VIII / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 12 May 2020 14:47:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VIII / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Abo-Weihnachtsspecial https://ansch.4lima.de/abo-weihnachtsspecial/ https://ansch.4lima.de/abo-weihnachtsspecial/#respond Mon, 25 Nov 2019 21:49:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=15262 an.schläge Weihnachtsaktion 2019Save Xmas with Feminism! Verschenke die an.schläge an friends & family (und gerne auch an dich selbst). Das macht uns alle glücklich und die Welt ein bisschen besser. Unter allen Bestellungen verlosen wir zehn schicke, öko-faire an.schläge-Taschen mit den letzten drei an.schläge-Ausgaben darin. Die Welt braucht mehr Feminismus – und wir brauchen weiterhin dringend neue […]]]> an.schläge Weihnachtsaktion 2019

Save Xmas with Feminism!

Verschenke die an.schläge an friends & family (und gerne auch an dich selbst). Das macht uns alle glücklich und die Welt ein bisschen besser. Unter allen Bestellungen verlosen wir zehn schicke, öko-faire an.schläge-Taschen mit den letzten drei an.schläge-Ausgaben darin.

Die Welt braucht mehr Feminismus – und wir brauchen weiterhin dringend neue Abos!

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2019-08 https://ansch.4lima.de/inhalt/2019-08/ Sun, 24 Nov 2019 23:55:07 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=15124 Cover An.schläge Magazin 8-2019]]> Cover An.schläge Magazin 8-2019]]> leib & leben: Tüchtig! https://ansch.4lima.de/leib-leben-tuechtig/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-tuechtig/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:24:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=15108 Illustration: Sabrina WegererKürzlich ging ich wandern im schönen Höllental in Niederösterreich. Es war einer dieser letzten sonnig-warmen Tage im Spätherbst. Meine Hand umfasste einen langen Ast, der mir als Wanderstock diente. Links neben mir strömte die klare, smaragdgrüne Schwarza, die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche. Rechts ragten die Kalkalpen in die Höhe, der Boden war mit Blättern […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Kürzlich ging ich wandern im schönen Höllental in Niederösterreich. Es war einer dieser letzten sonnig-warmen Tage im Spätherbst. Meine Hand umfasste einen langen Ast, der mir als Wanderstock diente. Links neben mir strömte die klare, smaragdgrüne Schwarza, die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche. Rechts ragten die Kalkalpen in die Höhe, der Boden war mit Blättern bedeckt. Ich atmete den Geruch der Kiefern und Farne. Die Vögel, die Falter, die Käfer und ich – wir alle waren unbehelligt in unserem eigenen Tempo unterwegs. Mein Körper erfreute sich mit allen Sinnen an der paradiesischen Umgebung. Es war perfekt.
Und dann kam das Kompliment.
Von hinten huschte es heran und ließ mich stolpern wie eine Baumwurzel. „Hey, finde ich super, dass du das machst!“, rief mir jemand in den Rücken. Die schlanke, agile Frau, die an mir vorbeieilte, strahlte mich an und lobte: „Tüchtig!“ Die geduldige Felswand bot mir Halt, während sie sich bemüßigt fühlte, mir zu sagen, sie wisse, wovon sie rede, sie habe nämliche eine Nichte oder Cousine, die auch so sei wie ich, „so einen“ Körper habe. Aber die würde sie nie dazu kriegen, sich zu bewegen und etwas zu tun.
Wo immer andere Menschen sind, ist mein Körper nie einfach nur mein Körper, darf nie einfach nur sein, ist niemals selbstverständlich Teil eines großen Ganzen, sondern immer das Andere. Abgegrenzt, ohne Zugeständnis einer Privatsphäre, frei, kommentiert und reglementiert zu werden, von allen, die wollen oder es als ihre Aufgabe sehen.
Nein, auch in den Bergen habe ich offenbar keine Pause davon. In den Augen der Kommentatorin konnte (oder sollte?) mein Aufenthalt in der Natur nur dem Zweck dienen, etwas an mir zu ändern, zu verbessern. Sie weiß nicht, dass sie dort das einzige Lebewesen war, das sich an meiner Gestalt störte. Und wirklich „super“ ist, dass ich trotzdem da bin.

 

Julischka Stengele hätte dieser Tante gern gesagt, dass das Beste, was sie für ihre Nichte und deren Körper tun könne, sei, aufzuhören sie zu kontrollieren. Außerdem vielen Dank für den Beistand an den Felsen und ein „You go, girl!“ an alle dicken Nichten und Cousinen dieser Welt!

 

 

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an.lesen: „Gegen den Hass“ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gegen-den-hass/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gegen-den-hass/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:20:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=15106 © Matthias SilveriIn ihrem neuen Buch „Cyberneider“ widmet sich NATASCHA KAMPUSCH dem Hass im Netz. BARBARA FOHRINGER und KATHARINA PAYK haben sie zum Gespräch getroffen.   an.schläge: Wie kamst du auf den Titel „Cyberneider“? Natascha Kampusch: Der Begriff Cybermobbing ist bekannt. Ich verwende Cyberneider, weil ich oft Neid von anderen erfahre, etwa weil ich die Kontrolle im […]]]> © Matthias Silveri

In ihrem neuen Buch „Cyberneider“ widmet sich NATASCHA KAMPUSCH dem Hass im Netz. BARBARA FOHRINGER und KATHARINA PAYK haben sie zum Gespräch getroffen.

 

an.schläge: Wie kamst du auf den Titel „Cyberneider“?

Natascha Kampusch: Der Begriff Cybermobbing ist bekannt. Ich verwende Cyberneider, weil ich oft Neid von anderen erfahre, etwa weil ich die Kontrolle im Umgang mit Medien behalten habe.

„Der Standard“ hat dich als eines der ersten Opfer von Hass im Netz bezeichnet.

Ja, das waren vor allem Kommentare unter den Online-Artikeln und in Foren. Es gab eigene Foren, die sich Verschwörungstheorien widmeten, auch Politiker_innen haben gegen mich gehetzt. Viel Hass gegen mich kommt von rechts, etwa von den Identitären. Ich habe von Anfang an deren Bild einer Frau entsprochen, aber gleichzeitig – etwa von meinem Charakter oder Verhalten her – dem auch widersprochen. Das kriegen sie dann nicht auf die Reihe, sie werden gemein.

Was sind deine Strategien im Umgang mit Hass im Netz?

Nicht zu viel davon lesen, nicht zu viel davon ernst nehmen. Je mehr ich mein eigenes Leben unabhängig von der Gefangenschaft leben konnte, desto weniger Angriffsfläche hatten die Hetzer_innen.

Inhalte und Sprache in „Cyberneider“ sind gut zugänglich. Hast du das Buch für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben?

Es sollte neben jungen Leser_innen, die vielleicht von Cybermobbing betroffen sind, vor allem die Generation der Eltern und Großeltern ansprechen. Mein Anliegen ist es, dass Großeltern, die oft die jüngeren Generationen miterziehen, über neue interaktive Medien Bescheid wissen.

Welche Rolle spielt Sexismus in Bezug auf Cybermobbing?

Ich erlebe zwei Ausdrucksformen von Sexismus: eklige machistische Übergriffigkeiten, schwere Beleidigungen, und andererseits die Diskriminierung als Frau in der Gesellschaft allgemein. Wie Greta Thunberg heute wurde auch mir damals vorgeworfen, so kühl zu reagieren. Bei mir war es aufgrund der Isolation, bei ihr ist es aufgrund des Asperger-Syndroms. Ich war damals 19. Bei einem jungen Mann hätte niemand so reagiert. Es hätte niemand gesagt, er werde von anderen beeinflusst. Wenn Frauen distanziert oder selbstbewusst sind, muss da gleich etwas dahinterstecken. Das Kommentieren des Aussehens von Frauen ist ebenso übergriffig: Über Greta wird oft gesagt, sie solle sich hübscher anziehen, lächeln, lieb sein. Das ist täglicher Sexismus.

Dir ist eine intersektionale Perspektive wichtig. Du zeigst auf, dass Hass im Netz gerade LGBTI, von Rassismus betroffenen Menschen und Frauen entgegenschlägt.

Ja, manche Menschen verlagern ihre Niedertracht ins Internet. So auf die Art: Im echten Leben dürfen wir jetzt nichts mehr sagen, aber im Internet können wir uns anonym auslassen.

Zum Thema Pornografie hast du dich sehr explizit dagegen positionierst. Du sagst, dies sei nicht mit deiner feministischen Grundhaltung vereinbar. Sprichst du damit nicht Frauen aus der Porno-Branche die Selbstbestimmung ab?

Ich bin gegen das, was es aktuell gibt: nämlich dass Männer verzerrte Bilder an junge Leute weitergeben. Ich glaube nicht, dass es normal ist, dass Frauen immer sofort wollen und sexy angezogen sind oder sein müssen. So radikal wie Alice Schwarzer bin ich auf keinen Fall.

Du kritisierst in deinem Buch auch die Inszenierungen weiblicher Influencer.

Ja, aber nicht im Sinne von Neid. Es tut mir ein bisschen weh, wenn es der einzige Lebenszweck sein soll, Make-up auszuprobieren, herumzureisen und in einer weiß gestrichenen Wohnung vorm Schminkspiegel zu sitzen. Aber es ist nicht nur schlecht. Denn in vielen Fällen ist so ein Video auch mutig, wenn man bedenkt, dass es Länder gibt, in denen Frauen dafür angegriffen werden.

 

In „Cyberneider“ empfiehlt Natascha Kampusch die an.schläge als feministische Lektüre.

