viel Geld in Raumfahrtprogramme gesteckt wird, obwohl wir es dringend bräuchten, um die Probleme hier auf der Welt zu lösen, nicht zuletzt die Klimakatastrophe. Was hilft es uns auf der Erde, wenn wir zum Mars fliegen?

Durch unseren Wunsch, zum Mars zu fliegen, können wir viel lernen – auch, wie wir auf der Erde besser leben können. Wir ­können ja nicht genug Nahrung, Sauerstoff und Wasser mitnehmen für diese drei Jahre, so ein großes Raumschiff gibt es gar nicht, sondern wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft, die alles erzeugt, was wir zum Überleben brauchen. Auf der ISS gibt es z. B. ein System zum Wasser-Recycling, bei dem fast 95 Prozent wiederverwendet werden können.

Auch der Urin wird recycelt.

Ja, auf dem amerikanischen Teil der ISS wird auch der Urin recycelt. Die Russen wollen das nicht. Das System kommt inzwischen aber auch in der Antarktis zum Einsatz und auch in Marokko und Algerien und in ein paar Wüstenregionen, die extrem wasserarm sind. Und das ist nur eine von ganz vielen Spin-off-Technologien, die wir dank der Raumfahrt inzwischen haben. Die ISS ist ja ein riesiges Labor, in dem man Dinge erforschen kann, die man auf der Erde nicht erforschen könnte. Auch zu erneuerbaren Energien und wie wir mit der Klimakatastrophe fertig werden können. Über 75 Prozent aller Daten zum Klimawandel kommen aus dem Weltall, ohne sie wüssten wir gar nicht, dass es eine Klimakatastrophe gibt.
Ein ganz wichtiger Punkt bei der astronautischen Erforschung des Weltalls ist außerdem die Inspiration – die Weltraumforschung begeistert die Menschen immer schon und reißt sie mit, über alle Generationen hinweg. Sie kann junge Leute dazu bringen, sich für Naturwissenschaften zu interessieren und sie zeigt uns, dass Krisen nicht ausweglos sind – dass nichts unmöglich ist.

Ihnen ist es auch wichtig, ein Vorbild für Mädchen zu sein und diese für MINT-Fächer zu begeistern. Sie sprechen dabei zwar immer wieder vom Forscher- und Entdeckergeist, der geweckt werden soll, aber anders als bei den großen Entdeckern oder dem „Space Race“ zwischen Russland und den USA, geht es nicht mehr um heroische Einzelkämpfer, sondern um Teamfähigkeit, Kooperation und verschiedene Perspektiven.

Ja, dieser Unterschied ist mir sehr wichtig: Ein Astronaut ist niemand, der irgendwo rauffliegt, um dort ein Selfie zu schießen, und dann wieder runterfliegt. Als Astronauten und Astronautinnen erforschen wir Dinge in einem Team, betreiben Wissenschaft und entwickeln Technologien. Wir vermehren Wissen, das andere begeistern kann.

Carmen Possnig: Südlich vom Ende der Welt. Wo die Nacht vier Monate dauert und ein warmer Tag minus 50 Grad hat: mein Jahr in der Antarktis, Ludwig Verlag 2020

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Der Krieg der Schreier https://ansch.4lima.de/der-krieg-der-schreier/ https://ansch.4lima.de/der-krieg-der-schreier/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:17:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=118777 Am Ende bleiben die Fanatischen übrig. Ob auf Social Media oder auf Mailinglisten, die Diskussion dominieren meist jene mit den krassesten Positionen. Die Mehrheit der in ein Ohnmachtsschweigen gefallenen Mitlesenden sind sicher nicht der Meinung, dass die Hamas eine emanzipatorische Bewegung ist und der 7. Oktober ein Befreiungsschlag war. Sie glauben auch nicht, dass alle, […]]]>

