6 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 09 Aug 2020 13:00:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 6 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2017-06 https://ansch.4lima.de/inhalt/2017-06/ Sat, 28 Dec 2019 09:25:47 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=16065 ]]> ]]> … noch lange nicht gut https://ansch.4lima.de/noch-lange-nicht-gut/ https://ansch.4lima.de/noch-lange-nicht-gut/#respond Sun, 03 Sep 2017 13:17:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8975 Ulrike Lunacek © Ines BacherInterview: Die Spitzenkandidatin der Grünen ULRIKE LUNACEK im Gespräch mit GABI HORAK und VERENA FABRIS.]]> Ulrike Lunacek © Ines Bacher

Die Spitzenkandidatin der Grünen ULRIKE LUNACEK im Gespräch mit GABI HORAK und VERENA FABRIS über Frauenpolitik – nicht nur im Nationalratswahlkampf.

 

an.schläge: Was zeichnet für Sie gute Frauenpolitik aus?

Ulrike Lunacek: Zum einen, dass sie von feministischen Frauen gemacht wird. Dann, dass es in den Parteien Männer gibt, die Frauen auch dabei unterstützen. Und dass sie geleitet ist von einem Bild der ökonomischen Unabhängigkeit von Frauen. Schließlich, dass es konkrete Vorschläge mit Zeithorizonten gibt, bis wann das so sein soll, und dass auch Geld dafür eingesetzt wird.

Sehen Sie aktuell davon etwas in der österreichischen Innenpolitik verwirklicht?

Viel zu wenig. Die Tatsache, dass die Gehaltsschere immer noch so weit auseinanderklafft, ist – auch im europäischen Vergleich – einfach beschämend. Ich würde mir manchmal den Kampfgeist von Johanna Dohnal wünschen. In der jetzigen Regierung sehe ich viel zu wenig Bereitschaft. Vor allem mit so wenigen Frauen in der Regierung. Denn es sind immer noch die Frauen, die Frauenpolitik vorantreiben.

Welchen Stellenwert hat Frauenpolitik für Sie in Europa?

Da ist im Europäischen Parlament in Zusammenarbeit mit der Kommission einiges gelungen: Zum Beispiel die Gleichbehandlungsstrategie, die tatsächlich in vielen Mitgliedsländern etwas weitergebracht hat. Oder Quoten in Aufsichtsräten. Das ist schon längst Richtlinie, aber wenn der Europäische Rat, also die Mitgliedsländer, nicht wollen, bekommen wir es nicht durch. Als ich 2009 ins Europaparlament kam, haben wir die Mutterschutzrichtlinie geändert: Zwanzig Wochen in allen Mitgliedsländern und gleichzeitig – was mir ganz wichtig war – für die Väter gleich nach der Geburt parallel zwei Wochen bezahlten Urlaub. Das hätte auch für gleichgeschlechtliche Paare gegolten. Aber auch das ging im Rat nicht durch. Wenn es nur nach dem Europäischen Parlament ginge, hätten wir das alles schon längst umgesetzt.

Österreich geht auch nicht mit bei diesen Dingen?

Nicht in der Form, in der ich es gerne hätte. Man müsste im Rat auf den Tisch hauen oder sich mit den befreundeten Regierungen zusammentun. Das wäre etwas für die nächste EU-Präsidentschaft, dass man hier ein paar Schritte weitergeht.

Sie bezeichnen sich als Feministin. Nun ist Feminismus teilweise ein Label geworden, es gibt große Modeketten, die mit „I am a Feminist“-Aufschriften auf T-Shirts viel Geld machen. Birgt das Mainstreaming des Begriffes auch die Gefahr, den Inhalt zu verwässern?

In der Politik sind Symbole wichtig, die Sprache – und es sind die Handlungen wichtig. Ich finde es gut, wenn sich Frauen als Feministinnen bezeichnen. Es geht um zentrale Frauenrechte: die Tatsache, dass in allen Bereichen der Gesellschaft immer noch viel weniger Frauen in Entscheidungspositionen sind, dass Männer immer noch viel zu wenig Arbeit im Haushalt erledigen. Vor kurzem habe ich auf Facebook ein Video entdeckt, in dem ein Mann einem Freund auf die Frage, ob er im Haushalt mithelfe, sagt: „Ich helfe meiner Frau nicht.“ Und er erklärt dann, er „hilft“ nicht, sondern auch er wohnt in dem Haus und deshalb putzt er das Klo. Er „hilft“ seiner Frau nicht beim Windeln Wechseln, weil es auch seine Kinder sind. Diese Haltung wäre für alle Männer ganz wichtig. Und Frauen müssen das natürlich auch wollen.

Sie sehen in dem Mainstreaming des Begriffes Feminismus also mehr Chancen als Gefahren?

Würde ich schon sagen. Bei all den Widerständen, die es immer noch gegen Feminismus gibt, ist es mir lieber, der Begriff wird manchmal missbraucht. Mir ist lieber, wir diskutieren darüber, als es traut sich niemand, das Wort in den Mund zu nehmen.

Mainstreaming ist ja auch in der LGBTIQ-Bewegung ein Thema: Sei es bei der Regenbogenparade, deren Trucks vermehrt aus kommerziellen Unternehmen bestehen oder bei der Forderung nach der Ehe mit allen Rechten und Pflichten. Wo sehen Sie bei der Gleichstellung von LGBTIQ-Personen noch Handlungsbedarf?

Es gibt seit Jahren einen Vorschlag für eine EU-Richtlinie, die einen wirksamen Diskriminierungsschutz beim Zugang zu Waren und Dienstleistungen von Lesben und Schwulen fordert. Da geht es zum Beispiel darum, dass die beiden Frauen, die sich vor zwei Jahren im Cafe Prückel geküsst haben und deswegen dann des Lokales verwiesen wurden, vor dieser Diskriminierung geschützt werden. Österreichweit gibt es so ein Gesetz, anders als in Deutschland, nach wie vor nicht, da wäre es wichtig, diese Lücke endlich zu schließen. Leider blockiert auch hier seit 2009 der Rat der EU. Ich bin die Berichterstatterin, das heißt im EU-Parlament verantwortlich für diese Richtlinie. Leider schaut es nicht so aus, als ob ich dieses Gesetz noch zum Abschluss bringen kann, das ist schon auch frustrierend. Bei Trans- und Inter-Personen schaut es ein bisschen besser aus, diese sind laut Ansicht des EuGH schon durch eine andere Richtlinie geschützt, aber auch hier wäre eine Klarstellung des Gesetzestextes wünschenswert. Anfang 2014 hat das EU-Parlament außerdem einen Bericht abgestimmt, den sogenannten „Lunacek-Bericht“, eine Roadmap „zur Bekämpfung von Homophobie und Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität“, das war ein sehr weitgehender, fortschrittlicher Bericht. Teile davon hat die Kommission jetzt in einen Aktionsplan gepackt, das freut mich. Von echter Gleichstellung sind wir noch immer weit entfernt, aber es wird besser, das merke ich schon auch, ich verfolge das Thema in der Politik ja schon mehr als zwanzig Jahre!

Braucht es ein eigenständiges Frauenministerium?

Auf jeden Fall. Mit eigenem Budget und zwar einem guten Budget. Jetzt sind es zehn Millionen – das ist ein Witz. Aber ich will auch nicht, dass dann nur die Frauenministerin für feministische Angelegenheiten zuständig ist. Sie müssen in jedem Ministerium ein wichtiger Aspekt sein, und das muss auch kontrolliert werden. Gender Budgeting ist in Österreich eigentlich auch schon vorgeschrieben – aber wenn es niemand überprüft, dann passiert es auch nicht.

Was halten Sie von der Idee, ein Gleichstellungsministerium zu haben, das sich um unterschiedliche Diversitäten und Diskriminierungen kümmert?

Ich habe keine puristische Position dazu. Wenn das im Ministerium gut gehandhabt wird, kann ich es mir vorstellen. Es muss nur klar sein, dass dann am Ende nicht alles vermischt wird und die hauptsächliche Diskriminierung, die über fünfzig Prozent der Bevölkerung betrifft, nicht untergeht.

Könnten Sie sich vorstellen, Frauenministerin zu sein?

Ich kann mir viel vorstellen. Jetzt mach ich einmal Wahlkampf: Mein Ziel ist es, dass wir Mehrheiten haben, bei denen die FPÖ nicht in die Regierung kommt. Alles andere schauen wir uns nachher an.

Wird Frauenpolitik im Wahlkampf eine Rolle spielen?

Ich werde es thematisieren. Aber allgemein kommt Frauenpolitik bestimmt viel zu wenig vor. Gewaltschutz, gleiche Bezahlung, Quotenregelung – das alles wären wichtige Themen.

Sie haben in Innsbruck am Aufbau des Frauenhauses Ende der 1970er-Jahre mitgewirkt, wie beurteilen Sie die Entwicklung des Gewaltschutzes seither?

Im Vergleich zu anderen EU-Ländern ist in Österreich sehr viel geschehen. Die Interventionsstellen, das Wegweiserecht – da haben sich andere viel abgeschaut. Das heißt nicht, dass alles super funktioniert: Die Frauenhäuser kämpfen immer noch mit der Finanzierung. Und Gewalt gegen Frauen wird immer noch nicht in dem Ausmaß öffentlich geächtet, wie es notwendig wäre. Aber bei der gesetzlichen Lage ist Österreich schon eines der fortschrittlichsten Länder, die ich kenne.

Oft ist unter Feministinnen zu hören: Es geht zu wenig weiter auf dem Gebiet der Geschlechtergerechtigkeit, wir haben sogar einen Backlash. Können Sie drei Punkte nennen, die sich seit den 1970er-Jahren wirklich signifikant verbessert haben?

Gewaltschutz. [Langes Überlegen] Auch ohne Quoten Präsenz von Frauen in höheren Entscheidungspositionen. Kinderbetreuung so halb: Es gibt schon mehr Kinderbetreuungsplätze – aber das ist einfach immer noch viel zu wenig. Es ist besser geworden, aber es ist noch lange nicht gut.

Der Backlash hängt ja auch mit der neoliberalen Individualisierung zusammen: Du bist selbst dafür verantwortlich, dass du nicht in die Armut rutschst und bist selbst für die Gestaltung deiner Beziehung zuständig. Da geht ein Stück solidarische Gesellschaft verloren …

… und das Bewusstsein, dass es eine staatliche Aufgabe ist, für die Institutionen zu sorgen und dass dafür Steuergeld einzusetzen ist. Das ist auch mein Problem mit dem bedingungslosen Grundeinkommen: Das kann Gefahr laufen, dass du dann selber dafür zuständig bist, dass du den Kinderbetreuungsplatz finanzierst oder die Versicherung. Ich finde schon, das ist eine staatliche Aufgabe, bei der NGOs aktuell viel übernehmen. Da bin ich eine vehemente Verfechterin der Verantwortung des Staates.

Ein wichtiges Thema der Frauenpolitik ist der Kampf gegen Armut. Es gibt da eine hohe Betroffenheit von Alleinerzieherinnen, Pensionistinnen, Mehrkindfamilien. Welche konkreten Maßnahmen bräuchte es? Und ist es überhaupt möglich, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, ohne das ganze (Steuer-)System in Richtung Umverteilung komplett umzubauen?

Jein. Was schon ginge, wäre eine lebensnahe Sozialpolitik. Beispielsweise Mietzinsobergrenzen. Und: ein Mindestlohn, von dem du leben kannst, also 1.750 Euro brutto. Das ist für einen Vollzeitjob ein Minimum. Wenn dann die Frage kommt: Wie finanzieren? Ich bin schon lange für eine Erbschafts- und Schenkungssteuer, die den Namen verdient. Mit einer Freigrenze bis zu 500.000 Euro und danach gestaffelt mehr. Die Friseurin, die Kassierin im Supermarkt oder die Kleinunternehmerin, alle müssen Steuern zahlen. Erben ist arbeitsloses Einkommen. Es geht um einen gerechten Beitrag, der in etwa dem gleichkommt, was du auch zahlst, wenn du erwerbstätig bist.

Wäre da nicht ein Schulterschluss mit der ÖVP möglich, denn die sagen: Nur wer etwas leistet, soll etwas bekomme. Wer erbt, leistet ja eigentlich nichts?

Ja, das ist ein Argument, das ich auch hin und wieder verwende.

Sie sprechen sich für eine Arbeitszeitverkürzung auf dreißig Stunden aus. Gehen die Grünen damit in den Wahlkampf?

Als Zukunftsvision, ja. Der erste Schritt wäre, Überstunden zu reduzieren bzw. mehr für Überstunden zahlen zu müssen. Wir müssen darauf achten – auch als Grüne –, wie das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit aussieht. Es schafft psychische und körperliche Belastungen, dass es einen ständigen Stress gibt, man permanent erreichbar sein muss – auch im Urlaub. Wenn wir auch die Burnout-Raten reduzieren wollen, dann wäre der Anfang, Überstunden zu reduzieren bzw. sie besser zu bezahlen.

