5 / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 01 Sep 2020 11:32:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 5 / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2015-05 https://ansch.4lima.de/inhalt/2015-05/ Mon, 06 Jan 2020 18:40:19 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=17342 ]]> ]]> Wir sind dann mal weg! https://ansch.4lima.de/wir-sind-dann-mal-weg/ https://ansch.4lima.de/wir-sind-dann-mal-weg/#respond Sat, 04 Jul 2015 06:56:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=6504 In Deutschland streiken die ErzieherInnen. Von BARBARA TINHOFER]]>

ErzieherInnen in Deutschland haben Anfang Mai zu Mittag ausnahmsweise nicht die Kinder niedergelegt, sondern ihre Arbeit. BARBARA TINHOFER hat mit Kolleginnen aus Deutschland über den Kita-Streik und seine Ursachen gesprochen.

 

Ab dem 11. Mai 2015 wurden Kindertagesstätten, Behindertenwerkstätten und Jugendzentren in ganz Deutschland bestreikt. Zu dem mittlerweile zur Schlichtung ausgesetzten Streik haben die für die kommunalen Kindertagesstätten zuständigen Gewerkschaften, neben Verdi die Erziehungsgewerkschaft GEW und der Beamtenbund, aufgerufen. Die Gewerkschaften fordern eine Höherstufung der Sozial- und Erziehungsberufe in den Gehaltstabellen des öffentlichen Dienstes. Der Verband Kommunaler Arbeitgeber (VKA) hält die Forderungen für nicht bezahlbar – die ErzieherInnen hingegen halten die Arbeits- und Lohnbedingungen für nicht tragbar. Und die Eltern haben erkannt, dass sie ihren Unmut gegen die Politik, nicht gegen die ErzieherInnen richten müssen.

Fehlende Vorausplanung. Seit August 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Doch das dafür nötige zusätzliche Personal und die Kindergärten fehlen. Ähnlich wie 2009 in Österreich, als das verpflichtende Kindergartenjahr und der beitragsfreie Kindergarten beschlossen wurden, hat die Gesetzesänderung nun auch in Deutschland zu massiven Belastungen für alle Beteiligten geführt. „Man hat einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz eingeführt und sich keinen Kopf darüber gemacht, woher das zusätzliche Personal dafür kommt. Ausbaden müssen das im Moment Kinder (Ausflüge, Aktionen …), Eltern (verkürzte Öffnungszeiten) und das Personal (teils sehr kritische Besetzungen und Arbeit, die dem eigenen Qualitätsanspruch nicht genügt)“, kommentiert das eine Erzieherin aus Deutschland. (1)
Bereits im November 2014 hat Verdi mit der Kampagne „Sozial- und Erziehungsdienste: Aufwertung jetzt!“ begonnen. Zeitgleich gab es Tarifverhandlungen. Ergebnislos. Der Tarifvertrag wurde seitens der Gewerkschaften gekündigt, Warnstreiks ausgerufen und abgehalten. Bei einer Urabstimmung wurde für den unbefristeten Streik gestimmt. „Es gab viele KollegenInnen, die extra für den Streik in die Gewerkschaft eingetreten sind. Ich glaube, allein in München waren es um die 300 Neuanmeldungen“, bilanziert eine Streikende. „Die Stimmung war sehr gut. Streik trägt ja auch ein bisschen zur Teamfindung bei (wenn alle mitstreiken).“

Demo in Landau am 21. Mai © jonas priester/flickr
Demo in Landau am 21. Mai © jonas priester/flickr

Rathaus statt Kinderdisco. Bis auf einige Notbetriebe, die von nichtgewerkschaftlich organisierten ErzieherInnen aufrecht erhalten wurden, mussten sich die Eltern der Kitakinder nun selbst um die Obhut der eigenen Sprösslinge kümmern. Es wurden, wie schon 2009, Elterndienste in den eigenen vier Wänden organisiert, Verwandtschaft eingespannt, Urlaubstage beantragt oder unbezahlter Urlaub genommen. Erstmals gab es bei diesem Streik auch Angebote der Arbeitgeber, die Kinder an den Arbeitsplatz mitzunehmen. Ein Reiseveranstalter hat zum Beispiel Besprechungsräume in einen „Kinderclub mit Kinderdisco“ und Animation verwandelt. Zu Anfang musste viel Aufklärungsarbeit seitens der ErzieherInnen sowie der Gewerkschaften geleistet werden. Denn die Medien hatten zu Beginn des Streiks immer wieder von sehr hohen Bruttolöhnen für die ErzieherInnen berichtet und teilweise versucht, den Streik als überzogen darzustellen. Doch es ist nicht gelungen, betroffene Eltern und streikende ErzieherInnen gegeneinander auszuspielen. Denn die Fakten sehen anders aus.

Zeitdruck und Personalmangel. ErzieherInnen arbeiten unter ständigem Zeitdruck: Ausflüge oder Projekte zu planen und vorzubereiten, Kinder in der Gruppe zu beobachten oder in Einzelgesprächen und beim Spielen ihren momentanen Stand, ihre Interessen und Stimmungen zu erfassen, dafür braucht es Zeit und Personal. Es werden Entwicklungspläne erstellt und wertvolle, jedoch aufwändige Bildungspläne umgesetzt. Kinder werden wenn möglich individuell gefördert. Dafür bräucht es ebenfalls Zeit zur Reflexion und Vorbereitung.

Die Stressbelastung bei der Arbeit und der Lärmpegel sind enorm: In einer Studie zu Arbeitsbedingungen wurde in Kitas die Dezibelanzahl gemessen: In Spitzenzeiten liegt der bei 117 Dezibel. Das kommt einem startenden Düsenjet in 100 Metern Entfernung gleich. Das Einstiegsgehalt einer Erzieherin in Deutschland liegt bei ca. 2130 Euro brutto. Eine Familie zu ernähren ist damit kaum möglich. Viele arbeiten aufgrund der enormen Arbeitsbelastung auch nur Teilzeit.
ErzieherInnen fordern nun endlich eine Änderung dieser inakzeptablen Rahmenbedingungen und eine Aufwertung und Wertschätzung ihres Berufsfeldes. Die meisten Eltern waren bereit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mütter und Väter sind zum Beispiel kurzerhand mit ihren Kindern in die zuständigen Rathäuser (Hamburg, Leipzig, Main, Lübeck) gegangen und haben dort mit den Kindern kampiert, um die Forderungen der ErzieherInnen zu unterstützen und an die politisch Verantwortlichen zu richten. Hinzu kommt, dass Eltern nicht mehr gewillt sind, die Kita-Gebühren weiterhin zu bezahlen. Sie fordern das Geld von den Kommunen zurück, weil diese während des Streiks Ausgaben sparen, denn die ErzieherInnen werden ja aus der Streikkasse bezahlt. Das sehen viele Eltern nicht mehr ein, der Druck steigt.

Keine Lobby. In Österreich wurden die streikenden KollegInnen aus Deutschland medial weitgehend totgeschwiegen. Auch sonst interessiert man sich hierzulande wenig für Forderungen von ErzieherInnen. Die Gewerkschaften in Österreich haben sich bisher für die Belange der KindergartenpädagogInnen kaum bis gar nicht stark gemacht. Ganz zu schweigen von Studien, wie sie die Böckler-Stiftung durchgeführt hat, oder Kampagnen, wie von Verdi lanciert. Ohne gewerkschaftliche Unterstützung wird sich in Österreich jedoch kaum etwas zum Besseren verändern. Im Gegenteil, die Anforderungen an die Fachkräfte im Elementarbereich werden weiterhin steigen und die Arbeitszeiten der Eltern werden sich weiterhin ausdehnen. Doch die KindergartenpädagogInnen müssen ihre Aufmerksamkeit und Empathie, ihre Konfliktlösungsbegleitung auf bis zu 25 Kinder pro Gruppe aufteilen. Da bleibt nicht viel über pro Kind. Die Qualifikation der KindergartenpädagogInnen steigt stetig und immer mehr haben auch eine akademische Ausbildung. Viele ErzieherInnen wollen nach Jahren eines Studiums in einem anderen Bereich in ihren ersten Beruf zurückkehren. Doch sie scheitern an den Arbeitsbedingungen, die sich mit den Ansprüchen an die eigene Arbeit häufig nicht verbinden lassen. In einigen Häusern gibt es gar keine Vorbereitungszeit, keine Zeit für Teamgespräche, keine Zeit für Reflexion, Gruppen- oder Einzelbeobachtung. Ausflüge oder Elterngespräche, Entwicklungsgespräche, all das sind Standards in der täglichen Arbeit, die aufgrund von Personalmangel nicht gehalten werden können. Angesichts dieser Situation steigt der Frust der PädagogInnen und der Eltern auch in Österreich weiter, zum Streik ist es hierzulande trotzdem noch nicht gekommen. Doch ohne die Gewerkschaften wird das auch schwer möglich sein.

Barbara Tinhofer ist Kindergartenpädagogin in Wien und Mitbegründerin des Kollektivs Kindergartenaufstand: www.kindergartenaufstand.at

 

(1) Alle Zitate aus Interviews mit Erzieherinnen in Deutschland (anonym).

Buchempfehlung: Mit diesem Bilderbuch kann man mit Kindern erarbeiten, was Streik bedeutet: Doreen Cronin, Betsy Lewin: Click, Clack, Moo. Cows That Type. Simon and Schuster

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„Der Backlash ist deutlich zu spüren“ https://ansch.4lima.de/der-backlash-ist-deutlich-zu-spueren/ https://ansch.4lima.de/der-backlash-ist-deutlich-zu-spueren/#comments Thu, 18 Jun 2015 12:05:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=6406 Interview: Frauenministerin GABRIELE HEINISCH-HOSEK. Von DENISE BEER und LEA SUSEMICHEL]]>

Frauenministerin GABRIELE HEINISCH-HOSEK plädiert für eine Schritt-für-Schritt-Politik. Wo es hingehen soll, fragten DENISE BEER und LEA SUSEMICHEL.

 

an.schläge: Erleben wir derzeit einen antifeministischen Backlash?

Gabriele Heinisch-Hosek: Ja, dieser Backlash bei Frauenrechten ist sehr deutlich zu spüren. Ein Beispiel: Als wir das Gesetz zur Einkommenstransparenz verhandelt haben, war das noch im Konsens. Jetzt bei der Evaluierung höre ich schon kritische Töne. Es ist nicht gewünscht, dass wir auch die Gehaltsbestandteile anschauen. Derzeit kommt man mit frauenpolitischen Themen nicht so durch, wie das vor einigen Jahren noch der Fall war. Ich habe heute Abend wieder eine Debatte zum Thema Quotenregelung in Aufsichtsräten und Vorständen. Da hat sich in den letzten Jahren dank der Quote in den staatsnahen Betrieben der Frauenanteil von 16 Prozent auf heute 37 Prozent erhöht. In der Privatwirtschaft hat sich hingegen so gut wie nichts getan. Auch von Anwältinnen gibt es die Rückmeldung, dass sehr oft die gemeinsame Obsorge ausgesprochen wird, obwohl wir lange um diese Abkühlungsphase gerungen haben. Auch hier merke ich den Backlash.

Dieser Antifeminismus zeigte sich auch im Sommer des vergangenen Jahres in der Bundeshymnen-Debatte. Auf Ihrer Facebook-Seite gingen damals unzählige Beleidigungen und auch explizite Drohungen ein. Die Ermittlungen wurden nun eingestellt, da die gesicherten Postings laut Staatsanwaltschaft Wien „keine strafrechtlich relevanten Drohungen“ enthalten hätten.

