4 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 09 Aug 2020 13:00:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 4 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2017-04 https://ansch.4lima.de/inhalt/2017-04/ Sun, 22 Dec 2019 22:49:07 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=16651 ]]> ]]> an.sage: Mainstream 2.0 https://ansch.4lima.de/an-sage-mainstream-2-0/ https://ansch.4lima.de/an-sage-mainstream-2-0/#respond Wed, 24 May 2017 09:29:57 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8685 Brigitte TheißlDas Frauenvolksbegehren startet neu durch. Von BRIGITTE THEISSL]]> Brigitte Theißl

Ein Kommentar von BRIGITTE THEISSL

 

Elf Forderungen waren es, die Aktivistinnen 1997 im ersten Frauenvolksbegehren stellten und die im Wesentlichen auf eine Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und auf eine Grundsicherung abzielten: ein Mindesteinkommen, der Ausbau ganztägiger Betreuungseinrichtungen und eine Grundpension standen etwa auf der Liste der eingeforderten Maßnahmen. Mit rund 645.000 Unterschriften konnte das Frauenvolksbegehren zwar nur halb so viele Unterstützer*innen wie das zur selben Zeit stattfindende und von der „Kronen Zeitung“ gepushte Gentechnikvolksbegehren gewinnen, dennoch war es ein durchschlagender Erfolg für eine breite Frauenbewegung (mit prominenten Gesichtern in der ersten Reihe), die von Wien bis Vorarlberg mobil machte und in den Fußgängerzonen um jede Unterschrift kämpfte. Der realpolitische Erfolg ließ freilich auf sich warten: Nach zähen Verhandlungen blieb es bei leeren Versprechungen des damaligen Kanzlers Viktor Klima (SPÖ) und Widerstand aus dem rechtskonservativen Lager.

Die fehlenden Resultate einer in Österreich seit Jahrzehnten bloß rhetorischen Gleichstellungspolitik treten heute offen zutage und zeigen sich in einer immer noch klaffenden Lohnschere von rund 22 Prozent, einem noch größeren Gender Pension Gap und einer Teilzeitquote bei weiblichen Erwerbstätigen von fast fünfzig Prozent. Und ob nicht schon die Grundprämissen einer „Gleichstellungspolitik“, die Frauen einfach in das bestehende System integrieren will, ohne es zu verändern, ganz neu diskutiert werden müssen, sei einmal dahingestellt. Vor diesem Hintergrund tritt das „Frauenvolksbegehren 2.0“ an, um alte Kämpfe neu zu führen. Erneut haben sich Frauen* zusammengefunden, die mithilfe des etablierten demokratischen Instruments Volksbegehren vor allem eines erreichen wollen: eine frauenpolitische Diskussion in Gang zu setzen. Zu Beginn gilt es eine finanzielle Hürde zu überwinden: Werden bis Anfang Juni via Crowdfunding nicht 100.000 Euro eingesammelt, setzen die Initiatorinnen* das Projekt in dieser Form nicht um. Schon jetzt zeigt sich der professionelle Zugang der Truppe: Statt monatelang Energie vorrangig in ausschweifende basisdemokratische Diskussionen zu stecken, die die (autonome) Frauenbewegung seit jeher prägen, wurde in Arbeitsgruppen an Kommunikationskonzepten gefeilt und Berater*innen hinzugezogen. Die große Begeisterung, die dem Frauenvolksbegehren 2.0 bisher entgegegenschlägt – von den üblichen Rülpsern einmal abgesehen –, zeigt, dass es ein solches Mainstreaming im besten Sinn des Wortes braucht, um Menschen außerhalb eingeschworener, (queer-)feministischer Zirkel anzusprechen. Inhaltlich bedeutet das allerdings auch, Abstriche zu machen: Selbst wenn etwa mit der 30-Stunden-Woche eine visionäre Forderung im neuen Volksbegehren Platz gefunden hat (den Neos steht bereits der Schweiß auf der Stirn) und auch asylsuchende Frauen mitbedacht wurden, so ist es doch bemerkenswert, dass 2017 die Legalisierung, also die Streichung des Schwangerschaftsabbruchs aus dem Strafrecht, offenbar noch immer keine denkbare feministische Forderung auf breiter Basis sein kann und auch die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partner*innenschaften kein Teil der 15 Forderungen ist. Da sich das Volksbegehren 2.0 schon an Frauen* – und nicht an Frauen – wendet, wurde zudem die Chance verpasst, etwa den Anliegen von Aktivist*innen, die für eine verbesserte Lebenssituation intergeschlechtlicher Menschen und von Transpersonen in Österreich kämpfen, mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. All das sind Diskussionen, die auch angesichts eines schleichenden Rechtsrucks in aktivistischen Kreisen (Stichwort Political Correctness, Stichwort Kopftuch) einer feministischen Debatte bedürfen, zu der gerade feministische Medien einen wichtigen Beitrag leisten können und müssen. Die Aktivistinnen* des Frauenvolksbegehrens 2.0 werden ohnehin viel Energie benötigen für politische Kämpfe in einer Demokratie, die aktuell wie in so vielen anderen europäischen Staaten von testosterongeladenen Charismatikern geprägt wird. Solidarische Frauen*kämpfe statt Führungsfiguren – den Aktivistinnen* ist das Beste zu wünschen.

