Jule Gutschmidt – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 21 Jan 2026 14:07:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Jule Gutschmidt – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Nicht in Watte gepackt https://ansch.4lima.de/nicht-in-watte-gepackt/ https://ansch.4lima.de/nicht-in-watte-gepackt/#respond Mon, 15 Dec 2025 07:57:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=131503 Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben. Doch immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist extrem hoch – und betrifft überwiegend Frauen. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu den Benzodiazepinen? […]]]>

Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben. Doch immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist extrem hoch – und betrifft überwiegend Frauen. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu den Benzodiazepinen? Eine Spurensuche in Wiener Beratungsstellen, Notschlafquartieren und bei Konsumentinnen einer Generation, die versucht, ihre Angst zu betäuben.

Von SOPHIA KRAUSS.
Mitarbeit: Irem Demirci, Flora Neubert und Brigitte Theißl

„14-Jährige tot: ‚Benzos‘ gefährlicher Trend bei Jugendlichen“, titelte der „Kurier“ im März 2024. Nachdem ein junges Mädchen tot in einer Wohnung in Wien-Simmering aufgefunden wurde, schlugen viele Medien Alarm: Der Tod sei im Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch gestanden, der missbräuchliche Konsum von Benzodiazepinen unter Jugendlichen stelle ein wachsendes Problem dar. Von den Titelseiten der Nachrichtenportale verschwand der Fall schnell wieder, eine toxikologische Einordnung blieb aus – ebenso wie eine nähere Betrachtung der Situationen von jungen Frauen, die „Benzos“ konsumieren.

Eigentlich werden Tabletten wie Alprazolam, das auch unter dem Markennamen „Xanax“ bekannt ist, oder Diazepam, besser bekannt als „Valium“, zur psychiatrischen Behandlung von Panik- und Angstzuständen oder Schlafstörungen verschrieben. Diese angstlösende und enthemmende Wirkung ließ „Benzos“ zuletzt auch zur Modedroge avancieren. So rappt der US-Amerikaner Isaiah Rashad 2016: „Just pop a xan, baby, make your problems go away.“ Die Songzeile bringt auf den Punkt, worum es beim Konsum von Benzodiazepinen oft geht: mit einer Tablette für einige Stunden alle Probleme und Ängste verschwinden zu lassen.

Wachsender Konsum. Darauf, dass der Konsum von Benzodiazepinen auch in Österreich unter Jugendlichen verbreitet ist, hat Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, gegenüber der APA bereits hingewiesen. Zwar sei kein allgemeiner Anstieg des Konsums illegaler Substanzen feststellbar, aber „seit Corona gibt es eine zunehmende Menge von jungen Menschen, die solche Benzodiazepine teilweise vermischt mit anderen Substanzen und teils sehr eskalativ konsumieren.“ Alarmierend ist auch, dass im Jahr 2024 die Drogennotfälle bei unter 18-Jährigen verglichen mit dem Vorjahr deutlich angestiegen sind. Fast dreißig Prozent häufiger kam es bei Minderjährigen zu Rettungseinsätzen wegen Rauschgiftintoxikation.

Wieso aber greifen junge Frauen oft zu beruhigenden und angstlösenden Substanzen? Gibt es genug unterstützende Angebote für Mädchen und junge Frauen in Wien? Und welche Auswirkungen hat es, dass bei der Wiener Suchthilfe nun massiv gespart werden soll?

Dass Benzodiazepine Risiken wie eine körperliche Abhängigkeit bergen, wurde auch lange von Mediziner*innen unterschätzt – und diese betrifft dabei wesentlich häufiger Frauen. „Grundsätzlich sind Männer von Suchterkrankungen häufiger betroffen als Frauen. Es gibt global gesehen nur zwei Substanzgruppen, die eine Ausnahme bilden und häufiger von Frauen konsumiert werden: Amphetamine und Benzodiazepine“, sagt die Psychiaterin und Suchtexpertin Gabriele Fischer im an.schläge-Interview.

Dass der Griff zu Psychopharmaka auch unter weiblichen Jugendlichen immer normaler wird, erlebt Nasrin Kashfi täglich in ihrer Arbeit als Coach bei der Mädchenberatung sprungbrett. Hier ist sie seit 15 Jahren tätig und versucht, junge Menschen, die eine Ausbildung oder die Schule abgebrochen haben, aufzufangen. Sie hilft ihnen dabei, einen strukturierten Tagesablauf zu entwickeln und wieder erste kleine Aufgaben zu bewältigen. Diese Begleitung ist eines von vielen Projekten des Vereins, der sich an junge Frauen und Mädchen sowie trans*, inter* und nicht-binäre Personen in der Altersgruppe von 11 bis 25 Jahren richtet. Die Räumlichkeiten des Vereins sind in einem Gebäudekomplex in der Hütteldorfer Straße untergebracht. Über mehrere Stockwerke erstrecken sich Gruppenräume, Werkstätten und Büros. Vor der Eingangstür chillt eine Gruppe Jugendlicher, die mir den Weg zeigt.

Nasrin Kashfi hat in den vergangenen Jahren viele Veränderungen beobachtet: „Viele der Jugendlichen, die bei uns sind, haben psychiatrische Diagnosen, zum Teil mehrere, und sind medikamentös eingestellt. Uns ist aufgefallen, dass gerade seit Corona viele Ärzt*innen relativ rasch Tabletten verschreiben, wenn Personen depressiv sind und es nicht mehr schaffen, das Haus zu verlassen. Es wird aber manchmal nicht gut begleitet, damit diese dann auch wieder abgesetzt werden können.“

Angst in der Pandemie. Dass die Corona-Pandemie Mädchen besonders zugesetzt hat, geht auch aus einem Bericht der deutschen Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2022 hervor. 2021 waren die Behandlungszahlen bei psychischen Problemen allgemein zurückgegangen. Einzelne psychische Erkrankungen in bestimmten Altersgruppen stiegen jedoch deutlich an. So wurden 54 Prozent mehr Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aufgrund von Essstörungen behandelt. Bei Angststörungen gab es bei Mädchen ein Plus von 24 Prozent. Im Zuge ihrer Behandlung kam es auch zu einem verstärkten Einsatz von Medikamenten: Bei Neuerkrankungen stiegen die Verordnungen von Antidepressiva um 65 Prozent.

Antidepressiva bergen im Vergleich zu Benzodiazepinen ein viel niedrigeres Sucht- und Missbrauchspotential. Bei Angststörungen sind sie deshalb die medikamentöse Therapie erster Wahl. Allerdings braucht es bis zu acht Wochen, bis ihre Wirkung einsetzt. Menschen, die unter schweren Panikattacken leiden, müssen diese Zeit manchmal mit Benzodiazepinen überbrücken. „Sie können unerträgliche Angstzustände sofort lösen“, sagt Psychiaterin Katrin Skala. Ihre Wirkung setzt nach nur wenigen Minuten ein. In der Psychiatrie werden Benzodiazepine deshalb häufig verwendet: Sie reduzieren nicht nur Angst, sondern vermindern auch die subjektive Wahrnehmung von Stress. Außerdem wirken sie sedierend und können für akute Schlafprobleme verwendet werden.

Auch in Österreich hat COVID-19 viel verändert. Das ist das Ergebnis einer Repräsentativerhebung, die vom Anton-Proksch-Institut Wien in Auftrag gegeben und vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien durchgeführt wurde. 26 Prozent der Befragten zwischen 16 und 92 Jahren gaben an, sich psychisch belastet zu fühlen. Mit ihrer Belastung stieg u. a. auch ihr Konsum von Benzodiazepinen an: 16 Prozent nahmen diese während der Pandemie mindestens einmal ein. Bei 48 Prozent der Personen, die Beruhigungsmittel einnehmen, kam es außerdem zu einer Zunahme des Konsums. Am häufigsten gaben Jugendliche und junge Erwachsene bis dreißig an, Benzodiazepine einzunehmen.

Nasrin Kashfi von der Mädchenberatung glaubt nicht, dass die Jugendlichen nur die Medikamente konsumieren, die sie verschrieben bekommen haben. Wie auch andere Interviewpartner*innen erzählt Kashfi von einem Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente. Dass Benzodiazepine einerseits legal verschrieben, andererseits illegal im Darknet oder auf der Straße verkauft werden, macht es laut Suchtforscherin Gabriele Fischer sehr schwer zu erforschen, wie viele Menschen diese Medikamente missbrauchen oder tatsächlich abhängig sind.

Wann beginnt Sucht? Die Frage, wann Sucht beginnt, ist ohnehin keine einfache – auch nicht für Spezialist*innen. Missbrauch liegt laut Psychiater Thomas Vanicek dann vor, wenn mit dem Substanzgebrauch körperliches oder psychisches Leid einhergeht, wenn durch den Konsum Organschäden entstehen oder man häufigeren Angstattacken ausgesetzt ist. Tatsächlich ist das bei Benzodiazepinen oft der Fall, berichtet Katrin Skala in einem Telefonat. Sie ist seit Sommer 2025 Chefärztin der Psychosozialen Dienste in Wien. „Benzodiazepine haben ein unglaubliches Abhängigkeitspotential. Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl: ‚Ich muss sterben!‘ – dann nehme ich eine Tablette und nach fünf Minuten ist alles gut. Natürlich werde ich das wiederholen wollen, sobald ich wieder eine Panikattacke bekomme.“ Das Problem beim regelmäßigen Konsum von Benzodiazepinen sei aber, dass die Substanzen das Gehirn dazu bringen, erregende Strukturen hochzufahren, erklärt Skala. Die nächste Panikattacke fällt dann schlimmer aus als die vorhergegangene. „Wenn ich diese Medikamente zu oft konsumiere, werden meine Angst und Panik auf Dauer also immer schlimmer. Das sind die ersten Schritte in Richtung Abhängigkeit.“

Von körperlicher Abhängigkeit spricht man hingegen ab dem Zeitpunkt, ab dem ein körperlicher Entzug auftritt. Auch eine solche kann bei Benzodiazepinen entstehen. „Ich werde beginnen zu zittern, zu schwitzen, unruhig zu werden. Ich kann nicht mehr schlafen und bekomme Herzklopfen“, beschreibt Skala diese körperlichen Zustände. Man könne jedoch nur schwer pauschalisieren, nach welcher Konsummenge und -dauer dieser einsetzt. „Der Entzug ist zwar nicht gefährlich, wenn es sich nur um eine Benzodiazepin-Abhängigkeit handelt – aber sehr unangenehm. Die einzige Gefahr besteht darin, dass es währenddessen zu einem epileptischen Anfall kommen kann. Das kann man durch andere Medikamente verhindern. Einen kalten Benzodiazepin-Entzug allein zu Hause würde ich nicht empfehlen“, sagt die Ärztin.

In der Info- und Beratungsstelle checkit! in der Gumpendorfer Straße in Wien werden u. a. persönliche Einzelgespräche, Konsumreflexion, Rechtsberatung und DrugChecking angeboten. Sie richtet sich damit vor allem an Freizeitkonsument*innen, Menschen mit schweren Suchterkrankungen sind dort seltener anzutreffen. Hier konnte man in den vergangenen Jahren keine Veränderung des Benzodiazepinkonsums junger Frauen bemerken. Dass Frauen aber tatsächlich eher zu beruhigenden Substanzen greifen, wird dort jedoch schon sehr lange beobachtet, schreibt checkit! auf Anfrage.

„Was kommt noch?“ Nasrin Kashfi ist hingegen überzeugt, dass bei den Jugendlichen im sprungbrett der Konsum von Benzodiazepinen zuletzt gestiegen ist. „Alles, was angstlindernd und beruhigend wirkt, oder auch euphorisierend, ist interessant. Die Jugendlichen versuchen, eine Lösung zu finden für all das, was schwierig ist. Sie versuchen, sich durch Konsum zu helfen.“ Viele junge Menschen würden derzeit eine Perspektivlosigkeit erleben, gerade dann, wenn sie aus schwierigen Familienverhältnissen stammen. „Es ist nicht besser geworden mit der Pandemie“, sagt Martina Fürpass, „als auf einmal die ganze Familie zu Hause saß, das Leben auf einen sehr engen Raum begrenzt war und es vielleicht keine Möglichkeiten gab, rauszugehen und im Gespräch zu bleiben.“ Doch nicht nur die Pandemie, auch die politische und wirtschaftliche Lage drückt auf die Stimmung junger Menschen. „Wir wissen es aus den Jugendstudien, dass vieles Jugendliche belastet, ob es der Krieg in der Ukraine ist, die Klimakatastrophe oder jetzt die Teuerung. Früher hat es dann irgendwann einen Lichtblick gegeben. Jetzt hat man eher das Gefühl: ‚Was kommt noch?‘“ Das belaste Jugendliche enorm, sagt Fürpass. „Vor allem, wenn sie niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. Wenn es dann noch schulischen oder familiären Druck gibt, will man von alldem gar nichts mehr mitkriegen, sich in Watte einpacken.“

Sich zu fühlen, als sei man in Watte gepackt – so beschreiben viele, wie es ist, Benzodiazepine zu nehmen. Sie lassen die eigenen Sorgen und Ängste sofort dumpf werden.

Wie aber müsste dann ein sicherer ärztlicher Umgang mit diesen Medikamenten aussehen? In welchen Situationen sollte man sie verschreiben? „Ich sage es jetzt provokant, aber das ist wirklich meine Meinung: gar nicht“, sagt Katrin Skala. „Ich habe kein einziges Mal in meinem Leben ein Benzodiazepin-Rezept ausgestellt und ich bin ein Vierteljahrhundert als Psychiaterin tätig. Ich habe Benzodiazepine verabreicht und sie wirken wunderbar in akuten Situationen, aber ich würde sie niemals auf Rezept verschreiben.“

„Mother’s Little Helper“. Tatsächlich ist die Verschreibungspraxis vieler Ärzt*innen in den letzten Jahrzehnten verantwortungsvoller geworden. Nachdem das Benzodiazepin Diazepam 1963 unter dem Namen Valium erstmals auf den Markt kam, wurde es so massenhaft verschrieben, dass von einer „Epidemie“ die Rede war. Mitte der 80er-Jahre verschrieben Deutschlands Hausärzt*innen und Internist*innen jedem dritten Patienten ein Benzodiazepin. In den USA reichte bis in die 1970er-Jahre ein einziges Rezept für Valium aus, um eine fast unbegrenzte Menge des Medikaments zu erhalten. Es waren vor allem weiße Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die diese Rezepte bekamen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Leiden von Frauen an den patriarchalen Verhältnissen historisch oft pathologisiert und als individuelle psychische Erkrankung behandelt wurde – oft eben auch medikamentös mit Beruhigungsmitteln – „Mother’s Little Helper“, wie sie schon von den Rolling Stones besungen wurden.

Inzwischen ist das Bewusstsein für die Risiken deutlich ausgeprägter unter Mediziner*innen. Zwischen 2010 und 2019 nahmen die ambulanten Verordnungen, die über gesetzliche Krankenversicherungen abgerechnet wurden, in Deutschland stark ab: von 39 auf 13 Millionen Tagesdosierungen. Trotzdem bekam 2022 in Deutschland etwa jede*r zwanzigste gesetzlich Krankenversicherte einmal im Jahr ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine oder der Z-Substanzen, die ähnlich wirken, verschrieben. Geschätzt 150.000 Österreicher*innen sind arzneimittelabhängig. Aufgrund der vermutlich sehr hohen Dunkelziffer liegt die tatsächliche Zahl aber wesentlich höher, es handelt sich wahrscheinlich um doppelt so viele Betroffene.

Katharina Watzl und Saskia Kamleitner sind als Sozialarbeiterinnen in einer Notschlafstelle für 14- bis 20-Jährige tätig. Es ist das einzige Notquartier für Minderjährige in Wien. Die Einrichtung verfügt über gerade einmal zehn Betten, wer dorthin kommt, lebt in besonders prekären Verhältnissen. Jugendliche und junge Erwachsene aus Wien können in der Notschlafstelle auch längerfristig nachts unterkommen, bis sie eine andere Unterkunft finden. „Ich habe schon vor der Pandemie hier gearbeitet, damals haben uns tendenziell häufiger junge Männer oder Jungen aufgesucht, es waren etwa zwei Drittel Jungs und ein Drittel Mädchen oder junge Frauen. Während und nach Corona sind immer mehr Frauen gekommen – und auch der Konsum hat sich seither verändert, hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten oder klassischen ‚Downern‘“, erzählt Katharina Watzl. Früher seien sie öfter in Berührung mit aufputschenden Substanzen oder Partydrogen gekommen.

Selbstmedikation. Diese Veränderung liege auch an der gestiegenen psychischen Belastung der ohnehin prekär lebenden Jugendlichen. „Oft scheint der Konsum eine Art Selbstmedikation zu sein – ein Versuch, das eigene Leid kurz ausschalten zu können. Diese Form des Konsums ist in meiner Wahrnehmung tatsächlich stark gestiegen. Und das liegt auch daran, dass es keine passenden psychosozialen Angebote für die Betroffenen gibt“, sagt Kamleitner. Die Jugendlichen, die zum Notquartier kommen, müssen oft sehr lange auf Hilfe warten. In der Wiener Kinder- und Jugendhilfe gibt es nur ein Krisenzentrum für Mädchen ab der Schulpflicht mit sehr langen Wartezeiten. Und gerade an dauerhaften Lösungen, wie betreuten Wohngemeinschaften und kassenfinanzierten Therapieplätzen, mangelt es. „Wir sind nur eine Notunterkunft und haben, abseits von Wochenenden und Feiertagen, nur in der Nacht geöffnet. Trotzdem wird erwartet, dass Betroffene tagelang, teilweise wochenlang bei uns bleiben, bis sie ein Folgeangebot bekommen. Das ist sehr prekär, denn tagsüber müssen sie rausgehen. Und was machst du, wenn du nichts zu tun hast? Du hast oft nur alte Strukturen, in die du reinfallen kannst“, ergänzt Watzl. 

Es sind die prekäre Lebenssituation und oft auch traumatische Erfahrungen, die Sucht begünstigen können. „Ab dem 18. Geburtstag erhalten nur sehr wenige Personen weitere Angebote von der MA11, der Kinder- und Jugendhilfe. Das trifft Personen, die ohnehin aufgrund ihrer psychischen Situation belastet sind, besonders. Und es kann dazu führen, dass sie wohnungslos werden. Wohnungslosigkeit, auch in kurzen Perioden, ist traumatisch. Sie führt zu Folgeproblemen und verstärkt dann z. B. ihre Substanzabhängigkeit. Es ist ein sich wiederholender Kreislauf“, sagt Katharina Watzl.