Am Ende bleiben die Fanatischen übrig. Ob auf Social Media oder auf Mailinglisten, die Diskussion dominieren meist jene mit den krassesten Positionen. Die Mehrheit der in ein Ohnmachtsschweigen gefallenen Mitlesenden sind sicher nicht der Meinung, dass die Hamas eine emanzipatorische Bewegung ist und der 7. Oktober ein Befreiungsschlag war. Sie glauben auch nicht, dass alle, die vor Antisemitismus in der pro-palästinensischen Solidaritätsbewegung warnen, vom „German Guilt“ zerfressene Antideutsche sind, die von der internationalen Linken überall sonst in der Welt verlacht werden. Sie sind aber auch nicht überzeugt, dass der Krieg angesichts des Hamas-Terrors gerecht sei und auch die zivilen Todesopfer in Gaza im Grunde selbst schuld, hätten sie sich halt in Sicherheit gebracht. (Sinngemäß war vieles davon tatsächlich auf einer linken Mailingliste zu lesen – wie auf vielen anderen wahrscheinlich auch.) Das Gefährliche an diesen Diskurs-Dominierern – fast unnötig zu erwähnen, dass sie nahezu ausschließlich männlich sind – und ihrer Kriegsrhetorik: Sie lassen bei allen anderen ein Gefühl von Ausweglosigkeit und unüberwindbarem Antagonismus entstehen, das die realen Verhältnisse massiv verzerrt. Denn während sie sich bloß auf die immergleichen Trigger-Formulierungen des Gegners stürzen, ohne dabei je wirklich verstehen zu wollen oder gar aufeinander einzugehen, würden sich die sprachlos Gewordenen wohl mühelos auf das aktuell Wichtigste in diesem vermeintlich auf ewig unlösbaren Konflikt einigen können: dass dieser Krieg aufhören soll. Und sie würden wohl auch der friedenspolitischen Binsenweisheit zustimmen, dass es dafür weniger statt mehr Fanatismus braucht.

Doch genauso wie Netanjahu und die Hamas für ihre perfide Politisierung der Eskalationsspirale unweigerlich aufeinander angewiesen bleiben, braucht es die ständige Heraufbeschwörung der Frontstellung offenbar auch in der Linken, um die eigene Position immer wieder neu zu profilieren. Alle anderen, die wir den Terror der Hamas ebenso verurteilen wie die Kriegsverbrechen Netanjahus, verschwinden in diesem dröhnenden Entweder-oder. Doch es gibt das Sowohl-als-auch, das Empathie mit den Opfern des 7. Oktobers ebenso wie mit jenen der israelischen Angriffe erlaubt. Womöglich zu verhindern, dass es weltweit groß und mächtig werden kann, ist wohl der schlimmste Schaden, den diese Schlachten anrichten. Denn ihre radikalisierte Kriegslogik, die keinen Zweifel und inzwischen noch nicht mal Zuhören erlaubt, lässt alle anderen verstummen. „Ihre Perspektiven und ihre Ansichten sind nicht in den Medien, nicht auf den Demos und auch sonst nicht vertreten“, sagt Swetlana Nowoshenowa von den Palestinians and Jews for Peace in einem Interview mit der „Graswurzelrevolution“. Wie viele andere Solidaritätsbewegungen besteht auch sie aus einer Allianz aus palästinensischen und jüdischen Aktivisten*innen, die gemeinsam für ein Ende der Gewalt eintreten.

Im Vergleich mit der Aggressivität und dem Zynismus der dominierenden Debatten wirkt eine Haltung, die für Empathie und respektvolle Auseinandersetzung wirbt, so naiv wie Gänseblümchen in Gewehrläufen. Wenn sich deutsche Linke mittels akademischer Abhandlungen über die historische und etymologische Genese des „From the River to the sea“-Slogans zerfleischen, trägt das aus ihrer Sicht offenbar mehr zur Lösung des Nahostkonflikts bei als israelische Aktivist*innen, die Hilfsgüter für Gaza als humanitäre Schutzschilde begleiten (siehe Interview auf Seite 10).

Angesichts solcher Selbstgerechtigkeit nicht zu verstummen, dafür plädiert auch der soeben erschienene Sammelband „Trotzdem sprechen“, der Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven versammelt. Darin wird viel über die Sprachlosigkeit nachgedacht, die so viele seit Kriegsbeginn lähmt, aus Angst, niedergebrüllt zu werden. „Stammeln im Getöse“, nennt Paula-Irene Villa Braslavsky das in ihrem Beitrag. Doch wer nicht mal mehr um Worte ringt, überlässt den Schreiern das Feld. Und lässt den Trugschluss zu, dass sie den Zustand der Linken repräsentieren. Das tun sie nicht. Und angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist es unerlässlich, sich das vor Augen zu führen, um nicht den Mut zu verlieren. Die Fanatischen sind laut, aber wir anderen sind mehr.

