3 / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 09 Aug 2020 13:10:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 3 / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2016-03 https://ansch.4lima.de/inhalt/2016-03/ Sat, 04 Jan 2020 17:48:13 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=17252 ]]> ]]> positionswechsel: Capitalism kills libido https://ansch.4lima.de/positionswechsel-capitalism-kills-libido/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-capitalism-kills-libido/#respond Thu, 14 Apr 2016 17:17:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7297 Die Karriere lenkt vom Sexleben ab. Von LOTTA LUISE]]>

eine lady genießt und schreibt

 

Letztens stieß ich in einem Nachrichtenmagazin auf die Geschichte eines jungen Fußballprofis. Er hatte seinen Arzt gefragt, ob es ein Medikament gebe, das die Libido unterdrückt – sein Sexualtrieb lenke ihn nämlich von seiner sportlichen Karriere ab. Erschreckenderweise fand ich mich in dieser Erzählung wieder – allerdings verhält es sich bei mir genau umgekehrt: Mit zunehmendem Alter beschleicht mich das Gefühl, meine „Karriere“ (fette Anführungszeichen sind hier angebracht) lenkt mich von meinem Sexleben ab. Dass Frauen mit zunehmendem Alter immer besseren Sex hätten, ist ja eigentlich ständig in Illustrierten zu lesen. Mal abgesehen davon, dass Sex-Journalismus oft biologistischer Unsinn ist, frage ich mich, wie solche Theorien zustande kommen. Schon möglich, dass ein besseres Körpergefühl und das Kennenlernen eigener Vorlieben für mehr Orgasmen sorgen, aber was ist mit den nicht unwesentlichen Faktoren Zeit und Entspanntheit? Stichwort: Lohnarbeit! Angeblich soll es ja (kinderlose) Paare geben, die Termine für ihre sexuellen Begegnungen vereinbaren. 17.30 Uhr Steuerberaterin, 19.30 Uhr Geschlechtsverkehr. So will ich nun wirklich nicht enden, auch wenn ich mich schon mehrmals bei dem Gedanken ertappt habe, ob es trotz zu erwartender abendlicher Vergnügungen nicht vernünftiger wäre, den Text/die Präsentation fertigzustellen.
Den besten Sex meines bisherigen Lebens hatte ich entgegen gängiger Theorie eben doch in jungen Jahren: Ganze Wochenenden kaum das Bett verlassen, all die kreative Energie in dreckige Sexfantasien stecken, vögeln, ohne über das Morgen nachzudenken – und zwar frei von Existenzängsten, die sich mit Anfang zwanzig noch herrlich einfach verdrängen lassen. Als ob es noch ein weiteres Argument für das bedingungslose Grundeinkommen gebraucht hätte: radikale Umverteilung – mehr Sex für Prekäre!

 

Lotta Luise summt „Er war gerade 18 Jahr“ von Dalida vor sich hin.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

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bonustrack: Wachsfiguren https://ansch.4lima.de/bonustrack-wachsfiguren/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-wachsfiguren/#respond Thu, 14 Apr 2016 17:16:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7295 irgendwann groß genug zu sein, um nie mehr in irgendwas hineinwachsen zu müssen. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Sie fühlte sich ganz schön lang an, die Zeit, in der ich klein genug war, um bei Schuheinkäufen den Satz „Da wächst du schon noch hinein“ zu hören. Und wie nett war die damalige Vorstellung, irgendwann groß genug zu sein, um nie mehr in irgendwas hineinwachsen zu müssen. Dachte ja niemand daran, darauf hinzuweisen, in was man dann für den Rest seines Lebens trotz erreichter maximaler Körperhöhe hineinwachsen muss. In den eigenen Körper zum Beispiel, die Bauchfalten und Cellulite, die Stirnfalten und Muttermale. Reinwachsen, einziehen, dann im Idealfall mit der Selbstverständlichkeit eines Eigentümers mit abbezahltem Kredit drin wohnen. In die eigenen Wünsche hineinwachsen, die oft viel zu groß scheinen und dann halb versteckt werden, weil man denkt, andere könnten sie ja blöd finden. Wie ein extravaganter Hut, den man lange ganz hinten im Schrank in der Originalverpackung liegen hat, bis er plötzlich gar nicht mehr so verrückt wirkt. Dann geht man damit aus und alle sagen: „Super Hut, ein bisschen komisch, aber du bist eh auch komisch, find ich gut!“ Reingewachsen! Ich bin in den letzten Jahren in Wünsche hineingewachsen, in Bühnenoutfits und Haarschnitte. Momentan ist zuunterst in meinem Stapel an zu ändernden Kleidungsstücken ein grünes, bodenlanges Kleid, das mir zu klein ist und in das ich hineinwachsen muss. Weil es meiner Schwägerin gehörte, die, bevor ich sie kennenlernen hätte können, schon nicht mehr am Leben war, und die in solchen Elfenkleidern mit großen Blumen im Haar auf Bühnen stand und Lieder sang, die nicht ganz von dieser Welt waren, fühlt es sich sehr, sehr groß an.
Dieses Jahr bin ich in Sounds hineingewachsen, und sie wohnen nun in meinen neuen Liedern wie Details einer aufwändigen Wohnungseinrichtung. Vor einem Monat waren sie noch Dekorationsstücke, heute sind sie schon Tischbeine, Schranktüren, Treppengeländer. Egal, ob man Musik oder sonst was macht: Die Zukunft sieht oft viel zu groß aus. Aber ich glaube, da wachsen wir schon noch hinein.

 

Anna Kohlweis verabschiedet sich hiermit aus der bonustrack-Kolumne und dankt allerherzlichst fürs Lesen.

 

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

 

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lebenslauf: Oida! https://ansch.4lima.de/lebenslauf-oida/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-oida/#respond Thu, 14 Apr 2016 17:10:12 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7293 LebenslaufDas gerade angeschnittene Lebensjahr ist das allerallerbeste. VON MICHÈLE THOMA]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

 

Ich (ich?) soll also eine Senior_innenkolumne schreiben? Ich (wieso ich?)? Okay, Sex und Kinder sind schon besetzt, spannende neue Geschlechtsidentitäten habe ich derzeit auch nicht zu bieten. Es gibt aber doch so vieles, worüber frau schreiben kann, man kann über alles schreiben, schlussendlich. Über Computerinnen, über Kaffeesiederinnen oder vorkolumbianische Hunderassen, es gibt so vieles auf der Welt.
Beweise gibt es anscheinend genug, dass ich die Altersschamschwelle überschritten habe, es gibt Befindlichkeiten, bestimmt vorübergehende, es gibt Spiegel, sie sind sicher surrealistisch, es gibt Fotos, wirklich kranke Aufnahmen. Manchmal reden Leute über eine ältere Person, meinen sie mich damit? Sie müssen an verzerrter Wahrnehmung leiden.
„Das Alter ist plötzlich da“, diese Botschaft tauchte vor einigen Jährchen auf dem Bildschirm meiner Geldtankstelle auf, mit dieser Mahnung, grübel, stopfte ich mir den Zaster in die Tasche, vielleicht sollte ich ihn nicht verjuxen. Ihn anlegen, in etwas ein bisschen Dauerhaftes, Zahnplantagen z. B., vielleicht mich mal etwas näher mit dem rätselhaften Begriff Pension beschäftigen, schon Zwanzigjährige sind Profis diesbezüglich. Oder in die letzte Ruhestätte investieren? Immerhin etwas Bodenständiges, für all jene, die bisher nur in Luft- und Lustschlössern hausten. Komischerweise flattern ja seit einiger Zeit so tolle Angebote zwischen meine Facebook-Postings, nicht mehr nur läppische Arthrose-Optionen oder Bypass-Tipps, nein, Grabengel spuken anmutig zwischen den Palmen und Hündchen und Demo-Videos herum, auch sehr Angesagtes, der letzte Schrei, gern auch punkig, ab so viel Kies sind Sie dabei.
Während Altersgenoss_innen Euphorisches zu runden Geburtstagen posten („Sweet Sixty!“), und T- Shirts aufscheinen, die einer weismachen, dass das gerade angeschnittene Lebensjahr das allerallerbeste ist, das je erfunden wurde. Eh … Eine verlockende Alternative wurde bisher jedenfalls noch nicht erfunden.

 

Michèle Thoma war früher „heimspiel“-Kolumnistin, musste dies allerdings aufgrund von Protest ihrer Pubertierenden aufgeben.

 

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

 

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Wachstumsgrenze https://ansch.4lima.de/wachstumsgrenze/ https://ansch.4lima.de/wachstumsgrenze/#respond Thu, 14 Apr 2016 16:58:39 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7287 Interview: GABRIELE MICHALITSCH will Wohlstand neu definieren. Von LEA SUSEMICHEL]]>

An der neoliberalen Wachstumsdoktrin hat auch die Wirtschaftskrise kaum gerüttelt. Zeit für einen Neuanfang, sagt die Ökonomin
GABRIELE MICHALITSCH im Interview mit LEA SUSEMICHEL.

 

an.schläge: Direkt nach der Finanzkrise hatten kapitalismuskritische Positionen mehr gesellschaftlichen Rückhalt. Was hat sich seither verändert?

Gabriele Michalitsch: Zunächst hat sich nach der schreckhaften Erstarrung Ende 2008 bis etwa Mitte 2009 die neoliberale Reaktion formiert und erfolgreich ihre Medienmacht eingesetzt, um Deutungshoheit im Hinblick auf die Krise, deren Ursachen und entsprechende politische Antworten zu gewinnen. Diese Antworten haben die infolge neoliberaler Restrukturierung ohnehin schon sehr ungleichen sozialen Verhältnisse weiter polarisiert. Das hat zu sehr viel Resignation geführt. Gleichzeitig wurden wachsende Frustrationen und Aggressionen politisch und medial umgelenkt und gegen andere gerichtet, gegen „die“ Griechen, gegen „den“ Islam, gegen „die“ Flüchtlinge. Die anderen, wer immer das nun ist, dienen als Sündenböcke. Wir kennen das aus der Geschichte – ein sehr besorgniserregendes Memento.