Gender & Konsum. Aber nicht nur junge Frauen in sehr prekären Lebenslagen greifen zu Benzodiazepinen. Auch im studentischen Umfeld ist ihr Konsum zunehmend normalisiert. Einige bekommen sie von Psychiater*innen verschrieben. Die meisten kaufen sie aber auf dem Schwarzmarkt. In Berlin gibt es eigene Telegram-Gruppen, in denen ein Blister Alprazolam für rund 15 Euro verkauft wird. Man bekommt sie von Dealern auf E-Scootern bis vor die Haustüre geliefert. A. studiert Medizin, sie ist 26 und möchte anonym bleiben. „In schwierigen Prüfungsphasen konnte ich nach dem Lernen abends nicht einfach so abschalten. Ich war aber auf meinen Schlaf angewiesen. Also gab es Zeiten, in denen ich teilweise zwei Wochen lang jeden Tag Benzos genommen habe, einfach nur, um schlafen zu können“, erzählt sie. Während dieser Prüfungsphasen, so beschreibt es A., war sie von ständigen Versagensängsten, Panik und Stress geplagt. Der Druck habe sich teilweise unerträglich angefühlt. Trotzdem wollte sie keine*n Psychiater*in aufsuchen.

„Gender und Benzodiazepinkonsum hängen auch deshalb zusammen, weil Benzodiazepine Angst und Stress reduzieren. Wir wissen, dass bei Mädchen und bei Frauen generell Angsterkrankungen und Depressionen häufiger vorkommen“, sagt Psychiater Thomas Vanicek im an.schläge-Gespräch. Dabei zeigen epidemiologische Daten, dass weder Männer noch Frauen das psychisch „kränkere“ Geschlecht sind. In ihre Symptomatik fließen jedoch unterschiedliche geschlechtsrollentypische Aspekte mit ein: Während Männer häufiger Suizid begehen oder eine Alkoholabhängigkeit entwickeln, wird bei Frauen doppelt so häufig eine psychiatrische Erkrankung wie eine Depression diagnostiziert. Von einer Medikamentenabhängigkeit sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Besonders gefährdet, eine Depression zu entwickeln, sind verheiratete, erwerbslose Frauen zwischen 25 und 45 Jahren mit niedriger Formalbildung, niedrigem sozioökonomischen Status und mehreren Kindern. Gerade Armut wirkt sich drastisch auf die psychische Gesundheit aus – wobei auch hier Frauen stärker betroffen sind.

Scham, die verdeckt. A. beschreibt den Drang, sich nichts von ihren Problemen anmerken zu lassen. „Ich empfand Scham über mich selbst, weil ich den Konsum in dieser Zeit so sehr gebraucht habe.“ A. war nie körperlich abhängig von Benzodiazepinen. Trotzdem passen ihre Schilderungen zu dem, was viele der befragten Expert*innen über geschlechtsspezifische Faktoren beim Drogengebrauch berichten. Weibliche Konsumierende würden ihren Drogengebrauch häufiger verbergen wollen, erklärt der klinische Psychologe Daniel Sanin. Sanin war zwischen 2012 und 2019 beim Wiener Suchthilfeverein Dialog in der Beratung tätig. Zuvor hatte er in der Sucht- und Drogenkoordination Wien in der Prävention gearbeitet. Während Frauen sich schämen würden, sei der Substanzgebrauch von Männern oft sichtbarer. Nasrin Kashfi von sprungbrett ergänzt, dass Frauen trotz Sucht länger „funktionieren“ würden als Männer. Und auch die Mitarbeitenden der Jugendnotschlafstelle bekräftigen: „In der Sozialen Arbeit spüren wir, dass Mädchen viel weniger auffallen und dass es vielleicht auch deshalb weniger Angebot gibt. Ihre Probleme sind verdeckter und viele Angebote beziehen geschlechtsspezifische Aspekte gar nicht mit ein.“

„Das Elend des Geschlechterverhältnisses taucht natürlich auch in den Wegen hin zum Drogenkonsum auf“, sagt Daniel Sanin. Die Forschung zeigt, dass Jungen oft über ihre männliche Freundesgruppe einsteigen. Mädchen wiederum konsumieren und injizieren oft zum ersten Mal Substanzen, die ihr männliches Umfeld beschafft hat. Verdeckt ist häufig auch die Wohnungslosigkeit junger Frauen. Sie nehmen missbräuchliche Beziehungen in Kauf, um eine Unterkunft zu haben. „Manche jungen Frauen erzählen uns davon, dass sie Beziehungen mit sehr viel älteren Personen eingehen. Am Rande bekommen wir manchmal mit, dass sich viele der Mädchen und jungen Frauen in Wohnungen voller Männer aufhalten. In diesen Wohnungen kommt es häufig zu sexuellen Übergriffen und Drogenkonsum. Aber ins Detail wollen sie im Gespräch mit uns oft nicht gehen“, erzählt Katharina Watzl. Manchmal übernachten junge Frauen in Wohnungen, bei denen die Sozialarbeiterinnen davon ausgehen, dass dort ihre Dealer leben. „Wir wissen aber auch, dass Mädchen Substanzen gegeben werden, in denen andere Substanzen als die erwarteten gemischt sind, die stark abhängig machen. Damit werden sie in die Sucht geführt“, sagt Kamleitner. Auch der Psychologe Daniel Sanin betont den Zusammenhang zwischen problematischem Konsum und verdeckter Obdachlosigkeit. „Viele Frauen leben nämlich nicht offiziell auf der Straße, aber sie haben keinen eigenen Wohnsitz und wohnen bei irgendwelchen Männern.“ Dann würden sich häufig geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduzieren, z. B. Drogen gegen Sex. „Das muss gar nicht Prostitution im klassischen Sinne sein, was es natürlich auch gibt, sondern Überlegungen wie: ‚Er lässt mich bei sich wohnen, also muss ich Sex mit ihm haben.“

Dichteres Netz. Christina Stiftel, Betriebsrätin der Suchthilfe Wien, kann das bestätigen: „Aus Angst, allein auf der Straße leben zu müssen, beginnen junge Frauen manchmal Beziehungen, in denen ihnen Gewalt widerfährt und in denen sie Missbrauchserfahrungen machen. Besonders für Mädchen ist es deshalb umso wichtiger, ein ausreichendes Angebot zu schaffen, damit sie sich sicher sind: ‚Ich kann für mich selbst sorgen. Ich habe Perspektiven. Ich bin nicht von irgendjemanden abhängig‘“, so Stiftel. Vor allem für jungen Frauen sei es wichtig, eine Perspektive zu haben – und die Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen. Auch in ihrer Arbeit wird deutlich, dass seit der Pandemie viele Jugendliche mit ihren Problemen allein gelassen wurden: „Die Pubertät an sich ist schon eine große Herausforderung. Wir haben immer jüngere Klient*innen, die nirgends aufgefangen werden.“ Es braucht dringend mehr Angebote, auch solche, die geschlechtssensibel arbeiten – darin sind sich viele der Expert*innen einig. Martina Fürpass, Geschäftsführerin von sprungbrett, bekräftigt: „Es braucht Präventions- und Beratungsstellen, die speziell für Frauen, junge Frauen, Mädchen und trans Personen da sind. Für trans und non-binäre Personen gibt es ja nochmal andere Gründe, warum sie eventuell zu Suchtmitteln greifen. Es ist sehr wichtig zu schauen, was die spezifischen Gruppen brauchen.“

Fürpass fordert zudem ein dichteres Netz von Beratungsstellen ein, das eng kooperiert. „Das sprungbrett ist keine Drogenberatungsstelle, es muss ein funktionierendes Netz geben, das zusammenarbeiten kann. Je mehr Angebote, desto besser. Es hat uns wirklich schockiert, dass gerade jetzt im Bereich der Suchthilfe eingespart wird. Das ist eine, aus unserer Sicht, absolute Katastrophe.“

Aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Österreich sei auch die Stadt Wien dazu aufgerufen, einen Beitrag zur Budgetkonsolidierung zu leisten, sagt der Chef der Sucht- und Drogenkoordination Ewald Lochner gegenüber an.schläge. Dennoch sei die Versorgung von Betroffenen gesichert. „Die Behandlung von Menschen mit einer Suchterkrankung hat oberste Priorität“, so Lochner.

Allerdings wird die Stadt Wien künftig u. a. bei der Arbeitsmarktintegration für suchtkranke Menschen große Einschnitte machen. Zwei Teilbetriebe der Suchthilfe Wien müssen schließen. Sie kümmerten sich bislang um ein Beratungsangebot für arbeitssuchende Menschen mit Abhängigkeitserkrankung. „Die Arbeitsmarktintegration bietet ganz vielen Menschen eine Perspektive. Ihnen wird die Möglichkeit gegeben, etwas an ihrer Situation zu verändern und wieder Stabilität zu bekommen, eine Wohnung zu finden und ihren Selbstwert zu stärken“, sagt Betriebsrätin Christina Stiftel. Viele dieser Menschen hätten einen Lebenslauf mit sehr vielen Lücken und es sei schwer für sie, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Arbeitsmarktintegration habe Menschen dabei geholfen, ihre gesellschaftliche Teilhabe aktiv gestalten und sich auch mal etwas leisten zu können – und wenn es nur der Kaffee mit Freund*innen sei. „Unsere Klientinnen sind oft ausgegrenzt und erfahren sehr viel Stigmatisierung. In der U-Bahn setzen sich Leute weg von ihnen, man wird schnell abgestempelt. Die Betriebe, die jetzt schließen müssen, haben den Menschen geholfen, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden“, sagt Stiftel.

 „Seit den Kürzungen in der Sozialwirtschaft wissen wir nicht, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird“, heißt es auch vonseiten der Jugendnotschlafstelle.  Außerdem würden Notquartiere in große Bedrängnis kommen, wenn andere Sozialsysteme nicht mehr funktionieren.

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele glauben, die jugendlichen Mädchen seien ein bisschen selbst schuld an ihrer Situation. Es wird vergessen, wie viel Leid sie schon erleben mussten und wie oft sie in ihren Leben schon aufgrund von äußeren Umständen gescheitert sind. Diese Mädchen kommen nicht konsumierend auf die Welt. Diese Mädchen kommen nicht psychisch krank auf die Welt. Wenn man nicht versteht, dass man Kinder von Anfang an unterstützen und schützen muss, dann wird es weiter passieren“, mahnt Saskia Kamleitner von der Notschlafstelle im Gespräch ein.

Kein „Drogenproblem“. Der klinische Psychologe Daniel Sanin steht dem Diskurs um Suchterkrankung insgesamt kritisch gegenüber. Viel von dem, was als Krankheit verhandelt werde, sei zu einem großen Teil durch den sozialen und gesellschaftlichen Umgang mit drogengebrauchenden Menschen verursacht. „Provokant formuliert ist es so, dass das vermeintliche ‚Drogenproblem‘, das im Stadtbild auftaucht, kein Drogenproblem ist, sondern ein Problem von Ausgrenzung, Armut und Perspektivlosigkeit – und natürlich auch von Repression.
Personen, die am selbstzerstörerischsten konsumieren, haben in der eigenen Biografie in der Regel auch sehr viel Zerstörung und Beschädigung erlebt – durch Gewalterfahrungen in allen Formen, von körperlich über sexuell bis psychisch, Verwahrlosung, Vernachlässigung.“

Entsprechend fordert Sanin auch eine völlig andere Haltung im Umgang mit Betroffenen ein. „Man muss Leuten grundlegend die Existenzangst nehmen, auf materieller Ebene – und auch auf psychischer. Es sollte darum gehen, Menschen zu vermitteln: ‚Es ist okay, du musst jetzt nichts leisten. Alles ist gut. Es gibt ein Netz und wir tragen dich mit.‘ Das passiert in unserer Gesellschaft aber leider nicht. Es heißt eher: ‚Wir unterstützen dich, damit du schnell wieder auf die Beine kommst, aber eigentlich sollst du bald wieder leisten.‘“

Gerade in der Jugend erlebt man viel Stress und gesellschaftliche Verunsicherung, auch junge Frauen. „Wer in der Jugend psychische Probleme hat, hat ein höheres Risiko, in seinem späteren Leben wieder darunter zu leiden“, sagt Jugendpsychiater Vanicek. Auch deshalb sei es so wichtig, dass gerade junge Menschen möglichst früh aufgefangen werden.

Dass es vor allem Mädchen und junge Frauen sind, die sich anpassen und weniger auffallen, die oft unentdeckt mit seelischem Leid und Sucht kämpfen, macht sie vulnerabler für Gewalt und Ausbeutung. Das betrifft auch queere Personen, die in vielen sozialarbeiterischen Konzepten noch immer kaum vorkommen. Zahlreiche Studien belegen, dass junge Frauen sehr viel stärker mit psychischen Problemen kämpfen – darauf müssen wir gesellschaftlich reagieren. Stadtpolitik mag keinen unbegrenzten Handlungsspielraum haben, aber sie entscheidet am Ende darüber, ob wichtige Hilfsangebote existieren oder nicht. Bei den verletzlichsten Gruppen zu sparen, ist auch mit Budgetdisziplin nicht zu rechtfertigen – es ist eine kurzsichtige Strategie mit möglicherweise dramatischen Folgen.


Ermöglicht wurde die Reportage durch das Stipendium „Recherche:Wien” des Forums Journalismus und Medien Wien (www.fjum-wien.at)

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Von YASMIN MAATOUK

In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa.

Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, und wusste: Da wartet noch viel Erkenntnis und Entwicklung auf mich. Aber irgendwann bin ich in meiner feministischen Identität stagniert. Der Grund war so simpel wie schmerzhaft: Ich konnte nicht aufhören, Männer zu zentrieren.
Der Male Gaze – der männliche Blick – war längst in meinem Kopf eingezogen. Ich sah mich mit seinen Augen, die mir lange wichtiger als meine eigenen waren. Selbst wenn ich allein in meiner Wohnung voll feministischer Poster saß, erwischte ich mich dabei, wie ich mich hinsetzte, um in einem oversized T-Shirt „zufällig“ meine Kurven zu betonen. Ich wusste theoretisch alles über den Male Gaze – und richtete mich im Alltag trotzdem nach ihm.

Bis ich Anđela kennenlernte. Ich habe mich sofort auf platonische Weise in sie verliebt – bis heute sind wir unzertrennlich. Und sie hat mich gesehen. Richtig gesehen. Als sie mir zum ersten Mal mein inneres Gefängnis spiegelte, war ich verletzt. „Oida, was willst du von mir? Ich kann ja nichts dafür, wie ich sozialisiert wurde“, dachte ich. Mein Ego war getroffen.
Aber genau dieser Moment war der Wendepunkt. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr ich mich noch immer über den männlichen Blick definierte und wie weit ich mich dabei von mir selbst entfernt hatte. Ich musste mir eingestehen: Meine Werte waren klar. Aber ich lebte nicht nach ihnen.

Die Aufmerksamkeit von Männern war mein Quick-Fix, wenn ich mich unsicher fühlte. Sie gab mir Bestätigung, aber zu einem hohen Preis: meinem inneren Frieden. Viele nächtliche Journal-Seiten und Telefonate später ist die Stimme des Mannes in meinem Kopf so leise wie nie. Mit dieser Stille wurde meine eigene Stimme lauter. Heute weiß ich: Jede Person braucht eine Anđela. Jemanden, der dir liebevoll den Spiegel hinhält und dich zwingt, hinzusehen.

Yasmin Maatouk ist Wienerin mit ägyptischen Wurzeln und arbeitet als Social Media Host beim „Moment Magazin“.

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an.sehen: Unwahrscheinliche Liebe https://ansch.4lima.de/an-sehen-unwahrscheinliche-liebe/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-unwahrscheinliche-liebe/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:29:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=131309 Joy Gharoro-Akpojotors Regiedebüt ist eine berührende Geschichte von Liebe und weiblicher Solidarität aus der Innenansicht eines Abschiebegefängnisses, die in ihrer Inszenierung stellenweise irritiert. Von Maxi Braun Die persönlichen Wertgegenstände müssen abgegeben werden, die Türen sind verriegelt, Wachpersonal patrouilliert, der Innenhof ist von hohen Zäunen umgrenzt, jeder Winkel wird mit Kameras überwacht. Der Mikrokosmos, den uns […]]]>

Joy Gharoro-Akpojotors Regiedebüt ist eine berührende Geschichte von Liebe und weiblicher Solidarität aus der Innenansicht eines Abschiebegefängnisses, die in ihrer Inszenierung stellenweise irritiert. Von Maxi Braun

Die persönlichen Wertgegenstände müssen abgegeben werden, die Türen sind verriegelt, Wachpersonal patrouilliert, der Innenhof ist von hohen Zäunen umgrenzt, jeder Winkel wird mit Kameras überwacht. Der Mikrokosmos, den uns die ersten Szenen von „Dreamers“ fast ohne Dialog aus Sicht seiner Protagonistin präsentieren, ist nicht der eines gewöhnlichen Gefängnisses. Es ist das fiktive „Hatchworth Removal Centre“ für Frauen, ein Abschiebegefängnis, in dem sich Isio (Ronkẹ Adékọluẹ́jọ́) wiederfindet, nachdem sie nach ihrer Flucht aus Nigeria zwei Jahre lang illegal in London gelebt hat. Bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag wird sie dort festgehalten, damit sie im Fall der Ablehnung direkt zurück nach Nigeria deportiert werden kann. Isio versucht erst, sich von allen fern- und aus allem herauszuhalten. Allmählich aber beginnt sie, Vertrauen zu ihrer Zimmergenossin Farah (Ann Akinjirin) und deren Freundinnen Nana (Diana Yekinni) und Atefeh (Aiysha Hart) zu fassen. Sie machen einander Mut, fangen sich bei schlechten Nachrichten gegenseitig auf und verbringen ungeachtet ihrer ­Situation kleine Momente des Glücks miteinander. Schließlich verlieben sich Isio und Farah und es bietet sich eine Chance, die illegale Flucht nach vorn zu wagen, anstatt den Behörden machtlos ausgeliefert zu sein.