Bei einem Hinweis auf die Hymne hätte ich mir dieses Ausmaß selbst nie vorstellen können. Wir haben uns damals bewusst dafür entschieden, nichts rauszunehmen. Ob ich das heute noch so machen würde, weiß ich nicht. Wir waren relativ unbedarft und wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Mit Netzpolitik und der Anonymität im Internet müssen sich Frauenpolitikerinnen auf jeden Fall mehr beschäftigen.

Apropos Antifeminismus: Es gibt das Gerücht, dass die Gleichstellungsstrategie der EU, die mit 2015 ausläuft, nicht verlängert werden soll.

Wir haben im letzten EU-MinisterInnenrat darüber gesprochen. Schon mehr als zwanzig KollegInnen und auch ich haben ein gemeinsames Schreiben an die zuständige Kommissarin formuliert, in dem wir uns für die Fortsetzung der Strategie aussprechen. So schwammig sie auch formuliert ist: Es ist besser eine zu haben als gar keine.

Justizminister Wolfgang Brandstetter wollte den Paragrafen 218 nun doch nicht um „körperliche Belästigungen im Bereich der sexuellen Sphäre“, also um das vieldiskutierte „Pograpschen“ ausweiten. Sie wollten das nicht akzeptieren und baten Anfang Juni Brandstetter zum Gespräch. Wie ist es gelaufen?

Ohne zu übertreiben: sehr konstruktiv. Der Justizminister weiß, dass die Ausweitung der sexuellen Belästigung notwendig ist. Sein Rückzug bezieht sich auf die Art der Formulierung. Er möchte Mitte Juni mit der gesamten Novelle in den Ministerrat. Gemeinsam werden wir die nächsten beiden Wochen intensiv nutzen, damit wir zu einer positiven Lösung kommen. In Summe konnte ich vermitteln, dass es hoch an der Zeit ist, sexuelle Belästigung auch jenseits der primären und sekundären Geschlechtsorgane zu definieren.

Auch die Diversion – also mildere Sanktionen wie z. B. Bußgeld oder gemeinnützige Arbeit – bei häuslicher Gewalt will Brandstetter nun doch beibehalten, obwohl es daran, etwa von den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern, massive Kritik gibt. War dieser Punkt auch Thema des Treffens?

Bei fortgesetzter Gewaltausübung ist keine Diversion auszusprechen. Das habe ich ebenfalls mit dem Justizminister diskutiert. Auch da werden wir noch bei der einen oder anderen Formulierung nachschärfen und die Rechte der Opfer stärken.

Soeben hat auch der ExpertInnenbeirat getagt, der den neuen Erlass zur Sexualerziehung erarbeitet hat, er hat für große Aufregung gesorgt. Werden Sie am Erlass noch etwas ändern?

Ich habe nicht vor, inhaltlich etwas zu ändern. Es gab Bedenken, dass Eltern in die Sexualerziehung nicht mehr so eingebunden werden würden wie früher. Wenn die eine oder andere Formulierung mehr Wertschätzung gegenüber dem Elternhaus zum Ausdruck bringt, bin ich gern bereit dazu. Aber grundsätzlich ist es wichtig, sich mit modernen Formen des Zusammenlebens auseinanderzusetzen und die Entwicklung eines gesunden Körperbewusstseins zu unterstützen. ExpertInnen haben diesen Erlass zur Sexualpädagogik erarbeitet und es ist hoch an der Zeit, dass man dabei auch den Social-Media-Bereich mitdenkt.

In Finnland war Sexualpädagogik in den 80ern ein Schulfach und die Teenager-Schwangerschaften sind deutlich gesunken. Aus Kostengründen wurde Sexualpädagogik als Fach wieder abgeschafft, prompt sind die Teenager-Schwangerschaften wieder dramatisch angestiegen. Kinder haben das Recht, beim Thema Sexualität adäquate Antworten zu bekommen.

© Christine Weislein
© Christine Weislein

Feministische Ökonominnen kritisieren seit Jahrzehnten eine (Wirtschafts-)Politik, die sich an Wachstumsraten und Arbeitslosenzahlen orientiert und ökologische Aspekte und die unbezahlte Care-Arbeit völlig ausblendet. Bleibt in der Tagespolitik Zeit zum Nachdenken über Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystem?

Als in der Realität angekommene Politikerin muss ich ganz offen und ehrlich sagen, dass wir jetzt gerade in der tagtäglichen Arbeit die Arbeitslosigkeit und die Flüchtlingsströme zu bewältigen haben. Auch ich habe Ideale und Visionen im Kopf. Man muss mit feministischen Ökonominnen auch Alternativen formulieren. Aber derzeit ist es realpolitisch leider so, dass man mit diesen Alternativen nicht durchkommt.

Die untersten Einkommen mussten die letzten Jahre die stärksten Kaufkraftverluste hinnehmen. Auch beim Gender Pay Gap hat sich nicht viel getan. Wie zufrieden sind Sie mit der Steuerreform, bei der von fünf Mrd. Euro Entlastungsvolumen zwei Drittel auf Männer entfallen?

Das eigentliche Drama ist, dass Männer mehr als Frauen verdienen und deshalb durch die Steuerreform auch mehr entlastet werden. Jede zweite Frau in Österreich ist teilzeitbeschäftigt. Über 90 Prozent der Frauen verfügen über ein geringeres Jahreseinkommen als 25.000 Euro. Die mehr als Verdreifachung, fast Vervierfachung der Negativsteuer wird ihnen helfen. Auch kleinere Einkommen werden durch das Senken des Eingangssteuersatzes profitieren. Aber man muss es vielschichtiger betrachten: Seit Jahren reden wir über angemessene Unterhaltsregelungen. Wir brauchen eine Kinderkostenanalyse. Und wieder wird gestritten, welche Ressorts mitzahlen müssen: Familien, Justiz, Frauen, Soziales. Allein daran spießt es sich schon. So kommen wir nur ganz langsam voran, um die Lebenssituation von Frauen wirklich zu verbessern.

Aber da hätte man ja schon grundsätzlicher ansetzen können. Wenn es um gesellschaftliche Umverteilung geht, zählen auch Faktoren wie eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer.

Ja, da sind wir nicht durchgekommen. Wir haben versucht, was möglich war.

Wie stehen Sie zu einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Ich habe lange darüber nachgedacht. Aus frauenpolitischer Sicht muss es nicht zum Vorteil von Frauen sein. Ich hätte bei einem bedingungslosen Grundeinkommen z. B. die Angst, dass dadurch Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt werden könnten. Mit der bedarfsorientierten Mindestsicherung haben wir bereits ein praktikables Modell, über eine Weiterentwicklung kann und muss aber natürlich diskutiert werden. Die Ausführung mancher Bundesländer lässt zu wünschen übrig. Darüber hinaus braucht es eine bessere Verteilung von Arbeitszeit.

Auch die „neuen Selbstständigen“ sind überwiegend Frauen. Es gibt die Kritik, dass die SPÖ sich nicht zuständig fühlt, gelten sie doch als UnternehmerInnen. Tatsächlich jedoch erwirtschaften viele gerade mal das Existenzminimum. Wäre es nicht angemessen, dass sich die SPÖ ihrer annimmt?

Tut sie. Ich war bei einigen Veranstaltungen des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes. Dort haben die neuen Selbstständigen einige ihrer Forderungen formuliert, da geht es um Krankenstandstage, um Selbstbehalte. Die Sozialdemokratie bemüht sich um die kleinen und mittleren Unternehmen, aber auch um die immer größere Gruppe der freien und neuen Selbstständigen. Nur wenn das Gegenüber – es ist schließlich eine Sozialpartnerfrage, wie man diese Menschen mit Rechten und Sozialversicherungsanspruch ausstattet – das nicht als prioritär sieht, dann kann man das alleine nicht schultern. Es sind immer mehr Frauen, die oft aus einer Erwerbstätigkeit in die neue Selbstständigkeit fallen, weil sie als mittelalte oder ältere Arbeitnehmerinnen keine andere Anstellung finden. Die mobile Kosmetikerin oder Pflegerin schlittert dann als EPU ins Prekariat – das ist eine Entwicklung, die es zu stoppen gilt.

Die Fristenlösung ist eine der großen Errungenschaften der SPÖ-Alleinregierung. Aber noch immer ist Abtreibung nur straffrei gestellt. Ist es nicht an der Zeit, sie aus dem Strafgesetzbuch zu streichen?

Natürlich. Und ich glaube, dass man das in einer fortschrittlichen Diskussion auch fordern kann. Allerdings sind wir gerade nicht in einer Zeit, in der in diesem Thema progressive Diskussionen geführt werden. Ich sehe auch hier einen Backlash und Gefahren. Ich habe die Befürchtung, dass damit sehr viele Fragen, die ich mir aus Frauensicht derzeit gar nicht wünsche, in Verbindung gebracht werden.

Befürworten Sie den Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein?

Ja, aber ich weiß, dass die Gesundheitsministerin sich hier finanziell schwer bewegen kann. In den Bundesländern sind die Kosten gestaffelt bis hin zu gratis. Gleichzeitig gibt es auch Bundesländer, die nur ein Ambulatorium oder nur eine Ärztin oder einen Arzt haben, die Abbrüche durchführen. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Zuerst müsste der Schwangerschaftsabbruch in allen öffentlichen Spitälern ermöglicht werden, natürlich wäre auf Krankenschein wünschenswert. Des Weiteren ist der kostenfreie Zugang zu Verhütungsmittel, zumindest für Jugendliche, wichtig. Auch das Phänomen des Selbstabbruchs mit illegal besorgten Medikamenten ist neu und muss mitgedacht werden.

Feministinnen kritisieren, dass die SPÖ-Politikerinnen sich sehr defensiv bei dem Thema verhalten und dass diese Zurückhaltung den Reaktionären in die Hände spielt. Fürchten Sie sich so sehr vor den AbtreibungsgegnerInnen?

Die gegenwärtige Regelung muss verteidigt werden, hier lasse ich nicht locker. Schlimm genug, dass man sie verteidigen muss. Die nächsten Schritte kann man nur gehen, wenn man eine progressive Diskussion rundherum hat. Fürs erste müssen wir aber einmal dafür sorgen, dass in jedem österreichischen Bundesland Abbrüche in öffentlichen Spitälern möglich sind.

Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung.

Nur, wenn man das Gefühl hat, damit durchzukommen. Das mag man mir vorhalten. Aber ich habe lieber eine Schritt-für-Schritt-Politik, wo ich Erkämpftes erhalten bzw. sukzessive ausbauen kann.

Nachdem sich sogar Irland mit großer Mehrheit für die Homo-Ehe ausgesprochen hat, gibt es auch hierzulande Hoffnung auf Bewegung. Wie wird die SPÖ in dieser Frage Druck auf den Koalitionspartner machen?

Druck ist der richtige Ausdruck. Ich durfte das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft (EPG) mitverhandeln und ich weiß, wie anstrengend und mühsam es war, es durchzubringen. Und ich bin jederzeit bereit, es weiterzuentwickeln. Wir haben uns aber bisher jede Verbesserung durch Gerichte bestätigen lassen müssen. Mit dem Koalitionspartner ist hier kaum ein Weiterkommen. Ich bin für die Öffnung der Ehe. Ich bin aber auch für Partnerschaftsverträge für Hetero-Beziehungen, die nicht heiraten wollen im Sinne des Ehegesetzes. Ehegesetze an sich, sagen fortschrittliche AnwältInnen, sind per se partnerschaftlich orientiert. Es sind Paragrafen dabei, die man längst einmal streichen müsste, wie beispielsweise den Scheidungsgrund aufgrund des Aussehens der Partnerin/des Partners.