Wirtschaftspolitisch gilt Wachstum global weiterhin als zentrale Leitlinie. Welche sinnvollen Alternativen gäbe es?

Zunächst gilt es, Wirtschaftswachstum zu entmystifizieren, das Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator zu problematisieren, aufzuzeigen, was dieses Maß – vor allem an sozial und ökologisch destruktiven Dimensionen der Ökonomie – ausblendet. Gleichzeitig muss die Verteilungsfrage auf globaler ebenso wie auf nationalstaatlicher Ebene in den Mittelpunkt rücken.
Weltweit bedeutet das einen regional durchaus differenzierten Zugang zu Wachstum. In den postindustriellen Ländern Europas und Nordamerikas geht es um eine Abkehr vom Wachstumsmodell und eine schrittweise ökonomische wie gesellschaftliche Transformation. Ein erster Schritt wäre die strikte Regulierung und Besteuerung von Finanzakteuren und Großunternehmen, um deren Dominanz einzuschränken und tatsächlich Märkte anstelle von Monopolen oder Oligopolen zu etablieren. Die betriebliche Mitbestimmung in den Unternehmen selbst wäre auszuweiten. Darüber hinaus wäre die Freihandelsdoktrin unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten infrage zu stellen, insbesondere Transportkosten müssten deutlich steigen. Zugleich sind die Bedingungen für unterschiedliche Formen regionaler und solidarischer Ökonomie zu verbessern und deren Spielräume zu erweitern – all das eingebettet in eine breite öffentliche Auseinandersetzung über Konsum, Wohlstand und Lebensweise sowie die destruktiven Aspekte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Daraus könnte sich eine pluralistische Ökonomie mit einer Marktwirtschaft entwickeln, die ihrem Namen entspricht, und einem großen solidarischen Sektor. Das wäre die Richtung, die westliche Gesellschaften einschlagen könnten, um Entwicklungsoptionen auszuweiten, statt sie durch Fixierung auf Profit einzuschränken.

KritikerInnen sprechen von den ökologischen Grenzen des Wachstums. Gibt es noch andere Grenzen?

Ich denke, es geht um Fragen der Grenzsetzung. „Grenzen des Wachstums“ sind eher als Chiffre für Grenzziehungen zu verstehen. Es gibt ja keinen eindeutigen Marker, der eine objektive Grenze des Wachstums anzeigen würde. Vielmehr geht es darum, die destruktiven Wirkungen der gegenwärtigen Produktionsweise aufzuzeigen und die Frage zu stellen, welchen Weg ökonomischer – und damit gesellschaftlicher – Entwicklung wir beschreiten. Die Frage nach Grenzen des Wachstums ließe sich auch als eine nach Grenzen von Gewalt oder menschlichem Leid stellen. Wie viel Leid soll das kapitalistische Modell mit seinem spezifischen Fortschrittsverständnis für den Profit einiger weniger produzieren? Immer geht es letztlich um Fragen von Macht und Herrschaft.

Radikale Wachstumskritik wird auch in der Linken nicht sehr offensiv vertreten, innerhalb des Parteienspektrums schon gar nicht. Woran liegt das?

Nun, einerseits ist die Linke in Südeuropa am stärksten, dort ist unter den gegebenen Bedingungen angesichts der herrschenden Logik Wirtschaftswachstum wohl die einzige Option, sich aus dem finanziellen Würgegriff zu lösen und die Lebensverhältnisse der Bevölkerung zu verbessern. Andererseits stellt sich die Frage, was von der Linken im restlichen Europa geblieben ist. Die Sozialdemokratie ist seit den 1990er-Jahren zunehmend auf einen neoliberalen Kurs umgeschwenkt, der Mainstream ist sehr weit nach rechts gerutscht, abweichende Positionen finden kaum Gehör. Die Linke ist vielfach marginalisiert und viele fürchten wohl nicht nur, sich mit utopisch anmutenden Ideen vollends ins Aus zu stellen, sondern auch ihre potenziellen WählerInnen, die ja nicht unbedingt zu den materiell Privilegierten zählen, abzuschrecken.

Wachstumskritik scheint unweigerlich mit dem Aufruf zu Verzicht einherzugehen. Können gesellschaftliche Gegenentwürfe ohne Wohlstandsversprechen überhaupt erfolgreich sein? Kann langfristig vielleicht eine andere Definition von Wohlstand entwickelt werden, die zum Beispiel weniger (Lohn-)Arbeitszeit als Luxus betrachtet?

Wachstumskritik bedeutet eben nicht eine Forderung nach Verzicht, sondern will eine andere Form von Reichtum: weniger entfremdete Arbeit, weniger kurzlebige Produkte, mehr Zeit für sich und andere, mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit, mehr Lebenssinn. Es geht um Freiheit jenseits von Konsum, um Emanzipation, um eine grundlegende Redefinition von Wohlstand. Selbstverständlich muss jede Alternative Hoffnung vermitteln, einen Entwurf eines besseren Lebens. Um das, was unter einem besseren Leben zu verstehen ist, wird eben gerungen. Die Kulturindustrie hält uns diesbezüglich am Gängelband, Wohlstand wird als Konsum definiert. Es geht darum, sich aus dieser Falle zu befreien.

 

© Jonathan McIntosh/flickr
GELD FÜR ALLE: Die Bank für Gemeinwohl, die sich gerade in Wien gründet, und andere Alternativbanken setzen auf Ethik, Umweltschutz und Transparenz. Kredite werden an nachhaltige Projekte vergeben und das Kapital der Gesellschafter_innen in soziale und nachhaltige Projekte investiert. © Jonathan McIntosh/flickr

 

Ökofeministische Positionen sind oft technologieskeptisch, meist verbunden mit einem essentialistischen, an Mutterschaft geknüpften Frauenbild, und stellen Care- und Subsistenz-Arbeit in den Mittelpunkt. Das ist für viele Feministinnen nicht sehr attraktiv. Welche feministischen, kapitalismuskritischen Alternativen gibt es?

Ich denke, die Verknüpfung von Ökofeminismus und Essentialismus hat sich seit den 1980er-Jahren nach und nach gelöst. Feministische Ökonomie, die auf das als „weiblich“ Abgewertete Bezug nimmt, zu dem ja auch die Natur zählt, muss keineswegs mit einem essentialistischen Verständnis von Geschlecht einhergehen. Gleichzeitig muss Feminismus mehr denn je technologiekritisch sein, denken Sie nur an all die Überwachungs- und Kontrolltechnologien, die in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt wurden und großflächig eingesetzt werden; oder auch an die Interventionen in den Körper, um diesen zu optimieren, sei es im Hinblick auf Leistungsfähigkeit oder auf Schönheit. Das sind zentrale Herrschaftsinstrumente.
Die Alternative besteht darin, die schon angesprochene Perspektive einer politökonomischen Transformation mit Geschlechterverhältnissen zu verknüpfen, sich von den dominanten kulturindustriellen Geschlechterentwürfen zu befreien, vom Zeitregime, das ja mit der Zuweisung der unbezahlten Arbeit an Frauen auch ein geschlechterhierarchisches ist. Politökonomische Transformation bedeutet Transformation von Macht- und Herrschaftsverhältnissen und schließt somit Geschlechterverhältnisse ein.

Sogenannter „Grüner Kapitalismus“, betreibt oft ein „Greenwashing“ von ausbeuterischem Unternehmertum. Welche Kriterien muss nachhaltiges Wirtschaften außer ökologischen Standards noch erfüllen?

Auch „Grüner Kapitalismus“ ist Kapitalismus, beruht also aus marxscher Sicht auf Ausbeutung der Arbeitskraft und somit auf einem grundlegenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnis. Die Rede von „Grünem Kapitalismus“ und „nachhaltigem Wirtschaften“ scheint mir eher der Legitimation bestehender
Verhältnisse zu dienen.

Kann aus der Commons-Bewegung langfristig mehr entstehen als Gemeinschaftsgärten? Kann die Idee von gemeinschaftlichen Ressourcen der kapitalistischen Marktlogik etwas entgegensetzen?

Ja, auf jeden Fall. Commons bedeuten ja, Privateigentum an Produktionsmitteln zugunsten gemeinsamen Eigentums Gleichberechtigter zu überwinden. Damit verbinden sich auch entsprechende solidarische Entscheidungsprozesse. Die Idee der Commons beschränkt sich also nicht auf formal-juristische Aspekte, sondern betrifft unmittelbar Alltagspraktiken. Letztlich geht es um eine basale Demokratisierung, nicht nur beim Wirtschaften, es geht um eine andere Logik des Zusammenlebens, die sich auf Gemeinsamkeit statt Konkurrenz stützt.

 

Gabriele Michalitsch ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin, derzeit Universitätsprofessorin für Internationale Politik an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind (Feministische) Politische Ökonomie und politische Theorien.

 

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Urbanität ist ein Commons https://ansch.4lima.de/urbanitaet-ist-ein-commons/ https://ansch.4lima.de/urbanitaet-ist-ein-commons/#respond Thu, 14 Apr 2016 16:40:48 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7285 Klassenkampf im Stadtraum. Von GABU HEINDL ]]>

Gemeinschaft von Verschiedenen: Die „Recht auf Stadt“-Bewegung stellt sich gegen die Privatisierung von öffentlichem Stadtraum. Von GABU HEINDL

 

Ein Blick auf Wikipedia: Dort werden Commons definiert als „globales öffentliches Gut“, das charakterisiert ist durch Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität. Das heißt, dass niemand vom Konsum des globalen öffentlichen Gutes ausgeschlossen werden darf und dass es zur gleichen Zeit von verschiedenen Individuen konsumiert werden kann. Der dänische Stadtplaner Jan Gehl – verantwortlich für das Konzept shared space, auf dem etwa die Begegnungszone auf der Wiener Mariahilfer Straße beruht – versteht öffentlichen Stadtraum insgesamt als „literal commons“: als gemeinschaftlich genutzte urbane Fläche.