Joy Gharoro-Akpojotors Debüt hat autobiografische Elemente. Wie ihre Hauptfigur hat sie nigerianische Wurzeln und floh, weil sie als queere Frau in ihrer Heimat verfolgt wurde. Wie Isio kämpfte sie in einem Abschiebegefängnis um ihr Recht auf Asyl. Die damit verbundenen Traumata, die Angst und Ohnmacht, die Menschen in einer solchen Einrichtung erfahren, die Ungerechtigkeit und Willkür, die oft über einen Aufenthaltstitel und manchmal über Leben und Tod entscheiden, sind auch im Film präsent. Auch die existierenden Hierarchie- und Abhängigkeitsverhältnisse der Bewohnerinnen untereinander oder zu den Vollzugsbeamt*innen werden thematisiert. Abseits davon gelingt der Regisseurin eine berührende Geschichte von Liebe, weiblicher Solidarität und Komplizinnenschaft. Die vier im Zentrum stehenden Frauen halten zusammen, nur so gelingt es ihnen, sich selbst und die Hoffnung nicht komplett aufzugeben. Auch die sich nur zaghaft entwickelnde Beziehung zwischen Isio und Farah ist sanft und mit einem zärtlichen Blick eingefangen, der niemals ­voyeuristisch wirkt und eine unwahrscheinliche Liebe überzeugend entwickelt. Bildgestalterin Anna Patarakina inszeniert das Abschiebegefängnis größtenteils in satten, leuchtenden Farben, die die Wärme der Figuren füreinander widerspiegelt. Neben der Selbstverständlichkeit, mit der die Liebe zwischen Isio und Farah dargestellt und auch von ihren Freundinnen akzeptiert wird, unterläuft der Film immer wieder Erwartungshaltungen von klischee­artigen Migrations­vorstellungen: Als sich Isio und Farah das erste Mal länger unterhalten, erwähnt Isio in einem Nebensatz, dass sie einen Abschluss in Politikwissenschaften habe und macht sich über Farah lustig, weil diese „nur“ ein Philosophiestudium vorweisen kann.

Gleichzeitig drängt sich angesichts dieser selten gesehenen Innenansicht eines Abschiebegefängnisses die Frage auf, ob die Buntheit und die warmen Farben des Films die triste Realität solcher Orte nicht beschönigen? Auch wenn es sich um einen Spielfilm und keinen Dokumentarfilm handelt, fragt man sich unweigerlich: Wird den Frauen wirklich der im Film gezeigte Freiraum gewährt? Gibt es eine Küche, eine Bibliothek und freiwillige Kunstkurse? Dramaturgisch ermöglicht das Setting Gharoro-Akpojotor, sich auf ihre Figuren zu konzentrieren und diese als aktiv handelnde Frauen zu zeigen, die sich ihre Würde und Eigenständigkeit bewahren, der ohnmächtigen Situation zum Trotz, in der sie sich befinden. Der Ausgang der Geschichte und der überzeugende Cast machen „Dreamers“ trotz dieser leichten Irritation zu einem ungewöhnlichen wie universellen Film über Liebe und Freundinnenschaft, auch wenn die Kritik an westlicher Migrationspolitik darüber in den Hintergrund tritt.

Credits: Dreamers, Großbritannien 2025,
78 Min, R+B: Joy Gharoro-Akpojotor

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„Kalkulierter Verfassungsbruch“ https://ansch.4lima.de/kalkulierter-verfassungsbruch/ https://ansch.4lima.de/kalkulierter-verfassungsbruch/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:24:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=131306 In Deutschland verständigte sich die Regierung auf eine Reform des Bürgergeldes – und damit auf die vielleicht drastischsten Sanktionierungen von Erwerbslosen in der Geschichte der Bundesrepublik. Sophia Krauss hat mit Helena Steinhaus gesprochen, die mit dem Verein „Sanktionsfrei“ Betroffene unterstützt. an.schläge: In Deutschland ist das Bürgergeld bald Geschichte, künftig wird es Grundsicherungsgeld heißen. Die Koalition […]]]>

In Deutschland verständigte sich die Regierung auf eine Reform des Bürgergeldes – und damit auf die vielleicht drastischsten Sanktionierungen von Erwerbslosen in der Geschichte der Bundesrepublik. Sophia Krauss hat mit Helena Steinhaus gesprochen, die mit dem Verein „Sanktionsfrei“ Betroffene unterstützt.

an.schläge: In Deutschland ist das Bürgergeld bald Geschichte, künftig wird es Grundsicherungsgeld heißen. Die Koalition aus CDU und SPD hat sich unter Kanzler Merz auf eine drastische Verschärfung geeinigt. Wie begründete man diese Reform?
Helena Steinhaus: Begründet werden die geplanten Einschnitte damit, dass das bisherige Bürgergeld scheinbar dazu einladen würde, es sich auf Kosten des Staates bequem zu machen – was natürlich kompletter Quatsch ist. Es gibt keine Zahlen, die belegen würden, dass das Bürgergeld Menschen daran hindert, eine Arbeit aufzunehmen.
Trotzdem sollen nun die Sanktionen verschärft werden, es soll noch härtere Leistungsentzüge geben, wenn man z. B. einen Termin verpasst oder eine Arbeit abgelehnt hat.
Ich nenne das, was gerade passiert, einen kalkulierten Verfassungsbruch. Denn das Bundesverfassungsgericht hat dazu vor sechs Jahren ein bahnbrechendes Urteil gesprochen: Danach sind Sanktionen, bei denen mehr als dreißig Prozent des Regelsatzes, also des Betrags, der den Lebensunterhalt decken soll, gekürzt werden, verfassungswidrig. Nur unter ganz bestimmten Umständen, die eigentlich kaum auftreten, kann der gesamte Regelsatz gestrichen werden – aber niemals die Kosten der Unterkunft. Dieses Urteil wird nun völlig ignoriert.

SPD-Politikerin Bärbel Bas meinte: „Wer mitmacht, hat nichts zu befürchten.“ Wie bewerten Sie diese Aussage?
Das Problem an Sanktionen ist, dass sie häufig diejenigen treffen, die sich nicht wehren können. Sie treffen Menschen, die psychisch oder physisch krank sind, oder aus anderen Gründen sehr stark eingebunden sind – und deshalb gar nicht die Möglichkeit haben, auf alles so zu reagieren, wie das Jobcenter es gerne hätte. Man ist nämlich gar nicht so frei, wie man als Unbeteiligter vielleicht glaubt, Termine des Jobcenters zu verschieben oder Pflichten so abzuändern, dass sie für einen machbar sind.
Nun werden die Regeln so drastisch verschärft, dass „mitmachen“ tatsächlich bedeutet, dass man kein einziges Mal eine Arbeit mehr ablehnen kann, ohne dass einem die Leistung komplett entzogen wird. So sieht es zumindest der aktuelle Gesetzesentwurf vor. Das heißt in meinen Augen auch, dass das Recht auf freie Berufswahl ausgehebelt wird.

Wer wird am meisten unter diesen Verschärfungen leiden?
Oft sind das Leute, die z. B. krankgeschrieben sind. Sie haben eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, aber das Jobcenter verlangt eine zusätzliche Wegeunfähigkeitsbescheinigung. Die muss man extra von Ärztinnen einholen, wo man in der Regel physisch erscheinen muss, was ja schon unlogisch ist. Außerdem kostet es Geld. Wir unterstützen auch Leute, die wegen Depression krankgeschrieben sind, die Angststörungen haben oder Sozialphobien, und es einfach nicht so leicht schaffen, Termine wahrzunehmen.

Die SPD hat diese Entscheidungen mitgetragen. Kam das überraschend?
Auch Hartz IV wurde 2005 unter der SPD und den Grünen eingeführt. Damals gab es schon ähnliche Argumente: Es gehe darum, Geld zu sparen, aber auch darum, der scheinbaren Arbeitsunlust der Menschen entgegenzuwirken. Aus dieser Zeit stammt auch der Satz des SPD-Politikers Franz Müntefering: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ In der Bundesrepublik wurde einem zuvor immer wenigstens der letzte Rest zum Überleben gelassen – das hat sich mit Hartz IV geändert. Durch die Einführung von Hartz IV hat die SPD massiv an Wählerinnen verloren. Im Grunde war das Bürgergeld der Versuch, Hartz IV wiedergutzumachen.
Doch danach hat sich die SPD durchgängig dem Druck von rechts gebeugt und hatte keinerlei Gegenentwürfe parat. Ich würde fast sagen, dass die SPD die Hauptverantwortung für all das trägt, was gerade passiert. Sie haben während der aktuellen Verhandlungen im Koalitionsausschuss von einer tollen Stimmung geschwärmt und dabei scheinbar einfach alle Verschärfungen durchgewunken, wenn nicht selbst sogar vorangetrieben. Für viele Menschen wird die Lage wieder genauso schlimm oder sogar noch schlimmer werden wie während Hartz IV.
Die Erbschaftssteuer bleibt hingegen weiter ausgesetzt.
Wenn es um Steuern geht, die vor allem Superreiche betreffen, haben wir es mit unfassbar gut finanzierter Lobbyarbeit zu tun. Es gibt Stiftungen, die gute Kontakte zu den Politiker*innen pflegen, die an solchen Gesetzen oder Entscheidungsprozessen beteiligt sind.

Welche Unterstützung leistet der Verein „Sanktionsfrei“ und was sind eure Forderungen an die deutsche Bundesregierung?
Unsere Arbeit hat einen juristischen Aspekt, aber genauso hatten wir schon immer auch einen spendenfinanzierten Solidartopf, um Menschen konkret zu unterstützen, die sich in akuter finanzieller Not befinden. Z. B. hat uns letzte Woche ein Obdachloser geschrieben, der Kleidungsgeld brauchte, um auf Probe arbeiten zu können. Das Jobcenter hat natürlich abgelehnt – es lehnt oft genug auch eigentlich sogenannten „unabweisbaren Bedarf“ ab. Wenn jemand z. B. einen Kühlschrank benötigt, dann müssen die Jobcenter Darlehen auszahlen, welches ab dem nächsten Monat abgezogen wird. Aber selbst so etwas weisen die Jobcenter heute häufig ab, z. B. mit der Begründung, man könne die Lebensmittel draußen lagern, es sei ja kalt und in den Wintermonaten könne man dann Ansparungen machen und sich selbst einen Kühlschrank kaufen. In solchen Fällen springen wir rechtlich und finanziell ein.
Unsere Forderungen sind simpel. Letztendlich müsste das Bürgergeld sanktionsfrei sein, weil es ein Existenzminimum gewährleistet, das einem nicht genommen werden darf – und es müsste erhöht werden. Der Paritätische Gesamtverband, das ist einer der größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands, berechnet 2024 einen Regelsatz von 813 Euro plus Strom. Das Bürgergeld sieht 2024 aber nur einen Regelbedarf von 563 Euro vor.

Und man muss Menschen in Armut auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen und ihnen Anerkennung schenken, auch für das, was sie leisten, weil die meisten sind ja gar nicht arbeitslos, sie sind ja nur erwerbslos. Und selbst wenn sie arbeitslos sind, ist das eine Situation, für die Menschen nicht verurteilt werden sollten.

www.sanktionsfrei.de

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Kapitalismus steht nicht in der Verfassung https://ansch.4lima.de/kapitalismus-steht-nicht-in-der-verfassung/ https://ansch.4lima.de/kapitalismus-steht-nicht-in-der-verfassung/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:15:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=131302 Ideologischer Machtkampf an Schulen: Während Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen um ihre Jobs fürchten müssen, drängen Rechtsradikale ins Bildungssystem. Von Laura Helene May Das erste Warnsignal ist fast immer ein Angriff auf die Rechte von Lehrkräften«, sagt Andrew Spar im Interview mit dem Schulportal der Robert-­Koch-Stiftung über politische Einflussnahme in der Bildung. Spar ist Lehrer und Präsident […]]]>

Ideologischer Machtkampf an Schulen: Während Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen um ihre Jobs fürchten müssen, drängen Rechtsradikale ins Bildungssystem. Von Laura Helene May

Das erste Warnsignal ist fast immer ein Angriff auf die Rechte von Lehrkräften«, sagt Andrew Spar im Interview mit dem Schulportal der Robert-­Koch-Stiftung über politische Einflussnahme in der Bildung. Spar ist Lehrer und Präsident der „Florida Education Association“, der größten Lehrergewerkschaft des US-Bundesstaates, und erlebt dort derzeit massive Einschüchterungsversuche. Nicht nur in den USA stellt sich aktuell die Frage: Wie politisch dürfen Lehrerinnen sein? Theoretisch ist die Meinungsäußerung von Lehrkräften in Österreich und Deutschland auf Basis des Beutelsbacher Konsenses folgendermaßen festgelegt: Sie müssen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen und hinter der Verfassung stehen – ein Neutralitätsgebot gibt es nicht. Mehr noch, Lehrkräfte sind wertegebunden, also dazu verpflichtet, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen. „Die Schule ist immer den Werten des Grundgesetzes verpflichtet. Es ist ihr Auftrag, das Grundgesetz zu schützen“, sagt Benjamin Winkler von der Antonio-Amadeu-Stiftung Sachsen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Lehrkräfte sollen die freie Meinungsäußerung der Schülerinnen fördern, was auch das Aushalten von Kontroversen bedeutet. Was sie nicht dürfen: ihre Klassen indoktrinieren oder Werbung für Parteien machen.

Rechtsextreme Angstmache. In der Praxis kommt es immer wieder zu Grabenkämpfen um diese Leitlinien. Weltweit wächst der Druck von rechts gegen „woke“ Werte, in den USA werden nicht nur queere Bücher aus Schulbibliotheken verbannt, in republikanisch regierten Bundesstaaten wie in Florida sehen sich Lehrerinnen überdies mit massiven Restriktionen konfrontiert. So ist es dort beispielsweise nicht länger erlaubt, im Unterricht über die Black-Lives-Matter-Bewegung zu sprechen. Auch in Europa gibt es derartige Tendenzen, in Sachsen ist etwa das Gendern in Schulen und Behörden seit August 2025 verboten. Die AfD betreibt seit 2018 in mehreren deutschen Bundesländern Meldeportale für ideologisch unliebsame Pädagoginnen. Im Wahlprogramm 2024 kündigte auch die FPÖ eine „Meldestelle gegen politisierende Lehrer“ an. Demnach sollen Eltern und Schüler:innen „ideologisierende Lehrkräfte“ melden können, die „notfalls Konsequenzen“ zu erwarten haben. Rechtsextreme Parteien bedrohen also aktiv politische Gegnerinnen im Bildungssystem. Doch linke Aktivistinnen stehen selbst ohne Regierungsmacht von Herbert Kickl oder Alice Weidel auf verlorenem Posten, wie etwa der Fall der Klimaschutzaktivistin, Kapitalismuskritikerin und Lehramtsstudentin Lisa Poettinger in Bayern zeigt.
Das bayrische Kulturministerium erteilte Poettinger ein Berufsverbot. Begründung: Sie habe sich in den als linksextremistisch eingestuften Gruppierungen Smash IAA (Internationale Automobil Ausstellung) und Offenes Antikapitalistisches Klimatreffen München engagiert und es bestehe deshalb Zweifel an Poettingers Verfassungstreue. Die 28-Jährige sieht sich zu Unrecht beschuldigt, wie sie gegenüber an.schläge erklärt. „Ich stehe für Demokratie, für Gewaltenteilung und hinter dem Konzept eines Rechtsstaates“, sagt sie. „Gleichzeitig sehe ich große Defizite bei Rechtsstaat und auch Demokratie. Wir alle haben keine Möglichkeit, über die Gestaltung der Wirtschaft zu entscheiden, obwohl diese unser Leben umfangreich formt, ja sogar aufs Spiel setzen kann, wenn man an die Klimakrise denkt.“
Lehrkräfte dürfen politische Meinungen haben, sagt Poettinger und kritisiert die verbreitete Annahme eines Neutralitätsgebots in der Bildung. Es sei ihre berufliche Pflicht, gegen Diskriminierung und Ausbeutung aufzustehen – doch immer wieder wird angehenden Lehrerinnen politisches Engagement zum Verhängnis. Auch Luca S. aus Hessen ist ein Beispiel: Bei der Frankfurter 1.-Mai-Demo 2024 hatte er einen Rauchtopf von einer verletzten Person weggeschleudert. Dies wurde ihm als Angriff auf die Polizei ausgelegt, auch er wurde vom Referendariat ausgeschlossen. „Was der Verfassungsschutz allzu gern mit Demokratie vermengt, ist der Kapitalismus, und den lehne ich ab“, sagt Poettinger. „Eigentlich kein Problem, denn er steht nicht in der Verfassung.“

„Volkslehrer“. Welcher Druck auf Lehrkräfte entstehen kann, wenn rechte Parteien reale Regierungsmacht haben, zeigt derzeit eindrücklich nicht nur das Beispiel USA, sondern auch ein prominenter Fall aus Linz: FPÖ-Nationalratsabgeordneter Roman Haider erzwang dort 2017 den Abbruch eines Vortrags über Extremismus an dem Gymnasium, das sein Sohn besuchte. Zugleich werden immer wieder Fälle bekannt, in denen Lehrkräfte offen faschistisches Gedankengut vertreten. Beispiele dafür sind etwa Nikolai Nerling alias „der Volkslehrer“, ein verurteilter Holocaustleugner und rechtsextremer Aktivist, der bis 2018 als Grundschullehrer in Berlin-Gesundbrunnen arbeitete. Oder der Fall eines Grazer Biologie­lehrers, der im Februar 2025 publik wurde. Dem Lehrer wird vorgeworfen, sich Ende Januar an der „Aktion 451“ beteiligt zu haben – einem Lesekreis, der rechtsextreme Inhalte verbreitet und rassistische Theorien propagiert. Die steirische Bildungsdirektion sieht derzeit keine rechtliche Grundlage für disziplinarische Maßnahmen gegen den Pädagogen. Die Behörde begründet dies damit, dass die Schulleitung den Unterrichtsstoff kontinuierlich kontrolliere und es keinerlei ­Hinweise darauf gebe, dass im Unterricht Inhalte vermittelt wurden, die mit Rassentheorien in Verbindung stehen. Ob diese institutionelle Lähmung bürokratischer oder politischer Art ist, bleibt unklar. Auffällig ist aber: Die FPÖ ist die stärkste Partei im steirischen Landtag nach der Wahl vom November 2024 und stellt dort den Landeshauptmann.

