VII / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 12 May 2020 14:45:51 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VII / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2019-07 https://ansch.4lima.de/inhalt/2019-07/ Fri, 11 Oct 2019 23:30:44 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=13723 anschlaege-cover-2019-07]]> anschlaege-cover-2019-07]]> an.sage: Verlierer*innen https://ansch.4lima.de/an-sage-verliererinnen/ https://ansch.4lima.de/an-sage-verliererinnen/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:29:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=13645 Ein Kommentar von GABI HORAK   „Wer hat gewonnen?“, fragte mich meine Tochter am Wahlsonntag, während die bunten Balken am Fernsehschirm in die Höhe wuchsen. Ich habe keine einfache Antwort darauf. Dass die Grünen – noch dazu stärker als je zuvor – wieder im österreichischen Nationalrat vertreten sind, ist aus feministischer Sicht jedenfalls eine gute […]]]>

Ein Kommentar von GABI HORAK

 

„Wer hat gewonnen?“, fragte mich meine Tochter am Wahlsonntag, während die bunten Balken am Fernsehschirm in die Höhe wuchsen. Ich habe keine einfache Antwort darauf. Dass die Grünen – noch dazu stärker als je zuvor – wieder im österreichischen Nationalrat vertreten sind, ist aus feministischer Sicht jedenfalls eine gute Nachricht. Sie haben Stimmen gewonnen. Das haben aber auch die rechten Türkisen. Stimmen und damit Macht im Parlament verloren haben die rechtsradikalen Blauen, aber auch die kriselnde Sozialdemokratie. Wer hat also gewonnen? Neoliberalismus und linksliberale Klimapolitik? Rassismus und Antirassismus?
Eines steht fest: Feministische Politik wird auch in der nächsten Regierung keine tragende Rolle spielen. Nicht mit den noch stärker gewordenen Kurz-Türkisen, egal in welcher Konstellation. Schon am Wahlabend wurde vor allem über eine mögliche Koalition von Türkisen und Grünen debattiert, sie scheint vielen am wahrscheinlichsten. Bei aller Anerkennung und positiver Überraschung, dass die Grünen wieder so stark sind, dass das tatsächlich eine Option ist: Wie soll das gehen? Ich kann mir zur Stunde keine Vereinbarung vorstellen, keinen „Kompromiss“, bei dem nicht eine der beiden Parteien in grundsätzlichen, identitätsstiftenden Positionen völlig das Gesicht verliert.
Schon 2003 sind Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und Grünen gescheitert. „Die ÖVP wollte damals Grausamkeiten sondergleichen im Sozialbereich durchsetzen“, wird Karl Öllinger vergangenen Juli im „Falter“ zitiert. Die Schmerzgrenze für Grausamkeiten wurde seither von rechten Regierungen noch mal ein großes Stück nach unten verschoben. Wie soll da linke, soziale, feministische Politik auch nur einen weiteren Millimeter in Richtung Sozialabbau und autoritärer Staat nachgeben können?
Feministische Politik würde bedeuten, einen radikalen Wandel in Richtung Umverteilung anzustoßen: mehr Sozialstaat und nicht weniger, mehr Menschen in das gute Leben integrieren und nicht weniger.
Das betrifft auch die Wahl im engsten Sinne: 6,4 Millionen Menschen waren am 29. September wahlberechtigt. 1,2 Millionen Menschen, die in Österreich leben und oft sogar hier geboren sind, waren es nicht. Das ist nach der Anzahl der Kurz-Wähler*innen die zweitgrößte Gruppe. Es ist ein „zunehmend demokratiepolitisches Problem“, wie Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger im „Falter“-Blog schreibt. Eine Reform des Staatsbürgerschaftsgesetzes ist für sie deshalb unumgänglich.
Einstweilen blieb den Nicht-Wahlberechtigten nur die Teilnahme an der symbolischen Pass-Egal-Wahl wenige Tage vor der Nationalratswahl. Es gab Rekordbeteiligung: Mehr als 2900 Menschen ohne österreichischen Pass haben gewählt, dazu kamen tausend Solidaritätsstimmen von Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Die Schlangen vor den Wahllokalen waren lang, mancherorts haben Menschen eine Stunde gewartet, um ihre Stimme abzugeben. Es ist ein Bedürfnis mitzubestimmen bei Entscheidungen, die das Land betreffen, in dem mensch lebt. Und es sollte ein Recht sein, das tun zu dürfen.
Die politischen Mehrheiten in Österreich haben sich nach der Wahl nur marginal verschoben. Ein großer Teil der ehemaligen FPÖ-Wähler*innen hat dieses Mal nicht gewählt. Sie sind das nächste Mal also abrufbar. Bei den jungen Wähler*innen ist Kurz genauso stark wie die Grünen, nur bei gut gebildeten Frauen sind die Grünen auf Platz eins.
„Es gibt immer noch eine rechte Mehrheit in diesem Land“, heißt es in einem Posting der „wiederdonnerstag“-Demo-Organisator*innen. Sie kündigen an, dass weiter demonstriert wird. „Egal, was kommt, das wird nicht unsere Regierung sein. Wenn es keine aufmerksame kritische Zivilgesellschaft gibt, die genau darauf schaut, was bei den kommenden Koalitionsverhandlungen passiert, werden wieder die Anliegen, Bedürfnisse und Sorgen genau derjenigen ignoriert werden, die jetzt schon von dieser Politik am meisten negativ betroffen sind. Denn viele von uns werden die rechte Politik weiterhin zu spüren bekommen, egal mit wem Kurz koaliert – einige später, aber einige auch sofort.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ich hab noch immer keine Antwort darauf, wer bei der Wahl gewonnen hat. Die von der Kürzungspolitik betroffenen Menschen jedenfalls nicht.

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Feminist Superheroines: Milena Jesenská https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-milena-jesenska/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-milena-jesenska/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:12:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=13649 Milena Jesenská (*1896), eine renommierte Journalistin der Zwischenkriegszeit, organisierte Fluchtwege für Verfolgte, als die Nazis in Tschechien einmarschierten. Die Gestapo verhaftete sie im November 1939 und brachte sie ins KZ Ravensbrück. Dort verschlechterte sich ihr körperlicher Zustand drastisch, ihr Kampfgeist jedoch blieb ungebrochen. Mithäftlinge berichteten von Jesenskás Unbeugsamkeit und der Anteilnahme, mit der sie ihnen […]]]>

Milena Jesenská (*1896), eine renommierte Journalistin der Zwischenkriegszeit, organisierte Fluchtwege für Verfolgte, als die Nazis in Tschechien einmarschierten. Die Gestapo verhaftete sie im November 1939 und brachte sie ins KZ Ravensbrück. Dort verschlechterte sich ihr körperlicher Zustand drastisch, ihr Kampfgeist jedoch blieb ungebrochen. Mithäftlinge berichteten von Jesenskás Unbeugsamkeit und der Anteilnahme, mit der sie ihnen im KZ Kraft spendete. Dort bewies sie erneut ihren Mut, als sie als Karteiverwalterin Diagnosen fälschte und so mehreren Frauen das Leben rettete.
Am 17. Mai 1944 starb sie qualvoll an einem Nierenleiden im KZ. 1994 ehrte sie Yad Vashem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“.

