Julia Pühringer – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 09 Feb 2025 13:57:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Julia Pühringer – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Bomben unters Bett https://ansch.4lima.de/bomben-unters-bett/ https://ansch.4lima.de/bomben-unters-bett/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:57:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=124959 Viele Frauen haben in Österreich und Europa Widerstand gegen den Faschismus geleistet. Ihre Namen gehören noch immer nicht zum Allgemeinwissen. Dabei bestärkt das Wissen um ihre Solidarität und ihren radikalen Mut nicht nur in Zeiten wie diesen ungemein. Von Julia Pühringer La Dinamitera« war der Spitzname von Rosario Sánchez Mora (1919-2008) – weil sie so […]]]>

Viele Frauen haben in Österreich und Europa Widerstand gegen den Faschismus geleistet. Ihre Namen gehören noch immer nicht zum Allgemeinwissen. Dabei bestärkt das Wissen um ihre Solidarität und ihren radikalen Mut nicht nur in Zeiten wie diesen ungemein. Von Julia Pühringer

La Dinamitera« war der Spitzname von Rosario Sánchez Mora (1919-2008) – weil sie so verdammt gut Bomben bauen konnte im Kampf gegen Franco in Spanien. Nachzulesen ist ihre Geschichte in Ingrid Strobls Kultbuch „Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“. „Ich bin nicht an die Front gekommen, um mit einem Putzlumpen in der Hand zu krepieren“, wird Sánchez Mora zitiert. Sie hat sich den zugeteilten „Frauenaufgaben“ im Widerstand verweigert, wie auch die Anarchistinnen der „Mujeres Libres“, die im Spanischen Bürgerkrieg ihre Mitkämpfer wissen ließen, dass sie den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Privaten bereits während des Widerstands gegen den Faschismus zu führen gedachten. Strobl hat in den 1980er-Jahren viele Widerstandskämpferinnen noch selbst interviewt. Sie wurde, nachdem sie sich als vertrauenswürdig erwies, weitergereicht.

IN DIE LUFT SPRENGEN. Strobl hat als erste formuliert, warum so wenig über die Widerstandskämpferinnen bekannt war – übrigens auch in Deutschland und Österreich: Es lag einerseits an ihrem Geschlecht, aber auch daran, dass viele außerdem Jüdinnen und Kommunistinnen waren. Und so mancher Widerstandskämpfer fand seine Kolleginnen in seinem Buch nicht erwähnenswert. Dabei waren sie ungemein radikal: Strobl erzählt von Hannie Schaft, dem „Mädchen mit den roten Haaren“, die gemeinsam mit Truus und Freddie Oversteegen aus den Niederladen auf die Erschießung von SD-Offizieren spezialisiert waren. In Warschau waren junge Frauen im Widerstand aktiv, die so gefährlich waren, dass es den Befehl gab, sie nicht mehr zu verhaften, sondern sie sofort zu ­erschießen, „da sie immer wieder noch in der letzten Sekunde eine Handgranate zündeten und damit nicht nur sich selbst, sondern auch den, der sie festnehmen wollte, in die Luft sprengten“. Strobl erzählt von „der kleinen Wanda mit den blonden Zöpfen“, Nuita Tejtelbojm, die, von grinsenden Wachen ins Gestapo-Gebäude in Warschau eingelassen, ins Büro des Offiziers marschierte, ihn erschoss und wieder verschwand. Ihre Abteilung sprengte auch Bahnlinien, um den Nachschub an die Ostfront zu unterbinden. Filmreif und abenteuerlich klingen viele dieser Geschichten und man fragt sich, warum es die dazugehörigen Filme nicht gibt.
Es ist die unglaubliche Geschichte vom Widerstand gegen Wilhelm Kube, einem der „berüchtigtsten Schlächter in den besetzten sowjetischen Gebieten“, der gern junge ­Frauen im Hauspersonal hatte: Es war die Partisanin Halina Mazanik, die von Mitgliedern des Untergrunds eine Bombe übernahm, unter sein Bett legte und „damit einen der sadistischsten Mörder des Besatzungsregimes tötete“. Sie wurde später stellvertretende Direktorin der Hauptbibliothek der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus. Das Buch ist voll grauenerregender Berichte von Massakern, Folter, Mord und Kollektivstrafen, aber auch voll von unfassbarem Mut.

FRAUENGESCHICHTEN SICHTBAR MACHEN. Es sind zumeist Frauen, die diese Geschichten von Widerstandskämpferinnen weitererzählen, nicht nur in Büchern. Susanne Zanke verfilmte mit geringem Budget in „Eine Minute dunkel macht uns nicht blind“ 1987 die Geschichte von Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, deren Rolle im kommunistischen Widerstand neben ihrer Erfindung der „Frankfurter Küche“ zu oft in den Hintergrund rückt. Sie war freiwillig nach Wien zurückgekehrt und wurde dort verraten und inhaftiert. In „Küchengespräche mit Rebellinnen“ haben Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik und Lisbeth N. Trallori die Geschichten der Widerstandskämpferinnen Rosl Grossmann-Breuer, Anni Haider, Agnes Primocic und Johanna Sadolschek-Zala zusammengetragen. Ein eindrückliches Dokument ist auch die gleichnamige Filmadaption der Regisseurin Susanne Zanke aus dem Jahr 1981, die sieben Berichte aus Marie-Thérèse Kerschbaumers „Der weibliche Name des Widerstands“ beleuchtet. Berger, Holzinger, Podgornik und Trallori sind auch Autorinnen des bahnbrechenden Werks „Der Himmel ist blau. Kann sein“ über Frauen im Widerstand in Österreich zwischen 1938 und 1945, das Akte des Widerstands in ihrer ganzen Bandbreite abbildet.