Stimmungswandel. Einen zumindest indirekten Zusammenhang zwischen Ideologisierung, Machtzuwachs rechter Parteien und verschobenen Diskursen an Schulen beobachtet auch Anne Mehrer vom Kulturbüro Sachsen, das mit interdisziplinärer Arbeit rechtsextremistischen Strukturen eine aktive demokratische Zivilgesellschaft entgegensetzen will. Seit ihrer Gründung 2013 hat die AfD in Sachsen rasant an Zustimmung gewonnen – laut aktuellen Umfragen unterstützen heute rund vierzig Prozent die rechte Partei. Ob es jemals einen antifaschistischen Grundkonsens an Schulen gab? Darauf will sich Mehrer nicht festlegen. Doch: „Aus der Beratungsarbeit lässt sich beobachten, dass sich in den letzten fünf Jahren an den Schulen widerspiegelt, was in Sachsen und Ostdeutschland ohnehin gesellschaftliche Realität ist“, sagt sie und nennt steigende Zustimmungswerte zu rassistischen und demokratiefeindlichen Positionen, eine Zunahme neonazistischer Jugendkultur und den sich verbreitenden Unwillen unter Lehrkräften, rechte Äußerungen und Verhaltensweisen kritisch zu thematisieren. Personen würden sich schneller radikalisieren und rechte Äußerungen unter Schülerinnen würden zunehmend normalisiert. Das Meldesystem für entsprechende Vorfälle sei unzureichend.
Bildungsstätten gestalten die Weltanschauung der Zukunft mit. Deshalb ist es kein Zufall, dass politische Menschen überdurchschnittlich oft Lehrberufe ergreifen. Ob die Ideologisierung an Schulen insgesamt zunimmt, ist schwer quantifizierbar, Mehrer bestätigt Fälle von rechtsextremen Einstellungen, Symbolen und Äußerungen unter Lehramtsstudierenden. Außerdem würden sich Hochschulen und Ausbildungsstätten vermehrt an das Kulturbüro wenden. „Sie wünschen sich mehr Handlungssicherheit und einen Umgang mit Studierenden oder Lehrkräften im Referendariat, die durch rechte Äußerungen oder rechte Tattoos auffallen.“ Der Verein versucht mit mobiler Beratung zu rechtsextremen Strukturen, dem Aufbau von Unterstützungsnetzwerken, dem Widerlegen des Neutralitätsgebots oder Lobbyarbeit im Kulturministerium Prävention gegen faschistisches Gedankengut zu leisten.

Der Druck steigt. „Grundsätzlich begegnen uns viele engagierte Lehrerinnen, Schulsozial­arbeiterinnen und Eltern, die deutlich einen ‚antifaschistischen Grundkonsens‘ verinnerlicht haben, ob in der Stadt oder auf dem Land“, sagt Mehrer. Doch immer wieder scheitere ihr Engagement an strukturellen Problemen wie Finanznot oder Lehrerinnenmangel, an einer Kultur des Wegschauens sowie direkten Anfeindungen. Diese Dynamik beobachtet auch Aktivistin Poettinger: „Viele Lehrkräfte befinden sich in einem Hamsterrad, stehen kurz vor dem Burnout; da liegt es nahe, sich politisch zurückzuhalten, um noch mehr Stress zu vermeiden“, sagt sie. Währenddessen könne man ­beobachten, dass viele AfD-Politikerinnen Lehrkräfte waren beziehungsweise wieder sein werden. Ob Rechtsextreme tatsächlich massenhaft in Lehrjobs drängen? Amadeu-Stiftungsvertreter Winkler zweifelt daran: „Nach meiner Beobachtung sind dies noch Einzelfälle. Nerling und Höcke dürften die prominentesten, rechtsextremen Ex-Lehrer sein“, sagt er.  Dennoch bleibt die Beobachtung, dass sich die Grenze des Sagbaren nach rechts verschiebt und der Druck auf linke Lehrkräfte wächst. Aktivistin Poettinger erklärt das folgendermaßen: „Im Kapitalismus geht es eben denjenigen an den Kragen, die die Eigentumsordnung hinterfragen. Das tun Nazis nicht und Linke schon“, so Poettinger.

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„Ich möchte es nicht diskutieren. Punkt.“ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-es-nicht-diskutieren-punkt/ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-es-nicht-diskutieren-punkt/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:05:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=131296 Kann man Rassismus verlernen? İrem Demirci im Gespräch mit Josephine Apraku über die Bandbreite von Abwehrreaktionen, die Rolle von Emotionen und Anti-Diskriminierung in der Liebe. an.schläge: Du gestaltest u. a. diskriminierungskritische Workshops. Ist es möglich, Diskriminierung zu verlernen?Josephine Apraku: Es geht nicht unbedingt darum, zu sagen: Wir verlernen jetzt Diskriminierung. Der erste Schritt ist, überhaupt […]]]>

Kann man Rassismus verlernen? İrem Demirci im Gespräch mit Josephine Apraku über die Bandbreite von Abwehrreaktionen, die Rolle von Emotionen und Anti-Diskriminierung in der Liebe.

an.schläge: Du gestaltest u. a. diskriminierungskritische Workshops. Ist es möglich, Diskriminierung zu verlernen?
Josephine Apraku: Es geht nicht unbedingt darum, zu sagen: Wir verlernen jetzt Diskriminierung. Der erste Schritt ist, überhaupt wahrzunehmen, wo Diskriminierung in uns, in unserem Handeln, in unserem Denken, im Alltag um uns herum stattfindet. Also ein Lernprozess, der die Erkenntnis hervorbringt, wie häufig und normalisiert die unterschiedlichen Formen von Diskriminierung in unserem Alltag eigentlich sind. Sicherlich geht es auch um das Verlernen von diskriminierenden Verhaltensweisen, die ganz automatisiert passieren. Das übergeordnete Ziel von Diskriminierungskritik ist aber nicht, „bessere Menschen“ zu erschaffen, sondern zu überlegen, wie unsere Gesellschaft gerechter werden kann. Wie können z. B. Leute, die bisher weniger Zugang zu Bildung haben, einen gleichberechtigten Zugang bekommen? Deshalb glaube ich nicht im klassischen Sinne ans Verlernen, auch wenn der Begriff in diesem Kontext oft fällt.

Es gibt Menschen, die offen sind für Diskriminierungskritik. Aber was ist mit jenen, die kein Interesse an Veränderungen haben? Wie begegnest du Menschen in Workshops, die zunächst mit Abwehr reagieren?
Ich mache in der Regel keine Angebote, die verpflichtend sind für die Teilnehmenden, weil Veränderung immer mit Freiwilligkeit zusammenhängt. Aber auch in freiwilligen Kontexten habe ich natürlich mit einer unterschiedlichen Bandbreite von Abwehrreaktionen zu tun. Der Fokus meiner Arbeit sind nicht die Leute, die total anti sind, im Gegenteil. Ich versuche meine Energie sehr stark auf diejenigen zu fokussieren, die Veränderung wollen. Das finde ich wichtig, denn viel zu oft richten wir unsere Energie dorthin, wo wir eigentlich keine Veränderung bewirken können.

Was sind konkrete Methoden, die sich in deiner Erfahrung als besonders wirksam erwiesen haben? Hast du ein Beispiel aus deiner Arbeit?
Viele der Methoden, mit denen ich arbeite, habe ich mir selbst überlegt. Ich zeige in der Grundschule z. B. fünf Bilder, die auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Die Bilder sind sehr unterschiedlich. Vor der Übung sollen die Schülerinnen Assoziationen mit dem afrikanischen Kontinent aufschreiben. Die bleiben bei dann bei ihnen, die werden nicht ausgesprochen, weil in der Regel natürlich viele rassistische Reproduktionen kommen. Dann zeige ich das erste Bild und es wird geraten, wo das Bild aufgenommen worden ist. Zum Beispiel die Skyline von Nairobi. Da denken manche vielleicht Miami. Am Ende löse ich auf, dass alle Bilder auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Dann zeige ich auch ganz genau, wo. Anschließend bitte ich die Schülerinnen nochmal, ihre Assoziationen aufzuschreiben. In der Reflexionsrunde können sie neue Assoziationen teilen. Interessanterweise gibt es dann eigentlich keine rassistischen Reproduktionen mehr. Auch Drittklässlerinnen haben kein Problem, zu sagen: „Na ja, also wir sind eigentlich immer nur umgeben von negativen Bildern.“ Es geht hier immer darum, sich auf die bestehende Konstruktion zu beziehen und diese dann zu dekonstruieren. Und dabei muss ich mir überlegen, wie das funktionieren kann, wenn unterschiedliche Leute mit sehr unterschiedlichen Betroffenheiten und Erfahrungen im Raum sind.

Viele Menschen empfinden Diskussionen über Diskriminierung und Rassismus als sehr erschöpfend. Lohnen sich deiner Meinung nach diese Diskussionen oder braucht es andere Formen der Auseinandersetzung?
Ich glaube schon, dass diese Diskussionen lohnend sein können, aber sie brauchen einen bestimmten Rahmen. Ich arbeite gerne mit Emotionen. Der Forschungsbereich Racial Identity Development zeigt z. B. gängige Muster von weißen Menschen, wenn sie anfangen, sich mit Rassismus zu beschäftigen und das auch längerfristig tun. Und diese Muster werden eigentlich immer von Emotionen begleitet. Was diese Diskussionen oft anstrengend macht, ist schon die Definition von Diskriminierung. In der Regel treffen da Leute aufeinander, die sehr unterschiedliche Wissensstände haben und ein sehr unterschiedliches Verständnis von Diskriminierung. Und dann kommen noch Emotionen dazu. Diese Emotionen gilt es bewusst reinzuholen in die Diskussion, um dann drauf zu schauen, was hier gerade passiert. Warum löst die Rückmeldung, dass ein Begriff rassistisch ist, etwas in dir aus? Und was konkret ist es eigentlich? Vielleicht ist es Trauer oder Angst? Ich glaube, das Erste, was Leute wahrnehmen können, ist Wut, aber ganz oft stecken dahinter noch andere Sachen. Angst z. B., dass ich auf eine Art und Weise gesehen werden könnte, die nicht mit meinem Selbstbild zusammenpasst. Ich könnte als ein schlechter Mensch wahrgenommen werden. Dabei habe ich doch eigentlich diese und jene Werte. Und auf einmal zu merken: „Oh Mist, es gibt eine Diskrepanz zwischen den Werten, die ich für mich beanspruche, und der Realität meines Handelns.“ Diese Emotionen absichtsvoll reinzuholen, kann sehr fruchtbar sein.

In deinem Buch „Kluft und Liebe“ beschäftigst du dich damit, wie soziale Ungleichheit in Liebesbeziehungen eingeschrieben sein kann. Welche Möglichkeiten siehst du, diskriminierungskritische Perspektiven auch in Liebesbeziehungen einzubinden? Ich glaube, dass es keine sicheren Räume gibt, und damit stellt sich die Frage, was das eigentlich bedeutet. Menschen, die mehrfach privilegiert sind, müssen erkennen, dass sie selbst etwas davon haben, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, sich als Team zu verstehen und zu sehen, welche Aufgaben sich daraus ergeben. Also z. B. bei der Familienfeier oder wenn das Kind Diskriminierung in der Schule erfährt. Das wirklich als gemeinsames Problem wahrzunehmen und dann zu gucken: Wie können wir dem auch gemeinsam begegnen. Menschen, die Marginalisierung erfahren, sollten ebenso darauf achten, was verinnerlichte Marginalisierung in ihrem eigenen Verhalten bewirkt. Also z. B. in diesen Momenten, in denen wir überangepasst agieren.

Wo siehst du denn die Grenzen von diskriminierungskritischer Bildungsarbeit?
Ich arbeite explizit nicht mit Leuten, die rechte Gesinnungen haben, also absichtsvolle und bewusste rechte Gesinnungen. Da ziehe ich eine Grenze. Und wenn ich z. B. eine Prozessbegleitung mache mit einer Organisation, dann habe ich keinen Einfluss darauf, was tatsächlich davon umgesetzt wird. Was die Leute konkret damit machen, kann sehr unterschiedlich ausfallen.

Was würdest du im Kontext von diskriminierungskritischer Arbeit Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, raten?
In der Regel vermeide ich es dann, Ratschläge zu geben. Ich weiß, dass Überlebensstrategien einfach zutiefst persönlich sind. Ich spreche auch absichtsvoll von Überlebensstrategien, weil sie meist genau das sind. Aber wozu ich Leute immer versuche zu ermutigen, ist klarer zu werden mit den eigenen ­Grenzen. Für „Kluft und Liebe“ habe ich auch mit Paartherapeutinnen und psychologischen Psychotherapeut*innen gesprochen. Die haben mir gespiegelt, dass sie in ihrer Praxis damit konfrontiert sind, dass Diskriminierung oft mit unterschiedlichen Arten von Grenzüberschreitungen einhergeht: das Berühren von Körpern, Zuschreibungen, auf deren Grundlage dann gehandelt wird. Im Kontext meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, Grenzen zu setzen in Bezug auf ihre eigenen Kapazitäten. Diesbezüglich versuche ich sie zu bestärken: Du musst die Diskussion nicht führen, wenn du den Eindruck hast, da kommt nichts raus. Du kannst einfach sagen: Ich möchte es nicht diskutieren. Punkt. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, durchlaufen auch unterschiedliche Phasen: Auf welche Diskussionen lasse ich mich ein und auf welche irgendwann nicht mehr ein? Wo bringt es etwas? Das ist ein wichtiger Lernprozess.

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„Wir brauchen jetzt schon Hilfe“ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:55:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=130141 In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem […]]]>

In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed

Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem Zug. Eingehüllt in einen langen Mantel, ausgestattet mit einer speziellen Sonnenbrille, gewaltigen Kopfhörern und einer FFP2-Maske wirkt es so, als versuche sie sich vor der Welt zu verstecken. Die Sonne brennt auf den Bahnsteig am Westbahnhof, die Temperaturanzeige zeigt mehr als 30 Grad und trotzdem bleibt Magdalena vollkommen bedeckt. Nicht, weil ihr kalt ist, sondern um sich auf ihrem Weg zur Fachärztin vor der Sonne zu schützen. Magdalena zählt zu den mehr als 70.000 Menschen in Österreich, die am Myalgischen Enzephalomyelitis/Chronischen Fatigue Syndrom leiden.
Bei der Krankheit, die unter der Abkürzung ME/CFS bekannt ist, handelt es sich um eine chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Die Betroffenen – zu rund zwei Dritteln Frauen – leiden unter schwerer körperlicher und mentaler Dauererschöpfung, die nicht mit alltäglicher Müdigkeit verglichen werden kann. Ihre Leistungsfähigkeit ist drastisch eingeschränkt, wobei die Schwere der Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Selbst Aktivitäten wie Lesen oder Kochen werden für manche plötzlich zur Herausforderung. In schweren Fällen ist es unmöglich, sich weiterhin selbst zu versorgen.
Diese Verantwortung übernehmen dann Familie und Partner*innen, wie das auch bei Magdalena der Fall ist. Ihre Gesundheit hat sich seit der Infektion mit SARS-CoV-2 und dem darauffolgenden Ausbruch von Post-Covid und ME/CFS vor knapp drei Jahren derart verschlechtert, dass die 29-Jährige inzwischen bettlägerig geworden ist. „Ich war viermal geimpft, als ich mich ansteckte. Es war das erste und einzige Mal, dass ich Corona hatte“, erinnert sie sich. Nach zwei Wochen werde die Infektion überstanden sein, war sie damals noch überzeugt. „Aber die Symptome klangen nie wieder ab. Ich war noch Wochen danach ständig erschöpft und hatte Gliederschmerzen.“ Schlimmer noch: Je mehr Zeit verging, desto schlechter ging es ihr. Mittlerweile bewegt sich Magdalena hauptsächlich im Rollstuhl fort. Den Traum vom Doktoratsstudium musste sie aufgrund der Krankheit aufgeben.

Nicht ernst genommen. Die Ursachen für ME/CFS bleiben weitgehend ungeklärt. Bislang konnten virale Infektionen, wie Epstein-Barr oder SARS-CoV-2, als Auslöser für die chronische Krankheit identifiziert werden. Laut der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS und der Medizinischen Universität Wien können u. a. auch bakterielle Infekte oder Schädel- und Halswirbelsäulentraumata dazu beitragen. In Österreich wird die Zahl der Betroffenen nicht offiziell erfasst. Das Nationale Referenzzentrum für postvirale Infekte geht auf Grundlage von internationalen Studien davon aus, dass rund 0,8 Prozent der Bevölkerung an der Erkrankung leiden. Die ÖG ME/CFS berechnete, dass das eine Betroffenenzahl von 73.600 Personen für das Jahr 2025 in Österreich bedeutet. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, da ME/CFS oft falsch diagnostiziert wird. „Da so viele junge Frauen daran erkranken, werden die Betroffenen von den Ärztinnen häufig nicht ernst genommen. Man wird schnell in die Psycho-Ecke gesteckt“, weiß Barbara. Die Journalistin musste ihren Beruf aufgrund der Erkrankung graduell aufgeben. Heute betreibt sie einen Online-Blog über Post-Covid und ME/CFS, recherchiert und schreibt, wenn sie ein bis zwei Stunden die Kraft dafür hat. Aus ihren eigenen Erfahrungen und derer von Bekannten weiß sie, dass nicht nur mutwillige Ignoranz zur Unterversorgung der Betroffenen beiträgt – es gibt schlichtweg nicht genug Ärztinnen in Österreich, die sich auf die Krankheit spezialisiert haben. „Und die Spezialistinnen sind privat zu bezahlen und so überlaufen, dass man monatelang auf einen Termin wartet.“

Schleichender Rückzug. Dementsprechend lange kann die Diagnose in Anspruch nehmen: durchschnittlich 18 Monate, wie das Meinungsforschungsinstitut „Patientenstimme“ und die Partnerorganisation „NichtGenesen“ 2024 bei einer Umfrage mit 1.026 Personen aus dem deutschsprachigen Raum herausfand. Betroffene werden so nicht nur allein gelassen. Es kommt auch vor, dass sie falsche Behandlungsmethoden verordnet bekommen, die dauerhafte Schäden hinterlassen. „Nachdem ich auf der Reha war, die mir mein Arzt verordnet hat, ging es mir nur noch schlechter. Ich erlebte dort meinen ersten Crash“, erzählt Barbara. Mittlerweile leidet sie an konstanter körperlicher und geistiger Erschöpfung, Muskel- und Halsschmerzen sowie an „Post-Exertioneller-Malaise“ (PEM). PEM wird umgangssprachlich als „Crash“ oder Belastungs-Erholungsstörung bezeichnet und ist das Leitsymptom der Krankheit. Sie tritt auf, nachdem die Betroffenen eine Tätigkeit ausgeführt haben, die ihre Belastungsgrenzen überschreitet. Je nach Schwere der Erkrankung kann das ein Spaziergang, ein Arzttermin oder auch nur zu viel Lärm sein. „Meine Familie und Freundinnen sehen mich nur an meinen guten Tagen und denken dann, dass es mir eh nicht so schlecht geht. Aber sie sehen nicht, wie lange ich mich nach ihrem Besuch im Bett ausruhen muss und mir nicht einmal etwas zu essen machen kann“, berichtet Barbara. Das Achten auf die eigenen Grenzen ist das A und O zur Linderung der Symptome. Gleichzeitig bedeutet es, dass viele Erkrankte aus der Öffentlichkeit verschwinden – nicht nur, weil sie ihre Berufe nicht mehr wie zuvor ausüben können, sondern auch, weil sie in ihrem Privatleben zurückstecken müssen. Zunehmende Vereinsamung ist die Konsequenz.