Recht auf Stadt. Gerade dieser Sicherung des freien Zugangs und insbesondere dem Schutz vor Kommodifizierung (vor dem Zur-Ware-Machen, der Kommerzialisierung) von Urbanität hat sich die „Recht auf Stadt“-Bewegung verpflichtet. Basierend auf Henri Lefebvres kanonischem Text „Le droit à la ville“ (1968) geht es bis heute um freien Zugang zu Urbanität mit allem, was dazugehört: Kunst, Kultur, Feste, öffentlicher Raum, Mobilität, leistbarer Wohnraum in guter städtischen Lage. Kein Teil der gemeinsam hergestellten Stadt darf Menschen ausschließen. Das heißt, VertreterInnen eines bestimmten Bezirks oder Viertels dürfen zum Beispiel nicht verkünden, bei ihnen dürften sich keine Asylsuchenden niederlassen. Vielmehr ist in der globalisierten Stadt, in der wir heute leben, der öffentliche Stadtraum ein im starken Sinn globales öffentliches Gut – also für alle da, ungeachtet ihrer Herkunft. Zudem ist die Herstellung und Erhaltung von Urbanität als kollektive Handlung ein Commoning. Und nicht zuletzt ist Urbanität der Zustand des (In-der-)Stadt-Seins, ein Commons. (Und dann wäre natürlich zu klären, was Stadt ausmacht: Manche sagen, es sind touristische Hotspots; ich würde etwa die Mischung von Anonymität und Nähe als Kriterium bevorzugen.)

 

© Jonathan McIntosh/flickr
SCHÖNER WOHNEN: Selbstverwaltete Wohn- und Bauprojekte sorgen dafür, dass jede_r bei der Planung und Organisation des gemeinschaftlichen Zuhauses mitgestalten kann. Das reicht von der Planung und Bauträgerschaft bis hin zu Nachbarschaftstreffen. Im öffentlichen Raum sorgen Bürger_innen für die Erhaltung nicht-kommerzieller Orte ohne Ausschlüsse. © Jonathan McIntosh/flickr

 

Gefährdete Freiräume. Die Nicht-Ausschließbarkeit gilt auch für den Zugang zu Freizeitorten – ohne Konsumzwang. Auch das ist zwar selbstverständlich, aber in der urbanen Realität leider keineswegs selbstredend: Erinnern wir uns etwa an die Vertreibung von Obdachlosen aus dem Wiener Stadtpark 2013 oder generell an die laufenden Prozesse der Kommerzialisierung von öffentlichem Raum.
Womit wir beim Punkt sind: Commons sind durchaus gefährdet durch die gegenwärtige neoliberale Unterordnung jeder Lebens- und Wissensform unter die Logik des Marktes. Es ist leider schon ohne Science Fiction vorstellbar, dass es Zugang zu Wasser, zur Natur, zu Bäumen nur noch gegen Bezahlung gibt. Allerdings sollten wir Neoliberalisierung nicht vorschnell auf Privatisierung reduzieren. Öffentliche Commons sind zwar privater Aneignung unterworfen – aber: An dieser Aneignung sind staatliche, administrative, insbesondere bürokratische AkteurInnen maßgeblich mitbeteiligt. Sprich: Neoliberalismus ist immer auch ein Ergebnis von Politik und ihren Setzungen. Deshalb richten sich nun einige Hoffnungen auf Commons als eine Alternative zum Privaten wie auch zum Staat. Allerdings: Wir sollten uns Commons nicht zu sehr als „sauber getrennt“ von diesen beiden Polen vorstellen. Denn zum einen sind unter Bedingungen der (National-)Staatlichkeit von Gesellschaften staatliche Institutionen oder die „öffentliche Hand“ Kräfte, die Commons zwar nicht produzieren, aber ihnen Schutz vor Kapitalisierung bieten (können). Zum anderen sind Commons längst häufig Teile von Kapitalökonomie, etwa in Form von Urbanität, die, zugerichtet oder wahrgenommen als Lifestyle, zur kommodifizierten Erlebnisdienstleistung auf globalen Tourismusmärkten wird.

Migrantische Wurzeln. Umso wichtiger ist es, das Potenzial der Commons auch in der Stadtplanung politisch zu definieren. Gerade in Zeiten von Urban-Gardening-Flächen für weiße Mittelschichten, offenen Bücherschränken oder Food Coops gilt es, die historische Verknüpfung von Commons und Klassenkämpfen zu reflektieren und zu aktualisieren. Und natürlich muss mensch Marx lesen, aber feministisch. Als Gewährsfrau dient mir hier Silvia Federici, die an Marx kritisiert, dass er die Reproduktionsarbeit unterschlagen hat. Denn es waren und sind Frauen, die an vorderster Front im Kampf um freie Nutzung natürlicher Ressourcen (Land, Wasser, Wälder) stehen. Federici untersucht beispielsweise die Kämpfe von Frauen gegen Formen des Landraubs, aber sie ruft auch die Entstehungsgeschichte von Urban Gardening in Erinnerung, das in den 1980ern in den USA als Initiative migrantischer Communities begann.
Eine nachhaltige Politik der Commons basiert also auf der aktiven Verhinderung von Privatisierung. Nun macht aber Privatisierung von Gemeinschaftsgütern heute auch vor Wien nicht Halt. So war der Verkauf der Grundstücke der Schrebergärten in diversen Wiener Kleingartensiedlungen seit 2011 an EinfamilienhauseigentümerInnen ein Musterfall für Privatisierung von Land, das früher nicht nur zur eigenen Obst- und Gemüseproduktion, sondern auch als Teil der „grünen Lunge“ Wiens gedacht war – die je privatisierter, umso mehr abgeholzt wird.

 

© Jonathan McIntosh/flickr
SCHÖNER WOHNEN: Selbstverwaltete Wohn- und Bauprojekte sorgen dafür, dass jede_r bei der Planung und Organisation des gemeinschaftlichen Zuhauses mitgestalten kann. Das reicht von der Planung und Bauträgerschaft bis hin zu Nachbarschaftstreffen. Im öffentlichen Raum sorgen Bürger_innen für die Erhaltung nicht-kommerzieller Orte ohne Ausschlüsse. © Jonathan McIntosh/flickr

 

Spekulationsfreier Boden. Der Entkapitalisierung von Allgemeingut widmen sich heute diverse Initiativen, in Hinblick sowohl auf Land als auch auf Wohnraum. So arbeiten die Stiftung trias in Deutschland oder die junge Stiftung Rasenna in Österreich an der Entziehung von Grundstücken aus der kapitalistischen Verwertungslogik, indem sie Grundstücke für die Stiftung erwerben und sie ausschließlich in (Erb-)Baurecht zur Nutzung weitergeben. Es gibt also nur Bodennutzungsrecht, kein Eigentum am Boden, das Spekulation ermöglichen würde. Die neue Genossenschaft WoGen versammelt neue Wohnprojekte, die in partizipativer Planung und in Gemeinschaftseigentum entwickelt werden – zur Unterstützung gemeinschaftlicher, selbstbestimmter Wohn- und Lebensformen. Anders funktioniert das Mietshäuser Syndikat in Deutschland: Dieser Solidarzusammenhang hat ebenfalls die Entprivatisierung von Häusern zum Ziel und unterstützt die Finanzierung von selbstorganisierten Hausprojekten. Als Pendant in Österreich versucht habitat in Linz etwas Ähnliches.

Investitionsdruck auf öffentlichen Raum. Verhinderung von Privatisierung heißt aber auch Protest. So manche BürgerInneninitiative protestiert gegen die Privatisierung und Kommodifizierung von öffentlichem Stadtraum, in Wien etwa gegen die Kommerzialisierung der Praterwiese und der Donaukanalwiese. Das private Geschäft mit Urbanität und somit der Investitionsdruck auf öffentlichen Raum und Freiraum intensiviert sich nicht zuletzt durch massives Stadtwachstum: Wien wird ein Wachstum von 15.000 neuen EinwohnerInnen pro Jahr vorausgesagt.
Das stellt Planung, Verwaltung und Politik vor Herausforderungen: Wo und wie kann Wien dichter werden? Wie kann Recht auf leistbares Wohnen für alle umgesetzt werden? Das braucht Grundstücke und Bebauung. Zugleich: Was sind Mittel und Instrumente der Sicherung von ausreichend öffentlichem Stadtraum – dem literal common?
Das bringt uns zurück zum „Recht auf Stadt“-Diskurs. Commons-orientierte Politik muss Wege finden, wie die verschiedenen Initiativen von unten eine Basis für größere politische Forderungen abgeben, Allianzen bilden, gar eine neue Form von Produktion entwickeln können. Im Jargon politischer Hegemonietheorie gesagt, geht es um neue Äquivalenzketten – zum Beispiel zwischen Feminismus und Kapitalismuskritik: Kann Stadtplanung hier eine Vermittler- und Vorreiterfunktion übernehmen?
Federici formuliert ihre feministische Perspektive auf Commons mit dem Slogan „Keine Commons ohne Community“ – mit einer relevanten Ergänzung: „Community nicht als abgeschottete Realität, als eine sich von anderen absetzende Gruppe von Menschen mit exklusiven Interessen, wie dies bei den auf religiöser und ethnischer Grundlage sich definierenden Communities der Fall ist.“ Es geht also um Gemeinschaften, um Kommunalität, von Verschiedenen – unter Bedingungen, die ihre gleichen Rechte sicherstellen.