 

Natascha Kampusch: Cyberneider. Diskriminierung im Internet
Dachbuch 2019, 18,73 Euro

 

 

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Platz für alle https://ansch.4lima.de/platz-fuer-alle/ https://ansch.4lima.de/platz-fuer-alle/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:12:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=15105 © Yutaka Fujii on flickr CC BY-ND 2.0Kunst und Kultur sind nach wie vor Eliteprojekte. Doch es gibt viele kulturpolitsche Versuche, der Vielfalt einer Stadt gerecht zu werden. VANESSA SPANBAUER hat bei drei Expertinnen nachgefragt.   Die Wiener Kunst- und Kulturszene ist vielfältig – divers in ihren Disziplinen, in den Genres und der Größe. Um die Diversität der Kunstschaffenden selbst hingegen ist […]]]> © Yutaka Fujii on flickr CC BY-ND 2.0

Kunst und Kultur sind nach wie vor Eliteprojekte. Doch es gibt viele kulturpolitsche Versuche, der Vielfalt einer Stadt gerecht zu werden. VANESSA SPANBAUER hat bei drei Expertinnen nachgefragt.

 

Die Wiener Kunst- und Kulturszene ist vielfältig – divers in ihren Disziplinen, in den Genres und der Größe. Um die Diversität der Kunstschaffenden selbst hingegen ist es schlecht bestellt. Doch immer mehr kulturpolitische Initiativen wollen das endlich ändern.

Question Me + Answer. In Österreich etablierte Künstler*innen tun sich mit Kunstschaffenden zusammen, die noch nicht lange in Österreich leben: Das Projekt Question Me + Answer will auf diesem Weg neue Begegnungen schaffen, von denen beide Seiten profitieren. Laut Co-Founderin Smaranda Krings, die auch im Verein Flüchtlinge Willkommen engagiert ist, geht das Konzept auf. „Menschen, die sonst aufgrund von Alters-, Herkunfts- oder Stilunterschieden vermutlich nicht viel Kontakt miteinander gehabt hätten, wurden durch uns dazu motiviert, sich näher kennenzulernen. Sogar Künstler_innen, die mit extrem unterschiedlichen Medien arbeiten, haben wahnsinnig tolle Arbeiten gemeinsam produziert.“
Doch die künstlerische Laufbahn vieler Menschen scheitert nicht nur aufgrund ihrer Migrationsgeschichte, weiß Krings. „Das Problem an der Kunstszene ist nämlich, dass sie so tickt wie alle Szenen in Wien: Man kommt nur rein, wenn man jemanden kennt. Und wenn dieselben Gruppen von Menschen sich gegenseitig Kontakte zuschieben, bleibt das Feld sehr homogen.“ Besonders schwierig sei es, Zugang zu Kunstgalerien zu finden. Krings setzt daher auf die Kooperation mit Räumen, die versuchen, sich zu öffnen – wie die Wiener Galerie Improper Walls.

Spiegel der Gesellschaft. Eine homogene Szene an Kunst- und Kulturschaffenden führt zu einem ebenso homogenen Publikum. Das sei ein Punkt, bei dem auch größere Häuser ins Grübeln kommen – denn eigentlich wollen sie für alle zugänglich sein. „Diversität steht gerade in hektischen Betrieben, die unter hohem ökonomischen Druck stehen, auf dem Blatt ‚Oh Gott, das müssen wir auch noch tun‘“, meint Clara Gallistl, die sich von Berufswegen mit dem Thema Community Building beschäftigt. Community Building versteht sie als strategischen Aufbau einer nachhaltigen Community, die von den Menschen, die dort miteinander in Austausch treten, als sinnstiftend wahrgenommen wird. Eigentlich sei das ganz einfach, sagt Gallistl. „Ich versuche einen entspannten Umgang mit der Ungleichheit zu propagieren. Kunst- und Kulturproduktion muss die Realität der Bevölkerung widerspiegeln. Weiße, männliche Perspektiven haben wir zur Genüge. Wir brauchen Erzählungen, Perspektiven und Künstler*innen, die die Vielfalt der österreichischen Gesellschaft zeigen. Und das ist nicht so schwierig umzusetzen, wenn die Entscheidungsträger*innen mit mehr Zeit, Engagement und Interesse nach Menschen suchen, die unterrepräsentierte Positionen haben.“

Best Practice. Auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen fällt häufig der Name Brunnenpassage, ein Kulturraum im 16. Wiener Gemeindebezirk. Fariba Mosleh, die sich auf Projektmanagement, die Produktion performativer und transkultureller sowie community-orientierter künstlerischer Praktiken spezialisiert und auch mit der Location zusammengearbeitet hat, hat dafür eine Erklärung: „Die Brunnenpassage hat sich nicht nur auf der Ebene der Mitwirkenden im künstlerischen Bereich, sondern auch auf den Ebenen des inhaltlichen Diskurses sowie auf Produktions- und Kommunikationsebene im Team intensiv mit Diversität auseinandergesetzt und eine sehr heterogene Arbeitspraxis entwickelt. Es wurde nicht davor zurückgeschreckt, ein vielsprachiges Team mit unterschiedlichen biografischen Kontexten zu bilden. Das bedarf Ressourcen, wie der Bereitschaft, Energien in die Überwindung von Sprachbarrieren zu stecken, aber wirkt sich direkt auf die Arbeit aus. Neue, vielfältige Perspektiven fließen in die Kunstproduktion.“ Doch Mosleh sieht nicht nur großen Handlungsbedarf in Hinblick auf die unterschiedliche Herkunft von Personen. „Es geht darum, gesellschaftliche Lebensrealitäten auch in Institutionen wiederzufinden – auf, hinter und vor der Bühne. Es war beinahe ein revolutionärer Akt, als die neue Intendantin der Wiener Mittelbühne Dschungel Wien, Corinne Eckstein, 2016 die lebensfeindlichen All-In-Verträge abgeschafft und erstmals auch Frauen mit (Klein-)Kindern angestellt hat. Kulturschaffende müssen abseits des Bildungsbürger*innentums und des Dunstkreises gut vernetzter Intellektueller Sichtbarkeit in der Kulturszene bekommen.“

Politischer Auftrag. Nicht nur auf institutioneller Ebene muss etwas geschehen, auch die Politik sollte sich verstärkt dafür einsetzen, mehr Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen, sind sich die drei Expertinnen einig. „Um struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken, braucht es ein Umdenken auf allen Produktionsebenen, aber auch auf Ebene der Entscheidungsträger*innen. Kulturbeauftragte, Fachbeiräte sowie Jurys und Kuratorien müssen diverser besetzt werden“, sagt Fariba Mosleh. Fördertöpfe wie Kültür Gemma!, ein Projekt, das jedes Jahr Stipendien an Kulturschaffende mit Migrationshintergrund vergibt, sieht sie nicht nur positiv. „Es ist enorm wichtig, aber gleichzeitig nicht zielführend, dass es eine Förderung wie Kültür Gemma! für migrantische Kulturproduzent_innen gibt. Es braucht keine karitativ anmutenden einmaligen Sondertöpfe für Migrant_innen oder Geflüchtete, denn Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen müssen unabhängig von ihrer Herkunft einen Platz im regulären Kunstbetrieb finden.“ Expertise sei genügend vorhanden und warte nur darauf, einen Nährboden vorzufinden, auf dem sie eingesetzt werden könne, ist Mosleh überzeugt.

„Es braucht Quoten. Meiner Ansicht nach sollten Institutionen, die die Ressourcen dazu haben, dazu verpflichtet sein, die Besetzung ihres künstlerischen Programms an ihr Zielpublikum anzupassen. Und das ist die gesamte Stadt und nicht nur eine kleine Elite“, sagt Smaranda Krings. „Die Beziehung zwischen Theater und Gesellschaft ist keine One-Way-Kommunikation, in der es darum geht, neue Zuschauer*innen zu generieren. Politik, Medien, soziale Initiativen und Kunst- und Kulturproduzierende müssen gemeinsam arbeiten, und zwar strategisch, mit genügend Zeit und Zuneigung“, ergänzt Clara Gallistl. Weitere Erfahrungen in diesem Bereich wird Gallistl in der Saison 2020/21 unter der Intendanz von Kay Voges am Volkstheater sammeln, wo sie für Community Building zuständig sein wird.
Vielfältige Kunst und Kultur, die einer vielfältigen Stadt gerecht wird, ist also ein Ziel, dem sich alle Kulturinstitutionen verschreiben sollten.

 

 

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satira: Zahnpasta in die Vagina https://ansch.4lima.de/satira-zahnpasta-in-die-vagina/ https://ansch.4lima.de/satira-zahnpasta-in-die-vagina/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:02:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=15107 Illustration: Sabrina WegererDas klingt gut. So einfach, so bodenständig. Und auch so billig. Schnell, praktisch, günstig. Was will frau mehr? Weil einfach ist das ja nicht mit dieser Vagina. Diesem Loch Ness, puh, der reinste Monsterfilm. Diese dramatischen, purpurroten Vorhänge, das ganze Gehänge. Diese Schlabberlippen. OMG, so kann frau sich nicht präsentieren! Wenn der Richtige kommt, oder […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Das klingt gut. So einfach, so bodenständig. Und auch so billig. Schnell, praktisch, günstig. Was will frau mehr?
Weil einfach ist das ja nicht mit dieser Vagina. Diesem Loch Ness, puh, der reinste Monsterfilm. Diese dramatischen, purpurroten Vorhänge, das ganze Gehänge. Diese Schlabberlippen. OMG, so kann frau sich nicht präsentieren! Wenn der Richtige kommt, oder die Richtige, und das unter die Lupe nimmt! Und dann Reißaus, und schon ist es aus. Kein Marsmensch will diesen Venushügel erklimmen! Nicht mal mehr einen anständigen Porno-Job kann frau mit so was kriegen.
Gott sei Dank gibt es schon viele Angebote. Immer mehr Chirurg_innen haben erkannt, was frau mitmacht da unten. Wo sie lieber nicht hinschaut, weil sie sich nicht traut, und wenn ist es zu spät und sie kommt auf den Horrortrip. Wegen der Unterwelt. Von wo es ja auch noch dramatisch blutet, und plötzlich kommt was raus, sogar wer, und schreit sie an. Was sie sieht, ist so schröcklich! Bei den andern ist es bestimmt Lilifee. Schmetterlingsflügel.
Immer mehr Chirurg_innen wollen uns befreien, wir müssen unser Schicksenschicksal nicht mehr tragen. Einfühlsame Ärzte und dünne, blonde Ärztinnen, die sehr straff ausschauen und uns motiviert anschauen, entfernen unmotiviert herumhängende Hautjammerlappen. Unsere Vaginen können gestrafft, verengt und sogar verjüngt werden, aber auch cosy gepolstert. Beschneidungen werden ambulant angeboten, Labienliftings to go! Immer mehr Frauen nehmen diese Hilfe in Anspruch, manche gönnen sie sich, wollen sich öfters was Gutes tun!
Aber auch Angsthäsinnen und welche mit kleinem Börserl müssen nicht verzweifeln. Weil jetzt gibt es Zahnpasta! Für uns alle super. Frau muss nicht mal Inhaberin einer Vagina Dentata sein. Hat denselben Effekt wie eine OP und tut nicht weh. Auch noch gut gegen Gebärmuttermundgeruch, davon war noch nicht mal die Rede. Dann noch ein Schamlippenstift und alles wird geil.