WIDERSTAND IM ALLTAG. Agnes Primocic hat mit anderen Frauen 1934 in der Tabakfabrik in Hallein gestreikt und war später federführend bei der Befreiung von politischen Häftlingen. Grete Mikosch ließ sich arbeitsunfähig schreiben, um nicht für die Nazis arbeiten zu müssen, dann „hab ich noch mehr Zeit gehabt, unseren versteckten Freund zu betreuen“.
Hedwig Leitner-Bodenstein erschien aus Protest im Negligé mit Lockenwicklern in den Haaren zum Fahnenhissen – auch das: ein widerständiger Akt. Es sind Geschichten von Kameradinnenschaft in der Haft, von erfolgreicher Sabotage von Kriegsaufträgen, vom Verschwindenlassen von Akten in ­Eigeninitiative, von mutigen Betriebsrätinnen und konspirativ verfassten und verteilten Flugblättern, auch von Folter, „Nachtver­hören“, von Partisaninnen im Wald, von Flucht, Hinrichtungen und Lager.
„Wenn man ein Ziel hat, in einer Bewegung ist und weiß, was man will, verliert sich die Angst. Angst lähmt doch furchtbar. Aber wenn du mitwirkst und versuchst, Hindernisse zu überwinden, ist die Angst nicht so groß. Die Empörung wird zu einer Energiequelle“, sagt im Buch Irma Schwager, die in Frankreich „Mädelarbeit“ gemacht hat. Es ging darum, deutsche Soldaten auszuspionieren und ihnen die Kriegszuversicht zu nehmen.
Das Buch „Widerstand und Zivilcourage“ über widerständige Frauen in Oberösterreich sortiert nach den Tätigkeiten der Praxis: „Hinterfragen, kritisieren, zuwiderhandeln“ heißt das Kapitel über Alltagswiderstand, „Mobilisieren, überzeugen, zurückschlagen“ jenes über den organisierten Widerstand, „Einstehen, entziehen“ über den religiösen Widerstand von Christinnen und Zeuginnen Jehovas sowie „Überleben, widersetzen“ über den Widerstand von Verfolgten. Die Autorinnen betonen, „wie wichtig eine kritische Haltung und couragiertes Handeln auch in der Gegenwart für eine stabile und vielstimme Demokratie sind“, erzählen von Frauen, die Geflüchtete versteckten, den Widerstand mit Nahrungsmitteln versorgten, aus Mitgefühl genauso handelten wie aus religiöser Überzeugung. Besonders beschämend ist, wie wenige der kämpferischen Frauen später unter das Opferfürsorgegesetz fielen und keine Entschädigung für ihren Kampf erhielten.

ALLE KÖNNEN WIDERSTAND. Was eint all diese widerständigen Frauen? Was lässt sich von ihnen lernen, auch in einer Demokratie? Viele waren in Verbänden organisiert, vor allem bei der KPÖ und der SPÖ. Auch heute gilt es, Strukturen zu unterstützen: Das kann als Betriebsrätin genauso sein wie bei einem Frauenbuchclub, einer Parteiorganisation, einem Verein. Keine von ihnen hat auf eine Erlaubnis gewartet, um sich zu engagieren. In prekären Zeiten bedeutet schon Schweigen Zustimmung. Machtlos fühlt sich, wer nichts tut – und Mut ist ein Muskel, den man trainieren kann. „Es war essenziell, nicht aufzugeben. Wenn du Widerstand geleistet hast, warst du schon Siegerin. Du hattest bereits gewonnen“, schrieb Madeleine Riffaud, die französische Widerstandskämpferin, die nach dem Krieg Journalistin und Kriegsberichterstatterin wurde und 2024 hundertjährig verstarb, in einem Porträt in den „New York Times“. ­Gemeinsam mit drei weiteren Menschen hatte sie u. a. 1944 einen Zug der Wehrmacht in einem Tunnel von der Lokomotive getrennt, achtzig Soldaten mussten sich ergeben.
Immerhin hat Widerstandskämpferin Resi Pesendorfer jetzt einen Platz im Zentrum von Bad Ischl und viele andere Widerstandskämpferinnen ein Denkmal auf dem Linzer OK-Platz.

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Queerer Neon-Noir https://ansch.4lima.de/queerer-neon-noir/ https://ansch.4lima.de/queerer-neon-noir/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:21:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=118766 A match made in heaven: Kristen Stewart und Katy O’Brian lösen in Rose Glass’ genialem Retro-Bodybuilding-Thriller „Love Lies Bleeding“ alle Versprechen des Trailers auf gloriose Weise ein. Von Julia Pühringer Irgendwann in den 1980er-Jahren in einem Scheißkaff in Nevada: Lou (Kristen Stewart) hackelt in einem Fitnessstudio, hier wird auf der Leinwand geschwitzt, dass man es […]]]>

A match made in heaven: Kristen Stewart und Katy O’Brian lösen in Rose Glass’ genialem Retro-Bodybuilding-Thriller „Love Lies Bleeding“ alle Versprechen des Trailers auf gloriose Weise ein. Von Julia Pühringer

Irgendwann in den 1980er-Jahren in einem Scheißkaff in Nevada: Lou (Kristen Stewart) hackelt in einem Fitnessstudio, hier wird auf der Leinwand geschwitzt, dass man es förmlich riechen kann, Gummimatten und alter Teppichboden inklusive. „Only Losers Quit“ steht da an der Wand, und „Pain is Weakness Leaving the Body“. Lou räumt ungerührt das verstopfte Klo aus, sichtlich nicht zum ersten Mal, sie vercheckt nebenbei Anabolika. Abends beim Rauchen und Biertrinken hört sie Nikotin-Entwöhnungskassetten, während sich das Fertigessen in der Mikrowelle dreht, füttert die Katze, masturbiert einsam auf der Couch.

Ihr Vater, Lou Sr. (Ed Harris top als grindig-gefährlicher Superfiesling mit Glatze und Matte aus der Hölle) ist Chef eines Schießplatzes und eines illegalen Waffenimperiums. „Er ist ein Arschloch. Wir reden nicht miteinander“, sagt Lou. Ausgerechnet bei Lou Sr. hat Jackie (Katy O’Brian, „The Mandalorian“) angeheuert, ehemaliges Farmgirl aus Oklahoma, jetzt auf dem Weg zu einem Bodybuilding-­Contest in Las Vegas.

Ein Schlag ins Gesicht eines übergriffigen Fitnessstudiogastes später und es ist Liebe auf den ersten Blick: Lou und Jackie, Jackie, ihre fein geäderten Muckis, Lou und ihre Anabolika. Aber wir sind hier in Neo-Noir-Country, nachts leuchtet es neongrün und neonrot unter dem Sternenhimmel und das verheißt nichts Gutes, das wissen wir aus dem Kino, auch wenn in diesem Genre so gut wie nie lesbische Paare vorkommen, die sich nicht ein Mann ausgedacht hat.