 

 

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Besser geht’s nicht? https://ansch.4lima.de/besser-gehts-nicht/ https://ansch.4lima.de/besser-gehts-nicht/#respond Wed, 24 May 2017 08:39:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8699 Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de(Nicht) nur Mutti am Pflegebett. Von MAREICE KAISER]]> Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

MAREICE KAISER will nicht nur die Mutti am Pflegebett ihres behinderten Kindes sein. Das wird aber von ihr erwartet.

 

„Besser geht’s nicht, sieh nur hin. Das ist Leben, wir sind drin.“ Inga Humpe trällert weiter aus dem Telefonhörer. Die Uhr meines Telefons zeigt mir an, dass ich bereits über acht Minuten in der Warteschleife der Krankenkasse hänge. Klar, ich habe natürlich nichts Besseres zu tun. Ich bin schließlich die Mutter eines behinderten Kindes. Mein Job ist es, mein Kind zu pflegen und mich um die Organisation der Pflege zu kümmern. Ich schreibe das nicht, weil ich es denke. Ich schreibe es, weil es mir immer und immer wieder suggeriert wird. „Müssen Sie denn unbedingt arbeiten? Sie haben doch ein schwerbehindertes Kind! Ist das nicht Stress genug?“

„Das ist Leben, wir sind drin“. Einsprüche verfassen, Anträge stellen, Kommunikation mit Hilfsmittelfirmen, Organisation der Therapien. Ich soll nicht das Heimchen am Herd sein, sondern die Mutti am Pflegebett. Aber das bin ich nicht. Und nun? „Das ist Leben, wir sind drin“, trällert die Humpe, und würde sie vor mir stehen, ich würde ihr ein paar Takte erzählen. Oder sie wenigstens fragen, wie viel Geld sie dafür bekommen hat, ihren Song zu verkaufen. Oder ihr wenigstens erzählen, in welchen Situationen ich ihr Lied schon hören musste. Wartend darauf, dass sich jemand anhört, was ich, die Bittstellerin, schon wieder will.
Stattdessen habe ich jetzt, nach über zehn Minuten in der Warteschleife, die Sachbearbeiterin der Krankenkasse dran. Was war noch mal der Grund meines Anrufs? Das Gedudel hat so lange gedauert, dass ich es gar nicht mehr genau weiß. Gretas achtstellige Nummer bei der Kasse weiß ich mittlerweile auswendig, ich schaue auf die Notizen in meinem Kalender, der vor mir auf dem Schreibtisch liegt. „Ambubeutel“ steht da und die Daten meiner letzten Telefonate mit der Krankenkasse. Greta benötigt eine neue Maske für den Ambubeutel. Das ist ein Gerät – sieht ähnlich aus wie ein Luftballon –, das für den Notfall gedacht ist. Sollte Gretas Atmung mal aussetzen oder sie andere schwerwiegende Probleme mit der Atmung bekommen, was bei ihrem besonderen Mund-Zungen-Zähne-Dings nicht unwahrscheinlich ist, müssten wir sie mit Hilfe des Ambubeutels beatmen.
Der Pflegedienst hat seine Arbeit nur unter der Bedingung aufgenommen, dass ein Ambubeutel immer in Gretas Nähe ist. Für den Notfall müssen sie gewappnet sein. Nun ist aber etwas passiert, das anscheinend im Plan der Krankenkasse nicht vorkommt: Greta ist gewachsen. Die Gesichtsmaske, die wir ihr im Notfall auf das Gesicht setzen würden, passt nicht mehr. Logische Schlussfolgerung: Eine neue Gesichtsmaske muss her. So ein kleines Ding aus Plastik, Wert: nicht mehr als fünfzig Euro.

