Clementine_Engler – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 03 Sep 2024 09:31:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Clementine_Engler – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 »Wir brauchen eine Gesamtschule« https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-gesamtschule/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-gesamtschule/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:35:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=120026 Der Film „Favoriten“ beobachtet feinfühlig den Alltag einer Lehrerin und ihrer Klasse an Wiens größter Volksschule. Zum Kinostart hat CLEMENTINE ENGLER mit ILKAY IDISKUT über ihren Beruf gesprochen und darüber, wie Chancengleichheit im Bildungssystem aussehen könnte. Der zehnte Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern wird nicht erst nach den Messerattacken auf dem Reumannplatz […]]]>

Der Film „Favoriten“ beobachtet feinfühlig den Alltag einer Lehrerin und ihrer Klasse an Wiens größter Volksschule. Zum Kinostart hat CLEMENTINE ENGLER mit ILKAY IDISKUT über ihren Beruf gesprochen und darüber, wie Chancengleichheit im Bildungssystem aussehen könnte.

Der zehnte Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern wird nicht erst nach den Messerattacken auf dem Reumannplatz auch als der gefährlichste bezeichnet. In Favoriten sprechen fast vierzig Prozent der Bewohner*innen Deutsch nicht als Muttersprache. Drei Jahre lang begleitete die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann in diesem multikulturellen Umfeld eine engagierte Lehrerin und ihre Volksschulklasse. Das Ergebnis ist der subtile und gleichzeitig tief berührende Dokumentarfilm „Favoriten“, der seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale feierte und danach die Diagonale eröffnete. Aus dem Blickwinkel der sieben- bis zehnjährigen Schüler*innen erzählt der Film von Ängsten und Wünschen, von Herausforderungen und Zusammenhalt. Trotz seiner konsequenten Zurückhaltung gelingt es dem Film, die gravierenden Probleme im österreichischen Bildungssystem deutlich sichtbar zu machen.

an.schläge: Welche Rolle spielen Volksschulen im Lebenslauf eines Menschen?

Ilkay Idiskut: Eine sehr wichtige. Ich glaube, diese Zeit prägt am meisten, denn hier werden die Grundsteine gelegt. Und wenn die nicht gut gelegt sind, können die Schüler*innen oft die nächsten Schritte ihres Bildungswegs nicht gut meistern. Es fehlt ihnen etwas Wesentliches. Das erkennen sie dann in der Mittelschule und im Gymnasium.

Wie sind Sie an die Volksschule in Favoriten gekommen?

Ich habe während meines Lehramtsstudiums im 13. Gemeindebezirk Hietzing an einer Volksschule begonnen. Damals gab es schon einen Personalmangel, daher kam die Jobzusage sehr schnell. Die Klasse war toll, aber im Vergleich zu meiner Schule in Favoriten auch komplett anders, weil in Hietzing alle Kinder Deutsch als Muttersprache hatten und zu Hause gefördert wurden. Genau genommen war es eine „Vorzeigeklasse“. Die Kinder haben Klavier und Violine gespielt, waren im Fußballverein oder beim Turnen. Die Eltern haben ihre Kinder in allem unterstützt, weshalb sie sehr viel konnten. Was wir dort in einer Stunde durchgenommen haben, würde in Favoriten niemals so funktionieren. Nach einem Jahr habe ich aus verschiedenen Gründen gewechselt und bin in Favoriten gelandet. Hier habe ich Kinder kennengelernt, die mehr Unterstützung von mir brauchen.

Sie reden viel über das aktuelle Weltgeschehen und damit verbundene Werte. Was möchten Sie den Kindern mitgeben?

Wir müssen einander respektieren, um Konflikte zu vermeiden. Ich begegne den Kindern auf Augenhöhe, um ihnen diesen Respekt zu vermitteln, und wünsche mir das im Gegenzug von ihnen, auch untereinander. Deshalb lasse ich sie aussprechen, egal ob ich ihre Meinung richtig finde oder nicht. Wenn ein Kind äußert, dass es Krieg gut findet, versuche ich, nicht negativ zu reagieren. Ich möchte niemanden bloßstellen, sonst könnte es passieren, dass sich das Kind mir nie wieder öffnet. So möchte ich ihnen ein respektvolles Miteinander beibringen und zeigen, wie man respektvoll diskutieren kann, egal ob das Gegenüber ein Kopftuch oder ein Kreuz um den Hals trägt, Schweinefleisch isst oder nicht. Diese Themen gibt es bei uns. Und wenn so Respekt geschaffen wird, kann es auch in der Gesellschaft funktionieren.