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an.spruch: Braun wie die Kohle in der Lausitz https://ansch.4lima.de/an-spruch-braun-wie-die-kohle-in-der-lausitz/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-braun-wie-die-kohle-in-der-lausitz/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:04:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=13647 Illustration: Raffaela SchöbitzDer Wahlerfolg der AfD im Osten ist hausgemacht. Eine Analyse von NADINE LANTZSCH   Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen sind desaströs. Durchschnittlich jede_r vierte Ostdeutsche wählt die rechtsextreme AfD, in manchen Regionen sogar jede_r zweite. Das lange Zeit konstruierte Bild des „abgehängten Ossis“, der den Rechten aus Protest seine Stimme leiht, wurde […]]]> Illustration: Raffaela Schöbitz

Der Wahlerfolg der AfD im Osten ist hausgemacht. Eine Analyse von NADINE LANTZSCH

 

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen sind desaströs. Durchschnittlich jede_r vierte Ostdeutsche wählt die rechtsextreme AfD, in manchen Regionen sogar jede_r zweite. Das lange Zeit konstruierte Bild des „abgehängten Ossis“, der den Rechten aus Protest seine Stimme leiht, wurde in diesen Wahlen erneut widerlegt. Anders als bei ihren rechtsextremen Vorgängern NPD und DVU vor etlichen Jahren kann die AfD nicht nur diese Wähler_innen für sich gewinnen, sondern auch die Gutverdienenden, sozial Abgesicherten und Studierten. Selbst der öffentlich zelebrierte Schulterschluss mit rechtsextremen Gruppen nach den rassistischen Gewaltausbrüchen im sächsischen Chemnitz stand letztlich nicht im Weg. Die AfD kann weiter ungehindert als parlamentarischer Arm und Versorgerin gewaltbereiter Neonazis dienen – dank des Wahlerfolgs mit noch mehr Ressourcen ausgestattet.
Die Ursachen für den ungebrochenen Aufstieg der AfD sind allerdings nicht allein mit der rassistischen Radikalisierung und Mobilisierung zu erklären, die sich seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in der gesamtdeutschen Bevölkerung und besonders in den ostdeutschen Bundesländern Bahn brechen. Denn der Osten wählt vor allem dort braun, wo die Transformation der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Automatisierung und Klimabewusstsein am tiefgreifendsten zu Veränderungen führen wird: in den Braunkohlegebieten und auf dem Land. In den Regionen also, die die bis heute spürbaren ökonomischen und sozialen Folgen des Mauerfalls mit voller Wucht trafen und die dennoch drei Jahrzehnte lang aufgrund wahltaktischer Leuchtturmpolitik für die Städte vernachlässigt wurden. In den Regionen, wo Abwarten und Verantwortungsabgabe an die Bundespolitik mit politischem Handeln gleichgesetzt wurden. In denen sich selten politische Vertreter_innen haben blicken lassen seit der Wende, wo Bürger_innen keine Ansprechpartner_innen für ihre Themen vorfanden, wo sich Parteien zu lange auf ihre Stammwählerschaft verließen – die immer älter wird (und stirbt) oder inzwischen zur AfD gewechselt ist.
Als linke_r Ossi macht es wütend, wenn der Wahlkampf mit Themen wie Infrastruktur, Arbeit, Mobilität und Klima bestritten wird, als wären diese nicht schon seit der Wende hochrelevant, als hätten die Parteien die letzten dreißig Jahre in der Opposition verbracht. Der Strukturwandel, der nun „ganz dringend“ passieren muss, wurde zu keinem Zeitpunkt und von keiner demokratischen Partei mit Regierungsverantwortung tatsächlich und spürbar vorangetrieben. Die müssen sich von der AfD jetzt in Dreierbündnisse drängen lassen, die weder sie noch die Wähler_innen wollten – mit einer starken rechtsextremen Partei als Oppositionsführerin. Auf kommunaler Ebene wird sich die Zusammenarbeit enttäuschter CDU-Politiker_innen mit eifrigen, zum Teil sehr weit in die Zivilgesellschaft vernetzten und organisierten AfDlern fortsetzen und intensivieren.
Und während eine der „Gegenstrategien“ noch immer heißt, rechten Rhetoriken und Politiken auf den Leim zu gehen, um die an die AfD verloren gegangenen Wähler_innen wieder ins eigene Lager zu holen, wäre längst eine kritische Auseinandersetzung mit der Tatsache fällig, dass man offenbar jahrzehntelang Rassist_innen und Nazis politisch bedienen konnte. Z. B. durch konsequente Leugnung von Rassismus als gesamtgesellschaftlichem Problem seit den Pogromen der frühen 1990er-Jahre oder durch Unterfinanzierung und Kriminalisierung linker Initiativen, vor allem im Jugendbereich. Die Früchte dieser nach rechts offenen Haltung, die Antifaschismus delegitimiert und Rassismus in berechtigte Sorgen und Ängste umdeutet, erntet die AfD nun auch bei jungen Ossis unter dreißig: Sie wählen anders als im Rest der Republik lieber rechts statt links(-liberal). Jugend ist Zukunft, heißt es so oft. Mit dem nächsten Umwälzungsprozess vor der ostdeutschen Haustür ist die vorerst so braun wie die Kohle in der Lausitz.

 

Nadine Lantzsch ist 1985 in Hoyerswerda geboren und aufgewachsen, hat in der westsächsischen Provinz studiert und lebt in der vergleichsweise linken Enklave Berlin. Sie schreibt und podcastet für das feministische Gemeinschaftsblog maedchenmannschaft.net.

 

 

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satira: Fuck You, Peter? https://ansch.4lima.de/satira-fuck-you-peter/ https://ansch.4lima.de/satira-fuck-you-peter/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:02:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=13643 Illustration: Sabrina WegererI had heard of all these men, mostly middle-aged white men, who hate on Greta Thunberg, but I never thought it was as bad as it turned out to be when I made the huge mistake of diving into a Google orgy by typing in „fuck you Greta bumper stickers“ (a Facebook „friend“ proudly posted […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

I had heard of all these men, mostly middle-aged white men, who hate on Greta Thunberg, but I never thought it was as bad as it turned out to be when I made the huge mistake of diving into a Google orgy by typing in „fuck you Greta bumper stickers“ (a Facebook „friend“ proudly posted a picture of his car carrying that sticker, he‘s deleted it now, and I hope his car dies!) and „white middle aged men hating Greta Thunberg“. Jesus Christ! High-profiled, grown up men; politicians, millionaires, CEOs; most of them fathers, all of them using social media to bully and puke hatred towards a 16-year-old girl. Adult men twittering about how they wish she would drown in the Atlantic, calling her a freak, a psycho and making jokes online about badly hidden rape fantasies. And when journalists write articles about the horrendous phenomenon of all these middle-aged white men and their hate obsession, they get attacked and accused of misandry in the comment section, where furious middle-aged white men fail to say a word about the horrifying verbal abuse that Greta is facing, but instead cry rivers because they are the real victims here, victims of evil attacks on poor innocent men, victims of generalisation. How is this real??? That made me wonder if it would look like this if Greta were an eloquent, calm 16-year-old boy with a similarly proper hair cut by the name of Peter. Would they hate as loudly? Would they hate at all? And then I took it a step further and tried to imagine hoards of middle-aged white women hating on Peter, screaming „Peter, you fucking freak!“ to a child, picking up their kids from school in SUVs with „fuck you Peter“-bumper stickers on them.
Can you see it? Can you visualise this in your wildest imagination? No? Yeah … neither can I!

 

Denice is of the opinion that middle-aged white men hate being called that because they think that they are just simply the „people“. Nothing makes them madder than being labelled. So let‘s label them. A lot!