 

Gabu Heindl ist Architektin und Stadtforscherin in Wien (www.gabuheindl.at).

 

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Revolution der kleinen Schritte https://ansch.4lima.de/revolution-der-kleinen-schritte/ https://ansch.4lima.de/revolution-der-kleinen-schritte/#comments Thu, 14 Apr 2016 16:16:28 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7283 Interview: BRIGITTE KRATZWALD sucht Alternativen zur Lohnarbeit. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Die Commons-Expertin BRIGITTE KRATZWALD sucht als Wissenschaftlerin und Aktivistin nach Alternativen zur Lohnarbeit. Warum Gemeinschaftsgärten und Hackerspaces allerorts aus dem Boden sprießen, erklärt sie BRIGITTE THEIßL.

 

an.schläge: Der Begriff „Commons“ lässt sich mit „Gemeingüter“ übersetzen. Ist in der aktuellen Diskussion um Commons tatsächlich die Rede von Dingen, die gemeinschaftlich verwaltet werden, oder beinhaltet der Begriff noch andere Bedeutungen?

Brigitte Kratzwald: Im Diskurs um Commons sprechen wir eben nicht von Gütern, sondern betonen die sozialen Beziehungen, soziale Prozesse, in denen Menschen sich zusammentun, um Dinge gemeinsam zu erhalten, zu nutzen und Regeln für diese Nutzung zu finden – deshalb wird auch im deutschsprachigen Raum der englische Begriff verwendet.

Commons-Projekte vom urbanen Gemeinschaftsgarten bis hin zum Reparatur-Café boomen auch hierzulande. Worauf führen Sie diesen Trend zurück?

Solche Projekte boomen tatsächlich, allerdings passiert hier die Commons-Zuschreibung manchmal auch mit einem analytischen Blick von außen, viele verwenden selbst diesen Begriff gar nicht. Die selbstverwalteten Initiativen entstehen aus ganz unterschiedlichen Gründen, zusammenfassend kann man aber sagen, dass viele Menschen unzufrieden damit sind, wie aktuell mit verschiedenen Ressourcen umgegangen wird. Sei es die Privatisierung öffentlicher Infrastruktur und Dienstleistungen, die industrialisierte Landwirtschaft oder die Nutzung des öffentlichen Raums. Die AkteurInnen wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen und sich ihrer politischen Mitsprache nicht berauben lassen.

Gibt es Projekte, die Sie besonders beeindruckt haben?

Sehr lebendig ist die Szene, die sich rund um die Lebensmittelproduktion entwickelt hat: Gemeinschaftsgärten, Permakultur-Projekte, solidarische Landwirtschaft, Initiativen, die sich um die Vermehrung von einheimischem Saatgut kümmern – all diesen Projekten geht es darum, die Kontrolle über die eigene Ernährung zu gewinnen und sie nicht an Konzerne abzugeben.

In Ihrem Buch „Das Ganze des Lebens“ (1) erwähnen Sie das Konzept der Peer Production als positives Beispiel. Was ist das und was kann man von Menschen lernen, die frei zugängliche Software programmieren?

Die Commons-Bewegung wird oft mit dem Argument, diese Art des Produzierens sei von vorgestern, abgewertet – doch nun haben spannenderweise gerade im Bereich der Hochtechnologie Menschen damit begonnen, abseits des Marktes gemeinschaftlich zu produzieren. Neil Gershenfeld, der Begründer solcher sogenannten FabLabs (Fab-Labs bieten demokratischen Zugang zu Produktionstechnologien und Produktionswissen, Anm.), ist der Ansicht, es handelt sich dabei um eine aktualisierte vorindustrielle Produktion, die sich der Hierarchien entledigt, die etwa in der Feudalgesellschaft noch zentral waren. Es gibt keinen Chef, möglichst viele Menschen sollen sich niederschwellig beteiligen können, Arbeiten werden in kleine Happen aufgeteilt und gemeinsam Abstimmungsmechanismen gefunden – hier kann man sich sehr viel abschauen.

Frauen sind im technischen Bereich allerdings – im Gegensatz etwa zur Nahrungsmittelproduktion – nach wie vor unterrepräsentiert.

Die Regeln, nach denen Commons funktionieren, hängen auch von der Kultur der Menschen ab, die sie schaffen. Wenn wir uns eine jahrhundertealte Genossenschaft in der Schweiz anschauen, herrschen dort auch sehr patriarchale Strukturen. Und wenn in der so männerdominierten Tech-Szene Commons entstehen, dann ist klar, dass dort kaum Frauen vertreten sind. Allerdings gründen sich bereits feministische Hackerspaces oder Crypto-Partys. Nachdem die Szene sehr dezentral ist, können Frauen sich ihre eigenen Strukturen schaffen. Im Gegensatz zur Marktwirtschaft, wo man nach Strategien sucht, wie Frauen in die Vorstandsetagen kommen können, gibt es im dezentralisierten Feld der Commons auch andere Strategien.

In der aktuellen Flüchtlingsbewegung hat die Zivilgesellschaft in Deutschland und Österreich autonom sehr viel organisiert. Solche Freiwilligenarbeit wird ambivalent bewertet: Einerseits wird niederschwellig und selbstermächtigt geholfen, andererseits kann das Auslagern von staatlichen Aufgaben auch systemlegitimierend wirken. Wie erleben Sie das?

Ehrenamtliche Arbeit hat mit Commons sehr wenig zu tun. Ich finde sie wichtig, weil sie den sozialen Zusammenhalt stärken kann, ich finde sie aber auch problematisch. Gerade jetzt, wo der Staat die Flüchtlingsbetreuung auf die Zivilgesellschaft ausgelagert hat. Aber es gibt eben trotzdem die selbstermächtigende Perspektive: Menschen haben erfahren, was sie gemeinsam und in so kurzer Zeit auf die Beine stellen und bewältigen können, das ist eine unglaublich motivierende Erfahrung. Personen, die diese Erfahrung gemacht haben, wollen vielleicht auch künftig stärker mitbestimmen. Und auch wenn wir damit vielleicht Systemfehler ausbügeln – wenn der Staat untätig bleibt, sind es ja wir selbst, die in dieser fehlerhaften Situation leben müssen.

 

© Nozomi Horibe, www.leila-berlin.de
FREIE ENTNAHME: Umsonstläden, offen zugängliche Kühlschränke oder Bücherregale im öffentlichen Raum bieten die Möglichkeit zum indirekten Tausch. Wer etwas Spezielles wie ein Lastenfahrrad oder eine bestimmte Maschine benötigt, wird in Leihläden (hier ein Beispiel aus Berlin) fündig. © Nozomi Horibe, www.leila-berlin.de

 

Chronisch unterbewertet bleibt die Care-Arbeit: Sie wird meist einfach ausgeblendet. Feministische Ökonominnen bemühen sich seit Jahrzehnten um das Sichtbarmachen von Reproduktionsarbeit – die frauenpolitische Strategie, diese Arbeit möglichst gerecht aufzuteilen oder auf den Markt auszulagern, kritisieren Sie jedoch massiv. Haben Feministinnen die falschen Kämpfe geführt?

Dieses Urteil würde ich mir nicht anmaßen. Aber wenn man die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung anschaut, gab es zu Beginn auch die Kämpfe gegen die Lohnarbeit, die sich allmählich in einen Kampf um bessere Bedingungen innerhalb der Lohnarbeit verwandelt haben. Es kam also zu dem Punkt, an dem man sich mit dem System arrangiert hat – das ist durchaus mit der Frauenbewegung zu vergleichen. Frauenbewegungen sind nach wie vor gesellschaftlich enorm wichtig, aber ich würde sagen, es geht dann in eine falsche Richtung, wenn nur darauf geschaut wird, wie Frauen innerhalb des bestehenden Systems gleichstellt werden können, und nicht, wie das System an sich verändert werden kann. Was habe ich davon, wenn Frauen es in einem patriarchalen System, das immer Ausschlüsse erzeugt, weil das in der Systemlogik so angelegt ist, ganz nach oben schaffen? Mein Zugang ist es, nach Alternativen zu suchen.

Gerade auch wissenschaftlich ist Care-Arbeit aktuell ein stark präsentes Thema. Wurde es von der feministischen Wissenschaft bisher vernachlässigt?

Hier stellt sich ebenfalls die Systemfrage. Care-Arbeit als abgewertete Arbeit im Vergleich zur Lohnarbeit ist Teil der patriarchalen Logik. Care-Tätigkeiten sind eigentlich die Basis für jedes Wirtschaften, es ginge also darum, diese Arbeit ins Zentrum zu rücken, anstatt sie innerhalb eines patriarchalen Systems an alle gleich zu verteilen. Aktuell wird diese Arbeit etwa an Migrantinnen ausgelagert – weil es innerhalb des Systems einfach keine akzeptable Lösung für das Problem gibt. Ina Praetorius hat das in ihrer Publikation „Wirtschaft ist Care“ (2) anschaulich beschrieben.

Sehen Sie die Gefahr, dass Care-Arbeit trotzdem auf Frauen festgeschrieben bleibt?

Ich denke, es ist gar nicht so wichtig, ob Frauen oder Männer diese Arbeiten machen, es ist wichtig, dass endlich die Geringschätzung überwunden wird – ohne Care-Arbeit könnten auch alle anderen Formen des Wirtschaftens nicht funktionieren. Wenn man versucht, Care-Tätigkeiten nach einem bestimmten Schlüssel zu verteilen, akzeptiert man eigentlich schon die Logik, dass sie unsichtbar und weniger wert ist.