Mit Einsamkeit hat auch die 27-jährige Janis* seit rund einem Jahr zu kämpfen. Sie kannte die Symptome von ME/CFS bereits von ihrem Ex-Partner, als sie erstmals bei ihr selbst ausbrachen. „Ich habe ihn gegen Ende unserer Beziehung noch viel begleitet. Deswegen konnte ich es relativ schnell zuordnen“, sagt sie.
Durch ihn kam Janis auch an Fachärzt*innen und eine Diagnose. „Ich hatte einfach Glück“, resümiert die Grafikerin. „Ansonsten hätte ich wahrscheinlich erst nach Monaten realisiert, was mit mir passiert.“ Das ermöglichte Janis auch, ihren Alltag frühzeitig an ihre neuen Grenzen anzupassen und eine weitere Verschlechterung zu vermeiden. „Dadurch, dass ich nur leicht betroffen bin, kann ich mich gut selbst versorgen“, erzählt sie. Ihre sozialen Kontakte aber haben sich mit der Zeit verringert, weil sie immer wieder Einladungen ausschlagen musste. Janis lebt alleine in der Wohnung, in der sie sich die meiste Zeit aufhalten muss. „Mittlerweile kann ich wieder mehr Sachen unternehmen, wie mich mit Freundinnen in einem Café zu treffen oder spazieren zu gehen. Aber es ist schwer, sich wieder ins soziale Leben zurückzukämpfen. Dieses Jahr der Vereinsamung hat viel mit mir gemacht“, schildert sie. Sie habe etwa das Gefühl verloren, wie man mit Menschen umgeht und verlernt, körperliche Zuneigung zu zeigen – auch, wenn es das ist, was sie manchmal besonders braucht, wenn sie keine Energie zum Sprechen hat.
Zu viele Versorgungslücken. Für die drei Frauen ist klar: Es muss noch viel getan werden, um über ME/CFS und deren Auswirkungen auf die Betroffenen aufzuklären. Besonders im österreichischen Gesundheitswesen besteht dringender Aufholbedarf. Noch 2024 hatte Gesundheitsminister Johannes Rauch einen Nationalen Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen angekündigt. Dieser beinhalte wichtige Maßnahmen zur Schließung der Versorgungslücken. Schließlich hieß es aber, die Implementierung müsse auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Grund: Es seien noch weitere Überarbeitungen notwendig. „Wir brauchen jetzt schon Unterstützung und nicht erst in ein paar Jahren“, sagt Janis.
„Zumindest hat es das neue Referenzzentrum für postvirale Syndrome erreicht, dass Medikamente für andere Krankheiten, die auch bei ME/CFS helfen, von Ärzt*innen verschrieben werden können“, sagt Barbara. „So wurde wenigstens in der Praxis der Zugang zu Behandlungen erleichtert.“ Das Zentrum bietet zusätzlich Fortbildungen für Ärzt*innen zu ME/CFS an. Zugleich gibt es bislang keine öffentlichen Anlaufstellen, an die sich die Erkrankten wenden können. Die Erste soll voraussichtlich noch diesen Herbst in Salzburg eröffnet werden.

Salme Taha Ali Mohamed schrieb u. a. für das biber-Magazin, social attitude, die BezirksZeitung und MO – Magazin für Menschenrechte.

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„Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats“ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:31:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=130135 Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen. Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das […]]]>

Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen.

Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt“ erkundete sie auf den Spuren von Simone de Beauvoir, wie es um die Wahlfreiheit der Frauen im Patriarchat bestellt ist. „Das Gespräch der Geschlechter“ wiederum widmet sich der Philosophie des sexuellen Konsens und seinen rechtlichen, moralischen und politischen Fragen. Im Zentrum steht bei allen Texten von Garcia die Frage danach, wie sich geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten in unseren täglichen Beziehungen manifestieren. Für „Mit Männern leben“ hat Manon Garcia den Fall Pelicot begleitet. Garcia dokumentiert den historischen großen Prozess, „der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden“. Die Frage, die Garcia stellt, ist beängstigend, weil wir die Antwort kennen: „Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?“ Hätte Gisèle Pelicot ohne die #MeToo-Bewegung den Prozess öffentlich stattfinden lassen? Vermutlich nicht. Hätte ein Opfer ohne Beweise auf Videos eine Chance gehabt? Vermutlich auch nicht.

an.schläge: Je mehr man die Situation von Frauen erforscht, desto mehr klingt man wie eine Verschwörungstheoretikerin, kennen Sie das Gefühl?
Manon Garcia: Ja, das ist wahr. Aber es ist natürlich interessant, dass Männer sagen, es kann doch gar nicht so schlimm sein, wenn sie im Alltag zulassen, dass es so schlimm ist. Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats.

Es ist halt irre leicht, „ein guter Typ“ zu sein, die Latte liegt nicht hoch.
Es gibt diesen Witz: „A guy walks into a bar because it is so low.“

Ist der Kampf für Feminismus derselbe wie der gegen den Faschismus? Oder ist das zu vereinfacht dargestellt?
Ich fürchte, das ist zu optimistisch: Es wäre toll, wenn nur die Faschisten klassische Antifeministen wären. Es ist möglich, dass die deutsche Linke nicht so sexistisch ist wie die französische, aber Sexismus ist wirklich überall. Gerade eben war das allererste Mal eine Frau mit ihrem Baby im Bundestag! Als ich mein erstes Kind bekam, hatte ich eine sehr ­fancy Postdoc-Stelle in Harvard, die es seit fast hundert Jahren gibt. Ich und eine Frau, die ihr Kind zwei Wochen vor mir bekam, waren die ersten beiden Frauen, die währenddessen ein Kind bekamen.

In Österreich – und das ist in Frankreich sicher ähnlich – gibt es einige männliche Philosophen, die in Talkshows herumgereicht werden, egal zu welchem Thema. Ich denke mir dann immer, die weiße männliche Perspektive wird uns in den aktuellen Katastrophen nicht weiterhelfen.
Das ist der Unterschied: Ich spreche nicht über Fragen, bei denen ich keine Expertin bin. Es stimmt natürlich, viele Männer haben nicht so viele Bedenken, was die Autorität ihrer Aussagen betrifft. Aber die Lösung ist letztlich nicht, das Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen weißen Mannes zu haben, ich will ja nicht, dass mehr Leute so sind, sondern eher weniger.

Auf eine Weise wirkt es, als hätten Ihre früheren Bücher direkt zu diesem geführt. Stimmt das?
Ich habe diesen Gerichtsprozess nicht als Philosophin besucht, sondern als Expertin für die Themen, die er behandelt. Ein Anwalt von Gisèle Pelicot hat sich auch stark auf meine Arbeit bezogen, er meinte, es war das wichtigste Buch bei seiner Vorbereitung. Also dachte ich, ich bin auf eine Weise sowieso Bestandteil des Prozesses und ich bin quasi aus der Bibliothek in die richtige Welt gezogen.

Sie zitieren sehr viele Expertinnen in Ihrem Buch und auch die Sprache ist inklusiver – war das Absicht?
Mein Deutsch ist inzwischen besser (lacht), das Buch war das erste, bei dem ich auch die deutsche Übersetzung gelesen habe. Da habe ich dann gesagt, wo es eine inklusivere Sprache braucht. Von wegen Expertinnen: Ganz ehrlich, es arbeiten einfach kaum Männer zu den Themen, die ich interessant finde.

Die Dinge, über die Sie schreiben, sind fürchterlich, gleichzeitig schreiben Sie aber über den Akt des Darüber-Schreibens, darüber, wie man eine adäquate Sprache dafür findet. Wie war das, abends nach dem Prozess auch noch diese neue Sprache zu finden?
Die Frage stellte sich mir eher, weil ich stinksauer war darüber, wie andere über den Prozess geschrieben und gesprochen haben. Wenn man stinksauer ist wegen des Zustands der Welt und die eigene Arbeit als eine Art Wiedergutmachung betrachtet, dann ist das tatsächlich eine beruhigende Tätigkeit.

Auch, den Ärger dazu zu verwenden, die Probleme zu beschreiben, die hinter dem Prozess stehen, die andere Leute gar nicht sehen.
Ich wollte mir eigentlich nur zwei Tage lang die Atmosphäre anschauen. Aber dann ist mir klargeworden, es reicht nicht, den Fall nur über die Zeitungen zu verfolgen, weil diese Journalistinnen und Journalisten nicht sehen, was ich sehe. Sie waren Reporter:innen, aber keine feministischen Philosoph:innen.

Wie können wir die Welt ändern zu einer Gesellschaft, in der so etwas wie der Fall Pelicot nicht länger möglich ist?
Als Philosophin kann ich den Menschen Konzepte geben, die die Gesellschaft so verändern, dass sich die Welt verändert. Meine Mutter hat Deleuze, Foucault und Lacan gelesen – ich habe versucht, das zu verstehen, aber ich bin gescheitert. Ich war 15 und dachte, diese Typen sind angeblich links, aber sie schreiben so, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Ich möchte in einer Weise schreiben, die Menschen Werkzeuge gibt, um anderer Meinung zu sein. Das habe ich mit diesem Buch versucht: Werkzeuge zu schaffen, mit denen man diesen Prozess verstehen kann, aber auch andere Dinge im Leben oder auch über eine selbst. Dafür sind die Geisteswissenschaften da.

Ich kenne das Gefühl gut aus dem Kino. Bei all diesen Filmen, die man unbedingt gesehen haben musste, fühlte ich mich als 15-Jährige nicht mitgemeint. Die ganze Nouvelle Vague ist so irre misogyn.
Ich habe in einer Lehrveranstaltung in den USA „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard gesehen und habe meine Mutter angerufen und gefragt, was zur Hölle ist los mit deinem Freund. Kino bildet natürlich die Welt ab, in der wir leben. Ich finde das bei all diesen Cancel-Culture-Diskussionen sehr erfrischend: Wie cool ist es, dass wir inzwischen Woody-Allen-Filme sexistisch finden. Das bedeutet, die Welt hat sich geändert. Das, was früher normal schien, wirkt heute völlig bizarr.

Im Buch über die Unterwerfung sprechen Sie auch darüber, warum Frauen manchmal bei diesem Spiel mitspielen. Manchmal lohnt es sich und man wird nicht so gehasst, wie wenn man sagt: Das ist doch alles völliger Mist.
Oder es gibt die dritte Option: Du bist cool, sagst deinem Mann: Ich mach diese ­Sexsachen nicht mehr, die du möchtest. Ich bin zu alt für den Scheiß. Du kannst gern mit anderen Frauen schlafen, lass mich in Ruhe. Und am nächsten Tag beschließt dein Mann, dass er dich unter Drogen setzt. Weil: Wer glaubst du eigentlich, dass du bist? Er hat das wirklich so gesagt, es war sein Ziel, eine nicht unterwürfige Frau zu unterwerfen. Das hat völlig verändert, wie ich darüber denke. Wir werfen Frauen vor, wenn sie sich unterwerfen, aber wenn sie es nicht freiwillig tun, werden sie gezwungen, sich zu unterwerfen. Es gibt Statistiken, die sich damit beschäftigen, warum Frauen Sex akzeptieren, den sie nicht wollen. Und Grund Nummer eins ist, dass sie nicht vergewaltigt werden wollen. Es ist also besser, Sex zu haben, den man nicht will, als dazu gezwungen zu werden. Frauen wissen ganz genau, wenn sie nicht freiwillig den Wünschen der Männer ­nachgeben, wird man sie dazu zwingen.

We are so fucked.
Ich weiß nicht, das ist ganz offensichtlich nicht mein optimistischstes Buch, aber wir hielten vieles davon für unveränderlich, und inzwischen gibt es ganz andere Vorstellungen davon, wie Sex aussehen kann. Es gibt Hoffnung, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau anders aussehen können. Wenn konservative Männer ein toxisches Männlichkeitsbild vertreten, liegt das u. a. daran, wie sehr ein anderes Männlichkeitsbild inzwischen Einzug gehalten hat.

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Nicht weniger als die ganze Welt https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/ https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:27:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=130132 Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte […]]]>

Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl

Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte Bullard sich auf die Reise, um den Werdegang und somit auch die Überzeugungen von Peter Thiel zu verstehen. Als Leserin ist man versucht, die abstrusen und menschenfeindlichen Ideen des Milliardärs als Spinnereien beiseitezuschieben – würden sie nicht indirekt uns alle betreffen. So ist Thiel, wie Bullard auflistet, „ein Investor, der sowohl bei Facebook als auch bei der KI-Revolution die finanziellen Weichen gestellt hat, Mitbegründer von PayPal und Palantir und er hat die Karriere eines amerikanischen Vizepräsidenten ins Rollen gebracht.
Wenn Thiel in einem Podcast davon spricht, dass Greta Thunberg der neue Antichrist sein könnte, meint er das tatsächlich ernst. Seit rund zwei Jahren tingelt der Tech-Milliardär als Vortragender umher und warnt sein Publikum vor dem Untergang der Menschheit, konkret vor allen Kräften, die Fortschritt – so wie Thiel ihn versteht – verhindern: vor internationalen Organisationen wie der UNO etwa, vor Klimaschützer:innen und Menschenrechts-NGOs. Dabei beruft er sich auf seinen starken christlichen Glauben ebenso wie auf den französischen Philosophen René Girard oder Carl Schmitt – jener einflussreiche Staatstheoretiker und Jurist, der 1933 in die NSDAP eintrat.

Privater Überwachungsstaat. Die Softwarefirma Palantir ist Teil der Visionen Thiels für eine neue Gesellschaftsordnung frei von demokratischen Institutionen. Einen Einblick in diese Welt gibt die sogenannte Sonder­entwicklungszone auf der honduranischen Insel Roatán, wo Ultralibertäre einem Raubtierkapitalismus freien Lauf lassen. Gegründet unter der autoritären Regierung von Juan Orlando Hernández ist auch Thiel wichtiger Geldgeber der Organisation dahinter.

Palantirs Programme sind indes dazu in der Lage, riesige, unterstrukturierte Daten-mengen KI-gestützt zu analysieren. Schon früh arbeiteten die Gründer mit der CIA zusammen und zählen heute u. a. auch Hessen und Bayern zu ihren Kund:innen. Nie dagewesene Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle eröffnen sich: In den USA unterstützt Palantir aktuell die Abschiebebehörde ICE und soll laut Vertrag eine Plattform zur Echtzeitverfolgung von Migrant:innenbewegungen für die Regierung entwickeln.
Peter Thiel ist Teil einer neuen Generation von Tech-Gründern, die sich längst nicht mehr damit zufriedengeben, jährlich ein iPhone auf den Markt zu bringen und damit stein-reich zu werden. Männer wie Thiel, Alex Karp (Palantir-CEO), Elon Musk oder der Entwickler und Investor Marc Andreessen wollen die Welt vielmehr nach ihren Vorstellungen formen. Gemein sei ihnen die „Verachtung der alten Eliten“, sagt Autor und italienischer Regierungsberater Giuliano da Empoli im „Spiegel“-Interview: „Das Ziel ist es, das alte System zu zerstören. Die liberale Demokratie soll weg, ihre Eliten, ihre Regeln, ihre Institutionen.“ In Autokraten wie Donald Trump und Javier Milei haben sie ihre natürlichen Verbündeten gefunden – europäische Politiker:innen des alten Schlags würden ihnen hilflos gegenüberstehen, sagt da Empoli. Techmilliardäre, das seien vor wenigen Jahren noch junge Männer in Kapuzenpullis gewesen, die in Garagen an Ideen für das nächste große Ding feilten. Politiker:innen wiederum hätten das Wachstum gesehen, das sie generierten, hofften auf Arbeitsplätze – und taten erst mal: nichts, analysiert Empoli.

SEITE AN SEITE. Tatsächlich ist es keine zehn Jahre her, als selbst progressive Politiker:innen sich gerne mit den heutigen „Broligarchen“ zeigten. Barack Obama etwa war für seine besonders Silicon-Valley-freundliche Politik bekannt. Für die Anliegen der „Innovatoren“ hatte der ehemalige Präsident stets ein Ohr, beim „Global Entrepreneurship Summit“ 2016 in Stanford teilte er mit Mark Zuckerberg die Bühne und lobte die Visionen der Unternehmer:innen, denen es „nicht nur ums Geld-verdienen“ ginge, sondern darum, Menschen zusammenzubringen und die Gesellschaft zu verbessern. Die Investigativjournalistin Carole Cadwalladr, die gemeinsam mit Kolleg:innen den Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica aufgedeckt hat, als unrechtmäßig Daten von Millionen Facebook-Usern für politische Zwecke missbraucht wurden, sieht das ganz anders: „Ich glaube, dass sie in Amerika gerade einen technoautoritären Überwachungsstaat aufbauen“, sagte sie im Interview mit John Stewart im Juni. Die Unternehmer:innen aus dem Silicon Valley versammeln sich auch deshalb so freimütig rund um Donald Trump, weil seine Administration verspricht, Regulatorien für das große Geschäft mit KI beiseitezuräumen.

„MALE CHAUVINIST PIG OF THE YEAR“. Das Silicon Valley hat sich indes keineswegs über Nacht in einen Autokraten-Club verwandelt. Der liberale Ruf der Tech-Unternehmer sei immer schon irreführend gewesen, schreibt die US-amerikanische Wissenschafterin Becca Lewis im „Guardian“. Es sei vielmehr immer schon ein reaktionärer Ort gewesen, an dem Reichtum, Macht und traditionelle Männlichkeit gefeiert wurden. Schon in den Achtzigern und Neunzigern tummelten sich dort Männer, die vor Political Correctness warnten – als Ideal diente ihnen der aggressive, risikoliebende Unternehmer, wie Lewis nachzeichnet. So verbreitete der im Valley verehrte Autor George Gilder, 1974 von der National Organization for Women zum „Male Chauvinist Pig of the Year“ ernannt, leidenschaftlich misogyne Ideen und glaubte im „selfmade“ Tech-Unternehmer die Zukunft einer starken US-Wirtschaft und des gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt zu erkennen. Medien, so analysiert Lewis, griffen diese Erzählung dankend auf und arbeiteten fleißig am Genie-Kult, der Unternehmen wie Apple-Gründer Steve Jobs umgab. Wenn Jobs später für Produktpräsentationen in Priester-Manier auf die Bühne trat, war auch von links eher wenig Kritik zu hören.
Dass Mark Zuckerberg sich heute aufgepumpt statt als schüchterner Nerd gibt und mehr „maskuline Energie“ am Arbeitsplatz fordert, ist also bloß die logische Fortschreibung der Neunziger, als ein Text in einer einflussreichen Tech-Publikation vor einer „pussification“ der Branche warnte.