Allerdings wissen wir aus Studien, dass die körperliche und psychische Belastung, die der Stress von Armut und Arbeitslosigkeit auslöst, ungleich gravierendere Folgeerscheinungen hat als die Arbeitsüberforderung der MangerInnen. Das so genannte Burnout ist vor allem auch eine Krankheit von Armutsbetroffenen.

Ja. Darum müssen wir auch die Arbeitskosten entlasten. Wir haben schon vor zwanzig Jahren ein ökologisch-soziales Steuermodell gefordert, das Arbeitskosten entlastet und gleichzeitig aufkommensneutral Energie belastet. Dann könnten auch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, wenn die anfallende Arbeit anders verteilt wäre, indem z.B. Überstunden reduziert werden. Arbeitsplätze schaffen ist notwendig im Bereich erneuerbare Energien, Energieeffizienz – und in der Pflege, im Sozialbereich. Dort müssen gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden.

Viele der Forderungen des neuen Frauenvolksbegehrens sind langjährige Forderungen der Frauenbewegungen. Wenn die Grünen in Koalitionsverhandlungen gehen, wäre dann die Umsetzung dieser Forderungen eine Bedingung?

Ich unterstütze das Frauenvolksbegehren, weil es viele Forderungen beinhaltet, die immer noch nicht umgesetzt sind. Aber ich formuliere keine Bedingungen, denn dann müsste ich alles, was ich will, als Bedingung formulieren und es braucht ja auch einen Verhandlungsspielraum. Aber klar ist es wichtig, dass diese Forderungen auch in einem Koalitionsabkommen enthalten sind als Forderungen, auch mit Vorschlägen der Umsetzung.

Was wäre ein No-Go in Bezug auf Frauenpolitik, bei dem die Grünen nicht mitgehen könnten?

Wenn es zum Beispiel kein Ministerium gäbe, das für Frauenangelegenheiten zuständig ist, wenn es keine feministischen Forderungen und kein Budget geben sollte – das geht auf keinen Fall.

Es muss kein eigenständiges Frauenministerium sein?

Nein, Frauenangelegenheiten können auch in einem anderen Ministerium angesiedelt sein. Mir sind dann die Forderungen wichtiger als die Form. Es muss auch von jemandem besetzt sein, der das gut nach außen hin vertreten kann. Und es muss in einer Regierung auch einen Konsens darüber geben, dass diese Forderungen umzusetzen sind und es nicht nur lästiges Anhängsel ist.

Muss eine Frau Frauenministerin sein oder könnte das auch ein Mann?

Es sollte schon eine Frau sein.

Angenommen, es kommt zu einer Koalition mit ausschließlich rechten und konservativen Parteien, was befürchten Sie dann für die Frauenpolitik in Österreich?

Ein Männerministerium oder ein neoliberales Wirtschaftsministerium, ein Anti-EU-Ministerium – da fällt mir einiges ein. Was Frauen betrifft, wäre das sicher ein ziemlicher Abstieg im Vergleich zur jetzigen Situation.

Wäre etwa die Fristenlösung in Gefahr oder die Umsetzung der Frauenquoten?

Dass die Quoten nicht kommen, das glaube ich sofort. Was die Fristenlösung betrifft, habe ich nicht den Eindruck, dass die zur Debatte steht. Das würde einen Aufstand provozieren. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber das glaube ich nicht. Jedenfalls würde es unter so einer Koalition keine Fortschritte geben.

Die Finanzierung von Fraueneinrichtungen sehen Sie nicht als Gefahr?

Kürzungen wird es hier geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Was wäre Ihre Botschaft an die Grünen, sollten sie in der Opposition bleiben?

Gute Oppositionsarbeit, das können wir: aufzeigen, aufdecken, Forderungen stellen, mit Aktionen auch Dinge thematisieren, die falsch laufen. Durchaus auch – und das werde ich auch mitbringen aus dem Europa-Parlament – Beispiele aus anderen Ländern bringen: Was geht besser, da gibt es auch rechte Regierungen, die durchaus wichtige Maßnahmen setzen. Zum Beispiel in den skandinavischen Ländern sind die konservativen Parteien viel fortschrittlicher als viele andere.

 

* Dieser erste Teil des Interviews wurde im Juli 2017 geführt, die folgenden aktuellen Fragen sind im Spätsommer 2017 hinzugekommen. *

 

Ulrike Lunacek © Ines Bacher
Ulrike Lunacek © Ines Bacher

 

Nachdem der langjährige Grüne Abgeordnete PETER PILZ auf dem Bundeskongress bei der Wahl um Listenplatz vier scheiterte, gründete er Ende Juli die „Liste Peter Pilz“ – mit der er nun bei der Nationalratswahl gegen seine ehemalige Partei antritt. Für die Grünen gestaltete sich der Start in den Wahlkampf entsprechend holprig, an.schläge-Redakteurinnen haben ULRIKE LUNACEK dazu Ende August noch einmal befragt.

 

an.schläge: Ingrid Felipe und Sie haben die Partei von Eva Glawischnig zu einem schwierigen Zeitpunkt übernommen: Der Ausschluss der Jungen Grünen sorgte innerhalb und außerhalb der Partei für Unmut, Unzufriedenheit mit der inhaltlichen Ausrichtung wurde formuliert, der Konflikt mit Peter Pilz zeichnete sich schon länger ab: Wo sind hier in der Grünen Partei die größten Fehler passiert?

Ulrike Lunacek: Wir Grüne stehen zu unserem Grundwert der innerparteilichen Demokratie. Positionen, die die Grünen vertreten, werden in demokratischen Prozessen innerhalb der Partei geklärt. Das bedeutet auch, dass sich bereits lange aktive PolitikerInnen einer Wiederwahl stellen müssen und niemand den Anspruch hat, ein Mandat auf ewig auszuüben.
Bei den Grünen sucht sich kein/e Parteichef/in die KandidatInnen für den Nationalrat freihändig aus. Bei uns wählen Delegierte auf allen Ebenen die Landeslisten und schließlich der Bundeskongress mit mehr als 280 Delegierten die Bundesliste. Das ist ein urgrünes demokratisches Prinzip. Jede und jeder stellt sich diesen Wahlgängen. Durchgriffsrechte von der Parteispitze gibt es nicht. Ein Generationswechsel ist ein normaler Prozess in der Politik und in den Parteien. Das kann für die einzelnen Personen verständlicherweise enttäuschend sein. Es wurden dafür aber einige interessante Persönlichkeiten neu aufgestellt: Etwa der renommierte Asylrechtsexperte und Anwalt Georg Bürstmayr oder die Anti-TTIP/Ceta-Ikone und Biobäuerin Irmi Salzer und viele mehr.
Ohne Austausch keine Öffnung. Die Grünen gibt es zwar schon 31 Jahre. Wir punkten aber besonders stark bei jungen WählerInnen und setzen auf Zukunftsthemen, die vor allem junge Menschen ansprechen sollen – soziale Sicherheit, Wohnkosten, Mobilität, Erneuerbare Energie für Umwelt und innovative Jobs. Und für eine Weiterentwicklung unserer Heimat Europa. Besonders die Jugend identifiziert sich stark mit Europa und den „grenzenlosen“ Möglichkeiten, die die EU ihnen im Studium und später im Berufsleben bietet.
Das Thema Jugend bringt mich zu Ihrer Frage um die „Jungen Grünen“: Klar ist, eine Jugendorganisation soll eigenständig arbeiten und darf auch kritisch sein. Das war auch nie das Problem. Ein Problem ist entstanden, weil der Vorstand der „Jungen Grünen“ bei den ÖH-Wahlen eine Gruppierung unterstützt hat, die gegen die Grünen (StudentInnen) kandidiert hat. Das geht natürlich nicht. Einige dieser alten Jugendgruppe haben sich nun entschlossen, sich in der KPÖ einzureihen. Viele der jungen AktivistInnen österreichweit wollen aber bei der Grünen Bewegung bleiben, vernetzen sich und sind gerade dabei, eine eigenständige neue Jugendorganisation aufzubauen.

In den Umfragen sind die Grünen zuletzt abgestürzt und liegen etwa gleichauf mit der neu gegründeten Liste Pilz. Woran liegt das und auf welche Themen werden Sie setzen, um potenzielle Grün-WählerInnen doch noch von sich zu überzeugen?

Was Umfragen betrifft haben uns viele Wahlgänge der jüngsten Zeit deutlich gezeigt, wie viel bzw. wie wenig diese Wert sind. Die Grünen und ich sind erprobte und starke WahlkämpferInnen und wir peilen auch dieses Mal wieder ein zweistelliges Ergebnis an. Die Aufholjagd hat begonnen.
Aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit im Nationalrat, aber auch als Vizepräsidentin des Europaparlaments kann ich auf große innen- und außenpolitische Erfahrung zurückgreifen. Außerdem stehe ich wie keiner der anderen Kandidaten für die Gleichstellung von Frauen und bin auch eine über Parteigrenzen anerkannte Expertin in den Bereichen Außenpolitik und Europa. Während Kern, Kurz und Strache ihre persönlichen Befindlichkeiten und Starallüren pflegen, zeigen wir bei den Grünen, wie es in Österreich auch gehen kann. Bei uns steht das „Wir“ einer Bewegung im Vordergrund, die für die BürgerInnen da ist. Die Botschaft lautet: Miteinander, „Wir statt Ich“, Vernunft, Lösungsorientierung und Haltung statt inhaltsleerem Star Kult.

Ihr neues Plakat „Sei ein Mann: Wähl eine Frau“ wird auch von Feministinnen kritisiert. Was war die Idee dahinter?

Die erste Plakatwelle stellt mich aussagekräftig in drei Sujets in den Mittelpunkt. Dabei geht es uns um ein gelungenes Miteinander. Um eine Gleichstellungspolitik, die diesen Namen auch verdient. Um ein soziales, ökologisches und demokratisches Europa, das in Österreich beginnt. Und um den Mut, einer kompetenten Politikerin, die sich seit Jahrzehnten glaubhaft für die Gleichstellung einsetzt, auch als Mann am Wahltag die Stimme zu geben.
Dieses Thema wird mit dem von Ihnen angesprochenen Sujet gleichzeitig pointiert wie augenzwinkernd dargestellt: Gleichberechtigung ist kein Frauenthema, Gleichberechtigung ist ein Menschenthema. Männer sind Väter, Söhne, Brüder, Partner, Freunde von Frauen. Grüne Politik steht für eine Gleichstellungspolitik ohne Wenn und Aber. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, eine verbindliche Frauenquote, ein europaweites Gesetz gegen Gewalt gegen Frauen, genauso wie Elternkarenz für Mütter und Väter. Erst wenn wir tatsächliche Gleichberechtigung hergestellt haben, gibt es auch echte Chancengleichheit für alle Menschen in unserer Gesellschaft. Für all das stehe ich wie wenige sonst in Österreich.

 

 

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Feminist Superheroines: Frances Gabe https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-frances-gabe/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-frances-gabe/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:50:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8902 Die US-amerikanische Erfinderin und Künstlerin erfand das selbstreinigende Haus. Von PHOEBE BAUMANN]]>

Frances Gabe (1915–2016) war eine US-amerikanische Erfinderin und Künstlerin. Schon vor einem halben Jahrhundert empörte sich Gabe über traditionelle Geschlechterrollen und über die Langeweile beim Hausputzen. Wäschewaschen, Böden putzen und Geschirrspülen empfand sie als Zeitverschwendung – und erfand kurzerhand das selbstreinigende Haus.
Die Einrichtung darin war wasserfest, da selbsttätige Wasserdüsen an der Decke das Staubwischen und Staubsaugen ersetzten. Der Fußboden war leicht geneigt, um das Wasser abfließen zu lassen. Um das Wäschewaschen zu erleichtern, entwarf Gabe ein Kabinett, in dem verschmutzte Kleidung direkt auf Kleiderbügeln gewaschen und getrocknet wurde.
Gabes selbstreinigendes Haus wurde 2003 im „The Women’s Museum“ in Dallas und 1982 im „People Magazine“ vorgestellt.

 

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
Illustration: Lina Walde

 

 

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an.künden: Nie vergessen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-nie-vergessen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-nie-vergessen/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:48:22 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8910 © SylKo70 Jahre Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück.]]> © SylKo

Überlebende des Frauen-KZs Ravensbrück gründeten am 24.Mai 1947 die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück. Ihre Leistungen im Widerstand, ihr Wirken für Demokratie, Frieden und eine off ene Gesellschaft werden im Herbst mit einem vielfältigen Programm gewürdigt.