 

Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

Ich will nicht zynisch werden. Ich habe mir also beim letzten Kinderarztbesuch eine Verordnung des Arztes geben lassen und diese bei der Apotheke eingereicht. Die Apotheke reicht die Verordnung bei der Krankenkasse ein, die Krankenkasse lehnt ab. So weit der normale Ablauf der strukturellen Diskriminierung, die ich mittlerweile schon gewohnt bin. Dann geht die Verordnung an die Clearingstelle und von dort aus wieder zurück zur Krankenkasse, die den Kostenvoranschlag wieder an unseren Apotheker schickt mit dem Hinweis: „Keine Genehmigung, da bereits im September 2015 neues Gerät bewilligt wurde. Da das Kind älter als drei Jahre ist, gibt es keine weiteren Kosten für eine Maske!“ Interessant auf so einem Schriftstück ist ja auch das Ausrufezeichen. Aber ich will nicht zynisch werden; das ist das Letzte, was ich will – und es ist verdammt schwer, es nicht zu werden.
Die Hilfsmittel, die Greta braucht, kosten keine horrenden Summen. Greta braucht Windeln, ein Inhalationsgerät, Flüssigkeit für Darmspülungen, Spritzen, Sondenkost. Sie fährt zusammen mit ihrer Schwester in einem Doppel-Kinderwagen; irgendwann wird sie zu groß für ihn werden. Sie wird einen Rollstuhl brauchen, damit wir sie zur Kita oder in die Schule bringen können, mit ihr auf den Spielplatz fahren, einkaufen können. All ihre Hilfsmittel benötigt sie zur gesellschaftlichen Teilhabe; einfach, um dabei zu sein. So wie nicht behinderte Kinder einen Toilettensitz bekommen, wenn sie anfangen, alleine auf die Toilette zu gehen, benötigt Greta Windeln und Hilfe beim Wickeln. Beides sollte ihr so selbstverständlich zur Verfügung stehen wie ihrer kleinen Schwester ein Toilettensitz. So ist es aber leider nicht. Jedes Hilfsmittel muss erkämpft werden – jeder Kampf zeigt mir als Mutter: Mein Kind ist nicht erwünscht. Mein Kind ist eine Last. Mein Kind ist eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft. Ich bin die Bittstellerin.

Inklusives Menschenbild. In einer inklusiven Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche, kämen die Hilfsangebote zu den Familien mit Kindern mit Behinderung. Krankenkassen würden den Familien individuelle Angebote machen, je nach Entwicklungsstand des Kindes. Nur mit einer umfangreichen Unterstützung, die eben auch zeigt, dass behinderte Kinder willkommen sind, kann eine inklusive Gesellschaft möglich werden. Es würden keine Versorgungsengpässe entstehen, Eltern behinderter Kinder könnten – je nach Bedarf und Lust – ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder gesellschaftliche Hilfen in Anspruch nehmen, oder beides. Wir hätten eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, in der nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten, sondern alle. Dann fänden wir selbst es auch nicht so schwer, diesem Bild nicht zu entsprechen. Wir hätten alle etwas davon.