Der Film zeigt Missstände im Bildungssystem auf, mit denen Sie zu kämpfen haben. Was bräuchten insbesondere die Volksschulen?

Wir bräuchten mehr helfende Hände in den Schulen. Aufgrund des Personalmangels gibt es keine Lehrer*innen, die angestellt werden können. Unsere Schüler*innen verkehren sehr oft in ihrer eigenen Community. In Favoriten gibt es viele Geschäfte, in denen auf Türkisch eingekauft werden kann; das Gleiche gilt für bosnisch-kroatisch-serbisch-sprachige und arabischsprachige Kinder. Oft scheitert es daran, dass viele Kinder der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind. Deshalb brauchen wir muttersprachliche Personen in den Schulen, die gut Deutsch sprechen und sich um bestimmte Kinder kümmern. Außerdem müssen wir multiprofessionelle Teams an die Schulen holen, denn wir Lehrer*innen sind keine Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen oder Coaches. Wir sind für den Unterricht verantwortlich, aber aktuell machen wir viel mehr. Wir fühlen uns verpflichtet und dabei gehen Deutsch- oder Mathestunden verloren. Die Kinder müssen aber eine angemessene Bildung erhalten, um später als Erwachsene gute Jobchancen zu haben. Sonst kann das zu gesellschaftlichen Konflikten führen.

Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern auf Ihre Bildung?

Meine Eltern sind aus der Türkei und meine Muttersprache ist Türkisch. Während der Zeit der Gastarbeiter-Anwerbung ist mein Vater in Europa herumgereist und hat sich dann in Österreich niedergelassen. Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, ist meine Mutter nachgekommen. Meine Mutter hat uns oft vorgelesen – auf Türkisch und Deutsch. Meinem Vater war es immer wichtig, dass wir etwas erreichen. Er hat uns deshalb überall hingefahren, egal ob zur Schule oder später während meines Studiums zur weit entfernten Praxisschule. Er hat sich wirklich sehr bemüht.

Was muss sich grundsätzlich am Bildungssystem für mehr Chancengleichheit ändern?

Wir müssen in Österreich einiges verändern und moderner werden, statt hinterherzuhinken. Die Gesetze, auf denen unser Bildungssystem basiert, wurden vor sechzig Jahren verfasst. Es ist eine Tatsache, dass viele Kinder in Österreich mit vielen verschiedenen Sprachen leben. Das muss gesehen werden. Wir brauchen endlich besser durchdachte Konzepte, die gemeinsam mit Fachleuten erarbeitet werden, nicht mit Menschen, die noch nie in einer Volksschule waren. Die Kinder haben hier andere Bedürfnisse.

Wie könnte eine Veränderung konkret aussehen?

Ich bin für die Einführung einer Gesamtschule. Das Selektieren direkt nach der Volksschule halte ich für völlig falsch. Wenn zehnjährige Kinder auf die Mittelschule gehen, statt aufs Gymnasium, stempeln wir sie ab. Oft hängen die Schulnoten auch von den Leistungen der Eltern ab. Wenn mit den Kindern ordentlich gelernt wird, schaffen sie es eher aufs Gymnasium. Mit einem Gesamtschulansatz könnten die Klassen auch besser durchmischt werden. Ein weiteres generelles Problem ist die Klassengröße. Außerdem sollten die Deutschförderklassen für Kinder, die kein Deutsch sprechen, abgeschafft werden. Dort sitzen Kinder in völlig überfüllten Klassen, um Deutsch zu lernen, wobei manche alphabetisiert sind und andere nicht. Oft sind es Flüchtlingskinder. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, weil eigenes Personal eingesetzt wird, aber bei der Klassengröße eine gute Betreuung unmöglich ist.