 

28.9., 18:00–20:30: „70 Jahre Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen. Erinnern. Mahnen. Gedenken. Aufrütteln.“ In Anwesenheit der Überlebenden Käthe Sasso
Amtshaus, 1020 Wien, Kamelitergasse 9

20. & 21.10., Visuals, Tischgespräche, Präsentationen & Musik
Volkskundemuseum, 1080 Wien, Laudongasse 15–9

13.10.–11.11.: Wienerkundungen auf den Spuren von „Ravensbrückerinnen“
Alle Termine: www.ravensbrueck.at/aktuelles/70-jahre

 

© SylKo
© SylKo

 

 

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an.künden: Körpereinsatz https://ansch.4lima.de/an-kuenden-koerpereinsatz/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-koerpereinsatz/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:43:48 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8907 Der Disobedience-Kongress in Graz thematisiert zivilen Ungehorsam.]]>

Für viele erfolgreiche soziale Bewegungen waren Formen gewaltfreien zivilen Ungehorsams ein wichtiges Werkzeug. Angesichts sich verschärfender sozial-ökologischer Krisen und regressiver politischer Tendenzen sollten wir von ihnen lernen. Im Rahmen des „aktivistischen Sommers“ thematisiert der Disobedience-Kongress zivilen Ungehorsam breit, gibt Einblicke in verschiedene Praxen und bietet ein diverses Programm aus Filmvorführungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen sowie Workshops.

 

6.–8.10.: Disobedience! Kongress für zivilen Ungehorsam
Forum Stadtpark, 8010 Graz, Stadtpark 1
www.systemchange-not-climatechange.at

 

Ziviler Ungehorsam für Klimagerechtigkeit © ENDE GELÄNDE 2016
Ziviler Ungehorsam für Klimagerechtigkeit © ENDE GELÄNDE 2016

 

 

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lebenslauf: End of story, end of glory! https://ansch.4lima.de/lebenslauf-end-of-story-end-of-glory/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-end-of-story-end-of-glory/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:35:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8900 „Keine Angst vor 50!“ Von MICHÈLE THOMA]]>

auch feministinnen altern

 

„Jeanne Moreau wird 50!“ steht auf dem „Emma“-Cover, unter ihrem schönen Gesicht.
End of story, end of glory! Fünfzig, Kap der Hoffnungslosigkeit, wir reden von Frauen, natürlich. Die einzige Abwechslung, die sie erwartet, heißt Wechseljahre.
Extra dramatisch für die, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Für sie gibt es kleine Hunde und schwule Walker. Statt Catwalk Katzenjammerwalk, etwas schwankend, mit Dauerkater Richtung Urne. Ein strahlender neuer Himmelskörper ist nämlich gerade neu geboren, in einer perfekt sitzenden irdischen Hülle. Neben ihm versinkt der Star, der die vierzig überlebt hat, ich rede natürlich vom weiblichen Star, im gnädigen Dunkel. Nur ein tragisches Ende hievt ihn noch mal auf die Titelseite.
Erica Jongs trotziger Aufruf gegen die kollektive Panikattacke „Keine Angst vor 50!“ ist noch nicht erschienen. Und all die anderen Trösterinnen der Betrübten, die bald den Markt überschwemmen werden, sind auch noch nicht da. Wie toll es doch ist, Falten zu haben, und wie frau sich mit ihren Jahresringen schmücken soll.
Von all dem sind wir noch weit entfernt, wie Jeanne Moreau zu ihrem Fünfziger im „Emma“-Interview erzählt. Seit einigen Jahren würden ihr nur noch Rollen angeboten, in denen sie Alkoholikerinnen und Selbstmörderinnen spielen soll. Dauernd soll sie leidende Frauen spielen. Verschmähte, schmachtende Frauen, Frauen mit durchbohrten Herzen, Frauen, die mit stieren Blicken vor leeren Weinflaschen lallen. Märtyrerinnen. Opfer. Und dann sagt Jeanne Moreau den schönen Satz, den allerschönsten, den unvergesslichen Sister-Soli-Satz, für den ihr ewige Seligkeit gebührt im Heilige-Schwestern-Himmel: „Das wollte ich den Frauen nicht antun.“ Diesen kranken Tragische-Tote-Frauen-Kult zu nähren. Romy, Piaf, Monroe, gebrochene Herzen, angebliche Verfallserscheinungen eines von einer voyeuristischen Öffentlichkeit belauerten Frauenfleischs. Der zerrupfte Spatz von Paris, am schönsten singt er, wenn er leidet.
Da spielte sie nicht mit.

 

Michèle Thoma geht auf die Hundert zu.

 

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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neuland: From virtual world to physical world https://ansch.4lima.de/neuland-from-virtual-world-to-physical-world/ https://ansch.4lima.de/neuland-from-virtual-world-to-physical-world/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:26:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8898 How we find our way to live a new happy life. Von KAWKAB AKED]]>

alltägliche grenzerfahrungen

 

“Willhaben” is a famous website for all Austrian people. As a stranger in this country, it was also strange to me, but from now on, we are familiar with each other due to several brilliant reasons.
Firstly, and with a help of my friend, I have just discovered “Willhaben” as a useful website to get a low priced second-hand item, and even better, sometimes people give their items away for free. It was definitely the right place for me. Secondly, I have been discovering each single district in Vienna, from east to west and from south to north, using all kinds of public transportation and all lines. I started basically with metro U1 till U6, from tram D till tram 71, including local lines and busses. Of course with “Qando Wien App” helping. As time went on, I ultimately found myself as a professional discoverer in Vienna, without being with a tour guide; I was able to pick up all the items which I needed for my new home.
Now moving on to the third superb reason which really has made me so excited and proud to know “Willhaben”: I got to know light-hearted Austrian people! Further they are not only nice people but also friends – for the time we had to connect each other in order to fix the deals. A series of haphazard encounters have created an unexpected light in my heart.
For example, after 27 emails, Niki and I could eventually make the carpet deal done. And Liza as well, after she reserved the couch and the corner seat for me for two months. In the end, she brought them to my home. I am particularly proud to have some new extraordinary friends. I am also proud to have both of them as friends in my tiny society in this country.
Lastly, there is no need to mention how much I improved my German. Basically, most of those people only speak German language, because it is their mother tongue. Definitely, it was a perfect chance to practice and exercise what I have learned in my German course at the same time.
Some people might consider “Willhaben” as an advertisement website only, but for me, it was and actually is more than just this. It is a surprising and enjoyable experience that makes me realize something that I previously had not known:
Regardless if it is our decision to live in another country or not, it depends on the methods we use, how we find our way to live a new happy life and belong to this new country.

 

Kawkab Aked is now settling in Vienna after her asylum has confirmed.

 

 

 

 

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an.lesen: Gute Geschichten https://ansch.4lima.de/an-lesen-gute-geschichten/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gute-geschichten/#comments Thu, 31 Aug 2017 08:21:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8895 © Karsten LemmEin neuer Stern am feministischen Kinderbuchhimmel. Von CARLA HEHER]]> © Karsten Lemm

CARLA HEHER über einen neuen Stern am feministischen Kinderbuchhimmel.

 

„Good Night Stories for Rebel Girls – 100 außergewöhnliche Frauen“ heißt der neue Stern am feministischen Kinderbuchhimmel, der ab Ende September auch auf Deutsch erhältlich ist. Finanziert wurde das Buch durch eine Kickstarterkampagne, die mit dem Video „The Ugly Truth of Children’s Books” beworben wurde. Der Plot: Eine Mutter und eine Tochter stehen vor einem Bücherregal und sortieren Bücher aus: zuerst Bücher, in denen keine weiblichen Figuren vorkommen, dann solche, in denen Frauen nicht sprechen, und am Ende auch noch alle Prinzessinnengeschichten. Übrig bleiben wenige.
Das entlarvende Video verbreitete sich auf Facebook viral. 20.000 Spender_innen aus aller Welt unterstützten die Idee eines Buches über Frauen, die ihren eigenen Weg gingen. Weibliche Role Models sollten in die Kinderzimmer einziehen.

Role Models. Gute-Nacht-Geschichten von rebellischen Mädchen wäre allerdings eine glücklichere Titelwahl gewesen. Schließlich sollten sich Geschichten von starken Frauen nicht nur an Mädchen richten, auch dem Frauenbild von Buben tun coole, nicht-passive Protagonistinnen in Büchern gut. Das Buch ist deshalb eine Bereicherung für jedes Kinderzimmer, selbst wenn es sich dabei nicht um klassische Gute-Nacht-Geschichten oder „Märchen ohne Prinzen“ handelt, sondern vielmehr um Kurzbiografien von interessanten historischen Frauenfiguren, gespickt mit witzigen oder bemerkenswerten Anekdoten. Diese eignen sich nicht unbedingt zum locker-flockigen (Vor-)Lesen vorm Zubettgehen, es ist einiges an Vorwissen nötig, oder es muss viel nachbesprochen werden, gerade bei Themen wie Sklaverei (am Beispiel der Asante „Nanny of the Maroons“, die in Jamaica sich selbst und viele andere Sklav_innen befreite), Holocaust (am Beispiel der Polin Irina Sendlerowa, die 2500 jüdische Kinder vor den Nazis rettete) und dem Genozid an den Ersteinwohner_innen Amerikas (am Beispiel von Lozen, einer Apachenkriegerin, die von den Kolonialisierer_innen verbannt wurde). Die Autorinnen empfehlen die amerikanische Originalausgabe zum Vorlesen ab vier und zum Selberlesen ab acht Jahren, doch dazu werden zu viele komplexe Themen sehr verkürzt angerissen und auch nicht kindgerecht aufbereitet. Die deutsche Übersetzung wird vom Verlag hingegen erst ab zwölf Jahren empfohlen. Für diese Altersstufe könnten die Biografien allerdings ausführlicher und inhaltlich anspruchsvoller sein.
Die Auswahl der Frauen aus sämtlichen Epochen und aus allen Kontinenten ist im Hinblick auf Diversität indes hervorragend geglückt. Einen gemeinsamen progressiven Background gibt es allerdings nicht. So muss zum Beispiel Margaret Thatcher als Role Model herhalten – immerhin ein guter Anlass, um mal mit der Sechsjährigen casually über den Thatcherismus und seine Folgen (für Frauen) zu diskutieren.
Wirklich gelungen sind die Illustrationen. Jede porträtierte Frau wurde von einer anderen Künstlerin illustriert, manche klar und reduziert, manche verspielt und detailreich.

Coole Berufe. Als Mutter halte ich das Buch definitiv für einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Generation Kinderbuchprotagonistinnen. Das noch wichtigere Urteil ist aber wohl das meiner Tochter. Hier ist es:
„In dem Buch geht es um verschiedene Frauen, die coole Berufe hatten oder Sachen machten. Auf einer Seite sieht man immer eine gezeichnete Frau und auf der anderen Seite ist Schrift, Schrift, Schrift. Manche Zeichnungen sind voll schön, manche aber sehr hässlich gezeichnet. Ich will die Geschichte dann aber trotzdem hören, auch wenn mir die Zeichnung nicht gefällt. In dem Buch sind nur Frauen drinnen, weil die meisten Bücher über Männer sind. Deswegen muss es ein spezielles Buch über Frauen geben. Besonders toll finde ich die Geschichte über die Computerforscherin Ada Lovelace, weil ich Computer interessant finde. Außerdem ist sie sehr schön gezeichnet. Am liebsten lese ich die Geschichten über die Königinnen und Pharaoninnen. Eine Kaiserin hat ihren Mann weggeschickt, weil nur sie Kaiserin sein wollte.“

 

Rosa Heher kommt im September in die Schule und will später Weltraumforscherin, Tierärztin, Model und Verkäuferin werden.

 

Francesca Cavallo, Elena Favilli: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen
Hanser 2017, 24,70 Euro
Erscheint am 25.9.2017

 

 

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Women of Venice https://ansch.4lima.de/women-of-venice/ https://ansch.4lima.de/women-of-venice/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:17:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8891 Maria Lai © Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di VeneziaViele Frauen*, aber keine feministische Biennale. Von LEA SUSEMICHEL]]> Maria Lai © Italo Rondinella, Courtesy: La Biennale di Venezia

Die Biennale in Venedig hat diesmal eine künstlerische Leiterin und mit über dreißig Prozent teilnehmenden Künstlerinnen auch eine ungewöhnlich hohe Frauenquote. Doch das macht sie leider nicht zu einer feministischen Schau. Von LEA SUSEMICHEL

 

Angesichts der Vorgeschichte drängt sich die Assoziation auf: Wie ein phallischer Großes-Auto-kleiner-Junge-Traum ragt Erwin Wurms kopfstehender und begehbarer LKW vor dem Österreichpavillon in die Höhe. „Stillstehen und über das Mittelmeer schauen“, lautet die Handlungsanweisung oben auf dem Lastwagen. Allerdings kann man das Meer gar nicht sehen, denn der LKW-Turm ist um das entscheidende Stückchen kleiner als geplant geraten.
Der Publikumsliebling Wurm hat damit nicht nur außen den Pavillon völlig in Beschlag genommen, sondern auch den gesamten Innenraum für sich und seine populäre One-Minute-Mitmachkunst alleine beansprucht – und Brigitte Kowanz mit ihren Lichtskulpturen in einen Anbau verdrängt.
„Infinity and beyond“ nennt die österreichische Künstlerin, die sich mit Kritik an Wurm bedeckt hält, ihre elegante Arbeit, die in dem zugebauten und auf sie zugeschnittenen White Cube nun immerhin optimal zur Geltung kommt. Mit den für sie charakteristischen leuchtenden, gespiegelten Schriftschnörkeln hält Kowanz wichtige Zeitpunkte der Digitalisierung in Morsecode fest, etwa den Startschuss von Internet, Google und Wikipedia. Licht dient ihr dabei sowohl als immaterieller Informationsträger wie auch als Raumbildner.