Derzeit sind Homosexuelle bei Dienstleistungen oder auf dem Wohnungsmarkt überhaupt nicht vor Diskriminierungen geschützt. Die ÖVP hat soeben das „Levelling-Up“ abgelehnt. Wie werden Sie weiter vorgehen?

Das war jetzt der dritte Anlauf. Der Sozialminister und ich sind nicht durchgekommen, der Druck bleibt aufrecht. Je mehr hier auch von der Zivilbevölkerung und von diversen Gruppierungen kommt, desto besser.

Feministinnen fordern unisono einen eigenen Aufenthaltstitel für Frauen, u. a. um sie vor gewalttätigen Partnern zu schützen. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Es gibt unter gewissen Umständen selbstverständlich den eigenen Aufenthaltstitel. Aber die Hürden, die Frauen vorfinden – ein gewisses Einkommen, eine eigene Wohnung –, sind für viele unüberbrückbar. Das habe ich auch bereits mit der Innenministerin besprochen. In einem halben Jahr ist voraussichtlich eine nächste Novelle fällig. Ich werde mich dafür einsetzen, dass das da mitgedacht wird.

Es gab viel Kritik an der Asylnovelle und vor allem an der SPÖ, weil sie ihr zugestimmt hat. Auch dass die SPÖ auf das Sicherheits- und Asylthema der FPÖ in den Wahlkämpfen aufgesprungen ist und dass sie der Hetze nichts entgegengesetzt hat, wird kritisiert. Wieso setzt sich die SPÖ nicht offensiv für eine menschlichere Asylpolitik ein?

Das ist in der Tat eine der allerschwierigsten Fragen und Herausforderungen, vor denen wir stehen. Wenn aufgrund des Landtagswahlkampfs gewisse Themen gespielt werden, ist das die eine Geschichte. Bundespolitisch ist es so, dass wir uns gemeinsam mit dem Koalitionspartner in eine Richtung bewegen, die wir auch im europäischen Kontext sehen müssen. Bei 400.000 Arbeitslosen ist es eine große Herausforderung, auch Arbeitsplätze für diese Menschen zu haben. Die Idee der Bundesregierung, die Lehre für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufzumachen, wird von der Wirtschaft nicht wirklich angenommen. Das ist eine Gesamtverantwortung, aus der ich mich nicht herausnehmen kann und will.

Sexarbeit bzw. Prostitution wird in feministischen Kreisen heftig diskutiert. Wie stehen Sie zum sogenannten schwedischen Modell, das eine Freierbestrafung vorsieht?

Ich bin keine Befürworterin des schwedischen Modells. Ich bin eine Befürworterin eines Modells, das die Rechte von Sexarbeiterinnen stärkt. Ich unterscheide zwischen selbstbestimmter Sexarbeit und in die Ausbeutung verschleppten Frauen. Hilfestellung für Frauen steht an erster Stelle für mich. Bei der Freierbestrafung besteht die große Gefahr eines Abdriftens in die Illegalität. Ich plädiere sehr dafür, Sexarbeiterinnen gute Bedingungen zu schaffen, auch ihren Gesundheitszustand betreffend. Sie sollen würdig behandelt werden. Ich bin nicht glücklich darüber, dass wir neun verschiedene Gesetze haben und keine Harmonisierung zustande bringen. Doch das ist derzeit mit den Ländern nicht zu diskutieren.

Da wir gerade bei den Ländern sind: Vorarlberg hat sich entschieden, mittelfristig die Gesamtschule einzuführen. Sie befürworten die Gesamtschule. Welche Vorteile hätte die gemeinsame Schule aus feministischer Perspektive?

Bildungsgerechtigkeit! Meine Idealform ist die verschränkte, ganztägige, gemeinsame Schule von sechs bis 15 Jahren, in der auf die individuellen Bedürfnisse aller Kinder eingegangen werden kann.

Alle Länder, die in Bildungstest besonders gut abschneiden, zeigen, dass Förderung sehr früh beginnen muss. In Österreich scheinen die Prioritäten ganz anders gesetzt zu werden. Warum werden hier angesichts der zunehmenden Vererbung von Bildung nicht Aktionen gesetzt?

Elementarpädagogik ist in allen Arbeitsgruppen der neu gebildeten Bildungsreformkommission ein großer und wichtiger Bereich. Der Kindergarten ist das Fundament, auf dem unsere Kinder ihre Bildungszukunft aufbauen – hier wird der Grundstein für gleiche Bildungschancen gelegt. Ich bin eine Verfechterin, dass der Kindergarten am besten mit einem Rechtsanspruch ab dem ersten Lebensjahr versehen werden sollte. Dazu müsste die Verwaltung in diesem Bereich vereinheitlicht werden. Und das letzte Kindergartenjahr sollte für alle Kinder verpflichtend sein.

Johanna Dohnal hat einmal gesagt: „Es gibt keine Frauenthemen in der Politik, wenn wir sie nicht dazu machen.“ Wie würden Sie das Engagement für frauenpolitische Themen in der SPÖ insgesamt bewerten?

Ich fände es spannend, wenn sich meine Kollegen dazu mal äußern müssten. Unsere Strukturen und Hierarchien sind in den letzten 125 Jahren historisch gewachsen, da sind wir bestimmt nicht die modernste Partei. Aber manche sind schon sehr fortschrittlich unterwegs: Der Justizsprecher steht hinter der Novellierung des Paragrafen der sexuellen Belästigung und dessen Ausweitung. Andere hingegen greifen sich an den Kopf und fragen, ob wir keine anderen Sorgen haben. In diesem Spektrum gibt es die Sozialdemokratie. Wie Johanna Dohnal schon gesagt hat: „Meine Politik ist eine des Einmischens.“ Auch eine des Aufbrechens von Alt-Herren-Strukturen und von Strukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das ist ein Bohren ziemlich harter Bretter, das gebe ich schon zu.

Gabriele Heinisch-Hosek ist seit 2009 Frauenvorsitzende der SPÖ und seit 2013 Bundesministerin für Bildung und Frauen.

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„Das ist die Chefin!“ https://ansch.4lima.de/das-ist-die-chefin/ https://ansch.4lima.de/das-ist-die-chefin/#comments Thu, 18 Jun 2015 11:51:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=6408 Interview: Landwirt_in JO BUCHER über Queer-Feminismus auf dem Biohof. Von LISA BOLYOS]]>

JO BUCHER betreibt mit ihrer Wahlfamilie einen Biohof. „Geht denn das ohne Mann?“, wird sie auf dem Land immer noch manchmal gefragt. Antworten hat sie der Teilzeitlandwirtin LISA BOLYOS gegeben.

 

an.schläge: Du hast in Basel Gender Studies studiert, bevor du Landwirt_in wurdest. Keine ganz klassische Laufbahn.

Jo Bucher: Ich hab diesen „Umweg“ gebraucht und bin heute auch sehr froh über meinen universitären Hintergrund. Die Landwirtschaft ist ein Bereich, wo es aus queer-feministischer Sicht noch einiges zu tun gibt. Früher war ich gar nicht so sehr in den Hof involviert. Ich habe mich vor allem um die Pferde gekümmert, aber Melken, Traktorfahren, das haben meine Geschwister gemacht. Als ich zum Studieren in Basel war, habe ich dort auf einem Gemüsehof gearbeitet und gleichzeitig damit begonnen, auch auf dem Hof meiner Eltern mitzuarbeiten, sie an Wochenenden zu vertreten etwa. So bin ich allmählich in die Landwirtschaft „reingerutscht“ und habe gemerkt, dass das total mein Ding ist: die Arbeit mit den Tieren und auch die Möglichkeit, im täglichen Tun meine politischen und ethischen Grundsätze relativ konsequent umsetzen zu können. Sei dies eine ökologische Nahrungsproduktion oder eben auch die Möglichkeit zu haben, patriarchale Strukturen aufzubrechen. Also habe ich die Ausbildung zur Biolandwirt_in gemacht und den Hof übernommen.

Die Hofübergabe ist oft eine heikle Zeit zwischen den Generationen.

Ich habe fünf Geschwister, ein Bruder wurde sozusagen als Hofnachfolger erzogen. Aber der wusste relativ früh, dass er den Betrieb nicht übernehmen will. Als ich mich entschieden habe, waren alle eher froh. Für meine Eltern wäre es nicht einfach gewesen, den Hof an „Fremde“ zu übergeben. Für mich war das umgekehrt der einzige Grund, der gegen die Übernahme gesprochen hat: nämlich dass es der elterliche Hof war. Ich habe Schwierigkeiten mit der Tradition, dass die Hofweitergabe innerhalb der biologischen Verwandtschaft stattzufinden hat – obwohl ich als Tochter dieser Tradition ja eh nicht ganz entspreche.

Fehlt dir die Stadt mit ihren Angeboten?

Ich vermisse es manchmal schon ein bisschen – das Städtische eigentlich nicht so sehr, mehr meine dortigen Freundschaften. Aber mich nimmt der Hof momentan so sehr ein, dass ich gar keine freien Kapazitäten habe. Kurz nach dem Studium, als klar wurde, dass ich den Hof übernehme, habe ich immer gedacht: „Im Winter schreibe ich dann …“, aber das ist mit all der Arbeit illusorisch.

Wie sieht eure Arbeitsorganisation aus?

Die ist gerade total im Umbruch. Seit kurzer Zeit leben noch zwei Frauen* und ein Kind hier. Ich habe sie über eine Annonce kennengelernt, in der sie nach einem Hof suchten. Clau kannte ich bereits aus dem Gender- Studies-Studium und Claudia ist Ziegenbäuerin und wird u. a. die Ziegenmilchverarbeitung übernehmen und ausbauen. Beide arbeiten aber auch außerhalb, weil wir mit der Produktion nicht plötzlich drei Erwachsene finanzieren könnten. Außerdem bilde ich angehende Biolandwirt_innen aus, es lebt also auch noch eine Lernende hier. Meine Eltern wohnen auch auf dem Hof und vor allem mein Vater hilft noch regelmäßig mit, auch wenn er sich langsam zurückzieht. Von ihm habe ich in der Zeit der Übergabe sehr viel gelernt.

Die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung in der Landwirtschaft ist gemeinhin immer noch recht traditionell. Wie erlebst du das?

Ich erlebe die Landwirtschaft bezüglich geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung als ein System, das nur in eine Richtung durchlässig ist: Sprich, Frauen machen mittlerweile eigentlich alles, Männer nicht. Die Frauen sind auch im Stall und auf dem Feld draußen, arbeiten mit Maschinen usw., aber die Männer übernehmen nicht im gleichen Maß die „Bäuerinnenarbeit“. Ich merke schon, dass wir eine Doppelbelastung haben: Wenn wir im Stall fertig sind, gehen wir noch kochen, dann müssen wir noch putzen. Das machen halt unsere männlichen Kollegen in den allermeisten Fällen nicht, weil (ihre) Frauen diesen Part übernehmen.

Michaele Blakely von der Growing Things Farm im Snoqualmie Valley, Washington © Audra Mulkern
Michaele Blakely von der Growing Things Farm im Snoqualmie Valley, Washington © Audra Mulkern, audramulkern.com

Wie geht es deinen Eltern mit eurer neuen Betriebsgemeinschaft?