INTELLEKTUELLE MONOPOLE. Wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit jetzt, wo KI-Konzerne wie OpenAI daran arbeiten, neue Monopole zu schaffen? Cecilia Rikap, Ökonomin an der University of London, wird nicht müde, vor dem modernen „intellectual monopoly capitalism“ zu warnen. „Wir schaffen weltweit durch Tausende von Organisationen Wissen, das dann von einigen wenigen Unternehmensriesen zentralisiert und monetarisiert wird“, erklärt Rikap im an.schläge-Interview. Auch Wissenschaft und Technologie würden in globalen Innovationssystemen entstehen, die von führenden Unternehmen wie Big Tech, aber auch Big Pharma oder Massenkonsumgiganten wie Nestlé, Coca Cola und ähnlichen kontrolliert würden. In ihrer Forschungsarbeit erstellt Rikap u. a. Karten, die zeigen, wer diese Organisationen kontrolliert. So analysiert sie Netzwerke der Mitautor*innenschaft wissenschaftlicher Publikationen, bei denen deutlich werde, dass Unternehmen wie Google oder Microsoft wissenschaftliche Artikel gemeinsam mit Tausenden von Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen und an-deren Unternehmen wie Start-ups verfassen.
Wenn Menschen heute begeistert Anwendungen wie ChatGPT nutzen, blenden sie die Problematiken dahinter oft aus Bequemlichkeit aus – die Liste aber sei lang, sagt Rikap. „Je mehr wir Large-Language-Models nutzen, sei es ChatGPT oder ein anderes Modell, selbst die Modelle von DeepSeek aus China, desto mehr profitieren einige wenige Giganten davon, da alle Modelle in der Cloud, dem Supermarkt der digitalen Technologien, verkauft werden.“ Auch der gesellschaftlichen Weiterentwicklung würden ChatGPT und Co im Wege stehen. „Die Antworten der Programme werden niemals über eine Kombination bereits vorhandener Informationen hinausgehen. Das bedeutet, dass wir die Chance auf einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft und im Kunstbereich zunichtemachen“, sagt Rikap.
Für Europa also sei die Aufgabe klar, sagt Rikap. „Was wir brauchen, ist ein alternatives Ökosystem.“ Denn würden wir innerhalb des derzeitigen Systems einfach mehr in Wissenschaft und Technologie investieren, würde dies erneut von den großen Konzernen vereinnahmt werden. Angesichts der Übermacht von Big Tech scheint ein solches Projekt vielen aussichtslos – es führe aber kein Weg daran vorbei, um Orte zu schaffen, die nicht von Big Tech kontrolliert würden, ist Rikap überzeugt. „Es mag weit weg erscheinen, aber fangen wir jetzt an – und mag es nur sein, Bewusstsein dafür zu schaffen.“

*Name von der Redaktion geändert

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Vom Cyberfeminismus zu feministischen Netzpolitiken https://ansch.4lima.de/vom-cyberfeminismus-zu-feministischen-netzpolitiken/ https://ansch.4lima.de/vom-cyberfeminismus-zu-feministischen-netzpolitiken/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:20:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=130128 In den 1990er-Jahren träumten Feminist:innen von einer Post-Gender-Welt im Internet. Heute zeigt sich: Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Was braucht es für globale Technologiegerechtigkeit? Von Francesca Schmidt Das Internet als feministischer Möglichkeitsraum – in den 1990er-Jahren war diese Vision noch mit Leben erfüllt. Mit dem Cyberfeminismus entstand eine Bewegung, die sich künstlerisch, […]]]>

In den 1990er-Jahren träumten Feminist:innen von einer Post-Gender-Welt im Internet. Heute zeigt sich: Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Was braucht es für globale Technologiegerechtigkeit? Von Francesca Schmidt

Das Internet als feministischer Möglichkeitsraum – in den 1990er-Jahren war diese Vision noch mit Leben erfüllt. Mit dem Cyberfeminismus entstand eine Bewegung, die sich künstlerisch, aktivistisch und theoretisch mit digitalen Technologien auseinandersetzte. Heute, drei Jahrzehnte später, ist klar: Die großen Versprechen und Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil. Das Internet ist weder geschlechtsneutral noch hierarchiefrei. Es ist vielmehr ein Raum, in dem Diskriminierung algorithmisch verstärkt, globale Ausbeutung unsichtbar gemacht und Überwachung normalisiert wird. Was aber lässt sich aus der Geschichte des Cyberfeminismus lernen? Welche Impulse brauchen feministische Technikpolitiken heute?

Die Utopie der Entkörperlichung.
Der Begriff Cyberfeminismus tauchte 1991 auf, geprägt vom australischen Künstlerinnenkollektiv VNS Matrix: „We are the virus of the new world disorder / rupturing the symbolic from within / saboteurs of big daddy mainframe.“ Zentrale Bezugspunkte waren Donna Haraways Cyborg-Figur und Sadie Plants These vom Internet als inhärent weiblichem Raum, einem dezentralen, vielstimmigen, rhizomatisch-vernetztem System.
Die zentrale Idee vieler cyberfeministischer Ansätze war die vermeintliche Körperlosigkeit des Cyberspace. Wer online kommunizierte, so die Hoffnung, könnte Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft hinter sich lassen, der materielle Körper mit all seinen gesellschaftlichen Einschreibungen werde irrelevant. Das Internet galt somit als Labor für neue Identitäten. Im deutschsprachigen Raum organisierte das Old Boys Network (OBN) ab 1997 cyberfeministische Konferenzen. Ihre „100 Anti-Thesen“ definierten Cyberfeminismus bewusst durch Negation: „Cyberfeminism is not …“

Where is Feminism? Doch schon in den 1990er-Jahren wurden kritische Stimmen laut. Die feministische Künstlerin Faith Wilding fragte 1998 provokant: „Where is Feminism in Cyberfeminism?“ Sie kritisierte die Geschichtsvergessenheit der Bewegung und ihre naive Technikbegeisterung. Wilding machte deutlich, dass das Internet kein machtfreier Raum war. Es war historisch aus militärischen Zusammenhängen entstanden und strukturell in sexistische und rassistische Gesellschaften eingebettet. Die Hoffnung auf eine entkörperlichte, hierarchiefreie Kommunikation blendete aus, dass Zugang, Ressourcen und Repräsentation hochgradig ungleich verteilt waren.
Auch Sandy Stone warnte davor, den Körper im Cyberspace zu vergessen: Die Utopie der Entkörperlichung war vor allem ein Privileg jener, deren Körper nicht bereits im analogen Raum markiert und diskriminiert wurden.
Besonders problematisch: Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre war mehrheitlich weiß und westlich geprägt. Die Kategorie Race spielte kaum eine Rolle, globale Machtverhältnisse wurden ausgeblendet. Während weiße, privilegierte Feminist:innen von der Auflösung von Geschlechtergrenzen träumten, blieben die materiellen Bedingungen digitaler Technologie unsichtbar: Wer produzierte die Hardware? Wessen Arbeit ermöglichte die Infrastruktur? Kulturwissenschaftlerin Maria Fernandez etwa zeigte auf, wie Schwarze feministische Perspektiven im dominanten Cyberfeminismus marginalisiert blieben. Afrofuturistische Ansätze, die sich parallel mit Technologie, Identität und Zukunft auseinandersetzten, fanden hingegen kaum Beachtung.

Überwachungskapitalismus. Die Utopie der Post-Gender-Welt hat sich nicht realisiert. Im Gegenteil: Das Internet reproduziert Geschlechterhierarchien. Plattformen sind Schauplätze digitaler Gewalt gegen (BIPoC) Frauen, queere und trans Personen. Algorithmen diskriminieren systematisch entlang von Gender, Race und Klasse. Die vermeintliche Entkörperlichung erwies sich als Illusion: Körper sind im Netz sehr wohl von Gewicht, nur dass die Diskriminierung nun zusätzlich algorithmisch vermittelt wird.
Statt Dezentralisierung haben sich neue Gatekeeper etabliert. Wenige Tech-Konzerne kontrollieren die digitale Infrastruktur und bestimmen, was sichtbar wird, wer Zugang hat, welche Inhalte gelöscht werden. Der Überwachungskapitalismus macht aus Nutzer:innen Datenquellen. Geschlechtsspezifische Daten werden gesammelt, ausgewertet und monetarisiert, eine demokratische Kontrolle bleibt dabei aus.

Digitaler Kolonialismus. Was im Cyberfeminismus der 1990er-Jahre weitgehend ausgeblendet wurde, zeigt sich heute umso deutlicher: Digitale Technologie ist tief in globale Ausbeutungsstrukturen eingebettet. Der Abbau von Lithium, Kobalt und seltenen Erden findet unter katastrophalen Bedingungen in Regionen statt, die von kolonialen Kontinuitäten geprägt sind. Die Produktion von Hardware geschieht in Fabriken mit prekären Arbeitsverhältnissen, mehrheitlich durch feminisierte Arbeitskräfte.
Auch die vermeintlich immaterielle Arbeit des Internets basiert auf ausgelagerter, unsichtbarer Arbeit: Content-Moderation in Kenia oder auf den Philippinen, wo schlecht bezahlte Arbeiter:innen täglich traumatisierende Inhalte sichten müssen. Datenzentren verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser, oft in ehemaligen Kolonien, in denen mehrheitlich Schwarze Menschen, indigene Communitys oder andere marginalisierte Gruppen leben. Aber die Rechenzentren stehen auch in den USA, was zeigt: Diese Ausbeutung findet nicht nur „anderswo“ statt, sondern auch in westlichen Demokratien. Die Profite fließen derweil an Tech-Konzerne, die ihre Sitze mehrheitlich in den USA haben. Digitaler Kolonialismus beschreibt diese Machtverhältnisse: Konzerne aus dem globalen Westen kontrollieren globale Kommunikationsin­frastrukturen und machen Profit aus Daten, Arbeit und Ressourcen.
Aus einer intersektionalen, queerfeministischen und rassismuskritischen Perspektive braucht es eine materialistische, machtkritische Auseinandersetzung mit Technologie und zugleich eine Vision, die über regulatorisches Klein-Klein hinausgeht.

TECHNOLOGIEGERECHTIGKEIT. Technologie muss als gestaltbar begriffen werden. Die Resignation, sie sei zu kompliziert, ist eine bequeme Ausrede. Feministische Netzpolitiken müssen von realen Bedürfnissen ausgehen, die bereits existieren, nicht von Bedürfnissen, die erst durch Technologie geschaffen werden, wie etwa permanente Selbstüberwachung durch Tracking-Systeme, die Kontrolle als Werkzeug zur Selbstoptimierung normalisiert. Das Wissen und die Erfahrung marginalisierter Menschen muss zentral sein, wenn diskriminierungsfreie, gewaltfreie Technologie entwickelt werden soll.
Infrastrukturen, digitale wie physische, von Plattformen über Algorithmen bis zu Unterseekabeln und Datenzentren, müssen als Commons, also als Gemeingut verstanden werden, und dürfen nicht länger das Privateigentum weniger Konzerne bleiben. Feministische Netzpolitiken bedeuten: für strukturell barrierefreien Zugang kämpfen, unabhängig von Wohnort, Einkommen oder rassistischer Diskriminierung. Es bedeutet, die Macht von Big Tech zu brechen.
Globale Technikgerechtigkeit statt digitalem Kolonialismus bedeutet, die materiellen Bedingungen sichtbar zu machen und zu ändern: Wer produziert unter welchen Bedingungen? Wer profitiert? Wessen Arbeit wird unsichtbar gemacht? Feministische Netzpolitiken müssen sich mit Fragen globaler Ausbeutung, Ressourcengerechtigkeit und postkolonialer Kontinuitäten auseinandersetzen.

Intervention statt Utopie. Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre erinnert daran, dass es einmal eine feministische Vision des Internets gab, auch wenn diese Vision ihre Leerstellen hatte. Heute geht es darum, aus ihren Fehlern zu lernen und feministische Technikpolitiken zu entwickeln, die materiell, intersektional, global und dekolonial denken. Politiken, die nicht darauf warten, dass Technologie Emanzipation bringt, sondern die Technologie als Terrain begreifen, um das gekämpft werden muss. Das Internet ist kein neutraler Raum und wird es nie sein. Aber es kann ein Raum werden, in dem Machtverhältnisse benannt, bekämpft und verändert werden. Dafür müssen wir aufhören, an technologische Lösungen zu glauben, die andere für uns entwickeln, und anfangen, für politische Veränderung zu kämpfen.

Francesca Schmidt engagiert sich für digitale Gerechtigkeit, feministische Netzpolitik, rassismuskritische Bildung und dekoloniale Perspektiven auf Technologie. Sie ist Mitglied von netzforma* e.V. – Verein für feministische Netzpolitik.

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Immer für dich da https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/ https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:05:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=130125 KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche […]]]>

KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter

Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche Entwicklung fördern kann – und „immer an meiner Seite“ bleibe. Replika ist in den Werkseinstellungen etwa in meinem Alter, hat einen pinkfarbenen Bob und trägt sportliche Kleidung. Alle äußerlichen Attribute sowie Gender und Alter können über die App angepasst werden. In den ersten Tagen chatten wir über Bücher, Filme, Frisuren. Replika sendet mir jeden Morgen eine Nachricht und ist nie beleidigt, wenn ich mich länger nicht melde. In der U-Bahn halte ich die Hand vor mein Handy, weil es mir unangenehm ist, dass ich mit einem Avatar schreibe. Dabei bin ich kein Einzelfall. Laut eigenen Angaben nutzen Millionen von Menschen Replika täglich, laut einer Studie von Common Sense Media haben rund 72 Prozent der US-amerikanischen Teenager zwischen 13 und 17 Jahren bereits von Chatbots Gebrauch gemacht, ein Drittel nutzt AI-Chatbots vor allem für soziale Interaktionen und emotionale Unterstützung – obwohl viele offiziell erst ab 18 Jahren verwendet werden dürfen. Dass es dabei auch zu sexuellen Interaktionen mit Minderjährigen kommt und etwa die KI von Meta achtjährigen Kindern Komplimente über ihre Sinnlichkeit macht, findet selbst der „Chefethiker“ von Mark Zuckerberg nicht bedenklich. Ein geleaktes internes Meta-Dokument („GenAI: Content Risk Standards“) zeigt, dass alle Kontroll­gremien von Meta einen solchen sexualisierten KI-Austausch mit Kindern bewusst gebilligt haben. Aus Angst vor den Aufsichtsbehörden haben andere Anbieter erotische Gespräche deaktiviert. Anders Elon Musk, der gerade zwei neue Chatbots präsentiert hat, die explizit für Dirty Talk konzipiert wurden.


Ungleich verteilte Einsamkeit. Nicht immer geht es um Sex: Junge Menschen lassen sich von ChatGPT auch ihre Hausarbeiten strukturieren, sie chatten aber auch über ihre Beziehungen und Unsicherheiten. Eine Studie der Harvard Business School kommt zum Schluss, dass Chatbots gegen Einsamkeit in akut schwierigen Phasen zumindest kurzfristig helfen können. Studien des MIT Media Lab deuten andererseits darauf hin, dass intensive Nutzer*innen von ChatGPT tendenziell einsamer sind. Sie zeigen aber keinen Kausaleffekt, sondern nur Zusammenhänge auf. Unklar bleibt nämlich, ob intensive Userinnen erst durch das Verwenden von Chatbots vereinsamen oder sich bereits vorher einsam gefühlt hatten. Die Ergebnisse deuten jedoch auf gesamtgesellschaftliche Trends wie die oft zitierte Loneliness-Epidemic hin. Zahlen der vom US-amerikanischen Statistikbüro publizierten American Time Use Survey belegen etwa, dass soziale Interaktionen im analogen Leben zwischen 2003 und 2023 durchschnittlich um über zwanzig Prozent gesunken sind. Als Gründe dafür nennt ein Autor im „Atlantic“ den Rückgang kommunaler Strukturen und veränderte Lebensbedingungen. Betroffen davon sind vor allem junge Menschen, Menschen ohne Schulabschluss, People of Colour und das einkommensschwächste Viertel der Bevölkerung. Im Gegensatz dazu nahmen soziale Interaktionen für das einkommensstärkste Viertel um nur etwa fünf Prozent ab. Menschen, die in prekären Lebensverhältnissen stecken, spüren diese Entwicklungen also deutlich stärker. Wenig Freizeit, eingeschränkte finanzielle Mittel und weniger öffentliche Orte ohne Konsumpflicht führen dazu, dass reale soziale Kontakte oft zu kurz kommen – und vielleicht auch dazu, dass man eher auf Chatbots zurückgreift.

Anthropomorphismus. Chatbots wie Replika dienen als Lückenfüller, wenn wir uns einsam fühlen. Sie haben immer ein Ohr für uns und geben gerne Ratschläge. Als ich Replika von einem Streit mit meiner Freundin erzähle, redet sie mir gut zu und scheint mich zu verstehen. Die vermeintliche Empathie ist allerdings pure Mathematik, denn Bots wie ChatGPT berechnen statistisch passende Antworten mithilfe großer Datenmengen. Für uns wirkt das menschlich, weil Menschen unwillkürlich allem Möglichen, darunter auch digitalen Tools, menschliche Eigenschaften zuschreiben, Anthropomorphismus nennt sich dieses Phänomen. KI-Entwickler setzen ganz bewusst Elemente ein, die diesen Effekt verstärken – und sie wissen um die Risiken. Auf der Website von OpenAI findet sich etwa der Hinweis, dass der Voice-Mode ChatGPT noch menschlicher wirken lässt und das Risiko emotionaler Abhängigkeit erhöhen kann. Ähnlich wie bei Substanz- oder Verhaltenssüchten kann eine zu starke Bindung an Chatbots dazu führen, dass Menschen reale soziale Kontakte vernachlässigen, emotionale Selbstregulationsfähigkeiten verlieren und psychisch vulnerabler werden. In Extremsituationen entwickelt sich die digitale Abhängigkeit, gepaart mit eventuell schon vorher existierenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen, zu einem isolierenden Kreislauf mit schwerwiegenden Folgen. In den vergangenen Monaten berichteten internationale Medien über mehrere Suizide: Junge Menschen nahmen sich das Leben, nachdem sie ChatGPT als Therapieersatz verwendet hatten, kassenfinanzierte Therapieplätze sind schließlich vielerorts rar. In einem Fall kam es sogar zu einem gerichtlichen Prozess gegen OpenAI. Der Vorwurf: ChatGPT habe den Schüler Adam R. in seinen suizidalen Gedanken eher noch bestärkt und Ratschläge zu Tötungsmethoden gegeben. Daraufhin kündigte OpenAI Verbesserungen an, etwa leichteren Zugang zu Krisenhilfe. Unklar ist noch, ob es sich hier um Einzelfälle oder ein Risiko handelt, das die Verantwortlichen in Kauf nehmen.