 

Michèle Thoma hat ein Faible für Hausfrauenweisheit und begrüßt diesen bodenständigen Trend.

 

 

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30-Stunden-Woche https://ansch.4lima.de/30-stunden-woche/ https://ansch.4lima.de/30-stunden-woche/#comments Sun, 24 Nov 2019 22:58:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=15104 © Rosana Prada on flickr/(CC BY 2.0)Die beiden Kinder von ANTONIA WENZL sind seit ihrem ersten Lebensjahr in Ganztagsbetreuung. Im Vereinbarkeitshimmel ist sie trotzdem nicht.   Ein „Nach-Hause-geh-Kind“ möchte mein Kind sein, das sagt es mir immer wieder. „Nach-Hause-geh-Kinder“ sind die Kinder, die um 15.30 Uhr gehen und nicht zum „Spätdienst“ bleiben. Die Unterscheidung zeigt deutlich: Mit einem Ausbau von Ganztagsbetreuungsangeboten […]]]> © Rosana Prada on flickr/(CC BY 2.0)

Die beiden Kinder von ANTONIA WENZL sind seit ihrem ersten Lebensjahr in Ganztagsbetreuung. Im Vereinbarkeitshimmel ist sie trotzdem nicht.

 

Ein „Nach-Hause-geh-Kind“ möchte mein Kind sein, das sagt es mir immer wieder. „Nach-Hause-geh-Kinder“ sind die Kinder, die um 15.30 Uhr gehen und nicht zum „Spätdienst“ bleiben. Die Unterscheidung zeigt deutlich: Mit einem Ausbau von Ganztagsbetreuungsangeboten für Kinder, wie er auch in feministischen Kreisen gefordert wird, ist es nicht getan. Natürlich begrüße auch ich jeden weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten und jede Qualitätsoffensive in diesem Bereich. Gleichzeitig bin ich jedoch davon überzeugt, dass für echte Vereinbarkeit eine tiefgehende Reform unseres Sozialstaates sowie ein Kulturwandel unbedingt notwendig sind, auch was den Mythos der „guten Mutter“ betrifft.
Ich lebe mit meinem Partner und meinen Kindern (drei und acht Jahre alt) in Wien, wo das Angebot an institutioneller Ganztagsbetreuung bereits relativ gut ausgebaut ist. Eine Umfrage im Auftrag der Arbeiterkammer ergab 2018, dass es für drei Viertel der Volksschulkinder in Wien ein Ganztagsbetreuungsangebot gibt. Auch in den Krippen und Kindergärten sind Ganztagsplätze üblich (1), wenn auch definitiv noch nicht ausreichend vorhanden.
Meine beiden Kinder besuchen seit ihrem ersten Geburtstag Ganztagseinrichtungen, der Kindergarten schließt um 17:00 Uhr, die Ganztagsschule bietet Betreuung bis 17:30 Uhr an. Dazu kommt ein Job mit flexiblen Arbeitszeiten. Ich lebe quasi im Vereinbarkeitshimmel, habe die Strukturen zur Verfügung, die irgendwann landesweit ausgebaut werden sollten. Denn – so die Erwartung – wenn die Kinderbetreuungsangebote erst einmal da sind, werden Mütter Vollzeit arbeiten können, der Gender Pay Gap und die Altersarmut von Frauen werden sich reduzieren und alles wird gut, oder zumindest besser.

Gute Mutter. Die „gute Mutter“ holt ihre Kinder früh ab (oder kann diese Aufgabe delegieren) – der „gute Vater“ holt seine Kinder hin und wieder ab. Der Kindergarten meiner Tochter – es gibt dort ausschließlich Ganztagsplätze – schließt um 17:00 Uhr. Trotzdem werden neunzig Prozent der Kinder um spätestens 15:30 Uhr abgeholt. Das löst einen gewissen Druck aus, es auch so zu machen. „Weißt du, die arbeitet Vollzeit“, „Die ist Alleinerzieherin, deshalb kann sie nicht früher“ oder „Obwohl sie gar nicht arbeitet, holt sie trotzdem ihre Kinder so spät ab“, heißt es dann über die Handvoll Mütter, die später kommen.
2017 arbeiteten in Wien von den Müttern, deren jüngstes Kind zwischen vier und sechs Jahre alt war, zwölf Prozent Vollzeit, 36 Prozent waren teilzeitbeschäftigt und 46 Prozent waren nicht erwerbstätig (der Rest entfiel auf Selbstständigkeit oder andere Beschäftigungsformen). Inwiefern diese Zahlen mit dem Vorhandensein eines Ganztagsbetreuungsplatzes korrelieren, wurde leider nicht erhoben.
Zum Gute-Mutter-Mythos gehört es mittlerweile, gleichzeitig „nicht nur“ Mutter zu sein, sondern auch noch andere Ziele im Leben zu verfolgen und einen Beruf zu haben. Ob eine da mitspielen kann, ist von ihren Erwerbsarbeitsmöglichkeiten (falls sie zu den Lohnabhängigen gehört), von ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse sowie von der Verfügbarkeit familiärer und sozialer Netzwerke abhängig. Kann eine Mutter die Kinder nicht selbst abholen und hat es nicht geschafft, den Vater der Kinder dazu zu bewegen, das auch regelmäßig zu machen (ja, auch das liegt offenbar vielfach in der Verantwortung der Mütter), dann kann hoffentlich die Großmutter einspringen. Oder sie gehört zur Mittelschicht und kann eine Babysitterin bezahlen, die diese Aufgabe übernimmt. Gehört sie zur Oberschicht, hat sie vermutlich eine (hoffentlich angestellte) Haushaltshilfe, die dafür zuständig ist. Tendenziell wird, so die Beobachtung in meinem Umfeld, unbezahlte oder prekäre Arbeit eher auf weniger privilegierte Frauen umverteilt als zwischen den Geschlechtern.

Es wird besser? Je älter die Kinder, umso leichter wird es mit der Vereinbarkeit, heißt es – leider stimmt das nicht. Mit der Ganztagsschule wird es besser, hatte ich gehofft und zum Schuleintritt meiner Tochter optimistisch meine Arbeitsstunden auf fast Vollzeit (35 Wochenstunden) erhöht. Schon bei der Schulanmeldung empfahl die Direktorin, das Kind, besonders im ersten Schuljahr, um 15:30 Uhr abzuholen. Die Tage seien für die Kinder sehr anstrengend und sie müssten sich erholen. Da war es also wieder, mein geliebtes 15:30 Uhr – an das wir uns dann wieder nicht gehalten haben. Aber es braucht schon Selbstbewusstsein und Widerstandsfähigkeit, um diesem permanenten Druck standzuhalten.
Hinzukommt, dass sich die öffentliche Ganztagsschule (zumindest in unserem Fall) nicht als Betreuungseinrichtung versteht. Hat der Kindergarten eine Schließwoche pro Jahr, so hat die Schule neben 14 Wochen Ferien an rund 15 Tagen im Jahr Gründe (Konferenzen, Fortbildungen, erste Schulwoche, letzte Schulwoche etc.), am Nachmittag keinen Unterricht und keine Betreuung anzubieten und die Kinder zu Mittag zu entlassen. Im Notfall dürfen Eltern sich an die Direktorin wenden. Ich habe 25 Urlaubstage pro Jahr – ist das der Betreuungsnotfall, den sie meinen?

Männliche Norm. Warten wir nicht auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung, denken wir schon jetzt weiter. Der Ausbau der Ganztagskinderbetreuung soll es mehr Müttern ermöglichen, in Vollzeit erwerbstätig zu sein, und sie damit aus der „Teilzeitfalle“ holen. Mehr Frauen würden damit auch in den Genuss der Existenzsicherung kommen, die unser Sozialstaat in erster Linie an durchgehende Vollzeiterwerbstätigkeit knüpft (existenzsicherndes Einkommen, Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Krankengeld, ausreichende Alterspension etc.). Die Frauen sollen sich an die männliche Norm anpassen, ist die Botschaft. Dabei wird ignoriert, dass unserem Sozialstaat die heteronormative, patriarchale Idee der Familie eingeschrieben ist, in der der Mann erwerbstätig ist und die Frau (unsichtbar und unbezahlt) die Reproduktionsarbeit leistet. Wenn nun beide Eltern Vollzeit arbeiten und die Kinder während dieser Zeit außer Haus betreut werden, löst sich aber nicht die Frage der Reproduktionsarbeit. Schon gar nicht für Ein-Eltern-Familien, die beide Bereiche alleine schultern müssen. Es löst sich auch nicht die Frage, wer alle Termine für die Kinder koordiniert, wer sich ihren Ängsten und Sorgen widmet, in der Nacht aufsteht, wenn sie weinen, und bei ihnen bleibt, wenn sie krank sind und die Pflegefreistellungstage bereits aufgebraucht sind.
Anstatt Druck auf die Mütter auszuüben (die vielfach ohnehin schon an ihrer Belastungsgrenze leben), ihre Erwerbsarbeitsstunden zu erhöhen, sollten wir Druck auf Väter ausüben, ihre Arbeitszeit zu reduzieren bzw. sollten Väter selbst diese Arbeitszeitreduktion vehement einfordern. Wir sollten außerdem über Elternteilzeit mit Lohnausgleich nachdenken und die Dreißig-Stunden-Woche für alle fordern.