Dickes Kuchenstück. Doch anders als im österreichischen Pavillon steht die Arbeit von Künstlerinnen diesmal sogar oft im Vordergrund – dieses große Kompliment muss man der 57. Biennale machen. In den Länderpavillons etwa bei der Maori Lisa Reihana, die sich mit einer eindrucksvollen Panoramafilm-Installation der Kolonisierung Neuseelands widmet. Viel Raum und ein fettes Stück vom umkämpften Kuchen der knallharten Aufmerksamkeitsökonomien des Kunstbereichs beanspruchen auch Phyllida Barlow (Großbritannien) mit ihren gigantischen Pappmaché-Gebilden oder Tracey Moffatt (Australien) mit ihren poetisch inszenierten Monumentalfotografien für sich. Ebenso wie Candice Breitz (Südafrika), die in ihrem berührenden Beitrag Alec Baldwin und Juliane Moore reale Fluchtgeschichten vortragen lässt. Sowie natürlich Anne Imhof mit ihrer gefeierten Faust-Performance im von Dobermännern bewachten deutschen Pavillon, die auch mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet wurde.
Mitunter haben diese Beiträge sogar eine eindeutig feministische Intention, insbesondere jener der 91-jährigen Geta Brătescu (Rumänien), deren vielgestaltige konzeptuelle Kunst sich immer wieder mit weiblicher Identität beschäftigt und so einen „Exorzismus des eigenen Bildes“ betreiben will.
Auch im Schweizer Pavillon wird mit „Women of Venice“ am Beispiel der vergessenen amerikanischen Künstlerin Flora Mayo, die gemeinsam mit ihrem Geliebten Alberto Giacometti studierte und arbeitete, dann aber in der Bedeutungslosigkeit verschwand, exemplarisch das Schicksal vieler kunstschaffender Frauen illustriert.

Reine Kunst. Besonders hoch ist der Anteil der Arbeiten von Frauen im vom Christine Macel kuratierten Teil der Biennale, und auch hier finden sich einige feministische Positionen, wie etwa jene von Senga Nengudi, die mit Nylonstrumpfhosen das Dickicht unflexibler Geschlechterrollen veranschaulicht. Macel, die Chefkuratorin des Centre Pompidou in Paris, ist erst die vierte Frau in der 122-jährigen Geschichte dieser so prestigeträchtigen Ausstellung. Sie hat als künstlerische Leiterin nicht nur mit einem Frauenanteil von dreißig Prozent ein deutliches Statement gesetzt. Auch die diesjährige Vergabe des Goldenen Löwen für das Lebenswerk an die feministische Kunstikone Carolee Schneemann verdankt sich dem Vorschlag von Macel.
Doch als politische Positionierung will Christine Macel ihre Schau nicht verstanden wissen – im Gegenteil. Zu theorielastig sei der Kunstdiskurs geworden und viel zu politisiert die Kunst, betont die Kuratorin (die „nicht in die Schublade ‚weiblicher Kurator’ gesteckt werden“, sondern einfach „Kurator“ genannt werden will) in Interviews ein ums andere Mal. Ihr diesjähriges Biennale-Motto „Viva Arte Viva” soll deshalb nur die reine Kunst und die Kunstschaffenden in ihrem individuellen und originär künstlerischen Ausdruck leidenschaftlich feiern.

Abwegig und antiquiert. Diese Entpolitisierung wirkt nicht nur angesichts gegenwärtiger weltpolitischer Katastrophen, die sich nirgendwo einfach ausblenden lassen, buchstäblich unzeitgemäß. Denn die proklamierte Abkehr von bloßer „Tagespolitik“ scheint zu einer Ausblendung vieler zeitgenössischer künstlerischer Auseinandersetzungen mit Gegenwartsfragen zu führen. Wodurch die in Kapitel wie „Gemeinschaft, Erde, Traditionen, Schamanen …“ unterteilte Hauptausstellung immer wieder ziemlich abwegig und antiquiert wirkt. Denn trotz der Abwendung von allzu offensichtlich politischer Kunst soll die Schau sich durchaus den großen Fragen widmen und dabei mit künstlerischen Mitteln auch gesellschaftliche Utopien entwerfen. Allerdings erschöpft sich dies nicht selten in ins Esoterisch-Spirituelle driftenden Arbeiten wie z. B. „Planetary Dances“ (Anna Halprin), die mitunter nur knapp am Ethnokitsch vorbeischrammen. Dass in der Schau nicht nur der Frauen-, sondern auch der Anteil nicht-weißer und nicht-westlicher Kunst vergleichsweise hoch ist, wird leider immer wieder mit dem Preis der Folklorisierung erkauft. So scheint etwa die „Zurück zur Natur“-Euphorie des „Earth-Kapitels“, in dem sich eine riesige archaisch wirkende Schildkröten-Skulptur (Erika Verzutti) findet, deutlich auch in andere Bereiche überzuschwappen. In ihnen werden dann mit Zelt und Trommeln ein heiliger Ort (Ernesto Neto und the Huni Kuin) errichtet oder iPhone und MacBook mit Steinwerkzeugen kontrastiert.
Auch dort, wo es explizit um eine Auseinandersetzung mit dem vergeschlechtlichten Körper geht, wirkt die Schau wie aus der Zeit gefallen, denn queere, dekonstruktivistische Positionen fehlen.

Revolutionär. Erfreulicherweise dominieren in der Ausstellung neben Naturmaterialien auch traditionelle Kunsttechniken wie Tapisserie, Gestricktes, Gehäkeltes und Genähtes. Und die sinnliche Sogkraft von Arbeiten wie Lee Mingweis „Mending Project“, einer Installation aus Garnrollen und weit durch den Raum gespannten Fäden, ist groß. Auch Takesada Matsutanis Wollknäuel, Leonor Antunes filigrane Vorhänge, Cynthia Gutiérrez’ Teppiche oder die gestickten Schriftbilder von Maria Lai funktionieren alle allein auf rein formal-ästhetischer Ebene. Dennoch ist es ein entscheidendes Manko, dass trotz der Fülle an entsprechenden Arbeiten nicht zum Thema gemacht wird, welch wichtige explizit feministische – und damit politische – Strategie es ist, auf im männlichen Kunstbusiness lange naserümpfend als bloßes Kunsthandwerk abgetane Techniken wie eben z. B. Stricken und Sticken zurückzugreifen. Denn angesichts der anhaltenden Abwertung solcher „Frauenkunst“ war und ist das geradezu ein revolutionärer Akt.
„Kunst zu machen allein ist ein revolutionärer Akt“, behauptet hingegen die Kuratorin Christine Macel. Es muss ihr widersprochen werden, zur Revolution braucht es mehr – und wohl nicht zuletzt auch ein wenig politischen Kampfgeist. Als „Widerstand“ definiert denn auch die Künstlerin Anne Imhof diesen Revolutionsgeist. Denn er sei „das Wichtigste genau jetzt in der Welt“.

 

 

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„… manchmal auch ein großes Glück.“ https://ansch.4lima.de/manchmal-auch-ein-grosses-glueck/ https://ansch.4lima.de/manchmal-auch-ein-grosses-glueck/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:06:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8889 Foto: privatLANN HORNSCHEIDT über Gewalt in der Sprache. Von ULLI KOCH]]> Foto: privat

Sprache ist Handlung – so lässt sich ein feministisches Verständnis von Sprache auf den Punkt bringen. Was sprachhandeln ist und wie sich Gewalt in Sprache abbildet, hat LANN HORNSCHEIDT im Gespräch mit ULLI KOCH erläutert.

 

an.schläge: Was fasziniert dich an Sprache?

Lann Hornscheidt: Sprache hat für mich ein großes Begehren nach Anwesenheit, danach mich ausdrücken zu können, mich wiederzufinden – aber gleichzeitig wird das nicht erfüllt. Ich hadere damit, wie unglaublich tiefgreifend Gewalt in Sprache, Sprachformen und Sprachregeln eingeschrieben ist. Seit meiner Jugend begleitet mich ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, das damit endet: „Wie soll ich mich nur nennen | ohne in andrer Sprache zu sein.“ (Wie soll ich mich nennen? 1952, Anm.) Ich suche nach etwas und ich glaube, es müsste Sprache sein, und gleichzeitig ist es Sprache nicht. Das hat dazu geführt, dass ich angefangen habe, meine eigenen Sprachformen zu finden, viel mit Unterstrichen zu arbeiten und mir so Wörter neu zugänglich zu machen.

Hast du dafür ein Beispiel?

EntTäuschung ist ein Beispiel. Eigentlich ist es doch gut, wenn wir nicht mehr getäuscht werden. In Liebesbeziehungen wollen wir zum Beispiel nicht enttäuscht werden, aber ist es nicht besser ent-täuscht zu werden, also keine Täuschung zu erfahren und genau zu wissen, wie etwas ist? Mich interessiert, wie viele Schichten von Bedeutungen in der Sprache vorhanden sind und wie viel ich damit transportiere. Sprache ist für mich eine große Faszination, ein großes Begehren, ein großes Suchen und manchmal auch ein großes Glück, vor allem in Gedichten.

Welche Macht hat Sprache?

Sprache hat sehr große Macht darüber, unsere Wahrnehmungen zu beeinflussen, wenn nicht sogar zu prägen oder vorzugeben. Wenn es zum Beispiel Wortformen wie Frau* und Mann* nicht gäbe, dann könnten wir uns Geschlecht nicht vorstellen. Sprachformen gehen mit unseren sozialen Wahrnehmungen und Konzeptionalisierungen der Welt einher. Besonders Bewertungen passieren in einer Form, die wir nicht mehr als Bewertung wahrnehmen. Es kommt uns so „natürlich“ vor, dass eine Person „natürlich“ eine behinderte Person ist oder „natürlich“ eine Of-Color-Person ist – ich nenne zwei diskriminierte Positionen, weil das, was privilegiert ist, wird in der Regel nicht benannt, z. B. wenn es sich um weiße Personen handelt. Sprache hat die Macht, unsere Aufmerksamkeit zu lenken und Passivkonstruktionen herzustellen. Damit wird nicht benannt, was eine Person aktiv getan hat, das heißt ihre Handlungen oder Nicht-Handlungen bleiben unsichtbar.

Hast du auch dafür ein Beispiel?

Warum heißt es: „Sie musste aus Deutschland fliehen, weil sie Jüdin war.“? Warum heißt es nicht: „Sie musste aus Deutschland fliehen, weil Deutschland antisemitisch war.“? Ein weiteres Beispiel: „Charlotte Salomon (deutsche Malerin, Anm.) wurde denunziert und anschließend in Auschwitz ermordet.“ Wie würde sich dieser Satz verändern, wenn wir sagen: „Charlotte Salomon wurde von der Nachbarin Ida Scher denunziert. Auch ihr Mann, Hubert Scher, wusste Bescheid, was seine Frau vorhatte, und hat dazu geschwiegen. Die Nachbarin Elisabeth Müller hat weggesehen, als zwei SS-Männer, Herbert Stramm und Gerhard Horsam, in das Haus stürmten. Salomon wurde mit dem Transport, der von Robert Helfer gefahren wurde, nach Auschwitz gebracht usw.“ Eine solche – hier fiktiv geschaffene – Konkretisierung von Tät_erinnenschaft würde unsere historische Wahrnehmung verändern, und damit auch den Blick auf uns selber. Das zeigt, wie sprachliche Handlungen funktionieren – also wie ich über Sprache Welt herstelle.

Dieses präzise Benennen und Sprechen ist demnach eine Form, um Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für die Person, die ich beschreibe. Und auch, um die Verantwortung von Menschen sichtbar zu machen.

Es geht nicht nur darum, dass Individuen verantwortlich sind. Es ist eine Struktur, innerhalb derer Individuen gehandelt haben. Wir können die Strukturen re_produzieren, indem wir die Handlung wiederholen, so als könnten wir nichts ändern. Oder wir fangen an, selbst nachzudenken und Regeln nicht einfach zu folgen, auch Sprachregeln nicht. Und ja, das fühlt sich anstrengend und herausfordernd an, weil das immer auf Gegenwehr stößt. Diese Abwehr ist aber auch ein gutes Zeichen, denn das zeigt, dass du auf dem richtigen Weg bist, dass es sich hierbei um soziale Veränderungen handelt, ansonsten würde es Menschen nicht irritieren oder herausfordern, was du machst.

Diese Abwehr und Gegenwehr macht sichtbar, dass der Konstruktionsprozess, zum Beispiel von Zweigeschlechtlichkeit, in einer gewissen Form dann doch bewusst ist.