Die feministische Ökonomie kritisiert das Modell des homo oeconomicus – das immanent männliche rationale Subjekt, das auf Nutzenmaximierung ausgerichtet ist, scharf. KritikerInnen der Commons-Bewegung hingegen verweisen auf den utopischen Gehalt eines am Gemeinwohl ausgerichteten Menschenbildes. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass Menschen von Natur aus soziale, am Gemeinwohl orientierte Wesen sind, halte ich auch für utopisch. Wir gehen viel mehr davon aus, dass Menschen erst einmal offene Wesen sind, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln können. Wenn Menschen länger in kooperativen Projekten tätig sind, nehmen sie auch andere Verhaltensweisen an – das zeigt die Forschung. Commoner sind auch keine besseren Menschen, sie haben nur die besseren Regeln gefunden.

Ist das Tun also der Schlüssel zum Erfolg, wenn es darum geht, Alternativen zu entwerfen? Utopisch zu denken ist oft gar nicht so einfach.

Natürlich, wir sind in diesem System aufgewachsen und haben so zu denken gelernt. Man kann Menschen nicht auf einer rationalen Ebene sagen: Du musst jetzt anders denken. Es braucht praktische Erfahrungen und kleine Schritte – und nicht den moralischen Zeigefinger.

 

Brigitte Kratzwald ist freiberufliche Sozialwissenschaftlerin und politische Aktivistin und bloggt auf http://blog.commons.at.

 

(1) Brigitte Kratzwald: Das Ganze des Lebens
www.besserewelt.at/das-ganze-lebens

(2) Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care
www.boell.de/de/2015/02/19/wirtschaft-ist-care-oder-die-wiederentdeckung-des-selbstverstaendlichen

 

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an.künden: Bühnen erobern https://ansch.4lima.de/an-kuenden-buehnen-erobern-2/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-buehnen-erobern-2/#respond Thu, 14 Apr 2016 16:00:55 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7279 „re*mix“ zeigt das politische Potenzial von Hip-Hop für queer_feministische und antirassistische Kämpfe auf.]]>

Eine FLIT*-Gruppe aus Bremen hat sich kritisch mit Hip-Hop auseinandergesetzt, ihre Erfahrungen ausgetauscht und sich solidarisiert. Das Ergebnis: ein Festival, das das politische Potenzial von Hip-Hop für queer_feministische und antirassistische Kämpfe aufzeigt. Neben dem Deutschland-Debüt von Rebeca Lane (Foto), „Raptivista“ aus Guatemala, erobern auch Krudas Cubensi aus Cuba, Lena Stöhrfaktor, DKN und viele andere die Bühne. Politische Workshops rund um Musik und Empowerment, Küche für alle sowie Partys runden das Programm ab.

 

27.–29.5.: „re*mix“ – Queer_Feminist Hip-Hop Festival“,
Kunst- und Kulturverein Spedition,
28195 Bremen, Beim Handelsmuseum 9,
www.remixblog.tumblr.com

 

Rebeca Lane © Paula Morales
Rebeca Lane © Paula Morales

 

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an.künden: Klänge zertrümmern https://ansch.4lima.de/an-kuenden-klaenge-zertruemmern/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-klaenge-zertruemmern/#respond Thu, 14 Apr 2016 15:51:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7276 Maja Osojnik ist mit ihrem Solo-Werk „Let them grow“ auf Tour.]]>

Eine der anerkanntesten Vertreter_innen der österreichischen Avantgardeszene hat ihr erstes Solo-Werk veröffentlicht: Auf „Let them grow“ lässt die Wiener Musikerin Maja Osojnik musikalische Grenzen verschwinden, baut sphärische Klangwelten auf, um diese in Sekundenschnelle mit abstrakten Soundkulissen und verfremdeten Geräuschen zu zerstören. Dass in ihrer „Ästhetik des Schiachen“ eine eigenwillige Schönheit liegt, beweist sie mit ihrer Tour.

 

Maja Osojnik, mo.klingt.org
23.4. Container 25 Wolfsberg
27.4. Stadtwerkstatt Linz
13.5. Ausland Berlin
14.5. Moers Festival Moers
17.6. PMK Innsbruck
18.6. Kino Ebensee
16.7. Ottensheimer Open Air Festival

 

© Rania Moslam
© Rania Moslam

 

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an.sprüche: It’s a match! https://ansch.4lima.de/an-sprueche-its-a-match/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-its-a-match/#respond Thu, 14 Apr 2016 13:39:03 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7302 Über Selbstdarstellung beim Online-Dating. Von JENS* PRO* und STEFANIE SACKL]]>

Wer bin ich und wen date ich mit diesem Profil? JENS* PRO* und STEFANIE SACKL über Frühlingsgefühle und die Selbstdarstellung beim Online-Dating.

 

Ich Frau oder Mann suche Dich Mann oder Frau – vier Profile bei ElitePartner braucht es, um ein auf dieser Plattform höchstmögliches Maß an sexuell-identitärer Diversität auszudrücken. Vier verschiedene Mitgliedschaften, die vier verschiedene E-Mail-Adressen und vier verschiedene Passwörter verlangen. Nichtzu vergessen die vier verschiedenen Konten, von denen vier Mal der gleiche monatliche Rechnungsbetrag abgebucht wird. Moment, vier Mal der gleiche Betrag? Bei Parship, auch hier ist bloß Frau-oder-Mann-sucht-MannoderFrau möglich, richtet sich die Höhe des Mitgliedsbeitrags hingegen nach Koordinaten wie Einkommen oder Luxusgrad der Hobbies: Ein Operngänger zahlt mehr als eine Yogainteressierte, fand eine Journalistin für „Zeit Campus“ heraus. Nachdem ich zum wiederholten Male gänzlich durcheinandergekommen bin („Ach, du hast mein weiblich-schwules Ich Mervin82 erwartet? Trinkst du auch einen Kaffee mit meinem lesbischen MeMyself&I? Camus lese ich trotzdem gern.“), schicke ich eine Anfrage an den ElitePartner-Kund_innenservice. Die Antwort: „Eine gleichzeitige Suche nach Frauen und Männern ist bei uns leider nicht möglich.“
Wenn ich mich online nach Dating-Möglichkeiten umschauen und mich dabei weder auf meine eigene sexuelle Identität noch auf die meines potenziellen Gegenübers festlegen möchte, muss ich mir also eine neue Plattform suchen. Selbstvorstellungen auf Dating-Portalen verlangen, uns in Kategorien jedweder Art einzuordnen. Das ist sicher nichts Neues. Dass die Bandbreite aber so klein ist, dass es noch nicht mal ein Kästchen für Bisexuelle gibt, scheint nicht von dieser Welt.
Doch es gibt Hoffnung, Portale wie BiCupid graduieren sogar in „Bi“ und „Bi-curious“. Noch weiter geht OkCupid: Hier dürfen „bis zu fünf Orientierungen“ von „straight“ bis „sapiosexual“ angeklickt werden. Der nächste Mail-Betreff lautet: Sexuality is fluid und das eigene Ich digital (nicht) immer besser.

Jens* Pro* ist Kulturschaffende und -lebende in Niedersachsen. Ihre Partnerin lernte sie beim „Tatort“-Abend mit Freund_innen kennen.

 

Illustration: Joanna Proksch
Illustration: Joanna Proksch

 

Eigentlich war OkCupid für mich identitätsstiftend: War ich erst noch unsicher, ob ich mein Kreuzchen bei bi- oder bei homosexuell machen soll, so hat sich das rasch geklärt, als ich die erste Nachricht von einem Mann bekam. Er war nett, aber ich wusste nun definitiv, dass ich in dieser Liga nicht mehr spielen wollte. Also doch das Kreuz bei homo und rein ins queere Paradies – sprich durch Fotos von LBT-Frauen scrollen. Gefallen haben mir viele, geschrieben habe ich einigen und getroffen habe ich zwei – nicht in der Hoffnung, meine neue Liebe zu finden, sondern um als quasi frisch Geschiedene neue lesbische Frauen kennenzulernen und im besten Fall Affären zu beginnen. Denn das mit dem Kennenlernen und den One-Night-Stands beim Ausgehen funktioniert nicht, wenn frau wie ich schüchtern ist.
Date Nummer eins war gleichzeitig mein erstes Date ever mit einer Frau. Es hat mich sehr verwirrt: Warum spüre ich keine Anziehung? Wie müssen wir miteinander tun? Ich wollte doch unbedingt was mit Frauen haben, warum will ich sie dann nicht küssen? Das zweite Date erklärte mir bereits in den ersten Minuten, dass der Umzugswagen praktisch schon bereitsteht (was ich aber gar nicht furchtbar, sondern gut, weil ehrlich fand), und hat mich heftig angeflirtet. Ich war ob meiner ausbleibenden Hingezogenheit aber wieder nur verwirrt. Also noch immer kein Sex für mich und zurück an den Start – in der OkC-Welt: zurück ins Ranking der Frauen, die laut Algorithmus am besten zu mir passen. Mittels Fragen, die von „Würdest du jemanden an der Kassa vorlassen?“ bis zu „Stehst du beim Sex darauf, geschlagen zu werden?“ reichen, rechnet die Plattform unzählige „Matches“ aus. Den Überblick über Wiens queere, mitunter szeneberühmte OkC-Frauen hat man schnell – ah, die Schlagzeugerin ist auch noch da, und oh, wo ist denn die eine Aktivistin hin? Und weil die Szene so klein ist, war mein erstes Date auch das erste meiner jetzigen Freundin. Sie war damals nämlich auch auf OkCupid, wo wir uns aber gegenseitig nie angezeigt wurden. Wo wir uns stattdessen kennengelernt haben? Beim Ausgehen.

Stefanie Sackl schläft beim Wort „Technikpessimismus“ das Gesicht ein, und sie hat schon vor zwanzig Jahren im ORF-Teletext Gleichgesinnte gesucht.