 

 

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heimspiel: Mission: Alltag https://ansch.4lima.de/heimspiel-mission-alltag/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-mission-alltag/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:01:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=13641 Illustration: Sabrina Wegererleben mit kindern   Beim Anschauen des neusten „Mission Impossible“ mit dem attraktiv ergrauten Scientology-Blödel Tom Cruise müssen wir unterbrechen, weil das Baby weint. Nachdem die Windel gewechselt, der Schnuller gefunden und das Liedchen gesummt ist, kommt mir der Gedanke, ob der nächste Teil der Actionreihe Cruise nicht als Papa zeigen könnte, der all seine […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

 

Beim Anschauen des neusten „Mission Impossible“ mit dem attraktiv ergrauten Scientology-Blödel Tom Cruise müssen wir unterbrechen, weil das Baby weint. Nachdem die Windel gewechselt, der Schnuller gefunden und das Liedchen gesummt ist, kommt mir der Gedanke, ob der nächste Teil der Actionreihe Cruise nicht als Papa zeigen könnte, der all seine Abenteuer mit Säugling im Schlepptau bestehen muss. Aus dem brennenden Helikopter stürzen mit Kind vorm Bauch! Felswände hoch freeclimben, während das Kleine oben schon droht, über den Rand zu plumpsen, und dabei brüllen „bleib da! Bleib da!“. Im Casino mit der Giftblondine vom Konkurrenzverein anbandeln, und gerade, als er etwas irrsinnig Attraktives und Draufgängerisches sagt und sein lausbübisches Tom-Cruise-Lächeln bringt, da kotzt ihm das Balg auf die Abendgarderobe.
So lustig die Vorstellung auch ist, es steht zu befürchten, dass dieser Film von high-fivenden Jungs-Banden zwischen dreißig und fünfundvierzig großflächig abgefeiert werden würde. Er wäre kaum subversiv, sondern würde bedienen, was ohnehin die gängige Erzählung übers Vatersein ist. Babyzeit ist Männerzeit, wenn es irgendwie cool, raubeinig und unterhaltsam zugeht. Der Papa bereitet nicht erst umständlich die Windeltasche vor! Da geht es improvisiert raus in die Wildnis oder es wird kreativ was vollgemalt, gedrechselt oder geschweißt. Wenn die Mama nach Hause kommt und genervt guckt, lachen Papa und Kind so Tom-Cruise-mäßig: Männer sind halt auch nur große Kinder. Sorry, dass du jetzt aufräumen musst.
Abgesehen davon, dass die Rollenverteilung zwischen Spielepapa und Nörgelmama megaätzend für beide Parteien ist, sieht die Realität mit Baby sowieso anders aus. Zeit mit Kleinkindern kann berührend, lustig und lehrreich sein, aber oft genug auch öde, nervtötend oder überfordernd. Cool wären Geschichten darüber, wie Mamas, Papas, Kinder und ganze international operierende Netzwerke das gemeinsam auf die Reihe kriegen.

 

Jasper Nicolaisen ist nicht so attraktiv ergraut wie Tom Cruise, dafür aber auch nicht bei Scientology.

 

 

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an.lesen: 68 von rechts https://ansch.4lima.de/an-lesen-68-von-rechts/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-68-von-rechts/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:00:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=13639 Cornelia Koppetsch © Jan-Christoph HartungDie Soziologin CORNELIA KOPPETSCH hat ein viel beachtetes Buch über den Aufstieg des Rechtspopulismus geschrieben. Eine umfassende wie schmerzhafte Analyse, die linksliberalen Verstrickungen auf den Grund geht. Von BRIGITTE THEIßL   Wie konnten reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens, der Aufklärung und des Fortschritts glaubte? Die […]]]> Cornelia Koppetsch © Jan-Christoph Hartung

Die Soziologin CORNELIA KOPPETSCH hat ein viel beachtetes Buch über den Aufstieg des Rechtspopulismus geschrieben. Eine umfassende wie schmerzhafte Analyse, die linksliberalen Verstrickungen auf den Grund geht. Von BRIGITTE THEIßL

 

Wie konnten reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens, der Aufklärung und des Fortschritts glaubte? Die Frage, die Cornelia Koppetsch ihrem Buch voranstellt, trieb in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Autor*innen um, die geradezu ein Genre des Rechtsrucks-Erklärens kreierten. Kaum verwunderlich: Der Durchmarsch rechtspopulistischer HetzerInnen, die Erosion des Vertrauens in wissenschaftliche Expertise und journalistische Autoritäten sowie die Etablierung einer rechten Gegenkultur fungierte als Schlag in die Magengrube linker und liberaler Kräfte, die progressive Entwicklung lange Zeit als lineare Fortschrittserzählung imaginierten.

Protest von oben. Rechtspopulismus begreift Koppetsch nicht als „kurzfristige Gefühlsaufwallung“, sondern als einen Mentalitäts- und Strukturwandel, der gesamtgesellschaftlich zu sehen ist und Staaten wie Deutschland langfristig verändern wird. Nicht auf singuläre Ereignisse wie die Grenzöffnung Angela Merkels im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 sei er zurückzuführen, vielmehr habe sich die „Konterrevolution“ gegen die Folgen der weitreichenden Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse über Jahrzehnte hinweg angebahnt. Als emotionaler Reflex auf einen Epochenbruch nach dem Mauerfall, der mit Deklassierungen in ganz unterschiedlichen Milieus einherging, positioniere sich die weiter aufstrebende Rechts-Bewegung gegen die Moderne insgesamt, gegen einen kosmopolitischen Gesellschaftsentwurf, der ausgehend von 1968 eine kulturelle Hegemonie erlangen konnte. Das erkläre auch, warum sich unter AfD-WählerInnen und Pegida-DemonstrantInnen nicht mehrheitlich ökonomisch Abgehängte, sondern auch Konservative aus den Mittel- und Oberschichten finden. Es seien alle jene aus (relativ) privilegierten Gruppen, die eine Entwertung ihrer Vorrechte erleben oder befürchten: der Facharbeiter, dessen Arbeitsplatz in den globalen Süden gewandert ist, die mittelständische Unternehmerin in der Peripherie und der weiße bürgerliche Intellektuelle, der sein Selbstverständnis erstmals infrage gestellt sieht. Im Gegensatz zur linken Revolte gegen Ausbeutungsverhältnisse und Benachteiligung sei der rechte Protest also einer von oben, der im Rechtspopulismus eine sinnstiftende Erzählung gefunden habe.

Bobo-Politik. Koppetsch‘ Interesse gilt vorrangig dem (links-)liberalen Milieu, den KosmopolitInnen, die ihre Privilegien verschleiern und zutiefst verstrickt seien in die Dynamik des autoritären Wandels. Im Grunde keine neue Analyse: Das Bild der liberalen Akademikerin, die sich als weltoffen und egalitär begreift und zugleich ihre Kinder im sozial geschlossenen Stadtviertel auf die exklusive Privatschule schickt, ist beinahe schon zum Klischee geronnen. Doch auch wenn Koppetsch den Begriff der kosmopolitischen – flexiblen, mobilen, leistungsbereiten – Elite sehr unscharf fasst und deren Vormachtstellung in den gesellschaftlichen Institutionen überschätzt oder bewusst zuspitzt, so liefert die Soziologin mit ihrer hartnäckigen wie nüchternen Analyse der neoliberalen Komplizenschaft sowie der Verleugnung des eigenen Anteils an kolonial-rassistischen Strukturen einen wichtigen Denkanstoß. Was einerseits als Zerrbild rechter Kampfrhetorik fungiert, ist andererseits nicht einfach von der Hand zu weisen: Dass Frauen im Westen emanzipatorische Errungenschaften zu einem ökonomischen Aufstieg nutzten, der mit der Auslagerung von Dienstleistungen an einen Niedriglohnsektor bzw. in Länder des globalen Südens einherging, wird von Feministinnen zwar theoretisch reflektiert, blieb innerfeministisch bisher jedoch weitgehend ohne politische Folgen.
Konsequent verweigert sich Koppetsch moralischen Kategorien, einer Einteilung in Gut und Böse, die politische Auseinandersetzung verunmögliche. Politische Wahrheiten seien stets an soziale Standpunkte gebunden, betont Koppetsch nachdrücklich, Linksliberale könnten dem Rechtspopulismus dementsprechend nicht mit „Aufklärung“ begegnen. Gegen das „hochwirksame Gift“, das Rechtsparteien in die Gesellschaft geschleust hätten, wirke vielmehr nur eines: eine Re-Politisierung, die der Neoliberalismus allzu lange verhindert habe.