Mit Clau und Claudia versuche ich jetzt was Neues aufzubauen, eine Wahlfamilie. Mal sehen, wie das klappt. Für meine Eltern ist es ein bisschen schwierig, nachzuvollziehen, dass ich mit den „Neuen“ so viel teilen will. Wenn ich Mann und Kind hätte, wäre das wohl selbstverständlicher.

Wie stellst du dir die Besitzverhältnisse in dieser Konstellation vor?

Der Hof gehört noch meinem Vater und ich bin Pächter_in, aber die Idee ist schon, dass ich den Hof einmal übernehmen werde. Ich muss ihn nicht unbedingt besitzen, aber es ist rechtlich recht schwierig, dass er nicht einer einzelnen Person gehört. Im Moment leben wir uns erst einmal ein. Aber ich könnte mir sicher vorstellen, dass wir die Betriebsführung aufteilen. Ich habe auch das Bedürfnis, Verantwortung zu teilen bzw. abzugeben.

Was sagt das soziale Umfeld in der Region zu eurer Hofgemeinschaft? Wahrscheinlich ist es nicht so gängig, dass lesbisch lebende Frauen im Kollektiv einen Hof betreiben.

Die Leute schauen schon, aber ich bin auch sehr offen, und mit der Strategie fahre ich recht gut. Ich glaube, die Leute haben eher ein Problem damit, sich so eine Lebensweise in der Theorie vorzustellen, als sie in der Praxis zu akzeptieren. Wenn sie mich kennenlernen, merken sie, dass ich ja ganz nett bin und der Hof auch nicht schlecht läuft. Aber ich verspüre schon den Druck, dass es gut laufen muss, weil der Hof unkonventionell ist.

Ihr betreibt Milchproduktion. Tierhaltung ist gerade unter Leuten, die mit Landwirtschaft wenig zu tun haben, eine sehr umstrittene Angelegenheit.

Die Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt mich sehr. Unser Hof ist tierbasiert, das hat aus topografischen Gründen – es ist teilweise sehr hügelig hier – auch ökologisch einen Sinn. Abgesehen davon ist die Zusammenarbeit mit den Tieren extrem schön. Ich habe mich theoretisch mit Tierrechten und Tierethik auseinandergesetzt, und es irritiert mich, dass eine Parallele zwischen der Unterdrückung von Tieren und von Frauen gezogen wird.
Mir ist total bewusst, dass es ein Machtverhältnis gibt, meine Tiere sind ja nicht freiwillig hier. Aber ich habe schon den Eindruck und den Anspruch, dass es ihnen gut geht. Aber klar, ich lasse die Tiere auch schlachten, entscheide, wann sie sterben müssen, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Dabei frage ich mich immer wieder: Was machst du eigentlich hier? Aber für mich ist die Lösung nicht, ohne Nutztiere zu leben. Das ist so eine spannende Beziehung, eine Kultur, die ich im Gegensatz zu vielen anderen landwirtschaftlichen Traditionen extrem erhaltenswert finde.

Dein politisches Umfeld in Basel bezeichnest du als queer. Gibt es an der Landwirtschaft etwas Queer_feministisches?

Das ist eine gute Frage. Ob es die Leute sind, die sich als queer bezeichnen? Für mich war spannend, dass ich während des Studiums kritisch gegenüber klassisch feministischen Haltungen war, und als ich hier auf den Hof gekommen bin, habe ich gemerkt, dass ich selbst wieder feministischer werde. Und zwar aus folgendem Grund: Die Landwirtschaft ist noch ein total männerdominiertes Feld. Und nun nenne ich mich Jo, weil das geschlechtsneutral ist. Wenn die Leute aus dem landwirtschaftlichen Kontext den Namen sehen, denken sie aber, das ist ein Mann. Für Offizielles habe ich deshalb wieder meinen „weiblichen“ Namen angenommen – wegen der Sichtbarkeit. Und dann dieses Jünger-Aussehen! Ich werde oft geduzt, weil die Leute glauben, ich sei ein Jugendlicher – mein Vater korrigiert dann: „Das ist die Chefin!“

Du gehst es also vorsichtig an: erst der Feminismus, dann das Queersein.

Das Problem ist, dass die Leute hier alle von Frauen und Männern ausgehen. Wenn ich dann auch noch die Zweigeschlechtlichkeit infrage stelle, versteht mich niemand mehr! Früher waren mir viele feministische Positionen zu differenztheoretisch. Ich hätte mich auch viel weniger als Frau und Lesbe bezeichnet, aber hier ist es wieder wichtiger geworden. Janine, die hier gerade die Lehre macht, erzählt auch, dass sie dauernd gefragt wird: „Auf dem Hof ist kein Mann? Geht denn das?“ Ja, das geht.

Jo Bucher hat vor zwei Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen: 13 Hektar Biobetrieb mit Milchkühen, Ziegen, Pferden und Eseln, Hochstammobstbau und wenig Ackerbau. Der Hof liegt in der Zentralschweiz in der Nähe von Luzern.

Lisa Bolyos ist Redakteurin bei der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ und betreibt mit Freund_innen eine kleine Landwirtschaft an der burgenländisch-ungarischen Grenze.

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Bloggende Bäuerinnen https://ansch.4lima.de/bloggende-baeuerinnen/ https://ansch.4lima.de/bloggende-baeuerinnen/#respond Thu, 18 Jun 2015 11:36:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=6410 Imke Harms denkt darüber nach, in den elterlichen Betrieb in der Lüneburger Heide einzusteigen. Von DENISE BEER]]>

Imke Harms denkt darüber nach, in den elterlichen Betrieb in der Lüneburger Heide einzusteigen. Deshalb möchte sie von den Erfahrungen von Frauen profitieren, die bereits in der Landwirtschaft tätig sind. Seit drei Monaten reist die 26-jährige Agrarwissenschaftlerin durch Zentral- und Westeuropa und unterstützt Landwirtinnen bei der Arbeit. Was sie bei ihnen lernt, teilt Imke Harms auf ihrem Blog ladiesinfarming.wordpress.com.
Auch Martina Lamprecht aus der Steiermark ringt auf grownbyawoman.at noch um ihre Identität als Bäuerin. Wie Harms ist sie auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und sieht sich häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Obwohl Österreich den dritthöchsten Anteil an Betriebsleiterinnen in ganz Europa hat, hätte sich an vielen Geschlechterklischees nichts geändert, kritisiert sie. Deswegen sucht sie nach inspirierenden Begegnungen mit Bäuerinnen und plant eine Interview-Serie. Die zentrale Frage ihres zweisprachigen Blogs: „Wie finden Frauen ihre Identität in einem Beruf, in dem sie noch immer ‚unvorstellbar’ sind?“

© Audra Mulkern
© Audra Mulkern, audramulkern.com
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„Ein erfülltes, gutes Leben“ https://ansch.4lima.de/ein-erfuelltes-gutes-leben/ https://ansch.4lima.de/ein-erfuelltes-gutes-leben/#respond Thu, 18 Jun 2015 11:29:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=6412 Empowernde Landorganisationen und -vereine. Von MARLENE RADL]]>

Der Erhalt der (klein)bäuerlichen Landwirtschaft und Ernährungssouveränität sind die wichtigsten Forderungen der ÖBV Via Campesina. MARLENE RADL sprach mit CHRISTINE PICHLER-BRIX über die Anliegen des Bäuerinnenarbeitskreises.

 

Wie kann der belastenden Situation der Kleinund Bergbäuer_innen entgegengewirkt werden?

Wir fordern mehr Wertschätzung (auch in finanzieller Form) für unsere Arbeit und eine Orientierung der Landwirtschaftspolitik an der Ernährungssouveränität und nicht an der Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt. Es braucht mehr arbeitende Menschen in der Landwirtschaft und eine regionale, kreislauforientierte, ökologische Produktion von Lebensmitteln. Dafür sollen öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Welche sind die aus Ihrer Sicht gravierendsten Probleme von Frauen in der Landwirtschaft?

Grundsätzlich glauben wir, dass ein erfülltes und gutes Leben für Frauen auf den Höfen und im ländlichen Raum möglich ist. Es braucht dazu aber mehr Akzeptanz für vielfältige Lebensentwürfe von Frauen. Das ist auf den Höfen, wo häufig Alt und Jung sehr nahe zusammenleben, eine große Hürde für Frauen. Sie fühlen sich eingeengt und kontrolliert. Vielfach wird in den landwirtschaftlichen Medien noch ein recht enges Bild davon gezeichnet, wie eine Bäuerin zu sein hat. Physische und psychische Gewalt an Bäuerinnen wird kaum thematisiert. Das ständig sinkende Einkommen und die steigenden Kosten auf den Betrieben belasten gerade auch Frauen sehr und führen zu einer noch größeren Arbeitsüberlastung.

Woran arbeiten Sie im Bäuerinnenarbeitskreis?

Wir organisieren (internationale) Bäuerinnenseminare, führen Gespräche mit politischen VertreterInnen, organisieren Informationsveranstaltungen zu Agrarpolitik, Sozialversicherungsproblematik etc. Darüber hinaus schreiben wir für unsere ÖBV-Zeitung und den Bäuerinnenblog. Wichtig bei unserer Arbeit sind ein respektvoller, wohlwollender Umgang untereinander und möglichst viel Kreativität. Auch der Humor darf bei uns nicht zu kurz kommen. Wir Bäuerinnen bestimmen hier, was wir brauchen und machen wollen.

Christine Pichler-Brix ist Obfrau der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer_innenvereinigung (ÖBV Via Campesina Austria), lebt am Attersee und hat 13 Mutterkühe.

Lynn Swanson von der Glendale Shepherd Farm in Clinton, Washington © Audra Mulkern
Lynn Swanson von der Glendale Shepherd Farm in Clinton, Washington © Audra Mulkern, audramulkern.com
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Kein goldenes Wiener Herz https://ansch.4lima.de/kein-goldenes-wiener-herz/ https://ansch.4lima.de/kein-goldenes-wiener-herz/#respond Thu, 18 Jun 2015 11:12:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=6414 Orte und Alltag im Wien der Nachkriegszeit. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Was in Wien unmittelbar nach der Befreiung geschah und an welchen Orten diese Zeit heute noch sichtbar ist, zeigt das Buch „Wien 1945“. FIONA SARA SCHMIDT sprach mit der Autorin über ihre Recherche und über mutige Zeitzeuginnen.