 

Antonia Wenzl ist müde und kann es trotzdem nicht lassen, ihre kaum vorhandene Freizeit dem Kampf für mehr selbstbestimmte Zeit für Mütter zu widmen. U. a. macht sie das auf „umstandslos – Magazin für feministische Elternschaft“.

 

(1) 87 Prozent der Kindertagesheime hatten im Jahr 2018/19 je Betriebstag zehn Stunden oder länger geöffnet.

 

 

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an.spruch: Gemeinsam die Kurve kratzen https://ansch.4lima.de/an-spruch-gemeinsam-die-kurve-kratzen/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-gemeinsam-die-kurve-kratzen/#respond Sun, 24 Nov 2019 22:48:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=15113 llustration: Raffaela SchöbitzUnd plötzlich wusste ich, dass wir die Politik wachrütteln können: Die Studentin und Friday-for-Future-Aktivistin FRANZISKA MARHOLD berichtet über ihren klimapolitischen Weckruf.   Vor einem Jahr hatte ich noch nie für etwas demonstriert. Ich saß brav in der Schule und konzentrierte mich darauf, gute Noten in meinem Maturazeugnis zu bekommen, eine bessere Basketballerin zu werden und […]]]> llustration: Raffaela Schöbitz

Und plötzlich wusste ich, dass wir die Politik wachrütteln können: Die Studentin und Friday-for-Future-Aktivistin FRANZISKA MARHOLD berichtet über ihren klimapolitischen Weckruf.

 

Vor einem Jahr hatte ich noch nie für etwas demonstriert. Ich saß brav in der Schule und konzentrierte mich darauf, gute Noten in meinem Maturazeugnis zu bekommen, eine bessere Basketballerin zu werden und Zeit mit meinen Freund*innen zu verbringen. Politisch interessiert war ich jedoch immer. Dem Thema Klimawandel wich ich aber aus. Für mich war das zu groß, zu abstrakt, zu beängstigend und zu fern von meinem Alltag, um mich ausführlicher damit zu beschäftigen. Außerdem dachte ich naiverweise: Wäre Klimawandel ein Problem, das bereits eine akute Bedrohung darstellt, würden wir doch anders handeln, oder? Politiker*innen würden die Bevölkerung über die Gefahr informieren, Wissenschaftler*innen würden Entscheidungsträger*innen beraten, wie wir das Klima am besten schützen können, und Maßnahmen würden rasch umgesetzt werden, oder? Falsch gedacht.
Trotzdem fing ich an, mich selbst über den Klimawandel zu informieren. Bald sagte ich nicht mehr „Wandel“, sondern Klimakrise. Ich sah, dass man sich international darauf geeinigt hatte, die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stabilisieren, wir aber derzeit in Österreich auf drei bis vier Grad zusteuerten. Ich las darüber, welche katastrophalen Auswirkungen dieser Temperaturunterschied haben würde. Arten würden massenhaft aussterben, immer mehr Menschen wären von Naturkatastrophen betroffen, ganze Küstenabschnitte durch die ansteigenden Meeresspiegel vom Untergang bedroht. Das sind nur einige wenige der bekannten Auswirkungen. Ich wollte mir nicht vorstellen müssen, was noch auf uns zukommen könnte.
Was kann man schließlich tun? Ich kann die Arten nicht retten, die Taifune nicht aufhalten oder die Meeresspiegel wieder senken.

 

llustration: Raffaela Schöbitz
llustration: Raffaela Schöbitz

 

Doch dann kam der erste weltweite Klimastreik von Fridays for Future vergangenen März. Dort sah ich Tausende junge Menschen, die in Wien auf die Straße gingen, um für Klimaschutz zu protestieren. Zu Hause im Fernsehen sah ich, dass es weltweit Millionen waren. Und plötzlich wusste ich, dass wir gemeinsam die Kurve kratzen und die Politik wachrütteln können. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst Fridays for Future beitrat und dabei mithalf, Massendemonstrationen zu organisieren. Seitdem bin ich so gut wie jeden Freitag auf der Straße.
Genau deswegen ist Klimaaktivismus so wichtig. Durch Aktionen und viel Durchhaltevermögen weckt man nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen Hoffnung. Hoffnung allein reicht aber nicht. Der beste Zeitpunkt, an dem die Politik handeln müsste, ist schon längst vorüber. Denn schon seit etwa dreißig Jahren weiß die Wissenschaft über die Klimakrise Bescheid. Dreißig Jahre lang hat die Politik sich geweigert, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen: Mit unserer Lebensweise zerstören wir die Zukunft aller nachfolgenden Generationen, die aber keinen Platz am Verhandlungstisch hatten. Doch diese Generationen sind jetzt hier und nehmen das nicht mehr so einfach hin! Der letzte Zeitpunkt zu handeln ist jetzt.
Wir fordern, dass Österreich bis 2030 auf netto-null Emissionen kommt. Das heißt, dass alle ausgestoßenen Emissionen auch wieder von natürlichen Ökosystemen aufgenommen werden können. Um das zu erreichen, brauchen wir u. a. 2020 unbedingt eine ökosoziale Steuerreform und ein Ende klimaschädlicher Subventionspolitik.
Klimaaktivismus hat dieses Jahr vor allem bewirkt, dass das Thema bei allen Leuten ankam. Kein*e Politiker*in entkommt der Klimafrage mehr. Diesem Bewusstsein müssen aber jetzt sofort auch Handlungen folgen, denn die Uhr tickt. Bis dahin werden wir weitermachen – und größer und lauter werden. Und wir fordern alle auf, mitzumachen! Egal ob jung oder junggeblieben – wir brauchen jetzt alle, um die Kehrtwende in der österreichischen Politik einzuleiten. Wir sehen uns alsohoffentlich am Freitag und vor allem auch am 29.11. – dem nächsten weltweiten Klimastreik.

 

Franziska Marhold ist seit Mai 2018 bei Fridays for Future.

 

 

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Heldinnen mit Sollbruchstelle https://ansch.4lima.de/heldinnen-mit-sollbruchstelle/ https://ansch.4lima.de/heldinnen-mit-sollbruchstelle/#respond Sun, 24 Nov 2019 22:42:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=15103 Illustration: Lina WaldeAlles klar, Frau Kommissar? Ganz im Gegenteil: TV-Serien mit gebrochenen Heldinnen sind momentan hip. Sind psychische Erkrankungen oder Traumata der Preis, den ein starker Frauencharakter bezahlen muss? Von GINI BRENNER   „A Girl and a Gun“, ein schönes Mädel und eine gefährliche Waffe. Das sei die einfachste, schlagendste Formel für einen erfolgreichen Krimi, behaupten die […]]]> Illustration: Lina Walde

Alles klar, Frau Kommissar? Ganz im Gegenteil: TV-Serien mit gebrochenen Heldinnen sind momentan hip. Sind psychische Erkrankungen oder Traumata der Preis, den ein starker Frauencharakter bezahlen muss? Von GINI BRENNER

 

„A Girl and a Gun“, ein schönes Mädel und eine gefährliche Waffe. Das sei die einfachste, schlagendste Formel für einen erfolgreichen Krimi, behaupten die Verfechter des klassischen Film-Kanons und berufen sich dabei auf Godard. Möglicherweise ist das aber ein Riesenirrtum gewesen: Die Mehrheit des Zielpublikums steht eher auf fähige Frauen statt hübscher Deko-Mädel, wie es scheint. Krimi-Serien mit verqueren Kommissarinnen sind Dauerbrenner.
„Saga Norén, Kripo Malmö.“ So begrüßt sie jede_n, egal ob am Tatort oder im Nachtclub. Charmantes Lächeln wird man von ihr keines kriegen, dafür gerne eine patzige Ansage. Das Wort „Mitgefühl“ kommt in ihrem emotionalen Vokabular nicht vor. Sie ist keine Sympathieträgerin, sie ist anstrengend und nervig. In der Genre definierenden TV-Serie „Die Brücke“ ist Saga Norén (Sofia Helin), die Kommissarin mit Asperger-Syndrom, die unbestrittene ExpertInnenfigur: Mit untrüglichem Blick für Details und messerscharfer Kombinationsgabe kommt sie Serienkillern auf die Spur, die den Rest der Welt scheinbar mühelos ausgetrickst haben.