 

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an.sage: Game Over https://ansch.4lima.de/an-sage-game-over/ https://ansch.4lima.de/an-sage-game-over/#comments Thu, 14 Apr 2016 13:30:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7300 Sozialabbau führt ins Abseits. Von GABI HORAK ]]>

Ein Kommentar von GABI HORAK

 

Ich erklär’ es mal mit einem Gesellschaftsspiel: Zwei „Königinnen“ spielen gegeneinander, es gewinnt diejenige, deren Königinnenreich am Ende finanziell besser dasteht. Um dieses Ziel zu erreichen, können beide die Höhe und Verteilung der Gehälter, der Steuern und der Sozialleistungen in ihrem Reich bestimmen. Und sie können Blumen pflanzen, den Zirkus in die Stadt holen und Wandmalereien in Auftrag geben – damit es schön und lustig bleibt. Nachdem die zwei Spielerinnen zunächst so agiert haben, wie sie es beide aus ihrer Realität kennen, haben sie ihr Königinnenreich in folgende Situation manövriert: Ein paar wenige Menschen im Reich horten die Hälfte des gesamten Vermögens. Sie, die am meisten verdienen, zahlen aber die geringsten Steuern. Dafür gibt es immer mehr, die immer weniger verdienen und trotzdem recht viele Steuern zahlen. Und es gibt immer mehr, die keinen Job finden, und die Königin zahlt ihnen Sozialleistungen, damit sie zumindest überleben. Denn zu viele Tote bringen Punkteabzug. Anderswo sieht es nicht besser aus, oft sogar noch viel schlimmer. Darum wandern nicht wenige Menschen aus anderen Ländern ein. Die Königin kann nicht alle wieder rausschmeißen, weil das den Grundregeln des Spiels widerspräche. Weil die Menschen mit Vermögen ihr Geld nicht verlieren wollen, verlangen sie von der Königin, die Sozialleistungen zu kürzen und die neuen Menschen zu vergraulen. Viele Menschen ohne Vermögen wollen sich dagegen wehren, doch sie sind zu leise. Die beiden Königinnen entscheiden sich an diesem Punkt, unterschiedliche Richtungen einzuschlagen. Die ängstliche Königin hört auf die Vermögenden, kürzt die Sozialleistungen und lässt die neuen Menschen hungern, bis sie freiwillig wieder gehen. Weil nun fast alle noch weniger haben, haben sie noch weniger füreinander übrig. Sie kümmern sich weder um die Blumen noch um die Nachbarn. Der spärliche Nachwuchs geht in schlechte Schulen, bekommt schlechte Jobs, zahlt deshalb kaum Steuern und spuckt auf die Wandmalereien. Die Bevölkerung schrumpft. Trotzdem sinkt die Zahl der Jobs weiter, weil fast alle weniger Geld haben, um einzukaufen, und somit auch weniger hergestellt werden muss. Auf Zirkus hat niemand mehr Lust. Die Vermögenden sitzen in ihren Penthäusern und schimpfen auf die undankbaren Menschen da unten. Sie verprassen ihr Geld, aber davon hat die Königin wenig. Sie ist pleite und verliert das Spiel. Die andere Königin jedoch nimmt den Vermögenden einen Teil ihres Geldes weg. Die schreien laut und treten um sich, beruhigen sich dann aber doch bald wieder bei einem Gläschen Champagner vor dem wärmenden Kamin. Das frische Geld steckt die Königin in die Infrastruktur und in die Sozialleistungen, die erhöht werden, auch für die neuen Menschen. Es geht ein Ruck durch die Bevölkerung, die allgemeine Zufriedenheit steigt, viele Kinder gehen in 1A-Schulen, bekommen gute Jobs, kaufen gutes Essen und zahlen Steuern. Die Blumen blühen, der Zirkus expandiert und die schlaue Königin gewinnt das Spiel.

ansage-gabi-horak-boeck-anschlaege_liebe_2015_02

 

So einfach wie im Spiel ist das Leben nicht? Natürlich nicht. Aber auch im echten Leben geht es manchmal um Richtungsentscheidungen. Ob eine Regierung sich GEGEN vermögensbezogene Steuern und FÜR die Kürzung von Unterstützung für die Ärmsten entscheidet – oder umgekehrt –, ist so eine Grundsatzentscheidung. Es ist genau dieser Punkt, an dem wir uns fragen müssen: Wie wollen wir morgen leben und in welche Richtung müssen wir dafür gehen? Tatsache ist – im vereinfachten Spiel wie auch im komplizierten Leben –, dass Sparen bei den Ärmsten volkswirtschaftlich dumm ist. Durch zahlreiche Studien ist mittlerweile ausreichend belegt, dass es ALLEN besser geht, wenn die Schere zwischen Arm und Reich verringert wird. Jede Einzelmaßnahme, die NICHT der gerechteren Verteilung von Ressourcen und Vermögen dient, ist ein direkter Angriff auf die Zukunft eines Landes. Wenn wir die ohnehin spärliche Mindestsicherung kürzen, wenn wir Frauen nicht zu mehr Einkommen und eigenständiger Alterssicherung verhelfen, wenn wir Kindern keine optimale Bildung ermöglichen, wenn wir neue Menschen in unserem Land nicht als Gäste und Potenzial verstehen und sie stattdessen mit fiesen Tricks daran hindern, zu uns zu kommen, und sie lieber in elenden Zelten anderswo verdammt noch mal verhungern lassen – dann werden wir das Spiel verlieren.

 

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an.sehen: Liebe in Flanellhemden https://ansch.4lima.de/an-sehen-liebe-in-flanellhemden/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-liebe-in-flanellhemden/#comments Thu, 14 Apr 2016 13:19:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7291 In „Freeheld“ kämpft ein Paar für Gleichberechtigung. Von BETTINA ENZENHOFER ]]>

„Freeheld“ bringt Lesben, Liebe und den harten Kampf um gleiche Rechte auf die Leinwand – inklusive hartnäckiger Klischees. Von BETTINA ENZENHOFER

 

Bei einem Volleyballspiel begegnen sich Polizistin Laurel und Mechanikerin Stacie zum ersten Mal. Laurel ist extra in eine andere Stadt gefahren, um in einem reinen Frauenteam mitspielen zu können – zu groß wäre die Gefahr, sich sonst in ihrem Heimatort im US-Bundesstaat New Jersey als „so eine“ zu erkennen zu geben. Auf die erste Anziehung zwischen Laurel und Stacie folgt das erste Date, der (angedeutete) erste Sex und die große Liebe inklusive Hund, Haus und Eingetragener Partner*innenschaft. Doch dann erfährt Laurel, dass sie Lungenkrebs im Endstadium hat – Überlebenschance: zehn Prozent. Anders als bei einer Ehe würden Laurels Pensionsansprüche nach ihrem Tod nicht automatisch auf Stacie übergehen, diese könnte mit ihrem mageren Gehalt die Kreditraten des Hauses aber niemals abzahlen. Die beiden kämpfen also um Gleichbehandlung bei der zuständigen Behörde und bekommen tatkräftige Unterstützung von LGBT-Aktivist*innen. Für Letztere kommt der Fall gerade zur rechten Zeit, um für die Öffnung der Ehe zu kämpfen – erst 2015 wurde das Eheverbot für Lesben und Schwule in den USA aufgehoben. Doch Laurel geht es nicht darum, dass Homosexuelle heiraten dürfen, sondern um Gerechtigkeit, wie sie mehrmals betont. Die Behörden wiederum sehen die „heilige“ Ehe zwischen Heterosexuellen gefährdet, würden sie auf Laurels Ansuchen eingehen.

 

© Lionsgate Publicity, Foto: Phil Caruso
© Lionsgate Publicity, Foto: Phil Caruso

 

Bewegender Abschied. „Freeheld“ basiert auf einer wahren Geschichte, die bereits 2007 unter demselben Titel als dokumentarischer Kurzfilm zu sehen war und mit dem Oscar prämiert wurde. Als Spielfilm nach einem Drehbuch von Ron Nyswaner („Philadelphia“) scheint „Freeheld“ einiges richtig zu machen: Lesben auf der Leinwand! Julianne Moore und Ellen Page als Hauptdarstellerinnen! Liebe und Herzschmerz! Obwohl die Inszenierung alles andere als subtil daherkommt: Die Tränen der Zuseher*innen werden genauso wenig ausbleiben wie ihr Mitschmachten bei der Anbahnung dieser ergreifenden Liebesgeschichte, auch wenn lesbische Klischees wie die Liebe zu Flanellhemden, Motorrädern oder zum Heimwerken bedient werden. Die Regie von Peter Sollett zeigt leider noch mehr Schwächen: stereotype Schwule, ein fast ausschließlich weißes Team vor und hinter der Kamera sowie eine Erzählweise, die insgesamt zu unentschieden zwischen Krimi, Lovestory und der Darstellung von LGBT-Aktivismus wechselt.

Nachhilfestunde für Heteros? „Jede Liebe ist gleich“ ist der Untertitel der deutschen Fassung, der die bescheidene Botschaft von „Freeheld“ auf den Punkt bringt: Ganz brav handelt der Spielfilm ab, womit Lesben und Schwule oft konfrontiert sind. Es geht um ein berufliches Umfeld, in dem das Coming-out besser vermieden wird (inklusive dem Konflikt, wenn eine nicht als Mitbewohnerin, sondern als Partnerin vorgestellt werden möchte), um gesetzliche Ungerechtigkeiten von staatlicher Seite und homofeindliche Überfälle. Neben den weiblichen Hauptfiguren gelangen auch zunehmend andere Darsteller in den Fokus der Erzählung, die auf ihre Weise zeigen sollen, dass „jede Liebe gleich ist“ und nicht diskriminiert werden darf. Dass das auch 2016 noch im Kino erklärt werden muss, mag ärgerlich sein, spiegelt aber leider noch immer die (heteronormative) Realität. Und das ist trotz aller Kritik an „Freeheld“ ein Grund, sich den Film anzusehen.