 

Als Käthe Sasso mit ihrer Freundin Mitzi Posch am 31. Mai 1945 zu Fuß aus dem Konzentrationslager Ravensbrück kommt und über die Reichsbrücke den 2. Bezirk erreicht hat, steigen sie auf der Praterstraße in die Straßenbahn. In „Wien 1945“ berichtet sie, was geschah, als sie die Schaffnerin zum Bezahlen aufforderte: „,Bitte, wir zwei kommen aus dem KZ, wir haben kein Geld. Wir können uns keinen Fahrschein kaufen‘, habe ich gesagt. Die ganze Tramway war voller Leute. Niemand hat ein Ohrwaschl gerührt. Die Schaffnerin mit dem schönen Abzeichen hat zur Schnur raufgegriffen und abgeläutet und hat uns gezwungen auszusteigen. Das war die Begrüßung in der Heimat.“ (1)

Keine Aufbruchstimmung. Die bei ihrer Rückkehr 19-jährige Sasso war als Jugendliche im kommunistischen Widerstand, zurück in Wien suchte sie Kontakt zu Familien der ermordeten WiderstandskämpferInnen, die im Landesgericht hingerichtet worden waren. Mehr als 1.200 Menschen starben dort während der 369 Wochen andauernden NS-Diktatur durch das Fallbeil. Sasso trug freiwillig zum Wiederaufbau bei und ging „Ziegelschupfen“, obwohl sie als Opfer von den Arbeiten eigentlich freigestellt war. Doch sie wollte wissen, wie unter den Frauen gesprochen wird, und ihre Befürchtungen wurden bestätigt: „Schuld waren die Befreier, nicht die Nazis, die den Krieg angezettelt hatten.“ Auch bei Amtsgängen bekam sie weiterhin die Verachtung der BeamtInnen zu spüren.
Käthe Sasso ist eine der Zeitzeuginnen, die die Autorin bereits für ihren Sammelband „Frauen 1938. Verfolgte – Widerständige – Mitläuferinnen“ (Milena Verlag 2008) interviewt hat. Ihr neues Buch versammelt kurze Episoden und Berichte rund um die unmittelbare Nachkriegszeit, die sich zumeist an Orten festmachen: „Ich finde es bemerkenswert, wie Orte in Wien bezeichnet oder eben auch nicht bezeichnet sind“, berichtet die Autorin über die Entstehung der Textsammlung. „Ich habe durch die Gespräche mit den ZeitzeugInnen Orte wie die Volkssolidarität in der Rathausstraße entdeckt. Käthe Sasso hat mir etwa erzählt, wie wichtig es für die politischen RückkehrerInnen war, sich dort zu treffen. Man wollte sich mit anderen Verfolgten zusammentun, weil man wusste, wofür man gekämpft und was man durchlitten hatte. Dass die Gruppe 40 des Zentralfriedhofs zur Gedenkstätte wurde, ist Käthes Betreiben zu verdanken. Unter Schwarz-Blau haben sie versucht, das Areal zu schleifen, aber sie hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, damit das verhindert werden konnte.“
Auch das Russendenkmal am Schwarzenbergplatz, für die 18.000 in Wien getöteten Soldaten der sowjetischen Armee, die in der ganzen Stadt und vielen Parks begraben wurden, die Reichsbrücke, deren Sprengung als einzige Donaubrücke vereitelt werden konnte, das Riesenrad, oder aber der Schwarzmarkt im Resselpark am Karlsplatz sind markante Orte, deren Geschichte im Buch erzählt wird.

Krieg & Frieden zugleich. Vilma Neuwirth, Jahrgang 1928, Fotografin und Autorin von „Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien“, hatte als „Mischling 1. Grades“ dank ihrer Mutter in Wien überlebt. Ihr Buch endet mit der Befreiung, ihre Erinnerung an die Zeit danach zeigt die Gleichzeitigkeit von Krieg und Frieden. Denn noch unmittelbar vor Kriegsende gab es in der Förstergasse Erschießungen, die Nazis hatten in den letzten Tagen nichts mehr zu verlieren, erinnert sie sich.
Am 10. April hissten Unbekannte am Stephansdom die weiße Flagge. Am 13. April war die Schlacht um Wien beendet, das zunächst unter sowjetischer Verwaltung stand. Als in Wien die Regierung übernommen wurde, wurde in Amstetten noch gekämpft. Es dauerte noch bis August, bis die anderen Alliierten Wien erreichten und die Bezirke aufgeteilt wurden.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee wandelten sich die regimetreuen Nachbarn: „So wie sie sich 1938 von Menschen zu Bestien gewandelt hatten, so brauchten sie jetzt Alibijuden. Damit uns, Gott behüte, nicht noch was passiert.“ Als nach dem Krieg der Hunger groß war, half ihr ein ebenso Mittelloser weiter: „Ein Bekannter von uns, der Herr Seliger, der in der Nazizeit bei uns als U-Boot untergetaucht war, kam eines Tages und brachte einen russischen Offi zier mit.“ Der jüdische Offi zier aus Moskau nahm sie zu Lagerhäusern der Wehrmacht mit, wo sie sich mit Lebensmitteln eindecken konnte.

Käthe Sasso 1945 © Käthe Sasso
Käthe Sasso 1945 © Käthe Sasso

Keine Heimat. Dass das „Goldene Wiener Herz“ ein Phantasma war und keineswegs alle froh waren, dass Wien befreit war und Verfolgte zurückkehrten, musste auch Elisabeth Markstein erfahren. Sie fl oh als kleines Kind mit ihren Eltern nach Moskau. Ihr Vater war Johann Koplenig, der KPÖ-Vorsitzende und spätere Vizekanzler in der provisorischen Regierung Renner. Kurz nach der Befreiung fl ogen sie Richtung Wien: „Die Fahrt von Vöslau nach Wien im Juni 1945 – meine erste Begegnung mit der Heimat. Ich saß da, wie erschlagen. Und wusste sofort: Hier bin ich fremd.“ Kontakte mit Gleichaltrigen hatte sie nicht, im Kino sah sie sich zum Trost alleine schnulzige Filme an. Das zerstörte Wien erschloss sie sich nach und nach auf traurige Weise, denn eine Mitschülerin aus Moskau bat sie, das Grab des Sohnes einer Bekannten zu suchen. Sie klapperte die gesamte Stadt ab, suchte im Türkenschanzpark, wo es vermutet wurde, sie sah „(…) überall Hügel mit dem roten Sowjetstern, manchmal auch nur mit einer kleinen Tafel. Doch meinen Gefallenen konnte ich nicht fi nden. Mir blieb nur, einen traurigen Brief nach Moskau zu schreiben. So lernte ich Wien kennen.“

Mythos Trümmerfrauen. Es ist der Verdienst der feministischen Forschung, dass die Frauen der Aufbaugeneration immer mehr in den Fokus von historischen Untersuchungen gestellt wurden. Wiederaufbau war Frauenarbeit, das Überleben musste gesichert und häufi g alleine eine Familie ernährt werden. Frauen stellten nach dem Krieg 65 Prozent der Bevölkerung Wiens. Die neuen Handlungsspielräume und die neue Selbstständigkeit, die sich dadurch für Frauen ergaben, werden wenig erinnert. Stattdesen wird gerne der sich aufopfernden „Trümmerfrauen“ gedacht. Wie kam es, dass sie als treibende Kraft des Wiederaufbaus erinnert wurden und zum Teil noch werden? „Die Tatsache, dass diese Frauen als bekennende und fanatische Nationalsozialistinnen in den ersten Monaten der Nachkriegszeit dazu verpfl ichtet wurden, die Straßen von Schutt zu befreien, war völlig in Vergessenheit geraten“, schreibt Stein thaler. Unter Schwarz-Blau gab es eine einmalige Entschädigungszahlung von 300 Euro für Frauen, die mindestens ein Kind geboren haben und 2007 als bedürftig galten. Dabei wurde allerdings nur nach Jahrgang und nicht nach politischer Mitverantwortung gefragt. Im Gespräch erläutert Steinthaler, warum seit der Nachkriegszeit die „Trümmerfrauen“ zu heldenhaften schuldlosen Opfern stilisiert wurden: „Die Mythenbildung hat sich über Jahrzehnte entwickelt und liegt wohl am Wille zum Vergessen und zur Selbstbestimmung und dass selbstbewusst in die Zukunft geschaut werden sollte. Im Laufe der Zeit wurde dabei immer mehr weggelassen. 1945 stand in den Zeitungen, es habe keine ÖsterreicherInnen gegeben, die sich für Hitler begeistert haben, das kam immer nur von außen. Das war die Propaganda nach dem Krieg: Wir haben nichts dafür gekonnt, wir sind nur hineingerutscht.“

(1) Zitate aus Evelyn Steinthaler: Wien 1945, Milena Verlag 2015, 18,90 Euro

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Essen trifft Erdöl https://ansch.4lima.de/essen-trifft-erdoel/ https://ansch.4lima.de/essen-trifft-erdoel/#respond Thu, 18 Jun 2015 10:55:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=6416 Feministische Kunst auf der Biennale von Venedig. Von INA FREUDENSCHUß]]>

Zwischen viel Theorie und Anklage bietet die diesjährige Biennale auch Raum für sinnliche Momente, durfte INA FREUDENSCHUß in Venedig erfahren.

 

Die Ausstellung soll eine Einladung sein, über „Trümmer“ und „Überreste“ nachzudenken. Klingt nicht besonders verlockend? Das kann im Fall der Biennale ganz schön aufregend und fordernd sein. Chef-Kurator Okwui Enwezor hatte den Wunsch, die Besucher_innen mit der „Lage der Dinge“ zu konfrontieren – und diese ist bekanntlich höchst besorgniserregend. Klimakatastrophen, Armut, ökonomische Krisen und Kriege lassen althergebrachte Narrative immer bröseliger werden.
„All the world’s futures“, so der Titel der Schau, reflektiert diese Themen und versammelt zu diesem Zweck zahlreiche „post-westliche“ Positionen. Noch nie waren so viele Künstler_innen auf der Biennale vertreten, die an den sogenannten Rändern zu Hause waren oder es immer noch sind. Große strukturelle Fragen wie Armut, Arbeit, Rassismus, Sexismus und Umweltverhältnisse werden dabei nicht mehr als Randthemen bearbeitet, sondern sind bei vielen Arbeiten Ausgangspunkt der Reflexion.

Mythen und Machtsymbolik. Die gebürtige Kenianerin Wangechi Mutu lässt in ihrer Videoarbeit „The End of Carrying it All“ eine Feldarbeiterin Früchte auf ihren Kopfkorb legen, bis aus dem Korb eine Bohrinsel geworden ist. Ästhetisch vermischt sie dabei Elemente der Science Fiction mit alter Mythologie. Die dazu passende Skulptur mit dem Titel „She’s got the whole world in her“ zeigt eine Schwarze nackte Frau, die sich aus einem Drahtkäfig zwängt und damit eine Welt hinter sich lässt, die von postimperialen und auch feministischen Zeichen determiniert ist.
Im Arsenal, wo Sammeln und Archivieren generell als starkes Motiv vieler Arbeiten auszumachen ist, befindet sich das Research-Projekt „subject: what women want“ von Petra Bauer. Die Schwedin hat die Ursprünge der sozialistischen schwedischen Frauenbewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erforscht und zeigt in der Installation „a morning breeze“ historische Flugblätter, Fotos von Frauengruppen und Auszüge aus der ersten schwedischen Frauenzeitschrift. Tatsächlich mutet die Arbeit eher wie ein kleines Zeitgeschichte-Museum an denn als eine Kunstinstallation. Trotzdem eignet sie sich dafür, die damaligen Forderungen auf heutige Verhältnisse zu übertragen und nach ihrem Realisierungspotenzial zu fragen.
Ebenfalls im Arsenal zeigt die feministische Installationskünstlerin Monica Bonvicini eine völlig neue Arbeit: Sie lässt in Beton und schwarzen Gummi getauchte Kettensägen von den Wänden baumeln und eignet sich damit einmal mehr männlich konnotierte Machtsymbole an.