Hier lebt auch Lous Schwester Beth (Jena Malone) mit dem Frauenschläger JJ (Dave Franco mit Vokuhila und Goldrandbrille). Jackie hat mit ihm gevögelt. Das macht Lou rasend. Denn sie lebt im Grunde nur mehr deshalb hier, um zu verhindern, dass JJ Beth irgendwann totschlägt. Als er wieder einmal völlig ausrastet, ist es das eine Mal zu viel. Zum Glück weiß Lou, wo ihr Vater seine Leichen vergraben hat. Doch leider lassen sich die beiden innerfamiliären Probleme nicht so leicht auf einen Streich lösen, auch nicht, wenn das FBI schon länger viele Fragen hat. Und dann wäre da auch noch Lous On-Off-Exfreundin Daisy (Anna Baryshnikov) mit Stalkerinnen-Tendenzen.

Ein pulsierender Soundtrack mit 80er-Perlen von Nona Hendryx’ „Transformation“ bis „Nice Mover“ von Gina x Performance, sagenhafte Retro-Outfits vom Fledermaus­ärmel-Blouson bis zu den kurzen Shorts und Tennissocken, zwei sensationelle Heldinnen, die nicht zuletzt vom Fame ihrer Darstellerinnen leben. Kristen Stewart gilt längst als queere und feministische Schauspielikone, mit der lesbischen Schauspielerin und Martial Artist Katy O’Brian ist ihr Love-Interest kongenial besetzt – der Cast von zwei Schauspielerinnen, die sich öffentlich kein Blatt vor den Mund nehmen, steht dem Image des Films ganz wunderbar.

Bereits im Horrorfilm „Saint Maud“ über eine in Glaubensfragen überambitionierte Palliativ-Pflegerin bewies die britische Regisseurin Rose Glass Sinn für Verknappung und Heftigkeit. Auch hier schon kooperierte sie mit dem amerikanischen US-Produktionshaus und Filmverleih A 24, der eher jüngeres und ungewöhnliches Kino propagiert und hinter Produktionen wie „Everything Everywhere All At Once“, Kelly Reichards „First Cow“, Lulu Wangs „The Farewell“, aber auch Kult-Horrorfilmen wie „Midsommar“ steht. Diesmal liefert Rose Glass eine herrliche unguilty pleasure, spielt mit Co-Drehbuchautorin Weronika Tofilska mit vielen Klischees des 90er-Neo-Noirs und dreht am Ende die Lautstärke mit viel Spaß an der Freude und an weiteren Genre-Anleihen auf elf.

Julia Pühringer ist Journalistin und schreibt unter anderem über bewegte Bilder.

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Rage & Horror https://ansch.4lima.de/rage-horror/ https://ansch.4lima.de/rage-horror/#respond Mon, 27 May 2024 18:36:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=118209 In den vorgeblichen Genreklassikern eines männlich dominierten Kanons sind Frauen oft die (nackten) Opfer. Ein Gespräch mit Horrorfilmregisseurin Jennifer Reeder über ihren Film „Perpetrator“ und Horror als zutiefst weibliches Genre. Von Julia Pühringer Der diesjährige Filmschwerpunkt zur Wut beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln feiert den heiligen weiblichen Zorn als durchaus adäquate Antwort auf den aktuellen Dauerzustand […]]]>

In den vorgeblichen Genreklassikern eines männlich dominierten Kanons sind Frauen oft die (nackten) Opfer. Ein Gespräch mit Horrorfilmregisseurin Jennifer Reeder über ihren Film „Perpetrator“ und Horror als zutiefst weibliches Genre. Von Julia Pühringer

Der diesjährige Filmschwerpunkt zur Wut beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln feiert den heiligen weiblichen Zorn als durchaus adäquate Antwort auf den aktuellen Dauerzustand der Krise.

Zu sehen waren großartige Filme wie der mitreißende Menstruations-Body-Horror „Tiger Stripes“ von Amanda Nell Eu, „Prevenge“ von Alice Lowe, die Motorradgang-Königin in „Dry Ground Burning“ von Joana Pimenta und Adirley Queirós. Auch Klassiker wie „Nine to Five“ sind fast unangenehm tagesaktuell. Ein Panel verhandelte „Rage & Horror als feministische Strategie“, einen praktischen Selbstverteidigungskurs gegen Zombies und Slasher gab es auch – der feministische Kampf braucht Praxis und Humor.

an.schläge: Wut war das Thema des diesjährigen Festivals. Mit der weiblichen Wut und ihrer Kraft beginnt ja viel Gutes.
Jennifer Reeder: Wir leben in einer Welt, die möchte, dass Frauen einfach nur Körper sind. Alles, was wir tun, um diese Vorstellung zu stören, ist toll. Wut und Zorn kann alles ändern: Immer wieder haben Frauen auf der ganzen Welt unglaublich viel verändert, viel mobilisiert. Man sieht ja, was gerade in den USA mit den ­reproduktiven Rechten passiert. Das sind Typen, die die Klitoris nicht finden, aber sie wollen unsere Körper regulieren – da geht es einfach nur um Kontrolle. Wut macht uns sichtbar.

Im Grunde ist doch Horror ein zutiefst weibliches Genre, oder?
Wenn man sich unser Leben anschaut: Von sehr früh an haben wir eine robuste und konstante Beziehung zu Blut und unseren Körpern. Die sind doch ständig „Body-gore“. Und tatsächlich haben wir Horror erfunden – wenn ich an Mary Shelley denke, sie war 19, als sie Frankenstein geschrieben hat. Auch „Jane Eyre“, „Wuthering Heights“, Schauerliteratur, all das haben Frauen geschrieben basierend auf ihren eigenen Erfahrungen. Im Horrorfilm selbst kommen sie aber nicht so oft vor, es gibt so viele Horrorfilmfans, die Filme lieben, in denen sie nicht vorkommen, junge Frauen, besonders auch junge Women of Color.