 

Mareice Kaiser bloggt auf „Kaiserinnenreich. Das inklusive Familienblog“ über das Leben mit ihren beiden Töchtern. Seit eine der beiden unerwartet gestorben ist, fungiert der Blog als Plattform für andere Mütter behinderter Kinder, die die Journalistin in Interviews vorstellt.

 

Auszug aus Mareice Kaiser: Alles inklusive – Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter.
S. Fischer Verlag

 

 

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„Die Idee der absoluten Kontrolle ist total antiemanzipatorisch“ https://ansch.4lima.de/die-idee-der-absoluten-kontrolle-ist-total-antiemanzipatorisch/ https://ansch.4lima.de/die-idee-der-absoluten-kontrolle-ist-total-antiemanzipatorisch/#respond Wed, 24 May 2017 08:16:19 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8701 Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia WolfInterview: Selbstbestimmung und Selektion in der PND. Von KATHARINA PAYK]]> Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf

KIRSTEN ACHTELIK übt scharfe Kritik an der Pränataldiagnostik und fordert (Queer-)Feminist_innen dazu auf, die Frage nach Selbstbestimmung neu zu stellen. Interview: KATHARINA PAYK

 

an.schläge: In Ihrer Auseinandersetzung mit den Rechten von Menschen mit Behinderung positionieren Sie sich immer klar als Feministin. Zugleich üben Sie scharfe Kritik an feministischen Gruppen, die sich für das Recht auf legalen Schwangerschaftsabbruch stark gemacht haben, indem sie für die eugenische Indikation plädierten. Die Gruppe „Brot und Rosen“ argumentierte 1974 etwa, dass es für die Bevölkerung ein Vorteil wäre, „dass solchen Schäden (damit ist eine angeborene Behinderung gemeint, Anm.) durch Forschung und Behandlung vorgebeugt wird“. (1)

Kirsten Achtelik: Ich glaube, dass „Brot und Rosen“ damals ausgesprochen haben, was viele gedacht haben. Der Diskurs rund um die Wiedereinführung der sogenannten eugenischen Indikation zeigt, dass es sehr wenig Auseinandersetzung damit gab. Natürlich ist das auch darauf zurückzuführen, dass der Großteil der Frauenbewegung sowieso keine Indikationsregelung haben wollte, sondern den Abtreibungsparagrafen abschaffen wollte – deshalb war für sie die Indikation nur zweitrangig. Aber andererseits fällt auf, dass es zur sozialen Indikation beispielsweise sehr wohl Auseinandersetzung gab. Es gab eine innerfeministische kritische Auseinandersetzung mit dieser sehr wichtigen Gruppe, aber nicht mit den behindertenfeindlichen Aussagen, die weibliche Selbstbestimmung und Leben mit behinderten Kindern gegeneinander stellten. Man kann daraus schließen, dass das eigentlich ein Konsens war in der Szene.
In der Gruppe „Brot und Rosen“ waren auch Aktivistinnen aus der Kinderladenbewegung, die sich dafür einsetzten, mit Kindern studieren, arbeiten und Politik machen zu können. Das heißt, es war ein Diskurs über das Leben mit Kindern – unter bestimmten, „erschwerten“, Umständen – da. Warum also war das Thema Leben mit Kindern mit Behinderung kein Thema? Sowohl Behindertenrechtsbewegung als auch feministische Bewegung sind beide emanzipatorische Bewegungen, die eigentlich die gleichen Ziele haben sollten.

Gibt es heute mehr Überschneidungen zwischen feministischer Bewegung und Behindertenrechtsbewegung, auch in Bezug auf Abtreibung?

In den letzten Jahren nimmt die Diskussion um Behindertenfeindlichkeit und Ableism in der (queer-)feministischen Szene schon zu. Bei den feministischen Gruppen im deutschsprachigen Raum, die gegen die verschiedenen Märsche von Abtreibungsgegner_innen mobilisieren, gibt es sehr wohl differenzierte Auseinandersetzungen damit, was es bedeutet, dass die Untersuchungen in der Schwangerschaft total zugenommen haben: Was bedeutet das in Bezug auf Leben mit Behinderung? Allerdings gibt es in etablierteren feministischen Zusammenhängen die Tendenz, Pränataldiagnostik (PND) gar nicht zu diskutieren und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und das Recht auf Inklusion getrennt zu diskutieren.