Lena Gorelik, Miryam Schellbach, Mirjam Zadoff (Hg.): Trotzdem sprechen, Ullstein 2024

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Archiv der Einsamkeit https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/ https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:22:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=116434 NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsameinsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten? Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer […]]]>

NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsam
einsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten?

Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer einsam ist bzw. wer „auf dem Weg ist, einsam zu werden“. Es ist nach wie vor tabuisiert, als „vereinsamt“ zu gelten. Die alten Erzählungen von der „einsamen Jungfrau“ oder so ein Mist haben sehr viel mit vordefinierten Lebenswegen und Entscheidungen zu tun, die aus meiner Sicht zu hinterfragen und aufzubrechen sind.

Der Autor Daniel Schreiber sagt z. B. in seinem Essay „Allein“, dass die „Einsamkeitsepidemie“ oft von konservativen Kräften beschworen wird, um nostalgische Bilder von der klassischen Kernfamilie zu propagieren. Und das ist aus queerer Perspektive sehr relevant, wenn wir uns anschauen, wo allerorts Queerfeindlichkeit auch durch solche Argumente in die Regierungsprogramme reinreklamiert wird. Auch während der Pandemie wurde genau definiert, wer dein „engster Kreis“ sein darf. Daher ist es umso wichtiger, eine Vielfalt an Lebensmodellen ökonomisch zu fördern und auch rechtlich stärker abzusichern, wie z. B. gemeinschaftliche Initiativen oder Co-Housing-Projekte.

Im Stück „Lonely For You!“ habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das Thema von einer ganz anderen Seite zu betrachten und eine Form von Leichtigkeit und Verspieltheit in der Umsetzung zu finden. Während meiner Recherchearbeit habe ich mit vielen Menschen gesprochen und sie gefragt, ob sie einen bestimmten Song gerne hören, wenn sie sich besonders einsam fühlen. Daraus hat sich so eine Art Musikarchiv der Einsamkeit geformt. Das Show-Format mit musikalischen Referenzen aus TV- und Popgeschichte ist im Grunde ein Zelebrieren des Zustandes, wenn wir alleine irgendwo sitzen und immer wieder denselben Song anhören.

Einige Feministinnen haben das Alleinsein in Büchern und Essays zuletzt als sehr befreiend und emanzipatorisch gefeiert und klar von Einsamkeit abgegrenzt. Inwiefern spielt diese Unterscheidung auch in deinem Stück eine Rolle?

Ja, ich denke eine Unterscheidung zwischen dem Gefühl der Vereinsamung und dem emanzipatorischen Akt des frei gewählten Alleinseins ist total wichtig, weil sowohl die Gründe dafür als auch das Erleben eine sehr unterschiedliche Beschaffenheit haben. Nicht zu vergessen den Zustand der sozialen Isolation, der oftmals strukturell bedingt ist und bewiesenermaßen krank machen kann.

Mir kommt es allerdings so vor, als ob alle drei Zustände ineinander verwoben sind und auch gleichzeitig fühlbar werden können. Es kann z. B. sein, dass man sich seit geraumer Zeit extrem einsam fühlt, aber trotzdem alle Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen, bewusst boykottiert. Es gibt Menschen, die immer in Gesellschaft sein müssen, aber das Gefühl der Isoliertheit nie ablegen können – diese Zwischenräume und Widersprüche interessieren mich inhaltlich und künstlerisch.

Erfahrung von Einsamkeit hat viel mit Marginalisierung zu tun. Welche Menschen haben ein besonders hohes Risiko, zu vereinsamen, und inwiefern ist der Zusammenhang von Diskriminierungserfahrung und Einsamkeit Thema deines Stückes?

Einsamkeitserfahrungen und soziale Isolation haben sehr viel mit den Lebensumständen zu tun, in denen wir uns befinden. Strukturelle Ausschlussmechanismen wie Armut und Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankung, Depressionen, Gewalt- oder Suchterfahrungen, Rassismus und Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung können erwiesenermaßen dazu führen, dass Menschen zurückgezogen leben und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Was uns im Stück aber am meisten beschäftigt, ist die Tatsache, dass Einsamkeit auf gewisse Weise vor niemandem Halt macht. Natürlich ist es leichter für jene, Auswege und Vermeidungsstrategien zu finden, die ausreichend finanzielle Mittel haben. Aber Einsamkeit kennt kein Alter, keine Religion und keinen bestimmten Ort, an dem sie zuschlägt. Es ist eine tiefe menschliche Erfahrung, die die meisten von uns machen, auch aufgrund der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben und der wir uns nur sehr schwer entziehen können.