Feministischer Horror hat da die Perspektive stark verändert.
Ich habe mich damit sehr bewusst beschäftigt, auch in „Perpetrator“. Es gibt schon sehr aufgeladene Bilder, wie die Mädchen, die sich unter dem Bett verstecken, gerade etwas Fürchterliches durchgemacht haben – aber ich möchte keine Bilder produzieren, die jemanden retraumatisieren oder triggern, oder die Gewalt gegen Frauen sexualisieren.

Sie zeigen auch weibliche Solidarität – im Horror werden Frauenfiguren ja sonst eher vereinzelt.
Wir helfen einander, wenn Männer glauben, wir sind boshaft oder kleinlich oder im Wettbewerb. Mir ist es immer wichtig, die weibliche Solidarität zu betonen, weil ich sie auch in meinem Leben habe, und zwar über die Grenzen von race und Klasse hinweg.

Auch deshalb sind wir im Horror zu Hause: Die Beschissenheit der Welt überrascht Frauen nie. Auch der Horror des eigenen Körpers: Mit dem eigenen Körper einen Menschen wachsen zu lassen. Eine Geburt. Das ist ja unvorstellbar im Grunde.
Ich sage das auch oft. Ich habe drei Söhne geboren und Schwangerschaft ist eine wilde Sache. Eine Geburt ist heftig, egal ob vaginal oder per Kaiserschnitt, das ist doch Horror, blutig, eine Sauerei. Man drückt einen Menschen aus sich ­heraus. Auch die körperliche Veränderung an sich ist wild.

Penetration spielt eine wichtige Rolle im Film, aber anders als sonst.
Ja, das hat mir Spaß gemacht. Es gibt diese Eingänge in den Körper im Film, ich wollte, dass die wie Arschlöcher ausschauen. Und dann hat mir der Make-up-Effekt-Typ vom Team einfach zwölf zur Auswahl gegeben. Er war da knochentrocken, er lebt davon, fleischige Dinge zu bauen.

Es gibt so viele unterschiedliche Arten von Blut in Ihrem Film!
Wir haben unterschiedliche Arten von Blut gebraucht im Film, so klumpiges Blut wie am dritten Tag der Menstruation, dann sehr sauberes, flüssiges Blut, das musste essbar sein, dann noch sehr helles, rotes Blut. Wir hatten eigene Blutrezepte, weil wir kein hohes Budget für Blut hatten. Als wir dann im Winter in Chicago gedreht haben, ist uns das Blut so auf den Boden geklumpt, weil es zu kalt war, das war schon fast wie eine Placenta, ich musste dann jemanden losschicken, um das Blut aufzuwärmen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ihrer Kamerafrau Sevdije Kastrati gestaltet?
Ich wusste von Beginn an, dass ich mit einer Frau zusammenarbeiten will, mit einer weiblichen Linse sozusagen. Ihre Geschichte ist sehr beeindruckend: Sie war Krankenpflegerin in Ausbildung im Kosovo, als der Jugoslawienkrieg ausbrach, sie hat eine Kamera gekauft, um zu dokumentieren, was um sie herum geschieht – auch ihre Mutter und ihre Schwester sind im Krieg gestorben. Sie hat dann einfach nie mehr aufgehört, zu filmen und ist nach L.A. gegangen. Sie trifft sehr gewagte Entscheidungen, ich mag das. Gemeinsam haben wir das Farbschema entwickelt, sie hat mich sofort verstanden. Wir haben uns auf diese sehr dunkelblauen und senfgelben Töne geeinigt, die Farben von Wunden, wo das Rot des Blutes richtig herausleuchtet. Wir haben auch viel über Framing gesprochen, den Bildausschnitt, ganz besonders, wenn es um unsere Hauptdarstellerin Kiah McKirnan geht, sie spielt Jonny und ist eine Woman of Color.

Wie sind Sie auf Alicia Silverstone gekommen? Sie spielt eine Art mütterliche Femme fatale.
Wir waren lange an ihr dran – in „Clueless“ hat sie diesen ikonografischen Teenager gespielt. Und „Clueless“ ist ein Film von Dauer, was womöglich auch damit zu tun hat, dass eine Frau Regie geführt hat, Amy Heckerling. Meine Vorlage war Catherine Deneuve in „The Hunger“. Sie ist auf eine Weise unsterblich, zeitlos. Alicia hat dann alle Deneuve-Filme angeschaut, sie ist super belesen, eine Aktivistin, eine Feministin – sie hat immerhin als Teenager Hollywood überlebt. Und sie hat noch nie so eine Figur gespielt.

Haben Sie Vorbilder?
Ich liebe so Dinge wie „Rebecca“ von Hitchcock, der Lieblingsfilm meiner Mutter, Daphne du Maurier hat den Roman geschrieben. „Carrie“ von Brian De Palma. Mädchen in der Umkleidekabine in Slow Motion, ich steh auf sowas, es ist so doof und so ekelig und so großartig gleichzeitig. Das ist wie sehr viel Eis essen. Als ich dieses starke Teenager-Mädchen gesehen habe, die alles niederbrennt, im rosa Kleid, blutbedeckt, da habe ich mich nicht gefürchtet, das hat in mir etwas berührt, bevor ich Worte dafür hatte. Oh, und „Jeanne Dielman“ von Chantal Akerman, diese sehr zurückhaltende Art, zu erzählen, und die stille Wut dieser Frau, die in ihrem Leben gefangen ist.

Julia Pühringer ist Journalistin und schreibt unter anderem über bewegte Bilder.

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Der Preis von #MeToo https://ansch.4lima.de/der-preis-von-metoo/ https://ansch.4lima.de/der-preis-von-metoo/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:24:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=116439 Wie teuer kommen uns Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe? Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens, hat JULIA PÜHRINGER herausgefunden. Corona-Krise: So teuer war die Pandemie bisher wirklich«, „Depressionen verursachten 2004 Kosten in Höhe von 118 Milliarden Euro“ – aufgeregte Headlines über nicht funktionierende Menschen. Lässt sich auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in Zahlen ausdrücken? In der Erhebung […]]]>

Wie teuer kommen uns Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe? Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens, hat JULIA PÜHRINGER herausgefunden.