Etwas muss ja in mir resonieren, sonst würde ich nicht re_agieren. Diese Resonanz zeigt sich in einer Verunsicherung, als Bedrohung, die Weltvorstellungen komplett infrage stellt. Inzwischen haben sich Menschen daran gewöhnt, dass Weiblichkeit* und Männlichkeit* flexible Normen sind, mit einem Spektrum an Agierens- und Realisierungsmöglichkeiten. Trotzdem gibt es innerhalb der Gesellschaft Rahmen, wie Zweigenderung oder Nationalismus, die derzeit nicht hinterfragbar scheinen, da sie zu große Verunsicherungen auslösen.

Wie schreiben sich Gewalt und Unterdrückungsmechanismen in Sprache ein?

Bei sprachlichen Handlungen sind es die Formen, die wir benutzen, wenn wir zu oder über Personen reden. Welche Pronomen benutzen wir, welche Ansprache, Metaphern und Bilder. Wir benutzen oft Worte, die Menschen verrücken und damit ent_normalisieren – zum Beispiel „wahnsinnig“ als Steigerungsform. Das sind Worte, die wir benutzen, um zu sagen: Etwas ist außerhalb der Norm. Das sagt eigentlich nur aus, wie unrefl ektiert die deutschsprachige Gesellschaft gegenüber unterschiedlichen psychologischen Verfasstheiten ist. Es zeigt sich auch in dem, was wir nicht benennen – ich nenne dies „entnennen“, wenn es die privilegierte Position ist, und „ent_erwähnen“, wenn es sich um die diskriminierte Position handelt. Mein Sprachkonzept umfasst nicht nur das, was wir sagen, sondern auch, was wir nicht sagen. Das versuche ich mit der ent-Form sichtbar zu machen und aktiver zu sagen.
Ein weiterer Punkt ist, wie wir miteinander kommunizieren: Wie benenne ich mich und dich, welche Zuschreibungen mache ich, benenne ich Personen auf eine symmetrische Weise, welche Bewertungen sind implizit vorhanden, wie respektvoll gehe ich mit anderen um, welchen Raum gebe ich unterschiedlich positionierten Stimmen. In allem, was ich sprachlich mache oder nicht mache, habe ich die Möglichkeit, diskriminierungskritisch zu handeln. Ich kann die ganze Zeit handeln, indem ich nicht schweige, nicht wegsehe und demnach einschreite, artikuliere, dass ich etwas nicht okay finde. Sprache, Sprachhandlungen sind omnipräsent, das heißt ich habe die ganze Zeit die Möglichkeit zu handeln, politisch diskriminierungskritisch aktiv zu sein – wie wunderbar!

 

Lann Hornscheidt hatte bis 2016 eine Professur in Gender Studies und Sprachanalyse am ZtG, Humboldt-Universität zu Berlin inne, arbeitet bei „xart splitta e.V.“ und ist aktiv am Verlag „w_orten und meer“ beteiligt.

 

Ulli Koch denkt viel über Sprache und ihr Sprachhandeln nach, noch mehr nach diesem Gespräch.

 

 

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an.sage: Kein realpolitisches Programm https://ansch.4lima.de/an-sage-kein-realpolitisches-programm/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kein-realpolitisches-programm/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:06:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8905 Geschlechterforschung in der Kritik. Von LEONIE KAPFER]]>

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

 

Einen „Sargnagel des Feminismus“ nannte der Geschlechterforscher Vojin Saša Vukadinović die Gender Studies. Geschlechterforschung sei, so Vukadinović in der Juli/August-Ausgabe der Zeitschrift „Emma“, an den Fragestellungen der Frauenemanzipation desinteressiert. Stattdessen würden die Gender Studies willkürlich „Sprechverbote“ erteilen. Das „Emma“-Pamphlet schließt an die heftige Kontroverse um den im Frühjahr erschienenen Sammelband „Beißreflexe“ von Patsy l‘Amour LaLove an, in dem Vukadinović Text ebenfalls erschienen war. Das Buch klagt autoritäre Tendenzen in der feministischen Szene an und dient nun Alice Schwarzer als neue Munition für ihre Kritik an der queerfeministischen Szene, was derzeit zu heftigen innerfeministischen Auseinandersetzungen führt. Doch leider finden diese bisweilen wenig sachlich statt. Zunächst stellt sich bezüglich der pauschalen Kritik an den Gender Studies die Frage, ob es tatsächlich möglich ist, die Gender Studies als monolithisches Gebilde zu betrachten. Gibt es wirklich die Gender Studies? Zum anderem muss gefragt werden, inwieweit es sinnvoll ist, die Geschlechterforschung auf ihren Beitrag zum politischen Feminismus einschränken zu wollen. In einer Antwort auf Vukadinovićs Artikel im „Missy Magazine“ zweifelt auch die Soziologin und Gender-Wissenschaftlerin Paula-Irene Villa, ob es der wissenschaftlichen Erkenntnis dienlich sein kann, wenn die Geschlechterforschung als „akademischer Arm eines politischen Emanzipationsprojektes“ betrachtet wird. Was vor allem einige KritikerInnen der Gender Studies nicht wahrhaben wollen, ist die Tatsache, dass die Genderforschung nicht immer zwingend ein realpolitisches Programm hat. Natürlich geschieht Forschung nie in einem Vakuum, gesellschaftspolitische Strömungen und persönliche Positionierungen sind für nahezu alle Geistes- und Sozialwissenschaften von großer Relevanz. Und natürlich geben sich politischer Feminismus und Geschlechterforschung wechselseitig wichtige Impulse. Das ist gut so.

 

Leonie Karpfer

 

Das heißt aber nicht, dass Wissenschaft im Dienste politischer Forderungen handeln darf. In ihrer Antwort in der „Zeit“ fragen sich Judith Butler und Sabine Hark daher zu Recht, ob nicht eine „Form von Trumpism“ in die Debatte um die Gender Studies Einzug gehalten hat. Wissenschaft wird instrumentalisiert, Fakten nur anerkannt, wenn sie zum eigenen Weltbild passen. Ob dabei die eigene Meinung reduzierend oder uninformiert ist und im schlimmsten Fall Schaden anrichten kann, ist dem grassierenden Anti-Intellektualismus egal. Einfache Antworten sollen Komplexität ersetzen und es wird ignoriert, dass Wissenschaft kompliziert und mitunter ambivalent ist. In der Politik ist dieses Phänomen schon seit Längerem zu beobachten, die Wissenschaft versucht meist noch dagegenzuhalten. Dabei ist Wissenschaft natürlich nicht frei von Fehlern. Irrwege gehören zum wissenschaftlichen Denken, sie sind teilweise sogar produktiv und treten konstruktive Diskurse los. Im Fall des „Emma“-Artikels trifft dies jedoch nicht zu, vielmehr trägt er zu einer Verunglimpfung einer ganzen wissenschaftlichen Disziplin bei. Wenn Vukadinović schreibt, dass ein Studium der Gender Studies Menschen „dümmer“ mache, kann man sich fragen, ob dümmer denn komplizierter, eckiger und unangenehmer impliziert. Denn das ist es, was wir an den Gender Studies schätzen: das ungemütliche Hinterfragen von Normativem.

 

 

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Die Welt mit anderen teilen https://ansch.4lima.de/die-welt-mit-anderen-teilen/ https://ansch.4lima.de/die-welt-mit-anderen-teilen/#respond Thu, 31 Aug 2017 07:52:14 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8886 Foto: privatInterview: CHRISTINA THÜRMER-ROHR über Mittäterinnen. Von LEA SUSEMICHEL]]> Foto: privat

CHRISTINA THÜRMER-ROHR ist durch ihre These von der Mittäterschaft von Frauen in die feministische Geschichtsschreibung eingegangen. LEA SUSEMICHEL hat sie gefragt, warum Frauen* keine besseren Menschen sind.

 

an.schläge: Sie haben Anfang der 1980er in der feministischen Szene mit Ihrer These für Empörung gesorgt, dass Frauen keineswegs immer Opfer seien, sondern dass sie auch Täterinnen und Mittäterinnen waren und sind. Nicht nur im Nationalsozialismus, sondern mitunter auch als Komplizinnen im patriarchalen System. Inwiefern?

Christina Thürmer-Rohr: Es ging mir darum, die Funktionsweisen des patriarchalen Systems zu verstehen. Der Begriff „Mit-Täterschaft“ spielt an auf das „Mit“, d. h. auf eine historische Koalition von Frauen und Männern bei der Aufrechterhaltung der Geschlechterhierarchien. Das patriarchale System besteht ja nicht einfach aus einer „Männerwelt“, in der die Frauen ein separates Dasein zeitigen, sondern ist angewiesen auf das Mitmachen von Frauen, auf die „Frau an seiner Seite“. Ohne diese Verwobenheiten, die direkte oder indirekte Unterstützung oder Billigung männlicher Vorhaben durch die zugehörigen Frauen, ist die Geschlechtergeschichte nicht zu begreifen. Das ist ja eine ganz banale Tatsache, ein einfacher Gedanke, den übrigens andere auch schon hatten, z. B. Hedwig Dohm, Martha Mamozai, auch Mary Daly, bevor sie in die Esoterik abdriftete.

Und warum war das damals so skandalös?

Die These von der „Mittäterschaft“ ist keine persönliche Attacke gegen Frauen, sondern ein Beitrag zur feministischen Theorie und Gesellschaftsanalyse. Der Ansatz war anfangs zwar eine Provokation, hat aber grundlegende Veränderungen der feministischen Debatten und des Selbstverständnisses vieler Frauen ausgelöst. Und keineswegs alle fanden den Ansatz skandalös.
Einwände gab es von zwei Seiten: zum einen von denen, die Frauen gern als rein, gut und als immerwährende Opfer ansehen wollten und die These für unfeministisch hielten, für eine Verletzung ihrer „Identität“. Zum anderen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen, die in dem Begriff „Mittäterschaft“ eine Bagatellisierung der Beteiligung weißer Frauen an kolonialistischer und rassischer Unterdrückung ansahen. Sie bestanden darauf, Frauen der westlichen und weißen Welt nicht als Mit-Täterinnen, sondern als selbst- und vollverantwortliche Täterinnen in der Dominanzkultur zu benennen, als eigenständig Handelnde in einer ungerechten und rassistisch grundierten Welt-Gesellschaft. Dieser Einwand ist sehr ernst zu nehmen. Wir kommen aber in der Debatte nicht weiter, wenn es immer wieder um ein Entweder-Oder geht: Welche Unterdrückungsform hat Vorrang, das Patriarchat oder der Rassismus? Der Ansatz der Intersektionalität versucht, diesem Dilemma zu entgehen.

Ganz verschwunden ist der Glaube daran, dass Frauen die besseren Menschen sind, bis heute nicht – vor allem unter Feministinnen. Woran liegt das?

Das kann ich nicht beantworten. Da müssten Sie sie selber fragen. Ich halte das für eine ziemlich kindliche und egozentrische Wunschvorstellung. Frauen sind nicht die besseren Menschen, sondern haben eine andere Geschichte. Das heißt aber nicht, dass sie deswegen qua Geschlecht eine andere Spezies sind. Es geht ja nicht um die eigene saubere Weste, sondern um eine Realität, die in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass Frauen nicht in eine einheitliche Kategorie gepresst werden können, sondern im ganzen Spektrum von rechts bis links, fremdenfeindlich bis kosmopolitisch, angepasst bis eigenständig, feige bis mutig zu finden sind.

Sie sind selbst die Tochter eines Nationalsozialisten, inwiefern hat das Ihre Theoriebildung zum Thema Mittäterschaft und Täterschaft geprägt?

Ich habe meinen Vater nicht gekannt. Er ist im Krieg gestorben, als ich noch ein Kleinkind war. Er war Mitglied der NSDAP und zugleich Mitglied der Bekennenden Kirche (Oppositionsbewegung evangelischer Christ_innen, Anm. d. Red.). Ich habe keine Erinnerungen an ihn. Aber selbstverständlich war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der Kriegs- und Nachkriegserfahrung eine grundlegende Erfahrung. Sie konfrontierte nicht nur mit dem „Faschismus als reinem Männersystem“, wie die Frauen-Geschichtsschreibung in den Siebzigerjahren es gern wollte, die deutsche Frauen pauschal als Überlebensarbeiterinnen, Trümmerfrauen und Geschädigte darstellte. Sondern der Nationalsozialismus konfrontierte auch mit der Tatsache, dass Frauen an der „Heimatfront“, als sogenannte Kulturträgerinnen im Rahmen der Familien, aber auch an dominanten Orten des Systems eine stabilisierende Rolle gespielt haben. Auch wenn sie meist arbeitsteilig und aus marginaler Position agierten, war ihre Unterstützung für das Gesamtsystem wesentlich und unentbehrlich. Das ist doch heute Allgemeingut. Jeder und jede kann sehen, dass rechtsradikale, völkische, nationalistische, rassistische Entwicklungen nicht nur von Männern vorangetrieben werden und dass Frauen in verschiedenen europäischen Ländern dabei eine unterstützende und sogar führende Rolle spielen.

Der Film „Ein deutsches Leben“ porträtiert Goebbels Sekretärin Brunhilde Pomsel. Ist ihr Fall exemplarisch?