 

Freeheld
Regie: Peter Sollett
USA 2015, 103 Min.
bereits im Kino

 

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Die Pornografin https://ansch.4lima.de/die-pornografin/ https://ansch.4lima.de/die-pornografin/#respond Thu, 14 Apr 2016 13:09:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7289 Interview: ERIKA LUST macht feministische Filme über Sex. Von JULIA PÜHRINGER ]]>

Die gebürtige Schwedin ERIKA LUST macht feministische Pornos mit glücklichen HauptdarstellerInnen. JULIA PÜHRINGER hat mit ihr über Business und Begehren gesprochen.

 

an.schläge: Porno hat mit Macht zu tun, geben Sie mir da Recht? Beim feministischen Porno geht es doch auch darum, diese Macht wieder zurückzuerobern?

Erika Lust: Beim Sex an sich geht es immer in irgendeiner Form um Macht. Porno ist das Medium, das expliziten Sex zeigt, also ja, Macht gehört definitiv zu seinen Ingredienzien. Beim klassischen Mainstream-Porno ist die Struktur sehr klar: Der Mann hat die Macht, die Frau ist nur dafür da, dass er kommt, dass sie ihm Lust bereitet.

Aber auch Zusehen kann Macht verleihen, wenn man als Konsumentin ernst genommen wird …

Genau das war die Idee, als ich anfing. Für mich waren Pornos etwas Negatives, das hatte nichts mit mir zu tun, mit meiner Lust, meinen Bedürfnissen, ich war ganz offensichtlich nicht die Person, um die es ging. In meinen Filmen wollte ich eine positive Vorstellung von Sexualität vermitteln. Im Hollywood-Kino gibt es ja quasi keinen Sex, die Leute gehen ins Bett und verschwinden unter der Decke. Und im Independent-Kino ist Sex zwar wichtig, wie in „Nine Songs“ oder „Nymphomaniac“, aber Sex ist immer kompliziert, freudlos, schwierig. Doch Sex sollte Spaß machen, großartig sein! Wenn es in den Medien, der Werbung, den Magazinen um Sex geht, dann geht es da im Grunde immer um eine gewisse Art Sexiness. Ich wünsche mir, dass es bei Sexualität endlich wieder um Sex geht.

Wie hat das Pornobusiness anfangs auf Ihre Filme reagiert?

Recht kritisch. Man erklärte mir, dass niemand braucht, was ich mache, und allein der Gedanke völlig lächerlich ist, dass Frauen Geld für sexuelle Inhalte ausgeben würden, weil sie sich sowieso nur für Kleider und Make-up interessierten. Dann gab es noch die Leute, die meinten, das, was ich mache, kann gar kein Porno sein, weil sex-positive oder feministische Ansichten dem Konzept Porno widersprechen, eine klare Anti-Frauen-Haltung quasi schon in der Definition von Porno beinhaltet wäre. Mittlerweile fragt man öfter bei mir an. Und auch größere US-Unternehmen beginnen mit Filmen für Frauen und Paare, man hat erkannt, dass es da einen Markt gibt.

Dass Frauen als Publikum nicht ernst genommen werden, kennt man ja auch vom Mainstream-Kino.

Das war so in der Politik und in der Medizin, überall. Und natürlich gibt es noch nicht viele Frauen, die Pornos drehen – auch wenn es sich für mich anders anfühlt, weil ich natürlich jede Einzelne von ihnen kenne. Machen wir uns nichts vor, letztlich sind wir nur ein kleiner Prozentsatz. Und ich bekomme täglich Mails von Leuten, die gerade erst entdeckt haben, dass unsere Filme überhaupt existieren. Erst kürzlich erzählte Emma Watson in einem Interview, dass sie ein Abo von einer Website namens „omgyes.com“ hat, und forderte mehr feministischen Porno. Plötzlich waren da all diese Filmemacherinnen auf Twitter, die riefen, hey, hier sind wir!

Macht eine neue, weibliche Sicht im Porno Männer nervös, wenn doch bis jetzt immer die männliche Perspektive im Vordergrund stand?

Es ist durchaus möglich, dass weibliche Sexualität für manche beängstigend ist, weil sie ja auch tatsächlich sehr mächtig ist und eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Da sind wir quasi wieder am Anfang unseres Gesprächs. Es geht um Macht und auch darum, Frauen diese Macht zurückzugeben. Diese Idee macht natürlich manchen Leuten Angst. Aber eine befriedigte Frau ist eine glückliche Frau (lacht).

 

© Erika Lust
© Erika Lust

 

Wie casten Sie DarstellerInnen? Rufen Leute bei Ihnen an, die in Ihren Filmen mitspielen wollen?

Ja, das ist ein paarmal passiert, aber ich bin nicht die Sorte Produzentin, die dir einredet, mitzumachen, ich bin eher die, die es dir ausredet (lacht). Ich habe da eine große Verantwortung. Wenn man einmal ein explizites Video im Internet stehen hat, kann man den Inhalt nicht mehr kontrollieren, dafür gibt es einfach zu viel Piraterie. Ich kann niemandem garantieren, dass das Video dann nur auf meiner Website steht. Ich frage also immer, ob sich die Leute wirklich sicher sind, ob sie mit den Menschen in ihrem Leben geredet haben, ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrem Freund oder dem zukünftigen Ehemann. Es heißt nicht, dass die Sache schlecht laufen wird, aber man sollte einfach gewappnet sein.

Es gibt immer noch erstaunlich viel Scham, wenn es um Sex geht.

Ja, definitiv. Es gibt so viel Scham und Negativität, wenn es um Sex geht, das beeinflusst uns natürlich, deshalb brauchen wir da einfach positivere Bilder, damit wir entspannter daran herangehen können. Vielleicht gibt es ja auch andere Leute, die gern an Füßen nuckeln, vielleicht bin ich gar nicht so komisch. Sexualität ist fließend. Nur weil du die ersten 25 Jahre deines Lebens eine heterosexuelle Frau warst, heißt das nicht, dass du dich nicht mit 26 plötzlich zu einer Frau hingezogen fühlst.

Sie und Shonda Rhimes sind die Fachfrauen zum Thema Diversity.

Ich habe ein Publikum, das Vielfalt fordert, das verschiedene Hautfarben, Altersstufen, Körperformen sehen will. Ich versuche immer Leute zu finden, die nicht die perfekte Blondine sind. Aber es gibt auch wunderbare perfekte Blondinen.

Reden wir über Orgasmen …

Ich werde oft gefragt, ob die DarstellerInnen in meinen Filmen wirklich kommen, und ich sage immer, das ist wie im echten Leben, manchmal schon, manchmal nicht, manchmal wird vorgetäuscht (lacht). Hinter der Kamera sind wir nur Frauen, manchmal versuchen wir’s zu erraten, man kann das schon ganz gut erkennen an der Gesichtsfarbe, roten Flecken am Hals oder großen Pupillen …

Was wollten Sie eigentlich werden, wenn Sie groß sind?

Ich war immer sehr interessiert an Menschen- und Frauenrechten, deshalb hab ich auch Politikwissenschaften studiert. Ich wollte ursprünglich in einer internationalen Organisation arbeiten.

Im Grunde arbeiten Sie doch für Menschen- bzw. Frauenrechte …

Ja, das finde ich auch. Die Filme, die ich mache, sind auf einer gewissen Ebene durchaus politisch. Sie bewegen etwas im Leben der Menschen. Feministischer Porno ist ja nicht nur für Frauen, er richtet sich an alle erwachsenen Menschen. Es gibt auch viele Männer, die mir dankbare Mails schreiben. Die zum ersten Mal einen erotischen Film gefunden haben, den sie mit ihrer Frau teilen können. Der sie verbindet, sie reden darüber, sie sprechen über ihre sexuelle Beziehung in einer Art, wie sie es schon länger nicht mehr taten. Ich bekomme solche Mails tatsächlich relativ oft. Und das macht mich jedes Mal glücklich.

Es gibt viele Bewegungen, die sicherstellen wollen, dass ihre Produkte fair hergestellt wurden: das Fairtrade-Gütesiegel, die Slowfood-Bewegung – sehen Sie sich als Teil davon?

Es geht um Verantwortung, den Produktionsprozess, ob man sich um die Leute kümmert, mit denen man arbeitet, das steckt in allen Details und Entscheidungen, die man treffen muss, wenn man einen Film auf Schiene bringt. Es gibt diese Tendenz in unserer Gesellschaft allgemein, ich möchte im Supermarkt wissen, wo die Eier oder das Fleisch herkommen. Beim Porno ist das schwierig – wenn man bei einer Website versucht herauszufinden, wer den Film gemacht hat, ist das oft gar nicht so einfach. Das Porno-Business braucht da dringend mehr Transparenz, damit die KonsumentInnen bewusste Entscheidungen treffen können.

 

Erika Lust, Geburtsname Erika Hallqvist, studierte Politikwissenschaft. Sie lebt in Barcelona und dreht Pornofilme (u. a. „Five Hot Stories For Her“ und „Cabaret Desire“). Für ihr aktuelles „Projekt XConfessions“ verfilmt sie die Fantasien ihres Publikums. Weiters verfasste sie eine Anleitung zum Pornodrehen und erotische Bücher. http://erikalust.com

 

Julia Pühringer schreibt für diverse Medien über Bewegtbild.