Corona-Krise: So teuer war die Pandemie bisher wirklich«, „Depressionen verursachten 2004 Kosten in Höhe von 118 Milliarden Euro“ – aufgeregte Headlines über nicht funktionierende Menschen. Lässt sich auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in Zahlen ausdrücken? In der Erhebung „Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und andere Formen von interpersoneller Gewalt“ aus dem Jahr 2021 der Statistik Austria liegt der Prozentsatz von Frauen in Österreich (zwischen 18 und 74 Jahren), die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben, bei rund 27 Prozent.

Was sind die Folgen? Frauen, die Übergriffe melden, wechseln oft selbst den Arbeitsplatz und nehmen dafür ein niedrigeres Gehalt in Kauf. In der Mitteilung der EU-Kommission zur „Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020–2025“ wird vermerkt: Auch wenn es mehr Hochschulabsolventinnen als Hochschulabsolventen gibt, bleiben Frauen in höher bezahlten Berufen unterrepräsentiert und im Niedriglohnsektor überrepräsentiert – „was unter anderem auf diskriminierende gesellschaftliche Normen und Stereotypen in Bezug auf die Fähigkeiten von Frauen und Männern sowie die Unterbewertung der Arbeit von Frauen zurückzuführen ist“. Österreich gehört mit 18,8 Prozent (Eurostat-Berechnung 2021) immer noch zu den EU-Ländern mit dem größten Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. „Nur ein Drittel des Gender Pay Gaps“, so ist auf der Website des Bundeskanzleramtes zu lesen, „kann aufgrund von Merkmalen wie Branche, Beruf, Alter, Dauer der Unternehmenszugehörigkeit und Arbeitszeitausmaß erklärt werden“.

Ganz so rätselhaft scheint die Sache nicht zu sein: Eine im „Quarterly Journal of Economics“ veröffentlichte Studie führt ungefähr ein Zehntel des Gender-Pay-Gaps auf sexuelle Belästigung zurück.

DO IT YOURSELF. Kein Wunder, dass der Ansatz, Frauen zu beruflichen Kampfmaschinen auszubilden, damit sie auch im Patriarchat „alles schaffen“ können, nicht ausreicht. „Es heißt immer, Frauen sollen besser verhandeln, dann haben sie aber Verschwiegenheitsklauseln in den Verträgen“, so Katharina Mader, Chefökonomin des Momentum-Instituts. Und die Frauen sind dann auch noch „selber schuld, dass es nicht besser wird“.

„The economic costs of sexual harassment in the workplace“ hat der Wirtschaftsprüfer Deloitte 2019 für Australien berechnet – mit den Kosten für Erkrankungen, die dadurch für das Management fehlende Zeit sowie fehlende Produktivität, Abwesenheiten (28 Prozent) und steigender Fluktuation von Mitarbeiter*innen (32 Prozent der Kosten!). Denn auch Mitarbeitende, die nicht selbst betroffen sind, verlassen Firmen, in denen sie Übergriffe beobachtet haben. Nicht nur verlieren betroffene Individuen Gehalt (sieben Prozent), sondern Arbeitgeber*innen Produktivität (siebzig Prozent) und der Staat dadurch Steuern (23 Prozent). Allein für 2018 hat Deloitte die Kosten für verminderte Produktivität wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit 2,62 Milliarden Dollar beziffert. Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung reduzieren also das Bruttoinlandsprodukt (BIP), eine Maßzahl für die wirtschaftliche Leistung eines Landes.

In „The Cost of Sexism“ belegt die Oxford-Ökonomin Linda Scott klare Zusammenhänge zwischen Geschlechtergerechtigkeit und steigenden Einkommen und Lebensstandards. „Es ist nicht so, dass wohlhabende Nationen sich leisten können, ihre Frauen zu befreien, sondern dass die Befreiung der Frauen sie wohlhabend gemacht hat.“

Alyssa Schneebaum, Ökonomin und Assistenzprofessorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, verweist auf die Forschung von Alice Wu, die 2017 mit ihrer Arbeit über das Online-Forum „Econ Job Market Rumors“ deutlich machte, wie stark Sexismen in der Wirtschaftswelt eingeschrieben sind. „Wenn man über eine Frau schreibt, schreibt man „sexy“ und „breasts“. Und wenn man über einen Ökonomen schreibt, verwendet man „macro economist“ und „journal“, erzählt Schneebaum. Kein gutes Umfeld für Gender-Themen. „Wie viel Wissen verlieren wir dadurch als Gesellschaft, weil wir es nicht relevant finden?“, fragt sich Schneebaum. Vor einigen Jahren hat sie berechnet, was es ausmachen würde, würden wir die unbezahlte Arbeit von Frauen bezahlen: stolze dreißig Prozent des BIP.

VON DEN TÖPFEN FERNHALTEN. Sind Sexismus, Belästigung und Machtmissbrauch nicht auch einfach ein effizientes Werkzeug, um Frauen vom Arbeitsplatz zu drängen? Sara Hassan, Autor:in, Trainer:in und Moderator:in mit Schwerpunkt Machtmissbrauch und Co-Autorin des Guides „Grauzonen gibt es nicht“ über die Muster sexueller Belästigung, sieht es so: „Wir reden die ganze Zeit darüber, als wäre alles ein Missverständnis und als wäre das alles eine schlüpfrige Angelegenheit. Aber letztlich geht es um die Verteilung von Ressourcen. Darum, dass man versucht, gewisse Menschen, Frauen, Minderheiten, alle, die es nicht „verdienen“, fernzuhalten von den Töpfen, auf die gewisse Leute aka weiße cis Männer, ein gottgegebenes historisches Anrecht formuliert haben. Und jetzt drängen andere Menschen auf den Arbeitsmarkt. Das sind Frauen, das sind Minderheiten, das queere Personen, das sind Schwarze Personen, die historisch dort nicht waren, und machen ihnen das streitig.“ Belästigung wird auch als Strafmechanismus eingesetzt. Betroffene, die solche Fälle melden, werden schnell zu Störenfrieden erklärt.