Kinostart AT: 19. September 2024

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Zuhause ist es nicht am schönsten https://ansch.4lima.de/zuhause-ist-es-nicht-am-schoensten/ https://ansch.4lima.de/zuhause-ist-es-nicht-am-schoensten/#respond Thu, 13 Oct 2022 20:58:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=85557 Unzählige Urlaubsfotos überfluteten in den vergangenen Monaten die sozialen Medien, wie jedes Jahr im Sommer. Mittlerweile sind die warmen Tage vorbei, die erste Lebkuchenware ist in den Supermärkten angekommen. In Alltagsgesprächen wird noch an den Sommerurlaub erinnert, die Frage „Wo warst du dieses Jahr?“ stellen viele ganz selbstverständlich. „Materielle Deprivation“ heißt einer von drei zentralen […]]]>

Unzählige Urlaubsfotos überfluteten in den vergangenen Monaten die sozialen Medien, wie jedes Jahr im Sommer. Mittlerweile sind die warmen Tage vorbei, die erste Lebkuchenware ist in den Supermärkten angekommen. In Alltagsgesprächen wird noch an den Sommerurlaub erinnert, die Frage „Wo warst du dieses Jahr?“ stellen viele ganz selbstverständlich.

„Materielle Deprivation“ heißt einer von drei zentralen Indikatoren zur Bestimmung von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung. Er umfasst das Fehlen finanzieller Mittel, um sich wesentliche Güter oder Lebensbereiche leisten zu können – dazu zählt auch, zumindest eine Woche Urlaub im Jahr machen zu können. Laut einer aktuellen Auswertung der EU („Gemeinschaftsstatistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen“), sind rund 17 Prozent der österreichischen Bevölkerung armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das sind 1.519.000 Menschen. Zu den besonders gefährdeten Personengruppen gehören Kinder, Alleinerziehende (über achtzig Prozent davon sind Frauen), Frauen im Alter, Langzeitarbeitslose, Personen in einem schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsverhältnis und Menschen ohne Staatsbürger*innenschaft.

Die Daten stammen aus dem Vorjahr, die Inflation verschärft neben den Langzeitfolgen der Pandemie die Situation angesichts explodierender Energiepreise, bei Nahrungsmitteln und in der Gastronomie für viele Haushalte erheblich. Im August stiegen die Verbraucherpreise um knapp zehn Prozent verglichen zum Vorjahr. Wie sich das auf das Reiseverhalten der Österreicher*innen auswirkt, ist statistisch noch nicht erfasst, es ist jedoch davon auszugehen, dass zukünftig mehr Menschen zuhause bleiben müssen.

„Zuhause ist es eh am schönsten“, könnten Zyniker*innen einwenden und auf den „Urlaub auf Balkonien“ verweisen. Aber abgesehen davon, dass armutsbetroffene Menschen weit seltener über Balkone oder gar eigene Gärten verfügen, fehlen ihnen zudem auch die Mittel für kostenintensive Freizeitunternehmungen wie Ausflüge und Schwimmbadbesuche. Der ungewollte Verzicht auf Urlaub hat deshalb viele negative Folgen. Psycholog*innen und Mediziner*innen verweisen darauf, dass der Stress­pegel im Urlaub signifikant sinkt und Wohlbefinden und Gesundheit profitieren. Reisen dient überdies nicht nur zur Erholung, sondern auch der Horizonterweiterung. Wer selten verreist, gilt als engstirnig und büßt soziales Ansehen ein.

Diese Erfahrung ist oft besonders schmerzlich. Sich den Urlaubsstandards der anderen zu entziehen, kann auf Plattformen wie Instagram, bei denen es generell viel um sozialen Vergleich geht, zur Herausforderung werden. Das ungefragte Senden von Urlaubsfotos von Freund*innen und Familie, das kollektive Erinnern an den Urlaub als Einstieg in das neue Schuljahr – all das kann das Selbstwertgefühl schädigen.

Um die Situation von armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen zu ändern, müssen die vielen strukturellen Ungerechtigkeiten sichtbar gemacht werden. Um die soziale Teilhabe aller Menschen zu ermöglichen, braucht es eine echte Umverteilung und nicht bloß kosmetische Maßnahmen wie Einmalzahlungen. Denn Armut wird nicht bloß toleriert, sie wird gemacht. Doch auch abseits der großen strukturellen Veränderungen, die politisch immer noch ein Minderheitenprogramm sind, können kleine Schritte mehr Teilhabe ermöglichen. Das 9-Euro-Ticket, mit dem der deutschlandweite Nah- und Regionalverkehr im Sommer preisgünstig genutzt werden konnte, hat gezeigt, wie einfach mehr Mobilität auch für Menschen mit wenig Einkommen Realität wird. Das Ticket sicherte keinen Urlaub, aber ermöglichte zumindest einen Wochenendausflug. Ein Anfang. •

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