Einsamkeit hat jede Menge geschlechtsspezifische Implikationen. Bei Frauen ist sie stark stigmatisiert, bei Männern wird sie als Autonomie und Unabhängigkeit gefeiert, angefangen mit der Figur des Lonesome Cowboys. Brauchen wir auch ein weibliches „Walden“?

Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen, wir brauchen geschlechterunspezifische
Einsamkeitsheld*innen. Ich denke das Stigma und die Scham, die einsame Menschen in Zeiten des Spätkapitalismus begleitet, gehen über binäre geschlechtsspezifische Unterscheidungen hinaus. Im Stück wird mit Klischees eher gespielt und sie werden gequeert. Ich bin im Laufe meiner Arbeit bereits auf viele weibliche Rolemodels gestoßen, die das Alleinsein und die kreative Kraft, die darin steckt, kultiviert haben. Angefangen bei der Schriftstellerin Sumana Roy und ihrem Buch „Wie ich ein Baum wurde“, über viele Künstler*innen, die sich in ihrem Schaffensprozess monatelang
zurückziehen, bis hin zu Eartha Kitt, die ihre Einsamkeit in ihren Songs verarbeitet hat. Aber wenn wir von Einsamkeit sprechen, geht es gleichzeitig immer um Gemeinschaft. Deswegen mache ich dieses Stück. Um mich mit meinen eigenen Ängsten zu konfrontieren, die in der Einsamkeit hochkommen und mit der Panik vor dem Gedanken, am Ende meines Lebens ganz allein zu sein. Ich denke, ich bin auf der Suche nach Formen der Gemeinschaft.

Du willst mit deinem Stück den Fokus auch auf queere Utopien gegen Einsamkeit richten. Wie können die aussehen?

Das finden wir gerade heraus, aber für mich sind der Prozess und die kreative Arbeit mit Freund*innen und Weggefährt*innen bereits Teil dessen. Ich liebe es, mich mit älteren und jüngeren Queers über Einsamkeitserfahrungen und Vorstellungen von Familie auszutauschen. Das zu teilen, darüber zu reflektieren und die Wünsche, die daraus entstehen, weiterzuspinnen, ist ziemlich schön. Der Beziehungsstatus einer Person sagt z. B. viel weniger darüber aus, ob eine Person einsam ist oder nicht, als wir glauben. Die Kernfrage von „Lonely For You!“ ist daher, wie wir leben und
lieben wollen. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Alleinesein gut für das Leben in Gemeinschaft ist. Diesen Gedanken mag ich sehr.

LEA SUSEMICHEL ist mit Partner, zwei Kindern & zwei Katzen in einer Wohnung mit vielen Durchgangszimmern nur selten einsam. Sie freut sich deshalb meist übers Alleinsein.

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„Andere Medien können sehr viel von uns lernen“ https://ansch.4lima.de/andere-medien-koennen-sehr-viel-von-uns-lernen/ https://ansch.4lima.de/andere-medien-koennen-sehr-viel-von-uns-lernen/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:45:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=112719 Wie marktförmig muss Feminismus heute sein, um wahrgenommen zu werden? Und wie gehen feministische Medienmacherinnen mit diesem Druck um? Ein Gespräch zwischen Lea Susemichel, leitende an.schläge-Redakteurin, und Sonja Eismann, Mitherausgeberin des „Missy Magazine“. Moderation: Janis Czapka an.schläge: Sich Feministin zu nennen, ist hip, auch andere Medien greifen frauenpolitische Themen auf. Braucht es da eigentlich noch […]]]>

Wie marktförmig muss Feminismus heute sein, um wahrgenommen zu werden? Und wie gehen feministische Medienmacherinnen mit diesem Druck um? Ein Gespräch zwischen Lea Susemichel, leitende an.schläge-Redakteurin, und Sonja Eismann, Mitherausgeberin des „Missy Magazine“. Moderation: Janis Czapka

an.schläge: Sich Feministin zu nennen, ist hip, auch andere Medien greifen frauenpolitische Themen auf. Braucht es da eigentlich noch eigene feministische Medien, Lea?