Auch Katharina Mader bestätigt: „Betroffene reden immer erst dann, wenn das Arbeitsverhältnis zu Ende ist“ – sprich, wenn es zu spät ist für Veränderungen beim Arbeitgeber. „Eigentlich bräuchte es viel mehr Druck in den aufrechten Arbeitsverhältnissen“, so Mader. Gleichzeitig: „Das Arbeitsrecht, das Gleichbehandlungsgesetz, das ist oftmals viel, viel progressiver als wir sind“, so Hassan. „Da steht beispielsweise drin, Belästigung ist verschuldensunabhängig. Das bedeutet, die Motivation von Belästigungen ist uns komplett egal. Betroffene müssen nicht sichtbar machen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist, das würde ihnen eine zusätzliche Last aufbürden.“ Aber: Das allein reicht noch nicht.

„Ohne radikale Umverteilung von Ressourcen wird es nicht gehen, dass Machtmissbrauch aufhört“, macht Hassan deutlich.

SCHADENERSATZ FORDERN. Bianca Schrittwieser, Leiterin der Abteilung Arbeitsrecht in der Arbeiterkammer Wien, berichtet, dass sich seit der #MeToo-Bewegung „viel mehr Frauen an die Rechtsberatung wenden“. Auch in ihrer Erfahrung sind Übergriffe kein Einzelfall, sondern ein Verlauf: „Bei jenen, die wir vor Gericht vertreten haben, ist de facto die Belästigung oft von Beginn des Arbeitsverhältnisses an da. Das kann schon beim Vorstellungsgespräch begonnen haben.“ Auch sie sieht dieselbe Auswirkung: Ganz viele Betroffene haben das Arbeitsverhältnis beendet. Immerhin: Bei den Fällen, die vor Gericht endeten, „wurde in achtzig Prozent der Fälle die Leistung eines Schadenersatzes erreicht“, so Schrittwieser. Das gibt Hoffnung.

Die Betroffenen waren zwischen 16 und sechzig Jahre alt. Die erschreckende Erkenntnis: Junge Menschen sind ganz häufig von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen, etwa Lehrlinge oder Praktikantinnen. „Sie steigen grad ins Berufsleben ein und die erste Erfahrung, die sie machen, sind Belästigungen“, so Schrittwieser. Allen Betroffenen hätte nach eigener Aussage geholfen, „dass es im Unternehmen ein Schutzkonzept gibt, dass im Vorhinein klar ist, dass das Unternehmen gegen sexuelle Belästigung auftritt, dass das nicht toleriert wird und es auch Ansprechpersonen gibt“.

Wie ist es um die Fürsorgepflicht bestellt? „Die tritt dann ein, wenn der Dienstgeber von der sexuellen Belästigung erfährt. Dann muss er reagieren. Und wenn er nicht reagiert, dann haftet er so, als wenn er selbst belästigen würde“, so Schrittwieser. Heuer will man sich die ökonomische Perspektive genauer anschauen. „Was richtet man da eigentlich für einen Schaden an?“ Schrittwieser betont: „Wir wissen zu wenig über die, die belästigen.“ Die Erkenntnis: Sexismus ist eine chronische gesellschaftliche Krankheit mit hohen menschlichen und wirtschaftlichen Folgekosten, die viel genauer erforscht und bekämpft werden muss.

JULIA PÜHRINGER ist Journalistin und Filmkritikerin.

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Das nackte Leben https://ansch.4lima.de/das-nackte-leben/ https://ansch.4lima.de/das-nackte-leben/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:33:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=113797 Die Sauna als sakraler Ort: „Smoke Sauna Sisterhood” von Anna Hints ist ein einzigartiger Film darüber, welche Zumutungen ein Frauenleben in petto hat – und was dagegen hilft: Austausch und Solidarität. Von Julia Pühringer 89 Minuten lang sitzen ein paar Frauen in der Sauna und unterhalten sich, so könnte man wohl die Handlung der Doku […]]]>

Die Sauna als sakraler Ort: „Smoke Sauna Sisterhood” von Anna Hints ist ein einzigartiger Film darüber, welche Zumutungen ein Frauenleben in petto hat – und was dagegen hilft: Austausch und Solidarität. Von Julia Pühringer

89 Minuten lang sitzen ein paar Frauen in der Sauna und unterhalten sich, so könnte man wohl die Handlung der Doku der estnischen Filmemacherin, Künstlerin und Frontfrau einer Folkband Anna Hints zusammenfassen – und würde sie damit völlig ungenügend beschreiben. Hints gewann beim Filmfestival in Sundance den Preis für die beste Regie in der Kategorie „World Cinema Documentary“. Kein Wunder: „Smoke Sauna Sisterhood“ ist revolutionäres Kino.

Draußen liegt Schnee, eine Frau hackt andächtig ein Loch ins Eis eines Sees, damit sich die Sauna-Besucherinnen später darin abkühlen können. Dann sitzen sie gemeinsam in dieser winzigen Sauna-Holzhütte mitten im Wald, Frauen aller Altersgruppen und Einkommensschichten, schwitzend, sie massieren sich mit gebündelten Birkenästen, es tropft, es ist dunkel, die Luft dampft, die Körper sind, so wie sie sind, ganz ohne patriarchalen Blick, der sie bewertet. Ganz ohne Männer, die zuhören, geht es in den Gesprächen schnell ans Eingemachte.

Also reden sie, die Frauen: über den ersten Kuss, die erste Liebe. Auch über die Liebe zu einer Frau, die man verstecken musste. Über die strenge Mutter, die einen geliebt hat, aber nie gelernt hatte, es zu zeigen. Eine erzählt von dem übergriffigen Mann, der plötzlich die Autotür versperrt hat. Von dem Mädchen, das wenig später ermordet wurde. Und von den anderen Männern, die meinten, ach, eh schon egal, du bist jetzt keine Jungfrau mehr, hier hast du einen Schnaps.

Die Protagonistinnen erzählen sich also „arge Geschichten“, klar wird dabei allerdings vor allem eines: wie normal sie sind. Eine erzählt von den Schmerzen, ein totes Kind auf die Welt bringen zu müssen. Eine berichtet davon, wie es ist, mit einer Krebsdiagnose zu leben. Sie sprechen leise – nicht, weil sie sich fürchten, sondern weil keine Distanz sie trennt, die übertönt werden muss. Diese Sauna ist ein geschützter Raum, hier kann in klaren Worten benannt werden, was das Leben einer Frau so zumutet. Es wird getröstet und umarmt, auch gelacht. Komplett absurd ist es eigentlich, das Patriarchat, genauso bizarr wie bösartig.