Gestreamt. Saga Norén in „Die Brücke“, die psychisch schwer angeschlagene Marcella Backland (Anna Friel) in „Marcella“, die durch eine Vergewaltigung traumatisierte Robin Griffin (Elizabeth Moss) in Jane Campions „Top of the Lake“ – in letzter Zeit haben Ermittlerinnen mit brüchigem Charakter Hochkonjunktur. Der klassische „Hardboiled“-Typus, einst durch Leute wie Raymond Chandler und Chester Himes groß geworden, tritt in Serien inzwischen immer öfter auch als Frau auf. Das liegt nicht zuletzt am Erfolg der Streaming-Portale Netflix, Amazon Prime & Co, die gerade bei Frauen erfolgreich sind: Wer sich selbst nicht im Kino wiederfindet, weicht auf Serien aus. Komplexe Protagonistinnen mit möglichst polarisierender Backstory sind momentan die Entdeckung der Streaming-Plattform-ProduzentInnen. Und sogar die Öffentlich-Rechtlichen ziehen mit.
Doch manche wissen das schon lange, nämlich Thriller-AutorInnen. Auch wenn es so wirkt, als schössen die komplex-schrägen Ermittlerinnen erst in letzter Zeit wie die Schwammerln aus dem Bildschirm – Leute wie Saga Norén, Angelika Schnell („Schnell ermittelt“), Bibi Fellner („Tatort“) oder Sarah Linden („The Killing“) können auf eine lange Ahninnen-Reihe zurückblicken. Das Krimi-Genre war tatsächlich immer schon ein Freiraum für komplexe Frauenfiguren, die sich für ihre Stärken und Schwächen weder entschuldigen noch rechtfertigen müssen.
Die Freiheiten der künstlerischen Charakterentwicklung weiblicher Figuren im Krimi-Genre sind tatsächlich bemerkenswert. 1875 erschien Wilkie Collins’ „The Law and the Lady“ – der erste Roman der bekannten Literaturgeschichte, in dem eine Frau als Detektivin fungiert. Und über die Brücke der Krimihandlung schafft es der männliche Autor trotz aller Konventionen seiner Zeit, seiner Hauptfigur Valerie echte Agency zu verleihen. Sie ist kein Ziergegenstand mit Dialog, sie ist Protagonistin im Wortsinn, die ihren Handlungsstrang um ihretwillen vorantreibt und nicht wie üblich, um männliche Aufmerksamkeit zu erlangen.
Selbst wenn die gegenwärtigen Thriller-Heldinnen in ihrer Gebrochenheit überaus zeitgeistig erscheinen, sind in der Genre-Geschichte erfreuliche Kontinuitäten zu entdecken. Schon die erste weltberühmte Ermittlerin, Agatha Christies ikonische Hobby-Detektivin Miss Marple (erster literarischer Auftritt: 1927) darf etwas, was dem Großteil der literarischen Heldinnen ihrer Zeit (und weit darüber hinaus) verwehrt war: Sie verfolgt ihr jeweiliges Ziel allein um des Zieles willen. Und dabei darf sie schrullig, unkonventionell, gar unattraktiv sein.

Selbstbestimmt. Genau das ist das Reizvolle an den Frauen im Krimi: In keinem anderen Genre geht es so sehr um die Protagonistin(nen) selbst, und nicht um den Blick auf sie. Ermittlerinnen werden von den AutorInnen und danach von den LeserInnen und ZuseherInnen definiert, nicht durch die Wahrnehmung anderer Figuren aus ihrem eigenen Kontext. Allerdings: Je komplexer ein Charakter ist, desto schwieriger wird es beim seelischen Close-up.
Doch auch das ist nichts Neues. Genau wie die Helden der klassischen Hardboiled-Krimis allesamt harte Kerle mit dezidiert problematischer Vergangenheit waren, bekamen auch die weiblichen Ermittlerinnen stets von ihren AutorInnen Steine in den Weg gelegt. Ein dunkelbunter Hintergrund macht eine Figur erst richtig spannend – eine Kommissarin, die etwas auf sich hält, hat entweder eine traumatische Vergangenheit, eine psychische Beeinträchtigung oder herausfordernde Familienverhältnisse, zuallermindest eine kaputte Partnerschaft oder böse pubertierenden Nachwuchs. In den 1980ern etwa stellte die bahnbrechende TV-Serie „Cagney & Lacey“ ein Detektivinnen-Duo in den Vordergrund, bei dem erstmals das „Nebenbei“ nicht aus Sex-Appeal, sondern aus Alltagstroubles zwischen Kindergarten-Sperrstunden und One-Night-Stands bestand. Bei dieser Art von Erzählung wird partielles Scheitern nicht dem Spott der BetrachterInnen preisgegeben, sondern macht die Protagonistin ganz im Gegenteil zu einer Identifikationsfigur für das Publikum, wenn nicht sogar zur echten Heldin: Während sie privat im Chaos versinkt, leistet sie beruflich Hervorragendes. Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse hintan, um der Gesellschaft zu dienen. Und dabei verzeiht man ihr sogar sanktionsfreie Promiskuität (wie z. B. in „The Fall“ mit Gillian Anderson) oder ihr Versagen als Mutter und Ehefrau („The Killing“).

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

Unkonventionell. Beim Krimi geht es um das Brechen von Regeln und die Konsequenzen daraus. Und genau wie bei den VerbrecherInnen liegt auch der Erfolg der Thriller-Idee selbst darin begründet, wie kreativ und geschickt die Regeln gebrochen werden. Krimi darf prinzipiell alles. Es ist keineswegs vermessen, das Krimi-Genre als eine Art Sandkiste für starke Charaktere zu sehen: Protagonistinnen sind oft erstaunlich frei von den gesellschaftlich tief verwurzelten Konventionen, die in anderen Erzählgattungen für die konsequente Bestrafung selbstbestimmt agierender Frauenfiguren sorgen. Oder gar bereits erfolgte Bestrafung nachträglich korrigieren müssen, wie in der (zu Recht) mehrfach ausgezeichneten True-Crime-Miniserie „Unbelievable“.

Nicht zu bedrohlich. Aber nur weil vieles stimmt, heißt das nicht, dass alles perfekt ist. Thriller sind, was die Gleichberechtigung anbelangt, weiter als viele andere Genres, aber lange nicht ein Diversity-Paradies. Erstens herrscht fast durchwegs Heteronormativität. Mit wenigen Ausnahmen, wie bei Phoebe Waller-Bridges („Fleabag“) großartiger Assassinen-Oper „Killing Eve“ oder bei Nebenhauptrollen in den Serien „Person of Interest“ oder „Mindhunter“ – doch auch hier bleibt die Queerness bestenfalls ein Gadget. Von der Selbstverständlichkeit sind wir noch weit entfernt. Und zweitens: Auch wenn es überdurchschnittlich viele emanzipierte Thriller-Protagonistinnen gibt, sie sind nach wie vor in der Minderheit – auf eine zerquälte Kommissarin kommen mindestens dreißig zwänglerische männliche Detektive. Außerdem darf man durchaus laut die Frage stellen, welchen Zweck die „Ecken und Kanten“ einer Ermittlerin wirklich erfüllen: Geht es tatsächlich darum, Frauenfiguren echte Stärke zu verleihen, oder braucht es sichtbare Schwächen, um diese Stärke ja nicht bedrohlich wirken zu lassen? Thriller-Bestsellerautorin Karin Slaughter (das ist übrigens tatsächlich ihr richtiger Name) spricht aus, was auch für TV-Kommissarinnen gilt: „Als ich vor zwanzig Jahren zu schreiben begann und meine Figur Sarah Linton erfand, war mir sehr bewusst, dass ich sie nicht zu souverän machen durfte, auch nicht zu attraktiv oder zu smart, weil die Leute sie dafür hassen würden. Bei männlichen Thriller-Hauptfiguren ist das anders. Die dürfen alles können. Das Publikum akzeptiert männliche Superhelden, aber es tendiert dazu, weibliche Superheldinnen abzulehnen. Frauen dürfen nie perfekt sein. Wenn sie extrem talentiert sind, dann sind sie eine Bitch oder sozial unterentwickelt, oder sie mussten sonstwie große Opfer bringen.“

 

Gini Brenner ist Wienerin aus Linz, seit 25 Jahren Popkultur-Journalistin, Mutter einer Tochter und verehrt Rosa Luxemburg & Marlene Dietrich.

 

 

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Auf die feministische Revolution müssen wir zumindest auf der Leinwand nicht länger warten. Eine ganze Reihe von Serienhits beweist: Frauen erzählen die besseren Geschichten. Von BRIGITTE THEIßL und VANESSA SPANBAUER

 

„Hast du schon mal eine Pussy geleckt? Ich will, dass du meine leckst.“ Alyssa begehrt, Alyssa ist direkt. Wenig verwunderlich also, dass die Protagonistin der britischen Dramedy-Serie „The End of the F***ing World“ allerorts aneckt. Bei der Kellnerin im Diner, die vorwurfsvoll ihre Brauen zusammenzieht, und bei ihrem widerlichen Stiefvater, der im Hinterzimmer die Hand um ihre Taille legt. Eine jugendliche Heldin wie Alyssa (Jessica Barden) wäre noch vor einem Jahrzehnt kaum denkbar gewesen. Viel zu laut und unangepasst tritt die junge Frau in der schwarzhumorigen Serie auf, zeigt sich verletzlich und zugleich sexuell fordernd.
„The End of the F***ing World“ ist nur eine von vielen Serien mit komplexen weiblichen Charakteren, die TV-Sender und Streaming-Plattformen in den vergangenen Jahren veröffentlichten. Ein „goldenes Zeitalter feministischen Fernsehens“, das da angebrochen sei, formulierte es eine Journalistin im britischen „Guardian“. Warum das so lange gedauert hat – rückblickend kaum zu begreifen. In Erfolgsproduktionen wie „Orange Is The New Black“, „Glow“ oder „Grace and Frankie“ sind Frauen nicht länger schmuckes Beiwerk oder schlicht dazu da, die Entwicklung des Protagonisten voranzutreiben. Sie brillieren und scheitern, haben schlechten Sex und masturbieren, sind lesbisch und trans – gute Serien liefern eben unterschiedliche Identifikationsangebote. „Frauen müssen nicht immer sympathisch und stark, sie können auch böse und anstrengend sein – die Zuseher*innen können sich daran abarbeiten“, sagt Filmwissenschaftlerin Melanie Letschnig.