Duftende Blubberblasen. In den Länderpavillons, die sich zum Teil genusswandelnd in den Giardini erreichen lassen, befinden sich auch einige interessante weibliche Positionen. So hat die Amerikanerin Camille Norment den schon rein architektonisch beeindruckenden nordischen Pavillon mit ihrer Sound-Installation „Rapture“ in ein Selbsterfahrungsexperiment verwandelt, das alle Sinne berührt. Die Glasharmonika, ein historisches Instrument, generiert ihren Sound aus Wasser und Glas und stand anno dazumal im Verdacht, bei Frauen Ekstase und sexuelle Erregung zu provozieren. Für „Rapture“ hat die Künstlerin ein neues Stück auf ebendiesem Instrument komponiert. Sie lässt damit die Besucher_innen an den verführerischen Klängen des lange Zeit verpönten Instruments teilhaben.
Ein Hot-Spot ist auch der Schweizer Pavillon, in dem die junge Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz mit den biochemischen Grundlagen unserer technologisch aufgerüsteten Konsumwelt experimentiert. Im Zentrum ihrer Arbeit steht ein Becken mit rosafarbener Flüssigkeit, die seltsam riecht und sanft vor sich hinblubbert. Wesentliches Detail: Die Farbe entspricht dem standardisierten Hautton, der aktuell als weiße Hautfarbe in der Werbung verwendet wird. Den Pavillon durchweht angeblich ein synthetisch hergestellter Babyduft, der aber zumindest dieser Rezensentin nicht in den Sinn kam.

Wangechi Mutu: „Blue Eyes“ © La Biennale / 56th International Art Exhibition
Wangechi Mutu: „Blue Eyes“ © La Biennale / 56th International Art Exhibition

Fahrende Bäume. Im schwedischen Pavillon zeigt Lina Selander eine beeindruckende historische Arbeit. Darin kombiniert sie deutsche Geldscheine aus den frühen 1920er-Jahren mit poetischen Filminstallationen, die erzählen, wie aus Mnemosyne, der griechischen Göttin der Erinnerung, in Rom die Göttin Moneta wurde – und damit die Erinnerung vom Geld verdrängt wurde. Eine kluge Arbeit mit und durch Assoziationsketten.
Im Gegenteil von subtil schwelgt hingegen Sarah Lucas im britischen Pavillon. Dieser leuchtet schon von Weitem hellgelb (ein Verweis auf die süße „Englische Creme“) und auch innen soll die Farbe für „gute Laune“ (Zitat Pressetext) sorgen. Im Ausstellungsraum hat Lucas unter anderem weiße Frauentorsos aufgestellt, deren Körperöffnungen zuweilen Zigaretten zieren. Bei so viel Ironie qualmt die Möse … oder so ähnlich. In den sozialen Medien war der creme-und-baiser- farbene Pavillon jedenfalls sehr beliebt. Definitiv einen Besuch wert ist der französische Pavillon von Céleste Boursier-Mougenot direkt nebenan. Darin fahren zwei originalgroße Bäume inklusive Wurzelstamm den Steinboden entlang und surren dabei leise vor sich hin. Die Zuseher_innen können sich auf überdimensionierten Schaumsofas ausstrecken und vom kühlen Schatten aus das Schauspiel der Pflanzen-Maschinen-Hybride auf sich wirken lassen.
Verblüffende Effekte liefert auch der kanadische Pavillon mit der Arbeit „Canadissimo“. Das Künstlerkollektiv BGL hat ein Gebäude aus Recycling-Materialien errichtet, das die Besucher_innen durchwandern können. Die Tour startet mit einem Tante-Emma-Laden, in dem bei genauem Hinsehen die Waren vor dem eigenen Auge verschwimmen. Ein weiterer Raum ist überfüllt mit übergelaufenen Farbdosen und sonstigen Objekten. Ganz oben auf der Terrasse kann frau Kleingeld über eine Kugelbahn laufen lassen und sich in einem Wandbild verewigen. Die Arbeit ist ein skurriles Haus aus Recycling-Materialien geworden, das Waren und die dahintersteckende Produktivität Kopf stehen lässt.
Das Besondere an der diesjährigen Biennale ist ihr prozesshafter Charakter. Das Kuratorium legt einen großen Schwerpunkt auf Performance, Gesang und Theater, der sich über die gesamte Laufzeit bis 22. November erstreckt. Zentrum dieser Aktivitäten ist die „Arena“, eine Bühne im Hauptpavillon in den Giardini. Dort finden kontinuierlich Live-Performances statt, so zum Beispiel eine dreistündige Lesung von Karl Marx „Das Kapital“. Doch abgesehen davon gibt es hier auch wahre Geheimtipps zu entdecken: den Komponisten Julius Eastman zum Beispiel, der seinen drängenden Klavierstücken so poppige Titel wie „Gay Guerilla“ gab. Und weil die Zeit sowieso nicht reichen wird, um alles zu sehen, sei abschließend geraten, sich am besten einfach durch die Gärten treiben zu lassen.

Ina Freudenschuß ist als leidenschaftliche Hobby-Kunstrezipientin schon wieder bereit für eine zweite Runde Biennale.

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an.klang: Häutungen und Versteckspiele https://ansch.4lima.de/an-klang-haeutungen-und-versteckspiele/ https://ansch.4lima.de/an-klang-haeutungen-und-versteckspiele/#comments Thu, 18 Jun 2015 09:22:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=6419 Femtastischer HipHop. Von SOOKEE]]>

Alte Häsinnen und junge Begegnungen: Die HipHop-Playlisten bekommen neues Material. Femtastic! Von SOOKEE

 

Der Scheuklappen-Blick im Deutschrap hinsichtlich weiblicher Präsenz zeigt sich dieser Tage rund um das anstehende Release Karma Karussell (58muzik/Good To Go) von Nazz. Sie ist eine, die eigentlich dabei sein müsste, wenn mühselig an einer Hand – seltener an zwei Händen – Namen von Rapperinnen abgezählt werden, wenn es denn sein muss. Nazz ist schon so viele Jahre dabei, eigentlich sollte jeder HipHop-Fan wenn schon nicht einen Refrain mitrappen, so doch zumindest ihre Stimme auf Anhieb identifizieren können. Nazz macht es dem Publikum allerdings nicht leicht: Sie spielt das Spiel nämlich schlichtweg nicht mit, verweigert das Posen im Rampenlicht, schmeißt die Promo-Maschine eher widerwillig an, gibt in Interviews kaum etwas preis und käme vor allem nie auf die Idee, die zweischneidige Frauen- oder gar Lesbenkarte zu spielen. Stattdessen will, nein, muss sie einfach schreiben, und ab und an werden Songs potenzielle Kandidaten für ein Album, das dann erst ein paar Jahre später seinen Weg in die Öffentlichkeit findet.
Inhaltlich ist sie ganz und gar nicht beliebig, dennoch bietet sie viel Identifikationsraum: Es geht um die Tiefen des Lebens und die psychoemotionalen Schichten, die noch darunter liegen. Um die knallharten Momente des Selbstzweifels, die Unfähigkeit, sich mit sich selbst zu arrangieren, geschweige denn zu versöhnen, aber auch darum, dass die Liebe den Menschen im Leben hält und Ängste und Überforderungen zumindest für eine kleine Weile an den Horizont verschiebt. Nazz konfrontiert und fordert aufmerksame Ohren nicht zu knapp. Flows und Reime treten bei so viel lebensphilosophischer Routine und MC-Souveränität in den Hintergrund, sodass sich in Gänze auf das Innere einer wunderschönen, reifen Stimme konzentriert werden kann.

Oh Blimey ist insgesamt eine gute Nachricht: Eine junge, queere Rapperin aus San Francisco, die unheimlich hungrig jedes Mic verschlingt, das ihr angeboten wird. Ihre Delivery brennt sich ein, die Flows sind kreativ und präzise, Rap-technisch und gesanglich wird die erfahrene Hörerin unheimlich glücklich gemacht. Eine wirklich vielversprechende Künstlerin, deren Zukunft Großes verheißt. Ihr aktuelles Mixtape Mnfsto (Download) verabreicht eine wohltuende Mischung von Ausgelassenheit und Party mit kritischen Erzählungen rund um die Gnadenlosigkeit der Musikindustrie und den Erfahrungen, die eine junge Frau wie Oh Blimey macht, die nicht willens ist, in Schubladen zu verschwinden.

Carmel Zoum © Composio
Carmel Zoum © Composio

Ihr Weg beginnt im Kongo, führt sie kurz nach Russland, lange Zeit nach Frankreich und trägt sie aktuell nach Deutschland: Carmel Zoum sammelt musikalische und kulturelle Einflüsse und befindet sich deshalb in ständiger Entwicklung. Die Metapher der Verwandlung inspirierte sie zum Titel ihre Debüt-Albums Skwamat (Springstoff/ Download), das sich eben auf die Häutung bei Reptilien bezieht. Der Sound bewegt sich zwischen Dancehall, Drum’n’Bass, Reggae und Soukuss, und Carmel Zoum nutzt diesen Raum, um sich textlich linkspolitischen Klassiker- Themen wie Kapitalismuskritik, Antirassismus und Anarchie zu widmen.

Hochgradig ambitioniert überraschte das schwedisch-holländische All-Women-Projekt FAM mit einem 7-Track-Minialbum Fam First (Download) Anfang des Jahres die europäischen HipHop-Standards. Rund zwanzig Members aus den Crews „Dam Dutchess“, deren Mistressmind MC Melodee unheimlich kraftvoll die Fahne für Skills und Solidarität schwingt, und „Femtastic“, die Dank DJ Eka Scratch den Weg in das Projekt fand, zelebrieren weibliche Hörbarkeit. In nur drei Tagen wurde das Release aus der Taufe gehoben, nachdem sich rund 15 MCs in Amsterdam im Studio aufeinander einließen. Das Ergebnis ist ein beeindruckend vielfältiges HipHop-Album, das Trap, Bass, Dancehall und Soul auf einen Beat bringt. Ein Mammutprojekt, das in seinem Vorbildcharakter dringend zur Nachahmung empfohlen ist: In einer kleinen Dokumentation zum Projekt beschreibt MC Melodee, dass die Wirksamkeit wächst, wenn man das eigene Ego beiseite tut, einander Raum gibt und sich wechselseitig bestärkt.

Nazz: Karma Karussell http://www.nervousnazz.de

Oh Blimey: Mnfsto (Mixtape) ohblimeymusic.com

Carmel Zoum: Skwamat www.carmelzoum.biz

FAM: Fam First www.damdutchess.com

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an.künden: Cuties only https://ansch.4lima.de/an-kuenden-cuties-only/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-cuties-only/#respond Thu, 18 Jun 2015 09:13:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=6441 Zum ersten Mal findet in Berlin das Cutie BPoC Festival statt.]]>

Zum ersten Mal findet in Berlin ein Festival statt, das sich theoretisch und praktisch mit der Verknüpfung der beiden Strukturkategorien Race und Gender auseinandersetzt. Das Cutie BPoC richtet sich dabei ausschließlich an queere_trans*_inter* Schwarze und People of Colour und möchte einen Raum schaffen, in dem u. a. die Themen Rassismus, Gemeinschaft, Gender, Identität, Migration, Gesundheit und Kunst diskutiert werden. An drei Tagen werden spannende Workshops, Performances und Lesungen angeboten.

24.–26.7.: Cutie BPoC Festival, verschiedene Orte in Berlin, www.cutiebpocfest.com

© Cutie BPoC
© Cutie BPoC
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an.künden: Wave-Rausch https://ansch.4lima.de/an-kuenden-wave-rausch/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-wave-rausch/#respond Thu, 18 Jun 2015 09:08:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=6439 Konzerte der Wiener Band Me & Jane Doe sind immer ein Highlight.]]>

Wie „dichter Raureif im Nadelwald“, „schweres Frauenparfum“ oder „langer guter Sex am Klo einer Hotelbar“ – so beschreibt die Wiener Band Me & Jane Doe ihre Musik. Ihre Konzerte sind immer ein Highlight: Das Publikum kann sich auf einen sinnlichen Rausch in einer düster-melancholischen Atmosphäre, auf tanzbare Beats und queere Songtexte einstellen. Musikalisch lässt sich die Band um an.schläge-Kolumnistin Denice Bourbon irgendwo zwischen Dark Wave und Disco einordnen. Soeben haben sie ihr Debütalbum präsentiert, im Sommer und Herbst können sie mehrfach auf der Bühne bewundert werden.