 

Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf
Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf

 

Sie beleuchten das Konzept der Selbstbestimmung kritisch. Wo geht es beim Umgang mit Schwangerschaftsabbruch und PND zu weit?

Heutzutage wird Selbstbestimmung von uns erwartet. Sie ist zum Maßstab für gutes Leben geworden. Es wäre schön, wenn wir in einer Welt lebten, in der alle Menschen darüber, wie sie leben wollen, und darüber, was mit ihrem Körper geschehen soll, tatsächlich selbst bestimmen könnten. Aber wir sind zugerichtet von gesellschaftlichen Normierungen, was es erschwert, zu wissen, warum man was will.
In der Schwangerschaftsvorsorge sieht man es daran, dass Angebote wie die PND nicht neutral ausgewählt werden können. Die ganzen Entscheidungen, die da zu treffen sind, gehen mit großer gefühlter Verantwortung einher, einer gesellschaftlichen als auch einer für das spätere Kind.
Es gibt einerseits Untersuchungen, die die Gesundheit und die Lebenserwartungen der Schwangeren bzw. des späteren Kinds positiv beeinflussen. Und es gibt andererseits die Untersuchungen, die vorgeben zu ermitteln, „ob alles okay ist“. Und das heißt konkret, ob der Fötus Anzeichen von Behinderungen trägt. Wenn man das (sowieso nur prozentuale) Wissen über eine fötale Behinderung hergestellt hat, ist noch nicht klar, wie die Ausprägung der Behinderung ist. Und was man dann überhaupt tun soll.
Schwangeren wird diese Unterscheidung in medizinisch sinnvolle bzw. notwendige und selektiv motivierte Untersuchung nicht deutlich gemacht. Die Untersuchungsprozesse sind unklar und überdeterminiert. Am Anfang von diesem ganzen Diagnosezirkus sagt einem ja niemand, was alles festgestellt werden kann bei den Untersuchungen. Es fehlt auch die Information, dass man gegebenenfalls nichts dagegen tun kann, sondern dann eben nur die Frage einer Abtreibung im Raum steht.

Und das bedeutet dann für die Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen Ihrer Meinung nach was genau?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem Abbruch aufgrund der Tatsache, dass kein Kinderwunsch besteht und der selektiven Abtreibung: Ich will zwar ein Kind, aber kein behindertes.
Für eine gewollte, angenommene Schwangerschaft das Beste für das werdende Kind und die Mutter ermöglichen zu wollen, ist eine Sache, aber selektive Tests zu machen, ist eine andere. Aus einer feministischen Perspektive finde ich es nicht legitim, eine gewollte Schwangerschaft aufgrund einer festgestellten Behinderung des werdenden Kindes abzubrechen, weil genau das behindertenfeindlich ist – wobei ich das der einzelnen Frau, die so eine Entscheidung trifft, nie vorwerfen würde.
Eine Person soll immer darüber entscheiden können, ob sie schwanger sein will oder nicht, aber eigentlich nicht darüber, ob das Kind behindert sein darf oder nicht. Dabei würde ich aber nie versuchen, selektive Abbrüche mittels Strafgesetzbuch zurückzudrängen – mein Ansatzpunkt sind immer die Untersuchungen.
Eine feministische Perspektive setzt also da an, wo schwangere Frauen in diesem Ablauf nicht früh genug und ausreichend informiert werden. Ich bin ganz klar dafür, den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Aber als Feministin einen platten „Pro-Choice“-Feminismus zu fahren, der jede Entscheidung der Frau akzeptiert und auch legitimiert, da geh ich dann nicht mehr mit. Anders gesagt: Nur weil eine Frau etwas Bestimmtes gerne möchte, ist das noch lange keine feministische Forderung.

Wäre dann die Konsequenz aus dem Ganzen: Wer kein (potenziell oder tatsächlich) behindertes Kind kriegen will, sollte eigentlich gar keines kriegen?