On Demand. Streaming-Diensten wie Netflix und US-amerikanischen Kabelsendern ist die Fernseh-Revolution im Wesentlichen zu verdanken. Das 1997 gegründete Netflix, das anfänglich DVDs in amerikanische Wohnzimmer schickte, sattelte 2007 auf Video-on-Demand um – und mischte innerhalb kurzer Zeit den Markt auf. Als Pionierin der neuen Erzählweise im TV gilt jedoch die HBO-Produktion „Sopranos“, ein Mafia-Epos über sechs Staffeln, das mit brillanten Autoren, aber auch einer ordentlichen Portion Frauenverachtung aufwartete. Erfolgsserien wie „Breaking Bad“ oder „Boardwalk Empire“ funktionierten nach demselben Prinzip: komplexe Leads gemischt mit großmäuligen Mackern, denen Frauen vorwiegend Probleme machten.
Produktions- und Vertriebsformen der Streaming-Dienste und die wachsende Konkurrenz eröffneten jedoch auch den Macher*innen ganz neue Möglichkeiten, ihre Geschichten zu erzählen. Geschichten von politischer Intrige wie in „House of Cards“ und „Scandal“, aber auch von sexueller Lust und Freundschaft oder permanent gestressten „Working Moms“ – die lange Zeit allerhöchstens in der Frauen-Ecke zu finden waren, wo sich stereotype Charaktere ein Stelldichein gaben.
Das Group-of-Girls-Genre, das in den 1990ern vom Markenfetisch-Format „Sex and the City“ geprägt wurde, erfand Lena Dunham in den 2010er-Jahren neu. In der HBO-Produktion „Girls“ erzählte Dunham aus dem Alltag von vier Mittzwanzigern in Brooklyn und brachte heikle Themen wie HPV, sexuelle Übergriffe und Abtreibung aufs Tapet. Auch wenn das Setting – weiße, privilegierte Hetero-Frauen in der Großstadt – auf Altbekanntes setzte, lieferte „Girls“ Bilder, die so zuvor im Hauptabend-TV noch nicht zu sehen waren. Etwa als Protagonistin Hannah (Lena Dunham) selbstvergessen und enthemmt Sex auf einer Tischtennisplatte hatte – inklusive wippender und perfekt ausgeleuchteter Speckringe.

Auch Frauen sehen fern. Erfolgsproduktionen wie „Girls“ wirkten auch auf die Produzent*innen augenöffnend: Frauen wollten sich nicht länger mit den Erzählungen weißer Männer abspeisen lassen. „Die Produktionsfirmen machen das nicht, weil sie so nett oder freigiebig wären. Sie haben erkannt, dass Frauen und queere Personen in ihrer Diversität angesprochen werden wollen und dass sie sich eben ein anderes Figurenregister überlegen müssen“, sagt Filmwissenschaftlerin Letschnig.
Die neue Vielfalt an TV- und Filmproduktionen bietet indes nicht nur Frauen, sondern auch Schwarzen und Schauspieler*innen of Color endlich interessante Rollen abseits stereotyper Register. Wie wichtig es schon für Kinder ist, sich selbst auf der Leinwand zu erkennen und ernstgenommen zu fühlen, zeigt eine 2012 in der Fachzeitschrift „Communication Research“ veröffentlichte Studie. Die US-amerikanischen Forscher*innen begleiteten dafür rund vierhundert Kinder, die regelmäßig fernsahen. Für Schwarze Mädchen und Buben und für weiße Mädchen hatte der TV-Konsum ein vermindertes Selbstbewusstsein zur Folge, nur eine demografische Gruppe erhielt vor dem Bildschirm einen Ego-Boost: weiße Buben.
Veränderung ist mittlerweile nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera im Gange. Zwar sind Produktionsstudios und das Regie-Fach immer noch stark männlich dominiert, doch weibliche Hollywood-Größen beginnen sich zusammenzuschließen. So gründete etwa Reese Witherspoon, die im All-Female-Cast von „Big Little Lies“ brillierte, „Hello Sunshine“, ein Unternehmen, das bevorzugt „female driven stories“ produziert. Neue Standards setzt auch ein Projekt von Oprah Winfrey und Ava DuVernay, sagt Filmwissenschaftlerin Letschnig. So kreierte die afroamerikanische Starregisseurin Ava DuVernay mit Winfreys Unterstützung die Serie „Queen Sugar“ und engagierte ein rein weibliches Regie-Team.

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

#Oscarssowhite. Anerkennung bekommen die innovativen Geschichtenerzählerinnen endlich auch bei Preisverleihungen wie dem Golden Globe oder den Emmys, die ähnlich wie die Oscars die Leistungen Schwarzer, indigener und Personen of Color allzu lange übergingen. So erhielt 2017 Lena Waithe gemeinsam mit Aziz Ansari einen Emmy für das beste Drehbuch einer Folge von „Master of None“, in der sie ihr eigenes Coming-out als lesbische Schwarze Frau verarbeitete.
Wirft man einen Blick auf das große Ganze, schaut es freilich weniger rosig aus. Eine Untersuchung der Annenberg Foundation von neunhundert Filmen zwischen 2007 und 2016 zeigt, dass lediglich zwölf Prozent einen vielfältigen Cast aufweisen und es nur in 34 Prozent einen weiblichen Lead oder Co-Lead gibt. In nur 24 der US-Top-100-Filme aus dem Jahr 2016 war indes ein LGBT-Charakter zu sehen. Ähnliche Zahlen liefert eine Untersuchung der Universität Rostock für das deutsche Fernsehen. So fanden die Forscherinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke heraus, dass über alle Programme hinweg eine weibliche Darstellerin auf zwei männliche Darsteller kommt. Ab Mitte dreißig verschwinden die Frauen vom Bildschirm: Bei der Gruppe der über Fünfzigjährigen kommen drei Männer auf eine Frau.

Kleine Schritte, große Wirkung. Und dennoch: Es herrscht Aufbruch in der Unterhaltungsbranche – dem zuletzt auch #MeToo kräftigen Aufwind verschafft hat. Selbst in Hollywood, wo die Mühlen bekanntlich langsamer mahlen. Traditionsstudios, die Mainstream-Hits rund um den Globus schicken, gehen ungern Risiken ein. Blockbuster müssen in erster Linie gefällig sein. Das gilt auch für die Superheld*innen-Filme der vergangenen Jahre – kalkulierte Kassenschlager für eine eingeschworene Fangemeinde. Für Aufruhr sorgten dementsprechend „Wonder Woman“ und „Captain Marvel“, zwei finanziell sehr erfolgreiche Filme, die entgegen aller Befürchtungen das männliche Publikum nicht verschrecken konnten. Superheld*innen seien in Hinblick auf Geschlechterbilder gerade deshalb relevant, weil sie ein so großes Publikum erreichen, sagt Melanie Letschnig. „Wonder Woman ist kein super feministischer Film, aber er erzählt die Geschichte einer starken, kämpferischen Frau. Es ist ein Anfang“, sagt die Filmwissenschaftlerin.
Aber auch Menschen, die keine Lust auf Superheld*innen-Filme haben, können Heldinnen auf der Kinoleinwand entdecken. Denn die besten Heldinnengeschichten sind immer noch die, die das Leben schreibt. So geschehen bei Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson – drei afroamerikanische Mathematikerinnen, die in den 1960ern für die NASA tätig waren und durch ihre Arbeit die großen Erfolgen bei unbemannten und bemannten Weltraumflügen möglich machten. Der Film „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ erzählt die einem breiten Publikum unbekannte Geschichte dreier Schwarzer Frauen und feierte damit lebensechte Heroines. Heldinnen, die auch eigenen Heldinnentaten möglich erscheinen lassen.

 

 

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Abschied vom Klassenkampf https://ansch.4lima.de/abschied-vom-klassenkampf/ https://ansch.4lima.de/abschied-vom-klassenkampf/#respond Fri, 22 Nov 2019 17:53:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=15090 Alexandra Weiss (Foto: © Julia Hitthaler)Sozialdemokratische Parteien waren einst Motor des sozial- und frauenpolitischen Fortschritts – heute stehen sie quer durch Europa davor, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. LEA SUSEMICHEL hat mit Politikwissenschaftlerin ALEXANDRA WEISS über neoliberale Irrwege und sexistische Strukturen gesprochen.   an.schläge: Es ist unzählige Male analysiert worden, dass die neoliberale Wende der sozialdemokratischen Parteien zu einem Glaubwürdigkeitsverlust […]]]> Alexandra Weiss (Foto: © Julia Hitthaler)

Sozialdemokratische Parteien waren einst Motor des sozial- und frauenpolitischen Fortschritts – heute stehen sie quer durch Europa davor, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. LEA SUSEMICHEL hat mit Politikwissenschaftlerin ALEXANDRA WEISS über neoliberale Irrwege und sexistische Strukturen gesprochen.

 

an.schläge: Es ist unzählige Male analysiert worden, dass die neoliberale Wende der sozialdemokratischen Parteien zu einem Glaubwürdigkeitsverlust geführt hat. Wieso ist es seither nicht gelungen, eine Kehrtwende zu vollziehen?

Alexandra Weiss: Die neoliberale Wende, der sogenannte dritte Weg der 1990er, bestand in einer Umorientierung: Die Sozialdemokratie verabschiedete sich von der Arbeiterklasse und orientierte sich zunehmend am Mittelstand. Da ist man falschen politikwissenschaftlichen Analysen der 1980er-Jahre auf den Leim gegangen, wonach sich die Arbeiterklasse auflöse, weil die soziale Frage im Sozialstaat stillgelegt worden sei. Doch auch der Mittelstand (oder wer sich dafür hält) wird immer ärmer. Die unteren Klassen sind aber nie verschwunden, sie sehen heute nur anders aus. Das hat viel mit Migration zu tun – aber ein „revolutionäres Subjekt“, das migrantischer und weiblicher ist, das ging nicht in die Köpfe der Funktionäre.
Der SPÖ gehen außerdem die intellektuellen Köpfe ab, es ist kaum noch politisches Personal da, das kritisches Denken vorantreiben könnte. Kritik von außen wird abgewehrt. Aber wenn eine sozialdemokratische Partei Kritik von links nur noch als Angriff lesen kann, dann ist sie verloren. Es wird ja oft behauptet, dass die große linke Erzählung fehlt, aber es gab und gibt so viele schlaue Köpfe, das Wissen ist da, man muss nur ernsthaft in Diskussion und Auseinandersetzung gehen und eine Programmatik ableiten. Genau das muss eine Sozialdemokratie leisten, wenn sie überleben will.