 

Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter
transcript 2019, 19,99 Euro

 

 

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Krüppel-Porno https://ansch.4lima.de/krueppel-porno/ https://ansch.4lima.de/krueppel-porno/#respond Fri, 11 Oct 2019 10:59:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=13637 Loree Erickson © Hannah Zoe Davidson 2019Porno und Menschen im Rollstuhl – das geht nicht zusammen? Pornomacherin und Queer-Dis_ability-Aktivistin LOREE ERICKSON beweist das Gegenteil. KATHARINA PAYK hat mit ihr über Crip Porn gesprochen.   Dieses Jahr feiert der feministische Pornografiepreis PorYes sein zehnjähriges Jubiläum. Von 17.-21. Oktober werden wieder die besten queeren und feministischen Luststreifen in Berlin prämiert. Nominiert ist in […]]]> Loree Erickson © Hannah Zoe Davidson 2019

Porno und Menschen im Rollstuhl – das geht nicht zusammen? Pornomacherin und Queer-Dis_ability-Aktivistin LOREE ERICKSON beweist das Gegenteil. KATHARINA PAYK hat mit ihr über Crip Porn gesprochen.

 

Dieses Jahr feiert der feministische Pornografiepreis PorYes sein zehnjähriges Jubiläum. Von 17.-21. Oktober werden wieder die besten queeren und feministischen Luststreifen in Berlin prämiert. Nominiert ist in diesem Jahr auch die kanadische Pornoproduzentin und Wissenschaftlerin Loree Erickson. Ihre Arbeit sprengt klassische Vorstellungen von Pornografie – selbst von feministischer. Denn sie macht Crip Porn, „Krüppel Porn“ (crip = „Krüppel“, eine selbstermächtigende Aneignung der Be_hindertenbewegung eines eigentlich abwertenden Begriffs für Menschen mit Be_hinderungen). In ihrem Film „Want“ zeigt sie zum einen Alltagssituationen wie Einkaufen – die Barrieren, die ihr als Rollifahrerin in den Weg gestellt werden. Zum anderen sieht man Erickson mit ihrem freiwilligen Pflegekollektiv, das sie sich selbst aus ihrer Community organisiert. Die Sexszenen, die in einem Hotel gedreht wurden, vermischen sich schließlich mit Alltags-Badezimmerszenen: Ein Haltegriff wird zum Symbol für Begehren und Sex.

an.schläge: Was ist Crip Porn? Und ist Crip Porn immer auch queer und feministisch?

Loree Erickson: Ich mache queer Crip Porn. Meine Arbeit, meine Filme verkörpern Crip-Theorie bzw. queere Theorie und Politik. Beide stellen normative Vorstellungen von Verkörperung und die gesellschaftliche Organisation überhaupt infrage: Wer gehört dazu und wer ist ausgeschlossen, wer gilt als normal geschaffen und wer nicht?
Sowohl queer als auch crip betrachten Identität als etwas Fließendes und als etwas Politisches. Beide versuchen, vorherrschende Bilder und Ideologien über Körper und Begehren zu unterwandern. Es geht darum, unsere Vorstellungen von dem, was begehrenswert ist und was nicht, zu durchbrechen, unsere Ideen von Sex und unsere Praktiken rund um Sexualität zu öffnen und zu erweitern; und all diese Dinge sind grundsätzlich feministisch.
Ich kenne einige Beispiele von Crip Porn, die nicht unbedingt queer sind. Sie stellen vielleicht auch gängige Sexualitäts- und Körperkonzepte infrage, aber sie berücksichtigen nicht unbedingt Queerness oder reflektieren über die Art, wie Heteronormativität funktioniert.
Die Begriffe Dis_ability (Be_hinderung) und Crip („Krüppel“) sind mit ähnlichen, aber nicht denselben Identitätspolitiken verknüpft: Für mich ist crip ähnlich wie queer, sie eignen sich beide die Begriffe an (die einst Beschimpfungen waren, Anm. d. Red.), sie sind radikal, sie sind in jedem Fall politisch.

In deinem Porn-Film „Want“ von 2006 sagst du an einer Stelle passend: „I want it all.“ Was genau ist das, „alles“?

Gute Frage! Es meint nicht, dass ich mein Stück vom Kuchen will oder sogar den ganzen Kuchen, sondern was ich wirklich will, ist eine radikale gesellschaftliche Veränderung und dass Leute damit aufhören, Körper als entweder begehrenswert oder nicht begehrenswert zu markieren. Die gesellschaftliche Organisation muss sich so ändern, dass alle Menschen gerecht – nicht nur fair – behandelt werden. Ich will all die Liebe, den konsensuellen, lustvollen Sex, den ich mir vorstelle, ich will Verbindung, Intimität, Gemeinschaft. Ich will eine radikale gesellschaftliche Veränderung.

In „Want“ wird viel gelacht. Ist Lachen wichtig beim Sex? Und beim Umgang mit Assistenz? Angesichts der vielen Barrieren im Alltag vergeht einem*r vermutlich manchmal das Lachen?

Besonders die Pflege-Szenen habe ich mit so viel Lachen gefüllt, um mich gegen das Urteil und Stigma zu wehren, das dem Körper, der andere braucht, die beim Aufs-Klo-Gehen oder Aus-dem-Bett-Steigen helfen, anhaftet. Nämlich dass Pflege und auf die Hilfe anderer – auch auf jemanden, der einem*r den Hintern abwischt – angewiesen zu sein, das Tragischste in der Welt und eine Bürde seien. Ich denke, dass alle Körper „abhängige“ Körper sind, denn wir brauchen alle einander, um uns in dieser Welt zu bewegen. Aber es gibt die Körper, die als abhängig und bedürftig markiert sind – und durch diese Stigmatisierung wird Menschen mit Be_hinderungen die Sexualität abgesprochen. Im Film werden daher auch Orte der Scham zu Orten des Widerstands.
Ich habe durch meine eigenen Bedürfnisse (ins Bett gehen, aus dem Bett aufstehen, mit Leuten abhängen, mit Leuten im Badezimmer sein, während sie mir helfen, meine funkelnden Dinge dort zu erledigen) so viel Wissen darüber, wie man in dieser Welt anders lebt. Ich habe viel über Körper gelernt, viel über Gemeinschaftsbildung, viel über geteilte Verwundbarkeit in diesen Momenten, und es sind weniger Orte der Scham oder der Stigmatisierung in meinem Leben, sondern mächtige Orte der Verbindung und der Gemeinschaft. Das Lachen im Film soll zeigen, dass diese Alltagsszenen zum wunderbaren Teil meines Lebens dazugehören. Aber ja, das Lachen kann einem auch vergehen, ich habe z. B. auch gewalttätige Pflege erlebt. Pflege, die unterdrückend ist, oder Pflege, die homophob ist, die behindernd ist. Für mich ist es wichtig, mich als sexuelles Wesen, als queeres sexuelles Wesen auszudrücken, daher war es für mich wichtig, die Pflege anders zu gestalten, sodass sie es mir erlaubt, so zu sein, wie ich bin.
Es geht auch um Intimität, nicht unbedingt sexuell. Es geht um Körper, die sich verbinden, es geht um gemeinsame Verletzlichkeit.
Das Lachen während des Sex setzte ich ein, um diese illusorische Idee darüber herauszufordern, wie Sex aussieht. Ich wollte zeigen, dass wir manchmal furzen oder fallen oder manchmal lustige Dinge während des Sex passieren, aber sie ruinieren ihn nicht. Sie nehmen nichts von der Freude und dem Vergnügen dieses Moments weg. Im Gegenteil kann es bereichernd sein, wenn man keine Angst vor Körpern hat und nach verschiedenen Arten von Verbindungen sucht.

Loree Erickson © Hannah Zoe Davidson 2019
Loree Erickson © Hannah Zoe Davidson 2019

Du sagst auch: „Ich will nicht nur als guter Freund, sondern auch als guter Fick anerkannt werden.“ Menschen mit Be_hinderungen werden oft als nicht begehrenswert angesehen. Was kann diese Ignoranz ändern – queer Crip Porn und was sonst noch?