Lea Susemichel: Ja, die braucht es unbedingt. Aber es ist tatsächlich so, dass bestimmte feministische Themen inzwischen auch in traditionellen Medien verhandelt werden. Das ist ein Erfolg, den sich feministische Journalistinnen auf die Fahnen schreiben können. Uns quälen ja regelmäßig Zweifel, ob wir überhaupt etwas bewirken, ob unsere Arbeit nicht bloß ein „Preaching to the Converted“ ist. Aber auch wenn es dauert, es gibt einen Thementransfer zwischen feministischen und anderen Medien, die irgendwann um unsere Themen nicht mehr herumkommen. Auch wenn sich bei genauerer Betrachtung ­leider zeigt, dass Feminismus oft als Debattenbeitrag, als emotionsgeladenes Meinungsthema präsentiert und als Clickbait benutzt wird: Kopftuch, ja oder nein? Johnny Depp oder Amber Heard? Feministische Medien hingegen machen deutlich, dass jedes Thema auch ein feministisches Thema ist, auch wenn es um Asylpolitik oder um den Klimawandel geht.

Sonja, wodurch zeichnet sich feministische Medienarbeit aus?

Sonja Eismann: Sie agiert unter sehr prekären Bedingungen und es gibt für feministische Medienarbeit sehr viel weniger Geld als in anderen, klassischen Medienhäusern. Die amerikanische feministische Zeitschrift „Bust“ hatte früher die humoristische Eigenwerbung „Bust – like crime – does not pay“. Es werden uns Arbeitsbedingungen aufgezwungen, die wir ja paradoxerweise mit unserer Arbeit kritisieren. Andererseits sind tatsächlich ganz viele der zwar oberflächlichen, aber doch feministischen Artikel darauf zurückzuführen, dass Medien wie die an.schläge oder „Missy“ beharrlich immer wieder feministische Themen auf die Agenda gesetzt haben. Leute, die uns lesen, wissen das zwar oft alles schon, aber ich finde trotzdem, dass es auch eine extrem wichtige Funktion von feministischen Medien ist, sozusagen einen Schutzraum zu bieten, in dem sich die Leser*innen gesehen und sicher fühlen – wo sie z. B. mit dem richtigen Pronomen angesprochen und nicht gebodyshamed werden.

Wie lässt sich der Spagat bewältigen, dass auch feministische Medien ökonomisch erfolgreich sein müssen? Wie sperrt ihr euch gegen den Ausverkauf des Feminismus?

Sonja: Das ist für uns relativ einfach, es ist noch niemand gekommen, der uns eine Million Euro geben wollte für den Feminismus, den wir machen – also einen linken, intersektionalen, antifaschistischen Feminismus. Aber es gibt natürlich Feminist:innen, die stärkere Kompromisse eingehen und einen Feminismus vertreten, der sich besser verkaufen lässt, das ist eine Begleiterscheinung des Hypes. Ich habe mir gerade lustige Memes von Iketype über diesen pseudo-empowerten „Champagner-Feminismus“ von FDP, CDU, all diesen Frauen aus dem neoliberalen Business-Spektrum, angeschaut. Das gibt es natürlich, aber das hat mit unserer Definition von Feminismus rein gar nichts zu tun.

Lea: Einerseits ist das Label feministisch inflationär und ziemlich inhaltsleer geworden, indem alle sich ihren Feminismus nun einfach selbst definieren dürfen. Es geht nicht mehr um Gerechtigkeit und das gute Leben für alle, sondern ich mach mein Ding und deshalb bin ich schon Feministin. Andererseits ist aber nicht nur dieses Verständnis von Feminismus
vermarktbar geworden, sondern auch wir selbst und unsere Arbeit muss immer marktförmiger werden, um zu überleben. Aber wenn sich ein feministisches Magazin als Medienprodukt am Markt behaupten muss, kompromittiert das doch bis zu einem gewissen Grad unweigerlich, oder? an.schläge ist ja ein Non-Profit-Unternehmen, wir dürfen also gar keinen Gewinn machen, trotzdem spüren wir einen immensen Druck, das Magazin vermarkten zu müssen. Das ist etwas, das meiner Meinung nach dem feministischen Grundgedanken völlig widerspricht. Als Feministin freue ich mich über jede weitere feministische Stimme und deshalb auch über jedes neue feministische Medienprodukt, ich will also nicht in Konkurrenz zu ihnen stehen, um „mein Produkt“ möglichst gut am Markt zu platzieren. Aber das trifft ja inzwischen sogar auf einzelne Feminist:innen zu, die – mit Foucault – alle zu Unternehmerinnen ihrer selbst geworden sind, sich ständig vermarkten und sich dafür auch auf Social Media inszenieren müssen. Das machen wir inzwischen auch, obwohl auch die Logiken der Sozialen Medien so ziemlich allem entgegenlaufen, wofür unser Feminismus steht.