Frauen in führenden oder dienenden Positionen im Nationalsozialismus rechtfertigten sich meist mit dem Argument, sie seien völlig unpolitisch gewesen, hätten nur ihre Pflicht getan und von den Verbrechen nichts gewusst. Es ist eine ähnliche Verteidigungshaltung wie die der männlichen Groß- und Kleintäter. Immer geht es darum, sich selbst reinzuwaschen und Zusammenhänge auszublenden.

Sie plädieren angesichts der Differenzen zwischen Frauen für Freundschaft statt Schwesternschaft. Wodurch unterscheiden sich die beiden Konzepte?

Die Wörter „Schwester“ und „Schwesterlichkeit“ basieren auf dem Familienmodell, einer biologischen Verwandtschaftsmetapher. Es ist das Bild der Gleichheit im Sinne des Gleichseins – wir gehören zusammen, „wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt“. Auch wenn Familien sich zerstreiten, bleiben sie doch Familien. Demgegenüber beruht das Freundschaftsmodell auf der Andersheit: Freundschaften sind selbst gewählte Verbindungen zwischen Verschiedenen, und wenn sie zusammenbleiben wollen, müssen sie die Andersartigkeit – von Herkünften, Erfahrungen, Prägungen etc. – anerkennen und eine Verständigung suchen, die sich nicht von allein ergibt. Deswegen ist Freundschaft das Modell für eine Pluralität, die Grundlage des Politischen ist.

Sie waren stets eine scharfe Kritikerin einer Psychologie, die „das Wort Gesellschaft nicht kennt“. Eine Therapie, die sich nur dem Mikrokosmos der Psyche widmet, dem „insulären Ich“ und seinen individuellen Problemen, wäre ohne Gesellschaftskritik wenig zielführend.

Ich habe mich gegen eine Psychologie gewandt, die bis zu den Sechzigerjahren nicht von gesellschaftlichen Bedingungen sprach. Man untersuchte den „Aufbau der Person“ und diagnostizierte Individuen wie singuläre Einheiten. Deswegen habe ich mich von der Psychologie entfernt und mich der Stadtplanung und dann dem Feminismus zugewandt.

Sie haben sich bereits Anfang der 1970er von der in Ihren Augen zunehmend autoritärer werdenden linken 68er-Bewegung abgewendet. Sie beklagten das „gewaltförmige Denken“, das keine Fragen und Zweifel mehr zuließ. Gegenwärtig gibt es in der queerfeministischen Szene heftige Debatten, auch jetzt ist von Dogmatismus und „Sprechverboten“ die Rede …

Die Universität war in den Siebzigerjahren – besonders in Westberlin – ein Agitationsort der kommunistischen Kader. Die Einflussversuche waren hochgradig diktatorisch und „Dialog“ war ein Schimpfwort. Gearbeitet wurde mit Einschüchterungen, Denkverboten, Drohungen, Nötigungen, Worten als Waffe. Es war eine ideologische Gewalt, die nicht zu eigenem Denken führen kann, höchstens zu Imitation und Kopie, zur Unterwerfung unter halbverstandene Wahrheiten. Für mich waren diese Erfahrungen der Anlass, mich der Frauenbewegung anzuschließen.

Sie arbeiten in der Tradition Hannah Arendts zum dialogischen Denken, das sich selbst immer wieder hinterfragt und herausfordert. Was zeichnet dieses Konzept aus? Und wie ist es für politischen Aktivismus fruchtbar zu machen?

Dialogisches Denken und Handeln folgt aus dem politischen Prinzip der Pluralität, das unsere Existenzbedingung und das zugleich zerstörbar ist. Es geht um ein politisches Denken, das die verschiedenen Menschen einbezieht, auch die, die wir uns nicht ausgesucht haben. Das zu beherzigen heißt, die Welt mit anderen zu teilen.

 

Christina Thürmer-Rohr, die vergangenes Jahr ihren achtzigsten Geburtstag feierte, ist eine Pionierin der Frauen- und Geschlechterforschung und eine der einflussreichsten feministischen Theoretikerinnen Deutschlands. Die Sozialwissenschaftlerin und Musikerin gründete 1976 den ersten Studienschwerpunkt Frauenforschung an der TU Berlin.

 

 

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Feministische Revolution statt Burn-Out-Prävention https://ansch.4lima.de/feministische-revolution-statt-burn-out-praevention/ https://ansch.4lima.de/feministische-revolution-statt-burn-out-praevention/#comments Thu, 31 Aug 2017 06:55:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8878 Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.comDas strukturelle Problem bekämpfen. Von PEET THESING]]> Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com

Feminismus braucht Psychiatriekritik. Dringend. Dabei gibt es drei wichtige Elemente: Institutionskritik, Diagnosenkritik und eine umfassende Kritik an Psychologisierung. Von PEET THESING

 

Die Kritik an der Institution Psychiatrie ähnelt kritischen Auseinandersetzungen mit Gefängnis: Sie richtet sich gegen geschlossene Stationen, Aushebelung von Grundrechten, die Verletzung des Körpers und den Versuch, das Innere zu disziplinieren und zu verändern. Es geht ihr um den Kampf um die Einhaltung zumindest der vorhandenen Rechte, die oft gebrochen werden. Auch dieser Einsatz gegen Zwangsbehandlungen und -maßnahmen fällt unter die Forderung „My body, my choice“, gerade weil Menschen in der Psychiatrie so oft Willen und Willkür von Psychiater_innen ausgeliefert werden.

Grenzen und Macht. Außerdem müssen psychiatrische Diagnosen als eine Grenzziehung zwischen gesund und krank infrage gestellt werden. Feministische Psychiatriekritik muss immer wieder kritisch nachfragen, warum ein bestimmtes Verhalten, Denken, Fühlen und Wahrnehmen als krank gilt, wie diese Grenzen historisch gezogen wurden und was das mit Herrschaftsverhältnissen zu tun hat. Diagnostik hat viel mit Geschlecht zu tun. Männern werden eher „Störungen des Sozialverhaltens“ gegeben, Frauen eher Störungen der Emotionen zugeschrieben, wie „Angststörung“ und „Depressionen“. Menschen, deren Geschlecht nicht in die normative Zweigeschlechterordnung passt, werden pathologisiert, zum Beispiel mit Diagnosen wie „Gender Dysphoria“. Auch die Pathologisierung von trans* Personen lässt sich nicht von anderen psychiatrischen Diagnosen trennen – denn alle setzen eine Norm voraus, was in dieser Welt eine „gesunde“ Psyche, Geschlechtsidentität, Lebensweise ist. Abweichungen werden sanktioniert, anstatt sie zu zelebrieren und eigene Denk-, Verhaltens- und Empfindungshorizonte zu erweitern.

 

Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com
Illustration: Ruby Elliot

 

Das strukturelle Problem bekämpfen. Feministische Psychiatriekritik bedeutet auch, grundlegende gesellschaftliche Kritik zu üben. Ganz vieles wird inzwischen als Angelegenheit innerer Motivationen behandelt und nicht als Resultat von Machtstrukturen. Probleme werden im Innersten, in der Psyche, gesucht, und es wird versucht, sie dort zu lösen, statt die eigentlichen Ursachen zu beseitigen. So gibt es z. B. den Stressresilienzkurs, der von der Krankenkasse bezuschusst wird, damit eine_r auf der Arbeit nicht zusammenbricht. Gewerkschaftliches Engagement und damit eine Veränderung der Arbeitsbedingungen hingegen wird als Lösung auch für individuelles Leiden nicht in Betracht gezogen. Das ist in jedem Einzelfall sicherlich verständlich, in der politischen Konsequenz jedoch sorgt es für mehr Vereinzelung. Gerade Feminismus braucht dringend weniger Vereinzelung und wieder mehr Verständnis dafür, wie solidarisches Handeln funktioniert.
Das zeigt sich auch am Umgang mit sexualisierter Gewalt. Beratungsstellen professionalisieren sich immer weiter, und die „Trauma-Kompetenz“ steigt. Das Wissen um die gesellschaftliche Bedingtheit von Gewalt gegen Frauen sinkt jedoch. Auch hier gilt wieder: Im Einzelfall ist die Expertise, welche Folgen Gewalt haben kann, hilfreich und wichtig, um erfolgreiche Unterstützungsarbeit zu bieten. Doch am Grundproblem wird dadurch nichts verändert. Stattdessen werden die Solidarisierungserfahrungen von Frauen (und auch Menschen anderer Geschlechter), die (sexualisierte) Gewalt erlebt haben, im Zuge der Psychologisierung immer seltener und damit nimmt auch die Vereinzelung zu. Die Möglichkeit, mit anderen Betroffenen über Gewalt in derselben Normalität sprechen zu können, wie sie auch den Alltag prägt, mit ihnen Wut und Schmerz zu teilen, schwindet, wenn nur mit professionalisierten Expert_innen gesprochen werden soll. Und damit verschwindet auch die Chance auf kollektive Veränderung.
All das sind wesentliche Elemente von feministischer Psychiatriekritik. Denn ein Feminismus, der das Spiel mitspielt, in krank und gesund zu trennen und Kämpfe immer wieder zu individualisieren, hat wenig Potenzial, die Gesellschaft grundlegend zu verändern.
Deshalb: Feministische Revolution statt Burn-Out-Prävention!

 

Peet Thesing ist Kulturwissenschaftlerin, kürzlich erschien ihr Buch über feministische Psychiatriekritik im Unrast Verlag.

 

Peet Thesing: Feministische Psychiatriekritik
Unrast 2017, 7,80 Euro

 

 

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Das Leiden an Geschlechternormen https://ansch.4lima.de/das-leiden-an-geschlechternormen/ https://ansch.4lima.de/das-leiden-an-geschlechternormen/#respond Thu, 31 Aug 2017 06:43:05 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8874 Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.comInterview: BETTINA ZEHETNER über feministische Psychotherapie. Von LEA SUSEMICHEL]]> Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com

Psychische Probleme sind nie nur individuell, sondern immer auch gesellschaftlich bedingt. Feministische Psychotherapie will deshalb nicht fit machen, sondern frei, sagt BETTINA ZEHETNER vom Verein „Frauen* beraten Frauen*“. Interview: LEA SUSEMICHEL

 

an.schläge: Was haben psychische Gesundheit und Feminismus miteinander zu tun? Was genau zeichnet feministische Psychotherapie aus?

Bettina Zehetner: Eine feministische Haltung hinterfragt den Gegensatz von psychischer Gesundheit versus Krankheit: Denn krank machen kann uns die Anpassung an überfordernde Verhältnisse und widersprüchliche Rollenerwartungen. Krankheit als Verweigerung von Anpassung kann dagegen ein Zeichen psychischer Gesundheit sein. Feministische Beratung und Psychotherapie sind zudem kritisch gegenüber der Pathologisierung „störender Verhaltensweisen“ von Frauen*. Anstatt die Person gleich mit einer Diagnose zu etikettieren, fragen wir nach den Entstehungsbedingungen von Leidenszuständen und der Bedeutung von Symptomen. Denn oft ist ein angeblich krankheitswertiges Verhalten eine sinnvolle Reaktion auf krankmachende Verhältnisse, etwa auf Gewalterfahrungen oder Überforderung.
Feministische Psychotherapie lässt sich überdies an der Haltung des Therapeuten/der Therapeutin zum Thema Geschlecht erkennen: Sie ist nicht normierend und beschränkend, sondern emanzipatorisch und offen. Diese Haltung zeigt sich auch in der Reflexion der eigenen Geschlechterrolle und Identität und der Hinterfragung der eigenen (Ideal-)Bilder von Männlichkeit* und Weiblichkeit*. Die Erkenntnis, dass die eigenen Probleme auch gesellschaftlich mitverursacht sind, wirkt sehr entlastend und setzt dem Gefühl von persönlichem Versagen etwas entgegen. Wenn dieses tyrannische Bild individuellen Scheiterns verabschiedet wird und uns unsere geteilte Verletzlichkeit und die grundlegende Angewiesenheit aufeinander bewusst werden, kann solidarisches Handeln entstehen – wie es auch in Gruppen in der Frauen*beratung immer wieder deutlich wird.

Wie äußert sich diese feministische Haltung konkret in der Therapie?

Wichtig ist die Sensibilität für das Thema Gewalt im sozialen Nahraum und ein Fachwissen über geschlechtsspezifische Sozialisation und ökonomische Verhältnisse. Wichtig ist zudem das kritische Bewusstsein für geschlechtsspezifische Bewertungen von Verhalten und Eigenschaften: Was gilt als „unweiblich“ oder „unmännlich“, was gilt als störend oder auffällig, was gilt bei welchem Geschlecht als aggressiv? Die feministische Haltung zeigt sich aber auch in geschlechtergerechter Sprache oder in Fragen wie: „Wer wäscht bei Ihnen zu Hause die Wäsche?“, damit Selbstverständlichkeiten wieder verlernt werden können.

Die Geschlechtsspezifik psychischer Erkrankungen ist ein weites Feld. Lassen sich vielleicht dennoch einige zentrale Aspekte nennen und herausgreifen? Warum sind Frauen* anders psychisch krank als Männer*?