Wenn wir in unserer Arbeit die komplexe Persönlichkeit von be_hinderten Menschen und allen marginalisierten Menschen vollständig einbeziehen, konzentrieren wir uns mehr auf die Bedürfnisse, Perspektiven und Wünsche von marginalisierten Menschen. Wir müssen queer Crip Pornos machen und kulturelle Darstellungen, die unsere komplexe Persönlichkeit verkörpern, weiterbringen. Aber wir brauchen auch aktivistische Bewegungen, die für systemischen Wandel arbeiten, auf jedem Level. Diese Bewegungen müssen nicht nur intersektional operieren, sondern auch im Rahmen der Solidarität, um anzuerkennen, wie unsere Kämpfe miteinander verbunden sind, und um die am stärksten Betroffenen zu stärken. So sollten wir uns in unserer Arbeit z. B. immer gegen die Feindlichkeit gegenüber Sexarbeiter_innen positionieren.

Loree Erickson ist promovierte Wissenschaftlerin, Aktivistin und macht queer-feministische Pornos.

 

10 Jahre PorYes Award: 17.-21.10., Berlin, verschiedene Orte, www.poryes.de

 

 

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Tatort Kreißsaal https://ansch.4lima.de/tatort-kreisssaal/ https://ansch.4lima.de/tatort-kreisssaal/#comments Fri, 11 Oct 2019 10:58:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=13634 Illustration: Johanna EislDie Geburt ist ein schmerzhafter Vorgang. Trotzdem ist es nicht in Ordnung, Gebärenden zusätzliche Schmerzen zu verursachen. Gewalt während der Geburt ist ein riesengroßes Tabu, Konsequenzen bleiben aus. Von GABI HORAK   Schwangere empfinden es ja schon fast als normal, dass während der Untersuchung die Ärzt*innen ohne zu fragen ihre Hände in den Muttermund schieben. […]]]> Illustration: Johanna Eisl

Die Geburt ist ein schmerzhafter Vorgang. Trotzdem ist es nicht in Ordnung, Gebärenden zusätzliche Schmerzen zu verursachen. Gewalt während der Geburt ist ein riesengroßes Tabu, Konsequenzen bleiben aus. Von GABI HORAK

 

Schwangere empfinden es ja schon fast als normal, dass während der Untersuchung die Ärzt*innen ohne zu fragen ihre Hände in den Muttermund schieben. Und wenn sie schon drinnen sind, wird gleich ein bisschen gedehnt. Nicht, weil es ein Notfall wäre, es um Leben und Tod geht. Es beschleunigt das Ganze nur ein bisschen. Und es tut furchtbar weh. Dasselbe gilt für den Dammschnitt. Oft ohne Vorwarnung und erst Recht ohne Erlaubnis wird während der Presswehen mit einer Schere in die Genitalien geschnitten.
Eingriffe am Körper der Patient*innen ohne Vorbesprechung, ausdrückliche Erlaubnis oder Vorliegen eines Notfalls wären in anderen medizinischen Bereichen undenkbar. In der Geburtshilfe wird es nicht einmal problematisiert.

Gewalt in der Geburt ist frauenfeindliche Gewalt. „Sie verletzt die Menschenrechte der Gebärenden“, macht Christina Mundlos klar. Sie hat sich für ihr 2015 erschienenes Buch „Gewalt unter der Geburt“ sehr genau mit dem Thema beschäftigt und damit auch für einiges an Aufsehen im deutschsprachigen Raum gesorgt. „Keine Demokratie kann es sich leisten, massenhaft systematische, psychische und körperliche Gewalt zu dulden oder zu ignorieren“, schreibt sie. Doch genau das passiert. Gewalt im Kreißsaal ist „eins der letzten großen Tabus. Die Öffentlichkeit ist nicht darüber informiert, dass es diese Gewalt gibt, dass sie massenweise vorkommt und dass sie in den wenigsten Fällen geahndet wird.“
Die WHO schätzt, dass bei bis zu der Hälfte aller Geburten gewaltsame Übergriffe stattfinden. Und zahllose Expertinnen – Hebammen, Therapeutinnen, Ausbildnerinnen sowie Betroffene selbst – zeichnen dasselbe Bild: Übergriffe im Kreißsaal sind keine Ausnahme, sondern systemimmanent. „Wahrscheinlich hat jede Hebamme im Krankenhaus schon einmal Gewalt an einer Gebärenden miterlebt“, schreibt Hebamme Eva Schranz Anfang des Jahres in der „Österreichischen Hebammenzeitung“. „Gewalt aus Gedankenlosigkeit – anders kann ich das nicht nennen, gepaart mit Abgestumpftheit.“
Eine andere Hebamme, Tara Franke, wird in Mundlos’ Buch zitiert: „Es ist nicht üblich, die Frau vor jeglicher Untersuchung um Erlaubnis zu bitten und ein Nein zu akzeptieren. Frauen und Paare, die vom vorgesehenen Prozedere abweichen möchten, werden eher als Störfaktoren wahrgenommen.“
Ein Hauptgrund für die Gewalt, auch darin sind sich Expertinnen einig, ist die Unterfinanzierung der Geburtshilfe, der Mangel an Hebammen und die stressige Arbeitsplatzsituation. Und das sei wiederum Resultat einer „frauenfeindlichen Gesundheitspolitik“, so Mundlos. Hebammen betreuen in Spitälern mitunter bis zu sechs Geburten gleichzeitig, Ärzt*innen haben wenig Zeit. „Wenn Menschen unter Druck stehen, neigen sie eher dazu, übergriffig zu werden.“ Das ist „Arbeiten wie am Fließband“, schreibt Hebamme Eva Schranz und teilt den Befund auch für Österreich.

Endlich darüber reden. Das Tabu funktioniert auch deshalb so gut, weil die Betroffenen nicht darüber reden (können). „Mütter, die Gewalt unter der Geburt erlebt haben, schweigen fast immer vor allem aus einem Grund: aus Scham“, schreibt Christina Mundlos. Es sei dieselbe Scham, die alle Gewaltopfer verspüren. „Bei Gebärdenden kommt noch hinzu, dass ihnen oft mit Unverständnis begegnet wird, wenn sie auch nur andeuten, dass ihre Geburtserfahrung kein erfüllendes Erlebnis war.“
Doch immer mehr Menschen brechen das Schweigen. Seit 2011 gibt es den „Roses Revolution Day“, der seit 2013 auch in Deutschland am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, begangen wird. An diesem Tag legen Frauen rosafarbene Rosen vor die Kreißsaaltür, hinter der ihnen Gewalt widerfahren ist. Meist still und anonym, manchmal mit Briefen, die das Erlebte schildern. In Sozialen Netzwerken werden die Erfahrungsberichte ebenfalls geteilt.
Die „Roses Revolution Austria“ ist seit Ende 2014 aktiv. Nina Piribauer ist eine von sechs Frauen, die versucht, die Vernetzung über Soziale Medien voranzutreiben. „Viele Frauen erkennen die Gewalt oft selbst nicht oder erst Jahre später“, sagt sie im an.schläge-Interview. „Wir werden von der Gesellschaft so geprägt, dass Geburt nun mal so ist, dass Übergriffe normal sind.“ Welche Möglichkeiten bleiben Betroffenen? Zunächst können sie vom Krankenhaus den Geburtsbericht anfordern, der dreißig Jahre lang aufgehoben werden muss. „Aber darin stehen oft falsche Dinge, oder es fehlt einiges“, sagt Piribauer. Nachdem das aber das einzige schriftliche Dokument ist, wird es mit der Beweisführung im Falle einer Klage schwierig. „Es ist trotzdem gut zu klagen, denn so wird es Thema und die Kliniken merken, dass nicht alles durchgeht.“ Das Tabu wankt und in Zukunft werde es mehr Klagen geben, ist sie überzeugt.
Sylvia Sedlak, Geschäftsführerin der Geburtsallianz Österreich, sieht das ähnlich: „Das Thema kommt an die Oberfläche.“ Derzeit melden sich jedes Monat betroffene Frauen, die sich beraten lassen wollen. „Früher hatten wir nie solche Anrufe.“ Das liegt auch daran, dass die Geburtsallianz selbst Flyer produziert hat und das Thema offensiv in die Öffentlichkeit bringt. Einige der betroffenen Frauen würden Beschwerdebriefe an die Spitäler schreiben, oft ohne Antwort und wenn, „sind es meist Reaktionen wie: Seien Sie froh, Sie haben ein gesundes Kind“. Auf Nachfrage bei der „Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft“ ließ diese ausrichten, dass „keine derartigen Fälle aufliegen“. Werden Täter*innen zur Rechenschaft gezogen? „Überhaupt nicht!“, sagt Sylvia Sedlak. „Das fällt alles unter medizinisch notwendig. Es gibt kaum Reflexion oder Änderung des Verhaltens.“ Für politisches Lobbying fehlen der NGO die Ressourcen. „Wir haben es einmal probiert, aber es hat sich niemand dafür interessiert.“