Das Themenfeld ist weit: Was ist der Wert einer Frau? Auch: Was ist der Wert eines Körpers? Und: Woran wird er festgemacht? Dieser Film zeigt es sehr deutlich: Seine ungeheure Kraft liegt ganz woanders als in normativen Schönheitskriterien – sie liegt nicht zuletzt darin, was so ein Körper alles schafft, überwindet, teilweise auch überlebt. Der Frauenkörper ist ein starker Verbündeter, dessen Stärke niemals in der Form seiner Brüste oder des Bauchs gemessen werden kann. Zu benennen, was diesem Körper, diesen Frauen zugemutet wird – das wird schnell klar – ist ein Akt der Ermächtigung. Sich gegenseitig solidarische Zeugin zu sein, ebenfalls.

Es gelingt Anna Hints, diesen beinah sakralen, intimen Raum für das Publikum zu öffnen, sodass auch wir noch Platz haben auf den Bänken und teilhaben können an den Gesprächen – auch wenn man ihr anfangs bescheinigt hat, dass es eigentlich unmöglich ist, in einer Rauchsauna zu drehen. Sie hat, wie die Sauna, einen Ort für diese Geschichten geschaffen, nun auch auf der Leinwand, wo sie so dringend hingehören und oft fehlen.

„Die Sauna ist ein heiliger Ort der ­Reinigung“, sagt eine der Protagonistinnen im Film. Letztlich ist es natürlich nicht die Sauna – es ist dieser Austausch, der beseelt, ­bestärkt, aber natürlich auch unfassbar zornig und wütend macht wegen all der Ungerechtigkeiten, die Frauen von klein auf aushalten müssen. „Smoke Sauna Sisterhood“ ist ein Film von unglaublicher Wucht und großer Zärtlichkeit gleichermaßen.

Julia Pühringer ist Journalistin und schreibt unter anderem über bewegte Bilder.

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Kamerafrauen. Im gleichen Licht https://ansch.4lima.de/kamerafrauen-im-gleichen-licht/ https://ansch.4lima.de/kamerafrauen-im-gleichen-licht/#comments Fri, 13 Oct 2023 02:45:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=112728 Immer mehr Filme bilden – endlich – Lebensrealitäten von Frauen ab. Doch hinter der Kamera stehen meistens Männer. Julia Pühringer hat Filmemacherinnen getroffen, die das ändern wollen. Ungefähr ein Viertel machten Filme von Regisseurinnen zwischen 2017 und 2019 bei österreichischen Spielfilmen aus – das besagt der „Zweite Österreichische Film Gender Report“. Wie sieht es aber […]]]>

Immer mehr Filme bilden – endlich – Lebensrealitäten von Frauen ab. Doch hinter der Kamera stehen meistens Männer. Julia Pühringer hat Filmemacherinnen getroffen, die das ändern wollen.

Ungefähr ein Viertel machten Filme von Regisseurinnen zwischen 2017 und 2019 bei österreichischen Spielfilmen aus – das besagt der „Zweite Österreichische Film Gender Report“. Wie sieht es aber bei den Kamera­frauen aus? Sie kommen noch deutlich seltener zum Zug, es zählt nur derzeit niemand mit. In der Praxis sieht das so aus: „Eine Produktionsfirma rief mich an, sie hätten am nächsten Tag einen Dreh in einer Abtreibungsklinik, da hätten sie gerne eine Frau“, erinnert sich Kamerafrau Judith Benedikt („Weiyena“) im an.schläge-Gespräch. „Ich hätte am nächsten Tag Zeit haben sollen. Ich wusste genau, sie rufen mich nur für diesen einen Drehtag an, sie haben sich weder vorher noch nachher bei mir gemeldet.“ Es ist anekdotische Evidenz, aber sie spricht Bände: „Als Kamerafrau wird man öfter in berufliche Schubladen gesteckt, es ist schwieriger, in anderen Bereichen zu arbeiten. ‚Okay, Doku kann sie, aber dass sie Spielfilm kann, das glauben wir nicht‘.“ Dasselbe gelte für den höher budgetierten Filmbereich, ein Problem, das auch Regisseurinnen kennen. „Bei Kameramännern sehe ich das nicht, die können offenbar Werbung machen, dazwischen einen Spielfilm und dann eine Doku, niemand hinterfragt das“, so Benedikt.

Raus aus der ersten Reihe. Das alte Vorurteil von Frauen und Technik feiert immer noch fröhliche Urstände. „Ich habe mit Elisabeth Scharang und Kristin Gruber für die Doku #HowToStopFemicide in vielen Ländern gedreht, wo die Leute noch nie eine Kamerafrau gesehen haben. Da dachten alle, mein Assistent ist der Kameramann“, erzählt Benedikt. Das kann allerdings auch in Österreich passieren: Bei ersten Vorbesprechungen werde der Assistent hoffnungsfroh angeschaut und bekomme alle Infos – nicht aber Benedikt selbst.
Auch die bekannte Medienkünstlerin Starsky erzählt, sie verzichte im Front-Team in der ersten Reihe inzwischen völlig auf Männer, denn sobald dort auch nur einer dabei sei, werde er für den Chef gehalten – derweil sie selbst am riesigen Projektor sitzt. Noch so ein Klischee: „Es heißt immer, Frauen können nicht so schwer tragen, aber dass Frauen ihre Kinder tragen, ist normal. Ein Dreijähriges ist genauso schwer wie eine große Digitalkamera“, sagt Bildgestalterin Birgit Guðjónsdóttir („Die Rüden“).
Die Kamerafrauen haben 2017 den Verband „Cinematographinnen“ für bildgestaltende Kamerafrauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet. „Es war für mich befreiend, sich auszutauschen. Wir alle hatten das Gefühl, dass uns die Männer 15 oder 20 Jahre lang voraus sind. Da wurde mir klar, ich bin nicht die Einzige, die dieses Problem hat – das ist ein strukturelles Problem“, erzählt Judith Benedikt.