Warum trauen sich selbst nach der Finanzkrise weiterhin so wenige SozialdemokratInnen, den neoliberalen Kapitalismus fundamental anzugreifen? Die Diskussion in Deutschland um Kevin Kühnert hat ja gezeigt, dass das offenbar weiterhin ein Tabubruch ist.

Die politischen Eliten hatten nach der Krise einfach keine neuen Rezepte. Nicht nur bei der Sozialdemokratie, insgesamt gibt es zu ökonomischen Fragen eine Verengung des Denkens. Colin Crouch hat es „das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ genannt. Es ist befremdlich, weil das neoliberale Modell offensichtlich gescheitert ist und trotzdem kein Politikwechsel angestrebt wird.
Einzelne Elemente keynesianischer Politik hat es nach der Finanzkrise gegeben, Kurzarbeit, Konjunkturpakete, die übrigens allesamt nur Männerarbeitsplätzen genutzt haben. Obwohl allen damals klar sein musste, welch riesiges Problem der Bereich Care-Arbeit ist, hat man darauf nicht reagiert. Das Denken, dass Sozialpolitik immer zu viel kostet, ist zu tief verankert. Zu dieser Religion der Budgetkonsolidierung gibt es in allen politischen Parteien keine wirkliche Alternative. Das jedoch ist der Job, den man machen muss als Linke/r, und das wäre auch der Job der Sozialdemokratie: soziale Gerechtigkeit, die heute fast utopisch erscheint, wieder denkmöglich machen.

In Portugal wurde die profiliert linke Politik der sozialdemokratischen Partei belohnt. Was läuft dort richtig?

Die machen genau das, was viele linke ÖkonomInnen schon lange fordern: Es wurde der Mindestlohn erhöht, Renten angepasst oder in bestimmten Bereichen die Arbeitszeit verkürzt, es wurden aber auch Steuern für Besserverdienende und für Vermögen erhöht. Ein Staat muss in die sozialen Dienste investieren, denn Investitionen in Pflege und Kinderbetreuung schaffen Arbeitsplätze und spielen Menschen frei – und sie rechnen sich ökonomisch sogar. Das wäre so essenziell, auch frauenpolitisch.
In Portugal kommt dazu, dass es weitere relevante linke Parteien gibt, mit denen man koalieren kann, das gibt es in Österreich nicht. Auch in Deutschland war das eine mögliche Variante, die aber nicht umgesetzt wurde – ein unglaublicher historischer Fehler.

Derzeit gibt es zwei konkurrierende Thesen: Die eine sagt, dass die SozialdemokratInnen einen schweren Fehler machen, wenn sie versuchen, rechtspopulistische Strategien zu übernehmen, denn dann wählen die Leute gleich das Original. Die andere Position warnt im Gegenteil davor, dass ein Linksruck die Partei für viele unwählbar machen würde. Auch bei den US-DemokratInnen gibt es diese Diskussion. Wie lässt sich also argumentieren, dass es einen starken Linksruck braucht?

Heute gilt man ja schon als linksradikal, wenn man das fordert, was in den 1970ern ganz normale sozialdemokratische Politik war. Das ist ganz klar ein Sieg der Rechten. Aber es ist der Job einer linken Partei, dass sie eine Utopie hat, diese vermitteln kann und linke Politik wieder attraktiv macht. Wir haben ganz offensichtlich ein Umverteilungsproblem, es gibt immer mehr Milliardäre, es wäre leicht, das zu argumentieren.
Stattdessen hat sich die Sozialdemokratie in dem historischen Moment, wo soziale Ungleichheit und Armut wieder zunahmen, in ganz Europa mit ihrem dritten Weg vom Klassenkampf verabschiedet.

 

Alexandra Weiss (Foto: © Julia Hitthaler)
Alexandra Weiss (Foto: © Julia Hitthaler)

 

Gegenwärtig wird wieder mehr Klassenkampf gefordert, allerdings wird das perfiderweise mit einer Kritik an „kulturellen Fragen“, an Identitätspolitik verknüpft – worunter auch Feminismus verstanden wird –, die vermeintlich zu viel Raum bekommen hätte.

Bei aller berechtigten Kritik daran, dass der akademische Feminismus die soziale Frage oft ausblendet, finde ich es erschreckend, dass die Debatte um Identitätspolitik so oft mit einem Feminismus-Bashing einhergeht. Und da trifft man sich ja auch sehr gut mit dem bürgerlichen Lager, das hat das Beispiel des Philosphen Robert Pfaller gezeigt. Der hat zwar keine Ahnung von Feminismus, versteigt sich aber zu der Aussage, dass man sich heute über sexuelle Belästigung beschweren kann, aber nicht über prekäre Arbeitsverhältnisse. Dass das für viele Frauen miteinander gekoppelt ist, kommt ihm nicht in den Sinn.
Auch in der Sozialdemokratie gibt es dieses Argument, man hätte sich zu sehr mit Frauenpolitik beschäftigt, was kaum der Realität entspricht. Bruno Kreisky ist in den 1970er-Jahren damit angetreten, dass die SPÖ die „Partei der Frauen“ sei. Dann kamen mit Johanna Dohnal 16 Jahre Frauenpolitik auf einem hohen Niveau, aber danach kam eben nicht mehr viel. Dass heute mehr Frauen die Kurz-ÖVP wählen, hat vor allem damit zu tun, dass die SPÖ ihnen kein Angebot mehr macht.

Man fragt sich nur, welches Angebot die ÖVP ihnen macht.

Das ist die große Frage, ja. Man konnte in den letzten Jahren in osteuropäischen Ländern beobachten, dass Frauen auch ganz rechte Parteien wählen, weil sie eine Politik machen, von der Frauen zum Teil unmittelbar profitieren: Anhebung des Mindestlohnes, Familienleistungen etc. Wenn emanzipatorische Frauen- und Sozialpolitik kein Thema ist, wird soziale Sicherheit in traditionellen Geschlechterverhältnissen gesucht.
Die SPÖ macht diese emanzipatorische Sozialpolitik nicht mehr. Auch jetzt bei der Debatte um die Neuaufstellung der Partei ist das kein Thema, die Frauenorganisationen sind schlicht nicht präsent.

Der Wahlerfolg der Grünen zeigt, dass es nicht sinnvoll ist, die ökologische gegen die soziale Frage auszuspielen. Was hat die Sozialdemokratie hier verpasst?

Klimaschutz ist sicher nicht die größte sozialdemokratische Kompetenz, aber er sollte keineswegs als Gegensatz zur sozialen Frage betrachtet werden. Gerade ein billiger und gut ausgebauter öffentlicher Verkehr wäre ein Beispiel, in dem sich soziale, ökologische und geschlechterpolitische Fragen treffen. Dass uns der Kapitalismus sowohl sozial als auch ökologisch an den Rand des Abgrunds bringt, muss zentraler Ansatzpunkt sozialdemokratischer Politik sein.

Andrea Nahles, die erste Frau, die den SPD-Vorsitz innehatte, musste zurücktreten, auch Pamela Rendi-Wagner stand von Anfang an scharf in der Kritik, selbst parteiintern. Sehen Sie Parallelen im Umgang mit sozialdemokratischen Politikerinnen?

Die Sozialdemokratie hat nach wie vor eine zutiefst sexistische Struktur, die nur oberflächlich aufgebrochen wurde. Es gibt kein Beispiel dafür, dass eine Frau in „guten Zeiten“ das Ruder übernehmen durfte. Es sind immer Krisenzeiten, in denen Männer ihre Karriere mit der Übernahme des Parteivorsitzes nicht gefährden wollen. Es geht aber auch darum, wie demokratisch und durchlässig Strukturen von Parteien und politischen Systemen für Frauen grundsätzlich sind.

 

Alexandra Weiss ist Politikwissenschaftlerin und lebt in Innsbruck. www.a-weiss.net

 

 

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Feminist Superheroines: Hevrin Khalaf https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-hevrin-khalaf/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-hevrin-khalaf/#respond Fri, 22 Nov 2019 17:31:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=15109 Am 12. Oktober wurde Hevrin Khalaf von türkeitreuen Milizen ermordet. Von der kurdischen Politikerin war bis dato wenig bekannt – nach ihrem Tod geht ihr Name nun um die Welt. Die 34-jährige Generalsekretärin der Syrischen Zukunftspartei hatte sich in den vergangenen acht Jahren unermüdlich für ein säkulares, demokratisches Syrien eingesetzt. Umgeben von Krieg und Terror […]]]>

Am 12. Oktober wurde Hevrin Khalaf von türkeitreuen Milizen ermordet. Von der kurdischen Politikerin war bis dato wenig bekannt – nach ihrem Tod geht ihr Name nun um die Welt. Die 34-jährige Generalsekretärin der Syrischen Zukunftspartei hatte sich in den vergangenen acht Jahren unermüdlich für ein säkulares, demokratisches Syrien eingesetzt. Umgeben von Krieg und Terror engagierte sich die Frauenrechtskämpferin in den kurdischen Autonomiegebieten und führte diplomatische Gespräche. Ihr Fokus lag dabei immer auf einem friedlichen Dialog zwischen den Volksgruppen Syriens und auf dem Wiederaufbau des Landes. Ihr Tod war eines der ersten Kriegsverbrechen nach Beginn der türkischen Invasion. Am 13. Oktober wurde sie im Beisein Tausender Anhänger beigesetzt.