Strategien gegen die Gewalt. Sie wurde bewusstlos vor Schmerzen. Nach der Geburt war die Plazenta nicht von selber abgegangen, deshalb machte die Ärztin eine Ausschabung – ohne Betäubung. „Sie dachten, die PDA wirkt eh noch.“ Für Andrea Surek war die Geburt ihres ersten Kindes ein traumatisches Erlebnis. Schon vor der Kürettage ohne Narkose erlebte sie die diensthabende Ärztin als übergriffig und gewaltsam. Andrea Surek hat ihr Trauma überwunden, sich sogar für ein zweites Kind entschieden. Und noch mehr: Sie möchte etwas ändern. Zum einen organisiert sie monatliche Treffen für Betroffene in Wien.
Zum anderen hat Surek eine Ausbildung zur Doula gemacht. Das Konzept der Geburtsbegleiterin ist in Österreich noch eher unbekannt. Die Hoffnung: Wenn Frauen eine Doula dabei haben, dann können auch seltener gewalttätige Übergriffe passieren. „Die Doula kennt die Wünsche der Frau und kann sie in ihren Interessen unterstützen, auch in Situationen, wo die Gebärende und die Begleitperson überfordert sind.“ Auch die Hebamme Eva Schranz hat Strategien entwickelt, um Frauen vor Gewalt zu schützen. Die meisten Frauen gebären unter ihrer Betreuung am Boden und nicht im Bett liegend. Ärzt*innen hätten ihrer Erfahrung nach „viel mehr den Drang sich einzumischen, wenn die Gebärende direkt vor ihnen auf dem Bett liegt und sie freie Sicht auf das Geschehen haben“.
Die Ausbildung des medizinischen Personals ist für die Lehrhebamme Renate Mitterhuber ein wesentlicher Angelpunkt im Kampf gegen Gewalt in der Geburt. Sie selbst bietet seit 15 Jahren Fortbildungen für Hebammen, Krankenpflegepersonal und Ärzt*innen an. Tatsächlich sitzen selten Ärzt*innen in ihren Kursen. Sie würden das Thema teilweise verleugnen, „das gibt es bei uns nicht“. Deshalb ist für Mitterhuber eine weitere Maßnahme unerlässlich: systematische Evaluierung. Jede Gebärende sollte die Möglichkeit haben, Feedback zu geben. Das müsse dann aber auch ernst genommen werden. „Ich wünsche mir, dass Spitäler mehr reflektieren.“
Dass Gewalt in der Geburt mehr und mehr in der Öffentlichkeit ankommt, sei gut, „aber solange sich in den Institutionen nichts bewegt, wird sich auch nichts ändern“. Die Einstellung „Hauptsache ein gesundes Kind“ sei ihr als Hebamme viel zu wenig. „Frauen sollten gestärkt aus einem Geburtserlebnis gehen und nicht geschwächt und erniedrigt.“

 

www.geburtsallianz.at
www.gerechtegeburt.de
Roses Revolution Austria: www.facebook.com/roses.austrai (sic!)

 

 

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Skepsis und Ablehnung gegenüber der Staatsgewalt können viele Gründe haben: Repression, Traumata, das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Aber können Gewalttaten mit alternativen Methoden bearbeitet und „geklärt“ werden? Von NICOLE SCHÖNDORFER

 

Ohne Angst vor Konsequenzen den Polizeinotruf wählen zu können, ohne die Vor- und Nachteile abwägen zu müssen, eine Anzeige zu erstatten, ist ein Privileg. Wenn etwa gewaltbetroffene Frauen, Schwarze Personen und People of Color, queere Menschen, Sexarbeiter*innen, Menschen ohne Papiere/Aufenthaltsgenehmigung, Obdachlose oder organisierte Linke die Polizei rufen, bedeutet das nicht automatisch Hilfe, sondern oft Repression, Traumatisierung und Existenzbedrohung. Die Polizei als staatliche Institution verteidigt bestehende Herrschaftsverhältnisse und reproduziert damit Diskriminierung. Als „Freund und Helfer“ kann sie also nur für jene agieren, die das kapitalistische und patriarchale System bejahen und von ihm profitieren. Unterdrückte und Marginalisierte, die vom System ausgeschlossen werden oder sich offen dagegen positionieren, können nicht mit einer Selbstverständlichkeit auf die Gerechtigkeit durch Polizei und Justiz vertrauen.

Patriarchal geprägt. Das System staatlicher Institutionen ist ein männlich geprägtes und durchgesetztes. Es operiert nach den Machtinteressen seiner Akteur*innen und Kompliz*innen. Da kann noch so oft betont werden, dass vor dem Recht alle gleich sind. Ein Rechtsstaat existiert nicht im gesellschaftlichen Vakuum. Das zeigen etwa die Zahlen zu Fällen sexualisierter Gewalt sehr eindrücklich. Sexualdelikte werden in über neunzig Prozent der Fällen von Männern gegen Frauen begangen (nicht-binäre Geschlechter finden keine Erwähnung in der Kriminalstatistik).
Die Verurteilungsrate liegt bei zwanzig Prozent, wobei nur zwanzig Prozent der Vorfälle vor Gericht kommen und nur zehn Prozent der Übergriffe überhaupt angezeigt werden. Es gibt viele Gründe dafür, warum Betroffene nicht anzeigen. Weil sie Angst vor weiterer Gewalt oder vor nicht abschätzbaren Konsequenzen haben. Weil sie nicht wissen, wo sie Unterstützung bekommen. Weil eine ökonomische, emotionale oder psychische Abhängigkeit zur gewaltausübenden Person besteht.
Ein kleinerer Teil der oben erwähnten Dunkelziffer sind Gruppen, die staatliche Gewalt und Straflogik prinzipiell ablehnen und um Alternativen bemüht sind. So wird etwa das Konzept der Transformativen Gerechtigkeit als philosophische Strategie, um Gewalt in eigenen Räumen zu begegnen, erarbeitet und angeboten. Die zentrale Methode ist dabei die Community Accountability – die kollektive Verantwortungsübernahme in der Gruppe. Entstanden ist das Konzept in Communities von queeren Menschen of Color – von Menschen, die Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt sind und die Ungerechtigkeit des Systems kannten und hinterfragten. Der Staat soll also auch bei körperlicher und sexualisierter Gewalt nicht mehr eingreifen?