Ja, schon. Ein Kinderwunsch ist total komplex geworden und überdeterminiert, das zeigt sich auch in den Debatten rund um Reproduktionstechnologien. Die Idee, dass man sich eine Erweiterung des eigenen Lebens schafft, dass etwas Schönes hinzukommen soll, aber nicht in Kauf nehmen zu können, dass auch etwas „schiefgehen kann“ (aus der Perspektive von der Person gesprochen, die sich etwas anderes gewünscht hat), ist eine problematische Herangehensweise an einen Kinderwunsch. Und an das Leben mit anderen Menschen. Die Idee, man nimmt nur die, die gut funktionieren können, ist absurd. Wenn Leute im Freundeskreis so agieren würden, dann hätten wir bald keine Freund_innen mehr!
Selektive PND verstärkt die Idee, dass Behinderung per se ein Problem und vermeidbar ist und sie verstärkt das negative Bild von (Menschen mit) Behinderung. Das Angebot, das untersuchen bzw. vermeiden zu können, sagt, dass dies ein Recht ist und dass man behinderte Kinder vermeiden kann und soll. Und das ist in meiner Interpretation nach UN-Behindertenrechtskonvention Artikel 8 eine „schädliche Praxis“, die die unterzeichnenden Staaten sich verpflichtet haben zu bekämpfen.

Was sind also Ihre Forderungen?

Wenn man als linke Feministin Forderungen an den Staat stellen möchte, wäre es sicher als Erstes die, dass der Staat dafür zu sorgen hat, dass Menschen mit Behinderungen ohne Einschränkungen und gut leben können, ohne die ganze Zeit Anträge zu stellen und drangsaliert zu werden. Inklusion heißt nicht, Leute so fit zu machen, dass sie halbwegs mitlaufen oder -fahren können, sondern die gesellschaftlichen Ressourcen so zu verteilen, dass klar ist, dass Behinderung kein Problem sein muss.
Das Thema Schwangerschaftsabbruch muss raus aus dem Strafgesetzbuch, ganz eindeutig. Aber es muss auch eine Diskussion darüber entstehen, wie Schwangerschaftsabbrüche ansonsten geregelt werden können, dass sie selbstverständlich in Krankenhäusern, die öffentliche Gelder bekommen, angeboten werden müssen und dass die Durchführung eines Abbruchs in gynäkologischen Lehrplänen verankert ist.
Und es wäre es eine wichtige Maßnahme, zumindest keine erweiterten Pränataltests anzubieten, wie z. B. den „Praenatest“, einen Bluttest, der nach dem Downsyndrom sucht und der in vielen Ländern bereits in die öffentliche Gesundheitsvorsorge bei Schwangeren aufgenommen wurde, das heißt von den Kassen bezahlt wird.
Meine Forderung an die feministische Bewegung ist, den eigenen Anspruch, eine emanzipatorische Bewegung zu sein, ernst zu nehmen und intersektional gegen verschiedene Unterdrückungsmechanismen zu kämpfen. Die Idee der absoluten Kontrolle ist total antiemanzipatorisch.
Wenn die queer-feministische Szene über Ableism diskutiert, muss sie neben Barrierefreiheit auch das Thema PND angehen. Das Thema Behinderung kann zudem nicht nur auf einer Diskursebene verhandelt werden, sondern es muss das reale Leben von realen Personen mit Behinderungen an erster Stelle stehen. Und es kann auf keinen Fall sein, dass man sich damit begnügt, Ableismus als eine (weitere) Ausschlusserfahrung in seinen „Ismen“-Aufzählungen zu erwähnen.

 

Kirsten Achtelik ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre politischen und Arbeitsschwerpunkte sind u. a. feministische Theorien und Bewegungen, Schnittstellen mit anderen sozialen Bewegungen, v. a. der Behindertenbewegung, und Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologien.

 

Kirsten Achtelik: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abreibung.
Verbrecher Verlag 2015

 

(1) Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1: Abtreibung, Verhütungsmittel, 1974, S. 102.