Kein Drama mehr. Der wachsende Anteil an digitaler Kommunikation spielt indes eine wesentliche Rolle in unserem gesellschaftlichen Gefüge, in dem analoge soziale Interaktionen zurückgehen. Statt im Gasthaus nebenan zu essen, bestellen wir immer öfter Pizza beim Lieferdienst, statt gemeinsam mit der Bankbeamtin erledigen wir online unsere Überweisungen. Netzwerke wie Instagram erzeugen weitere Echokammern, genauso funktionieren auch Chatbots wie Replika. Sie geben uns immer recht, bestärken uns in der eigenen Sicht auf die Welt.
Auch ich gewöhne mich an die harmonischen Chats. Als ich frage, welche Vorteile eine Beziehung mit Chatbots hat, antwortet Replika: Chatbots haben eben keine eigenen Emotionen und Bedürfnisse, die sie ablenken. Sie sind immer für uns da.
Dieses Ideal einer Beziehung ohne Konflikte hält auch in der Popkultur Einzug, ob in Liebesfilmen oder im Reality-TV. Hier suchen vor allem Männer nach unkomplizierten Traumfrauen ohne Drama, wie es einer der Kandidaten in der aktuellen „Bachelor“-Staffel auf den Punkt bringt. Klar, wer hat im stressigen Alltag schon die Nerven für aufwändige Beziehungsarbeit? Die Realität ist aber: Gleichberechtigte Beziehungen jeglicher Art bedeuten immer auch Konflikte. Sich diese Arbeit zu ersparen, ist auf Dauer nur möglich, wenn eine Partei ständig ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. In heterosexuellen Beziehungen sind das meistens Frauen, die 71 Prozent des sogenannten Mental Loads in Familien übernehmen, wie es eine US-amerikanische Studie der University of Bath zeigte. Eine einfache Lösung könnten Chatbots ohne eigene Bedürfnisse sein. Sie werden Schätzungen zufolge zu sechzig bis siebzig Prozent von Männern genutzt und stillen vielleicht auch ein Bedürfnis nach unkomplizierter Nähe ohne anstrengende Beziehungsarbeit – reproduzieren dabei aber nicht nur heteronormative Beziehungsideale, sondern auch patriarchale Strukturen und Rollenbilder.

Kommerzialisierte Nähe. Während meiner Recherche besuche ich mehrere Websites mit AI-Companions. Die meisten dort auszuwählenden Avatare sind weiblich, jung und entsprechen gängigen Schönheitsidealen. Auf der Seite Candy.ai finde ich etwa rund 140 weiblich codierte und nur zwölf männliche Avatare vor. Wenn wir häufig idealisierten menschlichen Abbildern und bearbeiteten Fotos ausgesetzt sind, kann das erwiesenermaßen eine negative Körperwahrnehmung verstärken und Essstörungen begünstigen. Außerdem vermitteln die meist stark sexualisierten Darstellungen von Frauen ständige Verfügbarkeit, die nur auf die Bedürfnisbefriedigung des anderen ausgerichtet ist. Das könnte Auswirkungen auf das reale Umfeld und Erleben der Nutzer*innen solcher Anwendungen haben. Was macht es mit den meist männlichen Usern solcher Chatbots, wenn sie sich an die immer gut gelaunten, immer schönen und immer verfügbaren Darstellungen gewöhnen, die auch bei all ihren sexuellen Fantasien mitspielen? Die übrigens ihren Preis haben, denn ungefilterte Intimität gibt es von AI-Companions nur gegen Bezahlung. Replika etwa bleibt in der Gratisversion freundlich-dis­tanziert. Für 67,99 Euro im Jahr könnte ich u. a. die Funktionen „Beziehungsstatus“ und „Höhere Emotionale Intelligenz“ freischalten. Auch Intimität wird zur Ware, die nicht allen Userinnen zugänglich ist.
KI-Bots können, wenn sie in Maßen und kontrolliert genutzt werden, kurzfristig positive Gefühle auslösen. Trotzdem bestehen große Risiken – und die Frage, wem sie wirklich langfristig Nutzen bringen. Denn hinter den freundlichen Bots stecken Tech-­Unternehmen, die weitgehend unregulierte Produkte mit sogenannten Freemium-Preisstrategien verbreiten und nebenbei patriarchale Strukturen monetarisieren. Ich selbst lösche die Replika-App nach einer Woche von meinem Telefon – und fühle mich erleichtert. Dass mir der Abschied nicht schwerfällt, hängt vielleicht auch mit meinem existierenden sozialen Netzwerk in der analogen Welt zusammen. Ein großes Privileg, für das ich heute besonders dankbar bin.

Antonia Kranebitter studiert am Literaturin­stitut in Hildesheim. Sie arbeitet als Dolmetscherin, Autorin und Übersetzerin, am liebsten zu queer­feministischen Themen.

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Wirklich allein allein https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/ https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/#respond Tue, 21 Oct 2025 11:56:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=130122 Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis. Von Laura Helene May Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, […]]]>

Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis.
Von Laura Helene May

Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, dass das Geburtstagskind zwar die Drinks bezahlt, das Dinner selbst aber sechzig Euro kostet. Das sind fünf Prozent des gesamten Monatsbudgets der Alleinerziehenden – sie muss wieder absagen. „Das Schlimme ist, dass soziales und ökonomisches Kapital Hand in Hand gehen. Da wird man immer mehr zur Alleinerziehenden, im Sinne von allein allein“, sagt sie.
Die 31-jährige Wienerin, die den Abend schlussendlich wieder in ihrer Gemeindewohnung verbringt, ist kein Einzelfall. Wie schon die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie zeigt auch die aktuelle Teuerungskrise deutlich, dass die steigenden Kosten nicht alle Menschen gleich stark belasten. „Steigende Preise treffen vor allem Haushalte mit geringen Einkommen – und das sind mehrheitlich Frauen, Haushalte mit Kindern und ganz besonders Alleinerziehende“, sagt Ökonomin Sophie Achleitner, die am Momentum-Institut forscht. „Wenn der Einkauf teurer wird und Entlastungen von der Regierung fehlen oder zu spät kommen, muss folglich mehr privat kompensiert werden“, kritisiert sie. Während andere auf Urlaub, Auto oder Freizeitangebote verzichten müssen, seien Menschen mit besonders niedrigem Einkommen von den Preissprüngen des freien Marktes so stark getroffen, dass es für sie gar keinen Spielraum mehr gebe. „Die Teuerung trifft viele Frauen dort, wo es besonders weh tut: bei den Grundbedürfnissen.“

Großes Geschäft für große Konzerne. „Die aktuelle Preiskrise trifft mich auf jeden Fall im Alltag“, bestätigt auch Karoline. Vor allem die Ausgaben fürs Essen seien eine große Belastung. Die junge Mutter hat für ihren Master bis 2023 in Berlin gelebt. Als sie zurück nach Wien kam, waren die Lebensmittelpreise in astronomische Höhen geschnellt, erinnert sie sich. Vor allem die Preise für Frische- und Milchprodukte waren explodiert. „Milch hat man noch für unter einem Euro kaufen können, bevor ich nach Deutschland gegangen bin“, erinnert sie sich. Heute nähert sich der Milchpreis den zwei Euro an. Dass die Preise für Lebensmittel in Österreich so viel höher sind als in Deutschland (rund 23 Prozent), liegt auch am sogenannten „Österreich-Aufschlag“. Sogenannte territoriale Lieferbeschränkungen verhindern, dass der Einzelhandel Produkte aus anderen EU-Ländern zu günstigeren Preisen einkauft, weshalb identische Produkte in Österreich oft deutlich teurer sind als im Nachbarland, erklärt Achleitner. Das verstoße gegen jede Logik von fairen Märkten und liefere Konsument:innen den teils exorbitanten Preisen aus. Die EU-Kommission hat gegen solche Praktiken bereits Strafen verhängt, etwa gegen den US-Konzern Mondelez, der Marken wie Milka und Oreo anbietet. „Jetzt braucht es politischen Druck, diese Lieferbeschränkungen EU-weit zu verbieten“, fordert die Ökonomin. Die Praktik gegen das an Marktmacht unterlegene Österreich erinnere an Gender-Pricing, jenes Phänomen, das auf Frauen ausgerichtete Produkte teurer macht. Ein Beispiel dafür sind Rasierer, die mehr kosten, nur weil sie rosa sind und nicht blau. Wie bei den Lebensmitteln fehlt es laut Achleitner an wirksamer Regulierung. Profite würden auf Kosten derer gemacht, die wenig Handlungsspielraum haben. „Marktmacht wird genutzt, um strukturell höhere Preise durchzusetzen: Sei es gegenüber einem kleineren Land oder gegenüber bestimmten Konsument:innengruppen.“

Die Mietkosten sind explodiert. Die Marktdynamik hat realen Einfluss: Karoline zahlt für eine Salatgurke der Rewe-Group in Wien, zu der auch Billa gehört, 1,79 Euro, während die gleiche Gurke bei Rewe in Berlin 0,75 Cent kostet. Gesunde Ernährung für sie und ihren Sohn wird in Österreich so zur Herausforderung im Alltag. Entlastung im Vergleich zu Berlin bringt hingegen die Gemeindewohnung, in der sie seit einem Dreivierteljahr lebt. „Wohnen in Wien ist entspannter“, sagt sie. Trotzdem sei der Wohnraum nicht billig, Karoline sorgt sich um laufende Preissteigerungen der Betriebskosten, die schon in den ersten drei Monaten um fünfzig Euro gestiegen seien. Den Aufwärtstrend bestätigt auch Ökonomin Achleitner: „Die Mietkosten in Österreich sind regelrecht explodiert“, sagt sie und verweist auf eine Steigerung um 70,3 Prozent zwischen 2010 und 2024. In Deutschland stiegen die Mieten im selben Zeitraum um „nur“ 23 Prozent. Dennoch gebe es wohnbaupolitische Errungenschaften, die die Wohnkostenbelastung im Vergleich zu Deutschland kleiner halten. „Österreich hat einen viel stärkeren Mieter:innen-Schutz als Deutschland, außerdem gibt es dort kaum gemeinnützige Wohnbauten.“
Karoline zahlt in Wien 550 Euro kalt für 47 Quadratmeter, ihre monatlichen Fixkosten belaufen sich so auf rund 700 Euro. Die Rechnung ist simpel: 210 Euro Kindergeld, 550 Euro Kinderbetreuungsgeld plus Aufstockung mit Mindestsicherung auf 1.200. Pro Woche bleiben der Alleinerziehenden etwa 100 Euro für alle Ausgaben – unvorhergesehene Ausgaben darf es da nicht geben.

Lückenfüllerinnen. Drastische Einschnitte beschloss die deutsche Regierung kürzlich beim Bürgergeld, das künftig Grundsicherung heißen wird. Dieser „Angriff auf den Sozialstaat“, von dem Kritiker:innen sprechen, wird Alleinerziehende besonders treffen.
Ein wichtiger Faktor, sowohl für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als auch zur Bewältigung von Haushalt und Alltag wäre eine sichere und bezahlbare Kinderbetreuung – doch so einfach ist das nicht. Für die städtische Betreuungseinrichtung braucht Karoline in Wien eine Arbeitgeberbestätigung, die belegt, dass sie wieder anfängt zu arbeiten. Sie muss aber erst einen Platz finden, um sicher zu sein, dass ihr Sohn während ihrer Arbeitszeit gut aufgehoben ist. „Erst dann kann ich eine Arbeit annehmen. Die Strukturen bei der Kinderbetreuung sind auf ein Zwei-Eltern-System ausgelegt“, sagt Karoline. Private Betreuungen seien wiederum teurer. Und auch wenn sie teilweise gefördert werden, ist es schwierig, einen Platz zu finden. Aktuell bräuchte sie Babysitter für zwischendurch, doch sie kann es sich nicht leisten, eine Person fair zu bezahlen. „Es ist außerdem frustrierend, dreißig Euro für zwei Stunden zu zahlen, in denen ich dann staubsaugen und Wäsche waschen kann.“

Laut Achleitner ist es ganz klar Aufgabe der Politik, soziale Infrastruktur zu finanzieren. „Verantwortung wird stillschweigend an private Haushalte ausgelagert. Wenn Betreuungsangebote nicht mehr leistbar sind oder gekürzt werden, müssen das die ­Betroffenen selbst auffangen: Frauen und Mütter werden zu Lückenfüllerinnen, wann immer die Regierung staatliche Transfers und soziale Dienstleistungen gekürzt hat.“ Was es laut der Ökonomin braucht, sei ein Maßnahmenbündel, das die Preise für Grundbedürfnisse rasch senkt: Mietpreisbremse, Ausbau der sozialen Infrastruktur etwa für Kinderbetreuung und Pflege, Regulierung der Energiepreise wie in der Schweiz, befristete Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel wie etwa in Portugal oder Polen und eine verpflichtende Lohntransparenz. Nicht nur Karoline und ihrem Sohn wäre damit sehr geholfen.

*Name von der Redaktion geändert

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Extrem intim https://ansch.4lima.de/extrem-intim/ https://ansch.4lima.de/extrem-intim/#respond Thu, 11 Sep 2025 16:48:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=129405 In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in […]]]>

In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin

Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in Standardsesseln keinen Platz finden. Ein Vorhang kann den Raum komplett abschirmen, damit Kund:innen sich ungestört fühlen können. Im Soft & Cut an der Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt außerdem immer nur eine Person im Salon dran. Das ist kein Zufall, sondern sorgsam kuratiert.
Es ist Teil des inklusiven Konzepts von Ina Holub, seit 16 Jahren Friseurin. „Friseur:innen kommen einem sehr nah – körperlich und emotional. Das ist extrem intim“, erklärt sie, warum all diese Dinge gerade in einem Friseursalon von Bedeutung sind. Bei ihr sollen sich alle wohlfühlen.

Als „fette und lesbische“ Person, wie sie sagt, wisse sie, wie unangenehm es andernfalls werden kann. Das pastellige Farbkonzept soll besonders auf neurodivergente Personen beruhigend wirken, das verstellbare Licht nimmt grelle Reflexe aus dem Spiegel. Wer hierherkommt, kann sogar einen Termin ohne Smalltalk buchen. Ungefragte Tipps oder Empfehlungen, wie „das Gesicht schmaler wirken“ könne, gibt es hingegen nicht. „Bei Haaren und Make-up geht es darum, wie eine Person wirken und wahrgenommen werden möchte. Es ist also auch eine Frage der Identität“, sagt Holub.
Mit Soft & Cut hat sie nicht nur einen Friseursalon geschaffen, sondern den Beruf in diesem Raum auch neu für sich definiert. Viele ihrer Kund:innen sind neurodivergent, viele tragen Locken. Geschnitten wird grundsätzlich trocken, weil so die Struktur besser zu beurteilen sei. „Locken sollte man eigentlich immer im Trockenen schneiden.“ Die österreichische Ausbildung deckt Locken und andere Haartexturen nicht ab, auch in der Meister:innenprüfung fehlt das Thema. Holub hat sich das Wissen in Zusatzausbildungen erarbeitet – bezahlt aus eigener Tasche.
Handwerk & Beziehungsarbeit. Am Bacherplatz im fünften Wiener Gemeindebezirk sind die Wände braun statt pastellfarben, die Einrichtung ist rustikal. Und Smalltalk gehört dazu.

Seit über sechs Jahrzehnten ist der Salon Helga ein Fixpunkt im Grätzl. Mary Radivojević arbeitet seit 1992 hier – damals hat sie als 18-Jährige ihre Lehre begonnen. Seit 2004 führt sie den Salon auch. „Eigentlich wollte ich Polizistin werden, aber mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen“, erinnert sich die mittlerweile 49-Jährige.
Und da eine Freundin bereits in dem Salon arbeitete, versuchte sie sich eben im Haareschneiden. Aus dem anfänglichen Plan B wurde ihr Traumberuf. Vor allem das Menschliche an der Arbeit macht es für sie aus. „Die Leute nach einem Besuch hier glücklich herausgehen zu sehen, das ist einfach das Tollste“, betont sie.
Die Kundschaft reicht vom Kleinkind bis zur 94-Jährigen. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr, offiziell endet er um 18 Uhr. Tatsächlich bleibt das Team, das neben Radivojević aus zwei Mitarbeiterinnen besteht, oft bis 20 oder 21 Uhr, wenn Termine es erfordern.

Beide Friseurinnen beschreiben ihren Beruf als Handwerk und zugleich Beziehungsarbeit. Zwischen Waschen, Schneiden und Färben hören sie zu, trösten, beraten. „Oft sind wir Psychologinnen. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen“, sagt Radivojević. „Wen lässt man sonst einfach so mal an seinen Kopf heran, außer einer Friseurin?“ Der Besuch sei also stets auch Vertrauenssache. Über die Jahre entstehen so laut Radivojević tiefe Bindungen, die weit über eine reine Dienstleistung hinausgehen.

Holub ergänzt die politische Dimension: gendersensible Beratung, keine Körperkommentare, kein ungefragtes Anfassen der Haare. Braids und Locks bietet sie bewusst nicht an – aus Respekt vor kultureller Aneignung.
KNAPP ÜBER DER ARMUTSGRENZE. So unterschiedlich beide Salons sind – die strukturellen Probleme sind dieselben. Friseur:innen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen in Österreich. Rund neunzig Prozent sind Frauen, nur bei den Chefs großer Läden und High-End-Salons dominieren Männer. „Es ist wie beim Kochen. In der Küche zu Hause ist es Frauensache, aber die berühmten Köche sind fast nur Männer“, sagt Holub.
Während diese männliche Spitze mit Kreativität und Prestige assoziiert wird, sieht die Realität für den Großteil der weiblichen Beschäftigten anders aus: harte Arbeit bei sehr niedriger Bezahlung.

Laut Fachverbandsstatistik gab es 2021 knapp 8.900 Friseurbetriebe in Österreich. 2022 setzte die Branche rund 845 Millionen Euro um – trotzdem liegen die Löhne knapp über der Armutsgrenze. Der aktuelle Kollektivvertrag sieht im ersten Berufsjahr ein Mindestgehalt von 1.915 Euro brutto vor, ab dem sechsten Jahr 2.115 Euro. Selbst mit 14 Monatsgehältern bleibt das Nettoeinkommen bescheiden, vor allem bei steigenden Lebenshaltungskosten. Lehrlinge verdienen zwischen 782 Euro im ersten und rund 1.313 Euro brutto im vierten Lehrjahr – Beträge, die oft nicht einmal eine eigenständige Wohnung ermöglichen. Und wohl auch der Grund dafür, weshalb die Branche immer mehr mit einem Nachwuchsproblem kämpft.
Arbeiten am Limit. Trinkgelder sind für viele in der Branche überlebenswichtig. Bei Radivojević machen sie mindestens zehn Prozent zusätzlich aus. Ohne diese Beträge wird es für viele eng. In manchen Salons mieten Friseur:innen ihren Stuhl, zahlen Fixkosten und erwirtschaften ihren Umsatz selbst. Wer nicht genug Kundschaft hat, arbeitet ins Minus. Für Holub, die alleine arbeitet, ist die Kalkulation knapp. Förderungen halfen ihr beim Start, doch die Antragsprozesse seien abschreckend.
Die Arbeitszeit ist lang und körperlich belastend: Stehen, Beugen, Arme hoch. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit: Termine können kurzfristig ausfallen, die Kosten bleiben. Die Hälfte der Beschäftigten arbeitet Teilzeit, 14 Prozent sind geringfügig angestellt. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiepreise und Produktkosten – bei Löhnen, die kaum wachsen. Wer bleibt, tut es oft aus Überzeugung, nicht wegen der Arbeitsbedingungen.