 

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Ohne Gewissen https://ansch.4lima.de/ohne-gewissen/ https://ansch.4lima.de/ohne-gewissen/#respond Thu, 14 Apr 2016 12:35:53 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7281 In der Gefangenschaft des IS. Von ELENA KOSTYUCHENKO]]>

Die Yezidin NADIA MURAD BASEE TAHA war drei Monate in der Gefangenschaft des IS. Es gelang ihr die Flucht. Sie hatte den Mut, der Welt ihre Geschichte zu erzählen. ELENA KOSTYUCHENKO von der russischen Zeitung „Novaya Gazeta“ hat sie protokolliert.

 

Nadia Murad Basee Taha ist 21 Jahre alt, sie ist Yezidin und kommt ursprünglich aus dem Dorf Kocho (Nordirak, Kurdistan). Am 16. Dezember 2015 sprach Nadia Murad Basee Taha vor dem UN-Sicherheitsrat über den vom IS begangenen Völkermord an den YezidInnen. Die irakische Regierung hat sie als Kandidatin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
„Unser Dorf hatte etwa 2.700 BewohnerInnen. YezidInnen leben sehr einfach. Wir bauen Weizen und Gerste an. Ich hatte acht Brüder und zwei Schwestern. Ich habe Geschichte geliebt und wollte Lehrerin werden. Vom IS habe ich zum ersten Mal im Juni gehört, als Mossul besetzt wurde. Im Fernsehen gab es Nachrichten darüber, aber wir haben nicht gedacht, dass die Kämpfer zu uns kommen. Wir haben
nicht einmal die Türen unserer Häuser verschlossen.

Mossul. Am 3. August 2014 eroberte der IS die Stadt Sindschar. Die Soldaten töteten auch in den umliegenden yezidischen Dörfern etwa dreitausend Menschen, viele Frauen und Mädchen wurden gefangengenommen. Wir wurden in einer örtlichen Schule versammelt. Allen wurde angeboten, zum Islam überzutreten, aber niemand hat das getan. Dann wurden die Männer erschossen. Darunter waren sechs meiner Brüder und fünf Cousins und viele andere Verwandte.
Den Frauen wurden Tücher und Jacken weggenommen, damit wir unsere Köpfe und Gesichter nicht verstecken konnten. In der Schule wurden wir in Gruppen eingeteilt – Kinder, verheiratete, ältere und junge Frauen. Meine Gruppe bestand aus etwa 150 Mädchen im Alter von neun bis 25 Jahren.
Man hat uns in den Park gebracht. Da wurden achtzig ältere Frauen getötet, weil die Soldaten sie nicht wollten. Unter diesen Frauen war auch meine Mutter.
Ein Großteil der Mädchen wurde nach Mossul zum Hauptsitz des IS gebracht, auch ich kam dorthin. Der Rest wurde nach Syrien geschickt. Aus meiner ganzen Familie sind nur meine drei Nichten bei mir geblieben. Sie waren damals 15, 16 und 17 Jahre alt. Die Fenster in unserem gemeinsamen Zimmer waren schwarz verhangen, wir wussten nicht, ob es Tag, Morgen oder Nacht ist.

 

Nadia Murad Basee Taha © Anna Artemeva
Nadia Murad Basee Taha © Anna Artemeva

 

Hadschi Salman. Am Abend des 18. August sind etwa hundert IS-Kämpfer zu uns gekommen. Sie haben sich Frauen ausgesucht. Viele Mädchen sind ohnmächtig geworden, andere haben vor Angst erbrochen. Doch die Männer haben weiter gewählt, wen sie wollten.
Unser Zimmer wurde von einem sehr großen Mann betreten. Er war groß wie ein Schrank, so als ob er aus fünf Menschen zusammengesetzt wäre. Ganz in schwarz. Er kam auf mich und meine Nichten zu. Die Mädchen haben sich an mich geklammert und haben vor Schrecken geschrien.
Im Erdgeschoss wurde in Listen vermerkt, welches Mädchen mit wem mitgeht. Während man meinen Namen in der Liste gesucht hat, habe ich die Füße von jemandem nicht so großen gesehen. Ich bin auf den Boden gefallen und habe diese Füße umarmt. Ich habe dem Mann nicht mal ins Gesicht geschaut. Ich habe gesagt: ‚Bitte, nimm mich, wohin du nur willst, nur befreie mich von diesem Mann, ich habe Angst vor ihm.‘ Und dieser junge Mann sagte auf Arabisch zu dem riesigen: ‚Ich will dieses Mädchen. Ich nehme es mit.‘ Dieser Mann hieß Hadschi Salman, er war ein Feldkommandeur von Mossul. Er hatte sechs Wächter und einen Fahrer. Einer von ihnen sollte mir den Koran beibringen.
Bei sich zu Hause bat mich Hadschi Salman, zum Islam zu konvertieren. Ich antwortete: ‚Wenn Sie mich nicht zwingen, mit Ihnen zu schlafen, dann werde ich den islamischen Glauben annehmen.‘ Er sagte: ‚Nein, du wirst trotzdem unsere Frau, ich habe dich dafür gewählt.‘ Er zog sich aus und befahl mir, mich ebenfalls auszuziehen. Ich sagte: ‚Ich bin krank. Als unsere Männer getötet wurden, begann ich zu menstruieren. Ich bin krank, ich kann keinen Mann empfangen.‘ Er zwang mich trotzdem, mich auszuziehen. Als er sah, dass ich tatsächlich blute, hat er mich für diese Nacht in Ruhe gelassen.
Am nächsten Abend hat mir sein Fahrer Sachen gebracht und von Hadschi Salman ausgerichtet, dass ich mich waschen, schminken und ankleiden soll, weil er gleich kommen würde. Ich wusste, dass mir keine Wahl blieb, und habe gehorcht. Er hat mich vergewaltigt. Bis zu diesem Abend war ich Jungfrau gewesen. Seine Wächter, Fahrer und andere Kämpfer haben gehört, wie ich geschrien und um Hilfe gebeten habe, aber es war ihnen egal.

Vor Gericht. Am nächsten Tag hat man mich ganz in Schwarz gekleidet. Man brachte mich zu einem islamischen Gericht von Mossul, einem IS-Gericht. Als ich dort ankam, sah ich Tausende Mädchen wie mich, mit verhüllten Köpfen und in Schwarz, neben jedem ein Kämpfer. Der Richter hat den Koran über unseren Köpfen gelesen, und wir wurden gezwungen, die Worte zu sagen, mit denen man zum Islam übertritt. Danach wurde ein Foto von jedem Mädchen gemacht und an die Wand geklebt, unter jedem Foto stand eine Telefonnummer. Unter meinem Foto stand die Nummer von Hadschi Salman geschrieben. Das hat folgenden Grund: IS-Kämpfer dürfen kommen, um sich die Fotos anzusehen. Wenn ihnen ein Mädchen gefällt, können sie die Nummer anrufen und es sich schicken lassen. Dafür wurde mit Geld oder mit Gegenständen gezahlt. Man konnte uns mieten, kaufen oder auch verschenken.

Kirkuk. Ich habe einen Fluchtversuch unternommen. Eines Abends kletterte ich über den Balkon in den Garten, doch dort hat mich ein Wächter gefangen. Für diesen Versuch zu entkommen hat mich Hadschi Salman seinen sechs Wächtern gegeben. Ich erinnere mich noch, wie mich drei vergewaltigt haben. Dann verlor ich das Bewusstsein, und ich weiß nicht, wie viele mehr es waren.
Danach konnte ich drei Tage nicht aufstehen. Niemand kümmerte sich um mich. Manchmal hat man mir Essen gebracht. Am vierten Tag bin ich aufgestanden, habe mir den Kopf gewaschen und mich unter die Dusche gestellt. Dann haben mich zwei Männer aus Hamdaniyah gekauft.
Ich war zwei Wochen lang bei diesen Männern, bei jedem für eine Woche. Dann ist ein IS-Fahrer aus Mossul gekommen und hat mich zu sich geholt. In der dritten Nacht sagte er zu mir: ‚Ich hole gleich schöne Kleidung für dich, du musst gut aussehen. Es kommen bald Leute, die sich dich anschauen werden, und wenn du ihnen gefällst, kaufen sie dich.‘
Das war spätabends. Kaum war er weggegangen, lief ich aus dem Haus und rannte an vielen Häusern vorbei, bis ich an irgendeine Tür geklopft habe, und man mir aufgemacht hat. Es war dunkel, ich wusste nicht, wer drin ist, aber ich bin eingetreten.
Drinnen saß eine arme Familie mit Kindern. Der Mann hat mir erlaubt, dort zu übernachten. Einer meiner überlebenden Brüder arbeitet in Kurdistan, ihn habe ich angerufen und er hat dieser Familie Geld überwiesen. Dafür haben sie mir den muslimischen Ausweis der Dame des Hauses und schwarze Kleidung gegeben und mich mit einem Taxi zum Bruder nach Kirkuk geschickt.
Viele meiner Verwandten wurden ebenfalls vergewaltigt und verkauft. Eine Schwester von mir ist jetzt in Deutschland, eine andere in Kurdistan. Von zwei meiner Nichten gibt es keinerlei Information. Die Männer, die uns gekauft und verkauft haben, hatten kein Mitleid mit uns. Über 3.400 YezidInnen – Frauen, Kinder, ältere Frauen und junge Mädchen – sind verschwunden. Man hört, sie wurden bereits getötet. Man sagt, viele hätten Suizid begangen. Aber niemand weiß wirklich Bescheid über ihr Schicksal. In diesem Augenblick werden Mädchen und Frauen verkauft und vergewaltigt. Aber das Gewissen der Menschheit ist nicht erwacht, und es gibt niemanden, der diese Frauen befreit.“

 

Nadia Murad Basee Taha ist heute in einem ZeugInnenschutzprogramm der EU. Elena Kostyuchenko haben wir in an.schläge 11/2014 zu ihrer journalistischen Arbeit interviewt.

 

Übersetzung aus dem Russischen: Jeanna Krömer

 

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