Weil die Lebensbedingungen in einer patriarchalen Gesellschaft für Frauen* und Männer* unterschiedlich sind. Wichtig ist jedoch auch zu betonen, dass geschlechtsspezifische Krankheitsformen durchaus ein kritisches Potenzial haben – denn sie demonstrieren das Leiden an Geschlechternormen. Den Geschlechterstereotypen entsprechend sind Depressionen, Ängste und Essstörungen für Frauen* „legitimer“ als für Männer, die Aggression richtet sich dabei gegen sich selbst und nicht gegen andere.
Doch wir „haben“ oder „sind“ nicht einfach ein Geschlecht, sondern bringen es beständig in der Interaktion miteinander hervor. Mehr Wissen und Bewusstsein darüber, wie wir „Frau*-Sein“ und „Mann*-Sein“ im Alltag produzieren, erweitert unsere Handlungsfreiheit. Wenn ich mir bewusst darüber bin, dass ich „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ herstelle, wird diese Herstellung auch anders denkbar, nämlich selbstbestimmter als bisher. Nicht-geschlechterrollenkonformes Verhalten kann gesundheitsfördernd wirken – für Frauen* ebenso wie für Männer*. Sobald Frauen* und Mädchen* ihren Zorn auf ungerechte Verhältnisse nicht mehr gegen sich selbst richten, entwickeln sie deutlich weniger Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und Essstörungen.
In diesem Sinne halte ich feministische Psychotherapie für sinnvoll auch für Männer*, die ihr Denken und Handeln nicht länger von einschränkenden und krankmachenden Männlichkeitsnormen bestimmen lassen wollen. Die Geschlechterdichotomie in Bewegung zu bringen kann dabei einen Freiheitsgewinn für alle bedeuten: Vielfalt statt Entweder-Oder.

Es gibt eine lange Tradition linker und auch feministischer Psychiatriekritik als Normalisierungsmaschinerie, die gerade ein kleines Revival zu erfahren scheint. Psychotherapie gilt zudem als Komplizin neoliberaler Selbstoptimierung, die nicht das individuelle Wohlergehen, sondern nur die Leistungsfähigkeit des/der Einzelnen im Blick hat. Sie sehen das vermutlich anders?

Psychotherapie ist eine Gratwanderung zwischen Anpassung und Emanzipation. Sie muss sich des Risikos bewusst sein, als Instrument der Krisenentschärfung vereinnahmt zu werden oder als Maschine permanenter Selbstoptimierung, um dem Markt noch besser zu genügen. Die therapeutische Haltung muss deshalb unbedingt kritisch bleiben gegenüber den aktuellen Ansprüchen an Flexibilität, Geschwindigkeit und Effizienz – auch und gerade dann, wenn viele Klient_innen selbst mit dem Anspruch kommen, möglichst schnell „wieder zu funktionieren“. Es ist wichtig, das Gebot der dauernden Selbstbearbeitung und -verbesserung infrage zu stellen. Feministische Psychotherapie will Raum für Reflexion bieten. Sie will verstehen, nicht managen. Feministische Beratungsarbeit ist nicht dazu da, wieder fit fürs Hamsterrad zu machen, sondern gemeinsam die Frage nach einem guten Leben zu stellen und dafür neue Perspektiven und Gestaltungsfreiräume zu entwickeln.

 

Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com
Illustration: Ruby Elliot

 

Es gab in der feministischen Szene auch immer schon den Vorwurf, Psychotherapie konkurriere quasi mit Politik: Frauen würden sich in die Beschäftigung mit sich selbst zurückziehen, statt die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern zu wollen. Was erwidern Sie darauf ?

Die Probleme, die Frauen* zu uns in die Beratungsstelle bringen, sind nie nur individuelle Probleme, sondern sie sind immer Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Darum ist uns Parteilichkeit für Frauen* als Alternative zur Individualisierung sozialer Problemlagen wichtig. So können feministische Beratung und Therapie als emanzipatorische gesellschaftliche Praxis wirksam werden. Christina Thürmer-Rohr hat schon 1986 gefordert, feministische Psychotherapie soll nicht Fürsorgestation und Reparaturwerkstätte sein, sondern Aufklärungsräume und Gegenentwürfe bieten. Das Ziel der Arbeit von „Frauen* beraten Frauen*“ ist also nicht die bloße Symptombeseitigung und das Funktionieren im bestehenden System, sondern die Erweiterung von Lebens- und Handlungsmöglichkeiten – und das für alle Geschlechter! Feministische Beratung ist kein Training der besseren Anpassung an krankmachende Verhältnisse, sondern eine Praxis der Freiheit.

Zusätzlich gibt es im feministischen Diskurs auch noch gegenwärtig heftigen Einspruch gegen jede Einordnung von Menschen als „psychisch krank“. Angesichts der langen Geschichte der Pathologisierung von Abweichung (etwa von Homosexualität) ist diese Kritik sehr berechtigt. Aber macht es wirklich Sinn, das Konzept von psychischer Krankheit ganz zu verabschieden?

Wir weisen die gesellschaftliche Definitionsmacht der Medizin als Wissenschaft vom „Normalen“ und „Abnormen“ zurück – auch in der Diagnostik. Interessanterweise wurde 1980, nach der Entfernung der Diagnose Homosexualität im Jahr 1973, eine neue Diagnose eingeführt, die eine ähnliche Normalisierungsfunktion erfüllen soll: die „Geschlechtsidentitätsstörung“, heute „Gender Dysphoria“. Sie pathologisiert individuelles Leiden an gesellschaftlichen Normen wieder – anstatt eben dieses „Entweder männlich oder weiblich“ infrage zu stellen.
Anders als mit der Stigmatisierung „störenden“ Verhaltens verhält es sich jedoch mit einer Diagnose, die eine Entlastung bieten kann, weil es für das eigene Leiden einen Namen gibt, und mögliche Ursachen und ein Behandlungskonzept, wie beispielsweise eine spezialisierte Trauma-Therapie.

Die psychotherapeutische Versorgung in Österreich ist lückenhaft, nachdem es ja nur sehr begrenzt Therapie auf Krankenschein gibt. Was sind Ihre Forderungen diesbezüglich?

Wir fordern leistbare Psychotherapie für alle, die sie brauchen und wollen. Das ist nicht nur eine Frage gerechter Verteilung von Ressourcen, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll, weil gute Psychotherapie langfristig enorme Folgekosten reduziert und Armutsspiralen verhindern hilft. „Frauen* beraten Frauen*“ versucht seit über 15 Jahren einen Vertrag mit der Krankenkasse zu bekommen. Täglich müssen wir Frauen* mit dringendem Psychotherapiebedarf und ohne Geld weitervermitteln – die Unterversorgung ist dramatisch, ganz besonders für von Gewalt betroffene, traumatisierte Frauen*.

 

Dr.in Bettina Zehetner ist Philosophin und psychosoziale Beraterin bei „Frauen* beraten Frauen*“. Der Verein bietet seit 37 Jahren Beratung zu allen Themen des weiblichen Lebenszusammenhangs, inzwischen auch über ein niederschwelliges, datensicheres Onlineberatungssystem.

 

 

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Frauenpolitik aus dem Off https://ansch.4lima.de/frauenpolitik-aus-dem-off/ https://ansch.4lima.de/frauenpolitik-aus-dem-off/#respond Thu, 31 Aug 2017 06:26:16 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8872 Enthüllung der Tafel für den Johanna-Dohnal-Platz; 6., Johanna-Dohnal PlatzFeministische Kernthemen für den Wahlkampf. Von VERENA FABRIS und GABI HORAK]]> Enthüllung der Tafel für den Johanna-Dohnal-Platz; 6., Johanna-Dohnal Platz

In Österreich wählen am 15. Oktober sechs Millionen Wahlberechtigte, davon mehr als die Hälfte Frauen*, einen neuen Nationalrat. Welche Rolle wird Frauenpolitik im Wahlkampf spielen? VERENA FABRIS und GABI HORAK haben dies die amtierende Frauenministerin PAMELA RENDI-WAGNER, die Spitzenkandidatin der Grünen ULRIKE LUNACEK sowie zwei ihrer jeweiligen Parteikolleginnen in der Landespolitik gefragt.

 

Sie ist auf Platz zwei. Gleich hinter SPÖ-Chef Christian Kern wurde „Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner“ gereiht, berichtet der ORF. Diese Berichterstattung zeigt schon eines der Grundprobleme: Als Frauenministerin wird Rendi-Wagner kaum wahrgenommen, zu groß ist das Co-Ressort Gesundheit.
Die Grünen gehen als einzige Partei mit Chancen auf den Einzug ins Parlament mit einer Spitzenkandidatin ins Rennen: Ulrike Lunacek, die langjährige Frauenaktivistin und Europapolitikerin, sagt im an.schläge-Interview (1): „Gute Frauenpolitik wird von feministischen Frauen gemacht, geleitet vom Ziel der ökonomischen Unabhängigkeit von Frauen.“ In der österreichischen Innenpolitik sehe sie davon jedoch viel zu wenig: „Ich würde mir manchmal den Kampfgeist von Johanna Dohnal (2) wünschen.“

Geduld am Ende. Für die amtierende Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) geht es bei Frauenpolitik darum, die „wichtigsten Problemlagen für Frauen zu erkennen und dafür nachhaltige Lösungen zu entwickeln und durchzusetzen“. Im kommenden Wahlkampf werde Frauenpolitik „auf jeden Fall“ eine große Rolle spielen, denn in Bundeskanzler Christian Kern hätten die Frauen „einen engagierten Verbündeten“. Forderungen im SPÖ-Wahlprogramm wie Mindestlohn, Lohntransparenz und Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen müssten endlich umgesetzt werden. „Meine Geduld ist da echt am Ende“, so Rendi-Wagner.
Für Sabine Schatz, SPÖ-Spitzenkandidatin im Bezirk Perg in Oberösterreich, setzt gute Frauenpolitik die Erkenntnis voraus, „dass es eine strukturelle Ungleichbehandlung der Geschlechter gibt und dass an vielen Hebeln gekurbelt werden muss, um hier etwas zu bewegen“. Sie vermutet im Gegensatz zu ihrer SPÖ-Kollegin, dass Frauenpolitik im Wahlkampf „nicht den Stellenwert bekommen wird, den sie dringend bräuchte“.
Patricia Tschallener, Landessprecherin der „Grünen Andersrum Vorarlberg“, will eine Frauenpolitik, die „Frauen eigenständig wahrnimmt und nicht vorrangig die Frau in ihrer Rolle in der Familie“. Im Wahlkampf der großen Parteien werde Frauenpolitik aber „leider nur eine verschwindend geringe“ Rolle spielen, davon ist auch sie überzeugt.

Einkommensgerechtigkeit. Ein Hebel, an dem alle vier Frauen kurbeln wollen, ist die Einkommensungleichheit: Während die SPÖ 1.500 Euro brutto fordert, sind für die Grünen 1.750 EUR „für einen Vollzeitjob das Minimum“, so Ulrike Lunacek. Arbeitszeitverkürzung sehen sowohl Lunacek als auch Rendi-Wagner – langfristig – als ein weiteres Mittel, um die Lohnschere zu schließen.
Ökonomische Unabhängigkeit von Frauen und die Bekämpfung von Frauenarmut, Gewaltschutz, eine gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Einkommenstransparenz und Quoten in Aufsichtsräten, Verteidigung der Fristenlösung – über diese Forderungen sind sich alle der befragten Frauen einig. Unterschiede liegen wie beim Thema Mindestlohn im Detail. Auch bei der Frage der Verantwortung der Väter für Kinderbetreuung gibt es Differenzen. Während die SPÖ-Frauenministerin den sogenannten „Papamonat“ (3) als Errungenschaft feiert, wünscht sich die Grüne Spitzenkandidatin nach der Geburt zwei Wochen bezahlten Elternurlaub für beide Elternteile – auch für gleichgeschlechtliche Elternpaare.