Sonja: Solange wir im Kapitalismus leben und unter dessen Bedingung operieren, werden wir immer unsere Haut zu Markte tragen, ohne das zu wollen. Der Grundkonflikt ist, dass wir darauf hinwirken, dass dieses System abgeschafft wird, und uns dafür dieses Systems bedienen. Deshalb finde ich es ein sehr schönes Zeichen, dass wir unsere Geburtstage zusammen feiern. Wir freuen uns über jedes feministische Magazin, jede feministische Organisation, weil uns das in unserem Kampf stärkt, dieses Scheißpatriarchat und den Kapitalismus irgendwann zu überwinden.

Medien sind derzeit generell stark unter Druck, vor welchen Herausforderungen steht die Medienpolitik?

Lea: Medien sollten grundsätzlich nicht gezwungen sein, ökonomisch erfolgreich zu sein. Es führt unweigerlich zur Boulevardisierung von ­Medien, wenn es nur noch um die Maximierung von Zugriffen geht. Medienpolitik sollte viel stärker als bisher auf die demokratiepolitische Verantwortung fokussieren. Da können andere Medien sehr viel von uns lernen, weil wir feministische Medienmacherinnen ja immer schon gezeigt haben, wie sich Haltungsjournalismus mit journalistischer Seriosität verbinden lässt und dass es die vermeintliche Neutralität so nicht gibt. Durch die Angriffe von rechts wächst nun auch in traditionellen Medien plötzlich das Bewusstsein dafür, dass es sowas wie journalistische Integrität und Haltung braucht.

Sonja: Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in Österreich wie auch in Deutschland einen rechten Backlash erleben. Und jetzt merken auch die anderen, dass es ihnen möglicherweise an den Kragen geht und besinnen sich darauf, dass es gut wäre, dem eine Haltung entgegenzusetzen. Das ist das Besondere an engagiertem Feminismus: Er tut nicht so, als würde er für alle sprechen von einem vermeintlich universalistischen Standpunkt aus.
Deswegen ist es extrem wichtig, den Lesenden klarzumachen, wie unterstützenswert das ist, und dass sich das nicht einfach gratis im Netz abgreifen lässt, sondern da viel dranhängt.

Der US-Ökonom Daron Acemoğlu fordert, dass für die Wahrung der Demokratie Google und Facebook entmachtet werden müssen. Muss für den Feminismus Instagram zerschlagen werden?

Sonja: Viele der Leute, die wir über Soziale Medien erreichen, könnten wir gar nicht über das Printmagazin erreichen. Das sind sehr junge Leute, die vielleicht auch nicht in Städten leben. Es ist also auch eine Generationenfrage, woran sich gleich der nächste Punkt anknüpft: Hat Print überhaupt noch eine Zukunft? Ich persönlich liebe Print, aber es gibt ja sehr viele Medien, die aus Nachhaltigkeitsgedanken auf digital umstellen. Wobei auch digitale Medien sehr viele Ressourcen verbrauchen.
Es ist zwar ein schöner, nostalgischer Gedanke, sich jetzt digitalen Kanälen zu verschließen, aber wenn man bestehen möchte, Menschen weiter erreichen möchte, dann führt da kein Weg drum herum.

Lea: Aber Feminist:innen sollten auf jeden Fall alles dafür tun, um diese Medien zu verändern und von innen heraus zu subvertieren, oder? Ich glaube tatsächlich, dass wir alle Schaden nehmen, wenn wir uns ihrer medialen Logik unterwerfen, die vieles zunichte macht, wofür wir so lange kämpfen.

Sonja: Absolut. Dieser Plattform-Kapitalismus, den wir damit unterstützen, ist ja absolut haarsträubend, wenn wir überlegen, welche Macht und Kapitalballung und Überwachungspotentiale dahinterstecken, was auch alles zensiert wird, z. B. in Bezug auf emanzipierte, weiblich gelesene Sexualität.
Unser großer Wunsch wäre natürlich, dass wir mit unserem Medium dazu beitragen, dass wir gemeinsam neue, solidarische Kanäle statt der existierenden erfinden. •

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