 

 

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Sie inspirieren mich! https://ansch.4lima.de/sie-inspirieren-mich/ https://ansch.4lima.de/sie-inspirieren-mich/#respond Wed, 24 May 2017 07:21:32 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8703 Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.deBloggen gegen Barrieren. Von BRIGITTE THEISSL]]> Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

Bloggen und Barrieren überwinden – eine Netzschau mit spannenden Projekten und Blogs rund um das Thema Disability. Von BRIGITTE THEISSL

 

Berichte über Menschen mit Behinderung sind oft vollgepackt mit Klischees, mit Floskeln und Vorurteilen, die die Lebenswelt der betreffenden Personen verzerrt darstellen. Die Redakteur_innen von Leidmedien.de (ein Projekt der Sozialhelden in Kooperation mit der Aktion Menschen) kennen solche Geschichten zur Genüge und richten sich mit ihrem Projekt deshalb vorrangig an Journalist_innen. Auf der Website finden sich viele nützliche Tipps für eine sensible Berichterstattung, damit Menschen mit Behinderung nicht nur als Opfer, Leidende oder Held_innen, die „ihr Schicksal tapfer meistern“, in den Medien auftauchen. Darüber hinaus stellen die Initiator_innen nützliche Literaturtipps, Rezensionen und Hintergrundwissen zur Verfügung. Tipp: Wenn ihr einer Person begegnet, die an den Rollstuhl gefesselt ist, bindet sie los!
Im vergangenen Jahr startete Blogger_in Ash gemeinsam mit anderen Twitter-Nutzer_innen den Hashtag #Behindernisse. Die Motivation: Stimmen von Betroffenen* einen Kanal zu geben und aufmerksam auf die strukturelle Diskriminierung und Einschränkung im Leben von BeHinderten – der Fokus liegt auf den gesellschaftlichen Hindernissen – zu machen. Auf be-hindernisse.org wurden die Tweets dokumentiert („Bei ‚Sei doch dabei, bei der Konferenz/Tagung/etc. xyz‘ wird oft die finanzielle Barriere infolge meiner Behinderung vergessen“), zusätzlich finden sich auf der Seite spannende Blogeinträge und Speaker_innen zum Thema. Ash Brugger bloggt außerdem unter hirngefickt.wordpress.com über Liebe, Sex, Beziehungen und andere queerfeministische Themen.
„Kann man da noch was machen?“ hat Laura Gehlhaar ihr Buch genannt, in dem sie Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin erzählt. Der Titel ist Teil eines Bullshit-Bingos, das auch mit Fürchterlichkeiten wie „Du Arme, so hübsch und dann im Rollstuhl“ oder „Sie inspirieren mich“ aufwartet. Auf fraugehlhaar.wordpress.com berichtet die studierte Sozialpädagogin, die mittlerweile als Autorin und Coach arbeitet, pointiert und illustriert mit großartigen Fotos über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren und erklärt, warum ihre Behinderung ein „Arschlochfilter“ ist.
Ninia Binias ist im Netz als Ninia La Grande bekannt. Die Hannoverin, die unter anderem als Poetry Slammerin und Kabarettistin auf der Bühne steht, interessiert sich vor allem für Inklusion, Feminismus und Mode. Auf ninialagrande.blogspot.co.at gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und ihren Alltag – zuletzt berichtete die Bloggerin über ihre Schwangerschaft. „Jeder Tag ist Alltag – und dazu gehören Blicke, Sprüche, Barrieren, Beleidigungen, Respektlosigkeiten und positive Diskriminierungen à la ‚Ich bewundere dich dafür, dass du das trotz deiner Größe machst‘“, erzählt Ninia in der „taz“ über ihren Alltag als kleinwüchsige Person.
Karin Hitselberger schreibt nicht nur über Ableismus und ihre Erfahrungen als behinderte Frau, sondern zeigt sich auf Instagram auch als Fashionista und Selfie Queen: www.instagram.com/khitselberger. „Inspired by my passion for all things fashion and beauty related and my realization that there weren‘t many fashion magazine featuring girls who looked like me, I created Ceep Style because I believe that fashion is a playground and that everybody should be able to play!“, schreibt die US-amerikanische Aktivistin.

 

Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

 

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