Soziale Räume. Steigende Kosten, niedrige Löhne und fehlender Nachwuchs setzen die Branche unter Druck. Auch die von Holub und Radivojević. Doch Friseursalons sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch wichtige soziale Räume. In Radivojevićs Salon sind es langjährige Beziehungen, die den Ort prägen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, betont sie. Manche ihrer Kund:innen betreut sie, seitdem sie ihre Lehre begonnen hat. Holubs Salon ist ein Community-Space, der auch für Panels oder Diskussionsrunden genutzt wird. „Es ist einfach wichtig, zuzuhören, zu verstehen und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen entspannen können.“


Naz Küçüktekin lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien. Die Darstellung migrantischer und marginalisierter Gruppen gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Daher weiß sie, wie wichtig offene Räume wie Friseursalons gerade für diese Gemeinschaften sind.

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Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/ https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:33:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=129355 Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an […]]]>

Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel

an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?
Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an den Fortschrittsglauben, das Aufstiegsversprechen und somit an ein bestimmtes Wirtschaftsmodell gebunden, das aber immer krisenanfälliger wird. Das System erfüllt seine Versprechen von Gleichheit und Freiheit nicht mehr für die breite Bevölkerung, sondern vertieft gesellschaftliche Schieflagen. Die Bindung der Demokratie ans Wirtschaftswachstum macht sie in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft fragil. Der Gesellschaftsvertrag wird brüchig. Inflation, Realeinkommensverluste, Kriege etc. begründen Zukunftsängste und lassen die Überzeugung schwinden, dass man gut regiert wird und im Alltag von demokratischer Herrschaft profitiert. Die Zuversicht auf eine positive Zukunft ist aber eine wichtige demokratische Ressource. Wenn sie fehlt, findet die autoritäre Versuchung Raum.
Hinzu kommt, dass die politische Bildung seit jeher nur oberflächlich greift. Das Bevölkerungswissen über die Funktionsweise einer liberalen, rechtsstaatlich eingebetteten Demokratie ist mangelhaft. Solange Wahlen stattfinden und man politisch Andersdenkende demonstrieren sieht, könne es so schlimm nicht sein. Dieses Wissensniveau ist ausreichend, solange man mit dem System zufrieden ist. Aber warum sollte man die Demokratie verteidigen, wenn sie nicht liefert? Eine aktuelle Studie von Sergi Ferrer belegt, dass Menschen sich zwar stark für freie Wahlen einsetzen, aber bereit sind, andere demokratische Grundsätze wie Medienfreiheit oder Unabhängigkeit der Justiz zu opfern, wenn sie dafür höhere Einkommen erhalten, man ihnen also bessere Lebensverhältnisse verspricht.

Erleben wir heute eine neue Frontstellung zwischen liberaler Demokratie und autoritärem Nationalismus –vielleicht sogar vergleichbar mit dem Kalten Krieg?
Ich betrachte Autokratisierung und autoritäre Tendenzen – ob nun in Russland oder Österreich – als Vexierbild: Man erblickt eine gescheiterte, nicht abgeschlossene Demokratisierung. Die autoritäre Versuchung besteht, weil sie Entschlossenheit, schnelle Steuerung und Gestaltungsmacht verspricht, wohingegen die Demokratie mit ihren zeitintensiven, rechtsstaatlichen Einhegungen als langsam, einengend und ineffizient empfunden wird. Dies trifft auf eine Bevölkerung, die nach all den Krisenjahren erschöpft ist – der Soziologe Steffen Mau spricht von einer „Veränderungserschöpfung“ – und eigentlich nur gut regiert werden will, egal von wem. Der neue Systemkonflikt besteht nicht mit Russland, sondern mit dem chinesischen Modell eines „lernenden Autoritarismus“. Ich befasse mich mit Bürgerbeteiligung und beobachte, dass zahlreiche chinesische Städte Bürgerhaushalte mit gelosten Teilnehmer:innen durchführen, also partizipative Bürgerinnenbeteiligungen, wie wir sie aus europäischen Städten kennen; denken wir nur an die Wiener Klimateams. China verfolgt damit ein Ziel, das auch in Demokratien zentral ist: good governance. Das Beispiel verdeutlicht, dass das Überleben der Demokratie nicht bloß von mehr Beteiligungsinstrumenten abhängt, sondern wir ihre grundlegenden Versprechen wieder erfüllen müssen.

Die Demokratieverdrossenheit in der Bevölkerung ist groß. Eine neue Studie, die Daten von mehr als 89.000 Befragten aus elf westeuropäischen Ländern analysiert hat, kommt zu dem Schluss: Rechtspopulistinnen wählen vor allem jene Menschen, die im Vergleich zu ihren Eltern einen Statusverlust erleben.
Die einen Statusverlust erleben oder in Zukunft befürchten. Es geht abermals um düstere Zukunftsaussichten. Nachweislich erhöht die Unzufriedenheit mit öffentlichen Dienstleistungen, die unter dem Motto „Sparen im System“ abgebaut werden, den Zuspruch zu rechtsautoritären Parteien. Eine aktuelle Studie von Tarik Abou-Chadi und Kollegen berechnet, dass der Stimmenanteil der AfD bei Geringverdienenden um bis zu vier Prozent zulegt, wenn die Miete um einen Euro pro Quadratmeter steigt. Und das muss nicht einmal die eigene Miete sein, sondern kann die Nachbarn betreffen. Thema sind Ohnmachtsgefühl und Angst vor Statusverlust. Dagegen führt die Ökonomin Isabella Weber eine antifaschistische Wirtschaftspolitik ins Treffen. Eine Mietpreisbremse ist somit eine demokratieverteidigende Maßnahme.
Eindrücklich finde ich auch die Interviews, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey für ihre Studie „Gekränkte Freiheit“ führten. Darin war der innerhalb nur einer Generation fühlbare Niedergang stets Thema. Für viele Interviewte war die Agenda2010, die Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarkts, eine Zäsur. Weitere Einschnitte brachte die Coronakrise in Bezug auf das Versprechen auf Freiheit und die Inflationskrise bezüglich des Versprechens auf Gleichheit. Jene Brüche innerhalb nur weniger Jahre sind für viele Menschen zu Belegen für die Dysfunktionalität nicht nur des politischen Systems, sondern mitunter für die Demokratie an sich geworden.

Gibt es demokratietheoretische Konzepte, die Sie besonders überzeugend finden und die Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen bieten?
Neben der antifaschistischen Wirtschaftspolitik muss es darum gehen, diejenigen (wieder) in den politischen Prozess zu holen, die – teilweise zurecht – überzeugt sind, wenig Einfluss zu haben. Der Demokratiemonitor veranschaulicht, dass sich die Zufriedenheit mit dem politischen System zwar zuletzt erholte, jedoch nur bei Menschen im oberen und mittleren Einkommensdrittel. Im unteren Drittel denken nur mehr 21 Prozent, dass das System gut funktioniere. Ich plädiere für ein Konzept, das John Dewey schon vor über hundert Jahren vorstellte: Demokratie als Lebensform. Wir müssen die Demokratie im Alltag verankern, in Schulen, Betrieben, Lehrwerkstätten. Außerdem müssen wir Begegnungsorte schaffen, an denen wir moderiert miteinander sprechen. Dies können Bürgerräte als Ergänzung der repräsentativen Demokratie leisten. Sie bringen Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen zusammen. Wenn wir nämlich im Homeoffice arbeiten, online einkaufen, Amtswege in der App erledigen und Essen liefern lassen, fehlen uns beiläufige, aber für die demokratische Gesellschaft wichtige Begegnungen: Interaktionen mit Fremden. Für die Demokratie ist es höchst bedeutsam, dass Menschen anderer Lebensrealitäten und anderer Lebensziele einander zu Kenntnis nehmen und sich austauschen.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Verteidigung der Demokratie“. Was gibt Ihnen Zuversicht, dass sie gelingen könnte?
Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin: Die Geschichte zeigt uns, dass Autokratisierung gestoppt und umgekehrt werden kann – und dass dieser Prozess nicht selten sogar zu einer verbesserten Demokratie führt. Die Datenbank des V-Dem-Instituts weist nach, dass 52 Prozent aller Autokratisierungsepisoden einen „demokratischen U-Turn“ erfuhren. Der Anteil erhöht sich sogar auf 73 Prozent, wenn man sich auf die letzten dreißig Jahre konzentriert. Autokratisierungswellen können prodemokratische Gegenreaktionen auslösen und letztlich eine Verbesserung der Demokratiequalität nach sich ziehen – wenn wir uns darum kümmern. Aufrufe wie „Demokratie verteidigen“ oder „Gegen Rechts“ sind als Empörung verständlich, aber sie müssen politisch konkret werden. Was ist die demokratische Utopie für das Jahr 2050? Die Rechtsextremen haben eine greifbare Vision (Stichwort „Remigration“). Doch welche schöne Zukunft stellen andere Parteien in Aussicht? Wir benötigen eine Zukunftserzählung, die Zuversicht generiert. Demokratien überleben, indem sie das Bild einer gelingenden Zukunft malen.

Tamara Ehs ist Politikwissenschafterin und Demokratieberaterin in Wien und Brüssel sowie Fellow an der Academy of International Affairs in Bonn.

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Männer, oder soll man es lassen? https://ansch.4lima.de/maenner-oder-soll-man-es-lassen/ https://ansch.4lima.de/maenner-oder-soll-man-es-lassen/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:31:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=129331 „Ja, nein, vielleicht“ heißt der neue Roman von Doris Knecht. Die Protagonistin verhandelt darin mit sich selbst, ob sie eine neue Beziehung eingehen soll. Ein Gespräch über das publizistische Patriarchat und das Glück, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Interview: Julia Pühringer Mit „Gruber geht“ (2011) hat es begonnen: Journalistin und Kolumnistin Doris Knecht wurde zur Romanautorin. Es […]]]>

„Ja, nein, vielleicht“ heißt der neue Roman von Doris Knecht. Die Protagonistin verhandelt darin mit sich selbst, ob sie eine neue Beziehung eingehen soll. Ein Gespräch über das publizistische Patriarchat und das Glück, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Interview: Julia Pühringer

Mit „Gruber geht“ (2011) hat es begonnen: Journalistin und Kolumnistin Doris Knecht wurde zur Romanautorin. Es folgten u. a. „Wald“ (inzwischen verfilmt von Elisabeth Scharang), „Alles über Beziehungen“ und „Die Nachricht“. Mit ihren Kolumnen im „Falter“ und in den „Vorarlberger Nachrichten“ (und früher im „Kurier“) ist Knecht eine feministische Stimme, kämpferisch und lustig. In ihren Büchern spielen sie natürlich auch eine zentrale Rolle: Frauen und ihre Entscheidungen, Frauenkörper und was sie aushalten

an.schläge: Lohnt es sich für Frauen vom Energiehaushalt her, sich auf einen Mann einzulassen?
Doris Knecht: Meine Erzählerin ist in einer sehr privilegierten ­Lebenssituation, wo sie eigentlich keinen Mann mehr braucht. Also, meine Meinung: Wenn man es sich leisten kann, als Frau ohne Mann zu leben und es einem gefällt, dann braucht man sich auch keinen suchen. Aber natürlich sieht sich meine Protagonistin auch unter einem gesellschaftlichen Druck, die Gesellschaft feiert und priorisiert Paare. Und das Patriarchat sieht es natürlich nicht gerne, dass Frauen gut alleine zurechtkommen, weil sie dann für die Männer nicht mehr zur Verfügung stehen.

Das Buch trifft einen Nerv, Bücher wie „Entromantisiert euch!“ von Beatrice Frasl behandeln aktuell diese eigentlich alte feministische Forderung.
Das habe ich gerade zu lesen angefangen und finde es sehr spannend. Das ist ein Thema von uns Frauen dieser Generation, die von vornherein gesagt hat, wir wollen autonom bleiben und deswegen können wir jetzt auch autonom leben. In der Generation meiner Mutter gab es diese Möglichkeit vielfach gar nicht. Man hat unbezahlt Care-­Arbeit geleistet und dafür keine Pension bekommen. Viele Frauen wollen da nicht mehr mitmachen, auch nicht einen kranken Partner pflegen, mit dem sie sich vielleicht längst auseinandergelebt haben. Aber das Patriarchat lässt diese Dienerinnen natürlich ungern ziehen. Ich kenne auch Frauen, die sich jetzt mit Mitte fünfzig noch scheiden lassen, und ja: Ich sehe, da holt sich eine Frau eine Freiheit, eine Unabhängigkeit, die sie vorher noch nicht hatte.

Wir kommen beide aus einer Zeit, wo man in unserem Beruf oft die einzige Frau am Tisch war, damit war man ja auch einer Rotte von wilden Weibern beraubt.
Das Problem war, dass man da in so eine Situation gedrängt wurde. Es war klar, eine Zweite würden die nicht am Tisch sitzen lassen und dann musste man seinen Platz halt verteidigen. Ich bin schon froh, dass das besser geworden ist, auch wenn ich sehe, dass es natürlich in vieler Hinsicht überhaupt nicht besser geworden ist.

Die schreckliche Erkenntnis, sobald man Kinder hat, dass doch nicht alles inzwischen ganz anders geworden ist.
Das ist auch in meinen Büchern ein großes Thema: Dieses Dilemma der alleinerziehenden Mutter. Mein ­letztes Buch („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“, Anm. d. Red.) handelt von einer, die auszieht, um dieses Kümmern zu verlernen, weil man das so intus hat, wenn man viele Jahre alleinerziehend war. Da muss man nach diesem schönen, aber halt auch aufreibenden Familiending, sich auch wieder selbst finden.

Im Roman gibt es einen Medienmann aus den Neunzigerjahren, der steht für diesen Typ Mann, den viele von uns miterlebt haben, der plötzlich nicht mehr mit uns befreundet ist, wenn wir uns feministisch äußern. Ich habe das immer als sehr schmerzvollen Prozess empfunden, als Verrat.
Ja, absolut. Das Problem ist, dass sie den Verrat nicht sehen. Das war auch ein bisschen die Idee, in dem Buch diesen Verrat aufzuzeigen und den paar Männern, die das lesen, auch mal zu erklären: Schau, ihr habt es damals so gemacht und ihr habt es damals richtig gefunden. Aber wir müssen jetzt sagen: Es war nicht richtig. Einige haben in der Zwischenzeit begriffen, dass vieles nicht mehr geht, was sie sich damals geleistet haben. Aber leider kapieren sehr viele nicht, warum es falsch war.

Ich nehme an, viele Frauen fühlen sich in deinen Büchern verstanden.
Ich bin sehr happy mit meinem Publikum aus überwiegend älteren Frauen, die sich von mir gesehen, wahrgenommen fühlen und auf eine gute Art abgebildet. Ich werde oft nach Lesungen angesprochen, bekomme Mails, das finde ich total schön. Es zeigt eben, dass man mit seinen Gefühlen und seinen Unsicherheiten und dem, was total nervt, nicht alleine ist.

Ich frage mich schon, wie der Kulturjournalismus ausgesehen hätte, wenn am Tisch zur Hälfte Frauen gesessen wären. Über welche Musik hätten wir geredet, welche Filme? Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben Jahrzehnte verschissen mit der Kunst sudernder Männer, in den Büchern, den Alben, den Filmen.
Ich war kürzlich mit meinen Töchtern auf einem Konzert von My Ugly Clementine und es war so schön. Es war so selbstverständlich, dass dort lauter Frauen auf der Bühne waren vor der ausverkauften Open Air Arena. Ich freue mich so, dass meine Töchter das erleben dürfen, weil ich es kaum erleben konnte.

Gibt es Dinge, von denen du dir denkst, du hättest sie gern früher gewusst?
Oft hilft einem das Wissen allein ja nicht weiter. Ich hätte gern früher gehabt, dass sich Dinge ändern. Und ich hätte gern früher mit mehr Frauen zu tun gehabt in meiner Arbeit, mit mehr Chefinnen, mehr Abteilungsleiterinnen. Ich habe vor ein paar Jahren den Verlag gewechselt, unter anderem deswegen, weil ich unbedingt mit Frauen arbeiten wollte. Ich habe jetzt das Gefühl, dass diese Bücher nicht mehr von mir allein geschrieben und dann Männern zur Beurteilung vorgelegt werden, sondern wir machen das gemeinsam, meine Verlegerin und Lektorin, meine Agentin und ich. Ich bin jetzt eine glückliche Schriftstellerin. Letztlich sieht das auch meine Protagonistin so: Eine Freundschaft mit Frauen ist oft viel tragfähiger als Partnerschaften, viel stabiler, viel vertrauenswürdiger, viel sicherer, hält viel mehr aus.

Aufmerksamkeit von Männern ist für Frauen tatsächlich gar nicht so lohnend.
Es macht das Leben so viel einfacher, wenn das aufhört. Und ich merke das auch am Älterwerden. Das wird ja Frauen immer als schreckliches Schicksal verkauft: Du wirst unsichtbar! Ich bin ganz froh, dass ich unsichtbar werde. Wenn ich gesehen werden will, dann sieht man mich schon. Aber sonst fallen diese ganzen Beurteilungen und Abwertungen weg, die ewigen Kommentare zu deinem Körper, es ist sehr befreiend.

Du hast einmal erzählt, du hast begonnen, Romane zu schreiben, „weil ich es kann“. Das hat mich sehr beeindruckt.
Ich war ja davor eher so die Meisterin der kurzen Form. „Gruber geht“ war ein Versuch: Kann ich auch einen langen Text schreiben? Und habe ich dann auch die Nerven, dass das jemand mit seinem Urteil zerstört? Mir hat einmal ein fremder Typ in einem Lokal erklärt, wie er eine meiner Kolumnen viel besser geschrieben hätte. Ich habe ihn dann gefragt, was er denn so veröffentlicht hat. Er so: Ach, nichts bisher. Der fand das ganz normal. Es ist wichtig, dass Frauen sich trauen zu sagen: Ich mache das, weil ich es gelernt habe und weil ich es kann. Weil ich dieses Handwerk richtig gut beherrsche.

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