Me & Jane Doe, 29.8. Gürtelnightwalk Wien, 5.9. Volksstimmefest Wien, 2.10. Südblock Berlin, www.meandjanedoe.tumblr.com

© Martin Johann Krennbauer
© Martin Johann Krennbauer
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an.künden: Kick it! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kick-it/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kick-it/#respond Thu, 18 Jun 2015 09:05:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=6437 Der FIFA Women’s WorldCup kann heuer beim Public Viewing Wien live mitgeschaut werden.]]>

Der FIFA Women’s WorldCup wird heuer in Kanada ausgetragen. 24 Teams treten in sechs Gruppen an. Mit einem Public Viewing Projekt will die Wiener Sportalternative gemeinsam mit den Grünen Frauen und dem Verein Fairplay bereits zum dritten Mal mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf den Frauenfußball lenken – den meist nächtlichen Sendezeiten zum Trotz. Zum Viertelfinale gibt es außerdem eine Podiumsdiskussion mit Expertinnen aus Politik, Medien und Spielpraxis.

bis 5.7.: Frauenfußball-WM, Public Viewing Wien im Hawidere und Kringers, https://sportalternative.wordpress.com/pvevents

26.6., 19.00: „Frauenfußball und ihre Fans“ Podiumsdiskussion, Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz, 1070 Wien

© Andrea Williams/flickr
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neuland: Du Tarzan, ich Jane https://ansch.4lima.de/neuland-du-tarzan-ich-jane/ https://ansch.4lima.de/neuland-du-tarzan-ich-jane/#respond Thu, 18 Jun 2015 08:45:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=6427 NeulandIch hätte nie gedacht, dass mir mein künftiger Ehepartner „fremd“ sein könnte. Von JEANNA KRÖMER]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

Ich hätte nie gedacht, dass mir mein künftiger Ehepartner „fremd“ sein könnte. Man muss doch als Kind dieselben Zeichentrickfilme gesehen haben, um als Erwachsene seelenverwandt zu sein, oder? Man muss „aus demselben Teig gebacken“ sein und im Bett dieselbe Sprache flüstern!
Doch nun bin ich schon seit sieben Jahren mit einem Mann zusammen, der für mich mal irgendein „Kerl vom deutschen Techniksupport“ eines gemeinsamen Projekts und für den ich anfangs bloß eine „belarussische Menschenrechtlerin“ war. Ich habe nie die „Sendung mit der Maus“, er nie den russischsprechenden Winnie Puuh erlebt. Ich esse zum Frühstück Buchweizenbrei, er nimmt belegte Brötchen. Ich fluche saftig auf russisch, er erkennt nur an der Intonation, dass ich ihm gerade keine Liebeserklärung mache. Er fühlt sich völlig im Recht, wenn er ÄrztInnen oder BeamtInnen tausend Fragen stellt, ich zucke dabei innerlich zusammen. In meinem Land gibt es keine Münzen, deswegen wandert mein ganzes Kleingeld großzügig in sein Portemonnaie, denn ich zahle nur mit Scheinen. Er steht auf deutsche Ordnung, ich freue mich insgeheim, dass es jemanden gibt, der das gehasste Abheften von Dokumenten übernimmt. Wenn ich die Initiative ergreife, fühlt er sich nicht in seiner männlichen Würde verletzt. Danke an alle Generationen deutscher Feministinnen!
Nun fragen wir uns, ob die ersten „Ois“ und „Aahs“ unseres Kleinen wohl deutsch oder russisch waren. Aber wie auch immer: Die Zeichentrickfilme in beiden Sprachen stehen jetzt für uns beide auf dem Programm, ob wir wollen oder nicht. Es gibt nur eins, was mich in unserer binationalen Ehe jedoch wirklich stört: das Apfelmus, mit dem mein Mann seine Kartoffelpuffer isst. In Belarus sind Kartoffelpuffer nämlich ein heiliges Nationalgericht und werden nur salzig genossen. Ach Liebster, es tut mir so weh, das zu sehen! Nimm doch bitte saure Sahne!

Jeanna Krömer schreibt aus Berlin zu Osteuropa, neuen Medien und Menschenrechten. Kontakt: jakroemer@gmail.com

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lebenslauf: The Bearded Ladies https://ansch.4lima.de/lebenslauf-the-bearded-ladies/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-the-bearded-ladies/#respond Thu, 18 Jun 2015 08:38:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=6424 LebenslaufIch vernehme, dass viele von der bärtigen Kunstfigur schon wieder genug haben. Von CHRISTIANE ERHARTER]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

Ich vernehme, dass viele von der bärtigen Kunstfigur schon wieder genug haben: Conchita hier, Conchita da. Conchita mit Ulrike Lunacek im Europaparlament für Offenheit gegen Diskriminierung. Conchita mit Ban Ki-moon für den Weltfrieden. Conchita baut Brücken für den Song Contest und setzt sich sogar für Russland ein. Zu allem hat „die Wurst“ eine Meinung und wurde auch nach dieser gefragt, obwohl sie doch – wie sie selbst in bekannter Bescheidenheit äußerte – nur Show macht und eben nicht Herzchirurgie. Mit einer Aussage hat sie jedenfalls tausendprozentig Recht: Kaum etwas provoziert so viel Aufmerksamkeit und Reaktion wie eine Dame mit Bart. Nichts irritiert so sehr wie ein Oberlippenbart in einem Frauengesicht, bereits ein Hauch davon wird als störend wahrgenommen und von der Betroffenen deshalb meist auch sofort entfernt.
Mit fortschreitendem Alter sprießt auch bei mir der Oberlippenbart. Während ich also mit der Nagelschere mein Bärtchen trimme, denke ich an die „bärtige Frau“ Julia Pastrana. Ihr Leben war tragisch. Pastrana litt an Hypertrichose, einer Haarwuchsstörung, und war nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper behaart. Sie war ausgebildete Sängerin und Tänzerin und tourte als Attraktion durch das Europa des 19. Jahrhunderts, wo sie als „hässlichste Frau der Welt“, „Affenfrau“ oder „Bärenfrau“ präsentiert wurde. Sie war mit dem Mann verheiratet, der auch ihre Shows organisierte. Pastrana starb 1860 erst Mitte zwanzig an den Folgen der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Ihr skrupelloser Mann ließ die tote Julia und das ebenfalls verstorbene Kind präparieren und stellte die beiden noch über ihren Tod hinaus zur Schau. Erst 2013 wurde der Leichnam Pastranas von Norwegen nach Mexiko überstellt und die tiefgläubige Katholikin konnte ihrem letzten Willen entsprechend in ihrer Heimat begraben werden. Könnte nicht Conchita über Julias Leben singen?

Christiane Erharter trägt im Sommer 2015 wieder Bart.

 

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher
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an.sprüche: Girls only https://ansch.4lima.de/an-sprueche-girls-only/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-girls-only/#respond Thu, 18 Jun 2015 08:34:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=6435 Wenn Frauen gemeinsam reisen. Von BETTINA ENZENHOFER und SYLVIA KÖCHL]]>

Auch bei den Frauenreisen locken mittlerweile zahlreiche Angebote. BETTINA ENZENHOFER und SYLVIA KÖCHL über Urlaubserlebnisse unter Frauen: zu Wasser und in der Wüste.

 

Wohin bloß auf Urlaub? Und mit wem? Ich wollte zwar alleine verreisen, aber vor Ort nicht einsam sein. Eine Freundin hatte von Frauen-/ Lesbenreisen geschwärmt, eine andere von gemischten Surf-Camps. Google hat zig Women-only-Surf-Camps ausgespuckt. Eine Woche lang in Portugal mit anderen (alleinreisenden?) Frauen eine neue Sportart lernen – warum eigentlich nicht? Bei einer Gruppe von acht sollten außerdem bestimmt zwei, drei lesbische Frauen dabei sein. Und außerdem: Women only – hallo? Das muss doch Feministinnen anziehen!
Dachte ich.
Erste Versuche beim Surfen in einer Frauengruppe fühlen sich ziemlich gut an. Es ist nicht selbstverständlich, sich andauernd motivierende Worte zuzurufen, wenn die Welle wieder mal stärker war – oder sich gemeinsam zu freuen, wenn eine mal nicht unter, sondern ganz elegant auf dem Brett zum Strand rutscht. Plus: dabei nicht wie in einer gemischten Gruppe irgendwelchen Typen gefallen zu wollen, sondern unter sich zu sein. Es gab viele intime Gespräche und eine bemerkenswerte Vertrautheit unter den Alleinreisenden.
Davon abgesehen war ich aber wirklich überrascht, wo ich gelandet war. Seit 33 Jahren hatte ich als Frau gelebt und kenne natürlich Schönheitsnormen, aber die in der Gruppe vorherrschenden Vorstellungen vom Frau-Sein waren mir doch neu: Die Achsel zuletzt vor einem Tag rasiert? Ein No-Go. Blaue Flecken auf den Beinen? Unweiblich! Typen waren Dauerthema, boyfriend hier, boyfriend da, hast du den Six-Pack von dem Surfer dort drüben gesehen? Nicht mal als (Hetero-)Teenager habe ich in dieser Intensität über Männer gesprochen.
Mit meinem „Gender Failure“-Buch in der Hand war ich oft unsicher, wie ich auf die anderen wirke, und erst Mitte der Woche habe ich mich getraut, von meiner Freundin zu erzählen. Für mein wallendes Achselhaar habe ich mich aber nicht entschuldigt.
Heuer gehe ich kein Risiko ein: Skala Eressos auf Lesbos wartet!

Bettina Enzenhofer muss gestehen, dass sie zig lesbisch_feministische Klischees erfüllt. Bei Weiblichkeitsnormen möchte sie aber lieber nicht mitmachen.

 

© Bianca Tschaikner
© Bianca Tschaikner

 

Auf der Flucht vor dem beginnenden Wiener Winter mit meiner besten Freundin nach Lanzarote zu fliegen, einer kanarischen Vulkaninsel im wilden Atlantik, und noch dazu in einem Frauen/Lesben-Urlaubshaus zu wohnen, war eine Spitzenidee.
In der Casa M. mieteten wir uns ein: betrieben von einem deutschen Lesbenpaar, klasse ausgestattet, moderat im Preis und auf der Homepage wunderschön anzusehen. Das war es dann auch, das Haus – wunderschön. Das Kaff, in dem es steht, schon weniger. Und die Entfernung zum Meer hatte auf der Karte deutlich kürzer ausgesehen als der tatsächliche Fußmarsch von einer Stunde durch eine Art Wüste. Tipp: Wohlhabende Frauen nehmen sich dort von Anfang an ein Leihauto. Dass wir zu spät eines nahmen, war allerdings nicht unser größter Fehler: An einem der letzten Tage gingen wir mit den Betreiberinnen der Casa M. auf einen Kaffee und erfuhren Details, die wir lieber nicht gewusst hätten. Die eine hatte anfangs auf Lanzarote noch Töpferarbeiten hergestellt und verkauft. Und die Töpfe, die sie fertigte, seien nie zu Bruch gegangen. Weil sie Regelblut in den Ton geknetet hat! Und nachdem sie selbst „aufgehört hatte zu bluten“, bekam sie per Post volle Binden und Tampons von Freund_innen zugeschickt. Wir sahen wohl ziemlich skeptisch drein, denn nun wurde uns erklärt, es sei ja schließlich auch kein Märchen, dass „blutende Frauen“ nicht in Weinkeller gehen dürfen, weil nämlich sonst der Wein sauer wird. „Die Macht der Frauen“ eben. Flankiert wurde das alles von rassistischen Bemerkungen über die unfähigen spanischen Handwerker und die korrupte spanische Politik plus darüber, dass die beiden aus „dem patriarchalen System“ schon so gut wie ausgestiegen seien, nur ein Bankkonto hätten sie noch, weil – bedeutsames Augenrollen – ohne Konto könne frau im Patriarchat kein Geschäft betreiben.
Zusammengefasst: Sportlichen und/oder wohlhabenden Frauen, die von den geheimnisvollen Mächten zwischen ihren Beinen genauso überzeugt sind wie die beiden Gastgeberinnen, sei die Casa M. wärmstens empfohlen.