Linke Utopien. Kein Knast. Es klingt erst nach einer dystopischen Vorstellung, ist aber in Wahrheit eine linke Utopie mit einer Logik, die nicht nur in Nischen diskutiert wird. Wer antikapitalistische, antisexistische und antirassistische Herrschaftskritik übt, wird am Hinterfragen der neoliberalen Straf- und Haftlogik nicht vorbeikommen. Kritik an Gefängnissen als Institutionen gibt es schon lange – von Philosoph*innen, Jurist*innen, Aktivist*innen, Betroffenen. Wobei auch eine Studie des Deutschen Bundesministeriums für Justiz 2016 zu dem Schluss kam, dass Gefängnisstrafen nicht zur Resozialisierung beitragen und die Wiederbegehungsgefahr erhöhen. Wegsperren, Stigmatisierung und Ausschluss haben sich nicht bewährt. Aber was tun? Das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft macht sie nicht automatisch zu einer.
„ignite!“, ein Workshop-Kollektiv aus Deutschland, stellt sich genau dieser Frage. Chris, der*die eigentlich anders heißt, ist Teil davon und sagt gegenüber an.schläge: „Wir haben strafendes Denken so tief verinnerlicht, dass wir keine Fakten und Beweise brauchen, um an seine Richtigkeit zu glauben. Der Staat ist bereits eine gewaltausübende patriarchale Institution, die Konflikte von uns entfremdet, mit Strafe beantwortet und so verschärft. Wenn wir gegen Gewalt und für eine freiere Gesellschaft kämpfen wollen, ist sie keine Lösung, sondern Teil des Problems.“
„ignite!“ versteht Gewalt als sozial hervorgerufenes Verhalten, das Repertoire der Transformativen Gerechtigkeit als Werkzeug dagegen. So soll die von der Gewalt betroffene Person unmittelbar und langfristig ein sicheres Umfeld und Unterstützung bekommen, sowie der gewaltausübenden Person Möglichkeiten zur Reflexion und Verantwortungsübernahme abseits der Staatsgewalt geboten werden.

Täter*innen im Mittelpunkt? In der Theorie klingt das gut. In der Praxis müssen Vorfälle stets neu ausgehandelt werden. Im Mittelpunkt steht die Selbstbestimmung der betroffenen Person, alles muss in Absprache mit ihr passieren. „Sie darf nicht unter Druck gesetzt werden, ihre Bedürfnisse und Wünsche müssen klar im Fokus stehen. Wenn eine Zusammenarbeit mit Täter*innen nicht infrage kommt, dann muss das in Ordnung sein“, sagt Chris.

Konzepte mit Grenzen. Marie-Louise erlebte in einer toxischen Beziehung über viele Jahre sexualisierte Gewalt. In ihrem Freund*innenkreis, sagt sie, war es verpönter, die Polizei zu rufen, als sich übergriffig zu verhalten. Sie konnte das, was sie erlebt hat, lange nicht richtig einordnen. Sie war 19, Vergewaltigungen liefen in ihrem Kopf nach einem Muster ab, eine Verlustangststörung tat das Übrige. Ein antisexistisches Bündnis, dem sie nahestand, fing damals an, Community Accountability zu fordern. Sie nahm mit ihrem Ex-Freund an Diskussionen teil, stand aber argumentativ selbst auf der Täterseite. Als Betroffene sagt Marie-Louise über Transformative Gerechtigkeit und Community Accountability gegenüber an.schläge: „Ich weiß nicht, wie sinnvoll das bei sexualisierter Gewalt ist. Ich zumindest wollte im Nachhinein nichts mehr mit dem Täter*innen zu tun haben. Ich wüsste auch nicht, wie er etwas hätte wiedergutmachen können.“
Ihr ist wichtig, das Machtgefälle, das zwischen Betroffenen und Täter*innen bei sexualisierter Gewalt besteht, nicht zu vergessen: „Das verschwindet nicht einfach, wenn der Missbrauch physisch aufhört, und mit Macht kommt der Spielraum zur Manipulation. Abuser sind nicht selten extrovertierte Persönlichkeiten, die Beliebtheit genießen. Missbrauch schränkt auch häufig die Bereitschaft ein, jemandem zu vertrauen. Im Fall der Community Accountability muss aber Vertrauen gegenüber der gesamten Community bestehen.“

Opferschutz. Chris von „ignite!“ weiß, dass das Konzept Lücken hat und es immer wieder die Vorwürfe eines „Täter*innenschutzprogramms“ gibt, findet aber auch: „Konsequente antisexistische Gestaltung von Räumen und Beziehungen kann erlernten Mustern wie Täter*innenschutz bereits vor einem Übergriff das Wasser abgraben. Wir werden nur handlungsfähig gegen die Gewalt, wenn wir beginnen, uns als Gemeinschaften und Gesellschaft zu verändern. Wenn wir die Rückkopplung mit der betroffenen Person ehrlich verfolgen, verhindert dies eine fehlgeleitete Konzentration auf die Täter*innen.“ Das Konzept lehnt die Möglichkeit des Ausschlusses und des Outings von Täter*innen zudem nicht ab.
„Es ist mit Vorsicht zu genießen, wenn es um strukturell verstärkte Macht geht. Es muss noch viel in Richtung Opferschutz ausgearbeitet werden, damit ein verlässliches System entsteht, welches keine Schlupflöcher enthält“, sagt Marie-Louise.
Alternativen zur Straf- und Haftlogik des Staates müssen sich beständig weiterentwickeln, sie sind für einen gesellschaftlichen Wandel unabdingbar. Die Frage könnte am Ende lauten, ob der „klassische“ Weg von Betroffenen über eine Anzeige bei der Polizei anhand der Zahlen und des Risikos der Retraumatisierung und Schuldumkehr ein nachhaltiger ist. Solange die Verhältnisse in Institutionen sowie in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Machtungleichgewicht (re-)produzieren, gibt es keine wahre Lösung. Im Idealfall haben bei den Alternativen allerdings die Betroffenen die Fäden in der Hand. Vor Gericht sind sie nur Zeug*innen.

 

Nicole Schöndorfer ist Journalistin und Podcasterin in Wien.

 

 

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In Mississippi existiert nur noch eine Klinik, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Die „Pinkhouse Defenders“ schieben Wache, um Klientinnen vor Abtreibungsgegner*innen zu schützen. Von NORA NOLL

 

Es ist sieben Uhr morgens, der Himmel hängt tief über Jackson, Mississippi. Dort, wo die Fondren Plaza die North State Street kreuzt, sitzt ein alter Mann im Campingstuhl am Straßenrand. Stoisch blickt er vor sich hin, als würde er an einem See sitzen und Forellen fischen. Aber statt einer Angel hat er Plakate neben sich aufgestellt. „Let me pray for you“, steht auf dem einen, „Pray to end abortion“ auf dem anderen. Er wartet nicht auf Fische, er wartet auf Frauen. Frauen, die mit dem Auto die Fondren Plaza hochfahren, Richtung Pinkhouse. Dann steht der Mann auf und fragt durch das geschlossene Beifahrerfenster: „Darf ich für Sie beten?“
Dreißig Meter weiter steht Derenda Hancock und zieht an ihrer Zigarette. „Das ist nur der Good Doug“, sagt sie mit Blick auf den Mann im Campingstuhl. „Es gibt auch einen Bad Doug. Der Gute schreit wenigstens nicht rum.“ Sie lacht spöttisch und pustet Rauch in die feuchte, warme Luft.