Kernthema bei Koalitionsverhandlungen? Frauenpolitik sollte in einer nächsten Regierung eine wesentliche Rolle spielen, sind sich alle befragten Politikerinnen einig. „Frauenpolitik muss eines der Kernthemen bei Koalitionsverhandlungen sein“, fordert etwa die Oberösterreicherin Sabine Schatz. Frauenministerin Rendi-Wagner verspricht: „So wie Frauenpolitik ein essenzieller Bestandteil des politischen Programms der SPÖ ist, wird sie auch in Koalitionsverhandlungen eine wichtige Rolle spielen.“ Die Forderungen des Frauenvolksbegehrens müssten darin festgehalten sein, „aber auch mit Vorschlägen der Umsetzung“, konkretisiert die Grüne Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Es braucht ein eigenständiges Frauenministerium mit eigenem Budget, fordern Sabine Schatz und Patricia Tschallener gleichermaßen. Lunacek unterstützt dies ebenfalls, würde es aber nicht als Bedingung formulieren: „Mir sind dann die Forderungen wichtiger als die Form.“ Jedenfalls brauche es aber ein deutlich höheres Budget. Mehr politische und finanzielle Kompetenz der Frauenministerin wünscht sich auch Rendi-Wagner, allerdings könne sich die Verbindung mit anderen Themenbereichen auch positiv auswirken: „Wichtig ist, dass die Frauenpolitik nicht zu kurz kommt, und darauf achte ich.“

Von Bittstellerinnen zu Partnerinnen. Frauenpolitik muss konkret und ressortübergreifend gedacht werden. Dabei kann sich die Bundespolitik so manche Anregung aus den Bundesländern holen. In Oberösterreich etwa sind Frauenhäuser – im Gegensatz zu vom Bund finanzierten Gewaltschutzeinrichtungen – fix im Sozialhilfegesetz verankert. „Das macht Frauenorganisationen von Bittstellerinnen zu Partnerinnen“, sagt Sabine Schatz. In Vorarlberg gebe es ein „dichtes und gut vernetztes Netz an Frauen- und Mädchenorganisationen“, berichtet Patricia Tschallener. Außerdem: ein parteiunabhängiges Frauennetzwerk und einen regionalen Aktionsplan für die Gleichstellung von Frauen und Männern, der bis 2018 umgesetzt werden soll. Tschallener ist in ihrer Heimatstadt Hohenems in der Gruppe der „emsbachinnen“ vernetzt, die Leistungen von ortsansässigen Frauen etwa bei der Nahversorgung, in Bildungseinrichtungen oder in der Pflege konsequent sichtbar und damit bewusst macht. „Ich bin fest davon überzeugt, dass solche kleinen Schritte das herkömmliche Rollendenken aufbrechen. Die Bevölkerung ist da schon viel weiter als aktuelle Politikermeinungen.“
Es wurde einiges erreicht seit den Anfängen der Zweiten Frauenbewegung. „Gewaltschutz“ fällt Ulrike Lunacek, die Ende der 1970er-Jahre am Aufbau des ersten Frauenhauses in Innsbruck mitgewirkt hat, spontan ein. Da sei Österreich immer noch Vorreiter. Doch dann wird es schon schwieriger, die Frage zu beantworten, was sich in den letzten Jahren substanziell verbessert hat. Die Kinderbetreuung ein bisschen und die Präsenz von Frauen. Insgesamt jedoch haben sich die feministischen Forderungen in dreißig Jahren kaum verändert. Und so dreht sich auch die Frauenpolitik der großen wahlwerbenden Parteien weiterhin um dieselben Themen, mit mehr oder weniger altbekannten Lösungsvorschlägen. Wie beherzt deren Umsetzung nach der Wahl ausfällt, steht freilich auf einem anderen Blatt. Zumal ÖVP und/oder gar FPÖ dann vermutlich auch mitreden dürfen. Und wie Frauenpolitik unter einer politisch rechten Regierung aussieht, ist ja leider hinlänglich bekannt.

 

(1) Die Langversion des Interviews mit Ulrike Lunacek ist zu finden auf www.anschlaege.at

(2) Johanna Dohnal war ab 1990 die erste Frauenministerin Österreichs.

(3) Als Papamonat wird die Väterfrühkarenz bezeichnet, die Vätern vier Wochen unbezahlten Urlaub während der ersten acht Wochen (Mutterschutz) nach der Geburt zugesteht.

 

Stern für Pilz
Auf der Liste des Grünen Aussteigers Peter Pilz kandidiert eine langjährige frauenpolitische Aktivistin: Maria Stern. Dafür hat sie ihre Position als Sprecherin des Frauenvolksbegehrens sausen lassen. Ihre Motivation? Sie findet es an der Zeit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, da „soziale Agenden zwar in den Parteiprogrammen stehen, aber nicht thematisiert bzw. umgesetzt werden“. Zentrales Anliegen ist ihr – seit vielen Jahren – die Reform des Unterhaltsgesetzes, denn „Feminismus bedeutet für mich auch, die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern.“ Ein Platz auf der Liste Pilz ist für sie das Ticket für die Erweiterung ihres Aktionsradius. Und: „Mein Listenplatz sorgt dafür, dass ich jeden Tag vergnügt aufwache.“

KPÖ PLUS
Die Jungen Grünen, die sich vor Kurzem von der Grünen Partei trennten bzw. ausgeschlossen wurden, ziehen nun gemeinsam mit der KPÖ in den Wahlkampf. Sprecherin Flora Petrik kandidiert auf Platz zwei hinter Mirko Mesner. „Ein Vorbild ist, dass die KPÖ-Mandatare auf üppige Politikergehälter verzichten und für Menschen in Notlagen spenden“, sagt sie über die Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei. „Wir wollen die Arbeitszeit verkürzen, Ungleichheit bekämpfen und eine echte soziale Absicherung und Existenzsicherung für alle: Männer und Frauen, Alte und Junge“, so die Ansage von Ulli Fuchs, Teil des KPÖ-PLUS-Spitzentrios.

 

 

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an.sprüche: Wer liebt sich schon ständig selbst? https://ansch.4lima.de/an-sprueche-wer-liebt-sich-schon-staendig-selbst/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-wer-liebt-sich-schon-staendig-selbst/#respond Thu, 31 Aug 2017 05:17:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8883 © Sabrina WegererWenn Self-Care zur Zumutung wird. Von JULISCHKA STENGELE]]> © Sabrina Wegerer

Die Auforderung zur Selbstliebe ist heimtückisch, findet JULISCHKA STENGELE.

 

Body Positivity, Self-Care und Co sind in aller Munde und allen Medien. Zahlreiche Tutorials, Texte und Spruchbilder bieten Unterstützung dabei, auf sich zu achten, sich selbst etwas Gutes zu tun, ein positives Verhältnis zu sich und dem eigenen Körper zu entwickeln. Schön eigentlich! Schade nur, dass statt Selbstakzeptanz dabei meist Selbstoptimierung promotet wird. Handys, Bildschirme, Wartezimmer und der öff entliche Raum werden vollgespült mit subtilen Leistungsansprüchen in Form von Imperativen, die als Weisheiten getarnt den Weg zu einem glücklicheren und erfüllten Leben weisen sollen.

Ändere dich, um geliebt zu werden. Einer dieser Leitsprüche, der mich besonders ärgert, lautet „Nur wer sich selbst liebt, kann auch von anderen geliebt werden“. So oder so ähnlich wird dieser scheinbar harmlose Spruch tausendfach geteilt und in bester Absicht sorglos weitergeplappert. Was mit solchen oder ähnlichen Aussagen verbreitet wird, ist aber keine Unterstützung, sondern die fatale Botschaft, dass man erst etwas an sich ändern muss, um Wertschätzung und Liebe erfahren zu können. Dass man etwas dafür tun muss, um geliebt zu werden. Für Menschen, die mit einem geringen Selbstwertgefühl kämpfen – egal ob temporär, immer oder immer wieder –, ist so eine Botschaft ein Schlag ins Gesicht und mindestens entmutigend.
Sorry also – wenn du an dir zweifelst, gibt’s leider keine Liebe für dich. Wenn du’s dann irgendwann geschaff t hast, dich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, und dich wie die geilste Sau auf Erden fühlst, können wir weiterreden. Also streng dich mal schön an. Bis dahin: Pech gehabt.
Du lebst in einer Gesellschaft, in der Menschen wie du, Körper wie deiner diskriminiert werden, und dich selbst zu lieben fällt dir schwer? Du lebst mit einer chronischen Depression? Einer Persönlichkeitsstörung? Einer Behinderung? Andere Menschen auf der Straße spucken dich an und beschimpfen dich? Egal, trotzdem. Du musst dich lieben.

 

© Sabrina Wegerer
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Verinnerlichte Ablehnung von außen. Die Geschichte hat eine Doppelmoral. Selbstablehnung ist erlernt – mit tatkräftiger Mithilfe von außen. Wenn ich von meiner Umwelt permanent vermittelt bekomme, dass ich nicht liebenswert bin, dass ich Respekt und Wertschätzung nicht verdiene, kommt zwangsläufi g irgendwann der Punkt, an dem ich unsicher werde und mich vielleicht nicht länger vom Gegenteil überzeugen kann.
Zum Beispiel: Ich bin mit öff entlichen Verkehrsmitteln unterwegs und erlebe wöchentlich, wie Menschen sich empört von mir wegsetzen, ihrem Ekel vor meinem Körper Luft machen oder auch mal in der halbleeren U-Bahn fordern, ich solle ein zweites Ticket lösen, weil sie finden, ich würde so viel Raum einnehmen.
Oder: Ich habe Schmerzen und/oder fühle mich nicht gut und suche medizinische Hilfe. In der Praxis werde ich aufgrund meines Körpers und/oder meiner Identität(en) abschätzig behandelt oder auch offen beleidigt, gründliche Untersuchungen oder mögliche Hilfsmaßnahmen werden mir verweigert oder vorenthalten. Ich lerne: Ich bin es nicht wert, dass man sich um mich kümmert. Die Folge: Ich gehe nicht mehr hin, wodurch sich mein Zustand verschlechtert, was von anderen wiederum als mangelnde Selbstfürsorge interpretiert wird.
Da dagegenzuhalten, mich nicht runterziehen zu lassen, für mich einzustehen und gegen die Verinnerlichung des Blicks von außen anzukämpfen, kostet unglaublich viel Kraft. Kraft, die mir, die Menschen mit psychischen Erkrankungen, mit Traumata, mit Diskriminierungserfahrungen immer wieder fehlt. Und das Letzte, das ich, das wir dann brauchen, ist, darin bestätigt zu werden, dass wir (so) nicht geliebt werden können.

Liebe und Fürsorge von anderen. Fakt ist: Unser aller Selbstwert wird durch Liebe und Fürsorge von anderen genährt und mit aufgebaut. Bestätigung von außen tut uns allen gut. Besonders in Zeiten, in denen wir uns selbst schwer tun, uns selbst zu lieben und um uns selbst zu kümmern. Und mal ehrlich: Wer liebt sich schon ständig und vollumfänglich, jeden Zentimeter zu jeder Zeit und jeden Tag? Selbstliebe und Selbstakzeptanz sind ein Prozess, heilen, verlernen und neulernen sind ein Prozess, ein Weg. Und zwar einer, auf dem ich begleitet und unterstützt werden will – auch und gerade dann, wenn’s nicht immer nur aufwärts und vorwärts geht.

 

Julischka Stengele lebt mit ihren chronischen Krank- und Verrücktheiten in Wien und betätigt sich international als Künstlerin und Stein des Anstoßes.

 

 

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Bloggen gegen das Tabu https://ansch.4lima.de/bloggen-gegen-das-tabu/ https://ansch.4lima.de/bloggen-gegen-das-tabu/#respond Thu, 31 Aug 2017 05:07:26 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8880 Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com„Gegen Patriarchat und Psychiatrie. Für mehr Feminismus.“ Von BRIGITTE THEIßL]]> Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com

Schwere psychische, physische und sexualisierte Gewalt und Verwahrlosung, die vor dem dritten Lebensjahr beginnt und über viele Jahre andauert, isoliert und schneidet die Betroffenen vom Leben ab. Innerlich, aber auch von einer Gesellschaft, die sich abwendet. Die Autorin des Blogs lebendigwerden.wordpress.com möchte zur Lebendigkeit zurückfinden und lässt die Leser_innen an ihrem Weg teilhaben. Schwerpunkt ist die (unvollständige) DIS (dissoziative Identitätsstörung), besser bekannt unter multipler Persönlichkeitsstörung, aber auch ihre Gedanken zu gesellschaftspolitischen Folgen von Gewalt im sozialen Nahraum.

 

Unter dem Titel „Malifuror“ schreibt Aktivistin Malaika Bunzenthal über psychische Erkrankungen und die Stigmatisierung dieser, über Antirassismus und Feminismus – mit Fokus auf die Themen sexuelle Gewalt und Rape Culture. Zusätzlich zu ihrem Blog malifuror.blog-space.eu versorgt die Autorin ihre Follower auf Twitter regelmäßig mit spannenden Links und (Kurz-)Analysen. twitter.com/Mali_2

 

Illustration: Ruby Elliot rubyetc.tumblr.com
Illustration: Ruby Elliot

 

„Ich verliere das Gleichgewicht, stolper’, springe wieder auf oder roll’ mich eben eine Weile über den Boden“, schreibt Steinmädchen. Die Autorin und Aktivistin, die regelmäßig Vorträge und Workshops zu feministischer Psychiatriekritik hält, publiziert auch auf ihrem Blog www.identitaetskritik.de persönliche Erlebnisse, schreibt über TV-Serien, über Therapie und Diagnosen. Immer mit dem Anspruch: „Gegen Patriarchat und Psychiatrie. Für mehr Feminismus.“

 

„Ein Blog von vielen“ handelt von „einer, die ausging, das Leben nach der Gewalt zu erfahren, zu verstehen und zu leben“. Auf einblogvonvielen.org schreibt H.C. Rosenblatt seit vielen Jahren über ihre persönlichen Kämpfe und hat gemeinsam mit Kollegin Reneé mittlerweile auch einen Podcast über das Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur gestartet: vielesein.wordpress.com.

 

 

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