Sylvia Köchl ist, auch wenn das jetzt so klingt, sonst keine „Urlaubszicke“, und Lanzarote an sich ist spektakulär!

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an.sage: islamophobphob https://ansch.4lima.de/an-sage-islamophobphob/ https://ansch.4lima.de/an-sage-islamophobphob/#comments Thu, 18 Jun 2015 08:28:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=6433 Zur linken „Islamophobie“-Kritik. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Der Begriff „Islamophobie“ ist in die Kritik geraten. Denn als „islamophob“ könne der aus gutem Grund islam- und regimekritische Exiliraner ebenso gelten wie die rassistische Pegida-Anhängerin, die um ihr Abendland fürchtet. Den von Strache, Sarrazin und Konsorten geschürten Hass gegenüber MuslimInnen bezeichnet die Sozialwissenschaftlerin Fanny Müller-Uri deshalb lieber als „antimuslimischen Rassismus“.
Kritik am Begriff kommt aber auch aus einer ganz anderen Richtung und zielt auch auf ganz anderes ab. Im Unterschied zu Fanny Müller-Uri, die ein besseres Begriffinstrumentarium will, um Diskriminierung adäquat analysieren zu können, geht es hier darum, Kritik gegen „den Islam“ vorbringen zu wollen, ohne fürchten zu müssen, deshalb als islamophob zu gelten. Die aktuelle Ausgabe der Wiener Zeitschrift „Malmoe“ hat einen Schwerpunkt zum Thema, der diesen Tenor teilt. Weil IS-Terror und islamistische Menschenrechtsverletzungen Realität sind, sei es völlig verfehlt, antiislamisches Ressentiment alleine mit eurozentrisch-orientalistischem Othering, also der Errichtung eines westlichen Feindbildes, zu erklären, heißt es. Religionskritik sei überdies ein fundamentaler Bestandteil linker Aufklärung, würde gegenüber dem islamischen Glauben aber viel zu zögerlich oder gar nicht betrieben. Der Islam würde von Linken sogar idealisiert, sagt der Autor Sama Maani im „Malmoe“-Interview. Seine Aussagen sind besonders kritikwürdig, knüpft solch ein Diskurs doch erschreckend nahtlos an jenen rechter PopulistInnen an, die vorgeben, sich von „Gutmenschen“ und ihrer „Political Correctness“ in die Enge gedrängt und dadurch in ihrer „Das wird man doch noch sagen dürfen“-Freiheit beschränkt zu fühlen. Diese Klage kommt also nun zunehmend auch aus der Ecke der (antideutschen) Linken. Und wie die Sarrazins und die Straches dieser Welt lässt auch diese sich offenbar nicht davon beirren, dass seit mehr als einem Jahrzehnt kaum etwas so ausdauernd beschworen und beklagt wird wie „Parallelgesellschaften“ und „islamische Integrationsverweigerer“.

Sich dabei einen neuen und besonders differenzierten Blick auf den Islam auf die Fahne zu schreiben, ist besonders dreist. Denn zwischen „Muslimness“, also selbst- oder fremdbestimmtem „Muslimischsein“, einerseits und menschenverachtender islamistischer Herrschaftsideologie oder repressiver Religiosität andererseits zu unterscheiden und die beiden Letzteren selbstverständlich in aller Schärfe zu kritisieren – das tun viele FeministInnen seit geraumer Zeit. Gerade angesichts der mitunter zutiefst rassistischen Debatten um Kopftuch, sogenannte Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen wird für solch eine Unterscheidung von linken Feministinnen längst vehement gekämpft. Und es ist ihrem Insistieren auf Differenzierung zu verdanken, dass selbst Alice Schwarzer sich inzwischen mitunter einzuräumen genötigt sieht, dass wohl nicht alle MuslimInnen misogyne DjihadistInnen sind.
Islamkritikerinnen wie Necla Kelek und Hirsi Ali werden also nicht deshalb angefeindet, weil „ihnen Verrat am linken Schutzobjekt ‚Islam‘ vorgeworfen“ würde, wie Sama Maani unterstellt. Sie werden allein deshalb kritisiert, weil sie immer wieder rechtsreaktionäre Positionen vertreten und sich dabei auch zu absolut skandalösen Aussagen versteigen. Nekla Kelek etwa ließ sich bekanntlich über generell triebgesteuerte muslimische Männer aus, die es notfalls auch mit Tieren treiben würden. Ayaan Hirsi Ali hat sich zuletzt direkt auf Anders Breiviks Manifest bezogen, wonach dieser nur zu Gewalt getrieben wurde, weil seine Islamkritik zuvor öffentlich zensiert worden sei.
Natürlich muss Islamkritik möglich sein. Selbstverständlich ist der IS ein mörderisches Regime. Ohne Frage muss islamistischer (Staats-)Terror verurteilt werden, genau wie auch jede islamistisch inspirierte Form patriarchaler Gewalt. Aber fundiert kann solch eine Kritik nur sein, wenn dabei berücksichtigt wird, dass Zwangsverheiratung nicht nur mit Religion, sondern auch etwas mit europäischer Asylpolitik zu tun hat, die Menschen immer weniger Möglichkeiten legaler Einwanderung lässt. Oder wie soziale Segregation und Stigmatisierung zu religiöser Radikalisierung beitragen.
Der Vorwurf, die Linke scheue vor Kritik zurück, ist grundfalsch. Im Gegenteil: Sie scheut vor zu wenig Kritik zurück. Denn Religionskritik alleine ist zu wenig, um religiösen Fundamentalismus zu erklären. Dafür braucht es Machtkritik. Bestenfalls sogar: feministische Machtkritik. Dabei kann man dann auch gerne über brauchbare Begriffe diskutieren.

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medienmix https://ansch.4lima.de/medienmix-7/ https://ansch.4lima.de/medienmix-7/#respond Thu, 18 Jun 2015 08:23:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=6430 fernseher_anschlaege_feminismus_oesterreichAngefreundet * Verheiratet * Geschieden]]> fernseher_anschlaege_feminismus_oesterreich

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Angefreundet

In einem Zyklus zur Menstruationsaktivistin: Auf ihrer Website Become A Menstruator bietet die Künstlerin Petra Mattheis ein Programm von 28 Tagen an – für alle, die sich bislang mit ihrer Periode nicht so richtig anfreunden können. Kampfschrei: „BAM!“ Als DIY-Aktivismus kann frau mit schicken Vorlagen Steetart basteln, um der Umwelt ihren Menstruations-Stempel aufzudrücken. Bis Ende Juli sind die Ergebnisse auch in Leipzig zusammen mit (blut)roten Arbeiten ausgestellt: http://thegrassisgreener.de, http://becomeamenstruator.org.

 

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Verheiratet

Immer nur dünne, weiße Hetero-Bräute mit weißem Kleid und Blumenmeer? Zwei End-Zwanzigerinnen mit Abschluss in Gender Studies und Erfahrung in der Planung und dem Fotografieren von Hochzeiten hatten keine Lust mehr auf stereotype Hochzeits-Magazine. Soeben wurde die erste Ausgabe von Catalyst veröffentlicht, eine Zeitschrift für feministische Bräute. Die „perfekte“ Hochzeit gibt es nicht, meinen sie, stattdessen sollen schöne Feste und spannende Paare präsentiert werden. www.catalystwedco.com.

 

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Geschieden

Was passiert, wenn zwei Ehemänner sich nach einer zwanzig Jahre andauernden Affäre als Paar outen? Grace & Frankie sind sich bislang nur als Ehefrauen der Anwaltspartner begegnet und können sich nicht besonders gut leiden. Nach dem ersten Schock über die Entscheidung ihrer Männer starten die beiden Rentnerinnen, dargestellt von Lilly Tomlin und Jane Fonda, aber gemeinsam noch einmal richtig durch. Zuschauer_innen der Netflix-Serie und die Kritik sind von der Comedy-Serie begeistert und eine zweite Staffel ist bereits gesichert.

 

 

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bonustrack: Die Wettsängerinnen https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-wettsaengerinnen/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-wettsaengerinnen/#respond Thu, 18 Jun 2015 07:25:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=6422 Es gibt einen ganzen Haufen Dinge, die ich in Artikeln über Musik nicht lesen will. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Es gibt einen ganzen Haufen Dinge, die ich in Artikeln über Musik nicht lesen will: Faktenfehler und Phrasendrescherei. „Bezaubernd“, „elfenhaft“ und „wunderschön“ als einzige Adjektive für musikschaffende Frauen. Was mir außerdem auf den Arsch geht, sind Vergleiche mit anderer Musik. Vergleiche aus Faulheit, Vergleiche aus Einfallslosigkeit, und vor allem Vergleiche, bei denen Musikerinnen ausschließlich mit anderen Musikerinnen verglichen werden. Denn Wettbewerbe waren mir schon immer äußerst zuwider. Kurz bin ich der Illusion erlegen, dass ich diesem ständigen elendigen Wettbewerbsdenken durch mein Bedürfnis, Musik zu machen und dabei Musik zu teilen statt um die Wette zu singen, entwischt sei. Bald merkte ich, dass mich über Musik schreibende Menschen in ein Konkurrenzverhältnis gesetzt hatten, in dem ich mich davor nie sah. Eines Morgens wachte ich also aus unruhigen Träumen auf und fand mich in einer Schublade. Sie war eigentlich nicht so wahnsinnig klein, aber die Anzahl der in dieser Schublade sitzenden Menschen verursachte Panik. In solchen Genreschubladen mit Platzmangel, außen nur mit „Frauen“ beschriftet, fängt man schnell an, mit Ellenbogen zu kommunizieren. Als ob man zwischen sich selbst und jeder anderen entscheiden müsste. So ein Unsinn. Kürzlich habe ich versucht, aus meinem Leben zu schmeißen, was mich stresst. Ich habe mich zurückgelehnt und tagelang nur Musik meiner Schubladenkolleginnen angehört, ohne dabei auch nur für einen Moment lang zu denken, wir stünden im Wettbewerb zueinander. Und die Schublade wurde zur Schatzkiste, ich habe gekramt und gewühlt, gelacht und geschnieft und gejauchzt und gejubelt, mitgesungen und geklatscht. Ellenbogen sind ab jetzt nur noch zum Einhaken da. Weil genug Platz für uns alle ist und Schubladen erbärmliche Orte sind, um Menschen aufzubewahren.

Anna Kohlweis öffnete soeben die nächstbeste Schublade in Reichweite, fand AA-Batterien und eine Taschenlampe, aber keine Frauen.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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