Verteidigung. Derenda ist Mitbegründerin der Pinkhouse Defenders. Sie verteidigt die letzte Abtreibungsklinik Mississippis, dreimal die Woche, seit 6,5 Jahren. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Unterstützer*innen eskortiert sie Patientinnen vom Parkplatz in die pink gestrichene Klinik der Jackson Women‘s Health Organization, um sie vor Menschen wie Doug zu schützen.
Für den Kampf auf der Straße haben die Defenders ihre eigenen Waffen. Mit lauter Musik übertönen sie das aufdringliche „Gehsteig-Consulting“. Wenn eine Patientin die Straße aufwärts parkt und zur Klinik begleitet wird, dient ein großer Regenschirm als Sichtschutz vor den Antis. Die Antis, das sind die militanten Abtreibungsgegner*innen.
„Der Gute Doug“, „der mit dem Make-America-Great-Again-Hut“, „der Stimme-Gottes-Matt“ – im Laufe der Zeit haben sich die Defenders Spitznamen für ihre Belagerer ausgedacht. Man kennt sich. Normalerweise träten Klinik-Escorts nicht mit den Protestierenden direkt in Kontakt, sagt Derenda. „Aber es wurden zu viele. Also haben wir beschlossen, den Straßenrand zurückzuerobern.“ Seitdem gehen die Pinkhouse Defenders den Antis bewusst auf die Nerven. Sie rufen: „Haut ab!“, und machen Videos, die sie auf ihrer Facebook-Seite teilen. „Die weniger Fanatischen lassen sich davon abschrecken“, sagt Derenda.

Herzschlag-Politik. Die Plakathalter*innen und Straßenprediger*innen sind nur der sichtbarste Part von Mississippis breiter Anti-Abtreibungsfront. Die mächtigen Abtreibungsgegner*innen sitzen im Regierungsgebäude. Der jüngste politische Angriff liegt nur ein halbes Jahr zurück. Mit der sogenannten Heartbeat-Bill wollte der republikanische Gouverneur Phil Bryant Schwangerschaftsabbrüche verbieten, sobald herzschlagähnliche Vibrationen im Embryo vernehmbar sind. Ein Quasi-Totalverbot, da eine Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt, in der sechsten Woche, oft noch gar nicht bekannt ist.
Das Gesetz wurde verhindert, vorerst. Der Bundesgerichtshof Mississippis blockierte die Heartbeat-Bill am 24. Mai, kurz vor offi ziellem Inkrafttreten. Die Hürde, an der auch andere Illegalisierungsversuche in Missouri oder Kentucky bisher scheiterten: Roe vs. Wade. So lautet ein 1973 gefälltes Urteil des Supreme Court zu Schwangerschaftsabbrüchen. Seit diesem Urteil haben alle US-Bürger*innen das Recht, ihre Schwangerschaft abzubrechen, bevor der Fötus eigenständig lebensfähig ist. Ein Recht, das nur der Supreme Court wieder aufheben kann. Seit der Ernennung Brett Kavanaughs zum Verfassungsrichter liegt die Mehrheit im Gericht wieder bei den konservativen Republikaner*innen – für die Abtreibungsgegner*innen ein Grund zur Hoff nung. Falls Roe vs. Wade tatsächlich umgestoßen wird, tritt in Mississippi und sechs weiteren Bundesstaaten ein sogenanntes Trigger-Law in Kraft: ein sofortiges Abtreibungsverbot.
Mit TRAP-Laws werden schon jetzt Abtreibungen gesetzlich erschwert. Ein Beispiel: Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, müssen in Mississippi den Standards von Operationssälen entsprechen. „Diese Regelung ist unnötig“, sagt Alicia Brown-Williams, politische Beraterin der Non-Profi t-Einrichtung Planned Parenthood. „Der Abbruch erfolgt im medizinischen Sinne nicht operativ. Und für viele Kliniken sind solche Standards zu teuer.“ Die Auflagen zeigen ihre Wirkung: Gab es 1992 noch acht Kliniken in Mississippi, gibt es 17 Jahre später nur noch eine. Eine Klinik für knapp 1,5 Millionen Menschen mit Uterus, auf einer Fläche so groß wie Österreich und die Schweiz zusammen.
Danielle Busby ist sich nicht sicher, wie eine Abtreibung in Mississippi funktioniert, als sie vor zwei Jahren ungeplant schwanger wird. Die damals 22-Jährige weiß nur, dass sie kein Kind will, nicht jetzt. Sie sucht online nach Abtreibungskliniken und stößt auf die Hope Clinic in ihrem Wohnort Hattiesburg. Die Einrichtung wirbt mit kostenloser Beratung zu Schwangerschaftsabbrüchen. Danielle geht zu einem Beratungstermin. Dort wird sie zu Missbrauchserfahrungen und psychischen Problemen befragt. Auch bei einem zweiten Termin wird Danielles Anliegen, ihre Schwangerschaft zu beenden, nicht ernst genommen. Stattdessen will die Beraterin wissen, was denn der dazugehörige Mann davon halte. „Ab dem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass das keine seriöse Klinik sein kann“, erzählt Danielle. Die Hope Clinic äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.

Propaganda-Klinik. Die Anti-Abtreibungsberatung hat System. Die National Abortion Federation, Dachorganisation der Abtreibungsanbieter, klärt über die Strategie der sogenannten Crisis Pregnancy Centers (CPC) auf: Es würden ohne ärztliche Lizenz Professionalität vorgespiegelt, falsche Informationen gegeben und bewusst Zeit verzögert. Das deckt sich mit Danielles Erfahrung, die wegen der Termine in der Hope Clinic eine Woche verlor. Die Website www.crisispregnancycentermap.com listet CPCs in den USA auf. In Mississippi gibt es demnach 29, in den gesamten USA über 2500. Zum Vergleich: Knapp 750 medizinische Einrichtungen in den USA führen legal Abtreibungen durch.
Als Danielle Zweifel kommen, fragt sie bei Planned Parenthood nach und wird zur Jackson Women‘s Health Organization weitergeleitet. Die Fahrt von Hattiesburg zum Pinkhouse dauert für sie nur zwei Stunden, die Nacht zwischen dem obligatorischen Beratungstermin und der Pilleneinnahme 24 Stunden später kann sie bei ihrer Mutter verbringen. Trotzdem ist der Eingriff eine finanzielle Belastung: achthundert Dollar kostet der medikamentöse Abbruch, sie muss sich Geld leihen. Dazu kommt die psychische Belastung: „Ich war mir meiner Entscheidung sicher, aber diese Leute vor der Klinik, die mich bequatschen wollten, die Musik, die aufgeladene Stimmung, das war eine komplette Überforderung.“
Die Abtreibungsgegner*innen vor dem Pinkhouse zielen genau auf diese Überforderung ab. Gegen elf Uhr parkt ein Van vor dem Pinkhouse, zwei Erwachsene und zehn Kinder steigen aus. Derenda stöhnt auf: „Die Boyds!“ Die jüngeren Familienmitglieder stellen sich mit Plakaten zu den anderen Antis. Zwei Schwestern im Teenageralter tragen pinke Westen und halten heranfahrende Autos an. Fast immer wird das Beifahrerfenster heruntergekurbelt. „Die tun so, als ob sie von der Klinik wären, und drehen unseren Patientinnen ihre Flyer an“, sagt Derenda. Immerhin hätten sie noch nicht die neuen mehrfarbigen Westen gekapert. „Die haben wir extra anfertigen lassen, nachdem sie unsere pinken, grünen und blauen Westen nachgemacht haben.“
Um ein Uhr nachmittags schließt die Klinik. Die Patientinnen werden zurück zum Auto eskortiert, die Antis verschwinden, die Musikanlage spielt den letzten Song, „Missionary Man“ von den Eurythmics: „I was born an original sinner. I was born from original sin.“ Derenda und drei ihrer Defender-Kolleg*innen trinken eisgekühltes Wasser und unterhalten sich. Über die eigentlichen Probleme, die Mississippi hat: hohe Kindersterblichkeit, hohe Müttersterblichkeit, hohe Kinderarmut. Letzter Platz im US-weiten Gesundheits-Ranking. Über religiösen Fanatismus und Politik. „Wir leben in einer Theokratie“, sagt Derendas Kollegin Kim. Morgen werden sie wieder vor der Klinik stehen und die Antis in Empfang nehmen.

 

Nora Noll studiert in Berlin und schreibt als freie Journalistin Reportagen u. a. für die „taz“ und den „Freitag“.

 

 

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