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an.sage: Keine Notwehr https://ansch.4lima.de/an-sage-keine-notwehr/ https://ansch.4lima.de/an-sage-keine-notwehr/#respond Fri, 22 Nov 2019 17:26:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=15112 Portrait Lea SusemichelEin Kommentar von LEA SUSEMICHEL   Rassismus und Sexismus sind massive, uralte und kulturgeschichtlich tief verwurzelte Probleme – und sie sind mitunter zentrale Wahlmotive. Sie sind, wie Antisemitismus oder Homofeindlichkeit auch, keineswegs bloße Sekundärphänomene, die bei bestimmten Bevölkerungsgruppen erst durch Deklassierung, soziale Not und eigene klassistische Diskriminierungserfahrungen auftauchen. Doch genau das behauptet die in den […]]]> Portrait Lea Susemichel

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Rassismus und Sexismus sind massive, uralte und kulturgeschichtlich tief verwurzelte Probleme – und sie sind mitunter zentrale Wahlmotive. Sie sind, wie Antisemitismus oder Homofeindlichkeit auch, keineswegs bloße Sekundärphänomene, die bei bestimmten Bevölkerungsgruppen erst durch Deklassierung, soziale Not und eigene klassistische Diskriminierungserfahrungen auftauchen. Doch genau das behauptet die in den vergangenen Jahren viel strapazierte „Notwehrthese“. Sie besagt, dass die abgehängten RechtswählerInnen quasi gar keine andere Chance hätten, als rassistischer Demagogie zu folgen, weil sie angesichts der weltfremden Abgehobenheit liberaler Eliten nur der Rechtspopulismus noch repräsentieren würde. Doch das Argument solch einer „Repräsentationslücke“ erklärt nicht nur nicht, warum man der SPÖ-Vorsitzenden zwar Saint-Tropez verübelt, dann aber ausgerechnet Ibiza-Schnösel Strache wählt oder gar den Typen aus dem marmor-goldenen Trump-Tower. Die These ist vielmehr eine klassistische Entmündigung, die ebenso wenig plausibel machen kann, warum die Allerabgehängtesten diese Typen meist eben gerade nicht wählen. „Niemand vermochte je zu begründen, warum gerade jene, die die New Economy am gründlichsten abgehängt hatte – nämlich die Schwarze und die hispanische Arbeiterschaft –, sich nie zu Trumps Anhängern gesellten“, schreibt Ta-Nehisi Coates nach der Präsidentschaftswahl in den USA. Zur Erinnerung: 94 Prozent der Schwarzen Frauen wählten Clinton.
Und, das ist wahrscheinlich die fatalste Konsequenz dieser Argumentationsstrategie: Sie leugnet die Notwendigkeit, rassistische und sexistische Denk- und Diskurstraditionen als eigene Probleme ernsthaft zu adressieren. Aber genau das muss unbedingt geschehen. Was nicht bedeutet – und das kann nicht stark genug betont werden –, dass nicht zugleich neoliberale Deklassierung und soziale Ungleichheit bekämpft werden müssen. Definitiv müssen sie das. Aber paradoxerweise geschieht auch das von links keineswegs mit der gebotenen Dringlichkeit. Stattdessen machen derweil innerlinke Auseinandersetzungen leider das Gegenteil. Schuld am globalen Rechtsruck, heißt es aus den unterschiedlichsten Richtungen, seien wahlweise linke Identitätspolitik oder die liberalen Eliten, die sich beide von den Problemen des „einfachen Mannes“ entfernt hätten. Denn der will eben nichts von Feminismus, Antirassismus und LGBTIQ-Rechten, sondern einfach nur seinen Arbeitsplatz sicher wissen. Sogenannte „kulturelle Fragen“– und darunter werden kurzerhand die emanzipatorischen Kämpfe sämtlicher Minderheiten subsummiert – hätten den Klassenkampf abgelöst, so das in unzähligen Variationen seit Jahren vorgebrachte Argument. Dass linke Identitätspolitik mitunter tatsächlich weit übers Ziel hinausschießt und sich liberalen Eliten wirklich viel vorwerfen lässt – geschenkt!
Aber definitiv sind weder die eine noch die anderen das Problem, über das wir vorrangig reden sollten. Denn wir sollten tatsächlich über Klassenkampf reden und über – eben nicht allein soziale – Gerechtigkeit für alle. Wir sollten darüber reden, dass mehr als 23 Prozent für die AfD in Thüringen viel mit westdeutscher Überheblichkeit und dem „Schlachthaus“ Treuhand der Nachwendezeit zu tun haben, das 13.000 Privatisierungen, den Verlust von drei Millionen Arbeitsplätzen und 130 Milliarden Euro zu verantworten hat. Aber der Erfolg der AfD und ein antisemitisches Attentat in Halle haben eben auch etwas mit einer in der DDR nicht aufgearbeiteten nationalsozialistischen Vergangenheit zu tun, eine Auseinandersetzung, die es unbedingt nachzuholen gilt.
Wenn die Linke also Diskurshoheit zurückerobern will, muss sie soziale Ungleichheit, die überall ständig weiter zunimmt, und den neoliberalen Wachstumsfetisch, der auch ökologisch verheerend ist, endlich glaubwürdig ins Zentrum ihrer Kritik stellen. Und nicht in den rechten Chor eines vermeintlichen „Kampf der Kulturen“ einstimmen. „Die Autofrage ist der Kulturkampf der Zukunft“, prognostiziert ein Zukunftsforscher dieser Tage im „Standard“. Das zum Beispiel wäre doch mal eine echte Alternative.

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Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Ich will mitmachen, dachte ich spontan. Die Tageszeitung „Der Standard“ hatte „zur größten Diskussion des Landes“ aufgerufen und politisch Andersdenkende paarweise zum persönlichen Streitgespräch geladen. Anlass war eine internationale Aktion gewesen, zu der auch „Deutschland spricht“ gehörte, wofür gleich eine ganze Reihe deutscher Medien mobilisiert hatte. Anhand eines Fragenkatalogs zu Aufreger-Themen (Feminismus, Islam, Rauchen …) wurden möglichst kontroverse Diskussionspaare zusammengeführt, die sich diesen Herbst trafen, um im Vieraugengespräch miteinander zu debattieren und danach über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse zu berichten. Viele Tausende machten mit und berichteten später oft von guten Gesprächen, berührenden Begegnungen und unerwarteten Gemeinsamkeiten.
Ich jedoch habe schlussendlich doch gekniffen und mich nicht angemeldet – eine Entscheidung, die offenbar viele Frauen getroffen haben. Das Geschlechterverhältnis der Teilnehmenden in Deutschland und Österreich war fast identisch unausgewogen: 68,3 Prozent Männern (68,6 Prozent in Österreich) standen nur 29,9 Prozent Frauen (29,6 Prozent in Österreich) gegenüber.
Vermutlich liegt das nicht allein daran, dass Frauen darauf konditioniert sind, nicht offensiv in Meinungsverschiedenheiten zu gehen und eher vermittelnd als kämpferisch aufzutreten. Dass sie solch einer „Feindbegegnung“ keinen Samstagnachmittag opfern wollen, dürfte auch damit zu tun haben, dass unerquickliche Diskussionen mit dem sexistischen AfD/FPÖ-Onkel, der neuerdings die Frauenrechte entdeckt hat, ohnehin zu ihrem Alltag gehören. Und die Verweigerung einer Auseinandersetzung, bei der ein stumpf antifeministisches Gegenüber menschenverachtende Dinge sagt, sollte in Analogie zur Erkenntnis „Faschismus ist keine Meinung“ wohl legitim sein. Genauso wie sich von Rassismus und Homofeindlichkeit Betroffenen nicht vorwerfen lässt, dass sie sich nicht mit irgendwelchen Arschlöchern zusammensetzen und von ihnen beleidigen lassen wollen.

Häufig krankt die Anklage der viel beschworenen „Meinungskriege“, die durch respektvollen Dialog auf Augenhöhe überwunden werden sollen, nämlich daran, dass dabei linke und rechte Positionen dreist gleichgesetzt werden. Mag sein, dass es sture Selbstgerechtigkeit auf beiden Seite gibt. Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen – das tun jedoch nur die Rechten. Und diesen feinen moralischen Unterschied sollte man tunlichst nicht unter den Tisch fallen lassen, wenn man daran etwas ändern will. Mitunter ist es deshalb die bessere Strategie, Dialog zu verweigern, statt ihn zu suchen. Denn einen bestimmten Bevölkerungsanteil, der ein geschlossen rechtsextremes Weltbild vertritt, gibt es leider einfach. Diese, in Sozialen Medien höchst aktive und diskursbestimmende, Gruppe lässt sich argumentativ nicht erreichen. Die einzig sinnvolle Entgegnung ist die Ächtung und konsequente Skandalisierung ihrer Geisteshaltung, damit sie sich nicht weiter verbreitet.
Doch daneben gibt es natürlich auch RechtswählerInnen, die zugänglich bleiben. Angesichts der globalen politischen Weltuntergangsstimmung ist der Aufruf, sich aktiv in politische Überzeugungsarbeit zu stürzen, durchaus plausibel. Es sollten deshalb möglichst auch FeministInnen offensiver in die Auseinandersetzung gehen. Auch wenn das, was wir anzubieten haben, auf den ersten Blick nicht so attraktiv ist wie die Aussicht auf eine grenzgeschützte EU als Gated Community der Privilegierten. Denn vielleicht führt Geschlechtergleichstellung irgendwann tatsächlich einmal dazu, dass mir persönlich eine Frau den Job wegschnappt oder ich mir durch Vaterkarenz eine Karrieremöglichkeit vermassele. Womöglich verlangt mir eine echte Refugee-Welcome-Politik wirklich Opfer ab, beschert mir Steuergerechtigkeit höhere Abgaben und bringt mich ernstgemeinter Klimaschutz zukünftig um billige Flugreisen. Doch Gesellschaften mit großer (Geschlechter-)Gleichheit sind langfristig dennoch fraglos für alle besser und auch der Kampf für globale Gerechtigkeit und Klimaschutz ist schlicht alternativlos, wenn wir den apokalyptischen Kollaps verhindern wollen.
Wir sollten also unbedingt an der diskursiven Strahlkraft unserer Visionen feilen, an unseren Geschichten und politischen Narrativen, um sie attraktiver zu machen. Die besseren Argumente haben wir jetzt schon. Kneifen wir also nicht, bringen wir sie vor, wo wir nur können.

 

 

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