Gleichstellung finanziell belohnen. Wie kann Veränderung vorangetrieben werden in einer Branche, in der Männer allein durch ihre Anwesenheit Kompetenzen zugeschrieben bekommen? An den Ausbildungsstätten ist die Situation immerhin schon besser: „In den letzten Jahrgängen lag der Anteil von Frauen in etwa bei einem Drittel“, so Kamerafrau Christine A. Maier („Licht“, „Quo Vadis, Aida?“), Professorin für „Cinematography“ am Institut für Film und Fernsehen der Filmakademie Wien. „Wir dürfen das aber nicht aus den Augen verlieren.“
Jobs brauchen diese Kamerafrauen natürlich auch. Einige Werkzeuge gibt es bereits, erklärt Iris Zappe-Heller, Stellvertretende Direktorin des Österreichischen Filminstituts und Leiterin der Gender-Diversitäts-Inklusions-Abteilung. „Unsere Maßnahme, um Frauen in Head Departments zu bringen, ist in erster Linie das Gender Incentive“, sagt Zappe-Heller. Produktionsfirmen bekommen 30.000 Euro, wenn sie ein Projekt in der Herstellung haben, in dem ein großer Teil der Departments von Frauen geleitet wird. „Und diese Gelder sind auch wieder zu reinvestieren in Projekte, an denen maßgeblich Frauen arbeiten.“ Es sei ein System, das langsam greife, aber dann einen Schneeballeffekt auslöse. Ebenso angelaufen ist in diesem Jahr das „Tandem“-Projekt. Frauen, die das erste Mal als Head of Department arbeiten, bekommen 5.000 Euro für einen Expertin, die ihnen über eine Schwelle hilft. „Wir wissen, dass sich Frauen selbst viel mehr infrage stellen, als das Männer je tun würden. Das hilft auch gegen die Angst, wenn jemand das erste Mal ein Department leitet“, sagt Zappe-Heller.
Und die Sache mit dem „weiblichen Blick“? Wie lässt sich die festmachen? „Auch Kamerafrauen reproduzieren den männlichen Blick, man ist so geprägt davon“, sagt Benedikt. Ob ein Mann oder eine Frau hinter der Kamera stehe, das könne man aber schon daran merken, „wie Frauen angeschaut werden“, zeigt sich Benedikt überzeugt. Ein Beispiel: Die lesbische Liebesgeschichte „Blau ist eine warme Farbe“ etwa würde männliche Fantasien von Intimität zwischen Frauen zeigen, auch von Intimität generell. Der Film (Regie: Mann, Kamera: Mann) sorgte bei seiner Premiere in Cannes für Aufregung beziehungsweise später im Internet für Ärger und Belustigung bei lesbischen Frauen, die sich darin nicht wiederfanden. Ganz grundsätzlich, so Benedikt, „nützt es wenig, wenn über den weiblichen Blick gesprochen wird, aber den wenigsten Kinobesucher*innen bewusst ist, dass achtzig bis neunzig Prozent der Filme von Kameramännern gedreht werden. Auch in der Filmbranche gibt es dieses Bewusstsein nicht.“

Die Macht über die Bilder. Bildgestalterin Birgit Guðjónsdóttir unterrichtet als freie Dozentin seit über 25 Jahren, derzeit an der Filmakademie Baden-Württemberg, der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und in der Filmabteilung der Kunstuniversität in Island. Auch sie sagt: Es liegt am System. „Wir sind so sehr gewohnt, dass Männer in Machtpositionen sind, es ist unsere Bild-DNA.“ Film sei aktuell extrem konservativ, sagt Guðjónsdóttir. „Wir müssen zumindest die Welt so darstellen, wie sie ist. Wir sind schon deutlich weiter, als das, was wir in unseren Filmen zu sehen bekommen.“ Guðjónsdóttir stellt am Set und im Unterricht die Frage, wo wir Menschen zeigen. „Wenn ein Mann Arzt ist, wird er immer in der Praxis gezeigt, die Frau, auch wenn sie Ärztin ist, wird immer zu Hause gezeigt.“
Die Unterschiede in der Darstellung beginnen tatsächlich schon bei der Beleuchtung – deshalb unterrichtet Guðjónsdóttir auch „Genderlicht“. „Frauen werden anders ausgeleuchtet – weicher gemacht, heller gemacht, Frauen haben stärkeres Gegenlicht, das zieht sich durch die ganze Kunstgeschichte. Man sieht im Idealfall vielleicht die Augen, den Mund und die Nase. Frauen dürfen keinen Charakter zeigen.“ Männer und Frauen müssten im gleichen Licht gezeigt werden, fordert die Bildgestalterin, mit mehr Schatten und mehr Falten. Doch so einfach ist die Sache nicht. In wenigen Filmen und Serien spielen Frauen über dreißig die Hauptrolle, die Jobangebote für ältere Schauspielerinnen werden deutlich weniger. „Wenn wir jetzt auch noch ihre Falten zeigen, kriegen die Schauspielerinnen berechtigte Panik, weil sie nicht altern dürfen“, sagt Guðjónsdóttir. Ein Teufelskreis. Es braucht also schon beim Drehbuch neue Geschichten und Redaktionen und Produktionsfirmen, die diese umsetzen – das gilt auch für Serien und Streaming-Projekte.
„Wo schaue ich hin und warum und wie schaue ich auf jemanden, auf etwas: Unsere Sehgewohnheiten, die gilt es ständig zu hinterfragen“, sagte Kamerafrau Eva Testor, als sie im September mit der Romy ausgezeichnet wurde. Neue Bilder braucht die Welt also, metaphorisch und wörtlich. Und wo beginnen wir als Publikum? Diesmal vielleicht am Ende, mit einem genau gelesenen Abspann: Guðjónsdóttir empfiehlt die Kolleginnen Agnès Godard („Der Fremdenlegionär“), Mandy Walker („Elvis“), Rachel Morrison („Mudbound“), Charlotte Bruus Christensen („Girl on the Train“), Maryse Alberti („The Wrestler“), Ellen Kuras („Coffee and Cigarettes“), Reed Morano („Frozen River“) und Ari Wegner („The Power of the Dog“). •

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